Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982
zurück
KORPORATISMUS - EIN "WEITERENTWICKELTES PLURALISMUSMODELL"? *)
Michael Jäger
Nachdem die Korporatismus-Debatte in diesem Jahrbuch, im IMSF-
Beitrag 6/I und in den "Blättern für deutsche und internationale
Politik" bereits mehrmals aufgegriffen und beurteilt wurde, kann
ich mich zur Einführung darauf beschränken, die von Ulrich Kypke
rekonstruierte Definition von Korporatismus in Erinnerung zu ru-
fen: "Als kleinster gemeinsamer Nenner der unterschiedlichen Kon-
zepte und Ansätze... kann festgehalten werden", schreibt Kypke,
"daß es um die Beschreibung strategischer Ambitionen zur Verknüp-
fung von strukturellen und legitimatorischen Herrschaftstechniken
geht, deren erkenntnistheoretischer Nutzen eine gewisse Flexibi-
lität im Wechsel von mehr autoritären zu mehr freiwilligen Inte-
grationsinstrumenten zu sein scheint", wobei d i e G e w e r k-
s c h a f t e n als Gegenstand solcher Integration und zugleich
"als zentrale korporative Akteure" eingeschätzt werden. 1)
Kypke beklagt sich über die "Begriffsvielfalt" der Debatte, die
es schwer mache, "einen noch irgendwie operationalisierbaren Aus-
gangspunkt identifizieren zu können". 2) Mir geht es jedoch so,
daß ich bereits jenen "kleinsten" Nenner theoretisch und poli-
tisch gravierend finde, die unbestreitbare Begriffsvielfalt, auch
Unklarheit vieler Ansätze als Durchgangsstadium des Theoriepro-
zesses hinnehme und selber an der Arbeit der Klärung teilzunehmen
versuche, statt die Debatte wegen ihres momentanen Zustands zu
diskriminieren oder gar zu verdrängen. Die Debatte über dialekti-
sche Logik ist auch recht begriffsvielfältig, obwohl sie sogar
weit älter ist als die Korporatismus-Debatte: Wer wirft ihr das
vor? Ich denke, daß Kypke selbst in diesem Punkt weniger kritisch
wäre, wenn er die Debatte nicht ihrem Inhalt nach als Versuch be-
greifen würde, "die gesellschaftspolitischen Denkmuster des Plu-
ralismuskonzepts zu renovieren", "ein weiterentwickeltes Plura-
lismusmodell" zu entwerfen 3) u. dgl. m. - eine Einschätzung, die
meines Erachtens gänzlich in die Irre führt.
Da ich sie nicht für zufällig halte, möchte ich ihr die folgenden
Ausführungen widmen. Ich will zu zeigen versuchen: 1. daß die
Protagonisten der Korporatismus-Debatte mit dem Pluralismus-Mo-
dell g e r a d e g e b r o c h e n h a b e n und g e r a d e
d e s h a l b ihre Resultate neuartig und für marxistische An-
eignung bedeutsam sind, 2. daß Kypke und andere, die vor dem Hin-
tergrund der SMK-Theorie argumentieren, s e l b s t d e m
P l u r a l i s m u s m o d e l l v i e l n ä h e r s t e-
h e n a l s d i e P r o t a g o n i s t e n d e r K o r p o-
r a t i s m u s - D e b a t t e und 3. daß diese Nähe zu einer
verhängnisvollen Handlungsunfähigkeit im Verhältnis zu Selbst-
blockierungsprozessen der Arbeiterklasse beitragen kann, während
es gerade die marxistischen Teilnehmer der Korporatismus-Debatte
sind, die solche Prozesse t h e m a t i s i e r e n.
1.
Daß es eine p l u r a l i s t i s c h e S i c h t w e i s e
d e s k o r p o r a t i s t i s c h e n P h ä n o m e n s
gibt, soll keineswegs bestritten werden. Durch den Wortlaut der
Korporatismus-Debatte wird dies zwar eher verdeckt, da sie sich
gern in toto als Ende des Pluralismus-Paradigmas aufspielt. 4)
Schon ihr wichtigster Promotor Schmitter hatte den korporativen
"Typ" als Gegenteil des pluralistischen definiert - um dann frei-
lich hinzuzufügen: In der westeuropäischen Wirklichkeit träten
beide Typen stets "gemischt" auf. 5) Diese "Gemischtheit" ist in
der Tat so augenscheinlich - für diejenigen, denen Pluralismus
als reales Phänomen statt als falsche Beschreibung gilt ", daß
selbst dem klassischen Faschismus plurale Verfaßtheit nachgewie-
sen werden konnte, was seinerzeit zur Widerlegung der Totalita-
rismustheorie beitrug. 6) Aber noch eher als in der Realität gibt
es in der Theorie Mischungen, die den behaupteten Gegensatz von
Korporatismus- und Pluralismus-Paradigma in Zweifel ziehen. Das
Pluralismus-Paradigma ist jedenfalls in der westdeutschen Diskus-
sion von der Korporatismus-Debatte nicht so sehr abgelöst worden
als vielmehr bruchlos in sie übergegangen. Es hatte beschrieben,
wie eine unbestimmte Vielzahl gesellschaftlicher Interessenver-
bände Einfluß auf einen als klassenneutral verstandenen Staat
ausübt, wobei dieser teils als bloßer Spielball außerstaatlicher
Kräfte, teils als schiedsrichterliches Gemeinwohlorgan konzipiert
wurde. So bestimmt es noch heute Teile des c h r i s t d e m o-
k r a t i s c h e n B e i t r a g s z u r K o r p o r a t i s-
m u s - D e b a t t e, nämlich die Begründung der Geißlerschen
"neuen sozialen Frage", die sich für im korporativen System nicht
artikulationsfähige Interessengruppen stark macht und damit
stillschweigend Konzepte und Zielsetzungen eines früheren linken
Flügels von Pluralismus-Theoretikern aufgreift und mit rechten
Vorzeichen versieht. 7) Es hat in seiner Fraenkelschen Variante
