Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982

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GESELLSCHAFTLICHE UNTERDRÜCKUNG ODER PSYCHISCHE UNTERWERFUNGSTENDENZ?

Zu Frigga Haugs "Opfer-Täter"-Konzept *) ---------------------------------------- Ute H.-Osterkamp I Der theoretische Hintergrund der jüngsten Arbeiten von Frigga Haug zur Frauenfrage ist die Grundkonzeption des "Projekts Ideo- logie-Theorie" (PIT). Sein Hauptanliegen ist der Kampf gegen den sogenannten "Ökonomismus" und "Klassenreduktionismus", d.h. gegen die Annahme, daß die Menschen in ihrem Verhalten, Fühlen und Den- ken unmittelbar durch die ökonomische Situtation bestimmt sind. In Abgrenzung von dieser These hebt das PIT die Bedeutung des subjektiven Faktors als relative Unabhängigkeit der Menschen von den Bedingungen ihrer Existenz hervor. Das PIT faßt Subjektivität jedoch nicht als Prozeß der bewußten Einflußnahme der Menschen auf die relevanten Lebensbedingungen, in welcher sich zugleich die Bedürfnisse und Interessen erweitern und differenzieren, son- dern als "ideologische Subjektion". Diese ideologische Subjektion ergibt sich nach Vorstellung des PIT durch die Verankerung der vom Staat erlassenen Normen und Werte in den Charakterstrukturen der Individuen, aufgrund derer diese spontan, von innen heraus, wollen, was ihnen zunächst als äußere Zumutung entgegentrat. Wie es zur Subjektion kommt, wird nicht weiter erklärt. Da die vom Staat erlassenen Werte und Normen - im Kapitalismus - für alle Gesellschaftsmitglieder formal gleiche Gültigkeit haben, sind in der ideologischen Unterstellung nach Auffassung des PIT die Klassengegensätze praktisch aufgehoben; daraus leitet es wie- derum die Berechtigung ab, bei der Analyse des Ideologischen von den materiellen Bedingungen der Existenz abzusehen. Das bedeutet jedoch nichts anderes, als daß die ideologische Unterstellung losgelöst von den Notwendigkeiten der gesellschaftlichen und in- dividuellen Existenzsicherung als ideelles bzw. psychisches Pro- blem gefaßt wird: Die objektiven Entwicklungsbeschränkungen wer- den in subjektive Entwicklungsbeschränktheiten uminterpretiert. Der Kampf gegen die Unterdrückung ist dann vorrangig als Kampf um die Veränderung der Charakterstrukturen zu führen. Maßstab der Veränderung sind die Vorstellungen, die die jeweiligen Befreier von einem befreiten Menschen im Kopfe haben, wobei die Tatsache, daß diese wiederum keinesweg unabhängig von der eigenen Lebenssi- tuation und Klassenlage sind, nicht weiter reflektiert wird. II Da sich F H explizit auf den PIT-Ansatz bezieht, müssen sich des- sen Fehler auch in ihren Ausführungen aufweisen und verdeutlichen lassen. Dies will ich im folgenden an einigen wesentlichen Punk- ten versuchen und zur Diskussion stellen. Einen zentralen Stellenwert in den genannten Arbeiten hat die Voraussetzung, daß Unterdrückung, die nicht mit äußerem Zwang ar- beitet, mit der Zustimmung der Betroffenen geschieht (1980 a, 646). Die gesellschaftlichen Unterdrückungsstrukturen können nach F H's Meinung nur weiterbestehen, wenn sie von denen, die in ih- nen leben, immer wieder hergestellt werden (ebenda). Sie geht da- bei von der globalen These aus, daß die Menschen ihre Lebensbe- dingungen geschaffen haben und also auch verändern können. Diese These ist sicherlich richtig, wenn man sie auf den gesellschaft- lichhistorischen Gesamtprozeß bezieht. Sie ist aber über ihren Geltungsbereich ausgeweitet und damit falsch, wenn man sie, wie das F H tut, umstandslos auf die einzelnen Menschen überträgt. Das Verhältnis zwischen objektiver Bestimmtheit und subjektiver Bestimmung als kollektiver Prozeß wird damit auf die Möglichkeit subjektiver Bestimmung der einzelnen Individuen über ihre Ver- hältnisse reduziert; damit wird die