Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980


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MARXISTISCHE GEWERKSCHAFTSTHEORIE

Bericht über ein Seminar des IMSF --------------------------------- Witich Roßmann Die Klassiker des Marxismus und die Gewerkschaften heute - Ge- werkschaftliche und politische Organisation der Arbeiterklasse im SMK - Charakterisierung der Strömungen - Zum Autonomiebegriff - Aktuelle Tendenzen im Verhältnis von Ökonomie und Politik in der gewerkschaftlichen Praxis. Aktuelle Probleme der marxistischen Gewerkschaftstheorie waren am 23. Februar 1980 in Frankfurt Gegenstand eines Seminars des IMSF, das der Selbstverständigung unter Marxisten dienen sollte. Kon- kreter Anlaß war vor allem die Diskussion der von F. Deppe in seinem Buch "Autonomie und Integration" 1) aufgeworfenen theore- tischen Thesen, Fragestellungen und Probleme. Diese verweisen in- des über den konkreten Ausgangspunkt hinaus auf die aktuelle Re- levanz der theoretischen Analyse der Gewerkschaften und ihrer Entwicklung. F. Deppes Anfang 1979 publizierte Analyse der aktu- ellen Krisenverarbeitung der Gewerkschaften 1974-1978, verbunden mit einer historischen Analyse und der Diskussion historischer wie aktueller theoretischer Ansätze der Gewerkschaftsanalyse steht im Schnittpunkt von mindestens vier wichtigen Entwicklungs- tendenzen: - die Gewerkschaften stehen im Übergang zu den 80erJahren, nach nur zum Teil erfolgreichem Angriff auf die Tabu-Politik der Un- ternehmerverbände, vor komplizierten strategischen und taktischen Fragen ihrer weiteren Orientierung; - in die DGB-Grundsatzprogrammdiskussion wird stark mit Druck von außen hineingearbeitet, sei es durch "gewerkschaftspluralistisch" begründete Spaltungsversuche, sei es durch Versuche staatlicher Instrumentalisierung der Gewerkschaften für globale ökonomische und politische Leitziele; - die siebziger Jahre brachten für die Gewerkschaftsbewegung zahlreiche neue Problem-und Kampffelder wie u.a. die Auseinan- dersetzung mit institutionalisierten Formen staatlicher Einkom- menspolitik (Konzertierte Aktion), mit der Dynamik inflationärer Reallohnentwertungsprozesse sowie der sich intensiv entfaltenden Rationalisierungsbewegung, die bei verringerten Wachstumsraten einen überzyklisch hohen Stand von Massenarbeitslosigkeit konsti- tuierte. In diesen Bereichen kam es zu sozialen Kämpfen, die auf eine Verallgemeinerung, eine theoretische Fixierung des gegenwär- tigen Standes der Klassenbeziehungen und -kräfteverhältnisse wie ihrer Entwicklungsdeterminanten und -tendenzen drängen; - zahlreiche sozialwissenschaftliche Untersuchungen dieser Klas- senauseinandersetzungen - nicht zuletzt durch die September- streik-Studie des IMSF von 1969/70 angeregt - harren ebenso einer gründlichen Auswertung wie die zahlreichen Hypothesen, Theorien und Prognosen, die seit Anfang der 70er Jahre über die Rückwirkungen der Veränderungen der Klassenstruk- tur, des SMK-Systems, des Reproduktionstyps, der Inflation und der Krise auf Bewußtsein und Verhalten, auf Aktion und Organisa- tion der Arbeiterklasse aufgestellt worden sind, einer Überprü- fung und möglicherweise einer Modifikation oder Korrektur bedür- fen. Die Absicht der Veranstalter, ein problemorientiertes Gespräch unter publizistisch und wissenschaftlich mit diesen Fragen be- schäftigten Marxisten zu organisieren, wurde durch den begrenzten Teilnehmerkreis, die Konzentration auf die Erarbeitung einer ei- genen positiven Konzeption und die Feststellung der dabei noch offenen Probleme gefördert. Einer historischen wie logischen Sicht der angesprochenen Probleme diente der Aufbau der einlei- tenden Referate von G. Fülberth "Die marxistische Arbeiterbewe- gung zur Gewerkschaftsfrage", F. Deppe "Zur Analyse der Rolle der Gewerkschaften im heutigen Kapitalismus", G. Hautsch/K. Pickshaus "Zur gewerkschaftlichen Klassenpolitik heute". 