Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982


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ARBEITERKLASSE, SOZIALE BEDÜRFNISSE UND GEWERKSCHAFTLICHE POLITIK

Witich Roßmann 1. Soziale Bedürfnisse und Formen ihrer Durchsetzung - 2. Soziale Bedürfnisse in den gewerkschaftlichen Kämpfen - 3. Organisations- entwicklung und politische Prozesse in der gewerkschaftlichen Or- ganisation - 4. Brüche, Probleme und Politikbedarf In den letzten Jahren wurden Analysen der Gewerkschaften von der Frage nach ihrer korporativistischen Integration in das kapitali- stische System und nach ihren Stabilitätsfunktionen beherrscht. 1) Die initiativreiche, politisch herausfordernde Aktivität "neuer sozialer Bewegungen" akzentuiert noch im Vergleich die konservativen, behäbigen und integrationistischen Aspekte gewerk- schaftlicher Politik. Wer angesichts der Jugendunruhen "das Fie- ber in den Straßen steigen" sieht, dem erscheinen die Gewerk- schaften nur mit dem "kalten Wickel" systemintegrierend daneben oder gar dagegen zu stehen. Sozialwissenschaftliche Analyse wird sich kaum jemals gänzlich dem Zeitgeist und seinen aktuellen Trends verschließen können. Allein die sich expansiv entfaltenden Trendsucher der demoskopi- schen Forschungsinstitute, deren materielle Reproduktionsgrund- lage der schnelle Wandel ist, sorgen dafür, daß gegenwärtig kein noch so temporärer, partieller und häufig instabiler Einstel- lungswandel empirisch undokumentiert bleibt. Die Trend-Affinität der literarischen und sozialwissenschaftlichen Intelligenz, zu deren seismographischer Funktion - nebenbei bemerkt - Lenin trotz aller politischen Kritik ein ausgesprochen produktives Verhältnis besaß 2), befördert diese Tendenz. Gerade in Schnittpunktphasen politischer Zyklen muß sich deshalb praxisorientierte sozialwissenschaftliche Forschung, die nicht auf die Nachfragegesetze intellektueller Warenproduktion zielt, auf längerfristige Entwicklungstrends konzentrieren. In diesem Sinne soll hier eine begrenzte Fragestellung verfolgt werden: In welchem Ausmaß und in welchen Formen haben die den neuen sozialen Bewegungen im Reproduktionssektor zugrunde liegenden sozialen Be- dürfnisse ihr Pendant innerhalb der Arbeiterklasse und der ge- werkschaftlichen Politik, ihren Handlungsmustern und internen Or- ganisationsprozessen gefunden? Und daraus abgeleitet: Auf welches Potential können sich - im Vergleich zum Ende der 60er Jahre - strategische Konzeptionen einer klassenautonomen Politik im näch- sten Kampfzyklus der 80er Jahre stützen? Welche Bedürfnistenden- zen und -strukturen, die in Ansätzen in den sozialen Kämpfen der 70er Jahre artikuliert wurden, müssen integraler Bestandteil ei- ner klassenautonomen Politik werden? Die als "Silent Revolution" prominent gewordene Wertwandelhypo- these R. Ingleharts, 3) inzwischen durch die komparative Studie von Max Kaase/Samuel Barnes 4) empirisch abgesichert, behauptet eine stabile Korrelation zwischen materiellem Lebensniveau, Bil- dungsgrad, intellektueller Kompetenz und neuen Wertorientierun- gen. Der Wertwandel sei wegen seiner engen Beziehung zur Produk- tivkraftentwicklung und zu sozialstrukturellen Veränderungen als langfristiger Trend zu begreifen, der überkommene politische In- tegrationsmechanismen in Frage stelle und neue, quer zu den Klas- senfronten verlaufende gesellschaftliche Konfliktstrukturen zwi- schen den Trägern der alten "materialistischen" (Bourgeoisie, in- dustrielle Arbeiterklasse) und der neuen "postmaterialistischen" Wertorientierung (Jugend, höher qualifizierte und sozial besser gestellte Mittelschichten) produziere. In den neuen Wertorientie- rungen würden sich über materiellen Wohlstand und Sicherheitsden- ken hinaus vor allem Bedürfnisse nach Mitbestimmung, Selbstbe- stimmung, Aufhebung entfremdeter Strukturen ausdrücken, die mit der Favorisierung neuer, basisdemokratischer Politikvorstellungen und Verhaltensmuster einhergingen. Trotz zahlreicher möglicher kritischer Einwände gegen diese theoretische Konzeption erscheint es zumindest operativ möglich und legitim, die Fragestellungen und Ergebnisse dieser Wertwandel-Studien in die Analyse neuer Entwicklungen in der Arbeiterklasse, ihrer sozialen Kämpfe und der Gewerkschaftspolitik einzubeziehen. Bezugspunkt ist dabei indes die materialistische Bedürfniskonzeption, deren Begriff und inhaltliche Bestimmung von "sozialen Bedürfnissen" nur begrenzt mit den postmaterialistischen Bedürfnissen in der Inglehartschen Konzeption harmonisierbar ist. 5) 1. Soziale Bedürfnisse und Formen ihrer Durchsetzung ---------------------------------------------------- Ausgangspunkt ist der in die Dialektik von Produktivkraftentfal- tung und Bedürfnisentwicklung integrierte strukturelle Trend in entwickelten kapitalistischen wie sozialistischen Gesellschaften zur Verschiebung des Stellenwertes der physisch-materiellen zu- gunsten der sozialen Bedürfnisse im Gesamtsystem gesellschaftli- cher Bedürfnisse. Empirisch drückt sich diese Entwicklung im ma- teriellen Reichtum hochindustrialisierter Gesellschaften aus, ih- rem Produktivitätsniveau, im Zeitbudget ihrer Lohnabhängigen (Lebens-, Wochen-, Tagesarbeitszeit im Verhältnis zur Freizeit oder Ausbildungszeit), im durchschnittlichen Bildungs- und Quali- fikationsgrad des gesellschaftlichen Gesamtarbeiters: kurzum, die wissenschaftlich-technische Revolutionierung der Produktivkräfte konstituiert weiterreichende gesellschaftliche und individuelle Entwicklungsmöglichkeiten, die sich in der Zunahme sozialer Be- dürfnisse reflektieren. Sie beziehen sich vornehmlich auf die Stellung der Individuen in der Gesellschaft, auf die Bedingungen ihrer Arbeit und Tätigkeit, ihrer Persönlichkeits- und Selbstver- wirklichungsmöglichkeiten im Arbeitsprozeß und in der Lebensre- produktion, die sie sukzessive ausgreifend ihrer kollektiven und individuellen Kontrolle zu unterwerfen suchen. 6) Solche sozialen Bedürfnisse haben einen tiefergehenden, strukturierenden Einfluß auf die Interessenformierung, auf die Motive, Wertorientierungen, Ziel- und Handlungsprogramme der gesellschaftlichen Klassen und Schichten in den Klassenauseinandersetzungen. 7) Die Akzentuierung dieses Aspekts in der Analyse neuer Entwick- lungstendenzen in der Gewerkschaftsbewegung thematisiert einen zentralen Widerspruchskomplex spätkapitalistischer Gesellschaften (Möglichkeit/Notwendigkeit der Persönlichkeitsentfaltung als Hauptproduktivkraft und die Schranken kapitalistischer Produkti- onsverhältnisse, die nur eine deformierte Realisierung erlauben). 8) Sie eröffnet zugleich die Möglichkeit, Übereinstimmungen oder zumindest parallele Tendenzen in der Arbeiterklasse und in den sozialen Trägergruppen neuer sozialer Bewegungen gegenüber den an der Oberfläche vielfältig dominierenden Widersprüchen, Diver- genzen und gegeneinander gerichteten Verselbständigungen analy- tisch zu fixieren. Solche gemeinsamen Entwicklungstendenzen wurden in den 70er Jah- ren oft nur unterhalb der gesellschaftlichen Oberflächenprozesse erkennbar und sperrten sich gegen empirische Analysen. Da sie sich innerhalb der verschiedenen Gruppen der Lohnabhängigen nicht in einer linearen Determinationskette von Bedürfnissen - Interes- sen - Bewußtsein - Ziel - Aktion unmittelbar durchsetzten, müssen einige der Vermittlungsglieder dieses Prozesses, die bislang un- genügend beachtet wurden, in die Analyse einbezogen werden. 1.1 Sozialstrukturelle Entwicklungstendenzen -------------------------------------------- Die kapitalistischen Vergesellschaftungsprozesse haben in den 50/60er Jahren den Polarisierungsprozeß der antagonistischen Grundklassen beschleunigt, den Anteil lohnabhängiger Arbeit ver- größert, neue Teile der Angestellten und Beamten nicht nur for- mell, sondern zunehmend auch reell unter das Kapital bzw. staats- monopolistische Herrschaftsverhältnisse subsumiert und den Waren- charakter ihrer Arbeitskraft entfaltet. 9) Zugleich vollzog sich eine klasseninterne Differenzierung unter den Lohnabhängigen. Das Bildungs- und Qualifikationsniveau nahm nicht nur allgemein zu, die Zunahme war bei einigen expandierenden Berufsgruppen mit neuen Tätigkeitsschwerpunkten besonders stark. 57 Prozent aller Erwerbstätigen übten 1978 Planungs-, Verwaltungs- und Dienstlei- stungsberufe aus, während nur noch 13,3 Prozent in Berufen der Güterproduktion tätig waren. Dabei nahmen gerade personenbezogene Dienstleistungsberufe sowie Planungs- und Verwaltungsberufe be- sonders schnell zu (1978: 12,5 bzw. 24,2 Prozent aller Erwerbstä- tigen). 10) Wenngleich solche sozialstatistischen Gruppierungen in sich stark differenziert sind und unter sehr heterogenen sozi- alökonomischen Verhältnissen arbeiten (hoher Staatsanteil, viele Kleinbetriebe bzw. kleine Arbeitseinheiten), so sind sie doch in vielen Bürgerinitiativen überrepräsentiert 11), kennzeichnet sie ein hoher politischer Aktivitätsgrad. Sie verfügen zumeist über überdurchschnittlich hohe Bildungsabschlüsse. Betrachtet man nur die deutschen Teile der Arbeiterklasse, so würde sich angesichts des hohen Anteils ausländischer Lohnabhängiger im unmittelbaren Produktions- und Reproduktionsprozeß (Herstellen, Fertigen, Hilfsfunktionen für Produktions- und Dienstleistungen) der pro- zentuale Anteil dieser Gruppen innerhalb der Arbeiterklasse noch weiter erhöhen. 12) Es kann angenommen werden, daß in diesen Gruppierungen der Arbei- terklasse und der Lohnabhängigen eine Reihe von sozialen Bedürf- nissen und damit ein spezifisches sozialpsychologisches Milieu besonders lebendig bleiben wird, das von ihrer Ausbildung und Tä- tigkeit beeinflußt ist. Aber auch für die gesamte Arbeiterklasse, insbesondere ihre gewerkschaftlich und politisch aktiven Teile, dürfen die sozialpsychologischen Rückwirkungen einer durch- schnittlich höheren Allgemeinbildung nicht unterschätzt werden. Allein die neuen Massenmedien und Kommunikationsmöglichkeiten ha- ben die Abschottung der industriellen Arbeiterklasse, die Ausbil- dung einer besonderen Arbeiterlebensweise, zugunsten einer Annä- herung zwischen allen Lohnabhängigen relativiert. In der Tendenz werden 25 Prozent eines Jahrgangs einen Hoch- oder Fachhochschul- abschluß erwerben. 13) Schon heute ist unschwer zu erkennen, wie in Arbeiterfamilien, Sportvereinen, Gewerkschaften und Parteien Personen mit Hochschulabschluß zunehmend selbstverständlicher in- tegriert sind und dort das sozialpsychologische Profil, Wertori- entierungen, Normen und Verhaltensweisen mitprägen. Durch solche Institutionen wirken die genannten Veränderungen weit über den Umkreis der Betroffenen hinaus. Gerade unter den politisch akti- veren Teilen der Arbeiterklasse der jüngeren Generation finden sich innerhalb der Familie und des Freundeskreises enge Beziehun- gen zwischen verschiedenen Sektoren der Arbeiterklasse (z.B. Facharbeiter/Kindergärtnerin, Verwaltungsangestellte) bzw. zwi- schen diesen und Angehörigen der Gruppe der lohnabhängigen Intel- ligenz (Facharbeiter/Lehrerin). Diese Tendenzen werden verstärkt das sozialpsychologische Profil, die Bedürfnis- und Interessen- strukturen sowie die Handlungskompetenz der Arbeiterklasse mitbe- stimmen, da sich die Austausch- (Abiturienten, die Facharbei- terabschlüsse anstreben) und Kooperationsprozesse (im Produkti- onsprozeß, in der Lebensreproduktion, in der politischen Arbeit) intensivieren. 1.2 Neue gesellschaftliche Widerspruchskomplexe ----------------------------------------------- Die wissenschaftlich-technische Revolutionierung der Produktiv- kräfte beschleunigte kapitalistische Vergesellschaftungsprozesse und produzierte eine komplexere Struktur der gesellschaftlichen Widersprüche. 14) Die Konzentration und Zentralisation von Pro- duktion und Kapital ermöglichte die umfassende Automatisierung und Taylorisierung im Produktionssektor, die sich seit Mitte der 70er Jahre sukzessive in der Büro- und Verwaltungsrationalisie- rung fortsetzt. Die mit der privatkapitalistischen Monopolisie- rung wie der bürokratischen Zentralisierung in den legislativen und exekutiven Staatsapparaten verknüpfte politische Machtkonzen- tration belebte Mitbestimmungs- und Kontrollforderungen. Aber nicht allein Arbeitsbedingungen und Mitbestimmung wurden akute Konfliktfelder. Die ausgreifende Bewegung des SMK-Systems und seiner an Kapitalinteressen orientierten Kosten-, Effizienz- und Organisationskriterien schuf Konfliktfelder im öffentlichen Dienst, im Gesundheits-, Bildungs- und Verkehrssektor, also in Sektoren der Infrastruktur und der gesellschaftlichen Reproduk- tion der Arbeitskraft. Die kapitalistische Industrialisierung, Urbanisierung, Technisie- rung und Chemisierung traf zunehmend auf die Schranken des ökolo- gischen Gleichgewichts von Natur und Mensch. Dies wurde ebenso ein handlungsrelevantes Konfliktfeld wie die in alle Poren zwi- schenmenschlicher Beziehungen eindringenden Waren- und Konkur- renzbeziehungen mit den einbegriffenen Endfremdungserscheinungen, ihren Tendenzen zur Persönlichkeitsdeformierung und -zerstörung. 