Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980
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PRODUKTIVKRAFTENTWICKLUNG, AUTOMATION
UND GESELLSCHAFTLICHE VERÄNDERUNG
Bemerkungen zur Polemik von Frigga Haug
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Lothar Peter
Theoretische Probleme des Konzepts der "wissenschaftlich-techni-
schen Revolution" - "Allmacht der Produktionsverhältnisse"? - Ge-
gen eine einseitige Fassung des "Primats der Produktivkräfte" -
Determinanten der gesellschaftlichen Arbeit - Aufgaben marxisti-
scher Analyse
Das IMSF hat mir freundlicherweise Gelegenheit gegeben, zur Re-
plik von Frigga Haug auf meinen Beitrag im Jahrbuch 2/1979 1)
Stellung zu nehmen. Es würde mir nicht schwerfallen, F. Haugs Po-
lemik im gleichen Stil zu erwidern. Aber wer hätte schon etwas
davon? Statt dessen will ich versuchen, an einigen Punkten aufzu-
zeigen, worin der sachliche Gehalt der Kontroverse besteht.
Meine Bemerkungen zum Begriff der wissenschaftlich-technischen
Revolution bezogen sich hauptsächlich auf Probleme, wie sie zum
Beispiel in der Diskussion zwischen Jürgen Kuczynski, Wolfgang
Jonas und Rolf Sonnemann über die Periodisierung der kapitalisti-
schen Produktivkraftgeschichte behandelt worden sind. 2)
Der Periodisierungsversuch Kuczynskis, der zwischen nicht weniger
als vier "Revolutionen der Produktivkräfte" in der Entwicklung
des Kapitalismus unterscheidet, wirft unvermeidlich die Frage
auf, wie sich die spezifisch revolutionäre Qualität von Produk-
tivkraftveränderungen begründen läßt, wenn sich diese Veränderun-
gen innerhalb eines Prozesses vollziehen, der seinerseits insge-
samt durch eine "fortwährende Umwälzung der Produktion" (Marx)
geprägt ist.
Theoretische Probleme des Konzepts der
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"wissenschaftlich-technischen Revolution"
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Des weiteren scheint es mir schwierig zu sein, die theoretische
Erklärungsfunktion des Begriffs der wissenschaftlich-technischen
Revolution für die Erkenntnis der Entwicklungsbedingungen bzw.
Schranken der Produktivkräfte im Kapitalismus genau zu definie-
ren. Durchbricht - um diese Schwierigkeit in zwei Fragen auszu-
drücken - die Dynamik der gegenwärtigen, insbesondere von Automa-
tion gekennzeichneten Produktivkraftbewegung notwendig die kapi-
talistischen Produktionsverhältnisse? Oder ist die bestehende ka-
pitalistische Produktionsweise selbst so entwicklungs- und adap-
tionsfähig, daß sie zukünftig weitere wiederum als "revolutionär"
zu bezeichnende Veränderungen der gesellschaftlichen Arbeit oder
auch nur einzelner ihrer Momente hervorbringen kann? Mir scheint
der Begriff des "kapitalistisch bestimmten wissenschaftlich-tech-
nischen Fortschritts" den Möglichkeiten einer zukünftig sehr
langwierigen und komplizierten Entwicklung des Widerspruchs zwi-
schen den Produktivkräften und ihren kapitalistischen Aneignungs-
formen besser Rechnung zu tragen als der Begriff der wissen-
schaftlich-technischen Revolution, der, aus welchen Gründen im
einzelnen auch immer, häufig die etwas mechanistische Vorstellung
einer absoluten "Obergrenze" der Anpassungsfähigkeit der kapita-
listischen Produktionsverhältnisse hervorruft. Die Folge davon
können vereinfachende Vorstellungen über die politischen Bedin-
gungen des Übergangs zum Sozialismus sein. 3) Liegt nicht gerade
darin jene von F. Haug beschworene Gefahr der "Begriffs-
garantien", mit Hilfe derer sich das Denken gegen die Realität
gesellschaftlicher Prozesse immunisieren kann?
Thesen wie die, daß die wissenschaftlich-technische Revolution
notwendig in eine "Revolution der Produktion" übergehen müsse 4),
die allerdings schon nicht mehr innerhalb des Kapitalismus reali-
sierbar sei, sind zumindest zu unbestimmt, als daß sie verkür-
zende politische Ableitungen über die Funktionen der Produktiv-
kraftentwicklung für die historische Herausbildung einer neuen
Gesellschaftsformation ausschließen könnten.