auch den s o z i a l l i b e r a l e n B e i t r a g unver-
kennbar vorgeprägt. Fraenkels "Neopluralismus" hatte die Konzep-
tion vieler um Einfluß konkurrierender pressure groups, die noch
einseitig dem liberalen Marktwettbewerbsdenken verpflichtet ist,
sozialdemokratisch weitergeführt zur Theorie der Parität der
gesellschaftlichen Hauptgruppen. Das legte, wie Blanke zeigt,
eine staatstheoretische Vorstellung von autonomer Rechtsetzungs-
befugnis dieser Hauptgruppen nahe. Denn die Idee jener Parität
war am Modell der Tarifverträge und "Arbeitsgemeinschaften" ent-
wickelt worden - deren Aushandelungspraxis brauchte man sich nur
auf außertarifliche Konfliktfälle ausgedehnt denken, um auf die
Vorstellung zu kommen, "daß das s t a a t l i c h gesetzte
Recht de facto nichts anderes ist als ein von den 'autonomen
Gruppen' ausgehandeltes Kompromißresultat". 8) An diesem
Gedankengut kann eine sozialliberal-korporative Strategie unmit-
telbar anknüpfen. Hoffnungen auf gewerkschaftliche "Gegenmacht"
werden vor diesem Hintergrund zu ihren Stützpunkten. Was sie vom
Pluralismus-Paradigma in den korporativen Diskurs hinüberrettet,
ist der naive Glaube an die "Benutzbarkeit" staatlicher Organe,
sei es nun durch Druck von außen oder durch Teilnahme.
Dieser Glaube reicht in die wissenschaftliche Debatte hinein, so,
wenn unter Korporatismus z.T. einfach die "neue aktive Rolle der
großen Interessengruppen und ihre institutionalisierte Macht im
politischen System" verstanden wird. 9) Pluralistisch gefärbt ist
auch die Theorie des Briten Winkler, obwohl seine Korporatismus-
Definition dem Staat unbeschränkte Kontrollmacht über die Wirt-
schaft zuschreibt sowie die Ersetzbarkeit von Wettbewerbs- durch
Einheitsdenken für einen Wesenszug von Korporatismus hält. Denn
gleichwohl behauptet er, die "großen Oligopole" würden "durch die
Korporatismustheorie nicht beunruhigt sein, sofern sie Zugang zu
den Prozessen des staatlichen decision-making haben und folglich
eine reelle Möglichkeit, Einfluß über die Substanz der Kontrol-
len", die sie selbst betreffen, "und des Umfangs der finanziellen
Unterstützungsleistungen auszuüben". 10)
Geprägt und eröffnet wurde die Debatte allerdings von Vertretern
der S y s t e m t h e o r i e, die eine nichtmarxistische Al-
ternative zum Staatsinstrumentalismus und insofern einen wissen-
schaftlichen Fortschritt gegenüber dem Pluralismus-Paradigma dar-
stellt. Sie basiert auf der Übernahme des naturwissenschaftlichen
Gedankens, daß organische Systeme sich in ihrer Umwelt durch Fil-
trierung und Verarbeitung von Umwelteinflüssen im Gleichgewicht
und damit "am Leben" erhalten; Luhmanns Fassung des Filtrierungs-
vorgangs als "Komplexitätsreduktion" ist besonders bekannt ge-
worden. Wird der Staat derart als organisches System gedacht, so
erscheint er nicht mehr als passives Medium, in das gesellschaft-
liche Kräfte "einfließen", sondern als U m f o r m u l i e-
r u n g s m a c h t; er ist nicht mehr "Instrument" dieser
Kräfte, sondern instrumentalisiert seinerseits die gesellschaft-
liche "Umwelt". Der Fortschritt an Realismus, den das system-
theoretische Paradigma bringt, hat seinen Preis. Erstens macht es
den Staat unkritisch zum Naturereignis, dem, wie jedem
"organischen Leben", ein Recht auf Selbsterhaltung ohne
spezifische Begründung und letztlich, was nur konsequent ist,
ohne Beschränkung der Selbstverteidigungsmittel zuerkannt werden
muß. Zweitens zwingt es dazu, die Realitätsperspektive dieses
Leviathan zu übernehmen: eine Anordnung, in der die Gesellschaft
nicht als sie selbst, sondern als "Umwelt" von etwas anderem,
eben von jenem Staats-Lebewesen konzeptualisiert wird (ausführ-
liche Darstellung und Kritik bei Narr 11). Stärken und Schwächen
wirken sich in Schmitters K o r p o r a t i s m u s - D e f i-
n i t i o n sichtbar aus. Korporatismus ist für ihn ein "System
der Interessenvermittlung", dessen "Bestandteile", also vor allem
Gewerkschaften und Kapitalverbände, einerseits "staatliche Aner-
kennung oder Lizenz" und ein ausdrückliches Repräsentations-
monopol erhalten, andererseits diesen Machtzuwachs mit Selbst-
verwandlung bezahlen: Sie haben "bestimmte Auflagen bei der
Auswahl des Führungspersonals und bei der Artikulation von
Ansprüchen oder Unterstützung zu beachten". 12) Schmitters
theoretische Leistung ist es, gezeigt zu haben, daß solche
Verwandlung keineswegs in faschistischen Formen erfolgen muß,
sondern auch "freiwillig" erfolgen kann, oder umgekehrt: daß ein
"freiwilliger" Eintritt in den Staat genausosehr der Logik der
Umformulierung unterliegt wie ein erzwungener, nur daß die Logik
im letzteren Fall sichtbarer wird, etwa, wenn sie sich als
"Zerschlagung der Arbeiterorganisationen" präsentiert. Schmitters
Grenze liegt darin, daß er den Unterschied solcher Möglichkeiten
in systemtheoretischer Realitätsperspektive formuliert, als einen
von "staatlichem" und "gesellschaftlichem" Korporatismus, d.h.
