Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 04/1981


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DIE GRUPPE "ÉCONOMIE ET POLITIQUE" (FRANKREICH)

Edgar Gärtner 1. Entstehung, Funktionswandel, Redaktion und Leserschaft der Zeitschrift "Économie et Politique" - 2. Die wissenschaftliche Arbeit der Gruppe "Économie et Politique" und die Wirtschaftspo- litik der KPF - 3. Die Forschungshefte "Issues" 1. Entstehung, Funktionswandel, Redaktion und Leserschaft --------------------------------------------------------- der Zeitschrift "Économie et Politique" --------------------------------------- Bei den in der BRD als Gruppe "Économie et Politique" bekanntge- wordenen französischen marxistischen Wirtschaftswissenschaftlern handelt es sich um die Mitarbeiter der Sektion Ökonomie des Zen- tralkomitees der Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF), die ihre Forschungsergebnisse vor allem in der 1954 gegründeten Zeit- schrift "Economie et Politique" publizieren. Die Zeitschrift trug ursprünglich den Untertitel "Revue d'économie marxiste" und hatte über mehr als zwei Jahrzehnte aufgrund der universitären Herkunft und Tätigkeit der Mehrzahl ihrer Mitarbeiter und der sozialen Zu- sammensetzung ihrer Leserschaft (vorwiegend Studenten) einen eher akademischen Charakter. Sie diente als wesentliches Forum für die Ausarbeitung und Diskussion des französischen Beitrags zur Theo- rie des staatsmonopolistischen Kapitalismus (SMK). Nach und nach sind die Ergebnisse dieser zunächst vorwiegend theoretischen Dis- kussionen in die Argumentation der kommunistischen Betriebszellen und der Gewerkschaftsorganisationen der CGT eingeflossen. Es vollzog sich ein Funktionswandel der Zeitschrift, der sich vor allem darin ausdrückte, daß neben rein theoretischen Artikeln zu- nehmend detailliertere Analysen und Berichte für und über den Kampf in den Betrieben erschienen. Politische Leitung und Redaktion der Zeitschrift trugen diesem Funktionswandel dadurch Rechnung, daß sie der Zeitschrift Ende 1976/Anfang 1977 ein völlig neues Gesicht verliehen, das auch in- haltliche Veränderungen und Schwerpunktverlagerungen ausdrückt: Die Redaktion bekam nun die Funktion, die Analysen und Berichte der ökonomischen Sektion des ZK in einer ansprechenden und lesba- ren Form journalistisch aufzubereiten und ein System betriebli- cher Korrespondenten aufzubauen, um die Zeitschrift zu einem ef- fektiven argumentativen Hilfsmittel in den sich verschärfenden Klassenauseinandersetzungen zu machen. Parallel zur monatlich er- scheinenden illustrierten Zeitschrift "Économie et Politique" er- scheint seit Ende 1978 vierteljährlich eine Reihe von Forschungs- heften mit dem Titel "Issues", die ebenfalls der Sektion Ökonomie des ZK untersteht, die aber als Plattform der theoretischen Dis- kussion im Unterschied zu "Economie et Politique" ihre Spalten im Prinzip auch Nichtmitgliedern der KPF zur Verfügung stellt. Am Ausgangspunkt dieser Umstrukturierungen stehen die Orientierungen des XXII. Parteikongresses der KPF vom Februar 1976. Die politische Leitung der Zeitschrift liegt derzeit in den Hän- den von Philippe Herzog, Mitglied des Bureau Politique, Direktor der Sektion Ökonomie des ZK. Dem Redaktionsbeirat gehören Paul Boccara, Jean-Charles Dubart, Jean-Claude Gayssot und Anicet Le Pors (alle Mitglieder des ZK) an. Chefredakteur ist Claude Quin, seine Stellvertreter sind Bernard Marx, und Alain Zoughebi. Gene- ralsekretär ist Jean-Louis Gombeaud. Der Redaktion gehören außer- dem Marc