Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 04/1981


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GRAMSCI UND DER AUSTROMARXISMUS ZUR RENAISSANCE ZWEIER POLITIKTHEORIEN DER ZWISCHENKRIEGSZEIT

Christoph Butterwegge Gramscis Hegemonietheorie - Grundlinien der Gramsci-Rezeption und ihre Bedeutung für die marxistische Staatsdiskussion - Gleichge- wichtstheorie und Transformationsstrategie des Austromarxismus - Austromarxismus-Sackgasse oder "dritter Weg" zum Sozialismus? Seit geraumer Zeit ergießt sich über den marxistischer Gesell- schaftskritik und Staatstheorie aufgeschlossenen Leser unseres Landes eine wahre Literaturflut, die Antonio Gramsci, Mitte der zwanziger Jahre Generalsekretär der italienischen Kommunisten, und den Austromarxismus, damals die Parteiideologie der österrei- chischen Sozialdemokratie, besonders aber ihren Führer, Otto Bauer, zum Gegenstand hat. Man kann geradezu von einem Gramsci- Kult und einem "Bauer-Boom" sprechen, die mit geistiger Traditi- onspflege und Aufarbeitung der Parteigeschichte schon nichts mehr zu tun haben, sondern nur noch mit der Parallelität kapitalisti- scher Weltwirtschaftskrisen, Erkenntnisdefiziten der (sozial) demokratischen und Arbeiterbewegung sowie politisch-strategischer Ratlosigkeit bei einem Teil der westdeutschen Linken, die ihn auf Lösungsmodelle der Vergangenheit zurückgreifen läßt, zu erklären sind. Warum der Erkenntnisgewinn, den er aus seiner Beschäftigung mit Gramsci und dem Austromarxismus (Bauer) zieht, gering bleibt, und welcher Herangehens- oder Zugriffsweise es bedarf, um sie für die Bewältigung einzelner Gegenwartsprobleme fruchtbar zu machen, soll im folgenden aufgezeigt werden. Gramscis Hegemonietheorie ------------------------- Antonio Gramsci übernahm Marxens Metapher von (sozialökonomischer) Basis und (politisch-ideologischem) Überbau, dessen Struktur er jedoch noch einmal in zwei Etagen unterteilte: "Politische Gesellschaft" (Staat i.e.S., also Militär, Polizei, Bürokratie, Justiz usw.) und "bürgerliche/zivile Gesellschaft" (Privatorganisationen, Verbände, Massenmedien), denen direkte Machtausübung (Gewaltakte) und Hegemonie (Konsensfindung, gei- stige Führung) als Methoden der Herrschaftssicherung einer Klasse entsprechen, bilden zusammen den "integralen Staat". "Bisher las- sen sich zwei große 'Ebenen' als Überbau festlegen; diejenige, die man Ebene der 'bürgerlichen Gesellschaft' nennen kann, umfaßt die Gesamtheit der Individuen, insofern sie umgangssprachlich 'privat' genannt werden, die zweite Ebene ist die der politischen Gesellschaft oder des Staates'. Von diesen Ebenen entspricht die eine der Funktion der 'Hegemonie', die die herrschende Gruppe in der gesamten Gesellschaft ausübt, die andere der Funktion der 'direkten Herrschaft' oder der Befehlsgewalt, die ihren Ausdruck im Staat und in der 'gesetzlichen' Regierung findet." 1) Weiter ging Gramsci davon aus, daß die relative Stabilität der westli- chen Demokratien (im Unterschied zum zaristischen Gewaltstaat) weniger auf Unterdrückungsmaßnahmen des bürgerlichen Staatsappa- rates als auf ideologischen Integrationsmechanismen beruht, wo- raus für die revolutionäre Strategie der Arbeiterbewegung folgt, das Schwergewicht ihrer Tätigkeit in den Bereich der Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit zu verlagern, um Bündnispartner durch die Erringung der geistig-moralischen Führungsrolle im Leben des Lan- des an sich zu binden, bevor sie zur Eroberung der Staatsmacht schreiten kann. "Die Vormachtstellung einer sozialen Gruppe of- fenbart sich auf zweierlei Weise, als 'Herrschaft' und als 'geistige und moralische Führung'. Eine soziale Gruppe ist herrschend gegenüber den gegnerischen Gruppen, die sie zu liqui- dieren' oder selbst mit Waffengewalt zu unterwerfen sucht. Sie ist führend gegenüber den ihr verwandten und verbündeten Gruppen. Eine soziale Gruppe kann schon vor der Eroberung der Regierungs- macht führend auftreten, ja sie muß es sogar (dies gehört zu den Grundvoraussetzungen für die Eroberung der Macht). Später, wenn sie die Macht ausübt und auch, wenn sie sie fest in der Hand hat, wird sie zur herrschenden Gruppe, muß aber auch weiterhin 'führend' bleiben." 2) Wer diesen Passus aus den "Gefängnisheften", im faschistischen Kerker entstandenen Fragmenten, liest und seine Aussagen darauf- hin prüft, ob sie die zeitgenössischen Anforderungen des Klassen- kampfes erfüllen, wird Gramsci kaum vorwerfen können, die Staats- und Machtfrage zu tabuisieren, das Kardinalproblem revolutionärer Gesellschaftsveränderungen im Übergang zum Sozialismus zu baga- tellisieren oder die Grunderkenntnisse des Marxismus-Leninismus zu ignorieren. Vielmehr hatte Gramsci bei allen Überlegungen zur Gewinnung der Hegemonie des Proletariats ihre Verkuppelung mit der Staatsmacht dieser Klasse im Hinterkopf. Dagegen versuchen seine Epigonen bisweilen, einen Gegensatz zwischen Gramscis und Lenins Revolutionstheorie zu konstruieren und den Mitbegründer der KPI womöglich als Kronzeugen antisowjetischer Propagandakam- pagnen zu reklamieren 3). Tatsächlich setzte Gramsci das Werk Lenins fort, übertrug seine Einsichten auf die Bedingungen einer kapitalistischen Industriegesellschaft Westeuropas und entwic- kelte sie unter Auswertung neuer Erfahrungsmomente weiter. Diese Feststellung gilt auch und gerade für die Hegemonielehre, deren Wurzeln bis zu Marx und Engels zurückreichen. Die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus verwendeten den Terminus "Hege- monie" zur Charakterisierung der Vormachtstellung Preußens im Deutschen Bund. Der Grundgedanke der Hegemonietheorie finden sich bereits in der "Deutschen Ideologie", wo Marx und Engels hervorheben, daß die Klassenherrschaft auf der geistigen Verall- gemeinerung des ihr zugrunde liegenden Partikularinteresses ba- siert: "Jede neue Klasse nämlich, die sich an die Stelle einer vor ihr herrschenden setzt, ist genötigt, schon um ihren Zweck durchzuführen, ihr Interesse als das gemeinschaftliche Interesse aller Mitglieder der Gesellschaft darzustellen, d.h. ideell aus- gedrückt: ihren Gedanken die Form der Allgemeinheit zu geben, sie als die einzig vernünftigen, allgemein gültigen darzustellen." 4) Und was meint der Hegemoniebegriff anderes als die Herbeiführung einer "Umwälzung in den Köpfen der Arbeitermassen" mit dem Ziel, "die besitzenden Klassen vom Ruder zu verdrängen", wie sie Engels 1891 forderte? 5) Der eigentliche Begründer der Hegemonietheorie war Lenin, dessen Hauptinteresse sich auf die Bündnispolitik der Arbeiterklasse, Möglichkeiten und Grenzen ihrer Kooperation mit benachbarten, nichtmonopolistischen Gesellschaftsschichten richtete. Dabei spielte die Fähigkeit des Proletariats, seine Koalitionspartner geistig zu beeinflussen und zu führen, von Anfang an eine wich- tige Rolle. Um diese Aufgabe zu formulieren, griff Lenin auf den Hegemoniebegriff, eine Schlüsselkategorie der russischen Revolu- tionsliteratur und des Diskussionsprozesses der seit 1903 in Bol- schewiki und Menschewiki gespaltenen Sozialdemokratie 6), zurück. "Als die einzige konsequent revolutionäre Klasse der modernen Ge- sellschaft muß das Proletariat der Führer sein, der Hegemon im Kampf des ganzen Volkes für die vollständige demokratische Umwäl- zung, im Kampf aller Werktätigen und Ausgebeuteten gegen die Un- terdrücker und Ausbeuter. Das Proletariat ist nur insofern revo- lutionär, als es sich dieser Idee der Hegemonie bewußt ist und sie in die Tat umsetzt." 