Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 04/1981
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DAS STAATSBEWUSSTSEIN DER ARBEITER IN DER BRD
Harald Werner
1. Das Dilemma, der Empirie in der Bewußtseinsforschung - 2. Wel-
chen Rückhalt hat der Staat im Bewußtsein der Arbeiter? - 3. Die
doppelte Gestalt des Staatsillusionismus
Trotz anhaltender und sich gar vertiefender Krisenerscheinungen
zeichnet sich das politische System der BRD durch relative Stabi-
lität aus. Die Institutionen des Staates, die öffentlichen Ri-
tuale, mit denen hierzulande die ideologische Vergesellschaftung
betrieben wird, haben beim übergroßen Teil der Bevölkerung nicht
an Wirksamkeit verloren. Und obwohl in den "staatstragenden Par-
teien" selbst die Widersprüche zunehmen und sich in die selbstbe-
wußten Tagesschau-Bekundungen der staatlichen Repräsentanten Züge
von Resignation einzuschleichen beginnen, scheint deren integrie-
rende Kraft ungebrochen. Sieht man von den Klagen der herrschen-
den Parteien über die Staatsverdrossenheit der Jugend ab, so ist
die Massenloyalität und insbesondere die der Arbeiterklasse of-
fenbar unerschüttert. Nicht zuletzt die scheinbare Loyalität der
Arbeiterklasse, ihre Identifikation mit dem bürgerlichen Staat
und seinen Institutionen, haben deshalb in den vergangenen Jahren
innerhalb der Linken zu einer Staatsdiskussion geführt, in der
die Frage nach den spezifischen ideologischen Vergesellschaf-
tungsformen des bürgerlichen Staates eine entscheidende Rolle
einnimmt. Insbesondere die Gramsci-Diskussion zeigt überaus deut-
lich, wie stark das analytische Bemühen ist, jene Elemente des
subjektiven Faktors auszumachen, die die Verankerung der bürger-
lichen Staatsideologie im Massenbewußtsein bewirken. 1)
Die Rezeption der Gramsci-Texte hat im wesentlichen dazu beige-
tragen, undifferenzierte Vorstellungen vom Staat als bloßem Ge-
waltapparat oder als blindem ökonomischem Reflex zu überwinden.
Es scheint wichtig, die verschiedenen Ebenen analytisch zu erfas-
sen, die den gesamten Überbau ausmachen, weil diese Ebenen, wie
etwa Parteien, Gewerkschaften, Interessenverbände und die zahl-
reichen öffentlich-rechtlichen Institutionen, eine Nahtstelle
zwischen dem bilden, was bei Gramsci einerseits als "politische
Gesellschaft" und andererseits als "bürgerliche Gesellschaft" in
Erscheinung tritt. 2)
Die Einführung neuer analytischer Begriffe ist freilich oft genug
mit dem Auftauchen neuer Probleme verbunden. So auch in diesem
Fall, wenn die Differenzierung der Staatsvorstellung bis an die
Grenze materialistischer Analyse geht, wenn der Staat mystifi-
ziert und die Grenze zwischen objektivem Sein und Bewußtsein ver-
wischt wird und das Staatsbewußtsein als Demiurg des Staates in
Erscheinung tritt. So schreibt etwa Michael Jäger einerseits völ-
lig richtig: "dieser Staat kann als Macht über die Individuen nur
existieren indem er nicht bloß äußerliche Gewalt ist, sondern in
die Individuen selbst hineingeht..." 3) Andererseits geht seine
Vorstellung dieses Prozesses so weit, daß er sich fragt: "wo
fängt der Staat eigentlich an und wo hört er auf?" 4) Die
"Substanzialität" des Staates besteht für Jäger darin, daß er in
den Individuen wurzelt - und dies deshalb, weil jeder, der sich
mit dem Staat einläßt, sich in ihm auflöst "wie in einer Säure".
5) Zweierlei ist an diesem vordergründig bestehenden Bild falsch
und für die weitere Analyse irreführend. Erstens die mechanisti-
sche, die Dialektik begrabende Betrachtungsweise, und zweitens,
daraus folgend, die Widerspruchsfreiheit des Ergebnisses.
Jäger benutzt in seiner Beweisführung den Zusammenhang von Kirche
und Religion und kommt zu dem Schluß, "daß nicht die Kirche die
Religion, sondern die Religion die Kirche" 6) schafft. Was unter-
bleibt ist freilich die Antwort darauf, was die Religion schafft.
Indem er diese Antwort schuldig bleibt, und die Kirche aus dem
religiösen Bewußtsein entstehen läßt, verschafft er sich die not-
wendige Ausgangsposition, um im Analogieschluß zu fragen, ob denn
nicht auch der Staat auf diese Weise zur Existenz kommt. Verkürzt
gesagt und in aller Konsequenz zu Ende gedacht: Das religiöse Be-
wußtsein schafft die Kirche, das Staatsbewußtsein schafft den
Staat. Wohlgemerkt, nicht daß Jäger hier objektiver Idealismus
unterstellt werden sollte; was er nur vernachlässigt, das ist die
bestimmende Seite materieller Verhältnisse, und dies nicht nur
als bloße ökonomische Struktur, sondern als wirkliche Lebensver-
hältnisse, die insbesondere die Arbeiterklasse in ein Verhältnis
zum Staat setzten, das sehr wohl die Grenze zum Staat erkennen
läßt. Denn von der Klassenlage des Proletariats aus betrachtet,
sind die objektiven Möglichkeiten, im Staat wie in einer Säure
aufzugehen, trotz aller Vergesellschaftunsprozesse nach wie vor
nicht gegeben. Wenn rechte Sozialdemokraten oder opportunistische
Gewerkschaftsfunktionäre Opfer dieses Vorgangs werden, dann ist
das nicht die Regel, sondern eher eine folgenschwere Ausnahme,
die wohl eine Seite der Aufrechterhaltung bürgerlicher Herr-
schaft, nicht aber deren Begründung zeigt.
Für die Masse der arbeitenden Bevölkerung gilt, daß sie nicht
etwa den Staat aus ihrem Bewußtsein entstehen läßt, wie die Kir-
che stets aufs neue aus der Religiosität entsteht, weil eben die
Bedingungen der Religiosität gegeben sind, sondern für sie gilt,
daß sie den Staat duldet, weil ihr objektive Verhältnisse gegeben
sind, die die gedankliche Antizipation unterdrücken. So ist denn
auch das Staatsbewußtsein der Arbeiter eher vom Mangel an Antizi-
pation politischer Herrschaft als von Zustimmung zur bestehenden
Herrschaft geprägt. Eine Aussage, die im folgenden zu beweisen
sein wird, die aber scheinbar im Gegensatz zur empirischen Be-
wußtseinsforschung und natürlich im Gegensatz zur Alltagserfah-
rung steht, die sich in diesem Fall freilich auf nichts mehr als
auf das im vierjährigen Turnus ablaufende Wahlverhalten stützen
kann.
Um dem tatsächlichen Bewußtsein der Arbeiter vom Staat auf die
Spur zu kommen, sollen im folgenden drei Schritte unternommen
werden: Als erstes gilt es, die empirischen Vorgehensweisen zu
überprüfen, die bestimmte Grundannahmen über das Bewußtsein der
Arbeiter vom Staat geprägt haben und die zweifelsfrei auch ihren
Niederschlag in den theoretischen Ausführungen über die Perpetu-
ierung bürgerlicher Herrschaft finden. In einem zweiten Schritt
gilt es zu hinterfragen, wie loyal tatsächlich die Arbeiterklasse
der BRD gegenüber dem bürgerlichen Staat ist und wie weit aus ih-
rem Bewußtsein die Herrschaft dieses Staates erwächst. Drittens
gilt es, jenen ebenfalls scheinbar empirisch gesicherten Begriff
des Staatsillusionismus zu prüfen, der immer wieder die Diskus-
sion des Arbeiterbewußtseins in der BRD beherrscht.
1. Das Dilemma der Empirie in der Bewußtseinsforschung
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Die meisten jüngeren Arbeiten zum Arbeiterbewußtsein stützen sich
auf empirische Erhebungen. Der leichtere Zugang und die größere
Verbreitung von EDV-Anlagen sowie das Vorhandensein relativ pro-
blemlos zu handhabender Programme haben der empirischen Bewußt-
seinsforschung neue Möglichkeiten eröffnet, die von vornherein zu
begrüßen sind, von sich aus aber keine Erkenntniserweiterung
bringen. Setzt man eine regelmäßige Beziehung zwischen individu-
ellem Bewußtsein und den bedingenden Faktoren von objektiver Re-
alität, subjektivem Faktor und gesellschaftlicher Praxis voraus,
dann muß das Hauptgewicht der Forschung auf die begriffliche Er-
fassung des Gegenstandes sowie auf die Erfassung des Tätigkeits-
zusammenhangs gesetzt werden, innerhalb dessen sich der Gegen-
stand im Bewußtsein widerspiegelt. Erst aus der begrifflichen
Klärung des Gegenstandes und aus der Entschlüsselung der Aufbau-
gesetze von Bewußtseinsinhalten lassen sich Erhebungsinstrumente
entwickeln und Daten interpretieren. Bezieht sich empirische Be-
wußtseinsforschung auf den Marxismus-Leninismus, dann muß sie die
Verbindung von Theorie und Empirie auf eine Weise herstellen, wie
sie Marx in der Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie
als Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten gekennzeichnet hat.