als Unterschied, ob der Korporatismus im Staat oder außerhalb des
Staates entsteht. 13) Solche Differenzierung erfaßt weder die
Evolution des korporatistischen Phänomens infolge der
Akkumulationsgeschichte des Kapitals noch macht sie verständlich,
daß und wie auch der Faschismus "aus der Gesellschaft entstand"
bzw. daß auch der sozialliberale Korporatismus ohne ein
Entstehungsmoment i m S t a a t - in Gestalt sozialliberaler
Regierung - nicht denkbar wäre.
Das Verhältnis der Schmitterschen Typologie zur Realität korpora-
tistischer Systeme wird anschaulich in den apologetischen Ausfüh-
rungen von Nenning, einem Mitglied des Parteivorstands der Sozia-
listischen Partei Österreichs, der dieselbe Typologie spontan
formuliert: "Wenn in parlamentarisch-demokratischen Systemen die
Gewerkschaften staatliche Aufgaben übernehmen, so mit wesentli-
chem Unterschied zur Diktatur. Sie werden ihnen nicht von oben,
vom Staat, übertragen, aufgezwungen - sie übernehmen sie selber,
erklären sich selber für 'berufen' (ÖGB-Statuten)." 14) Interes-
sant ist die F u n k t i o n des Hinweises in Nennings Gedan-
kengang: Er soll beweisen, daß die Gewerkschaften in Österreich
nicht nur Ordnungsmacht sind, wie ihr Kritiker vorhalten, sondern
a u c h Gegenmacht. "Sie sind dies gerade dadurch und nur dann,
wenn sie... Staatsorgane, Ordnungsmacht werden: Nur das gibt ih-
nen die nötigen Bedienungshebel für Gegenmacht." Später offenba-
ren die "Hebel" die merkwürdige Eigenschaft, ihre "Bediener" zu
verwandeln, nämlich sie zur "emanzipatorischen Bürokratisierung"
zu zwingen: "Auf die Macht des bürgerlichen Staates, die Macht
der kapitalistischen Ökonomie antwortet die Gegenmacht der Arbei-
terbewegung - als gleichfalls bürokratische Macht. Armeen, die
einander auf demselben Schlachtfeld treffen, legen sich in der
Regel die etwa gleiche Ausrüstung zu." 15) Hierüber macht sich
auch die Systemtheorie keine Illusionen. Ihre Begriffe wie
"Selektion", "Kanalisierung" oder "Komplexitätsreduktion" erlau-
ben allerdings auch keinen Fortschritt über Nennings Fatalismus
hinaus, 16) in dem Sinne etwa, daß es möglich würde, zwischen ei-
nem Schlachtfeld und einer Falle zu unterscheiden. Und weder die
Floskel von der "gesellschaftlichen Entstehung" noch die Ab-
sichtserklärung in den ÖGB-Statuten läßt begreifen, wie das kor-
poratistische System in Österreich w i r k l i c h entstanden
ist. Wesentliche Existenzbedingungen wie die Koalition von SPÖ
und Konservativen in den 50er Jahren oder der Wandel der SPÖ-Po-
litik zwischen den 20er und den 50er Jahren - wozu Nenning be-
merkt, die Gewerkschaften hätten sich schon in der Ersten Repu-
blik in den bürgerlichen Staat integrieren wollen, seien aber von
der SPÖ "behindert" worden 17) -, Fragen also des Zusammenspiels
von staatlicher und gesellschaftlicher Entstehung, ließen sich
mit Schmitters theoretischer Verallgemeinerung nicht fassen.
2.
