Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982
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NEUE BEWEGUNGEN:
GESELLSCHAFTLICHE ALTERNATIVE ODER KULTURELLER BRUCH?
Zu einigen Momenten außerparlamentarischer Bewegungen
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in der Bundesrepublik
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Kaspar Maase
1. Drei Hauptströme außerparlamentarischer Bewegungen - 2. Zu den
Bewegungen 1966-1974 - 3. Bewegungen unter Krisenbedingungen
(seit 1974/75) - 4. Zu einigen ideologischen und kulturellen Ent-
wicklungen in den neuen sozialen Bewegungen - 5. Kulturelle Bar-
rieren zwischen neuen sozialen Bewegungen und Arbeiterbewegung
1. Drei Hauptströme außerparlamentarischer Bewegungen
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Betrachtet man die außerparlamentarischen Bewegungen der letzten
Jahre, so lassen sich drei wichtige Stränge herausheben. Wir se-
hen breite soziale und demokratische Bewegungen, die vor allem
von Konflikten um allgemeine Reproduktionsbedingungen sowie um
konkrete regionale und örtliche Umweltbedrohungen ausgehen
(Friedensbewegung; Bürgerinitiativenbewegung; Startbahn West;
Brokdorf, Gorleben, Wyhl etc.); in ihnen lassen sich meist kon-
krete Reproduktionsinteressen der Betroffenen und Aktiven aufzei-
gen, sie sind im Bereich allgemeiner Sympathie mehrheitsfähig, an
ihnen beteiligen sich zu einem bedeutenden Anteil Angehörige der
Arbeiterklasse sowie Kräfte und Untergliederungen der organisier-
ten Arbeiterbewegung. Davon zu unterscheiden sind Bewegungen, die
stark durch Momente des Krisenprotests und der Identitätssuche
gekennzeichnet sind, nur vermittelt klare materielle und soziale
Interessen aufgreifen und vor allem unter Jugendlichen der
"Krisengeneration" sowie Angehörigen der Mittelschichten Anhang
finden (Jugendprotest; Frauen- und Minderheitenbewegungen; Alter-
nativ- und Ökologiebewegung). Die dritte Tendenz ist die der ge-
werkschaftlichen und betrieblichen Auseinandersetzungen um mate-
rielle Fragen, Arbeitsbedingungen und Arbeitsplätze, die insge-
samt heute die Grenze zur politischen Konfrontation, zur Artiku-
lation von Grundinteressen der Arbeiterklasse gegen Kapital und
Regierung nicht überschreiten. 1)
Zwischen diesen Hauptsträngen gibt es jeweils Übergangsfelder und
-bewegungen. Zwischen Protestbewegungen und Massenbewegungen für
Reproduktion und Frieden sind etwa die überregionale Anti-AKW-
und Umweltbewegung, die Auseinandersetzungen um Wohnraum oder
auch die breite Kampagne gegen den § 218 einzuordnen; lokale und
regionale Kämpfe um Erhaltung von Arbeitsplätzen oder gegen Sozi-
alabbau und Rotstiftpolitik bilden Scharniere zwischen außerbe-
trieblichen Massenbewegungen und dem gewerkschaftlichen und be-
trieblichen Kampf. In Momenten der gewerkschaftlichen Kämpfe von
Frauen gegen Diskriminierung in puncto Lohn, Ausbildungsmöglich-
keiten etc. und in Ansätzen einer Arbeitslosenbewegung zeichnen
sich Verbindungen von betrieblich-gewerkschaftlichen und Protest-
bewegungen ab.
Wesentliche Merkmale der Entwicklung, die in der Linken mit der
Frage nach den Perspektiven von neuen sozialen Bewegungen und Ar-
beiterbewegung aufgegriffen werden, sind: Die genannten demokra-
tischen und sozialen Massenbewegungen wie die Protestbewegungen
haben bislang wenig Widerhall in der gewerkschaftlichen Strategie
und Kampforientierung gefunden - mit ihren Problemen und Forde-
rungen wie mit ihren Widerstandsmotiven und kämpferischen Impul-
sen. In gewissem Sinne die andere Seite dieser Feststellung ist:
In den Massenbewegungen für elementare Lebens- und Reproduktions-
bedürfnisse auch der Lohnarbeiter sind Interessenpositionen der
Arbeiterbewegung keineswegs bestimmend für Selbstverständnis und
Orientierung; vielmehr überwiegen in den ideologischen Verallge-
meinerungen Anschauungen und Einstellungen von Mittelschichten,
die auch in ihren antikapitalistischen Zügen durch Distanz bzw.
Gegnerschaft zu Arbeiterbewegung und Sozialismus gekennzeichnet
sind 2) und sich häufig aus den Protestbewegungen im engeren
Sinne speisen. Politisch-parlamentarischen Ausdruck finden diese
Bewegungen, wo sie den unmittelbaren Einflußbereich der Bundes-
tagsparteien verlassen, passiv in Wahlenthaltung und Politik-
feindlichkeit, aktiv in grünen und alternativen Gruppierungen,
während kommunistische und linkssozialistische Klassenpositionen
bisher kaum stärker wurden.
Damit sind die Probleme benannt, die im ersten Teil dieses Auf-
satzes genauer betrachtet werden sollen; der zweite versucht
dann, einige für die Zukunft wichtige Momente der neuen Bewegun-
gen herauszuarbeiten.
2. Zu den Bewegungen 1966-1974
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2.1 Im Bannkreis staatsmonopolistischer Reformpolitik
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Für die Untersuchung der gegenwärtigen außerparlamentarischen Be-
wegungen muß man ihre Geschichte zurückverfolgen bis in die
zweite Hälfte der 60er Jahre. Mit zunehmendem historischem Ab-
stand läßt sich immer deutlicher erkennen, welchen tiefen Ein-
schnitt in der Geschichte der Bundesrepublik das Ende des "CDU-
Staates" und der langen Nachkriegskonjunktur mit der Krise
1966/67 bildet. Die damals konzentriert auftretenden und die öf-
fentliche Diskussion bestimmenden Krisen und Mängel der von der
CDU/CSU politisch verantworteten Entwicklung (Produktionsrück-
gang, Arbeitslosigkeit, Aufschwung der NPD, außenpolitische
Isolierung, "Bildungskatastrophe", "Krise der Städte", Umwelt-
probleme) riefen vielfältige soziale und politische Bewegungen
hervor, die zur Lockerung ideologischer Bindungen an die "soziale
Marktwirtschaft" beitrugen und die Suche nach neuen Orien-
tierungen ausdrückten.
Charakter und Entwicklung des damaligen außerparlamentarischen
Protests sind entscheidend bestimmt durch die Rolle, die die So-
zialdemokratie wahrnehmen konnte. Sie stellte sich dar als unver-
brauchte Kraft des Wandels: Strukturprobleme sollten bewältigt
und mehr soziale Gerechtigkeit geschaffen werden. Da in die so-
zial-liberale Politik staatsmonopolistischer Reformen zunächst
bestimmte soziale Interessen der Arbeiterklasse eingingen, 3)
mußte es zu einer Öffnung für Aktivitäten in der Arbeiterklasse
und aus der Gewerkschaftsbewegung heraus kommen, in denen quali-
tative Reformforderungen wachsendes Gewicht erhielten - bis hin
zum politischen Engagement für die Entspannungspolitik und gegen
den Versuch, die Regierung Brandt/Scheel zu stürzen. Mit den
praktischen Bewegungen gewannen weit in die Arbeiterklasse hinein
realistischere Vorstellungen von der Leistungsfähigkeit der kapi-
talistischen Marktkräfte und von den Perspektiven der weltumspan-
nenden Systemauseinandersetzung an Boden. 4)
In diesem Zusammenhang ist auch die Aufnahme neuer Interessen und
Bedürfnisse in Programmatik und Praxis der sozialdemokratisch do-
minierten Gewerkschaften zu sehen. Noch in der Anti-Notstandsbe-
wegung hatten profilierte reformistische Gewerkschaftsführer und
Einzelgewerkschaften eine zentrale Rolle gespielt. Die September-
streiks 1969 gaben einen Anstoß für aktivere und offensivere Ge-
werkschaftspolitik auf dem Felde der Einkommen wie zur Durchset-
zung betrieblicher und sozialer Reformforderungen. Zu "Humani-
sierung der Arbeitswelt", Umweltschutz, Bildungs- und Hochschul-
reform entwickelten und vertraten die Gewerkschaften eigen-
ständige Vorstellungen; deutlichster Ausdruck des damaligen
Verständnisses der "Gestaltungsaufgabe" der Gewerkschaftsbewegung
war 1972 die IG Metall-Tagung "Aufgabe Zukunft: Qualität des Le-
bens" als Zusammenfassung weitgespannter Reformvorstellungen. Zu-
mindest im programmatischen Anspruch präsentierte sich der DGB
als Kraft der Arbeiterbewegung, die neue gesellschaftliche Pro-
bleme, Interessen und Bedürfnisse der Lohnabhängigen aufgreift
und in eine Gesamtkonzeption gesellschaftlicher Veränderungen
einbringt - als außerparlamentarische "Ergänzung" und "Gewissen"
der SPD mit ihrem "Langzeitprogramm".
Ansprüche auf Lebensqualität, Frieden und Entspannung wurden
breit popularisiert und führten auch zu Mobilisierungen in den
Kerngruppen der Arbeiterklasse; vor allem in der Arbeiterjugend
und bei jüngeren Kadern der Gewerkschaften prägte sich eine anti-
kapitalistische Strömung aus. Sozialistisch-marxistische Initia-
tiven und Gruppierungen konnten in und angesichts einer kämpferi-
scher auftretenden Arbeiterbewegung ihren Einfluß erweitern - al-
lerdings von einer schwachen Ausgangsposition aus ohne Chance,
schon bestimmend zu werden. Formell selbständige Bewegungen au-
ßerhalb der Arbeiterbewegung verblieben weitgehend im ideolo-
gisch-politischen Anziehungsbereich sozial-liberaler Kräfte.
Grundlage hierfür war, daß die Masse der an außerparlamentari-
schen Bewegungen, Initiativen und Protesten Beteiligten letztlich
von der Reformierbarkeit der bestehenden Ordnung ausging - oder
anders und für unsere Betrachtung treffender gefaßt: Der Verlust
von Vertrauen in und Bindungen an die vorgefundenen Verhältnisse
und politischen Einrichtungen berührte noch nicht die grundle-
gende Erwartung, die individuelle Perspektive eines guten und be-
friedigenden Lebens im bestehenden System durchsetzen zu können.
Tendenzen zur Erosion des in der Restaurationsperiode herausge-
bildeten "Basiskonsenses" 5) wurden zunächst aufgefangen in der
sozial-liberalen Reformpraxis und -ideologie. Dies war um so
leichter, als die Vorstellung, bei hohem wirtschaftlichem Wachs-
tum Reformen und mehr soziale Gerechtigkeit durchzusetzen, ohne
privilegierten Gruppen etwas abnehmen zu müssen, bis 1973/74 noch
an die reale ökonomische Entwicklung anknüpfen konnte.
2.2 Zur Entwicklung von Persönlichkeitsbedürfnissen
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Die Zuspitzung wirtschaftlicher Probleme 1966/67 wurde zum Auslö-
ser weiterreichender Erschütterungen und Bewegungen; darin kommt
zum Ausdruck, daß die Krise des konservativen Blocks und die an-
schließenden politischen Umgruppierungen in der zweiten Hälfte
der 60er Jahre längerfristige und unwiderrufliche Wandlungen in
Interessen und Bedürfnissen zur Grundlage haben. 6) Wir können
hier den Beginn eines ersten Zyklus außerparlamentarischer Bewe-
gungen sehen, die auf die neue Phase der Krisenentwicklung im SMK
der BRD (zunächst infolge des Abbaus spezifischer Nachkriegsfak-
toren) reagieren. Mit der Krise 1974/75 beginnt dann ein zweiter
Zyklus, zu dessen Voraussetzungen Ergebnisse, Erfahrungs- und
Lernprozesse des ersten zählen. Mit der äußerlichen Einbindung
vieler Bewegungen in die sozial-liberale Programmatik wurde kei-
neswegs die Entwicklung im subjektiven Faktor, in den Köpfen der
Menschen stillgestellt oder gar zurückgedreht. Die folgenden Be-
merkungen konzentrieren sich auf einige solcher weiterwirkenden
Tendenzen.
Objektive Interessen und ihre Veränderung widerspiegeln sich
zunächst notwendig widersprüchlich im Bewußtsein; 7) Klärung,
Vereinheitlichung und Verankerung von Bedürfnissen als stabilen
Handlungsorientierungen gegenüber der sozialen Umwelt werden we-
sentlich erleichtert und vorangetrieben durch die Möglichkeit,
die Widersprüche im praktischen Handeln, im kollektiven Anmelden
und Durchsetzen von Forderungen aufzuheben. Dies war in der skiz-
zierten Situation der Öffnung für Aktivitäten von Angehörigen der
Arbeiterklasse und ihren Gewerkschaften der Fall; so kam es zu
einem starken Schub der kollektiven Aneignung von Reproduktions-
interessen der Arbeiterklasse, der sich subjektiv in weithin ge-
teilten Bedürfnissen und Ansprüchen niederschlug.
Unter dem Gesichtspunkt der neuen Momente in den aktuellen Bewe-
gungen soll hier vor allem die Verstärkung von Bedürfnissen der
Persönlichkeitsbehauptung und -entfaltung verfolgt werden. Ihre
objektive Grundlage sind steigende Anforderungen an Fähigkeiten
und Motivation in Teilen der modernen Produktion wie an die Kom-
petenzen zur Bewältigung der Lebens- und Reproduktionsprozesse in
der hochkomplexen arbeitsteiligen Gesellschaft von heute; 8) dazu
gehören gleichermaßen der Stand der gesellschaftlichen Reich-
tumsproduktion und der Entfaltung von Bedürfnissen und Genüssen
in privilegierten Gruppen.
Auf der subjektiven Seite ist zunächst das Abschleifen der Wirt-
schaftswunder-Faszination anzuführen. Die Nachkriegsentwicklung
brachte ja nicht einfach die quantitative Erweiterung der indivi-
duellen Konsumtion der Lohnarbeiter, sondern eine derart ein-
schneidende Veränderung ihrer Lebensweise wie seit der Herausbil-
dung des Imperialismus nicht. Radio und Fernsehen, der eigene Pkw
am freien Wochenende, die Urlaubsreise ins Ausland, die Teilhabe
an der Warenfülle und die Möglichkeit, ein attraktives eigenes
Heim zu gestalten, bildeten Handlungsaufforderungen und -anfor-
derungen, für die es in der Arbeiterklasse keine fertigen Einord-
nungsmuster geben konnte; sie mußten erst subjektiv verarbeitet,
in eine stabile Lebensweise überführt werden - schon dies eine
Aufgabe, die starke psychische Energien auf sich zog. Hinzu kam
die Bewältigung anderer Kriegsfolgen, der großen Wanderungsbewe-
gungen etc., so daß erst gegen Ende der 50er Jahre eine neue
"Normalität" eingerichtet, der Alltag mehr und mehr selbstver-
ständlich wurde.
Die Verarbeitung solcher Veränderungen wird mit bestimmt durch
die unterschiedlichen Geschichts- und Gesellschaftsbilder, in die
die Angehörigen verschiedener Generationen sie einzuordnen su-
chen. 9) In der zweiten Hälfte der 60er Jahre traten die ersten
Nachkriegsjahrgänge in das politische Geschehen ein, es sank das
Gewicht der wesentlich durch NS-Sozialisation, Krieg, Leiden und
Verluste aus der Konfrontation mit dem Sozialismus (Tod an der
Ostfront, Kriegsgefangenschaft, Umsiedler, "Vertriebene und
Flüchtlinge") sowie "gemeinsamen Wiederaufbau aus dem Nichts" ge-
prägten Gruppen. Zunehmend trat eine Generation auf die Bühne so-
zialer Bewegungen, für die Frieden, der vorgefundene Lebensstan-
dard, staatliche Sozialpolitik im weitesten Sinn und die darin
enthaltenen Entfaltungsmöglichkeiten nicht dankbar zu würdigende
Erfolge der CDU-Politik, sondern selbstverständlich auszubauende
Voraussetzungen für Bedürfnisse und Ansprüche waren; die außer-
parlamentarischen Bewegungen dieser Jahre fanden daher hier star-
ken Widerhall.
