Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982


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MATERIALISTISCHE STAATS- UND ÜBERBAUTHEORIE HEUTE - DISKUSSIONSBERICHT

Achim Bühl Zu einer "Diskussionsrunde über materialistische Staats- und Überbautheorie heute in der BRD" hatte das IMSF für den 24. April 1982 Vertreter linker Gruppen und Arbeitszusammenhänge eingela- den, die sich mit diesen Fragen wissenschaftlich beschäftigen, dazu publiziert haben und publizieren und im Selbstverständnis einen materialistischen Ansatz vertreten. Ausgangsbasis für das IMSF waren jüngst veröffentlichte Arbeitsergebnisse (Beiträge in Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 4, 1981 und IMSF-Beiträge 6/I, Der Staat im staatsmonopolistischen Kapitalismus der BRD, Frankfurt/Main 1981) und die Ansicht, daß es im wechselseitigen Interesse liegen könnte, die Positionen, Begründungszusammenhänge und Arbeitsperspektiven der auf diesem Gebiet tätigen linken Pro- duzenten so genau wie möglich zu kennen. "Die Auseinandersetzung ist nur halb so gut", hieß es in der Einladung, "wenn sie durch Vorurteile und Unkenntnis geprägt ist. Hier läge nach unserer An- sicht die Funktion der Zusammenkunft." Der Einladung kamen nach Vertreter der Zeitschrift "Das Argument" (W. Elfferding, M. Jäger), der Zeitschrift "Probleme des Klassen- kampfes" (F.O. Wolf), der Zeitschrift "Konsequent", der Zeit- schrift "Sozialist" (W. Krumbein, W. Schäfer), der Sozialisti- schen Studiengruppen - SOST (J. Bischoff, K. Voy) sowie H.-U. Deppe und weitere Kollegen aus Düsseldorf und Marburg. Die Posi- tionen des IMSF vertraten Ch. Butterwegge, G. Hautsch, H. Jung, J. Schleifstein. Im Diskussionsbericht führen wir nachfolgend bei Beiträgen und Positionen der Übersicht halber nur die Gruppen, aber nicht mehr die Einzelpersonen an. Die Vertreter von ARGUMENT (vgl. auch den Diskussionsbeitrag von M. Jäger in dieser Ausgabe von Marxistische Studien. Ihm liegt das Thesenpapier zur Diskus- sionsrunde zugrunde), PROKLA, SOZIALIST, SOST hatten schriftliche Thesen vorgelegt, das IMSF als Darstellung seiner Position den Aufsatz "'Korporatismus' statt 'Etatismus'?" (Jahrbuch 4, 1981). Soweit nachfolgend Textstellen zitiert werden, stammen sie aus diesen Thesen. Die Diskussionsrunde erörterte in der Reihenfolge die nachfolgen- den drei Problemkomplexe: I. Grundbestimmungen des Staates (Herrschaftsinstrument, Verdich- tung von Kräfteverhältnissen, Besonderung?) II. Vergesellschaftung und Staatsfunktionen im heutigen Kapita- lismus (Sozialfunktion u.a.) III. Formierung und Struktur des herrschenden Überbaus (Korporatismus als Strukturproblem und Herrschaftsform u.a.) I. Im ersten Problemkomplex ging es um die Darstellung der Wesensbe- stimmung des heutigen Staates in der BRD und um den Bezug dieser Bestimmung zur Marxschen Theorie. Seitens des IMSF wurde an dem Sachverhalt angeknüpft, daß die SMK-Theorie deshalb kritisiert wird, weil sie auch den Staat im heutigen Kapitalismus als Instrument der Klassenherrschaft des Kapitals bzw. des Monopolkapitals ansehe. In der Polemik werde dies als Instrumentalisierung des Staates durch die SMK-Position bezeichnet. In der Tat sehe die SMK-Theorie den Staat in der Tra- dition von Marx und Engels als Instrument der Klassenherrschaft. Der Begriff Instrument werde hier in seiner philosophischen Be- deutung gebraucht. Schließlich gebe es keine gesellschaftliche Einrichtung, welche nicht Mittel für irgendeinen Zweck sei, denn sonst sei sie ja Selbstzweck. Die Grundthese sei somit, daß der Staat Instrument für bestimmte politische, ideologische und öko- nomische Zwecke bestimmter Gesellschaftsgruppen sei, ein Mittel - und zwar jeweils konkret historisch - von bestimmten Klassen, ein Instrument bestimmter Klassenkräfte, und er dies auch geblieben sei. Der Staat sei jedoch - und dies habe besonders Lenin unter- strichen - zugleich Resultat des Klassenkampfes. Man habe nie ge- leugnet, daß der Staat zugleich eine Verdichtung der jeweiligen Kräfteverhältnisse der Klassen sei. Die Frage bleibe jedoch in Richtung Poulantzas und Laclau, ob die Begrifflichkeit der Ver- dichtung von Klassenkräften die Dominanz einer bestimmten Klasse oder einer Fraktion einer Klasse ausschließe. Diese Frage müsse mit einem klaren Nein beantwortet werden. Bis auf ganz seltene Übergangsformen habe es keinen Staat ohne eine solche Dominanz gegeben. Ein zweites Problem bei der Verdichtungsthese - gerich- tet an die Vertreter des ARGUMENT - bestehe darin, daß man, aus- gehend von der Dominanz einer bestimmten Klasse bzw. einer be- stimmten Klassengruppierung innerhalb eines solchen Kräftever- hältnisses - dessen Ausdruck der Staat sei -, betonen müsse, daß der Staat in seinen Institutionen und Apparaten wesentlich ein Herrschaftsmittel sei. Dem hielt der Vertreter von PROKLA entgegen, daß Nichtselbst- zwecksein nicht schon Instrument heißen müsse. Das Modell Hand- werker-Handwerkszeug sei dem Staat nicht angemessen. Etwas könne