2) Die sich in mehreren Strängen entwickelnde Diskussion soll im folgenden mehr themenorientiert denn chronologisch skizziert werden. Die Klassiker des Marxismus und die Gewerkschaften heute -------------------------------------------------------- Zu dem von Georg Fülberth aufgeworfenen Problem der Verallgemei- nerungsfähigkeit von Klassikeraussagen zur Gewerkschaftsfrage wies J. Schleifstein zustimmend darauf hin, daß man methodisch das Problem des Verhältnisses von Partei und Gewerkschaften nicht zutreffend lösen könne, wenn man Marx, Engels, Lenin und Rosa Luxemburg die Konstruktion von Idealmodellen unterstelle. Sie analysierten jeweilig besondere nationale Typen. Ihre ersten Ver- allgemeinerungen wurden durch die Frage nach der bestmöglichen Entwicklungsform dieses Verhältnisses für die Arbeiterbewegung bestimmt. Das konkret-historische Herangehen sei typisch für sie gewesen. In der weiteren Diskussion wurde von F. Deppe und ande- ren, in allgemeiner Übereinstimmung mit Fülberth und Schleif- stein, zugleich gegen eine zu stark historisch-relativierende Analyse darauf hingewiesen, daß Marx und Lenin ihre Bestimmung der Funktionen von Partei und Gewerkschaft nicht nur konkret- historisch, sondern auch als verallgemeinerte Ergebnisse aus der Klassen- und Klassenkampftheorie abgeleitet hatten. Die Frage der Verallgemeinerungsfähigkeit wurde in der weiteren Diskussion in mehreren Bereichen weiter verfolgt. Zur Frage der Unterschätzung der Stabilität der reformistisch-in- tegrationistischen Strömung in der Arbeiterbewegung durch die KPD erinnerte J. Schleifstein an eine Wende in der Einschätzung, die sich bei Lenin im Brief an die KPD und im "Linken Radikalismus" angedeutet habe, die aber nicht weiter fortgeführt worden sei. Der Fülberthschen Kritik an der Leninschen Kennzeichnung "reaktionäre Gewerkschaften" für reformistische Gewerkschaften stimmte er generell unter dem Vorbehalt zu, daß auch heute Kon- stellationen in einzelnen Ländern möglich sind, die diese Klassi- fizierung notwendig machen. Sie sollte aber nicht auf reformisti- sche Gewerkschaften angewendet werden. Die Kennzeichnung "umgekehrte Spontaneität" als falsche Verallge- meinerung von Teilerfahrungen für die Ursachenerklärung der ul- tralinken Politik der KPD am Ende der Weimarer Republik sei "wissenschaftlich verharmlosend". Das Sektierertum sei aus einer falschen Strategie und daraus abgeleiteten Zielsetzungen entstan- den. Günter Judick forderte eine sorgfältige Unterscheidung des drei- maligen Positionswechsels der Kommunisten in der Gewerkschafts- frage von 1919-1933. Dem ultralinken Kurs lagen jeweils verschie- dene Motivationen zugrunde. Er war 1918/19 stark syndikalistisch und durch die Räteproblematik geprägt, 1924/25 durch eine gene- relle sektiererische Linie, die das Problem der relativen Stabi- lisierung verkannt hatte, und 1928/29 durch die Ausschlußpolitik des ADGB gegenüber den Kommunisten. Bei der Analyse des Positi- onswechsels der KPD sei darüber hinaus auch die Frage der verän- derten Haltung zur F o r m der Arbeit in den Gewerkschaften (Fraktionsbildung) zu berücksichtigen. Er verwies dabei auf die Aufnahmebedingungen der kommunistischen Internationale (Leitsatz 9). Heinz Seeger kritisierte eine oftmals zu defensiv angelegte RGO-Diskussion. Aus