Mit der jüngeren Generation wuchs das Niveau schulischer und be-
ruflicher Bildung; längere Freizeit und vielfältigere Mittel und
Möglichkeiten für ihre Nutzung schufen erst nennenswerte Wahlmög-
lichkeiten und verlangten bewußte Entscheidungen über die eigene
Entwicklung; die soziale Durchmischung in Wohngebieten, Arbeits-
und Freizeitkontakten verstärkte die Ausstrahlung deutlicher bil-
dungs- und persönlichkeitsorientierter Lebensstile von Gruppen
der Mittelschichten. Erziehungsziele und -methoden in Familie und
Schule gaben individuellen Qualitäten und Ansprüchen wie Selb-
ständigkeit und "Selbstverwirklichung" größeren Stellenwert.
Vor allem Diskussionen und Projekte der Bildungsreform mobili-
sierten Interessen und Ansprüche mit einer starken Persönlich-
keitskomponente. Über bessere individuelle Qualifikation will man
eine sichere berufliche Stellung mit gutem Einkommen und befrie-
digender Tätigkeit unter Bedingungen erreichen, die noch Kraft
und Initiative in der Freizeit lassen. Belastende Arbeitsbedin-
gungen und Tätigkeitsentleerung werden angesichts der Umwälzung
privater Lebensverhältnisse zunehmend als inakzeptabel erfahren;
Reaktion hierauf ist sowohl die wachsende Bereitschaft, derartige
Persönlichkeitsansprüche im Beruf einzubringen, wie - angesichts
der Widerstände dort zunächst überwiegend - die Entfaltung von
Glücks- und Befriedigungsansprüchen in der Freizeit; vorhandene
Infrastrukturmängel und Umweltprobleme werden damit subjekiv be-
deutsamer.
In diesen Jahren richteten sich individuell und kollektiv gefaßte
Ansprüche auf mehr soziale Gerechtigkeit an die Reform des Bil-
dungswesens als der zentralen Verteilungsstelle für Lebenschancen
in der Bundesrepublik; sozialdemokratische Versprechungen, durch
den Sozialstaat bessere Chancen für Benachteiligte und "mehr De-
mokratie" zu schaffen, trugen noch zur Verallgemeinerung des An-
spruchs auf Gleichheit und Gerechtigkeit bei.
2.3 Zur Rolle der Mittelschichten
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Zu den neuen Momenten in diesem Zyklus außerparlamentarischer Be-
wegungen gehört die besondere Rolle vor allem der lohnabhängigen
Mittelschichten (einschließlich der lohnabhängigen Intelligenz),
wie sie etwa in Entwicklung und Einfluß der Studentenbewegung zum
Ausdruck kommt. Ihr Handeln steht im Widerspruch zwischen der
Verteidigung von Privilegien und Freiräumen einerseits, der Ver-
folgung von Lohnabhängigeninteressen andererseits. Im Widerstand
gegen wachsende und schärfere staatsmonopolistische Regulierung
und Durchkapitalisierung weiterer Lebensbereiche lassen sich
diese Interessen ein Stück weit vereinen - und das verleiht den
lohnabhängigen Mittelschichten angesichts der Schwäche soziali-
stischer Kräfte und autonomer Gewerkschaftspolitik besonderes Ge-
wicht. Die objektive Tendenz einer Intensivierung ihrer Lohnab-
hängigeninteressen trifft zusammen mit der wachsenden Bedeutung
von Interessen an gesellschaftlichen Reproduktionsbedingungen und
Persönlichkeitsentfaltung für die Arbeiterklasse; die Annäherung
von Interessen ist die Grundlage für die wichtige Rolle lohnab-
hängiger Mittelschichten in spontanen Widerstands- und Protestbe-
wegungen mit breiter Beteiligung von Angehörigen der Arbeiter-
klasse.
Dies läßt sich verfolgen in der Entwicklung der Bürgerinitiati-
ven-Bewegung seit dem Ende der 60er Jahre. 10) Sie ist nicht al-
lein mit dem Hinweis auf das Auseinanderklaffen von objektiv er-
weiterten Reproduktionsinteressen (vor allem im Bereich gesell-
schaftlicher Reproduktionssicherung) und realer Entwicklung von
Infrastruktur und Umweltverhältnissen zu erklären. Sie ist schon
Ergebnis einer ersten Lockerung des Vertrauens in das politische
Repräsentativsystem, Ausdruck der Einstellung, daß man eigene In-
teressen gemeinsam öffentlich deutlich machen muß. Wenn dabei An-
gehörige der Mittelschichten dominieren, so verweist das auf die
höhere Artikulations- und Handlungsfähigkeit, die sie durch Bil-
dung und berufliche Tätigkeit erworben haben; es bringt auch ihre
starke Verunsicherung in Lebensverhältnissen und -perspektiven
durch die Tendenz zunehmender Unterordnung unter das Kapital und
ihre Suche nach Möglichkeiten breiterer Gegenwehr zum Ausdruck.
So gingen in ihren Widerstand und ihre Forderungen überwiegend
individuelle Aufstiegsinteressen (Bürgerinitiativen im Bildungs-
und Kulturbereich) sowie Interessen kleiner Eigentümer (vor allem
von Immobilien) ein, und es bildeten sich auch eindeutig reaktio-
näre und bornierte Bürgerinitiativen. Die breite Sympathie für
die Bürgerinitiativaktivitäten und die zunehmende Beteiligung von
Angehörigen der Arbeiterklasse sprechen aber dafür, daß überwie-
gend Reproduktionsinteressen aller lohnabhängigen Gruppen aufge-
nommen waren und daß Dispositionen zur Vertretung von Interessen
außerhalb der traditionellen Kanäle und Institutionen gerade in
den Jahren des reformerischen "Neubeginns" sich auch in die Ar-
beiterklasse hinein ausdehnten.
In konkreten Widerstandsaktionen läßt sich ein breites Interes-
senspektrum vereinen; so fand und findet der regionale Protest
gegen Atom Wirtschaftsprojekte auch eine Basis in den agrarischen
und gewerblichen Mittelschichten. Mit zunehmender Stabilisierung,
Dauer und überregionaler Koordination der Bürgerinitiativen muß
jedoch die Frage nach der Perspektive des Widerstandes an Gewicht
gewinnen. Sie liegt, knapp formuliert, für die Arbeiterklasse in
der Verbindung zum betrieblich-gewerkschaftlichen Kraftzentrum,
im Konzept von Arbeiterkontrolle und wirksamer ökonomisch-politi-
scher Mitentscheidung, im kollektiven Kampf um die Durchsetzung
des Klassenwillens bzw. von Bündnisforderungen bei den zentralen
gesellschaftlichen Schaltstellen. Dem stehen spontan die Bestre-
bungen der selbständigen wie der lohnabhängigen Mittelschichten
entgegen, vorhandene Freiräume und individuelle Gestaltungsmög-
lichkeiten gegen die Durchsetzung des Warencharakters ihrer Ar-
beitskraft zu verteidigen; sie äußern sich in der heftigen Weige-
rung, die eigenen Interessen den Gemeinsamkeiten der Arbeiter-
klasse und der realen Arbeiterbewegung ein- (und eben manchmal
auch unter-)zuordnen.
Die konkrete Entwicklung der Mittelschichtposition in außerparla-
mentarischen Bewegungen wird stark beeinflußt vom Kräfteverhält-
nis in den Bewegungen und von gesellschaftlich einflußreichen
Stimmungen. "Als Schicht, deren soziale Existenz einem ständigen
Wechsel unterworfen ist, werden auch ihre ideologischen Reflexe
beständig durch die Richtung dieses Wandels bedingt. Das Festhal-
ten an Ideologien vergehender Existenzbedingungen und fort-
schrittliches projektives Denken sind daher bei ihnen, je nach
gesellschaftlicher Entwicklung, gleichermaßen anzutreffen." 11)
Im von uns betrachteten Zeitraum ermöglichen die Reformkonzepte
der Sozialdemokratie wie die aktive gesellschaftliche Rolle der
Arbeiterklasse und der Gewerkschaftsbewegung, daß vor allem in
Teilen der jungen Intelligenz radikaldemokratische Einstellungen
und auch sozialistische, auf die Arbeiterklasse orientierte
Kräfte einen gewissen Einfluß erhalten.
Es zeichnet sich schon damals eine weitere Tendenz im Protest aus
den Mittelschichten ab. Ihre soziale Perspektive ist im Umbruch,
materielle und ideologische Sicherheiten sind bedroht; daraus
folgt (neben konservativ-reaktionärem Beharren) auch unruhige Su-
che nach kollektiver Identität zwischen den Hauptklassen; im Zu-
sammenhang mit individualistischen Traditionen und relativ hohem
Bildungsniveau und Persönlichkeitsanspruch trägt dies die Proble-
matik der Klärung und Behauptung individueller Identität gerade
in progressive Bewegungen der Mittelschichten, wie etwa die Stu-
dentenbewegung, hinein.
3. Bewegungen unter Krisenbedingungen (seit 1974/75)
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Ein Blick auf die Bürgerinitiativen-, Frauen- oder Umweltschutz-
bewegung läßt das Moment der Kontinuität in den außerparlamenta-
rischen Bewegungen der 70er Jahre erkennen. Seit der Ablösung des
"Reformkanzlers" Brandt und dem Beginn der zyklischen Krise
1974/75, mit der tiefgreifenden Auswirkung überzyklischer Fakto-
ren wie Strukturkrisen, Energieproblemen, einer beschleunigten
Umsetzung wissenschaftlich-technischen Fortschritts zur Arbeits-
einsparung mit dem Ergebnis von Dauerarbeitslosigkeit sind jedoch
die Rahmenbedingungen grundlegend verändert, so daß auch früher
entstandene Bewegungen einen neuen Stellenwert gewinnen. Eine
Schlüsselfunktion für die Entwicklung hat wiederum die Rolle von
SPD und Gewerkschaftsbewegung - allerdings mit entgegen dem vor-
hergehenden Zyklus umgekehrten Vorzeichen.
3.1 Arbeiterbewegung und Krisenprotest
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3.1.1 Zur Rolle der SPD
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Politisches Abbremsen der Reformansätze und verstärkter Ausbau
großkapitalistischer Machtpositionen und Herrschaftsinstrumente
("Tendenzwende") waren in der BRD nicht mit einem Wechsel der Re-
gierungskoalition verbunden; die veränderte Kapitalstrategie in
Reaktion auf die weltweit verschlechterten Verwertungsbedingungen
("Stabilitätspolitik") wurde zur Leitlinie der SPD/FDP-Regierung
Schmidt/Genscher. Die politische Verantwortung für den Ausbau des
autoritären "Sicherheitsstaates" und für sozialen Abbau, für das
Einfrieren der Entspannungspolitik und den NATO-Aufrüstungskurs,
für Atomprogramm und Schutz monopolistischer Umweltzerstörung,
für Arbeitslosigkeit und Zukunftsverlust übernahmen also jene
Kräfte, an die vor allem Interessen und Hoffnungen auf Friedens-
politik und mehr Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Lebensqua-
lität geknüpft worden waren.
Das wirkte sich bestimmend auf die Entwicklung der außerparlamen-
tarischen Bewegungen aus. Mit ihrer praktischen Politik kann die
SPD grundlegende soziale und politische Ansprüche der Arbeiter-
klasse immer weniger integrieren, von den skizzierten "neuen Be-
dürfnissen" ganz zu schweigen. Sie verliert bis in ihre Stammwäh-
lerschaft unter den Arbeitern hinein an Vertrauen und kann vor
allem viele Akteure der krisenbedingt verstärkten Bewegungen
nicht mehr in ihrem politischen Anziehungsbereich halten. Die ak-
tive Umkehr von Reformtendenzen durch genau die Partei, der viele
Wähler ein entgegengesetztes Mandat gegeben hatten, stärkt neben
dem Ausbruch aus den Scheinalternativen des etablierten Drei-Par-
teien-Systems Prozesse der Abwendung von der repräsentativen De-
mokratie überhaupt: Die reale Einflußlosigkeit, das Ausgeliefert-
sein der Bürger zwischen den Wahlterminen wird zu einem wichtigen
Ansatzpunkt für Widerstand.
3.1.2 Blockierte Krisenverarbeitung in den Gewerkschaften
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Seit 1974 herrschen für die Gewerkschaftsbewegung mit der auf Um-
verteilung zielenden Kapitalstrategie, mit dem Schwinden der so-
zialpolitischen Manövriermasse, mit der gezielt zur Disziplinie-
rung eingesetzten Massenarbeitslosigkeit neue und wesentlich er-
schwerte Kampfbedingungen. Bei der Masse der Angehörigen der Ar-
beiterklasse wie der Gewerkschaftsmitglieder laufen spontan sehr
widersprüchliche Reaktionen und Verarbeitungsprozesse ab. Die
Kräfte, die in den DGB-Gewerkschaften für eine autonome Klassen-
politik des Stutzens auf die eigene Kraft eintreten, können zwar
in gewissen Bereichen an Einfluß gewinnen - sie bestimmen aber
nicht die gewerkschaftliche Strategie.
In der Krise ist selbst der soziale Besitzstand nur zu erhalten,
wenn man sich von der Logik der kapitalistischen Wirtschaft löst
und die Klasseninteressen kämpferisch über "Sachzwänge" stellt.
Diesem Schritt in die politische Konfrontation der Gewerkschafts-
bewegung mit den Unternehmern als K l a s s e n g e g n e r und
auch mit der staatlichen Wirtschaftspolitik im Kapitalinteresse
stehen nicht nur weiterhin Festlegungen auf das bestehende System
als Rahmen gewerkschaftlicher Strategie entgegen - die Bindung
vieler Mitglieder und Funktionäre an die SPD und damit an die
Bundesregierung verstärkt diese Blockierungen erheblich. Sie wer-
den gezielt mobilisiert von jenen Kräften innerhalb und außerhalb
des DGB, die mit allen Mitteln die Durchsetzung autonomer Klas-
senpolitik verhindern wollen.
So ist eine Hauptkraft außerparlamentarischer Bewegungen in der
Bundesrepublik, die Gewerkschaftsbewegung als Kern der ökono-
misch-sozialen Arbeiterbewegung, trotz einzelner Vorstöße (1976,
1978/79) wesentlich an der Entfaltung ihrer möglichen Kraft und
gesellschaftlichen Ausstrahlung gehindert. Lohn- und Tarifkämpfe
bleiben auch bei breiterer Mobilisierung vor der Grenze einer
prinzipiellen Klassenalternative als Krisenausweg stehen - und
praktische Profilierung für gesellschaftliche Reformprogramme ist
in der umrissenen Lage gar nicht zu erwarten.
3.2 Soziale und demokratische Massenbewegungen als Krisenreaktion
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3.2.1 Bewegungen außerhalb des Produktionsbereichs
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In vielen Untersuchungen der neuen sozialen Bewegungen wird als
wesentliches Merkmal hervorgehoben, daß sie von Konflikten im Re-
produktionsbereich ausgehen. Das ist zu erklären aus dem Aufein-
andertreffen von Krisenstruktur (neue Momente wie Energie- und
Ressourcenverknappung verbinden sich mit verschlechterten Verwer-
tungsbedingungen, die verstärkte unentgeltliche Nutzung von Um-
weltressourcen erzwingen) und gestiegenen Bedürfnissen und An-
sprüchen im Bereich allgemeiner Lebensbedingungen. Die Besonder-
heit der Entwicklung in der Bundesrepublik seit der zweiten
Hälfte der siebziger Jahre ist damit jedoch noch nicht erfaßt.