Gleichwohl gibt es zwischen der von vielen Marxisten vertretenen
Theorie der wissenschaftlich-technischen Revolution und dem von
mir vorgeschlagenen Begriff des "kapitalistisch bestimmten wis-
senschaftlich-technischen Fortschritts" in wesentlichen Punkten
Übereinstimmungen, die zugleich den gemeinsamen Unterschied zu
Paradigmen der nichtmarxistischen Produktivkrafttheorie hervorhe-
ben. Auch ich sehe, wie die Theorie der wissenschaftlich-techni-
schen Revolution, in der systematischen Verwissenschaftlichung
der Produktion und in der Übertragung nichtschöpferischer Rege-
lungs- und Steuerungsfunktionen auf maschinelle Aggregate die
wichtigsten Charakteristika der modernen Produktivkraftbewegung,
die eine tiefgreifende Veränderung der Stellung des Menschen im
Produktionsprozeß einleitet. Mit der Theorie der wissenschaft-
lich-technischen Revolution stimme ich auch darin überein, daß
der Kapitalismus aufgrund seiner ökonomischen Gesetzmäßigkeiten
prinzipiell nicht fähig ist, die weitere Entfaltung der
Produktivkräfte ohne sozialökonomische Krisen zu gewährleisten,
was zugleich die Notwendigkeit des Übergangs zum Sozialismus
erklärt.
Frigga Haug jedoch glaubt in meinem Vorschlag, die gegenwärtig,
durch Verwissenschaftlichung und Automation geprägte Entwick-
lungsphase der Produktivkräfte im Kapitalismus als "kapitali-
stisch bestimmten wissenschaftlich-technischen Fortschritt" zu
bezeichnen, einen unumstößlichen Beweis dafür entdeckt zu haben,
daß ich den kapitalistischen Produktionsverhältnissen eine totale
formationsspezifische Determinationsmacht über die Produktiv-
kräfte zuspreche. Unter dem von mir verfügten - Diktat der
Verhältnisse" , dem starren "Primat der Produktionsverhältnisse",
sei, wie F. Haug mich verstanden wissen will, die Entwicklung der
Produktivkräfte bis zur "Stillegung" paralysiert. Übrig bleibe,
da mir die Verneinung der revolutionären Potenzen der heute sich
vor allem in der Automationsarbeit entfaltenden Produktivkräfte
den Blick für das Neue und "Vorwärtsweisende" verstelle, in
meinem Beitrag nur der ebenso hilflose wie voluntaristische
Appell an die Arbeiterbewegung, sich politisch gegen die
Herrschaft des Kapitals aufzubäumen. Indem ich die Formbe-
stimmtheit der Produktivkräfte verabsolutiere, sei ich nicht in
der Lage, die materiellen Bedingungen zu erkennen, auf deren
Grundlage es der Arbeiterbewegung überhaupt erst möglich werde,
den Widerspruch zwischen der Vergesellschaftung der Produktion
und ihrer kapitalistischen Aneignung seiner revolutionären Lösung
entgegenzuführen.
"Allmacht der Produktionsverhältnisse"?
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Trifft es nun zu, wie F. Haug schreibt, daß ich mich von einer
Allmacht der Produktionsverhältnisse blenden lasse? Übergehe ich
tatsächlich die im Fortschritt der Produktivkräfte wirksam wer-
denden Impulse für die Praxis des Klassenkampfes? Sehe ich in den
Produktivkräften nur noch, wie F. Haug mir vorwirft, das Formbe-
stimmt-Negative: Massenarbeitslosigkeit, Lohnabbau, Entfremdung,
Dequalifizierung, Taylorisierung und wachsende Arbeitsmühe?