eigenem Erleben wies er unter anderem auf die starke Vernachlässigung des Problems der Arbeitslosen in der Weltwirtschaftskrise 1929-32 durch den ADGB hin, was von der RGO aufgegriffen wurde. Aus der direkten Sicht des früheren leitenden Funktionärs der Holzgewerkschaft schilderte er die Auseinander- setzungen im DGB in den fünfziger Jahren über die Aktionen gegen das Betriebsverfassungsgesetz von 1952 und gegen die Wiederbe- waffnung. Er kritisierte die in der abwartenden Haltung zum Aus- druck kommende positive Identifikation wichtiger Gewerkschafts- führer mit dem Staat und forderte die Ausarbeitung von Alternati- ven in so reifer Qualität, daß sie auch für Sozialdemokraten ver- steh- und akzeptierbar seien. H. Jung forderte, die Interpretation der Klassiker neu auf die gegenwärtige Situation zu beziehen, denn die historisch-logische Methode erfordere nicht allein die Reinterpretation, sondern vor allem auch die Untersuchung der gegenwärtigen Prozesse. Er warf dabei die Frage nach der traditionellen Arbeitsteilung von Partei und Gewerkschaften auf, die sich in Richtung "Funktionszuwachs der Gewerkschaften" verändert habe. Steffen Lehndorff wies in Weiterführung der Ausführungen von G. Fülberth daraufhin, daß sich der heutige Charakter der gewerkschaftlichen Begrenzung von der zu Zeiten Lenins in Rußland deutlich unterscheide. Die dama- lige Dominanz der nur betrieblichen Perspektive und von spontanen Kampferfahrungen würde heute hauptsächlich nur noch für Betriebs- räte gelten. Der umfassende organisatorische Charakter der bun- desdeutschen Einheitsund Industriegewerkschaften zwinge diese, in größeren Dimensionen zu denken. Die Reproduktionsprobleme forder- ten heute häufig die Ausarbeitung komplexer gesamtgesellschaftli- cher Alternativprogramme. Damit bleibe indes der klassenmäßige Inhalt solcher Programme noch unbestimmt. G. Hautsch schloß dar- aus auf die Notwendigkeit, die Inhalte der Leninschen Begriffe "Tradeunionismus" und "Ökonomismus" unter den heutigen Bedingun- gen zu konkretisieren. Gewerkschaftliche und politische Organisation --------------------------------------------- der Arbeiterklasse im SMK ------------------------- Die unterschiedlichen Ausgangspunkte der Konstitution von Gewerk- schaften (Vertretung der unmittelbaren sozialen Interessen) und politischen Parteien der Arbeiterbewegung (Erkämpfung der politi- schen Staatsmacht, d. h. Kampf um die politisch verallgemeiner- ten, grundlegenden Interessen der Arbeiterklasse) reproduzieren - so allgemeine Übereinstimmung in der Diskussion - die grundle- gende Teil-Ganze-Dialektik des Verhältnisses von politischen und gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiterbewegung. Die ge- werkschaftliche Organisation - will sie ihre erste Funktion re- alisieren - wird, so F. Deppe, immer weitaus stärker als politi- sche Parteien der Spannung ausgesetzt seien, die aus der Vertre- tung von partikularen Sonderinteressen resultieren. Die "Wiedervereinigung von Ökonomie/Politik" qua Funktionszuwachs der Gewerkschaften - wie zum Teil historisch-traditionell von links- sozialistisch-syndikalistischer Seite oder aktuell in der italie- nischen Diskussion gefordert - könne deshalb auch nicht als Auf- hebung des Verhältnisses von Partei und Gewerkschaften gedacht werden. Die Einschätzung eines "Funktionszuwachses der Gewerk- schaften", darüber bestand Übereinstimmung in der Diskussion, ba- siert neben der umfassenderen organisatorischen Dimension gegen- wärtiger Gewerkschaften auf den dahinterstehenden sozialökonomi- schen Entwicklungsprozessen. Sie wurden