Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982
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WAS BRINGEN "NEO-SCHUMPETERIANISCHE" KRISENINTERPRETATIONEN?
EINE REPLIK *)
Alfred Kleinknecht
I. Gibt es lange Innovationszyklen? - II. Innovations- und Wachs-
tumsschübe - III. Bemerkungen zur Kritik von J. Goldberg - IV.
Thesen zu wirtschaftspolitischen Implikationen und Forschungsbe-
darf
I. Gibt es lange Innovationszyklen?
J.A. Schumpeter (der "Karl Marx der Bourgeoisie") hat für die Un-
tersuchung des langfristigen Wachstumsrhythmus im Kapitalismus
folgendes Phasenmodell vorgeschlagen:
"Aufschwung" (A) "Abschwung" (B)
"Industrieller Kondratieff" 1787-1813 1814-1842
"Bürgerlicher Kondratieff" 1843-1869 1870-1897
"Neomerkantilistischer Kondratieff" 1898-1924 1925- ?
Jede der obengenannten "Aufschwung"-Perioden geht Schumpeter zu-
folge mit der rapiden Ausbreitung spezifischer Basistechnologien
einher. Die nachfolgende "Abschwung"-Phase ist mit der Sätti-
gungs- und relativen Stagnationstendenz der ursprünglichen Wachs-
tumssektoren verbunden. Als entscheidende technologische Fakto-
ren, die eine stoffliche Umwälzung des Reproduktionsprozesses be-
wirken, können genannt werden:
- "Industrieller Kondratieff": Substitution von Wasser-
kraft durch Dampfkraft,
Ablösung des Holzes (als
Brennstoff) durch Kohle
bzw. (als Baustoff) durch
Eisen, Aufkommen der
Textilindustrie;
- "Bürgerlicher Kondratieff": Eisenbahnwesen, Dampf
schiffe, Substitution von
Eisen durch Stahl;
- "Neomerkantilistischer Kondratieff": elektrotechnische und
chemische Innovationen,
Benzin- und Dieselmotor.
Mein von Goldberg rezensierter Aufsatz drehte sich um die Frage,
ob und inwieweit ein solcher Ansatz auch für das 20. Jahrhundert
relevant sein könnte. Ich ging dabei - in einem selbstverständ-
lich nur groben Überblick - von einer Phaseneinteilung aus, die,
im Anschluß an die "A-Periode" raschen Wachstums von den 1890er
Jahren bis zum 1. Weltkrieg, die Zwischenkriegszeit als "B-Peri-
ode" langsameren Wachstums und verstärkter Krisenanfälligkeit
einstuft. Diesem Schema zufolge wären die 50er und 60er Jahre
wieder als eine erneute "A-Periode" relativer Prosperität und die
70er und 80er Jahre als "B-Periode" mit verschärften Wachs-
tumsproblemen einzuordnen. Wenngleich ich Versuchen, eine solche
Abfolge von Wachstumsperioden in ein rigides Zyklenmodell zu
pressen, skeptisch gegenüberstehe, habe ich versucht zu zeigen,
daß die obige Periodisierung durch charakteristische Variationen
der Wachstumsraten von Industrieproduktion und Nationalprodukt
unterstützt wird.
Ferner habe ich mich auf Daten von G. Mensch bezogen, der ver-
sucht hat nachzuweisen, daß sich sogenannte "Basisinnovationen"
in den "B-Perioden" krisenhafteren Wachstums häufen. Wie aus
nachfolgender Tabelle ersehen werden kann, sind J.J. Van Duijn
und H.-D. Haustein u.a. mittlerweile zu vergleichbaren Ergebnis-
sen gekommen.
Tabelle 1:
"Basisinnovationen" in Zehnjahresperioden bei 3 Autoren (19. und
20. Jahrhundert)
Mensch v. Duijn Haustein Mensch v. Duijn Haustein
1800-1809 1 1 1 1890-1899 10 9 14
1810-1819 2 2 3 1900-1909 1 1 7
1820-1829 7 3 7 1910-1919 2 8 8
1830-1839 7 4 6 1920-1929 7 3 10
1840-1849 4 4 7 1930-1939 19 14 20
1850-1859 5 5 8 1940-1949 8 11 14
1860-1869 7 7 8 1950-1959 5 7 15
1870-1879 8 9 8 1960-1969 - 5 13
1880-1889 19 17 21 1970-1979 - 1 7
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Quellen: G. Mensch, Das technologische Patt, Frankfurt 1975; J.J.
van Duijn, De lange Golf in de Ekonomie, Assen 1979; H.-D. Hau-
stein/E. Neuwirth, Long Waves in World Industrial Production, En-
ergy Consumption, Innovations, Inventions, and Patents and their
Identification by Spectral Analysis, Working Paper: WP-82-9, In-
ternational Institute for Applied Systems Analysis, Laxenburg
(Austria), Januar 1982.
