Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 04/1981
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ÜBER DREI UNVERÖFFENTLICHTE SCHREIBEN VON KARL MARX
AN SEINEN ARZT AUF DER INSEL WIGHT VOM JANUAR 1883
Alfred E. Laurence
1. Die letzten handschriftlichen Dokumente von Karl Marx - 2.
Marx' letzte Korrespondenzen 1882/1883 - 3. Die Insel Wight als
Kurort - 4. Zum Inhalt der neuen Dokumente - 5. Der Arzt Dr.
Williamson und der Patient Karl Marx - 6. Zu Marx' geistiger und
körperlicher Verfassung an seinem Lebensende
1. Die letzten handschriftlichen Dokumente von Karl Marx
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Über bisher unveröffentlichte Beiträge aus Marx' Hand zu berich-
ten, auch wenn auf den ersten Blick nur persönliche Probleme be-
rührt werden, scheint dennoch angemessen. Die Möglichkeit, psy-
chologische und historische Schlüsse aus trivial anmutenden Pri-
vatbriefen zu ziehen, darf - trotz Marx' "Widerwillen gegen allen
Personenkultus" 1) - nicht überrasch verworfen werden, zumal Marx
nicht ein beliebiger Privatmann war, sondern eine welthistorische
Person. Deshalb ist es erfreulich, daß neue handschriftliche
Marx-Dokumente in Ventnor auf der britischen Insel Wight zum Vor-
schein kamen, wo Marx von Ende Oktober 1882 bis in die erste
Hälfte des Januar 1883 seinen letzten Erholungsaufenthalt ver-
brachte.
Es handelt sich um drei Schreiben: zwei Briefe an den Marx behan-
delnden Arzt Dr. James Mann Williamson und einen Neujahrsglück-
wunsch auf einer Fotografie, gerichtet an dessen Frau. Der Neu-
jahrsgruß und der zweite Brief an den Arzt erhalten ihre beson-
dere biographische Bedeutung dadurch, daß sie überhaupt die letz-
ten bisher aufgefundenen Zeugnisse aus Marx' Hand darstellen -
geschrieben nach jenem für ihn so schmerzlichen 11. Januar 1883,
dem Tag des Todes seiner ältesten Tochter Jenny, welcher seinen
eigenen Tod erheblich beschleunigte.
Die drei Dokumente befinden sich im Besitz der Witwe des 1979
verstorbenen Dr. J.B. Williamson, des Sohnes jenes erwähnten Arz-
tes, der in Ventnor im Hause seines Vaters, Haus "Southcliff"
lebte und sich bis zu seinem Tod einer Veröffentlichung wider-
setzte mit der Begründung, die Marxdokumente fielen unter die
ärztliche Schweigepflicht. Trotzdem hatte Dr. Williamson jr.
diese Schriftstücke in einer lokalen Kirche einmal öffentlich
ausgestellt, sie gelegentlich Besuchern gezeigt und dem Schrift-
steller Lawrence Wilson für sein "Portrait of the Isle of Wight"
2) gestattet, aus einem der Briefe zu zitieren. Auch mir ist der
Inhalt so weit bekannt, daß ich einen Vorbericht darüber und ei-
nige Erläuterungen dazu geben kann.
2. Marx' letzte Korrespondenzen 1882/1883
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Die in den Marx-Engels-Werken (Bd. 35) veröffentlichten letzten
Briefe von Marx sind alle aus Ventnor, 1, St. Boniface Gardens,
abgesandt. Davon sind neun an Engels gerichtet in Antwort auf
dessen 15 Briefe und Postkarten, ferner Briefe an seine Töchter -
einer an Laura Lafargue und fünf an Eleanor (Tussy). Bereits
diese Korrespondenz, besonders die mit Engels, widerlegt schla-
gend solche Marx-feindlichen "psychographischen" Behauptungen wie
diejenigen von Arnold Künzli, daß Marx "im letzten Lebensjahre
nicht einmal seiner Gedanken mächtig" 3) gewesen sei, ein
"Zerfall seiner Sprache" festzustellen und vor allem "ein Schwin-
den des Lebenswillens" und eine "Flucht in die Krankheit" zu be-
obachten gewesen seien 4). Aus den veröffentlichten und neuen
Briefen geht zwar hervor, welchen körperlichen und psychischen
Schmerz die Sorge um die Tochter Jenny - wie ein Jahr zuvor der
Tod seiner Frau - bei Marx auslösten. Aber die gesamte Korrespon-
denz aus und nach Ventnor zeigt Marx in vollständiger Konzentra-
tion seiner Geisteskräfte. Geistig war er ungebrochen, ja sein
Geistesstreben, sein Wissensdrang und auch sein Mut und Humor er-
scheinen unbeeinträchtigt.