F. Haug schreibt: "Peter versteht offensichtlich unter dem Wider-
spruch von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, daß der
Kapitalismus die Produktivkräfte hemmt. Das ist aber ein sehr
vereinfachendes Widerspruchsdenken. Denn in Wirklichkeit hemmt
der Kapitalismus die Produktivkräfte und entwickelt sie
zugleich." 5) Genau das aber habe ich selbst auch in meinem in-
kriminierten Beitrag geschrieben. Es heißt dort, um nur eine
Stelle zu zitieren, wörtlich: "Aber der Widerspruch zwischen Pro-
duktivkräften und Produktionsverhältnissen reproduziert sich in
der konkret-historischen Bewegung der Produktivkräfte selbst:
ebenso wie der Kapitalismus ständig neue produktive Potenzen,
neue effektivere Arbeitsmittel, Werkstoffe und Technologien her-
vorbringt, vergeudet und vernichtet er tagtäglich enorme Produk-
tivkräfte." 6) Die Unterschiede zwischen F. Haug und mir können
also kaum, wie sie meint, darin liegen, daß sie die revolutionäre
Dynamik der Produktivkräfte hochhält, während ich auf der Behaup-
tung einer, durch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse
besiegelten totalen Stagnation der Produktivkräfte beharre. Wenn
ich es richtig sehe, gehen wir vielmehr gemeinsam davon aus, daß
der Kapitalismus sowohl die für den Übergang zum Sozialismus er-
forderliche materiell-technische Basis schafft als auch jene Ver-
gesellschaftungsformen der Arbeit erzeugt, die sich nur unter so-
zialistischen Produktionsverhältnissen frei von Antagonismen und
Krisen fortentwickeln können, was jedoch nicht bedeutet, daß spe-
zifische, historisch vorgegebene Produktivkraftelemente unter so-
zialistischen Produktionsverhältnissen schlagartig die Arbeitsbe-
dingungen und gesellschaftlichen Beziehungen der Produzenten ver-
ändern. Die dem Sozialismus adäquaten Produktivkräfte entfalten
sich, wie zum Beispiel der vergleichsweise niedrige Stand der Au-
tomation, der gegenwärtig sogar steigende Umfang von Schichtar-
beit und Diskrepanzen zwischen der Entwicklung des gesellschaft-
lichen Produktionsapparates und der Qualifikationsstruktur des
gesellschaftlichen "Gesamtarbeiters" in einem Land wie der DDR
illustrieren, in einem sehr schwierigen und mühsamen Prozeß, denn
die Durchsetzung sozialistischer Produktionsverhältnisse verbürgt
keinen abrupten, sich über die stofflichen Besonderheiten der
Produktivkräfte hinwegsetzenden Umschlag der Arbeitsbedingungen
und sozialen Beziehungen der Produzenten in ihrer Arbeit.
Gegen eine einseitige Fassung des "Primats der Produktivkräfte"
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Während ich in diesen Punkten keine gravierenden Divergenzen der
Auffassung von F. Haug zu meinen eigenen Überlegungen sehe,
scheint mir jedoch zwischen uns strittig zu sein, ob die gegen-
wärtig konkreten Erscheinungsformen der Produktivkräfte im Kapi-
talismus als revolutionär bezeichnet werden können. F. Haug be-
teuert zwar, daß sie keineswegs einem "Fortschrittsautomatismus"
das Wort reden wolle, wenn sie - im Gegensatz zu mir - am "Primat
der Produktivkräfte" festhalte, aber ihre Darstellung tendiert
dahin, den "revolutionären Charakter" der Automationsarbeit in
einem sehr unmittelbaren, verkürzendem Sinn mit grundlegenden
Veränderungen des gesamten gesellschaftlichen Systems zu identi-
fizieren.
So wichtig zweifellos die Erforschung der vor unseren Augen sich
abspielenden Neuerungen des Produktionsprozesses ist und so sehr
die sich mit dem raschen Voranschreiten moderner elektronischer
Technologien und automatisierter Produktionsverfahren abzeichnen-
den "neuen Kampffelder" der sorgfältigen Analyse bedürfen, damit
die Arbeiterbewegung nicht auf spontan-reaktives Handeln verwie-
sen bleibt, so wenig lassen sich jedoch diese technologischen In-
novationen selbst schon als revolutionäre Qualität im Sinne einer
Umwälzung der gesellschaftlichen Produktionsweise begreifen. Das
Dilemma 'der Interpretation F. Haugs liegt aber gerade darin, daß
sie die Bewegung der Produktivkräfte, insbesondere in Gestalt der
Automation als Subjekt der Auflösung und Überwindung der kapita-
listischen Gesellschaft reflektiert.