Die von Mensch hypothetisierte Häufung von Basisinnovationen um
1820/30 ist in den Daten der beiden anderen Autoren nicht zu er-
kennen. Hingegen werden die Häufungspunkte in den 1880er und
1930er Jahren bei allen drei Fallsammlungen deutlich. Dies könnte
darauf hindeuten, daß sich die behauptete Diskontinuität im Inno-
vationsaufkommen erst im entwickelteren Kapitalismus eingespielt
hat.
Selbstverständlich haben wir es in obiger Tabelle mit ausgespro-
chen "weichen" Daten zu tun. Es kann z.B. kritisiert werden, daß
keiner der 3 Autoren eine eindeutige Definition des Begriffs
"Basisinnovation" gegeben hat. Theoretisch erscheint es sinnvoll,
zu unterscheiden zwischen der ursprünglichen radikal neuen Ba-
sistechnologie und den Folgeinnovationen, die sich innerhalb ei-
nes einmal gegebenen "Paradigmas" bewegen; diese theoretisch
plausible Unterscheidung ist jedoch bei konkreten Fallbeispielen
oft schwer anzuwenden. Die Definition einer Basisinnovation als
"Initialzündung" zu einer neuen Wachstumsindustrie bleibt eben-
falls relativ vage. Für das Studium des Zusammenhangs von Innova-
tion und Wachstum erweist sie sich außerdem als zirkulär.
Wahrscheinlich ist es von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus
am redlichsten, die der Tabelle l zugrunde liegenden Innovations-
listen schlechthin als eine Aufzählung der (nach subjektiver Auf-
fassung der Autoren) wichtigsten technikgeschichtlichen Meilen-
steine im 19. und 20. Jahrhundert zu begreifen. Bei allen drei
Autoren wird man sich dabei im einzelnen noch streiten können
über die Vollständigkeit bzw. Repräsentativität ihrer Fallsamm-
lung, die herangezogenen Quellen, die genaue Bestimmung der Inno-
vationszeitpunkte und insbesondere über ihre Auswahlprinzipien.
Die bislang härteste Kritik ist hierzu von einer Autorengruppe
aus der Universität von Sussex gekommen. 1) Ich bin an anderer
Stelle auf diese Kritik ausführlicher eingegangen als dies hier
möglich ist. 2) Die theoretische Kritik von Clark/Freeman/Soete
läßt sich folgendermaßen zusammenfassen: Die Einführung radikal
neuer Produkte oder Verfahren ist an sich bereits ein äußerst ri-
sikoreiches Unterfangen. Es ist daher schwer einzusehen, weshalb
die Unternehmen dies ausgerechnet in den krisengeschüttelten "B-
Perioden" tun sollten, in denen die Unsicherheit bei der Voraus-
schätzung künftiger Marktentwicklungen am größten und die Konsum-
und Investitionsnachfrage am schwächsten sind. Wenn es überhaupt
eine konjunkturell beeinflußte Häufung von Innovationen gibt, so
ist diese eher für die "A-Perioden" mit expandierender Nachfrage,
steigenden Profiten und günstigen Finanzierungsmöglichkeiten für
die Unternehmen zu erwarten.
Dem ist entgegenzuhalten, daß die Innovationsstrategie von Firmen
aus einem Vergleich von Innovations r i s i k e n und Innovati-
ons a n r e i z e n erklärt werden muß: In den "A-Perioden" sind
nicht nur die Innovationsrisiken, sondern auch die Innovationsan-
reize niedriger. Mit den bereits laufenden Produkten innerhalb
der gegebenen, schnell expandierenden Anlagesphären können sehr
viel leichter Kapital akkumuliert und Profite abgeschöpft werden
als durch die risikoreiche Einführung völlig neuer Produkte, de-
ren Marktaussichten nur vage bestimmbar sind. Es ist für die Un-
ternehmen also kurzfristig profitabler, ihre Forschungs- und Ent-
wicklungsausgaben (F+E) auf eine Weiterentwicklung der bereits am
Markt etablierten Produktlinien zu konzentrieren. Ein Umschalten
in der F+E-Strategie wird erst durch das "rien ne va plus" in den
existierenden Anlagesphären (Marktsaturation, Überkapazitäten)
erzwungen.
