Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982


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"LIEBER EINEN STEIN IN DER HAND ALS EIN BRETT VOR'M KOPF"?

Psychologische Überlegungen zur "neuen Jugendbewegung" *) --------------------------------------------------------- Morus Markard I. Jugendliebe als Objekte von Integrationsbemühung und Repres- sion - II. Der Generationskonflikt und damit verbundene Denkwei- sen - III. Dialogstrategie der Herrschenden als strukturell un- tauglicher Erziehungsversuch - IV. - Verständnisvolle" Psycholo- gisierung oder praktische Solidarität? - V. Perspektiven des Ju- gendkampfes I. Jugendliche als Objekte von Integrationsbemühung --------------------------------------------------- und Repression -------------- Eine psychologische, präziser: eine s u b j e k t w i s s e n- s c h a f t l i c h e Perspektive auf die sogenannte neue Jugendbewegung kann - das ist ein theoretisches, methodologisches und forschungspolitisches Apriori - nur zum Ziel haben, einen Beitrag zur Optimierung ihres Kampfes gegen - global formuliert - bürgerliche Unterdrückung zu leisten; sie will also Begriff- lichkeiten, Überlegungen etc. zur Verfügung stellen, mit denen die Betroffenen gegebenenfalls ihre Lage in Richtung deren (grundsätzlicher) Verbesserbarkeit genauer analysieren können. Da man nun, auch ohne Meinungsumfragen dazu durchgeführt zu haben, davon ausgehen kann, daß nur ein Teil dieser Jugendlichen die Jahrbücher des IMSF studiert, stellt sich vor dem Hintergrund der im ersten Satz angestellten Überlegung die Frage, was dieser Aufsatz hier eigentlich soll (bzw. leisten kann). - Wenn sich, grob gesprochen, eine subjektwissenschaftliche Analyse also zur Aufgabe macht, die gegebenen Bedingungen, Faktizitäten, Variablen etc. auf die in ihnen beschlossenen jeweiligen Handlungsmöglich- keiten bzw. Entwicklungsbehinderungen hin zu untersuchen, hätte demgemäß dieser Aufsatz soweit einen Sinn, wie es etwa gelingt, bestimmte für den Kampf der Jugendlichen relevante Momente herauszuarbeiten, die durch das eigene Verhalten beeinflußbar sind. Es ist klar, daß es sich bei diesen Momenten um solche handeln muß, die sich spezifisch darauf beziehen, daß die Subjekte, um die es hier geht, J u g e n d l i c h e sind. Soweit hier beabsichtigt ist, diesbezüglich s t r u k t u- r e l l bedeutsame Momente ausfindig zu machen (mit dem Ziel, deren blindes Wirken unter Kontrolle zu bekommen), sind dem- gegenüber "soziologische" Überlegungen über die soziale Zusammen- setzung der Jugendbewegung etc. nachgeordnet. Es sind auch keine Aussagen darüber vorgesehen, in welchem jeweiligen Ausmaß die zu analysierenden Faktoren real wirksam sind bzw. wieweit ihr blindes Wirken zugunsten der Kontrolle der Betroffenen über sie eingeschränkt werden konnte. Behauptet wird indes, daß diese Faktoren behindernd wirksam sein m ü s s e n, s o w e i t sie nicht unter bewußter Kontrolle der Beteiligten gebracht sind. Vorausgesetzt werden kann, daß erhebliche Teile der Jugendlichen in Bewegung geraten sind. Die - aus verschiedenen Gründen - mas- siert auftretende Lösung des ideologischen Einverständnisses mit dem (ideologischen) Status quo erfolgt jedoch nicht automatisch oder bevorzugt in Richtung Arbeiterbewegung, weder der realen noch einer phantastischen (wie zur Zeit studentischer KP-Gründun- gen). In dem Maße, so ist anzunehmen, in dem der Manövrierspiel- raum des bürgerlichen Staates zur Krisenlösung schwindet, seine Handlungsmöglichkeit hinter der eigenen bürgerlichen Propaganda zurückbleibt, in dem Maße können (links-)bürgerliche Vorstellun- gen eine ausgesprochen kritische Funktion gewinnen. Die Artikula- tion eines z.T. parlamentarisch vertretenen Protestpotentials au- ßerhalb der Arbeiterbewegung bietet zahlreiche Krisenerklärungen und Zielvorstellungen, in denen die Arbeiterbewegung nicht als d i e Alternative zu den im Systemcharakter u. U. nicht erkann- ten, gleichwohl bekämpften gesellschaftlichen Zuständen er- scheint. Daß weiterhin ein gewisser schulischer Bildungsvorsprung keine sichere Arbeitsplatz- und Karrieregarantie mehr ist, sich Jugendliche unterschiedlicher Ausbildung sozusagen "auf der Straße" finden, die Jugendbewegung "sozial inhomogen" ist, trägt zur geringen Orientierung an der Arbeiterbewegung ebenso bei wie die mit zunehmender Jugendarbeitslosigkeit verminderte betriebli- che Sozialisation. Entscheidend für unseren Zusammenhang ist, daß diese Jugendlichen sich dem Einfluß der Herrschenden zu entziehen scheinen, o h n e damit auf die Positionen der Arbeiterbewegung überzugehen. Dies scheint mir die zentrale Voraussetzung für die seitens der Herr- schenden betriebene Strategie des Dialogs mit den Jugendlichen im Kampf um deren Köpfe zu sein. Denn von derartigen Bemühungen aus- genommen sind d i e Jugendlichen, die sich ernsthaft und gar organisiert am marxistischen Teil der Arbeiterbewegung orientie- ren. Sie gelten in gewisser Weise als hoffnungslose Fälle, schwer erzieh- und kaum resozialisierbar, unerreichbar indoktriniert. Hier setzt die "Solidarität der Demokraten" auf den stummen und gelegentlich auch spektakulären Zwang mehr oder weniger offener Repression. Gegenüber J u g e n d l i c h e n ist die Dialogstrategie eine Art Erziehung s t i l ("integrativ", "demokratisch" o.