Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 04/1981


       zurück

       

VORWORT

Stärker als in den vorhergehenden Bänden haben wir uns bemüht, die Beiträge dieses Jahrbuchs auf einen Hauptschwerpunkt zu be- ziehen: V e r s c h i e d e n e A s p e k t e d e r A n a- l y s e d e s S t a a t e s i m S M K d e r B R D, des politischen Systems und des Herrschaftsmechanismus bis hin zu Politikkonzepten der herrschenden Klasse und politischem und "Staatsbewußtsein" der Arbeiterklasse s t e h e n i m M i t- t e l p u n k t des vorliegenden Bandes. Entsprechende Ge- sichtspunkte wird der Leser nicht nur in den Beiträgen der ersten beiden Rubriken finden (Staat und politisches System im SMK der BRD; Politisches Klima, Staatsbewußtsein, Wahlverhalten), sondern auch in Untersuchungen zur Oppositionsbewegung (Bürgerinitia- tiven, Frauenbewegung) und zur Gewerkschaftstheorie, zum Staat auf regionaler Ebene (Wohnungswirtschaft, Stadt- und Gemeinde- ökonomie, Regionalentwicklung) wie im Bereich der Inter- nationalisierung der Wirtschaft und der internationalen Wirt- schaftspolitik. Im Vorwort geben wir einen knappen Überblick über Thesen und Zusammenhänge, die dem Benutzer die Orientierung er- leichtern (für die genauere Vorinformation empfehlen sich die Zu- sammenfassungen am Ende des Bandes). Wie im vorigen Jahr wollen wir kurz über personelle Veränderungen am IMSF und in der Jahrbuch-Arbeit informieren. Anfang Juni 1981 hat ein Wechsel in der Leitung des IMSF stattgefunden: Neuer Lei- ter ist Heinz Jung, sein Stellvertreter Jürgen Reusch. Josef Schleifstein bleibt weiterhin in engem Arbeitskontakt mit dem In- stitut - nicht zuletzt durch die weitere Mitgliedschaft in der Redaktion des Jahrbuchs. Auch im Beirat gab es Veränderungen. Ausgeschieden sind Bernd Güther, Mechtild Jansen, Steffen Lehndorff, Bernd Moldenhauer, Hartmut Obens und Walter Simon - infolge anderweitiger Verpflich- tungen oder der Tatsache, daß sie nicht mehr primär auf wissen- schaftlichem Gebiet tätig sind. Ihnen sei hier für ihre Mitarbeit gedankt. Neu eingetreten sind Gerhard Brosius (Hamburg), Dirk Hä- nisch (Duisburg), Florence Hervé (Düsseldorf) und Friedhelm Kroll (Nürnberg). Die Auseinandersetzungen um die staatliche Haushaltspolitik und ihre Auswirkungen auf die Lebenslage breiter Schichten werfen ak- tuell-politische Schlaglichter auf die zentrale Bedeutung des Staates in der Bundesrepublik. Gerade die Theorie des staatsmono- polistischen Kapitalismus - ein Arbeitsschwerpunkt des IMSF und im weiteren Sinn Bezugspunkt aller hier entwickelten Arbeit - verlangt die ständige Weiterentwicklung der aufs Grundsätzliche wie aufs Aktuell-Empirische gerichteten Staatsanalyse. Das erste Jahrbuch wurde eröffnet mit Thesen über Wandlungen in der Ent- wicklung des SMK der BRD; gegenwärtig wird am IMSF eine umfang- reiche theoretische und empirische Kollektivarbeit zur Analyse des Staates der BRD abgeschlossen, deren Ergebnisse sich zum Teil schon in dem Band "SMK der BRD in Daten und Fakten" (Mai 1981) niedergeschlagen haben und in den vorliegenden Band des Jahrbuchs mit eingehen. Die unter der Rubrik S t a a t u n d p o- l i t i s c h e s S y s t e m i n d e r B R D zusammenge- faßten Beiträge reflektieren diese kontinuierliche Arbeit ebenso wie die lebhafte Diskussion marxistisch und kritisch orientierter Forscher in der Bundesrepublik zu dieser Frage. Heinz Jung sieht die "Korporatismus"-Debatte als etwas verspätete ideologische