durchaus ein Mittel sein, ohne deshalb Instrument eines Subjekts zu sein. Seine eigene Position bestimmte er in seinen Thesen wie folgt: "Staat als verselbständigte politische Herrschaftsgewalt beruht letztlich immer auf einer spezifischen Kombination von 'Herrschaft' und 'Führung'. D.h. auf einer Verbindung eines zen- tralisierten Gewaltapparates mit dezentralen ideologischen Füh- rungsapparaten bzw. auf dem (tendenziellen) Monopol der physi- schen Gewalt mit der ideologischen Hegemonie. Hierin ist immer schon der Trend angelegt, daß der Widerstand zwischen 'Sicher- heit' und 'Zustimmung', zwischen 'Zentralisierung der Staats- apparate' und 'staatlicher Durchdringung der Gesellschaft' zu einem zentralen Thema der staatlichen ebenso wie der anti- staatlichen Politik wird... Staat als spezifisch ökonomische In- stanz beruht letztlich auf der Möglichkeit der äquivalentlosen Aneignung von Wert (Steuerstaat) sowie der unmittelbaren, eben- falls äquivalentlosen Aneignung von Arbeitsvermögen (Wehrdienst, Zwangsarbeit, Schulpflicht). Hierin ist bereits der Widerspruch angelegt, daß die Wahrnehmung der funktional für die Reproduktion des Kapitals erforderlichen formellen und materiellen Staatsfunk- tionen zugleich zu einer Austrocknung der Springquellen der kapi- talistischen Akkumulation führen kann... Staat als Nationalstaat beruht auf der ausschließlichen Verfügung über die beiden elemen- tarsten materiellen Voraussetzungen der Akkumulation des Kapi- tals, die lebendige Arbeit und die Erde (als allgemeinsten Ar- beitsgegenstand), d.h. über ein Staatsvolk und ein Territorium." Gegen die IMSF-Position hoben die Vertreter des ARGUMENT hervor, daß die Charakterisierung als Instrument den souveränen Umgang mit dem Werkzeug signalisiere, und zwar nach bestimmten Zwecken und Regeln. Der Staat könne jedoch im Kern so nicht begriffen werden. In der Funktionsweise des Staates gebe es sehr wohl In- strumentbeziehungen bzw. Instrumentalisierungen, dennoch sei der Staat im Kern nicht als Instrument zu fassen. Es müsse die Cha- rakterisierung des Staates als sozialtranszendente Macht, als il- lusorisches Gemeinwesen beachtet werden. Aus den Äußerungen von Marx, Engels und Lenin folge für sie keine kohärente Theorie im Sinne einer Instrumentalisierung. Die Dominanz einer Klasse sei für sie mit der Vorstellung des Staates als Verdichtung des Kräf- teverhältnisses von Klassen nicht ausgeschlossen. Sie bedeute, daß der Staat im Sinne der Reproduktion bürgerlicher Herrschaft und ihrer Ausübung funktioniere. Bewußt zu diesem Zweck werde der Staat jedoch nicht eingesetzt. Entsprechend war in den ARGUMENT- Thesen formuliert worden: "Immer wieder zitierte Formulierungen von Marx und Engels über den Staat als 'Herrschaftsinstrument' der Bourgeoisie usw. müssen im historischen Kontext der Polemiken gegen preußische Staatsvergottung und Hegelschen Staatsidealismus gesehen werden. Sie sind nicht falsch, aber sie antworten nicht unbedingt auf unsere Fragen nach Funktion und Perspektive des Staates im entwickelten Kapitalismus... Z.B. entfernt der Begriff des 'Instrumentes' die Klasse zunächst einmal aus dem Staat und stellt ihn als Neutrum neben die Klasse." "Ein entscheidender Fortschritt in der Staatstheorie scheint mir in diesem Sinne zu sein, den Staat nicht als 'Instrument der Klassenherrschaft' auf- zufassen - wonach die Arbeiterklasse dann immer nur in Gestalt ihrer Berücksichtigung' durch die Politik der Bourgeoisie im Staat vorkommt ", sondern als 'Verdichtung eines Kräfteverhält- nisses' zwischen Klassen (Poulantzas). Dieser Begriff stellt den Staat in den Klassenkampf hinein." In der Sicht der Vertreter des ARGUMENT impliziert der Instru- ment-Begriff, daß die Staatsmacht wie ein Werkzeug ergriffen wer- den könne. Der Werkzeugbegriff des Staates führe völlig in die Irre. Diese These werde durch die real vorfindbare Machtspaltung zwischen christdemokratischem und sozialliberalem Parteienblock in den westeuropäischen Ländern widerlegt. Durch diese Machtspal- tung entstehe der Eindruck, daß man sich ihr einordnen müsse ("das kleinere Übel wählen"). Gerade über diesen ideologischen Mechanismus ließen sich die unterworfenen Klassen integrieren, ein derartiger Mechanismus sei mit der Begrifflichkeit des Werk- zeuges jedoch nicht mehr faßbar. Damit plädierten sie allerdings nicht dafür, daß es nur noch integrative Mechanismen gebe bzw. daß die Integration überwiege. Gegenüber dieser Ansicht machte der Vertreter der SOST geltend, daß es abwegig sei, den Instrument-Begriff analog zum Werkzeugbe- griff des Arbeitsprozesses zu interpretieren. Ohnehin müsse man immer von der gesellschaftlichen Form ausgehen, in der der Ar- beitsprozeß sich vollziehe. Es könne sich daher nicht um die Ver- gleichbarkeit der Staatsproblematik mit dem Strukturzusammenhang im Arbeitsprozeß handeln. Die eigentliche Frage sei vielmehr, ob das Basis-Überbau-Konzept uns anleite, das Primäre zu erkennen, und wie Primäres und Abgeleitetes (Basis