7) Ursprünglich auf die Führungsrolle des Proletariats in der bürgerlich-demokratischen Revolution ge- münzt, avancierte der Hegemoniebegriff durch Ausdehnung seines Geltungsbereichs zum Abgrenzungskriterium des Marxismus gegenüber dem Reformismus. Besser als vergleichbare Wortschöpfungen bringt er die Bedeutung des subjektiven Faktors zum Ausdruck und war von daher geeignet, Lenins Kampf gegen den ökonomistischen Determi- nismus der II. Internationale zu unterstützen. Lenin hielt an diesem Terminus auch nach der Oktoberrevolution 1917 fest und gab ihn nicht, wie Perry Anderson behauptet 8), im Übergang zum So- zialismus auf. Die Phase, in der Lenin die Hegemonie des Proleta- riats für unabdingbar erachtete, umfaßt den Aufbau des Sozialis- mus und erstreckt sich bis zum Beginn der klassenlosen Gesell- schaft. "Nur eine bestimmte Klasse, nämlich die städtischen Ar- beiter und überhaupt die Fabrikarbeiter, die Industriearbeiter, ist imstande, die ganze Masse der Werktätigen und Ausgebeuteten zu führen im Kampf für den Sturz der Macht des Kapitals, im Pro- zeß des Sturzes dieser Macht, im Kampf um die Sicherung und Fe- stigung des Sieges, bei der Schaffung der neuen, der sozialisti- schen Gesellschaftsordnung, in dem ganzen Kampf für die völlige Aufhebung der Klassen." 9) In einem Nachruf für die "Iswestia" anerkannte Otto Bauer Lenins welthistorische Leistung, wobei er die Bündnisstrategie der Bol- schwiki als bleibendes Verdienst des toten Revolutionärs wür- digte. "Die Hegemonie des Proletariats über die Bauernschaft, das allein ist der Weg zur Macht; so hat uns Lenin gelehrt. Wir glau- ben, daß diese Hegemonie in Mittel- und Westeuropa nur auf ganz anderem Wege und mit ganz anderen Mitteln erreicht werden kann als in Rußland; daß sie aber auch hier erreicht werden muß, ist uns die größte Lehre von Wladimir Iljitschs Siegen." 10) Nun hat Lenin freilich nie die Meinung vertreten, der revolutionäre Ent- wicklungsprozeß werde einförmig, überall gleich und nach russi- schem Muster verlaufen. Er war sich vielmehr durchaus der Notwen- digkeit bewußt, trotz oder gerade wegen des Greifens allgemeiner Gesetzmäßigkeiten im Übergang zum Sozialismus die nationalen Be- sonderheiten, politischen Institutionen und kulturellen Traditio- nen eines Landes zu berücksichtigen; wir verdanken ihm auch den wichtigen Hinweis, daß die Revolution im Westen einer längeren Anlaufzeit bedürfe, aber um so leichter siegen werde 11). Hier knüpften Gramscis Überlegungen in bezug auf das Wesen des (parlamentarisch-demokratischen) Staates und seine konsensualen, hegemonialen Funktionen zur Sicherung der Bourgeoisherrschaft an. Er benutzte das Bild der Wende vom "Bewegungskrieg" zum "Stellungskrieg", um Lenins Sichtweise der Unterschiede zwischen einer sozialistischen Umwälzung in Staaten mit mehr und weniger entwickeltem Kapitalverhältnis zu illustrieren. Als Ausgangspunkt dieses Vergleichs diente die Große Sozialistische Oktoberrevolu- tion. "Im Osten war der Staat alles, die bürgerliche Gesellschaft steckte in ihren Anfängen, und ihre Konturen waren fließend. Im Westen herrschte zwischen Staat und bürgerlicher Gesellschaft ein ausgewogenes Verhältnis, und erzitterte der Staat, so entdeckte man sofort die kräftige Struktur der bürgerlichen Gesellschaft. Der Staat war lediglich ein vorgeschobener Schützengraben, hinter dem eine robuste Kette von Befestigungswerken und Kasematten lag, natürlich mehr oder weniger von Staat zu Staat, aber gerade dies erforderte eine eingehende Erkundung im Landesmaßstab." 12) Ob- wohl der Austromarxismus dasselbe Begriffspaar verwendete - Ro- bert Danneberg sprach vom "Bewegungskrieg in der Politik" 13), Oskar Pollak von einer "Zeit stabiler politischer Verhältnisse und im Stellungskrieg erstarrter Klassenfronten" 14) -, darf Gramscis Option für eine Art Belagerungstaktik des Proletariats im Klassenkampf weder mit Karl Kautskys "Ermattungsstrategie" (im Gegensatz zur "Niederwerfungsstrategie") noch mit dem Theorem der "Pause" zwischen zwei Revolutionsperioden verwechselt oder gleichgesetzt werden. Grundlinien der Gramsci-Rezeption und ihre Bedeutung ---------------------------------------------------- für die marxistische Staatsdiskussion ------------------------------------- Ohne Gramscis Verdienst um die Entwicklung einer materialisti- schen Politiktheorie schmälern oder seine Originalität als "Philosoph der Praxis" bestreiten zu wollen, muß ausdrücklich darauf hingewiesen werden, daß Lenin die Grundgedanken der Hege- monielehre vorweggenommen hat. Gramsci vertiefte, bereicherte und verfeinerte die Hegemonietheorie im Geiste Lenins. Er gab ihr mit seinem Konzept des "integralen Staates", der Gewalt- und Ideolo- gieapparate umfaßt, ein tragfähiges Fundament. Gramsci trat der vulgärmarxistischen Reduktion des Staates auf Repression entgegen und betonte die Rolle ideologischer Vermittlungsglieder bei der Herrschaftssicherung. Wahrscheinlich bestand Gramscis hervorste- chendste Leistung darin, im Zusammenhang seiner als "Philosophie der Praxis" apostrophierten Politiktheorie durch die - eng mit der Kategorie "Hegemonie" verknüpfte . "Erweiterung" des Staats- begriffs über den Rahmen der militärischen, polizeilichen und bü- rokratischen Gewaltapparate hinaus eine Grundlage für die Er- forschung der Legitimationsbasis des bürgerlichdemokratischen Klassenstaates geschaffen zu haben. Zu diesem Zweck unterteilte Gramsci den Überbau m e t h o d i s c h in "politische" und "bürgerliche/zivile Gesellschaft", die er o r g a n i s c h mit der sozialökonomischen Basis verklammert sah, was sein Begriff "historischer Block" zum Ausdruck bringt. "Basis und Überbauten bilden einen 'historischen Block', d.h. das komplexe, wider- sprüchliche und ungleiche Ganze der Überbauten ist der Reflex der gesamten gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse." 15) Der bürgerliche Staat ist tief in die Basisstruktur des Gegenwartska- pitalismus eingedrungen, zum widersprüchlichen Teilmoment seiner Wirtschaftstätigkeit geworden, so daß es gerechtfertigt er- scheint, von einem "staatsmonopolistischen Block" zu sprechen, der ihre Versäulung auf den Begriff bringt, ohne zu übersehen, daß wir zwei wesensverschiedene Elemente der gesellschaftlichen Totalität vor uns haben. Ein Terminus, der die Blockbildung zwi- schen Staatsbürokratie und Finanzoligarchie berücksichtigt, ist besser als konkurrierende Kategorien in der Lage, die Verhärtung der Klassenfronten unter imperialistischen Bedingungen zu akzen- tuieren. Jedenfalls wäre Gramscis Staatsbegriff auf seine Tragfä- higkeit für die Erforschung der Verflechtungstendenzen zwischen Staatsadministration und privatwirtschaftlicher Organisation (z.B. der Monopolverbände) zu testen. Nach Gramsci rührt die (relative) Stabilität der westlichen Demo- kratien daher, daß sie von den Massen freiwillig akzeptiert wer- den, weil ihre Herrschaftsorganisation nicht vom Militär, sondern vom moralischen Gewicht der Kapitalistenklasse, die keineswegs nur ökonomisch, sondern auch auf ideologischem und intellektuel- lem Gebiet dominiert, garantiert wird. Gramsci hob hervor, daß die Bourgeoisie im modernen Repräsentativsystem nicht a l- l e i n mittels der Gewalt herrscht, sondern ihre Vormacht- stellung durch kulturelle Überlegenheit gegenüber den untergeord- neten Klassen und Schichten sichert, daß ihre Suprematie i m w e s e n t l i c h e n hegemonialer Art ist, - weniger auf Zwang als auf einem allgemeinen, gesamtgesellschaftlichen Konsens beruht, was weitreichende Konsequenzen für Strategie und Taktik der Arbeiterbewegung hat. "Gramscis Orginalität gegenüber anderen Marxisten liegt in seiner These, daß die wirkliche Stärke jedes historischen Herrschaftsblocks und überhaupt jeder Gesellschafts- ordnung nicht nur auf der von der herrschenden Klasse ausgeübten Gewalt, sondern auch der Übereinstimmung der Regierten mit der Weltanschauung der herrschenden Klasse beruht." 