Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 04/1981


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DISKUSSIONSRUNDE DES IMSF ZUM THEMA "TECHNISCHE ENTWICKLUNG, QUALIFIKATIONS- UND WERTTENDENZ DER WARE ARBEITSKRAFT HEUTE"

Johanna Hund Im November 1980 veranstaltete das IMSF eine Diskussion mit Wis- senschaftlern und Gewerkschaftern zu einem außerordentlich aktu- ellen und strittig diskutierten Problemkomplex: Wie können wir die Entwicklungstendenzen von Technologie, Qualifikation und Wert der Arbeitskraft interpretieren, wie die ökonomischen und quali- fikatorischen Interessen und das Bedürfnis nach individueller und gesellschaftlicher Entwicklung der Lohnabhängigen in diesem vom Kapital vorangetriebenen und bestimmten Prozeß einklagen, und wie alle Seiten gegenwärtiger technologischer und ökonomischer Ar- beitsbedingungen zum Gegenstand gewerkschaftlichen Kampfes ma- chen? Die in drei Themenschwerpunkte gegliederte Diskussion leiteten ein: 1. Eberhard Dähne (IMSF): Theoretische Probleme der Qualifikati- ons- und Werttendenz der Arbeitskraft heute. 2. Frigga Haug (Projekt Automation und Qualifikation) und Lothar Peter (Uni Bremen): Theoretische und empirisch-soziologische Pro- bleme der Analyse der Qualifikationsentwicklung heute. 3. Ein Gewerkschaftskollege: Qualifikationsanforderungen heute und Probleme der beruflichen Bildung - Konsequenzen für die ge- werkschaftliche Arbeit. 1. Wert der Arbeitskraft heute ------------------------------ Die Frage nach dem Wert der Ware Arbeitskraft h e u t e kann diesen nur als historische Kategorie verstehen (wie übrigens bei jedem Lohnkampf deutlich wird). Sie ist deswegen für uns von zen- traler Bedeutung, weil 1. das Besondere der Ware Arbeitskraft ge- rade darin besteht, daß sie die einzige Quelle kapitalistischer Wertschöpfung ist und damit ihr Wert den möglichen Grad der Aus- beutung bestimmt, also unmittelbar die Profitmaximierung berührt; und weil 2. im Wert der Arbeitskraft sich nicht nur die materiel- len, sondern auch "historische und moralische" (Marx) Aspekte der Reproduktionsbedingungen der Lohnabhängigen widerspiegeln, d.h. auch die Frage nach dem allgemeinen Qualifikationsniveau, den kulturellen, Freizeit- und Erholungsbedürfnissen aufgeworfen ist. Und schließlich ist 3. die Frage nach der Entwicklung des Werts der Arbeitskraft die Frage nach der Entwicklung des Reallohns, weil dieser sich trotz möglicher historischer und ökonomischer Besonderheiten letztendlich um den jeweiligen Wert, d.h. die Re- produktionskosten bewegt - auch wenn dies kein Automatismus ist und, obwohl Bedingung der Kapitalreproduktion selbst, immer nur Resultat ökonomischer Klassenkämpfe sein kann. Die Meinungen unter Marxisten über die Entwicklungstendenz des Werts der Ware Arbeitskraft sind erstaunlicherweise geteilt 1): Eine Position vertritt die Ansicht, daß eine wertsenkende Tendenz der Arbeitskraft zu beobachten ist, während eine andere das Ge- genteil, Tendenzen zur Wertsteigerung, aufzeigen zu können glaubt. Dreh- und Angelpunkt für die Begründung der einen wie der anderen Position sind die Reproduktionskosten der Arbeitskraft. So wird eine wertsenkende Tendenz darin gesehen, daß sich die ge- sellschaftlich notwendige Arbeitszeit zur Herstellung auch sol- cher Güter, die der Reproduktion der Arbeitskraft dienen, auf Grund der gestiegenen Produktivität enorm verkürzt hat, also de- ren Wert bzw. Preis gesunken ist und sich damit auch die Repro- duktionskosten verringern. Auch ein Anwachsen der Frauenarbeit und geringere Kinderzahl senken die Reproduktionskosten eines Lohnabhängigen, setzt man die Bedürfnisse konstant: "Indem die Maschinerie alle Glieder der Arbeiterfamilie auf den Arbeitsmarkt wirft, verteilt sie den Wert der Arbeitskraft des Mannes über seine ganze Familie. Sie entwertet daher seine Arbeitskraft." 