Dagegen läßt sich zunächst einwenden, daß die für den Übergang
zum Sozialismus erforderlichen materiellen Bedingungen im kapita-
listischen Europa historisch längst herangereift sind. Oder hat
etwa die sozialistische Arbeiterbewegung mit ihrer revolutionären
Perspektive während der vergangenen hundert Jahre gleichsam am
Stand der Produktivkräfte "vorbeigekämpft"? Trotz enormer Verän-
derungen und einer ganzen Reihe "technischer Revolutionen" konn-
ten jedoch die Produktivkräfte die kapitalistischen Produktions-
verhältnisse bekanntlich nicht durchbrechen. Das ist allerdings
in der Weise, daß, wie F. Haug zu glauben scheint, die Produktiv-
kräfte selbst als Subjekt revolutionärer Umwälzungen fungieren,
auch gar nicht möglich, weil die Produktivkräfte für sich genom-
men keine geschichtsbildende Potenz darstellen, sondern eine sol-
che Potenz nur entfalten können, wenn sie zur Triebkraft der ge-
schichtlichen Bewegung des Klassenkampfes und des politischen
Handelns der Klassen werden, wie Marx in seiner Formulierung, die
"größte Produktivkraft (sei) die revolutionäre Klasse selbst" 7)
treffend zum Ausdruck brachte.
Determinanten der gesellschaftlichen Arbeit
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Wissenschaftler in den sozialistischen Ländern versuchen der
Schwierigkeit, den Zusammenhang zwischen Veränderungen der Pro-
duktivkräfte ("wissenschaftlich-technische Revolution" heute) und
der Funktion der kapitalistischen Produktionsverhältnisse als in
sich widersprüchlichen Entwicklungsformen des gesellschaftlichen
Produktionsprozesses analytisch zu erschließen, dadurch beizukom-
men, daß sie zwischen der "wissenschaftlich-technischen Revolu-
tion" in stofflicher Hinsicht (Arbeitsmittel, Arbeitsgegenstände,
technische Struktur des Produktionsprozesses als Resultat wissen-
schaftlicher Vorlaufarbeit usw.) und einer "neuen Revolution der
Produktion" unterscheiden, worunter offensichtlich eine dem Stand
der Produktivkräfte entsprechende Vergesellschaftungsform der Or-
ganisation der Arbeit verstanden wird. 8) Während die Repräsen-
tanten dieser Auffassung jedoch betonen, daß eine "neue Revoluti-
on der Produktion" auf der durch die wissenschaftlich-technische
Revolution geschaffenen materiellen Basis nur unter sozialisti-
schen Bedingungen durchführbar sei, scheint sich für F. Haug
schon jetzt, also innerhalb der bestehenden kapitalistischen Pro-
duktionsweise, eine "revolutionäre Umwälzung" (F. Haug) des ge-
samten Systems der gesellschaftlichen Arbeit anzubahnen. Damit
spielt sie aber, ob sie es will oder nicht, die Bedeutung der ka-
pitalistischen Produktionsverhältnisse als spezifische Determina-
tionsform der Arbeit herab und verselbständigt den vergesell-
schafteten Charakter der Arbeit zu einer Emanation der Produktiv-
kräfte. Warum aber existieren trotz der angeblich "revolutionären
Umwälzung" der Arbeit und trotz des angeblich "revolutionären
Charakters" der Automationsarbeit die kapitalistischen Produkti-
onsverhältnisse noch immer ? Warum reicht der von den Produktiv-
kräften ausgeübte "Vergesellschaftungsdruck", um mit F. Haug zu
sprechen, nicht aus, die Fesseln der auf dem Privateigentum beru-
henden kapitalistischen Produktionsweise zu sprengen, wo er sich
doch nach ihrer Meinung als "revolutionäre Umwälzung" äußert?
Die Antwort auf diese Frage bleibt F. Haug schuldig, weil ihr im
Zustand der Faszination durch die Fortschritte des verwissen-
schaftlichten Produktionsprozesses entgeht, daß sich im heutigen
Kapitalismus nicht nur die Produktivkräfte, sondern auch die Pro-
duktionsverhältnisse noch immer fortentwickeln. Mit der Rede vom
"ständigen Privatisierungsdruck" ist es da nicht getan, will man
der tatsächlichen Elastizität und Anpassungsfähigkeit der Produk-
tionsverhältnisse, aber auch des politischen Überbaus wissen-
schaftlich Rechnung tragen, einer "Lernfähigkeit" des kapitali-
stischen Systems also, die zwar den Grundwiderspruch zwischen Ka-
pital und Arbeit nicht eliminieren kann, nichtsdestoweniger aber
bisher noch stets Produktivkräfte in einer Weise in Reprodukti-
onselemente des Kapitalverhältnisses zu transformieren vermochte,
von der sich die Verfechter eines "Primats der Produktivkräfte"
in ihrem technologischen Optimismus nichts träumen lassen. Offen-
sichtlich kann die Frage, wie das wechselseitig reproduktive und
zugleich antagonistische Verhältnis zwischen Vergesellschaftung
der Produktion und ihrer kapitalistischen Aneignungsform aufzuhe-
ben sei, nicht durch die Hypostasierung der Produktivkräfte als
dem eigentlichen Träger einer Revolutionierung der kapitalisti-
schen Gesellschaft theoretisch beantwortet werden. Es ist deshalb
ebenso falsch, sich an einen "Primat der Produktivkräfte" zu
klammern, wie es verfehlt wäre, den Auflösungsprozeß der kapita-
listischen Gesellschaft aus einem vermeintlichen "Absterben" der
Produktivkräfte und einem daraus folgenden Zusammenbruch des Sy-
stems herzuleiten.