ä.), der allerdings jederzeit zugunsten rücksichtsloser Knüppelpolitik und Kriminalisierung zurückgenommen werden kann, wenn dies den Anwen- dern zur Durchsetzung ihrer Ziele sinnvoller erscheint. Die Rede vom Dialog verharmlost dabei den aus Klassengegensätzen resultie- renden Kampf der Jugendlichen als Generationskonflikt und elimi- niert in ihren Denkvoraussetzungen, die sie dem Dia- log - P a r t n e r automatisch aufzwingen will, mit der Klas- sen- auch die reale Machtstruktur. Hintergrund derartiger Vor- stellungen ist allgemein ein konsensuales, in der Soziologie häu- fig wissenschaftlich stilisiertes Gesellschaftskonzept, das gege- bene Verhältnisse in k o m m u n i k a t i v a u s g e h a n- d e l t e umfälscht: H e r r s c h a f t d e r b e s s e- r e n A r g u m e n t e. Schmierenkomödiantische Dimensionen nehmen derartige Dialog-Vorstellungen an, wenn etwa "Politiker" in besetzten Häusern dialogisieren. Diese Art jovialer Arroganz der Macht, die sich wirklicher Solidarität mit den Jugendlichen entschlägt, hat indes unter anderem zur Voraussetzung, daß der Generationskonflikt nicht eine bloße Erfindung zur Verschleierung des Klassencharakters einschlägiger Auseinandersetzungen, sondern eine r e a l e Erscheinung ist. Zu klären ist hiermit, aufgrund welcher Voraussetzungen Klassen- konflikte die Form von Generationskonflikten annehmen und welchen Einfluß diese Form auf den Konfliktverlauf haben kann. 1) II. Der Generationskonflikt und damit verbundene Denkweisen ----------------------------------------------------------- In der individuellen Biographie erscheint Jugend als der Ab- schnitt, in dem man in erster Linie lernt und sich entwickelt, und Erwachsensein als derjenige, in dem Lernen und Entwicklung als L e b e n s o r i e n t i e r u n g im wesentlichen abge- schlossen sind. Da aber das Lernen als bloß eine P h a s e in der individuellen Entwicklung keineswegs der menschlichen Natur entspricht, muß diese Begrenzung gesellschaftliche Gründe haben: die Klassenspaltung und die damit verbundene Trennung von körper- licher und geistiger Arbeit. "Dadurch ist die Masse der Bevölke- rung von der bewußten gemeinschaftlichen Verfügung über die ge- sellschaftlichen Lebensbedingungen, damit ihrer eigenen Selbstbe- stimmung, ausgeschlossen, demgemäß auch in der Fähigkeits- und Bedürfnisentwicklung wesentlich auf die fremdbestimmte und bloß ausführende Arbeit, also einen S t a t u s r e l a t i v e r E n t w i c k l u n g s l o s i g k e i t i n A b h ä n g i g- k e i t, reduziert. Für den einzelnen besteht dabei grundsätz- lich die Alternative: Der (jedenfalls in unserer Gesellschaft gegenwärtig 'normale') Versuch, individuell zurechtzukommen, sich in der Abhängigkeit einzurichten, mit den Herrschenden zu arrangieren und so 'realistisch' noch das Beste daraus zu machen, oder der Versuch, im Zusammenschluß mit anderen Einfluß auf die gesellschaftlichen Lebensumstände zu gewinnen, damit seine eigenen Angelegenheiten in die Hand zu bekommen." 2) Da Kinder und Jugendliche die Fähigkeiten des durchschnittlichen Erwachsenen nun erst noch erreichen müssen, können (und müssen) sie ihre Lebens- und Selbstbestimmungsmöglichkeiten noch w i r k l i c h erweitern - verbunden mit einer Entwicklungsori- entierung, die mit Annäherung an das Erwachsenenalter in wachsen- den Widerspruch zu der dort vorherrschenden und auf geherrschten relativen Stagnation gerät. "Diese Diskrepanz zwischen entwick- lungsonentierter Jugend und stagnierenden Erwachsenen ist die Grundlage für all das, was in verschiedenen Erscheinungsformen als Generationskonflikt imponiert." 3) Der Bürger Flaubert hat diesen Widerspruch in seiner "Madame Bovary" folgendermaßen dargestellt: Eine der Romanfiguren sollte "demnächst Erster Schreiber werden: es war an der Zeit, seriös zu werden. Deshalb ließ er die Flötentöne sein, die überspannten Ge- fühle, das Schwärmen; denn jeder Spießer hat sich in der Feurig- keit seiner Jugend, und wäre es auch nur für einen Tag, für eine Minute, ungeheurer Leidenschaften, hochgesteckter Unternehmungen für fähig gewähnt. Der mittelmäßigste Libertin hat von Sultanin- nen geträumt; jeder Notar trägt die Überbleibsel eines Poeten in sich." Dies würde jedoch nur ein augenzwinkerndes bis spöttisches Ein- verständnis gegenüber rebellierenden Jugendlichen erklären, nicht aber jenen bis zu Mordphantasien reichenden Haß, den man als Westberliner etwa nach Demonstrationen erleben kann, wenn aufge- brachte Passanten statt Wasser- Flammenwerfer fordern usw. (Dieser in einem Geschäft gemachte Vorschlag wurde durch den er- gänzt, die Verbrannten mit einer Dampfwalze plattzuwalzen. Ähnli- che Äußerungen waren in Straßeninterviews des SFB zu hören, die nach den gewaltsamen Häuserräumungen, in deren Verlauf ein junger Mann zu Tode kam, durchgeführt worden waren.) Holzkamp faßt die Grundlage dieses Hasses wie folgt: Der Prozeß "realistischer" Re- signation geht keinesfalls widerspruchs-und konfliktlos vor sich. J e d e R e s i g n a t i o n u n d A n p a s s u n g r e s u l t i e r t aus einem V e r h ä l t n i s von Möglich- keiten und hemmenden Bedingungen und ist somit i m m e r e i n e v e r p a ß t e M ö g l i c h k e i t. Der "Realismus" der Resignation beruht darauf, daß die Alternative, die die Nut- zung der Möglichkeit geboten hätte, aktiv abgewehrt und verdrängt wird. Auch wenn dieser Abwehrprozeß einerseits durch bürgerliche Ideologeme aller Art erleichtert wird, man sich damit auch noch im privaten Rückzug einverständig in gemeinsamer Lage mit anderen sehen kann, ist der Erfolg dieser Abwehrprozesse durch ständig neue Verunsicherungen, durch eigenes besseres Wissen und durch das Beispiel anderer, die kämpfen, s t ä n d i g b e d r o h t; was durch die Abwehr erreicht werden soll: relative Sicherheit in Abhängigkeit vom Wohlwollen der Mächtigen, kann ja gerade nicht