Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 04/1981
zurück
POLITISCHE SYSTEMKRISE DES SMK UND
AUSSENPOLITISCHE KRISENSTRATEGIEN
Eine Problemskizze
------------------
Bernd Greiner
1. Einleitung - 2. Elemente einer Theorie der politischen System-
krise für den SMK - 2.1 Die strukturelle Krisenhaftigkeit der
bürgerlichen Gesellschaft - 2.2 Die Organisation von "Gegen-
tendenzen" oder: Staat und politisches Herrschaftssystem als
Reaktion auf die strukturelle Krisenhaftigkeit - 2.3 SMK und
Allgemeine Krise des Kapitalismus - 3. Elemente einer Theorie au-
ßenpolitischer Krisenstrategien des Imperialismus nach 1945 - 3.1
Nachkriegskrise und Kalter Krieg - 3.2 Die Krise der Nachkriegs-
politik und die Richtungsdifferenzierung bei der Formulierung ei-
ner neuen außenpolitischen Krisenstrategie - 3.3 "Grenzüber-
schreitungen" zu einem neuen Machtmaximalismus: Strukturen der
amerikanischen Krisenstrategie für die 80er Jahre und die Rolle
der Verbündeten
1. Einleitung
-------------
Seit Jahren hat die "Krise" Konjunktur. Zahllose Publikationen
liegen vor zur "Unregierbarkeit" und "Krise der Demokratie" 1);
über "Krisenbogen" und "neue Dimensionen und Aufgaben" westlicher
Sicherheit 2) wird intensiv diskutiert, ja die Krise erscheint
den Handlungsträgern westlicher Politik mittlerweile nicht mehr
als zeitlich und/oder räumlich begrenzter Störfaktor, sondern als
neue Normalität, auf die es sich einzurichten gilt 3).
Im Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzung steht zweifel-
los der Zusammenhang von i n n e n p o l i t i s c h e r S y-
s t e m k r i s e und i n t e r n a t i o n a l e r P o l i-
t i k und damit auch die Frage des Verhältnisses von I n n e n-
u n d A u ß e n p o l i t i k. Offensichtlich geht die Bour-
geoisie der führenden imperialistischen Länder davon aus, an
e i n e m p o l i t i s c h e n W e n d e p u n k t angekommen
zu sein. Die in absehbarer Zeit zu realisierende Innen- und
Außenpolitik wird als E n t s c h e i d u n g s p r o z e ß
ü b e r G r u n d s a t z f r a g e n der ökonomischen, sozia-
len, politischen, militärischen und ideologischen Verfassung des
westlichen Bündnisses vorgestellt: nichts wird in Zukunft mehr so
sein wie in der Vergangenheit (Helmut Schmidt). Mit der Defini-
tion der Krise als strukturellem Bezugspunkt aller Politik ver-
bindet sich auch die Einsicht, daß ü b e r k ü n f t i g e
p o l i t i s c h e K r ä f t e k o n s t e l l a t i o n e n
d e r K l a s s e n (national wie international) entschieden
werden muß, aber diese Entscheidung unweigerlich von der augen-
blicklichen politischen Machtstruktur mitbeeinflußt wird und daß
die d e r z e i t im eigenen Lager zu formulierende Krisenstra-
tegie ihrerseits über die politische Struktur, Programmatik,
Stärke und Einfluß der Gegenseite mitbestimmt, d.h. daß auf diese
Weise die Art der Krisenbewältigung "auch als genetisches Ele-
ment... in die Präparation der nächsten Krise (miteingeht -
B.G.)." 4)
Die marxistische Befassung mit diesen Problemen greift m.E. bis-
her an zwei entscheidenden Stellen zu kurz: erstens fehlt eine
systematische Entwicklung der Kategorie "politische Krise", die
den Zusammenhang i n n e n- u n d a u ß e n p o l i t i-
s c h e r K r i s e n e n t w i c k l u n g e n herstellt sowie
Gemeinsamkeiten und spezifische Differenzen der an Innen- und
Außenpolitik gestellten Anforderungen markiert. Zweitens erfor-
dert gerade das in der Imperialismustheorie stets reflektierte
V e r h ä l t n i s v o n K r i s e u n d K r i e g 5) die
Analyse der Entwicklung und Anwendung a u ß e n politischer
(K r i s e n-) S t r a t e g i e n. Dem Stand der Diskussion
entsprechend, handelt es sich bei der folgenden "Problemskizze"
um den vorläufigen Versuch, einen analytischen Rahmen zu skizzie-
ren, innerhalb dessen innen-und außenpolitische Krisenprozesse
des gegenwärtigen SMK zu interpretieren wären.
2. Elemente einer Theorie der politischen Systemkrise für den SMK
-----------------------------------------------------------------
2.1 Die strukturelle Krisenhaftigkeit
-------------------------------------
der bürgerlichen Gesellschaft
-----------------------------
Die "Krise" ist kein der bürgerlichen Gesellschaftsformation äu-
ßerliches Moment: die in der Genese und Struktur dieser Formation
angelegten antagonistischen Widersprüche ökonomischer und politi-
scher Natur kulminieren im Prozeß ihrer historischen Entfaltung
und auf allen Entwicklungsstufen gesetzmäßig in ökonomischen und
politischen Krisen. Dieser Sachverhalt soll als strukturelle Kri-
senhaftigkeit der bürgerlichen Gesellschaftsformation bezeichnet
werden.
Der Ausgangspunkt zur Bestimmung des Verhältnisses von ökonomi-
scher und politischer Krise ist die p o l i t i s c h e Ökono-
mie der bürgerlichen Gesellschaft. In deren Zentrum stehen die
kapitalistischen Eigentumsverhältnisse, die immer auch Aneig-
nungsverhältnisse sind; kapitalistisches Eigentum wird nur pro-
duziert und reproduziert durch Aneignung unbezahlter Mehrarbeit.
In den E i g e n t u m s s t r u k t u r e n und im Aneig-
nungs p r o z e ß liegt der Schlüssel zum Verständnis der
s t r u k t u r e l l e n ö k o n o m i s c h e n K r i s e n-
h a f t i g k e i t. Mit der klassenmäßigen Spaltung der Ge-
sellschaft in Privateigentümer der Produktions- und Ar-
beitsbedingungen einerseits und doppelt freie, zum Verkauf ihrer
Arbeitskraft als Ware ökonomisch gezwungene Lohnarbeiter anderer-
seits ist zugleich der G r u n d w i d e r s p r u c h des Ka-
pitalismus gegeben, nämlich die p r i n z i p i e l l e Nicht-
übereinstimmung zwischen p r i v a t e r A n e i g u n g und
g e s e l l s c h a f t l i c h e r P r o d u k t i o n.
Die Produktion, obwohl gesellschaftlich betrieben, orientiert
sich nicht an gesellschaftlichen Bedürfnissen, sondern am bestän-
digen Drang des Kapitals nach unbezahlter Mehrarbeit. Dieser
Heißhunger nach Mehrwert ist vom Standpunkt der Einzelkapitale
der Drang nach P r o f i t.
Die Entwicklung der (in ihrem Wesen g e s e l l s c h a f t-
l i c h e n) Produktivkräfte ist eben diesem p r i v a t e n
P r o f i t m a x i m a l i s m u s 6) unterworfen. E n t-
w i c k l u n g der kapitalistischen Produktionsweise heißt ein
doppeltes: Entfaltung des Grundwiderspruchs und aller auf ihn
zurückzuführenden Widersprüche (z.B. das Auseinanderfallen von
Wert und Gebrauchswert, Produktion und Realisierung) einerseits;
andererseits werden mit ihrer Entfaltung "diese Widersprüche nach
außen, auf die Ebene der realen Bewegung herausgetrieben und
b e s t i m m e n d e n A b l a u f d e r k a p i t a l i-
s t i s c h e n R e p r o d u k t i o n a l s K r i s e n-
p r o z e ß." 7)
Dreh- und Angelpunkt dieses Krisenprozesses ist der tendenzielle
Fall der Profitrate: über die Entfaltung der Produktivkräfte
treibt das Kapital auf eine immer höhere organische Zusammenset-
zung hin, entzieht sich selbst damit tendenziell die lebendige
Arbeit als einzige Quelle der Neuwertschöpfung und erweist sich
folglich - indem es seine eigene Rationalität immer wieder selbst
untergraben m u ß - als Schranke seiner selbst. Einen Ausweg
gibt es p r i n z i p i e l l n u r über die beständige Ver-
schärfung der kapitalimmanenten Widersprüche, letztlich also über
die Zuspitzung der strukturellen Krisenhaftigkeit: der tenden-
zielle Fall der Profitrate stimuliert einerseits die Weiterent-
wicklung der Produktivkräfte, ohne Rücksicht auf die gesetzten
Schranken, "wodurch diese ständig neu und höher errichtet werden,
andererseits die fortwährende Produktion von Kapital, das bei den
gegebenen Profitbedingungen... unfähig zur Anlage, also relativ
überschüssig ist." 8)
Die dadurch auf ständig höherem Niveau sich zwanghaft durchset-
zenden Krisenprozesse "sind immer nur momentane gewaltsame Lösun-
gen der vorhandenen Widersprüche, gewaltsame Eruptionen, die das
gestörte Gleichgewicht für den Augenblick wiederherstellen." 9)
Gewaltsam vollzieht sich über den Krisenprozeß die Vernichtung
überschüssigen Kapitals - was nichts anderes ausdrückt als den
sozio-ökonomischen Prozeß der "Expropriation der Expropriateure".
In der ständig weitergetriebenen Konzentration und Zentralisation
des Kapitals (Aktiengesellschaften, Monopole) realisiert sich der
a priori zum Scheitern verurteilte Versuch, die privaten Aneig-
nungsformen unterworfenen Produktionsverhältnisse mit der gesell-
schaftlichen Existenz der Produktivkräfte "auszusöhnen" oder: re-
lative Lösungsformen für die eskalierenden Widersprüche zu fin-
den. Marx bezeichnete diese in der s t r u k t u r e l l e n
K r i s e n h a f t i g k e i t angelegte reale Kapitalvernich-
tung als "'Aufhebung des Kapitals als Privateigentum innerhalb
der Grenzen der kapitalistischen Produktionsweise selbst'". 10)
Strukturelle Krisenhaftigkeit heißt also konkreter gefaßt: die in
der Existenz der kapitalistischen Gesellschaftsformation gene-
tisch angelegten antagonistischen Widersprüche treiben in der re-
alen Bewegung nicht allein zu Krisen, sondern über den Krisenpro-
zeß wird die historische Aufhebung und Überwindung dieser Gesell-
schaftsformation exekutiert.
Die Transformation der bürgerlichen Gesellschaft ist jedoch nicht
dem s t u m m e n Wirken ökonomischer Gesetzlichkeiten geschul-
det, sondern die Ökonomie artikuliert sich stets politisch, sie
ist von ihrem Wesen her p o l i t i s c h e Ökonomie. Es stellt
sich also die Frage: in welcher Weise betreibt das Wirken der
ökonomischen Gesetze eine s t r u k t u r e l l e p o l i t i-
s c h e K r i s e n h a f t i g k e i t?
Der systematische Bezugspunkt zur Beantwortung dieser Frage ist
darin zu sehen, daß der ökonomische Zwang stummer Unterwerfung
der Arbeiterklasse unter die bürgerliche (ökonomische und politi-
sche) Herrschaft durch die Bewegung und Entfaltung des Kapitals
selbst beständig durchbrochen wird. Dieser Mechanismus tritt des-
halb ein, weil das Kapital als nur auf sich selbst bezogener Wert
in seinem Trieb nach Profitmaximierung beständig auf die unmit-
telbaren Lebensinteressen der Arbeiterklasse übergreift. Dies
nicht nur durch den Versuch, den beschäftigten Arbeitern mehr ab-
soluten und relativen Mehrwert abzupressen, sondern auch, indem
es in der historischen Tendenz beständig und in jeder Krise aktu-
ell Arbeitskräfte freisetzt und dezimiert. Die Arbeiterklasse ist
also gezwungen, ihre materielle Existenzgrundlage kollektiv zu
verteidigen, d.h.: "... im historischen Begriff des Kapitalver-
hältnisses als einer antagonistischen Bewegungsform (verbindet
sich) die krisenhafte Bewegung des Verwertungsprozesses mit der
sozialen Bewegung der antagonistischen Klassen." 11)
In der zunächst ökonomischen Abwehrreaktion auf a k t u e l l e
ökonomische Krisenprozesse ist der Keim der Konstitution der Ar-
beiterbewegung zu einer d a u e r h a f t politischen Bewegung,
zu ihrer Herausbildung als Klasse an und für sich, angelegt. In
den ökonomischen und politischen Klassenauseinandersetzungen
selbst konstituiert sich die Arbeiterklasse "als selbständig
agierendes, historisches Subjekt, als Träger und Repräsentant des
historisch 'transitorischen Charakters' der kapitalistischen Pro-
duktionsweise..." 12); somit "beinhaltet das Kapital ö k o n o-
m i s c h u n d p o l i t i s c h zugleich seine 'eigne Ne-
gation'." 13)
Zusammengefaßt heißt das: die ökonomische u n d soziale Entfal-
tung des Kapitalverhältnisses führt in der historischen Tendenz
zur Infragestellung, letztlich Überwindung der ökonomischen und
politischen Herrschaft der Bourgeoisie. Strukturelle Krisenhaf-
tigkeit impliziert also das systematische Zusammenwirken ökonomi-
scher, politischer und ideologischer Krisenprozesse auf der Basis
der historischen Entfaltung der für die bürgerliche Gesellschaft
bestimmenden ökonomischen Kategorien: sie ist der "materiellen
gesellschaftlichen Praxis" des Kapitals immanent 14). Es wird
hier vorgeschlagen, die Qualifizierung "s t r u k t u r e l l"
dieser gesetzmäßig k r i s e n h a f t e n E n t w i c k-
l u n g s t e n d e n z der bürgerlichen Gesellschaftsformation
vorzubehalten und sie n i c h t auf ökonomische, politische und
ideologische Krisenprozesse im einzelnen - die allesamt nur im
Rahmen der so verstandenen strukturellen Krisenhaftigkeit zu
begreifen sind und gleichsam deren Voraussetzung darstellen - zu
übertragen.