und Politik/Ideologie) gedacht und analytisch verbunden werden könnten gemäß den Struk- turen und Widersprüchen im primären Produktionszusammenhang selbst. An die Vertreter des ARGUMENT wandte sich sein Vorwurf, daß man klar benennen müsse, was das Primäre bzw. die Basis sei. Die ARGUMENT-Richtung kritisiere zwar andere Erklärungsansätze wie die Instrumentalisierung, sei selbst jedoch nicht fähig, be- grifflich zu umreißen, was die Basis des Staates eigentlich sein solle und wie sich die abgeleiteten Strukturen dazu verhielten. Die Basis könne man natürlich nicht ohne Bewußtsein aufweisen, Ökonomie bedeute nicht einfach Gesetze ohne Subjekte, die Repro- duktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals laufe mit den Sub- jekten und ihrem Bewußtsein ab. Die eigentlichen Streitpunkte seien daher, was als Bewußtsein bereits in der Ökonomie vorhanden sei, wie man das Verhältnis unbewußt/bewußt interpretiere, wie sich gesellschaftliches Bewußtsein weiterentwickele und bestimmte politische Kräfteverhältnisse ihrerseits mit Rückwirkungen auf den gesamten Reproduktionsprozeß zustande kämen. Erklärt werden müsse ferner, was für die spätkapitalistischen Gesellschaften ma- terialiter Überbau sei. In den SOST-Thesen war formuliert worden: "Es ist richtig, die Marxsche Basis-Überbau-Konzeption zur Grundlage der Analyse der Veränderung des kapitalistischen Staates und der Überbauten zu machen. Diese Konzeption enthält aber selbst eine - für den Mar- xismus weitreichende - These: Im Bereich der politischen Überbau- ten gibt es keine allgemeinen Gesetzmäßigkeiten, keine Formbe- stimmtheit des Prozesses...". "... ideologische Formen... sind vielmehr der übergreifende Begriff für alle nicht auf die materi- elle Produktion bezogenen Anschauungs- und Bewußtseinsformen." "Der Klassencharakter der ideellen und materiellen Verhältnisse im Überbau ist daher nicht allein und primär durch Herrschafts- verhältnisse bestimmt. Die Menschen in einer Gesellschaftsforma- tion gestalten nämlich auf der Grundlage der aus der materiellen Produktion hervorgehenden Ideenformationen ihren politischen, künstlerischen usw., kurz ideologischen Überbau selbst." Seitens des Vertreters von SOZIALIST wurde hervorgehoben, daß die Debatte über den Instrument-Charakter nicht überflüssig sei. Die empirischen und politischen Probleme lägen in der Frage, wer denn dieses Werkzeug bediene und wie sich der Klassencharakter der Ge- sellschaft in den Klassencharakter des Staates hinein vermittele. Die "Staatsableitung" - sich auf den Strukturzusammenhang be- schränkend - sei keine Erklärung des Zusammenhangs von Politik und Ökonomie. Die SMK-Theorie ihrerseits wiederum tendiere stark zu einer personalpolitischen Diskussion, indem sie ihr Augenmerk auf Verbände und Personen richte, welche ihre Interessen im Staatsapparat durchsetzten. Die Herstellung eines tragfähigen Zu- sammenhangs zwischen Struktur- und Handlungstheorie bezüglich des Staates müsse noch geleistet werden. Der hier noch vorliegende Dualismus müsse überwunden werden auch mit Hilfe der Auswertung bürgerlicher Untersuchungen wie etwa des Bereichs der Implementa- tionsforschung. Diese Feststellung gelte insbesondere im Unter- schied zu den Staatsanalysen des italienischen Eurokommunismus. Hier werde die Analyse von Institutionen bewußt in den Mittel- punkt gerückt. Der Schwerpunkt liege hier weniger im Nachweis, was die Linke mit den Institutionen des Überbaus nicht anfangen könne, sondern darin, in welcher Weise einzelne Institutionen im Sinne des Ziels einer Massendemokratie positiv benutzt und verän- dert werden könnten. Eine solche Schwerpunktlegung auf eine in- stitutionelle Staatsanalyse sei auch für die BRD-Linke anzustre- ben. "Diese institutionelle Staatsanalyse könnte sich einen Be- sonderungsbegriff zu Hilfe nehmen, der jenseits der Thematisie- rung eines höchst abstrakten Gegenüber von Staat und Gesellschaft sich konkret auf das jeweilige Maß der Anbindung von Institutio- nen an partialisierte oder gesellschaftliche Willensbildungspro- zesse und der nicht nur indirekten, sondern unmittelbaren Inter- ventionskraft in der Ökonomie bezieht." Die Diskussionspositionen aufgreifend, wurde seitens des IMSF für ein Festhalten am Instrument-Begriff plädiert. Er umschreibe in allgemeiner Form die Grundfunktion staatlichen Handelns (Abstraktionsniveau für verschiedene Formationen). Auch Gramsci habe festgehalten an der Bestimmung des Staates als Instrument der herrschenden Klasse. Nur so gerate das handelnde Subjekt nicht außer Blick. Man könne und müsse dann konkret bestimmen, wer eigentlich das handelnde Subjekt sei, welches seine Klassen- interessen im komplizierten Prozeß in staatliches Handeln um- setze, wer innerhalb der herrschenden Klasse sich in Teilappara- ten durchsetze. All diese Fragen erschlössen sich uns durch das Festhalten am Instrumentbegriff. Auf eine ARGUMENT-These einge- hend, wurde ausgeführt: Marx unterscheide im Kommunistischen Ma- nifest sehr