Hier zeigt sich ein elementarer Widerspruch kapitalistischer Pro-
duktivkraftentwicklung: Der Zwang zur Realisierung der risiko-
reichsten Innovationsprojekte ist gerade dann am größten, wenn
auch die Risiken und Unwägbarkeiten der Konjunkturentwicklung am
höchsten sind. Vor dem Hintergrund der 1930er Jahre sind die po-
litik- und sozialgeschichtlichen Implikationen einer solchen
relativen Pattsituation evident. Dies soll hier nicht weiter
ausgeführt werden.
Um die Hypothese einer Häufung von radikalen Innovationen während
der 1930er Jahre einem unabhängigen Test zu unterziehen, habe ich
eine Fallsammlung von 120 "wichtigen Innovationen" von K.B. Mah-
davi 3) ausgewertet. Mahdavi hat diese Fälle als repräsentative
Beispiele ausgewählt, um Effizienzprobleme von F+E-Prozessen zu
untersuchen. Da ihn dabei obige Fragestellung nicht interessiert
hat (und ihm vermutlich auch gar nicht bekannt war), kann seine
Fallsammlung unter dem Aspekt der Verteilung von Innovationen
über die Zeit durchaus als Zufallsstichprobe aufgefaßt werden.
Eine Gruppierung der Mahdavi-Fälle nach Innovations t y p e n
(radikal neue Produkte versus Produktverbesserungen und Prozeßin-
novationen) ergibt, daß die radikalen Produktinnovationen
tatsächlich in den 30er und 40er Jahren (mit Gipfelpunkt in den
30ern) eine statistisch hochsignifikante Häufungstendenz aufwei-
sen. Demgegenüber tendieren die Produktverbesserungen und Pro-
zeßinnovationen eher zu einer (statistisch nicht signifikanten)
Häufung während der "A-Perioden". Da die "radikal neuen Produkte"
den "Basisinnovationen" bei den oben zitierten Autoren definito-
risch relativ nahekommen dürften, kann dieses Ergebnis als Bestä-
tigung der Innovationshäufungs-hypothese interpretiert werden. 4)
Das obige Ergebnis scheint das im folgenden zu skizzierende lang-
fristige Ablaufmuster zu unterstützen:
Bild ansehen
Die Skizze der produkt- und prozeßbezogenen Folgeinnovationen in
stilisierter Darstellung erfolgte in Anlehnung an einen Vorschlag
von J. Utterback 5). Dieser glaubte, einen solchen charakteristi-
schen Verlauf bei vielen "major innovations" feststellen zu kön-
nen, ohne dies allerdings mit dem hier diskutierten Zeithorizont
zu verbinden.
Es gibt deutliche Indizien, daß sich das Wachstum der Arbeitspro-
duktivität in den 70er Jahren gegenüber den 50er und 60er Jahren
trendmäßig abzuschwächen scheint. 6) Der Umstand, daß in den 50er
und 60er Jahren höhere Wachstumsraten der Arbeitsproduktivität
mit steigendem Arbeitseinsatz vereinbar waren, während gegenwär-
tig trotz schwächerer Zuwachsraten der Arbeitsproduktivität der
"Freisetzungs-Effekt" des technischen Fortschritts dominiert,
kann nur aus der Verschiebung zuungunsten der produktbezogenen
Folgeinnovationen erklärt werden. Daß diese Verschiebung (d.h.
die sich abschwächende Kompensation des "Freisetzungs-Effekts"
durch den "Erweiterungs-Effekt") erst mit einer gewissen Zeit-
verzögerung auf den Arbeitsmarkt durchgeschlagen hat, wäre aus
der zunächst noch hohen Rate der Prozeßinnovationen erklärbar,
die zu einer vorübergehenden Ausweitung der Beschäftigung im In-
vestitionsgütersektor geführt hat. Aus dieser Sicht kann im Prin-
zip die "Entkoppelungs"-Diagnose der Memorandum-Gruppe unter-
stützt werden: Angesichts der Verschiebungen in Struktur und Vo-
lumen des Innovationsaufkommens gilt die alte Formel "mehr Inve-
stitionen = mehr Beschäftigung" nicht mehr, da in der Reifheits-
phase des "Innovations-Lebenszyklus" selbst hohe Gewinne nicht zu
mehr Erweiterungsinnovationen und -investitionen führen.
Es muß an dieser Stelle allerdings einschränkend hinzugefügt wer-
den, daß es in der empirischen Innovationsforschung bislang nur
wenige Belege für die in Schaubild l unterstellte Verschiebung
bei den Folgeinnovationen gibt. 7) Entsprechende Forschung ist
jedoch im Gange.
II. Innovations- und Wachstumsschübe
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Unbeschadet der Frage, ob die in Schaubild l skizzierte Verschie-
bung bei den Folgeinnovationen empirisch gesichert ist, kann na-
türlich untersucht werden, ob es überhaupt Belege für Serien von
Folgeinnovationen gibt und ob diese einen Zusammenhang mit dem
Wirtschaftswachstum aufweisen.