Am besten Aufschluß darüber gibt der Briefwechsel mit Engels im
November und Dezember 1882. Marx und Engels diskutieren und kom-
mentieren die Weltpolitik, soweit sie sich in englischen Parla-
mentsdebatten und bürgerlichen Zeitungsberichten ("Standard") wi-
derspiegelt. Besonders eng beschäftigen sie sich aber mit der
französischen Arbeiterbewegung - weit mehr als mit der deutschen
-, weil dort scharfe innere Auseinandersetzungen stattfinden, an
denen Marxens Schwiegersöhne Longuet und vor allem Lafargue un-
mittelbar beteiligt sind - wobei das politische Verhalten Lafar-
gues trotz der Unterstützung seiner Partei keineswegs kritiklos
gebilligt wird. Engels sendet Marx ständig Exemplare des damals
als Tageszeitung erscheinenden Organs der französischen Arbeiter-
partei "Égalité". Das übrige Interessengebiet von Marx und Engels
ist weit gespannt. Es reicht von sachgerechter Kommentierung
technischer Experimente zur elektrischen Energieübertragung, von
mathematischen und chemischen Versuchen über Fragen der Werttheo-
rie (Marx arbeitet an der dritten Auflage des ersten Bandes des
"Kapital") bis zu geschichtswissenschaftlichen Themen, insbeson-
dere den Agrarverhältnissen im Mittelalter. In letzterem Zusam-
menhang übersendet Engels Marx seine kleine Schrift "Die Mark"
zur Beurteilung 5). In Ventnor studiert Marx sogar die lokalen
Vorgänge und witzelt über die Ventnorpresse.
Die neuen Dokumente zeigen Marx möglicherweise von einer neuen
Seite: in seinem Verhältnis zu bürgerlichen Engländern, die er
respektiert, schätzt und deren Allgemeinkultur, Umgangsform und
Ton er teilt, Eigenschaften, die ja auch weitgehend dem Stil ent-
sprechen, in dem er seine Kinder in England erzogen hatte.
3. Die Insel Wight als Kurort
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Die Insel Wight unterscheidet sich landschaftlich und klimatisch
in ihrer südlichen Hälfte sehr von der übrigen südenglischen Kü-
ste. Zu Recht wird der Platz in der Reiseliteratur das "englische
Madeira" genannt. Temperatur und Wetter sind stark vom Golfstrom
beeinflußt, und auf dem sogenannten "undercliff" gedeihen subtro-
pische Pflanzen. Genaue Daten seit Mitte des vorigen Jahrhunderts
bestätigen, daß die Insel Wight, vor allem in ihren südlichen Ba-
deorten, das beste Klima Südenglands aufweist. Selbst in den Win-
termonaten scheint die Sonne beinahe täglich. Statistiken über
mehrere Jahre hinweg wiesen für Dezember nicht mehr als sechs
Stunden Regen, aber minimal 37 und maximal 86 Stunden Sonnen-
schein auf. Im Januar ist das Klima noch günstiger. Wohl ist es
recht windig, doch erwähnt Marx, daß sich für ihn täglich Spa-
zierwetter bot, von dem er Gebrauch machte, wenn ihm der Arzt
nicht "Hausarrest" verordnet hatte. Die Insel hat den weiteren
Vorteil, nicht allzuweit von London entfernt zu liegen. Es gab
gute Verbindungen nach den beiden ihr gegenüberliegenden Hafen-
städten Portsmouth und Southhampton. In dringenden Fällen -
Eleanor Marx machte einmal Gebrauch davon - konnte man an einem
Tag von London zur Insel und zurück reisen.