erreicht werden. Die daraus resultierende Angst und die erneute Anforderung, verdrängen und abwehren zu müssen, erzeugen nicht nur Neid und Haß, sondern auch den Versuch realer Behinderung der Lebensentfaltung anderer, hier der Jugend. Deren angebliche Schrankenlosigkeit wird zur Legitimation der eigenen Beschränkt- heit, das Beschwören des notwendig bösen Endes wird zur Rechtfer- tigung der eigenen Zurückgenommenheit. Genausowenig nun, wie hier für die Betroffenen die Möglichkeit offen liegt, ihre eigene, zu bestimmten Haltungen verfestigte, spezifisch zurückgenommene Lebensweise auf die Bedingungen hin zu analysieren, aus denen heraus sie entstanden ist, so wenig kann dann auch der Jugendprotest als ein solcher verstanden werden, der sich genau gegen derartige, entwickeltere Lebensmöglichkeiten einschränkende Verhältnisse richtet. Der Protest muß den Erwach- senen so als ein gegen sie selber gerichteter erscheinen - und er mag z.T. auch so gemeint sein ", und eben nicht gegen jene Bedin- gungen, die Selbstbeschränkung erzwingen wollen. In dieser Art Entgegensetzung von Jugendlichen und Erwachsenen sind im besonderen Maße diejenigen befangen, die sich selber in eigener Selbstbescheidung "kleine Leute" nennen und sich trotzdem qua P e r s o n a l i s i e r u n g der gesellschaftlichen Ver- hältnisse für diese und damit für deren Aufrechterhaltung gegen die aufmüpfige Jugend mitverantwortlich fühlen. In dem Maße, in dem nun die Jugendlichen selber diesem personalisierenden Denken unterliegen, werden sie nicht nur quasi das "Angebot" einer Ver- antwortlichkeit "der" Erwachsenen annehmen, sondern sie selbst aktiv für die Misere, gegen die sie kämpfen, verantwortlich ma- chen, und damit diese Entgegensetzung selber befestigen. Geradezu spiegelbildlich werden die Erwachsenen, die den Protest als gegen sich (persönlich) gerichtet begreifen, diesen als Ausdruck von Undankbarkeit, unverschämter Anspruchshaltung p s y c h o l o- g i s i e r e n - wobei sich alle Beteiligten auf die herrschen- de veröffentlichte Meinung (und deren "liberale" wissenschaft- liche Stilisierung in Form von Gutachten etc.) stützen können und sie reproduzieren. Es ist offensichtlich, daß gerade in der heutigen Zeit derartige Jugend/Erwachsenen-Entgegensetzungen e s k a l i e r e n kön- nen. Die heutigen, "wirklich gestandenen" Erwachsenen haben mit dem Faschismus einen Zusammenbruch erlebt, der noch einmal über- windbar war und dessen Trümmer sie mit eigener Hände Arbeit be- seitigt, auf dessen Trümmern sie sich eine neue Existenz geschaf- fen haben, die sie nicht w i e d e r in Frage stellen lassen wollen. I h r e Jugend war entweder dadurch gravierend beein- trächtigt, daß sie unter den Entbehrungen der Nachkriegszeit zu leiden hatten oder - schlimmer noch - weil sie ihnen durch den Krieg faktisch genommen wurde. Und da kommen dann, so sieht es für sie aus, irgendwelche Schnösel, denen vergleichsweise alles in den Schoß fällt, und wollen erzählen, wie "man's machen" muß. Ebensowenig aber haben diese Schnösel die Absicht, sich von denen, die nach ihrer Auffassung den Faschismus produziert haben, in deren Vorstellungen und Lebenspraxis einfrieden zu lassen. Dieses - gegenseitige - personalisierende Denken, das grundsätz- lich aus bestimmten Bedingungen resultierende Beschränkungen als schlicht gegebene personale Beschränktheiten ontologisiert, hat bezüglich seiner Verarbeitung der Gesellschaftlichkeit individu- eller Existenz in der b ü r g e r l i c h e n Gesellschaft noch einen besonderen, hier interessierenden Aspekt. Auf eine in sich unstimmige Art und Weise wird dem s u b j e k t i v e n F a k t o r Rechnung getragen: Die T r e n n u n g v o n I n d i v i d u u m u n d g e s e l l s c h a f t l i c h e n V e r h ä l t n i s s e n - in der bürgerlichen Gesellschaft nicht nur gedacht, sondern real, da die Masse der Bevölkerung tatsächlich von der Bestimmung über ihre Lebensbedingungen ausge- schlossen ist - reproduziert sich gerade dadurch im personalisie- renden Denken, daß sich der einzelne mit seinen ihm gegebenen Ei- genschaften in ihm v o r g e g e b e n e n Bedingungen zurecht- zufinden habe, wobei dabei auftretende Mängel in der beschriebe- nen Weise dem Betreffenden quasi persönlich angelastet werden. Andererseits aber werden gleichsam die Verhältnisse selber in der Weise personalisiert, daß der eigene Anteil an deren Reproduktion u n t e r A b s e h u n g v o n d e r E i g e n g e s e t z- l i c h k e i t g e s e l l s c h a f t l i c h e r V e r- h ä l t n i s s e zu einer persönlichen Verantwortlichkeit dafür "verlängert", a l s o d i e b l i n d r e p r o d u z i e r- t e T r e n n u n g v o n I n d i v i d u u m u n d G e- s e l l s c h a f t g l e i c h z e i t i g a b s t r a k t n e g i e r t w i r d. Diese Verwickeltheit findet sich "auf der anderen Seite" wieder in emanzipatorisch-strategischen Überlegungen darüber, ob man die Menschen oder die Verhältnisse ändern müsse, damit "es" sich zum Besseren wende. "Der Zwang zur gedanklichen Alternativentschei- dung, ob die Menschen sich o d e r die Verhältnisse ändern müs- sen, verfehlt die Gesellschaftlichkeit von Subjektivität grund- sätzlich. Die Argumentation, daß die Verhältnisse geändert werden müssen, damit sich die Menschen ändern, die sich ändern müssen, damit die Verhältnisse geändert werden können, versucht nur, von d e r s e l b e n A l t e r n a t i v e ausgehend, diese mit dem Ergebnis der quasi doppelten Änderung zirkulär zu versöhnen. D e r r e a l e Z u s a m m e n h a n g i s t d e s h a l b n i c h t z i r k u l ä r, weil sich die Menschen - gattungs- spezifisch - bewußt zu ihren Lebensumständen und sich selber ver- halten können. Sie können jedoch nicht sozusagen beliebig ihre Befindlichkeiten und Wertungen modifizieren, sondern nur in dem Maße, in dem sie e n t s p r e c h e n d ihre Lebensumstände ändern." 