15) Selbst die klassischen kapitalistischen Konfliktfelder wie Arbeitslosigkeit, Betriebsstillegungen, Inflation, Lohn- und So- zialabbau wurden mit Beginn der 70er Jahre nicht bloß "reaktualisiert", sondern durch ihre staatsmonopolistisch modifi- zierten Wirkungsformen komplexer mit den neuen Konflikten ver- knüpft. 16) Zugleich erweiterten der Vergesellschaftungsprozeß und die Aus- weitung von Planungs- und Steuerungselementen, -kompetenzen und -institutionen innerhalb der Großkonzerne und des Staates das Feld unterschiedlicher Entwicklungsvarianten. Alternative Ent- wicklungsprogramme wurden damit schon im Vorfeld der Systemfrage gleichfalls zum Konfliktfeld. 17) Diese Widersprüche berührten allerdings die einzelnen sozial- strukturellen Gruppen der Lohnabhängigen in unterschiedlicher Stärke. Entsprechend differenziert entwickelten sich bei ihnen die Bedürfnisstrukturen und Wertorientierungen, wurden in einzel- nen Regionen oder Berufsgruppen bzw. zu unterschiedlichen Zeit- punkten verschiedene Bedürfnisse handlungsrelevant. 1.3 Neue soziale Bedürfnisse und Generationenwechsel ---------------------------------------------------- Verlängerte Ausbildungszeiten haben die Jugendphase im Lebenszy- klus ausgedehnt. Die relativ dauerhafte Formung sozialer und po- litischer Wertorientierungen in der Jugendphase, die Entwicklung einer eigenen Jugend-Subkultur sowie die gleichzeitige Zusammen- ballung von Konfliktfeldern durch die Neustrukturierung aller Ebenen des Bildungs- und Ausbildungssektors gegen Ende der 60er Jahre haben die Bedeutung des Jugendsektors für die Entwicklung und Durchsetzung neuer sozialer Bedürfnisse und für die politi- sche Sozialisation einer jüngeren Generation von Lohnabhängigen schlagartig erhöht. 18) Der Bruch in den Wertorientierungen konnte sich besonders deutlich ausprägen, weil die am Ende der 60er Jahre in die politische Sphäre eintretenden Jugendlichen die konsolidierte ökonomische Situation wie die politischen Verhält- nisse unvoreingenommen und unbelastet zu neuen Wertorientierungen verarbeiten konnten. Auch neuere sozialgeschichtliche Studien bestätigen, daß sich Wertwandelprozesse über den Generationswechsel vermitteln. Jün- gere Generationen waren in den Klassenkämpfen wie in den gesell- schaftlichen Ruheperioden - neben den seismographisch agierenden Intellektuellen - immer die aktiven, dominierenden Trägergruppen neuer Konflikte, Bedürfnisse, Handlungsmuster und Organisations- formen. Eine inhaltliche Ausrichtung ist dabei nicht von vornher- ein gegeben. Jüngere Teile der im Ersten Weltkrieg politisierten Arbeiterklasse wurden Träger der revolutionären Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik. Durch Arbeitslosigkeit von der Arbei- terbewegung isolierte Jugendliche hingegen wurden in der Welt- wirtschaftskrise Opfer faschistischer Demagogie. Der Zusammen- bruch faschistischer Illusionen 1945 wie die Niederlagen der Ar- beiterbewegung in den Neuordnungskämpfen forcierten im Kalten- Kriegs-Klima der 50er Jahre apolitische, individualistische Ori- entierungen der Jugend. 1.4 Die Bedeutung von "Zentren" ------------------------------- Die Transformation neuer Widersprüche, Bedürfnisse und Interessen in soziale Kämpfe hängt zum einen von der objektiven Zusammenbal- lung und Intensität der Widersprüche in bestimmten Sektoren, z. B. Regionen oder besonders betroffenen Gruppierungen der Klasse, und zum anderen von der Existenz subjektiver Faktoren ab, also von Kräften, die die Konflikte analysieren, Forderungen entwic- keln, mobilisieren, soziale Bewegungen organisieren und führen, aber auch von bestimmten Kräfteverhältnissen, die Bewegungen zu- mindest relative Erfolgschancen geben. 19) Als "Zentren" in die- sem Sinne, in denen und durch die neue Entwicklungstendenzen ex- emplarisch zum Ausdruck gebracht werden, fungierten in der Ge- schichte der Arbeiterbewegung häufig die industriellen Bezirke und/oder politischen Hauptstädte eines Landes (z.B. Berlin, Ruhr- gebiet, Mitteldeutschland in der Weimarer Republik), bestimmte Fraktionen der Klassen und ihr Organisationsbereich (z.B. Druc- ker, Berg- und Metallarbeiter und ihre jeweiligen Gewerkschaf- ten), zum Teil sogar als Symbol agierende Belegschaften industri- eller Großbetriebe (FIAT/Turin; Renault/Paris). Die umfassende Reorganisation der sozialstrukturellen Zusammen- setzung der Lohnabhängigen sowie der industriellen Struktur und die Spaltung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg - sie schloß den Verbleib relevanter linker Sektoren der deutschen Arbeiterbe- wegung im Gebiet der DDR und Polens (Sachsen, Thüringen, Berlin, Oberschlesien) und eine deutlich verstärkte Stellung der eher ländlich strukturierten und katholischen süddeutschen Länder in der BRD ein sowie die Partikularisierung und Sonderrolle Westber- lins - brachten den Bedeutungsverlust traditioneller Fraktionen der Arbeiterklasse (Berg-, Textil- und z.T. Stahlarbeiter) und traditioneller regionaler Zentren der Arbeiterbewegung (Berlin, Saarland, z.T. des Ruhrgebiets) sowie die erst langsame Formie- rung neuer industrieller und politischer Zentren (Stuttgart, Rhein-Main, München) mit sich. Dabei vollziehen sich Umstruktu- rierungsprozesse 20) auch in den alten Zentren (Stuttgart, Rhein- Main, Hamburg, Ruhrgebiet). Nur langsam bildeten sich in den 70er Jahren neue regionale Sek- toren, Wirtschaftszweige oder berufliche Gruppierungen als "Zentren" aus, die in ihrer politischen Kultur, ihren politischen Wertorientierungen die neuen sozialen Bedürfnisse dominant zum Ausdruck bringen und damit eine vereinheitlichende, orientierende und strukturierende Rolle spielen könnten. Da auch die politische Arbeiterbewegung diese Aufgabe nur partiell wahrnahm (die SPD entfiel mit der Godesberger Wende als Faktor einer klassenorien- tierten Strukturierung, die KPD wurde 1956 administrativ illega- lisiert, der Einfluß der 1968 neukonstituierten DKP blieb be- grenzt), bestimmte eine starke Heterogenität die sozialen Kämpfe und Konflikte. Trotz ihrer Durchdringung und zum Teil auch Struk- turierung durch die hochorganisierten, zentralisierten und insti- tutionalisierten Gewerkschaften und betrieblichen Interessenver- tretungen behielten sie etwas vom Charakter der ursprünglichen Prozesse der Formierung der Klasse "an sich" zur Klasse "für sich". 1.5 Ökonomisch-politische Zyklen und ------------------------------------ gesellschaftliche Kräfteverhältnisse ------------------------------------ Ob sich latente soziale Bedürfnisse in neuen Widerspruchskomple- xen zu sozialen Kämpfen und bewußten Wertorientierungen entwic- keln können, hängt nicht zuletzt von den ökonomisch-politischen Zyklen sowie den vorherrschenden gesellschaftlichen Kräftever- hältnissen ab. 21) In den 70er Jahren markierte die Weltwirt- schaftskrise 1974/75 einen tiefen Bruch. In der Periode ökonomi- schen Wachstums (1966/67 bis 1973), wenn auch seit 1971 von zahl- reichen Krisensymptomen zersetzt, entfalteten sich spontane Bewe- gungen im Jugendsektor und eine erste Welle der Bürgerinitiativ- bewegung (z.B. Rote-Punkt-Aktion in Hannover Juni '69), denen der Aufschwung der Arbeiterbewegung mit den spontanen September- streiks im Herbst 1969 folgte. In der folgenden Periode verknüpf- ten sich ökonomische Krise und eine depressive Entwicklung mit politischer Restauration, unterbrochen durch einen kleineren Auf- schwung der Gewerkschaftsbewegung und der sozialen Kämpfe 1978/79. Die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse verschoben sich nach rechts, wenngleich nicht annähernd im Ausmaß der Kal- ten-Kriegs-Periode und insgesamt von einer eigentümlichen Offen- heit und Labilität gekennzeichnet. In der ersten Periode waren zahlreiche neue soziale Bedürfnisse im Jugendsektor und in der Arbeiterbewegung (prägnant auf der IG- Metall-Konferenz "Qualität des Lebens" 1972) aufgegriffen worden. Die Renaissance klassischer kapitalistischer Konfliktfelder (Krise, Arbeitslosigkeit, Lohnabbau, politische Repression) ließ ihre unmittelbare Handlungsrelevanz in den sozialen Kämpfen der Arbeiterklasse und ihren Stellenwert in den Wertorientierungen zurücktreten. Dennoch blieben sie - wie zu zeigen sein wird - selbst in traditionellen Konflikten, in Forderungsstrukturen, in Aktionsformen und m den inneren Organisationsprozessen virulent und wirkten auf das Bewußtsein und die Wertorientierungen minde- stens der aktiven Kader der Gewerkschaftsbewegung ein. Offen ver- treten wurden sie am Beginn der zweiten Phase, vielfach in Di- stanz zur Arbeiterbewegung, von den neuen sozialen Bewegungen. 1.6 Der Zyklus neuer sozialer Bewegungen ---------------------------------------- Neue Gruppen, die in die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung ein- treten, die sich mit Brüchen ihrer Wertorientierungen, ja ihrer Identität auseinandersetzen, deren materielle, soziale, politi- sche und ideologische Konsequenzen verarbeiten müssen, radikali- sieren sich in ihrem Selbstverständnis, in ihren Artikulations- formen überdurchschnittlich. Die Initiative für Brüche und Neuorientierungen liegt notwendig zuerst bei Minderheiten, die ihren quantitativen Minderheitenstatus mit der Qualität ihres En- gagements (Zeitbudget, Radikalität der Ideologie, Aktion) kompen- sieren. Hohe Motivation, Bereitschaft zum Bruch mit überkommenen Lebens- und Arbeitsformen bilden sich in solchen Avantgardegrup- pen oder sind sogar ihre Voraussetzung. Deshalb verlief häufig die Neuerschließung von Berufsgruppen, Betrieben und Industrie- zweigen für die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung sowie die Neuerschließung von Themen und Forderungen unter der Hegemonie radikaler, vor allem linker, sozialistischer, kommunistischer und christlicher, also politisch und ideell hochmotivierter und zugleich qualifizierter Gruppierungen. 22) Die hegemonialen ideologischen und politischen Strömungen bestim- men im Stabilisierungs-, Orgamsations- und Institutionalisie- rungsprozeß sozialer Bewegungen darüber, welche Wertorientie- rungen, Normen und Handlungsmuster stabilen Charakter bekommen. Wer über die materiellen und ideellen Ressourcen der dabei neuentstehenden Organisationen verfügt, kann deutlich auf Inhalte und Struktur des Bewußtseins und die Interessen- und Zielformulierung der sozialen Kämpfe einwirken. Auch die Beachtung des Entwicklungszyklus sozialer Bewegungen legt eine analytische Perspektive nahe, die nicht die Erschei- nungsformen bestimmter Zyklusphasen (z.B. Phasen des radikalsten Bruchs mit Wertvorstellungen, Lebens- und Arbeitsformen) als strukturell neue Momente fixiert. Zu fragen ist vielmehr nach den dauerhaften, zyklusübergreifenden Momenten, die über Avantgarde- gruppen vermittelt das Bewußtsein, die Wertorientierungen und die Politik von Massen strukturieren und ihr neue Akzente verleihen. So mußten sich neue Bewegungen in den Gewerkschaften, die klas- senautonome Positionen oder neue soziale Bedürfnisse thematisier- ten, gegen die vorherrschenden sozialpartnerschaftlichen Strömun- gen durchsetzen. Diese beherrschen nicht nur die betrieblichen und gewerkschaftlichen Organisations- und Institutionsstrukturen, sondern verfügen angesichts der notwendigerweise hochzentrali- sierten Macht- und Entscheidungskompetenzen der Führungsorgane zugleich über eine Reihe von exekutiven Sanktionsmitteln gegen avantgardistische Minderheitengruppen. 23) Wenn in der empirischen Analyse die Vermittlungsglieder und Me- chanismen der handlungsbestimmenden Durchsetzung neuer sozialer Bedürfnisse einbezogen werden, kann gleichzeitig eine Unterschät- zung der Verbreitung und Bedeutung der sozialen Bedürfnisse in der Arbeiterklasse wie eine Überschätzung der Radikalität ihres Bruchs mit den traditionellen Orientierungen vermieden werden. In den 70er Jahren überlagerte sich die sukzessive Aufnahme sozialer Bedürfnisse in die Wert- und Handlungsorientierungen der Arbei- terklasse mit der Reaktualisierung klassischer kapitalistischer Widersprüche und Konflikte und der ihnen entsprechenden materiel- len und Sicherheitsbedürfnisse. Insofern kann von neuen Momenten in den sozialen Kämpfen und in der Gewerkschaftspolitik unter zwei Gesichtspunkten gesprochen werden: (a) der Reaktivierung ei- ner autonomen, klassenorientierten Strömung 24) gegenüber der Do- minanz der sozialpartnerschaftlichen Organisation der Klassenbe- ziehungen in den 50er/60er Jahren; (b) dem gestiegenen Gewicht neuer sozialer Bedürfnisse, neuer Widerspruchskomplexe und einer neuen, ausgeweiteten sozialstrukturellen Zusammensetzung der in den Klassenkämpfen agierenden bzw. in den Gewerkschaften organi- sierten Kräfte. Diese neuen Momente setzten sich nur widersprüchlich durch. Über- durchschnittlich waren sie in den siebziger Jahren in der jünge- ren Generation und einigen neuen Sektoren der Lohnabhängigen (Angestellte/Beamte des öffentlichen Dienstes; einige Dienstlei- stungsbereiche) anzutreffen. Zu Unrecht wurden sie indes als Aus- druck eines Generationskonflikts bzw. des Konflikts zwischen in- dustrieller Arbeiterklasse und neuen lohnabhängigen Mittelschich- ten begriffen. 