Verantwortung für die eigene Entwicklungslosigkeit unabhängig von den gesellschaftlichen Le- bensbedingungen und den darin liegenden Beschränkungen dem ein- zelnen zugeschoben. Da F H von der - erstaunlichen - Auffassung ausgeht, daß "Unterwerfung unter Fremdbestimmung innerhalb des Vergesellschaf- tungsprozesses... zumindest heutzutage nicht mehr mit Gewalt" ge- schieht (1980 b, 92), bleibt für sie nur die Annahme, die Unter- werfung sei lediglich eine freiwillige Unterstellung unter Nor- men. Der Befreiungsprozeß wird damit für sie zu einer rein inner- psychischen Angelegenheit: Er soll im wesentlichen in der Auflö- sung verfestigter Persönlichkeitsstrukturen und in der Umerzie- hung der Gefühle bestehen. Diese "Umstrukturierung" der Persön- lichkeit löse, wie es weiter heißt, einen "Verunsicherungsprozeß besonders krisenhaften Ausmaßes" (1980 a, 649) aus und könne nur im kollektiven Maßstab, z.B. in den Frauengruppen, vollzogen wer- den. Die Kollektivität wird hier also nicht als Voraussetzung des effektiven Widerstandes gegen die unterdrückenden Verhältnisse diskutiert, sondern soll primär der emotionalen Absicherung der Umpolung der je individuellen Persönlichkeitsstruktur dienen. Welche Gefühle konkret "umzuerziehen" sind, wird nicht näher be- stimmt: Das sei ein großes Forschungsfeld (1981 a). Gegen die Sinnhaftigkeit einer solchen Forschung überhaupt spricht jedoch die materialistische Grundeinsicht, daß sich die Menschen keines- wegs beliebig von ihren Bedürfnissen und Gefühlen befreien, son- dern dies nur in dem Maße können, wie sie ihnen in ihrem Handeln Rechnung tragen, die Bedingungen ihrer Befriedigung schaffen bzw. sie über die Veränderung der Daseinsverhältnisse, durch welche sie bedingt wurden, selbst verändern. Die Vorstellung, daß die Menschen, bevor sie die Verhältnisse än- dern, sich selbst ändern/befreien müssen, ist zwar außerordent- lich verbreitet und entsprechend eingängig, aber dennoch in die- ser verkürzten Form falsch. Wenn man sich so einfach per indivi- dueller Entschlußkraft über die objektiven Entwicklungsbeschrän- kungen und subjektiven Unterwerfungstendenzen hinwegsetzen könnte, erhebt sich in der Tat die Frage, warum man die gesell- schaftlichen Verhältnisse überhaupt noch verändern soll. Die ei- gene Entwicklung ist identisch mit meiner Beteiligung an der Än- derung der Verhältnisse, unter denen meine Entwicklung behindert ist. Die "Sucht" der Frauen nach persönlichen Beziehungen kann somit nicht, wie F H empfiehlt, durch die Umpolung der Gefühle auf an- dere Bereiche bekämpft werden. Vielmehr gilt es, die verschieden- artigen Bedürfnisse, Hoffnungen, Sehnsüchte etc., die in die per- sönlichen Beziehungen hineingetragen werden und diese in der Re- gel hoffnungslos überfrachten, zu entschlüsseln, auf ihre realen Ursachen hin zu durchdringen und damit die Voraussetzungen zu schaffen, unter denen man nach adäquaten Formen ihrer Befriedi- gung suchen kann. Die "Erziehung der Gefühle" ist keineswegs Aus- druck der Entwicklung als zunehmender Einflußnahme auf die rele- vanten Lebensbedingungen, sondern im Gegenteil: Ausdruck der Selbstverleugnung und des Verzichts auf individuelle Entwicklung; sie ist der Versuch, den Konflikt mit den Autoritäten zu vermei- den, von denen man sich existentiell abhängig sieht, indem man ihn in die eigene Psyche verlegt, womit er prinzipiell unlösbar wird, nur die psychische Erscheinungsform wechselt. III Unter Entwicklung versteht F H offensichtlich die Hineinverlage- rung der gesellschaftlichen Kompetenzen in das Individuum, die Aneignung möglichst umfassender Qualifikationen, den Aufstieg in immer höhere Positionen, um möglichst viele Bereiche kontrollie- ren zu können, autonom, unabhängig von anderen zu werden. Indem sie aber die Gesellschaft aus