Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980


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PRODUKTIVKRAFTENTWICKLUNG, AUTOMATION UND GESELLSCHAFTLICHE VERÄNDERUNG

Bemerkungen zur Polemik von Frigga Haug --------------------------------------- Lothar Peter Theoretische Probleme des Konzepts der "wissenschaftlich-techni- schen Revolution" - "Allmacht der Produktionsverhältnisse"? - Ge- gen eine einseitige Fassung des "Primats der Produktivkräfte" - Determinanten der gesellschaftlichen Arbeit - Aufgaben marxisti- scher Analyse Das IMSF hat mir freundlicherweise Gelegenheit gegeben, zur Re- plik von Frigga Haug auf meinen Beitrag im Jahrbuch 2/1979 1) Stellung zu nehmen. Es würde mir nicht schwerfallen, F. Haugs Po- lemik im gleichen Stil zu erwidern. Aber wer hätte schon etwas davon? Statt dessen will ich versuchen, an einigen Punkten aufzu- zeigen, worin der sachliche Gehalt der Kontroverse besteht. Meine Bemerkungen zum Begriff der wissenschaftlich-technischen Revolution bezogen sich hauptsächlich auf Probleme, wie sie zum Beispiel in der Diskussion zwischen Jürgen Kuczynski, Wolfgang Jonas und Rolf Sonnemann über die Periodisierung der kapitalisti- schen Produktivkraftgeschichte behandelt worden sind. 2) Der Periodisierungsversuch Kuczynskis, der zwischen nicht weniger als vier "Revolutionen der Produktivkräfte" in der Entwicklung des Kapitalismus unterscheidet, wirft unvermeidlich die Frage auf, wie sich die spezifisch revolutionäre Qualität von Produk- tivkraftveränderungen begründen läßt, wenn sich diese Veränderun- gen innerhalb eines Prozesses vollziehen, der seinerseits insge- samt durch eine "fortwährende Umwälzung der Produktion" (Marx) geprägt ist. Theoretische Probleme des Konzepts der -------------------------------------- "wissenschaftlich-technischen Revolution" ----------------------------------------- Des weiteren scheint es mir schwierig zu sein, die theoretische Erklärungsfunktion des Begriffs der wissenschaftlich-technischen Revolution für die Erkenntnis der Entwicklungsbedingungen bzw. Schranken der Produktivkräfte im Kapitalismus genau zu definie- ren. Durchbricht - um diese Schwierigkeit in zwei Fragen auszu- drücken - die Dynamik der gegenwärtigen, insbesondere von Automa- tion gekennzeichneten Produktivkraftbewegung notwendig die kapi- talistischen Produktionsverhältnisse? Oder ist die bestehende ka- pitalistische Produktionsweise selbst so entwicklungs- und adap- tionsfähig, daß sie zukünftig weitere wiederum als "revolutionär" zu bezeichnende Veränderungen der gesellschaftlichen Arbeit oder auch nur einzelner ihrer Momente hervorbringen kann? Mir scheint der Begriff des "kapitalistisch bestimmten wissenschaftlich-tech- nischen Fortschritts" den Möglichkeiten einer zukünftig sehr langwierigen und komplizierten Entwicklung des Widerspruchs zwi- schen den Produktivkräften und ihren kapitalistischen Aneignungs- formen besser Rechnung zu tragen als der Begriff der wissen- schaftlich-technischen Revolution, der, aus welchen Gründen im einzelnen auch immer, häufig die etwas mechanistische Vorstellung einer absoluten "Obergrenze" der Anpassungsfähigkeit der kapita- listischen Produktionsverhältnisse hervorruft. Die Folge davon können vereinfachende Vorstellungen über die politischen Bedin- gungen des Übergangs zum Sozialismus sein. 3) Liegt nicht gerade darin jene von F. Haug beschworene Gefahr der "Begriffs- garantien", mit Hilfe derer sich das Denken gegen die Realität gesellschaftlicher Prozesse immunisieren kann? Thesen wie die, daß die wissenschaftlich-technische Revolution notwendig in eine "Revolution der Produktion" übergehen müsse 4), die allerdings schon nicht mehr innerhalb des Kapitalismus reali- sierbar sei, sind zumindest zu unbestimmt, als daß sie verkür- zende politische Ableitungen über die