7) Innerhalb dieser Methode kann der empirischen Erhebung von
sprachlichen Reflexen nur dann ein Erkenntniswert zugesprochen
werden, wenn diese mit der begriffenen Struktur des Widerspiege-
lungsgegenstandes und den Verarbeitungsformen des Bewußtseins
konfrontiert werden. Das irrlichternde Medium Sprache kann nur
verstanden werden, wenn die Zusammenhänge begriffen sind, aus
denen es entsteht.
Von daher verbietet es sich für unsere Analyse des Staatsbewußts-
eins, aus empirischen Verteilungen, denen diese begriffliche Klä-
rung nicht vorausgegangen ist, auf Inhalte von Bewußtsein zu
schließen. Das gilt für die kritiklose Übernahme von Ergebnissen
der bürgerlichen Demoskopie, die mit ihrem Verständnis von Ge-
sellschaft und Politik den Interviewpartnern Antworten abpreßt,
die mehr von der ideologischen Frage denn vom tatsächlichen Be-
wußtseinsinhalt des Befragten strukturiert werden. Dieser Vorbe-
halt gilt aber auch für die meisten Bewußtseinsanalysen linker
Sozialforscher, die sich von Allensbach meist nur dadurch unter-
scheiden, daß sie den Antwortvorgaben andere Alternativen zuord-
nen. Nicht nur, daß den Fragebögen oder Interview-Leitfäden die
theoretische Begründung der sprachlichen Reize fehlt, oft genug
werden auch noch kritiklos Fragen aus der bürgerlichen Meinungs-
forschung übernommen, deren erkenntnisbegrenzende Syntax den In-
terviewpartner in die Schablone bürgerlicher Bewußtseinsformen
zwingt.
In der Bewußtseinsforschung gibt es eine fatale Traditionsbil-
dung; die einmal eingeführten Fragen, die sich auf bestimmte Di-
mensionen des Bewußtseins richten sollen, werden von einer Unter-
suchung zur anderen weitergereicht, ohne daß deren Validität je-
mals theoretisch begründet worden wäre. So stellt sich nun die
unbehagliche Frage, ob denn die empirische Bewußtseinsforschung
überhaupt mehr erfaßt als die Reaktion auf ein sich selbst perpe-
tuierendes Fragenensemble, dessen realer Bezugspunkt nicht im Ar-
beiterbewußtsein, sondern im Bewußtsein der Sozialforscher über
das Arbeiterbewußtsein liegt. Selbst dort, wo die Form des offe-
nen Interviews gewählt wird, "um die Dominanz kategorialer Vorga-
ben seitens des Forschers möglichst gering zu halten" 8), werden
zum Zwecke der Quantifizierung dem sprachlichen Material nach-
träglich Nominalskalen übergestülpt, die alle Differenzierungen
wiederum unter Prozentverteilungen begraben. So reduzieren Kudera
u.a, in der zitierten Untersuchung das staatsbürgerliche Bewußt-
sein der Arbeiter auf sechs Typen, deren Kategorisierung nicht
minder erkenntnishemmend ist als die Verwendung standardisierter
Fragebögen. 9) Die aus den Widersprüchen in den Antworten aller
Befragten erkennbaren Entwicklungsformen des Bewußtseins werden
damit nachträglich eliminiert und in eine Skala gepreßt, in der
nur noch einer Klasse, nämlich dem so bezeichneten "gespaltenen
Bürger", widersprüchliches Begreifen als konstitutives Bewußt-
seinsmerkmal zugeordnet wird.
Für die erwähnte wie für andere Untersuchungen auch läßt sich
obendrein feststellen, daß, allem Vorbehalt gegenüber der positi-
vistisch bestimmten Empirie und ihren Methoden zum Trotz, aus
quantitativen Verteilungen Rückschlüsse auf Entwicklungsrichtun-
gen des Arbeiterbewußtseins gezogen werden. 10) Doch während die
Positivisten zumindest noch Probleme der Repräsentativität, der
Reliabilität und der Signifikanz vor die quantitative Beweisfüh-
rung schalten, hat sich bei linken empirisch arbeitenden Sozial-
forschern teilweise eine methodische Leichtfertigkeit herausge-
bildet, die auch nicht mit der Einschränkung zu entschuldigen
ist, daß es sich nur um "vorsichtige Tendenzaussagen" handele.
Schlußfolgerungen, die sich auf prozentuale Überrepräsentanzen
stützen, ohne daß die Signifikanz der Unterschiede nachgewiesen
wird, sind nicht nur methodisch fragwürdig, sie sind falsch. 11)
Ähnliche Fehler bei der Handhabung empirischer Methoden lassen
sich in den meisten Untersuchungen feststellen. So werden bei Ku-
dera u.a. zweidimensionale Verteilungen vorgenommen, obwohl die
Stichprobe so klein ist, daß einzelne Klassen nur noch mit einem
Befragten besetzt sind, was die Autoren nicht hindert, diesem
auch noch einen Prozentwert von 3 zuzuordnen. In der Studie von
Kern/Schumann werden Ordinalskalen, für die nur begrenzte stati-
stische Berechnungen zulässig sind, in Intervallskalen transfor-
miert, damit metrische Korrelationen und sogar Faktorenanalysen
durchgeführt werden können. 12) All diese Fehler begründen nicht
nur das Unbehagen, das einen beschleichen muß, wenn man die Aus-
sagen der einzelnen Studien wertet, dieses Unbehagen richtet sich
auch auf die gesamte empirische Bewußtseinsforschung, da die so
gewonnenen Dateninterpretationen wiederum die Ausgangshypothesen
für die folgenden Untersuchungen abgeben. Mehr als durch den
wirklichen sozialen Lebensprozeß der Arbeiter und die begriffli-
che Fassung der Bewußtseinsprozesse lassen sich die meisten For-
scher bei ihrer Hypothesenbildung durch Stereotype beeinflussen,
die von den Klassikern der Bewußtseinsforschung in die wissen-
schaftliche Dikussion eingeführt wurden. Empirisch gewonnene Be-
griffe wie die der "instrumentellen Arbeitsorientierung" von
Goldthorpe u.a., des "dichotomischen Gesellschaftsbildes" von Po-
pitz/Bahrdt oder der von Kern/Schumann unterstellte "Zerfall kol-
lektiven Bewußtseins" erweisen sich zunehmend als erkenntnishem-
mende Kategorien, die, obwohl empirisch auffindbar, das Wesen der
Bewußtseinsprozesse nicht erfassen.
Meiner Auffassung nach kann die Bewußtseinsforschung dem Dilemma
nur entgehen, wenn sie einerseits in der empirischen Erfassung
ihres Gegenstandes vielfältigere Methoden anwendet und anderer-
seits ihre Kategorien und Begriffe nicht aus dem empirischen Er-
scheinungsbild, sondern aus der theoretischen Erfassung dessen
gewinnt, was sie beobachtet. Die Fixierung empirischer Erschei-
nungen wie deren Quantifizierung lassen keine Aussagen über we-
sentliche Sachverhalte oder gar über Entwicklungstendenzen zu, da
gerade das Neue oder Wesentliche im Bewußtsein nicht als Durch-
schnitt, als Konzentration, sondern als Abweichung, als Wider-
spruch und als Ausnahme in Erscheinung tritt. 13)
Bei der Bestimmung der theoretischen Voraussetzungen, die der em-
pirischen Bestimmung von Bewußtseinsinhalten vorausgehen müssen,
wurden oben zwei Anforderungen genannt: Erstens die Analyse des
sich im Bewußtsein wiederspiegelnden Gegenstandes und zweitens
die Analyse der Praxis, des Tätigkeitszusammenhangs, innerhalb
dessen Widerspiegelung stattfindet. Beide Voraussetzungen knüpfen
sich sowohl an die Entwicklung des Erhebungsinstruments als auch
an die Methode der Dateninterpretation. Doch das Aufsuchen jener
Handlungsstrukturen, die ein Individuum, eine Gruppe oder Klasse
gegenüber dem zu erkennenden Objekt entwickelt und welche erst
den Schlüssel zum Verständnis seiner Wiederspiegelungsformen lie-
fert, kommt in den meisten Bewußtseinsuntersuchungen zu kurz. Das
Bewußtsein aber spiegelt nicht den bloßen Gegenstand, sondern
seine Tätigkeit im Zusammenhang mit dem betreffenden Gegenstand
wider. So ist die Analyse des gegenwärtigen Staates zwar eine
notwendige, bei weitem aber noch nicht hinreichende Voraussetzung
für die Erfassung des Staatsbewußtseins. Wie im folgenden zu zei-
gen sein wird, führt gerade die Vernachlässigung des Tätigkeitsa-
spekts der Befragten und das Ausgehen vom vorgestellten Sinn ih-
rer Aussagen zu äußerst fragwürdigen Schlußfolgerungen über die
Bewußtseinsinhalte.