16) Die grundlegende Veränderung von Wirtschaft, Gesellschaft und Staat erfordert, daß Zwang und Konsens als komplementäre Stützen der Bourgeoisherrschaft begriffen und daß dieser machtpolitisch u n d kulturell gewachsene Klassenbündnisse geschmiedet werden. Bevor das Proletariat gemeinsam mit seinen Bündnispartnern die Staatsmacht ergreift, muß es geistig gereift (Heranbildung "organischer Intellektureller") und fähig zur moralischen Reform sein. Die "Staatwerdung" einer subalternen Klasse vollzieht sich durch den Aufstieg von der "ökonomisch-korporativen" zur "ethisch-politischen" Entwicklungsstufe, mittels der Übersetzung ihrer Partialinteressen in eine die Gesamtheit bindende, ideolo- gisch verbrämte Form. "Die Gründung einer herrschenden Klasse (das heißt eines Staates) kommt der Schöpfung einer Weltanschau- ung gleich." 17) Natürlich ist es nützlich und notwendig, schon vor der Machtergreifung des Proletariats um Einfluß auf die ideo- logischen Apparate der bürgerlichen Gesellschaft zu kämpfen. Ul- tima ratio des staatsmonopolistischen Herrschaftssystems aber ist nicht die Ideologie, sondern die (ökonomische, politische und mi- litärische) Gewalt. Was nützt der unterdrückten Klasse die gei- stig-moralische Überlegenheit, wenn sie keine Machtmittel besitzt oder einsetzt, um ihren Führungsanspruch durchzudrücken, was die Fähigkeit, bessere Fernsehprogramme zu machen, wenn vor den Rund- funkanstalten Panzer stehen? In den USA werden die Arbeiter eben nicht nur durch das (kommerzielle) Fernsehen und Hollywood-Filme eingelullt, sondern (bei Streiks) auch mit der Flinte in Schach gehalten. Hollywood-Produktionen beherrschen weite Teile der Ki- nowelt, weil der US-Imperialismus auf dem Weltmarkt führt und seine Nuklearstreitmacht ihn zur Hegemonie über die westliche He- misphäre befähigt, nicht umgekehrt. Gramsci ließ keine Zweifel aufkommen, daß wirkungsvoll führen nur kann, wer die Macht dazu hat; seine Bewunderer unterschlagen diese Erkenntnis, auf der die Hegemonielehre aufbaut, bisweilen. 18) Wer Gramscis Hegemonie- theorie auf eine Sozialpartnerschaftsideologie der Klassenkolla- boration oder eine Strategie des friedlichen Hineinwachsens der kapitalistischen Gesellschaft in den Sozialismus verkürzt und die Rolle der revolutionären Gewalt verkennt, verfälscht sie. Letzt- lich wird der Klassenkampf sowohl im nationalen als auch im Welt- maßstab (Systemauseinandersetzung zwischen Kapitalismus und So- zialismus) nicht auf ideologischem, sondern auf (macht)politischem oder militärischem Gebiet entschieden. Gramscis Hegemonietheorie blieb . schon aufgrund ihres fragmenta- rischen Charakters . nicht frei von Fehler(quelle)n, die sich bei seinen Epigonen verdichteten und Anlaß zur Kritik boten. Bedenken wurden vor allem geltend gemacht, was die erschwerte Differenzie- rung zwischen "öffentlichen" Institutionen und "privaten" Organi- sationen betrifft. Die Überdehnung des Staatsbegriffs, wie sie sich in der Unterscheidung "ideologischer Staatsapparate" (Schu- le, Familie, Massenmedien u.a.) neben dem repressiven Staats- apparat durch die sog. Althusser-Schule manifestiert 19), signalisiert eine Überschätzung des i d e o l o g i s c h e n Kampfes bei gleichzeitiger Unterbewertung der Organisationsform sozialer Einrichtungen und macht eine saubere Trennung zwischen bürgerlicher Demokratie und Faschismus, für den die Verstaatli- chung privat(rechtlich)er Herrschaftsstrukturen kennzeichnend ist (Staatskirche, Staatsrundfunk, Aufhebung der Gewerkschaftsautono- mie usw.), praktisch unmöglich 20). Hier liegen die Nachteile der gramscianischen Begriffsinflation und -diffusion, was Karl-Heinz Braun zu der Warnung veranlaßte: "Eine 'Erweiterung' des Staats- begriffs in der dargelegten Richtung ist (...) nicht erkenntnis- fördernd, sondern desorientierend, weil: erstens die reale rela- tive Selbständigkeit von gesellschaftlichen Institutionen wie Kirche, Familie usw. gegenüber dem Staat geleugnet, von realen Widersprüchen abstrahiert wird und die vielfältigen möglichen An- satzpunkte zur Demokratisierung verkannt werden; zweitens wird dem ideologischen Klassenkampf die letztlich entscheidende, also eine unberechtigt große Rolle zugewiesen und damit die Einheit von ökonomischem, politischem und ideologischem Kampf ins Wanken gebracht; drittens liegt die Spezifik der Staatstätigkeit im staatsmonopolistischen Kapitalismus nicht so sehr in der ver- stärkten ideologischen Tätigkeit, sondern darin, daß der Verge- sellschaftungsgrad der Produktion den dauerhaften Eingriff in den ökonomischen Prozeß zur Sicherung der allgemeinen materiellen Produktions- und Verkehrsbedingungen erfordert." 21) Wie nicht anders zu erwarten, wurde Gramscis Hegemonietheorie, insbesondere die aus ihr abgeleitete Strategie, bald nach der "Wiederentdeckung" des vergessen geglaubten Politikers und Par- teiführers zum Schlachtfeld der miteinander konkurrierenden Ideo- logien. "Es ist ein offenes Geheimnis, daß in Gestalt der derzei- tigen Gramsci-Debatte ein erbitterter Richtungsstreit innerhalb der westeuropäischen Linken um die strategische Orientierung der demokratischen Kräfte ausgetragen wird und in diesem Streit jeder mit Gramsci gegen jeden kämpft, was in der Summe den Gramsci-Boom ergibt und verständlich macht, daß es im Zuge dieser so ausge- fochtenen aktuellen Richtungsauseinandersetzung auch zu den will- kürlichsten, nach Belieben vom historischen Kontext der Zitat- stellen absehenden Gramsci-Berufungen und -interpretationen kommt, so etwa - um nur ein Beispiel zu nennen - Gramscis gegen den Trade-Unionismus der II. Internationale, ihre aufs Wirt- schaftliche eingeengte Auslegung der Interessen der Arbeiter- klasse (gegen das Eindringen also des bürgerlichen Interessenbe- griffs in ihre Politik) gerichtete 'Ökonomismus'-Kritik heute gern so zitiert wird, als sei sie umgekehrt an die Marxisten der Kommunistischen Internationale adressiert gewesen." 22) Gemeint sind damit Vertreter idealistischer/politizistischer Konzeptio- nen, die unter dem Banner eines modischen "Anti-Ökonomismus" kämpfen, der staatlichen Sphäre eine weitgehende Unabhängigkeit gegenüber dem ökonomischen Kernbereich, den Klassen und ihren Konflikten zusprechen, die sie nicht besitzt, und als strate- gische Quintessenz solcher Analysen den bürgerlich-parlamenta- risch-demokratischen Staat zum Schauplatz der sozialistischen Umwälzung erklären. "Das Problem von 'Staat und Revolution' stellt sich angesichts der Bedeutung der ideologischen, konsensualen Praxen und Apparate nicht mehr als Aufgabe, die 'Staatsmaschine' zu 'zerbrechen' - die vielen Stützen und Ver- strebungen des Staates vom Sportverein bis zu den politischen Parteien kann man nicht 'zerbrechen', sondern man kann sie nur als Felder der Herrschaftsstabilisierung in ideologischen Praxen auffassen, auf denen um die Verbündung der Massen mit ihren Unterdrückern oder ihren eigenen Zusammenschluß gekämpft wird." 23) Die Berufung auf Gramscis Hegemonietheorie muß dazu herhalten, eine antileninistische, schrittweiser Reform ver- pflichtete Position der allmählichen Gesellschaftsveränderung in Richtung Sozialismus zu