Funktionen der Produktiv- kraftentwicklung für die historische Herausbildung einer neuen Gesellschaftsformation ausschließen könnten. Gleichwohl gibt es zwischen der von vielen Marxisten vertretenen Theorie der wissenschaftlich-technischen Revolution und dem von mir vorgeschlagenen Begriff des "kapitalistisch bestimmten wis- senschaftlich-technischen Fortschritts" in wesentlichen Punkten Übereinstimmungen, die zugleich den gemeinsamen Unterschied zu Paradigmen der nichtmarxistischen Produktivkrafttheorie hervorhe- ben. Auch ich sehe, wie die Theorie der wissenschaftlich-techni- schen Revolution, in der systematischen Verwissenschaftlichung der Produktion und in der Übertragung nichtschöpferischer Rege- lungs- und Steuerungsfunktionen auf maschinelle Aggregate die wichtigsten Charakteristika der modernen Produktivkraftbewegung, die eine tiefgreifende Veränderung der Stellung des Menschen im Produktionsprozeß einleitet. Mit der Theorie der wissenschaft- lich-technischen Revolution stimme ich auch darin überein, daß der Kapitalismus aufgrund seiner ökonomischen Gesetzmäßigkeiten prinzipiell nicht fähig ist, die weitere Entfaltung der Produktivkräfte ohne sozialökonomische Krisen zu gewährleisten, was zugleich die Notwendigkeit des Übergangs zum Sozialismus erklärt. Frigga Haug jedoch glaubt in meinem Vorschlag, die gegenwärtig, durch Verwissenschaftlichung und Automation geprägte Entwick- lungsphase der Produktivkräfte im Kapitalismus als "kapitali- stisch bestimmten wissenschaftlich-technischen Fortschritt" zu bezeichnen, einen unumstößlichen Beweis dafür entdeckt zu haben, daß ich den kapitalistischen Produktionsverhältnissen eine totale formationsspezifische Determinationsmacht über die Produktiv- kräfte zuspreche. Unter dem von mir verfügten - Diktat der Verhältnisse" , dem starren "Primat der Produktionsverhältnisse", sei, wie F. Haug mich verstanden wissen will, die Entwicklung der Produktivkräfte bis zur "Stillegung" paralysiert. Übrig bleibe, da mir die Verneinung der revolutionären Potenzen der heute sich vor allem in der Automationsarbeit entfaltenden Produktivkräfte den Blick für das Neue und "Vorwärtsweisende" verstelle, in meinem Beitrag nur der ebenso hilflose wie voluntaristische Appell an die Arbeiterbewegung, sich politisch gegen die Herrschaft des Kapitals aufzubäumen. Indem ich die Formbe- stimmtheit der Produktivkräfte verabsolutiere, sei ich nicht in der Lage, die materiellen Bedingungen zu erkennen, auf deren Grundlage es der Arbeiterbewegung überhaupt erst möglich werde, den Widerspruch zwischen der Vergesellschaftung der Produktion und ihrer kapitalistischen Aneignung seiner revolutionären Lösung entgegenzuführen. "Allmacht der Produktionsverhältnisse"? --------------------------------------- Trifft es nun zu, wie F. Haug schreibt, daß ich mich von einer Allmacht der Produktionsverhältnisse blenden lasse? Übergehe ich tatsächlich die im Fortschritt der Produktivkräfte wirksam wer- denden Impulse für die Praxis des Klassenkampfes? Sehe ich in den Produktivkräften nur noch, wie F. Haug mir vorwirft, das Formbe- stimmt-Negative: Massenarbeitslosigkeit, Lohnabbau, Entfremdung, Dequalifizierung, Taylorisierung und wachsende Arbeitsmühe? F. Haug schreibt: "Peter versteht offensichtlich unter dem Wider- spruch von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, daß der Kapitalismus die Produktivkräfte hemmt. Das ist aber ein sehr vereinfachendes Widerspruchsdenken. Denn in Wirklichkeit hemmt der Kapitalismus die Produktivkräfte und entwickelt sie zugleich." 5) Genau das aber habe ich selbst auch in meinem in- kriminierten Beitrag geschrieben. Es heißt dort, um nur eine Stelle zu zitieren, wörtlich: "Aber der Widerspruch zwischen Pro- duktivkräften und Produktionsverhältnissen reproduziert sich in der konkret-historischen Bewegung der Produktivkräfte selbst: ebenso wie der Kapitalismus ständig neue produktive Potenzen, neue effektivere Arbeitsmittel, Werkstoffe und Technologien her- vorbringt, vergeudet und vernichtet er tagtäglich enorme Produk- tivkräfte." 