2.2 Die Organisation von "Gegentendenzen" oder: Staat
-----------------------------------------------------
und politisches Herrschaftssystem als Reaktion auf die
------------------------------------------------------
strukturelle Krisenhaftigkeit
-----------------------------
Was für den tendenziellen Fall der Profitrate gilt, trifft auch
auf die politische Dimension der strukturellen Krisenhaftigkeit
zu, nämlich, "daß die ganze Zwangsläufigkeit des Kapitalismus
darin besteht, d a ß d a s K a p i t a l g e g e n d i e
W i r k u n g d e s G e s e t z e s a n g e h e n m u ß
u n d a u c h t a t s ä c h l i c h a n g e h t. ... Mit an-
deren Worten, das 'Gesetz als solches' und seine 'entgegen-
wirkenden Ursachen'... bilden eine Einheit." 15) Dabei ist
zweierlei zu beachten. Erstens: "Gesetz" und "entgegenwirkende
Ursachen" heben sich nicht gegenseitig auf, sondern die Mobili-
sierung von "Gegentendenzen" stabilisiert nur zeitweilig und um
den Preis langfristiger Verschärfung der gesellschaftlichen
Antagonismen. Indem das Monopol z.B. die Wirkungen des
tendenziellen Profitratenfalls zeitweilig von sich abwendet,
wälzt es diese lediglich auf die übrigen gesellschaftlichen
Gruppen, Schichten und Klassen ab. Zweitens: weder ökonomisch
noch politisch mobilisierte Gegentendenzen sind Ergebnis "plan-
mäßiger Generalstabsarbeit" des Kapitals, sondern setzen sich
durch "im konkreten Prozeß d e r R e a k t i o n der herr-
schenden Klasse auf Krisensituationen und Instabilitäten." 16)
Diese Überlegung sollte auch im Zentrum stehen, wenn das Verhält-
nis von Staat bzw. politischem Herrschaftssystem zur strukturel-
len Krisenhaftigkeit diskutiert wird. Die politische Herrschaft
ist bestimmt durch "die spezifische ökonomische Form, in der un-
bezahlte Mehrarbeit aus den unmittelbaren Produzenten ausgepumpt
wird..." 17), d.h.: ihre zentrale Funktion ist die Sicherung bür-
gerlicher Eigentums- und Aneignungsverhältnisse, und diese Funk-
tion wiederum wird historisch erzwungen durch die strukturell
krisenhafte Entfaltung des Kapitalverhältnisses. Insofern wird
"das beständige R e a g i e r e n auf innere und äußere Krisen-
prozesse... zur wesentlichen Funktion der Apparate der bürgerli-
chen Klassenherrschaft...". 18)
Inwiefern kann der politische Herrschaftsapparat die gesell-
schaftliche Herrschaft der Bourgeoisie also r e l a t i v
s t a b i l i s i e r e n? Zunächst und in erster Linie dadurch,
daß er seiner wichtigsten Funktion gerecht wird und die antagoni-
stischen Klassenbeziehungen zwischen Kapital und Arbeit regu-
liert. Da "der ökonomische und politische Kampf der Arbeiter-
klasse dem Kapital als V e r w e r t u n g s s c h r a n k e
erscheinen muß" 19), kommt es für den Staat - der im Mittelpunkt
des politischen Herrschaftsapparates steht - darauf an, diesen
Widerstand hauptsächlich mit repressiven, aber auch unter Zuhil-
fenahme integrativer Mechanismen zu brechen. Erst der Staat kann
also das g e m e i n s c h a f t l i c h e B a s i s i n-
t e r e s s e der auch in politischer Konkurrenz um Macht und
Einfluß zueinander stehenden Einzelkapitale an der System-
erhaltung zu einer "Durchschnittsherrschaft" verallgemeinern. Die
Bestimmung des "Durchschnittsinteresses" wiederum ist keine
Umsetzung einer a b s t r a k t e n Logik der Herrschafts-
sicherung, sondern setzt die p o l i t i s c h e Regulierung
der Konkurrenz innerhalb der herrschenden Klasse voraus 20) - ein
in sich widersprüchlicher Prozeß. Damit hat der Staat als
"ideeller Gesamtkapitalist" auch Vorsorge zu treffen gegen die
Übergriffe einzelner Kapitalisten. Schließlich obliegt dem Staat
als dritte wesentliche Funktion "die Bereitstellung der vom
Kapital nicht zu erstellenden Bedingungen der Produktion und Re-
produktion." 21)
Die relative Stabilisierung bürgerlicher Herrschaft ist aber über
diese vom Staat direkt zu übernehmenden Aufgaben allein nicht zu
leisten. "Das System von Klassenherrschaft greift... über den
Staat . als unmittelbares Organ der Klassenherrschaft . hinaus"
22) und muß zur h e g e m o n i a l e n Beherrschung der Ge-
sellschaft auch ideologische Apparate mobilisieren . einerseits,
um die strukturelle Krisenanfälligkeit der "spontanen" Integrati-
onsmechanismen zu kompensieren, andererseits, um den täglich sich
real immer wieder reproduzierenden Schein der Gleichheit zu be-
stärken.
Um die R e l a t i v i t ä t dieser Stabilisierungsmaßnahmen
adäquat zu erfassen, erscheint es geboten, noch einmal auf die
Bestimmung der "Gegentendenzen" als "reaktive" Maßnahmen zurück-
zukommen. Damit ist zunächst gemeint, daß der Staat samt seiner
politischen Steuerungsmaßnahmen qua Genese und Funktion "in die
Widersprüche und Krisen der Kapitalverwertung einbezogen" 23),
d.h. an die strukturell widersprüchlichen und krisenhaft sich be-
wegenden Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise gefesselt
ist und sich zu k e i n e m Zeitpunkt planend über sie erheben
kann. Die anarchische Bewegung der Ökonomie schafft stets poli-
tisch und ideologisch n i c h t antizipierbare Bedingungen.
Darüber hinaus werden ökonomische Interessen keineswegs mecha-
nisch in politische "umgesetzt". Wenn Läpple darauf hinweist, daß
Politik an der "Nahtstelle" zwischen Basis und Überbau formuliert
wird 24), so ist damit die charakteristische P h a s e n-
v e r s c h i e b u n g zwischen ökonomischen, politischen und
ideologischen Prozessen gemeint - jener Sachverhalt also, daß
sich "soziale Interessen... im Bewußtsein ideologisch reflektie-
ren... und sich nur durch Zusammenfassung und Systematisierung
dieses schon ideologisierten Bewußtseins zu einer politischen
Interessenrichtung konstituieren und in eine politische In-
teressenkonzeption übersetzen lassen...". 25)
Die politische Konkurrenz der um ökonomische Positionsvorteile
ringenden Kapitale überträgt sich als dauerhafte Konfliktquelle
auf das Anliegen des politischen Prozesses, das bourgeoise Basis-
interesse an Systemerhaltung und Machterweiterung in politisch
realisierbare und möglichst dauerhaft effektive Strategie umzu-
setzen. Zwar resultiert aus diesem Widerspruch deshalb keine Läh-
mung, weil der Staat zu keinem Zeitpunkt paritätisch alle Ein-
zelinteressen zu einer alle Kapitale zufriedenstellenden Politik
kombiniert, sondern . in seiner relativen Selbständigkeit . die
jeweils ökonomisch mächtigsten Kapitale und Kapitalverbände auch
politisch favorisiert. Aber dennoch verbindet sich mit diesen
Prozessen ein Moment s t r u k t u r e l l e r I n s t a b i-
l i t ä t 26).
Wenn also vor diesem Hintergrund eine p o l i t i s c h e
K r i s e als "Krise der Gegentendenzen" bestimmt wird, so
bleibt zu berücksichtigen: diese Krise ist keine den "Gegen-
tendenzen" äußerliche Entwicklung, sondern reflektiert deren
(durch antagonistische Widersprüche erzwungene) Genese u n d
ihre vom Wesen des kapitalistischen Systems auf-geherrschte Orga-
nisationsform.
Als politische Krise wären folglich in einer ersten Zusammenfas-
sung all jene Prozesse zu beschreiben, die zeitlich und räumlich
kongruent die relative Funktionalität der aus der strukturellen
Krisenhaftigkeit der bürgerlichen Gesellschaftsformation zwangs-
weise und reaktiv sich entwickelnden "Gegentendenzen" entweder
nachhaltig stören und/oder außer Kraft setzen . also für die ant-
agonistischen politischen Lager einen Entscheidungsprozeß über
alternative gesellschaftspolitische Maßnahmen einleiten. Ein
"Versagen administrativer Problemlösungsverfahren" muß also ein-
hergehen mit dem politisch-ideologischen "Hegemonieverlust" 27)
der herrschenden Klasse - ein Prozeß, der nur denkbar ist als
Ausdruck politischer Klassenauseinandersetzungen, die sich zuvör-
derst auf ökonomische Krisenprozesse, also Verwertungskrisen des
Kapitals, beziehen. Diesen Kriterien zufolge ist eine politische
Krise immer umfassender als eine Krise des Staates: sie ist
zugleich eine Krise des gesamten politischen Herrschaftsapparates
und damit politische Systemkrise.
Diese Charakterisierung hat Vor- und Nachteile. Sie erlaubt eine
Differenzierung zwischen "S t a a t s k r i s e" und
"p o l i t i s c h e r S y s t e m k r i s e" und grenzt letz-
tere ab von einer "r e v o l u t i o n ä r e n S i t u a-
t i o n" (der sog. "Überlebenskrise"). Die politische System-
krise ist einer revolutionären Situation stets vorgängig und
insofern nicht von ihr zu trennen 28) - aber erst in letzterer
stellt sich das Problem der Transformation der Gesellschaft akut:
weil sich nämlich im P r o z e ß der politischen Systemkrise
Klassenbewußtsein nicht nur "treibhausartig" entwickeln konnte,
sondern darüber vermittelt auch in revolutionäre politische
Organisation umschlug (womit über Erfolg oder Mißerfolg der
Revolution selbstverständlich noch nichts ausgesagt ist). Die
Kennzeichnung der Krise als "Etappe höchster Instabilität" (die
eine zeitlich limitierte, akute Entscheidungssituation und einen
Entscheidungszwang über alternative gesellschaftspolitische M o-
d e l l e beinhaltet) sollte m.E. der revolutionären Situation
oder revolutionären Krise als Weiterentwicklung der politischen
Systemkrise vorbehalten bleiben 29). Dies in erster Linie
deshalb, weil zwischen Hegemonieverlust und Auflösung des ideolo-
gischen Konsensus einerseits sowie entwickeltem Klassenbewußtsein
andererseits kein mechanischer Zusammenhang besteht - ebensowenig
wie zwischen ökonomischer und politischer Krise.
Damit sind die N a c h t e i l e obiger Charakterisierung ange-
sprochen: der Zusammenhang von ökonomischer und politischer
(System-)Krise kann bei unserer Fragestellung lediglich als all-
gemeiner unterstellt werden, bedarf aber zweifellos der be-
grifflichen und historischen Präzisierung. Auch ist der Prozeß
der Krisenlösung (vom Standpunkt der herrschenden Klasse) noch
nicht erfaßt . dieser ist aber integraler Bestandteil der Krise
selbst. Als T e n d e n z kann vorläufig nur unterstellt wer-
den, was Marx bereits in den Frankreich-Schriften explizierte:
daß die Bourgeoisie in Zeiten der Krise ihrer Herrschaft zu Ge-
walt und Zwang greift. Spätestens an diesem Punkt zeigt sich die
unbedingte Notwendigkeit, den politischen Krisenbegriff histo-
risch konkreter zu entfalten und damit die s t a d i a l e
E n t w i c k l u n g des Kapitalismus in Rechnung zu stellen.
2.3 SMK und Allgemeine Krise des Kapitalismus
---------------------------------------------
Die Überlegungen sollten ausgehen von Lenins Hinweis auf den
Z w a n g s c h a r a k t e r d e s M o n o p o l s, konkret:
daß das Monopol als ökonomisches Verhältnis zugleich politische
G e w a l t und R e a k t i o n bedeutet 30). Der wesentliche
ökonomische Inhalt des Monopols ist darin zu sehen, daß zur Ab-
wehr des tendenziellen Falls der Profitrate ökonomischer Zwang -
nämlich in Gestalt der Aneignung und Behauptung monopolistischer
Extraprofite und darüber vermittelt des Abhängigwerdens kleiner
und mittlerer Kapitale - ausgeübt wird 31). Entscheidend für un-
seren Zusammenhang ist die Tatsache, daß die Beziehungen Ökono-
mie-Politik sich auf mehreren Ebenen intensivieren und zugleich
ausdifferenzieren. Zunächst ist der Staat gezwungen, die monopo-
listischen Eigentumsverhältnisse abzusichern und den monopolisti-
schen Akkumulationsprozeß zu fördern. Freilich kann dies nur um
den Preis einer perspektivisch zunehmenden Verschärfung der Kon-
flikte geschehen - ökonomisch durch die fortschreitende Aufhebung
des kapitalistischen Privateigentums innerhalb der kapitalisti-
schen Produktionsweise selbst, politisch-ideologisch durch die
fortschreitende (sozio-ökonomische u n d politische) Polarisie-
rung der Klassen im Inneren der Gesellschaft (Gewerkschaften als
Massenorganisationen und Herausbildung sozialistischer Parteien
mit starken marxistisch-revolutionären Flügeln) und durch neue
außenpolitische Konfliktfelder im Zuge der imperialistischen Auf-
teilung der Welt - eine notwendige Bedingung der zwangsläufig
nach außen expandierenden, da von den nationalen Märkten nicht
mehr zu befriedigenden Verwertungsinteressen der Monopole.