Blachère, Jean-Claude Chauve, Dorothée Danset, Michel Dauba, Philippe Duong, Jean Faure, Claude Gauche-Cazalis, Michel Laurent, Christian Thevenet, François Vaneau und Daniel Vergnaud an. Die Auflage der Zeitschrift liegt gegenwärtig bei 10 000 Ex- emplaren. Genaue Angaben über die soziale Zusammensetzung der Abonnenten von "Économie et Politique" liegen derzeit nicht vor. Im Unterschied zu früher sind die Studenten jetzt aber eindeutig in der Minderheit, Arbeiter und Angestellte (meist Verantwortli- che der kommunistischen Betriebszellen) machen das Gros der Le- serschaft aus. 2. Die wissenschaftliche Arbeit der Gruppe "Économie et ------------------------------------------------------- Politique" und die Wirtschaftspolitik der KPF --------------------------------------------- Die Beiträge der Zeitschrift gruppieren sich um eine feststehende Gliederung in zwei Hauptteile: Der erste Teil, betitelt mit "Crise", bringt laufend Analysen der Entwicklung der Industrie- produktion, der Preise, des Außenhandels, der Arbeitslosigkeit, der Profite, der Massenkaufkraft, der Wirtschafts- und Sozialpo- litik der Regierung, der Betriebsstillegungen und Produktionsver- lagerungen in Niedriglohnländer durch die Großkonzerne, der Auto- matisierung und Informatisierung, der Energiepolitik, der staats- monopolistischen Planung und Regulierung usw.; der zweite Teil mit der Überschrift "Changer" (verändern) bringt aktuelle Be- richte über gesellschaftliche Auseinandersetzungen in einzelnen Regionen und Betrieben. Eine ständige Rubrik dieses Teils be- schäftigt sich mit dem Kampf um eine neue Weltwirtschaftsordnung. Darüber hinaus erstellt die Redaktion zu bestimmten Problemen - wie etwa der Umstrukturierung der französischen transnationalen Konzerne, den politischen und wirtschaftlichen Ursachen des Hun- gers in der Welt, der ökonomischen Entwicklung der sozialisti- schen Länder, der Jugendarbeitslosigkeit, der Benachteiligung der Frauen, der Automobilkrise u.a. - ausführliche Dossiers, die im Unterschied zu den aktuellen Beiträgen längerfristig geplant werden. Die gut hundert Mitarbeiter der Zeitschrift stützen sich weitge- hend auf die wissenschaftliche Infrastruktur der Sektion Ökonomie des ZK, die in der Parteizentrale an der Place du Colonel Fabien in Paris untergebracht ist. Es gibt dort ein bedeutendes Dokumen- tationszentrum, in dem ökonomisch versierte Dokumentatoren arbei- ten. Aufgrund der Qualifikation ihrer Mitarbeiter und des ihnen zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Apparates ist es der Sektion Ökonomie des ZK und der Redaktion von "Économie et Poli- tique" möglich, durch detaillierte Berechnungen die volkswirt- schaftlichen Auswirkungen der Erfüllung der Forderungen der Ar- beiterklasse recht genau anzugeben und so den Argumenten der mo- nopolhörigen Wirtschaftswissenschaftler und Technokraten entge- genzutreten. Das spielte eine wichtige Rolle in den zähen Ver- handlungen zwischen der KPF, der Sozialistischen Partei und den linken Radikalen um die vor den Parlamentswahlen von 1978 notwen- dig gewordene Aktualisierung des gemeinsamen Programms' der Link- sparteien von 1972, die schließlich aufgrund der immer deutliche- ren sozialdemokratischen Orientierung der sozialistischen Partei scheiterten. Die kommunistischen Ökonomen konnten hier den vagen Vorschlägen der Sozialisten präzise volkswirtschaftliche Gesamt- rechnungen für die erste Amtszeit einer Linksregierung entgegen- stellen, die bewiesen, daß die weitergehenden Forderungen nach einer kräftigen