25) Die einzelnen Phasen der ökonomischen und politischen Zyklen lie- ßen die neuen Bedürfnisse, klassenautonome Positionen oder tradi- tionelle sozialpartnerschaftliche Orientierungen wechselweise do- minant hervortreten. Zugleich aktualisierten sich soziale Kon- flikte und Kämpfe wie die neuen Bedürfniselemente - zeitlich und regional wechselnd - in verschiedenen Widerspruchskomplexen. Die insgesamt fehlende Verallgemeinerung und Strukturierung durch die gewerkschaftliche und politische Arbeiterbewegung oder durch ex- emplarische Durchsetzung in wichtigen "Zentren" führte in den siebziger Jahren zur Verselbständigung und zur Reproduktion der Heterogenität der Kämpfe und Organisationsformen in den einzelnen Phasen und Konfliktfeldern. 26) Wollte man die neuen Tendenzen begrifflich verallgemeinern, so könnte man mit aller Vorsicht davon sprechen, daß sich (a) origi- när g e w e r k s c h a f t l i c h e W e r t o r i e n t i e- r u n g e n und H a n d l u n g s m u s t e r für zahlreiche alte wie neue sozialökonomische Sektoren und Konfliktfelder reaktiviert und zugleich zur betrieblichen und lokalen Basis hin erweitert haben. Dies gilt gleichermaßen für das Vordringen kollektiver, solidarischer und egalitärer Orientierungen gegen- über individualistischen, leistungs- und konkurrenzbezogenen wie für die aktive Realisierung gewerkschaftlicher Schutz- und Gestaltungsfunktionen in wichtigen Gesellschaftsbereichen. Es haben sich (b) d e m o k r a t i s c h e W e r t o r i e n- t i e r u n g e n vor allem unter den gewerkschaftspolitisch aktiven, informellen wie formellen, Kadern - aus der jüngeren Generation und höher qualifizierten Gruppen - stärker verankert. Damit sind vor allem Bedürfnisse und Ansprüche nach echten Mitbestimmungs- und Kontrollrechten, Forderungen nach Basisbe- teiligung in der Politik, aber auch nach transparenten Infor- mations-, Kommunikations- und demokratischen Entscheidungsstruk- turen auf allen gewerkschaftlichen Ebenen und Handlungsfeldern gemeint. Sie schließen die Forderungen nach gleichberechtigter Vertretung bis dato benachteiligter Gruppen in der Gesellschaft ein, deren doppelt unterdrückter Status sich in den Gewerkschaften vielfach bis in die Gegenwart hinein reproduzierte - so insbesondere von Frauen, Ausländern und neuerdings wieder Arbeitslosen. 2. Soziale Bedürfnisse in den gewerkschaftlichen Kämpfen -------------------------------------------------------- Die Ausformung von Bedürfnissen und den ihnen zugrunde liegenden Widersprüchen zu aktuellen Konflikten, sozialen Kämpfen und Ak- tionen indiziert immer zugleich deren Intensität im Bewußtsein der Arbeiterklasse und in den Wert- und Handlungsorientierungen ihrer gewerkschaftlichen Führungsorgane. Insofern können, auch wenn sich in vordergründigen Konfliktgegenständen immer ein grö- ßeres Spektrum an Bedürfnissen symbolisch ausdrückt, Aktions- und Handlungsanalysen über begrenzte demoskopische Einstellungsunter- suchungen hinaus die Verbreitung neuer Bedürfnisse und Wertorien- tierungen erfassen. 27) Dies soll im folgenden unter verschie- denen Aspekten skizzenhaft umrissen werden. 28) 2.1 Chronologie --------------- Die Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung ist kein linearer Pro- zeß. Die 70er Jahre markieren nach den sozialen Kämpfen um die gesellschaftliche Neuordnung und deren Niederlagen sowie nach der Restaurationsperiode der 50er/60er Jahre mit einem sinkenden ge- werkschaftlichen Organisationsgrad und abflauenden sozialen Kämp- fen einen deutlichen Bruch: eine quantitativ herausgehobene Reak- tivierung sozialer Kämpfe, die auch durch die ökonomische Krise und die Massenarbeitslosigkeit in der zweiten Hälfte der 70er Jahre nicht gebrochen wurde. Angesichts der Affinität der sozia- len Kämpfe zum ökonomischen Krisenzyklus ist allein das schon ein historisches Datum. Die sozialen Kämpfe i n den siebziger Jah- ren bewegten sich, wenn man sie periodisieren will, ungefähr in einem Vierjahreszyklus, dessen Kampfhöhepunkte 1969"71, 1973/74 und 1978/79 waren. 2.2 Industrieller Kern der Arbeiterklasse und neue -------------------------------------------------- Lohnabhängigengruppen in den sozialen Kämpfen --------------------------------------------- Von 1966/67 bis 1973/74 waren die sozialen Kämpfe deutlich um zwei Gruppen zentriert: erstens um den Kern der industriellen Ar- beiterklasse, vor allem in Großbetrieben der Metallindustrie und z.T. des Bergbaus sowie einiger kommunaler Arbeiterbereiche des öffentlichen Dienstes. Dominierend in der Initiierung, Mobilisie- rung und organisierten Leitung dieser sozialen Kämpfe betätigten sich Gewerkschaftskader der mittleren Generation, geprägt von den ideologischen Traditionen klassenorientierter Positionen in der IG Metall, aber auch durch die Präsenz von kommunistischen Be- triebsräten, Vertrauensleuten und Betriebsgruppen in den entspre- chenden Betrieben. 29) Ein zweites Zentrum bildete die Studenten- , Schüler- und Lehrlingsbewegung, die sich vor allem in Groß- und Universitätsstädten sowie Kleinbetrieben um Forderungen nach Ex- pansion, Umstrukturierung und Demokratisierung der Ausbildungs- sektoren konstituierte. 30) Kooperative Prozesse zwischen beiden Bewegungen entwickelten sich in den siebziger Jahren durch die Ausbreitung gewerkschaftlich orientierter Positionen in der Studentenbewegung, in der Struktur ihrer Forderungen und den Formen ihrer Kämpfe, durch die Integra- tion von Intellektuellen in verschiedene Sektoren der gewerk- schaftlichen Arbeit und Organisation wie auch durch den Wechsel eines bedeutenden Teils der qualifizierten und in der Lehrlings- bewegung politisierten Arbeiterjugendlichen in den schnell expan- dierenden Ausbildungssektor über den zweiten Bildungsweg. 31) Sukzessive waren von der IG Metall in den Streiks 1971 und 1974 ebenso wie von der IG Chemie und der ÖTV 1974 Angestellte einbe- zogen worden. Es blieb aber bei der Einbeziehung von Minderheiten in mehrfacher Hinsicht: Nur in gewerkschaftlich hochorganisierten Betrieben wurden sie zum Streik aufgerufen, ihre Haltung als Gruppe blieb insgesamt widersprüchlich, und sie stellten (z.B. 1974 im IG-Metall-Unterweserstreik) oft umfangreiche militante Streikbrecherkontingente. Die Beziehungen zwischen Arbeitern und Angestellten sowie beider zu den solidarisch mitkämpfenden Aus- ländern blieben insgesamt distanziert. In den spontanen Streikwellen 1973 traten neben den traditionel- len Zentren industrieller Großbetriebe die Belegschaften mittel- großer Betriebe auf. Die Bewegung erfaßte die ländliche Periphe- rie. Ausländische Arbeitergruppen und Frauen traten erstmals als Initiatoren und Mobilisierungskerne, zum Teil sogar als Strei- kleitungskader auf. Während die offiziellen Streikstatistiken für die Jahre 1975 bis 1977 - mit Ausnahme des Druckerstreiks 1976 - Ruhe verzeichneten, akkumulierten sich neue Momente der sozialen Kämpfe vor allem in den betrieblichen Abwehrstreiks und -aktionen gegen Massenentlassungen und Betriebsstillegungen im norddeutsch- nordrhein-westfälisch-saarländischen "Krisenbogen". Die unmittel- bar betroffenen Teile der industriellen Arbeiterklasse wurden re- gional häufig von Bürgerinitiativen unterstützt, in denen sich andere Teile der Lohnabhängigen und der lohnabhängigen Mittel- schichten, insbesondere Frauen, Jugendliche und Kulturschaffende, engagierten. Teilweise entstanden in solchen Konflikten partielle Kommunikations- und Kooperationsbeziehungen zwischen weit ausein- anderliegenden Betrieben gleicher Konzerne. Die Handlungsprozesse in der Binnenstruktur der gewerkschaftli- chen Streiks 1978/79 und in den Warnstreikbewegungen der Jahre 1980/81 signalisierten die Stabilisierung vorhergehender Tenden- zen: - Mit Hafen-, Bau-, Textil- und Holzarbeitern, Postbeschäftigten und Metallarbeitnehmern in sämtlichen Regionen und Betriebsgrö- ßenklassen dehnten sich die einbezogenen Gruppen aus traditionel- len Sektoren der Arbeiterklasse quantitativ weiter aus. - Die Büro- und Verwaltungsrationalisierung und die - trotz Krise - stabil hohe Berufstätigkeit von Frauen ließ die Einbeziehung von Angestellten in Streiks und Aktionen langsam vom Ausnahme- zum Regelfall werden, was sich insbesondere in den Warnstreikak- tionen der HBV seit 1978/79 zeigte. - In den Streikvorbereitungen der RFFU in den Rundfunk- und Fern- sehanstalten und in den Warnstreikaktionen der Lehrer 1979 wurden die Breitenwirkungen sichtbar, die die soziale und funktionale Veränderung des Status großer Gruppen der Intelligenz und die be- wußtseinsmäßigen Rückwirkungen der Studentenbewegung auf ihre ge- werkschaftliche Orientierung gehabt haben und die sich ansatz- weise auch in hochkonzentrierten staatlichen und privaten Wissen- schaftszentren zeigten. - In Aktionen gegen Rationalisierung, Privatisierung, Stellenab- bau und Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen wurden gegen Ende der 70er und am Anfang der 80er Jahre größere Teile der Ar- beiter, vor allem aber Angestellte und z. T. Beamte des öffentli- chen Dienstes (neben dem Bildungs- besonders des Gesundheitswe- sen, der Erziehungs- und Betreuungssektoren sowie der Bundesbahn und -post) aktiviert. 2.3 Kampfebenen --------------- Die gewerkschaftliche Aktivität erweiterte sich in den 70er Jah- ren auf allen Kampfebenen. Weder war eine Dominanz noch gar eine lineare Entwicklungstendenz zum betrieblichen Sektor oder zum po- litisch-staatlichen Sektor hin zu erkennen. Die Rationalisie- rungspolitik, Betriebsstillegungen und Entlassungen aktualisier- ten soziale Kämpfe auf der betrieblichen Ebene, wenn übergrei- fende Probleme nicht oder nicht rechtzeitig durch die Gewerk- schaften auf tarifpolitischer Ebene angegangen wurden. Die be- trieblichen Konfliktgegenstände wurden jedoch in kürzeren oder längeren Zeitabständen tarifpolitisch verallgemeinert und in Streiks organisiert durchgesetzt. Soziale Konflikte mit dem Staat als Arbeitgeber (öffentlicher Dienst) erwiesen sich nur in Nuancen politischer als andere Streiks gleicher Dimension. Verbesserungen der gesellschaftlichen Reproduktionsbedingungen der Arbeitskraft wurden vor allem im en- gen Kontext mit Beschäftigungsproblemen in diesen Sektoren von den Betroffenen selbst thematisiert. In den betrieblichen Streiks gegen den Versuch, die SPD/FDP-Bundesregierung 1972 zu stürzen, und in betrieblichen Warnstreiks bzw. Demonstrationen zum Erhalt der Montanmitbestimmung, für ein juristisches Verbot der Aussper- rung, für staatliche Beschäftigungsprogramme und ein Recht auf Arbeit sowie gegen die umfangreichen Kürzungen der Sozialhaus- halte Ende 1981 erwies sich die Mobilisierungsfähigkeit zumindest von Teilen der industriellen Arbeiterklasse und Lohnabhängigen der neuen Sektoren gegen die Politik des Staates oder einzelner seiner Apparate. Die Heterogenität der Kampf ebenen reflektierte neben der Logik der Kampfgegenstände auch die fehlende politische Führungsarbeit der Gewerkschaften. 2.4 Kampfformen --------------- Die Kampfformen wurden in den 70er Jahren erstmals nach den Kämp- fen zwischen 1948 bis 1952 wieder vielfältiger. Neben gewerk- schaftlich organisierte Streiks traten zwei spontane Streikwel- len, Warnstreikwellen und 1978 begleitende Sympathie- und Solida- ritätsstreiks. Betriebliche Kampfformen bis hin zu Betriebsbeset- zungen, Anfang der 70er Jahre noch als Novum betrachtet, wurden Anfang der 80er Jahre fast normale Aktionsformen gegen Betriebs- schließungen und Verlagerung von Produktionsmitteln. Sie dienten als Organiations- und Kommunikationsbasis und vor allem als poli- tisches Protestsymbol. Reflektierte sich Anfang der 70er Jahre im selbständigen Handeln in den spontanen Streiks noch das unbefangene Bewußtsein sicherer Arbeitsplätze angesichts von Prosperität und Vollbeschäftigung, so drückten sich die verschlechterten gesellschaftlichen Kampfbe- dingungen seit 1974/75 zuerst in einer relativen Zunahme g e w e r k s c h a f t l i c h organisierter Streiks aus, die den Bedarf an Sicherheit durch gewerkschaftliche Mobilisierung, Führung und Leitung signalisierten. Selbständiges kollektives Agieren in betrieblichen Abwehrkämpfen hingegen reflektiert schon ein Maß an arbeitsmarktpolitischer - betrieblicher und regionaler - Perspektivlosigkeit, die individuelle Ausweichstrategien bloc- kiert und die Hemmschwelle für kollektive Aktionsformen mit zu- nehmender Militanz stark herabsetzt. Sie koexistieren eng mit re- signativen Bewußtseinsformen. Beide Momente können in Abhängig- keit von subjektiven Faktoren (Agieren der betrieblichen Interes- senvertretung, der Gewerkschaften etc.) innerhalb kurzer Fristen ineinander übergehen. Studentische Aktionsformen der 60er Jahre kopierten neben Formen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung klassische Protestformen der Arbeiterbewegung. Die Gewerkschaftsbewegung integrierte ihre Vielfalt und Militanz mit zeitlicher Verzögerung. Der wechselsei- tige Austausch der Kampfformen von Arbeiter- und Bürgerinitiativ- bewegungen intensivierte sich im Verlauf der 70er Jahre und kann als Indiz von Annäherungs- und Überschneidungsprozessen gewertet werden. 