2. Welchen Rückhalt hat der Staat im Bewußtsein der Arbeiter?
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Die empirischen Untersuchungen des Staatsbewußtseins erheben in
der Regel "politische Orientierungen", um auf diese Weise Aussa-
gen über das politische Handlungspotential machen zu können. So
heißt es in der Studie von Kudera u.a.: "Die Frage der politi-
schen Orientierung der Arbeiter ist zentriert um ihr Verhältnis
zu den politischen Institutionen und zur bestehenden politischen
Ordnung." 14) Dieses "Verhältnis" wird dann abgeleitet aus ge-
danklichen Wiederspiegelungen der Staatstätigkeit beziehungsweise
aus sprachlichen Äußerungen über die Rolle des Staates, das Han-
deln der Regierung und die individuelle Bewertung dieser Merk-
male. Es erscheint aber mehr als fraglich, ob aus dem sprachli-
chen Verhalten, denn nur dies wird hier erhoben, auf das
"Verhältnis zu den politischen Institutionen" geschlossen werden
kann. Das Verhältnis zum Staat ist in erster Linie ein prakti-
sches, das sich in Tätigkeit ausdrückt, und das gedankliche und
letztlich damit das sprachliche Verhalten sind Reflexe dieses
wirklich realen Verhältnisses, aus dem heraus auch nur die
sprachlichen Reflexe zu verstehen sind. Aus den Bewußtseinsäuße-
rungen an sich kann überhaupt nicht auf politisches Handlungspo-
tential geschlossen werden, wenn nicht berücksichtigt wird, aus
welchen Tätigkeitszusammmenhängen heraus die sprachliche Bewer-
tung vorgenommen wird.
In der oben zitierten Untersuchung etwa wird das "staatsbürger-
liche Bewußtsein" der Arbeiter in fünf Kategorien gefaßt: Der
"unpolitische Privatier", der "Irrational-Distanzierte", der
"Kritisch-Distanzierte", der "gespaltene Bürger" und der "Staats-
bürger", 15) Die nominal benannten Klassen umfassen das gesamte
"staatsbürgerliche Bewußtsein" und damit zugleich das politische
Handlungspotential zumindest der untersuchten Gruppen. Sind hier
schon Zweifel angebracht, ob damit nicht dem vielfältigen, aus
offenen Interviews stammenden sprachlichen Material Gewalt
angetan wird, so verdichtet sich dieser Zweifel erst recht bei
den Schlußfolgerungen, die die Autoren ziehen. Denn obwohl nach
politischer Orientierung, also nach Zwecksetzung und nach
Handlungspotential gefragt wird, zwängt die Beschreibung der fünf
Bewußtseinsformen die Befragten in ein statisches Modell, dem
jede Entwicklungsrichtung fehlt, das nur beschreibt und nichts
erklärt.
Zusammenfassend beschreiben die Autoren ihre fünf gefundenen Be-
wußtseinsformen vom Staat wie folgt: "Der S t a a t s b ü r-
g e r läßt nicht davon ab, zumindest am Ideal der Versöhnung
festzuhalten, der g e s p a l t e n e B ü r g e r und der
K r i t i s c h - D i s t a n z i e r t e drücken die nicht
gelungene Versöhnung unmittelbar in der Konstitution ihres
Bewußtseins aus. Der I r r a t i o n a l - D i s t a n z i e r-
t e und der P r i v a t i s t i s c h O r i e n t i e r t e
schließlich lassen den Widerspruch als unmittelbare Verkrüppelung
des Bewußtseins erscheinen." 16) Die so beschriebenen Kategorien
verharren auf der Ebene empirischer Begriffe, ihr theoretischer
Gehalt ist gleich Null, weil das Wesentliche, nämlich der
Entstehungszusammenhang der sprachlichen Äußerungen und damit ihr
verallgemeinbarer Inhalt, ausgeblendet wird. Dennoch schluß-
folgern die Autoren: "Im Ganzen kann mit einiger Wahrschein-
lichkeit gesagt werden, daß die demokratische Ordnung in ihrer
gegenwärtigen Gestalt auf einen Rückhalt bei der Mehrheit der
Befragten rechnen kann." 17) Womit scheinbar ein weiterer
empirischer Beweis für die dauerhafte Massenloyalität erbracht
wäre, findet sich doch in der inhaltlichen Beschreibung der fünf
"Formen staatsbürgerlichen Bewußtseins" auch nicht die Spur
fundamental antizipierenden Staatsbewußtseins.
Die Befragung wurde in zwei Betrieben der Investitionsgüterindu-
strie vorgenommen, die sich in mehrfacher Hinsicht voneinander
unterscheiden. Während der Betrieb A eine ältere Belegschaft auf-
weist, ein niedrigeres Qualifikationsniveau erkennen läßt, weni-
ger gewerkschaftlich organisiert ist und auch geringe Streiker-
fahrungen hat, zeigen sich im Betrieb B geradezu gegenteilige
Strukturen. Gerade diese subjektiven Faktoren hätten in der Frage
des Staatsbewußtseins eine noch größere Differenzierung zwischen
den beiden Belegschaften vermuten lassen. Eine Erwartung, die an
anderen Stellen und bei präziseren, auf die unmittelbare Erleb-
niswelt der Befragten gerichteten Interviewteilen auch erfüllt
wird. Hier zeigen sich deutlicher abweichende Bewußtseinsinhalte
zwischen den beiden Belegschaften als in der folgenden Tabelle.
Formen staatsbürgerlichen Bewußtseins 18)
Betrieb A Betrieb B
(N = 87) (N = 96)
% %
Der unpolitische Privatier 20 13
Der Irrational-Distanzierte 26 10
Der Kritisch-Distanzierte 13 23
Der "gespaltene" Bürger 29 36
Der Staatsbürger 13 19
Summe 101 (=100) 100
Greift man allerdings die wörtlichen, ebenfalls in der Untersu-
chung zitierten Aussagen der Arbeiter mit anderen Begriffen, näm-
lich mit Begriffen, die theoretisch sinnvoll sind, dann kommt man
zu völlig gegensätzlichen Schlußfolgerungen. Die "irrationale Di-
stanz" erweist sich nicht als eine "Verkrüppelung des Bewußts-
eins", sondern als durchaus zutreffende Widerspiegelung verkrüp-
pelter Verhältnisse, die ihren Ursprung nicht im Bewußtsein der
Arbeiter, sondern im wirklichen staatlichen und politischen Le-
bensprozeß dieser Gesellschaft haben. Auch der angeblich
"privatistisch orientierte" Arbeiter hat keine seinem Bewußtsein
entspringende Orientierung auf das Private, sondern was die Auto-
ren als eine solche Orientierung ausgeben, ist nichts anderes als
eine reale, mit vielfältigen Mitteln erzwungene Begrenzung des
Arbeiters auf sein Privatleben. In den Antworten spiegelt sich
keinesfalls verminderte Handlungsbereitschaft wider, sondern le-
diglich die zutreffende Einsicht in mangelnde Handlungsmöglich-
keiten.
Nun könnte darauf geantwortet werden, für die empirische Analyse
sei nur das Feststellen der tatsächlich vorhandenen Bewußtseins-
inhalte maßgeblich, die Frage, was das Ursprüngliche und was das
Abgeleitete sei, sei damit nicht beantwortet worden. Wer jedoch
so mit empirisch erfaßten Merkmalen operiert, gerät in bedenkli-
che Nähe zum Positivismus, dem ja ebenfalls die Erscheinung das
Wesentliche ist und der die Frage nach Entwicklungstendenzen über
das Vermeiden der Frage nach den Ursachen ausblendet. In der zi-
tierten Untersuchung kommt jedoch hinzu, daß gerade aus der empi-
rischen Erscheinung Entwicklungstendenzen abgeleitet werden, daß
also keineswegs bei der bloßen Feststellung stehengeblieben wird.