der Perspektive des Individuums analysiert, sitzt sie zugleich der bürgerlichen Ideologie der "offenen Gesellschaft" auf, der gemäß jeder, der sich nur hinrei- chend anstrengt, bis in die höchsten Positionen aufsteigen kann - wofür es dann immer (für das "Beispiel-Denken") auch die entspre- chenden Belege gibt. Ein zentrales Problem der kapitalistischen Gesellschaften besteht somit nach F H darin, daß die "umfassende Kompetenz der einzelnen Gesellschaftsmitglieder" (1980 a, 647) verunmöglicht sei, was wiederum im besonderen Maße auf die Frauen zutreffe, "sofern sie vom gesellschaftlichen Produktionsprozeß ferngehalten sind" bzw., wie es sofort anschließend heißt, sich von diesem fernhalten (ebenda). Die Behinderung der Frauen wird dann in den weiteren Ausführungen nur als innerpsychische diskutiert. Schließlich werde niemand zum Hausfrauendasein und zum Verzicht auf ein eige- nes Leben gezwungen. Fast alle Berufe stünden heutzutage den Frauen offen, "auch wenn die gesellschaftlichen Erwartungen be- stimmte als besonders weiblich ausgeben und die tatsächliche Be- rufsstruktur markante Geschlechterdifferenzierungen" aufweist (1980 b, 42). Aus solchen, mit den herrschenden Gedanken gut übereinstimmenden, Vorstellungen ergeben sich dann vielfältige weitere Fehlschlüsse und Widersprüche. Einerseits wird das Familienleben als Ort un- mittelbaren Wohllebens, emotionaler Geborgenheit, der liebevollen Unterstützung individueller Entwicklung idealisiert (z. B. 1980 a, 647), so daß man sich fragt, warum die Frauen den Ort, an dem es ihnen angeblich so gut geht, überhaupt verlassen sollen bzw. wie es dort zu Entwicklungsstörungen kommen kann. Andererseits bedeuten Ehe und Mutterschaft gemäß dieser Theorie nichts anderes als Verzicht auf ein eigenes Leben, auf Entwicklung, auf ein men- schliches Dasein überhaupt (1980 b, 42). In Abhebung von der Si- tuation in Familie und Ehe wird die Berufstätigkeit quasi als Ga- rant individueller Entwicklung dargestellt. Diese sei im Gegen- satz zur Hausfrauenexistenz zwar mit Risiken und Anstrengungen verbunden und in einem höheren Maße - indem man gezwungen sei, "sich in Lohnabhängigkeit zu verkaufen" - fremdbestimmt (1980 b, 107 f), aber dennoch der einzige Weg zum Glück (1980 a, 647). Daß viele Frauen diesen Weg dennoch nicht gehen, zumindest zwischen Berufstätigkeit und Ehe hin- und herschwanken, faßt F H dann in dem gängigen "männlichen" Vorurteil zusammen, daß Frauen nicht wissen, was sie wollen (1980 a, 643). Die objektive Widersprüchlichkeit der Berufstätigkeit unter kapi- talistischen Verhältnissen, von der die Frauen, zumal wenn sie Kinder haben, im besonderen Maße betroffen sind, wird nicht wei- ter berücksichtigt: etwa die Konkurrenz und die Bewährungsangst, die die sozialen Beziehungen und das eigene Denken und Handeln immer wieder durchdringen und zersetzen; oder der Umstand, daß das Hineindrängen der Frauen in die verschiedenen Positionen nur eine Umschichtung der Reservearmee, d. h. das Hinausdrängen der Männer aus diesen Positionen, bedeuten würde, was diese wiederum häufig - in spontaner Reaktion auf die Bedrohtheitssituation - zu unmittelbaren, d.h. gegen die Frauen gerichteten Abwehrmaßnahmen provoziert; oder die Gefahr, daß man infolge der eigenen Überbe- lastung durch die zusätzliche Berufstätigkeit (die gerade dadurch besonders hart ist, daß sie partiell immer auch gegen den Wider- stand der Männer durchgesetzt werden muß) zu wenig auf die Be- dürfnisse der Kinder eingehen kann und damit u.U. objektiv deren Lebensmöglichkeiten beeinträchtigt etc. etc. Mit Alete und der Pille sind diese Probleme mit Sicherheit nicht vom Tisch. Da F H einerseits Entwicklung an die Berufstätigkeit bindet und dabei andererseits die objektiv widersprüchliche Lage der be- rufstätigen