Marx hatte um jene Zeit bereits mehrere Erholungsreisen in engli-
sche Kurorte gemacht, kannte Brighton, Ramsgate, Eastbourne, die
Insel Jersey und Harrowgate, und er hatte auch durch seine Besu-
che in Deutschland, Frankreich, Algerien und Karlsbad Gelegen-
heit, die Insel Wight kritisch mit anderen Kurplätzen zu verglei-
chen. Daß sie zum Ziel dreier Reisen, auch der allerletzten sei-
nes Lebens, wurde, ergab sich freilich auch aus der Natur seiner
Krankheit: Die Insel war ein Lieblingsziel von Lungenkranken,
seit sie zuerst 1830 der bekannte Mediziner Sir James Clark in
einem volkstümlichen medizinischen Buch besonders für an
"Auszehrung" Leidende empfohlen hatte. Im Jahre 1868 wurde dort
auch das große "Royal National Hospital for Diseases of the
Chest" in St. Lawrence, nahe bei Ventnor, erbaut, das erst vor
wenigen Jahren geschlossen und abgerissen worden ist.
Karl und Jenny Marx hatten 1874 ihre erste Reise nach dem Badeort
Ryde im Norden der Insel gemacht. Ein Jahr später verbrachte
Jenny Marx ein paar Wochen mit Engels' zweiter Frau Lydia im Ba-
deort Shanklin, wo Engels gute Freunde hatte 6). Marxens zweite
Reise nach der Insel Wight - kurz nach dem Tode seiner Frau -
führte ihn vom 29. Dezember 1881 bis 16. Januar 1882 nach Vent-
nor, wo er sich im Gästehaus einer gewissen Miss MacLean einmie-
tete 7). In das gleiche Haus begab er sich bei seiner dritten
Reise, am 29. Oktober 1882.
4. Zum Inhalt der neuen Dokumente
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Die bisher unveröffentlichten Marx-Dokumente von der Insel Wight
bestätigen, daß sich Marx auf "Englands Garteninsel" nur so wohl
fühlen konnte, wie es das unaufhaltsame Fortschreiten seiner
Krankheit gestattete; sie zeigen zugleich, welch körperlicher
Rückschlag der Tod seiner Tochter Jenny für ihn bedeutete. Der
Adressat der beiden Briefe ist sein dortiger Arzt, Dr. James Mann
Williamson; das dritte Dokument, das "Photogramm" mit dem Neu-
jahrsglückwunsch, ist an dessen Frau gerichtet. Bei letzterem
handelt es sich um eine Kopie des 1878 in London von dem Photo-
graphen Mayall auf der Regent Street aufgenommenen Portraits, das
Marx auf seine briefliche Bitte vom 9. Januar 1883 von seiner
Tochter Eleanor aus London erhielt.
Er hatte allerdings um das Photo aus Algier gebeten, das er in
London "in Brieftasche oder irgendeiner little box" vermutete.
"If you could find them, you might send me two photogramms. One
of them I have promised to forward to Madame Williamson." 8) Of-
fensichtlich entsprach "Tussy" unmittelbar seinem Wunsche, und er
zeichnete an dem Schreckenstage, als er von Jennys Tod in Argen-
teuil hörte, mit etwas zitternder Hand: "With best wishes for a
happy New Year".
Die beiden Briefe sind ebenfalls auf Englisch geschrieben, aber
beide in sicherer Handschrift, sehr gut leserlich und ohne Anzei-
chen, daß Marx beim Schreiben irgendwelche Schwierigkeiten hatte.
Sie sind beide auf dem gleichen weißen Leinenpapier geschrieben
und tragen eine klare, feste Unterschrift des Verfassers. 9) Das
Datum des längeren ersten Briefes ist der 6. Januar, und der Text
enthält Marx' Bericht über eine entsetzliche Nacht. Er schildert
- sich im Grunde entschuldigend, daß er seinen Arzt damit
"belästigt" - wie er Todesangst ausstand, da ihn seine Husten-
krämpfe ("spasmodic cough") zum Luftschnappen ("gasping") zwangen
und er fürchtete, auf der Stelle zu ersticken ("suffocating").