2) Schließlich können auch politische Faktoren wie Konkurrenz unter den Arbeitenden (ganz sicherlich z. B. die immer noch geduldete Lohndiskriminierung bei Frauen) oder mangelnder Erfolg bei Lohn- kämpfen wertsenkend wirken. Auf der anderen Seite wird für die steigende Tendenz des Werts der Arbeitskraft angeführt, daß sich gerade die Reproduktionsbe- dingungen von einer extensiv erweiterten hin zu einer "intensiv erweiterten Reproduktion der Arbeitskraft" 3) verändert haben. Die intensiv erweiterte Reproduktion der Arbeitskraft ist zurück- zuführen auf einen "neuen Reproduktionstyp des Kapitals": Seit den 50"60er Jahren läßt sich eine Wende von einer vorwiegend ex- tensiv zu einer vorwiegend intensiv erweiterten Reproduktion des Kapitals beobachten. Das rührt vor allem daher, daß einer belie- bigen Ausweitung der Produktion sowohl hinsichtlich des Territo- riums als auch in Bezug auf die Rekrutierung neuer Arbeitskräfte (z. B. durch weitere Proletarisierung von Kleinbauern und etwa ausländischen Landarbeitern) objektiv Grenzen gesetzt sind. Be- deutete extensiv erweiterte Reproduktion des Kapitals den Einsatz von vorwiegend mehr "einfacher" (unqualifizierter) Arbeit (zwei- fellos findet auch diese Form der Kapitalreproduktion nach wie vor statt), so basiert intensiv erweiterte Reproduktion des Kapitals vorwiegend auf Intensifikation des Einsatzes vorhandener Arbeitskräfte, zu verstehen als stärkeres Ausschöpfen des Ar- beitsvermögens sowohl hinsichtlich der Qualifikation als auch der physischen Leistungsfähigkeit. Das die Mehrwertmasse steigernde Prinzip bei intensiv erweiterter Reproduktion ist mehr Einsatz von "komplizierter" (qualifizier- ter) Arbeitskraft, weil komplizierte (qualifizierte) Arbeitskraft pro Zeiteinheit mehr Wert auf das neu herzustellende Produkt überträgt als einfache (unqualifizierte) Arbeitskraft und damit die notwendige Arbeitszeit verkürzt, d.h. der Grad der Ausbeutung gesteigert werden kann. Komplizierte Arbeit "ist die Äußerung einer Arbeitskraft, worin höhere Bildungskosten eingehen, deren Produktion mehr Arbeitszeit kostet und die daher einen höheren Wert hat als einfache Arbeitskraft. Ist der Wen dieser Arbeitskraft höher, so äußert sie sich daher auch in höherer Ar- beit und vergegenständlicht sich daher, in denselben Zeiträumen, in verhältnismäßig höheren Werten." 4) Voraussetzung dafür sind jedoch qualifiziertere, besser ausgebildete, physisch und psy- chisch leistungsfähigere Arbeitskräfte, d.h. Voraussetzung ist eine intensiv erweiterte Reproduktion der Arbeitskraft; sie ist gleichzeitig Bedingung der Kapitalverwertung, wenn auch nur durch den Kampf der Arbeiterklasse realisierbar. Intensiv erweiterte Reproduktion der Arbeitskraft heißt ein Mehr an Bildung, an beruflicher Qualifikation, an Erholungs- und Ge- sundheitsvorsorge u. a. m.; die hierfür notwendigen materiellen Mittel zur Entwicklung und Erhaltung von Arbeitsfähigkeit erhöhen den Wert der Ware Arbeitskraft. Diese den Wert der Arbeitskraft steigernde Tendenz läßt sich nachweisen z.B. anhand von Statisti- ken über längere Bildungs- und Ausbildungszeiten der letzten 10- 20 Jahre (ein allerdings nur formaler Hinweis), in Verschiebungen innerhalb der Leistungsgruppen zugunsten angelernter bzw. Fachar- beitertätigkeiten (sie repräsentieren jedoch nicht unbedingt tatsächliche Tätigkeitsanforderungen) und schließlich anhand ei- ner steigenden Reallohnentwicklung bei gleichzeitig wachsenden Beschäftigungszahlen bis zum Anfang der 70er Jahre. Theoretisch interessant ist diese Diskussion deshalb, weil weitreichende Probleme in-begriffen sind wie die Frage nach einer gesetzmäßigen Tendenz zur komplizierter werdenden Arbeit, die, wie oben angedeutet, Basis des wachsenden Wertprodukts ist. Mit anderen Worten: Die Entwicklung der Produktivkräfte realisiert sich nicht nur in zunehmend vervollkommneter bzw. ganz neuer Technologie, sondern es handelt sich hier um einen Prozeß, der bekanntermaßen alle Elemente miteinbezieht, also Arbeitsinstru- mente, Arbeitsgegenstand und lebendige Arbeit. Undenkbar ist, daß gerade lebendige Arbeit auch unter kapitalistisch vorangetriebe- nen Entwicklungsbedingungen massenhaft oder längerfristig unter dem Niveau der materiell-technischen