Frau wortlos übergeht, bleibt für sie nur noch die Schlußfolgerung, daß die Hausfrauen freiwillig auf ihre Entwick- lung verzichten, weil sie sich durch die Annehmlichkeiten des sü- ßen Lebens haben bestechen lassen, vor den Anstrengungen und Ri- siken der Entwicklung zurückscheuen oder auch die gesellschaftli- chen Normen über die Rolle der Frau - ohne Not - zu stark verin- nerlicht haben. Zwar spricht sie zumindest einmal im Zusammenhang mit der Situation der Entwicklungslosigkeit auch vom "Leiden", wobei sie aber offenläßt, worin dieses bestehen soll; durch die weiteren Ausführungen wird jedoch die Auffassung nahegelegt, daß es sich aus der allgemeinen Bedeutungslosigkeit, der peinlichen Unzulänglichkeit der eigenen Person ergibt - etwa, wenn man sich mangels Wissens nicht an Gesprächen beteiligen kann oder aber bei der Übernahme von Referaten die eigene Unfähigkeit für jeden sichtbar zutage tritt (1980 b, 57 f.; 1981 a, 55 f). Wir vertreten mit dieser Kritik keineswegs die Parole "Zurück ins Heim", sondern stellen die These in Frage, daß die Ursachen der mangelnden Berufs- und Entwicklungsfreudigkeit in den Frauen liegt. Es gilt, die spezifischen Widersprüchlichkeiten und Behin- derungen der Frau in Familie u n d Beruf bzw. in dem Verhältnis zwischen beiden genau zu analysieren, anstatt so zu tun, als ob mit dem Ratschlag "werde berufstätig" schon alle Probleme gelöst seien. IV Die ökonomische Unabhängigkeit scheint für F H mit dem Verkauf der Arbeitskraft erreicht, die Fremdbestimmtheit der Existenz auf die Tatsache reduziert, daß man im Berufsleben bestimmten Rege- lungen unterworfen ist (1980 b, 107). Bekanntlich ist jedoch die ökonomische Unabhängigkeit weder durch die Berufstätigkeit ge- währleistet, noch die Fremdbestimmtheit der Existenz mit der Tat- sache gefaßt, daß man im allgemeinen weisungsgebunden arbeitet. Ökonomische Abhängigkeit und Fremdbestimmtheit der Existenz be- stehen vielmehr darin, daß die Produktion nicht an der Befriedi- gung und Entwicklung der Bedürfnisse aller Menschen, sondern an der Steigerung der Profite orientiert ist. Das heißt aber: daß die Mehrheit der Menschen gezwungen ist, zur Absicherung ihrer individuellen Existenz ihre Arbeitskraft zu verkaufen und damit zugleich die Macht zu stabilisieren, die sie in der prinzipiellen Abhängigkeit und Fremdbestimmtheit der Existenz hält. Ökonomische Unabhängigkeit, Sicherheit und die Überwindung der Fremdbestimmtheit der Existenz lassen sich nicht individuell, sondern nur gesamtgesellschaftlich erreichen. Solange der Wert der einzelnen an ihrer Verwertbarkeit für die Interessen anderer gemessen wird und die Menschen als nutzlos beiseitegeschoben wer- den, sobald diese Verwertbarkeit nicht mehr gewährleistet ist, und solange dieses "Schicksal" potentiell jeden bedroht, kann von ökonomischer Unabhängigkeit und selbstbestimmter Entwicklung keine Rede sein. Die prinzipielle Austauschbarkeit und Bedeu- tungslosigkeit der arbeitenden Menschen in der kapitalistischen Gesellschaft und die damit verbundene Notwendigkeit, die Verwert- barkeit und Existenzberechtigung der eigenen Person immer erneut unter Beweis zu stellen, wirken sich dabei bis in die privatesten Beziehungen aus, die wesentlich durch die je individuelle Bedürf- tigkeit und Verunsicherung bestimmt sind. Dieses Urtrauma der menschlichen Existenz unter kapitalistischen Verhältnissen, nämlich die Anerkennung und Unterstützung der an- deren nur in dem Maße zu erhalten, wie man deren unmittelbaren Bedürfnissen und den daraus erwachsenden Vorstellungen und Erwar- tungen entspricht, d. h. aber, fortwährend gezwungen zu sein, die nichtkonformen Regungen und Mängel zu verbergen, sich selbst zu verleugnen, ständig auf dem Prüfstand zu stehen und in der Gefahr zu sein, zu versagen, zu