Der Arzt hatte ihn für dergleichen Krämpfe mit "morphia"
versehen, ihm aber zu wenig gegeben, so daß er sich ohne Medizin
befand, abgesehn von Hustenmitteln ("lozenges"), die ihm aber
keinerlei Erleichterung seines Leidens brachten. Er half sich
selbst, indem er löffelweise gewöhnliches Trinkwasser schluckte,
was seine Qual erleichterte und ihm half, die Nacht zu durchleben
- doch hatte er offensichtlich tatsächlich Todesangst durch-
standen. Darum schrieb er sofort seinem Arzt, ohne ihn allerdings
um einen Besuch zu bitten. Der entschuldigende Ton erklärt sich
vielleicht daraus, daß er für den gleichen Tag einen Besuch beim
Arzt verabredet hatte, wozu er sich allerdings zu schwach fühlte.
Zwar hatte er von Dr. Williamson öfters Hausbesuche erhalten, ihn
aber wohl auch in dessen eigenem Haus "Southcliff" in der Praxis
aufgesucht, woraus sich vermutlich die Bekanntschaft mit Frau
Williamson erklärt, die sich sein Photo erbeten hatte.
Im zweiten Absatz des Briefes erwähnt Marx, dann, was sein Leiden
so verschlimmert hatte: die schlechten Nachrichten über die
Krankheit seiner Tochter "Madame Charles Longuet in Paris", deren
Tod er vorausahnte und offensichtlich bereits für unausbleiblich
hielt. In seinem letzten Brief an Engels vom 10. Januar verweist
Marx auf diesen Zusammenhang: "Alias hatte ich im ersten Schreck
über die schlechte Nachricht von Paris einige Tage vorher einen
spasmodischen Hustenanfall, wo ich glaubte zu ersticken. Dies
höchst distressing feeling muß das arme Jennychen oft während
seines Asthma durchpassiert haben". 10) Den Brief an den Arzt
schließt er allerdings mit der Meinung, daß der Anfall der vori-
gen Nacht nun völlig überwunden und er wieder ganz in gutem Zu-
stand sei. Der Brief enthält keine Bitte an den Arzt, ihn aufzu-
suchen. Marx wollte offenbar nur berichten, bat um nichts, be-
schwerte sich auch nicht über die Nachlässigkeit des jungen Arz-
tes, der doch seinen Patienten unter keinen Umständen ohne Medi-
zin hätte lassen dürfen. Marx schließt höflich und bündig, und
läßt den Arzt seine eigenen Schlüsse ziehen.
Der zweite Brief besteht nur aus einem Absatz. Sein Datum ist der
13. Januar 1883. Marx schreibt einen Abschiedsbrief, denn inzwi-
schen hatte er Eleanors kurzen Besuch und die Nachricht von
Jenny's Tod erhalten. Letzteres erwähnt er zunächst, und dann,
daß er deshalb aus Ventnor abreisen und nach London zurückkehren
müsse. Der Grund des Briefes ist die unerledigte Rechnung des
Arztes, die er nach seiner genau angegebenen Londoner Adresse zu
schicken bittet, von wo der Arzt dann prompt bezahlt würde.
In beiden Briefen erwähnt Marx, daß die Verschlechterung seines
Gesundheitszustandes mit Jenny Longuets Krankheit und Tod in Ver-
bindung gebracht werden müsse. Im ersten Brief ist er in dieser
Beziehung noch zurückhaltender: "Mere moral agencies do not, I
suppose, touch the movements of the mucus..." 11).
Im zweiten Brief spricht er jedoch klar den psychosomatischen
Charakter der Verschlechterung an: Die Todesnachricht aus Paris
war ein "stunner" - ein Schlag oder Schock -, der ihn traf und
sein Leiden verschlimmerte. Er wollte wohl dem Arzt, der sich um
ihn bemüht hatte, höflich zu verstehen geben, daß er keineswegs
an seiner Tüchtigkeit zweifle, dagegen nunmehr seine eigene Woh-
nung in London und die dortige Pflege durch die Seinen dem weite-
ren Aufenthalt in einem Kurortzimmer vorzöge.
Der Text beider Briefe ist in klassischem Englisch geschrieben,
ohne Germanismen oder irgendwelche anderen Anzeichen, daß ein
todkranker Patient oder hilflos deprimierter alter Mann sie
schreibt. Im Gegenteil, seine Besorgnis um die Arztrechnung zeigt
klar, daß sich Marx in die Gedanken des Arztes versetzen konnte
und ihn beruhigen wollte - zu einer Zeit, wo er doch wahrhaftig
das Recht gehabt hätte, nur an sich zu denken und kleine Geldan-
gelegenheiten zu übersehen.