Erstens verrät die Kategorisierung eine Ursache und Wirkung der
entsprechenden Bewußtseinsformen einschließende Wertung und zwei-
tens wird diese Wertung auch explizit vorgenommen. Denn wie an-
ders soll man die Aussage beurteilen, "daß die demokratische Ord-
nung in ihrer gegenwärtigen Gestalt auf einen Rückhalt bei der
Mehrheit der Befragten rechnen kann." Die Loyalität gegenüber dem
bürgerlichen Staat und seinen Institutionen, die damit unter-
stellt wird, erweist sich bei genauer Betrachtung aber als Ein-
sicht in die eigene politische Rolle, als durchaus bewußte Verar-
beitung gesellschaftlicher Machtstrukturen, im negativen Fall als
Resignation, in fast keinem der zitierten Interviews jedoch als
Zustimmung zur Funktion und zur Struktur des politischen Systems.
Der "unpolitische Privatier", der in der zitierten Untersuchung
in einem Betrieb mit 20 Prozent und im anderen mit 13 Prozent
vertreten ist, wird von den Forschern als "unpolitisch" einge-
stuft, da sein "bestimmender Zug" angeblich "Desinteresse an al-
lem, was mit Politik zu tun hat" ist. 19) Dabei werden von dieser
Gruppe Antworten wie die folgenden zitiert: "Na ja, politische
Parteien, Aufgaben... darüber kann ich eigentlich nichts sagen...
die machen sowieso was sie wollen. / Ich habe kein richtiges In-
teresse an der Politik, weil die sowieso machen, was sie wollen.
/ Weil wir allgemein gar nix zu sagen haben. An wen soll ich
mich, wenn ich was zu sagen hab, an wen soll ich mich wenden, an
wen?? Ich kann doch net von hier aus raufgehen zum Bürgermeister,
weiß genau, daß der SPD ist." 20) Von diesem so definierten Be-
wußtseinstyp zu sagen, er sei unpolitisch, im Sinne einer loyalen
Gleichgültigkeit oder halte sich zustimmend aus der politischen
Sphäre heraus, ist sicherlich sehr gewagt. Stattdessen wird deut-
lich, daß selbst hinter solchen Aussagen wie "Politik - hören wir
bloß auf damit" 21) nicht, wie die Autoren meinen, Rückhalt für
die "demokratische Ordnung in ihrer gegenwärtigen Gestalt"
steckt, sondern resignierte Ablehnung.
Nicht anders ist die Gruppe der angeblich "Irrational-Distanzier-
ten" zu bewerten, für die exemplarisch folgende Aussagen zitiert
werden: "Wenn sie (sc. die Parteien) einmal an der Regierung
sind, sehen sie die Interessen nicht mehr, für die sie sich vor-
her eingesetzt haben. Vorher werden immer Dinge versprochen und
hinterher ... also ist das Volk hinters Licht geführt worden. /
Wenn ein Arbeiter Minister ist, dann hat er es in vier Wochen
vergessen, daß er mal Arbeiter war. Der vertritt da ja nur wieder
die Interessen seiner Klasse, in der er jetzt ist." 22) Es leuch-
tet nicht ein, was an diesen Aussagen irrational sein soll, spie-
geln sie doch treffend wider, was die Arbeiterklasse hierzulande
seit Jahrzehnten mit sozialdemokratischen Ministern erfahren hat.
Geradezu pejorativ ist dementsprechend das Urteil, das die Auto-
ren über diesen Bewußtseinstyp fällen: "Der Bezug zur Politik ist
nicht der der Reflexion, sondern der eines moralisch sich geben-
den, durch Ressentiments bestimmten Sich-Ereiferns." 23)
Dem "kritisch-distanzierten" Typ sagen die Autoren nach, daß ihm
die Sphäre der Politik als eine erscheint, in der es allenfalls
um andere Interessen, nicht aber um seine eigenen geht. Da der
betreffende Bewußtseinstyp angeblich "aber bedingungslos seinen
privaten Interessenstandpunkt vertritt, stellt sich ihm die Frage
politischer Einflußmöglichkeiten nicht: er sucht keine, weil er
sie nicht braucht." 24) Auch diese Schlußfolgerung kontrastiert
auffällig mit den exemplarischen Antworten, die die Verfasser zi-
tieren. So kommt das bedingungslose Vertreten angeblich "privater
Interessen" darin zum Ausdruck, daß die Befragten deutlicher noch
als die bisher zitierten Gruppen die Rolle des Staates als Erfül-
lungsgehilfe der Unternehmer kritisieren: "Es werden immer die
Unternehmer bevorzugt, ich haben noch nie gemerkt, daß der Arbei-
ter bevorzugt worden ist. / Das sind ja praktisch alles Unterneh-
mer, was da in der Regierung sitzen." 25) Was hier als privater
Interessenstandpunkt ausgegeben wird, erweist sich letztlich als
Klassenstandpunkt, was auch die Autoren im Widerspruch zu ihren
anderen Aussagen zugestehen, wenn sie schreiben: "Für diesen Typ
steht in der Regel außer Frage, daß der Staat ein Unternehmer-
staat ist und Politik in erster Linie deren Interessen dient."
26) Auch hier findet sich bei den Befragten keine Spur von
Loyalität gegenüber dem bürgerlichen Staat, sondern eher eine be-
sonders scharf formulierte Kritik an seinen Institutionen, insbe-
sondere den Parteien. Und wenn die Verfasser zu dem Schluß kom-
men, daß diese Arbeitergruppe keine Einflußmöglichkeiten sucht,
dann nicht, weil sie glaubt, sie nicht zu brauchen, sondern weil
sie sich besonders ausdrücklich auf starke und unabhängige Ge-
werkschaften als Mittel zur Druchsetzung von Arbeiterinteressen
beruft.
Bedauerlicherweise unterbreiten die Autoren der Studie für den am
stärksten vertretenen Bewußtseinstyp, den "gespaltenen Bürger",
die wenigsten sprachlichen Aussagen. Sind die zitierten Aussagen
tatsächlich exemplarisch, dann kann diese Gruppe am ehesten als
loyal gegenüber dem politischen System betrachtet werden, was
etwa in der folgenden Antwort deutlich wird: "Es soll jeder seine
Aufgabe erfüllen. Die Gewerkschaft, daß ihre Mitglieder zufrieden
sind und die Partei, die soll so die Politik betreiben, daß ihre
Bürger zufrieden sind, wenn die Partei an der Regierung ist." 27)
Als "Staatsbürger" erscheint den Autoren ein Bewußtseinstyp, der
"sowohl als Privatmann ein konkretes Bewußtsein seiner Interes-
senlage wie auch als Staatsbürger die Einsicht in die Notwendig-
keit, seine Interessen öffentlich zu vertreten" 28) hat. Der hin-
ter dieser Typisierung vermutete loyale Staatsbürger, der sich
scheinbar von harmonistischen, durch Interessenausgleich be-
stimmten Gesellschaftsvorstellungen leiten läßt, verflüchtigt
sich aber wiederum bei der Durchsicht exemplarisch zitierter
Antworten; denn was diese Befragten zum Ausdruck bringen, ist in
erster Linie die Einsicht in den Zusammenhang von sogenanntem
Privatleben und Politik. So etwa in der folgenden Aussage: "Jedes
Stück Brot, was wir essen, alles hängt mit Politik zusammen. Wenn
ich mehr Geld verlange, ist es schon Politik." 29) Harmonie-
vorstellungen könnten bestenfalls aus solchen Aussagen abgeleitet
werden, die das gewerkschaftliche Engagement in der Politik zwar
bejahen, dennoch aber "die große Politik" den Parteien zu-
schreiben. Völlig unverständlich bleibt, was die Autoren ver-
anlaßt, diesem Bewußtseinstyp auf Interessenausgleich basierende
Gesellschaftsvorstellungen unterzuschieben, wenn von ihnen
gleichzeitig die folgenden offenbar typischen Antworten zitiert
werden: "Die Unternehmer haben ja im Grunde die Macht in der
Hand, da kann die Politik nicht viel dran ändern. / Die Industrie
ist ohne weiteres in der Lage, einer Regierung, die ihr nicht
genehm ist, solche Schwierigkeiten zu machen, daß die Regierung
gezwungen ist, andere Gesetze zu machen." 30)
Beim letztgenannten, aber auch bei allen anderen Typen staatsbür-
gerlichen Bewußtseins, wie sie in der Untersuchung beschrieben
werden, zeigen sich mehr oder minder klar formulierte Vorbehalte
gegenüber dem bürgerlichen Staat und seinen Institutionen. Meiner
Auffassung nach ist es nicht nur falsch, auf der Grundlage der
zitierten Antworten dem einen oder anderen Typ eine stärker oder
schwächer ausgeprägte Loyalität gegenüber dem bürgerlichen Staat
zuzuschreiben, falsch ist überhaupt die Typisierung. Denn die
Stereotype, mit denen der Staat als "Unternehmerstaat" gekenn-
zeichnet, die Abhängigkeit der Politiker und Parteien, aber auch
der Regierung vom Willen des Kapitals beschrieben wird, durchzie-
hen alle fünf Bewußtseinstypen. Sie sind das eigentlich wesentli-
che, das verbindende Moment innerhalb der befragten Arbeitergrup-
pen. Die Bildung von Bewußtseinsklassen, sofern sie überhaupt zu
bilden sind, hätte von diesem Merkmal und seiner unterschiedli-
chen Ausprägung ausgehen müssen. So aber begräbt die empirische
Begriffsfindung das Wesentliche unter ihren Kategorien und erhebt
sprachliche Besonderheiten zum kategorialen Merkmal, wo unschwer
erkennbar ist, daß nicht der Bewußtseinsinhalt, sondern die
sprachliche Präsentation den Unterschied bilden. So etwa bei der
Differenzierung zwischen dem, sogenannten "Irrational-Distanzier-
ten" und dem "Kritisch-Distanzierten", die die Autoren auf der
Grundlage geradezu oberlehrerhafter Sprachanalyse vornehmen. Denn
was dort den wissenschaftlich ausgebildeten Forschern als
"irrational" erscheint, was sie veranlaßt, dieser Arbeitergruppe
"moralisch gewendete Ressentiments" zuzuschreiben, das sind klas-
senspezifische, von den Fragern unbegriffene Widerspiegelungsfor-
men, die nicht schon dadurch irrational sind, also jenseits ge-
danklich durchdrungener Realitätserfassung liegen, daß sie in
emotionale und vom subjektiven Erleben geprägte Ausdrucksformen
gekleidet werden. Ganz offensichtlich wiederholt sich hier in der
Bewußtseinsforschung ein Mißverständnis proletarischer Sprachfor-
men, das schon in der Sozialisationsforschung den Begriff des
"restringierten Code" prägen half. Die sicherlich gegebenen Vor-
teile des offenen Interviews, die Chancen, die sich aus der Ana-
lyse nichtstandardisierter Antworten ergeben, ·werden dadurch
vertan, daß das sprachliche Material an der Elle des akademischen
Sprachgebrauchs gemessen wird.