2.5 Soziale Bedürfnisse in den Konfliktinhalten ----------------------------------------------- Zentrum der sozialen Kämpfe der 70er Jahre blieben die Lohnforde- rungen. Staatliche Einkommenspolitik und Inflation komplizierten diese Lohnkämpfe. Sie erforderten die Entwicklung klassenautono- mer Orientierungen gegenüber korporativistischen Institutionen wie der "Konzertierten Aktion", aber auch selbständige Aktionsbe- reitschaft gegenüber Gewerkschaftsführungen, die sich den Orien- tierungen solcher Institutionen unterwarfen. Die Integration der "einfachen" Lohnforderung in ein komplexes alternatives Wirt- schaftsentwicklungsmodell wurde die Mobilisierungsgrundlage für den Streik der IG Druck und Papier 1976. In dem Maße, wie seit 1974/75 neben dem allgemeinen inflationären Trend immer mehr gesellschaftliche Reproduktionsleistungen auf das Kostendeckungsprinzip umgestellt werden (öffentlicher Ver- kehr, Kindergärten, kommunale Infrastrukturleistungen), bleibt der Stellenwert der Nettorealgeldeinkommen für die Qualität der individuellen und familiären Lebensweise erhalten und weitet sich tendenziell mit der Durchkapitalisierung aller Lebenssektoren (z.B. Freizeit, Kultur, Kindererziehung) sogar noch aus. Lohnfor- derungen ist somit schon ein komplexes Verhältnis quantitativer und qualitativer Elemente inhärent. Auch ein relevanter Anteil sozialer Bedürfnisse bedarf zu seiner Befriedigung materieller Voraussetzungen. Zudem brechen sich im Rahmen der Lohnforderungen weitere Momente neuer sozialer Bedürfnisse und reflektieren gewerkschaftliche und demokratische Wertorientierungen: - Die zunehmend in den Wertorientierungen von Frauen sich verfe- stigende Berufstätigkeit, die neben den materiellen Aspekten vor allem die Bedürfnisse nach Persönlichkeitsentfaltung, nach Gleichberechtigung, nach vielseitigeren sozialen Erfahrungen, Kommunikations- und Sozialbeziehungen ausdrückt 32), hat zu einem intensiveren Engagement der Frauen in der Gewerkschaftsarbeit ge- führt, die in Forderungen und Aktionen nach Lohngleichheit und Streichung sogenannter Leichtlohngruppen ihren ersten Ausdruck gefunden hat. 33) - Auch in den Kontroversen um prozentuale oder lineare Lohnforde- rungen, die gegen die Hierarchisierungs- und Spaltungstendenzen des Kapitals gerichtet sind, reflektieren sich veränderte Werto- rientierungen. Lineare Lohnforderungen wurden nicht allein von den unmittelbar interessierten Vertretern der unteren Lohngrup- pen, sondern z. T. auch von Gruppen aus höheren Eingruppierungs- stufen vertreten, die aus einer längerfristigen gewerkschaftspo- litischen Perspektive heraus argumentierten. - Das Vordringen egalitärer, gewerkschaftlicher und demokrati- scher Orientierungen signalisieren tarifpolitische Konzeptionen, die auf den Abschluß gemeinsamer Lohn- und Manteltarifverträge für Arbeiter und Angestellte bzw. im öffentlichen Dienst für ein einheitliches Personalrecht dringen. Ihnen liegen sozialstruktu- relle, berufliche und tätigkeitsspezifische Annäherungen zwischen zahlreichen Arbeiter- und Angestelltentätigkeiten zugrunde. Stän- dischen Interessenvertretungen ist es nur partiell gelungen, Eli- ten- und Privilegiendenken gegen solche Strategien zu mobilisie- ren. - In den Vorüberlegungen zu neuen Modellen der Grundlohndifferen- zierung spielt die Reduzierung analytischer Arbeitsbewertungssy- steme zugunsten geringer differenzierter Lohnsysteme mit großen nichtvariablen Lohnbestandteilen eine gewichtige Rolle. - Im Druckerstreik 1976 und im Hafenarbeiterstreik 1978 sowie in einer Reihe der betrieblichen Streiks 1973 haben Lohnforderungen eine deutliche Kompensationsfunktion erfüllt. Rationalisierungs- erfahrungen und Arbeitsintensivierung, die nur schwer in alterna- tive Forderungen umsetzbar erschienen, produzierten soziale Ener- gien und Bedürfnisse, die ihren ersten Ausdruck in leichter er- kämpf- und formulierbaren Lohnforderungen fanden. 34) In der zukünftigen Ausarbeitung klassenautonomer Tarifpolitik wird neben dem Volumen der Forderungen auch ihrer Struktur, ob- jektiv wie im Bewußtsein der Handelnden, ein hoher Stellenwert zukommen. Noch komplizierter stellt sich das Verhältnis von Volu- men und Struktur und damit das Problem der Abstimmung sehr unter- schiedlicher Bedürfniselemente dar, wenn man die Problemkomplexe Arbeitsbedingungen, Leistungsverausgabung und Arbeitszeit einbe- zieht. Der Streik der IG Metall in Nordwürttemberg/Nordbaden 1973 für den Lohnrahmentarifvertrag II (LRTV) thematisierte organisiert die schon in den spontanen Streiks 1973 artikulierten Bedürfnisse nach K o n t r o l l e d e r A r b e i t s b e d i n g u n- g e n, des Volumens und der Formen der Leistungsverausgabung. Der LRTV II beinhaltete die Einschränkung der Manipulations- möglichkeiten bei Akkordarbeit, Erholzeiten, ungestoppte Zeiten für persönliche Bedürfnisse, Taktzeitbeschränkungen bei Fließarbeit und Absicherungen für ältere Lohnabhängige. 35) Er fand seine Fortsetzung in b e t r i e b l i c h e n Kämpfen um Betriebsvereinbarungen über Arbeits- und Entlohnungsbedingungen im Einsatz neuer Technologien, über neue Leistungsbewertungs- und Personalinformationssysteme sowie in den gewerkschaftlichen Streiks 1978/79 für t a r i f v e r t r a gl i c h e Regelungen gegen die Rationalisierungsfolgen (Mindestmaschinenbesetzungen, Qualifikationsbewertungen, Sicherung des durchschnittlichen betrieblichen Qualifikationsniveaus, Schutz vor Dequalifikation und Abgruppierung). 36) "Hinter der vermeintlichen vornehmlichen Lohnorientierung der Arbeitnehmer bei der Kritik an Abgruppierungsprozessen (wurde) ein komplexes Bündel an Interessen sichtbar", so eine soziologische Begleitstudie zum IG- Metall-Streik 1978 in Baden-Württemberg. "Die während der Tarifauseinandersetzung sichtbar gewordene Interessen- artikulation... macht noch deutlich, in welchem Maße - betriebs- wie lebensgeschichtlich - von Wünschen und Interessen an fachlich interessanter Arbeit, an Arbeitsbedingungen mit Zeit- und Kommunikationsreserven, an fehlendem Streß, an Arbeitsfreude und an Entwürfen von Arbeitsidentität ausgegangen bzw. dies zu- rückerinnert wird." 37) Auch die Forderung nach A r b e i t s z e i t v e r k ü r- z u n g (35-Stunden-Woche) im Stahlstreik 1978/79 reflektierte neben den Arbeitsmarkt- und Reproduktionsinteressen zugleich so- ziale Bedürfnisse. Die Ausdehnung der freien Zeit für nichtent- fremdete Hobbyarbeit, für sportliche und kulturelle Betätigung, für Bildung und Weiterbildung, für Kindererziehung, Reisen, so- ziale Kontakte und Kommunikation, kurz für die Realisierung eines sozial aktiven, sinnerfüllten Lebens wird zunehmend höher bewer- tet als die in vergleichbarer Zeit erzielbaren Geldeinkommen. Dieser Trend setzt sich allerdings - angesichts der oben skiz- zierten Relevanz der Geldeinkommen für all diese Reproduk- tionsformen in der freien Zeit und angesichts der starken Einkommensdifferenzierungen - vor allem unter solchen Gruppen der Lohnabhängigen durch, deren Lohnniveau (zumindest familiär) so weit über dem normalen Lebensstandardniveau liegt, daß Anteile gegen freie Zeit austauschbar erscheinen. Indizien dafür bieten die zunehmend militanter gestellten Forderungen nach Ein- schränkung der Überstundenarbeit bzw. ihrer Abgeltung durch an- derweitig verfügbare freie Zeit, die Auseinandersetzungen um die Schichtarbeit, Forderungen nach nicht sozial diskriminierten Teilzeitarbeitsplätzen, also nach insgesamt flexibleren Möglich- keiten, das Verhältnis von Arbeitszeit und freier Zeit zu gestal- ten. Die abnehmende Bereitschaft, die monetäre Abgeltung gesund- heitsschädigender Arbeitsbedingungen hinzunehmen, findet also ihre Parallele im Bereich der Arbeitszeit. Diese Tendenzen in der Bedürfnisentwicklung werden sich weiter verstärken. Ob die darin enthaltenen Möglichkeiten zur Realisie- rung solcher Bedürfnisse nur privilegierten Teilen der Bevölke- rung vorbehalten bleiben - und damit auch Spannungen zwischen verschiedenen Fraktionen der Lohnabhängigen erzeugt werden - oder auch der breiten Masse der Lohnabhängigen zugute kommen, wird mit vom Kampf der Gewerkschaften abhängen. Das seit 1974 wieder akute "R e c h t a u f A r b e i t" wurde nicht allein als beschäftigungspolitische Forderung an den Staat adressiert, sondern in betrieblichen Abwehrkämpfen gegen Betriebsstillegungen und Massenentlassungen konkretisiert. An die Stelle der monetären Entgeltung des Arbeitsplatzverlustes qua So- zialplanregelungen treten zunehmend Forderungen und soziale Kämpfe für die Erhaltung der Arbeitsplätze, werden z.T. sogar ei- gene Programme zur Umstrukturierung der Produktion entworfen, die mit gesamtgesellschaftlichen Bedarfsrechnungen begründet werden. Dies gilt auch für einige Bereiche des öffentlichen Dienstes, die der gesellschaftlichen Reproduktion der Lohnabhängigen dienen. In diesen Bereichen verbindet sich vielfach das Arbeitsplatzinter- esse mit den gesellschaftlichen Reproduktionsinteressen der Lohnabhängigen. Aus dieser Interessenverflechtung heraus konsti- tuierten sich 1981/82 zahlreiche Aktionen zur Erhaltung öffentli- cher Dienstleistungen und zur Arbeitsplatzsicherung. Da gewerk- schaftlich initiierte und organisierte Aktionen in diesem Sektor zumeist um die Arbeitsplatzproblematik zentriert sind - im Gegen- satz zur weiter gefaßten programmatischen Orientierung des DGB -, wurden gesellschaftliche Reproduktionsbedürfnisse in den 70er Jahren vorwiegend und zunehmend durch Bürgerinitiativen und ähn- liche soziale Bewegungen aktionsbezogen artikuliert. Vor allem im Bildungs-, Erziehungs- und Wissenschaftssektor kam es zu einer aktiven Kooperation zwischen Bewegungen der Betroffenen (Schüler, Studenten, Eltern) und den Gewerkschaften (GEW/ÖTV). Im Ansatz entwickelten sich ähnlich kooperative Beziehungen im Gesundheits- sektor, in Bereichen der Sozialarbeit, der Bahn und der Post. Ty- pisch ist aber die organisatorische Arbeitsteilung und Verselb- ständigung geblieben: Gewerkschaften entwickelten Gegenmacht für arbeitsplatzzentrierte Bedürfnisse und bezogen gesellschaftliche Bedürfnisse in ihre Argumentation mit ein, Bürgerinitiativen ent- falteten aktionsbezogene Gegenmacht für örtliche und regionale Reproduktionsbedürfnisse. In einer Reihe von Widerspruchskomplexen führte diese Situation zur scharfen politischen Konfrontation. Das gilt in erster Linie für die Komplexe Umweltzerstörung, Kernkraftwerke 38), Großbau- projekte 39) und die davon besonders berührten Gewerkschaften IG Bergbau und Energie, IG Chemie und IG Bau, Steine, Erden. Diffe- renzierter entwickelten sich die Beziehungen im Sektor der Rü- stungsproduktion, in dem z.B. die IG Metall Initiativen von Be- triebsräten der Rüstungsindustrie zur "Liberalisierung" der Waf- fenexporte stoppte und betriebliche Initiativen zur Rüstungskon- versionsforschung unterstützte. 40) Neben der unterschiedlichen Betroffenheit der einzelnen Gewerkschaften von Konfliktsituatio- nen zwischen gesamtgesellschaftlichen Bedürfnissen und partikula- ren Arbeitsplatzinteressen spielen mithin auch die ideologischen Wertorientierungen der betroffenen Gewerkschaften eine wichtige Rolle im Entscheidungsprozeß. Ende der 60er Jahre waren die systematischen Neuordnungskonzepte des DGB-Gründungskongresses 1949 (Mitbestimmung, Nationalisierung der Schlüsselindustrien, Planwirtschaft) zugunsten pragmatischer Mitarbeit in der Konzertierten Aktion an den Rand gewerkschaftli- cher Programmatik gedrängt worden. Erst die Diskussion um die "Qualität des Lebens", später das Problem der Arbeitslosigkeit, belebten die Ausarbeitung w i r t s c h a f t s p o l i t i- s c h e r A l t e r n a t i v k o n z e p t e in den Gewerk- schaften. Kristallisationspunkt systematischer Alternativen und nicht nur partieller Korrekturen des Marktprozesses wurden seit Mitte der 70er Jahre die Alternativgutachten der "Memo-Gruppe", die in ihren letzten Arbeiten unter dem Begriff des "qualitativen Wachstums" die Bedürfnisse nach einer ökologischen, vollbeschäf- tigungsorientierten und humanen Produktion integrierte. Die Rezeption und Verbreitung gesellschaftlicher Alternativpro- gramme, zu denen sich sukzessive zahlreiche Strukturentwicklungs- pläne für einzelne Regionen oder Sektoren (z.B. Schulen) gesell- ten, verweist zugleich auf die differenzierte Formierung der so- zialen Bedürfnisse. Sie sind unter den betrieblichen Kadern der industriellen Arbeiterklasse dort verbreitet, wo Konflikte und soziale Kämpfe in Verbindung mit gewerkschaftlicher Schulungs- und Bildungsarbeit Lernprozesse auslösen und die Aneignung stra- tegischer Konzeptionen ermöglichen. Zweitens verbreiten sie sich in Gruppen der Arbeiterklasse und der lohnabhängigen Mittel- schichten, deren generell höhere Allgemeinqualifikationen die Re- zeption verallgemeinerter, strategischer Überlegungen erleich- tert. Anstöße gehen aber auch in diesen Gruppen von Partialkon- flikten aus (Ökologie, Arbeitslosigkeit, Enthumanisierung, Ent- fremdung), deren gesellschaftliche Ursachen analysiert werden. Und drittens werden sie vor allem von aktiven ehren- und haupt- amtlichen Funktionären der Gewerkschaftsbewegung auf allen Ebenen aufgenommen, die gleichermaßen über die erfahrbaren Grenzen ihrer Alltagsarbeit wie über die ideologischen Traditionen der Arbei- terbewegung dafür offen sind. Zwischen alltäglichen Schutzbedürfnissen und gesellschaftsverän- dernden Alternativen liegen M i t b e s t i m m u n g s- u n d K o n t r o l l f o r d e r u n g e n im Schnittpunkt gewerk- schaftlicher, demokratischer, aber auch sozialistischer Wertori- entierungen. Mitbestimmungsrechte können im betrieblichen Alltag und in den privatkapitalistischen und staatlichen Entscheidungs- prozessen die sozialen Interessen in rasch wechselnden Problem- komplexen sichern helfen, denn Tarifverträge greifen meist zu spät. Gegen Ende der 60er Jahre wurden Mitbestimmungsrechte und die Demokratisierung in nahezu allen Gesellschaftsbereichen gefordert. 