5. Der Arzt Dr. Williamson und der Patient Karl Marx
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Die neuen Dokumente bestätigen den Eindruck, daß Arzt und Patient
sich recht gut verstanden und Marx für den jungen Badearzt und
seine Frau Hochachtung, vielleicht beinahe Freundschaft empfand.
Marx war auf den Arzt, den einzigen, der ihn während seiner drei
Aufenthalte auf der Insel dort je betreute, durch dessen Besuche
im Hause von Miss MacLean gestoßen, wo Marx während seiner beiden
Ventnor-Aufenthalte zur Miete wohnte. Nach der ersten Visite des
Arztes bezeichnet ihn Marx gegenüber Engels als "a nice young
fellow, nothing priestly about him" 12). Das sichere Auftreten
des Arztes muß ihm imponiert haben, vor allem, weil dieser es of-
fensichtlich auch verstand, sein ursprünglich ganz allgemeines
Mißtrauen gegenüber Ärzten zu überwinden und ihm zu helfen, ohne
ihn zu ängstigen oder zu deprimieren. Williamson, ein Spezialist
für Lungenkrankheiten, erschrak wohl über Marx' Zustand, als er
ihn zuerst untersuchte. Dabei gab er ihm zunächst nur eine Salbe
zum Einreiben, kam allerdings schon bald darauf wieder und ver-
schrieb ihm ein stärkeres, morphiumhaltiges "Gebräu" (Marx). Über
den Arzt und die neue Medizin teilt Marx Tussy mit: "er sagte,
sie würde verkürzen die Übergangszeit bis zum Stadium, wo ich nur
noch von Luft und vielem Umtummeln außerhalb des Hauses völlige
Rekonvaleszenz zu erwarten". 13)
Dr. Williamson verstand also gut, mit Marx umzugehen - ihn zu er-
mutigen, ihm aber auch das starke Schmerzmittel zu geben, das er
tatsächlich dringend brauchte. Daß sich der Spezialist über Marx'
wahren Lungenverfall im klaren war, ist sicher anzunehmen, da er
ja ständig ähnliche Fälle sah. Marx durchschaute ihn wohl nicht,
als dieser ihm völlige Genesung in Aussicht stellte. Er war des-
halb auch nicht ungehalten und dem Arzt gegenüber verärgert, als
sich dessen Rezept bei jenem Nachtanfall am 6. Januar als unzu-
reichend erwies.
Daß Dr. Williamson sehr sachverständig über Lungenkrankheiten ur-
teilen konnte, geht aus einem Buch hervor, das er 1884 veröffent-
lichte: "Ventnor and the Undercliff". Der heute nicht einmal mehr
in der berühmten Londoner Bibliothek des Britischen Museums vor-
handene kleine Band gibt statistische Daten über das Lokalklima
und ausführliche Berichte über die verschiedenen Stadien der Lun-
genkrankheiten und ihre Behandlung in Ventnor. Die Häuser des
Kurorts liegen auf verschiedener Höhe und in unterschiedlicher
Entfernung vom Strand, und die Patienten zogen während ihres Auf-
enthalts gewöhnlich mehrere Male um: je weiter fortgeschritten
ihre Krankheit war, desto näher sollten sie nach ärztlicher An-
sicht dem Meeresspiegel selbst sein. Analysen verschiedner Art
bestätigen, daß nach dieser Routinebehandlung verfahren wurde.
Tatsächlich kam die Mehrzahl der Kranken im Grunde schon ohne
Aussicht auf wirkliche Heilung nach Ventnor, und sie sollten we-
nigstens so lange wie möglich und so ungestört wie möglich ihre
letzten Wochen, Monate oder Jahre verbringen. Mit jener Analyse
versuchte Dr. Williamson seinen Lesern Mut zu geben - zu einer
Zeit, als man noch wenig von Tuberkulose wußte und die alpinen
Heilungen von Davos und ähnlichen Kurorten unbekannt waren.