enttäuschen, fallengelassen zu werden etc., wird dem einzelnen in unserer Gesellschaft schon von frü- hester Jugend an vermittelt. Genau diese Angst, nicht akzeptiert, beiseitegeschoben und damit in seinen Lebensmöglichkeiten extrem bedroht zu sein, ist die Basis für die sogenannte Unterwerfungs- bereitschaft. Die Aussage, daß diejenigen, die sich unterwerfen, nicht nur Op- fer, sondern auch Täter sind, ist somit entweder banal oder falsch. Banal insofern, als die Unterwerfung natürlich immer von den Individuen selbst mitvollzogen wird, ja gerade der Erhaltung ihrer Handlungsfähigkeit innerhalb fremdbestimmter Verhältnisse dient. Falsch, wenn aus der Tatsache, daß die Menschen die Unter- werfung selbsttätig praktizieren, die Schlußfolgerung gezogen wird, daß sie das "freiwillig" tun. Genausogut könnte man den Lohnarbeitern die Verantwortung dafür anlasten, daß sie ihre Ar- beitskraft verkaufen: Täten sie es nicht, gäbe es keine Ausbeu- tung mehr. Täter sind jedoch alle, die sich unterwerfen, in dem Sinne, daß jeder, der innerhalb der Verhältnisse der Fremdbestimmtheit sein individuelles Auskommen sucht, die Unterdrückungsverhältnisse nicht nur mit seiner Unterwerfung bestätigt, sondern zugleich die Unterdrückung an die jeweils Schwächeren weitergibt. Diese Form der Täterschaft bleibt bei F H völlig unberücksichtigt. V Die Grundsituation, daß man unter Bedingungen der Fremdbestimmt- heit und prinzipiellen Ungesichertheit der Existenz in dem spon- tanen Bemühen um Absicherung und Anerkennung der eigenen Person immer zugleich die Mitmenschen instrumentalisiert, an ihnen das gleiche Verhalten praktiziert, unter dem man selbst leidet, be- trifft alle unter kapitalistischen Verhältnissen lebenden Men- schen, ob Mann oder Frau, auch wenn je nach den gesellschaftli- chen Anforderungen die Unterdrückung und damit die Bewältigungs- formen der Unterdrückung spezifische sein werden. Die relative Bedeutungslosigkeit der Frauen innerhalb der kapitalistischen Produktion beinhaltet im allgemeinen eine unmittelbarere Abhän- gigkeit von anderen Menschen, speziell den Männern, und damit eine größere Angst vor Liebesverlust, die um so stärker sein wird, je mehr der Verlust der Liebe den Verlust der bis dahin ge- gebenen Lebensmöglichkeiten einschließt. Zugleich bedeutet die geringere gesellschaftliche Stellung der Frau aber auch eine ge- wisse Narrenfreiheit. Frauen werden in der Regel weniger auf den unmittelbaren Existenzkampf dressiert, weniger brutal zur Ver- leugnung ihrer Gefühle gezwungen etc. Die unmittelbarere Abhängigkeit der Frauen und die dadurch ge- setzte Notwendigkeit, sich allseitig gefügig zu erweisen und ent- sprechend geschmeidig zu halten, was durch ein gewisses Maß an Dummheit bzw. Entwicklungslosigkeit, d.h. durch das Fehlen eines eigenen Standpunktes, durchaus erleichtert wird, bedeutet zwar einerseits größere Unsicherheit und Verunsicherung, zugleich aber auch eine gewisse Offenheit gegenüber Neuem bzw. der Unzuläng- lichkeit der bestehenden Lebensverhältnisse. Diese Offenheit bleibt jedoch - losgelöst von den Handlungsmöglichkeiten - im allgemeinen unfruchtbar bzw. kann sich u.U. gerade dadurch nur entwickeln und halten, daß die Frauen von der Notwendigkeit, ihre Träume und Kritik in die Tat umzusetzen, relativ entlastet sind bzw. diese Umsetzung den Männern aufzubürden versuchen, womit sie diese wiederum zusätzlich auf Erfolg trimmen. Die Männer stehen dagegen entsprechend ihrer höheren Bedeutung für die gesellschaftliche Produktion in viel stärkerem Maße unter dem Druck, ihre Brauchbarkeit zu beweisen, perfekt zu sein, ei- gene Schwächen oder gar Angst, die als größte Schwäche des Mannes gilt, zu verbergen. So werden viele von ihnen zu den "Kulturträgern" im Sinne Freuds, die die Fremdbestimmtheit