Von einem m a r x i s t i s c h e n p o l i t i k w i s s e n-
s c h a f t l i c h e n P a r a d i g m a sollte man erwarten,
daß es den Staatsinstrumentalismus überwindet zugunsten einer
Theorie des "Klassencharakters" der Staatsinstrumente - ja sogar
der Relativierung oder Auflösung des Instrumentalbegriffs selbst,
soweit er sich als Stützpunkt für "Bedienungshebel"-Argumen-
tationen à la Nenning eignet - und die Naturalisierung des
Staates zugunsten einer Theorie seiner historischen und gesell-
schaftlichen Relativität; wobei dies nicht nur in allgemeinen
Bekenntnissen, sondern mehr noch in konkreten Analysen wie
derjenigen des korporatistischen Phänomens geschehen müßte. Ein
Blick auf den marxistischen Zweig der Korporatismus-Debatte
zeigt, daß es damit nicht zum besten steht. Noch immer kann man
nur in einem sicher sein, nämlich, daß staatliche Politik stets
aus ökonomischen Bedingungen abzuleiten versucht wird. Die
Annahme, dies erfülle bereits die obigen Erwartungen, verbunden
mit der Vorstellung, der Staat sei irgendwie "weniger wichtig"
als Ökonomie und bürgerliche Gesellschaft, ist ein Aspekt von
Ökonomismus. Ökonomistische Politikwissenschaft stellt keine
überlegene Alternative zu Pluralismus-Paradigma und Systemtheorie
dar. Weil sie die Zweitrangigkeit des Staates im Sinne der
Ableitungsreihenfolge mit Zweitrangigkeit nach Kriterien poli-
tischer Macht und Relevanz verwechselt, tendiert sie dazu, den
Staat n u r a b z u l e i t e n, ohne eine eigenständige
T h e o r i e ü b e r d a s A b z u l e i t e n d e zu for-
mulieren. Die paradoxe Folge ist, daß nicht eigentlich der Staat,
sondern Pluralismus-Paradigma oder Systemtheorie (oder andere
bürgerliche Staatsillusionen) "ökonomisch fundiert" werden.
Den Theoretikern, die vor dem Hintergrund der SMK-Theorie argu-
mentieren, kann man Ökonomismus sicherlich nicht vorwerfen. Ganz
zu Recht stellt z.B. Heinz Jung 18) fest, daß die korporatisti-
sche Strategie ebensowenig wie jede andere, die auf politische
Reproduktion des Kapitalverhältnisses zielt, "am Staat vorbei"
geht. Ihre Selbsteinschätzung, sie hielten eine Art Generallinie
besetzt, die die Extreme von Ökonomismus und "Politizismus" glei-
chermaßen umschiffe und in solcher Ausgewogenheit bereits das
Richtige treffe, 19) scheint mir dennoch der Prüfung zu bedürfen.
Zweifellos ließe sie sich nur dadurch einlösen, daß die vorfind-
baren theoretischen Konzepte über Politik nicht bloß in ein ad-
äquates Basis-Überbau-Modell "richtig eingeordnet", sondern dabei
auch u m g e a r b e i t e t würden: Auch ein Pluralismus-Para-
digma, das über die Ableitung aus ökonomischen Gesetzmäßigkeiten
hinaus in seiner "relativen Eigenständigkeit" gewürdigt wird,
bleibt immer noch ein Pluralismus-Paradigma. Wie sieht es nun mit
der Umarbeitung des Pluralismus-Paradigmas durch die SMK-Theore-
tiker aus? Ich meine, daß sie einen bloß reformistischen Charak-
ter hat und deshalb sein Gravitationsfeld nicht wirklich verläßt.
Ich möchte hierzu drei allgemeinere Bemerkungen machen und dann
kurz auf die Argumentation von Kypke eingehen.
Erstens wird es nützlich sein, daran zu erinnern, daß die Gefahr
bloß reformistischer Theorieumarbeitung auch zu Beginn der Marx-
schen Arbeit an einer Kritik der Politischen Ökonomie eine Rolle
spielte. Auch damals gab es eine Periode sozialistischer Kritik,
die darin bestand, bürgerliche Theoriemodelle, und zwar die öko-
nomischen Systeme von Smith bzw. Ricardo, mehr oder weniger zu
übernehmen und gewissermaßen mit umgekehrten, "linken" Vorzeichen
zu versehen. So könnte man zeigen, daß die Anhänger Proudhons
oder die von Marx auf den ersten Seiten der "Grundrisse" ange-
griffenen Arbeitszettler an einem zu wenig radikalen
"sozialistischen Ricardianismus" gescheitert sind. Aber noch
mehr: Man könnte zeigen, daß Marx und Engels selbst in ihren An-
fängen dem Typus dieser zu wenig radikalen Kritik unterlagen; daß
ihre Leistung gerade darin bestand, seine Unvereinbarkeit mit den
Erfordernissen des politischen Kampfes Schritt für Schritt zu er-
kennen und ihn schließlich zu überwinden. Der Reformismus, den
ich hier indizieren will, hat also gar nichts Ehrenrühriges.
Angreifbar wäre es allerdings schon - damit komme ich zur zweiten
Bemerkung -, wenn auf einen entsprechenden Reformismus - V o r-
w u r f diejenigen, auf die er gemünzt ist (sei es zu Recht oder
zu Unrecht), gar nicht eingingen, ihn nicht annähmen oder
entkräfteten, sondern totzuschweigen versuchten. Was die SMK-
Theoretiker angeht, so wird es Zeit, daß sie sich äußern: Ich bin
nicht der erste, der den Pluralismus-Vorwurf erhebt. Bei-
spielsweise hat Bodo Zeuner schon 1976 den in seiner Sicht
g e m e i n s a m e n F e h l e r d e s P l u r a l i s m u s-
u n d d e s S M K - M o d e l l s so formuliert: "Wo ökonomi-
sche Systemzwänge sich auf das Staatshandeln auswirken, müssen
sie entweder ignoriert oder als Ergebnis bewußten Drucks mächti-
ger kapitalistischer Interessengruppen fehlinterpretiert werden."