41) Die gewerkschaftliche Bewegung für ein neues Mit- bestimmungsgesetz, die auf die SPD und den parlamentarischen Pro- zeß fixiert wurde, blieb im Kern begrenzt auf gewerkschaftliche Aktivisten. Die umfassenden Mobilisierungsmöglichkeiten der Ge- werkschaften in der Abwehr von Plänen zur Liquidierung der Montanmitbestimmung im Mannesmann-Konzern beweisen dennoch die breite Verankerung der Mitbestimmungsforderung. Allein am 29./30. Juli 1980 legten dafür 50 000 Arbeiter spontan die Arbeit in zahlreichen Betrieben der Stahlindustrie nieder. 42) Auch zahlreiche neue Befragungen belegen die ungebrochene - oder neu belebte? - Bedeutung der sozialen Bedürfnisse nach Mitbestim- mung über die Herrschafts i n h a l t e (betriebliche und staatliche Planung über das Was, Wie, Für wen der Produktion) und der Herrschafts f o r m e n (Demokratisierung der Entschei- dungsstrukturen: Offenlegung, Kontrolle, Beteiligung). Unter den gewerkschaftlichen Aktivisten und Funktionären wie unter den höherqualifizierten Lohnabhängigengruppen ergeben sich über- durchschnittlich hohe Prioritäten für die gewerkschaftlichen Mitbestimmungsforderungen, verglichen mit anderen Forderungskom- plexen. 43) Die praktische Erfahrung der unzulänglichen Mitbestimmungskompe- tenzen nach dem Mitbestimmungsgesetz von 1976 verwies die Gewerk- schaften auf die originäre Entfaltung von Gegenmacht durch Orga- nisations- und Kampfkraft zurück. 44) Die Konfliktverläufe beleb- ten aber auch die innergewerkschaftlichen "Mitbestimmungsfor- derungen" (Kontrolle gewerkschaftlicher Mandatsträger in Mitbestimmungsinstitutionen, innergewerkschaftliche Demokratie). 3. Organisationsentwicklung und politische Prozesse --------------------------------------------------- in der gewerkschaftlichen Organisation -------------------------------------- Wie intensiv die sozialen Bedürfnisse von Lohnabhängigen subjek- tiv ausgeprägt sind, die Arbeits- und Lebensbedingungen der eige- nen Kontrolle zu unterwerfen und dabei die Entwicklungsschranken der kapitalistischen Vergesellschaftung in Frage zu stellen, ist auch an der gewerkschaftlichen Organisationsentwicklung ablesbar. Mitgliedschaft in den Gewerkschaften, die Übernahme von gewerk- schaftlichen und betrieblichen Interessenvertretungstätigkeiten und -funktionen sowie das politische Verhalten innerhalb der Or- ganisation können als Indikatoren für die kollektive Handlungsbe- reitschaft gelten. In einzelnen Gewerkschaftsbereichen sind zwar die Mitgliedschaft und die Vertrauensleute- und Betriebsrätewah- len als selbstverständliche, traditionelle Routinevorgänge in die politische Alltagskultur eingegangen und werden vom einzelnen nicht in bewußter Reflexion unmittelbarer oder perspektivischer Konflikte, seiner konkreten Bedürfnisse, Ziele und ihrer Durch- setzungschancen vollzogen. Aber im allgemeinen müssen doch immer wieder gesellschaftliche Widersprüche die Bedürfnisintensität für eine gewerkschaftliche Organisierung steigern und die Gewerk- schaften periodisch ihre Interessenvertretungskompetenzen unter Beweis stellen, wenn sie nicht einem schnellen oder langsamen (über Fluktuation und Generationswechsel vermittelten) Erosions- prozeß ihres Mitgliederstamms und Organisationsgrades unterliegen wollen. Zudem sind auch geringer motivierte Mitglieder und Funktionäre in den politischen Sozialisationsprozeß der gewerkschaftlichen Orga- nisation einbezogen, der über die intensivere Teilhabe an be- trieblichen und gesellschaftlichen Konflikten und die organisati- onsinternen Prozesse (Tätigkeiten, Bildungsarbeit, Versammlungen) vermittelt ist, und in dem die noch diffusen Bedürfnisse auf ge- werkschaftliche Ziele hin strukturiert werden. Schließlich ist die gewerkschaftliche Organisierung und Tätigkeit nach wie vor eine mit vielfachen beruflichen, sozialen und politischen Diskri- minierungen verknüpfte Entscheidung geblieben, die deshalb vor allem in gewerkschaftlich gering erschlossenen Sektoren weiterhin als Indiz bewußter Entscheidung für gewerkschaftlich artikulierte Bedürfnisse gelten kann. 45) Insofern spiegeln sich in der Orga- nisationsentwicklung deutlich die schon in den sozialen Kämpfen erkennbaren Trends. 3.1 Organisationsentwicklung ---------------------------- Die Mitgliederzahl in den DGB-Gewerkschaften stieg von 5,4 Mil- lionen 1950 auf 7,9 Millionen Mitglieder 1981, genau um 46 Pro- zent. Erst mit dem Wiederaufbrechen der sozialen Widersprüche, Konflikte und Kämpfe seit 1969/70 hat sich der Organisationsgrad wieder dem Niveau der 50er Jahre angenähert. Die Schere zwischen einer Bejahung der Gewerkschaften und dem realen Organisations- verhalten hat sich in dem Maße geschlossen, wie die Notwendigkeit kollektiver Strategien zur Verbesserung und Verteidigung der in- dividuellen und kollektiven Reproduktionsbedingungen den Lohnab- hängigen bewußt wurde. Zentren der gewerkschaftlichen Organisa- tion bleiben die industriellen Arbeiter in Großbetrieben. Die höchsten Zuwachsraten haben indes die Angestellten und die Frauen. Der Angestelltenanteil im DGB wuchs von 16,8 Prozent 1973 auf 21,4 Prozent 1981, der Frauenanteil von 16,5 Prozent auf 20,7 Prozent. Zwischen 1979 und 1981 verzeichneten nur noch die Frauen und Angestellten einen starken Mitgliederzuwachs um 7,1 bzw. 5,8 Prozent, während der Zuwachs bei den männlichen Mitgliedern ins- gesamt lediglich 0,6 Promille betrug. Diese Ergebnisse wurden trotz rückläufiger Lohnabhängigenzahlen erzielt. Das wurde nicht zuletzt durch eine Intensivierung der Organisationsarbeit möglich, die sich in der Ausweitung der als Vertrauensleute und Betriebsräte agierenden Gewerkschaftsmitglie- der ausdrückt. Mit der Zunahme sozialer und betrieblicher Kon- flikte wuchsen die Bereitschaft und der Zwang zu gewerkschaftli- chem Engagement für die Lohnabhängigen und die Notwendigkeit für die Gewerkschaften, ihre organisatorische Verankerung betriebs- und basisnäher zu gestalten. In fast allen Gewerkschaften wurde deshalb die Vertrauensleutearbeit in den 70er Jahren ausgeweitet; häufig wurden Vertrauenskörper oder gewerkschaftliche Betriebs- gruppen überhaupt erst langsam aufgebaut. Exemplarisch zeigt die Entwicklung der IG Metall diesen Intensivierungsprozeß: 46) Tab.: Wahlformen der IG-Metall-Vertrauensleute im Bundesgebiet A B C D Gesamt 1967 43 132 20 510 27 992 5 531 88 000 % 49 23,3 31,8 6,3 - 1979 100 507 11 352 - 7 239 119 098 % 84,3 9,5 - 6,0 - _____ A: im Wirkungsbereich im Betrieb gewählt B: in der Mitgliederversammlung gewählt C: von IGM-Mitgliedern im Betriebsrat ernannt D: von der Ortsverwaltung berufen Wurden 1967 nur 49 Prozent der Vertrauensleute im Betrieb ge- wählt, so waren es 1979 84 Prozent. Daß diese betriebs- und ba- sisnähere Gestaltung der gewerkschaftlichen Organisation nicht als passiver, von oben administrierter bürokratischer Vorgang be- griffen werden kann, zeigten die Konflikte in der IG Chemie um die Ablösung der betrieblichen durch gewählte gewerkschaftliche Vertrauensleute auf dem Gewerkschaftstag 1980 sowie die nach lan- gen Diskussionen in der ÖTV verabschiedeten Richtlinien zur Ver- trauensleutearbeit, die ihre bessere Absicherung in der Organisa- tion ermöglichten. Wie in den Konflikten in der IG Metall um die Kompetenzen der Vertrauensleute in der Satzung reflektiert sich in diesen Auseinandersetzungen das Bedürfnis nach effektiverer betrieblicher Gegenmacht und basisnäheren Handlungskompetenzen. 47) Schätzungen der aktiven Mitglieder von Bürgerinitiativen lagen für 1975/1977 zwischen 60 000 und 170 000 Personen. 48) Das fände zum Beispiel eine Entsprechung in den 151 807 Betriebsratsmit- gliedern in der BRD, die dem DGB angehören und als solche zugleich zahlreiche gewerkschaftliche Funktionen bekleiden. Al- lein in der IG Metall sind zu 56873 gewählten Betriebsratsmit- gliedern 1978 noch einmal 88901 (ohne Überschneidungen) 1979 ge- wählte Vertrauensleute und 5 435 IG-Metall-Jugendvertreter zu zählen. 49) Im Verhältnis zu den eher diskontinuierlich, an kon- kreten Konflikten im Reproduktionssektor orientierten Bürgeri- nitiativen - deren organisatorische Stabilität mit der Konflikt- zunahme und der Bedürfnisentwicklung zunehmen dürfte - sind diese in relativ kontinuierliche Interessenvertretungsarbeit inte- griert. Gerade unter gewerkschaftlichen Funktionsträgern er- schöpft sich die Tätigkeit nicht in der betrieblichen Arbeit, sondern bezieht sich auch auf die übergreifenden gesellschaftli- chen Probleme. Wie Untersuchungen zeigen, repräsentieren solche Aktivisten besonders akzentuiert gewerkschaftliche Wertorientie- rungen und sind überdurchschnittlich mobilisierbar. 50) Ihre Ar- beit selbst drückt zugleich das Bedürfnis nach aktiver Mitwir- kung, Mitbestimmung und Kontrolle - mithin demokratische Orien- tierungen - aus. So wären von ihnen 61 Prozent bestimmt bereit zu "spontanen Versammlungen am Arbeitsplatz" (gegenüber 45 Prozent der Mitglieder). Es verwundert deshalb auch nicht, daß für Ge- werkschaftsmitglieder und Jugendliche übereinstimmend progressi- vere gesellschaftspolitische Einstellungen (gegenüber allen Be- fragten, ausgenommen den Themenkomplex Kernkraftwerke) festge- stellt wurden. 51) 3.2 Entwicklung autonomer Handlungsfähigkeit -------------------------------------------- Zugleich bilden die gewerkschaftlich organisierten Betriebsräte plus Vertrauensleute, Betriebsgruppen und Ortsvereine eine Infra- struktur, die in Konfliktsituationen die Mitgliedschaft und in Streiks häufig auch große Teile der unorganisierten Lohnabhängi- gen zu mobilisieren vermag. Die Warnstreikaktionen der IG Metall 1981 mit 3 Millionen Teilnehmern, die 7632 Betriebe in allen Be- zirken erfaßten, zeigt das Potential exemplarisch, denn die Lega- lität dieser Warnstreikaktionen wurde von den Unternehmerverbän- den in Frage gestellt, und den Beteiligten wurden die entspre- chenden Stundenlöhne vom Gehalt abgezogen. 52) In diesen Warnstreikaktionen spielte der organisierende Einfluß der Gewerkschaft zwar eine große Rolle. Gleichwohl setzten sie ein größeres Maß an selbständiger betrieblicher Initiative als ein gewerkschaftsoffizieller Streik voraus. Nach den spontanen Streiks 1969 und 1973 können die Dimensionen der Warnstreikaktio- nen 1981 und die Fähigkeit zu einer solchen Gewerkschaftstaktik zugleich als Beleg für die in den 70er Jahren intensivierte ge- werkschaftliche Basisverankerung über Betriebsräte und Vertrau- enskörper gewertet werden. Dies gilt gleichermaßen für andere Ge- werkschaften, die ihre Infrastruktur nach dem Vorbild der IG Me- tall und der IG Druck und Papier in unterschiedlichem Ausmaß zum Betrieb hin erweitert haben, damit kampffähiger wurden und dies in fast allen Bereichen, mindestens mit größeren Warnstreikaktio- nen während der Tarifrunden - Anfang der 70er Jahre noch nahezu ein Privileg der IG Metall -, dokumentierten. 3.3. Zentren und informelle Strukturen -------------------------------------- Die Integration der Gewerkschaftsführungen in globale wirt- schaftspolitische Strategien des Staates seit Bildung der Konzer- tierten Aktion hatte nicht nur zu starken innergewerkschaftlichen Debatten (z.B. IGM-Gewerkschaftstag 1971) bis zum Austritt 1977 geführt, sondern auch zu den zwei spontanen Streikwellen 1969 und 1973, in denen die sozialpartnerschaftliche Lohnpolitik durch ei- genständiges Handeln korrigiert wurde. Typisch unter organisati- onspolitischen Gesichtspunkten war dabei, daß die Streiks jeweils von gewerkschaftlich hochorganisierten Großbetrieben ausgingen, die über Kampferfahrungen verfügten, deren formelle und infor- melle gewerkschaftliche und betriebliche Führungsgruppen zumeist über klassenorientierte Positionen verfügten und deren Politik sich auf eine starke Legitimation und Mobilisierungsbereitschaft stützen konnte. Erst in einem allgemeinen Streikklima wurden Be- triebe peripherer Regionen in solchen Streikwellen mitgerissen. Selbst in den betrieblichen Streiks gegen den CDU/CSU-Versuch, die Bundesregierung zu stürzen, wurde 1972 die relativ konstante Struktur initiierender Betriebe und Belegschaften sichtbar, die quasi als Zentren der Bewegung fungieren. Auch innerhalb der ge- schlossenen Strukturen des Stahlarbeiterstreiks 1978/79 reprodu- zierte sich in konkreten politischen Initiativen, in der Intensi- tät der Streikbeteiligung und der Entwicklung kultureller Formen des Streiks die informelle Führungsrolle der Belegschaften und Funktionäre solcher Betriebe und Unternehmen wie Hoesch, Mannes- mann, Klöckner. 