So läßt sich auch eine Erklärung für die Überrepräsentanz des so-
genannten Irrational-Distanzierten im Betrieb A der Untersuchung
finden. Was den Autoren als irrational erscheint, ist ein deut-
lich weniger differenzierter Sprachgebrauch, der sich leicht er-
klären läßt, wenn die dort vorherrschende Qualifikationsstruktur,
das Übergewicht älterer Befragter und die m diesem Zusammenhang
anzunehmenden Schulabschlüsse als bedingende Variablen begriffen
werden.
Bei der kritischen Lektüre der zitierten Untersuchung und bei der
Interpretation der abgedruckten Statements ergeben sich völlig
entgegengesetzte Schlußfolgerungen, wenn vom wirklichen Lebens-
prozeß der Arbeiter ausgegangen wird und vor diesem Hintergrund
auch ihre sprachlichen Reflexionen über diesen Lebensprozeß be-
trachtet werden.
Der wirkliche Lebensprozeß, und dies umfaßt die verschiedenen
Seiten dieses Prozesses in all seinen gesellschaftlichen Bezügen,
schließt die Arbeiterklasse in der BRD von den politischen Hand-
lungen weitgehend aus. Nach wie vor gilt, was Marx als das Wesen
der bürgerlichen Demokratie erfaßte, daß sie den Unterdrückten
alle Jahre einmal gestattet, darüber zu entscheiden, wer sie im
Parlament ver- oder zertreten soll. Auch Lenin folgerte, daß die
kapitalistische Ausbeutung die modernen Lohnsklaven so "bedrückt,
daß ihnen 'nicht nach Demokratie', 'nicht nach Politik' der Sinn
steht, so daß bei dem gewöhnlichen, friedlichen Gang der Ereig-
nisse die Mehrheit der Bevölkerung von der Teilnahme am öffentli-
chen und politischen Leben ausgeschlossen ist." 31) Der Verweis
auf die formale Möglichkeit, der selbst schon zur die Verhält-
nisse absichernden Ideologie geworden ist, läßt die vielen nicht-
institutionalisierten, aber dennoch objektiv vorhandenen Be-
schränkungen außer acht, die politische Betätigung unterbinden.
Selbst bürgerliche Veröffentlichungen kommen zu dem Schluß, daß
die Wahrnehmung politischer Einflußmöglichkeiten durch Arbeiter
und Angestellte objektiv schwerer wird.
Lenin führte 1917 vor, wie selbst in Deutschland, wo die Sozial-
demokratie wie keine andere Partei die Legalität innerhalb der
bürgerlichen Demokratie genutzt hatte und zur stärksten Partei
geworden war, der Anteil der politisch aktiven Arbeiter gering
geblieben war: "Eine Million Mitglieder der sozialdemokratischen
Partei - von fünfzehn Millionen Lohnarbeitern!" 32) Heute jedoch,
unter weitaus günstigeren formalen Bedingungen, nach mehr als ei-
nem Jahrzehnt sozialliberaler Regierung und vielfältiger Mehrheit
in Ländern und Städten zählt die Sozialdemokratie nicht wesent-
lich mehr Mitglieder, darunter aber nur noch 29 Prozent Arbeiter.
33) Betrachtet man die aktive Beteiligung der Arbeiter innerhalb
der Sozialdemokratie, so wird die Diskrepanz zwischen formaler
Möglichkeit, am politischen Leben teilzunehmen, und der tatsäch-
lichen Repräsentanz in jener Partei, die noch immer die meisten
Arbeiter in der BRD organisiert, noch deutlicher. Dem Arbeiteran-
teil von 29 Prozent steht eine Vertretung in den Vorständen auf
Unterbezirksebene von 7,5 Prozent und auf Bezirksebene von 6,8
Prozent gegenüber. 34)
Noch ungünstiger sieht die Situation in den Parlamenten aus, de-
ren Statistik, so weit überhaupt vorhanden, nur noch deshalb Ar-
beiter ausweist, weil langjährig hauptamtliche Funktionäre mit
ihrem erlernten Beruf geführt werden. Der rückläufige Arbeiteran-
teil bei den Bonner Parteien und die noch unter diesem Anteil
liegende Repräsentanz in Vorständen und Parlamenten ist für sich
genommen ein bedeutsames Element im subjektiven Faktor der BRD,
das zwar von bestimmendem Einfluß auf die Entwicklung des politi-
schen Bewußtseins der Arbeiterklasse ist, das aber nicht aus ihm
selbst heraus erklärt werden kann. Die Ursachen müssen in den Be-
dingungen der bürgerlichen Demokratie und in den Arbeits- und Re-
produktionsbedingungen der Arbeiterklasse gesucht werden. Erst
dann läßt sich auch der Inhalt des politischen Bewußtseins, und
darunter als besondere Seite das Bewußtsein vom Staat, erklären.
Die bürgerliche Demokratie schaltet den Arbeiter nicht mehr di-
rekt durch formale Beschränkungen aus dem politischen Prozeß aus,
sie produziert innerhalb ihres scheinbar offenen Herrschaftsappa-
rates Bedingungen, die von vornherein selektiv wirken. Bei zuneh-
mender Vergesellschaftung aller Lebensbereiche und daraus ent-
springender Komplexität politischer Prozesse gewinnen in den Par-
teien solche Qualifikationen an Bedeutung, die selbst wiederum
nur im Staatsapparat entwickelt werden, wie etwa verwaltungstech-
nische, juristische und haushaltstechnische Kenntnisse. Die
"Verbeamtung der Parlamente" hat nicht nur eine dienstrechtliche,
in der Bevorzugung der Staatsbeschäftigten begründete Ursache,
sondern wurzelt in der Professionalisierung der Politik. So
schreibt auch Klatt in der zitierten Untersuchung über die zuneh-
mende Bedeutung, die höhere Beamte und qualifizierte Angestellte
in der Politik haben: "Die Beherrschung sozialer Techniken gilt
bereits als Voraussetzung für ihre Berufstätigkeit. Verwaltungs-
beamte oder -angestellte höherer Ränge verfügen über politisch
verwertbares Dienstwissen und in der Regel auch über technische
Hilfsmittel (Telephon, Fotokopierer, Sekretärin), die für die
Kommunikation und für die organisatorische Arbeit in der Partei
von Vorteil sind." 35)
Im gleichen Maße, wie sich für die höheren Staatsbeschäftigten
die Möglichkeiten verbesserten, den Staat selbst zu regieren,
verschlechterten sich die Mitwirkungsmöglichkeiten der Arbeiter.