Der politisch zentrale Umschlagpunkt wird mit der Oktoberrevolu-
tion und dem Beginn d e r A l l g e m e i n e n K r i s e
d e s K a p i t a l i s m u s erreicht, mit jener Entwicklungs-
phase also, in der der Kapitalismus vor dem Hintergrund und als
(kriegspolitische) Folge seiner monopolistisch zugespitzten Wi-
dersprüche mit der in revolutionären Schüben sich vollziehenden
Durchsetzung der neuen Gesellschaftsformation des Sozialismus
konfrontiert wird. Im Inneren wie im Äußern stößt das Kapital
jetzt zunehmend auf Verwertungsschranken. Die Bezeichnung
"allgemeine Krise" bietet sich deshalb an, weil es sich um einen
Übergangsprozeß epochalen Charakters handelt.
Vor dem Hintergrund der Allgemeinen Krise stellt sich das Problem
der politischen Systemkrise und der strategisch-politischen Ab-
wehrbereitschaft der herrschenden Klasse grundlegend anders. Er-
stens ist ab sofort die traditionelle T r e n n u n g v o n
I n n e n- u n d A u ß e n p o l i t i k h i n f ä l l i g.
Die politische Formulierung von Klassenherrschaft muß sich fortan
auf beide Bereiche zugleich und nach Maßgabe eines integralen
Herrschaftskonzepts beziehen. Dies bedeutet zweitens, daß sich
das Problem der effektiven Kombination von R e p r e s s i o n
u n d I n t e g r a t i o n als Mittel der Herrschaftssicherung
neu stellt. Zweifellos stärkt die historische Defensive die
"immanente Diktaturneigung der Klasse an der Macht" 32): ein an
der Zunahme des staatlichen Repressionspotentials und dessen
tatsächlichem Einsatz leicht ablesbarer Zusammenhang. Zugleich
wird jedoch die Mobilisierung aller integrativen Potenzen durch
die allgemeine Krise und in Vorwegnahme zukünftiger politischer
Systemkrisen (die jetzt ungleich größere Gefahrenmomente in sich
bergen) unausweichlich.
Die A u s d i f f e r e n z i e r u n g des bürgerlichen
p o l i t i s c h e n R i c h t u n g s p o t e n t i a l s im
staatsmonopolistischen Kapitalismus ist in erster Linie diesen
Notwendigkeiten geschuldet. Die politischen Auseinandersetzungen
des Bürgertums als Klasse drehen sich fortan im Kern um den Ent-
wurf einer optimalen "Krisenstrategie" mit dem Minimalziel der
Wahrung monopolistisch strukturierter Herrschaftspositionen und
dem Maximalziel der Rückgewinnung der historischen Initiative ge-
genüber dem Sozialismus (zwar sollte die auch politisch relevante
Differenzierung zwischen monopolistischer und nicht-monopolisti-
scher Bourgeoisie nicht übersehen, aber genausowenig zum Hauptin-
halt der Richtungsdifferenzierung erhoben werden). Wie die Ent-
wicklung der politischen Strategie der deutschen Bourgeoisie zwi-
schen 1918 und 1933 bzw. 1945 beispielhaft zeigt 33), ist mit
diesen Auseinandersetzungen die Frage einer "p r ä v e n t i-
v e n K r i s e n p o l i t i k" bzw. Strategie untrennbar ver-
knüpft. Weniger denn je zuvor kann die Politik der herrschenden
Klasse in politischer Krisensituationen oder gar unter der
Bedingung einer politischen Systemkrise nur unter dem Aspekt der
reaktiven Abwehr jeweils konkret vorfindlicher oder sich
entwickelnder Krisenfaktoren begriffen werden.
Vielmehr tritt jetzt ein Moment in den Vordergrund, das gerade
der politischen Systemkrise ein spezifisch neues Gepräge gibt:
der von R. Opitz so bezeichnete, stets mit der Eventualplanung
auf die terroristische Option ausgestattete und daher langfristig
konzipierte "M a c h t m a x i m a l i s m u s" 34) der herr-
schenden Klasse. Am Beispiel des aufsteigenden deutschen Faschis-
mus expliziert Opitz, daß am Ende der Weimarer Republik die Auf-
lösung des gesellschaftspolitischen Konsens und der Verlust der
hegemonialen Führungsfähigkeit der herrschenden Klasse keineswegs
in eine revolutionäre, die politische Machtfrage aktuell stel-
lende Situation umgeschlagen waren; es handelte sich vielmehr um
eine politische Systemkrise, die eine Wiederherstellung des Kon-
sens auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaftsordnung
durch reformpolitische Zugeständnisse durchaus erlaubt hätte.
"... alle() Instrumente der monopolkapitalistischen Integration"
(588) mußten aber am "Machtmaximalismus" (598) der herrschenden
Klasse scheitern, an der vorab (in den Grundzügen bereits während
der politischen Systemkrise der Novemberrevolution) definierten
Weigerung des Monopolkapitals, politische und soziale Zugeständ-
nisse zu machen; eben diese Weigerung begab sich aller traditio-
nellen Mittel gesellschaftspolitischer Integration, mußte zur Si-
cherstellung von Ruhe und Ordnung letztlich auf die faschistische
Partei zurückgreifen und beschwor damit die "akut faschis-
musträchtige Situation" (588) herauf. "Dies aber, die Alternative
zwischen einigen Abstrichen an den eigenen politischen Maximal-
zielen, auch nur geringfügigen Zugeständnissen an einige allge-
meinste und elementarste Hauptforderungen dieses Massenpotentials
- wie etwa Verzicht auf maßlose Rüstung und aktive Kriegsvorbe-
reitung, bestimmte soziale Verbesserungen oder Gewährleistung be-
stimmter Mitspracherechte - und dem Übergang in die faschistische
Diktatur ist e i n e e c h t e W a h l k o n s t e l l a-
t i o n und nur aus dem Gesichtswinkel des kompromißunwilligsten
Machtmaximalismus eine alternativlose Lage..." (598; Hervorh.
B.G.).
Daraus folgt: es wäre falsch, anzunehmen, die herrschende Klasse
griffe nur "in äußersten Situationen... auf blanke Gewalt zurück"
35). Unter monopolkapitalistischen Bedingungen und im Stadium der
Allgemeinen Krise des Kapitalismus sind hereits politische Sy-
stemkrisen und nicht erst revolutionäre Situationen faschismus-
und damit letztlich auch kriegsträchtig. Damit ist keinerlei Au-
tomatismus oder Zwangsläufigkeit der Entwicklung unterstellt .
etwa in der Weise, daß programmatisch vorgetragener Machtmaxima-
lismus notwendig in Faschismus und/oder Krieg führe -, sondern
lediglich der Zusammenhang von Monopol und Reaktion präziser be-
stimmt. Welche Strategie zur Krisenüberwindung sich konkret-hi-
storisch durchsetzt, entscheidet sich n i c h t nach deren im-
manenter Herrschaftsrationalität, d.h. Funktionalität für die In-
teressen der herrschenden Klasse; darüber befindet vielmehr die
"Veränderung politischer Machtverhältnisse, die selbst mit dem
Ausmaß und dem Bewußtseinsstand der realen Klassenbewegung ver-
bunden sind." 36) Gleichwohl: die reale Krisengeschichte der ka-
pitalistischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert ist in hohem Maße
von Gewaltanwendung nach innen und außen geprägt und - in den
Worten Jürgen Kuczynskis - charakterisiert durch das "fundamen-
tale ökonomische Interesse (der Monopole) an der Auslösung von
Weltkriegen." 37)
Die immanente Dialektik krisenabwehrender Gegentendenzen wurde
damit freilich nicht außer Kraft gesetzt. Gerade der in erster
Linie gegen die allgemeine Krise des Kapitalismus mobilisierte
Machtmaximalismus des deutschen Faschismus griff mit seiner
Kriegspolitik zu einem Mittel, das die anvisierten Ziele nicht
nur unterlaufen, sondern die Allgemeine Krise verschärfen mußte.
Im Ergebnis des Z w e i t e n W e l t k r i e g e s war das
internationale Kapital mit einem sozialistischen Staatensystem
und einem beschleunigten Dekolonisierungsprozeß konfrontiert
(gemeinhin als n e u e E t a p p e innerhalb d e r A l l-
g e m e i n e n K r i s e verstanden 38). Parallel dazu waren
die führenden kapitalistischen Länder Europas durch den Krieg
geschwächt und als Folge im Innern mit einer p o l i t i-
s c h e n S y s t e m k r i s e konfrontiert. Der umfassenden
Stärkung der USA stand mithin eine akute Schwäche des Systems der
imperialistischen Staaten gegenüber. Alle diese Krisenfaktoren
können im Begriff der N a c h k r i e g s k r i s e zusammen-
gefaßt werden.
3. Elemente einer Theorie außenpolitischer Krisenstrategien
-----------------------------------------------------------
des Imperialismus nach 1945
---------------------------
Spätestens mit Beginn der innerkapitalistisch-integrativen Block-
bildung (Bretton Woods, OEEC, NATO, Montanunion, EWG etc.) nach
1945 ist die Trennung von Innen- und Außenpolitik obsolet gewor-
den. Trotz der Dominanz der Nationalstaaten sind die führenden
kapitalistischen Länder sowohl durch objektive ökonomische Pro-
zesse (konfliktbeladene Internationalisierung der Produktion und
des Absatzes) als auch durch politische Veränderungen
(Ausbreitung und Konsolidierung des sozialistischen Lagers nach
1945 und politisch-ökonomische Emanzipation der Entwicklungslän-
der) dazu gezwungen, K r i s e n p r o g r a m m e zur g e-
m e i n s c h a f t l i c h e n Wahrung von B a s i s i n t e-
r e s s e n zu konzipieren - Programme, die sich ihrerseits
nicht auf das Außenpolitische bzw. die internationale Politik
beschränken können, sondern auch direkt zur krisenabwehrenden
Formierung der Innenpolitik formuliert sein müssen. Insofern ist
die Beschäftigung mit a u ß e n p o l it i s c h e r S t r a-
t e g i e b i l d u n g eine n o tw e n d i g e F o r t-
s c h r e i b u n g der oben entwickelten Thesen zur i n n e n-
p o l i t i s c h e n S y s t e m k r is e.
Außen- und Innenpolitik bleiben dennoch unterschiedene und unter-
scheidbare Sphären der Politik. Diesem Unterschied muß auch die
Theoriebildung gerecht werden: die Kategorie der p o l i t i-
s c h e n S y s t e m k r i s e sollte auf die I n n e n-
p o l i t i k im engeren Sinn beschränkt bleiben. Die grund-
legenden Kategorien freilich (z.B. das g e m e i n s c h a f t-
l i c h e I n t e r e s s e der herrschenden Klassen, also das
S y s t e m i n t e r e s s e und dessen widersprüchliches
Verhältnis zu nationalstaatlichen "Einzelinteressen", die
Dimension der nur r e l a t i v e n S t a b i l i s i e r u n g
durch Krisenabwehr, das Verhältnis von R e p r e s s i o n und
I n t e g r a t i o n, die Frage nach dem M a c h t m a x i-
m a l i s m u s als Kern einer p r ä v e n t i v e n S t r a-
t e g i e, die den Beschränkungen der bloßen Krisenreaktion Herr
zu werden versucht, und die zwischen Ökonomie und politische
Strategie tretende Phasenverschiebung) reflektieren Grundelemente
kapitalistischer Entwicklung in allen ihren Stadien bzw. (wie der
Machtmaximalismus) Spezifika der staatsmonopolistischen Phase.
Sie sind daher in der Diskussion außenpolitischer Krisenstra-
tegien zu berücksichtigen.
3.1 Nachkriegskrise und Kalter Krieg
------------------------------------
Es wird von zwei allgemein anerkannten Voraussetzungen ausgegan-
gen: daß sich das internationale System kapitalistischer Natio-
nalstaaten am Ende des Zweiten Weltkrieges in einer . vom Stand-
punkt der herrschenden Klasse . tiefen Krise befand und daß die
Strategie des Kalten Krieges letztendlich die Reaktion auf diese
Krise darstellte.
Der Zugang zur Strategie des Kalten Krieges erschließt sich m.E.
über zwei Thesen. Erstens muß die Geschichte seit der Okto-
berrevolution 1917 einbezogen werden. Gerade der Zweite Weltkrieg
ist keine Ausnahmesituation, sondern integraler Bestandteil der
Krisengeschichte der kapitalistischen Gesellschaft im 20.
Jahrhundert. Insofern der deutsche Imperialismus v o r u n d
w ä h r e n d des Zweiten Weltkrieges mit seiner Ostexpansion
das gemeinsame (und während der bewaffneten Intervention im rus-
sischen Bürgerkrieg auch gemeinschaftlich verfolgte) Interesse
der führenden kapitalistischen Staaten an der Lösung der
"Allgemeinen Krise" durch die Liquidation der UdSSR verfolgte,
stieß er n i c h t auf Widerstand. Erst als der deutsche Fa-
schismus den Krieg auch nach Westen getragen hatte, konnte die
Anti-Hitler-Koalition zur Niederwerfung des faschistischen Macht-
maximalismus praktisch durchgesetzt werden. Dies blieb aber stets
eine "antagonistische Kooperation" 39), da die USA als mächtig-
stes Land (aber auch England!) während des Krieges ihre antiso-
wjetischen Strategien beibehielten. Die Verzögerung des Aufbaus
einer Zweiten Front und die noch 1944 geführten Sondierungen über
einen Separatfrieden im Westen bezeugen diese Orientierung 40).
Schließlich stärkte die während des Krieges durchgesetzte
H o c h r ü s t u n g die expansivaggressiven Zielsetzungen des
amerikanischen und internationalen Monopolkapitals auch über den
Krieg hinaus: zunächst hatte während des Krieges das grundsätzli-
che Interesse der Monopole an einem raschen militärischen Sieg zu
k e i n e m Zeitpunkt die Profitinteressen beschneiden können.
