Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 04/1981


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INTERNATIONALE KONZERNE UND DIE PERSPEKTIVEN DES NATIONAL-STAATS IN WESTEUROPA

Die Internationalisierung der Ökonomie als Triebkraft ----------------------------------------------------- eines neuen Kosmopolitismus? ---------------------------- Heinz Jürgen Axt 1. Sind antikapitalistische Alternativen angesichts der Expansion multinationaler Konzerne noch auf nationaler Ebene realisierbar? - 2. Der Nationalstaat - die Basis der Aufhebung des Kapitalver- hältnisses unter Internationalisierungs- und Integrationsbedin- gungen - 3. Kritik und Antikritik - 4. Die nationale Basis der weltweit operierenden Konzerne 1. Sind antikapitalistische Alternativen angesichts der Expansion ----------------------------------------------------------------- internationaler Konzerne noch auf nationaler Ebene realisierbar? ---------------------------------------------------------------- Kosmopolitische Ideen haben in der Vergangenheit immer wieder die Menschen begeistern können, versprachen sie doch die Konflikte und Kriege zwischen den Fürstenhäusern und später den National- staaten durch die Schaffung einer Weltgesellschaft und einer Weltregierung aus der Welt zu schaffen. Kam Immanuel Kant m durchaus kritischer Absicht gegenüber der Intervention Preußens und Österreichs gegen das nachrevolutionäre Frankreich im Jahre 1795 in seinem Traktat "Zum ewigen Frieden" zu dem Schluß, daß der Friede nur auf einen "Föderalismus freier Staaten" gegründet sein könne, so prägte sich in den zwanziger Jahren unseres Jahr- hunderts mit der Paneuropa-Idee eine Konzeption von der Überwin- dung der Nationalstaatlichkeit aus, die vor allem als Antwort auf die Herausforderung der Revolution in Rußland zu verstehen ist. Im Zuge der sich nach 1945 verschärfenden Konfrontation zwischen den "Blöcken in Ost und West" gewann die "Europaidee" in Westeu- ropa mit dem Anspruch, die nationalen Grenzen zumindest in einem Teil Europas aufheben zu wollen, vermehrt an Einfluß. Hatte die Konfrontation in der Zeit des Kalten Kriegs nicht aus- gereicht, die "Vereinigten Staaten" in West-Europa zu schaffen, so wurde die Diskussion und Propagierung kosmopolitischer Ideen alsbald erneut belebt: Seit Ende der sechziger Jahre wurde die Öffentlichkeit verstärkt mit der wachsenden Bedeutung multinatio- nal agierender Konzerne konfrontiert und die wissenschaftlich-po- litischen Diskussionen beschäftigten sich in besonderer Weise mit der Frage, ob die internationalen Konzerne zu jenem "Katalysator" werden könnten, der die Internationalisierung des Wirtschaftsle- bens mit der Errichtung des "Weltstaates" vollendet. Es scheint, als würde der überwiegend idealistische Ursprung des Kosmopoli- tismus nun auf eine materialistische Basis gestellt. Daß interna- tionale Konzerne ganze Volkswirtschaften durchdringen, daß sie mit herkömmlichen Mitteln der Wirtschaftspolitik kaum mehr zu kontrollieren sind, daß Organe der Europäischen Gemeinschaft (EG) den nationalen Legislativen und Exekutiven Befugnisse und Kon- trollrechte entziehen dies alles wird als Indiz dafür genommen, daß nunmehr die weitere Existenz der Nationalstaaten in Frage ge- stellt sei. Deren Funktionstüchtigkeit sei durch den Internatio- nalisierungs- und Integrationsprozeß auf jeden Fall stark ein- geengt, so daß zumindest in relevanten Bereichen die Schaffung übernationaler politischer Strukturen unabdingbar sei. Andern- falls drohe ein großer Verlust an allgemeiner Wohlfahrt, Sicher- heit und politischer Steuerungsfähigkeit. In der amerikanischen politikwissenschaftlichen Diskussion, die sich relativ frühzeitig mit diesen Problemen auseinandersetzte und von daher auch die Diskussionen in Westeuropa nachhaltig beeinflußte, wurde eine wachsende Kluft zwischen den an Einfluß und Wirksamkeit zunehmen- den multinationalen Konzernen und den demgegenüber schwächer wer- denden Nationalstaaten konstatiert. Für die nationalen Staaten bleibe letztendlich nur, entweder in einer neuartigen internatio- nalen politischen Ordnung aufzugehen oder zur Bedeutungslosigkeit herabzusinken. Allerdings werden die Chancen zur Realisierung der "Weltregierung" durchaus skeptisch eingeschätzt. Für wahrschein- licher wird daher die Herausbildung einer regional begrenzten Staatenföderation gehalten. Die günstigsten Bedingungen sieht man dafür in Westeuropa. Hier könnten die internationalen Konzerne gleichsam jenen entscheidenden Anstoß geben, um die ökonomische Verflechtung zwischen den westeuropäischen Ländern in eine poli- tische Vergemeinschaftung bei allmählicher Überwindung der poli- tischen Nationalstaatlichkeit weiterzuführen. Während man auf konservativer und neoliberaler Seite vor allem bemüht war, die Kritik an den multinationalen Konzernen abzubauen - die Multis werden da als "Motor des Fortschritts" und als "Entwicklungshelfer" für die Dritte Welt apostrophiert -, werden die weltumspannenden Aktivitäten der internationalen Unternehmen in den sozialdemokratischen Parteien nicht selten recht scharf kritisiert. Allerdings finden sich immer wieder auch Bemühungen, die Expansion der multinationalen Konzerne zur Rechtfertigung da- für zu nehmen, daß die eigenen wirtschaftspolitischen Bestrebun- gen nicht genügend wirksam werden könnten. Die Multis sind daran schuld, daß es sozialdemokratischer Politik nicht gelingt, i n n e r h a l b der bestehenden sozioökonomischen Ordnung die Mängel des Kapitalismus zu beseitigen. Die Schlußfolgerung wird dann darin gesehen, daß man die internationalen Konzerne stärker kontrollieren müsse, ohne sie selbst und damit den Kapitalismus in Frage zu stellen. Auf diese Weise wird nicht länger danach ge- fragt, weshalb die bisherige Politik weder Krisen verhindern noch deren Folgen relativ rasch beseitigen konnte, wie es ja gerade sozialdemokratischer Anspruch gegenüber neoliberal orientierter Wirtschaftspolitik ist. Vielmehr wird geschlußfolgert, daß, wenn die bisherige Politik nicht erfolgreich genug gewesen sei, dies nicht an der betriebenen Politik, sondern an den multinationalen Konzernen liege. Also sucht man nach Wegen zu ihrer "Bändigung". Was zunächst als Kritik an den internationalen Unternehmen er- scheint, entpuppt sich als Legitimation dafür, die gewachsenen Probleme mit den gleichen Methoden und Mitteln, mit der alten un- verändert prokapitalistischen Politik anzugehen - nur eben auf einer anderen Ebene: nicht mehr im Rahmen der Nationalstaaten, sondern auf übernationaler Ebene. So heißt es z.B. im Europa- Wahlprogramm der SPD von 1979: "Die multinationalen Gesellschaf- ten stellen Wirtschaftsmächte bisher unbekannten Ausmaßes dar. Diesen multinationalen Unternehmen darf es nicht länger ermög- licht werden, sich der demokratischen Kontrolle der Gemeinschaft (d.h. der EG, H.-J. A.) und den Notwendigkeiten der Wirtschafts- politik der einzelnen Länder zu entziehen. Wir Sozialdemokraten fordern deshalb die Schaffung eines gemeinschaftseigenen, mit ju- ristischen und technischen Möglichkeiten ausgestatteten Instru- ments zur Kontrolle der Tätigkeit großer Unternehmen und der Ein- haltung der Wettbewerbsregeln, damit die Verwirklichung der so- zialen und wirtschaftlichen Ziele der Gemeinschaftspolitik nicht in Frage gestellt wird." 1) Es erscheint angebracht, sich der zentralen Fragestellungen und vorläufigen Ergebnisse der mittlerweile etwas in den Hintergrund getretenen marxistisch orientierten Debatte über das Verhältnis von Nationalstaatlichkeit und sich internationalisierender Ökono- mie zu erinnern. Im Rahmen der marxistischen, gleichwohl der Mo- nopoltheorie und der Theorie des staatsmonopolistischen Kapita- lismus kritisch bis ablehnend gegenüberstehenden neueren Diskus- sion sind u.a. Arbeiten von E. Altvater, E. Krippendorff, Ch. Neusüß und C. v. Braunmühl von Interesse. Altvater wendet sich zwar nicht grundsätzlich dagegen, die multinationalen Konzerne in den Zusammenhang der Monopolentwicklung zu stellen. Internatio- nale Konzerne hätten sich herausgebildet, als man zum ersten Mal die Bildung von Monopolen konstatiert habe. Die Entwicklung zum Monopolkapital ist jedoch bei ihm nicht der eigentliche Ausgangs- punkt zur Analyse der internationalen Konzerne. Deren Besonder- heit wird vielmehr in ihrer Multinationalität gesehen, indem sie als Einzelkapitale sowohl Teil des jeweiligen nationalen Gesamt- kapitals als auch "Bestandteil des real existierenden internatio- nalen Kapitals" seien. 