Produktionsweise gehalten werden kann. Im Gegenteil: Die zunehmende Kompliziertheit der Ar- beit widerspiegelt gleichzeitig ein zunehmendes Gewicht der le- bendigen Arbeit im Arbeitsprozeß, die insofern qualifikatorisch nicht auf Dauer an eine überkommene Entwicklungsstufe der kapita- listischen Produktionsweise gekettet bleiben kann. Fraglich muß auch bleiben, ob der bisher üblichen kapitalistischen Arbeitstei- lung, komplizierte Arbeit so zu zergliedern, daß sie auf einfache Arbeit reduzierbar ist, nicht Grenzen gesetzt sind. "Der Grad der Kompliziertheit der Arbeit hängt von verschiedenen Faktoren ab: von der Zusammensetzung und Kompliziertheit der in der Produktion angewandten Arbeitsmittel und -gegenstände, von der Kompliziert- heit des technologischen Prozesses, der Arbeitsbedingungen und von dem Niveau der Entwicklung der Arbeitskraft, ihrer Qualifika- tion. Zwischen Kompliziertheitsgrad der vergegenständlichten und der lebendigen Arbeit besteht also ein innerer notwendiger Zusam- menhang." 5) Zu verstehen ist dieser allgemeine gesetzmäßige Pro- zeß zunehmender Kompliziertheit der Arbeit auf einer sehr ab- strakten, die gesellschaftliche Gesamtarbeit betreffenden Ebene; für die Situation der einzelnen Arbeitskräfte wirkt sich dieses Gesetz unter kapitalistischen Bedingungen äußerst widersprüchlich aus. Eberhard Dähne brachte in seinem Referat einige Kritikpunkte zum Theorem zunehmender Kompliziertheit der Arbeit und, damit verbun- den, einer wachsenden Qualifizierung der Arbeitskraft. Er hob hervor, daß Intensifikation der Arbeit - sei es von der physi- schen Leistungskraft oder von höherer Qualifikation her gesehen - nie losgelöst von der gleichzeitigen Steigerung der Produktivität als einer gegenläufigen, den Wert der Produkte und damit auch der Arbeitskraft senkenden Tendenz diskutiert werden kann. Produkti- vitätssteigerung ihrerseits ist entscheidende Voraussetzung für eine erfolgreiche Jagd nach Extraprofiten. Ein wesentliches und noch ungelöstes Problem scheint ihm ein diachronischer Vergleich von Qualifikationen; wie überhaupt läßt sich Qualifikation defi- nitorisch fassen? Qualifikation kann nie klassenneutral verstan- den werden. Qualifikationsanforderungen des Kapitals z.B. sind inhaltlich primär vom Verwertungsprozeß abgeleitet, d.h. von hier aus gesehen geht es in erster Linie um Arbeitstugenden und formale Mindestqualifikationen. Das Qualifikationsinteresse der Arbeiterklasse dagegen kann sich nicht auf die engen Grenzen ka- pitalistischer Produktion beschränken, sondern bemißt sich einer- seits an den jeweils historischen Erfordernissen der Produktiv- kraftentwicklung (schließlich ist ja der Mensch Hauptproduktiv- kraft) und andererseits an den Bedürfnissen der Arbeitenden selbst als lebendiger Persönlichkeiten. (Schließlich sind die konkreten Qualifikationsanforderungen stets Resultat des Kampfes dieser gegensätzlichen Interessen - J.H.) Ein weiteres Problem ist die Frage nach dem Stellenwert nützli- cher gebrauchswertschaffender Arbeit. Wie wirken sich kapitali- stische Arbeitsteilung und Arbeitsorganisation auf die Qualifika- tion aus? Oder anders: Wird nicht heute noch ähnlich den Prinzi- pien manufakturmäßiger Teilung der Arbeit verfahren, wie sie Mary, beschrieb: "Die geistigen Potenzen der Produktion erweitern ihren Maßstab auf der einen Seite, weil sie auf vielen Seiten verschwinden. Was die Teilarbeiter verlieren, konzentriert sich ihnen gegenüber im Kapital. Es ist ein Produkt der manufakturmä- ßigen Teilung der Arbeit, ihnen die geistigen Potenzen des mate- riellen Produktionsprozesses als fremdes Eigentum und sie beherr- schende Macht gegenüberzustellen... In der Manufaktur ist die Be- reicherung des Gesamtarbeiters und daher des Kapitals an gesell- schaftlicher Produktivkraft bedingt durch die Verarmung des Ar- beiters an individuellen Produktivkräften." 