Anhebung des Mindestlohnes, dem vollständigen Ab- bau der Arbeitslosigkeit, der Verkürzung der Arbeitszeit, der Verbesserung der Arbeitsbedingungen usw. durchaus nicht utopisch waren - unter der Voraussetzung einer erheblichen Schwächung der Macht des Großkapitals durch Nationalisierung der Schlüsselindu- strien und Demokratisierung der Entscheidungsprozesse. In neuerer Zeit analysierten die kommunistischen Ökonomen inten- siv die staatsmonopolistische Programmierung, wie sie sich in den Vorarbeiten und Entwürfen zum VIII. Plan (1980-1985) darstellt. Die Berechnungen der von der damaligen Regierung Giscard-Barre eingesetzten Kommissionen sahen u.a. eine erhebliche quasi natur- gesetzliche Verschärfung der Arbeitslosigkeit und eine Akzentuie- rung der regionalen und branchenstrukturellen Ungleichgewichte in der französischen Wirtschaft vor, welche ihre schon jetzt bedenk- lich große Abhängigkeit vom Import energetischer und nichtenerge- tischer Rohstoffe sowie von Produkten fortgeschrittener Technolo- gie wie vor allem Werkzeugmaschinen, Computer usw. noch beträcht- lich verstärken müßten. So rechnete etwa eine als "rapport Les- canne" bekanntgewordene Expertise für den Zeitraum zwischen 1978 und 1986 mit dem Abbau von etwa einer Million Arbeitsplätze al- lein in der Industrie. Das Baugewerbe, die Landwirtschaft und der tertiäre Sektor würden zusätzlich Hunderttausende von Arbeitern und Angestellten freisetzen. Die Unternehmerverbände und die Re- gierung wurden nicht müde zu wiederholen, eine Gesundung der französischen Wirtschaft sei nur möglich durch eine noch weiter- gehende Umverteilung des Volkseinkommens zugunsten der Unterneh- mergewinne, die Aufgabe einer Reihe grundlegender industrieller Aktivitäten zugunsten einer Spezialisierung auf wenige als hoch- profitabel eingeschätzte Industriezweige usw. Dem Dogma, nur höhere Unternehmergewinne führten zu einer höheren Investitionsrate und damit zur Schaffung neuer Arbeitsplätze, halten die kommunistischen Ökonomen Zahlen entgegen, die das Ge- genteil beweisen: Zwischen 1974 und 1979 haben sich die durch- schnittlichen Gewinne aller französischen Unternehmen (ein- schließlich der kleinen und mittleren Unternehmen) verdoppelt. Die privatwirtschaftlichen Investitionen sind in diesem Zeitraum aber um zehn Prozent gesunken, während sich die Zahl der Arbeitslosen mehr als verdreifachte. Wurden 1973 noch 58 Prozent der ausgewiesenen Gewinne in Frankreich reinvestiert, so waren es 1979 nur noch 49 Prozent, der Rest ging in den Luxuskonsum, in Spekulationen und in den Kapitalexport. Während des gleichen Zeitraums stiegen die Investitionen der nicht primär profitorien- tierten öffentlichen Unternehmen jedoch um 80 Prozent. Schon von daher ist es klar, was von der in den Vorarbeiten zum VIII. Plan wiederholten Forderung nach einer Reprivatisierung öffentlicher Dienste zu halten ist. Die Kommunisten beantworten die monopolistische Strategie des Ab- baus von Produktionskapazitäten und des Ausverkaufs französischer technologischer Errungenschaften mit der Losung "Produisons fran- cais!" (produzieren wir französisch!). Die Mitarbeiter von "Economie et Politique" untermauerten diese Orientierung der be- trieblichen Kämpfe durch detaillierte Auflistungen von techni- schen Neuerungen, die französische Konzerne brachliegen lassen oder an ihre amerikanischen, bundesdeutschen oder japanischen Konkurrenten abgetreten haben. Sie bewiesen in ihren Berechnun- gen, die sich auf die Analyse der Struktur und der Aktivitäten einer Vielzahl