2) Eine Tendenz zur internationalen An- gleichung des Produktivkraftniveaus und der Bildung einer inter- national einheitlichen Durchschnittsprofitrate müsse letztlich zur Aufhebung der Nationalstaatlichkeit führen - eine Tendenz, die jedoch lediglich in Phasen weltweiter Prosperität zur Wirkung kommen soll. Die hier interessierende Frage nach dem V e r- h ä l t n i s d e r i n t e r n a t i o n a l e n K a p i t a- l b e w e g u n g z u r p o l i t i s c h e n O r g a n i- s a t i o n d e s K a p i t a l s i n e i n e m S y s t e m n a t i o n a l e r S t a a t e n taucht bei Altvater als Problem nicht auf. Er sieht die Staatstätigkeit ausschließlich als Tätigkeit zugunsten des national operierenden Teils des Kapitals. Die international agierenden Konzerne bewegen sich dagegen relativ "staatsfrei". Auch bei E. Krippendorff bleibt die Frage nach der "Nationalität" des internationalen Kapitals unbe- antwortet. Bei ihm werden die internationalen Konzerne zu einem Hebel für die beschleunigte Herstellung eines kapitalistischen Internationalismus, für die Abnahme der zwischen den entwickelten kapitalistischen Staaten existierenden Gegensätze. In dieser an Karl Kautskys Konstruktion des "Ultraimperialismus" erinnernden Darstellung erscheinen Widersprüche in den internationalen Beziehungen kaum noch zwischen den entwickelten kapitalistischen Staaten, sondern vor allem zwischen entwickelten und wenig entwickelten Ländern in der Dritten Welt. In welcher Weise sich die kapitalistische Konkurrenz unter den Bedingungen zunehmender ökonomischer Internationalisierung auswirkt, wie sich die innerimperialistische Rivalität entwickelt . darauf geht Krippen- dorff nicht ein. 3) In ihrer Arbeit "Imperialismus und Weltmarkt- bewegung des Kapitals" entwickelt Ch. Neusüß das Verhältnis von Nationalstaat und international operierendem Kapital in einer Weise, daß der nationale Staat erst dann überhaupt aktiv wird, wenn die Weltmarktexpansion sich in einer krisenhaften Entwick- lung befindet. In prosperierenden Phasen dagegen werden durch die multinationalen Konzerne die durch die Nationalstaaten gesetzten Friktionen der Konkurrenz überwunden, die der Entwicklung zu ei- nem reellen Weltgesamtkapital und zu Angleichungsprozessen der Produktivkraftentwicklung entgegenstehen. Als "Weltkapital" soll das Kapital erst voll seinem Begriff entsprechen. Bei dieser Kon- zeption, bei der lediglich die Krise die Ausbildung des Weltstaa- tes verhindert, fällt auf, daß die Entwicklung des Kapitalver- hältnisses ausschließlich als "Reifeprozeß" . das Kapital kommt zu seinem Begriff . gesehen wird. Daß das Kapitalverhältnis eine eigene Entwicklungsgeschichte hat, daß seine Entwicklung in Form von Stufen historischer Ausprägung des Kapitalismus stattfindet, daß Entwicklungsstufen im Verhältnis von Staat und Ökonomie fest- zustellen sind . das alles lehnt Neusüß ab, weshalb ihr Kapital- begriff auch mehr einer abstrakten theoretischen Setzung gleicht, als die Vermittlung zur empirischen Realität erkennen läßt. 4) Bei C. v. Braunmühl schließlich ist das Kapital im Begriff, sich zum "historisch wirklichen Weltkapital" zu entwickeln. Anders als Marx dies getan habe, müsse man heute von einem weltumfassenden Reproduktionszusammenhang ausgehen. Obwohl die Notwendigkeit staatlicher Aktivitäten zur Aufrechterhaltung der kapitalisti- schen Produktionsweise anerkannt wird, dominiert bei ihr doch letztlich die Tendenz zur Internationalisierung über die zum Staatsinterventionismus, so daß auch hier das Verhältnis zwischen dem Nationalstaat und der Internationalisierung des Kapitals nicht präzise bestimmt wird. 5) Auch wenn die verschiedenen Auffassungen, daß der Nationalstaat bedeutungslos werde, als überzogen zurückgewiesen werden, sollte dies nicht dazu führen, die Relevanz der Internationalisierungs- und Integrationsprozesse zu unterschätzen. 1975 erreichte der Wert der Produktion ausländischer Tochtergesellschaften von US- Unternehmen einen Anteil von gut 30 Prozent des US-amerikanischen Bruttosozialprodukts. 1960 hatte der entsprechende Wert noch gut 10 Prozent betragen. Bei den westeuropäischen internationalen Konzernen erreichte der Auslandsumsatz 1975 einen Anteil von knapp 25 Prozent des Bruttosozialprodukts, während er 1960 noch gut 12 Prozent betragen hatte. Dies zeigt einerseits die generell zunehmende Bedeutung der in den ausländischen Tochtergesellschaf- ten realisierten Produktion und damit die zunehmende Bedeutung internationaler Unternehmen. Andererseits wird deutlich, daß die Internationalisierung in den USA weiter vorangeschritten zu sein scheint, was den Export von produktivem Kapital angeht. Tatsäch- lich konzentrierten 1975 die US-Multis fast die Hälfte aller ge- tätigten direkten Auslandsinvestitionen auf sich, während die Un- ternehmen aus Westeuropa sich mit einem Anteil von gut 38 Prozent und die Japans mit einem Anteil von knapp 6 Prozent bescheiden mußten. Allerdings hatte 1960 der Anteil der US-Unternehmen noch über 55 Prozent betragen. Von den 41 größten multinationalen Un- ternehmen machte der Umfang der Auslandstätigkeit der dazugehöri- gen 23 westeuropäischen Unternehmen 1971 54,5 Milliarden Dollar aus. Die 15 US-amerikanischen Firmen kamen auf 46,3 Milliarden Dollar. Der Export von produktivem Kapital zur Gründung von Toch- tergesellschaften im Ausland, zum Erwerb ausländischer Produkti- onsstätten gewinnt gegenüber dem Export von Waren zunehmend an Bedeutung. Die westeuropäischen Unternehmen erreichen zwar noch nicht die Anteile der US-Unternehmen, die 1975 4,3 mal mehr Aus- landsumsatz realisierten als sie Waren ins Ausland ausführten. Aber auch in Westeuropa wächst die Bedeutung der im Ausland er- zielten Umsätze. Diese erreichten 1960 einen Anteil von knapp 78 Prozent der Warenexporte. 1975 hatte sich das Verhältnis zugun- sten der Auslandsumsätze umgekehrt, sie erreichten 106 Prozent der Warenexporte. Auch in der Bundesrepublik vollzieht sich ein forcierter Kapitalexport. Zwar ist die absolute Bedeutung des Wa- renexports noch immer erheblich größer als die des Kapitalex- ports. Aber die jährlichen Zuwachsraten der deutschen Ausland- sproduktion liegen höher als die Exportsteigerungen. Betrug der Gesamtbestand deutscher Investitionen im Ausland 1967 noch ca. 12 Mrd. DM, so hatte er sich bis 1977 auf 52 Mrd. DM erhöht. 6) Zwar in einem gänzlich anderen Sinne, als dies anfänglich propagiert wurde, hat auch die Europäische Gemeinschaft ihre Beständigkeit und Bedeutung als regionale Integrationsform unter Beweis ge- stellt. Sie hat zwar nicht zu den "Vereinigten Staaten von Eu- ropa" geführt, hat aber gleichwohl die ökonomische Verflechtung in Westeuropa verdichtet. Zwischen 1960 und 1972 hat sich der Handelsaustausch zwischen den 6 ursprünglichen EG-Ländern mehr als versechsfacht. Während 1958 die EG-Länder noch für 43,8 Mil- liarden Rechnungseinheiten (RE) Außenhandel mit Ländern außerhalb der Gemeinschaft betrieben und nur für 23,2 Milliarden RE mit an- deren Gemeinschaftsländern, hat sich dieses Verhältnis 1978 umge- kehrt: Die Außenhandelsumsätze zwischen den Gemeinschaftsländern erreichten 362 Milliarden RE und die mit Drittländern 354 Milli- arden RE. Entgegen vielfachen Spekulationen, daß die EG eine um- fassende Wirtschaftskrise kaum oder nur sehr bedingt überstehen werde, hat die Gemeinschaft gerade während der kapitalistischen Weltwirtschaftskrise in den Jahren 1974/75 ihre Beständigkeit zu- mindest in der Form unter Beweis gestellt, daß sie nicht unter massiven nationalen Protektionismen zerbrochen ist. Vielmehr ist eine Gleichzeitigkeit von ökonomischer Verflechtung im Rahmen der EG und nationaler Protektion und Subvention zu beobachten. 