6) Auch heute lasse sich z.B. feststellen, daß zunehmend mehr produktive Potenzen der Arbeitenden automatisierter Maschinerie übertragen werden, selbst in vor- und nachbereitenden Bereichen der Produktion. Als Drittes verwies Dähne auf Probleme der Aussagekraft von Sta- tistiken. Für die BRD läßt sich z.B. anhand von Statistiken in den 60er Jahren eine Zunahme von Ingenieuren/Technikern und Fach- arbeitern mit ingenieurtechnischen Qualifikationen nachweisen. Ist dies Ausdruck steigenden Bedarfs an hochqualifizierten Beru- fen und einer zunehmenden wissenschaftlichen Durchdringung der Produktion oder lediglich einer Übergangsperiode von mechanischer zu automatischer, mittels elektronischer Steuerungssysteme be- triebener Produktion, wo nur für den Übergang, also die Phase der Installierung neuer Anlagen, mehr qualifizierte Arbeitskräfte benötigt werden? Denn Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre redu- zieren sich die Zahlen hochqualifizierter Berufe in den Statisti- ken wieder. Zugespitzt: Könnten nicht die Indikatoren eines zu einem Gesetz (zunehmende Kompliziertheit der Arbeit) erhobenen Prozesses in Wirklichkeit Ausdruck von Übergangsperioden in der Entwicklung der Produktivkräfte sein? Allerdings will auch Dähne nicht bestreiten, daß die "produktive Potenz" des Gesamtarbeiters gestiegen ist, obwohl sich "die kon- kreten Qualifikationen der angewandten Einzelarbeit äußerst wi- dersprüchlich entwickeln, wenn nicht gar verringern". Er spitzte schließlich seine Kritikpunkte zu der Gegenfrage zu, ob nicht die gegenwärtige Produktivkraftentwicklung für den arbeitenden Men- schen als Hauptproduktivkraft außerordentlich negativ verlaufe, die physischen und psychischen Qualifikationsanforderungen eher zu einer zunehmenden Zerstörung der Arbeitskraft führten und ob dies nicht überhaupt ein charakteristisches Kennzeichen der Pro- duktivkraftentwicklung unter kapitalistischen Bedingungen sei. Die anschließende Diskussion war genauso kontrovers, wie sich die Wirklichkeit widersprüchlich darstellt. Zu Beginn stand ein Ap- pell, sich vorab über den Qualifikationsbegriff zu verständigen. Da diese Forderung - so berechtigt sie war - das Defizit der mar- xistischen Sozialwissenschaften zu diesem Problem aufzeigte, war auch die Diskussionsrunde überfordert. Definitionsvorschläge wie: Qualifikation sei die Fähigkeit, Natur und Gesellschaft in ihren Gesetzmäßigkeiten zu durchschauen (Frigga Haug), oder: Qua- lifikation muß aus den realen Entwicklungen der Produktionsmittel und den sich daraus ergebenden Anforderungen abgeleitet werden (Kaspar Maase) konnten denn auch den Anwesenden nicht vermittelt werden. Die Diskussion landete sofort beim Streit um die Qualifikations- entwicklung. Interessant war, daß gerade Kollegen aus dem Gewerk- schaftsbereich beide Tendenzen beschrieben: sowohl höhere Quali- fikationsanforderungen bei neuen, technisch hochentwickelten Ar- beitsplätzen als auch eine neue Form von Aufsplittung und Reduk- tion auf einfache, relativ voraussetzungslose Tätigkeiten. Nichts anderes widerspiegelt sich m.E. in Argumentationen wie: Das Kapi- tal erschließe sich das notwendige Wissen durch Anheuern von Spe- zialisten, und im übrigen drohe massenhafte Entwertung bei stei- genden formalen Anforderungen (sogenannte Arbeitstugenden und Ökonomisierung der Arbeitsorganisation). Oder: Bei Ansteigen der allgemeinen Qualifikation des gesellschaftlichen Gesamtarbeiters scheine gleichzeitig das Wissen des einzelnen zu sinken. An dieser Stelle kam die Diskussion zu einem vorläufigen Ergeb- nis, das sich kurz etwa so zusammenfassen ließe: Konstatierbar ist, daß auf der einen Seite ohne Zweifel das allgemeine formale Bildungs- und Qualifikationsniveau sich erhöht hat, auf der ande- ren Seite starke Tendenzen zur Zerstörung und Entwertung von Ar- beitskraft (gemeint: als Gebrauchswert) zu beobachten sind. Offen bleibt hier die Perspektive des Menschen als Hauptproduktivkraft im Rahmen einer vom Kapital vorangetriebenen und bestimmten Ent- wicklung. 