wohl zwischen Macht und Herrschaft, gerade dafür sei die Basis-Überbau-Beziehung wesentlich. Die Begriffe Macht und Herrschaft würden eben unterschiedlichen Sphären bei Marx zuge- ordnet (ökonomische Herrschaft/staatlicher Überbau). Den Vorwurf des Klassenreduktionismus und des Ökonomismus, den man der SMK- Theorie mache, müsse man dann bereits an Marx und Engels richten, denn bei ihnen liege bereits das Primäre in der ökonomischen Klassenherrschaft, die politische Herrschaft werde daraus abge- leitet. Zu fragen wäre ferner, ob im SMK nicht sogar noch engere Strukturzusammenhänge zwischen Kapital und Staat bestünden als im vormonopolistischen Kapitalismus, die "Instrumentthese" also so- gar noch an Bedeutung gewinne. Solche Strukturzusammenhänge schlössen die handelnden Subjekte in jedem Fall ein. Demgegenüber betonte ein ARGUMENT-Vertreter, daß der Staat nicht als Instrument der Monopolbourgeoisie betrachtet werden könne, da sonst die Arbeiterklasse außerhalb stünde. Der Staat müsse viel- mehr als soziales Verhältnis begriffen werden, worin die Arbei- terklasse eingeschlossen sei. Hierfür sei Laclau gerade rich- tungsweisend. Seitens des IMSF wurde darauf erwidert, daß die Stellung des Pro- letariats im Kapitalverhältnis das der ausgebeuteten, der be- herrschten Klasse sei. Egal, ob der Staat als herrschender Appa- rat dieser oder jener Fraktion der Bourgeoisie diene, er sei ein die Arbeiterklasse als Gewalt- und Integrationsapparat beherr- schendes Instrument, ein Instrument der Klassenherrschaft. Ver- dichtung könne als deskriptive Kategorie verstanden werden, um exakter zu fassen, wie sich der Klassenkampf auf verschiedenen Ebenen materialisiert, Antagonismen zur Austragung kommen. Der Staat könne jedoch keinesfalls auf Verdichtung reduziert werden. Eine offene Frage sei in der Diskussion bisher, ob es etwa eine Instrumentalisierung des Staates durch die unterdrückte Klasse geben könne, was eine logische Konsequenz der "Verdichtungs- thesen" sei. Demgegenüber müsse betont werden, daß es eine Durchdringung des Staatsapparates, auch wesentlich im Sinne einer Außerkraftsetzung der Repressionsfunktion, nur in revolutionären Phasen geben könne, nicht jedoch im normalen Reproduktionsgang außerhalb einer revolutionären Krise. Ein weiterer IMSF-Vertreter wies darauf hin, daß der soziale Ge- halt des Machtbegriffes bei den Vertretern des ARGUMENT völlig unklar sei und die Tendenz etwa bei Jäger sichtbar werde, ihn - darin Foucault folgend - in psychische Strukturen aufzulösen. Ein SOST-Vertreter hob nochmals hervor, daß der entscheidende Diskussionspunkt darin liege, inwieweit eine Klasse als Hand- lungssubjekt anerkannt werde. Dabei sei es ein Fehler, dies ein- fach als Subjekttheorie zu sehen. Man müsse von objektiv ablau- fenden Gruppierungsprozessen sprechen. Die sozialen Verhältnisse stellten sich als objektive Gesetzmäßigkeiten dar, obwohl sie qua individuellem Handeln exekutiert würden. Falsch sei es, dies auf autonomes individuelles Handeln zurückzuführen. Die handelnden Subjekte könnten sich nur im sozialen Kontext, im politischen Raum konstituieren. Der PROKLA-Vertreter fragte nun danach, wie kollektives Handeln als Summe von individuellem Handeln zustande kommen könne. Die individuelle Handlungsfähigkeit nur im Rahmen von Klassenverhält- nissen zu betrachten, greife zu kurz. Wesentliche Bestimmungsver- hältnisse (z. B. das Verhältnis Mann-Frau) blieben dabei ausge- blendet. Individuelles Verhalten und Handeln gewinne auch politi- sches Gewicht (z. B. neue soziale Bewegungen). Die Wirkungsweise der sozialen Integration dürfe nicht auf raffinierte staatliche Handlungsstrategien reduziert werden. Der Vertreter von SOZIALIST fragte nach der Art und Weise, wie die bürgerliche Klasse herrsche. Es sei konkret zu fragen, wer denn nun herrsche und die herrschende Klasse sei, und vor allem, weshalb die herrschende Klasse eine über sie hinausreichende Mas- senbasis besitze. Die Arbeiterklasse könne sich auch selbst be- herrschen. Im Korporatismus werde manifest, daß Teile der herr- schenden und der beherrschten Klasse sich zusammentäten zwecks Regelung von Entscheidungen. Hier zeige sich, daß der Begriff der herrschenden Klasse die wahren Verhältnisse versimpele. Auf die Frage eines ARGUMENT-Vertreters antwortend, warum das allgemeine Wahlrecht die bürgerliche Herrschaft nicht gefährde, betonte ein IMSF-Sprecher, daß Herrschende und Regierende mit dem allgemeinen Wahlrecht formal getrennt worden seien. Dies ändere aber nichts am Klasseninhalt der Herrschaft. Im entwickelten Ka- pitalismus müsse eben die herrschende Klasse nicht personell identisch auch die politische Macht ausüben, um ihren Klassenin- teressen Geltung zu verschaffen. Der "Instrumentbegriff" trenne durchaus zwischen staatlich-politischer und ökonomischer Klassen- herrschaft. Dadurch, daß bestimmte Teile der Arbeiterklasse in den bürgerlichen Staatsapparat hineinwüchsen, verliere er jedoch nicht seinen Klassencharakter, dies