Ich habe dafür eine US-amerikanische Innovationsstudie ausgewer-
tet, die eine Stichprobe von 500 Innovationen aus 6 Ländern im
Zeitraum 1953-73 enthält. Die Verteilung dieser 500 Fälle über 30
Branchen der westdeutschen Industrie zeigt, daß sie sich sehr
deutlich in denselben Branchen konzentrieren, denen auch die
Fälle von radikalen Produktinnovationen aus den 30er und 40er
Jahren (vgl. "Observations", Anm. 2) zuzuordnen sind. Ein auf Ba-
sis dieser Innovationsfälle gebildeter quantitativer Indikator
der relativen "Innovativität" von Branchen erweist sich als hoch
korreliert mit den branchenweisen Wachstumsraten der Industrie-
produktion während der 50er und 60er Jahre. 8)
Auf Basis von 3 Stichproben mit insgesamt 17260 Patentanmeldungen
im niederländischen Patentamt habe ich inzwischen mit ähnlicher
Methode einen weiteren unabhängigen Innovationsindikator gebil-
det. Dieser Patentindikator bestätigt im wesentlichen die Resul-
tate des auf Basis der US-Studie gebildeten Indikators. 9)
Es gibt also in den 50er und 60er Jahren für die Bundesrepublik
und für die Niederlande einen engen Zusammenhang zwischen dem
branchenweisen Wachstumstempo und dem Grad an Innovativität von
Branchen. Dabei korrespondiert die einseitige Verteilung der In-
novationen bzw. der Patentanmeldungen über die Branchen mit der
branchenweisen Verteilung der radikalen Innovationen, die sich
zeitlich in den 30er und 40er Jahren konzentrieren. Dieses Ergeb-
nis kann als empirischer Beleg für den Zusammenhang von
"Basisinnovationen" und Folgeinnovationen gewertet werden.
Die beiden obengenannten Indikatoren enthalten jedoch (qua Selek-
tionsmodus) relativ wenig Informationen über die
V e r l a u f s f o r m der Folgeinnovationen. Eine nähere Aus-
wertung der amerikanischen Studie ergibt immerhin noch, daß im
letzten Drittel des Beobachtungszeitraumes (1967-73) eine deutli-
che Verringerung des Bedeutungsgrades der Innovationsfälle statt-
gefunden haben muß. 10) Die Patentstatistiken enthalten keine In-
formation über die relative Bedeutung der erfaßten Fälle. Im Ge-
gensatz zu dem Material der US-Studie erlauben jedoch die Stati-
stiken der Patentämter Rückschlüsse über das Volumen der Folgein-
novationen, unterstellt man einmal, daß deren Entwicklung von den
Zeitreihen angemeldeter Patente einigermaßen verläßlich widerge-
spiegelt wird. Diese letzteren zeigen etwa in den Niederlanden
einen relativ konstanten Anstieg bis 1969 und fallen danach kon-
tinuierlich ab. 11) Dies ist selbstverständlich nur ein recht
grobes Indiz für den Realitätsgehalt von Schaubild 1. Es steht
außer Zweifel, daß hier noch sehr viel eingehendere Forschung
notwendig ist.
III. Bemerkungen zur Kritik von J. Goldberg
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In bezug auf meine Begründung für die Diskontinuität im Aufkommen
neuer Basistechnologien führt Goldberg aus: "Ähnlich wie Schumpe-
ter greift Kleinknecht als Erklärung auf das 'Verbummeln' von In-
novationen durch die Einzelkapitalisten zurück..." (S. 254). In
der angefügten Fußnote heißt es weiter, daß bei Schumpeter dem
Unternehmer als Führerfigur (!) entscheidende Bedeutung zukomme
(ebenda). Nun läßt sich die Schumpetersche Erklärung von Innova-
tionsschüben in der Tat auf die "soziologische" Hypothese eines
zyklischen Auftretens von Unternehmergenies reduzieren. Aus mei-
nen Ausführungen in PROKLA 35 ergibt sich jedoch eindeutig, daß
der delikate Hinweis auf die Parallele mit Schumpeter irreführend
ist. Ich habe versucht, die Dominanz bestimmter Innovationstypen
in bestimmten Phasen langfristiger Wachstumsschübe nicht mit sub-
jektivistischen Hilfskonstruktionen (Unternehmerpersönlichkeiten,
Generationswechsel etc.) zu erklären, sondern aus der Logik des
Profitsystems. Dieser Erklärung zufolge ergeben sich auffallende
Parallelen zwischen spezifischen historischen Phasen, wie etwa
zwischen den 1880er und 1930er Jahren (Schübe an neuen Basistech-
nologien), den Phasen rascher Diffusion dieser Technologien (mit
Dominanz des "Erweiterungs-Effekts") in den 1890er Jahren bis zum
1. Weltkrieg bzw. in den 1950er und 60er Jahren oder auch zwi-
schen Phasen mit Dominanz des "Freisetzungs-Effekts" des techni-
schen Fortschritts wie in den 1920er Jahren (Taylorismus, Fordis-
mus) oder in den 1970ern (Mikrochips).