vor allem unter dem Aspekt ihrer Relevanz für die Bestimmung der gewerkschaftlichen Handlungsmacht gegenüber und im Rahmen der Gesetze des kapitali- stischen Reproduktionsprozesses diskutiert. Ausgangspunkt war der von F. Deppe als Einheit von objektiven und subjektiven, ökonomi- schen und politischen Momenten bestimmte Vergesellschaftungspro- zeß, der Gewerkschaften nicht allein konstituiere, sondern in dem diese zugleich als "bewußte Form der Vergesellschaftung" agieren. Erst in und vermittels der Organisation und des Kampfes konstitu- ieren sich die Lohnarbeitsindividuen zur bewußten Klasse, die eine der kapitalistischen Logik entgegengesetzte Logik der Verge- sellschaftung entwickele, die dem Kapital Verwertungsschranken setzt und die Naturwüchsigkeit seiner Gesetze zu einem gewissen Grade bricht. Dies reflektiere sich ideologisch im konservativen Vorwurf des "Kollektivismus", der "schleichenden Sozialisierung", mittels derer die Gewerkschaften und die Arbeiterbewegung das Wirken der klassischen Marktgesetze zerstöre. Hautsch/Pickshaus monierten den Begriff "alternative Entwick- lungslogik", den Deppe in seinem Buch - auf Z. Basso begrifflich rekurrierend - verwendet, und plädierten dafür, von "Gegenmacht- positionen gegen die Macht des Monopolkapitals" zu sprechen, "wenn sie - auf der Fähigkeit der Arbeiterklasse zur Machtent- faltung beruhen und die kapitalistische Entwicklungslogik in Frage stellen". H. Jung forderte zur theoretischen Analyse dieses Problems die Berücksichtigung der strukturellen Veränderungen im ökonomischen und politischen System des SMK, die insgesamt auf eine wesentlich erhöhte Bedeutung der Klasseninteressen des Lohnabhängigenblocks hin tendieren. Trotzdem dürfe nicht die dominierende Rolle der Kapitalgesetze durch die Konstatierung einer Wechselwirkung zwi- schen Kapitalgesetzen und der Rückwirkung der subjektiven Verge- sellschaftungsprozesse unterschätzt werden. W. Roßmann meinte, daß der Marxschen Kategorie der - Politischen Ökonomie der Arbei- terklasse", die Marx noch eher beiläufig erwähnte, aufgrund der objektiven wie subjektiven Entwicklung der Arbeiterklasse, ihrer Organisationen wie institutionellen Verankerung im SMK eine er- weiterte Bedeutung zukomme, da durch den Kampf der Arbeiterbewe- gung heute dauerhafter "wesentliche Modifikationen" (Tjulpanow) kapitalistischer Gesetze durchgesetzt würden. Dies hätte auch das Potential reformistischer Politik erweitert, das über zyklische Perioden hinweg wirksam werde. Verzerrt reflektiere sich das in der stärkeren Diskussion über das Verhältnis von Markt- und Machteinflüssen in den bürgerlichen Einkommens- und Verteilungs- theorien. Gegen eine solche Erweiterung der Kategorie der Politi- schen Ökonomie der Arbeiterklasse wandte J. Schleifstein ein, daß ihre Genese in Marx' Kampf gegen die Lassalleanische Konzeption eherner gesellschaftlicher Gesetze zu sehen sei und daß es bei ihr größtenteils um die Durchsetzung objektiver Gesetze (Lohngesetz) sowie die Anerkennung von Kampfergebnissen der Ar- beiterbewegung in staatlich-juristischer Gesetzesform gegangen sei. Zudem sei der funktionale Stellenwert dieser Kategorie für die linear-mechanische Begründung permanenter Reformierbarkeit des Kapitalismus in den Debatten um das Godesberger Programm, z.B. in W. Eichlers Rede zur Hundert-Jahr-Feier des Lassalleschen Arbeitervereins, zu berücksichtigen. Übereinstimmung herrschte darüber, daß von einer erweiterten Ge- genmachtposition der heutigen Arbeiterbewegung und dadurch be- dingter Modifikationen gesellschaftlicher Gesetze auszugehen sei. Charakterisierung