4) Entscheidend für unseren Zusammenhang ist, daß das personalisie- rende Denken die Vorstellung von der Generationskonflikthaftig- keit des Jugendprotests befestigt. Gerade die w e g e n s e i n e r S a c h e n t b u n d e n h e i t im personalisie- renden Denken liegende Möglichkeit der Eskalation der Entgegen- setzung von Jung und Alt" macht den damit verschärften Wider- spruch zwischen Individuen vergleichbarer Klassen- und Interes- senlage für die Herrschenden in besonderer Weise funktional, da sie nunmehr - Stimme der Vernunft! - zu Mäßigung und Verständnis aufrufen und so, i n d e m s i e i n d e n K o n f l i k t e i n g r e i f e n, i h n s i c h s e l b e r v o m H a l s e h a l t e n k ö n n e n. Daß im übrigen tatsächlich gesellschaftliche Innovationen genera- tionskonfliktförmig durchgesetzt werden können (und u.U. müssen, solange der, wie gezeigt, bestimmter Gesellschaftlichkeit sich verdankende G e g e n s a t z zwischen den Generationen be- steht), ändert nichts an der grundsätzlichen Funktionalität gene- rationskonfliktförmiger Denkweisen für die Herrschenden; ebenso- wenig ist mit diesen Ausführungen gemeint, daß j e d e r Kon- flikt zwischen jungen und alten Menschen ein (verschobener) Klas- senkonflikt ist. Gezeigt werden sollte lediglich, warum und in welcher Weise und zu wessen Nutzen Klassenkampf die Form des Ge- nerationskonflikts annimmt und damit in ein ewiges Kräftespiel per se partikularer Interessen mit der Tendenz zu Wiederholung ("eine über die andere Generation"), Gleichförmigkeit, Naturge- setzlichkeit ("Hörner abstoßen") eingemeindet wird. Soweit nun aber auch die Jugendlichen in ihrem Aufbegehren, ihrem Kampf, selber in derartigen Formen des Denkens befangen bleiben, behindern sie sich gleichsam selber, indem sie der Scheinalterna- tive "Menschen oder Verhältnisse ändern" aufsitzen und so Gefahr laufen, ihren auf die Veränderung der Bedingungen gerichteten Im- petus "selbstverändernd" nach innen zu kehren (womit sich ja auch schlagartig "umwerfende" Erfolge erzielen lassen), und indem sie andererseits in die Lage geraten, die Bemühungen um ihre Isola- tion quasi selber mitzutragen. In dem Maße, in dem sie diesem personalisierenden Denken unterliegen, ist die Konfrontation mit dem eigentlichen Gegner gemildert, so daß die Entwicklung einer längerfristigen Kampfperspektive erschwert wird. Ver- oder behindert wird mit den gezeigten Denkweisen i n t e r- p e r s o n a l v e r m i t t e l t e s s o z i a l e s L e r- n e n; Erfahrungsbereiche werden gegeneinander abgeschottet, die Erfahrung und Verarbeitungsweisen der jeweils anderen (Genera- tion) werden nicht in Richtung auf die ihnen zugrundeliegenden Bedingungen durchsichtig gemacht. III. Dialogstrategie der Herrschenden als strukturell ----------------------------------------------------- untauglicher Erziehungsversuch ------------------------------ Eine weitere Variante, die interpersonale Weitergabe sozialer Er- fahrungen zu blockieren - auch und gerade dann, wenn es um die Vermittlung von Kampf- (und nicht Selbstbescheidungs-)erfahrung geht, wird deutlich, wenn wir auf die eingangs gemachte Bemerkung zurückkommen, daß die Dialogstrategie der Herrschenden, gegenüber Jugendlichen in Anschlag gebracht, eine bestimmte E r z i e- h u n g s s t r a t e g i e oder, im psychologischen Jargon, ein bestimmter E r z i e h u n g s s t i l ist. Die von mir hier gemeinte Behinderung eines Zusammengehens von Jugendlichen und "Erwachsenen" ist eine Haltung, die ich mit "erziehungsförmig" kennzeichnen will. 5) Gehen wir aus von der Situation, in der sich etwa ein Westberli- ner Hausbesetzer befindet: E r i s t v o n R a t g e b e r n u m g e b e n, geradezu umzingelt. Publikationsorgane, die nicht von Ratschlägen triefen, sind die Ausnahme; eine dieser Ausnahmen ist die "Wahrheit", Zeitung der SEW, von der das wohl manch einer nicht erwartet hätte. Nahezu unisono erklingt der gutgemeinte Ratschlag, daß man es "n i c h t ü b e r t r e i b e n" darf. Zweitens ist die Neigung weit verbreitet, d e n J u g e n d- l i c h e n e i n e O r i e n t i e r u n g z u g e b e n, eine Neigung, die davon ausgeht, daß die Jugendlichen keine Orientierung haben oder die falsche, und daß sie die richtige auch nicht selber finden können, und daß man sie deshalb dazu bringen muß, eine bzw. die richtige Orientierung zu übernehmen. Dabei geht es nicht, das ist hier entscheidend, um "übliche" ideologische, politische, theoretische Auseinandersetzungen, son- dern um ein besonderes, i n diesen Auseinandersetzungen sich zeigendes S o n d e r v e r h ä l t n i s zwischen Erwachsenen und Jugendlichen. Um dies zu erläutern, ist es erforderlich, knapp einen der Aspekte anzuführen, die grundsätzlich E r z i e h u n g s s i t u a t i o n e n im Sinne eines be- stimmten Sonderverhältnisses zwischen Erwachsenen und Kin- dern/Jugendlichen bestimmen, s o w e i t m a n n i c h t a k t i v a u s d i e s e m S o n d e r v e r h ä l t n i s a u s b r i c h t. (Zur Debatte steht hier also nicht ein Erzie- hungsbegriff bzw. irgendeine Erziehungskonzeption o.