legitimieren. Die Diskussion verlief entlang der Problemlinie Dialektik von Kontinuität und Bruch, drehte sich um die Beziehung des Mitbe- gründers der IKP zu Lenin und zur Komintern, womit sie die Grund- linien der Gramsci-Rezeption freilegte: reformistische, linksre- visionistische und marxistische Interpretation. Gramscis Hegemo- nielehre ist weder, wie Christian Riechers, der sich um die Pu- blizierung und Popularisierung seiner Schriften in der BRD ver- dient gemacht hat, zu zeigen versuchte, das Produkt bürgerlich- idealistischer Spekulation 24), noch eine "Alternative zum Leninismus", wie Claudio Signorile annimmt 25), sondern sie stellt eine wichtige Weiterentwicklung und Anwendung der marxi- stisch-leninistischen Staatskonzeption auf die Verhältnisse eines kapitalistischen Industriestaates dar. Fraglos steht Gramsci in der Tradition des revolutionären Marxismus und war in einem sehr viel umfassenderen Sinne Leninist, als es sich seine "falschen Freunde" träumen lassen. "Die immer wieder in Gramsci-Forschungen auftauchende Entgegensetzung zu Lenin basiert auf dem Verkennen einerseits des materialistischen Denken Gramscis und andererseits der philosophischen Bedeutung von Lenins Theorie des subjektiven Faktors." 26) Die Bestrebungen, Gramsci aus dem geistigen Koordi- natensystem des Marxismus-Leninismus herauszubrechen, sind schon deshalb zum Scheitern verurteilt, weil er sich auf die Klassiker des wissenschaftlichen Sozialismus berief und seine Hegemonie- theorie als Ergänzung, nicht als Ersatz früherer Staatskonzeptio- nen dieser Forschungsrichtung begriff 27). Konkretisiert sei diese Aussage anhand des Vergleichs zwischen zwei Termini, die den Führungs- und Herrschaftsanspruch der Ar- beiterklasse im Übergang zum Sozialismus untermauern: Man würde es sich zu einfach machen, wollte man H e g e m o n i e und D i k t a t u r d e s P r o l e t a r i a t s als begriffli- chen Gegensatz auffassen. Gramscis Hegemoniebegriff reicht aller- dings weiter. "Hegemonie ist das entwickeltste Synonym für Herr- schaft der Arbeiterklasse. Die Qualität dieses Konzepts besteht darin, daß es den Weg zu dieser Herrschaft konkreter und diffe- renzierter benennt als der in erster Linie zieldeterminierte Be- griff der Diktatur." 28) Der Hegemoniebegriff schließt ideologi- sche Führung ebenso wie die Klassenherrschaft in vorsozialisti- schen Gesellschaftsformationen mit ein. "Das Problem der Diktatur des Proletariats muß somit abgetrennt untersucht und diskutiert werden und nicht, wenn wir uns mit der allgemeinen Theorie der Hegemonie befassen, die auf alle Klassen zu beziehen ist, sondern wenn wir . im Rahmen dieser allgemeinen Theorie . uns mit den spezifischen Formen beschäftigen, derer sich die Arbeiterklasse bedient, um ihre Hegemonie zu erringen und auszuüben." 29) Durch Ausarbeitung seiner Hegemonietheorie hebt Gramsci den Diktaturbe- griff im dialektischen Sinne (des Aufbewahrens, Höherschraubens und Überwindens) auf. "Gramsci, der sich als überzeugter Leninist versteht, geht über diesen hinaus, indem er gerade im Unterschied zum alten zaristischen Staat in Rußland die ganze Komplexität der gesellschaftlichen Veränderung des Staates 'im Westen' herausar- beitet, diese zum Ausgangspunkt des Ringens der Arbeiterbewegung um ihre Führungs- und Herrschaftsfähigkeit gegenüber der alten herrschenden Klasse macht (wobei er alte Leninsche Äußerungen zur Hegemonie während der Revolution von 1905 fortführt) und damit schließlich die schon von Marx und Engels angesprochene Thematik der verschiedenen, gewaltsamen und nicht-gewaltsamen Wege zum So- zialismus (heute aktuell etwa in den unterschiedlichen Strategien der Arbeiterbewegung im Westen und der anti-imperialistischen Be- freiungsbewegungen) mit einer neuen materiellen Begründung ver- sieht." 30) Betrachtet man den Diktaturbegriff als durch die fa- schistischen Terrorregime Mussolinis, Hitlers und Pinochets dis- kreditiert, bietet sich der Hegemoniebegriff als Alternative ge- radezu an. Dabei darf der machtpolitische und Gewaltaspekt des marxistischen Diktaturbegriffs jedoch nicht verlorengehen, muß vielmehr in die Begrifflichkeit, derer sich Gramsci bediente, mit einfließen. Gleichgewichtstheorie und Transformationsstrategie -------------------------------------------------- des Austromarxismus ------------------- Wie bereits mehrfach angedeutet, sind die Parallelen zwischen Gramscis Hegemonietheorie einerseits, Parteiideologie und Bünd- nisstrategie der österreichischen Sozialdemokratie zwischen den beiden Weltkriegen, die als "Austromarxismus" bekannt wurden, an- dererseits, nicht zu übersehen. Dennoch drängt sich der Eindruck auf, daß wir es hier bei einer rein formalen Ähnlichkeit mit tiefgreifenden, klassenpolitischen Unterschieden zu tun haben. Gramscis Hegemonielehre am nächsten kam eine frühe Formulierung Karl Renners, bezeichnenderweise Exponent des rechten Parteiflü- gels, die das Nationalitätenproblem der Donaumonarchie um die Jahrhundertwende vom Standpunkt der deutschsprachigen Minderheit aus behandelte: "Die Deutschen können nur herrschen, wenn sie führen; führen können sie heute nur im Zeichen der Demokratie." 31) Was Gramsci als "Katharsis" bezeichnete, die Überwindung kor- porativer Interessenvertretung, spielte auch in den Überlegungen der Austromarxisten eine Rolle. Für Friedrich Austerlitz, den Chefredakteur ihres Zentralorgans "Arbeiter-Zeitung", bemaß sich "der moralische Gehalt einer Klasse" unter anderem "daran, ob sie fähig ist, sich über den Egoismus ihrer Interessen zu erheben" 32). Mag es bei Gramsci aufgrund idealistischer Begriffsreste scheinen, als kollidiere seine Hegemonielehre mit der Staatskon- zeption von Marx, Engels und Lenin, ohne daß dieser Eindruck zu- trifft, so verhält es sich beim Austromarxismus genau umgekehrt: Seine Repräsentanten kokettierten zwar ausnahmslos mit der marxi- stischen Terminologie und Geschichtsmethodologie, die pseudorevo- lutionäre Gesellschaftstheorie kaschierte und legitimierte aber eine systemkonforme Parteipraxis. Während Gramsci im faschistischen Gefängnis darüber nachdachte, wie die Arbeiterklasse sich von den Fesseln der monopolkapitali- stischen Gewaltherrschaft befreien konnte, wobei er das Bündnis mit benachbarten, nichtmonopolistischen Schichten (Kleinbürger, Bauern) in den Vordergrund schob und die Aktionseinheit zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten als Kernstück der Volksfront- strategie gegen Kritik von links und rechts verteidigte, keine Kompromisse mit dem Mussolini-Regime, das ihn aufforderte, ein Gnadengesuch zu stellen und seine Schuld indirekt zuzugeben, einging und lieber unter schrecklichen Qualen starb, zögerte Bauer, an der Spitze einer sich als stärkste Kraft der westeuro- päischen Arbeiterbewegung begreifenden Massenpartei stehend, auch nach der Machtübernahme Hitlers und des Austrofaschismus noch im- mer, den Generalstreik auszurufen und die Dollfuß-Diktatur ge- waltsam niederzuwerfen. Als ein Teil der österreichischen Arbei- terklasse, die mittlerweile demoralisiert und durch das ständige Zurückweichen geschwächt war, im Februar 1934 zu den Waffen griff, fehlte ihrem Widerstandskampf die entschlossene Führung, um der Armee, die ein Blutbad anrichtete, länger als wenige Tage gewachsen zu sein. Bauer nahm die Schuld für das Scheitern der Abwehrschlacht des Proletariats auf sich, gab dafür indes eine Begründung, die nicht befriedigen kann: "Daß wir Fehler begangen haben, unterliegt keinem Zweifel; nur wer nicht handelt, begeht keine Fehler." 