Aufgaben marxistischer Analyse
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Wenn es statt dessen die Aufgabe marxistischer gesellschaftswis-
senschaftlicher Analyse der Entwicklung der Arbeit im Kapitalis-
mus ist, die den technologischen Veränderungen immanenten Mög-
lichkeiten für eine Verbesserung der Lage der Lohnabhängigen und
längerfristig auch für eine der Stellung des Menschen im
hochentwickelten Produktionsprozeß angemessene gesellschaftliche
Organisation der Arbeit zu erforschen, so ist es aber im Zusam-
menhang solcher Untersuchungen ebenfalls notwendig, die sozial-
ökonomischen und politischen Bedingungen zu reflektieren, unter
denen die Bewegung der Produktivkräfte abläuft. Eine Aufhebung
des Antagonismus zwischen vergesellschafteter Produktion und pri-
vater Aneignung läßt sich wissenschaftlich nur begründen, wenn
man die Bewegung dieses Widerspruchs auf die politische Bewegung
des Klassengegensatzes und seine praktischen Erscheinungsformen
bezieht.
Da die Aufrechterhaltung der Produktionsverhältnisse und mithin
die kapitalistische Beherrschung der "lebendigen Arbeit" notwen-
dig durch außerökonomische, staatlich organisierte Gewaltverhält-
nisse politisch und ideologisch vermittelt ist, bedürfen die Pro-
duktivkräfte gleichsam einer "Übersetzung" in das bewußte politi-
sche Handeln der Arbeiterklasse: nur insofern kann man von der
revolutionären Potenz - oder besser revolutionären Funktion - der
Produktivkräfte sprechen.
Frigga Haug jedoch ruft den Eindruck hervor, als seien die durch
Automation an die Produzenten gestellten Qualifikationsanforde-
rungen hinsichtlich einer komplexen geistigen Durchdringung und
Aneignung des Produktionsprozesses selbst schon der entscheidende
Hebel, mit dem die kapitalistische Produktionsweise aus den An-
geln gehoben werden könne. Nun ist es einerseits gewiß richtig
(und darin ist auch die Kritik F. Haugs an meinem Beitrag teil-
weise zutreffend), nicht nur die negativen sozialen Folgen der
Automation zu beachten, sondern auch sorgfältig zu untersuchen,
ob sich in den von der Automation objektiv geforderten Qualifika-
tionen geschichtlich neue Interessenelemente herausbilden, die
für die zukünftige gewerkschaftliche und politische Praxis der
Arbeiterklasse und anderer lohnabhängiger Schichten eine wichtige
Rolle spielen. Andererseits nützen jedoch auch gutgemeinte wis-
senschaftliche Erkenntnisse über den sich verändernden Charakter
der gesellschaftlichen Arbeit wenig, wenn sie nicht in Beziehung
zur Analyse des politischen Kräfteverhältnisses zwischen den
Klassen gebracht werden.