2. Analyse der Qualifikationsentwicklung ---------------------------------------- Der nächste Diskussionsabschnitt wurde von Frigga Haug mit einem kurzen Textauszug aus "Automationsarbeit: Empirie - Rundgänge durch die Produktion" 7) eingeleitet. Vor der Diskussion des Tex- tes machte die Referentin folgende methodologischen Vorbemerkun- gen zur Vorgehens weise des Projekts Automation und Qualifikation bei seiner empirischen Untersuchung von Automationsarbeit. Da Qualifikation als historische Kategorie zu verstehen ist, kann auch nur eine historische Herangehensweise - wie beispielsweise von der Kritischen Psychologie bei "Entwicklung der Arbeit" ver- sucht - in Frage kommen. Darüber hinaus war nicht gesellschaftli- che Durchschnittsarbeit Gegenstand der Untersuchung, sondern ge- rade solche Arbeitstätigkeiten, die möglicherweise Prognosen er- lauben darüber, wie zukünftig gesellschaftlich produziert wird. Mit anderen Worten: Nicht erst die allseitige gesamtgesellschaft- liche Ausbreitung eines neuen Arbeitstyps legitimiert eine sozi- alwissenschaftliche Untersuchung. Marx selbst hat die führende Rolle der Arbeiterklasse im Kampf um die Umwälzung der Gesell- schaft herausgearbeitet zu einer Zeit, als diese, soziologisch gesehen, noch eine kleine Minderheit der Bevölkerung darstellte. Bei der Analyse von Arbeitsprozessen und Tätigkeiten kommt es auf die Frage nach Qualifikationsanforderungen und Formen der Koope- rationsbeziehungen an - beides von Bedeutung für die Entwicklung der Arbeit in Richtung auf Möglichkeiten der Selbstbestimmung. Zwei Probleme zeigten sich bei der empirischen Untersuchung: 1. Die Hauptschwierigkeit einer Befragung sind Verständigungspro- bleme, die darin bestehen, daß zu Befragende sich nur mühevoll mit "Außenstehenden" (Sozialwissenschaftlern) über ihre Tätigkeit verständigen können und oftmals erst die Befragungssituation selbst einen Bewußtwerdungsprozeß in Gang setzt. 2. Die Tätigkei- ten eines an automatisierter Maschinerie Arbeitenden sind der Be- obachtung nicht zugänglich bzw. "unsichtbar", oder das, was man sieht, stellt eine falsche Unmittelbarkeit dar, weil Arbeiten an automatischen Anlagen nur zu einem ganz unwesentlichen Teil aus sinnlich wahrnehmbaren Bewegungsabläufen bestehen, sich bei- spielsweise nicht auf eine Beobachtungshaltung an einer Meßwarte u.ä. beschränken. "Unsichtbar" bleibt das Wissen um Funktions- weise und Wirkprinzipien von automatischen Maschinen und Anlagen, um produktionstechnische Zusammenhänge, und schließlich entgehen dem bloßen Beobachter auch die Kooperationsbeziehungen. Hiermit ist schon angedeutet, daß die Ermittlung von Qualifikati- onsanförderungen in ähnlicher Weise kompliziert ist, zumal be- kanntermaßen weder anhand ausgewiesener formaler Qualifikations- abschlüsse noch anhand heute gültiger Eingruppierungsmerkmale für die verschiedenen Lohngruppen ein realitätsgerechter Aufschluß zu gewinnen ist. Ein ganz großer Anteil des Qualifizierungsprozesses läuft über "Lernen im Betrieb", darüber hinaus eignen sich die Arbeitenden neues, notwendiges Wissen oftmals abends in Ei- geninitiative an. Auch was die Unternehmer als "Aufgaben" ange- ben, entspricht nicht den realen Produktionsanforderungen und dem entsprechenden Umgang mit den Anlagen. Daraus folgt, daß die tatsächlichen Qualifikationen der Produzenten nur in der Bewälti- gung von "Katastrophen", Produktionspannen und Fehlern, das heißt, bei Anlässen, bei denen die Arbeit in ihren einzelnen Schritten und Voraussetzungen rekonstruierbar wird, für eine Ana- lyse zutagetreten. Das Ziel der Untersuchung des Projekts Automa- tion und Qualifikation ist, die "wirklichen Taten" der Arbeiten- den zutage zu fördern, damit gewerkschaftliche Forderungen an ih- nen entwickelt werden können, um somit den Produzenten selbst auch Handlungs- und Eingriffsmöglichkeiten in die Entwicklung zu eröffnen, die den Prozeß ihrer Selbstbestimmung vorantreiben. Die vorgelegte Textstelle sollte illustrieren, in welcher Form die Rundgänge vor Ort mit der Meßwartentätigkeit verbunden und unverzichtbarer Bestandteil des Fahren-könnens der Anlage selbst sind. Die Rundgänge, als ständiges Überwachen, Beobachten und Kontrollieren einzelner Nahtstellen der