33) Ihre Passivität gehörte jedoch zu den gröbsten Fehlern, die der Sozialdemokratie im antifaschistischen Kampf un- terliefen und nicht zufällig erfolgten, sondern in der Staatskon- zeption des Austromarxismus angelegt waren. "Eine von der Praxis getrennte Theorie des Austromarxismus gibt es nicht und kann es nicht geben. Austromarxismus ist Widerspruch zwischen Wort und Tat, zwischen Theorie und Praxis." 34) Nichts verdeutlicht die Widersprüchlichkeit des Austromarxismus besser als Bauers Versuch, eine Art reformistischer Revolutions- theorie auf der Erfahrungsgrundlage seiner opportunistischen Pra- xis zu entwickeln. Bauer benutzte den Hegemoniebegriff zur Kenn- zeichnung seiner Bündniskonzeption im Kampf der Monopolbour- geoisie und des Proletariats um die Mittelschichten: "Die Groß- bourgeoisie kann ihre Herrschaft nur dann behaupten, wenn es ihr gelingt, die kleinbürgerlich-bäuerlichen Massen unter ihrer Hege- monie zu halten. Die Arbeiterklasse kann nur dann die Herrschaft der Großbourgeoisie stürzen, nur dann die Mehrheit im Volk und im Parlament erobern, nur dann die Herrschaft im Staat an sich rei- ßen, wenn es ihr gelingt, einen Teil der kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen Massen von den bürgerlichen Parteien loszureißen und sie für die Sozialdemokratie zu gewinnen." 35) Bauers Auffas- sung von Hegemonie schließt das diktatorische Zwangselement, zu- mindest für die entwickelteren Klassenverhältnisse Mittel- und Westeuropas, wo Kleinbürger und Bauern im Gegensatz zum zaristi- schen Rußland durch die Schule der Demokratie politisch bewußte Staatsbürger wurden, aus. 36) War Gramscis Hegemonietheorie der breitangelegte Versuch, die Lehren aus der russischen Oktoberrevolution und dem Mißlingen al- ler Umsturzbemühungen in Westeuropa zu ziehen, so verlor der Austromarxismus, den Blick starr auf die Besonderheiten der Revo- lution im Westen gerichtet, den welthistorischen und strategi- schen Gesamtzusammenhang sowie die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten des Übergangs zum Sozialismus aus dem Auge. Für Bauer stellte sich die Staats- und Machtfrage in der Form "Stimmzettel oder Bürgerkrieg?" (Zwischenüberschrift in Bauers "Der Kampf um die Macht"), womit er einer Scheinalternative aufsaß, denn aus der Geschichte wissen wir, daß die Konterrevolution der Arbeiterbewe- gung den Bürgerkrieg aufzwingt, ganz gleich, ob diese bei Wahlen siegreich war oder nicht. Der Austromarxismus verabsolutierte die ideologische Komponente im Ringen der Klassen, hypostasierte den "Kampf um die Köpfe" und konzentrierte sich auf die Weiterent- wicklung der geistigen Waffen, wohingegen er die ausschlaggebende Bedeutung der Kontrolle über den Staatsapparat, seines militäri- schen Machtpotentials und der revolutionären Gewalt unter- schätzte. In keinem Land Mittel- und Westeuropas war die Gelegenheit für eine sozialistische Umwälzung während des Ersten Weltkrieges oder unmittelbar danach ähnlich günstig wie in Österreich, das dem Za- renreich zur Zeit der russischen Oktoberrevolution seinen Klas- senverhältnissen, Machtkonstellationen und Bewußtseinsstrukturen nach mehr glich als andere Staaten. Beim Zusammenbruch der Habs- burgermonarchie (Oktober/November 1918) fiel dem Proletariat und seiner (noch nicht gespaltenen) Partei, der Sozialdemokratie, fast automatisch die Führungsrolle in der Revolution zu, ohne daß ihre Politik die Kapitalherrschaft erschüttert hätte. Trotz der Forderung ihrer Massenbasis, mit dem Klassenfeind "russisch zu reden", entschied sich die SDAP nicht für den Bruch, sondern für ein Bündnis mit der Bourgeoisie und ihrem Staat, dessen Regie- rungskoalition sie beitrat, wahrte die parlamentarische Kontinui- tät und unternahm keinerlei Anstrengungen, um eine Räteregierung zu bilden. Die österreichische Novemberrevolution 1918/19, deren Gelingen das fehlende Kettenglied zwischen der russischen, unga- rischen und bayerischen Räterepublik geschaffen und der Weltge- schichte wahrscheinlich einen ganz anderen Verlauf, eine ent- scheidende Wende zum Sozialismus gegeben hätte, liefene einen schlagenden Beweis dafür, daß es nicht hinreicht, die Hegemonie zu erringen, wenn es an der Entschlossenheit fehlt, die Staats- macht zu erobern. Später gestand Bauer das Versagen seiner auf ideologische Erfolge im Bündnisbereich gerichteten Strategie, die dem paramilitärischen und machtpolitischen Übergewicht der Reak- tion zu wenig Aufmerksamkeit widmete, ein. Während der Bürger- blockregierungen ab 1920 sei, so stellte Bauer rückblickend fest, "der Einfluß, der Machtbereich der Sozialdemokratie innerhalb des österreichischen Volkes stetig und unaufhaltsam gewachsen. Aber in demselben Maße, in dem unsere geistige Macht innerhalb des deutschösterreichischen Volkes gewachsen ist, in demselben Maße haben sich die physischen Gewaltverhältnisse zugunsten unserer Gegner verschoben." 37) Die Geschichte der Ersten Republik Öster- reich ist ein Musterbeispiel dafür, daß eine Hegemonietheorie, die vom Problem der politischen Macht und (konter)revolutionären Gewalt abstrahiert, keine wirksame Waffe der Arbeiterbewegung im Kampf gegen Reaktion und Faschismus darstellt. Als die Dollfuß-Diktatur den Republikanischen Schutzbund im Fe- bruar 1934 mit Waffengewalt niedergeworfen hatte, erkannte Bauer, daß der Hegemoniebegriff umfassender sein muß, nicht nur die gei- stige Überlegenheit meinte, daß die ideologische Führungsfähig- keit einer Klasse vielmehr aus ihrem ökonomischen, politischen und militärischen Machtpotential erwächst: "Erst wenn das Prole- tariat wieder stark, wieder kampffähig sein wird, kann es zum Führer des ganzen werktätigen Volkes gegen die faschistische Ty- rannei werden. Die Hegemonie kann nur der Starke erringen." 38) Kennzeichnend für die Staats-, Revolutions- und Faschismustheorie des Austromarxismus sind drei Argumentationsmuster: E r s t e n s wird die bürgerlich-demokratische Staatsform als Widerspruch zur kapitalistischen Wirtschaftsordnung aufgefaßt und ein Spannungszustand zwischen beiden angenommen, der dazu ten- diert, daß sich ein Gleichgewicht der Klassenkräfte herausbildet, wobei dem Kapital die Herrschaft auf ökonomischem Gebiet, der Ar- beiterklasse die Verfügungsgewalt über Staat und Politik vorbe- halten bleibt. Zuerst vertrat Julius Braunthal nach Mussolinis "Marsch auf Rom" (1922) eine Gleichgewichtstheorie, die den Fa- schismus als Mittel der Bourgeoisie zur Beseitigung einer Pattsi- tuation im Klassenkampf begriff. "In den Ländern der Demokratie mit starker Arbeiterbewegung wurde ein für die tatsächliche öko- nomische Herrschaftsstellung der Bourgeoisie lähmender, geradezu unerträglicher Gleichgewichtszustand der Klassenkräfte geschaf- fen. Die Bourgeoisie verfügt über alle ökonomische Gewalt, das Proletariat aber über die entscheidende materielle politische Ge- walt. Die Demokratie wird als Herrschaftsform der Bourgeoisie un- möglich. Darum sucht sie sich gleichsam außerhalb des Staates, neben der Armee und der Gendarmerie, ein illegales Gewaltinstru- ment zu schaffen, über das sie ausschließlich verfügt, und das dazu bestimmt ist, die Demokratie zu zertrümmern und an ihre Stelle die Oligarchie zu setzen." 39) Bauer benutzte ebenfalls das Bild vom sozialen Kräftegleichge- wicht und übertrug es auf die Klassenverhältnisse Österreichs nach der Revolution 1918/19. "Die Republik war in dieser Phase kein Klassenstaat, das heißt kein Instrument der Herrschaft einer Klasse über die andere Klasse, sondern ein Ergebnis des Kompro- misses zwischen den Klassen, ein Resultat des Gleichgewichts der Klassenkräfte." 