ä. - wenn auch damit bestimmte Erziehungsvorstellungen grundsätzlich kriti- siert werden ", sondern ein Aspekt im Verhältnis von Erwachsenen und Jugendlichen, der in dem Maße, in dem er b e s t i m m e n d ist, gegenseitiges Lernen voneinander behindert. Dabei geht es auch nicht um erziehungsspezifische Einzelheiten, sondern darum, wieweit s t r u k t u r e l l e A s p e k t e d e s E r- z i e h e r / Z ö g l i n g - V e r h ä l t n i s s e s auch ge- nerell das Verhältnis von Erwachsenen und Jugendlichen durch- dringen bzw. tendenziell bestimmen können.) Der auszuführende Aspekt besteht darin, daß der Erzieher die Er- ziehungsziele kennt, und daß es beim Durchsetzen der Erziehungs- ziele nur darum gehen kann, den S t i l d e r D u r c h- s e t z u n g (Erziehungsstil) und den I n h a l t der Ziele (fortschrittliche, reaktionäre etc.) zu thematisieren bzw. zu problematisieren, n i c h t a b e r d a s S e t z e n v o n E r z i e h u n g s z i e l e n ü b e r h a u p t. G e n a u d a s a b e r w i r d h i e r p r o b l e m a t i s i e r t. Behauptet wird, daß es genau das Setzen, das F r e m d- s e t z e n von Erziehungszielen ist, das deren Realisierung durch den Zögling zentral behindert, w e i l d i e F r e m d- s e t z u n g v o n Z i e l e n m i t d e n s u b- j e k t i v e n N o t w e n d i g k e i t e n d e s Z ö g- l i n g s, s e l b e r ü b e r s e i n e L e b e n s u m- s t ä n d e V e r f ü g u n g z u g e w i n n e n, u n v e r- e i n b a r i s t. Gerade die potentielle Einsicht in die Berechtigung des Ziels kann dabei den Zögling in eine geradezu aussichtslose Position bringen, da ihm der Erzieher quasi immer ein Stück voraus ist und es für den Zögling unentscheidbar wird, ob er eigentlich seine eigenen Interessen verfolgt oder sich nur fremdgesetzten, vorgegebenen beugt. Unter diesen Umständen kann wirkliche Selbstbestimmung nur noch im Widerstand gegen fremdgesetzte Ziele überhaupt bestehen. Die Kritik muß aber noch weitergetrieben werden. S i e m u ß n i c h t n u r d a s F r e m d s e t z e n v o n Z i e- l e n i n F r a g e s t e l l e n, s o n d e r n a u c h d i e Ü b e r z e u g u n g, d a ß d i e E r z i e h e r w i r k l i c h w i s s e n, w a s f ü r d e n Z ö g l i n g g u t i s t. Daß Erzieher immer nur das Beste w o l l e n, sei unbenommen. Die Überzeugung, auch zu w i s s e n, was das Beste i s t, läßt allerdings d i e f u n d a m e n t a l e T a t s a c h e d e r S u b j e k t e n t w i c k l u n g s e l b e r außer acht. Subjektentwicklung ist, kurz gefaßt, immer die Negation der Widersprüche eines gegebenen Zustandes der Abhängigkeit und Fremdbestimmung in einem bestimmten notwendig nächsten Schritt zur Überwindung genau d i e s e r Abhän- gigkeit, so daß die Entwicklung selber nicht an irgendwelchen äußerlichen Merkmalen ablesbar, sondern nur aus der Perspektive des sich Entwickelnden und im Vergleich zum eben überwundenen Niveau erkennbar ist. Das heißt in aller Kürze und Konsequenz und von der Außensicht her: Der subjektive Entwicklungsprozeß - der bei Jugendlichen durchschnittlich intensiver abläuft als bei Erwachsenen - ver- läuft nicht gradlinig, sondern u. U. in einer erheblichen Anzahl von Umwegen, scheinbaren Rückschritten, Stagnationen, also in Ab- weichung von einer aus Erziehersicht idealen geraden Linie. Wenn der Erzieher - blind für derartige Verlaufsformen von Sub- jektentwicklung - auf gradlinige Entwicklung in Richtung der Re- alisierung der von ihm gesetzten Ziele drängt, bringt er den Zög- ling in eben jene Situation, gegebenenfalls seine gegen Fremdbe- stimmung und Abhängigkeit gerichtete subjektive Entwicklungsnot- wendigkeit u n a b h ä n g i g vom Zielinhalt nur noch im Wi- derstand gegen den zum echten Entwicklungshemmnis gewordenen Er- zieher behaupten zu können. Derartiger Widerstand ist unter den geschilderten Bedingungen allerdings der g ü n s t i g s t e Fall; bleibt er aus, ist zu befürchten, daß es dem Erzieher - u.U. unbewußt und absichtswidrig - aus dann im einzelnen zu ana- lysierenden Gründen "gelungen" ist, den Zögling einen Schritt in Richtung auf Vorbereitung auf eine für das Kapital funktionale fremdbestimmte (Erwachsenen-)Existenz zu trimmen. Kommt man vor diesem Hintergrund auf die Jugendbewegung zurück, so ergibt sich folgendes: Soweit Jugendliche in vergleichbarer Lage und mit vergleichbaren Erfahrungen diese kollektiv zu verar- beiten beginnen, können sie subjektiv notwendige nächste Schritte ihrer Entwicklung weg von Abhängigkeit und Fremdbestimmung kol- lektiv bestimmen und gemeinsam vollziehen, so daß man die Schat- tierungen in der Jugendbewegung als Ausprägung derartiger kollek- tiver Entwicklungsschritte i m R a h m e n d e s h i s t o- r i s c h M ö g l i c h e n sehen kann. Wenn man an der Tatsache der Subjektentwicklung nicht vorbeisehen will, wenn man davon ausgeht, daß man einer Verhaltensänderung die Entwick- lungs r i c h t u n g, die darin zum Ausdruck kommt, n i c h t von außen ansehen kann, m u ß man dies so auffassen. Man muß dann eben auch zu der Auffassung kommen, daß "die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proleta- rischen Bewegung", die das "Kommunistische Manifest" den Kommuni- sten zuschreibt, nicht gleichbedeutend damit ist zu wissen, w i e der e i n z e l n e zu dieser Einsicht in seinem b i o- g r a p h i s c h e n Prozeß kommt. Das heißt z.B., daß das Werfen von Steinen auf Sachen oder uni- formierte Personen ein für das werfende Individuum notwendiger Befreiungsschritt von einer noch bestehenden inneren Verbunden- heit mit dem tendenziell als unmenschlich erkannten politisch-ge- sellschaftlichen System sein k a n n. Soweit dies der Fall ist, w i r d es seinen Stein werfen, wenn es sich nicht wieder ein- frieden lassen will, u n a b h ä n g i g d a v o n, w