von Großunternehmen stützen, daß unter der Voraus- setzung einer Veränderung der Machtverhältnisse und des Abbaus der in Frankreich besonders stark ausgeprägten gesellschaftlichen Ungleichheiten gleichzeitig Vollbeschäftigung, Arbeitszeitverkür- zungen, Arbeitserleichterungen, nationale Selbständigkeit in al- len wichtigen Wirtschaftssektoren und eine gleichberechtigte in- ternationale Kooperation erreichbar sind. Diese Berechnungen liegen auch den 131 Vorschlägen des Kampfpla- nes zugrunde, mit dem der Generalsekretär der KPF, Georges Mar- chais, der kommunistische Kandidat für die Präsidentschaftswahlen von 1981, seinen Wahlkampf führte. Oberstes Ziel dieses Planes ist die Beseitigung der Arbeitslosigkeit. Er sieht bis 1987 die Schaffung von 3,5 Mio. Arbeitsplätzen, d.h. jährlich 500 000 Ar- beitsplätzen, davon 350 000 für Frauen, vor. Dieses Ziel soll mit sieben Maßnahmebündeln erreicht werden: 1. Eine kräftige Steigerung der Kaufkraft der unteren Einkommens- schichten, insbesondere durch die Anhebung des Mindestlohnes. Ein Prozent zusätzlicher Massenkonsum schafft nach den Berechnungen etwa 100 000 neue Arbeitsplätze; 2. Arbeitszeitverkürzungen und Verbesserungen der Arbeitsbedin- gungen, insbesondere durch die Demokratisierung der betrieblichen Entscheidungen; 3. die Förderung von Forschung und Entwicklung im Sinne der Ver- besserung der Arbeits- und Lebensbedingungen, z.B. durch die Eli- minierung unqualifizierter und repetitiver Tätigkeiten durch den Einsatz von Robotern; 4. Produire français; 5. ein angemessener französischer Beitrag zur Entwicklung einer gerechteren Weltwirtschaftsordnung; 6. die totale fiskalische Abschöpfung aller Einkommen über 40 000 Francs im Monat und die Unterbindung jeglicher Verschwendung und Spekulation; 7. die Demokratisierung von Staat und Wirtschaft. Diese enge Verknüpfung der Arbeit von "Économie et Politique" mit der Tagespolitik der KPF bedeutet aber nicht, daß die Mitarbeiter der Zeitschrift nur Zuträgerfunktionen bei der Konkretisierung der auf den Parteikongressen festgelegten grundlegenden Orientie- rung des Kampfes ausüben. Vielmehr sind sie oft durch eigene In- itiativen hervorgetreten. Insbesondere erlaubt das System be- trieblicher Korrespondenten Rückkopplungen zur Basis, die zur Korrektur der jeweils gültigen Linie führen können. So änderten die Kommunisten in der letzten Zeit aufgrund solcher Initiativen ihre Haltung gegenüber den kleinen und mittleren Unternehmen, die bisher in der kommunistischen Propaganda eher mit Nachsicht be- handelt wurden, um die Stoßrichtung der Kämpfe auf die Großkon- zerne zu lenken. In Frankreich arbeitet aber fast die Hälfte al- ler Lohnabhängigen in kleinen und mittleren Unternehmen, die man nicht summarisch als Opfer der Politik des Monopolkapitals hin- stellen kann; denn ihre durchschnittlichen Gewinne wuchsen zwi- schen 1974 und 1979 um 96 Prozent. In Wirklichkeit finden sich in dieser Kategorie die größten Ausbeuter, vor allem in ländlichen Gebieten, wo insbesondere Frauen unter unerträglichen Arbeitsbe- dingungen für Löhne arbeiten, die unter dem vom Staat festgeleg- ten Minimum liegen. Die Betriebskorrespondenten spielen allgemein eine wichtige Rolle bei der Erforschung der internationalen Konzerne, die ohne diese Beiträge aus den Betrieben kaum zu erfassen wären. Nicht selten lenken sie die Aufmerksamkeit der Theoretiker auf Probleme, die bisher unbeachtet blieben, etwa auf den neuen Zwang zur Ökonomie des konstanten Kapitals durch Steigerung der Arbeitsintensität, der