7) 2. Der Nationalstaat - die Basis der Aufhebung des -------------------------------------------------- Kapitalverhältnisses unter Internationalisierungs- -------------------------------------------------- und Integrationsbedingungen --------------------------- In diesem Aufsatz wird die These entfaltet, d a ß d e r b ü r- g e r l i c h e N a t i o n a l s t a a t d i e B a s i s d e r A u f h e b u n g d e s K a p i t a l v e r h ä l t- n i s s e s u n t e r d e n B e d i n g u n g e n v o n I n t e r n a t i o n a l i s i e r u n g s- u n d I n t e- g r a t i o n s p r o z e s s e n i s t - und zwar im doppelten Sinne des Wortes Aufhebung: Der nationale Staatsapparat stellt relative Lösungsformen bereit, mittels derer das Kapital die Internationalisierungs- und Integrationsprozesse als Potenzen gegen die Verschlechterung der Verwertungsbedingungen nutzen kann - mit der Konsequenz allerdings, daß die Eingriffsmöglichkeiten der nationalen Staatsapparate selbst durch die internationale Vergesellschaftung der Produktion beschnitten und in ihrem Wir- kungsradius beeinträchtigt werden. Auf der anderen Seite bedeutet Aufhebung des Kapitalverhältnisses angesichts ökonomischer Inter- nationalisierungsprozesse aber eben auch Transformation und Über- windung des Kapitalverhältnisses. Diese Prozesse - dies impli- ziert obige These - können auch unter den Bedingungen der inter- nationalen ökonomischen und teilweisen politischen Verflechtung vorrangig nur durch Veränderungen auf der nationalen Ebene durch- gesetzt werden . allerdings unter der Voraussetzung, daß die na- tionalen Bemühungen in die permanenten Anstrengungen zu transna- tionaler Kooperation eingebunden sind. Dies macht die unmittelbar politische Relevanz der Bestimmung des Verhältnisses von Natio- nalstaatlichkeit und Internationalisierung des Kapitals aus, daß damit immer schon eine Strategie der Arbeiterbewegung vorgezeich- net ist. Folgt man nämlich der These vom "Absterben", zumindest von der den internationalen Konzernen gegenüber abnehmenden Be- deutung der Nationalstaaten, dann wird für eine sozialistische Transformationsstrategie der nationale Kampf immer weniger wich- tig, dann wird oft die transnationale Strategie als solche zur Bedingung einer erfolgreichen antikapitalistischen Zielsetzung. Hier dagegen werden die Internationalisierung des Kapitals und seine . in der Bedeutung keineswegs abnehmende . nationalstaatli- che Verfassung als eine widerspruchsvolle Einheit gesehen, bei der sich nicht letztlich der Widerspruch dadurch auflöst, daß die eine Seite, die Internationalisierung, über die andere, die Na- tionalstaatlichkeit, dominiert. Unter dieser Voraussetzung ist also auch der Kampf der Arbeiterbewegung in seiner Einheit als nationaler u n d internationaler zu bestimmen, wobei allerdings von seiner nationalen Priorität ausgegangen wird. Entgegen den knapp dargestellten Auffassungen, daß die Herausbil- dung und Expansion der multinationalen Konzerne und der regiona- len Integration in Westeuropa nichts mit der E n t w i c k- l u n g des Kapitalverhältnisses, mit der Monopolisierung und der Ausbildung des staatsmonopolistischen Kapitalismus zu tun habe, soll im folgenden gerade der Z u s a m m e n h a n g die- ser Entwicklungen expliziert werden. Ausgangspunkt der Überlegun- gen ist die Überzeugung, daß es nicht ausreicht zu versichern, daß eine Entwicklung eine kapitalistische ist, daß sie den Gesetzmäßigkeiten des Kapitals unterliegt. Es kommt vielmehr darauf an, die Entwicklungsgeschichte des Kapitals selbst aufzuspüren, seine Entwicklung als das Resultat seiner inneren Widersprüchlichkeit zu begreifen, und also Entwicklungen wie die Internationalisierung und die Integration in ihrer Genese und Funktion als aus diesen Widersprüchen hervorwachsend zu analysieren. Die internationalen Konzerne erscheinen dann nicht als Vehikel, mit dem das Kapital als Weltkapital zu seinem Begriff kommt, sondern die Internationalisierung der Produktion wird zusammen mit der Herausbildung des staatsmonopolistischen Kapitalismus als relative Lösungsform der dem Kapital immanenten Widersprüche auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung aufge- faßt. Die innere Logik des Kapitals entfaltet sich, indem es seine immanenten Widersprüche entwickelt und dafür - unter der Bedingung der Aufrechterhaltung der privaten Kapitalverwertung . relative Formen der Überwindung seiner Widersprüche findet. Der bürgerliche Staat konstituiert sich im Unterschied zu Staatstypen vorkapitalistischer Produktionsweisen als n a t i o n a l e r und wird auch als solcher reproduziert. 8) Indem die Bourgeoisie jedoch den Nationalstaat herstellt, schafft sie zugleich den Weltmarkt. Das Kapital ist zugleich nationalistisch und kosmopo- litisch. Der bürgerliche Nationalstaat entstand aus der Notwen- digkeit, einen einheitlichen nationalen Markt zu schaffen. "Unabhängige, fast nur verbündete Provinzen mit verschiedenen In- teressen, Gesetzen, Regierungen und Zöllen wurden zusammenge- drängt in e i n e Nation, e i n e Regierung, e i n Gesetz, e i n nationales Klasseninteresse, e i n e Douanelinie." 9) Der frühbürgerliche Staat beseitigt dabei nicht nur im Innern der Nationen die der Herstellung des nationalen Marktes entgegenste- henden Hemmnisse, sondern gibt auch dem nationalen Kapital den nötigen Schutz gegenüber äußeren Einwirkungen. Die Protektion der heimischen Produzenten wird zum "Kunstmittel, Fabrikanten zu fa- brizieren" (Marx). Ist erst einmal ein - durch nationale staatli- che Protektion gestütztes - Stadium der Verallgemeinerung des Ka- pitalverhältnisses und seiner internationalen Konkurrenzfähigkeit gegeben, wird es Aufgabe des nationalen Staates, die Expansion des Kapitals auf dem Weltmarkt zu unterstützen. Schutzzoll und Freihandel stehen also keineswegs in unversöhnlichem Gegensatz zueinander. Vielmehr bilden die staatlich vermittelte Tendenz zur Weltmarktexpansion und die staatlich geförderte Protektion eine in sich allerdings widersprüchliche Einheit. Mit der Ausbildung der nationalen Märkte und der nationalen Staa- ten ist die volle Entfaltung des W e l t m a r k t e s verbun- den. Erst durch ihn wird der enge Kreis der Gebrauchswerte im na- tionalen Rahmen überwunden und kann sich der Wert universell ent- wickeln. Die Produktivkräfte treiben die Produktion voran und dehnen ihren gesellschaftlichen Zusammenhang aus. Die im Kapita- lismus möglich und zur Notwendigkeit gewordene Massenproduktion drängt über den nationalen Markt hinaus, fordert den Welthandel. Die Entwicklung des Weltmarktzusammenhangs ist ein Ergebnis der Entfaltung des Produktivkraftsystems, das allerdings unter kapi- talistischen Bedingungen spezifischen Beschränkungen unterliegt. Das Kapital beseitigt zwar die Schranken des lokalen Markts, in- dem es den nationalen Markt und darüberhinaus den Weltmarktzusam- menhang herstellt. Es findet aber an seiner Kapitaleigenschaft selbst die größte Schranke. Das Kapital stellt den Weltmarktzu- sammenhang zwar her, beseitigt jedoch nicht die Grundlagen der Nationalstaatlichkeit. Der Weltmarkt konstituiert sich vielmehr als Zusammenhang der in nationalen Staaten politisch zusammenge- faßten Kapitale. 