Über fünf Millionen abhängig Beschäftigte, in ihrer Mehrzahl
Gruppen der Arbeiterklasse, leisten regelmäßig Schichtarbeit. Für
diese stark anwachsende Gruppe ist regelmäßige politische Arbeit
unter den bestehenden Bedingungen erheblich erschwert, wenn nicht
ausgeschlossen. Das Auseinanderreißen von Arbeits- und Wohnort,
die Zunahme der Wegezeit, kommt als weitere Beschränkung für
viele Arbeiter hinzu. Bei diesen ungleichen Ausgangsvorausset-
zungen, im politischen Prozeß eine Rolle zu übernehmen, erweist
sich die Rede von der Gleichheit der politischen Bürger als
ideologische Waffe, die es gestattet, den Arbeitern selbst die
Schuld für ihre mangelhafte politische Aktivität zuzuschreiben.
Im Prinzip begehen diesen Fehler auch die Verfasser der oben
zitierten Studien zum Arbeiterbewußtsein, indem sie diese
objektiven Bedingungen übersehen und die Distanzierung von der
Politik subjektivieren. Erst dadurch wird die Fehlinterpretation
der Interview-Inhalte möglich, kann als "Privatisierung",
"schimpfendes Zurückziehen" oder bewußte "Distanz" gewertet
werden, was lediglich Widerspiegelung wirklicher Verhältnisse
ist. Völlig falsch wird das sprachliche Material aber erst recht
gewertet, wenn aus der sich im Bewußtsein widerspiegelnden
Beschränkung nicht nur Distanzierung, sondern gar Loyalität
abgeleitet wird.
Zu ähnlichen Fehleinschätzungen des Sprachgebrauchs der Arbeiter
und damit zur verkürzten Interpretation ihrer Bewußtseinsformen
gelangen auch die Autoren der Studie "Ende der Illusionen?". In
ihrem Abschnitt über "die Vorstellungen vom politischen System"
36) heißt es: "Generell gibt es zwischen der Gesamtbevölkerung
und den Lohnarbeitern des Kapitals keine großen Differenzen in
der Beurteilung der Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutsch-
land. Sie sind vom Kapital bestimmt und dennoch lebt man in der
Bundesrepublick in einer stabilen Demokratie." Diese Aussage be-
zieht sich auf eine Fragenbatterie, innerhalb derer mehrere Sta-
tements zum politischen System der BRD zu bewerten waren. Darun-
ter die beiden scheinbar gegensätzlichen: "Letzten Endes bestimmt
das Kapital, was in der Politik gemacht wird. Erst wenn die Kapi-
talisten verschwunden sind, kann sich eine richtige Demokratie
entwickeln" und "Wir haben es in der Bundesrepublik mit einer
stabilen Demokratie zu tun. Die beiden großen Parteien entspre-
chen auch der Meinung im Volk." 37)
Der scheinbar logische Widerspruch, der in der Zustimmung zu bei-
den Antwortvorgaben vermutet wird, ist nur erklärbar, wenn er
nicht im Bewußtsein, sondern im bewußten Sein gesucht wird. Die
Lebenswirklichkeit der Arbeiter, ihre Erfahrung mit dem bürgerli-
chen Staat zwingt zur Bejahung beider Antwortvorgaben. Einerseits
erfahren sie die Übermacht des Kapitals in der Politik, erkennen
im staatlichen Handeln die erzwungene oder freiwillige Orientie-
rung auf das Kapitalinteresse, und andererseits erfahren sie die
BRD als "stabile Demokratie". Dabei hat es den Anschein, daß die
auf diese Weise scheinbar widersprüchlich antwortenden Arbeiter
das Wort Demokratie klassenbewußter, nämlich als bürgerliche De-
mokratie verstehen, während die Fragebogenkonstrukteure auf ihre
subjektive Wortbedeutung rekurrieren. Sie übersehen, daß für die
Arbeiter Demokratie das ist, was man ihnen als Demokratie be-
zeichnet - und die ist in der BRD in der Tat überraschend stabil.
Der zweite Satz im Antwortstatement aber, daß die beiden großen
Parteien der Meinung im Volk entsprechen, kann die Zustimmung von
jedem finden; es sei denn, er bezweifelt den Zusammenhang von
Meinung und Wahlverhalten.
Die Autoren jedoch interpretieren die scheinbar gegensätzlichen
Antworten als "Widerspruch in der Wahrnehmung der gesellschaftli-
chen Verhältnisse." 38) Das ist in zweierlei Hinsicht falsch. Zum
einen sind bei der Konstituierung des gesellschaftlichen Bewußts-
eins nicht die Wahrnehmungsleistungen widersprüchlich, sondern
die Verhältnisse selbst, und zum anderen steckt in diesem Fall
der Widerspruch nicht im Bewußtsein der Befragten, sondern im
Fragebogen.
Überhaupt wird in der Literatur über das Arbeiterbewußtsein die
Widerspruchskategorie geradezu inflationär benutzt. Es gehört be-
reits zur Methode der empirischen Bewußtseinsforschung, jede feh-
lende Konsistenz statistischer Ergebnisse als Widerspieglung ei-
nes Bewußtseinswiderspruchs auszugeben, wo doch als erstes die
Frage angebracht wäre, ob sich hier nicht eine schlechte Skalen-
qualität widerspiegelt. Markard stellt deshalb die Frage, ob
überhaupt "ein eindimensionaler Fragebogen die gesellschaftliche
Wirklichkeit und deren Widerspiegelung in den Köpfen der Menschen
abbilden" 39) kann. Doch dies grundsätzlich in Frage zu stellen,
scheint unbegründet. Mit Sicherheit spiegeln sich in den Ergeb-
nissen auch standardisierter Fragebögen Bewußtseinsinhalte und
auch die ihnen anhaftenden Widersprüche wider. Fragwürdig ist
nur, in welcher Form und welcher Vollständigkeit. Völlig fraglos
ist aber, daß statistische Methoden, deren Merkmal die Wider-
spruchsfreiheit ist, weder die Widersprüche an sich noch ihre be-
stimmenden Seiten erfassen können. Dies ist nur möglich, wenn die
bruchstückhaften Bewußtseinsdaten aus dem Gewordensein des Be-
wußtseins erklärt werden und somit die Verbindung von Theorie und
Empirie hergestellt wird. Das widersprüchliche Bewußtsein, in un-
serem Fall das vom Staat, zerfällt nicht einfach in gegensätzli-
che Inhalte, die sich auf den gleichen Gegenstand, eben den
Staat, beziehen, sondern das Bewußtsein bezieht sich auf die Tä-
tigkeit des Individuums und ist in diesem Sinne einheitlich. Das
Bewußtsein spiegelt das Ergebnis der Tätigkeit wider und nimmt im
Denkprozeß künftige Handlungen vorweg. Der Vorgang der Antizipa-
tion ist auf die realitätsgerechte Handlung ausgerichtet und da-
her ständig dem Ziel untergeordnet, Widersprüche in der Realität
und im Bewußtsein zu überwinden. Voraussetzung ist jedoch jeweils
das Vorhandensein von Handlungsalternativen und -notwendigkeiten.
Gehen wir von dieser Funktion des Bewußtseins als tätigkeitssteu-
erndem Organ aus und beziehen in unsere Überlegungen zum Staats-
bewußtsein der Arbeiter sowohl die oben zitierten Bewußtseinstat-
sachen als auch die geschilderte politische Praxis der Arbeiter
mit ein, dann lassen sich zum Staatsbewußtsein der Arbeiter
Schlußfolgerungen ziehen, die weit von der Feststellung loyaler
Zustimmung zur gegenwärtigen staatlichen Ordnung entfernt sind.
Vielmehr kann angenommen werden, daß ein tief verwurzeltes Miß-
trauen gegenüber den staatlichen Institutionen besteht, das sich
unter anderem auch auf die Einsicht stützt, daß das Kapital die
beherrschende Rolle unter den politischen Einflußfaktoren spielt,
die das staatliche Handeln bestimmen. Diese Annahme wird nicht
nur durch die oben zitierten Untersuchungen, sondern auch durch
viele andere gestützt. 40)
Der Staat wird von der Arbeiterschaft der BRD jedoch überwiegend
nicht in eigenen Handlungen erfahren, sondern passiv erduldet.
Der weitestgehende Ausschluß aus der bewußten Bestimmung ihrer
eigenen Lebensverhältnisse hinterläßt aber nicht nur Hilf-
losigkeit und Resignation, dieses Fehlen von Handlungsmöglich-
keiten und, so lange der normale Gang der Verhältnisse gesichert
ist, auch das Fehlen unumgänglicher Handlungsnotwendigkeiten,
sondern beseitigt auch den Zwang zur gedanklichen Antizipation.