in Selbstbestimmung uminterpretieren und den Zwang, unter dem sie stehen, verdrängen bzw. nachträglich durch den Erfolg rechtferti- gen, der darin besteht, daß man im Dienste der Mächtigen in ge- wissen Grenzen immer auch an deren Lebensmöglichkeiten partizi- pieren, sich anderen gegenüber überlegen und damit relativ sicher fühlen kann. Wenn F H von der Möglichkeit der Entwicklung der Frauen auch un- ter fremdbestimmten Bedingungen spricht, dann scheint sie mir ge- nau diese Selbstvervollkommnung im Auge zu haben, die für die männliche Entwicklung unter kapitalistischen Verhältnissen ty- pisch ist: die möglichst umfangreiche Ansammlung von Fähigkeiten und Kenntnissen, um alle Widersacher und Konkurrenten mit ihnen erschlagen zu können und als der Größte dazustehen. Statt nach den Bedingungen zu fragen, die den Bewährungsdruck setzen und die Entwicklung als Überwindung der eigenen Unzulänglichkeit und Un- vollkommenheiten bestimmen, schlägt F H in ihrem Entwicklungskon- zept die Perfektionierung der Absicherung vor: Die spezifische Absicherung der Männer, sich als Allround-Genie zu gebärden und die Mitwelt durch die eigene Überlegenheit so zu beeindrucken, daß nach Möglichkeit überhaupt erst keiner auf die Idee kommt, diese zu bezweifeln, wird gegenüber der spezifischen Absiche- rungsform der Frauen, möglichst unauffällig bzw. unausgeprägt zu bleiben und sich dem Überlegenheitsanspruch der Männer von vorn- herein zu beugen, als Weg individueller Entwicklung propagiert. Das heißt: Die typische - männliche - Verarbeitungsform des in- nerhalb kapitalistischer Verhältnisse allgemein gesetzten Bewäh- rungszwangs, nämlich sich zu perfektionieren und damit unangreif- bar zu machen - ein Ziel, das erst voll erreicht ist, wenn es ei- nem gelingt, sich selbst zum Maßstab der Entwicklung überhaupt zu erheben, an dem sich alle anderen messen müssen - wird von F H nicht auf ihre realen Ursachen und Konsequenzen hin analysiert, sondern, wie mir scheint, in ihren theoretischen Ausführungen blind reproduziert. Damit übernimmt sie den Anspruch, Maß der Entwicklung zu sein, offensichtlich auch für die eigene Gruppe: so etwa in dem Bild von den Fackelträgern, die Licht in die Fin- sternis der Zurückgebliebenen bringen (1980 b, 151). Dieser An- spruch zeigt sich auch in den genauen Vorstellungen, die die Au- torinnen der "Frauenformen" etwa darüber haben, wie sich eine rundliche kleine Mittsechzigerin zu kleiden hat, wie Schwule, Ehe- und Liebespaare miteinander zu sprechen, umzugehen haben etc. Die These, daß F H sich nicht bewußt zu dem Bewährungszwang ver- hält, der innerhalb der kapitalistischen Verhältnisse allgemein gesetzt ist, sondern diesem aufsitzt, läßt sich m.E. auch an ih- rem Artikel zum Verhältnis von Arbeiter- und Frauenbewegung ver- deutlichen. Hier zeigt sich, daß das frühere politische Engage- ment im Sozialistischen Frauenbund (SFB) offensichtlich nicht primär aus der subjektiven Betroffenheit, der Erkenntnis der ei- genen Entwicklungsbehinderung durch die konkreten Verhältnisse, sondern in Erfüllung irgendwelcher abstrakter Normen geschah, denen man zu genügen bestrebt war. So stellte man sich die Frage, ob etwas sozialistisch sei oder nicht, empfand die Nicht-Existenz von Proletarierinnen in den eigenen Reihen als Mangel, litt, wenn man auf Maidemonstrationen nicht die genügende Beachtung fand etc. etc. Besonders auffallend ist diese Tendenz bei der Erörte- rung des § 218; dieser wurde nicht in seiner ganzen Fragwürdig- keit und Widersprüchlichkeit für die Frauen, sondern wesentlich unter der Fragestellung diskutiert, auf welche Weise man die grö- ßere Anerkennung finden bzw. wie man sich - bei natürlich gewoll- ter Massenwirksamkeit - "den Vorwurf kleinbürgerlichen Reformis- mus" ersparen könne (1981 