10) Auch die Weltmarktexpansion des Kapitals hebt dessen innere Widersprüchlichkeit nicht auf, sondern stellt sie auf eine neue Stufe. Wegen dieser inneren Widersprüche wird im Zuge der Entfaltung des Kapitalverhältnisses die verstärkte ökonomische Aktivierung des (nationalen) Staates erforderlich. Die Marxsche Feststellung, daß das Kapital auf dem Weltmarkt zu seinem Begriff gelange, wird also erst dann zureichend erfaßt, wenn man sich einer anderen Marxschen Bestimmung, nämlich der über die immer nur r e l a t i v e Überwindung der dem Kapital gesetzten Schranken, erinnert: "Daraus aber, daß das Kapital jede solche Grenze als Schranke setzt und daher i d e e l l darüber weg ist, folgt keineswegs, daß es sie r e a l überwunden hat, und da jede solche Schranke seiner Bestimmung widerspricht, be- wegt sich seine Produktion in Widersprüchen, die beständig über- wunden, aber ebenso beständig gesetzt werden. Noch mehr. Die U n i v e r s a l i t ä t, nach der es hintreibt, findet S c h r a n k e n a n s e i n e r e i g e n e n N a t u r, die auf einer gewissen Stufe seiner Entwicklung es selbst als die größte Schranke dieser Tendenz werden erkennen lassen und daher zur Aufhebung durch es selbst hintreiben." 11) Entscheidendes Resultat der Entwicklung der kapitalistischen Pro- duktionsweise ist die Herausbildung des M o n o p o l s, mit dem relative Anpassungsformen des Kapitals an die Bewegung der Produktivkräfte zur Erhaltung der kapitalistischen Produktions- verhältnisse geschaffen werden. Die zunehmende Vergesellschaftung des Produktionsprozesses stößt im Kapitalismus auf privatkapita- listische Eigentumsverhältnisse, auf eine durch Private bestimmte Aneignungsweise, die dem Charakter der Gesellschaftlichkeit der Produktion nicht mehr entsprechen. Es müssen folglich Eigentums- formen geschaffen werden, die diesen Widerspruch zumindest be- dingt aufheben können. Im Monopol werden die entsprechenden Ei- gentumsformen gefunden, ohne jedoch die kapitalistische Produkti- onsweise und das Kapitalverhältnis selbst aufzuheben. Auf einer bestimmten Entwicklungsstufe erfordert der "steigende Zwang (der Produktivkräfte, H.-J. A.) zur Anerkennung ihrer gesellschaftli- chen Natur" 12) an Stelle privatkapitalistischer Vergesellschaf- tungsformen die Einbeziehung des Staates zur Anpassung der Eigen- tumsformen an die zunehmende Vergesellschaftung des Produktiv- kraftsystems. Der Staat greift allerdings nicht direkt planend und organisierend ein, sondern operiert mit Mitteln, die als ka- pitalistische bereits die dominierende Rolle der Monopole wider- spiegeln. Mit der Herausbildung von Monopolen kommt es zu einer inneren Differenzierung der Struktur des Gesamtkapitals. Einem Teil des Kapitals gelingt es, die sich aus der Verschlechterung der Verwertungsbedingungen ergebenden Probleme auf andere Kapi- tale abzuwälzen. Diese Differenzierung der Verwertungsbedingungen wird systematisch verfestigt. 13) Wenn der Staat nun die Aneignungsverhältnisse gegenüber Übergrif- fen schützt, ist dieser Eigentumsgarantie bereits der monopoli- stische Differenzierungsprozeß des Gesamtkapitals vorausgesetzt. Mit dem Schutz des Kapitaleigentums wird die Sicherung monopoli- stischer Positionen gewährt. Im gegenwärtigen staatsmonopolisti- schen Kapitalismus paßt der Staat im gesamtgesellschaftlichen Maßstab die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse dem Entwick- lungsstand der Produktivkräfte an. Die aus der Bewegung des pri- vaten Kapitals herausfallenden Bereiche übernimmt er in eigener Regie, um sie im gesellschaftlichen Maßstab zu entwickeln. Mithin treibt auch der Staat den gesellschaftlichen Charakter der Pro- duktion voran, ohne allerdings entsprechende Eigentumsverhält- nisse hervorzubringen, sondern eben bloß relative Anpassungsfor- men. Der Staat wirkt als vergesellschaftendes Organ des Gesamtka- pitals im Rahmen der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse. Wenn auch ökonomische Staatseingriffe nichts dem gegenwärtigen Kapita- lismus Eigentümliches sind, so ist doch ihr Anwachsen als quali- tativ neue Entwicklung zu sehen. Das Wachstum ökonomischer Staatseingriffe wird zur unmittelbaren Voraussetzung für den Ak- kumulations- und vor allem auch Reproduktionsprozeß. In der zunehmenden Gesellschaftlichkeit des Produktionsprozesses, in der historischen Bewegung der Kapitalverwertung liegt jedoch nicht nur die Ursache für die verstärkten ökonomischen Aktivitä- ten des Staates, sondern ebenso für die Internationalisierung und Herausbildung regionaler Integrationsformen. Die Mittel, mit denen der Kapitalismus die ihm gesetzten Schranken zu durchbre- chen versucht, nämlich die Entwicklung der Produktivkräfte, füh- ren zur steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals und damit zu einer Verschlechterung seiner Verwertungsbedingungen. Der permanent auftretende relative Kapitalüberschuß treibt zur Herausbildung internationaler Konzerne, fördert die Vergesell- schaftung der Produktion im internationalen Rahmen. Kapital wird produktiv im Ausland angelegt . nicht weil es zuhause gar keine Verwertungschance mehr hätte, sondern weil es nach optimaler Ver- wertung strebt. Während die Produktivkräfte nach internationaler Vergesellschaftung der Produktion drängen, sind die E i g e n- t u m s- u n d H e r r s c h a f t s s t r u k t u r e n j e- d o c h n a t i o n a l o r g a n i s i e r t. Es ist die Zuspitzung des Konfliktes zwischen Produktion und Verwertung im entwickelten Kapitalismus, die die Internationalisierung der Pro- duktion vorantreibt und zugleich den Staat zwingt, zunehmend in den Reproduktionsprozeß einzugreifen und die Verwertungsbedin- gungen des Kapitals zu verbessern. Der Kern zur Bestimmung des g e g e n w ä r t i g e n Verhältnisses von Nationalstaatlich- keit und Internationalisierung des Kapitals liegt also in der gleichzeitigen Forcierung der I n t e r n a t i o n a l i s i e- r u n g d e r Ö k o n o m i e und der Verstärkung ö k o n o- m i s c h e r E i n g r i f f e s e i t e n s n a t i o n a- l e r S t a a t s a p p a r a t e. Wird also hinsichtlich des genetischen Aspekts die Identität der Ursachen von Internationa- lisierung und nationalem Staatseingriff betont, so ist anderer- seits hinsichtlich der Auswirkungen zu berücksichtigen, daß sich die Internationalisierung der Ökonomie und die Nationalstaat- lichkeit politischer Interventionen gegensätzlich zueinander verhalten, daß die Internationalisierungstendenzen durch die permanenten Staatseingriffe "gebrochen" werden. 3. Kritik und Antikritik ------------------------ Die hier entwickelte Konzeption zur Bestimmung des Verhältnisses von Nationalstaatlichkeit und ökonomischer Internationalisierung und Integration ist dahingehend kritisiert worden, daß das Ver- hältnis von Ökonomie und Politik, Basis und Überbau als Verhält- nis der beiden "Seiten" eines Widerspruchs entwickelt werde, was jedoch theoretisch in die Irre führen müsse. 14) A. Statz, der im Übereifer der Kritik nicht selten Aussagen des Verfassers verfäl- schend und verkürzt wiedergibt, meint, es werde der gleiche Feh- ler wie bei den Anhängern der funktionalistischen Integrations- theorie und -methode wiederholt. 15) Der kapitalistische Markt werde nämlich als Triebkraft oder Schranke der westeuropäischen Integration genommen, ohne Raum für die politischen Formen der Vermittlung zwischen beiden zu lassen. Integration und Desinte- gration (im Rahmen der EG) würden bloß nebeneinander gestellt und objektivistisch mit dem Widerspruch zwischen Nationalstaatlich- keit und Internationalisierung sowie mit dem mit der Krisenhaf- tigkeit der Kapitalverwertung begründeten Zusammenwirken zentri- fugaler und zentripetaler Tendenzen und Kräfte im Fortschreiten der Integration erklärt. Dies soll nicht nur die methodische Schranke der Arbeiten des Verfassers, sondern der gesamten Theo- rie des staatsmonopolistischen Kapitalismus sein. "Aus dem Ver- weis auf die historische Entfaltung der Stufen der Kapitalent- wicklung, in denen sich die ökonomischen wie die politischen For- men verändern, kann daher gerade nicht auf die immer wiederkeh- rende Reproduktion und zunehmende Verschärfung des Widerspruchs zwischen Internationalisierung und Nationalstaat geschlossen wer- den. Dieses Verständnis ist in letzter Konsequenz genauso mecha- nistisch wie die allgemeine Beschwörung von Krisenhaftigkeit und Konkurrenz als einer absoluten Schranke jeder Entwicklung der ka- pitalistischen Produktionsweise." 