der Strömungen -------------------------------- In diesem weiteren Begründungszusammenhang wies F. Deppe, der schon in seinem Einleitungsbeitrag - ebenso wie Hautsch/Pickshaus - das Problem einer Neubewertung des Reformismus aufgeworfen hatte, daraufhin, daß der veränderte Stellenwert des Kampfes um Reformen und der reformistischen Strömung nicht nur als politi- sche Frage analysiert werden kann. Zugleich stelle sich die Frage nach der inneren Logik kapitalistischer Entwicklung, die diesen anderen Stellenwert mit sich bringe. Er verwies dabei auf die Er- gebnisse der SMK-Theorie bezüglich der neuen Aufgaben der Arbei- terbewegung und der Neubestimmung des Verhältnisses von Demokra- tie und Sozialismus. In diesem Zusammenhang wäre auch die neue Rolle der Gewerkschaften und reformistischer Politik zu bestim- men. G. Judick und J. Schleifstein erinnerten daran, daß schon zur Zeit der DGB-Debatte um das Programm von 1963 (Düsseldorf) und gegen Ende der 60er Jahre eine sehr weitgehende begriffliche Dif- ferenzierung der Flügel in den Gewerkschaften praktisch und theo- retisch durch die Marxisten herausgearbeitet worden sei. Vom theoretisch-methodischen Aspekt her hatten Hautsch/Pickshaus in ihrem Einleitungsbeitrag darauf verwiesen, daß die spezifische Gewerkschaftssituation (Dauerkonflikt mit dem Kapital als Struk- turmoment) eine reine Übertragung von parteipolitischen Klassifi- zierungskriterien nicht sinnvoll erscheinen lasse. Die Unter- scheidung nach gewerkschaftspolitischen Funktionsbestimmungen sei grundlegender. Die begriffliche Ausdifferenzierung mittels der Begriffe Sozial- reformismus, Opportunismus, Revisionismus wurde von einer Mehr- zahl der Diskussionsteilnehmer für ungenügend erachtet, um die einzelnen Strömungen in ihren widersprüchlichen Wechselbeziehun- gen und Entwicklungstendenzen adäquat zu erfassen. Eine intensive Weiterarbeit an diesem Problem wurde allgemein für überaus wichtig erachtet. Dabei seien auch die neuen Ansätze, den Inhalt solcher Kategorien wie Monopolprofit, Arbeiteraristokratie etc. für die gegenwärtige Situation neu zu bestimmen, die die Au- toren des Bandes "Staatsmonopolistischer Kapitalismus und Oppor- tunismus" 3) unternommen haben, zu berücksichtigen. Zum Autonomiebegriff -------------------- In diesem Kontext kommt der inhaltlichen Bestimmung des Autono- miebegriffs eine gewichtige Rolle zu. F. Deppe war in seinem Re- ferat davon ausgegangen, daß die Gewerkschaften nicht spontan au- tonom werden, da ihre Reproduktionskämpfe an die Akkumulationsbe- wegung des Kapitals gebunden sind. Gewerkschaften würden in dem Maße autonom, wie sie ihre Doppelfunktion - Schutz- und Gestal- tungsfunktion, wie es im DGB-Programmentwurf heißt - wahrnehmen, in dem der Kampf um die grundlegenden Interessen verallgemeinert wird und sich zum politischen Kampf hin entwickelt. Dem kommen die objektiven und subjektiven Entwicklungsresultate des kapita- listischen Vergesellschaftungsprozesses, die zu einer engeren Wechselbeziehung von Ökonomie und Politik führen, entgegen. Diese allerdings fordern - so Hautsch/Pickshaus - eine genauere analytische Differenzierung zwischen ökonomischem und politischem Kampf, denn unter diesen Bedingungen ist nicht mehr jede Forde- rung an den Staat per se politisch. St. Lehndorff unterstützte die Relevanz dieser Unterscheidung. Zwar erzwinge der gesell- schaftliche Charakter vieler Reproduktionsbedürfnisse der Arbei- terklasse gesamtgesellschaftliche Alternativprogramme und führe daher zu verallgemeinerten politischen Forderungen. Damit sei aber die inhaltliche