20) Ist diese Diagnose richtig, dann ist der Einspruch der SMK-
Theorie gegen das Pluralismus-Modell weniger eine Widerlegung als
ein strategisches Einfallstor. Man sieht sich einem Kreislauf un-
vollständiger, deshalb unabschließbarer Pro- und Kontra-Argumente
gegenüber: Die Pluralisten können stets auf d i e f o r-
m e l l e G l e i c h b e r e c h t i g u n g der großen ein-
flußnehmenden "Verbände" hinweisen. Die SMK-Theoretiker können
stets darauf hinweisen, daß das R e s u l t a t d e r E i n-
f l u ß n a h m e im Interesse des Kapitals liegt. Weder das
eine noch das andere Argument beweist, was es beweisen soll, weil
beide auf der h a n d l u n g s t h e o r e t i s c h e n
E b e n e verbleiben. In Wahrheit ist die formelle Gleichberech-
tigung der "Verbände" n u r f o r m e l l, ist das Resultat
der Einflußnahme nicht nur Resultat d e r E i n f l u ß-
n a h m e, sondern mehr noch der "Systemzwänge", die sich
vielleicht auch ohne Einflußnahme durchgesetzt hätten.
Hier zeichnet sich bereits die Korporatismus-Problematik ab, in
der ja gerade untersucht wird, inwiefern auch das Resultat der
Einflußnahme d e r G e w e r k s c h a f t e n im Interesse
des Kapitals liegt. Jene Diagnose wurde daher jüngst von Rolf
Heinze direkt auf die Adaption der Korporatismus-Problematik
durch die SMK-Theorie bezogen; auch er spricht verallgemeinernd
von einer "verkürzte(n) handlungstheoretische(n) Perspektive...,
die die Politikformulierung einseitig durch das bewußte Agieren
von Akteuren... determiniert sieht, anstatt die strukturellen
Hintergründe der Politikentstehung in die Analyse mit einzubezie-
hen". 21)
In diesem Zusammenhang noch eine dritte Bemerkung: Ich finde die
uneingestandene Vorliebe der SMK-Theoretiker für den handlungs-
theoretischen Nährboden des Pluralismus-Modells sehr verständ-
lich. Eine Wissenschaft, die nicht auf dem l'art pour Part-Stand-
punkt steht, kann sich nämlich ein Desinteresse am Handelnden gar
nicht leisten und deshalb nicht einfach wegen der Schwächen von
Handlungstheorie in eine rein strukturalistische Position umkip-
pen. Überdies wird an der schon erwähnten Bemerkung von Heinz
Jung eine unglückliche Konfundierung deutlich: Es scheint, daß
die SMK-Theoretiker Strukturalismus für eine Begleiterscheinung
speziell von Ökonomismus halten - Jung spricht von "struktura-
listisch-ökonomistischen Mißverständnissen des Marxismus" - und
folglich wohl die Schwächen der Handlungstheorie ebenso einseitig
für eine Begleiterscheinung von Politizismus, weshalb dann der
Gedanke naheliegt, daß mit jener Generallinie, die Ökonomismus
und Politizismus gleichermaßen vermeidet, zugleich auch schon
eine Generallinie im Verhältnis von Struktur- und Handlungs-
theorie gefunden wäre. Man hätte sich dieses Problems dann nicht
nochmals anzunehmen, wenn Modelle spezifisch politischer
Beschreibung, z.B. der Mechanismen von "Einflußnahme", zur
Debatte stehen. Tatsächlich verhält es sich aber so, daß es
s o w o h l in der Ökonomie a l s a u c h in der Politik je-
weils strukturalistische u n d handlungstheoretische Einseitig-
keiten gibt, die nicht aufeinander reduziert werden können; und
während diese Spaltung in Extreme für den Bereich der ökonomi-
schen Theorien meines Erachtens durch Marx ein für alle Mal ent-
machtet wurde, steht eine entsprechende Bewältigung für den Be-
reich politischer Theorien, nämlich für die S p a l t u n g i n
P l u r a l i s m u s- u n d S y s t e m t h e o r i e n, eben
noch aus. Selbstverständlich kann man eine solche Aufgabe aber
n i c h t e i n m a l i n A n g r i f f n e h m e n, wenn
man nicht sehen will, daß hier eine Spaltung überhaupt vorliegt,
wenn man statt dessen z.B. versucht, die Systemtheorien als
"geringfügige Abwandlung" der Pluralismustheorien o. dgl. zu deu-
ten.
Wie luxuriös mutet da Kypkes Abneigung gegen die Korporatismus-
Debatte an, von der er doch selbst schreibt - womit wir zum Be-
greifen des Ausgangspunkts gelangen -, daß sie die V e r-
k n ü p f u n g v o n s t r u k t u r e l l e n u n d l e-
g i t i m a t o r i s c h e n H e r r s c h a f t s t e c h n i-
k e n thematisiere (s.o.)! Ich kann mir keine Problematik den-
ken, die geeigneter wäre, Gegenstand einer exemplarischen Ent-
machtung der Spaltung von Pluralismus- und Systemtheorie zu sein.