16) Es sei daher falsch, davon auszugehen, daß die ökonomische Integration nicht zur Vergemein- schaftung politischer Kompetenzen im EG-Rahmen führe. Was die Kritik von Statz für weitere Diskussionen fruchtbar ma- chen k a n n, ist seine Bestimmung, daß die Weltmarktbewegung des Kapitals aufgrund der Struktur des Weltmarktes, die durch die Existenz der vielen Nationalstaaten und die Scheidung von äußerer und innerer Zirkulation gekennzeichnet ist, immer schon politisch durch den Staat vermittelt, daß die Bewegung des Kapitals auf dem Weltmarkt in den jeweiligen nationalen Akkumulations- und Verwer- tungsbedingungen begründet ist. 17) Die kapitalistische Nation in ihrer Einheit von Ökonomie und Po- litik ist Ausgangspunkt und Träger der Bewegungsform des Verhält- nisses von Ökonomie und Politik auf dem Weltmarkt. Zuzustimmen ist der Auffassung von Statz, daß Handlungszwänge nicht mit den politischen Handlungen selbst identifiziert werden dürfen, daß Handlungsspielräume und bewußte politische Strategien der Akteure nicht als sekundär abzutun sind, daß objektive Gegebenheiten in subjektive Handlungsstrategien erst übersetzt bzw. umgesetzt wer- den müssen. Hier setzt aber auch die K r i t i k ein: Statz ist dabei, die Analyse der politischen Aktivitäten der Handelnden von den Handlungszwängen, von den objektiven gesellschaftlichen Be- dingungen abzukoppeln. Dies kommt u.a. darin zum Ausdruck, daß er die Chancen der Direktwahlen zum Europäischen Parlament vor allem darin sieht, daß die fortschrittlichen Kräfte im EG-Parlament die ideologische Hegemonie erringen und somit "vereinheitlichte, po- litische Strategien" im Rahmen einer "neuen Qualität" des Inter- nationalismus zum Zwecke der Überwindung des Kapitalismus verfol- gen könnten. 18) Damit aber wird das Streben nach i d e o l o- g i s c h e r Hegemonie verabsolutiert und von den politisch- ökonomischen Strukturen im Rahmen der EG abgelöst. Das die Perspektiven des Kampfes der Arbeiterbewegung bestimmende Moment - gleichsam der allgemeinste Handlungszwang - besteht jedoch darin, daß das Kapital als gesellschaftliches Verhältnis auch heute der nationalstaatlichen Form bedarf, daß die Eigentums- strukturen und damit die Strukturen der Klassen und der Klassen- herrschaft national verankert sind. Wird dieser ganze Zusammen- hang vernachlässigt, wird der ideologische Kampf per se zum poli- tischen Kampf, reduziert sich letzterer auf ersteren und zeichnet sich die Bestimmung des Verhältnisses von nationalem und transna- tionalem Kampf der Arbeiterbewegung durch eine merkwürdig anmu- tende Unscharfe und Unbestimmtheit aus, die für die u n t e r- s c h i e d l i c h s t e n A u s l e g u n g e n o f f e n- b l e i b t, mithin opportunistischer Intention dienstbar scheint. Ein zweites Argument ist zu berücksichtigen: Wenn Statz auf die Unterscheidung von konkreter Handlung und allgemeinen Handlungs- zwängen - zu Recht - besonderen Wert legt, dann müßte aus diesem Insistieren eine Konsequenz gezogen werden, die Statz selbst viel zu beiläufig zieht: Das Verhältnis von bürgerlicher National- staatlichkeit und kapitalistischer Internationalisierung wäre nicht nur kategorial für das entwickelte Kapitalverhältnis zu entfalten sondern vor allem wäre die E n t w i c k l u n g d e r H a n d l u n g s z w ä n g e, also die E n t w i c k- l u n g d e s K a p i t a l s selbst in den Mittelpunkt der Analyse zu stellen. Der Zwang zur Herausbildung von Monopolen, zur Ausprägung staatsmonopolistischer Strukturen wird aber kaum systematisch entfaltet. Jener Gedanke, der in diesem Aufsatz eine zentrale Funktion hat, daß nämlich das Verhältnis zwischen dem Nationalstaat und der Internationalisierung und der Integration erst dann zureichend erfaßt und theoretisch für empirische Analysen aufbereitet werden kann, wenn die Entfaltung des Kapitalismus in Stufen seiner Widerspruchsentwicklung mit der Produktion jeweiliger relativer Lösungsformen zugrundegelegt wird, spielt bei Statz kaum eine Rolle. 19) Der weitgehende Ver- zicht auf eine integrierende Einbeziehung der Monopolproblematik erscheint als grundlegende Schwäche der Arbeit von Statz - eine "Lücke", die gleichermaßen als Voraussetzung wie Folge der oben erwähnten Unbestimmtheit in bezug auf die politische Strategie- findung zu begreifen ist. Wenn hier dagegen an der zentralen Bedeutung der K a p i t a l- e n t w i c k l u n g festgehalten wird, gilt es allerdings auch, den Eindruck zu vermeiden, nun könnten ökonomische, poli- tische und gesellschaftliche Krisenerscheinungen nur noch durch den allgegenwärtigen Staatseingriff relativen Lösungsformen zugeführt werden. Es kommt darauf an, die objektiven, aus der Entwicklung der Produktivkräfte, der tendenziellen Verschlech- terung von Verwertungsbedingungen resultierenden A n f o r d e- r u n g e n an staatliche Potenzen zu bestimmen, ohne daß damit schon der staatliche Eingriff, die Form politischen Handelns des Staats als einzige Alternative übrig bleibt. In welcher Weise den Anforderungen entsprochen wird, hängt nicht nur von dem Charakter der Anforderungen ab, sondern auch von dem konkreten Stand der Akkumulations- und Verwertungsbedingungen, dem Niveau der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und dem Kräfteverhältnis zwischen den Klassen. Hilfreich für die weitere Diskussion dieses Zusammenhangs können Anregungen sein, die mit der Einführung des Begriffs von der "privatmonopolistischen Entwicklungsvariante des staatsmonopoli- stischen Kapitalismus" für die Verhältnisse in der Bundesrepublik gegeben wurden. 20) Die privatmonopolistische Entwicklungsvari- ante bedeutet dabei nicht, "daß die herrschende Klasse einen Ab- bau des staatsmonopolistischen Mechanismus in die Wege leiten könnte oder würde. Sie bedeutet aber mit der völligen Orientie- rung der staatlichen Wirtschaftspolitik auf die Förderung der Konzerne und, unter dem Diktum der Weltmarktkonkurrenz, auf die Stärkung ihrer ökonomisch-politischen Potenz den Verzicht auf die Entwicklung und ein Konzept, in dem der Ausbau der unmittelbaren Wirtschaftsaktivitäten des Staates aktuelle Priorität hat." 21) Dies kommt u.a. darin zum Ausdruck, daß die Bundesregierung vor dem Hintergrund der relativ starken ökonomischen Position des bundesdeutschen Kapitals für eine möglichst weitgehende Liberali- sierung des Welthandels eintritt, daß keynesianische Lösungswege in der Bundesrepublik zugunsten von neoklassisch inspirierten stabilitätspolitischen Ordnungsvorstellungen zurückgedrängt wer- den, daß der Stabilitätspolitik Vorrang vor der Ausweitung staat- licher Programme zur Reduzierung der Arbeitslosigkeit eingeräumt wurde. Die stabilitätspolitische Orientierung soll u.a. folgende positiven Effekte für das Kapital bewirken: die Inflation wird gebremst, die Außenwirtschaftsposition damit verbessert, die Er- höhung der Rohstoffpreise wird in Grenzen gehalten, die Ar- beitsproduktivität erhöht sich, und das Wachstum der staatlichen Umverteilungsquote wird eingeschränkt. Außerdem bleibt die "Sozialpartnerschaft als ideologische und praktische Form der Klassenbeziehungen in der BRD (...) in der Krise trotz der An- griffe des Kapitals auf den Lohn- und Sozialstandard und trotz Massenarbeitslosigkeit im wesentlichen intakt." 