Wahrscheinlich kam Marx niemals ganz zu Bewußtsein, daß er selbst
vor allem lungenleidend war und daß die Insel und ihre Ärzte für
ihn möglicherweise ganz besonders günstig waren. Wenn wir von dem
psychographischen Geschwätz absehen, daß Marx überhaupt nicht
ernstlich organisch krank gewesen sei (Künzli), dann waren nach
der einzigen mir bekannten Spezialarbeit über Marx' Gesundheit
und Erkrankungen von Dr. Felix Regnault 14) die ererbten Gesund-
heitssorgen, vor allem sein Leberleiden, weniger wichtig als die
Folgen seines schweren, durch Überarbeitung und schlechte Ernäh-
rung geprägten Lebens im Exil. Seine Lungen litten wahrscheinlich
sehr unter der miserablen Qualität der allzu billigen Zigarren,
von denen er zu viele rauchen mußte, um sich trotz seiner Nervo-
sität durch seine überlange Arbeitszeit wach und lese- und
schreibfähig zu halten. Daß er sich und seine Gesundheit nie
schonte, wenn es um seine wissenschaftliche Forschungsarbeit im
Dienste der Arbeiterklasse oder um seine politischen und men-
schlichen Bemühungen um seine Gesinnungsgenossen ging, ist histo-
risch belegt.
Am 10. Januar, einen Tag vor Jenny's Tod, schloß Marx seinen
letzten Brief an Engels mit der Bemerkung: "Doch glaube ich, mit
Geduld und pedantischer Selbstkontrolle bald wieder ins Gleis zu
kommen. Der Mohr." 15) Marx ahnte nicht, daß er damals - obwohl
von seinen alten Plagen (dem Leberleiden und seiner Furunkulose)
relativ verschont - doch bereits durch seine Lungenkrankheit zum
Tode verurteilt war. Und Dr. Williamson, an den er am 13. Januar
den wohl letzten Brief seines Lebens richtete, war weise genug zu
schweigen. Im Gegenteil, nach dem, was wir aus den verschiedenen
Briefen jener Zeit herauslesen können, hat ihm der Arzt durch
seine Medikamente und durch seine übrige Behandlungsart geholfen,
wenigstens bis ins kommende Frühjahr weiterzuleben.
Dr. Williamson war selbst Arztsohn, 1848 in South Shields in
Yorkshire geboren. Schon mit 22 Jahren kam er nach Ventnor und
diente für drei Jahre als Hausarzt im Königlichen Lungenkranken-
haus, ging dann 1873 nach London in eine Klinik in St. Mary-le-
bone, kam aber als Privatarzt schon 1876 nach Ventnor zurück. Of-
fenbar war er erfolgreich, denn schon 1878 zog er in das große
Haus "Southcliff", wo er bis zu seinem Tode im Jahre 1901 prakti-
zierte. Als Marx sein Patient war, hatte er die Mehrzahl seiner
wissenschaftlichen Daten schon gesammelt, die er dann ein Jahr
nach Marx' Tod veröffentlichte. So war er gewiß der richtige Arzt
für Marx. Dr. Williamson war aber nicht nur ein guter Arzt, er
war wohl auch sonst geistig weit interessiert und sehr belesen.
Nach seinem Tode wurde ein zweites Buch von ihm veröffentlicht,
worin er seine Nachforschungen über das Leben des christlichen
Mönchs Bonifatius schildert und dabei die Legende zerstört, die-
ser habe die Insel Wight bewohnt oder sei von dort zur Missionie-
rung der Germanen aufgebrochen 16). Bekanntlich heißen die Höhen
im Nordwesten Ventnors "St. Boniface Down", wo sich ja auch Marx
bei seinen beiden Ventnor-Aufenthalten eingemietet hatte (1, St.
Boniface Gardens). Gewiß ist, daß Marx sich mit seinem Arzt über
vielerlei unterhalten konnte, nicht nur über das Wetter und über
Krankheitssymptome. Die Tatsache, daß sich die Frau des Arztes so
weitgehend für den Patienten Marx interessierte, daß sie ein
Photo von ihm erbat, läßt zumindest darauf schließen, daß auch
Dr. Williamson mit ihr über Karl Marx gesprochen hat, wenn nicht
Marx gar der Familie persönlich bekannt war. Sie deutet auch dar-
auf hin, daß der Arzt Marx als einen interessanten Menschen
schätzte und in ihm mehr als nur einen "Fall" sah.