40) Bauer modifizierte die These einer ökonomi- schen und politischen Machtdisparität der Klassen und verglich den Faschismus mit dem Bonapartismus. Auch der Bolschewismus brachte für Bauer ein Kräftegleichgewicht im Klassenkampf zum Ausdruck. Infolgedessen seien nicht mehr alle Staaten, wie noch das "Kommunistische Manifest" meinte, Prokuristen des Kapitals. "Aber dem Klassenstaat der Bourgeoisie ist nicht die Diktatur des Proletariats gefolgt, sondern ein Zustand des Gleichgewichts der Klassenkräfte, der sich politisch in sehr mannigfachen Staatsfor- men ausdrückt. Diese Erfahrung macht es wahrscheinlich, daß zwi- schen der Periode, in der der Staat eine Klassenorganisation der Bourgeoisie war und der Periode, in der er eine Klassenorganisa- tion des Proletariats sein ·wird, eine Übergangsperiode liegen wird, in der die Kräfte der Klassen einander das Gleichgewicht halten." 41) Bauers Konzeption, wonach jede soziale Umgestaltung ein Tal des Klassengleichgewichts durchschreitet, in dem die Kämpfenden entweder einen Kompromiß schließen, oder sich der Staat verselbständigt und über sie erhebt, ist nur verständlich als Legitimation der Koalitionsbildung mit bürgerlichen Parteien nach dem Sturz der Habsburgermonarchie. Marx hingegen hatte, als er "Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte" schrieb, das Frankreich nach der Revolution 1848/49 und dem Staatsstreich Na- poleons III. im Dezember 1851 vor Augen und hütete sich vor dem Irrglauben, die Staatsgewalt hänge in der Luft. 42) Der Schluß, den Marx, aus dem Putsch zog, betraf eine Konstellation der Klas- senkräfte, die, wiewohl sie sich . beispielsweise unter Bismarck - in anderen Ländern wiederholte, nicht zur Regel seiner Revolu- tionstheorie emporstilisiert werden darf. Z w e i t e n s werden Demokratie und Diktatur (des Proletari- ats) als Gegensatz, als unterschiedliche Strategien der Arbeiter- bewegung im Übergang zum Sozialismus begriffen. "Das Ziel unseres Kampfes ist die Eroberung der Staatsgewalt. Die Macht, die heute in den Händen der besitzenden Kreise ist, muß ihnen entrissen werden und in die Hände des Proletariats fallen. In diesem Kampf kann sich das Proletariat zweier Methoden bedienen: der Methode der revolutionären Diktatur oder der Methode der Demokratie." 43) Mit diesem Methodendualismus, der sein gesamtes Werk durchzieht, und hinter dem sich der Antagonismus zwischen revolutionärem Mar- xismus und reformistischer Arbeiterpolitik verbirgt, antizipierte Bauer 1913 die Spaltung des Proletariats in zwei Parteien. Bauers Hin- und Herschwanken wies ihn als Vertreter des Zentrismus aus, der "mitten zwischen dem Reformismus und dem Bolschewismus" zu stehen wähnte 44), im Konfliktfall jedoch umfiel und für die Rechtssozialdemokratie Partei ergriff. Bauer hielt zwar an der Unterscheidung zwischen bürgerlicher und sozialisti- scher/proletarischer Demokratie fest, führte sie allerdings da- durch ad absurdum, daß er noch einmal zwischen proletarischer und sozialistischer Demokratie (als Organisationsform der klassenlo- sen Gesellschaft) differenzierte, den Sozialismus als Klassenlo- sigkeit definierte und mit dem Kommunismus (bei Marx) identifi- zierte, mithin eine Polarität zwischen Demokratie und proletari- scher Diktatur konstruierte. Diese Auffassung prägt auch das Lin- zer Parteiprogramm der SDAP, das im Jahre 1926 verabschiedet wurde und Bauers Handschrift trägt: "Die sozialdemokratische Ar- beiterpartei wird die Staatsmacht in den Formen der Demokratie und unter allen Bürgschaften der Demokratie ausüben. (...) Wenn sich aber die Bourgeoisie gegen die gesellschaftliche Umwälzung, die die Aufgabe der Staatsmacht der Arbeiterklasse sein wird, durch planmäßige Unterbindung des Wirtschaftslebens, durch ge- waltsame Auflehnung, durch Verschwörung mit ausländischen gegen- revolutionären Mächten widersetzen sollte, dann wäre die Arbei- terklasse gezwungen, den Widerstand der Bourgeoisie mit den Mit- teln der Diktatur zu brechen." 45) Für Bauer war Demokratie gleichbedeutend mit Gewaltlosigkeit und Diktatur ein Synonym für Terrorismus. Er hielt Demokratie und Diktatur des Proletariats für historisch aufeinanderfolgende Stu- fen der Staatsentwicklung, die zwar nicht starr voneinander zu trennen sind, aber auch keine dialektische Einheit bilden. Die Verkürzung seines Staatsverständnisses auf eine reine Formenlehre sowie die mangelhafte Vermittlung von Ökonomie und Politik, in der sich das Klassenwesen staatlichen Handelns überhaupt erst enthüllt, hinderten Bauer an der Entwirrung des im Begriffspaar Demokratie/Diktatur enthaltenen Problems. Max Adler, Repräsentant des linken Parteiflügels, widersprach der Gleichbehandlung von Demokratie und Diktatur des Proletariats als Staatsformen und vermied es, dem marxistischen Diktaturbegriff einen pejorativen Sinngehalt unterzuschieben, der diesem fremd war. Dennoch glich sein Ansatz in Kernfragen der Pohtiktheorie und Strategie dem Bauers. Gemeinsam war beiden die "Erweiterung" des Demokratiebe- griffs dahingehend, daß er das soziale Umfeld der politischen In- stitutionen einbegreift, und, damit zusammenhängend, die Überzeu- gung, daß der Staat nicht . wie von Marx und Engels prophezeit - "abstirbt", sondern als "vollendete Demokratie" im Kommunis- mus/Sozialismus fortlebt. Die bürgerliche Demokratie fungiert nicht als Herrschaftsmodus des Kapitals, sondern wird als Parti- zipationsmechanismus glorifiziert, der bloß auf Wirtschaft und Gesellschaft projiziert werden muß, um die Emanzipation des Pro- letariats abzuschließen. "Solange die Demokratie auf dem Boden von Klassengegensätzen ruht, ist sie (...) gar nicht möglich. De- mokratie ist weder im bürgerlichen noch im proletarischen Staate möglich (...), sondern sie ist es nur in dem Sozialstaate der klassenlosen Gesellschaft, die erst der Zukunft angehört." 46) Während der Marxismus die Demokratie als Äußerungsform des Klas- senstaates (Sklavenhalterdemokratie, bürgerliche bzw. proletari- sche Demokratie) und den Sozialismus als Klassenherrschaft der Arbeiterklasse im Übergang zur Klassenlosigkeit charakterisiert, transponiert Adler die Demokratie auf die gesellschaftliche Ebene, weitet also die Form des Klassenstaates in unzulässiger Weise aus und erblickt darin zu allem Überfluß auch noch die Ver- wirklichung des Sozialismus, der seiner Meinung nach keine Klas- senherrschaft mehr, wohl aber einen Staat . Marx und Engels zu- folge gerade konzentriertester Ausdruck der Klassenantagonismen . kennt. D r i t t e n s wird die proletarische Revolution im Analo- gieschluß zur bürgerlichdemokratischen Revolution (der Franzosen) als bloßer Machtwechsel und sukzessive Umstrukturierung beschrie- ben, woraus strategische Verkürzungen der Transformationsproble- matik resultieren. Die Gleichsetzung von sozialistischer und bür- gerlicher Revolutionsperspektive taucht bei Bauer schon vor dem Ersten Weltkrieg auf: "Wie sich die soziale Revolution der Arbei- terklasse vollziehen wird, werden wir erkennen, wenn wir uns er- innern, wie sich die soziale Revolution der Bourgeoisie vollzogen hat." 47) Nach dem Krieg nahm Bauer diesen Argumentationsstrang im Zusammenhang mit der Oktoberrevolution wieder auf, um die an- gebliche Notwendigkeit einer davon abweichenden Transformations- strategie für Österreich zu begründen. Zu diesem Zweck verglich er den Umgestaltungsprozeß in Ost und West mit aufeinanderfolgen- den Entwicklungsphasen