Ich habe versucht, dieses Konzept spezifischer Innovationstrends
mit der Diskussion des Marxschen Profitratentheorems zu verbin-
den. Meiner Hypothese zufolge würde sich insbesondere in der An-
fangsphase der raschen Diffusion der neuen Basistechnologien
(Dominanz der Produktinnovationen) eine Gegentendenz gegen den
Fall der Profitrate ergeben. Demgegenüber würde sich aus der
zweiten Folgeinnovationskurve in Schaubild 1 (Prozeßinnovationen)
ein beschleunigter Fall der Profitrate erklären. Das Argument,
daß neue Produkte bzw. die Erschließung neuer Anlagesphären eine
Gegentendenz gegen den Fall der Profitrate darstellen, stammt im
übrigen nicht von mir, sondern wurde bereits in der 2. Hälfte des
19. Jahrhunderts von Karl Marx diskutiert. 12) Ich habe in obigem
Beitrag lediglich festgestellt, daß statistische Daten zur Lang-
fristentwicklung von Kapitalkoeffizient, Arbeitsproduktivität
etc. für die Bundesrepublik diese Hypothese zu bestätigen schei-
nen. Ich kann im folgenden nicht detailliert auf Goldbergs Kritik
eingehen, die sich stark auf meine empirische Beweisführung in
diesem Punkt konzentriert. Es sei hier lediglich angemerkt, daß
neben der Problematik der Kapitalstockberechnung 13) vor allem
auch das Aggregationsniveau der statistischen Daten ein entschei-
dendes Problem für meine empirische Argumentation darstellt. Die
Datenlage macht es schlechthin unmöglich, die Wachstumseffekte
einzelner Basistechnologien isoliert zu betrachten. Selbst bei
einer Desaggregation der verarbeitenden Industrie in 30 oder mehr
Branchen hat man noch immer relativ grobe Kategorien wie etwa
"Chemische Industrie", "Elektrotechnische Ausrüstungen" etc., in
denen alte und neue Produktlinien vermengt sind. Kein Wunder
also, daß gerade in jenen Branchen, in denen diese Vermengung be-
sonders stark ist, die zur Diskussion stehenden Indikatoren in
ihrem a b s o l u t e n Niveau meiner Hypothese zu widerspre-
chen scheinen, während die
V e r ä n d e r u n g s r i c h t u n g dieser Indikatoren mit
der Hypothese konsistent ist. Hierzu sei noch angemerkt, daß
mittlerweile eine Auswertung des Profitratenindikators von Altva-
ter/Hoffmann/Semmler meine Argumentation in PROKLA 35 bestätigt
hat. 14) Es wäre natürlich interessant, die obige Hypothese noch
mit weiteren unabhängigen Berechnungsergebnissen von Profitrate
und organischer Zusammensetzung des Kapitals zu konfrontieren.
IV. Thesen zu wirtschaftspolitischen Implikationen
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und Forschungsbedarf
--------------------
1. Wenn die oben skizzierten Hypothesen über den Zusammenhang
zwischen längerfristiger Wirtschaftsstagnation und Innovations-
aktivität realistisch sind, so kann für die vor uns liegenden
80er und 90er Jahre ein erneuter Schub an neuen Basistechnologien
erwartet werden. Mögliche Schwerpunkte dieses Innovationsschubes
sind zu vermuten im Bereich neuer Kommunikations- und Transport-
systeme, der Biotechnologie, dem Abbau von Rohstoffen in den
Weltmeeren, neuer Energiequellen sowie der Substitution und ins-
besondere des Recycling von (Energie-) Rohstoffen.