6. Zu Marx' geistiger und körperlicher Verfassung
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an seinem Lebensende
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Das Gesamtbild der Marxschen Ventnor-Wochen entspricht tatsäch-
lich den von ihm beschriebenen 17) und oft begangenen Wanderpfa-
den, die sich von den Hügeln der St. Boniface Downs nach dem Mee-
resstrand von Bonchurch auf- und niederschlängeln: es geht mit
Marx' Gesundheit auf und ab, auf Katarrh folgt neue Besserung,
einmal muß er sich durch Morphium zur Krampfberuhigung helfen,
dann kann er wieder die Sonne und die Meeres- und Höhenluft ge-
nießen. Er ist auch zuletzt noch kräftig genug, allein nach Lon-
don zurückzureisen, besteht darauf, daß Eleanor nach Frankreich
fährt, um die Kinder ihrer eben verstorbenen Schwester zu versor-
gen 18) - sie sind ihm wichtiger als der alte Großvater, dem es
eiserne Selbstdisziplin ermöglicht, auch jetzt noch, nicht allzu-
lange vor dem eigenen Tod, ohne Hilfe eines ändern abzureisen und
vor der Abreise noch mit sicherer Hand die Begleichung verbliebe-
ner Schulden an Dr. Williamson zu versprechen. Todkrank, aber
doch aufrecht, beendet er seine letzte Reise und fährt in seine
Londoner Wohnung, zu seinen unabgeschlossenen Arbeiten, um wei-
terzuplanen, vielleicht, wie Engels vorschlägt 19), eine Sommer-
kur vorzubereiten - um schließlich doch im Vorfrühling "in den
Sielen" an seinem Schreibtisch zu sterben.
Aus den zitierten und anderen noch vorhandenen Briefen ergibt
sich ein recht vollständiges Bild der letzten Marx-Wochen auf der
Insel Wight und speziell seiner fortschreitenden Krankheit. Im
alten Hause von Dr. Williamson gibt es keinerlei weitere Zeug-
nisse über die Behandlung von Marx, keine Schriftstücke wie etwa
Rezeptkopien, Belege für Arztbesuche im Hause l, St. Boniface
Gardens oder Zahlungsbestätigungen, die Karl Marx erwähnen.
Als Erinnerung an Karl Marx ist heute nichts anderes erhalten als
der Inhalt der kleinen Brieftasche, in der der Sohn von Dr.
Williamson die beiden Briefe an seinen Vater und das Neujahrs-
photo an seine Mutter aufgehoben hat. Was immer mit diesen drei
Schriftstücken eines Tages geschehen wird, sie sind eine denkwür-
dige Erinnerung an Karl Marx kurz vor seinem Tode. Während der
erwähnte "Psychograph" zu Papier brachte, daß Marx "unfähig zu
wahrer Kommunikation, zu echtem Dialog war", bleibt der Nachwelt
in den Ventnor-Dokumenten ein Zufallsbeweis, wie der todkranke
Wissenschaftler und Politiker mit einem englischen Arzt verkehrte
und bis zuletzt in liebenswürdiger Höflichkeit mit ihm erst kurz
bekannten Personen umging und korrespondierte. Mögen seine Briefe
an die beiden Töchter aus jenen Wochen flüchtig und grammatisch
ungenau geworden sein, die Williamson-Briefe zeigen Marx nach wie
vor auf der Höhe seiner geistigen Konzentration und Perfektion in
Satzkonstruktion, Orthographie und sogar Kalligraphie. Es wird
sich bestimmt lohnen, die Schriftstücke in die neue Marx-Engels-
Gesamtausgabe aufzunehmen.
_____
1) Marx an Wilhelm Blos, 10. November 1877, in: Marx-Engels-Werke
(MEW), Berlin 1966, Bd. 34, S. 308
2) Lawrence Wilson, Portrait of the Isle of Wight, London 1965
(Verlag Robert Hale)
3) Arnold Künzli, Karl Marx, Eine Psychographie, Wien-Frankfurt-
Zürich 1966, S. 444.