Gerade das amerikanische Kapital strebte danach, die
"Hochkonjunktur besonderer Art" (Eugen Varga) "möglichst lange
aufrechtzuerhalten...". 41) Für die US-Monopole waren die Kriegs-
gewinne des Ersten, besonders aber des Zweiten Weltkrieges Pro-
fite von bisher beispiellosen Ausmaßen. Auch erschienen den herr-
schenden Kreisen der USA die während des Zweiten Weltkrieges ent-
wickelten Luftstreitkräfte geradezu als Wunderwaffe und Unter-
pfand zur Durchsetzung künftiger weltpolitischer Ziele.
Damit sind freilich erst Voraussetzungen skizziert. Inhalt und
Richtung der Strategie des Kalten Krieges wurden primär von der
innerimperialistischen Machtverteilung bestimmt. Die zweite These
lautet daher: entscheidend für die Genese des Kalten Krieges
sollte sein, daß die USA ihren Optionsspielraum sehr rasch ver-
engten und spätestens 1947 sich auf das Prinzip des
M a c h t m a x i m a l i s m u s zur Gestaltung der internatio-
nalen Nachkriegsbeziehungen festgelegt hatten.
Was heißt das? "Machtmaximalismus" ist wesensmäßig verknüpft mit
monopolkapitalistischer Herrschaft, nicht jedoch mit (faschi-
stischer) Diktatur oder Krieg; diese Konsequenzen sind unter
bestimmten historischen Konstellationen möglich bzw. wahr-
scheinlich, freilich nicht zwingend. "Machtmaximalismus" heißt
zunächst Festlegung maximaler, per definitionem g l o b a l e r
politischer Ziele. Der noch aus der Kriegszeit stammende An-
spruch, ein "amerikanisches Jahrhundert" aufbauen zu wollen, war
zu keinem Zeitpunkt eine Wahlphrase, sondern politisches Pro-
gramm: das Streben nach W e l t h e r r s c h a f t im Sinne
der Dominanz über Schlüsselpositionen und der Kontrolle der es-
sentiellen weltpolitischen Entscheidungsprozesse in Ökonomie und
Politik. Dementsprechend wurden praktisch a l l e Regionen der
Erde als "lebenswichtig" für die Interessen der Vereinigten Staa-
ten eingestuft. Präsident Truman prägte die prosaische Formel,
die USA müßten mindestens (!) 85 Prozent ihrer Vorstellungen über
die Nachkriegsentwicklung durchsetzen 42). Damit war zugleich an-
gekündigt, daß die USA auch in die Domänen ihre kapitalistischen
Konkurrenten einzubrechen gedachten.
Für die Nachkriegsgeschichte sollte jedoch die absolute K o m-
p r o m i ß u n w i l l i g k e i t der USA gegenüber dem außen-
politischen Antagonisten, der UdSSR, entscheidend werden. Diese
Kompromißunwilligkeit war insofern absolut, als sie noch v o r
der Potsdamer Konferenz von amerikanischer Seite formuliert
worden war und in den folgenden Jahren in immer umfassenderer
Weise in a l l e w e s e n t l i c h e n Diskussionen mit der
Sowjetunion über die Gestaltung der Nachkriegsbeziehungen ein-
gebracht wurde.
Die Auswertung der bisher vorliegenden Dokumente aus jenen Jahren
43) berechtigt zu der Annahme, daß die amerikanische Politik
weitgehend unabhängig von objektiver Lage, Interessen, prokla-
mierten Zielen und praktischer Politik der UdSSR konzipiert und
umgesetzt wurde. Der zu besiegende Gegner war die sozialistische
Gesellschaftsordnung als solche, war das sozialistische Prinzip,
und mithin ging es n i c h t um Opposition gegen eine bestimmte
Linie sowjetischer Außenpolitik. So heißt es etwa in einem für
diese Zeit zentralen Dokument (NSC-68), der Kalte Krieg müsse bis
zum "Endsieg" ("ultimate victory"), verstanden als "ein Wandel in
der Natur des sowjetischen Systems", geführt werden, da er
"tatsächlich ein wirklicher Krieg ist, in dem das Überleben der
freien Welt auf dem Spiel steht." 44) Verhandlungen jedweder Art
wurden konsequenterweise als taktischer Bluff verstanden und ein-
gesetzt; folglich konnte in allen wichtigen Fragen . wie etwa der
Anerkennung einer sowjetischen Sicherheitszone in Osteuropa zu
einer Zeit, als über die innenpolitische Machtstruktur dieser
Länder noch lange nicht entschieden war . keinerlei Übereinkunft
erzielt werden.
Der Kalte Krieg war folglich u n v e r m e i d l i c h - frei-
lich nicht, weil die objektiven Umstände als solche einen Aus-
gleich zwischen amerikanischen und sowjetischen Positionen unmög-
lich gemacht hätten, sondern weil der amerikanische Machtmaxima-
lismus a p r i o r i einen Kompromiß ausschloß. Ursache dieser
Weigerung war die historisch beispiellose Akkumulation von Macht
in Händen der amerikanischen Monopole 45). Erst durch den Zweiten
Weltkrieg waren diese befähigt, die seit 1890 präsente Vision ei-
ner weltweiten "Open-Door-Politik" in der erforderlichen Weise zu
verfolgen.
Machtmaximalismus heißt darüber hinaus, daß die USA
- ihre Politik in hohem Maße auch als präventive Krisenstrategie
(Europa- und Dritte-Welt-Politik!) verstanden
- von einer grotesken Fehleinschätzung der weltpolitischen Kräf-
teverhältnisse und des eigenen Machtpotentials ausgingen und über
Jahre hinaus keinerlei Alternative zu ihrem eingeschlagenen Kurs
erblickten (Bewußtsein einer historisch "letzten Stunde")
- schließlich bereit waren, in Friedenszeiten "bis an den Rand
eines Krieges" zu gehen und einen K r i e g zur Durchsetzung
ihrer Ziele einzukalkulieren sowie sich schon frühzeitig militär-
strategisch und materiell auf diese Möglichkeit vorbereiteten.
Letzteres wurde bereits mit der Atomisierung zweier japanischer
Städte im August 1945 zum Ausdruck gebracht, mit der "atomaren
Diplomatie" 46) fortgeschrieben und schließlich durch die Milita-
risierung internationaler Beziehungen in den 50er Jahren und in
der "Politik am Rande des Abgrunds" fixiert. Im Zentrum dieser
Militärpolitik standen Planungen nicht nur für den Ersteinsatz
atomarer Waffen, sondern auch und gerade für den atomaren Erst-
schlag, also den Präventivkrieg 47). Der popularisierte Nenner
dieser Politik war die von Präsident Truman griffig formulierte
Formel: "Freiheit" sei wichtiger als "Frieden" (1947).
Diese Konzeption mußte scheitern . zum einen, weil die USA zumin-
dest in den ersten beiden Nachkriegsjahren in der diffusen Hoff-
nung auf einen baldigen "Zusammenbruch" der UdSSR und in völliger
Überschätzung ihres eigenen Potentials faktisch im A l l e i n-
g a n g, d.h. ohne nennenswerten machtpolitischen Rückhalt und
ohne programmatische Einbindung der westeuropäischen Verbündeten
diese Politik betrieben. Zum anderen, weil das Ziel des globalen
Zurückrollens (Roll Back) des Sozialismus nur um den Preis eines
Krieges einzulösen gewesen wäre, ein Krieg in der damaligen Zeit
wie in den gesamten 50er Jahren aber aus verschiedensten Gründen
objektiv und mit Aussicht auf Erfolg n i c h t geführt werden
konnte 48).
Die USA sollten frühzeitig die Dysfunktionalität ihres Allein-
gangs erkennen und schlössen daraus, daß eine "realistische" Kri-
senstrategie funktionierende i n n e r k a p i t a l i s t i-
s c h e G e m e i n s c h a f t l i c h k e i t voraussetzt -
d.h. eine arbeitsteilige Mobilisierung des wirtschaftlichen,
politischen, militärischen und ideologischen Potentials (zumin-
dest) der führenden kapitalistischen Länder (einschließlich der
deutschen Westzonen und des besiegten Japan). Der politische Kern
dieser "Gegentendenzen" war die Durchsetzung der ungeminderten
Dominanz monopolkapitalistischer Interessen unter h e g e m o-
n i a l e r F ü h r u n g d e r U S A. Allein darin sah man
die Garantie nicht nur der präventiven Abwehr künftiger Posi-
tionsverluste, sondern auch der geplanten Offensive gegen die im
Zuge des Zweiten Weltkrieges eingetretene machtpolitische Schwä-
chung des kapitalistischen Gesamtsystems.
Folglich ging es mit dieser Politik n i c h t - wie in der
(bisweilen auch marxistischen 49)) Literatur immer wieder unter-
stellt wird - um die Abwehr einer "l e b e n s b e d r o h l i-
c h e n" K r i s e des Systems, sondern um die V e r h i n-
d e r u n g auf der Basis der kapitalistischen Gesellschafts-
ordnung m ö g l i c h e r politischer K o m p r o m i s s e
mit den antikapitalistischen und antifaschistischen Kräften im
Innern der USA wie Westeuropas, da derlei Kompromisse (ein bei
den Führungsspitzen klar erkannter Zusammenhang) den außenpoliti-
schen Manövrierraum unweigerlich hätten einengen müssen. (Selbst-
verständlich wurde zugleich gesehen, daß gesellschaftspolitische
Kompromisse in einigen Ländern u.U. eine nicht mehr kontrol-
lierbare Eigendynamik hätten entfalten und damit möglicherweise
eine revolutionäre Situation - Frankreich, Italien! - hätten
heraufbeschwören können; diese Gefahr aber stand weder im Zentrum
der inneramerikanischen Debatte noch war sie zum Zeitpunkt der
politischen Konzipierung und anfänglichen Umsetzung des
amerikanischen Machtmaximalismus akut. Eine "Überlebenskrise" im
Sinne unmittelbar drohenden Herrschaftsverlusts war also
n i c h t indiziert.)
Die USA hatten mit dieser Orientierung unbestreitbaren Erfolg -
darin gründet nicht zuletzt die Verfestigung des Kalten Krieges
bis in die zweite Hälfte der 60er Jahre. Es stellt sich also die
Frage: Wie konnte diese k r i s e n a b w e h r e n d e G e-
m e i n s c h a f t l i c h k e i t - die in der internationalen
Politik ja stets zwischen Nationalstaaten unter schwierigen
Bedingungen koordiniert werden muß, ohne auf eine übergeordnete
Ordnungsmacht (etwa eine supranationale Regierung) zurückgreifen
zu können - hergestellt werden?
Entscheidend war das zeitliche und inhaltliche Zusammenwirken
folgender Faktoren. Die ökonomische und militärische Potenz der
USA, ihre o b j e k t i v e Stärke, war zum damaligen Zeitpunkt
im Vergleich zu allen anderen kapitalistischen Staaten so weit
entwickelt, daß die Anerkennung amerikanischer p o l i t i-
s c h e r u n d s t r a t e g i s c h e r H e g e m o n i e
nicht bloß opportun bzw. de facto unausweichlich war, sondern
darüber hinaus für die Bourgeoisien der einzelnen westeuro-
päischen Länder reale Möglichkeiten der H e r r s c h a f t s-
s i c h e r u n g nach innen und außen eröffnete, die sie aus
eigener Kraft und in diesem Umfang nicht hätten durchsetzen
können. Im Schatten der amerikanischen Hegemonie konnte sich der
westeuropäische Kapitalismus unter Herstellung und Wahrung eines
für seine Verhältnisse ebenfalls maximalen innenpolitischen
Machtspielraums regenerieren . ein Prozeß, der auch für jeden
einzelnen Staat (am Beispiel der BRD am deutlichsten ablesbar)
der Wiedergewinnung bzw. Bewahrung äußerer Macht vorgeschaltet
sein mußte. D.h.: "D i e K l a m m e r" für die Durchsetzung
der "atlantischen" bzw. "westeuropäischen Partnerschaft" "w a r
d i e g e m e i n s a m e F r o n t s t e l l u n g g e g e n-
ü b e r d e n n a t i o n a l e n A r b e i t e r b e w e-
g u n g e n u n d g e g e n ü b e r d e n s o z i a l i-
s t i s c h e n S t a a t e n. Gerade für die Realisierung
dieses... Konsenses war die Unterordnung unter die Führungsrolle
der USA unumgänglich, denn nur diese verfügten über die ökono-
mischen und militärischen Ressourcen, um diesen Kampf durch-
zuhalten." 50)
Die Gemeinschaftlichkeit war also politisch erzwungen worden:
durch die engen Grenzen, die amerikanischen "Alleingängen" gezo-
gen waren, und durch die Einsicht, daß die Nachkriegskrise nur
unter weitgehender Vermeidung innerkapitalistischer politischer
Dissonanzen würde beizulegen sein. Schließlich war klar, daß
fortan Kriege zwischen imperialistischen Staaten unter allen Um-
ständen vermieden werden mußten, da allein die sozialistischen
Länder und die sozialistische Weltbewegung daraus Nutzen würden
ziehen können.
Diese politischen Zwänge waren aber m der Praxis nur deshalb er-
folgreich zu exekutieren, weil die ökonomischen Entwicklungsge-
setze des Kapitals das erforderliche materielle Unterpfand be-
reitstellten. Im Grunde genommen hatte erst das Gesetz der un-
gleichmäßigen kapitalistischen Entwicklung - auf die Spitze ge-
trieben durch die über außerökonomischen Zwang vollzogenen Umver-
teilungsprozesse zugunsten der USA während des Krieges - die Ver-
einigten Staaten in die Lage versetzt, mit der Expansion ihrer
Wirtschaft und mit Hilfe der auf diese zugeschnittenen währungs-
und finanzpolitischen Konditionen des Weltmarktverkehrs (Bretton
Woods!) den westeuropäischen Wirtschaftsaufschwung zu stimulie-
ren. Gleichermaßen waren es ökonomische Gesetzmäßigkeiten, die
den r e l a t i v e n E r f o l g und die D a u e r innerka-
pitalistischer politischer Vereinheitlichung verbürgten. Der
Nachkriegsboom basierte auf einer Internationalisierung der Pro-
duktion und des Absatzes, die zunächst eine wachsende
"Außenexpansion a l l e r imperialistischen Länder" ermög-
lichte, "ohne zu einer Verdrängung dieser oder jener Gruppen zu
führen." 51) Auch erheischte die über den wissenschaftlichtechni-
schen Fortschritt forcierte Produktivkraftentwicklung "institu-
tionelle Rahmenbedingungen (GATT, IWF)..., die im Vergleich zur
protektionistischen Struktur des Weltmarktes nach der Welt-
wirtschaftskrise der zwanziger Jahre wieder ein System des
relativen Freihandels ermöglichten." 52) Auch die westeuropäische
Integration verdankt ihren Ursprung und ihre Dauerhaftigkeit die-
sen Prozessen: in ihr trafen sich amerikanische und westeuropäi-
sche Kapitalinteressen und gaben, dem wirtschaftlichen Entwick-
lungsgefälle beider Pole entsprechend, der Integration zunächst
eine atlantische Richtung 53).