2. Sowohl die Auswertung der US-amerikanischen Studie (vgl. Anm.
8) als auch der Patentstichproben (vgl. Anm. 9) legt den Schluß
nahe, daß sich die Innovationsaktivität während der 50er und 60er
Jahre stark auf dem durch die Basistechnologien der 30er und 40er
Jahre vorgegebenen Pfad entlang bewegt hat. Die erfolgreiche Um-
setzung bestimmter neuer Basistechnologien scheint also die wei-
tere Technikentwicklung stark zu determinieren. Andererseits
zeigt die Auswertung von Fallstudien wichtiger Innovationen der
30er und 40er Jahre (vgl. Anm. 2), daß der Staat die einzuschla-
gende Innovations r i c h t u n g stark beeinflußt hat, beson-
ders durch sein Auftreten als Abnehmer von Innovationsprodukten
(Rüstungsgüter!); bei der Selektion von neuen Basistechnologien
scheinen also durchaus politische Handlungsspielräume zu beste-
hen. Es wäre daher eine durchaus belangreiche Aufgabe, einmal die
gegenwärtig diskutierten und z.T. auch schon praktisch umgesetz-
ten Strategien staatlicher Innovationsförderung 15) aufzuarbei-
ten.
3. Es ist ein nicht zu unterschätzendes Verdienst der Umweltbewe-
gung speziell in der Bundesrepublik, eine breitere Diskussion
über die einzuschlagende Richtung in der Technikentwicklung pro-
voziert zu haben. Damit besteht die Chance, die Entscheidungspro-
zesse über die Innovationsaktivitäten der 80er und 90er Jahre zu-
mindest teilweise zu demokratisieren, anstatt sie (wie in den
30er Jahren) ausschließlich anonymen "Marktkräften" (oder besser:
dem diskreten Zusammenspiel von Großunternehmen und Staatsappa-
rat) zu überlassen. Damit diese Chance aber auch wirklich wahrge-
nommen werden kann, muß sich die politische Ökonomie der Ökologie
annehmen, damit diese nicht den Ideologen einer abstrakten Tech-
nik- und Industriefeindlichkeit (Bahro, Ullrich) überlassen
bleibt. Die einmal eingeschlagene Innovationsrichtung übt über
Jahre und Jahrzehnte hinweg Einfluß aus auf neue Arbeitsplätze,
Qualifikationsprofile und generell auf die Gebrauchswertseite der
Reproduktion der Arbeitskraft. Deshalb ist eine umfassende Beein-
flussung der Technikentwicklung auch von Gewerkschaftsseite aus
bedeutsam.
4. Hier wird die künftig noch eingehender zu untersuchende Hypo-
these vertreten, daß es einen gesetzmäßigen Zusammenhang gibt
zwischen dem Rationalisierungsdrall des technischen Fortschritts
und der Reifheitsphase von Industrie-Lebenszyklen. Demnach ist
für die Zukunft zu erwarten, daß sich der "Freisetzungs-Effekt"
des technischen Fortschritts in den etablierten Industriezweigen
fortsetzen wird - relativ unabhängig von der Höhe der Lohnab-
schlüsse. Defensivstrategien wie Arbeitszeitverkürzung, Subven-
tionierung notleidender Branchen etc. a l l e i n reichen nicht
aus, die Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Eine wirkliche Kom-
pensation der Rationalisierungseffekte in "reifen" Industriezwei-
gen kann auf die Dauer nur durch die Initiierung neuer Industrie-
Lebenszyklen erreicht werden.
5. Das Ingangsetzen neuer Industrie-Lebenszyklen muß nicht auf
eine bloße Fortschreibung des "quantitativen Wachstumstrips" hin-
auslaufen. Natürlich gibt es gegenwärtig eine starke Tendenz, un-
ter dem Stichwort "Modernisierung der Volkswirtschaft" auch ar-
beitsplatzvernichtende Innovationen staatlich zu fördern und eine
Lösung der Krisenprobleme durch eine aggressive Exportstrategie
erreichen zu wollen. Eine Lösung der Krise ist jedoch von einer
Politik der Expansion reifer Industriezweige kaum zu erwarten,
abgesehen davon, daß dies auch ökologisch wenig wünschenswert
ist. Um einen Brückenschlag zwischen der Forderung der Memoran-
dum-Gruppe nach einer Ausweitung des Binnenmarktes und den An-
sprüchen der Ökologiebewegung zu ermöglichen, müssen alternative
Innovationsstrategien erarbeitet werden, die arbeitsplatzschaf-
fende u n d zugleich ökologisch sinnvolle Innovationslösungen
beinhalten. Hierzu gibt es in der Diskussion um Alternativen der
Wirtschaftspolitik bereits recht gute, bislang aber leider viel
zuwenig beachtete Vorschläge. 16) Dennoch besteht hier ohne Zwei-
fel noch Bedarf an weiteren Forschungsarbeiten, an denen sich
insbesondere auch naturwissenschaftlich geschulte Kollegen betei-
ligen sollten.