4) Ebd., S. 422.
5) Diesen Text, den Engels als Anhang seiner Schrift "Die Ent-
wicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft" er-
scheinen ließ, schickte Marx am 18.12.1882 mit der knappen Bewer-
tung "sehr gut" an Engels zurück. (MEW, Bd. 35, S. 132)
6) Frau Marx war angeblich gegenüber Engels' erster Frau Mary,
einer irischen Arbeiterin ohne Schulbildung, nicht überfreund-
lich. Doch befreundete sie sich sehr eng mit deren Schwester, En-
gels' zweiter Frau, für die sie beim Umzüge des Paares von Man-
chester nach London ein Haus suchte und einrichtete. Obwohl auch
Lizzie des Lesens und Schreibens unkundig war, berichtete Frau
Marx: "we get on so well together" und fuhr mit ihr im Mai 1875
auf Ferien nach Shanklin, das heutzutage der beliebteste Badeort
der Insel ist.
7) Das relativ große Haus, ursprünglich von einer reichen schot-
tischen Familie erbaut und noch heute an Sommergäste vermietet,
steht auf halber Höhe zwischen dem ganzjährig grünen St. Boniface
Down mit seinen Fußwegen für Spaziergänger und dem Meeresstrand.
Es hat schöne Meeresaussicht von allen Südfenstern und einen
kleinen Garten, liegt sehr ruhig am Ende des Ortes, aber auch
nicht zu weit entfernt von den Geschäften in der Stadtmitte, wo
Marx und Eleanor einkauften. Offensichtlich fühlte sich Marx dort
wohl, sonst hätte er das gleiche Haus nicht zwei Mal zum Aufent-
haltsort gewählt.
8) Marx an seine Tochter Eleanor, 9. Januar 1883, in: MEW, Bd.
35, S. 421
9) Schon der Namenszüge wegen riet vor einigen Jahren ein Londo-
ner Professor dem Besitzer der Briefe, sie doch in London ver-
steigern zu lassen, wo sie sicher hoch bezahlt werden würden.
10) Marx an Engels, 10. Januar 1883, in: MEW, Bd. 35, S. 140
11) L. Wilson, Portrait of the Isle of Wight, a.a.O., S. 97. In
deutscher Übersetzung lautet der Auszug ungefähr: "Rein seelische
Katastrophen haben meiner Meinung nach nichts mit den Schleimbe-
wegungen zu tun...".
Auf ausdrückliche Bitte von Dr. J.B. Williamson unterließ es der
Autor, die ihm freundlicherweise gezeigten Briefe von Marx an
dessen Vater für Veröffentlichungen zu kopieren.
12) Marx an Engels, 8. November 1882, in: MEW, Bd. 35, S. 106.
Die MEW-Redaktion übersetzt: "ein netter junger Bursche, der
nichts Salbungsvolles an sich hat". (a.a.O.)
13) Marx an seine Tochter Eleanor, 10. November 1882, in: MEW,
Bd. 35, S. 398
14) Felix Regnault, Les maladies de Karl Marx. Leur influence sur
sa vie et sur ses oeuvres, in: Revue anthropologique, Paris 1933
15) Marx an Engels, 10. Januar 1883, a.a.O., S. 141
16) J.M. Williamson, The Life and Times of Saint Boniface, veröf-
fentlicht von W.J. Knight, Ventnor, und Henry Froude, London,
1904
17) im Brief an Engels vom 8. November 1882, in: MEW, Bd. 35, S.
105
18) "Mohr sagte sofort: 'Unser Jennychen ist tot!', und dann for-
derte er mich sofort auf, nach Paris zu gehen und bei den Kindern
zu helfen. Ich wollte bei ihm bleiben - er duldete keinen Wider-
spruch." So schreibt Eleanor Marx an Wilhelm Liebknecht, der Da-
ten für seine Lebenserinnerungen an Karl Marx sammelt, die 1896
in Nürnberg publiziert werden. Wiederabdruck in: Mohr und Gene-
ral, Erinnerungen an Marx und Engels, Hg. Institut für Marxismus-
Leninismus, Berlin 1970, S. 155
19) Siehe den Brief von Engels an Marx vom 8. Dezember 1882, in:
MEW, Bd. 35, S. 125.
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