Jedoch reichten die mit der Nachkriegskonjunktur verbundenen ma-
teriellen Gratifikationen zur Herrschaftssicherung in keiner
Phase aus. Aus diesem Grund u n d wegen des Präventivcharakters
der gemeinsamen Krisenstrategie wurde der G r u n d k o n-
s e n s der 50er Jahre in den westlichen Ländern gemein-
schaftlich mit r e p r e s s i v e n M i t t e l n hergestellt.
Dies im Wesentlichen durch politische Gewalt (so z.B. in den USA
1946, als die nach den englischen und italienischen Massenstreiks
drittgrößte Streikbewegung in diesem Jahrhundert brutal unter-
drückt wurde und der McCarthyismus der folgenden Jahre ein
Wiederaufleben der Opposition fast ein Jahrzehnt lang erfolgreich
verhinderte), ideologische Gewalt (Militarisierung des Be-
wußtseins) und präventive innenpolitische Funktionsorientierung
der für die Systemauseinandersetzung geschaffenen militärischen
Apparate: so war die N A T O immer auch Instrument zur Wahrung
der "inneren Sicherheit" der Mitgliedsländer.
Die Krisenanfälligkeit der Strategie des Kalten Krieges und des-
sen spezifischer Vergemeinschaftung konnte jedoch lange Zeit im
Zaum gehalten werden: zunächst durch die d a u e r h a f t aus
der Systemauseinandersetzung resultierenden Zwänge, des weiteren
durch das Wirken der ökonomisch und machtpolitisch förderlichen
Bedingungen. Zentrifugale Kräfte kamen lange Zeit nicht oder nur
unerheblich zum Tragen . darin liegt der besondere Erfolg westli-
cher Nachkriegs- und Krisenpolitik bzw. -strategie.
Für das Verständnis der weiteren Entwicklung ist zweierlei wich-
tig: Erstens sollte die Existenz von zentrifugalen und zentripe-
talen Kräften, die jeder Form innerkapitalistischer Vergemein-
schaftung ihre besondere Prägung geben, nicht als bloßes Neben-
einander verstanden werden. Vielmehr gilt auch für die außenpoli-
tischen Stabilisierungsmaßnahmen (in diesem Fall die
"atlantische" Gemeinschaftlichkeit), daß das projektierte Ziel
"ständig in Konflikt mit den zu seiner Verwirklichung angewende-
ten Mitteln gerät..." 54): die Vergemeinschaftungsprozesse voll-
ziehen sich nicht nur auf kapitalistischer Grundlage, sondern
sind selbst kapitalistisch formbestimmt, also in strukturelle
Krisenhaftigkeit eingebunden. Zentrifugale und zentripetale
Kräfte bilden mithin eine Einheit. Die besonderen Bedingungen der
erfolgreichen Realisierung der Nachkriegspolitik enthielten also
von Anfang an auch die Momente des krisenhaften Zerfalls dieser
Politik.
D r e i B e i s p i e l e mögen genügen: a) Die i n n e r-
i m p e r i a l i s t i s c h e n K o n k u r r e n z b e z i e-
h u n g e n - zwischen den USA und England selbst im Zweiten
Weltkrieg nie beigelegt - waren auch in der Phase der relativen
Vereinheitlichung westlicher Politik stets präsent. Obwohl die
USA Westeuropa zu einem "Eckpfeiler des atlantischen Systems" 55)
machen konnten und damit an dessen Stärkung interessiert waren,
kam ihnen zugleich die Übernahme von Bastionen in ehemaligen
europäischen Kolonialgebieten (Naher und Mittlerer Osten) immer
gelegen. Diese Politik erforderte von den USA ein ständiges
Balancieren zwischen kurzfristigen Gewinnen und der langfristig
wirkenden Gefahr einer Überforderung ihrer Weltmachtrolle: um
Letzteres abzuwehren, leisteten die USA z.B. dem britischen
Rückzug aus Asien und Afrika Widerstand. "Herrschende Klasse und
Staatsapparat der USA sind sich offensichtlich darüber im klaren,
daß sie bei langwierigen und kostspieligen Großinterventionen in
der Regel zwar des Beifalls der europäischen Bourgeoisie, nicht
jedoch entsprechender militärischer Unterstützung gewiß sind."
56)
b) Auch innerhalb der EWG waren die "gemeinschaftlichen Interes-
sen" nie mehr als eine nach Maßgabe des jeweiligen Kräfteverhält-
nisses (als Ausdruck innerkapitalistischen Entwicklungsgefälles)
kompromißhaft erzielte Zusammenfassung nationalstaatlich diver-
gierender ökonomischer Interessen und politischer Strategien.
Dies wird bereits daran deutlich, daß die BRD und Frankreich mit
dem europäischen Vereinigungsprozeß praktisch konträre Ziele ver-
banden: maximale Ausschöpfung der Möglichkeiten zu einer Aufer-
stehung als Großmacht hier, Beschneidung deutscher Hegemonial-
pläne dort 57).
c) Mit der politischen Grundsatzentscheidung, die R ü s t u n g
auf hohem und ständig steigendem Niveau und die militärische Or-
ganisation der NATO zum Kern der politischen S y s t e m a u s-
e i n a n d e r s e t z u n g und damit zum Garanten des
kapitalistischen "S y s t e m i n t e r e s s e s" zu machen,
wurden nicht allein die in der Periode der allgemeinen Krise des
Kapitalismus ständig betriebenen Kriegsrüstungen 58) in bisher
ungekannter Weise eskaliert, sondern auch der Grundstein gelegt
für die Prozesse, die Jürgen Kuczynski bereits 1939 als
"Rüstungskrise" 59) beschrieben hatte: die Rüstungsfinanzierung
über staatliche Anleihen forciere nicht allein die Inflation,
sondern senke auch die Massenkaufkraft (Steuererhöhungen etc.)
und leiste damit der Überproduktionskrise im zivilen Sektor Vor-
schub. Zugleich hatte die UdSSR ein eigenes atomares Abschrec-
kungspotential entwickeln können . das Offenhalten einer militä-
rischen Option für die Systemauseinandersetzungen erforderte da-
her nicht allein ständig höhere ökonomische Aufwendungen, sondern
mußte auch den politischen und militärisch-strategischen Ent-
scheidungsprozeß im atlantischen Bündnis zusätzlich komplizieren.
Zusammen mit den begründeten Zweifeln am amerikanischen
"Atomschild" bzw. der Bereitschaft der USA, um den Preis eigener
Vernichtung Westeuropa zu "verteidigen", sollten diese Momente
bereits in den 60er Jahren zu eigenständigen ost- und entspan-
nungspolitischen Initiativen Frankreichs beitragen und letztlich
den französischen Austritt aus der NATO-Militärorganisation be-
wirken.
Aus dem bisher Gesagten folgt also zweitens, daß sich die zentri-
fugalen Kräfte in dem Maße historisch entfalten und an die Ober-
fläche drängen mußten, wie sich die innerkapitalistischen Kräfte-
verhältnisse verschoben, wie weltpolitische Strukturveränderungen
(fortschreitende Dekolonisierung und Bedeutungswandel der Ent-
wicklungsländer) beständig sich wandelnde Anforderungen an die
Politik stellten und wie keine Positionsgewinne in der Systemaus-
einandersetzung erzielt werden konnten.
3.2 Die Krise der Nachkriegspolitik und die
-------------------------------------------
Richtungsdifferenzierungen bei der Formulierung
-----------------------------------------------
einer neuen außenpolitischen Krisenstrategie
--------------------------------------------
Ab der zweiten Hälfte der 60er Jahre war offensichtlich geworden,
daß die Generallinie westlicher Außenpolitik neu definiert werden
mußte - und zwar im Spannungsfeld der durch die weltpolitischen
Strukturveränderungen zwangsweise vorgegebenen d r e i P o l e
"S y s t e m a u s e i n a n d e r s e t z u n g", regionale ka-
pitalistische I n t e g r a t i o n" sowie "i n n e r i m-
p e r i a l i s t i s c h e K o n k u r r e n z". Es ging also
um die konzeptionelle Bestimmung des strategischen Basisinteres-
ses der imperialistischen Länder gegenüber den sozialistischen
Staaten u n d den Entwicklungsländern 60).
Im Zentrum dieser Krise stand der a m e r i k a n i s c h e
H e g e m o n i e v e r l u s t: die USA konnten nicht länger
als globale kapitalistische Garantie- und Stabilisierungsmacht
fungieren. Sie hatten insbesondere die Fähigkeit verloren, der
innerkapitalistischen Gemeinschaftlichkeit Form und Richtung zu
geben. Diese Entwicklung hängt zweifellos mit den inneren Klas-
senauseinandersetzungen und mit dem massiven, in der Nachkriegs-
geschichte ungekannten politischen Protest gegen die Außenpolitik
der USA zusammen, nicht zuletzt deshalb, weil sich die Bewegung
immer stärker auf eine antiimperialistische Programmatik bezog
und damit den politischen Kern amerikanischer "Ordnungspolitik"
(nicht nur in Vietnam!) traf.
Entscheidend für den Funktionsverlust der USA waren jedoch Ent-
wicklungen im Äußeren. Der wirtschaftliche Aufstieg Westeuropas
und Japans (ein notwendiges Produkt der Nachkriegskonjunktur)
hatte den politischen Handlungsspielraum dieser Zentren erwei-
tert, ohne sie jedoch zu befähigen, arbeitsteilig bestimmte von
den USA ökonomisch, militärisch und politisch nicht mehr leist-
bare Aufgaben zu übernehmen. Alle diesbezüglichen Bemühungen z.B.
W e s t e u r o p a s, die ökonomische Integration durch eine
p o l i t i s c h e V e r e i n h e i t l i c h u n g zu voll-
enden und einen regionalen kapitalistischen Hegemon mit Ordnungs-
kompetenz im nördlichen Afrika, im Nahen und Mittleren Osten zu
schaffen, s c h e i t e r t e n. Gerade die Geschichte der po-
litischen Integration Westeuropas wurde immer mehr zu einer
"Krisengeschichte" 61): die ökonomische Integration beförderte
noch die "Kompetenzerweiterung des Nationalstaates" (einzel-
staatliche Wirtschaftspolitik) und verstärkte die ökonomisch,
politisch und sozio-strukturell ungleichmäßige Entwicklung der
beteiligten Länder; die Polarisierung der Klassen im Innern und
die Wiederbelebung kämpferischer Traditionen in der Arbeiter-
klasse (Frankreich, Italien!) waren nicht nur Resultat der kri-
senhaften Entwicklung der in der Nachkriegskonjunktur akkumulier-
ten sozialen Widersprüche, sondern untergruben auch eine ent-
scheidende Voraussetzung der hegemonialen Blockbildung des Kalten
Krieges, den inneren Burgfrieden. Zugleich vermochte es die Bour-
geoisie keines westeuropäischen Landes, im Verlauf der Krise die
Arbeiterbewegung entscheidend zu schwächen und das Kräfteverhält-
nis grundlegend zu ihren Gunsten zu verschieben 62).
Genau zu der Zeit, da die innerimperialistische Koordination in
immer größere Schwierigkeiten kam, versagten auch die Instrumente
der äußeren Positionssicherung. Dies betraf in erster Linie den
machtpolitischen Kern der Nachkriegspolitik, die R ü s t u n g.
Auch diese hatte ihre eigene Negation erzeugt: die Hoffnung auf
politische Erpreßbarkeit oder militärische Knebelung der soziali-
stischen Länder mußte in dem Maße schwinden, wie die UdSSR
nachrüstete und (am Ende der 60er Jahre) nuklearstrategische Pa-
rität mit den USA erreichte. Fortan war die nukleare Hegemonie
der USA auf das eigene Bündnissystem eingeschränkt. Zugleich
hatte der Vietnam-Krieg gezeigt, daß es auch in der Dritten Welt
trotz Counter-Insurgency und Anti-Guerilla-Taktik immer schwie-
riger wurde, sozialen Eigengesetzlichkeiten mit militärischem
Zwang gegenzusteuern und die S y s t e m a u s e i n a n d e r-
s e t z u n g in den Entwicklungsländern mit Gewalt zu führen.
Diese Entwicklung wog um so schwerer, als nach 1945 die Zahl der
in der Dritten Welt für imperialistische Interessen geführten
Kriege beständig zugenommen hatte, der Krieg also immer häufiger
zur ultima ratio geworden war (in Kriegsjahren: von 32,5 zwischen
1945-49 auf 89,75 zwischen 1965 und 1969 63)).
Vor diesem Hintergrund wurde der Übergang zu den 70er Jahren von
einer politischen R i c h t u n g s d i f f e r e n z i e-
r u n g innerhalb der internationalen Bourgeoisie geprägt. Sie
schlug sich nieder in einem häufigen K o n z e p t i o n s-
w e c h s e l in der Bündnis- und Entwicklungspolitik und in der
intersystemaren E n t s p a n n u n g s p o l i t i k. Dabei
muß auf folgende wichtige Faktoren hingewiesen werden:
- Die Entspannungspolitik war weder im konzeptionellen Vorver-
ständnis noch zur Zeit ihrer praktischen Umsetzung für die füh-
renden kapitalistischen Staaten eine p r i n z i p i e l l e
Alternative zum Machtmaximalismus des Kalten Krieges. Trotz aller
politisch essentiellen Unterschiede setzte auch sie das Ziel,
"langfristig-evolutionär" einen gesellschaftlichen Systemwandel
der existierenden sozialistischen Länder zu befördern. In dieser
Form ist Entspannungspolitik daher lediglich als V o r s t u f e
einer Politik der friedlichen Koexistenz zu begreifen 64).