der französischen Revolution, in denen das Proletariat unterschiedliche Aufgaben gestellt bekommen habe, nämlich im Bündnis mit den Bauern die Feudalstrukturen zu zer- schlagen (Große Französische Revolution) und seinen Machtanspruch gegen die Reaktion der Bauern und Kleinbürger durchzusetzen (Revolution 1848). "Die Voraussetzungen der proletarischen Revo- lution sind also in West- und Mitteleuropa ganz andere als im russischen Osten. Die Konzeption der proletarischen Diktatur, wie sie Marx aus der französischen Revolution von 1793 abstrahiert und der deutschen Revolution von 1848 vorgezeichnet hat, konnte in der russischen Revolution von 1917 ihre Verwirklichung finden; aber sie ist aus demselben Grunde auf die proletarischen Bewegun- gen West- und Mitteleuropas in unseren Tagen nicht anwendbar, aus dem sie schon auf die französische Revolution von 1848 nicht an- wendbar war." 48) Bauer, der dem "despotischen Sozialismus" in Rußland die (bürgerlich-parlamentarische) Demokratie des Westens gegenüberstellte, ignorierte den grundlegenden Unterschied zwi- schen beiden Revolutionstypen und übersah, daß sich die Bour- geoisie, als sie die Staatsgewalt ergriff, bereits im Besitz der ökonomischen Entscheidungszentren befand, wohingegen das Proleta- riat die politische Macht zur Veränderung der gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen benötigt. Er blieb im Bann des bürgerlichen Demokratieverständnisses befangen und hat die Grenzen dieser Staatsideologie nie ganz überschritten. Austromarxismus - Sackgasse oder "dritter Weg" zum Sozialismus? --------------------------------------------------------------- Otto Bauers Ruf als integrer Parteiführer wird im Rahmen der ge- genwärtigen Austromarxismus-Renaissance benutzt, um das Konzept eines "dritten", demokratischen Weges jenseits von Reformismus und Leninismus zu begründen. 49) Die Bezeichnung stammt von Max Adler, der sich damit gegenüber der SD AP-Rechten und den Kommu- nisten gleichermaßen abgrenzen wollte. 50) Im Gefolge tiefgrei- fender Existenzbedrohungen der bürgerlichen Gesellschaft breiten sich regelmäßig Illusionen bezüglich eines "dritten Weges" inner- halb der Arbeiterklasse aus, sei es nun, daß dieser zwischen Ka- pitalismus und Sozialismus, sei es, daß er zwischen verschiedenen Modellen der sozialistischen Gesellschaftsveränderung hindurch- führen soll: Erste Ansätze dazu finden sich nach dem "Gründerkrach" und der sog. Großen Depression im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts (Georg von Vollmars "Staatssozialismus", Eduard Bernsteins Revisionismus), weitere während der kapitali- stischen Weltwirtschaftskrise 1929/33 (Rudolf Hilferdings/Fritz Naphtalis Konzeption der "Wirtschaftsdemokratie" auf der Grund- lage des "organisierten Kapitalismus") und im Anschluß an den Zweiten Weltkrieg (Kurt Schumachers "Sozialismus als Gegen- wartsaufgabe") . Der "dritte" Weg ist einer Fata Morgana ver- gleichbar, die immer dann bei (privilegierten) Teilen der Werktä- tigen Platz ergreift, wenn der Kapitalismus von Krisen geschüt- telt wird, ohne daß sich daraus unmittelbar eine revolutionäre Situation ergibt, und die politische Agitation scheinbar sta- gniert, weil die Mehrheit der Bevölkerung abwartend reagiert. Die "Ausweichstrategie" des Dritten Weges setzt auf eine schrittweise Reformierung der Gesellschaft und des Staates, weil sie den Glau- ben an deren Revolutionierung verloren hat, ist also im Grunde resignativ. Auch der "dritte" Weg des Austromarxismus war, wie das Weiterbestehen der kapitalistischen Ausbeutung und Unterdrüc- kung trotz Regierungsbeteiligung der Sozialdemokratischen Arbei- terpartei Deutschösterreichs (später der SPÖ) beweist, eine Sack- gasse, ihr "Zweifrontenkrieg" gegen Reformismus und Bolschewis- mus/Leninismus mehr als einseitig - Kampf dem Kommunismus! Wie weit der Antikommunismus des Austromarxismus ging, und welche Blüten er trieb, zeigt das Beispiel Karl Kautskys jun., von Beruf Arzt, der operative Behandlungsmethoden mit der Begründung ab- lehnte, die Chirurgie habe "manches mit dem Bolschewismus gemein, nicht nur darin, daß sie radikale Heilung über Nacht verspricht, sondern auch in ihrem Anspruch auf die umfassende Gültigkeit ih- rer Methode." 51) Das Schlagwort vom "demokratischen Weg zum So- zialismus" desavouiert frühere und gegenwärtige Volkserhebungen, angefangen bei der Pariser Kommune 1871 über die russische Ok- toberrevolution 1917 bis hin zu nationalrevolutionären Befrei- ungsbewegungen der sog. Dritten Welt, weil der Eindruck erweckt wird, als handle es sich um u n demokratische Emanzipationspro- zesse im Gegensatz zur demokratischen Transformation hochindu- strialisierter Staaten des Westens, fungiert als antikommunisti- sche Kampfformel und diskriminiert revolutionäre Richtungen in- nerhalb der Arbeiterbewegung, die am Begriff der Diktatur des Proletariats zur Kennzeichnung der sozialistischen Staatsmacht festhalten. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, daß Bauers "Zwischen zwei Weltkriegen?", dessen neuerliche Aktualität schon der Titel signalisiert, gewarnt hat, man dürfe "Demokratie und Diktatur des Proletariats nicht als unvereinbare Gegensätze einander entgegenstellen. Die Diktatur des Proletariats ist nichts anderes als eine vom Proletariat eroberte Staatsmacht, die stark und dauerhaft genug ist, die Umwälzung der kapitalistischen Gesellschaft in die sozialistische zu vollziehen. Welche Formen eine solche Staatsmacht annehmen wird, wird von den geschichtli- chen Umständen, unter denen die Arbeiterklasse die Staatsmacht erobert, und von der Kraft der Widerstände, die diese Staatsmacht zu brechen hat, abhängen." 52) Es wäre ein nicht wiedergutzuma- chender Fehler, würde sich die Arbeiterbewegung der Gegenwart, statt die Gretchenfrage nach dem Klassenwesen der Übergangsge- sellschaft (Kapitalismus oder Sozialismus?) zu stellen, die Scheinalternative der bürgerlichen Staatsideologie "Demokratie o d e r Diktatur (des Proletariats)?" aufdrängen lassen. Der Austromarxismus war weder authentischer noch A n t i - Marxismus; er muß, wie Wolfgang Abendroth postuliert 53), k r i t i s c h rezipiert werden. Bauer hat besonders in seinem Spätwerk, das den Siegeszug des Faschismus in Mitteleuropa re- flektiert, frühere Fehleinschätzungen revidiert, hat über den (Staat im) Kapitalismus viel Richtiges und Wichtiges gesagt; aber fast immer, wenn es um die Revolution, den Übergang zum Sozialismus und die Klassenherrschaft des Proletariats ging, wurde der Marxismus verfälscht oder verflacht, immer, wenn es an Knotenpunkten der Zeitgeschichte (Kriegsausbruch 1914, beim Zusammenbruch der Donaumonarchie 1918/19 oder im Kampf gegen den Austrofaschismus 1933/34) um die praktische Aktion ging, hat die österreichische Sozialdemokratie - wie auch ihr langjähriger Führer - kläglich versagt. Bauers Rezeption der marxistischen Staatskonzeption blieb bruchstückhaft; selbst zu der Zeit, als er den "integralen Sozialismus" mit dem Ziel einer Synthese von Sozialreformismus und Bolschewismus propagierte, gelang es ihm nicht, die Grundbestimmungen der Staats- und Demokratietheorie des wissenschaftlichen Sozialismus zu rekonstruieren. Auch leistet der Austromarxismus zur Lösung des Kardinalproblems der Imperialismusanalyse, der Frage nach dem Verhältnis von Ökonomie und Politik, anders gesagt: der Wechselbeziehung zwischen Staat und Monopolen im gegenwärtigen (BRD)-Kapitalismus, keinen konstruktiven Beitrag. Anzuknüpfen wäre an zwei Entwicklungs- phasen des