Anlage, sind insofern in- tegraler Bestandteil der Meßwartenarbeit, als diese Form einer "sinnlichen Anschauung" der Anlage eine Art theoretische Funktion hat. Denn nur über sie kann der Gesamtzusammenhang des Prozesses hergestellt werden, der sich offensichtlich nicht allein über das elektronische Steuerungssystem vermitteln läßt. Die Rundgänge vor Ort sind nicht in erster Linie Unternehmungen zum Auffinden von Fehlerquellen oder zur Behebung irgendwelcher Störungen, sie ha- ben vielmehr Präventivfunktionen. Der Text sollte auch das Problem von Arbeitsteilung und deren möglichen Perspektiven an neuen, technologisch weit entwickelten Arbeitsplätzen aufwerfen. Das Verhältnis von Arbeit an der Meß- warte und Rundgang vor Ort - vorausgesetzt, die Arbeitsteilung erfolgt nicht in der Art, daß ausschließlich Rundgänge oder nur Meßwartentätigkeit von den einzelnen Arbeitern zu leisten sind (in solchen Fällen klagten beide Arbeitergruppen über Magenge- schwüre und/oder Kopfschmerzen) - zeigt, daß sich der Stellenwert einer routinemäßigen Teilarbeit (Rundgänge durch die Anlage) nur von der Gesamttätigkeit her definiert. Mit anderen Worten: Ein Meßwart kann den Routinegang durch die Anlage als Abwechslung, Ergänzung u. a. m. empfinden, weil er seine Tätigkeit insgesamt an der qualifizierten Meßwartentätigkeit bewertet, während sich die Situation für den Arbeiter, der nur Rundgänge zu machen hat, nicht nur von der Qualifikation, sondern auch von der Motivation her gänzlich anders darstellt. "Die Tätigkeiten bleiben nicht dieselben, bringt man sie in einen anderen Zusammenhang. Was als Lebenstätigkeit ohne Perspektive ist, hat als Element oder Grund- lage oder Ausgleich im Rahmen eines anderen Mensch-Natur-Verhält- nisses große Bedeutung ... das (durch das Dazwischentreten zu- sätzlicher Maschinerie) andere Mensch-Natur-Verhältnis gibt den Tätigkeiten auf vorhergehender Produktivkraftstufe den jetzt von den Produzenten einsehbaren und nur so aufzugreifenden Charakter von Bauelementen ihres neuen Handelns." 8) Diese Gesichtspunkte für die Beurteilung einer Arbeitsorganisation sind deshalb von Bedeutung, weil nicht davon ausgegangen werden kann, daß auch mit weiterer Vervollkommnung der Automation sämtliche Routinearbeiten wegfallen werden und dennoch - wie hoffentlich deutlich wurde - nicht von einer bloßen "job-rotation" die Rede ist. Lothar Peter referierte zum Problem P o l a r i s i e r u n g d e r Q u a l i f i k a t i o n o d e r H ö h e r q u a l i- f i z i e r u n g? (Das Referat ist, leicht verändert und erwei- tert, in diesem Band abgedruckt). Seine Ausführungen zielten auf zwei entscheidende Streitpunkte in der Diskussion um die Qualifikationsentwicklung. 1. Die widersprüchliche Entwicklung der Produktivkräfte unter kapitalistischen Produktionsverhält- nissen wird - insbesondere, was ihre konkrete Ausformung betrifft - theoretisch kontrovers widergespiegelt. "Polarisierung der Qualifikation" ist Ausdruck dieser widersprüchlichen Entwicklung; daß einem Teil des gesellschaftlichen Gesamtarbeiters durchaus - weil von den Anforderungen der entwickelten Technologie her notwendig - höhere Qualifikationen zugestanden werden auf Kosten von Dequalifikation der Mehrheit, bestätigt sich auch an automatisch gefahrenen Anlagen (er führte als Beispiel einen Stahlwalzprozeß an). Dequalifikation heißt hier nicht, daß Fähigkeiten überflüssig werden, die einer alten, beispielsweise vorautomatischen, mechanisch-handwerklichen Produktionsweise zuzuordnen wären und jetzt nicht mehr gebraucht würden - dies wäre ein normaler Prozeß im Zuge der Produktivkraftentwicklung; Dequalifikation entsteht vielmehr durch eine neue Form von Taylorisierung der Tätigkeiten auf einer höheren technologischen Produktionsstufe. Und gerade diese Entwicklung zeichnet sich mit zunehmender Verbreitung der Automation ab - man betrachte Berei- che wie Verwaltung und Dienstleistung -, wobei noch hinzukommt, daß die Polarisierung nicht zu einem mechanischen Gegensatz zwischen körperlicher und geistiger Arbeit gerät, sondern beide Elemente gleichermaßen erfaßt. 