Die Folge ist ein diffuses Staatsbewußtsein, das zwar die reale
Abhängigkeit widerspiegelt, das aber ebensowenig auf konkretes
politisches Handeln ausgerichtet ist, wie es aus Handeln
entstanden ist. Der scheinbare Widerspruch zwischen rationaler
Einsicht in die Fremdbestimmung des eigenen Lebens durch
Staatsapparat und Kapital und loyalem Wahlverhalten gegenüber den
staatstragenden Parteien, insbesondere der SPD, wurzelt deshalb
auch nicht in der verkehrten Wahrnehmung staatlichen Handelns, er
ist die Folge des erzwungenen Handlungsausschlusses.
Die Arbeiterklasse der BRD hat sich mit dem Staat und seinen In-
stitutionen arrangiert, sie verhält sich nicht bewußt zu ihm, das
heißt, sie handelt nicht ihm gegenüber, und so ist dementspre-
chend ihr Bewußtsein vom Staat ohne Handlungsbezug. Die Hegemo-
nie, die die Bourgeoisie in der "politischen Gesellschaft" aus-
übt, stützt sich nicht auf das Einverständnis, wohl aber auf die
Duldung der Beherrschten.
3. Die doppelte Gestalt des Staatsillusionismus
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Unter den vielen subjektiven Faktoren, von der "Staatsloyalität"
bis zum angeblichen "autoritäten Potential", die der deutschen
Arbeiterklasse in der Bewußtseinsliteratur zugeschrieben werden,
um damit die relative Stabilität der gesellschaftlichen Verhält-
nisse in der BRD zu erklären, nimmt der Begriff "Staatsillusio-
nismus" eine besondere Rolle ein. Ganz im Gegensatz zum Begriff
der "Staatsloyalität" oder der phänomenologisch abgeleiteten
Unterstellung einer "typisch deutschen" Obrigkeitshörigkeit nicht
nur des Bürgertums, sondern auch der Arbeiterklasse, wird mit
"Staatsillusionismus" ein Bewußtseinsinhalt beschrieben, der sich
deutlich im realhistorischen Prozeß erkennen läßt und der als
tradiertes Element des subjektiven Faktors von erheblicher
Bedeutung ist. Dieses Element ist im Zusammenhang mit der
deutschen Arbeiterbewegung entstanden und hat gänzlich andere Be-
zugspunkte als jene eher kleinbürgerliche Handlungsorientierung,
die umgangssprachlich als Untertanengeist gekennzeichnet wird.
Der "Staatsillusionismus" beginnt mit Lassalle, setzt sich sogar
in den undifferenzierten Vorstellungen der revolutionären Sozial-
demokratie vom "Zukunftsstaat" fort und hat seine wohl stärkste
Verankerung in der Weimarer Republik gefunden, als die SPD den
bürgerlichen Staat zu "ihrer Republik" erklärte. Die "Modell-
Deutschland-Ideologie" der SPD, mit dem Eintritt in die sozialli-
berale Regierung auf breitester Grundlage entwickelt, hat diese
Illusion einer möglichen Übernahme des bürgerlichen Staatsappa-
rats nicht durch, scheinbar aber im Dienste der Arbeiterklasse,
weiter befestigt.
Gleichzeitig ist mit dieser Illusion jedoch ein handlungsorien-
tierendes Moment verbunden, das diesen Bewußtseinsinhalt als Ent-
wicklungsform ausweist, dies freilich nur als momentan unwirksame
Keimform, nicht als entwickeltes Motiv. Wie die entsprechende
Theorie von der Übernahme des bürgerlichen Staates den an sich
richtigen Gedanken des Kampfes um die politische Macht enthielt,
in der Verkennung des Charakters bürgerlicher Institutionen aber
in den Revisionismus mündete, so enthält auch die dementspre-
chende Bewußtseinsform die Einsicht in die Notwendigkeit, über
politische Macht die eigenen Lebensinteressen zu regeln, verkehrt
sich aber durch die bewußtseinsmäßige Kopplung dieses Ziels an
den bloßen Wahlakt in sein Gegenteil.
Im "Staatsillusionismus" allerdings den Keim sozialistischen Be-
wußtseins zu entdecken, fällt um so schwerer, je mehr die konkre-
ten Auswirkungen dieser borniert defensiven Orientierung betrach-
tet werden. Dennoch sind die Bedingungen relativ klar benennbar,
unter denen der realistische Kern dieses Bewußtseinsinhalts die
Einsicht in die Notwendigkeit eigenen Handelns im politischen
Raum befördern kann. Zunächst freilich scheint gerade der
"Staatsillusionismus" dafür verantwortlich zu sein, daß große
Teile der Arbeiterschaft einerseits die gegen ihre eigenen Inter-
essen gerichtete Politik des Staates zwar kritisieren, anderer-
seits aber dennoch den Repräsentanten dieser Politik ihre Stimme
geben. Dabei darf nicht übersehen werden, daß die Erwartungen
sich nicht an den Staat an sich, sondern beim übergroßen Teil der
Arbeiterschaft an die Sozialdemokratie knüpfen. Solange diese an
der eigenen Basis und in den Gewerkschaften auf die
"Bremserfunktion" der FDP verweisen kann, ist das Auseinanderfal-
len von Erwartung an den Staat und tatsächlichem staatlichem Han-
deln eine scheinbar erklärbare Übergangserscheinung, die in der
Vorstellung vieler Arbeiter nur durch das Erreichen der absoluten
SPD-Mehrheit überwindbar ist.
In einer Befragung unter 284 Gewerkschaftern wurde deutlich, daß
selbst die Befürworter einer sozialistischen Entwicklung der BRD
zu 57,5 Prozent dem Statement zustimmten: "Die SPD muß die abso-
lute Stimmenmehrheit im Bundestag haben, dann wird sie schon
einen Weg zum Sozialismus finden." 41) Andererseits stand in der
zitierten Untersuchung diese Erwartung im krassen Gegensatz zur
Kritik an der gegenwärtigen Regierungspolitik, und als Arbeiter-
partei mochten nur rund 24 Prozent der Befürworter einer soziali-
stischen Politik die SPD einstufen. 42)
Ganz offensichtlich ist der Widerspruch zwischen Erwartung an
Staat und Sozialdemokratie auf der einen und den Realitäten auf
der anderen Seite zur Zeit der Untersuchung noch nicht so groß
gewesen, daß aus ihm der Zwang zur Aneignung neuer Bewußtseinsin-
halte entstehen konnte. Damit dies geschieht, müssen verschiedene
Bedingungen erfüllt sein, die sich nicht im Vergrößern der Wider-
sprüche erschöpfen. Das Individuum ist nur dann bereit, den Wi-
derspruch zwischen Anspruch und Realität durch zielgerichtetes
Handeln zu überwinden, wenn die Handlung unausweichlich und das
Ziel der Handlung erkennbar ist. Anderenfalls überwiegt die Ten-
denz zum Einrichten im Bestehenden, zum ängstlichen Festhalten an
den vertrauten Strukturen oder zur Flucht aus den Widersprüchen
in die scheinbar ungefährdete Privatheit.
In welche Richtung sich das Staatsbewußtsein der Arbeiterklasse
in der BRD entwickeln wird, ist schlecht prognostizierbar. Angeb-
bar ist aber, unter welchen Bedingungen das Anspruchsniveau ge-
genüber dem Staat und der zwischen diesem Bewußtseinselement und
der Realität auftretende Widerspruch zu einem bewegenden Moment
werden können. Die objektiven Bedingungen sind mit dem Sinken des
Realeinkommens, dem massiven Sozialabbau und der immer sichtbarer
werdenden Ausrichtung des Staatshaushalts an den Erfordernissen
der Hochrüstung bereits gegeben. Daß diese Entwicklung zumindest
ihren Niederschlag im Bewußtsein der aktiven Arbeiter findet,
zeigen Beschlüsse der Gewerkschaften, demonstrieren gerade auch
die Aktivitäten gewerkschaftlicher Funktionäre und Gremien in der
Friedenspolitik. Ausschlaggebend für die weitere Entwicklung des
Massenbewußtseins dürfte jedoch der subjektive Faktor sein, der
die Voraussetzungen für das Austragen der objektiven Widersprüche
schafft.
Zwei Elemente des subjektiven Faktors sind dabei als entschei-
dende zu nennen: Die Verbreitung einer Theorie, die die gegenwär-
tigen Widersprüche erklärt, die an die vorhandenen Bewußtseins-
formen anknüpfen kann und dazu beträgt, das Unverständliche ver-
stehbar zu machen; darüber hinaus die Propagierung von Aktions-
formen, die dem Bedürfnis nach Überwindung der Fremdbestimmung
entsprechen, die Entwicklung neuer poduktiver Bedürfnisse voran-
treiben und zu dauerhaften Überzeugungen führen.