22) Gerade an diesem Punkt könnte die Diskussion über den g e g e n w ä r- t i g zu konstatierenden Zusammenhang zwischen Nationalstaat- lichkeit und Internationalisierungs- und Integrationsbewegungen vorangetrieben werden. Denn es stellt sich ja nicht nur die Frage, unter welchen Bedingungen in der Bundesrepublik die noch dominierenden s o z i a l p a r t n e r s c h a f t l i c h e n B e z i e h u n g e n - als e i n e w e s e n t l i c h e V o r a u s s e t z u n g u n d R e p r o d u k t i o n s b e- d i n g u n g d e r r e l a t i v e i n f l u ß r e i c h e n i n t e r n a t i o n a l e n P o s i t i o n - erodieren kön- nen, sondern es käme auch darauf an, die spezifischen bundesdeut- schen Verhältnisse in Beziehung zur Situation in anderen westeuropäischen Ländern zu setzen. Also die etwas idealtypische Vorstellung zu überprüfen, daß in westeuropäischen Ländern, die über eine starke, klassenkämpferische Arbeiterbewegung verfügen, die Tendenzen zur Ausweitung unmittelbar staatlicher Eingriffe stärker sind als in Ländern wie der Bundesrepublik, in der die Herausbildung der privatmonopolistischen Entwicklungsvariante auch Ergebnis des spezifischen Kräfteverhältnisses von Kapital und Arbeit ist. Die analytische Durchdringung der EG und ihre Charakterisierung als eine Krisengemeinschaft könnte vertieft und präzisiert werden - zwar nicht dadurch, daß eine neue theore- tische Variante zur Bestimmung des Verhältnisses von National- staat und internationaler Vergesellschaftung der Produktion das Ergebnis wäre, wohl aber eine methodisch-theoretische Anleitung zur systematischen und strukturierenden Analyse der westeuropäi- schen Integration unter den gegenwärtigen Bedingungen. Eine derartige Vertiefung der Untersuchung böte zumindest die Chance, weder bei einer "ökonomistischen" noch bei einer "politizisti- schen" Erklärung stehen zu bleiben, sondern die westeuropäische Integration als die herausragende Form, in der sich das Verhält- nis von Nationalstaatlichkeit und Internationalisierung als eine widerspruchsvolle Einheit bzw. als relative Lösungsform verfe- stigt hat, als einen einheitlichen Zusammenhang von Ökonomie, Po- litik und Klassenkampf zu bestimmen und bezüglich seiner gegen- wärtigen Entwicklung genauer zu erfassen. Auf diese Weise können auch gewisse Einseitigkeiten, wie sie der Analyse der EG-Krise durch K. Busch anhaften, vermieden werden. Nach Busch kann die Aufhebung der Nationalstaatlichkeit in Form einer Politischen Union "nur aus einer zunehmenden ökonomischen Verflechtung im EWG-Raum und einer Angleichung der ökonomischen Strukturen der einzelnen Mitgliedsländer hervorwachsen." 23) Weil sich aber die wirtschaftliche Entwicklung der einzelnen EG-Länder ungleichmäßig vollzieht, "sind die Versuche, den ökonomischen Integrations- prozeß über die Zollunion hinaus zu vertiefen, zum Scheitern verurteilt." 24) Dies ist zwar eine durchaus zutreffende Analyse der Integration. Was Busch jedoch vernachlässigt, ist die Tat- sache, daß im Prozeß der Integration immer schon p o l i- t i s c h im nationalen Rahmen zusammengefaßte Ökonomien in Beziehung treten. Weil Busch diese staatliche Vermittlung öko- nomischer Beziehungen im Rahmen der EG vernachlässigt, bleibt seine Analyse einseitig ökonomisch, erscheint die Tätigkeit und Existenz der Nationalstaaten im Prozeß der Integration eher äu- ßerlich. 4. Die nationale Basis der weltweit operierenden Konzerne --------------------------------------------------------- Die ganze Widersprüchlichkeit des Verhältnisses zwischen (ent- wickelten) bürgerlichen Staaten und ökonomischen Internatio- nalisierungstendenzen wird gegenwärtig an den Beziehungen zwi- schen Nationalstaaten und internationalen Konzernen einerseits und der regionalen Integration andererseits sichtbar. In beiden Fällen bestätigt sich, daß die relativen Lösungsformen der kapi- talimmanenten Widersprüche, nämlich die ökonomische Internationa- lisierung vor allem in Form verstärkter Kapitalexporte und der Ausbau staatsmonopolistischer Interventions- und Regulierungssy- steme, keineswegs diese Widersprüche auf Dauer aufheben können, daß sie zu neuen Widersprüchen führen und damit zur Ursache neuer Krisenentwicklungen werden. Einerseits bilden umfangreiche staat- liche Förderungsmaßnahmen erst die Voraussetzungen einer effekti- ven Internationalisierung des Kapitals, andererseits stehen die Aktivitäten internationaler Konzerne aber auch im Konflikt mit den staatlichen Maßnahmen zur Regulierung der Gesamtwirtschaft, beeinträchtigen diese oder setzen sie gar außer Kraft. Es ist wichtig festzuhalten, daß internationale Konzerne zwar in glo- balen Dimensionen operieren und überall in der Welt Produktions- stätten aufbauen. Sie sind aber nicht völlig aus dem Bezug auf national verfaßte Staaten abgelöst. Vielmehr sind die Eigentums- strukturen, sind die Besitzverhältnisse der international operie- renden Unternehmen ganz überwiegend n a t i o n a l e n Charak- ters. Dies kommt dann auch darin zum Ausdruck, daß die Führungs- zentralen der multinationalen Konzerne im Heimatland angesiedelt und die gesamten Entscheidungsstrukturen innerhalb der Unterneh- men auf diese Zentralen hin ausgerichtet sind. 25) Die weltum- spannenden Aktivitäten multinationaler Konzerne, deren Umsätze nicht selten das Bruttosozialprodukt kleinerer und mittlerer ent- wickelter kapitalistischer Staaten übersteigen, beeinträchtigen die Funktionstüchtigkeit nationaler Staatsapparate und führen zur faktischen Aushöhlung der nationalen Souveränität. Die Fähigkeit der nationalen Staatsapparate, als ideelle Gesamtkapitalisten die Ökonomie im nationalen Maßstab zusammenzufassen und kompensato- risch den Verwertungsschwierigkeiten des Kapitals entgegenzuwir- ken, wird eingeschränkt. Dabei sind jene Konflikte und Widersprü- che zwischen multinationalen Konzernen und "Gastländern" von denen zu unterscheiden, die zwischen den internationalen Unter- nehmen und ihren Heimatländern entstehen. Darüberhinaus tauchen Konflikte auch zwischen Gast- und Heimatländern in dem Maße auf, in dem internationale Konzerne zum Mittel der Außenpolitik der Ursprungsländer werden. Ein erster zentraler Konfliktbereich ergibt sich daraus, daß ein zunehmend größer werdender Teil des internationalen Handels durch den Austausch zwischen Tochterunternehmen eines multinationalen Konzerns in verschiedenen Ländern beherrscht, also zum konzernin- ternen Handel wird. Export- und Importstrukturen werden wertmäßig dadurch verändert, daß multinationale Unternehmen zum Zwecke der Gewinnverlagerung oder auch der Verringerung von Steuerverpflich- tungen Preisfestlegungen bei Ein- und Verkäufen im konzerninter- nen Handel relativ willkürlich behandeln ("transfer-price-sy- stem"). Auf diese Weise können sich Verzerrungen bis hin zu Han- delsbilanzdefiziten oder -überschüssen ergeben, die allein den Auswirkungen der manipulierten Lieferungen zwischen den verschie- denen Niederlassungen der multinationalen Konzerne entspringen. In dem Maße, wie Kapital ins Ausland exportiert wird, nehmen auch Zahlungsbilanzprobleme zu. Steigende Direktinvestitionen drängen zumeist den Warenexport zurück und ersetzen ihn teilweise. In den USA sah sich die Regierung aufgrund der anhaltenden Verschlechte- rung der Zahlungsbilanz seit 1965 gezwungen, Programme zu entwic- keln und gesetzliche Vorschriften zu erlassen, mit denen der Wa- renexport gefördert und der Kapitalexport gebremst werden sollte. Zwar geschah dies nicht aus prinzipieller Ablehnung von Kapital- exporten . im Gegenteil. Nur kommt es für die nationalen Staats- apparate darauf an, daß die an sich schon beschränkten Möglich- keiten staatlicher Eingriffe zur Aufrechterhaltung bzw. Wieder- herstellung eines relativen volkswirtschaftlichen Gleichgewichts nicht noch weiter eingeschränkt werden. Die sich über die multi- nationalen Konzerne herstellende arbeitsteilige Struktur der Weltwirtschaft ist von den Nationalstaaten nur noch in geringerem Maße im Interesse einer langfristigen Sicherung der Kapitalver- wertungsbedingungen zu beeinflussen. Die von den multinationalen Konzernen maßgeblich beeinflußten