- Sie setzte sich in den verschiedenen Ländern höchst unter-
schiedlich und mit oft erheblich abweichender öffentlicher Legi-
timierung (Unterschiede insbesondere zwischen den USA und der
BRD) durch. In keinem Land gelang es jedoch, die Richtungsdiffe-
renzierung so weit zu forcieren, daß ein auf Dauer konsistentes
Entspannungskonzept möglich geworden wäre. In Westeuropa schei-
terte dies u.a. daran, daß die sozialliberale Richtung als Expo-
nent der Entspannungspolitik im Zuge der Wirtschaftskrise der
70er Jahre ihre sozialintegrativen Potenzen zunehmend einbüßte
und nicht in der Lage oder willens war, den innenpolitischen In-
tegrationsverlust durch konsequente Verfolgung außenpolitischer
Alternativen aufzufangen. In den USA hatte sich das Konzept der
Detente innerhalb der herrschenden Klasse wie in der Regierung
nie hegemonial durchsetzen können, sondern war immer auf labile
Mehrheiten gegenüber dem machtmaximalistischen Lager angewiesen.
- Unter diesen Bedingungen konnte ein innerkapitalistischer ent-
spannungspolitischer Konsens nicht hergestellt werden. Dies
sollte insbesondere bei der Behandlung des Kardinalproblems der
Ost-West-Beziehungen, der Rüstung, negativ zu Buche schlagen. Ge-
rade die USA hielten sich mit ihrem Rüstungskontrollkonzept - das
in einflußreichen Kreisen nicht als Vorstufe, sondern als Alter-
native (!) zur Abrüstung verstanden wurde - die Möglichkeit of-
fen, über rüstungstechnologisch-qualitative "Durchbrüche" im
Zweifelsfall erneut militärische Überlegenheit aufzubauen oder
aber das Militär zur politischen Erpressung/Druckentfaltung ein-
zusetzen.
Diese Hinweise sollen darauf aufmerksam machen, daß die Ende 1979
vollzogene neuerliche außenpolitische Wende der NATO unter ameri-
kanischer Führung keinen radikalen Bruch zur voraufgegangenen Pe-
riode markiert, sondern als Möglichkeit in der nach 1969 sich
entwickelnden Richtungsdifferenzierung von Anfang an angelegt
war. Die Opposition gegen die Entspannungspolitik entfaltete sich
nicht in erster Linie deshalb, weil die in sie gesetzten Hoffnun-
gen sich nicht erfüllt hätten (innere "Aufweichung" der soziali-
stischen Länder; "Einfrieren" der sozio-ökonomischen und politi-
schen Weiterentwicklung der Dritten Welt), sondern weil Mitte der
70er Jahre die W e l t w i r t s c h a f t s k r i s e des Ka-
pitals - die schwerste ihrer Art seit 1929 - die bereits 1969
präsenten Widersprüche eskalierte: in dieser Wirtschaftskrise lö-
sten sich alle den Nachkriegszyklus ehedem sichernden Faktoren in
einem magischen "Krisenviereck" auf (zyklische Überproduktions-
krise; bis in die Wachstumsbranchen ausgeweitete Strukturkrisen;
Weltmarktkrisen, u.a.: nationale Protektionismen, Handelskriege,
Verschlechterung der Terms of Trade; internationale Währungskri-
sen). Das temporär erfolgreiche "Hinausschieben" der Verwertungs-
schranken hatte neue, umso kompliziertere Hindernisse aufgebaut
65).
Insgesamt handelt es sich um einen dauerhaften internationalen
Krisenprozess in Ökonomie und Politik: zeitliche Parallelität und
inhaltliche Synchronisierung ehemals räumlich-geographisch und
inhaltlich separierter Konflikte wirtschaftlicher und politischer
Natur, die fortan in immer kürzer werdenden Intervallen, unter
Einbeziehung ehedem "stabiler" Strukturen und auf jeweils höherem
Konfliktniveau kulminieren, dabei aber erst am A n f a n g ih-
rer Entwicklung stehen, o h n e daß Aussicht auf kurz- oder
mittelfristige Lösungen bestünde.
Diese Konflikt- und Krisenformation wird zu Recht als
z w e i t e N a c h k r i e g s k r i s e bezeichnet, weil sie
die Potenzen des Regelmechanismus des kapitalistischen Weltsy-
stems national wie international objektiv überforderte, weil sie
- und dies ist der entscheidende Punkt - objektiv kompromißerhei-
schende Fragen in einer Qualität und in einem Umfang aufwarf (und
weiterhin aufwirft), die den politischen Willen (im Sinne eines
Ausdrucks realer Klasseninteressen) der herrschenden Klassen zum
Kompromiß und Ausgleich offenbar überstiegen; weil dies (und hier
kommt der Stand der genannten R i c h t u n g s d i f f e r e n-
z i e r u n g erneut ins Spiel) in einer Zeit sich abspielte, da
die notwendiger denn je geforderte politische Koordination
zwischen den drei Polen westlicher Außenpolitik mit den
bisherigen Mitteln weniger denn je möglich war - d.h., da es
nicht gelang, das gemeinsame Basisinteresse an der Regulierung
bzw. Abwehr gegenläufiger Entwicklungen in Gestalt eines hand-
habbaren politischen (Krisen-)Programms zu formulieren.
In dieser Situation stellte sich also die Frage nach einer
a u ß e n p o l i t i s c h e n K r i s e n s t r a t e g i e
zwangsläufig neu. Die vielbeschworene "Sprunghaftigkeit" der Re-
gierung Carter drückte im Grunde nichts anderes aus als einen
Prozeß der Umorientierung, der diese Administration als Über-
gangsregierung einem hohen Verschleiß aussetzte 66). Spätestens
mit Amtsantritt der Regierung Reagan war klar, daß die USA Grund-
züge einer "neuen Krisenstrategie" entworfen hatten und gedach-
ten, das gesamte NATO-Bündnis darauf zu verpflichten.
Soweit besteht in der - im weitesten Sinne kapitalismuskritischen
- Diskussion Einigkeit. Erhebliche Differenzen zeigen sich jedoch
bei der I n t e r p r e t a t i o n d e r K r i s e b z w.
d e r K r i s e n s t r a t e g i e n d e r 7 0 e r J a h-
r e. Theoretisch untauglich und politisch unbrauchbar sind
offensichtlich all jene Ansätze, die die Krise des kapitalisti-
schen Weltsystems leugnen und eine n e u e P h a s e d e r
"S t a b i l i t ä t" zu erkennen glauben; als führender Vertre-
ter dieser Position kann Immanuel Wallerstein gelten, dessen The-
sen in der BRD starke Beachtung finden 67). Thomas Scheffler 68)
z.B. knüpft an Wallerstein an: für ihn bedeutet die angebliche
Unfähigkeit der Arbeiterbewegung, in den Kategorien des
"kapitalistischen Weltsystems" zu denken (822/23), ebenfalls eine
Gratis-Stabilisierung des kapitalistischen "Weltsystems". Wer im
"Primat der Nation" denke, lasse die entscheidenden "Verteidi-
gungsanlagen des Weltsystems" und damit den Garanten "bürger-
liche(r) Hegemonie" (823) unberührt.
Scheffler löst mit seiner Argumentation den Zusammenhang von Po-
litik und Ökonomie völlig auf, z.B. die Beziehungen zwischen der
nach wie vor nationalstaatlich begründeten Existenz des Kapitals
und der nach wie vor ebenfalls nur nationalstaatlich möglichen
Bewußtseinsentwicklung und Kampferfahrung der Arbeiterklasse,
oder aber den Zusammenhang von nationalen Kapitalen und interna-
tionaler Politik. Besonders deutlich wird dies bei seiner Inter-
pretation von K r i e g und i n t e r n a t i o n a l e n
K o n f l i k t e n. Beide erscheinen als der Ökonomie und ihrer
als Weltsystem "stabil" unterstellten Entwicklung ä u ß e r-
l i c h e F a k t o r e n, zurückzuführen auf die "innere Frag-
mentierung" und "Reformunfähigkeit" des Bürgertums im Innern
(826/27). Hat das Bürgertum seine Fähigkeit zur Reform (in einer
nicht näher benannten Weise) wiedergewonnen, so entfällt fortan
auch der nur innen-politisch erklärbare Krisenfaktor Krieg, und
die Stabilität des Weltsystems ist wieder hergestellt. Der
Zusammenhang zwischen Monopolen, Krisen und Krieg hat sich
derweil irgendwo in den "Grabensystemen" und "Verteidigungs-
anlagen" in Wohlgefallen aufgelöst - hier wird das Modell zum
intellektuellen Ärgernis und zur politischen Traditionsfälschung,
da Scheffler sein Vorbild Wallerstein mit Gramscis Kategorien
glaubt erklären zu müssen und damit in einem Prokrustesbett
landet.
Nicht zuletzt aus Rücksichtnahme auf die nationalstaatlich bor-
nierte "Öffentlichkeit" (822, 828) sei die amerikanische Regie-
rung gezwungen, Krisen und Spannungen mit der UdSSR heraufzube-
schwören: die Öffentlichkeit fordere geradezu derlei aggressive
Abgrenzung nach außen. Spätestens hier hat Scheffler das Niveau
der krudesten Krisenlegitimation aus der Zeit des Kalten Krieges
erreicht:' Regalmeter bürgerlichapologetischer Literatur erklären
die Truman-Politik der "Befreiung" als Reaktion auf den antikom-
munistischen "Grundkonsens" der US-Wählerschaft bzw. osteuropäi-
scher Einwanderergruppen.
Soziale Klasseninteressen der Bourgeoisie werden auch in jenen
Theorien eliminiert, die Konfliktstrukturen (und letztendlich
Krieg) entweder auf wesensmäßig a g g r e s s i v e, v e r-
s e l b s t ä n d i g t e P r o d u k t i v k r ä f t e b z w.
S y s t e m e v o n P r o d u k t i v k r ä f t e n 69) und/
oder auf i r r a t i o n a l v e r z e r r t e U m w e l t-
p e r z e p t i o n e n 70) zurückführen. Letzteres wird im
eklektizistischen Modell Schefflers zur Konsequenz geführt:
konservatives Handeln sei "theoriegeleitet(!)" (Ideen machen also
wieder einmal Geschichte), aber in dem "Dilemma" befangen, "nicht
s a g e n zu dürfen, folglich auch nicht d e n k e n zu
können, was er (der Konservatismus - B.G.) ist". Dieses "Dilemma"
führe permanent zu einer "selektive(n) Wahrnehmungsweise welt-
politischer Probleme" (827), da allein eine solche Selektivität
die "logisch widerspruchsfreie Lösung" des Dilemmas garantiere
(827). Die l o g i s c h widerspruchsfreie Lösung führe aber
konsequent in die praktisch-politische Krise . wegen der
selektiven Wahrnehmung. Folglich wird unterstellt (und damit wird
der Eklektizismus politisch reaktionär), der Konservatismus habe
kein Klassenprogramm, sondern sei in einem ehernen Kreislauf nur
damit befaßt, sein "Dilemma" "widerspruchsfrei" zu lösen. Daß in
einer Krise die Lösung dieses Dilemmas die durchaus nicht mehr
nur gedankliche Alternative Krieg oder Frieden annehmen kann, ist
Scheffler kein Problem - und genau hierin liegt s e i n Di-
lemma.
Schließlich ist S c h e f f l e r schlecht beraten, apodiktisch
eine F u n k t i o n s u n t a u g l i c h k e i t d e r R e-
p r e s s i o n als Ausweg aus der Krise zu unterstellen. Der
Sturz Allendes oder der Vietnam-Krieg sind für ihn nicht Ausdruck
gewaltsamer Krisenstrategien, sondern eine "Abkehr (!) von
bürgerlich-demokratischen Verkehrsformen in der Weltpolitik" (!!)
(825) im Zeichen der "Gleichgewichtswahrung" und zur Stabilisie-
rung des "Weltsystems".
Die Vernachlässigung des Repressionspotentials bürgerlicher Herr-
schaft teilt Scheffler mit Claus Offe. Auch für ihn gehören auto-
ritäre Krisenlösungen der Vergangenheit an . die heutigen binnen-
gesellschaftlichen Strukturen seien für solche Lösungen zu
"komplex" 71). Die "Entstrukturierung" als Indiz der "politischen
Krisenlage" (812/13) wird auch für die konservative Programmatik
und Strategie geltend gemacht . folglich erscheint die Krise als
"Entscheidungssituation" a u c h p r i n z i p i e l l nach
jeder Seite und jeder Lösungsmöglichkeit hin o f f e n 72).
"Krise" ist für Offe ein Prozeß, in dem die relevanten sozialen
Gruppen durch gemeinschaftliches Management eine möglichst sach-
effektive Lösung erarbeiten. Da "Mäßigung" und "Selbstbeschrän-
kung" (814) allen Beteiligten auferlegt sind, ist die Krise als
soziales Kampffeld der Klassen eliminiert, ist die Frage nach der
Kenntnis der Strategie des Klassengegners bedeutungslos geworden,
da dieser ohnehin auf einen kompromißhaften Ausgleich ver-
pflichtet werden wird.
3.3 "Grenzüberschreitungen" zu einem Neuen Machtmaximalismus:
-------------------------------------------------------------
Strukturen der amerikanischen Krisenstrategie für die 80er Jahre
----------------------------------------------------------------
und die Rolle der Verbündeten
-----------------------------
Der seit 1977/78 zu beobachtende Politikwandel der USA läuft
nicht nur in einem (im Vergleich zur unmittelbaren Nachkriegs-
zeit) grundsätzlich geänderten internationalen Umfeld ab: er wird
sich gegen alle im Verlauf der Richtungsdifferenzierung nach 1969
entstandenen und potentiell in einigen Ländern noch immer mehr-
heitsfähigen politischen Alternativen in einem zähen Ringen
durchsetzen müssen, will er auf Dauer erfolgreich sein.