b, 654). F H übt zwar an dieser Art von Politik Selbstkritik, doch scheint mir diese an den wesentlichen Punkten vorbeizugehen, da sie wie- derum nur an dem äußeren Erfolg orientiert ist, der der eigenen Organisation versagt blieb, den autonomen Frauengruppen hingegen spontan zuflog. Den Erfolg der autonomen Gruppen führt F H darauf zurück, daß diese von vornherein das Persönliche gegenüber dem Politischen in den Mittelpunkt ihrer Diskussion gestellt haben, während im SFB angesichts der Fülle politischer Aufgaben die Dis- kussion persönlicher Probleme immer wieder zurückgestellt worden sei. Das habe dazu geführt, daß man sich praktisch zwischen alle Stühle gesetzt, d. h. weder von den Frauengruppen noch von den Organisationen der Arbeiterbewegung volle Anerkennung erhalten habe (1981 b, 651). Die nunmehr in Anlehnung an die autonomen Frauengruppen erhobene These, das Persönliche sei das Politische, klingt zwar sehr schön, ist aber nichtssagend. Die Frage ist doch gerade, wie das Persönliche durch die Politik vermittelt ist bzw. auf welche Weise es die Politik bestimmt: ob man innerhalb der gegebenen Verhältnisse agiert und diese damit festigt bzw. den individuellen oder auch kollektiven Vorteil gegenüber anderen sucht und damit zugleich die eigene Unterdrückung aktiv an die jeweils Schwächeren weitergibt, oder ob man für Verhältnisse kämpft, innerhalb derer mit der vollen Gleichberechtigung aller Gesellschaftsmitglieder die wesentlichen Voraussetzungen für die Entfaltung individueller Potenzen und persönlicher Beziehungen gegeben sind. "Das Persönliche" wird nicht näher erläutert, bleibt mehr oder weniger Schlagwort, um sich, wie es den Anschein hat, über die "Verknüpfung" von Persönlichem und Politischem sowohl gegenüber den autonomen Frauengruppen als auch gegenüber der Arbeiterbewe- gung als positive Alternative einzubringen. Zu diesem Zweck redu- ziert F H die Arbeiterbewegung auf den ökonomischen Kampf - der Männer - und versucht, die autonomen Frauengruppen mit ihren ei- genen Waffen, nämlich dem Einwand zu schlagen, daß die Beschrän- kung auf die Mann-Frau-Unterdrückung "die wirkliche Unterstützung der Männermacht durch die ökonomischen Verhältnisse" (1981 b, 661) nicht fassen kann. Die von ihr kreierten "autonomen soziali- stischen Frauengruppen" und der "Marxismus-Feminismus" erscheinen dann als der dritte Weg, der den großen Durchbruch bringen wird, durch welchen endlich der "Reichtum an Einfallen, der in der Be- völkerung steckt" und durch die "langweilige Stellvertreterpoli- tik storniert" (1981 b, 663) war, sich voll entfalten kann, Spaß und Menschlichkeit in die Politik kommen und das Auseinander von Arbeiter- und Frauenbewegung endlich aufgehoben ist. VI Zum Schluß: Ich meine wie F H, daß man sich auch unter kapitali- stischen Verhältnissen entwickeln kann und muß, d.h., daß es kei- neswegs genügt, "auf heutige Kapitalstrukturen und morgigen So- zialismus zu verweisen" (1980 b, 31). Schließlich kann der Sozia- lismus nur mit menschlicher Anstrengung gegen den Kapitalismus durchgesetzt werden - wobei mit dem Sozialismus die Probleme nicht gelöst, aber die objektiven Voraussetzungen ihrer Lösung geschaffen sind. Allerdings scheint mir die Frage, "wie bei Fremdbestimmung - welches ohne Zweifel eine Hemmung in der Verge- sellschaftung darstellt - die Handlungsfähigkeit der Einzelnen erhalten bleibt oder erhalten werden kann" (1980 b, 92), zu kurz zu greifen. Entwicklung bedeutet nicht vorrangig Kumulation indi- vidueller Fähigkeiten, um innerhalb der gegebenen Verhältnisse möglichst gut zu funktionieren, anderen überlegen und damit rela- tiv abgesichert zu sein; sondern Entwicklung bedeutet primär die Erweiterung der Handlungsfähigkeit, nicht in Leugnung, sondern in Ausweitung subjektiver Lebens- und