Handelsströme richten sich le- diglich nach den Rentabilitätsgesichtspunkten dieser Unternehmen. Prioritäten nationaler Wirtschaftspolitik können unterlaufen, Maßnahmen der Währungspolitik behindert werden. Führt ein Land z.B. aus stabilitätspolitischen Gesichtspunkten Devisenbeschrän- kungen ein, können international operierende Konzerne diese viel leichter umgehen, da sie globalen Zugang zu Finanzierungsquellen haben. Die bei multinationalen Konzernen angesammelten Finanzmit- tel erreichen nicht selten einen solchen Umfang, daß ihr spekula- tiver Einsatz einzelne nationale Währungen unter Druck setzen kann. 26) Da sich multinationale Unternehmen vor allem in Wachs- tumsbranchen bzw. solchen Sektoren mit Spitzentechnologien ansie- deln, kann der ungehinderte Ausbau von Niederlassungen multina- tionaler Konzerne bedeuten, daß große Bereiche der Spitzenindu- strien der nationalen Kontrolle entzogen werden. Schließlich kön- nen nationale Rechtssysteme dadurch beeinträchtigt werden, daß sich die Tochterunternehmen multinationaler Unternehmen gesetzli- chen Regelungen des Heimat-, nicht aber des Gastlandes unterstel- len bzw. mit Sanktionen drohen, falls dies verhindert werden soll. Im Zusammenhang mit der Diskussion um die Einführung eines neuen Mitbestimmungsgesetzes Anfang der siebziger Jahre erklärte die US-Handelskammer, falls diese Bestimmungen auch auf US-Unter- nehmen angewandt würden, würden keine US-Investitionen mehr in der Bundesrepublik getätigt. Aus der Internationalisierung der kapitalistischen Produktion ergeben sich bezüglich der National- staatlichkeit unterschiedliche, z.T. gegensätzliche Konsequenzen. Zum einen können international operierende Konzerne durch die weltweite Mobilität ihre Verwertungsbedingungen verbessern und aus der ungleichmäßigen Entwicklung einzelner Staaten Nutzen zie- hen. Zum ändern werden die Möglichkeiten nationaler Staatsappa- rate eingeschränkt, zum Zwecke der Verbesserung der Verwertungs- bedingungen im Sinne eines ideellen Gesamtkapitalisten aktiv zu werden. Nationalstaatliche Interventionen wirken nur noch bedingt auf das Gesamtkapital ein, wenn Teile des Kapitals, die interna- tionalen Konzerne, sich Restriktionen nationaler Wirtschaftspoli- tik entziehen können. Es verstärken sich zwar die wechsel- seitigen Abhängigkeiten zwischen den einzelnen Nationalstaaten vor allem in Westeuropa, übertragen sich ökonomische Schwierig- keiten eines Landes auf andere und werden Handels- und Kapitalverflechtungen enger. Hieraus resultiert die Tendenz, be- stimmte Staatsfunktionen aus dem nationalen Bezug zu lösen und zu internationalisieren. Diese Bewegungen stoßen jedoch stets auf Gegenkräfte, die aus dem Zwang zur staatlichen Absicherung von Verwertungsbedingungen des Kapitals resultieren. Diese kann ange- sichts der Aufrechterhaltung der Konkurrenz zwischen den nationa- len Kapitalen nur von den nationalen Staatsapparaten gewährlei- stet werden. Es erscheint daher zu schematisch, von einer "zentripetalen Tendenz", die auf politische Integration hinwirke, und von einer "zentrifugalen Tendenz", die sich als Konflikt, Ri- valität und Konkurrenz äußere, zur Kennzeichnung der Triebkräfte im Prozeß der Integration zu sprechen. 27) Es kommt darauf an, den notwendigen Zusammenhang beider Kräfte herauszuarbeiten, und sie nicht bloß als Verallgemeinerung erscheinender Bewegungen zu benennen. 28) Es kommt in der EG nicht zum tatsächlichen Ausbau umfassender su- pranationaler Strukturen und Organe mit entsprechenden Kompeten- zen. Vielmehr führen die Tendenzen zur Internationalisierung von Staatsfunktionen letztendlich dazu, daß in der Gemeinschaft - ge- rade in letzter Zeit verstärkt - z w i s c h e n s t a a t l i- c h e, intergouvernementale Formen der Kooperation zwischen den einzelnen Mitgliedsländern ausgebaut werden. Die entscheidenden Kompetenzen verbleiben in der Hand nationaler Staatsapparate und Regierungen. Die Bemühungen zur Abstimmung der national betrie- benen Politik und zur internationalen politischen Arbeitsteilung werden jedoch intensiviert. Herausragende Beispiele dieser zwi- schenstaatlichen Kooperation in der EG sind die Außenpolitik und die Währungspolitik. In der Außenpolitik arbeiten die westeuro- päischen Regierungen im Rahmen der "Europäischen Politischen Zu- sammenarbeit" (EPZ) intensiv zur Abstimmung ihrer außenpoliti- schen Haltung zusammen, um das internationale Gewicht der EG- Länder gegenüber dritten Ländern und Regionen zu erhöhen. Die Verantwortung für die Festlegung außenpolitischer Strategien und Prioritäten verbleibt zwar letztlich bei den Regierungen der Mitgliedsländer. Doch wo sich die Regierungen auf einen Kompromiß einigen können, treten sie (relativ) geschlossen anderen Ländern gegenüber auf. Die EG-Länder gewinnen damit an internationalem Einfluß, ohne auf die nationale Souveränität in außenpolitischen Fragen zu verzichten. Exemplarisch läßt sich der Zusammenhang von Internationalisierungstendenzen und deren permanenten nationalen Restriktionen auch am "Europäischen Währungssystem" (EWS) aufzeigen. Das System entstand aus der Notwendigkeit, die immer stärker auseinanderdriftenden Währungen der westeuropäischen Länder in ihrem gegenseitigen Verhältnis zueinander zu stabi- lisieren . eine Aufgabe, die von den nationalen Regierungen und Zentralbanken allein nicht mehr wahrgenommen werden kann. Die zu diesem Zweck gestarteten Bemühungen, eine Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) im Rahmen der EG zu verwirklichen, ließen sich nicht realisieren, weil dies vorausgesetzt hätte, daß sich einerseits die ökonomische Entwicklung der einzelnen EG-Länder weniger ungleichmäßig vollzogen hätte 29), und daß andererseits die nationalen Organe einen Teil ihrer Befugnisse an EG-Organe abgegeben hätten. Statt einer gleichmäßigeren ökonomischen Entwicklung der einzelnen Gemeinschaftsländer war aber eher das Gegenteil zu beobachten, und die Regierungen der Mitgliedsländer waren nicht bereit, ihre währungspolitischen Kompetenzen einer EG-Behörde zu übertragen. Dies lag u.a. daran, daß die einzelnen EG-Länder aufgrund der unterschiedlichen ökonomischen Entwicklung der Mitgliedsländer auch voneinander abweichende währungspoliti- sche Konzeptionen verfolgten. Die Bundesregierung und vor allem die Bundesbank traten so z.B. durch eine besonders konsequente Vertretung restriktiver stabilitätspolitischer Ordnungsvorstel- lungen hervor, die von anderen EG-Ländern nicht, bzw. nicht in diesem Maße geteilt wurden. Das EWS als eine Form der währungspolitischen Kooperation zwischen westeuropäischen Staaten unter Einschluß von Staaten, die nicht Mitglied der EG sind, und unter Ausschluß von Gemeinschaftsstaaten (Großbritannien) kann also als spezifische Form der derzeit möglichen währungspoliti- schen Kooperation der EG-Staaten gelten. Das EWS stellt den Ersatz für die nicht realisierbare WWU dar, verzichtet auf die Übertragung nationaler Kompetenzen an EG-Organe, was bei einer WWU zwingend gewesen wäre, und begnügt sich mit der zwi- schenstaatlichen Kooperation zwischen jenen Mitgliedsstaaten der EG, deren ökonomische Lage sie dazu in die Lage versetzt. Mithin erscheint es angebracht, nicht die EG als solche schon als r e l a t i v e L ö s u n g s f o r m der Widersprüche zwischen Internationalisierungstendenzen und der Reproduktion der Natio- nalstaatlichkeit zu begreifen 30). Vielmehr ist in der knapp ge- schilderten s p e z i f i s c h e n Form der Integration, die auf der Basis einer dichten ökonomischen Verflechtung zwischen den EG-Ländern zwar Tendenzen zur Schaffung übernationaler Struk- turen hervorbringt, diese jedoch aufgrund nationaler Restriktio- nen in zwischenstaatliche Kooperationsformen bei Erhaltung der nationalen Souveränität transformieren muß, die Form der relati- ven Lösung und Aufhebung der o.a. Widersprüche zu sehen. 