53) Eine besonders zugespitzte Konfliktsituation und die Handlungsbe- reitschaft und -fähigkeit der jeweiligen gewerkschaftlichen Orga- nisation ließen z.B. die IG Druck und Papier und die IG Metall Baden-Württembergs zu Zentren des Kampfes gegen die Rationalisie- rungsfolgen 1978, die IG Metall Hamburgs, des Saarlands und des Ruhrgebiets zu Zentren betrieblicher und tariflicher Kämpfe gegen die Arbeitslosigkeit zwischen 1975 und 1979 werden. 54) Solche im DGB kaum koordinierten informellen Strukturen traten quer zu zentralen sozialpartnerschaftlichen Orientierungen in den DGB-Gewerkschaften in Aktion, wenn diese - zumeist wegen ihrer Integration in staatliche Strategien, ihrer Bindung an die SPD oder wegen ihrer Affinität zu passiven, konservativen Tendenzen in der Organisation und Mitgliedschaft - unbeweglich und starr wurden oder gar Aktionen und Initiativen ausdrücklich blockier- ten. Dies galt gegen Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre vor al- lem für die Blockierung größerer Widerstandsaktionen gegen den staatlichen Sozialabbau, die gewerkschaftliche Beteiligung an der Friedensbewegung und für die abweisende Haltung gegen die Ökolo- gie-, Alternativ- und Jugendbewegung (Startbahn-West-Initiativen, Hausbesetzerbewegung etc.). Exemplarisch entwickelte sich in der Friedensbewegung - dies gilt in unterschiedlichen Größenordnungen auch für andere Konflikt- felder wie Berufsverbote oder ökologische Themen - die Beteili- gung von Gewerkschaftern oder örtlichen und regionalen Gliederun- gen über ihre Integration in lokale Friedensinitiativen und Foren oder über ihre Zustimmung und Unterstützung zu Aktionen der Frie- densbewegung. Auch hier dominierten einerseits Kräfte mit klas- senorientierten Positionen aus den betrieblichen und regionalen Zentren der industriellen Arbeiterklasse (IG Metall, IG Druck und Papier) und andererseits, um Teile der ÖTV, GEW, Gewerkschaft Kunst und HBV gruppiert, Kräfte aus den neuen Sektoren der Arbei- terklasse und der lohnabhängigen Mittelschichten. Vor allem über die letztere Gruppe vermittelt, die zusammen mit Jugendlichen aus dem Ausbildungssektor zugleich sozialstrukturell in den Bürgerinitiativen überrepräsentiert ist, entwickelten sich kommunikative und organisatorische Durchdringungsprozesse zwi- schen Gewerkschaftsbewegung und anderen sozialen Bewegungen. In dieser Konstellation muß man von einem neuen Moment gegenüber der Zusammenarbeit von Außerparlamentarischer Opposition (APO) und Gewerkschaften gegen Ende der 60er Jahre sprechen, die vor allem eine zwischen demokratischer Intellektuellenbewegung und klassen- bewußten Teilen der i n d u s t r i e l l e n Arbeiterklasse war. Zu dieser Zeit fehlten noch weitgehend die zu großen Teilen durch die Studentenbewegung politisierten neuen, höherqualifi- zierten Gruppierungen der Lohnabhängigen, die sich entlang ihrer Klassenlage und betrieblicher wie gesellschaftlicher Konflikte gewerkschaftlich orientierten und organisierten und partiell Scharnierfunktionen zwischen beiden Bewegungen ausüben. Die kommunikativen und organisatorischen Durchdringungsprozesse verlaufen aber auch in umgekehrter Richtung. Repräsentanten die- ser neuen Sektoren der Lohnabhängigen unterstützten in den 70er Jahren die sozialen Kämpfe der industriellen Arbeiterklasse in mehrfacher Hinsicht: - Bei betrieblichen Abwehrkämpfen gegen Arbeitsplatzvernichtung bildeten besonders Vertreter dieser Sektoren (bis hin zu Pfar- rern) Bürgerinitiativen zur Unterstützung, die z. T. über die ma- terielle und organisatorische Hilfe hinaus eine dynamisierende politische Komponente in diesen Kämpfen darstellten. 55) - Sie nutzten ihre spezifischen intellektuellen Fähigkeiten zur Unterstützung der Arbeiterklasse. Dies reichte von der Unterstüt- zung durch Künstler über die Hilfe von Naturwissenschaftlern, Technikern und Medizinern zur kritischen Überprüfung von Arbeits- bedingungen, Rationalisierungsfolgen, kritischen Bilanzanalysen bis hin zur Hilfe bei der Ausarbeitung alternativer Produktions- formen. Diese Hilfen waren z. T. gesamtgesellschaftlich orien- tiert, vielfach aber auch konkret auf örtliche und betriebliche Konflikte bezogen. Die gewerkschaftliche Organisierung relevanter Minoritäten in den neuen Sektoren ist kein im Alltag routinisierter Vorgang und des- halb für die Beteiligten mit einer intensiveren Auseinanderset- zung und Aneignung gewerkschaftlicher Wertorientierungen verbun- den. So gehen von diesen Kräften häufig kritische Impulse zur Formulierung klassenorientierter Positionen und zur Aufnahme neuer sozialer Bedürfnisse in die gewerkschaftlichen Aktivitäten aus. Ansatzweise traten regional und betrieblich hochkonzen- trierte Bereiche, wie z. B. Stadtverwaltungen in Ballungsgebieten (Ruhrgebiet), Universitäten, Funkhäuser oder Berufsgruppen wie Lehrer, Kindergärtnerinnen, Wissenschaftler, Sozialarbeiter, als initiierende Kräfte oder orientierende "Zentren" hervor. Im Un- terschied zu den Zentren innerhalb der industriellen Arbeiter- klasse haben sich hier noch keine stabilen Strukturen aufgetan. Die neuen Wertorientierungen wurden für die aktive Gewerkschafts- mitgliedschaft durch die Wiederbelebung einer eigenständigen Kul- turarbeit stabilisiert. Nach der Zerstörung der Arbeiterkultur durch Faschismus und Amerikanisierung und der Degradierung selbst der traditionellen 1.-Mai-Feiern zu geschlossenen Festveranstal- tungen brachten auch hier die 70er Jahre eine Trendwende. Der 1. Mai als Kampftag mit Straßendemonstrationen, Kundgebungen und Kulturfesten wurde - in vielen Städten neben dem DGB von autono- men 1.-Mai-Komitees initiiert, die von Gruppen der außerparlamen- tarischen Opposition, der Gewerkschaftsjugend und einzelnen Ge- werkschaftsgliederungen getragen wurden - wieder selbstverständ- licher Bestandteil gewerkschaftlicher Arbeit. Die Reaktivierung des Internationalen Frauentags am 8. März und des Internationalen Antikriegstags - ebenfalls zu Beginn von DGB-Führungsorganen blockiert - wurden von aktiven Gewerkschafterinnen der IG Metall und IG Druck und von der Gewerkschaftsjugend betrieben. Der Aufbau von Kulturarbeitskreisen, Song-, Theater-, Kabarett-, Film- und Videogruppen sowie Gewerkschaftschören verdreifachte sich nach DGB-Angaben im Vergleich der Zeiträume 1973 bis 1975 und 1976 bis 1979. 56) Die Ausbildung einer autonomen Identität als Arbeiterbewegung förderte die spätestens seit Mitte der 70er Jahre expandierende Geschichtsaufarbeitung, -aneignung und -diskussion in den Gewerk- schaften, die sich zunehmend der örtlichen und regionalen Ge- schichte zuwandte und zum Teil von Gewerkschaftern selbst mitge- tragen wurde. Identität, Kontinuität und Zusammenhang der Gewerk- schaftsbewegung stellen auch die nahezu selbstverständlich gewor- denen Dokumentationen, Fotoausstellungen, Filme und Analysen über aktuelle zentrale wie örtliche und betriebliche Aktionen und so- ziale Kämpfe her, die von den Gewerkschaften - oft auch den ein- zelnen Verwaltungsstellen in Zusammenarbeit mit entsprechenden Wissenschaftlern und Kulturarbeitern - herausgegeben werden. Viele Impulse der demokratischen und alternativen Kulturarbeit - von Kulturveranstaltungen, phantasievollen Aktionsformen, Aus- stellungen, Filmarbeit bis hin zu alternativen kommunalen Medien - drangen sukzessive in die Gewerkschaftsarbeit ein und zeigen keimhaft die Konturen einer neuen Kultur der Lohnabhängigen, die Momente der alten Arbeiterkultur in sich aufnimmt. Sie dringen aber erst äußerst sporadisch strukturierend in das Alltagsleben der Lohnabhängigen ein. 3.4 Bedürfnisse nach innergewerkschaftlicher Demokratie ------------------------------------------------------- In der gewerkschaftlichen Organisation selbst gehen kritische Im- pulse zur deutlicheren Formulierung klassenautonomer, aktionsbe- zogener Positionen wie zur Aufnahme und Durchsetzung neuer sozi- aler Bedürfnisse und Interessen von den beiden skizzierten rup- pierungen aus: von den konflikt- und kampferfahrenen, selbstbe- wußten und klassenorientierten Teilen der industriellen Arbeiter- klasse in einigen betrieblichen und regionalen Zentren der Arbei- terklasse sowie von den gewerkschaftlich organisierten Teilen hö- herqualifizierter Lohnabhängigengruppen. Insgesamt gilt für die gegen Ende der 60er Jahre aktiv gewordene und langsam dominierend werdende Generation von Gewerkschaftern, daß mit der Verlagerung der politischen Sozialisation in die "sekundäre und tertiäre Erziehungsphase" (Schule, Arbeitsplatz, Massenmedien) ihr "Verhältnis zur Gewerkschaft" als der eigenen Organisation zunehmend weniger emotional geprägt ist. "Loyalität", so die Ergebnisse einer Studie des SOFI, "ist nicht mehr selbstverständlich; der Konsens ist stärker auf explizit po- litische Positionen begründet;... Entscheidungen der Gewerk- schaftsorganisationen, ihrer Gremien und Vertreter, wird nicht mehr vorbehaltlos vertraut und zugestimmt...". Gewerkschaftspoli- tik könne nurmehr begrenzt auf einen "Vertrauensbonus" setzen. 57) Neben der praktischen Kritik gewerkschaftlicher Politik in spon- tanen Streiks und dem Engagement in nur partiell tolerierten In- itiativen außerhalb der Gewerkschaften äußerte sich das Bedürfnis nach Mitbestimmung und Demokratisierung auch gegenüber den zu zentralisierten und komplexen Massenorganisationen gewordenen Ge- werkschaften. Kristallisationspunkt der Forderungen nach mehr in- nergewerkschaftlicher Demokratie wurde die Einbeziehung der Mit- glieder in die Aufstellung der Forderungen und den Ablauf der Ta- rifrunden. Am Anfang der 70er Jahre war die Aufstellung der Ta- rifforderungen von großen betrieblichen Diskussionen begleitet, die in betrieblichen, örtlichen und regionalen Forderungen und Forderungskomplexen zusammengefaßt wurden. Im Ergebnis dieser Diskussions- und Partizipationswelle bis 1974/75 wurden auf den Gewerkschaftstagen vielfach Richtlinien zum Tarifprozeß verab- schiedet, die mehr Transparenz und eine effektivere Mitgliederbe- teiligung ermöglichen sollten. Weitere Kristallisationspunkte wurden die Stellung der hauptamt- lichen Funktionäre (Wahl- oder Angestelltenfunktion), der Status der basisnahen Vertrauensleute in der Gesamtorganisation, die Be- stellungsverfahren und Kompetenzen der Tarifkommissionen und der Vorstände sowie die direkten und indirekten Machtkompetenzen der Vorstände auf Gewerkschaftstagen, die auf dem Gewerkschaftstag der IG Metall 1977 kritisiert wurden und zur Änderung der Ge- schäftsordnung führten. Der Ablauf der Antragsberatungen wurde zugunsten kritischer Abänderungsanträge erleichtert und damit de- mokratisiert. Die Auseinandersetzungen um das Verhältnis von innergewerkschaft- licher Demokratie und Zentralisierung durchzogen die 70er Jahre. An einer ungestörten Verfolgung ihrer selektiven korporativen Strategien interessierte sozialpartnerschaftliche Kräfte sperrten sich gegen eine intensivere politische Koordinierung der gewerk- schaftlichen Tarifpolitik. Gleichzeitig drängten sie zum Teil auf die Zentralisierung von Entscheidungskompetenzen in anderen Fra- gen, um kritische und klassenorientierte Impulse der Gewerk- schaftsbasis besser kontrollieren und beherrschen zu können. Sol- che "Zentralisierung" wurde von den klassenautonomen Kräften, die für eine stärkere politische Koordinierung eintraten, abgelehnt. Sie engagierten sich gleichzeitig für die Stärkung der autonomen Kompetenzen gewerkschaftlicher Basisorgane. Klassenorientierte Kräfte aus den neuen Sektoren der Lohnabhängigen hingegen lehnten vielfach von basissyndikalistischen Positionen aus "politische" Zentralisierungselemente generell ab. So entstanden in Abstimmun- gen um vordergründig formale Satzungs- und Kompetenzregelungen vielfach quer zu den politischen Fronten verlaufende Diskussions- und Abstimmungsprozesse. Das soziale Bedürfnis des neuen Typus gewerkschaftlicher Aktivi- sten nach Persönlichkeitsentfaltung auch innerhalb der gewerk- schaftlichen Organisation, nach transparenten und demokratischen Strukturen hat deutliche Konturen angenommen. Der Neue-Heimat- Skandal, der über den unmittelbaren Anlaß hinaus offenbarte, wie- weit sich eine Bürokratie durch Einkommen, Lebensweise und -milieu von ihrer Basis entfernen kann, belebte die Diskussion um innergewerkschaftliche Reformen zusätzlich. 