Bestimmung dieser Programme im Sinne der Klassenautonomie noch nicht zwingend verbunden. Einig war man sich in der Diskussion, daß der Autonomiebegriff im Sinne von Klassenautonomie zu unterscheiden sei von einem Autono- mieverständnis, das nur auf die formale Unabhängigkeit der Ge- werkschaften von den politischen Parteien, von Kapital und Staat abstelle. Allerdings müsse auch dieses Moment von Autonomie, das sich in der Eigenständigkeit der Organisation und ihrer Beschluß- fassung äußere, - darauf wies G. Judick nachdrücklich hin - als notwendiger Bestandteil der Klassenautonomie begriffen werden, der den Gewerkschaften helfe, ihre Funktionen wirksam realisieren zu können. F. Deppe zog das Fazit, daß sich die Frage nach einer exakten in- haltlichen Fassung des Autonomiebegriffs nicht allgemein definie- ren lasse. Sein Inhalt werde konkret-historisch bestimmt. Die Rolle des politischen Teils der Arbeiterbewegung, darin schloß er sich Pickshaus/Hautsch an, müsse bei der Definition des Autono- miebegriffs berücksichtigt werden. Die Diskussion über die Beziehungen zwischen gewerkschaftlicher und politischer Klassenorganisation und -bewegung bewegte sich auf mehreren Ebenen. Neben der allgemeinen Anerkennung der Rele- vanz der gewerkschaftlichen Autonomie wurde auch daraufhingewie- sen, daß angesichts des konstatierten Funktionszuwachses der Ge- werkschaften das alte mechanische Verhälmismodell Partei / Ge- werkschaften mit relativ starr abgegrenzten Handlungsfeldern und z. T. starker innerer organisatorischer Verflechtung obsolet ge- worden sei. G. Judick verwies auf die komplizierter gewordene Teil-Ganze-Dialektik der Beziehungen, wenn sie unter solchen ver- schiedenen Dimensionen wie den Kampffeldern, der quantitativen (Zahl) und der qualitativen (Zusammensetzung, Homogenität/Hetero- genität) Organisationsbreite betrachtet werde. B. v. Mutius schätzte für die inhaltliche Bestimmung der Autonomie die Äußerungen R. Luxemburgs zur sogenannten Neutralitätsdebatte als sehr fruchtbar für die gegenwärtigen Diskussionen ein. Wichtig sei es zudem, in der historischen Analyse der Wechselbeziehung zwischen Gewerkschaften und Sozialdemokratie zwischen der formel- len und reellen Bindung zu unterscheiden. Heute sei eine dritte Etappe dieses Verhältnisses zu konstatieren, in der es bei for- meller Unabhängigkeit der Gewerkschaften eine starke reelle Bin- dung an die SPD gebe. G. Hautsch forderte, genauer die für die Gewerkschaften wie die SPD gleichermaßen wirkenden Quellen für eine integrationistische Politik zu bestimmen, die das inhaltliche Fundament der heutigen Bindung zwischen SPD und Gewerkschaften mit prägen. G. Blum hob die Bedeutung der theoretischen Arbeit zur konsistenten Begrün- dung der Gewerkschaftspolitik der DKP hervor. Sie könne verdeut- lichen helfen, daß die Position der DKP Ergebnis einer grundsätz- lichen Herangehensweise und einer Verarbeitung der historischen Erfahrung sei und nicht eine taktische Anpassung an gegenwärtige Verhältnisse. Er hob sieben wichtige Gesichtspunkte hervor, die das Verhältnis der DKP zu den bundesrepublikanischen DGB-Ein- heitsgewerkschaften bestimmen. Die DKP - verteidige die Einheit der Gewerkschaften, der ein großer eige- ner Stellenwert bei der Vertretung der sozialen Interessen der Lohnabhängigen zukommt, auch unabhängig vom erreichten Niveau der Klassenautonomie; - setzt sich für eine Klassenorientierung der gewerkschaftlichen Politik ein; - tritt für ein partnerschaftliches Zusammenwirken zwischen den Gewerkschaften und den politischen Parteien der Arbeiterbewegung ein; - hält die