Die anhaltenden Krisenerscheinungen und neue Zuspitzungen wie die
Bedrohung durch die US-Rüstungs- und Militärpolitik rufen spontan
die Suche nach Alternativen und Gegenbewegungen hervor, an denen
sich Bedürfnisse nach Widerstand und Ausweg kristallisieren kön-
nen. Infolge der Blockierungen in der Gewerkschaftsbewegung konn-
ten betriebliche, tarifliche oder gesellschaftspolitische Ausein-
andersetzungen diese Kristallisations- und Orientierungsfunktion
nicht wahrnehmen. Sie fiel vor allem jenen Bewegungen zu, die
(unter Mittelschichtdominanz) schon seit der ersten Hälfte der
70er Jahre aktiv waren und breit wirksame Zeichen des Protestes
setzten, wie die Umweltschützer, die autonome Frauenbewegung und
andere. Seit 1981 hat die Friedensbewegung diese Funktion eines
zentralen Sammelpunktes des Widerstandes. 12)
Die breiten sozialen und demokratischen Massenbewegungen der
letzten Jahre haben nicht wenige Angehörige der Arbeiterklasse
mobilisiert und mögen dort sogar die Mehrzahl ihrer Sympathisan-
ten finden. Darin drückt sich aus, daß konkrete, unmittelbare Ar-
beiterinteressen an gesunden und erholsamen Umweltbedingungen, an
Überleben und Rüstungssenkung aufgenommen werden. Damit ist al-
lerdings der Charakter dieser Bewegungen noch nicht bestimmt. An
Bewegungen im Reproduktionsbereich nehmen Angehörige der Arbei-
terklasse überwiegend individuell, vereinzelt - nicht als Vertre-
ter einer Klassenbewegung - teil; dies setzt sie verstärkt der
Hegemonie von Mittelschichten aus. Ausgangs- und Kernpunkt von
Kraftentfaltung und bewußter Klassenbildung in der Arbeiterbewe-
gung ist bis heute die unmittelbare Konfrontation mit dem Klas-
sengegner, die von der realen Einheit der Lohnarbeiter am gemein-
samen Arbeitsplatz in Betrieb und Büro getragen wird. Erst eine
hier entwickelte Klassenbewegung ermöglicht etwa den Gewerkschaf-
ten, zu einem realen Faktor von Mobilisierung und Einfluß im Re-
produktionsbereich zu werden. Es gibt in der Bundesrepublik kaum
Traditionen, die betrieblich-gewerkschaftliche Kampfkraft und Mo-
bilisierungsfähigkeit der Kerngruppen der Arbeiterklasse in Aus-
einandersetzungen im Reproduktionsbereich einzubringen - und bis
auf weiteres muß man annehmen, daß selbst bei einem höheren Stand
der Kämpfe die Auseinandersetzung um die ökonomische Lage und die
Arbeitsbedingungen das Zentrum gewerkschaftlicher Kraftentfaltung
und Selbstverständigung bleibt und dem eigenständigen Engagement
im Reproduktionsbereich Grenzen gesetzt sind. Hier ist das Feld
der politischen Organisationen der Arbeiterbewegung.
Wir müssen also die Frage wieder aufnehmen: Wie steht es um das
Verhältnis von Mittelschichtinteressen und proletarischen Klas-
seninteressen bei den Bewegungen im Reproduktionsbereich? Von
seinem Entstehen an war vor allem der Umweltprotest neben der
spontanen Anziehung für Mittelschichtangehörige intensiven und
organisierten politisch-ideologischen Einflüssen ausgesetzt. Das
betrifft über den linksbürgerlichen Mediensektor vervielfacht
wirksame Ideologen, in erster Linie jedoch verschiedene Gruppen
und Organisationen, die im vorhergehenden Zyklus außerparlamenta-
rischer Bewegungen (vor allem mit der Studentenbewegung) entstan-
den, sich überwiegend aus der Intelligenz rekrutierten und in
vielen Metamorphosen nach einer breiteren Basis für ihre politi-
schen Konzepte und Führungsansprüche im Gegensatz zur realen Ar-
beiterbewegung suchten. Ihnen gelang es, die für sie günstige
Konstellation in den Widerstandsbewegungen im Reproduktionsbe-
reich zu nutzen. 13) Auf der Basis von Mittelschichtinteressen
und -mobilisierung schufen sie sich Einfluß, der es ihnen jetzt,
in der Phase auch sozialer Erweiterung dieser Bewegungen und der
Funktionsausweitung zum allgemeinen Krisenprotest, ermöglicht,
eine politisch-ideologische Führungsrolle in den Verallgemeine-
rungsprozessen einzunehmen. Die Vorherrschaft im weitesten Sinne
"grüner" und auf einen "Dritten Weg" zwischen SMK und Sozialismus
orientierter Ideologien ist das Ergebnis.
Nicht übersehen darf man auch das Wirken konservativer und in der
oder jener Weise zum Irrationalismus faschistischer Herkunft und
Perspektive tendierender Gruppierungen. Sie sprechen nicht nur
agrarische und gewerbliche Mittelschichten an, sondern können
auch Teile des Protests deklassierter Arbeiterklassengruppen ge-
winnen.
Breite gemeinsame Widerstandsaktionen wie die weitgehende Einbin-
dung in nichtproletarische Alternativkonzepte verdecken die la-
tenten Gegensätze zwischen proletarischen und kleinbürgerlichen
Reproduktionsinteressen. Daß sie nicht stärker zum Ausdruck kom-
men, liegt an der geringen Vertretung der Arbeiterbewegung in den
neuen Bewegungen. Sozialistische Kräfte, die das Klasseninteresse
an den allgemeinen Reproduktionsbedingungen herausarbeiten und
zum gegenwärtigen Interessenbewußtsein der Lohnarbeiter vermit-
teln, sind schwach. Selbst in der Friedensbewegung stehen die
Verhältnisse nicht prinzipiell anders.
3.2.2 Neue soziale Bewegungen und Arbeiterbewegung
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Wir fassen im folgenden Protestbewegungen und Massenbewegungen im
Reproduktionsbereich im Begriff der "neuen sozialen Bewegungen"
zusammen. Das tun auch jene Autoren, die mit marxistischem An-
spruch diesen Bewegungen die historische Nachfolge der soziali-
stischen Arbeiterbewegung (A. Gorz) oder eine zumindest
gleichrangige gesellschaftsverändernde Kraft (J. Hirsch) zuspre-
chen. Dies geht nach unseren Überlegungen wie nach den prakti-
schen politischen Entwicklungen der letzten Jahre an der Wirk-
lichkeit vorbei.
Kein Marxist wird die weitgehende sozialpartnerschaftliche Be-
schränkung der Arbeiterbewegung in der Bundesrepublik und die
Schwäche ihres sozialistischen Flügels leugnen - ebensowenig die
wachsende Bedeutung von Konflikten im Reproduktionsbereich für
die Befriedigung der Lebensbedürfnisse der Lohnarbeiter, für die
Entfaltung sozialer und politischer Klassenkämpfe und für die
Entwicklung antimonopolistischer Bündnisse. Diese Perspektive ha-
ben aber die neuen sozialen Bewegungen nicht - und sie können sie
auch aus ihrer inneren Dynamik nicht gewinnen. Daß in ihnen ein
Übergewicht der realen Arbeiterbewegung fern oder feindlich ge-
genüberstehender politischer Kräfte und Ideologien herrscht, daß
das soziale Spektrum ihrer Akteure und auch Sympathisanten (mit
Ausnahme von Friedensbewegung und Anti-Startbahnbewegung) nur
kleine Teile der aktiven Arbeiterklasse umfaßt, ist kein aufhol-
barer Entwicklungsrückstand, sondern letztlich Ausdruck und Folge
der Schwäche sozialistischer Kräfte der Arbeiterbewegung in der
Bundesrepublik.
Illusion ist auch die Annahme, die Impulse aus den neuen sozialen
Bewegungen könnten heute e n t s c h e i d e n d e Anstöße für
eine Stärkung kämpferisch-autonomer Positionen in der Arbeiter-
klasse geben. Alles spricht dafür, daß soziale und politische Ak-
tivitäten der Lohnarbeiter im Reproduktionsbereich mit einer
klassenstrategischen Orientierung die Entwicklung der Kämpfe im
Kernbereich gewerkschaftlicher Aufgaben und das Überwinden von
Sozialpartnerschaft und Ökonomismus h i e r zur Voraussetzung
haben; dann wird die Wechselwirkung mit Konflikten im Reprodukti-
onsbereich wegen ihrer politischen Dimension die Bildung von
Klassenbewußtsein breit befördern. Nur über ihre gewerkschaftli-
chen und politischen Organisationen werden die Angehörigen der
Arbeiterklasse massenhaft und im bewußten Klasseninteresse Forde-
rungen im Reproduktionsbereich vertreten können - und nur bei
Einsatz ihrer Kraft in Betrieben und Büros werden sie nennens-
werte Erfolge erreichen können. Hierin gründet doch die tiefe
Kluft zwischen den zahlenmäßig gewaltigen Demonstrationen, Basis-
aktivitäten und auch Sympathiebekundungen für die Bewegungen ge-
gen NATO-Raketenbeschluß und Startbahn 18 West und der Unbeirrt-
heit, mit der die herrschenden Kräfte ihren Kurs weiterverfolgen
- weil sie die Entfaltung der Kraft der Arbeiterbewegung aus de-
ren Schlüsselstellung in der gesellschaftlichen Produktion heraus
gegenwärtig nicht befürchten.
Mit diesen prinzipiellen, perspektivischen Überlegungen soll
nicht die Bedeutung der neuen Bewegungen als Moment progressiver
Entwicklung in der Bundesrepublik, als Faktor des Einflusses auf
Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung und auch als produktive Her-
ausforderung für neue Überlegungen der Marxisten weggeredet wer-
den. Selbst wenn die gegenwärtige Tendenz, in diesen Bewegungen
gewerkschaftliche und soziale Interessenpositionen der Arbeiter-
klasse anzumelden, keine Veränderung ihres bei allen Widersprü-
chen nichtproletarischen Charakters erwarten läßt - auf die mit
der zunehmenden Institutionalisierung und politischen Festlegung
ablaufenden Differenzierungsprozesse können und müssen die Kräfte
der Arbeiterbewegung Einfluß nehmen; der Hauptweg dieses Einflus-
ses wird allerdings die Entwicklung der betrieblich/gewerk-
schaftlichen Kämpfe um Einkommen und Arbeitsbedingungen,
Arbeitsplätze und Ausbildungsmöglichkeiten, soziale Sicherheit
und Friedenspolitik sein. Zugespitzt: Was als Beitrag der neuen
sozialen Bewegungen zur Durchsetzung von Lohnarbeiterinteressen
und zur Veränderung des Kräfteverhältnisses gegen das Großkapital
herauskommt, hängt stärker von der konsequenten Entfaltung der
betrieblich und national zu führenden gewerkschaftlichen Kämpfe
ab als von der inneren Dynamik und den Kampferfahrungen der
Bewegungen selber.
Was kann man als Zwischenbilanz der neuen Bewegungen für ihre Ak-
teure festhalten? Heute lassen sich etwa folgende Entwicklungsli-
nien erkennen - grob voneinander abgehoben: Vor allem marginali-
sierte proletarische und subproletarische Gruppen sowie Deklas-
sierte verschiedener Herkunft bilden einen Treibsatz unterschied-
lichster Bewegungen; sie sind zunehmend anfällig für die Instru-
mentalisierung als Stoßtrupp des Neofaschismus. Gruppen aus den
selbständigen, zum Teil auch aus den lohnabhängigen Mittelschich-
ten sowie aus der kleinen Bourgeoisie werden reaktionäre, massen-
feindlich-elitäre Züge vor allem des ökologischen Protests mit
ihren Eigentümerinteressen verbinden. Gruppen der Mittelschichten
und bessergestellte Teile der Arbeiterklasse tendieren zu einer
ausgeprägteren reformerischen Profilierung mit großem Anteil an-
timonopolistischer Interessen. Zu fragen ist, ob s i e die Po-
litik der Grünen Partei prägen werden; bei ihnen kann sich durch-
aus erneut eine sozialdemokratische Dominanz etwa der Linie Epp-
ler/Klose mit entsprechendem Einfluß in den Gewerkschaften her-
ausbilden.
Schließlich zeigen sich stärkere Tendenzen einer Aufnahme der
Protestimpulse im antikapitalistischen gewerkschaftlichen und Ar-
beiterklassenmilieu, vor allem unter qualifizierten jüngeren Ak-
tivisten mit oft ausgeprägt oppositioneller Haltung zur dominie-
renden Linie und Aktionsform in den Gewerkschaften. Vor allem in
den beiden letzten Strömungen zeichnen sich "Scharniergruppen"
zwischen den neuen Bewegungen und der Arbeiterbewegung ab. Neben
den sozialistischen Kräften sind sie es, die in den Klassenorga-
nisationen das Verständnis für die Vereinbarkeit ihrer Interessen
mit vielen Anliegen der neuen sozialen Bewegungen fördern und im
Kern der Arbeiterbewegung die Öffnung zu den "neuen" Bedürfnissen
und Ansprüchen vorantreiben können.
Zieht man die Parallele zum vorangegangenen Zyklus außerparlamen-
tarischer Bewegungen, so scheint folgende Entwicklung möglich:
Gegenwärtig sammeln und stärken sich in der Arbeiterklasse die
Momente der neuen Reproduktions- und Persönlichkeitsansprüche
(durch den Nachwuchs der Klasse, durch die Ausstrahlung der Jün-
geren auf ihre Eltern, durch das Wirken der genannten Kader
usw.). Sie werden eine höhere Qualität gewinnen im nächsten
Kampfzyklus der Arbeiterbewegung, sich an "alte" ökonomische und
soziale Forderungen anlagern und ihnen zusätzliche Triebkraft
verleihen; schließlich können sie bei einer relativen Erleichte-
rung des ökonomisch-sozialen Krisendrucks im wirtschaftlichen
Aufschwung wieder selbständiges Gewicht erlangen.
Und bis dahin? Mündet der Hauptstrom der mit den neuen Bewegungen
verbundenen Suche nach grundlegenden Alternativen zunächst wieder
in die grün und bunt herausgeputzten Kanäle des herrschenden po-
litischen Systems ein? Zumindest mittelfristig scheint mir eine
parlamentarische Austrocknung der neuen Bewegungen nicht wahr-
scheinlich. In ihren Interessengrundlagen und im herausgebildeten
Anspruch auf s e l b s t t ä t i g e Interessenwahrnehmung
statt ihrer Delegation sehe ich eine gewisse Voraussetzung dafür,
daß es auch in den kommenden Jahren einen wichtigen Strang außer-
parlamentarischer Bewegungen neben der Arbeiterbewegung geben
wird.
Die neuen sozialen Bewegungen sind durch ihre Verankerung in der
jungen Generation eine einflußreiche "Schule politischer Praxis
und Kultur". Im Vergleich zu Studentenbewegung und APO der end-
sechziger Jahre reicht ihre Ausstrahlung weiter in den Nachwuchs
der Arbeiterklasse hinein. Damit wird die Dimension "produktiver
Herausforderung" deutlich, die sie für alle politischen Strömun-
gen der Arbeiterbewegung bilden muß.
Wir müssen hier die politisch-ideologische Analyse erweitern. Sie
allein kann nicht erklären, wieso derart stark von den lohnabhän-
gigen Mittelschichten ausgehende und bestimmte Bewegungen Massen-
charakter bis in die Arbeiterklasse hinein und eine solche Stabi-
lität erreichten, daß sie allem Anschein nach für den ersten er-
folgreichen Versuch einer Aufsprengung des etablierten Bonner
Parteienkartells genutzt werden können. Sie kann diese Bewegungen
auch nicht als Anzeiger und aktives Moment in der Bedürfnis- und
Anspruchsentwicklung aller lohnabhängigen Schichten und damit in
ihrer langfristigen Bedeutung für die weitere Entwicklung der
Klassenauseinandersetzungen und für die Perspektive der Arbeiter-
bewegung erfassen. Dazu einige Thesen. Die objektive Annäherung
der Lebenslage zwischen wichtigen Teilen der Arbeiterklasse und
der lohnabhängigen Mittelschichten ist die Grundlage für eine An-
näherung von Reproduktions- und Persönlichkeitsbedürfnissen.
Heute können Impulse und Bewegungen aus den Mittelschichten, die
diese Bedürfnisse von i h r e n Interessen und kulturellen Tra-
ditionen her zum Gegenstand von Forderungen machen, auf Widerhall
in wichtigen Teilen der Arbeiterklasse rechnen. Diese Bewegungen
und das mit ihnen verbundene soziale und kulturelle Milieu werden
damit zu realen Faktoren der Bedürfnisentwicklung und der Bildung
des Klassenwillens in der Arbeiterklasse. "Je mehr... die soge-
nannten Reproduktionsbereiche für die Lebens- und Existenzbedin-
gungen der Arbeiterklasse und generell für die Gesellschaft an
Bedeutung gewinnen..., desto weniger erfolgt die Herausbildung
entsprechender Interessen in einem reinen Arbeiterklassenmilieu,
sondern in einem nichtmonopolistischen sozialstrukturellen Spek-
trum." 14) Sich auf hier herausgebildete Bedürfnisse und Ansprü-
che positiv zu beziehen, meint nicht, sie unkritisch zu überneh-
men, sondern sie a u c h als erste Ausprägung tiefgreifender
Veränderungen zu sehen, die zunehmend die Arbeiterklasse erfassen
und auf die die bewußtesten Kräfte im Gesamtinteresse Einfluß
nehmen, denen sie aber auch Rechnung tragen müssen.
4. Zu einigen ideologischen und kulturellen Entwicklungen
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in den neuen sozialen Bewegungen
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Unter dieser Hauptfragestellung sind die folgenden, in vielem
noch unzulänglichen Überlegungen zu lesen. Ihr Mangel besteht vor
allem darin, daß neue Tendenzen im Milieu der Arbeiterbewegung
nicht aufgearbeitet werden; damit fehlt der praktische Maßstab
für die Einschätzung von Entwicklungen in den neuen sozialen Be-
wegungen, manches bleibt beschreibend. Es soll zunächst die Ver-
mittlung von Einstellungen aus den Protestbewegungen in die Mas-
senbewegungen mit Reproduktionsforderungen untersucht werden.