Der Entwicklung dieser Elemente im subjektiven Faktor der BRD-Ge-
sellschaft stehen jedoch erhebliche Schwierigkeiten entgegen. Der
jahrzehntelange Antikommunismus, das Totschweigen der DKP mehr
noch als ihre Dämonisierung und die zweifellos vorhandenen propa-
gandistischen und organisatorischen Schwächen der Kommunisten be-
hindern die der realen Lage angemessene Verbreitung des wissen-
schaftlichen Sozialismus. Gleichzeitig zeigen sich aus Angst und
Unsicherheit über die Sicherung der menschlichen Lebensbedingun-
gen geborene, fortschrittsfeindliche und im ganzen resignative
Ideologien, von denen noch nicht klar ist, wie weit sie von Ein-
fluß auf die Zukunftserwartungen der Arbeiterklasse sind. Zu be-
fürchten ist jedoch, daß die irrrationale Flucht aus den Wider-
sprüchen in eine scheinbar heile Vergangenheit und die Beschwö-
rung der Grenzen menschlicher Entwicklung den Glauben an die Ma-
chbarkeit der Geschichte durch die handelnden Menschen beein-
trächtigt. Eng damit verbunden ist das Problem der Vermittlung
angemessener Handlungsorientierungen und Aktionsformen. Zwar hat
die bundesdeutsche Arbeiterklasse, beginnend mit den September-
streiks 1969, neue Kampferfahrungen gesammelt, die Ergebnisse
vieler Streikkämpfe blieben jedoch weit hinter den Erwartungen
der Teilnehmer zurück, und das spontane, das Gefühl der Fremdbe-
stimmtheit überwindende Moment hat sich erst in wenigen Streik-
kämpfen herausbilden können.
All diese Feststellungen dürfen jedoch nicht den Blick für die
weiterführenden Bedingungen, für das Neue, verstellen. Neu ist
z.B., daß die aktiven Gruppen der Arbeiterklasse der BRD über das
Betriebsverfassungsgesetz und abgesichert durch einige Bildungs-
urlaubsgesetze in den Ländern in einem bisher noch nicht gekann-
ten Ausmaß an politischer Bildung teil haben, die in ihrer Ten-
denz überwiegend antikapitalistisch ist und auch marxistische An-
sätze integriert. Und was die Handlungsorientierung betrifft, so
tragen die Verschmelzung von Ökonomie und Staat im staatsmonopo-
listischen Kapitalismus wie aber eben auch das hohe Anspruchsni-
veau der bundesdeutschen Arbeiter gegenüber dem Staat dazu bei,
daß sich die Forderungen immer häufiger direkt an die staatlichen
Institutionen richten, daß die Grenzen von ökonomischen und poli-
tischen Forderungen fließender werden.
Wenn eingangs festgestellt wurde, daß das Neue zunächst nicht als
Massenerscheinung auftritt, so muß gerade bei der Analyse von
Entwicklungstendenzen nach dem Besonderen Ausschau gehalten
"werden, das die Bedingungen der Entwicklung m sich trägt. Auch
Lenin würdigte die ersten "kommunistischen Subbotniks" zu einer
Zeit, als sie eine noch verschwindende Ausnahme in der jungen So-
wjetunion waren, mit einem ganzen Aufsatz, um aus dieser gering-
fügig erscheinenden Ausnahme das Neue der sozialistischen Arbeit
zu erläutern. 43) Er schrieb dazu: "Wir müssen die Keime des
Neuen sorgsam untersuchen, ihnen die größte Aufmerksamkeit entge-
genbringen... " 44) Das gleiche scheint mir sowohl für die wis-
senschaftliche Analyse als auch für die praktische Politik in der
gegenwärtigen Entwicklungsetappe der BRD zu gelten. Hier gilt es
zu beobachten, wo sich in den ökonomischen Kämpfen und m den an-
deren sozialen Bewegungen Handlungsorientierungen gegenüber den
staatlichen Institutionen herausbilden, die vor dem Hintergrund
des hohen Anspruchsniveaus, das sich auf den Staat richtet, Keime
eines neuen Staatsbewußtseins erkennen lassen.
Ein solches geringfügig erscheinendes Beispiel neuer Handlungso-
rientierung lieferten am 12. Mai 1981 ca. 1500 Metallarbeiter im
ostfriesischen Leer. Aus Protest gegen Pläne des AEG-Konzerns,
750 Arbeitsplätze im dortigen Olympia-Zweigwerk zu vernichten,
blockierten die Beschäftigten im Anschluß an eine Demonstration
zuerst eine Ampelkreuzung und besetzten anschließend das Rathaus,
das sie erst verließen, als der Bürgermeister eine Rats-Sonder-
sitzung zur Behandlung der AEG-Pläne versprach. 45)
Zweierlei kommt in diesem Beispiel zum Ausdruck: Das im sogenann-
ten "Staatsillusionismus" aufgehobene Erwartungsniveau kann nicht
nur zu direkten Aktionen gegenüber staatlichen Institutionen füh-
ren, die Handlungen selbst sind auch abhängig von der Form, in
der gesellschaftliche Auseinandersetzungen aktuell geführt wer-
den. Die Erwartungen an den Staat schließen keinesfalls ein, daß
sich die Arbeiterklasse in jedem Fall auch an den staatlich sank-
tionierten Verhaltensnormen orientiert, sie greift spontan auch
zu anderen Kampfformen, wenn diese in anderen sozialen Konflikt-
feldern zum gängigen Mittel werden. Das Durchbrechen der Verhal-
tensnormen aber schafft die Voraussetzungen für gedankliche Anti-
zipationen, in denen nicht nur die Ziele, sondern auch die Struk-
turen des Staatsapparates hinterfragt werden, die Hegemonie im
Staat notwendig zur Kernfrage wird.
_____
1) Vgl. dazu: Karin Priester, Zur Staatstheorie bei Antonio Gram-
sci, Argument 104, S. 515 ff
2) Ebenda, S. 524
3) Michael Jäger, Marxistische Staatstheorie, Argument 124, S.
801
4) Ebenda, S. 802
5) Ebenda, S. 801
6) Ebenda
7) Karl Marx, Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie, MEW
13, S. 631 f.
8) Werner Kudera u.a.: Gesellschaftliches und politisches Bewußt-
sein von Arbeitern, Frankfurt/M. 1979, S. 18
9) Ebenda S. 269
10) Ebenda S. 344
11) Kritisch sind unter diesem Gesichtspunkt auch die folgenden
Untersuchungen zu werten: Walter Nickel, Zum Verhältnis von Ar-
beiterschaft und Gewerkschaft, Köln 1974 und Christiane Bierbaum
u.a., Ende der Illusionen? - Bewußtseinsänderungen in der Wirt-
schafskrise, Köln 1977
12) Horst Kern / Michael Schumann, Industriearbeit und Arbeiter-
bewußtsein, Frankfurt/M. 1973, Teil II, S. 205
13) Vgl. dazu Frigga Haug, Dialektische Theorie und empirische
Methodik, Argument 111, S. 653
14) Kudera u.a., a.a.O., S. 293
15) Ebenda, S. 292
16) Ebenda, S. 293
17) Ebenda, S. 348
18) Ebenda, S. 292
19) Ebenda, S. 280
20) Ebenda, S. 281 f.
21) Ebenda
22) Ebenda, S. 283
23) Ebenda, S. 285
24) Ebenda, S. 287
25) Ebenda, S. 285
26) Ebenda,
27) Ebenda, S. 287
28) Ebenda, S. 289
29) Ebenda
30) Ebenda, S. 290
31) Lenin, Staat und Revolution, Werke 25, S. 474
32) Ebenda
33) Vgl. Hartmut Klatt, Die Verbeamtung der Parlamente, Aus Poli-
tik und Zeitgeschichte, Beitrag zur Wochenzeitung Das Parlament,
11.11.80, S. 33; Staatsmonopolistischer Kapitalismus der Bundes-
republik Deutschland in Daten und Fakten, hrsg. vom IMSF, Frank-
furt/M. 1981, S. 285 ff
34) Ebenda
35) Ebenda
36) Bierbaum u.a., a.a.O., S. 123 ff
37) Ebenda, S. 213
38) Ebenda, S. 124
39) Morus Markard, Die Fragwürdigkeit der Skalierung von Arbei-
terbewußtsein, in: K.H. Braun u.a., Kapitalistische Krise, Arbei-
terbewußtsein, Persönlichkeitsentwicklung, Köln 1980, S. 84
40) Vergl. dazu: J.H. von Heiseler, Die elementare Basis bürger-
lichen und sozialistischen Bewußtseins in der Arbeiterklasse, in:
Marxistische Studien - Jahrbuch des IMSF 2/1979, S. 370 ff und
Harald Werner, Arbeiterbildung und gesellschaftliches Bewußtsein,
Köln 1979
41) Werner, a.a.O., S. 309
42) Ebenda
43) Lenin, Die große Initiative, Werke Bd. 29, S. 396 ff
44) Ebenda S. 415
45) UZ vom 14.5.81, S. 1
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