4. Brüche, Probleme und Politikbedarf ------------------------------------- Die Ausbildung neuer Momente in der gewerkschaftlichen Politik wurde global betrachtet, um ihr Gesamtpotential zu erfassen. Zwei wichtige Tendenzen sind zu resümieren: In relevanten Teilen der industriellen Arbeiterklasse wie auch in den neuen Sektoren der Lohnabhängigen hat sich in den 70er Jahren eine g e w e r k- s c h a f t l i c h e W e r t o r i e n t i e r u n g ausgewei- tet und vertieft. Sie war teilweise mit der Ausprägung neuer sozialer Bedürfnisse sowie der Verbreitung d e m o k r a t i- s c h e r W e r t o r i e n t i e r u n g e n verbunden. Ein realistisches Bild gewerkschaftlicher Wirklichkeit erfordert indes gleichzeitig die R e l a t i v i e r u n g dieser neuen Momente vor dem Hintergrund der G e s a m t e n t w i c k- l u n g der Arbeiterklasse und der Gewerkschaften wie die Einbeziehung der B r ü c h e in diesem Entwicklungsprozeß: Die Reaktivierung klassenorientierter autonomer Positionen und die Aufnahme neuer sozialer Bedürfnisse konnten sich nur in eini- gen Sektoren als Mehrheitsposition etablieren (Einzelgewerk- schaften, regionale Gliederungen, Großbetriebe). Sie verblieben insgesamt gegenüber den traditionellen Inhalten und Politikformen der sozialpartnerschaftlich-kooperativen Strömung in einer Minderheitsposition. Die neuen sozialen Bedürfnisse wurden zumeist außerhalb der Ge- werkschaften in verschiedenen sozialen Bewegungen, z.T. in Di- stanz, z.T. sogar in politischer und organisatorischer Konkurrenz zu den Gewerkschaften, in klassenindifferenten reformerischen Konzeptionen formuliert. Da sich ihre Kritik auch auf klassenau- tonome Positionen richtete und klassenorientierte Gewerkschafter ihrerseits mit einer mangelnden Sensibilität für solche neuen so- zialen Bedürfnisse reagierten, wurden gegenseitige Lernprozesse blockiert und zeitweilig eine Kooperation bei der Entwicklung und Durchsetzung klassenautonomer Positionen gegenüber der dominie- renden sozialpartnerschaftlichen Strömung erschwert. Mit der ökonomischen Krise 1974/75, der anhaltend depressiven Entwicklung, der "Modernisierungs"strategie des bundesdeutschen Finanzkapitals und ihren sozialökonomischen Konsequenzen und vor allem mit der strukturellen Massenarbeitslosigkeit aktualisierten sich in der Arbeiterklasse angesichts ihrer unterschiedlichen Krisenbetroffenheit die Konkurrenz-, Segmentierungs- und Fraktio- nierungsprozesse. Erfolgreich wurde daran gegen Ende der 70er Jahre von sozialdemokratischer Seite angeknüpft. Einerseits wurde mit Verweis auf die günstige bundesdeutsche Weltmarktstellung ein neuer nationaler Basiskonsens entworfen (Modell Deutschland), 58) andererseits wurden wichtige Fraktionen der Arbeiterklasse in se- lektive korporative Strategien der Interessenvertretung einbezo- gen. Gleichzeitig konnten in dem Maße, wie die Krisenentwicklung die materiellen und politischen Ressourcen dieser sozialdemokra- tischen Strategie verringerte, konservative Politikstrategien seit 1974/75 erfolgreich nationalistische und antigewerkschaftli- che Vorurteile sowie reaktionäre Züge antibürokratischer Stimmun- gen in den weniger qualifizierten und von der Krise stärker be- troffenen lohnabhängigen Schichten (in häufig strukturschwachen ländlichen Gegenden, bei stärkerer Konkurrenz mit Ausländern um Arbeitsplätze) aktivieren sowie ständische Interessenstrukturen und Bewußtseinsformen und die Vergesellschaftungsängste qualifi- zierter und sozial besser abgesicherter Angestellten- und Beam- tengruppen mobilisieren. 59) Wie 1969 die Septemberstreiks, so ermöglichte auch 1978/79 die massive Welle gewerkschaftlicher Kämpfe und die breite öffentli- che Thematisierung sozialer Probleme (Rationalisierung, neue Technik, Arbeitslosigkeit, Arbeitszeitverkürzung) zeitweilig eine Trendwende im politischen Klima und in den politischen Kräftever- hältnissen innerhalb der Arbeiterklasse, der Gewerkschaften und partiell der Gesamtgesellschaft. Doch die Konstituierung einer einheitlichen kollektiven Gegenstrategie, die neue soziale Be- dürfnisse klassenbezogen aufgreift, wurde durch den temporär und partiell bleibenden Charakter der einzelnen Kämpfe und Konflikte erschwert. Die alternativen Strategieansätze blieben zersplit- tert. Die spontanen Streiks 1973 und der Stahlarbeiterstreik 1978/79 wurden z.T. sozialpsychologisch als Niederlagen verarbei- tet und waren von Resignationstendenzen bei gewerkschaftlichen Aktivisten begleitet. 60) Die betriebliche politische Repression gegen klassenorientierte Kräfte nach den Streiks 1973 - Entlassungen von Streikführern und massenhafte Nichtübernahme von Jugendvertretern -, die Berufsver- botepraxis im öffentlichen Dienst seit 1972 und die Arbeitslosig- keit verstärkten solche Resignationstendenzen und unterbrachen jeweils zeitweilig (1974"76; nach 1979) die Ausbildung der neuen Momente gewerkschaftlicher Politik. Administrative, organisatorische und ideologische Gegenstrategien der sozialpartnerschaftlichen Kräfte in den Gewerkschaften bloc- kierten den Formierungsprozeß klassenautonomer Positionen zusätz- lich, u. a. durch die Personalpolitik, Unvereinbarkeitsbeschlüsse und Verhaltensrichtlinien für Funktionäre sowie durch die inner- gewerkschaftliche Aufnahme der von den Kapitalverbänden lancier- ten Vorwürfe "kommunistischer Unterwanderung". Trotz der sozialpartnerschaftlichen Hegemonie innerhalb der Ar- beiterbewegung und der restaurativen und konservativen Brüche verbleibt eine - im Vergleich zur relativ homogenen restaurativen Rechtsentwicklung der Arbeiterbewegung im Klima des Kalten Kriegs und der ökonomischen Prosperität - widersprüchliche, offene, meh- rere Entwicklungsvarianten ermöglichende Situation. Die skiz- zierte Substanz der gewerkschaftspolitisch a k t i v e n Mit- gliedschaft, gerade in den jüngeren Generationen der Arbeiter- klasse und unter ihren neuen Sektoren, wie die Resonanz gewerk- schaftlicher und demokratischer Wertorientierungen unter allen Lohnabhängigen konnten sich bislang nur unzureichend entfalten. Es fehlte an gewerkschaftlicher Führungstätigkeit im Sinne einer verallgemeinernden und politischen Zusammenfassung und Orientie- rung durch die O r g a n i s a t i o n. Dies wurde nur gele- gentlich und in Teilsektoren ausgeglichen durch die mehr infor- melle politische Führungstätigkeit von betrieblichen, regionalen oder einzelgewerkschaftlichen Zentren, die exemplarisch in be- stimmten Problembereichen gewerkschaftliches Gegenmachtpotential aktivierten und ausschöpften. Hier liegt im übrigen die Quelle zahlreicher in der Öffentlichkeit personalisierend als Machtkon- flikte abgetaner Auseinandersetzungen um die gewerkschaftliche Führungsarbeit. Entwürfe für klassenautonome Strategien in nahezu allen gewerk- schaftlichen Handlungskomplexen und für eine entsprechende poli- tische Führungsarbeit liegen in vielfältiger Form im DGB und zahlreichen Einzelgewerkschaften vor und sind z.T. programmatisch verankert. Sie würden auf eine in den siebziger Jahren ausgewei- tete betriebliche Basis (Vertrauenskörper, Betriebsräte, -gruppen) treffen, die reale Arbeitskampferfahrungen akkumuliert hat, den begrenzten Stellenwert nur betrieblicher und lokaler Ge- genmachtentfaltung angesichts der gesamtgesellschaftlichen Kräf- teverhältnisse kennt und deshalb solidarische, kollektive, ge- sellschaftliche Gegenmacht bildende Politikstrategien von den ge- werkschaftlichen Entscheidungsorganen erwartet. Sie treffen auf mindestens vier Problemkomplexe, die Kristallisa- tionspunkte unterschiedlicher Strategien in einem nächsten Kampf- zyklus sein werden und die als Anforderungen gleichzeitig reali- siert werden müssen, wenn gewerkschaftliche Glaubwürdigkeit, Loyalität, Führungsfähigkeit und Gegenmacht erhalten bleiben sol- len. 1. In zahlreichen gesellschaftlichen Widerspruchskomplexen des SMK-Systems (Lohn/Verteilung; Arbeitslosigkeit; Mitbestimmung; Wirtschaftspolitik; soziale Sicherung; Rüstung; Ökologie; gesell- schaftliche Reproduktion) haben sich auf die antagonistischen In- teressen zwischen Kapital und Arbeit in deutlicheren Konflikten und sozialen Kämpfen ausgedrückt. Die zentralisierte politische Durchsetzung der finanzkapitalistischen Strategien durch den Staatsapparat, die politischen Parteien, Unternehmerverbände und Großkonzerne, die in vielen Gesellschaftsfaktoren erfahrbar wur- den, stellt tendenziell auch relative Erfolge sozialpartner- schaftlicher Politik der Gewerkschaften in Frage. Neben ihr wächst deshalb - trotz zahlloser Blockierungs- und Verdrängungs- versuche - die Offenheit für eine klassenautonome, koordinierte Führungsarbeit, die auf solidarische, kollektive Massenaktionen orientiert. 2. Eine klassenautonome Politik kann gegenwärtig n i c h t a l l e i n im Rückgriff auf klassische Forderungen der soziali- stischen Arbeiterbewegung (Recht auf Arbeit, Arbeitszeitverkür- zung, Lohnpolitik, Mitbestimmung, Nationalisierung) entwickelt werden. Sie muß die heterogene Vielfalt der Problembereiche auf- nehmen, gleichwohl Schwerpunkte setzen und die Prioritäten wie die Struktur der Forderungen so gestalten, daß auch die neuen so- zialen Bedürfnisse in ihnen zur Geltung kommen. Die Diskussion darüber steht in den Gewerkschaften wie in der sozialistischen Arbeiterbewegung noch am Anfang. 3. Die neuen sozialen Bedürfnisse müssen auch in der Organisation der gewerkschaftspolitischen Alltagspraxis zum Tragen kommen. Die gleichberechtigte Integration von Frauen und Ausländern, transpa- rente und kommunikative Strukturen, die eine aktive Beteiligung erlauben, die Entfaltung kultureller Aktivitäten erfordern eine bewußte Organisation der Alltagspraxis, in der sich die individu- ellen und kollektiven Bedürfnisse nach Persönlichkeitsentfaltung, Formung solidarischer Beziehungen, Selbstbetätigung im Kontrast zu den unterdrückenden, entfremdenden und ausbeutenden kapitali- stischen Alltagsstrukturen entwickeln können. Dies schließt in- nergewerkschaftliche Demokratie ein sowie die Kritik an Tendenzen zu selektiver Interessenvertretung, zur Unterrepräsentation ein- zelner Gruppen, an der Bürokratisierung, Formalisierung und Ri- tualisierung gewerkschaftlicher Alltagsarbeit. 4. Gewerkschaftliche Führungsarbeit muß dem Niveau der Anforde- rungen gerecht werden, das ein neuer sozialpychologischer Typus von Lohnabhängigen in den 70er Jahren in die Gewerkschaftsbewe- gung eingebracht hat. Mit einer höheren Allgemeinbildung und Qua- lifikation versehen und durch Verhaltensweisen aus vorwiegend nichtindustriellen Arbeitsbereichen geprägt, ist er in überdurch- schnittlichem Maße Träger neuer sozialer Bedürfnisse. Seine mino- ritäre Position als Gewerkschaftsmitglied in seinem Arbeitsbe- reich (wie auch in den meisten Einzelgewerkschaften) wird durch überdurchschnittliche Aktivität und gewerkschaftspolitische Kon- sequenz und Radikalität ausgeglichen. So bilden jüngere Teile der Lohnabhängigen, Frauen und Angestellte nicht allein das wichtig- ste organisationspolitische Zuwachspotential für die DGB-Gewerk- schaften, sondern sie können über ihre gleichzeitig überdurch- schnittliche Repräsentanz in Bürgerinitiativen, Elterninitiativen und vielen anderen sozialen Bewegungen eine wichtige Scharnier- funktion zwischen den Gewerkschaften und anderen sozialen Bewe- gungen erfüllen. Das setzt die Durchsetzung einer gewerkschafts- politischen Linie voraus, die diese Gruppen innerhalb der Organi- sation nicht aufgrund ihrer kritischeren Haltung zu vielen Pro- blemen blockiert oder ausgrenzt (z. B. bei innergewerkschaftli- chen Konflikten oder Betriebsratswahlen) und darüber hinaus - wo möglich und sinnvoll - eine offene und solidarische Zusammenar- beit mit anderen sozialen Bewegungen und Initiativen, die lokal und regional häufig eine mobilisierende Rolle spielen, fördert. Dies um so mehr, als sich langsam auch das sozialpsychologische Profil der aktiven gewerkschaftlichen Kerne in den Sektoren der industriellen Arbeiterklasse in dieser Richtung entwickelt, wie eine sorgfältige Auswertung z.B. der Betriebsratswahlen zeigen würde. _____ 1) Vgl. Wolfgang Streeck, Gewerkschaftliche Organisationsprobleme in der sozialstaatlichen Demokratie, Königstein/Ts. 1981; W. Mül- ler-Jentsch, Vom gewerkschaftlichen Doppelcharakter und seiner theoretischen Auflösung im Neokorporatismus, in: Leviathan. Son- derheft 4/1981, S. 222 ff.; Literaturübersicht und Kritik bei G. Kautsch, Integrationismus und "Korporatismus". Überlegungen zur Einbindung von Gewerkschaften in das staatsmonopolistische Herr- schaftssystem, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 4, Frankfurt/M. 1981, S. 222 ff.; Müller-J. verweist zu Recht auf die Affinität des Trendwechsels in den wissenschaftlichen Frage- stellungen (Revolutionäres Potential der Gewerkschaften/Stabi- litätsfunktionen) zu den politischen Zyklen. Vgl. dazu auch die Beiträge von M. Groser/B. Keller, W. Streeck und W. Müller- Jentsch auf dem 19. Soziologentag 1979 (in: J. Matthes (Hg.), Sozialer Wandel in Westeuropa, Frankfurt/M. 1979), die die verän- derte Perspektive deutlich dokumentieren. 