6) Die Unterschiede zwischen F. Haug und mir können also kaum, wie sie meint, darin liegen, daß sie die revolutionäre Dynamik der Produktivkräfte hochhält, während ich auf der Behaup- tung einer, durch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse besiegelten totalen Stagnation der Produktivkräfte beharre. Wenn ich es richtig sehe, gehen wir vielmehr gemeinsam davon aus, daß der Kapitalismus sowohl die für den Übergang zum Sozialismus er- forderliche materiell-technische Basis schafft als auch jene Ver- gesellschaftungsformen der Arbeit erzeugt, die sich nur unter so- zialistischen Produktionsverhältnissen frei von Antagonismen und Krisen fortentwickeln können, was jedoch nicht bedeutet, daß spe- zifische, historisch vorgegebene Produktivkraftelemente unter so- zialistischen Produktionsverhältnissen schlagartig die Arbeitsbe- dingungen und gesellschaftlichen Beziehungen der Produzenten ver- ändern. Die dem Sozialismus adäquaten Produktivkräfte entfalten sich, wie zum Beispiel der vergleichsweise niedrige Stand der Au- tomation, der gegenwärtig sogar steigende Umfang von Schichtar- beit und Diskrepanzen zwischen der Entwicklung des gesellschaft- lichen Produktionsapparates und der Qualifikationsstruktur des gesellschaftlichen "Gesamtarbeiters" in einem Land wie der DDR illustrieren, in einem sehr schwierigen und mühsamen Prozeß, denn die Durchsetzung sozialistischer Produktionsverhältnisse verbürgt keinen abrupten, sich über die stofflichen Besonderheiten der Produktivkräfte hinwegsetzenden Umschlag der Arbeitsbedingungen und sozialen Beziehungen der Produzenten in ihrer Arbeit. Gegen eine einseitige Fassung des "Primats der Produktivkräfte" --------------------------------------------------------------- Während ich in diesen Punkten keine gravierenden Divergenzen der Auffassung von F. Haug zu meinen eigenen Überlegungen sehe, scheint mir jedoch zwischen uns strittig zu sein, ob die gegen- wärtig konkreten Erscheinungsformen der Produktivkräfte im Kapi- talismus als revolutionär bezeichnet werden können. F. Haug be- teuert zwar, daß sie keineswegs einem "Fortschrittsautomatismus" das Wort reden wolle, wenn sie - im Gegensatz zu mir - am "Primat der Produktivkräfte" festhalte, aber ihre Darstellung tendiert dahin, den "revolutionären Charakter" der Automationsarbeit in einem sehr unmittelbaren, verkürzendem Sinn mit grundlegenden Veränderungen des gesamten gesellschaftlichen Systems zu identi- fizieren. So wichtig zweifellos die Erforschung der vor unseren Augen sich abspielenden Neuerungen des Produktionsprozesses ist und so sehr die sich mit dem raschen Voranschreiten moderner elektronischer Technologien und automatisierter Produktionsverfahren abzeichnen- den "neuen Kampffelder" der sorgfältigen Analyse bedürfen, damit die Arbeiterbewegung nicht auf spontan-reaktives Handeln verwie- sen bleibt, so wenig lassen sich jedoch diese technologischen In- novationen selbst schon als revolutionäre Qualität im Sinne einer Umwälzung der gesellschaftlichen Produktionsweise begreifen. Das Dilemma 'der Interpretation F. Haugs liegt aber gerade darin, daß sie die Bewegung der Produktivkräfte, insbesondere in Gestalt der Automation als Subjekt der Auflösung und Überwindung der kapita- listischen Gesellschaft reflektiert. Dagegen läßt sich zunächst einwenden, daß die für den Übergang zum Sozialismus erforderlichen materiellen Bedingungen im kapita- listischen Europa historisch längst herangereift sind. Oder hat etwa die sozialistische Arbeiterbewegung mit ihrer revolutionären Perspektive während der vergangenen hundert Jahre gleichsam