Daß Kypkes Argumentation einen anderen Verlauf nimmt, läßt sich
jetzt aus der A u s b l e nd u n g d e s s y s t e m-
t h e o r e t i s c h e n E xt r e m s erklären: Er gibt sich
Mühe, die systemtheoretischen Protagonisten der Debatte in
Pluralisten umzubiegen, und konfrontiert dann den angeblichen
Pluralismus der Korporations-Debatte m i t s e i n e m e i-
g e n e n, "l i n k e n" P l u r a l i s m u s. Ersteres zeigt
sich am meisten in seiner Charakterisierung der Schmitterschen
Konzeption, die als Grundlegung einer "Untersuchung von Tendenzen
zur Oligarchisierung und Monopolisierung von Entscheidungsfeldern
im Grenzbereich der Interessen von Staat und gesellschaftlichen
Großbereichen" vorgestellt wird: 22) Da fällt der zentrale
systemtheoretische Aspekt, nämlich, daß die Interessen, laut
Schmitter, im Staat n i c h t b l e i b e n, w a s s i e
s i n d (s.o.), unter den Tisch. 23) Letzteres zeigt sich vor
allem in Kypkes Reaktion auf die Behauptung von Esser/Fach 24),
wonach in korporatistischen Strategien eine Selektion angezielt
u n d v o n d e n G e w e r k s c h a f t e n m i t g e-
t r a g e n werde, die "die Gesellschaft tendenziell in zwei
Abteilungen spaltet: nützliche, weil (direkt oder indirekt)
produktive, und überflüssige, weil nicht verwertbare Elemente".
Dies ist in meinen Augen die w i c h t i g s t e B e h a u p-
t u n g im Kontext der Korporatismusdebatte, diejenige, die es
am dringlichsten macht, daß Marxisten sich mit ihr befassen und
sie sich aneignen. Wenn sie zutreffend ist, bedeutet sie, daß die
korporative Strategie in ökonomischen Krisenzeiten jene Zunahme
von Krisenbewußtsein und Kapitalismuskritik in der Arbeiter-
klasse, die dann notwendig eintritt, zu einem System der
S e l b s t b l o c k i e r u n g d e r A r b e i t e r-
k l a s s e kanalisiert dergestalt, daß fungierende und nicht
fungierende Arbeiter sich gegenseitig diskriminieren, statt
gemeinsam gegen das kapitalistische Krisenmanagement zu kämpfen;
25) man müßte dann fragen, welche Mechanismen in der Politik, in
den Organisationsstrukturen, in den Zielvorstellungen der Arbei-
terklasse solche Selbstblockierung befördern, zu Stützpunkten
einer sie bezweckenden Strategie werden können, und wie man sie
beseitigt oder ihre Entstehung verhindert. Kypke aber sieht in
der Diagnose von Esser/Fach nur eine S c h u l d z u w e i-
s u n g und reagiert mit E n t s c h u l d i g u n g e n: Den
Gewerkschaften solle "etwas untergeschoben werden..., für das sie
nichts können: Die für die wirtschaftspolitische Weiterentwick-
lung wesentlichen einkommens- und ordnungspolitischen Fragen
werden w e n i g e r m i t Beteiligung der Gewerkschaften
entschieden - d i e G e w e r k s c h a f t e n h a b e n da
allenfalls eine, 'V e r h i n d e r u n g s m a c h t' -,
sondern entstehen im Rahmen der Dispositionspalette des 'freien'
Unternehmertums, unter Dominanz der führenden Konzerne. Die
Bemühungen um Ansätze einer gesamtgesellschaftlichen oder
wenigstens branchenweiten überbetrieblichen Mitbestimmung sind so
alt wie die Bundesrepublik. Legitimerweise kann man danach fra-
gen, wie ernsthaft und mit welcher 'Power' sich die Gewerk-
schaften für eine solche Mitbestimmung eingesetzt haben, aber
ihnen umstandslos die Verantwortung für die ordnungspolitischen
Fehlentscheidungen einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung
anzulasten, ist eine verfehlte Argumentation." 26) Das ist ein
klassisches Mißverständnis der F r a g e n a c h d e m
T ä t e r, das ich, weil der Aspekt der mehr oder weniger
starken "Power" in den Vordergrund gerückt wird, die entfaltet
wird oder entfaltet werden soll, als linkspluralistisch
bezeichne. Es geht doch nicht um Schuld. Kypke müßte dann schon
konsequent sein und auch die Kapitalisten entschuldigen. 27) Aber
ist es nicht unsere Pflicht, s e l b s t "s c h u l d l o s e"
G e w e r k s c h a f t e n davon abzubringen, eine Politik der
Gesellschaftsspaltung mitzutragen - deren E x i s t e n z weder
von Kypke noch von einem anderen SMK-Theoretiker widerlegt wird?
Übrigens auch, indem wir Stützpunkte der Spaltungsstrategie
s o g a r i n m a n c h e n M i t b e s t i m m u n g s m o-
d e l l e n kenntlich machen, statt nur den Mangel ihrer
Durchsetzung zu kritisieren? 28)
Wir nützen den Arbeitern nicht dadurch, daß wir ihnen auf die
Schultern klopfen. Das haben Esser/Fach, meine ich, besser be-
griffen als Kypke.