Universalität der Einheitsgewerkschaften und damit die Einheit und Gleichberechtigung aller Strömungen und Kräfte im DGB für unabdingbar; - setzt sich gleichermaßen für die Entfaltung einer breiten in- nergewerkschaftlichen Demokratie u n d den Erhalt einer funkti- onsfähigen Einheit (gegen gewerkschaftspluralistische und syndi- kalistische Tendenzen) ein; - tritt für die Veränderung des bisherigen Einbahnstraßenverhält- nisses von DKP und DGB ein; - engagiert sich für eine weltoffene Internationalisierung der Gewerkschaftsbeziehungen des DGB. Aktuelle Tendenzen im Verhältnis von Ökonomie und Politik --------------------------------------------------------- in der gewerkschaftlichen Praxis -------------------------------- In der Diskussion um aktuelle Entwicklungstendenzen und ihre De- terminanten wurde die Frage der gewerkschaftspolitischen Auswir- kungen des neuen Verhältnisses von Ökonomie/Politik sowie die Frage nach den Grundlagen der relativen Stabilität der integra- tionistischen Strömungen aufgeworfen. St. Lehndorff fragte nach den Chancen für eine gewerkschaftliche Linksentwicklung, die sich aus dem Zwang zu gesamtgesellschaftlichen Alternativen ergebe. Seines Erachtens könne sich Autonomie hier auf einem neuen Ni- veauentwickeln. Dies bestätige sich in der Tarifpolitik seit 1977/78. Die positive Entwicklung, über die Forderungen nach der 35-Stunden-Woche gewerkschaftliche Antworten auf gesamtgesell- schaftliche Probleme zu weisen, sei auf Granit gestoßen. Dabei sei eine Lücke entstanden. Auf der einen Seite habe sich die Not- wendigkeit ergeben, die gesellschaftsverändernden Dimensionen ge- werkschaftlicher Politik praktisch werden zu lassen. Andererseits sei vielfach der Auseinandersetzung auf der staatlich-politischen Ebene ausgewichen worden. W. Roßmann verwies auf einige aktuelle Tendenzen in Gewerkschaftskreisen, den ökonomischen und politi- schen Sektor voneinander abzuschotten. St. Lehndorff sah darin Tendenzen einer gewerkschaftlichen Kopie der "Politik auf Zeit" und des gewerkschaftlichen Krisenmanagements, die zum Teil mit Abwehrreaktionen und Antikommunismus auf linke Alternativen rea- giere. Die Entfaltung einer autonomen Politik 1977/78 in einigen Gewerk- schaftssektoren wurde in engem Zusammenhang mit der Konfrontati- onspolitik des Kapitals gesehen, die die Gewerkschaften - genannt wurden insbesondere die IGM, IG Druck und Papier, die HBV und die IGBSE - zur Entwicklung von Mobilisierungsstrategien veranlaßt habe. Sie habe zur Zurückdrängung von Auswirkungen der Segmentie- rungs- und Fraktionierungsprozesse geführt und eine übergreifende Vereinheitlichung und Mobilisierung der betroffenen Teile der Arbeiterklasse ermöglicht. Die Modifizierung der Politik des Kapitals, das seit Anfang 1979 wieder stärker sozialpartner- schaftliche Integrationsmomente akzentuiere, lasse diesen Prozeß der Vereinheitlichung zum Teil wieder versanden. Partikularisti- sche Tendenzen würden dadurch gefördert. Die in den Arbeitskämp- fen 1976bis 1978/79 entwickelten autonomen Positionen seien auch dadurch begrenzt geblieben, daß ihnen eine Entsprechung im poli- tischen Sektor fehlte. Hier habe sich erneut gezeigt, daß der gewerkschaftliche Zwang zur Vertretung auch partikularer Sonderinteressen ein strukturel- les Moment bilde, das dem Prozeß der gewerkschaftlichen Verein- heitlichung und Politisierung Grenzen setze. Deshalb wurde von Pickshaus und Deppe eine intensivere Analyse der inneren Diffe- renzierung der Arbeiterklasse und ihrer politischen Wirkungen im gewerkschaftlichen und politischen Sektor der Arbeiterklasse