sei vielmehr Ausdruck unter- schiedlicher monopolkapitalistischer Integrationsstrategien. Darauf erwiderte der ARGUMENT-Vertreter, daß ihm dies erneut zeige, daß die soziale Integration nicht nur Ergebnis strategi- scher Überlegungen des Kapitals sein könne. Das Theorem der letz- tinstanzlichen Determination des Politischen durch die Ökonomie greife eben nicht. Laclau habe sehr deutlich gezeigt, daß die Po- litik noch einmal auf die Ökonomie übergreife. Zum Schluß der Diskussion über diesen Themenkomplex hob ein IMSF- Vertreter hervor, daß man den Instrumentbegriff als historisch gewachsenen Begriff betrachten müsse. Die Bezeichnung "Staat als Instrument der herrschenden Klasse" werde sowohl von Rosa Luxem- burg als auch von Lenin benutzt. Es müsse gefragt werden, ob es zwingende Gründe gebe, welche dafür sprechen, diesen Begriff fal- lenzulassen. Der Staat sei in erster Linie politische Klassen- macht. Seine Existenz erwachse aus dem Klassenantagonismus in der Gesellschaft. Die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft brauche als klassen- antagonistische Gesellschaft die Ausdehnung und Sicherung der ökonomischen Macht durch politische Mittel, durch den Staat. Es habe allerdings bestimmte Tendenzen in der SMK-Theorie gegeben in Richtung "Macht der 100 Familien". Dies seien jedoch lediglich Vereinfachungen auf der politisch-agitatorischen Ebene in der An- fangszeit gewesen. Zu fragen sei ferner, was Klassenreduktionis- mus als Vorwurf eigentlich bedeuten solle. Wenn es bedeute, daß die SMK-Theorie staatliche Herrschaft in historischer Abstraktion und Verallgemeinerung auf politische Klassenherrschaft "reduziere" - reduzieren im Sinne einer wissenschaftlichen Ab- straktion ", könne er darin alles andere als einen Vorwurf erblicken. Wenn man damit primitive Versimpelungen meine in dem Sinne, als ob überhaupt im politisch-staatlichen Bereich nichts anderes wirksam wäre als bewußtes Vertreten des monopolkapitali- stischen Klasseninteresses, renne man nur offene Türen ein. II. Im Mittelpunkt des zweiten Komplexes standen Diskussionen über den Vergesellschaftungsbegriff sowie über die Einschätzung staat- licher Sozialpolitik. Vertreter des IMSF wiesen darauf hin, daß Vergesellschaftung ein von der Basis ausgehender und übergreifender Prozeß sei, welcher auch das Milieu bestimme, in dem sich Repressionsfunktionen re- alisierten. Ohne die Begrifflichkeit der Vergesellschaftung könne auch die Problematik des Korporatismus, welche man selber mit der Begrifflichkeit "staatsmonopolistische Verflechtung" umreiße, nicht erklärt werden. Im Vergesellschaftungsprozeß sei nämlich nicht nur das Problem des Antagonismus der Grundklassen im enge- ren Sinne und der Auswirkungen auf den Überbau zu sehen, sondern indem man Vergesellschaftung der Arbeit und der Produktion als einen Prozeß der historischen Entwicklung des gesellschaftlichen Charakters der Arbeit fasse, gehe man so vom Gesamtreproduktions- prozeß aus und verbinde damit vor allem die Herausbildung staats- monopolistischer Strukturen. Daher seien nicht mehr nur einfach im traditionellen Sinne privat-kapitalistische Eigentumsverhält- nisse zu analysieren, sondern eben staatsmonopolistische Eigen- tumsverhältnisse, welche festzumachen seien an der Funktion, die der Staat im Gesamtreproduktionsprozeß des Systems spiele, sowie an gemischten Eigentumsformen. Vertreter des ARGUMENT betrachteten als wichtiges ungelöstes Pro- blem der praktischen Staatserfahrung und der Staatstheorie das Verhältnis von wachsenden Aufgaben der Vergesellschaftung und von Repression des Staates. Der Ausbau des Repressionsapparates sei nur eine andere Form der "Vergesellschaftung" als "Sozialpo- litik". Die Di-chotomisierung des "Staates des SMK" in seine Vergesellschaftungsfunktion und in seinen Charakter als "Herrschaftsinstrument" stelle eine sozialistische Praxis vor falsche Alternativen. Sie lege die Vorstellung nahe, daß nach ei- ner "Machtübernahme" die Früchte der Vergesellschaftung einfach geerntet werden könnten. Diese Vorstellung werde gestützt durch die Bestimmung der Herrschaftsfunktion des Staates als Instrument der herrschenden Klasse. Sie verstelle den Blick für die Bedeu- tung des Staates als "ideologische Macht", die Kompetenzen der Selbstvergesellschaftung an sich gezogen und zentralisiert habe. Ein sozialistisches Projekt müsse von vornherein als Rücknahme von Vergesellschaftungskompetenzen in die Gesellschaft konzipiert werden, ohne daß damit anarchistische Illusionen verknüpft seien. Die Auffassung des Staates als Vergesellschaftungs- und Herr- schaftsinstrument blende die ideologietheoretische Problematik und das Programm des "Absterbens des Staates" aus. Das Verständ- nis des Staates als "ideologische Macht" stelle die Form der Ver- gesellschaftung (Selbstvergesellschaftung vs. Fremdvergesell- schaftung, Vergesellschaftung von oben/von unten) in den Mittel- punkt. Sie mache sensibel für die Folgen der Staatlichkeit in al- len gesellschaftlichen