31) Aus der hier entwickelten Darstellung der widersprüchlichen Exi- stenzbedingungen des Nationalstaates angesichts der an Bedeutung zunehmenden Internationalisierung des Kapitals folgt . um die eingangs erörterte Frage nach dem Verhältnis von nationalen und internationalen Formen des Kampfs der Arbeiterbewegung, nach den Chancen zur Transformation des Kapitalismus wieder aufzunehmen -, daß von einer P r i o r i t ä t d e r n a t i o n a l e n g e s e l l s c h a f t l i c h e n A u s e i n a n d e r s e t- z u n g e n, von einem P r i m a t d e r n a t i o n a l e n V e r ä n d e r u n g e n d e r p o l i t i s c h e n K r ä f- t e v e r h ä l t n i s s e z u r Ü b e r w i n d u n g d e s K a p i t a l i s m u s auszugehen ist. Maßgeblich dafür sind u.a. folgende Faktoren und Zusammenhänge: Auch die gegenwärtig rasch voranschreitende ökonomische Internationalisierung und die Herausbildung relativ stabiler regionaler Integrationsformen führt nicht dazu, daß die Nationalstaatlichkeit überwunden wird. Vielmehr verlieren auch unter den Bedingungen der Integration die nationalstaatlichen Eingriffe zur Verbesserung und Erhaltung von Verwertungsbedingungen keineswegs an Bedeutung. D i e ö k o- n o m i s c h e u n d p o l i t i s c h e B a s i s d e r H e r r s c h a f t d e s K a p i t a l s, s e i n e i n- t e r n a t i o n a l o p e r i e r e n d e n T e i l e e i n- g e s c h l o s s e n, b l e i b t d e r N a t i o n a l- s t a a t. Er ist diejenige Ebene, wo es den herrschenden Kräf- ten bislang gelingt, die antikapitalistischen Kräfte von der Erringung der Hegemonie fernzuhalten. Dies hervorzuheben bedeutet nun allerdings nicht, daß die nationalen Formen der Klassenaus- einandersetzungen verabsolutiert, und daß die transnationalen Formen geringgeschätzt werden dürften. 32) Zwar erscheint es überzogen, von einer "neuen Qualität des Internationalismus" und davon auszugehen, daß anders als über die transnationale Par- teienkooperation die "notwendige Strategie eines Bündnisses zwi- schen dem sozialdemokratisch-sozialistischen und dem kommunisti- schen Teil der Arbeiterbewegung" nicht zu erreichen sei. 33) Unter den gegenwärtigen Bedingungen kann aber eine Strategie der Arbeiterbewegung, die von der Priorität nationaler Forderungen und Auseinandersetzungen ausgeht, erfolgversprechend nur dann noch verfolgt werden wenn sie in die t r a n s n a t i o n a l e K o o p e r a t i o n der Arbeiterbewegung eingebettet ist. _____ 1) SPD (Hrsg.), Soziale Demokratie für Europa. Programm der Sozi- aldemokratischen Partei Deutschlands für die erste europäische Direktwahl 1979, Bonn 1978, S. 28. 2) E. Altvater, Multinationale Konzerne und Arbeiterklasse, in: K.P. Tudyka (Hrsg.), Multinationale Konzerne und Gewerkschafts- strategie, Hamburg 1974, S. 79"104. 3) E. Krippendorff, Zum Imperialismus-Begriff, in: Ders. (Hrsg.), Probleme der internationalen Beziehungen, Frankfurt/M. 1972, S. 177-203, bes. S. 194 ff. 4) Ch. Neusüß, Imperialismus und Weltmarktbewegung des Kapitals, Erlangen 1972. 5) Vgl. vor allem C. v. Braunmühl, Kapitalakkumulation im Welt- marktzusammenhang, in: Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theo- rie, Frankfurt/M. 1974, S. 30-51. 6) Vgl. Autorenkollektiv, Internationale Monopole, Berlin/DDR 1978, S. 70 und 77. 7) Vgl. ausführlich H.-J. Axt/F. Deppe, Europaparlament und EG- Erweiterung. Krise oder Fortschritt der Integration? Köln 1979. 8) Was hier bezüglich des Verhältnisses von Nationalstaat und ökonomischer Internationalisierung nur knapp skizziert werden kann, ist ausführlich dargestellt in: H.-J. Axt, Staat, multina- tionale Konzerne und politische Union in Westeuropa. Ein Beitrag zur Staatstheorie und Analyse regionaler Integration, Köln 1978. 9) K. Marx/F. Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Marx/Engels Werke (MEW), Bd. 4, S. 467. 10) Diesen Zusammenhang hat A. Statz (Grundelemente einer polit- ökonomischen Theorie der westeuropäischen Integration, Frank- furt/M. 1979) mit der These von der immer schon durch außerökono- mische Gewalt, also den Nationalstaat, vermittelten Weltmarktbe- wegung des Kapitals ausführlich dargestellt. 11) K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Frankfurt/M.-Wien O.J., S. 313f. (Hervorh. d.V.). 12) F. Engels, Anti-Dühring, MEW Bd. 20, S. 258. 13) Vgl. u.a. zur Diskussion der Monopolproblematik: Institut für Marxistische Studien und Forschungen (Hrsg.), Das Monopol - öko- nomischer Kern des heutigen Kapitalismus, Frankfurt/M. 1976. 14) Vgl. zu dieser Kritik verschiedene Arbeiten von A. Statz, Grundelemente..., a.a.O. Ders., Die Direktwahl zum Europäischen Parlament . Bürgerliches Ablenkungsmanöver oder Eröffnung eines neuen Feldes des Internationalismus? In: Das Argument, H. 115, West-Berlin 1979, S. 428-439. Ders., Zum Stellenwert der Direkt- wahlen des Europäischen Parlaments im Integrationsprozeß - eine integrationstheoretische Skizze. Beitrag zur Arbeitsgruppe "Europäisierung politischer Parteien und ihre Folgen" im Rahmen des wissenschaftlichen Kongresses der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft in Augsburg, 1.-4. Oktober 1979. Es kann im Rahmen dieser Arbeit nicht um eine grundsätzliche Auseinander- setzung mit der Kritik von Statz gehen. 15) Zur unzutreffenden Wiedergabe der Thesen des Verfassers durch Statz vgl. H.-J. Axt, Eine "neue Qualität des Internationalis- mus"? In: Das Argument, H. 118, West-Berlin 1979, S. 871-875. 16) A. Statz, Grundelemente..., a.a.O., S. 221 f. 17) Ebd., S. 124. 18) Vgl. ders., Die Direktwahl..., a.a.O. 19) Dies räumt auch Statz (Grundelemente..., a.a.O., S. 215) ein, wenn er schreibt, die Monopolisierung müsse bei der Untersuchung der westeuropäischen Integration und des in ihrem Rahmen gegebe- nen Verhältnisses von Politik und Ökonomie aus Gründen der eige- nen Beschränkung sowie der der Forschung allgemein außerhalb der Betrachtung bleiben. Es ginge in diesem Kontext allerdings ja auch nicht darum, einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Mono- poltheorie zu leisten, als vielmehr die durch die Monopolisierung bewirkten Modifikationen in der Produktion relativer Lösungsfor- men der kapitalimmanenten Widersprüche auf Genese und Funktion der Internationalisierung und regionalen Integration zu beziehen! 20) Vgl. H. Jung, Die privatmonopolistische Entwicklungsvariante des staatsmonopolistischen Kapitalismus der BRD: Voraussetzungen, Inhalt, Perspektiven. In: Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF l, Frankfurt/M. 1978, S. 9-57. 21) Ebd., S. 12 f. 22) Ebd., S. 37 f. 23) K. Busch, Die Krise der Europäischen Gemeinschaft, Frank- furt/M. 1978, S. 33. 24) Ebd., S. 197. 25) Es gibt nur einige wenige multinationale Konzerne, die im Be- sitz von Kapitalisten aus mehreren Staaten sind. Vgl. hierzu und zum folgenden H.-J. Axt, Staat..., a.a.O., S. 194 ff. 26) Vgl. ebd., S. 214 ff. 27) Vgl. Autorenkollektiv, Westeuropa in der heutigen Welt, Köln 1980, S. 180. 28) Vgl. hierzu in Übereinstimmung mit den diesbezüglichen Auf- fassungen des Verfassers: K.-H. Uhlig, EG . Gemeinschaft von Ri- valen, Berlin 1980, S. 45, 90 f. 29) Vgl. ausführlich K. Busch, Die Krise..., a.a.O. 30) So A. Statz, Grundelemente..., a.a.O. 31) Vgl. hierzu H.-J. Axt/F. Deppe, Europaparlament..., a.a.O. Auch H.-J. Axt, Staat..., a.a.O. 32) Vgl. zu bestimmten Tendenzen in dieser Richtung in vorliegen- den Arbeiten französischer Marxisten und bezüglich bestimmter Strategieelemente der Französischen Kommunistischen Partei: H.-J. Axt, "Vive la Nation" - Eine taugliche Strategie gegen das "Europa der Konzerne"? In: Das Argument, Sonderband AS 36, West- Berlin 1979, S. 167-190. 33) So A. Statz, Die Direktwahl..., a.a.O., S. 436. Statz hebt sich durch die Betonung des "nationalen Weges zum Sozialismus" (ebda.) zwar von den eingangs zitierten Autoren ab, jedoch blei- ben seine Ausführungen auch hier für mannigfache Interpretationen offen. zurück