e r i h m d a v o n a u s w e l c h e n M o t i v e n a b r ä t. Im Gegenteil: Soweit es konsequent bleiben will, muß seine Ent- schlossenheit dazu eher proportional zur Anzahl der abratenden Ratgeber steigen: "Lieber einen Stein in der Hand als ein Brett vor'm Kopf." (Diese Überlegungen widersprechen nicht der auf ganz anderer Ebene liegenden Einsicht, daß man restmaoistische Strate- geme bekämpfen muß - das versteht sich von selbst. Ebenso ist die Eingemeindung spontaner Kampfformen von Jugendlichen in romanti- sierende Vorstellungen älterer Einzelanarchisten kein besonders weitherziges Verständnis für die Jugend, sondern schlicht eine auf den ersten Blick weniger auffallende Bevormundung durch eine bestimmte politische Konzeption.) Es ist ersichtlich, daß mit dem eben Dargelegten eine der Grenzen der herrschenden Dialogstrategie skizziert ist, die die Jugendli- chen dazu bringen will, ihre Ansprüche und Durchsetzungsformen zurückzunehmen, wobei der Grad oberflächlicher Zugeständnisse, also dessen, was investiert wird, um das Ziel der Korrumpierung zu erreichen, durchaus verschieden ist. Der Dialog gaukelt grund- sätzliche Kompromißmöglichkeit vor, wo es um grundsätzliche Al- ternativen geht. Er bemüht sich um die Vermittlung von Werten, hehrer noch: Grundwerten, wo es um gesellschaftliche Interessen geht; kurz: die Dialogstrategie muß verdecken, daß die grundle- genden Interessen von in der bürgerlichen Gesellschaft Herrschen- den und Jugendlichen unvereinbar sind. Es sind aber eben derar- tige Erfahrungen mit einschlägigen Sozialisationsagenten und - agenturen, die die Jugendlichen besonders und zu Recht mißtrau- isch gegen Ratschläge a l l e r Art machen. Folgt nun daraus pessimistisch, daß wegen der gezeigten Aspekte von Subjektentwicklung und speziell wegen der Erfahrungen mit ganzen Schwadronen von Ratgebern Marxisten keine Möglichkeit der Jugendbewegung gegenüber haben als den Mund zu halten, die Ju- gendlichen ihre Erfahrungen machen zu lassen und abzuwarten, bis sich das Chaos ihrer Entwicklungsschritte ein wenig ordnet? IV. "Verständnisvolle" Psychologisierung ---------------------------------------- oder praktische Solidarität? ---------------------------- Die Verfechter der Dialogstrategie sehen sich vor der Alterna- tive, ü b e r d i e J u g e n d l i c h e n z u r e d e n o d e r m i t i h n e n. Es kommt aber nicht darauf an, mit ihnen oder über sie z u r e d e n, sondern gemeinsam mit ihnen z u h a n d e l n. Genau darin liegt aber die Grenze bürgerli- cher Einfriedungsstrategie. E i n e Erfahrung haben die kämp- fenden Jugendlichen sicher mit den Marxisten gemeinsam: E s g e h t n i c h t u m g u t e R a t s c h l ä g e, s o n- d e r n u m p r a k t i s c h e S o l i d a r i t ä t. Und es kann ihnen nur nützen, wenn sie nach diesem Kriterium diejenigen beurteilen, die sich mit ihnen ins Benehmen zu setzen wünschen: Wer Ratschläge erteilt oder Verständnis äußert, o h n e praktisch solidarisch zu sein, ist grundsätzlich verdächtig. Nur in dieser Radikalität können sich die Jugendlichen, die ja oft erst beginnen, Kampferfahrungen zu sammeln, der Vereinnahmung erwehren. Hier erweist sich auch die wissenschaftliche Begrenztheit und po- litische Interessiertheit traditionell-psychologischer Argumenta- tionsmuster, wie sie in offiziellen bzw. offiziell in Auftrag ge- gebenen, "Gutachten" genannten Einschätzungen der Jugendbewegung Eingang finden, die, in bestimmten Varianten personalisierend- psychologisierendes Alltagsdenken wissenschaftlich stilisierend, zum Ziel haben, Handlungsmöglichkeiten von Politikern und Sozia- lisationsagenten den Jugendlichen gegenüber abzustecken. (Ein be- kanntes Beispiel ist die diesbezügliche Eidgenössische Kommis- sion.) Dadurch, daß hier gewisse gesellschaftliche Mißstände (nicht ihre strukturellen Ursachen) quasi konzedierend und gleichsam Verständnis für die Jugendlichen erheischend in Rech- nung gestellt werden, könnte es zunächst scheinen, als plädierten die Autoren für die historische Berechtigung dieser Kämpfe und die Notwendigkeit ihrer siegreichen Beendigung (qua Durchsetzung der von den Jugendlichen erhobenen Forderungen). In Wirklichkeit indes, so zeigt sich, geht es ihnen darum, wie bei offensichtli- cher Unvermeidlichkeit der Kämpfe deren für die Aufbegehrenden positiver Ausgang weitgehend vermieden werden kann. (Eine p r a k t i s c h e Variante derartigen Taktierens ist es, wie in Zürich, ein autonomes Jugendzentrum zuzugestehen, gleichzeitig aber die einschlägigen Drogenumschlagplätze polizeilich zu säu- bern, Junkies und Dealer in das Jugendzentrum abzudrängen und so den damit natürlich überforderten Jugendlichen faktisch die Ver- antwortung für das von ihnen absolut nicht verschuldete Drogen- problem aufzubürden.) Als letzte Ursache der Jugendunruhen gilt etwa der Schweizer Stu- die die p s y c h i s c h e Struktur dieser Jugendlichen. Was ihnen fehlt oder fehlte, waren oder sind intakte Familien, ein Klima der Wärme, feste Bezugspersonen, Ichstärke etc., also all das, was, wie die Autoren insinuieren, jene Haltung schafft, gra- vierende Beschränkungen der eigenen Lebensmöglichkeiten letzten Endes doch hinzunehmen, oder, wie es allgemein heißt, F r u- s t r a t i o n s t o l e r a n z zu entwickeln. Als Psychologe erkennt man in derartigen Vokabeln auf den ersten Blick das ganze begrifflich-psychologische Arsenal zur p r i v a t i s i e- r e n d e n E n t s k a n d a l i s i e r u n g g e s e l l- s c h a f t l i c h e r Z u s t ä n d e, das es erlaubt, im Rekurs auf die alles erklärende Psyche die