_____
*) Die Redaktion der Zeitschrift "Das Argument" bat um die Mög-
lichkeit einer Replik auf die Beiträge zum Schwerpunkt "Staat und
politisches System im staatsmonopolistischen Kapitalismus der
Bundesrepublik" in "Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF"
4/1981. Autor dieser Replik ist Michael Jäger; auf sie antwortet
Ulrich Kypke.
1) U. Kypke, Kritische Übersicht zur aktuellen Korporatismus-Dis-
kussion in der BRD, in: Der Staat im staatsmonopolistischen Kapi-
talismus der Bundesrepublik. Staatsdiskussion und Staatstheorie
(Beiträge des IMSF 6/1), Frankfurt am Main 1981, S. 183-201,
hier: S. 189
2) Ebd., S. 190
3) Ebd., S. 184, S. 188
4) Vgl. etwa Alemann/Heinze, Verbändepolitik und Verbändefor-
schung in der Bundesrepublik, in: dies. (Hrsg.), Verbände und
Staat, Opladen 1979, S. 33
5) Schmitter, Interessenvermittlung und Regierbarkeit, in: Ale-
mann/Heinze, a.a.O., S. 94 f., S. 101
6) Etwa: Broszat, Der Staat Hitlers. Grundlegung und Entwicklung
seiner inneren Verfassung, München 1969; Mommsen, Beamtentum im
Dritten Reich, Stuttgart 1966
7) Vgl. Geißler, Verbände und neue soziale Frage, in: Ale-
mann/Heinze, a. a. O., S. 180-186
8) Blanke/Jürgens/Kastendieck, Kritik der Politischen Wissen-
schaft. Analysen von Politik und Ökonomie in der bürgerlichen Ge-
sellschaft, Ffm./New York 1975, S. 203
9) Vgl. Alemann/Heinze, Auf dem Weg zum liberalen Ständestaat?
Einführung in die Korporatismusdis-kussion, in: dies. (Hrsg.),
Verbände und Staat, a. a. O., S. 45
10) Winkler, Corporatism, in: Archives Europeenes de Sociologie,
vol. 17 (1976), no. 1, S. 133
11) Narr, Theoriebegriffe und Systemtheorie. Einführung in die
moderne politische Theorie, Stuttgart, Berlin/W., Köln, Mainz
1965
12) Schmitter, Still the Century of Corporatism?, in: The Review
of Politics, vol. 36 no. 1, Jan. 1974, S. 94 f.
13) Schmitter, Interessenvermittlung und Regierbarkeit, a.a.O.,
S. 96
14) Nenning, Die siamesischen Zwillinge. Merkmale österreichi-
scher Arbeiterbewegung, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 8/79,
S. 454-466 und 9/79, S. 539-551; hier: S. 460
15) Ebd., S. 459, S. 540
16) Nennings Argument, Gewerkschaften müßten sich bürokratisie-
ren, um mithalten zu können, kehrt in der wissenschaftlichen De-
batte - nicht nur bei Systemtheoretikern - wieder in der Umkeh-
rung, wenn Gewerkschaften "stark zentralisiert" seien, sei das
ein Hinweis auf ihren korporatistischen oder korporatismusträch-
tigen Charakter. Das ist jedoch eine ideologische Verdrehung, da
nicht nach Zentralisierung als solcher, die je nach Umständen ein
Moment revolutionärer Arbeitermacht wie ein Moment des Verlusts
von Autonomie sein kann, gefragt werden müßte, sondern nach ihrem
demokratischen oder undemokratischen Charakter. Typisch für die
Verwirrung, der die Korporatismus-Debatte in dieser Hinsicht bis-
her unterliegt, ist der sog. Zentralisations-Index von Heady.
Headys Indikatoren würfeln demokratische und antidemokratische
Züge von "Zentralisation" bunt durcheinander, z.B. zentrale Kon-
trolle über Streikfonds einerseits, Unterrepräsentation der Ge-
werkschaftsminderheit auf der zentralen Ebene andererseits, und
machen auch keinen Unterschied zwischen Zentralisation qua frei-
williger Satzung und staatlichem Zwang, z.B. dem Verbot inoffi-
zieller Streiks. Dieser Index demonstriert nur, daß auch ganz un-
klare Begriffe exakt quantifiziert werden können. Vgl. Heady,
Trade Unions and national wage policies, in: Journal of Politics
32/1972, S. 407-439
17) Nenning, a.a.O., S. 548
18) Jung, "Korporatismus" statt "Etatismus"? Staatsmonopolisti-
sche Vergesellschaftung und politisch-staatlicher Überbau heute,
in: Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 4, Frankfurt am Main
1981, S. 11-41
19) Vgl. Jungs Bemerkung über die Position "der Marxisten", ebd.,
S. 11
20) Zeuner, Verbandsforschung und Pluralismustheorie. Etatozen-
tristische Fehlorientierungen politologischer Empirie und Theo-
rie, in: Leviathan 2/76, S. 151
21) Heinze, Verbändepolitik und "Neokorporatismus". Zur politi-
schen Soziologie organisierter Interessen, Opladen 1981, S. 78
22) Kypke, a.a.O., S. 188
23) Ich möchte das Thema "Umformulierungsmacht des Staates" zum
Anlaß nehmen, ein Mißverständnis aufzuklären, dem Harald Werner
in seinem Kommentar zu meinem Vortrag über "Marxistische Staats-
theorie" unterliegt. Vgl. Jäger, Marxistische Staatstheorie, in:
Argument 124, Berlin/West, S. 795-808 und: Werner, Das Staatsbe-
wußtsein der Arbeiter in der BRD, in: Marxistische Studien. Jahr-
buch des IMSF 4, Frankfurt am Main 1981, S. 156-172. Die Substan-
zialität des Staates bestehe für mich darin - schreibt Werner -,
"daß er in den Individuen wurzelt - und dies deshalb, weil jeder,
der sich mit dem Staat einläßt, sich in ihm auflöst 'wie in einer
Säure'." Ich habe so etwas keineswegs behauptet. Ich habe nie ge-
schrieben, daß der Staat in den Individuen "wurzelt", sondern daß
er i n s i e "h i n e i n g e h t, abgesteckte Plätze" in ih-
nen "besetzt, sie von innen beherrscht" (Jäger, a.a.O., S. 801).