Reaktion auf reale Entwicklungen im Herrschaftsme- chanismus der BRD-Gesellschaft. Allerdings arbeitet er eine glei- chermaßen erkennbare Tendenz zum Ausbau des "Etatismus" heraus, ohne deren Beachtung man den spezifischen Staats- und Herrschaft- styp des SMK verfehlt. Nach der Auseinandersetzung mit einigen Überbaukonzeptionen werden aktuelle Hegemonialstrategien der herrschenden Klasse analysiert und nach erkennbaren Bruchstellen der sozialliberalen Variante gefragt. Konservative Kräfte erwecken den Anschein, als sei die Frage der Staatsverschuldung ein grundlegender Differenzpunkt zur gegenwär- tigen Regierungspolitik. Angelina Sörgel weist nach, auf welche Weise das Finanzkapital doppelt von der staatlichen Finanzkrise profitiert. Reales Ziel der Polemik von rechts ist die Zurück- drängung von Resten keynesianischer Konzepte zugunsten direkt ka- pitalorientierter staatlicher Finanzpolitik. Ein Modellfall für letztere ist sicherlich die Aufrüstungspolitik, die vom Militär- Industrie-Komplex der BRD forciert vorangetrieben wird. Aller- dings, das arbeiten Manfred Eihsen und Arno Gottschalk in ihrer Untersuchung der Struktur und Entwicklung von Rüstungswirtschaft und MIK der BRD heraus, ist das Ergebnis zunehmende ökonomische und politische Instabilität, die Differenzierungsprozesse in der Monopolbourgeoisie fördert. Die gegenwärtig vom US-Imperialismus vorangetriebene Rüstung ist keinesfalls nur ökonomisch zu verstehen. Bernd Greiner entwickelt aus der marxistischen Theorie von der Rolle des Staates zur Be- wältigung der immanenten gesellschaftlichen Krisenhaftigkeit eine Analyse imperialistischer Außenpolitik: Die mit dem Namen Reagan verbundene Strategie setzt die Militärpolitik als wesentliches Mittel ein, die NATO-Verbündeten und Japan wieder stärker der US- Hegemonie im Zeichen eines neuen "Machtmaximalismus" zu unterwer- fen. Die Widersprüche imperialistischer Integrationsprozesse stellt Heinz Jürgen Axt in der Auseinandersetzung mit überzogenen Thesen zur Internationalisierung des Kapitals dar: Bei aller Be- deutung transnationaler Konzerne ist der Nationalstaat nach wie vor Basis von Maßnahmen zur besseren Kapitalverwertung, aber auch Basis von Strategien zur sozialistischen Transformation. Vom heute geradezu inflationär gebrauchten Hegemonie-Begriff her geht Christoph Butterwegge vergleichend auf zwei Ansätze der Po- litiktheorie der Zwischenkriegszeit zurück: In der Auseinander- setzung mit Antonio Gramsci und Otto Bauer werden Tragfähigkeit und Grenzen des Konzepts deutlicher. Ein zweiter Block von Beiträgen untersucht Aspekte des politi- schen Bewußtseins in der Bundesrepublik. Damit werden die bishe- rigen Veröffentlichungen des IMSF zur Entwicklung des Klassenbe- wußtseins der Lohnarbeiter weitergeführt. Kurt Steinhaus weist im historischen Überblick die Durchsetzung realistischerer Positio- nen in den politischen Meinungen und Einstellungen der BRD-Bürger zum Ost-West-Verhältnis wie zu gesellschaftlichen Problemen im Lande nach. Harald Werner setzt sich kritisch mit linken wissen- schaftlichen Positionen zum Staatsbewußtsein der Arbeiter ausein- ander, die reale Brüche und Widersprüche verkennen. Sozialstruk- turelle und ideologische Determinanten des Wahlverhaltens 1976"1980 überprüft J.H. von Heiseler; dabei werden entscheidende Momente politischer Stabilität deutlich, aber auch zukünftige Bruchstellen. Die A n a l y s e s o z i a l e r B e w e g u n g e n ist ein Schwerpunkt der