Bereichen und projektiere ihre Umarbeitung durch die Kompetenzerweiterung der Massen von Anfang an. Eine derartig ideologietheoretisch angelegte Staatsanalyse liege ge- wissermaßen quer zur Begrifflichkeit des "SMK-Staates". Sie be- jahe das Erbe der Vergesellschaftungsfunktion und negiere die Herrschaftsfunktion, aber sie stelle darüber hinaus eine neue Frage: Wie können die Resultate des kapitalistischen Vergesell- schaftungsprozesses beerbt werden? Dies sei nur durch die Erwei- terung der politischen Handlungsfähigkeit der Massen selbst, durch ihre antietatistische Aktion möglich. Ein leitender Ge- sichtspunkt der Staatstheorie müsse daher die Rücknahme des Staa- tes in die Gesellschaft sein. Die Vertreter von SOZIALIST betonten den Unterschied zwischen der Vergesellschaftung insgesamt und staatlicher Vergesellschaftung. In der "Vergesellschaftungsforschung" sehe man den Vorteil, daß der Vergesellschaftungsbegriff von der abstrakten Ebene des Wi- derspruchs zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen auf die empirische Ebene der Unterscheidung alternativer Verge- sellschaftungsformen - staatliche Vergesellschaftung, korporative Vergesellschaftungsformen (z.B. Bi- oder Tripartismus), Selbst- verwaltung des Kapitals oder der Arbeit bzw. diverse Mischformen - heruntergeholt werde. Als zentrale Grundthese betrachte man die Vorstellung, daß der wachsende Organisationsbedarf im Kapitalis- mus nicht nur zu staatlichen Organisationstypen führe, sondern recht häufig zu Konfliktlösungsmechanismen am Staat vorbei. Ge- rade eine solche Vergesellschaftung am Staat vorbei, was vor al- lem korporatistische Phänomene belegten, sei möglich und zuneh- mend zu beobachten. Sozialistische Politik habe alle verschie- denen Formen von Vergesellschaftung darauf hin zu überprüfen, in- wieweit sie für eine sozialistische Reformpolitik dienstbar ge- macht werden könnten. Im Sinne eines "dritten Weges zum Sozialis- mus" könne es weder um einseitige Staatsfixierung noch um moder- nistischen Antietatismus gehen, sondern um die Berücksichtigung vielfältigster Organisationsformen im Rahmen eines pluralistisch angelegten Institutionensystems der Übergangsgesellschaft. H.-U. Deppe ging auf die Frage der Sozialpolitik in der heutigen kapitalistischen Gesellschaft am Beispiel des Gesundheitswesens ein. Nach seiner Ansicht ist gerade hier die Verflechtungs- und Instrumentalisierungsthese (für Klasseninteressen) empirisch sehr gut belegbar. In diesem Bereich seien vor allem korporatistische Strukturen weit entwickelt und relativ stabil. Nach Ansicht des Vertreters von PROKLA ist die Hervorhebung der Monopolisierung und der Sozialfunktion für den heutigen bürgerli- chen Staat bzw. die kapitalistische Gesellschaft mechanistisch. Demgegenüber betonte er die Notwendigkeit der Herausarbeitung von in der gegebenen Situation alternativen Politikmodellen. Die Vertreter der SOST wandten sich zum einen gegen die These von der bestimmenden Rolle staatsmonopolistischer Produktionsverhält- nisse im heutigen Kapitalismus und zum anderen gegen die Hervor- hebung einer Sozialfunktion als Charakteristikum des heutigen ka- pitalistischen Systems. Diese Thesen könnten empirisch nicht ge- stützt werden, weil der Umverteilungsanteil - ziehe man die mone- tären Transfers ab - gering bleibe. Ihre These lautet, "daß der Haupteffekt des sozialstaatlichen Transfersystems in einer Umver- teilung der Revenue der privaten Haushalte besteht, vor allem in der Umverteilung von Einkommensbestandteilen von der erwerbstäti- gen zur akut nicht (Krankheit, Arbeitslosigkeit) oder nicht mehr (Rentner) erwerbstätigen Bevölkerung". "Die Stabilisierung von monopolistischen Produktions- und damit Ausbeutungsverhärtnissen vermittels der ökonomischen und sozialpolitischen Potenz des Staates ist somit höchst fragwürdig. Wenn der Ressourcentransfer des Staates zugunsten der Monopole nicht die eigentliche Qualität des 'Sozialstaates' ausmacht, sondern statt dessen ein kompli- ziertes Umverteilungssystem von Revenuebestandteilen unter den privaten Haushalten, dann wird in der SMK-These auch der Klassen- charakter dieses Systems falsch bestimmt." Der derzeitige Sozi- alabbau sei nicht einfach als Scheitern eines bestimmten Akkumu- lationstyps zu begreifen, er sei auch Ausdruck dessen, daß Formen von Sozialaktivität und neue Bedürfnisse von den alten Strukturen nicht mehr eingefangen werden könnten. Diesen Themenkomplex abschließend, wandten sich die Vertreter des IMSF gegen die These einer Vergesellschaftung am Staat vorbei. Wenn seit der Krise 74/75 verstärkte Orientierungen auf "nichtstaatliche" Regulierungsformen zu beobachten seien, dann sei dies Ausdruck einer spezifischen staatsmonopolistischen Stra- tegie ("privatmonopolistische Entwicklungsvariante des SMK"). Die Behauptung, im staatlichen Handeln kämen auch Systeminteressen des Kapitalismus zum Ausdruck, bedeute keineswegs, daß deswegen nur eine einzige Herrschaftsstrategie möglich sei. Um