gesellschaftlichen Strukturen u m g e h b a r und so u m g ä n g l i c h zu machen. Diese Art der Psychologisierung soll hier unter einem bislang we- niger beachteten Aspekt diskutiert werden, dem der M e n- s c h e n v e r a c h t u n g, d i e i n d i e s e r B e- t r a c h t u n g s w e i s e l i e g t, und die in der pe- netrant verständnistriefenden Argumentationsweise nur noch deut- licher wird. Indem nämlich der Kampf der Jugendlichen trotz kon- zedierter Mißstände letztlich auf - gegenüber einem Modell homo mittelschichtiensis - d e f i z i t ä r e p s y c h i s c h e S t r u k t u r e n zurückgeführt wird, wird der in diesen Kämp- fen zutage tretende kollektive Befreiungsversuch faktisch denun- ziert. Die Jugendlichen erscheinen, wie Marionetten an den Fäden ihrer destruierten Psychen hängend, als blind von ihren psychi- schen Defekten und Wärmedefiziten getrieben; und es kann, soweit die jeweiligen Autoren bürgerlichen Vorstellungen und Auftragge- bern verhaftet bzw. verpflichtet bleiben, n i c h t a k z e p t i e r t w e r d e n, daß diese Jugendlichen in Ana- lyse und Verarbeitung von für sie unhaltbar gewordenen Zuständen für eine menschenwürdige Zukunft kämpfen, daß sie versuchen, statt sich privat zu bescheiden und einzurichten, ihre eigenen Probleme als allgemeine und gemeinsam zu lösende zu begreifen und diesbezüglich die Herrschenden herausfordern. Da dieses Infrage- stellen vorfindlicher Gegebenheiten in seiner Berechtigung nicht zugegeben werden kann, o h n e s i c h m i t d e n J u- g e n d l i c h e n z u s o l i d a r i s i e r e n, m ü s- s e n derartige Erklärungen trotz ihrer verständnisvoll sich gerierenden Form denunziatorisch und menschenverachtend werden. (Daß die Jugendlichen diese Einschätzungen und Erklärungen als das nehmen, was sie sind, ist eins der erfreulichsten Zeichen dieser Bewegung.) Für Marxisten kann es k e i n e g e s o n d e r t e T a k- t i k (im umgangssprachlichen Sinne) g e g e n ü b e r d e r J u g e n d b e w e g u n g geben, da hier, vermittelt über das gemeinsame Interesse gegenüber den Herrschenden, e i n e f u n- d a m e n t a l e Gemeinsamkeit besteht, a u s d e r e n F e h l e n j a d i e b ü r g e r l i c h e T a k t i k i m U m g a n g m i t d e n J u g e n d l i c h e n r e s u l- t i e r t. Diese ganzen Taktiken, psychologisierenden Erklärun- gen, dieses Bequatschen, Belabern, Verstehen und Beraten ist eben der Ausdruck des Fehlens einer gemeinsamen Grundlage und Ausdruck der Notwendigkeit, die aus dem Konsens mit den Herrschenden ausgebrochenen Jugendlichen möglichst so wieder einzufangen, daß sie den Fangvorgang selber gar nicht bemerken. V. Perspektiven des Jugendkampfes --------------------------------- Der Verzicht auf eine verständnisvolle und erzieherische Sonder- behandlung der Jugendlichen, die nicht bestehende Notwendigkeit, sie durch besonders jugendgerecht gemeinte Tricks beschwichtigen zu müssen, die Einsicht in die spalterischen Konsequenzen perso- nalisierenden Denkens in gedanklich auf Generationskonflikte ver- schobenen Klassenauseinandersetzungen etc. bedeutet jedoch nicht, r e a l e Unterschiede zwischen den Generationen zu leugnen. Dies gilt etwa für die Suche der Jugendlichen nach alternativen Lebensformen, die allein deshalb nicht in spöttelnder Arroganz abzuwerten ist, weil der Beispielcharakter "üblicher" Lebensfor- men höchst zweifelhaft ist. Mit welcher Berechtigung auch sollte man etwa als beispielhaftes Modell die behütete Kleinfamilie hin- stellen, die ihren Kindern emotionale Wärme und Geborgenheit zu geben wünscht und sich in ihre Etagenwohnung, eine Art emotiona- ler Hochsicherheitstrakt, privat zurückzieht - Brutstätte von Neurosen und Wiege der Psychoanalyse? Man hat sich - etwa auch, was den Umgang von Jugendlichen mit ih- rer Emotionalität, der sie gelegentlich ungeschminkt Ausdruck verleihen, angeht - immer zu fragen, inwieweit aufkeimende Ableh- nung derartiger Lebensäußerungen Ausdruck einer Abwehr des Um- standes ist, daß die von den Jugendlichen "rücksichtslos" an den Tag gelegten Sehnsüchte, Hoffnungen, Ängste etc. ja n i c h t n u r d i e i h r e n s i n d, und inwieweit Etikettierungen wie "Subjektivismus" etc. eine Rationalisierung eigener Verunsi- cherung sein könnten, da die grundsätzliche Ausklammerung der ei- genen emotionalen Befindlichkeit aus gesellschaftlichen Auseinan- dersetzungen eine eingeschliffene Form bürgerlicher Privatheit ist, die einerseits die Verallgemeinerung des Betroffenseins durch unterdrückerische Anforderungen "verbietet" und anderer- seits impliziert, daß ihre Durchbrechung notwendig "ungeübt" ist und notwendig provokatorischen Charakter erhält. Ich kann dies hier nicht weiter ausführen. Entscheidend ist, daß nicht die eigene Lebensweise unter der Hand z u m M a ß s t a b g e r ä t, d e r b l i n d v e r a l l- g e m e i n e r t w i r d. Für die Erprobung neuer Lebensformen gilt m. E. schon jetzt, was Engels über die sexuellen Beziehungen künftiger Generationen meinte: "Wenn diese Leute da sind, werden sie sich den Teufel darum scheren, was man heute glaubt, daß sie tun sollen; sie werden sich ihre eigne Praxis und ihre danach abgemeßne öffentliche Meinung über die Praxis jedes einzelnen selbst machen - Punktum." 