Erlebnismöglichkeiten. Die Spezifik menschlicher Entwicklung beinhaltet die bewußte Be- stimmung der subjektiven Situation über die gezielte Einflußnahme auf die objektiven Lebensbedingungen, d.h. die Durchbrechung der Unmittelbarkeitsbeziehung: An die Stelle individuellen blinden Reagierens auf die objektiven Lebensbedingungen tritt die ge- zielte Veränderung der Verhältnisse gemäß den subjektiven Mög- lichkeiten und Bedürfnissen. Individuelle Entwicklung unter kapi- talistischen Verhältnissen bestünde somit partiell immer auch darin, statt aus der Bewährungsangst heraus zu agieren, diese auf ihre realen Ursachen zurückzuführen und zu der "Unzulänglichkeit" der eigenen Person bewußt zu stehen: Indem man gerade aus der Tatsache, daß man unter kapitalistischen Verhältnissen immer auch gegen die eigenen Interessen, Bedürfnisse, Vorstellungen ver- stößt, sich gemein, neidisch, unterdrückerisch etc. benimmt, die subjektive Notwendigkeit der Veränderung dieser Verhältnisse ab- leitet. Der politische Kampf ist dabei keineswegs nur ein Kampf um die Zukunft, sondern damit immer auch ein Kampf um Lebensmöglichkei- ten, die sich in der Gegenwart abzeichnen und hier systematisch behindert werden. Dabei wird die Tatsache, daß man den Kampf um die eigenen Interessen und Bedürfnisse bewußt aufnimmt, statt diese - zumindest sofern sie nicht konform sind - aus der unmit- telbaren Existenzangst heraus zu verleugnen, ein prinzipiell ver- ändertes Lebensgefühl einschließen. Die Überwindung der persona- lisierenden Sichtweise, der persönlichen Schuldzuschreibungen muß sich unmittelbar entlastend auf die individuelle Situation und die sozialen Beziehungen auswirken, wie diese Entlastung wiederum die allgemeine Bereitschaft erhöhen wird, das objektive Ungenügen bestehender Umweltbeziehungen auf den Begriff zu bringen und ge- meinsam anzugehen, statt sich gegenseitig anzukreiden. Spaß, Le- bensfreude etc., die F H in die Politik hineintragen will, lassen sich ungebrochen nur im Zusammenhang mit dem gezielten Kampf ge- gen die unterdrückenden Bedingungen erreichen. Alle Versuche hin- gegen, Spaß innerhalb der bestehenden Verhältnisse der Fremdbe- stimmtheit zu haben, werden überschattet sein durch das prinzi- pielle Ausgeliefertsein und die damit verbundene Ungesichertheit der Existenz und das schlechte Gewissen ob der Kleinlichkeit des eigenen Lebens, die die Bemühungen um Absicherung des individuel- len Vorteils bzw. des eigenen Profils auf Kosten und unter Herab- setzung anderer immer begleiten wird. Literatur --------- Haug, Frigga: Opfer oder Täter? Über das Verhalten von Frauen. In: Das Argument 123, 1980 a Haug, Frigga (Hrsg.): Frauenformen. Alltagsgeschichten und Ent- wurf einer Theorie weiblicher Sozialisation. Argument-Sonderband AS 45, 1980 b Haug, Frigga (Hrsg.): Frauen - Opfer oder Täter? Diskussion. Ar- gument Studienhefte 46, 1981 a Haug, Frigga: Männergeschichte, Frauenbefreiung, Sozialismus. Das Argument 129, 1981 b H.-Osterkamp, Ute: Ideologismus als Konsequenz des Ökonomismus. - Zur Kritik am Projekt Ideologietheorie. In: Forum Kritische Psy- chologie 11, 1982 Projekt Ideologie-Theorie: Theorien über Ideologie. Argument-Son- derband 40, 1979 _____ *) Da dieser Text nicht als selbständiger Artikel, sondern zur Vorbereitung auf eine persönliche Diskussion und Auseinanderset- zung mit Frigga Haug geschrieben wurde, sind nicht die selbstver- ständlichen Gemeinsamkeiten, sondern die unerwarteten Divergenzen zwischen meinen und Frigga H.'s Positionen hervorgehoben worden. Daraus erklärt sich auch, daß viele der folgenden Formulierungen, für sich genommen, vielleicht schroff wirken. Eine Antwort von Frigga Haug auf die vorliegende Kritik an ihrer Position er- scheint in der Zeitschrift Argument, Herbst 1982. zurück