die typi- schen Merkmale des bürgerlichen Staates heute, seiner Tendenzen und seiner Basis zu analysieren, müsse man in erster Linie auf die durch die Vergesellschaftung, Monopolisierung und Internatio- nalisierung hervorgerufenen Zusammenhänge für den Überbau und speziell den Staat aufmerksam machen, welche eine engere Ver- flechtung der Monopole mit dem Staatsapparat und generell mit dem Staat, die Verschmelzung bzw. Verflechtung der Macht von Monopo- len und Staat bewirkten. Ein spezifisches Merkmal und eine Beson- derheit des SMK-Staates sei gerade die Verdichtung der staatli- chen Sozialpolitik und ihr Umschlag in eine sozialpolitische Staatsfunktion. Grundlage seien der Vergesellschaftungsprozeß der Reproduktion der Arbeitskraft und die zunehmende soziale Instabi- lität der Gesellschaft. Ihre unmittelbare Antriebskraft sei die Reaktion des Systems auf den sozialen Druck und Klassenkampf der Arbeiterklasse unter den neuen welthistorischen Konstellationen. Ein wesentlicher Verflechtungsbereich sei damit gerade der ge- samte Sozialbereich, die Sozialversicherungen und -kassen, die Leistungsträger und ihre Organisationen und Verbände etc. Auch für das Gesundheitssystem seien daher Überlegungen angebracht, ob wir es hier schon mit staatsmonopolistischen Komplexen zu tun hätten. III. Der letzte Diskussionskomplex konzentrierte sich vor allem auf die Interpretation des Korporatismus, und zwar vorwiegend unter dem Gesichtspunkt der Strukturierung des Überbaus als Herr- schaftsstrategie. Aus Zeitmangel konnte auf die darin weiter in- volvierten Fragen nicht mehr eingegangen werden. Die Vertreter von ARGUMENT gingen davon aus, daß es neben bürger- lichen auch marxistische Vertreter der Korporatismus-Debatte gebe. Bei letzteren liege der Schwerpunkt der Fragestellung bei der Problematik, wo der Klassenantagonismus eigentlich durch- schlage. Der korporatistischen Theorie folgend, bestehe ihre Vor- stellung darin, daß der Klassenantagonismus sich in die Arbeiter- klasse selber hineinverlagere. Die korporatistische Strategie be- ziehe sich daher im Kern auf vorhandene und praktizierte Versuche der Spaltung der Arbeiterklasse. Über Mechanismen der Marginali- sierung/Segmentierung und Partialisierung versuche man, Teile der Arbeiterklasse in den Herrschaftsapparat einzubeziehen. Die sozi- alliberale Strategie stütze sich auf die fungierenden Arbeiter und betreibe die Spaltung zwischen ihnen und den marginalisierten Arbeitern. Zwar müßten die beiden Varianten des faschistisch-kle- rikal gefärbten Korporatismus und des sozialliberalen voneinander unterschieden werden, betont werden müsse jedoch, daß korporati- stische Strategie heute vor allem die sozialliberale sei, die Po- litik der Spaltung der Arbeiterklasse, welche letzten Endes dar- auf beruhe, daß sie von Teilen der Arbeiterklasse selber durchge- führt werde. So würden in Form tripartistischer Herrschaftsorgane Teile der Arbeiterklasse in staatliche Organe integriert. Die Vertreter von SOZIALIST bezeichneten die Korporatismus-De- batte als ein äußerst heterogenes Spektrum weit auseinanderlie- gender Ansätze. Zu differenzieren sei zwischen der eher traditio- nellen Verwendung des Korporatismus-Begriffs für ständische Strukturen, der Benutzung als quasi Systembegriff anstelle von Kapitalismus und Sozialismus sowie der Verwendung in empirischer Absicht, um insbesondere veränderte Willensbildungs- und Ent- scheidungsstrukturen zu thematisieren. Der Ansatz, Korporatismus im Sinne ständischer Strukturen zu verwenden, sei für die Unter- suchung z.B. von aktuellen Binnendifferenzierungen insbesondere unter den verschiedenen Gruppen der Lohnabhängigen durchaus er- folgversprechend. Im Gegensatz zur ersten und dritten Verwen- dungsart sei die Verwendung als Systembegriff abzulehnen, da hiermit auch Thesen der Trennung der Gewerkschaften in Führung und Basis, Verratsthesen und offene Angriffe auf die Gewerkschaf- ten verbunden seien. Zugleich wende man sich jedoch auch gegen einseitige Analysen von Korporatismus-Institutionen als Mechanis- men von Einbindung, wie es etwa beim IMSF geschehe. Unter Korpo- ratismus wolle man selber eine institutionalisierte Form, in der zwischen Großinstitutionen, die wiederum maßgebliche Interessen artikulieren, Kompromisse ausgehandelt werden, verstehen. Beim Korporatismus handele es sich um eine kapitalistisch formbe- stimmte Vorstufe von Wirtschafts- und Sozialräten, wobei die Dif- ferenzen im Grad der Öffentlichkeit, den inhaltlichen Entschei- dungskompetenzen und der personellen Besetzung lägen. Diese Beur- teilung laufe darauf hinaus, korporative Gremien nicht als unzu- mutbare institutionelle Form aufzufassen, sondern als einen durch politische und soziale Auseinandersetzungen veränderbaren Organi- sationstypus; es gehe im Rahmen einer allgemeinen Hegemoniegewin- nungsstrategie nicht um die Abschaffung solcher Gremien, sondern um ihre tiefgreifende Veränderung und Indienstnahme z.B. für eine alternative