sich daraus ergab, daß die Stückkosten vieler Produkte in- folge des sich aufgrund der Austeritätspolitik der Regierung Gis- card-Barre einengenden inneren Marktes wieder anstiegen. Oft be- suchen Redaktionsmitglieder, die mit der Zusammenstellung eines Dossiers beschäftigt sind, auch direkt die interessierenden Un- ternehmen. Die ökonomischen Analysen, die durch solche Initiativen angeregt werden, bleiben aber immer eng an den Bedürfnissen der aktuellen Klassenauseinandersetzungen orientiert. Es geht dabei u.a. um folgende Fragen: Welche Perspektiven eröffnet eine stärker an den nationalen Interessen orientierte Politik der derzeit im Abbau begriffenen Stahlindustrie? Welche Perspektiven gibt es für die friedliche Nutzung der Kernenergie, ein Gebiet, auf dem Frankreich dank der Nationalisierung des gesamten Energiesektors unmittelbar nach dem Kriege heute einen beachtlichen technologi- schen Vorsprung besitzt? Welche Entwicklungsmöglichkeiten gibt es für die augenblicklich stagnierende Chemie-Industrie? Wie könnte die Zukunft der Automobilindustrie aussehen? Wie die der Flug- zeugindustrie? Wie kann die bereits fortgeschrittene Entvölkerung ganzer Regionen (insbesondere in Zentralfrankreich, in den Pyre- näen und in den Alpen) rückgängig gemacht werden? Was muß getan werden, um die Desindustrialisierung der Region Paris aufzuhal- ten? Wie kann der Wohnungsnot abgeholfen werden? Wie hoch sind die gesellschaftlichen Kosten der Arbeitslosigkeit? In welche Richtung zielen die widersprüchlichen und größtenteils verschwom- menen Vorschläge der Sozialistischen Partei? Welche zusätzlichen volkswirtschaftlichen Ressourcen werden frei, wenn Spekulation und Verschwendung gestoppt werden? Welche Investitionen sind not- wendig, um die Arbeitslosigkeit zu beseitigen? Wieviele neue Ar- beitsplätze könnten bestimmte Betriebe ohne zusätzliche Investi- tionen schaffen? Welche Unternehmen müssen nationalisiert werden, um ein an den Bedürfnissen der Bevölkerungsmehrheit orientiertes neues Wirtschaftswachstum von jährlich 4,5 Prozent über eine ebenso große Steigerung der Arbeitsproduktivität und die Unter- bindung aller Formen von Verschwendung erreichen zu können? 3. Die Forschungshefte "Issues" ------------------------------- Die Aufgabe der Forschungshefte "Issues", die von Bernard Marx als Generalsekretär geleitet werden und deren Redaktionsbeirat Christian Barrère, Paul Boccara, Jean-Marie Curti, Jean-Pierre Delilez, Patrice Grevet, Philippe Herzog, Gérard Kebabdjian, Christan Palloix, Paul Rolland und Olivier Weinstein angehören, besteht darin, einen theoretischen Vorlauf zu sichern, d.h. auch Probleme aufzugreifen, die nicht (oder noch nicht) in einem un- mittelbaren Zusammenhang mit den Tageskämpfen stehen. Schon in den letzten Jahren vor der Umwandlung der Zeitschrift hatten sich die Mitarbeiter von "Économie et Politique" in ihren theoretischen Veröffentlichungen ausgehend von der von französi- schen marxistischen Ökonomen (insbesondere Paul Boccara) entwic- kelten Überakkumulations-Entwertungs-Theorie vor allem mit der Entwicklung der Widersprüche in der kapitalistischen Krise, d.h. mit der Frage, ob und wieso die Krise sich verschärft, beschäf- tigt. Sie richteten dabei auch ein besonderes Augenmerk auf den Einfluß des Widerstandes der Arbeiterklasse auf die Entwicklung der Krise. Aus der Analyse der Akkumulationszyklen leiteten sie eine auch außerhalb Frankreichs vielbeachtete Erklärung für Ar- beitslosigkeit und Inflation ab. Die theoretische Arbeit der französischen