Diese Umstände lassen es geboten erscheinen, in Abgrenzung zu den
50er Jahren n i c h t von einer Wiederauflage des amerikani-
schen Machtmaximalismus zu sprechen, sondern von einer
G r e n z ü h e r s c h r e i t u n g 73) i n R i c h t u n g
a u f e i n e n N e u e n M a c h t m a x i m a l i s m u s.
Diese begriffliche Differenzierung markiert einerseits die Ver-
schiebung der historischen Koordinaten und erlaubt andererseits,
noch immer gängige oder reaktivierte Konzeptionen aus der Zeit
des Kalten Krieges in ihrer unvermindert aggressiven Qualität ka-
tegorial und in ihrer historischen Funktion zu fassen.
Die K e r n p u n k t e dieser Grenzüberschreitung werden auch
von einflußreichen und an w e s t e u r o p ä i s c h e r P o-
l i t i k p l a n u n g unmittelbar beteiligten Kreisen geteilt.
Dabei ist an erster Stelle zu nennen die außenpolitische
Bestandsaufnahme der halbamtlichen Institute für Auswärtige Poli-
tik aus den USA, England, Frankreich und der BRD, vorgelegt im
Februar 1981 74). Dieser Bericht formuliert, analog zu Theorie
und Praxis der R e a g a n - A d m i n i s t r a t i o n, den
Kern westlicher Sicherheitspolitik folgendermaßen: Ausgegangen
wird vom einzig noch verbliebenen Teil der klassischen amerikani-
schen Hegemonie, nämlich der U S - M i l i t ä r m a c h t in-
nerhalb des westlichen Bündnissystems. D i e s e s o l l
e r n e u t a l s p o l i t i s c h e K l a m m e r d e s
B ü n d n i s s e s d i e n e n, i m Z e n t r u m d e r
g e m e i n s c h a f t l i c h e n O r i e n t i e r u n g
s t e h e n u n d H e b e l z u r R e a l i s i e r u n g
a m e r i k a n i s c h e r H e g e m o n i a l i n t e r e s-
s e n s e i n.
Der Institutsbericht expliziert diesen Gedanken am Beispiel Roh-
stoffversorgung/Naher Osten/Eingreiftruppe: Die p o l i t i-
s c h e Dimension der Regelung westlicher Energieversorgung wird
ausgeblendet und statt dessen auf die m i l i t ä r i s c h e
O p t i o n orientiert. Diesen Überlegungen zufolge hätten die
USA die materielle und strategische Hauptlast zu tragen, während
die westeuropäischen Verbündeten politisch, materiell und
logistisch entlastenden Flankenschutz bieten. Ihre personelle
Beteiligung an der Schnellen Eingreiftruppe wird zwar gefordert
(vgl. 40), erweist sich jedoch weniger als Mittel zur Sicherung
militärischer Schlagkraft, sondern soll in erster Linie dazu
dienen, Westeuropa in die p o l i t i s c h e Verantwortung zur
Durchsetzung m i l i t ä r i s c h e r Operationen unter
Führung der USA einzubeziehen.
"Arbeitsteilung" heißt also nichts weiter als integrale Einbezie-
hung Westeuropas in die Risiken einer militarisierten amerikani-
schen Globalstrategie, die den imperialistischen Zugriff auf Roh-
stoffquellen in traditionell machtmaximalistischer Weise zu si-
chern gedenkt. Die Westeuropäer sollen dabei nicht nur an Kosten
und Risiken zur Niederschlagung nationalistischer und/oder sozi-
alrevolutionärer Befreiungsbewegungen im Nahen und Mittleren
Osten (39) "beteiligt" werden, sondern auch alle (wesensmäßig un-
kalkulierbaren) Risiken einer Politik mittragen, "den denkbaren
militärischen Konflikt zwischen Ost und West auf den Nahen und
Mittleren Osten zu begrenzen..." (33; Hervorh. ebd.) Die augen-
blicklich (von der BRD an führender Stelle) forcierte Süderweite-
rung der EG und der NATO ist offensichtlich auch in diesem mili-
tärstrategischen Zusammenhang zu sehen. 75)
Dem amerikanischen Konzept zufolge soll Westeuropa freilich nicht
nur auf dieser Ebene in die US-Strategie eingebunden werden: die
E u r o p ä i s i e r u n g d e s N u k l e a r k r i e g e s
erfüllt in umfassenderer Weise den gleichen Zweck. Sind mit der
Stationierung der dazu erforderlichen Systeme (Pershing-II und
Cruise Missiles) erst einmal die materiellen Voraussetzungen ge-
schaffen, so wäre Westeuropa nicht allein eine militärische Gei-
sel in einem möglichen Nuklearkrieg 76), sondern könnte auch in
Zeiten politischer Konflikte auf amerikanischen Konfrontations-
kurs gezwungen werden - und zwar eingeschworen in die Überlegung,
unter Drohung des Einsatzes der europäisch dislozierten Nuklear-
potentiale den strategischen Druck auf den Gegner (also den War-
schauer Pakt oder eines seiner Mitglieder) in erpresserischer Ab-
sicht dergestalt zu erhöhen, daß man ihn vor die Wahl des Nachge-
bens oder der Hinnahme "selektiver", "chirurgischer" Atomschläge
(die mit den neuen Waffen technisch möglich wären) mit dem damit
unweigerlich verbundenen Risiko einer in Totalvernichtung resul-
tierenden Eskalation stellt. Dergleichen Spekulationen auf nu-
kleare politische Erpressungskonstellationen sind Teilen auch der
westeuropäischen Bourgeoisie durchaus nicht fremd und eröffnen
den USA die doppelt verlockende Perspektive, ihr eigenes Territo-
rium in einem Ost-West-Atomkrieg zu schonen.
Diese Orientierung wird erst dann überzeugend einsichtig, wenn
man weiß, daß die USA mittlerweile wieder die P r i n z i-
p i e n des m i l i t ä r i s c h e n M a c h t m a x i-
m a l i s m u s aus der Zeit des Kalten Krieges in den M i t-
t e l p u n k t ihrer Planungen rücken, d.h.: das Streben nach
einem nuklearen Erstschlagspotential und der Entwurf politischer
Kriegsziele für einen vom Sozialismus "befreiten" Kriegsgegner
77) sollen einhergehen mit der Durchsetzung des politischen
Willens und der Bereitschaft, diese "Eventualplanungen" im Zwei-
felsfall auch zu realisieren 78). V e r h a n d l u n g s-
p o l i t i k und Orientierung auf den politischen Kompromiß mit
der Gegenseite sind in diesem Konzept nur noch t a k-
t i s c h - l e g i t i m a t o r i s c h bestimmt.
In der inneramerikanischen Diskussion wie im genannten Instituts-
bericht hat man erkannt, daß die anvisierte Militarisierung der
Außenpolitik nur dann das westliche Bündnissystem politisch
"klammern" kann, nur dann die gewünschte Erweiterung des poli-
tisch-strategischen Handlungsspielraums gegenüber den sozialisti-
schen Ländern und der Dritten Welt sowie die neuerliche Anerken-
nung der USA als richtungsweisende Führungsmacht bringen wird,
wenn es gelingt, andere k a p i t a l i s t i s c h e
S c h l ü s s e l l ä n d e r auf diesen Kurs zu verpflichten.
Die Antwort auf dieses Problem läßt sich mit einem Schlagwort zu-
sammenfassen: D i k t a t u r d e r E l i t e n. Eine
"Kerngruppe", bestehend aus den USA, Frankreich, Großbritannien,
der BRD und Japan (49) soll "getrennt von der NATO" (50) die po-
litische und militärische Koordination westlicher Krisenpolitik
betreiben. "Vor allem die kleineren Mitglieder im Bündnis" könn-
ten "nicht immer einbezogen werden" (46) . einfach deshalb, weil
die Koordination der "Eliten" den n a t i o n a l e n
p o l i t i s c h e n W i l l e n s b i l d u n g s p r o z e ß
i n K r i s e n z e i t e n a u s s c h a l t e n u n d
p r a k t i s c h z u e i n e r i n t e r n a t i o n a l e n
N o t v e r o r d n u n g s p o l i t i k ü b e r g e h e n
m u ß, um effektiv zu bleiben. "Mit Blick auf die NATO ist eine
engere Koordinierung der westlichen Politik gegenüber dem Osten
notwendig, und zwar b e v o r nationale Einzelentscheidungen
gefällt werden. ... es (darf) der Wirtschaftspolitik nicht er-
laubt sein, die übergreifenden politischen Erfordernisse zu un-
tergraben. Die verbündeten Regierungen müssen auf höherer politi-
scher Ebene ein umfassenderes Instrumentarium zum Schutz ihrer
Interessen entwickeln..." (47; Hervorhebung ebd.).
Selbstverständlich sei dies eine "unpopuläre Politik" (44; vgl.
33, 52) - Politiker und Medien müßten jedoch gemeinsam die Ver-
antwortung zu ihrer ideologischen, hegemonialen Durchsetzung
übernehmen. Damit ist zugleich die Notwendigkeit der i d e o-
l o g i s c h e n G r e n z ü b e r s c h r e i t u n g formu-
liert, nämlich die neuerliche Militarisierung des Denkens und
Bewußtseins. Nichts anderes verbirgt sich hinter dem Trommel-
wirbel der "Ü b e r l e b e n s k r i s e d e s W e-
s t e n s", der Suggestion des einen noch ausstehenden "großen
Wurfs" zur endgültigen Niederringung des Gegners (Reagans
Visionen des bevorstehenden Zusammenbruchs der UdSSR) und
schließlich hinter der Einstimmung auf den Tag X: Es gibt in der
Logik dieser Krisenstrategie in der Tat "Wichtigeres als den
Frieden" (Alexander Haig).
Damit sind die wesentlichen Kriterien eines im Zeichen des Macht-
maximalismus stehenden, hinter alle nach 1969 vollzogenen Ände-
rungen zurückfallenden K o n z e p t i o n s w e c h s e l s
erfüllt. Auch wenn die politische Hegemonie jetzt von einem
machtelitären Staatenkonsortium ausgeübt werden soll, ist nicht
zu übersehen, daß über den Hebel der Militärpolitik eine
neuerliche Aufwertung der USA befördert werden soll - nicht nur
zur Verbesserung ihrer ökonomischen Konkurrenzfähigkeit 79),
sondern in erster Linie als Instanz, die der westlichen Politik
zwischen den drei Polen Systemauseinandersetzung, regionale
kapitalistische Integration und binnenkapitalistische Konkurrenz
Richtung und Kohärenz gibt.
Nicht der Maßstab einer abstrakten Rationalität kann in der Ana-
lyse dieser Konzepte weiterhelfen, sondern allein das Urteil über
die F u n k t i o n a l i t ä t bestimmter Politiken für die
Verwertungszwänge des Kapitals. Was vom Standpunkt der Menschheit
als Gattung "irrational" erscheint, kann für das Monopolkapital
durchaus "rational" sein (und ist es in der Regel auch, wie die
Abenteuerlichkeit und maßlose Selbstüberschätzung imperialisti-
scher "Krisenpolitik" im 20. Jahrhundert zeigt) 80). Dies festzu-
stellen heißt nichts anderes, als auf die historische Überlebt-
heit des Kapitalismus als Gesellschaftssystem hinzuweisen und den
Grundwiderspruch in Erinnerung zu rufen, an dem sich alle Klas-
senkämpfe entzünden: für die Arbeiterbewegung ist der Kampf gegen
die Rationalität des Kapitals die Ratio des eigenen Überlebens.
Der Z u s a m m e n h a n g v o n K r i s e u n d K r i e g
ist auch im Nuklearzeitalter nicht aufgehoben.
_____
1) Michel J. Crozier, Samuel P. Huntington, Joji Watanuki, (Ed.),
The Crisis of Democracy. Report on the Governability of Democra-
cies to the Trilateral Commission, New York University Press
1975.
2) Karl Kaiser, Winston Lord, Thierry de Montbrial, David Watt,
Die Sicherheit des Westens: Neue Dimensionen und Aufgaben, Deut-
sche Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V., Bonn 1981.
3) Vgl. George Urban, Wechsel im Weißen Haus. Interview mit Zbi-
gniew Brzezinski, in: Der Monat, Nr. 279, 2/1981, S. 4-20.
4) Wolf-Dieter Narr, Zur Genesis und Funktion von Krisen - einige
systemanalytische Marginalien, in: Martin Jänicke (Hrsg.), Herr-
schaft und Krise, Opladen 1973, S. 224-36, hier S. 230.
5) Vgl. Jürgen Kuczynski, Monopol, Krieg und Krise, in: IPW-Be-
richte, 4/1972, S. 5-13.
6) Ein in Anlehnung an die unten verwendete Kategorie des
"Machtmaximalismus" (Reinhard Opitz) geprägter Begriff.
7) Heinz Jung, Josef Schleifstein, Die Theorie des staatsmonopo-
listischen Kapitalismus und ihre Kritiker, Frankfurt/M. 1979, S.
16; Hervorhebung B.G.
8) Peter Hess, Methodologische und theoretische Probleme der Im-
perialismusforschung, in: Wirtschaftswissenschaft, 22. Jg.,
2/1974, S. 187-208, hier S. 194.
9) Karl Marx, in: MEW 25, S. 259.
10) Zit. nach Hess, Probleme..., a.a.O., S. 198.
11) Hans-Rainer Kaiser, Staat und gesellschaftliche Integration,
Zur Analyse und Kritik des Staatsbegriffs bei Jürgen Habermas und
Claus Offe, Marburg 1977, S. 60.
12) Frank Deppe, Heinz Jung, Entwicklung und Politik der herr-
schenden Klasse in der Bundesrepublik, in: Ulrich Albrecht u.a.,
Beiträge zu einer Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Köln
1979, S. 433-87, hier S. 442.