Dann werden Ansprüche im Milieu der neuen Bewegungen auf Tenden-
zen zu einem "kulturellen Bruch" geprüft, ihre Umsetzung in der
politischen Kultur dieser Bewegungen verfolgt und zum Schluß nach
"kulturellen Barrieren" zwischen ihnen und der realen Arbeiterbe-
wegung der Bundesrepublik gefragt.
4.1 Soziale Massenbewegungen und Krisenprotest
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Die vielfältigen Beziehungen und Übergänge hinsichtlich Akteuren,
Aktionsformen und Selbstverständnis zwischen den in Abschnitt 1
unterschiedenen Massenbewegungen und den eigentlichen Bewegungen
des Kristenprotests und der Identitätssuche (im folgenden der
Einfachheit halber als Protestbewegungen zusammengefaßt) sind of-
fensichtlich und nicht zufällig. Sie werden hier verstanden als
qualitative Abstufungen in einem Kontinuum der Veränderung von
Bedürfnissen und Ansprüchen, das bis weit in jene Teile der Ar-
beiterklasse hineinreicht, die den neuen Bewegungen distanziert
gegenüberstehen. Bei den engagierten Sympathisanten und Akteuren
der neuen Bewegungen sind infolge ihrer Jugend und höheren Quali-
fikation die Persönlichkeitsansprüche stärker ausgeprägt; damit
sind sie empfindsamer für Auswirkungen und Bedrohungen imperiali-
stischer Krisenprozesse. Diese Tendenzen sind in den Protestbewe-
gungen noch weiter radikalisiert: Krisenerfahrungen verbinden
sich mit mittelschichtspezifischen Tendenzen der Identitätsbedro-
hung und Identitätssuche und bewirken einen tiefen Bruch zwischen
individueller Lebensperspektive und herrschenden Werten, Lebens-
formen und politischen Mechanismen.
Es sei gleich hier eine grundsätzliche Bemerkung angeschlossen,
die bei den folgenden Ausführungen mit zu bedenken ist. Die skiz-
zierten Tendenzen der Distanzierung von Basiskonsens, Konsumismus
und parlamentarischem Repräsentativsystem geraten sofort unter
den Einfluß unterschiedlicher politisch-ideologischer Kräfte. Es
überwiegen kleinbürgerliche und stark individualistische Alterna-
tivkonzepte, und aus der Entwicklung zwischen 1900 und 1933 kann
man lernen, daß auch von radikaler Zivilisationskritik, Lebensre-
form und antiparlamentaristischem Aktivismus breite Wege zu reak-
tionären und faschistischen "Bewegungen" führen, wenn der Einfluß
der Arbeiterbewegung hier nicht wirkt. Aber auch umgekehrt: Von
hier aus können Wege zur revolutionären Arbeiterbewegung führen,
allerdings nicht im Selbstlauf.
Die folgende Skizze arbeitet Einstellungen und Haltungen heraus,
die noch offen sind für unterschiedliche politische Orientierun-
gen. Damit soll nicht der Eindruck erweckt werden, daß im Milieu
der heutigen Protestbewegungen und ihres Einflußbereichs noch der
Zustand der Offenheit und Unbeflecktheit herrsche - das Gegenteil
ist der Fall. Wenn aber die These vom durchgängigen Bedürfnis-
und Anspruchswandel und der allgemeinen Krisenbetroffenheit zu-
trifft, werden sich vor allem bei den jüngeren Gruppen der Arbei-
terklasse immer wieder derartige Tendenzen finden, die die bewuß-
ten Kräfte in Übereinstimmung mit den Klasseninteressen und auf
der Basis gemeinsamer Praxis weiterentwickeln können und müssen.
15) Die These ist also, daß die im folgenden typisierend rein
herausgearbeiteten Haltungen in vielfältiger Abschwächung und
Vermischung auch in die Arbeiterklasse hinein sich ausbreiten.
4.1.1 Zur Infrastruktur der Protestbewegungen
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Der Einfluß von letztlich kleinbürgerlichen Positionen in den
neuen sozialen Bewegungen beruht auch auf ihrer Durchdringung mit
den Bewegungen des Krisenprotests und der Identitätssuche, die
eine relativ entwickelte Infrastruktur besitzen (die "Szene") und
damit einen gewichtigen und wirksamen Einflußfaktor im Gesamtmi-
lieu der Bewegungen bilden. Auch die verschiedenen politisch mo-
tivierten Gruppen bis zu den grünen und alternativen Parteien
nutzen Medien und Kommunikationszusammenhänge der Krisenprotest-
bewegungen als ideologisch-organisatorisches Hinterland und Mobi-
lisierungsbasis. Daher ein kurzer Blick auf einige Daten und Fak-
ten.
Für die außerhalb politischer und gewerkschaftlicher Organisatio-
nen formierte Frauenbewegung kann die Auflage der beiden größten
überregionalen Zeitschriften mit etwa 200 000 (1978) einen An-
haltspunkt geben, 16) außerdem die Schätzung von etwa 10 000 bis
15 000 Frauengesprächsgruppen mit je zwischen 10 20 Beteiligten
(1978). 17) Unübersichtlicher ist die im weiteren Sinn alterna-
tive Szene. Ihre regelmäßig erscheinenden größeren Blätter haben
eine monatliche Auflage von etwa 1,4 Mio. (ohne die angeführten
Frauenzeitschriften); 18) hinzu kommen für 1980 kleinere lokale
Blätter mit ca. 400 000 verkauften Exemplaren pro Monat sowie un-
regelmäßig erscheinende Erzeugnisse mit einer geschätzten Gesamt-
auflage von rund 180 000 Stück. 19)
Mit einem gewissen Vorbehalt gegenüber den Zahlen seien hier noch
die Angaben von Huber aufgenommen, der für das Ende der siebziger
Jahre 11500 alternative Projekte (von ländlichen und handwerkli-
chen Kooperativen über Läden, Verlage und Zeitschriften bis zu
Initiativen für soziale Hilfe und Betreuung) mit rund 80 000 di-
rekt Engagierten schätzt 20) und auf ca. 30 000 Wohngemeinschaf-
ten mit 100- bis 150 000 Beteiligten verweist, 21) von denen ein
bedeutender Anteil zur Infrastruktur der Protestbewegungen zu
rechnen ist. Unter dem Gesichtspunkt der Verbreitung grün/
ökologistischer Theorien sind auch die Bürgerinitiativen im
Umweltschutzbereich zu bedenken, für die Karl zwischen 150 000
und 200 000 Aktive zählt. 22)
4.1.2 Generationslinien
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Mit der ideologischen Ausstrahlung der Umweltschutz-Initiativen
ist schon eine der Linien angesprochen, entlang derer Einflußbah-
nen aus dem Mittelschichtprotest quer zu den sozialstrukturellen
Differenzierungen in die sozialen Bewegungen und in Teile der Ar-
beiterklasse hinein verlaufen. Die wichtigste dieser Linien wird
sicher durch objektive und subjektive Generationsgemeinsamkeiten
gebildet. Wir haben auf dieses Moment schon in den Bewegungen
nach 1966 hingewiesen; für die Entwicklung seit der Krise 1974/75
ist es noch weitaus bedeutsamer.
Die neuen sozialen Bewegungen - vor allem die mit ausgeprägtem
Protestcharakter - erhalten wesentliche Schubkraft aus der Mas-
senerfahrung des Bruchs zwischen individuellen Lebensplänen und
-ansprüchen und den Perspektiven der Gesellschaft. Während in den
mittleren und älteren Jahrgängen der Verlust realer Sicherheiten
und die Erschütterung von Erwartungen widersprüchlich und zäh
verarbeitet werden, machen die jüngsten Akteure der Bewegungen
schon seit fast zehn Jahren die Erfahrung des alltäglichen Kapi-
talismus als Einschränkung, Abbau, Vernichtung von Lebenschancen.
Die unmittelbare persönliche Betroffenheit sensibilisiert für na-
tionale und globale Krisenprozesse und rückt sie in den Vorder-
grund des Weltbildes: Ökologische Zerstörungen, die Parallelität
von Hunger und Nahrungsmittelvernichtung, der Rüstungswahnsinn,
Langzeitrisiken und aktuelle Gefahren wirtschaftlicher Nutzung
der Kernenergie. Hierin verdichtet sich das Bild einer Welt, die
scheinbar blind und doch zielstrebig der Selbstzerstörung der
Menschheit entgegentaumelt; in diesen Erscheinungen und Projekten
symbolisiert sich geradezu der Umschlag von Profit- und Machtgier
in totale Widervernunft - sie werden daher zu Kristallisations-
punkten des Widerstandes.
Ganz augenscheinlich kommen die Akteure und Aktivisten der neuen
Bewegungen 23) in ihrer Masse aus dem Kreis der unter 35jährigen.
Zwar ist der krisenhafte und krisenverschuldete Bruch in den Le-
benserwartungen weder die Erfahrung aller in diesen Jahrgängen,
noch ist er auf sie beschränkt; offensichtlich ist jedoch gleich-
falls, daß längst nicht alle von Arbeitslosigkeit, Dequalifizie-
rung, Diskriminierung Betroffenen in die Bewegungen einbezogen
sind, geschweige, daß sie zu ihren Aktiven gehören. Es sind also
die subjektiven Voraussetzungen näher zu bestimmen, unter denen
diese Erfahrungen in Richtung eines Bruchs mit der vorgefundenen
Ordnung verarbeitet werden.
Dabei ist die Ablösung der Generationen bedeutsam. Grundlegende
Wahrnehmungsund Handlungsmuster gegenüber gesellschaftlich-poli-
tischen Erfahrungen und Ereignissen bilden sich relativ früh in
der Biographie heraus und gewinnen beachtliche Festigkeit. Wer 25
Jahre andauernde Verbesserung von Lebensbedingungen erlebt hat,
wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch mehrjährige Krisenperi-
oden als Ausnahme auffassen, nach den Linien von Normalität und
ruhiger Weiterentwicklung suchen und sein Verhalten entsprechend
ausrichten. Insofern ist der Generationswechsel ein sozialer Ort
der schnelleren und heute in gewisser Weise eher wirklichkeitsan-
gemessenen Verarbeitung der Krisen des internationalen imperiali-
stischen Systems. Das betrifft vor allem die Jahrgänge, die nach
erster Erschütterung der BRD-Perspektive voll auf die sozialdemo-
kratische Reformstrategie setzten und nun deren Scheitern als
solches zur Kenntnis nehmen, da auch persönliche Hoffnungen und
Erwartungen davon betroffen sind; und es umfaßt die eigentliche
"Krisengeneration", deren Weltbild überwiegend von krisenhaften
Abwärtsbewegungen und Erschütterungen geprägt ist.
Die Jüngeren wurden noch nicht so stark auf den Basiskonsens ein-
geschworen, viele von ihnen hatten schon am Ende der 60er Jahre
Kontakt mit außerparlamentarischen Bewegungen. Bis heute heißt in
der Bundesrepublik "jünger" gleichzeitig: im Schnitt länger schu-
lisch und beruflich ausgebildet. Es bedeutet auch: mit höheren
Ansprüchen auf persönliche Entfaltung und mit größerer individu-
eller Handlungsfähigkeit ausgestattet.
Allgemein hat sich bis weit in den Nachwuchs der Arbeiterklasse
hinein das soziale und individuelle Gewicht der Jugendphase und
der in ihr entwickelten Lebensansprüche erhöht: Späterer Eintritt
in den Beruf verbindet sich mit höheren sozial-kulturellen Kompe-
tenzen und bisher unbekannter materieller Absicherung durch Fami-
lie, staatliche Leistungen und flexible Erwerbsmöglichkeiten. Un-
ter diesen Bedingungen entwickelte und praktizierte Vorstellungen
eines befriedigenden und sinnvollen Lebens werden auch das Ver-
halten als "Erwachsene" stärker prägen. 24)
Erfahrungen und Gefühle von Angst und Endzeit, "Beton" und
"Packeis", Sinnlosigkeit und unmittelbarem Verlangen nach "Leben
jetzt!" bestimmen über weite Strecken die Milieus der Jugendkul-
tur, prägen Musik und Sprüche, Lektüre und Unterhaltungen, Spra-
che und Auftreten. Die relative Abgegrenztheit der Orte und Me-
dien der Jugendkulturen (Schulen und Jugendzentren, Szene-Knei-
pen, Kinos und Discos, Konzerte und Cliquen) und das stark über
symbolische Gemeinsamkeiten und Abgrenzungen vermittelte Zusam-
mengehörigkeitsgefühl Jugendlicher schaffen einen wirksamen Reso-
nanzboden für solche Grundstimmungen - ihre Umsetzung im indivi-
duellen Lebensentwurf und in der eigenen Praxis ist jedoch ent-
scheidend bestimmt durch klassen- und schichtspezifische Deu-
tungs- und Handlungsmuster.
Der Protest aus dem proletarischen (und zum Teil schon subprole-
tarischen) Milieu scheint stark geprägt durch Züge spontaner Auf-
lehnung, Verweigerung, Rebellion, durch explosive Ausbrüche von
Wut und Verzweiflung; Tendenzen der Abwehr von "Politik" können
umschlagen in Aktivität gegen Institutionen und Vertreter des
verhaßten "Systems", vor allem des Staates. Hier wirken sich die
Schwäche der sozialistischen Kräfte und die fehlende Perspektive
betrieblicher und gewerkschaftlicher Kämpfe als Krisenausweg
ebenso aus wie Entwicklungsschwierigkeiten für eine mit der Ar-
beiterbewegung verbundene Arbeitslosenbewegung. 25) Das Fehlen
einer Klassenposition angesichts der Krise betrifft ebenso jene
Jugendlichen aus der Arbeiterklasse, die weiterführende Schulen
besuchen. Hier scheint in großem Maße Mittelschichteinfluß auf
die Arbeiterklassengruppen in den neuen Bewegungen, aber auch
darüber hinaus umgesetzt zu werden.
Die Bedeutung des Generationsmoments in den neuen Bewegungen wird
schlagend deutlich, wenn man auf das Wählerpotential Grüner, Bun-
ter und Alternativer Listen schaut. Sie können gegenwärtig bis
zur Bundesebene hinauf sicher sein, die 5%-Hürde zu überwinden,
und erreichen in Gebieten mit entwickelten örtlichen Protestbewe-
gungen bis zu 15 und 20% der Stimmen. Deutlich mehr als die
Hälfte ihrer Wähler sind im Alter bis zu 30 Jahren. Ihr Anteil an
den Wählern zwischen 18 und 25 Jahren schwankt in städtischen Ge-
bieten zwischen einem Fünftel und einem Drittel, mancherorts sind
sie unter diesen Jahrgängen die stärkste Partei. Die Kreuzung von
Generations- und Klassenlinien ist andeutungsweise zu erkennen im
Ergebnis einer bundesweiten Jugenduntersuchung mit der Frage,
welche Partei einem "alles in allem genommen am nächsten" stehe.