am Stand der Produktivkräfte "vorbeigekämpft"? Trotz enormer Verän- derungen und einer ganzen Reihe "technischer Revolutionen" konn- ten jedoch die Produktivkräfte die kapitalistischen Produktions- verhältnisse bekanntlich nicht durchbrechen. Das ist allerdings in der Weise, daß, wie F. Haug zu glauben scheint, die Produktiv- kräfte selbst als Subjekt revolutionärer Umwälzungen fungieren, auch gar nicht möglich, weil die Produktivkräfte für sich genom- men keine geschichtsbildende Potenz darstellen, sondern eine sol- che Potenz nur entfalten können, wenn sie zur Triebkraft der ge- schichtlichen Bewegung des Klassenkampfes und des politischen Handelns der Klassen werden, wie Marx in seiner Formulierung, die "größte Produktivkraft (sei) die revolutionäre Klasse selbst" 7) treffend zum Ausdruck brachte. Determinanten der gesellschaftlichen Arbeit ------------------------------------------- Wissenschaftler in den sozialistischen Ländern versuchen der Schwierigkeit, den Zusammenhang zwischen Veränderungen der Pro- duktivkräfte ("wissenschaftlich-technische Revolution" heute) und der Funktion der kapitalistischen Produktionsverhältnisse als in sich widersprüchlichen Entwicklungsformen des gesellschaftlichen Produktionsprozesses analytisch zu erschließen, dadurch beizukom- men, daß sie zwischen der "wissenschaftlich-technischen Revolu- tion" in stofflicher Hinsicht (Arbeitsmittel, Arbeitsgegenstände, technische Struktur des Produktionsprozesses als Resultat wissen- schaftlicher Vorlaufarbeit usw.) und einer "neuen Revolution der Produktion" unterscheiden, worunter offensichtlich eine dem Stand der Produktivkräfte entsprechende Vergesellschaftungsform der Or- ganisation der Arbeit verstanden wird. 8) Während die Repräsen- tanten dieser Auffassung jedoch betonen, daß eine "neue Revoluti- on der Produktion" auf der durch die wissenschaftlich-technische Revolution geschaffenen materiellen Basis nur unter sozialisti- schen Bedingungen durchführbar sei, scheint sich für F. Haug schon jetzt, also innerhalb der bestehenden kapitalistischen Pro- duktionsweise, eine "revolutionäre Umwälzung" (F. Haug) des ge- samten Systems der gesellschaftlichen Arbeit anzubahnen. Damit spielt sie aber, ob sie es will oder nicht, die Bedeutung der ka- pitalistischen Produktionsverhältnisse als spezifische Determina- tionsform der Arbeit herab und verselbständigt den vergesell- schafteten Charakter der Arbeit zu einer Emanation der Produktiv- kräfte. Warum aber existieren trotz der angeblich "revolutionären Umwälzung" der Arbeit und trotz des angeblich "revolutionären Charakters" der Automationsarbeit die kapitalistischen Produkti- onsverhältnisse noch immer ? Warum reicht der von den Produktiv- kräften ausgeübte "Vergesellschaftungsdruck", um mit F. Haug zu sprechen, nicht aus, die Fesseln der auf dem Privateigentum beru- henden kapitalistischen Produktionsweise zu sprengen, wo er sich doch nach ihrer Meinung als "revolutionäre Umwälzung" äußert? Die Antwort auf diese Frage bleibt F. Haug schuldig, weil ihr im Zustand der Faszination durch die Fortschritte des verwissen- schaftlichten Produktionsprozesses entgeht, daß sich im heutigen Kapitalismus nicht nur die Produktivkräfte, sondern auch die Pro- duktionsverhältnisse noch immer fortentwickeln. Mit der Rede vom "ständigen Privatisierungsdruck" ist es da nicht getan, will man der tatsächlichen Elastizität und Anpassungsfähigkeit der Produk- tionsverhältnisse, aber auch des politischen Überbaus wissen- schaftlich Rechnung tragen, einer "Lernfähigkeit" des kapitali- stischen Systems also, die zwar den Grundwiderspruch zwischen Ka- pital und Arbeit nicht eliminieren kann, nichtsdestoweniger aber bisher noch stets Produktivkräfte in einer Weise in Reprodukti- onselemente des Kapitalverhältnisses zu transformieren vermochte, von der