gefordert. F. Deppe sah hier zudem wichtige Ansatzpunkte zur Er- klärung der integrationistischen Strömung in den Gewerkschaften, die sich auf solche Fragmentierungen und relative Privilegierun- gen stützen könne. Er nannte u. a. die Differenz der Situation von Arbeitslosen und gewerkschaftlich organisierten Stammbeleg- schaften bzw. der relativen Arbeitsplatzsicherheit von Beschäf- tigten im öffentlichen Dienst sowie tarifpolitisch erkämpfte re- lative Privilegierungen in hochmonopolisierten Branchen oder Be- trieben. Solche Prozesse könnten unter Umständen auch unter- schiedliche Entwicklungen der Einzelgewerkschaften in der Krisen- periode erklären helfen. K. Maase warf die Frage auf, inwieweit es tatsächlich legitim sei, aus der Entwicklung neuer Bedürfnisse und neuer Kampffelder auf eine größere Bereitschaft zu schließen, die politische Macht- frage aufzuwerfen. Er erinnerte an die Bedeutung des Kampfes der Arbeiterbewegung um politische Freiheitsrechte (z.B. Notstandsge- setze) und fragte nach der Entwicklungstendenz unter der SPD/FDP- Koalition. G. Fülberth ging in seinen abschließenden Bemerkungen auf das Verhältnis von durch die Entwicklungsprozesse ausgehendem objektivem Zwang zum politischen Engagement der Gewerkschaften und ihren realen Verhaltensmöglichkeiten ein. Er erinnerte an den politischen Orientierungsprozeß in der Arbeiter- und Gewerk- schaftsbewegung vor 1914, dem ebenfalls neue Existenzbedingungen und -fragen zugrunde lagen (Zollfrage, Wahlrecht, Aufrüstung, Krieg und Frieden). Die Gewerkschaften seien objektiv in die Po- litik gezwungen worden, dabei jedoch in eine stärkere Professio- nalisierung ihrer Gewerkschaftspolitik ausgewichen. Das offene Ende der Diskussion hinterließ neben interessanten Er- gebnissen eine Reihe relevanter Probleme, die weiterer theoreti- scher und empirischer Untersuchung bedürfen, wie z.B. - die Untersuchung des veränderten Handlungspotentials der Arbei- terbewegung im ökonomischen und politischen System des SMK und den damit verbundenen Chancen und Grenzen eines kämpferischen ge- werkschaftlichen und politischen Reformismus; - die Wirkung der ökonomischen und politischen Krisenprozesse auf das Bewußtsein und das Verhalten der Arbeiterklasse und ihrer verschiedenen Gruppen; - die Analyse der Bedingungen und Formen solidarischen, kollekti- ven Wirkens der verschiedenen Strömungen der Arbeiterbewegung in den Gewerkschaften und den Beziehungen zwischen Gewerkschaften und politischen Parteien der Arbeiterbewegung. Dazu gehört auch die Untersuchung der gewerkschaftlichen Autonomieentwicklung; - die Entwicklung der verschiedenen gewerkschaftlichen Strömungen in dieser neuen Situation und die Wirkung ihrer Strategien auf das Bewußtsein und die Aktionen der Arbeiterklasse. _____ 1) Frank Deppe, Autonomie und Integration. Materialien zur Ge- werkschaftsanalyse, Schriftenreihe für Sozialgeschichte und Ar- beiterbewegung, Bd. 9, Marburg/Lahn 1979, bes. Kapitel 3: Autono- mie und Einheitsgewerkschaft. 2) Die überarbeiteten Referate von G. Fülberth und von G. Haut- sch/K. Pickshaus sind in diesem Band abgedruckt. Es wird in die- sem Bericht deshalb auf eine ausführlichere Darstellung dieser Referate verzichtet. Das Referat von F. Deppe stellte eine knappe Wiedergabe von Grundgedanken seines Buches dar. Der interessierte Leser sei darauf verwiesen. (Vgl. FN 1) 3) Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED (Hrg.), Autorenkollektiv u. L. v. H. Petrak und W. Paff: Staats- monopolistischer Kapitalismus und Opportunismus. Ursachen. Wir- kungen. Gegenkräfte, Berlin/DDR 1979. zurück