2. Weil das die Produktivkräfte in letzter Instanz vorantreibende Element die monopolkapitalistische Akkumulation ist, muß die Po- larisierung der Qualifikationen als strukturell bedingt und nicht als transitorisch (wie vom Projekt Automation und Qualifikation angenommen) angesehen werden. Vorherrschende Tendenz ist die Steigerung der Arbeitsproduktivität durch Entwicklung insbeson- dere der technologischen Instrumente, um gleichzeitig den Wert der Arbeitskraft zu senken. Das heißt, es wird nur so viel Höher- qualifikation zugelassen, wie unbedingt notwendig, weil Kosten verursachend. Eher muß angenommen werden, daß die Kapitalstrate- gie dazu führt, daß die Arbeitenden von den gegenwärtigen techno- logischen Erfordernissen her gesehen sogar "unterqualifiziert" sind. Die Strategie der Arbeiterbewegung kann sich nicht nur auf Quali- fikationspolitik konzentrieren - ein zu überprüfendes Problem wäre hierbei auch, ob man sich in seinen Forderungen nur an rela- tiv privilegierten Arbeitstätigkeiten orientieren soll ", sondern ins Zentrum des Kampfes müssen Forderungen nach Mitbestimmung, Investitionskontrolle, Gemeineigentum u.a. gerückt werden. Die Qualifikationspolitik muß mit politischen Forderungen verknüpft werden, die nicht allein aus den Möglichkeiten der Technologie- bzw. Produktivkraftentwicklung ableitbar sind. Die Diskussion zu beiden Referaten konzentrierte sich im wesent- lichen auf zwei Fragenkomplexe: 1. Kann Automationsarbeit (wie immer konkret zu fassen) als entwickeltste Form gegenwärtiger Industriearbeit angesehen werden? 2. Welcher Maßstab ist Beurtei- lungskriterium für Fortschritte in der Entwicklung der Arbeit; oder: wie ist die Verbindung zwischen materialistisch konzipier- ter Persönlichkeit und Arbeit - nun aber in einer konkreten Er- scheinungsform wie Automationsarbeit - als deren konstitutivem Element? Wie läßt sich die formationsspezifische Erscheinungsform von Arbeit mit allgemeinen anthropologischen Aussagen zum Ver- hältnis von Arbeit und Persönlichkeit in Beziehung setzen? Auch in diesem Zusammenhang zeigt sich wieder, daß es zur Bestimmung des Qualifikationsbegriffs noch einiger Anstrengungen bedarf. Zur ersten Frage nach der Bedeutung von Automationsarbeit ver- suchte Frigga Haug noch einmal zu begründen, warum sie - analog zur Marx'schen Analyse der Maschinerie in der großen Industrie - Automation als gegenwärtig strukturbestimmende Arbeitsweise be- trachtet. Mit weiterer Entwicklung und Ausbreitung von Automation wird der Prozeß der Vergesellschaftung der Arbeit vorangetrieben. Dieser Prozeß ist grundsätzlich positiv zu bewerten. Es gelte, die durch die Produktionsverhältnisse bedingten Hemmnisse und Zwänge sichtbar zu machen. Schließlich ging es noch um die Frage, wie "blind" setzen sich z.B. die Qualifikationsprozesse durch? Die Kollegen aus den Ge- werkschaften machten deutlich, daß Anforderungen (auch qualifika- torische) an die Arbeitskraft weder ausschließlich durch die Ma- schinerie determiniert noch rein willkürlich vom Diktat kapitali- stischer Rentabilitätserwägungen bestimmt werden, sondern die ge- werkschaftlichen Kämpfe entscheidend mit dazu beigetragen haben, wie sich die Anforderungen dann konkret gestalten. 3. Probleme der Berufsausbildung -------------------------------- Der dritte Diskussionskomplex wurde eingeleitet mit einigen The- sen zum gegenwärtigen Berufsausbildungssystem, insbesondere zur Situation des sogenannten dualen Berufsbildungssystems. Die bis- herige Grundlage dieses dualen Systems bestand in zwei Vorausset- zungen: 1. Die Ausbildung durfte so wenig wie möglich kosten und nicht in Widerspruch zu Einzel- oder Gesamtkapitalinteressen ge- raten. 