sich die Verfechter eines "Primats der Produktivkräfte" in ihrem technologischen Optimismus nichts träumen lassen. Offen- sichtlich kann die Frage, wie das wechselseitig reproduktive und zugleich antagonistische Verhältnis zwischen Vergesellschaftung der Produktion und ihrer kapitalistischen Aneignungsform aufzuhe- ben sei, nicht durch die Hypostasierung der Produktivkräfte als dem eigentlichen Träger einer Revolutionierung der kapitalisti- schen Gesellschaft theoretisch beantwortet werden. Es ist deshalb ebenso falsch, sich an einen "Primat der Produktivkräfte" zu klammern, wie es verfehlt wäre, den Auflösungsprozeß der kapita- listischen Gesellschaft aus einem vermeintlichen "Absterben" der Produktivkräfte und einem daraus folgenden Zusammenbruch des Sy- stems herzuleiten. Aufgaben marxistischer Analyse ------------------------------ Wenn es statt dessen die Aufgabe marxistischer gesellschaftswis- senschaftlicher Analyse der Entwicklung der Arbeit im Kapitalis- mus ist, die den technologischen Veränderungen immanenten Mög- lichkeiten für eine Verbesserung der Lage der Lohnabhängigen und längerfristig auch für eine der Stellung des Menschen im hochentwickelten Produktionsprozeß angemessene gesellschaftliche Organisation der Arbeit zu erforschen, so ist es aber im Zusam- menhang solcher Untersuchungen ebenfalls notwendig, die sozial- ökonomischen und politischen Bedingungen zu reflektieren, unter denen die Bewegung der Produktivkräfte abläuft. Eine Aufhebung des Antagonismus zwischen vergesellschafteter Produktion und pri- vater Aneignung läßt sich wissenschaftlich nur begründen, wenn man die Bewegung dieses Widerspruchs auf die politische Bewegung des Klassengegensatzes und seine praktischen Erscheinungsformen bezieht. Da die Aufrechterhaltung der Produktionsverhältnisse und mithin die kapitalistische Beherrschung der "lebendigen Arbeit" notwen- dig durch außerökonomische, staatlich organisierte Gewaltverhält- nisse politisch und ideologisch vermittelt ist, bedürfen die Pro- duktivkräfte gleichsam einer "Übersetzung" in das bewußte politi- sche Handeln der Arbeiterklasse: nur insofern kann man von der revolutionären Potenz - oder besser revolutionären Funktion - der Produktivkräfte sprechen. Frigga Haug jedoch ruft den Eindruck hervor, als seien die durch Automation an die Produzenten gestellten Qualifikationsanforde- rungen hinsichtlich einer komplexen geistigen Durchdringung und Aneignung des Produktionsprozesses selbst schon der entscheidende Hebel, mit dem die kapitalistische Produktionsweise aus den An- geln gehoben werden könne. Nun ist es einerseits gewiß richtig (und darin ist auch die Kritik F. Haugs an meinem Beitrag teil- weise zutreffend), nicht nur die negativen sozialen Folgen der Automation zu beachten, sondern auch sorgfältig zu untersuchen, ob sich in den von der Automation objektiv geforderten Qualifika- tionen geschichtlich neue Interessenelemente herausbilden, die für die zukünftige gewerkschaftliche und politische Praxis der Arbeiterklasse und anderer lohnabhängiger Schichten eine wichtige Rolle spielen. Andererseits nützen jedoch auch gutgemeinte wis- senschaftliche Erkenntnisse über den sich verändernden Charakter der gesellschaftlichen Arbeit wenig, wenn sie nicht in Beziehung zur Analyse des politischen Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen gebracht werden. Freilich kann ich nicht für mich in Anspruch nehmen, in meinem, den Anstoß für die Kontroverse mit F. Haug gebenden Beitrag be- reits den Zusammenhang zwischen wissenschaftlich-technischem Fortschritt in der gesellschaftlichen Arbeit und der konkreten Bewegung des Klassenkampfes ausführlich, systematisch und kohä- rent dargestellt zu haben. Aber ich habe zumindest versucht, an einigen Beispielen zu verdeutlichen, warum - vom Interessenstand- punkt der