Bauerschen Werkes: Die Episode gegen Ausgang des Ersten Weltkrieges, als sich Bauer zum Wortführer der SD AP- Linken aufschwang, den Sozialpatriotismus und die Burgfriedens- politik des Parteivorstandes bekämpfte, bietet Ansätze für eine bis heute brauchbare Reformismuskritik; die Schaffensperiode nach dem Sieg des Austrofaschismus enthält Momente der Selbstkritik, die zum Abbau legalistischer Bewußtseinsrestriktionen beitragen könnten. Dazwischen liegt ein Lebensabschnitt, in dem Bauer als Spitzenfunktionär verstärkt parteitaktischen Zwängen unterlag, und wo sich seine Begabung zur wissenschaftlichen Analyse und strategischen Vorausschau weniger entfalten konnte, was den Wert der zu dieser Zeit entstandenen Arbeiten herabmindert. Ab- schließend wäre zu fragen (und ggf. als Forschungsdesiderat einzuklagen), ob Bauers Gleichgewichtstheorie, auf die inter- nationalen Beziehungen der Gegenwart angewendet, für die Formulierung einer den Systemgegensatz zwischen Sozialismus und Kapitalismus, den Klassenwiderspruch von Lohnarbeit und Kapital im Weltmaßstab zum Bezugspunkt wählenden Transformationsstrategie fruchtbar gemacht werden kann. _____ 1) Antonio Gramsci, Zu Politik, Geschichte und Kultur, Ausge- wählte Schriften, Frankfurt am Main 1980, S. 228 2) Ebd., S. 227 3) Vgl. z.B. Gerhard Roth, Gramscis Philosophie der Praxis, Eine neue Deutung des Marxismus, Düsseldorf 1972 4) Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, in: Werke (MEW), Bd. 3, S. 47 5) Siehe Engels an Max Oppenheim, 24. März 1891, in: MEW, Bd. 38, S. 64 6) Vgl. Perry Anderson, Antonio Gramsci, Eine kritische Würdi- gung, Westberlin 1979, S. 20 ff. 7) W.I. Lenin, Der Reformismus in der russischen Sozialdemokra- tie, in: Werke (LW), Bd. 17, S. 219 8) Vgl. Perry Anderson, Antonio Gramsci, a.a.O., S. 24 9) W.I. Lenin, Die große Initiative, in: LW, Bd. 29, S. 409 10) Otto Bauer, zit. nach: Herbert Steiner, Am Beispiel Otto Bau- ers - die Oktoberrevolution und der Austromarxismus in: Weg und Ziel, Juli 1967 (Sonderheft), S. 3 f. 11) Vgl. W.I. Lenin, Politischer Bericht des Zentralkomitees, Au- ßerordentlicher Siebenter Parteitag der KPR (B), 6.-8. März 1918, in: LW, Bd. 27, S. 85 12) Antonio Gramsci, Zu Politik, Geschichte und Kultur, a.a.O., S. 273 13) Siehe Robert Danneberg, Für und wider die Koalition, in: Der Kampf 5/1928, S. 195 14) Siehe Oskar Pollak, Österreichs Anpassung an die "Pause", in: Der Kampf 3/1930, S. 1 15) Antonio Gramsci, Philosophie der Praxis, Eine Auswahl, her- ausgegeben und übersetzt von Christian Riechers mit einem Vorwort von Wolfgang Abendroth, Frankfurt am Main 1967, S. 163 16) Giuseppe Fiori, Das Leben des Antonio Gramsci, Biographie, Westberlin 1979, S. 218 f. 17) Antonio Gramsci, Zu Politik, Geschichte und Kultur, a.a.O., S. 221 18) Gleiches gilt für den Bedingungszusammenhang zwischen Ökono- mie und Hegemonie. 19) Siehe Louis Althusser, Ideologie und ideologische Staatsappa- rate, Aufsätze zur marxistischen Theorie, Hamburg/Westberlin 1977, S. 108 ff. 20) Vgl. Kann Priester, Die Bedeutung von Gramscis "erweitertem" Staatsbegriff, in: Arbeitskreis Westeuropäische Arbeiterbewegung (Hrsg.), Eurokommunismus und marxistische Theorie der Politik, Argument-Sonderband 44 (1979), S. 37 21) Karl-Heinz Braun, Die politische Theorie Antonio Gramscis und die aktuelle Gramsci-Rezeption in der Bundesrepublik in: Marxi- stische Blätter 1/1979, S. 80 22) Reinhard Opitz, Über vermeidbare Irrtümer. Zum Themenschwer- punkt "Faschismus und Ideologie", in: Das Argument 121 (1980), S. 360 23) Projekt Ideologie-Theorie, Theorien über Ideologie, Argument- Sonderband 40 (1979), S. 75 24) Vgl. Christian Riechers, Antonio Gramsci, Marxismus in Ita- lien, Frankfurt am Main 1970, S. 49 25) Siehe Claudio Signorile, Die Demokratie, die den Staat verän- dert, in: Sozialisten, Kommunisten und der Staat. Über Hegemonie, Pluralismus und sozialistische Demokratie, Hamburg/Westberlin 1977, S. 132 26) Sabine Kebir, Die Kulturkonzeption Antonio Gramscis, München 1980, S. 62 27) Vgl. Antonio Gramsci, Philosophie der Praxis, a.a.O., S. 258 28) Hans Heinz Holz/Hans Jörg Sandkühler, Gramsci-Debatte und Po- litik der demokratischen Wende, in: dies. (Hrsg.), Betr.: Gram- sci, Philosophie und revolutionäre Politik in Italien, Köln 1980, S. 54 29) Valentino Gerratana, Staat, Partei, Institutionen, Politische Hegemonie der Arbeiterklasse in: Biago De Giovanni u.a., Gramsci- Debatte 1, Hegemonie, Staat und Partei, Hamburg 1978, S. 35 f. 30) Detlev Albers, Nachwort: Pietro Ingrao als marxistischer Staatstheoretiker, in: Pietro Ingrao, Massenbewegung und politi- sche Macht, Hamburg 1979, S. 198 f. 31) Rudolf Springer (Karl Renner), Staat und Parlament. Kritische Studie über die Österreichische Frage und das System der Interes- senvertretung, Wien 1901, S. 31 32) Siehe Friedrich Austerlitz, Kampf gegen den Austromarxismus oder Haß gegen die Arbeiter?, in: Der Kampf 10/1928, S. 473 33) Otto Bauer, Der Aufstand der österreichischen Arbeiter, Seine Ursachen und seine Wirkungen, in: Werkausgabe (BW), Bd. 3, S. 987 34) Bruno Frei, Otto Bauer und der Eurokommunismus, in: Das Argu- ment 119 (1980), S. 90 f. 35) Otto Bauer, Der Kampf um die Macht, in: BW, Bd. 2, S. 952. 36) Vgl. ebd., S. 957 37) Otto Bauer, Der Kampf um die Demokratie, Rede auf dem sozial- demokratischen Parteitag, abgehalten vom 8. bis 10. Oktober 1929 in Wien, in: BW, Bd. 5, S. 526 38) Ders., Das Wesen der Volksfront, in: BW, Bd. 9, S. 729 39) Julius Braunthal, Der Putsch der Faschisten, in: Der Kampf 11/1922, S. 322 40) Otto Bauer, Die österreichische Revolution, in: BW, Ed. 2, S. 805 41) Ders., Das Gleichgewicht der Klassenkräfte, in: BW, Bd. 9, S. 67 42) Vgl. Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in: MEW, Bd. 8, S. 198 43) Otto Bauer, Die Grundfrage unserer Taktik, in: BW, Bd. 8, S. 811 44) Siehe ders., Nach dem Parteitag, in: BW, Bd. 9, S. 168 45) Programm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutsch- österreichs, beschlossen vom Parteitag zu Linz am 3. November 1926, in: Hans Jörg Sandkühler/Rafael de la Vega (Hrsg.), Austro- marxismus, Texte zu "Ideologie und Klassenkampf", Frankfurt am Main 1970, S. 92 46) Max Adler, Die Staatsauffassung des Marxismus, Ein Beitrag zur Unterscheidung von soziologischer und juristischer Methode, Darmstadt 1964 (Reprint), S. 115 47) Otto Bauer, Die Grundfrage unserer Taktik, a.a.O., S. 826 48) Ders., Bolschewismus oder Sozialdemokratie?, in: BW, Bd. 2, S. 297 49) Vgl. z.B. Detlev Albers u.a. (Hrsg.), Otto Bauer und der "dritte" Weg. Die Wiederentdeckung des Austromarxismus durch Linkssozialisten und Eurokommunisten, Frankfurt am Main 1979; Detlev Albers, Gedanken über den "dritten Weg zum Sozialismus" in Westeuropa, in: ders. u.a. (Hrsg.), Perspektiven der Eurolinken, Frankfurt am Main 1981, S. 126 ff. 50) Siehe Max Adler, zit. bei: Julius Braunthal, Die Arbeiterräte in Deutschösterreich. Ihre Geschichte und ihre Politik, Wien 1919, S. 25 51) Karl Kautsky, Die Strömungen in der modernen Medizin im Lichte des historischen Materialismus, in: O. Jenssen (Hrsg.), Der lebendige Marxismus. Festgabe zum 70. Geburtstage von Karl Kautsky, Jena 1924, S. 479 52) Otto Bauer, Zwischen zwei Weltkriegen? Die Krise der Welt- wirtschaft, der Demokratie und des Sozialismus, in: BW, Bd. 4, S. 210 f. 53) Vgl. Wolfgang Abendroth, Renaissance des "klassischen" Austromarxismus?, in: Frank Deppe u.a. (Hrsg.), Marxismus und Ar- beiterbewegung, Josef Schleifstein zum 65. Geburtstag, Frankfurt am Main 1980, S. 105 zurück