26)
Tab.:
Parteipräferenzenjugendlicher in der BRD 1981 nach Alter und
Schulabschluß (in %)
Gesamt Alter Schulabschluß (erreicht bzw.
angestrebt)
Hauptschule Realschule Gymnasium
15-17 18-20 21-24
CDU/CSU 18 17 17 20 19 16 18
SPD 24 18 27 26 27 25 17
FDP 6 4 5 7 4 6 8
Grüne/Alter-
native 20 16 22 23 15 22 29
Keine 32 44 28 23 35 29 28
_____
Quelle: Jugend '81, Studie im Auftrag des Jugendwerks der Deut-
schen Shell, Hamburg 1981, Bd. 3, S. 100, Tab. 22.16
Die Mehrzahl der Grünen Listen (die je nach Region recht unter-
schiedlich profiliert sind) ist im Mittelschichtmilieu über- und
im Arbeitermilieu unterrepräsentiert. Man sollte ihre mögliche
Reichweite in die Arbeiterklasse hinein aber nicht unterschätzen,
wenn sie deutlich soziale Probleme aufgreifen. So sind unter den
Wählern der "Alternativen Liste" in Westberlin Arbeiter durchaus
entsprechend ihrem Anteil an der Bevölkerung vertreten (darunter
überdurchschnittlich viele jüngere und hochqualifizierte). 27)
4.1.3 Die Geschlechterfrage
---------------------------
Die Bedeutung gewachsener Ansprüche auf persönliche Entfaltung
als neues Motiv breiter Bewegungen ist mit am deutlichsten er-
kennbar in der Ausstrahlung der autonomen Frauenbewegung. Auch
sie bildet eine Schiene zum Transport von Auffassungen aus den
lohnabhängigen Mittelschichten gerade in aktive und aktivierbare
Gruppen der Arbeiterklasse. Damit werden die schon genannten Ab-
grenzungslinien der neuen Bewegungen (Alter/Generation, Qualifi-
kation, Schichtzugehörigkeit, enttäuschte Reformhoffnungen) noch
einmal durch das Merkmal Geschlecht überlagert - Ausdruck der re-
alen Benachteiligung und Diskriminierung der Frauen in der Bun-
desrepublik. Der Wertwandel der letzten 20 Jahre förderte Tenden-
zen einer positiven Bewertung der Frauenemanzipation und fand
seinen politischen Niederschlag in Reformprojekten der ersten so-
zialliberalen Regierungen. Die Bewegung zum beruflichen Aufstieg
von Frauen aufgrund verbesserter Qualifikationen geriet unter
Krisendruck; gesteigerte Konkurrenz verstärkte geschlechtsspezi-
fische Diskriminierung weiblicher Arbeitskräfte. Auch hier also
wieder abgebrochene und vom Verlust des Erreichten bedrohte Auf-
stiegs- und Entfaltungsprozesse als Auslöser für Sensibilisie-
rung, Widerstand und Suche nach Alternativen.
So ist nicht verwunderlich, daß zu dem wesentlich "Neuen" der
letzten Jahre die (verglichen mit früheren außerparlamentarischen
Bewegungen) überaus hohe Aktivität von Frauen gehört. Sozial-
strukturelle Differenzierungslinien verlaufen in erster Linie
zwischen der autonomen, weitgehend von den lohnabhängigen Mittel-
schichten getragenen und der (in sich wiederum farbigen) auf die
Arbeiterbewegung orientierten bzw. zu ihr gehörenden Frauenbewe-
gung; letztere hat von den Feministinnen wesentliche Impulse für
Selbstverständnis und Praxis erfahren, sie jedoch im Sinn der Er-
weiterung und "Aufladung", nicht der Aufgabe grundlegender sozi-
aler Gleichstellungsforderungen aus der Perspektive der lohnab-
hängigen Frauen verarbeitet. Auch hier wieder die kennzeichnende
Struktur im Verhältnis verschiedener Kräfte: Anstöße für breitere
Massenbewegungen, in denen unmittelbare proletarische Interessen
aufgenommen werden (§ 218), gehen von nichtproletarischen Gruppen
aus und mobilisieren auch in der dementsprechenden Färbung und
Argumentation breit, da sie gewandelte Bedürfnisse und Ansprüche
auch der Arbeiterklasse artikulieren; in den Bewegungen stärken
sich dann Kräfte mit Interessenbezug auf die Arbeiterbewegung. Es
bleibt jedoch bei der Selbständigkeit und weiten Ausstrahlung au-
tonomer Gruppen, während und weil die Aufnahme neuer Interessen
und Ansprüche in den großen, sozialdemokratisch beherrschten Or-
ganisationen der Arbeiterbewegung blockiert und auf Minderheiten
beschränkt bleibt.
4.2 "Identitätssuche" und "kultureller Bruch"? - Zu Bedürfnissen,
-----------------------------------------------------------------
Ansprüchen und Gesellschaftsbildern im Milieu der neuen sozialen
----------------------------------------------------------------
Bewegungen
----------
Wir haben bisher beim Blick auf subjektive Triebkräfte unter den
Akteuren der neuen Bewegungen die Brüche zwischen individuellen
Lebensentwürfen und gesellschaftlicher Perspektive herausgehoben.
Gerade die Frauenbewegung zeigt, daß damit eine Tendenz zur Suche
nach neuer individueller und kollektiver Identität verbunden ist.
28) Auch auf dieser Ebene krisenhafter Verunsicherung gelingt es
der Arbeiterbewegung heute kaum, Schwächungen des herrschenden
Hegemonialsystems durch die Anziehungskraft einer Klassenalterna-
tive zu nutzen.
Die Niederlage der Arbeiterbewegung gegen den Faschismus aufgrund
ihrer Spaltung, die Ermordung zigtausender Kader, die massenhaf-
ten biographischen Brüche während 12 Jahren Naziherrschaft, er-
neute Spaltung der Arbeiterbewegung nach 1945 und Scheitern ihrer
Neuordnungsversuche haben das kollektive Selbstverständnis, die
kollektive Identität 29) der bundesdeutschen Arbeiterklasse und
ihrer Massenorganisationen zutiefst getroffen. Weithin zerbrochen
und verschüttet wurde das Selbstbewußtsein als kollektiv aufstei-
gende und die alte bürgerliche Gesellschaft radikal umwälzende
Klasse; an die Stelle traten die Einordnung als unaufhebbar
schwächere und beherrschte Klasse in ein dichotomisches Weltbild
sowie in der rechtssozialdemokratischen Ideologie die Selbstdefi-
nition i n n e r h a l b der bürgerlichen Gesellschaft als un-
ersetzlicher und reformierender Träger der sozialpartnerschaftli-
chen Ordnung; an i n d i v i d u e l l e r I d e n t i t ä t
a l s L o h n a r b e i t e r war daraus positiv allenfalls ab-
zuleiten die Selbstbestätigung aus dem eigenen Beitrag zum wirt-
schaftlichen Wachstum als dem Garanten kontinuierlicher Verbesse-
rung der allgemeinen und individuellen Lebensverhältnisse - ihren
Ausdruck fand sie in der Hochschätzung zuverlässiger Qualitätsar-
beit und des erreichten individuellen Konsums.
Die Identität autonomer, radikal antibürgerlicher Kampfbewegung
für eine neue Welt wurde nur noch bei Minderheiten gelebt. Gab es
im Jahrfünft der Reformen wieder eine Verstärkung von Selbstbe-
wußtsein und Ausstrahlung der Arbeiterbewegung als möglichem Sub-
jekt gesellschaftlichen Wandels, so ist seit Krisenbeginn 1974/75
das Konzept der "Sozialpartnerschaft auf schmälerer Basis" zuneh-
mend straff durchgesetzt worden. 30) Da mit der kollektiven Iden-
tität zumeist auch die individuelle Orientierung auf radikal an-
tikapitalistische Arbeiterpolitik aufgegeben wurde, gab es bisher
auch "von unten", über die Kommunikation im Alltag und in den
neuen Bewegungen wenig Impulse für ein Aufgreifen der Protestak-
tionen und -motive in überzeugenden proletarischen Konzeptionen
des Kampfes um eine andere Gesellschaft; Generationsbruch und
-konflikt können gleichfalls die Weitergabe klassenmäßiger Hal-
tungen und Einsichten Älterer im Arbeiterklassenmilieu hemmen.
In dieser Situation treten an die Stelle geschwächter ideologi-
scher Bindungen sofort bürgerliche Kriseninterpretationen und Lö-
sungsvorschläge; im Milieu der neuen sozialen Bewegungen sind
dies vor allem individualistische und ökologistische Konzepte.
Dies bedenkend, sollen hier einige der Brüche mit der bestehenden
Ordnung genauer betrachtet werden.
Man erwartet nicht mehr, die eigenen Lebensansprüche durch Anpas-
sung an das bestehende gesellschaftliche System zu verwirklichen
(das läßt sowohl den Versuch offen, sie außerhalb in einer Art
Koexistenz als alternative Subkultur zu sichern, wie den Kampf um
Änderungen). Diese Tendenz hat zwei Seiten. Das System kann nicht
mehr geben, was es aus der Sicht der Mehrzahl der Lohnabhängigen
lange Zeit bot: das relativ glatte Erringen eines relativ siche-
ren Platzes im Beruf, der die relativ feste Basis für ein relativ
befriedigendes Privatleben bildete. Zugleich wird zunehmend ein
Anspruch auf sinnvolles, erfülltes, Betätigung und Entfaltung der
eigenen Persönlichkeit ermöglichendes Leben erhoben - das kann
das imperialistische System selbst in Prosperitätsperioden der
Masse der Werktätigen nicht sichern. Die Verbindung der beiden
Seiten macht gerade ihre Brisanz aus; sie kann auch die Verteidi-
gung einzelner materieller und sozialer Errungenschaften
"aufladen" mit dem Willen zur Selbstbehauptung, mit der Kraft der
Persönlichkeitsansprüche, die ja vor allem in der Arbeiterklasse
nur auf der Grundlage sozialer Existenzsicherung anzustreben
sind. Der Kriseneffekt entsteht nicht einfach aus der Tatsache,
daß die Differenz zwischen einzelnen Bedürfnissen und Befriedi-
gungen sich vergrößert; Widerstand ist wahrscheinlicher bei der
perspektivischen Einschätzung, daß das Zurückstecken berechtigter
Ansprüche nicht Ausnahme ist, sondern Existenzprinzip des ganzen
Lebens als Lohnarbeiter. Aus dieser Sicht kann sich dann eine
Einzelfrage mit großer Sprengkraft aufladen.
Wachsender individueller Wohlstand und eine Konzentration von Le-
bensansprüchen auf Freizeit und Familie konnten für die Genera-
tionen, deren Bezugspunkt Zusammenbruch und Nachkriegselend bil-
deten, bei allen empfundenen Leerstellen noch die Gesamtbilanz
eines durch eigene Leistung bewältigten und gelungenen Lebens be-
gründen. Dieser Lebensstil und die ihm zugrunde liegenden Wertun-
gen sind vor allem durch die Krisenentwicklung der letzten Jahre
denunziert - nicht allein bei der Krisengeneration: Diese Lebens-
weise ist die subjektive Kehrseite der als zerstörerisch erfahre-
nen Wachstumspolitik; sie ist nur unter großen Opfern an Lebens-
zeit und -kraft zu erreichen und letztlich doch im Falle von Ar-
beitslosigkeit und Minderverdienst nicht zu halten; sie kann kei-
nen Lebensinhalt, keinen Lebenssinn bieten.
Der Bruch mit der Bindung der eigenen Identität an das Konsumni-
veau bewirkt auch eine Schwächung des gegenwärtigen Hegemonialsy-
stems. Wer Selbstwert und gesellschaftliche Anerkennung nur über
ständige Erweiterung und Demonstration eines hohen Lebensstan-
dards bestätigen kann, der wird äußerst abhängig vom Unternehmer
und von Nebenverdienstmöglichkeiten, der entwickelt mit dem müh-
sam erworbenen kleinen Besitz nicht selten Eigentümermentalität,
für den ist die Wahrnehmung von Interessen über den kollektiven
Lohnkampf hinaus eingeschränkt durch das Risiko, seinen Konsum-
standard aufs Spiel zu setzen.
Tendenzen zu Konsumverzicht und Asketismus in den neuen Bewegun-
gen werden von den bürgerlichen Medien groß herausgestellt. Sie
sind jedoch nicht der alleinige, nur ein extremer Ausdruck sub-
jektiver Abwertung des individuellen Konsumstandards. Man will
überwiegend n i c h t auf das erreichte Lebensniveau verzichten
- ist aber bei Einsicht zu einer Umorientierung zugunsten kollek-
tiver Aufgaben (Umweltschutz, Bildung, öffentlicher Nahverkehr,
Entwicklungshilfe) bereit, ohne dies als Verlust von Lebensquali-
tät zu empfinden. Die Krise selbst bringt in einer hochentwickel-
ten Wirtschaft wie der BRD für Millionen, vor allem Jüngerer, die
Möglichkeit und die Notwendigkeit wechselnder, nicht langfristi-
ger Beschäftigungen; verbunden mit der Fähigkeit und Bereit-
schaft, den ganzen Lebensstil auf solche Beweglichkeit einzustel-
len, bewirkt dies eine reale Tendenz geringerer Abhängigkeit vom
einzelnen Unternehmen und kann soziales und politisches Engage-
ment erleichtern.
Die subjektive Abwertung von Konsumstandard in der eigenen Le-
bensplanung und für die eigene Persönlichkeitsentwicklung, die
Wendung zu Selbsttätigkeit und Entfaltung der eigenen Fähigkeiten
und Möglichkeiten als Mittel und Maßstäbe persönlichen Glücks hat
sicher auch kompensatorische Züge: Man bewertet niedriger, was
ohnehin kaum zu erreichen ist. So muß man annehmen, daß die Ver-
lockungen individueller Konsumsteigerung wieder Anziehungs- und
Bindungskraft gewinnen, wenn das Kapital sie erneut in höherem
Maße anbieten kann und sie damit für die Lebensplanung "reali-
stischer" werden.
Die Krise forciert aber nur Tendenzen eines objektiv begründeten
Wertwandels. 31) Ohne Zweifel sind die Herrschenden dabei, ihre
Gratifikationen und Bindungsangebote auf die neuen Bedürfnisli-
nien einzustellen, und sicher werden nicht wenige Lohnabhängige
in Zukunft für einen inhaltlich attraktiven Arbeitsplatz in glei-
cher Weise zurückzustecken bereit sein wie vielleicht ihre Väter
für die Möglichkeit, Überstunden zu machen. Doch ist zu fragen,
ob die Spielräume der kapitalistischen Wirtschaft hier nicht
kleiner sind als auf materiellem Gebiet.
Gleichermaßen vorangetrieben haben die Krisenprozesse die
Schwächung der bürgerlichen Leistungsideologie - wieder mit dop-
peltem Inhalt: Man weiß, daß eigene Leistung keineswegs eine er-
strebenswerte gesellschaftliche Stellung sichert - und die Beloh-
nungen für systemkonforme Leistungen wiegen die dafür zu bringen-
den Opfer und Persönlichkeitsbeschränkungen nicht auf. Die Krise
hat bis in die unteren Schulstufen hinein den Konkurrenz- und
Auslesedruck verschärft - und gleichzeitig die Aussichten verrin-
gert, daß selbst jahrelange Schinderei sich in Form anspruchsvol-
ler und sicherer Arbeit auszahlt. Ein Absenken der Ansprüche an
die Qualität der Arbeit scheint nicht die Haupttendenz - auch
wenn diese Ansprüche gegenwärtig kaum zu verwirklichen sind. Es
zeigt sich keine Verstärkung jener Job-Mentalität", die Versagun-
gen und Erniedrigungen in der Lohnarbeit durch das "eigentliche
Leben" in der Freizeit kompensiert. Vor allem schwindet das
"protestantische Arbeitsethos", das jeder Pflichterfüllung in
welcher Tätigkeit auch immer schon Sinn und individuelle Befrie-
digung zuspricht.
Hier zeigt sich, daß die Brüche mit Konsumismus und Leistungs-
ideologie Momente umfassenderer Distanzierung vom bisherigen Ent-
wicklungsmodell der BRD-Gesellschaft, seinen Werten und der ent-
sprechenden Lebensweise sind. Es kann kein sinnvolles Leben sein,
acht Stunden am Tag als Knöpfchendrücker unter Vernutzung riesi-
ger natürlicher Ressourcen Vernichtungsmittel und ausgeklügelte
Konsumgüter samt eingebautem Verschleiß zu produzieren, um in der
restlichen Zeit dann "Leben" in Form ständig wachsenden Konsums
vorgefertigter Angebote zu vollziehen - während gleichzeitig die
Mehrzahl der Menschen hungert und verhungert und von einem Le-
bensstandard träumt, wie er noch aus unseren Abfallbergen her-
auszuholen wäre.
In dieser Sinnkrise verbinden sich individuelle und quasi welt-
bürgerliche 32) Momente: In der "Normalität" dieses Systems ist
kein Leben mehr möglich, in dem der einzelne mit sich einverstan-
den sein kann - und wir tragen heute die Verantwortung für das
Weiterbestehen der Menschheit und die Erhaltung ihrer Lebens-
grundlagen überhaupt. Hieran lagert sich eine Vielzahl von Erfah-
rungen der Einschränkung individueller und kollektiver Verfügung
über die Bedingungen des eigenen Lebens an, 33) die aus der prin-
zipiellen Fremdbestimmtheit staatsmonopolistischer Vergesell-
schaftung immer weiterer Lebensbereiche resultieren: Der Wider-
stand gegen Reglementierung und Bürokratisierung, Leistungsdruck
und Anpassungszwang, Machtkonzentration und politisch-ökonomi-
schen "Filz" wird in dem Maß grundsätzlich, wie sich das ganze
"Modell BRD" als falsch programmiert, zerstörerisch herausstellt
- die bedrückenden und isolierenden Formen des gesellschaftlichen
Zusammenhangs sind die Formen einer völlig falschen Entwicklung,
deren Inhalt durch Profit- und Machtgier, nicht durch Bedürfnisse
und Interessen des Volkes bestimmt ist.