Arbeiterbewegung her gesehen - der Kampf gegen die ka- pitalistischen Auswirkungen von Rationalisierung, Automation und neuer Technik in den Kampf um Machtpositionen übergehen muß, der alle Ebenen des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses und der politischen Herrschaft betrifft. F. Haug hat sich nach Kräften bemüht, gerade diesen Teil meiner Ausführungen der Lächerlichkeit preiszugeben. Was ich zu sagen hätte, so bemerkt sie ironisch, wüßten die Gewerkschaften längst selbst. Für meine "Ratschläge" genüge schon das "bloße Wissen um die Tatsache, daß wir überhaupt im Kapitalismus leben..." 9), was soviel heißen soll wie, daß diese "Ratschläge" wegen ihrer den konkreten Stand der Produktiv- kräfte überspringenden Allgemeinheit für die Arbeiterbewegung un- brauchbar seien. Gilt das, was nach F. Haug "die Gewerkschaften" längst schon wüßten, auch für jene breite und einflußreiche Strö- mung im DGB und den Einzelgewerkschaften, die auf Sozialpartner- schaft eingeschworen ist und für die zwischen technischem Fort- schritt und gesellschaftlicher Entwicklung keine systemspezifi- schen Zusammenhänge bestehen? Und zeugen zum Beispiel programma- tische Äußerungen wie die der Gewerkschaft Textil und Bekleidung, daß "Wachstum für die Wohlstandsmehrung als Voraussetzung für die Verwirklichung gesellschaftspolitischer Ziele" zu gelten habe, die wiederum als "Freiheit der individuellen Lebensgestaltung" und "Sicherung der Existenzbedingungen... für die ganze Gesell- schaft" 10) definiert werden, von jenem (von mir aus auch nur sehr allgemeinen) Bewußtsein, daß "wir überhaupt im Kapitalismus leben"? Kennzeichnen Aktionen wie die der IG Druck und Papier zur Abwehr negativer Auswirkungen der neuen rechnergesteuerten Text- systeme nicht die am weitesten vorgeschobenen Positionen der Ar- beiterbewegung im Kampf um die Arbeitsbedingungen automatisierter Produktion, obwohl doch diese Aktionen ohne Zweifel noch weit da- von entfernt waren, betriebliche und überbetriebliche Formen ge- werkschaftlicher Gegenmacht zu entwickeln? Die Frage danach, welche Möglichkeiten des praktischen politi- schen Handelns sich der Arbeiterklasse heute durch die Entwick- lung der Arbeit erschließen, läßt sich wissenschaftlich erst be- antworten, wenn das in den Produktivkräften sich entfaltende Neue mit der Analyse der empirischen Bedingungen und Erscheinungsfor- men des Klassengegensatzes vermittelt wird. Diese Vermittlung in der wissenschaftlichen Arbeit ist das eigentlich Schwierige, des- sen Anerkennung auch den Bemühungen von Frigga Haug nicht zum Nachteil gereichen würde. _____ 1) Vgl. L. Peter: Wissenschaftlich-technischer Fortschritt, neue Technik und Arbeiterbewegung; in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 2/1979. 2) J. Kuczynki: Vier Revolutionen der Produktivkräfte, Theorie und Vergleiche. Mit kritischen Bemerkungen und Ergänzungen von Wolfgang Jonas, Berlin (DDR) 1975. 3) Auf dieses Problem macht zum Beispiel der französische Marxist Joe Metzger aufmerksam. Vgl. H.-J. Sandkühler: Wissenschaft, Technik und revolutionäre Veränderung; in: Marxistische Blätter 6/79, S. 18. 4) Vgl. Autorenkollektiv: Die gegenwärtige wissenschaftlich-tech- nische Revolution. Eine historische Untersuchung, Berlin (DDR) 1972. 5) F. Haug: Wissenschaftlich-technischer Fortschritt und Qualifi- kationsentwicklung; vgl. den vorhergehenden Beitrag in diesem Band. 6) L. Peter: Wissenschaftlich-technischer Fortschritt..., a.a.O., S. 291. 7) Karl Marx: Das Elend der Philosophie, MEW, Bd. 4, S. 181. 8) Vgl. Autorenkollektiv, a.a.O., besonders S. 265 ff. 9) F. Haug: Wissenschaftlich-technischer Fortschritt..., a.a.O. 10) Programm der GTB, zitiert nach Renate Schmucker: Gewerk- schaftsprogramm Textil-Bekleidung; in: Nachrichten zur Wirt- schafts- und Sozialpolitik, 11/1978, S. 19. zurück