6. Schumpeter hat in seinem späten Standardwerk "Kapitalismus,
Sozialismus und Demokratie" vorausgesagt, daß sich die industri-
elle Innovationstätigkeit immer stärker auf wenige Großunterneh-
men konzentrieren werde. Auch ohne eine systematische quantita-
tive Auswertung vorzunehmen, hatte ich bei der Durchsicht nieder-
ländischer Patentstatistiken den Eindruck, daß Schumpeters Vermu-
tung realistisch war. Dieser Eindruck von der "output-Seite" der
Erfindungstätigkeit korrespondiert mit Daten über die "input-
Seite": Angaben bei J. Hagedoorn zufolge vereinigen die 5 großen
Multinational (Philips, Shell, Unilever, AKZO, DSM) beinahe 70%
der unternehmerischen F+E-Aktivitäten in den Niederlanden auf
sich 17). Es wäre sicherlich eine interessante Forschungsarbeit,
einmal vergleichbare Daten für die Bundesrepublik zusammenzustel-
len und etwa die Huffschmidsche Profitratendifferenzierungs-Hypo-
these aus diesem Blickwinkel zu beleuchten.
7. Während Wissenschaftler aus sozialistischen Ländern bereits
seit Jahren über den Zusammenhang von Innovation und langfristi-
ger Wachstumsentwicklung forschen und publizieren, 18) zeigen
sich marxistisch orientierte Politökonomen in der Bundesrepublik
hierzu noch immer erstaunlich unbedarft. Ähnlich wie die Reprä-
sentanten der herrschenden Wirtschaftstheorie haben sich auch die
Vertreter wirtschaftspolitischer Alternativkonzepte weitgehend in
Endlos-Diskussionen über letztendlich verteilungstheoretische
Krisenerklärungen verrannt. Es ist an der Zeit, daß die Problema-
tik von Innovations- und Wachstumstrends in der Alternativ-Dis-
kussion berücksichtigt wird. Dies bietet die Chance, die Diskus-
sion über einen wichtigen Teil des theoretischen Erbes von Karl
Marx wiederaufzunehmen: die Dialektik von Produktivkräften und
Produktionsverhältnissen. Diese steht im Zentrum des Marxschen
Profitraten-Theorems. Akkumulation und Krise bei Marx ist mehr
als nur Kreislauf-, Verteilungs- und Monopoltheorie! Ein
t h e o r e t i s c h e r Innovationsschub bei den westdeutsch-
ten Politökonomen ist äußerst wünschenswert.
_____
*) Diese Replik bezieht sich auf Jörg Goldbergs Kritik an meinem
Artikel "Innovation, Akkumulation und Krise" (Prokla 35, Juni
1979) in seinem Aufsatz "Neue ökonomische Krisentendenzen im Ka-
pitalismus. Ein Literaturbericht", in: Marxistische Studien,
Jahrbuch des IMSF 3/1980, S. 254 ff. Zwischen der Kritik und der
Replik ist viel Zeit vergangen. Inzwischen liegen neue For-
schungsergebnisse vor; außerdem hat innerhalb der Innovationsfor-
schung eine interessante Kontroverse stattgefunden. Sie sollen
daher berücksichtigt werden.
Ich möchte mich bei Heinz Kappei, Michael Narazny und Christian
Steffen für ihre hilfreichen Anmerkungen zum Manuskript dieses
Beitrages bedanken.
1) J. Clark/C. Freeman/L.Soete, Long Waves and Technological De-
velopments in the 20th Century, in: D. Petzina/G, van Roon
(Hrsg.), Konjunktur, Krise, Gesellschaft. Wirtschaftliche Wech-
sellagen und soziale Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert,
Stuttgart 1981.
2) A. Kleinknecht, Observations on the Schumpeterian Swarming of
Innovations, in: FUTURES, Band 13, No. 4, August 1981.
3) K.B. Mahdavi, Technological Innovation. An Efficiency Investi-
gation, Stockholm 1972.
4) Für nähere Details vgl. "Observations...", a.a.O.
5) J.M. Utterback, The Dynamics of Product and Process Innovati-
ons, in: C.T. Hill/J.M. Utterback (Hrsg.), Technological Innova-
tion for a Dynamic Economy, New York, Oxford u. a. 1979.
6) M. Wegener, Produktivitätsfortschritte in den 80ern, Wirt-
schaftsdienst Nr. 2, Februar 1980, 60. Jahrgang, S. 86 ff.
7) Die einzigen mir bekannten Untersuchungen (neben den Arbeiten
Utterbacks) sind: C. Freeman/J. K. Fuller/A. Young, The Plastics
Industry: A Comparative Study of Research and Innovation, Natio-
nal Institute Economic Review, November 1963, Nr. 26 und G.
Mensch, Indizien für eine Innovationslücke, Wirtschaftsdienst
VII/1977, S. 347 ff.