marxistischen Ökonomen konzentrierte sich also größtenteils auf Fragen, die mit der Theorie der kapitalistischen Krise zusammenhängen, da dieser Problemkomplex in der auch in der BRD bekanntgewordenen grundlegenden Abhandlung "Der staatsmonopo- listische Kapitalismus" von 1971 aus verständlichen Gründen noch kaum berührt worden war. Die Fortschritte in der Krisentheorie hatten unmittelbare strategische Konsequenzen, wie am Verlauf des XXII. und des XXIII. Parteikongresses der KPF abzulesen ist. Es ist jedoch festzustellen, daß aus dem Umkreis von "Économie et Politique" zu anderen fundamentalen Problemkomplexen, die mit den strategischen und taktischen Umorientierungen der KPF in den letzten Jahren, d.h. mit der Übernahme der Konzeption der Selbst- verwaltung (Autogestion) auf dem XXII. und XXIII. Parteikongreß zusammenhängen, insbesondere zur Staatstheorie, bisher ver- gleichsweise wenig Beiträge von hohem theoretischem Niveau vor- liegen. Zu bedauern ist auch, daß die ansonsten durchaus beacht- liche theoretische Arbeit, die die französischen marxistischen Ökonomen in den letzten zehn Jahren geleistet haben, nicht in Form systematischer und einem breiteren Publikum zugänglicher Ge- samtdarstellungen aufbereitet wurde. Die Forschungshefte "Issues" starteten nun mit vielbeachteten Beiträgen zur Theorie der staatsmonopolistischen Regulierung von Christian Barrère im Heft 1 (Dezember 1978) und Louis Fontvieille im Heft 4 sowie einer nicht weniger interessanten ausführlichen statistischen Untermauerung der Überakkumulations-Entwertungs- Theorie, die bisher vorwiegend theoretisch hergeleitet worden war, aufgrund von Zahlenmaterial des französischen nationalen ökonomisch-statistischen Instituts (INSEE) über das Verhältnis zwischen der Entwicklung des Kapitalstocks, der Investitionen und des Produktionsausstoßes durch Paul Boccara in den ersten beiden Heften. (Ähnliche Arbeiten mit vergleichbaren Ergebnissen wurden bekanntlich in der BRD und den USA durchgeführt.) Weitere Bei- träge beschäftigen sich mit der französischen Planifikation (Philippe Herzog im Heft 3), mit der aktuellen Bedeutung des Fi- nanzkapitals (Henri Jacot im Heft 3, Henri Loiseau im Heft 4 und Bernard Marguerite im Heft 6), mit der Bedeutung des Verhältnis- ses von produktiver und unproduktiver Arbeit für die Klassenana- lyse (Gerard Kebabdjian im Heft 3, Jacques Bidet und Gerard Ke- babdjian im Heft 4 und Jacques Nagels im Heft 5), den Gesund- heitsbedürfnissen der Arbeiter und Angestellten (Victor Dominique im Heft 5), den Perspektiven der Vergesellschaftung der Produk- tion (Philippe Zarifian im Heft 5), dem möglichen Beitrag der Selbstverwaltung zur Steigerung der Effektivität der Unternehmen (Patrice Grevet im Heft 6). Das letzte vor der Niederschrift des vorliegenden Berichts erschienene Heft, die Doppelnummer 7-8, brachte schließlich eine ausführliche Diskussion der Theorie der langen Wellen (Kondratieff-Zyklen), an der A. Chenu, H. Claude, J.P. Scot, P. Boccara und L. Fontvieille teilnahmen. In diesem Heft finden sich auch Berechnungen über den möglichen Beitrag von Forschung und Entwicklung zum Abbau der Arbeitslosigkeit und zu einem alternativen Pfad des Wirtschaftswachstums. Insgesamt bewegen sich die Forschungshefte "Issues" auf einem an- spruchsvolleren theoretischen Niveau als die Zeitschrift "Économie et Politique" in ihrer früheren Form. Aber wie in der nun gemeinverständlichen Monatszeitschrift zeigt sich auch hier eine verstärkte Hinwendung zu quantitativen Untersuchungen. zurück