2. Die Betriebe mußten in der Lage sein, minimale Grund- qualifikationen zu vermitteln. Diese Grundqualifikationen, ein- schließlich gewisser kultureller Fähigkeiten und Techniken, wur- den bisher im wesentlichen durch Lernen über praktische Erfahrun- gen vermittelt, was sich vorwiegend auf das Handwerkliche (sowohl als Branche wie auch als Fertigkeit) beschränkte bzw. konzen- trierte. Im Mittelpunkt derartiger Lernprozesse steht immer die sinnliche Wahrnehmung dessen, was Gegenstand des Lernens ist. Diese Grundlagen des dualen Ausbildungssystems werden mit fort- schreitender technologischer Entwicklung zerstört. Zunächst den Lernprozeß betreffend in folgender Weise: Lernen kann nicht mehr wie bisher über sinnliche Wahrnehmung - elektronisch gesteuerte Produktionsprozesse entziehen sich einer sinnlichen Wahrnehmung weitgehend und sind in ihrem systematischen, inneren Zusammenhang nur theoretisch rekonstruierbar - noch vorwiegend über Erfahrung - also letztlich nach der Methode "trial and error" (Versuch und Fehler) - stattfinden, schon allein deshalb, weil die Produkti- onsanlagen zu teuer sind. Mit anderen Worten: Die Lernprozesse müssen vom unmittelbaren Produktionsprozeß abgetrennt und darüber hinaus systematisiert werden. Damit werden sich auch die Ausbil- dungskosten erhöhen. Und schließlich ist die Spezialisierung der Betriebe derart fortgeschritten, daß relativ breit angelegte Aus- bildungssysteme nicht realisierbar sind und somit die Ausbil- dungsverfahren, weil sie zu stark auf das Interesse des jeweili- gen Betriebes zugeschnitten sind, in Widerspruch zum Interesse des Gesamtkapitals geraten. Die derzeitige Kapitalstrategie, um die skizzierten Probleme zu umgehen, ist: staatliche Subventionierung der Ausbildung zu er- zwingen, sie aufzuspalten in unterschiedliche "Stufen" und im üb- rigen Facharbeiterqualifikationen als formelle Ausbildungsab- schlüsse soweit wie möglich zu vermeiden (Trimmen auf Anlerntä- tigkeit ist das übliche Verfahren). Gewerkschaftliche Bildungspolitik ist kein unmittelbares Inter- esse der Arbeitenden (wie z. B. Lohn), sondern muß erst argumen- tativ vermittelt werden. Berufsausbildung entscheidet über die allgemeinen, längerfristigen Verkaufsbedingungen der Ware Ar- beitskraft. Insofern bedarf es größerer Anstrengungen, die not- wendige Kampfkraft zu entwickeln. Eine "qualifizierte Ausbildung für alle" ist kein unbedingter Antagonismus zum Interesse des Ge- samtkapitals, dennoch nur durch harten Kampf realisierbar. Die Gewerkschaften lehnen eine Aufspaltung der Ausbildung in Teilqua- lifikationen ab, sie fordern breite Grundausbildung mit aufbauen- der Spezialisierung. Der Lernort "Betrieb" bringt aus den skiz- zierten Gründen enorme Schwierigkeiten mit sich; dennoch muß ver- hindert werden, daß der Bildungs- und Ausbildungsbereich vom Be- schäftigungssystem abgekoppelt werden kann. Konkreter: Gewerk- schaftliche Bildungspolitik ist in Verbindung zu setzen mit ge- werkschaftlichen Strategien zur Arbeitsorganisation und Arbeits- platzgestaltung. Die Erfordernisse des Produktionsprozesses, d. h. sowohl die Entwicklung der Produktivkräfte als auch die jewei- ligen Bedingungen des kapitalistischen Einsatzes der Arbeitskraft als Ware müssen sich im Reproduktionsprozeß, d. h. konkret: im Bildungs- und Ausbildungssystem niederschlagen. Die gegenwärtige Dequalifizierung der Berufsausbildung, insbeson- dere die Gefährdung des Facharbeiterstatus, hat breiteren Kreisen in den Gewerkschaften den Blick für die Probleme der Berufsaus- bildung geöffnet und dadurch bessere Kampfbedingungen geschaffen, die es zu nutzen gilt. _____ 1) Das IMSF hat diese Diskussion veröffentlicht in seiner Reihe Theorie und Methode, Bd. IV: Qualifikations- und Werttendenz der Arbeitskraft heute, Frankfurt/M. 1980 2) Marx, Das Kapital, I. Bd., MEW Bd. 23, S. 417 3) Autorengruppe "Proletariat in der BRD", Erste Zusammenfassung (1974): Die intensiv erweiterte Reproduktion der Arbeitskraft und das Wertproblem; in: Theorie und Methode IV, a.a.O., S. 65 4) Marx, a.a.O., S. 212 5) Autorengruppe "Proletariat in der BRD", a.a.O., S. 70 f. 6) Marx, a.a.O., S. 382 7) Projektgruppe Automation und Qualifikation (Hrsg.), Automati- onsarbeit: Empirie 1, Argument-Sonderband 43, Berlin West 1980, S. 169-175 8) Projektgruppe Automation und Qualifikation, a.a.O., S. 175 zurück