Freilich kann ich nicht für mich in Anspruch nehmen, in meinem,
den Anstoß für die Kontroverse mit F. Haug gebenden Beitrag be-
reits den Zusammenhang zwischen wissenschaftlich-technischem
Fortschritt in der gesellschaftlichen Arbeit und der konkreten
Bewegung des Klassenkampfes ausführlich, systematisch und kohä-
rent dargestellt zu haben. Aber ich habe zumindest versucht, an
einigen Beispielen zu verdeutlichen, warum - vom Interessenstand-
punkt der Arbeiterbewegung her gesehen - der Kampf gegen die ka-
pitalistischen Auswirkungen von Rationalisierung, Automation und
neuer Technik in den Kampf um Machtpositionen übergehen muß, der
alle Ebenen des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses und der
politischen Herrschaft betrifft. F. Haug hat sich nach Kräften
bemüht, gerade diesen Teil meiner Ausführungen der Lächerlichkeit
preiszugeben. Was ich zu sagen hätte, so bemerkt sie ironisch,
wüßten die Gewerkschaften längst selbst. Für meine "Ratschläge"
genüge schon das "bloße Wissen um die Tatsache, daß wir überhaupt
im Kapitalismus leben..." 9), was soviel heißen soll wie, daß
diese "Ratschläge" wegen ihrer den konkreten Stand der Produktiv-
kräfte überspringenden Allgemeinheit für die Arbeiterbewegung un-
brauchbar seien. Gilt das, was nach F. Haug "die Gewerkschaften"
längst schon wüßten, auch für jene breite und einflußreiche Strö-
mung im DGB und den Einzelgewerkschaften, die auf Sozialpartner-
schaft eingeschworen ist und für die zwischen technischem Fort-
schritt und gesellschaftlicher Entwicklung keine systemspezifi-
schen Zusammenhänge bestehen? Und zeugen zum Beispiel programma-
tische Äußerungen wie die der Gewerkschaft Textil und Bekleidung,
daß "Wachstum für die Wohlstandsmehrung als Voraussetzung für die
Verwirklichung gesellschaftspolitischer Ziele" zu gelten habe,
die wiederum als "Freiheit der individuellen Lebensgestaltung"
und "Sicherung der Existenzbedingungen... für die ganze Gesell-
schaft" 10) definiert werden, von jenem (von mir aus auch nur
sehr allgemeinen) Bewußtsein, daß "wir überhaupt im Kapitalismus
leben"? Kennzeichnen Aktionen wie die der IG Druck und Papier zur
Abwehr negativer Auswirkungen der neuen rechnergesteuerten Text-
systeme nicht die am weitesten vorgeschobenen Positionen der Ar-
beiterbewegung im Kampf um die Arbeitsbedingungen automatisierter
Produktion, obwohl doch diese Aktionen ohne Zweifel noch weit da-
von entfernt waren, betriebliche und überbetriebliche Formen ge-
werkschaftlicher Gegenmacht zu entwickeln?
Die Frage danach, welche Möglichkeiten des praktischen politi-
schen Handelns sich der Arbeiterklasse heute durch die Entwick-
lung der Arbeit erschließen, läßt sich wissenschaftlich erst be-
antworten, wenn das in den Produktivkräften sich entfaltende Neue
mit der Analyse der empirischen Bedingungen und Erscheinungsfor-
men des Klassengegensatzes vermittelt wird. Diese Vermittlung in
der wissenschaftlichen Arbeit ist das eigentlich Schwierige, des-
sen Anerkennung auch den Bemühungen von Frigga Haug nicht zum
Nachteil gereichen würde.
_____
1) Vgl. L. Peter: Wissenschaftlich-technischer Fortschritt, neue
Technik und Arbeiterbewegung; in: Marxistische Studien. Jahrbuch
des IMSF 2/1979.
2) J. Kuczynki: Vier Revolutionen der Produktivkräfte, Theorie
und Vergleiche. Mit kritischen Bemerkungen und Ergänzungen von
Wolfgang Jonas, Berlin (DDR) 1975.
3) Auf dieses Problem macht zum Beispiel der französische Marxist
Joe Metzger aufmerksam. Vgl. H.-J. Sandkühler: Wissenschaft,
Technik und revolutionäre Veränderung; in: Marxistische Blätter
6/79, S. 18.
4) Vgl. Autorenkollektiv: Die gegenwärtige wissenschaftlich-tech-
nische Revolution. Eine historische Untersuchung, Berlin (DDR)
1972.
5) F. Haug: Wissenschaftlich-technischer Fortschritt und Qualifi-
kationsentwicklung; vgl. den vorhergehenden Beitrag in diesem
Band.
6) L. Peter: Wissenschaftlich-technischer Fortschritt..., a.a.O.,
S. 291.
7) Karl Marx: Das Elend der Philosophie, MEW, Bd. 4, S. 181.
8) Vgl. Autorenkollektiv, a.a.O., besonders S. 265 ff.
9) F. Haug: Wissenschaftlich-technischer Fortschritt..., a.a.O.
10) Programm der GTB, zitiert nach Renate Schmucker: Gewerk-
schaftsprogramm Textil-Bekleidung; in: Nachrichten zur Wirt-
schafts- und Sozialpolitik, 11/1978, S. 19.
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