Wir haben gesehen, wieso für die Mittelschichten der Widerstand
gerade gegen diese Verhältnisse obenan steht und stark individua-
listische Züge gewinnt. Die skizzierte Erfahrung reicht jedoch
weit in die Arbeiterklasse hinein, wird vor allem in der Jugend
mit zunehmender Empfindlichkeit verarbeitet und geht ein in Be-
dürfnisse und Ansprüche gerade qualifizierter, kritischer, hand-
lungsfähiger Gruppen.
Man kann hier vielleicht insgesamt von einem "k u l t u r e l-
l e n B r u c h" sprechen: Abgelehnt werden bestimmte traditio-
nelle individuelle und kollektive Lebensformen und -ziele,
abgelehnt die praktisch Gesellschaft und Politik regulierenden
Maßstäbe, eingeklagt werden humane und ethische Ansprüche und
Prinzipien; subjektive Konsequenz ist der Bruch mit "Politik" im
etablierten Sinn und das Ernstmachen mit dem "anders leben" im
unmittelbaren persönlichen Umfeld. Eine starke, kämpferische
Arbeiterbewegung hat in der Geschichte oft an solchen Brüchen
ansetzen können.
4.3 Zur politischen Kultur der neuen sozialen Bewegungen
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In keinem "Dialog"-Versuch der Herrschenden fehlt mehr als billi-
ger Nachweis des eigenen Verständnisses i h r Nenner für die
neuen Bewegungen: die Angst. Ohne Frage: Angst, Erschrecken,
tiefe Sorge um die Zukunft, starke Zweifel an der Chance eines
Fortschritts zu Gerechtigkeit, Gleichheit, Glück, ja selbst an
der Erhaltung des gegenwärtigen Nichtkriegs - diese Grundstimmun-
gen durchdringen die neuen sozialen Bewegungen und ihren Einfluß-
bereich. Wer mit Optimismus zum Jahr 2000 blickt, wer glaubt, daß
die Menschen ihre Probleme lösen können und werden, wer gar Wis-
senschaft und Technik als Hilfsmittel dabei sieht - der steht
hier hoffnungslos in der Minderheit.
Was dem bürgerlichen Kokettieren mit der Angst aber ganz abgeht,
ist das Verständnis für die Umwandlung von Ängsten in Motivation
zum Widerstand. Wir sind damit an dem Punkt, die politische Kul-
tur der neuen Bewegungen genauer zu betrachten. Gemeint ist der
Bereich der Einstellungen, Überzeugungen, Praxisformen, Einrich-
tungen und Symbole, die die besondere Weise der individuellen Be-
teiligung an den Bewegungen bestimmen. Zugespitzt läßt sich ein
Grundzug der Motivation bei den Akteuren so formulieren: Nur im
Widerstand ist Leben möglich - wer sich nicht wehrt, lebt ver-
kehrt. 34) Was ist damit gemeint?
Krisenerfahrung und Krisenangst, die tägliche Möglichkeit atoma-
rer oder ökologischer Katastrophen, der Verlust von Lebensper-
spektiven, von Entfaltungs- und Bewährungsraum für den einzelnen,
die Folgen von Konsumfixierung und verschärftem Konkurrenzdruck
für die menschlichen Beziehungen - all das verdichtet sich zum
Gefühl, daß das System Leben bedroht. Hier verbindet sich die
schockhafte Konfrontation durch Krisenerfahrungen und Bedrohungen
mit der tiefen Überzeugung, daß man ein Recht auf intensives, die
eigenen Fähigkeiten herausforderndes, entwicklungsoffenes Leben
hat. Die einzige Chance dazu wird im praktischen Widerstand gegen
die Bedrohungen gesehen - und zwar im Widerstand nicht allein als
Mittel zur Erringung stärker selbstbestimmter Lebensbedingungen,
sondern gleichermaßen als Lebensform, als Sinn und Befreiung im
widerständigen Handeln selber. Die Aktiven ziehen tiefe und für
ihre Identität, ihre Selbstbehauptung wesentliche Befriedigung
schon aus der Tatsache und Form gemeinsamen Widerstands.
35)
Anlässe und Ziele der neuen Bewegungen haben meist eine ausge-
prägt "symbolische" Qualität. Ein Symbol ist ein konkreter, sinn-
lich anschaubarer Gegenstand oder ein Geschehnis, mit dem
zugleich eine rational nicht ausschöpfbare Vielzahl von Bedeutun-
gen gemeint ist; im Sinnbild verbinden sich Allgemeines und Be-
sonderes auf unmittelbar eindrucksvolle Weise. So meint der Pro-
test gegen ein bestimmtes Atomkraftwerk gleichermaßen die Bedro-
hung unserer ökologischen Lebensgrundlagen, das Sichhinwegsetzen
staatlicher und großindustrieller Kalküle über Betroffene, den
Mißbrauch von Wissenschaft und Technik; im Kampf gegen die Start-
bahn West geht es auch gegen den "Beton", der uns überall ein-
zwängt, und gegen ein selbstzerstörerisches "Wachstum"; die Bewe-
gung gegen neue Raketen zielt auf die ganze Bedrohung unseres Le-
bens und auf eine Welt, in der Frieden Grundqualität der sozialen
Beziehungen sein kann. In der Zukunft könnte die Forderung nach
der 35-Stunden-Woche als Beitrag gegen Arbeitslosigkeit solche
Qualität in der Arbeiterklasse gewinnen.
Die Einheit von konkreter Unmittelbarkeit und utopisch-radikalem
Zukunftsentwurf, in der sich das Motiv persönlicher Selbstbehaup-
tung ausdrückt, ist vor allem Reaktion auf die bisherigen Erfah-
rungen mit "Politik" in der Bundesrepublik. Die Delegation von
nur langfristig realisierbaren Forderungen an Politiker, das Aus-
handeln "realistischer Kompromisse", die Respektierung von
"Sachgesetzmäßigkeiten", die Umsetzung von Zielen in Gesetze,
Verordnungen, Maßnahmen - dabei kommt für die Betroffenen und
Fordernden nichts heraus: weder für ihre Ziele, die sich beim
Durchgang durch staatliche Instanzen nicht selten ins offene Ge-
genteil verkehren, noch für Selbstbehauptung und Entfaltung des
einzelnen, der immer stärker zum Objekt der Experten verkümmert.
Daher die Bedeutung von Basisdemokratie, Überschaubarkeit, Kon-
trollmöglichkeiten in den Protestbewegungen und den sich auf sie
beziehenden politischen Formationen. An diesem Beharren auf demo-
kratischer Form kristallisieren in gewisser ""Weise neue Persön-
lichkeitsbedürfnisse wie soziale Erfahrungen und Interessen un-
terschiedlicher nichtmonopolistischer Gruppen.
Dem Anspruch auch an die F o r m, seine Interessen zu vertre-
ten, kommen die angeführten Ziele deutlich entgegen. Die Verhin-
derung konkreter Projekte ist eine klare und kontrollierbare, im
Prinzip durchsetzbare Sache, sie bietet ein Ziel auch emotionaler
Identifikation, und sie eröffnet eine Vielzahl direkter Aktions-
möglichkeiten, in denen sich ein unmittelbar persönlicher Beitrag
leisten läßt.
Die stark symbolisch-emotionale Komponente der Zielbestimmung und
die zentrale Stellung individueller Entwicklungsansprüche in der
Motivation zum Engagement weisen auf Grenzen der neuen sozialen
Bewegungen; die Interessenlage von Mittelschichtangehörigen und
Lernenden schlägt sich in der Abgehobenheit gegenüber drängenden
materiell-sozialen Interessen großer Teile der Arbeiterklasse und
im Unverständnis für dort tief verankerte Orientierungen auf zen-
trale, staatliche Maßnahmen zur Erfüllung ihrer Forderungen nie-
der. Gegenwärtig laufen in den neuen Bewegungen Prozesse der Ver-
allgemeinerung und Institutionalisierung ab, in denen sie sich
stärker auf die Strukturen des gegebenen politischen Systems ein-
stellen - und sicher werden sich dabei individualistische und op-
portunistisch-karrieristische Züge deutlicher von basisdemokrati-
schen Kontrollforderungen im Interesse der Arbeiterklasse schei-
den. Ebenso sicher ist aber die oben skizzierte Motivationsstruk-
tur nicht auf Mittelschichtangehörige beschränkt; sie ist viel-
mehr Ausdruck von Veränderungen, die schon heute in jüngere und
qualifiziertere Gruppen der Arbeiterklasse hineinreichen und der
Vertretung von Klasseninteressen neue Züge verleihen.
In den Aktionsformen der neuen Bewegungen ist die Tendenz erkenn-
bar, daß Ausdruck von Forderungen und Selbstausdruck der Fordern-
den eine Einheit bilden. Bei Instandbesetzungen fallen Ziel und
Aktivität unmittelbar zusammen; Bauplatzbesetzungen und Wider-
standsdörfer, Wiederaufforstungen und Stromzahlungsboykotte ent-
halten deutlich symbolische Elemente und die Möglichkeit des per-
sönlichen, einmaligen, nicht selten subjektive Radikalität for-
dernden Beitrages. Dies gilt gleichermaßen für die vielfältigen
künstlerisch-kreativen Formen der Öffentlichkeitsarbeit und der
Aktionen selber: Theater- und Musikgruppen, Verkleidung und
Schminken, Spektakel auf Straßen und Plätzen wie ein inszeniertes
Massensterben zu Sirenengeheul oder das Ausschütten mißgebildeter
Fische vor den verantwortlichen Konzernzentralen, die vielen
großen und kleinen Feste, die die Initiativen selbst gestalten -
all dies sind keine Äußerlichkeiten, Zusätze zu den Forderungen,
geglückte Werbemittel: In diesen Aktivitäten bestätigen sich die
Akteure selbst als schöpferisch, als Subjekte und Nutznießer
ihres eigenen Handelns, so erstreben und erfahren sie die Einheit
von Ziel und Mitteln der Bewegung.
Teilnahme an den neuen Bewegungen heißt meist auch mehr oder min-
der ausgeprägt: nicht nur kämpfen für Alternativen, sondern sel-
ber anders leben. Energiesparen, Umwelt weniger belasten, Kaffee
aus Nicaragua kaufen, Jute statt Plastik", Fahrradfahren, Abbau
des männlichen Chauvinismus - diese und andere Verhaltensalterna-
tiven sollen die Trennung von Fernziel, für das ich mich ab und
zu mit anderen als Masse versammle, und dem Alltag, meinem kon-
kreten, endlichen Leben aufheben oder zumindest verringern. Man
will nicht auf ein besseres Morgen warten, sondern hier und heute
die eigene Lebensweise ändern - das ist eine Form der Selbstbe-
hauptung (ich muß nicht tun, was Werbung und Meinungsdruck, Vor-
gesetzte oder auch nur Bequemlichkeit und Gewohnheit von mir ver-
langen), und es ist praktische Reaktion auf bisherige Erfahrungen
mit "Politik" und der Unglaubwürdigkeit ihrer Repräsentanten.
"Anders leben" meint auch: Durch Engagement aus den eigenen Ein-
sichten die Konsequenz ziehen und dadurch seinem Leben sozialen
und historischen Sinn geben.
Die kommerzielle und sektenmäßige Ausbeutung dieser Entschieden-
heit des "anders leben", ihre Verkürzung zur individuell-isolier-
ten Lebensreform durch Selber-Brot-Backen, Selbstuntersuchung
oder Naturheilkunde, die Ideologie des Wandels der Gesellschaft
durch das eigene Vorbild sind Formen der Entpolitisierung oder
gar der reaktionären Funktionalisierung dieses Motivs vor allem
im Mittelschichtmilieu. Es sei aber nur darauf hingewiesen, daß
auch in der revolutionären Arbeiterbewegung vergleichbare Motive
eine große Rolle gespielt haben, wie ein Blick auf Kampagnen und
Bewegungen gegen Alkohol und Nikotin, für Feuerbestattung oder
natürliche Lebensweise erkennen läßt.
Die je individuelle Veränderung des Lebensstils ist Moment der
Ausbildung einer Gegenkultur, die durch äußerlich sichtbare Merk-
male und Verhaltensweisen dem einzelnen versichert, daß er Teil
einer Gruppe mit gleichen Überzeugungen ist. Die Beliebtheit von
Aufklebern und Ansteckknöpfen gehört dazu ebenso wie die antibür-
gerlichen Züge in der Kleidung oder die Frequentierung von Treff-
punkten, an denen man sicher sein kann, Gleichgesinnte zu tref-
fen. Ohne Zweifel hat jede oppositionelle Bewegung solche Züge.
Zumindest in der Geschichte der Bundesrepublik ist jedoch die Ra-
dikalität der kulturellen Selbstausgliederung für außerparlamen-
tarische Bewegungen dieser Breite etwas Neues.
Eng damit verbunden ist die ausdrückliche Abwendung von verbrei-
teten Tendenzen persönlicher Isolation und des Konkurrenzverhal-
tens. Der mit der Krise wachsende Konkurrenzdruck ruft gerade bei
Jüngeren spontan Tendenzen zur Solidarisierung hervor, zur Suche
nach Gemeinschaft als kollektivem Rückhalt für Selbstbehauptung.
Das ausgeprägte Bedürfnis nach offenem, spontanem, menschlich-
verständnisvollem Umgang durchdringt die neuen Bewegungen und
bildet ein eigenständiges und gewichtiges Motiv für Engagement.
Die gemeinsame Aktivität, die Beteiligung an den Gruppen und Öf-
fentlichkeiten, Treffpunkten und Gesprächsmöglichkeiten schafft
unmittelbare Befriedigung, indem sie Kontakte und Beziehungen
jenseits der Sphäre schafft, die von Konkurrenz, Karrieredenken,
von Sorge vor Denunziation und vom bornierten Schwarz-Weiß-Denken
der Wirtschaftswundergeneration bestimmt ist. Vor allem in der
Frauenbewegung hat es sich als massenhaft mobilisierendes Bedürf-
nis erwiesen, überhaupt unter Gleichen die eigenen Erfahrungen
und Probleme einmal aussprechen und erörtern zu können; dies war
nicht selten der erste Schritt zu weiterführendem Engagement
(auch wenn selbstverständlich das Gemeinschafts- und Gesprächsbe-
dürfnis sich loslösen, verabsolutieren kann).
Solche Bedürfnisse werden in der Konfrontation mit herrschenden
Politikformen zu politisch-moralischen Prinzipien und zu Normen
der eigenen Praxis verallgemeinert. Hier scheint ein Grund für
die Betonung von Offenheit, Vielfalt, Buntheit zumindest in Tei-
len der neuen Bewegungen zu liegen. Praktisch erfahren wurde die
Notwendigkeit, sich um des politischen Erfolgs willen auf gemein-
same Forderungen zu einigen; das soll aber nicht zu Uniformität
führen - daher Vielfalt als Prinzip der Einheit. Hierin schlagen
sich ohne Zweifel antikollektive Ängste der Mittelschichten und
wegen Proletarisierung besorgter Gruppen nieder, gleichermaßen
aber veränderte Erziehungsstile und reale Individualisierungsan-
sprüche auch im Nachwuchs von Teilen der Arbeiterklasse. Diese
Tendenz tragt bei zum Abbau jenes bornierten Antikommunismus, der
noch nicht einmal duldet, daß Kommunisten neben einem das tun,
was man selbst für richtig hält (mit inhaltlich-politischer Annä-
herung hat das zunächst nichts zu tun).
Die skizzierten Momente politischer Kultur entwickeln sich nicht
im luftleeren Raum. Sie sind den Interessen untergeordnet, und
sie werden praktisch an den realen Aufgaben des Klassenkampfes
gemessen werden. Ein Blick auf die Ansätze der Arbeitslosenbewe-
gung, auf phantasievolle Aktionen und Kulturarbeit der Gewerk-
schaftsjugend oder politischer Arbeiterjugendorganisationen, ja
selbst auf die Kämpfe gegen Arbeitsplatzvernichtung kann Über-
gänge und Gemeinsamkeiten mit Formen der Selbstverständigung, Ar-
tikulation, der Praxis und auch der Motive in den neuen sozialen
Bewegungen nicht übersehen. Das ist nicht in erster Linie darauf
zurückzuführen, daß viele aktive Arbeiterjugendliche auf beiden
Feldern außerparlamentarischer Bewegungen engagiert sind und auch
vom Milieu der neuen Bewegungen beeinflußt werden - vor allem
scheint mir hier eine gleichgerichtete Tendenz in Persönlich-
keitsentwicklung und Persönlichkeitsbedürfnissen Ausdruck zu fin-
den.