Wirtschafts- und Sozialpolitik. SOST-Vertreter hoben den Modecharakter der Korporatismusdiskus- sion hervor. Gleichfalls hielten sie die Ansicht von der zentra- len Bedeutung "der 'sozialintegrativen Einbindungsstrategie' in- nerhalb des SMK" für unzutreffend. "Unsere These vom Einfluß der subalternen Klassen auf den gesamten politischen Überbau über- sieht ja nicht den Klassencharakter des Staates." In der Vergan- genheit "sind in vielen kapitalistischen Metropolen denn auch so- zialdemokratische Parteien an der Entwicklung des 'Sozialstaates' beteiligt gewesen; die Einbindung von Gewerkschaften und Parteien in die bürgerliche Hegemonie erfolgt keineswegs aus einer Strate- gie des Monopolkapitals. Die Arbeiterklasse setzt eine Ausgestal- tung des Soziallohns und der sozialen Dienste durch, kann aber keine systematische Ausgestaltung dieser Bereiche erreichen...". Bei veränderter ökonomischer Situation "erfolgt die Einschnürung und Beseitigung wiederum entlang der korporativen Interessen. Es handelt sich auch dann nicht um eine sozial-integrative Strategie seitens der Monopolbourgeoisie zur Konsensbildung mit der Arbei- terklasse..., sondern es findet eine Veränderung des politischen Kräfteverhältnisses im Überbau statt... (dieses) ist letztlich für die Ausgestaltung des Kompromisses unterschiedlicher sozialer Blöcke verantwortlich." Im Thesenpapier des PROKLA-Vertreters wird für die Analyse histo- rischer Politikmodelle plädiert: "Im Unterschied zu einem Phasen- modell der kapitalistischen Entwicklung werden bei einer derarti- gen Analyse auch die 'Alternativen der Konterrevolution' deut- lich: Die bürgerliche Klasse hat aufgrund der Pluralität von Wi- derspruchsebenen, auf denen sie 'spielt', immer unterschiedliche 'Optionen', einen konterrevolutionären Ausweg aus politischen, ökonomischen und ideologischen Krisen zu finden. Die Situation des Proletariats ist dagegen nicht symmetrisch: Da es strategisch durch die eine Ebene hindurch muß, das Kapitalverhältnis zu über- winden und den Staat zum Absterben zu bringen, gibt es keine 'Alternativen der Revolution'. Allerdings sind die strategischen Wege dahin unterschiedlich, je nach dem Politikmodell der kapita- listischen Macht und des herrschenden bürgerlichen Staates, mit dem der Klassenkampf des Proletariats konfrontiert ist. In diesem Sinne wäre m.E. auch die Debatte über das 'Modell Deutschland' neu aufzunehmen." Die Vertreter des IMSF verwiesen darauf, daß Integrationsversuche schon eine lange Geschichte hätten, daß man zu Korporatismus frü- her Eingliederung gesagt habe. Derartige Erscheinungen bezögen sich also zunächst einmal auf Versuche, Klassenharmonie und Sozi- alpartnerschaft durchzusetzen. Die korporatistische Idee als sol- che finde man schon in präfaschistischen Ideen, etwa bei Pareto und Spann, in den Vorstellungen einer ständestaatlichen Verbän- destruktur. Ausdrücklich sei zu betonen, daß man bei der Anwen- dung auf heutige Konstellationen beachten müsse, daß es verschie- dene Möglichkeiten klassenintegrativer Modelle gebe, daß eine Einbindung - und gerade dies würden die ARGUMENT-Vertreter über- sehen - auch unter CDU-Vorzeichen möglich sei. Man denke histo- risch etwa an die Zustimmung zu "Adenauers" Remilitarisierung in der Hoffnung, dafür soziale Zugeständnisse zu bekommen. Der Hauptkritikpunkt bestehe jedoch darin, daß man die Gewerkschaften als Klassenorganisationen völlig der Integrationspraxis zuordne. Dies sei das Ziel des Kapitals. Vor einer globalen Identifikation von Gewerkschaften mit Integrationsmechanismen sei ausdrücklich zu warnen. Es müsse hier die Differenzierung zwischen sozialinte- grativen, auf Sozialpartnerschaft bedachten Kräften und der um Klassenautonomie ringenden Strömung m den Gewerkschaften in ihrer Bedeutung gesehen werden. Man müsse auch festhalten, daß die bür- gerliche Politikwissenschaft damit nur Themen aufgegriffen habe, die im Rahmen der SMK-Theorie schon einige Jahrzehnte lang erör- tert würden und bekanntlich Kernstück der SMK-Konzeption seien. Insofern liege über der gesamten Korporatismusdebatte ein Hauch der ungenannten Kenntnisnahme von Realitäten des SMK, die nun als Ausgangspunkt neuer strategischer Überlegungen genommen werden sollten. Dies sei verbunden mit einer Modernisierung der Plura- lismus-Konzeption, wie sie bisher im Rahmen der Politologie vor- herrschend gewesen sei. *** Dieser Bericht sollte möglichst adäquat die Positionen der an der Diskussion beteiligten Gruppen und Personen wiedergeben. Es konnte nicht um eine Analyse und Bewertung der vorgetragenen Standpunkte gehen. Dem Bericht lagen die Notizen des Verfassers und die Thesenpapiere zugrunde. Zum Abschluß sei die Ansicht re- feriert, die zum Ende der Diskussionsrunde geäußert wurde: Die Unterschiede und Gegensätze wurden nicht verwischt; anregend war der informative Charakter; ein sachliches Diskussionsklima war beherrschend. Dies regt für andere und weiterführende Probleme zu ähnlichen Arbeitstreffen an. zurück