8) A. Kleinknecht, Prosperity, Crisis, and Innovation Patterns:
Some More Observations on neo-Schumpeterian Hypotheses, Research
Memorandum 1981-23, Nov. 1981, Ekonomische Fakulteit, Vrije Uni-
versiteit, Postbus 7161, 1007 MC Amsterdam.
9) Ders., Patenting in the Netherlands: A Cross-Section Test on
the Industry Life Cycle Hypothesis, Beitrag zum OECD Workshop
"Innovation Indicators and Patent Statistics", 29.-30. Juni 1982
in Paris (erhältlich unter OECD-Registriernummer: DSTI-SPR-
82.28).
10) Vgl. Kleinknecht, Prosperity..., a.a.O., S. 18
11) Jaarsverslag van de Nederlandse Octrooiraad (Jahresbericht
des niederländischen Patentamtes), laufende Jahrgänge, Hrsg.: In-
formatiedienst Octrooiraad, Postbus 5820, 2280 HV Rijswijk.
12) Man beachte etwa die folgende Passage: "Andererseits öffnen
sich neue Produktionszweige, besonders auch für die Luxuskonsum-
tion, die... ihrerseits wieder auf Überwiegen des Elements der
lebendigen Arbeit beruhn und erst nach und nach dieselbe Karriere
wie die andren Produktionszweige durchmachen." In: K. Marx, Das
Kapital, Band 3, S. 246 f., Berlin 1972. Wie sich aus dem letzten
Halbsatz ergibt, hat Marx auch durchaus die t e m p o r ä r e
Gültigkeit dieser Gegentendenz gesehen.
13) Eine brauchbare Diskussion dieser Problematik findet sich bei
E. Helmstädter, Der Kapitalkoeffizient, Tübingen 1969. Dem Vor-
schlag Goldbergs, anstelle des effektiven den potentiellen Kapi-
talstock zu verwenden, möchte ich lieber nicht folgen, da hier
die Probleme der Kapitalstockberechnung noch ergänzt werden durch
nicht sehr viel minder problematische Potentialschätzungen.
14) A. Kleinknecht, Überlegungen zur Renaissance der 'langen Wel-
len' der Konjunktur ('Kondratieff-Zyklen'), in: W.H. Schröder/R.
Spree (Hrsg.), Historische Konjunkturforschung, Stuttgart 1981.
15) Vgl. exemplarisch: R. Rothwell/W. Zegveld, Industrial Innova-
tion and Public Policy: Preparing for the 1980s and the 1990s,
London 1981.
16) Vgl. z. B. den ausgezeichneten Beitrag von U. Ewers, Aktions-
bereiche für eine Vollbeschäftigungspolitik, in: DAS ARGUMENT
122, 22. Jg. Juli/August 1980.
17) Hagedoorn führt weiter aus, daß auch von den verbleibenden
30% wiederum ein belangreicher Teil auf Großunternehmen wie Hoo-
govens, Fokker, RSV und VMF entfalle. Generell könne festgestellt
werden, daß Unternehmen mit weniger als 500 Beschäftigten nur in
großen Ausnahmefällen überhaupt eigene F+E-Abteilungen finanzie-
ren könnten; vgl. das Kapitel "Innovatiebeleid" von J. Hagedoorn
in: "Ekonomisch Beleid uit de Klem", Redaktion: C. van Ewijk/R.
de Klerk/G. Reuten/B.Thio, Hrsg.: Verlag SUA und Tijdschrift voor
Politieke Ekonomie, Nijmegen 1980. Die Gruppe "Ekonomie uit de
Klem" ist eine Art niederländisches Gegenstück zur westdeutschen
Memorandum-Gruppe.
18) Vgl. z.B. neben dem Zitat in den Quellen von Tabelle 1 auch
die folgenden Titel: H.-D. Haustein/H. Maier, Basic, Improvement,
and Pseudo-Innovations and their Impact on Efficiency, in: Tech-
nological Forecasting and Social Change No. 16, 1980; dieselben,
Innovation, Efficiency Cycle and Strategy Implications, in: Tech-
nological Forecasting and Social Change No. 17, 1980. H.-D. Hau-
stein, Innovation and Industrieal Strategy, Working Paper WP-81-
65, Mai 1981, IIASA Laxenburg; Thomas Kuczynski, Spectral Analy-
sis and Cluster Analysis as Mathematical Methods for the Periodi-
zation of Historical Processes - a Comparison of Results Based on
Data about the Development of Production and Innovation in the
History of Capitalism. Kondratieff Cycles - Appearance or Re-
ality? Papier für den 7. Kongreß der International Economic Hi-
story Association, Edinburg, August 1978. W.-D. Hartmann/H.-D.
Haustein, Leitung industrieller Forschung und Entwicklung, Berlin
1979.
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