5. Kulturelle Barrieren zwischen neuen sozialen Bewegungen
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und Arbeiterbewegung
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Im vergangenen Jahrzehnt hat sich ein wechselseitiges Bild von
organisierter Arbeiterbewegung und neuen sozialen Bewegungen her-
ausgebildet und verfestigt. Knapp formuliert: In den gegenwärti-
gen Protestbewegungen, aber auch darüber hinaus in den breiten
Bewegungen im Reproduktionsbereich überwiegt die Neigung, die or-
ganisierte traditionelle Arbeiterbewegung im wesentlichen auf der
Seite des abgelehnten Systems einzuordnen. Infolge Alter und so-
zialer Lage hat nur eine Minderheit der Akteure in ihrer Be-
rufstätigkeit bisher Erfahrungen mit der betrieblichen Wider-
standsrolle der Gewerkschaften und Belegschaftsvertretungen ma-
chen können. In wichtigen "symbolträchtigen" Konflikten steht die
offizielle Position der SPD, aber auch der DGB-Führung oder von
Einzelgewerkschaften den breiten Bewegungen entgegen, positive
Beschlüsse bleiben oft auf dem Papier; so in der Frage des Bonner
Atomprogramms, der Startbahn West, des Kampfes gegen die NATO-Rü-
stungspläne oder der Maßnahmen gegen Beteiligung der Gewerk-
schaftsjugend an Friedensaktionen. Vorurteile und reale Erfahrun-
gen mit Kapitalabhängigkeit und Verfilzung, bürokratischer
Schwerfälligkeit und administrativer Ausschaltung von Opposition
lagern sich hier an und formen das Bild der Gewerkschaften als
einer verkrusteten Großorganisation, die durch ihre Bindung an
Arbeitsplatzinteressen, Konsummehrung und Wachstumsfetisch zum
Anhängsel der zerstörerischen Kapitalbewegung verurteilt sei.
Diese Momente sollte man jedoch nicht überbewerten. Eine kämpfe-
rische Arbeiterbewegung oder wenigstens ein ausgeprägt linker
Flügel hätten eine Anziehungskraft für die Suche nach Alternati-
ven, angesichts derer die Bedeutung der weltanschaulichen Posi-
tionen gewaltig sänke, die jetzt scheinbar unüberwindliche Gräben
schaffen. Wo praktisch auf autonome Klassenpolitik verzichtet
wird, entstehen reale Ansatzpunkte dafür, daß der Arbeiterbewe-
gung feindliche Erklärungsversuche und Ideologien auch bei wich-
tigen Gruppen der Lohnabhängigen in den neuen Bewegungen Anklang
finden. Diese Konstellation trifft marxistische Gruppierungen
gleichermaßen. Ihr Verweis auf die Arbeiterklasse als historische
Alternative zum Imperialismus hat in der skizzierten Situation
wenig Überzeugungskraft.
Umgekehrt wurden und werden Anstöße, die von den neuen Bewegungen
ausgehen oder mit ihren Forderungen parallel laufen, von Mehrhei-
ten in DGB und SPD abgeblockt, zum Teil bekämpft. Mit der hier
unvermeidlichen Verkürzung kann man sagen, daß Stimmungen und
Mehrheiten gegen die neuen Bewegungen und ihre Anschauungen vor
allem im traditionellen Arbeitermilieu zu mobilisieren waren,
während Versuche einer Aufnahme und Integration eher bei jüngeren
gewerkschaftlich-sozialdemokratisch oder linkssozialistisch ori-
entierten qualifizierten Angestellten und z.T. auch Beamten eine
Basis hatten.
Diese Prozesse sind auf tiefere Ursachen zu befragen. In der Si-
tuation der Bundesrepublik ist es verständlich, daß Initiativen
zu massenwirksamen Aktivitäten auf Problemfeldern, die elementare
Lebensinteressen der Lohnarbeiter betreffen, zunächst von beweg-
lichen, verunsicherten Gruppen der Mittelschichten ausgehen und
nicht vom Kern der Klasse. Was verhindert aber das Aufgreifen ih-
rer Anstöße und Erfahrungen in den Arbeiterorganisationen? Wieso
drücken sich die Veränderungen in den Bedürfnissen und Ansprüchen
der Arbeiterklasse noch kaum in Aktivitäten und Aktionsformen der
großen Organisationen aus?
Dazu lassen sich eine Menge Argumente anführen, die auf die poli-
tische Unterordnung der DGB-Gewerkschaften unter den
"Stabilitätskurs" des BRD-Kapitals durch den systemintegrativen
SPD-Flügel hinauslaufen; er kann sich dabei auf die spezifischen
Organisationsstrukturen stützen. Zu fragen ist jedoch nach den
Bedingungen im Bewußtsein und in der Lage der Mitglieder und des
Wählerpotentials, die dieser Mehrheit die Basis schaffen und ge-
genwärtig selbst von reformistischen Kräften nicht zu ihren Gun-
sten zu beeinflussen sind.
Was noch bis zum Anfang der 70er Jahre als ein gleichgerichteter
Prozeß des Wertwandels, der Entwicklung von Ansprüchen an Le-
bensqualität, an Achtung und Entfaltung der Persönlichkeit ver-
lief (wenn auch in den verschiedenen Gruppen der Lohnabhängigen
unterschiedlich stark), ist mit der Krise bis hin zu ausgeprägten
Polarisierungstendenzen aufgesplittert. Während im Milieu der
neuen Bewegungen Tendenzen zum Bruch mit der bisherigen Wachs-
tums- und Konsumorientierung eine neue Qualität gewannen, ist der
begonnene Ablösungsprozeß vor allem in der Arbeiterschaft durch
die unmittelbare Krisenverunsicherung gestoppt und zum Teil umge-
kehrt worden. Was in der Konjunktur als Erweiterung von Werten
und Ansprüchen auf der Basis gesicherter Lebenslage möglich
schien, verkehrt sich jetzt zur ausschließenden Alternative: Si-
cherung der materiellen Situation o d e r Erweiterung sozialer
Lebenschancen - wo es nicht schon verkürzt ist auf die alles an-
dere ausschließende Wahl zwischen Arbeitsplatzverlust oder Lohn-
verzicht.
Die Erschütterung des sozialdemokratisch umdefinierten Basiskon-
senses, die Erfahrung, daß auch der Staatseingriff in die kapita-
listische Wirtschaft keine ständig bessere Befriedigung individu-
eller Bedürfnisse und Lebensansprüche garantiert, ruft spontane
Tendenzen der psychischen Befestigung wankender Bindungen, des
Anklammerns an reduzierte Sozialpartnerschaft, eine Bereitschaft
auch zu kurzschlüssig einleuchtenden reaktionären Erklärungen und
Auswegvorschlägen hervor - dies um so mehr, als in den letzten
Jahren selbst der mögliche Aktionsspielraum der Gewerkschaften
nicht ausgenutzt wurde und damit die praktische Perspektive auto-
nomer, kämpferischer Arbeiterpolitik ungenügend als Lösungsweg
präsent ist.
In einer solchen Situation rückt die Sicherung des erreichten Le-
bensniveaus in den Mittelpunkt, werden die neuen sozialen Bewe-
gungen auch als grundlegende Bedrohung der eigenen Identität er-
fahren. Selbst dort, wo sie Forderungen aufgreifen und in Aktio-
nen umsetzen, die im uneingeschränkten Arbeiterinteresse liegen,
stehen diese doch im Gesamtzusammenhang der Alternativen und der
politischen Kultur der neuen Bewegungen und erhalten durch sie
eine spezifische Färbung. Abwendung vom kapitalistischen Wachs-
tumsmodell, von der Sinngebung des eigenen Lebens durch Konsum-
standard und Pflichterfüllung bedeutet, alles von den Arbeitern
individuell wie kollektiv, als Gewerkschaft, nach dem Krieg Er-
reichte in dem Moment in Frage zu stellen, in dem es vom Kapital
bedroht ist. Hier muß es zu tiefgehenden und zum Teil rationaler
Debatte entzogenen Konflikten kommen.
Diese haben um so mehr Gewicht, da sie keineswegs ideologische
Differenzen zur Grundlage haben, sondern in realen Unterschieden
der Lebenslage und der Interessen wurzeln. Die Bindungen eines
arbeitenden Familienvaters an Wirtschaftswachstum und Arbeits-
platz sind ja ganz handfest: Lebensunterhalt, Miete, Kredite,
Pkw, Urlaubsreise wollen bezahlt sein. Ganz anders in den bestim-
menden Gruppen neuer Bewegungen, die auf hohem materiellem Niveau
abgesichert sind oder sozusagen schon hereinwachsen in einen Le-
bensstil geringer Stabilität, niedriger Verpflichtungen, einge-
schränkter materieller Ansprüche. Diese realen Tendenzen sind die
Grundlage, auf der etwa im Löwenthal-Papier die "soliden Arbeit-
nehmer" als Träger der Industriegesellschaft und ihrer Lebens-
weise in eine falsche Front gegen "die Aussteiger" gehetzt werden
sollen - um sie von autonomer Klassenpolitik fernzuhalten.
Zu dieser Konstellation kommt ein wesentliches Problem hinzu: die
kulturelle Distanz auch unter aktiven und klassenbewußten Arbei-
tern (bis hinein in die kommunistische Partei) gegenüber Weitsy-
stemen und politischer Kultur in den neuen sozialen Bewegungen,
dem davon beeinflußten Umfeld und parallelen Entwicklungen unter
dem Nachwuchs der Arbeiterklasse (die folgenden Überlegungen ste-
hen nur beispielhaft, schöpfen das Problem nicht aus).
Kultur und Lebensweise der Arbeiterklasse 36) sind auch in ihrer
revolutionären Ausprägung von einem unaufhebbaren Widerspruch ge-
zeichnet: Sie sind Produkte einer ausgebeuteten und unterdrück-
ten, um Bildung und Ausformung reicher Individualität betrogenen
- und zugleich kollektiv zu Kampf und Organisierung, zu Bewußt-
wer-dung und Sieg über das Kapital gezwungenen und befähigten
Klasse; in diesem Sinn spricht Lenin immer wieder von den
"Menschen..., die der Kapitalismus erzogen, die er verdorben und
demoralisiert, dafür aber auch zum Kampf gestählt hat". 37) Pro-
gressive Veränderungen in Formen und Werten des alltäglichen Le-
bens setzen sich hier durch unter dem Druck unabweisbarer Repro-
duktions- und Kampfanforderungen - und sind weit entfernt von ab-
strakten Idealvorstellungen in den lohnabhängigen Mittelschich-
ten. Gerade diese forcieren in den neuen Bewegungen den Anspruch
auf Übereinstimmung von kämpferischer Praxis und alltäglicher Le-
bensweise, auf Einheit von Weltveränderung und bewußter Selbst-
veränderung. Dies ist ein altes Prinzip der Arbeiterbewegung, das
in ihr materialistisch-nüchtern, hier jedoch idealistisch-dogma-
tisiert auf die wirklichen Lebensprozesse angewendet wird. Gerade
die Schwäche kämpferischer Ausstrahlung der Arbeiterbewegung läßt
die konservativen und vom Kapital beherrschten Züge im Arbei-
teralltag zum herausragenden Kritikgegenstand werden; umgekehrt
sind Reaktionen aus der Masse der Lohnarbeiter gegenüber den
neuen Bewegungen dadurch geprägt, daß die Lebensbedingungen der
unterdrückten Klasse die Konzentration der subjektiven Verände-
rungspotentiale auf den Klassenkampf und dessen psychische Absi-
cherung in vielen konservativen, traditionsgeleiteten Zügen der
übrigen Lebensweise erzwingen. Patriarchalische und starre Abwehr
von Herausforderungen zu neuen Verhaltensweisen, wie sie etwa die
Frauenbewegung oder Instandbesetzer vorbringen, liegt nahe und
verfestigt sich in kollektiven emotionalen Blockaden und Vorur-
teilen. Entscheidend bleibt aber, daß es sich meist nicht einfach
um überlebte Einstellungen ohne Realitätsbezug handelt: Verhal-
tensweisen und Wertmuster der Lohnarbeiter entspringen nicht zu-
erst dem Eigengewicht von Traditionen - sie werden durch die
Zwänge von Leben und Kampf immer wieder reproduziert.
Eine ähnliche Barriere, beruhend auf materiellen Differenzen in
Lebenslage und Interessen, erhöht durch sachlicher Erörterung
entzogene Fixierungen auf beiden Seiten, bilden unterschiedliche
Einstellungen zur Organisation und den in ihr praktizierten Nor-
men und Prinzipien. Arbeitsteilung und Delegationsmethoden, Zen-
tralismus und das starke Gewicht der hauptamtlichen Apparate m
den Arbeiterorganisationen sind objektiv Antwort auf die vom
Klassengegner gesetzten Anforderungen und Strukturen des Kampfes
wie auf die Tatsache, daß die als Individuen unterdrückten und an
der Aneignung von Kenntnissen und Fähigkeiten gehinderten Arbei-
ter nur kollektiv, als Organisation, ihrem Gegner und ihren Auf-
gaben gewachsen sind. Hinzu kommt bei den Kadern der Arbeiterbe-
wegung die auch tief gefühlsmäßig verankerte Überzeugung, daß die
Organisationen ihre wichtigste historische Errungenschaft und die
einzige Chance zukünftigen gesellschaftlichen Fortschritts ver-
körpern. Das kann die Abwehr von Kritik bewirken selbst dort, wo
sie sich gegen Organisationsformen richtet, die die von vielen
Arbeiteraktivisten erstrebte Einbeziehung und Mobilisierung der
Basis entscheidend behindern. Dem steht in den Protestbewegungen
ein pragmatisch-mißtrauisches Verhältnis zur Organisierung gegen-
über; sie muß ihren Sinn nicht allein gegenüber der objektiven
Aufgabe, sondern stets auch für die Selbsttätigkeit und Entfal-
tung der sie Tragenden beweisen.
Als letzte der tief in den Selbstverständlichkeiten der Lebens-
weise verankerten Differenzen sei die grundlegende Haltung gegen-
über Entwicklung und Kontrolle der modernen Produktivkräfte und
gesellschaftlichen Lebensbedingungen angesprochen. Stärker noch
als im Durchschnitt der Klasse sind bei den Aktivisten der Arbei-
terbewegung aus der Erfahrung der Produktionsprozesse Überzeugun-
gen ausgeprägt und strukturieren das Welt- und Zukunftsbild, daß
nur die fortschreitende Entfaltung und gesellschaftliche Bünde-
lung aller produktiven Kräfte unter der zentralen Leitung durch
die Produzenten eine gerechte, freie und zukunftssichere Ordnung
der Welt schaffen läßt. Die Perspektive der Klasse ist mit der
von Wissenschaft, Technik, Produktion, Vergesellschaftung der Le-
bensverhältnisse nicht identisch, aber ohne deren progressive
Entfaltung gar nicht zu denken. Die Tendenz zum Bruch mit den
bisher erfahrenen Wachstums- und Leistungsprinzipien hat in den
neuen sozialen Bewegungen Bindungen an das herrschende Wertsystem
gelöst, gleichzeitig aber eine tiefe Kluft zur Arbeiterbewegung
geoffenbart.
Aus den skizzierten "kulturellen Barrieren" folgen Verzerrungen
und Blindheiten in der gegenseitigen Wahrnehmung; sie trugen we-
sentlich dazu bei, daß auch engagierten Kadern der Arbeiterbewe-
gung der soziale Sprengstoff in den zunächst durch die neuen Be-
wegungen aufgeworfenen Konflikten und die vorwärtsweisenden, mit
Arbeiterinteressen zu vereinbarenden Momente ihrer Forderungen
und Politikformen verdeckt blieben. Hier zeigt sich aktuell die
unverzichtbare Aufgabe einer wissenschaftlich analysierenden mar-
xistischen Klassenpartei.