13) Kaiser, Staat..., a.a.O., S. 61; Hervorh. ebd.
14) Ebd.
15) Hess, Probleme..., a.a.O., S. 195; Hervorhebung ebd.
16) Jung/Schleifstein, Theorie..., a.a.O., S. 229; Hervorhebung
B.G.
17) Karl Marx, MEW 25, S. 799.
18) Deppe/Jung, Entwicklung..., S. 442.
19) Hess, Probleme..., a.a.O., S. 203; Hervorhebung B.C.
20) Vgl. Deppe/Jung, Entwicklung..., a.a.O., S. 438 ff.
21) H.J. Axt, Staat, multinationale Konzerne und politische Union
in Westeuropa, Köln 1978, S. 118/19.
22) Deppe/Jung, Entwicklung..., a.a.O., S. 440.
23) Jung/Schleifstein, Theorie..., a.a.O., S. 229; vgl. Joachim
Hirsch, Staatsapparat und Reproduktion des Kapitals, Frankfurt/M.
1974, S. 26 f.
24) Dieter Läpple, Staat und politische Organisation. Probleme
marxistischer Staatsanalyse, in: H.J. Krysmanski, Peter Marwedel
(Hrsg.), Die Krise in der Soziologie, Köln 1975, S. 211-241, hier
S. 223.
25) Reinhard Opitz, Politische Ideologiekonzeptionen im Vorfeld
der Gründung der Bundesrepublik, in: Albrecht u.a., Beiträge zu
einer Geschichte..., a.a.O., S. 13-40, hier S. 15.
26) Vgl. Jung/Schleifstein, Theorie..., S. 208.
27) Deppe/Jung, Entwicklung..., a.a.O., S. 443.
28) Vgl. Manfred Kerner, Staat, Krieg und Krise. Die Varga-Dis-
kussion und die Rolle des Zweiten Weltkriegs in der kapitalisti-
schen Entwicklung, Köln 1981, S. 200.
29) Dies in Abgrenzung zu N. Paech, der die "politische System-
krise" gleichzeitig als "Staatskrise" und "revolutionäre Situa-
tion" begreift; vgl. Norman Paech, Staat und Krise . Krise des
Staates? in: W. Goldschmidt (Hg.), Staat und Monopole III, Argu-
ment-Sonderband 36, Berlin-West 1979, S. 29, 44.
30) Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalis-
mus, in: W.I. Lenin, Ausgewählte Werke, Bd. 1, Berlin 1970, S.
763-87.
31) Vgl. Hess, Probleme..., a.a.O., S. 195.
32) Paech, Krise..., a.a.O., S. 24.
33) Vgl. u.a. Reinhard Opitz, Der deutsche Sozialliberalismus
1917-1933, Köln 1973.
34) Reinhard Opitz, Über die Entstehung und Verhinderung von Fa-
schismus, in: Das Argument 87, Nov. 1974, S. 543-604.
35) Paech geht von dieser These aus; vgl. ders., Krise...,
a.a.O., S. 44.
36) Frank Deppe, Autonomie und Integration. Materialien zur Ge-
werkschaftsanalyse, Marburg 1979, S. 240.
37) Kuczynski, Monopol, Krieg..., a.a.O., S. 10.
38) Zu einer prägnanten Zusammenfassung dieser Periodisierung
vgl. Kerner, Varga-Diskussion..., a.a.O., S. 249 ff.
39) Der Begriff geht zurück auf Wilfried v. Bredow; vgl. ders.,
Die Zukunft der Entspannung, Köln 1979.
40) Ausführlicher dazu Bernd Greiner, Kurt Steinhaus (Hrsg.), Auf
dem Weg zum 3. Weltkrieg? Amerikanische Kriegspläne gegen die
UdSSR. Eine Dokumentation, Köln 1980, S. 9-51.
41) Kerner, Varga-Diskussion..., a.a.O., S. 95; vgl. S. 373/74,
186/87.
42) Zit. nach John Lewis Gaddis, The United States and the Ori-
gins of the Cold War 1941-1947, New York, London 1972, S. 203.
43) Vgl. jüngst: Thomas Etzold, John Lewis Gaddis (Ed.), Contain-
ment: Documents on American Policy and Strategy, 1945-1950, New
York 1978; Michael S. Sherry, Preparing for the Next War. Ameri-
can Plans for Postwar Defense 1941-45, New Haven, London 1977;
Greiner/Steinhaus, 3. Weltkrieg..., a.a.O.
44) Zit. nach Bernd Greiner, Amerikanische Außenpolitik von Tru-
man bis heute. Grundsatzdebatten und Strategiediskussionen, Köln
1980, S. 25 f.
45) Der Zusammenhang zwischen Monopolmacht und Machtmaximalismus
kann nicht oft genug betont werden. Damit wird u.a. eine Abgren-
zung zu jüngst wiederbelebten Theorien vorgenommen, die die ame-
rikanische Intransigenz zwar anerkennen, aber auf einen blinden
"Idealismus" zurückführen, der die Politik in tragischer Weise in
eine den eigenen Interessen widersprechende Richtung getrieben
habe. So etwa Wilfried Loch, Die Teilung der Welt 1941-1955, Mün-
chen 1980, S. 335/36, 340; letztlich werden Außenpolitik und Kri-
senstrategie damit auf eine P e r z e p t i o n s f r a g e re-
duziert.
46) Vgl. das Standardwerk: Gar Alperovitz, Atomare Diplomatie .
Hiroshima und Potsdam, München 1966.
47) Vgl. die entsprechenden Dokumente bei Greiner/Steinhaus, 3.
Weltkrieg..., a.a.O. Der Vollständigkeit : halber sei darauf ver-
wiesen, daß die Kategorie "Machtmaximalismus" auf Programmatik
und Politik der damals dominanten politischen Kräfte in den USA
abzielt; selbstverständlich gab es auch in den Reihen der Bour-
geoisie Widerstand, der freilich in keiner entscheidenden Frage
mehrheitsfähig war.
48) Vgl. ebd., S. 42 ff.
49) Vgl. Dietmar Goralczyk, Die Marxsche Theorie der Weltmarktbe-
wegung des Kapitals und die Rekonstruktion des Weltmarkts nach
1945, in: Frank Deppe (Hrsg.), Europäische Wirtschaftsgemein-
schaft (EWG). Zur politischen Ökonomie der westeuropäischen Inte-
gration, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 14-53, hier S. 35 ff.
50) Frank Deppe, Zur ökonomischen und politischen Struktur des
Integrationsprozesses, in: ders. (Hrsg.), EWG..., a.a.O., S. 175-
285, hier S. 279; Hervorhebung B.G.
51) Jung/Schleifstein, Theorie..., a.a.O., S. 71; Hervorhebung
B.G.
52) Deppe, Autonomie..., a.a.O., S. 200/201.
53) Vgl. Axt, Staat, multinationale Konzerne..., a.a.O., S. 188
ff.
54) Hess, Probleme..., a.a.O., S. 194; diese auf den ökonomischen
Verwertungsprozeß bezogene Aussage gilt für politische Prozesse
gleichermaßen.
55) So Konrad Adenauer, Erinnerungen, 1953-1955, Frankfurt/M.,
Hamburg 1968, S. 377.
56) Kurt Steinhaus, Koloniale Revolution und militärische Inter-
vention, in: Ekkehart Krippendorff (Hrsg.), Probleme der interna-
tionalen Beziehungen, Frankfurt/M. 19752, S. 159-177, hier S.
172.
57) Vgl. Gilbert Ziebura, Die deutsch-französischen Beziehungen,
Pfullingen 1970.
58) Vgl. Kerner, Varga-Diskussion..., a.a.O., S. 57.
59) Zu einer prägnanten Zusammenfassung von Kuczynskis Position
vgl. ebd., S. 45-51.
60) Als Frage nach der Entwicklung alternativer gesellschaftli-
cher S y s t e m e erfaßt der Ost-West-Konflikt selbstverständ-
lich auch die Entwicklungsländer; zugleich gehen in die Entwick-
lungspolitik Momente kapitalistischer Konkurrenz ein.
61) Vgl. Axt, Staat, multinationale Konzerne..., a.a.O., S. 169
ff.
62) Vgl. Franz Holzberger, Wolfgang Müller, Zur Entwicklung der
Klassenauseinandersetzungen in einigen westeuropäischen Staaten
seit dem Ende der sechziger Jahre, in: Frank Deppe (Hrsg.), Ar-
beiterbewegung und westeuropäische Integration, Köln 1976, S.
182-228.
63) Kuczynski, Staat, Krieg..., a.a.O., S. 6.
64) Für die Beziehungen zur Dritten Welt galten keine entspan-
nungspolitischen, sondern immer nur neokolonialistische Orientie-
rungen, die trotz der Vietnam-Erfahrung die interventionistisch-
militaristische Gewaltoption prinzipiell offenhielten (Chile!) .
d.h. für den Westen war "Entspannung" von Anfang an und per de-
finitionem t e i l b a r.
65) Vgl. jüngst Elmar Altvater, Die Zeitbombe auf dem Weltmarkt
tickt. Anmerkungen zu den Krisentendenzen auf dem Weltmarkt, in:
Probleme des Klassenkampfs, Nr. 42, 11. Jg., S. 6-24.
66) Vgl. Bernd Greiner, Die Kräfteverschiebung in der amerikani-
schen Politik, in: Blätter für deutsche und internationale Poli-
tik, 12/1980, S. 1426-1444.
67) Immanuel Wallerstein, The Modern World System. Capitalist
Agriculture and the Origins of the European World Economy in the
16th Century, New York 1974; ders., Aufstieg und Niedergang des
kapitalistischen Weltsystems. Zur Grundlegung vergleichender Ana-
lyse, in: Dieter Senghaas (Hrsg.), Kapitalistische Weltökonomie.
Kontroversen über ihren Ursprung und ihre Entwicklungsdynamik,
Frankfurt/M. 1979, S. 31-68.
68) Thomas Scheffler, Außenpolitik zwischen Legalität und Legiti-
mität, in: Das Argument 124, S. 822-832.
69) Vgl. u.v.a.: Edward P. Thompson, Der Exterminismus als letz-
tes Stadium der Zivilisation, in: Das Argument 127, S. 326-352;
zur Kritik an Thompson vgl. u.a. Joachim Bischoff, in: Die Neue,
8./9.5.1981; zur Theorie des "Rüstungsautismus" vgl. etwa den
"klassischen" Aufsatz von Dieter Senghaas, Rüstungsdynamik als
restriktive Bedingung in Versuchen einer Überwindung des Ost-
West-Konflikts; jüngst nachgedruckt in: Gert Krell (Hrsg.), Die
Rüstung der USA. Gesellschaftliche Interessen und politische Ent-
scheidungen, Baden-Baden 1981, S. 23-41.
70) Vgl. Karl W. Deutsch, Dieter Senghaas, Die brüchige Vernunft
von Staaten, in: Dieter Senghaas (Hrsg.), Kritische Friedensfor-
schung, Frankfurt/M. 19795, S. 105-164; vgl. jüngst auch: Anton-
Andreas Guha, Der Tod in der Grauzone. Ist Europa noch zu vertei-
digen?, Frankfurt/M. 1980, S. 182 ff.
71) "Am Staat vorbei?" - Interview mit Claus Offe, in: Das Argu-
ment 124, S. 809-822, hier S. 814.
72) Vgl. Claus Offe, "Krisen des Krisenmanagement": Elemente ei-
ner politischen Krisentheorie, in: Jänicke (Hrsg.), Herrschaft
und Krise, a.a.O., S. 197-224, hier S. 199.
73) Wir verwenden diesen Begriff in Anlehnung an Reinhard Opitz,
der mit Blick auf die CSU-Konzeption 1980 von einer
"Grenzüberschreitung" in Richtung auf die autoritären Ordnungsmo-
delle der sog. "Jung-Konservativen" in der Weimarer Republik
sprach; vgl. Reinhard Opitz, Ist die CDU/CSU eine konservative
Partei?, Vortrag, gehalten an der Philipps-Universität Marburg im
Juni 1980.
74) Karl Kaiser u.a., Sicherheit des Westens..., a.a.O.
75) Vgl. H.J. Axt, Konkurrenz und "Arbeitsteilung". Griechenlands
EG-Beitritt und die amerikanisch-westeuropäische Mittelmeer-,
Nahost- und Mittelostpolitik, in: Blätter für deutsche und inter-
nationale Politik, 5/1981, S. 542-561.
76) Rudolf Augstein hat dieses Bild der Geiselnahme überzeugend
entwickelt; vgl. Der Spiegel, Nr. 22/1981, S. 30 ff.
77) Vgl. Colin S. Gray, Keith Payne, Victory is Possible, in:
Foreign Policy, No. 39, Summer 1980, S. 14-28.
78) Vgl. Greiner/Steinhaus, 3. Weltkrieg..., a.a.O., S. 9-51;
vgl. Greiner, Die Kräfteverschiebung..., a.a.O.
79) Auf diesen Aspekt verkürzt etwa Frieder Schlupp die US-Stra-
tegie, ders., Kriegsgefahr und innerimperialistische Konkurrenz,
in: links, 13. Jg., Mai 1981, Nr. 134, S. 7 ff.
80) Es ist daher naheliegend, zu differenzieren zwischen einer
"S a c h l o g i k" (z.B. der von der Friedensforschung zur Ge-
nüge nachgewiesenen technischen Unmöglichkeit, einen Atomkrieg
"begrenzt" zu halten) und einer i m p e r i a l i s t i-
s c h e n "M a c h t l o g i k" (in die die Vorstellung be-
grenzbarer Kriege bzw. zu gewinnender Atomkriege als o b j e k-
t i v e s P l a n u n g s d a t u m seit 1945 kontinuierlich
eingeht). Als Quellentext zur "Machtlogik" vgl. W. Scott Thompson
(ed.), National Security in the 1980s: From Weakness to Strength,
Institute for Contemporary Studies, San Francisco 1980.
zurück