6) Man muß davon ausgehen, daß in dem Maße, in dem die Jugendlichen auf ihren Lebensweisen beharren, auf ihren Forderungen insistie- ren, in dem sie Integrationsbemühungen wie die geschilderten als das durchschauen, was sie sind, der Druck auf die Jugendbewegung zunehmen wird, so daß das zentrale politische Problem darin be- steht, ob es einen Beitrag dazu gibt, daß sich die Jugendlichen nach ihren eigenen Vorstellungen entfalten können. Die Marxisten haben mit den Jugendlichen nicht lediglich das erwähnte Interesse gegen die Herrschenden gemeinsam, sondern auch dasjenige, das Kräfteverhältnis zu ändern, daß die Durchsetzung oder Behauptung der jeweiligen eigenen Vorstellungen einfacher wird. Dies setzt voraus, die Jugendlichen als Teilsubjekt gesellschaftlicher Ver- änderung ernst zu nehmen, unter Einschluß des Wissens darum, daß ihre ideologischen Vorstellungen in vielfacher Hinsicht von denen des wissenschaftlichen Sozialismus erheblich abweichen. Der Verzicht auf ein "taktisches Verhältnis" zu den Jugendlichen heißt nun aber gerade nicht, daß die Marxisten ihre Ziele zu ver- stecken hätten. Gerade das wäre ja Ausdruck jenes taktischen Ver- hältnisses, zu dem die Bürger gezwungen sind. Wenn es so wäre, daß die Ziele von Jugendlichen und Marxisten in keinerlei Hin- sicht übereinstimmten, könnte man in letzter Konsequenz nicht miteinander kämpfen. Es kommt darauf an, daß der ideologische Dissens mit Jugendlichen genauso ausgetragen wird w i e m i t n i c h t j u g e n d l i c h e n M e n s c h e n a u c h. Überflüssige Denkbarrieren baut man sich nach meiner Auffassung dann auf, wenn man, wie weit verbreitet, von einer besonderen "Organisationsfeindlichkeit" der Jugendlichen ausgeht. Dabei setze ich voraus, daß mit dieser Einschätzung der Organisations- feindlichkeit nicht die triviale Tautologie, die gleichwohl immer wieder Triumphe empirischer Bestätigung erfährt, gemeint ist, daß jeder, der nicht Marxist ist, also auch das Gros der kämpfenden Jugendlichen, keine marxistische Lösung des Verhältnisses von In- dividuum und Organisation im Kopf haben bzw. praktizieren kann. Wenn man also davon absieht, daß Nichtmarxisten per definitionem einen bürgerlichen Freiheits-, Persönlichkeits- und Organisati- onsbegriff haben, so läßt sich feststellen: Der Umstand, daß die Jugendlichen gemeinsam kämpfen und mit ihrem Kampf ihre Persön- lichkeit entfalten wollen, spricht absolut dagegen, daß sie dem Organisiert-Handeln und -Sein "feindlich" gegenüberstehen, also "organisationsfeindlich" sind. Was sie ganz offensichtlich in Frage stellen und z.T. massiv ablehnen, sind bestimmte Organisa- tionen und Organisationsstrukturen, wobei sich ihnen j e d e Art von Hierarchie zum bürokratischen Wasserkopf auswächst - Ver- allgemeinerung einer in der bürgerlichen Gesellschaft alltägli- chen Erfahrung. Die Jugendlichen sind m.E. auf der Suche nach de- mokratischen Organisationsformen, die die optimale Entfaltung der Persönlichkeit ermöglichen, was sich gegebenenfalls in der ab- strakten Negation v o r f i n d l i c h e r Organisationen und deren Struktur äußern kann, gleichwohl keine Organisationsfeind- lichkeit bedeutet. Wer beispielsweise gegenüber solchen Jugendli- chen die Notwendigkeit der Existenz einer kommunistischen Partei mit der Notwendigkeit organisierten Kampfes begründet, redet dem- gemäß an denen vorbei, denen es um den Nachweis ginge, daß d i e s e Form der Organisiertheit Voraussetzung der je histo- risch möglichen maximalen Entfaltung der Persönlichkeit ist. Nicht über das organisierte Handeln überhaupt ist zu streiten, sondern über die Art der Organisiertheit. Indem Marxisten ihren Kampf führen, führen sie den der Jugendli- chen mit u n d u m g e k e h r t. Eine marxistisch fundierte Kommunal- und Wohnungspolitik i s t mit den Interessen häuser- besetzender Jugendlicher gleichgerichtet und somit eine B ü n d n i s g r u n d l a g e. In derartigem bündnisermögli- chendem Kampf sehe ich die einzige, allerdings auch vielverspre- chende Möglichkeit, dazu beizutragen, reale Isolationstendenzen bei Jugendlichen nicht dominierend werden zu lassen, sie merken zu lassen, daß vor ihnen schon dagewesen zu sein nicht notwendig im pejorativen Sinne etabliert zu sein bedeutet. In einem derar- tigen Kampf, der immer ideologische Auseinandersetzungen impli- ziert, liegt die einzige Möglichkeit, daß sie auch merken, d a ß d e r R e p r e s s i o n s s p i e l r a u m g e g e n ü b e r J u g e n d l i c h e n w e s e n t l i c h v o m E n t- w i c k l u n g s s t a n d d e r A r b e i t e r b e w e- g u n g a b h ä n g t (und daß es im übrigen a u c h vom Entwicklungsstand der Arbeiterbewegung abhängt, welche Politik etwa die "Neue Heimat" betreibt). Daß die Arbeiterklasse die entscheidende Kraft bei der gesellschaftlichen Veränderung und Umwälzung ist, ist ja keine "Erfindung" der Marxisten, sondern "nur" eine den realen gesellschaftlichen Widersprüchen entnommene und daraus gewonnene Erkenntnis, und es gibt keinen Grund anzunehmen, daß sie aufbegehrenden Jugendlichen dann verschlossen bleiben sollte, wenn die, die diese Erkenntnis gewonnen haben, ihren eigenen Kampf überzeugend führen. _____ *) Überarbeitete Fassung eines Vortrags auf der "Marxistischen Woche" 1981 des IMSF in Hamburg. 1) Ich beziehe mich hierbei auf Klaus Holzkamp, Jugend ohne Ori- entierung?, in: Forum Kritische Psychologie 6, 1980, S. 196 ff. 2) Ebenda, S. 200 3) Ebenda, S. 201 4) Morus Markard, Welchen Beitrag kann die Psychologie zur Frie- denssicherung leisten?, in: Dialektik, Bd. 4, Köln 1982 (im Druck) 5) Grundlage für die folgenden Überlegungen ist, soweit sie sich auf das Erziehungsproblem beziehen, ein unveröffentlichtes Papier K. Holzkamps, mit dem dieser eine länger geführte Diskussion in einem Forschungsprojekt "auf den Begriff" brachte. 6) Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigen- tums und des Staats, in: MEW, Bd. 21, S. 83 zurück