IMSF-Arbeit. Die im Jahrbuch 3, 1980 begonnene Auseinandersetzung mit Fragen der Ökologie-Bewegung wird fortge- führt mit Fred Karls Aufsatz zur Bürgerinitiativen-Bewegung be- sonders im Umweltbereich. Er sieht in ihr eine dauerhafte politi- sche Aktionsform, deren Selbstbewußtsein bei sich erweiternder sozialer Basis vorwiegend durch Ideologie-Elemente aus dem Mit- telschicht-Milieu geprägt ist. Das R e d a k t i o n s k o l l e k t i v d e s I M S F - A r- b e i t s k r e i s e s z u r F r a u e n f r a g e greift einen Diskussionspunkt der Frauenbewegung heraus: die Bedeutung der Haus- und Berufsarbeit von Frauen. Entwickelt werden Grund- argumente und Durchsetzungsprobleme der These, daß die Ver- wirklichung des Rechts auf Arbeit für alle Frauen unverzichtbares Moment und Triebkraft ihrer gesellschaftlichen wie individuellen Emanzipation ist. Mit dem Streik als einem Hauptkampfmittel der Arbeiterbewegung im SMK beschäftigt sich Klaus Pickshaus. Die längerfristige Betrach- tung läßt "Kampfzyklen" erkennen, die auf tieferliegende Kräfte- konstellationen verweisen. Veränderungen in der Motivation der Streikenden sind ebenso festzustellen wie divergierende Einschät- zungen der Streikwaffe in der gewerkschaftlichen Diskussion. Gert Hautsch führt Überlegungen zur Gewerkschaftstheorie fort (vgl. Jahrbuch 2, 1979), indem er näher auf die Frage staatsmono- polistischer Einbindung eingeht. Die auf den institutionellen Aspekt gerichtete Betrachtungsweise der Korporatismus-Theorien greift zu kurz; diese Form der Einbindung von Gewerkschaften ist als Mittel u n d a l s A u s d r u c k des spezifischen bun- desrepublikanischen Typs bürgerlicher Hegemonie zu fassen. Nur diese Ausdehnung der Analyse läßt die bisherige Stabilität des sozialen Konsenses zwischen Gewerkschaften und SMK verstehen. Die Gewerkschaftsanalyse bereichert somit die staatstheoretischen Überlegungen. Probleme der L e b e n s b e d i n g u n g e n d e r L o h n- a r b e i t e r u n d d e r R e g i o n a l ö k o n o m i e wurden schon in früheren Jahrbüchern behandelt. Einen ökonomi- schen Aspekt der Wohnungsfrage analysiert Winfried Schwarz: die Mietwohnung als Kapital. Wirtschaftliche und historische Unter- suchungen führen zu dem Schluß, daß ohne staatliche Wohnungs- bauförderung eine Versorgung der unteren Einkommensschichten nicht zu sichern ist. Eberhard Dähne charakterisiert in seinem Beitrag Städte und Stadtregionen als Standort komplexer Produktivkräfte. Er legt die Hauptwidersprüche ihrer Reproduktion dar und untersucht Umfang und Entwicklungstendenz der Finanznot der Kommunen, die den Zer- fall städtischer Produktivkräfte noch forciert. Konkret der Ham- burger Entwicklung wendet sich Fritz Fiehler zu. Entgegen den of- fiziellen Behauptungen von einem erfolgreichen Strukturwandel der Region macht er die großen beschäftigungs- und strukturpoliti- schen Probleme deutlich. Im Juni 1981 führte das IMSF eine internationale Tagung zum Thema W e l t m a r k t u n d I n t e r n a t i o n a l i s i e- r u n g d e r W i r t s c h a f t durch. Fritz Rische ent- wickelte dort Überlegungen zu den Prinzipien nationaler Wirt- schaftspolitik für die Bundesrepublik. Sie müsse sich auf die Entwicklung der Produktivkräfte und der gesellschaftlichen Produktion unter optimaler Nutzung und Entfaltung der nationalen Ressourcen richten. Eine abstrakte Unterordnung unter "den Weltmarkt", wie sie auch der "Stabilitätspolitik" der Bundesre- gierung zugrundeliegt, entspricht