Wenn sich Teile der Arbeiterjugend heute leichter mit der Praxis
der neuen Bewegungen identifizieren als mit der Arbeiterbewegung,
so ist das nicht abzutun als leicht wieder wettzumachende Einbuße
an Anziehungskraft. Die neuen Bewegungen sprechen gerade mit ih-
rer "politischen Kultur" jene stark an, die durch Aufgeschlossen-
heit u n d Verbindung zu den Lebenswelten der Lohnarbeiter prä-
destiniert sind, die vorwärtstreibenden, bewegenden Kräfte in der
Arbeiterklasse von morgen zu sein. Da die politischen Blockierun-
gen der sozialdemokratisch dominierten Arbeiterbewegung der Bun-
desrepublik sich gerade auf die konservativen Momente der Kultur
der Klasse und ihrer Organisationstraditionen stützen, zeichnet
sich hier die reale Gefahr zunehmend geschwächter Bindungen zur
jungen Generation der Arbeiterklasse ab. Dies hätte auch zur
Folge, daß solche Gruppen nicht als Elemente des notwendigen Wan-
dels der Kultur der Arbeiterbewegung von innen heraus wirksam
werden. Im zunehmenden Engagement von Gruppen der Arbeiterbewe-
gung in den neuen sozialen Bewegungen und vor allem in den Ansät-
zen selbstbewußter und einfallsreicher Arbeiterkämpfe gegen die
staatsmonopolistische Krisenausnutzung liegen die Triebkräfte da-
für, daß die Verarbeitung der Krisenerfahrungen in der Arbeiter-
klasse in Richtung autonomer Interessenvertretung geht und die in
der jungen Generation freigesetzten Impulse aufnimmt.
_____
1) Vgl. dazu die Analysen in: H. Bömer, B. Goergens, G. Hautsch,
B. Semmler, Neue Beweglichkeit - Neue Impulse?, Reihe Soziale Be-
wegungen, hgg. vom IMSF, Band 11, Frankfurt/M. 1982
2) Vgl. R. Steigerwald, Probleme des nicht-proletarischen Pro-
testes, in: Marxistische Blätter 4/1981
3) IMSF-Autorengruppe, Widersprüche und Krise des staatsmonopoli-
stischen Kapitalismus, in: Marxistische Blätter 4/1981, S. 17
ff., hier vor allem S. 20
4) Auf der Ebene demoskopischer Daten ist dieser Prozeß bis in
die jüngste Zeit verfolgt bei K. Steinhaus, Zu einigen Entwick-
lungstendenzen des politischen Klimas in der Bundesrepublik, in:
Marxistische Studien"Jahrbuch des IMSF 4, 1981.
5) F. Deppe hat ihn charakterisiert als "Synthese von Sozialpart-
nerschafts- und Wirtschaftswunderideologie, von Antikommunismus
und 'Wiedervereinigung'" in einer übergreifenden "volksgemein-
schaftlichen" Ideologie des CDU-Staates (F. Deppe, Zu einigen
Problemen der Bestimmung des gegenwärtigen gewerkschaftlichen und
politischen Bewußtseins der Arbeiterklasse der BRD, in:
Marxistische Studien - Jahrbuch des IMSF l, 1978, S. 29).
6) Vgl. dazu zusammenfassend: IMSF-Autorengruppe, a.a.O., vor al-
lem S. 20
7) Für die Analyse sozialer Bewegungen hat die Klärung der Inter-
essen grundlegende Bedeutung. In ihnen fassen wir die
"Beziehungen zwischen den objektiven Existenz- und Entwicklungs-
bedingungen sozialer Subjekte... und den sich daraus ergebenden
Erfordernissen des Handelns und der Tätigkeit dieser Subjekte"
(Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Soziologie, Berlin
[DDR] 1977, S. 314). Interessen tragen objektiven und materiellen
Charakter. Sie sind eine Seite der materiellen gesellschaftlichen
Verhältnisse, existieren unabhängig und unbeeinflußbar vom Willen
und Bewußtsein der Menschen; die Kategorie bringt zum Ausdruck,
daß den Subjekten aus ihrer konkreten Stellung in den gesell-
schaftlichen Verhältnissen Richtungen ihres Handelns vorgegeben
sind, wollen sie ihr Leben erhalten und durch Ausweitung der Ver-
fügung über ihre Lebensbedingungen sichern. "In den Interessen
treten die materiellen gesellschaftlichen Verhältnisse als Rich-
tungsbestimmungen der Tätigkeit individueller und kollektiver
Subjekte, als Erfordernisse bzw. Anforderungen an die Tätigkeit
in Erscheinung" (ebenda).
So wichtig die Betonung des objektiven und materiellen Charakters
der Interessen ist, so wichtig ist, daß sie praktisch als reale
Triebkräfte menschlichen Handelns untrennbar sind von ihren sub-
jektiven Widerspiegelungen in der menschlichen Psyche. Da "alles,
was einen Menschen bewegt, den Durchgang durch seinen Kopf machen
muß" (F. Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen
deutschen Philosophie, MEW 21, S. 281), werden wir die unmittel-
bar wirksamen Antriebe menschlichen Handelns in den Bedürfnissen,
Motiven, Ansprüchen etc. der Subjekte finden. Die Schwierigkeiten
der Analyse sind Ausdruck der realen Komplexität und Widersprüch-
lichkeit der sozialen Interessen und der Vielfalt der Widerspie-
gelungsprozesse zwischen den Polen von Spontaneität und Bewußt-
heit, Tradition und kritischer Erkenntnis.
Die Widersprüchlichkeit der Interessen ist objektiv, kein Ergeb-
nis verzerrter Widerspiegelung. Der Arbeiter im Rüstungsbetrieb
hat sowohl ein Interesse an der Ausweitung der Produktion (um un-
mittelbar seinen Arbeitsplatz als Existenzgrundlage zu erhalten)
wie an der Beseitigung der Rüstungsherstellung (um der lebensbe-
drohlichen Kriegsgefahr entgegenzutreten und langfristig durch
die Aufhebung der Kapitalherrschaft seine Existenz zu sichern und
befreien). Die Widersprüche zwischen den (besonderen und allge-
meinen, kurz- und langfristigen) Interessen der Proletarier sind
in der allgemeinen Fassung und Durchsetzung der Klasseninteressen
aufzuheben. Diese Klasseninteressen, wie sie die sozialistische
Arbeiterbewegung zur Richtschnur nimmt, sind nur in fortwährender
wissenschaftlicher Analyse zu erkennen; der praktisch-politische
Prozeß der Zusammenfassung und Verallgemeinerung der empirischen
Interessen der Proletarier zum konkret historischen Klassenwil-
len, zu einer die Massen bewegenden Forderung und Programmatik
ist etwas völlig anderes als das abstrakte Propagieren objektiver
Klasseninteressen - vielmehr ihr Hineinvermitteln in eine be-
stimmte geschichtliche Situation und die Selbstverständigung der
empirischen Klasse.
Ein wichtiges Moment dabei ist die Entwicklung von Ansprüchen.
Ein Prozeß kollektiver Bewertung und Normierung von Interessen
und Bedürfnissen führt dazu, daß bestimmte Wünsche und Forderun-
gen in einem bestimmten sozialen Milieu und seiner Öffentlichkeit
für berechtigt und legitim gehalten werden und damit als Maßstab
zur Bewertung der gesellschaftlich gegebenen Lebensverhältnisse
dienen. Die Bildung von Ansprüchen ist ein wesentliches Ketten-
glied in der subjektiven Aneignung von Interessen durch Kollek-
tive und ihrer Verinnerlichung zu real wirksamen Triebkräften so-
zialen Handelns.
8) Das beruht ökonomisch auf dem Übergang zur vorwiegend intensiv
erweiterten Reproduktion des Kapitals; die Erhöhung des wissen-
schaftlich-technischen Niveaus und die straffere Organisation der
Produktion werden als Hauptwege beschritten - die Produzenten er-
fahren dies vor allem als wachsende Anforderung, kompliziertere
Arbeit zu leisten bzw. sich für sie zu qualifizieren. Vgl. Prole-
tariat in der BRD, Berlin (DDR) 1974, vor allem S. 65 ff.
9) Gemeint ist die von marxistischer Seite noch unzureichend un-
tersuchte Tatsache, daß die Angehörigen bestimmter Jahrgänge in
bestimmten Lebensphasen mit hoher Wahrscheinlichkeit durch ge-
meinsame, übereinstimmende historische Erlebnisse und Eindrücke
geprägt werden, aus denen sich ein relativ stabiles Interpretati-
ons- und Bewertungsmuster für weitere soziale Erfahrungen heraus-
bildet; diese Generationengliederung verläuft sozusagen quer zur
Klassen- und Schichtstruktur - beide Determinanten durchdringen
einander.
10) Vgl. F. Karl, Die Bürgerinitiativen, Reihe Soziale Bewegun-
gen, hgg. vom IMSF, Band 10, Frankfurt/M. 1981
11) H. Werner, Zum Staatsbewußtsein der Mittelschichten im SMK,
in: Der Staat im staatsmonopolistischen Kapitalismus der Bundes-
republik, Teil I: Staatsdiskussion und Staatstheorie, Redaktion:
H. Jung, J. Schleifstein, Frankfurt/M. 1981, S. 481
12) Angesichts dieser Tatsachen scheint es verkürzt, die neuen
Bewegungen als "sozial-kulturelle Bewegungen" oder gar als
"vorwiegend kulturelle Bewegung" zu charakterisieren (so W.F.
Haug, Strukturelle Hegemonie, in: Das Argument 129, 1981, S.
630); damit wird der Blick verstellt auf den Interessengehalt der
Bewegungen und auf ihren b e s o n d e r e n C h a r a k t e r,
k u l t u r e l l e B r ü c h e u n d A n s p r ü c h e g e-
r a d e i n p r a k t i s c h e n p o l i t i s c h - s o-
z i a l e n W i d e r s t a n d z u ü b e r f ü h r e n.
13) Günstig auch insofern, als die marxistischen Kräfte der Ar-
beiterbewegung zu einer Unterschätzung von Funktion und Perspek-
tive dieser Bewegungen neigten, sie zu stark nach rein ideologi-
schen Maßstäben beurteilten und daher erst relativ spät organi-
siert eingriffen.
14) H. Jung, Staat und Überbau im SMK der BRD, in: Der Staat...,
a.a.O., S. 247. Jung verwendet den Interessenbegriff hier für die
subjektive Wahrnehmung und Artikulation der objektiven Reproduk-
tionsanforderungen, d. h. für den Bereich der Bedürfnisse und An-
sprüche.
15) So nimmt ein sozialistischer Arbeiterjugendverband wie die
SDAJ z.B. folgende Losungen und Ansprüche auf: "Wer sich nicht
wehrt, lebt verkehrt!"; "Her mit dem ganzen Leben!"; "In uns
brennt das Feuer und draußen herrscht die Eiszeit!"; "Allein ma-
chen sie dich ein"; "Was ich will, das krieg ich nicht. Und was
ich kriegen kann, das will ich nicht" (vgl. W. Stürmann, Bericht
des Bundesvorstandes an den 7. Bundeskongreß der SDAJ, 6./7. März
1982).
16) Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit (BMJFG),
Zur alternativen Kultur in der Bundesrepublik, April 1981, S. 19
17) Vgl. Lottemi Doormann (Hg.), Keiner schiebt uns weg, Wein-
heim, Basel 1979, S. 303
18) Die verkaufte Auflage liegt bei etwa 80%; vgl. Wolfgang
Beywl, Lokale Alternativpresse - eine erste Bestandsaufnahme, in:
Media Perspektiven 3/1982, S. 187. Diese Teiluntersuchung legt
insgesamt niedrigere Zahlen nahe.
19) Alle Zahlen zur Presse nach: BMJFG, a.a.O., und J.R. Mettke,
Selbstbespiegelungen - Über die Gegenöffentlichkeit der alterna-
tiven Presse, in: M. Haller (Hg.), Aussteigen oder rebellieren -
Jugendliche gegen Staat und Gesellschaft, Reinbek 1981, S. 159 f.
20) J. Huber, Wer soll das alles ändern, Berlin (West) 1980, S.
29
21) Huber, a.a.O., S. 42, beruft sich auf: B. Korczak, Neue For-
men des Zusammenlebens, Frankfurt/M. 1979, S. 101
22) Vgl. F. Karl, a.a.O., S. 38-41
23) Hier wie im folgenden sind ausgeklammert die Ideologen und um
die politische Führung in den Bewegungen kämpfenden Gruppen, die
unter ganz anderen Fragestellungen zu analysieren sind.
24) Zu diesen Veränderungen von Jugend" sind anregende Gedanken
entwickelt in der Studie Jugend '81, Studie im Auftrag des Ju-
gendwerks der Deutschen Shell, Hamburg 1981
25) Vgl. dazu IMSF-Autorengruppe, Arbeitslose - Protest und Bewe-
gung, Frankfurt/M. 1982
26) Von 1077 Befragten nannten 2 die DKP und 0 die NPD (Jugend
'81, a.a.O., Band 1, S. 674, Tabelle G 1)
27) Die Wähler der AL nannten folgende politischen Aufgaben deut-
lich häufiger als die der Bundestagsparteien: Bereitstellung bil-
ligen Wohnraums (86%); Maßnahmen gegen den "Filz" in Politik und
Verwaltung (74%); Mehr Einfluß der Bürger auf die politischen
Entscheidungen (68%); Unterstützung alternativer Lebensformen
(53%); Verbesserung der Lebensbedingungen in Berlin (50%).
(Forschungsgruppe Wahlen e. V., Wahl in Berlin - Eine Analyse der
Wahl zum Abgeordnetenhaus am 10. Mai 1981, Mannheim 1981, S. 21;
auf diese Untersuchung beziehen sich auch die Angaben zum Arbei-
teranteil unter den Wählern)
28) Vgl. C. Offe, Konkurrenzpartei und kollektive politische
Identität, in: R. Roth (Hg.), Parlamentarisches Ritual und poli-
tische Alternativen, Frankfurt/M. 1980, S. 35
29) Identität meint hier die emotionale und rationale Gewißheit,
daß die eigenen Handlungen und Pläne einen klaren und erkennbaren
Zusammenhang, Sinn und Zielgerichtetheit haben.
30) Differenzierter dazu K. Gerhan u. a., Rückkehr zur Sozial-
partnerschaft?, Frankfurt/M. 1981, vor allem S. 72 ff.
31) Diligenski weist in diesem Zusammenhang auf die besondere
westeuropäische Tradition der Hochschätzung von Persönlichkeits-
werten auch im Massenbewußtsein hin. Vgl. G.G. Diligenski, Sozi-
alpsychologie und Klassenbewußtsein der Arbeiterklasse im heuti-
gen Kapitalismus, Reihe Theorie und Methode, hgg. vom IMSF,
Frankfurt/M. 1978, S. 40
32) Die modernen Massenmedien haben uns real zu Weltbürgern ge-
macht; wir erhalten Bilder und Eindrücke ins Wohnzimmer ge-
liefert. Dabei macht die Spezifik der Auswahl im Imperialismus,
daß wir die Welt fast ausschließlich als Krisen- und Ter-
rorzusammenhang erfahren - Alternativlosigkeit als letzte Trumpf-
karte bürgerlicher Ideologie.
33) Dies ist der Kern der meisten soziologischen Analysen zu den
neuen Bewegungen.
34) "In dem Dreck kann man nur durch Widerstand man selber sein,
weil die Zerstörung der Umwelt ihre Ursache und Folge in der In-
nenwelt hat." Zit. nach J. Leinemann, Die Angst der Deutschen,
Reinbek 1982, S. 127
35) U. Holzkamp-Osterkamp hat diese Voraussetzung motivierten
Handelns theoretisch herausgearbeitet. Im Anschluß an sie wird in
dieser Arbeit Motivation für gesellschaftlich eingreifende Tätig-
keit verstanden als emotionale Bereitschaft von Individuen in ei-
ner bestimmten Lage, zielgerichtete Aktivitäten zu entwickeln,
weil man sich von ihnen subjektive Befriedigung in der Überwin-
dung gegebenen relativen Ausgeliefertseins und empfundener Fremd-
bestimmung zugunsten erweiterter Kontrolle über eigene Lebensbe-
dingungen erwartet (vgl. U. Holzkamp-Osterkamp, Grundlagen der
psychologischen Motivationsforschung, Band 2, Frankfurt/M. 1976,
S. 61 ff., hier vor allem S. 74).
36) Zur historisch-materialistischen Auffassung der Kultur der
Arbeiterklasse als Hintergrund der hier auf die Arbeiterschaft
beschränkten Ausführungen vgl. M. Verret, Über die Arbeiterkul-
tur, in: Kultur der Arbeiterklasse - Marxismus Digest 31, Frank-
furt/M. 1977; K. Maase, Arbeiterklasse, Reproduktion und Kultur
im heutigen Kapitalismus, in: IMSF (Hg.), Kulturelle Bedürfnisse
der Arbeiterklasse, München 1978; Forschungsgruppe Kulturge-
schichte, Zu einigen Problemen der Kulturgeschichte der Arbeiter-
klasse, in: Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen For-
schung, hgg. vom Lehrstuhl Kulturtheorie der Sektion Ästhetik und
Kunstwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin, Band 4,
Manuskriptdruck, Berlin (DDR) 1979.
37) W.I. Lenin, Erfolge und Schwierigkeiten der Sowjetmacht, LW
29, S. 54
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