Das ist wohl kaum dasselbe. Ferner löst sich nach meinem Text
nicht derjenige im Staat auf, der sich mit ihm "einläßt" - so als
wollte ich eine Politik "am Staat vorbei" empfehlen ", sondern
wer ihn "w i e e i n l e e r e s M a u e r w e r k z u
b e t r e t e n m e i n t" (ebd). Ich hätte auch sagen können:
wer ihn betritt, ohne mit dem Pluralismus-Modell gebrochen zu ha-
ben. Oder, um beim Bild der Säure zu bleiben: Es geht nicht um
die Aufforderung, ein Schmuckstück im Salzsäurefaß liegenzulas-
sen, wo es hineingefallen ist, sondern um den Hinweis, daß im
Salzsäurefaß Salzsäure ist und man also beim Hineinfassen ge-
eignete Handschuhe tragen sollte. - Werner entgegnet mir: Die Ar-
beiter seien schon wegen ihrer Klassenlage nicht in Gefahr, sich
in der Säure des Staates aufzulösen, von "folgenschweren Ausnah-
men" einmal abgesehen. Ihr Verhalten dürfe nicht so interpretiert
werden, als ob sie dem Staat zustimmten, vielmehr handle es sich
um bloße Duldung wegen "Mangel an Antizipation politischer Herr-
schaft". Die Alltagserfahrung scheine dem zwar zu widersprechen,
jedoch stütze sie sich "in diesem Fall freilich auf nichts mehr
als auf das im vierjährigen Turnus ablaufende Wahlverhalten"
(a.a.O.). Der Behauptung kann ich nicht zustimmen, wohl aber dem
Argument, das, wie mir scheint, eher m e i n e Behauptung vom
"Säurecharakter" des Staates belegt: Die Arbeiter stimmen dem
Staat nicht zu - einverstanden -, sondern werden von ihm p a-
r a l y s i e r t, h a n d l u n g s u n f ä h i g g e-
m a c h t, und zwar nicht zuletzt gerade in dem Maße, wie sie in
jenem "vierjährigen Turnus" gefangen sind, der sie jedesmal von
neuem vor die Notwendigkeit zu stellen scheint, für das
Linsengericht eines "kleineren Übels" auf ihr politisches Selbst-
bestimmungsrecht zu verzichten; die "mangelnde Antizipation poli-
tischer Herrschaft" besteht darin, daß ihnen noch niemand eine
nicht nur dem Inhalt, sondern a u c h d e r F o r m n a c h
ü b e r z e u g e n d e A l t e r n a t i v e zum bürgerlichen
Parteiensystem o d e r a u c h n u r e i n e n W e g a u s
i h m h e r a u s hat zeigen können. Es handelt sich hier nicht
nur um "propagandistische und organisatorische Schwächen der Kom-
munisten" (Werner, S. 171), sondern auch um t h e o r e t i-
s c h e S c h w ä c h e n bei der Analyse der Mechanismen
bürgerlicher Macht.
24) Esser/Fach, Internationale Konkurrenz und selektiver Korpora-
tismus. Beitrag für die Tagung des AK "Parteien - Parlamente -
Wahlen" der DVPW am 23./24.2.1979, MS, S. 16 ff.
25) Vgl. hierzu auch Zoll u.a., Arbeiterbewußtsein in der Wirt-
schaftskrise I - Erster Bericht: Krisenbetroffenheit und Krisen-
wahrnehmung, Köln 1981
26) Kypke, a.a.O., S. 198 f.
27) Vgl. Karl Marx, Das Kapital, Bd. l, in: Marx/Engels, Werke
Bd. 23, Berlin 1972, S. 16
28) Vgl. hierzu Kastendieck/Kastendieck/Reister, Inkorporierung
der Gewerkschaften? Zum Verhältnis von Staat - Kapital - Gewerk-
schaften und zum Adressatenproblem einer alternativen Wirt-
schaftspolitik, in: Alternative Wirtschaftspolitik 3, Argument-
Sonderband 68, Berlin/West 1981, S. 144-177
zurück