nicht den Interessen der Arbeiterklasse. Die "Modernisierungskonzeption" der bundesdeutschen Außenwirt- schaftspolitik untersuchte Jörg Goldberg. Zwar ist die histori- sche Sondersituation der BRD-Wirtschaft beendet. Dennoch kann bis zum Ende der siebziger Jahre insgesamt von einer Schwächung der weltwirtschaftlichen Position der BRD nicht die Rede sein. Die weiteren Hauptreferate und Diskussionslinien der Tagung werden im Bericht von Jörg Goldberg präsentiert. Heinz Jung informiert über neue Entwicklungen der SMK-Theorie in UdSSR und DDR. In der Auseinandersetzung mit der Krisenentwick- lung der kapitalistischen Welt seit 1974/75 wurden wichtige neue Fragen aufgeworfen und mit unterschiedlicher Akzentsetzung behan- delt. P r o b l e m e n d e s w i s s e n s c h a f t l i c h - t e c h n i s c h e n F o r t s c h r i t t s ist ein weiterer Block von Beiträgen gewidmet. Sybille Krämer-Friedrich behandelt Hauptströmungen der neueren Technik-Diskussion, ausgehend von dem Problem: Wenn die Technologie in kapitalistischer Nutzung le- bensbedrohliche Effekte zeitigen kann, müssen diese Folgen potentiell im Produktivkraftsystem angelegt sein. Die genauere Fassung und Erklärung dieses Sachverhalts ist zur Weiter- entwicklung marxistischer Technik-Theorie notwendig. "Technische Entwicklung, Qualifikations- und Werttendenz der Ar- beitskraft heute" war das Thema einer Diskussionsrunde des IMSF im Herbst 1980. Wir bringen das überarbeitete und erweiterte Re- ferat von Lothar Peter, in dem er den Zusammenhang von Produktiv- kraft- und Qualifikationsentwicklung in Abgrenzung gegenüber Kern/Schumann und dem P r o j e k t A u t o m a t i o n u n d Q u a l i f i k a t i o n (vgl. die Kontroverse im Jahrbuch 3, 1980) entwickelt. Die Perspektiven der Arbeiterbewegung können nicht allein aus der Dynamik der Automation hergeleitet, sondern müssen im Zusammenhang wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Alternativen entwickelt werden. Über die weiteren Referate und die hauptsächlichen Diskussionspunkte der Tagung informiert der Bericht von Johanna Hund. Unter der Rubrik M a r x - E n g e l s - F o r s c h u n g wer- tet Alfred E. Laurence drei bisher unveröffentlichte Schreiben aus Marx' letztem Lebensabschnitt aus, die neues Licht auf seine persönliche Verfassung zu dieser Zeit werfen. Michael Knieriem stellt neue Erkenntnisse über Engels' Schul- und Jugendfreund J.W.J. Blank vor; er hatte nicht nur anhaltenden brieflichen und persönlichen Kontakt zu Engels, sondern offensichtlich auch Be- ziehungen zum Kreis Früher Sozialisten. Aus dem w i s s e n s c h a f t l i c h e n L e b e n d e r B u n d e s r e p u b l i k gibt Peter Hiedl einen Überblick über Entstehungsbedingungen und Entwicklung der Kritischen Psy- chologie; Michael Neumann stellt Struktur und Hauptarbeitsrich- tungen des SOFI Göttingen vor. A u s d e m A u s l a n d macht Herbert Aptheker bekannt mit dem "American Institute for Marxist Studies" (AIMS) in New York. Edgar Gärtner stellt Arbeit und Publikationen der französischen Gruppe "Economie et Politi- que" vor, und Dieter Läpple informiert über das Internationale Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam. In Vorausschau auf das Jahrbuch 5, 1982 wollen wir mitteilen, daß nach unseren Planungen der Fragenkomplex der "neuen sozialen und Protestbewegungen" im Mittelpunkt stehen soll. Institut für Marxistische Studien und Forschungen (IMSF) Frankfurt am Main, August 1981 zurück