2) Lenin, Werke Bd. 7, S. 32. 3) Ronald Inglehart, Wertwandel in den westlichen Gesellschaften. Politische Konsequenzen von materialistischen und postmateriali- stischen Prioritäten, in: H. Klages/P. Kmieciak (Hg.), Wertwandel und gesellschaftlicher Wandel, Frankfurt/M., New York 1979, S. 279 ff.; vgl. K. O. Hondrich, Menschliche Bedürfnisse und soziale Steuerung, Reinbek 1975, S. 27 ff; zur Kritik der sich auf A. H. Maslow stützenden Bedürfnishierarchisierung vgl. A.N. Leontjew, Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit, Berlin (West) 1979. 4) Samuel H. Barnes, Max Kaase et al, Political Action. Mass Par- ticipation in Five Western Democracies, London/Beverly Hills 1979. 5) Vgl. dazu G.G. Diligenski, Sozialpsychologie und Klassenbe- wußtsein der Arbeiterklasse im heutigen Kapitalismus, Reihe "Theorie und Methode", hgg. v. IMSF, Frankfurt/M. 1978, S. 45 ff.; U. Holzkamp-Osterkamp, Grundlagen der psychologischen Moti- vationsforschung 2: Die Besonderheit menschlicher Bedürfnisse, Frankfurt/M. 1976. 6) K. Holzkamp, Gesellschaftlichkeit des Individuums, Köln 1978, S. 212; G. Stiehler, Über den Wert der Individualität im Sozia- lismus, Berlin (DDR) 1978, S. 122/23; G. G. Diligenski, Die Be- dürfnisse der Persönlichkeit und die Gesellschaft, in: Sowjetwis- senschaft 10/1975, S. 1015 ff. 7) Vgl. zur marxistischen Wertediskussion: E. Hahn, Aktuelle phi- losophische Probleme der marxistisch-leninistischen Wertauffas- sung, in: Wertauffassungen im Sozialismus, Berlin (DDR) 1980, S. 12/13: "Wertung ist der Prozeß, in welchem ein Subjekt einen be- stimmten Sachverhalt in Beziehung zu seinen Interessen setzt und eine Entscheidung über sein Verhalten zu diesem Sachverhalt trifft. ... Die Funktion von Wertungen ... besteht primär darin, auf spezifische Weise menschliches Handeln zu motivieren, in eine bestimmte Richtung zu lenken, seine Orientierung zu verallgemei- nern, zu verstärken oder zu verhindern. Nicht zuletzt besteht sie darin, historisch-gesellschaftlich bereits gewonnene Erfahrungen und Erkenntnisse in verallgemeinerter, verkürzter, konzentrier- ter, verdichteter und den Menschen nicht nur rational, sondern allseitig ansprechender, bewegender Form als Handlungsorientie- rung aufzubereiten." 8) D. Klein, Ökonomische Widersprüche im Kapitalismus, Frank- furt/M. 1976, S. 220 ff. 9) Vgl. IMSF (Hg.), Klassen- und Sozialstruktur der BRD 1950- 1970, Teil I-III, Frankfurt/M. 1972/73. 10) F. Stooß, Tendenzen des Wandels beruflicher Strukturen in den siebziger Jahren. Ein Vergleich zwischen prognostizierter und tatsächlicher Entwicklung, in: Mitteilungen des Instituts für Ar- beitsmarkt- und Berufsforschung 3/1980, S. 364/65; E. Hönekopp/H. Ullmann, Auf dem Weg zur Dienstleistungsökonomie, in: ebenda, 2/1980, S. 255 ff.; H. Hofbauer, Statusmobilität in den siebziger Jahren, in: ebenda, 4/1980, S. 521 ff. ders., Berufswege von Er- werbstätigen mit Facharbeiterausbildung, in: ebenda, 2/1981, S. 127 ff.; Bundesminister f. Forschung u. Technik (Hg.), Techni- scher Fortschritt. Auswirkungen auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt. Untersuchung der Prognos AG Basel, Düsseldorf 1980, S. 141 ff. 11) Fred Karl, Die Bürgerinitiativen. Soziale und politische Aspekte einer neuen sozialen Bewegung, Frankfurt/M. 1981, S. 88. 12) R. Bech/R. Faust, Die sogenannten Gastarbeiter. Ausländische Beschäftigte in der BRD, Frankfurt/M. 1981, S. 25 ff. 13) Nach neuesten Vorausberechnungen der Kultusminsterkonferenz wird der Anteil der Abiturienten von 14,6 Prozent (1980) auf 23,1 Prozent (1990) ansteigen, der der Fachhochschulberechtigten zu- sätzlich von 5 auf 6,5 Prozent; vgl. IWD 24/1982, S. 1. 14) Vgl. D. Klein, Ökonomische Widersprüche..., a.a.O.: P. Heß, Kapitalistisches Wachstum zwischen Gleichgewicht und Ungleichge- wicht, in: Sozialistische Politik 3/1969, S. 35 ff.; ders.: Theo- retische und methodologische Probleme der Imperialismusforschung, in: Wirtschaftswissenschaft 2/1974, S. 187. 15) K. Ottomeyer, Ökonomische Zwänge und menschliche Beziehungen. Soziales Verhalten im Kapitalismus, Reinbek 1977. 16) Insofern wurde 1974/75 zu Unrecht und mit der Konsequenz po- litischer Fehler von einer "Normalisierung" des Kapitalismus der Bundesrepublik gesprochen. 17) Diesen Aspekt hat neuerdings wieder hervorgehoben: H.J. Krysmanski, Gesellschaftsstruktur der Bundesrepublik. Soziologi- sche Skizzen zum Zusammenhang von Produktionsweisen, Produktiv- kräften und Produktionsverhältnissen, Köln 1982, S. 14 ff., S. 148 ff. 18) Vgl. K. Dörre/P. Schäfer, In den Straßen steigt das Fieber. Jugend in der BRD, Köln 1982, S. 9 ff. 19) Historisch exemplarisch wurde dies untersucht von Hartmut Zwahr, Zur Konstituierung des Proletariats als Klasse. Struktur- untersuchung über das Leipziger Proletariat während der industri- ellen Revolution, Berlin (DDR) 1978; vgl. F. Deppe, Einheit und Spaltung der Arbeiterklasse, Marburg/L. 1981, S. 39 ff. 20) Vgl. zur historischen Entwicklung ökonomisch-politischer Zen- tren: Atlas zur Geschichte, Bd. l, Gotha/Leipzig 1973, Karten 91 ff.; Bd. 2, Gotha/Leipzig 1975, Karten 16"23; zur Bundesrepublik: Der Fischer Informationsatlas Bundesrepublik Deutschland, Frank- furt/M. 1982, Kap. III, IV, VIII; H. W. Schmollinger/R. Stöss, Bundestagswahlen und soziale Basis politischer Parteien in der Bundesrepublik, in: Prokla 25 und 26 (1976/1977). 21) Wie den einzelnen Phasen der ökonomischen Zyklen spezifische Strategien von Kapital und Arbeit zu eigen sind, entsprechen auch den politischen Zyklen (Revolutions-/Restaurationsperioden) be- stimmte Strategien der Klassenkräfte, Klassenkräfteverhältnisse und sozialpsychologische Tendenzen. 22) Insbesondere m amerikanischen soziologischen Untersuchungen revolutionärer Bewegungen, aber auch der Genesis der Gewerk- schaftsbewegung als sozialer Bewegung wurde schon in den 50er Jahren von einem "Lebenszyklus" sozialer Bewegungen bis zu ihrer Institutionalisierung gesprochen. 23) Vgl. C.W. Witjes, Gewerkschaftliche Führungsgruppen, Berlin (West) 1976; G. Bosch, Wie demokratisch sind die Gewerkschaften? Berlin (West) 1974; R. Kalbitz, Gewerkschaftsausschlüsse in den 50er Jahren, in: O. Jacobi u.a. (Hg.), Kritisches Gewerkschafts- jahrbuch 1977/78, Berlin (West) 1978, S. 159 ff.; R. Erd, Gewerk- schaftsausschlüsse in den 70er Jahren, in: ebenda, S. 166 ff.; S. M. Lipset, Der politische Prozeß in den Gewerkschaften, in: B. Külp/W. Schreiber (Hg.), Arbeitsökonomik, Köln 1972, S. 141 ff. betont die Notwendigkeit, nach Abschluß des Aufbaus neuer Gewerk- schaften den Zeitpunkt nicht zu verpassen, zu dem die hochmoti- vierten radikaleren Aufbaukräfte mindestens an den Rand der Orga- nisation oder herausgedrängt werden müßten; E. Ginzburg, Der Ar- beiterführer, Köln 1952, S. 110, hat die finanziellen Kosten der Liquidierung kommunistischen Einflusses in amerikanischen Gewerk- schaften zusammengestellt, und G. Leber, Vom Frieden, Stuttgart 1977, S. 26 ff., wollte autobiographisch nicht darauf verzichten, sich auch diesbezüglich als amerikanischer Musterschüler zu er- weisen. 24) Zu ihren Grundelementen und ihrer Verankerung in der Program- matik des DGB vgl. F. Deppe, Grundsatzprogramm und gewerkschaft- liche Autonomie, in: G. Arndt u.a., DGB-Programm 81, Frankfurt/M. 1982, S. 36 ff. 25) Dagegen argumentieren vehement S. Barnes/M. Kaase, Political action..., a.a.O., S. 524 f. Vgl. auch: Die Arbeiterbewegung und der Wandel gesellschaftlichen Bewußtseins und Verhaltens. Ein Diskussionspapier der Kommission Grundwerte beim SPD-Parteivor- stand, Bad Godesberg 1982; das Diskussionspapier ist vom deutli- chen Bemühen gekennzeichnet, die sozialen Bedürfnisse in eine durchgängig reformistische Gesamtkonzeption zu integrieren. Den - durchaus erfolgreichen - Versuch, Elemente sozialer Bedürfnisse zu individualisieren und Ansprüche auf Persönlichkeitsentfaltung in den Freizeitsektor bzw. in berufliche Konkurrenzstrategien zu transformieren, unternehmen neokonservative Vordenker. 26) Die besondere h i s t o r i s c h e Verkettung von gesell- schaftlichen Widerspruchskomplexen und ihrer diffusen handlungs- relevanten Thematisierung in den 70er Jahren wird von J. Hirsch, Der Sicherheitsstaat, Frankfurt/M. 1980, S. 147 ff., nicht syste- matisch aufgelöst. Das strukturalistische Moment der Analyse und das sozialpsychologische Milieu der Jahre 1977-79 in der Bundes- republik haben hier gleichermaßen analytische Grenzen gesetzt und den Rekurs auf H. Marcuses "Eindimensionalität" gefördert. 27) Zur Kritik der Einstellungsforschung Th. Leithäuser, Politi- sche Einstellung oder politisches Bewußtsein, in: H. Moser (Hg.), Politische Psychologie. Politik im Spiegel der Sozialwissenschaf- ten, Weinheim/Basel 1979, S. 136 ff.; F. Deppe, Das Bewußtsein der Arbeiter, Köln 1971, S. 197. 28) Die folgende Skizze beruht auf der Auswertung der empirischen Studien, die vor allem vom IMSF, der Sozialforschungsstelle Dort- mund, dem Institut für Sozialforschung Frankfurt/M. und am Fach- bereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Marburg zu einzelnen sozialen Kämpfen oder Gewerkschaftsentwicklungen er- stellt wurden, sowie auf den laufenden Untersuchungen in der vom IMSF herausgegebenen Reihe "Soziale Bewegungen", den "Kritischen Gewerkschaftsjahrbüchern" sowie zahlreichen bezirklichen und ört- lichen Dokumentationen der Gewerkschaften, politischer Gruppen und Parteien, die im folgenden nicht immer ausdrücklich zitiert werden. 29) Einen Überblick gibt K. Steinhaus, Streiks in der Bundesrepu- blik 1966"1974, Frankfurt/M. 1975. 30) Vgl. G. Bauß, Die Studentenbewegung der sechziger Jahre. Handbuch, Köln 1977; Haug/Maessen, Was wollen die Lehrlinge?, Frankfurt/M. 1971; P. Katzer, Zur Gewerkschaftsjugendbewegung - Probleme und Entwicklungen seit Ende der sechziger Jahre, Frank- furt/M. 1977. 31) Gudrun Küsel (Hg.), APO und Gewerkschaften. Von der Koopera- tion zum Bruch, Berlin (West) 1978; G. Bauß, Die Studentenbewe- gung..., a.a.O., S. 108 ff. 32) I. Schöll-Schwinghammer, Frauen im Betrieb. Arbeitsbedingun- gen und Arbeitsbewußtsein, Frankfurt/M. 1979. 33) Vgl. das in Form und Inhalt bemerkenswerte Dokument des Kampfes der Heinze-Frauen, IG Druck und Papier (Hg.), Wir wollen gleiche Löhne - Keiner schiebt uns weg!, Buch mit Schallplatte, Stuttgart (1982). 34) Vgl. M. Abendroth, N. Beckenbach, R. Dombois, Hafenarbeiter- streik 78. Zum Konfliktpotential der Hafenarbeiter, in: Leviathan 2/1978, S. 286 ff.; K. Pickshaus/W. Roßmann, Arbeitskämpfe 1978: Ursachen - Probleme - Perspektiven, in: Sozialistische Politik H. 46 (4/1978), S. 24, 26. 35) IG-Metall-Vorstand (Hg.), Werktage werden besser. Der Kampf um den Lohnrahmentarifvertrag II in Nordwürttemberg/Nordbaden, Frankfurt/M. 1979; H. Kern, Kampf um Arbeitsbedingungen, Frank- furt/M. 1979, S. 121 ff. 36) H. Kern, Kampf um Arbeitsbedingungen, a.a.O., S. 143 ff.; K. Pickshaus/W. Roßmann, Streik und Aussperrung 78, Frankfurt/M. 1978; W. Dzielak, W. Hindrichs, H. Martens, Den Besitzstand si- chern! Der Tarifkonflikt 1978 in der Metallindustrie Baden-Würt- tembergs, Frankfurt/New York 1979. 37) H. Funke, E. Hildebrandt, Ch. Watkinson, Ein neues tarifpoli- tisches Konzept - Interessen der Metaller am Absicherungsvertrag, Ms. Manuskript, 19. Soziologentag, West-Berlin 1979. 38) Vgl. W. Bartels, Energiepolitik und Umweltschutz, in: G. Arndt u.a., a.a.O., S. 158 ff.; K.H. Tjaden, Umweltpolitik in der Sicht der Arbeiterwegung. Schwerpunkte und Perspektiven in den achtziger Jahren, in: Das Argument 133 (Mai/Juni 1982), S. 334 ff. 39) Vgl. die gewerkschaftlichen Kontroversen um die Startbahn West; dazu: "Keine Startbahn West!" - Protestbewegung in einem überlasteten Ballungsraum, Frankfurt/M. 1981, S. 73 ff. 40) J. Huffschmid (Hg.), Für den Frieden produzieren. Alternati- ven zur Kriegsproduktion in der Bundesrepublik, Köln 1981. 41) Triebkräfte und soziale Träger der Mitbestimmungsforderungen am Anfang der 70er Jahre wurden analysiert in: IMSF, Mitbestim- mung als Kampfaufgabe, Köln 1971. 42) Vgl. die Übersicht in: IG-Metall-Vorstand (Hg.), Der Kampf um den Erhalt der Montanmitbestimmung, Düsseldorf o. J., S. 52/53. 43) Infas Report. Informationsbedürfnisse von Mitgliedern und Funktionären der IG Metall, Bonn-Bad Godesberg Dez. 1977/Jan. 1978, Übersicht 13.01 (Vergleich alle Befragten/gewerkschaftliche Funktionäre); Dokumentation. Gewerkschaftsbarometer '81, in: IWD 16/1982, S. 7. 44) Einer neuen Herangehensweise an die Mitbestimmungspolitik entspricht konzeptionell ein neues DGB-Handbuch: WSI (Hg.), Mit- bestimmung in Unternehmen und Betrieben, Köln 1981. 45) Dies entgegen W. Streeck, Gewerkschaften als Mitgliederver- bände. Probleme gewerkschaftlicher Mitgliederrekrutierung, in: J. Bergmann (Hg.), Beiträge zur Soziologie der Gewerkschaften, Frankfurt/M. 1979, S. 72 ff. 46) IG Metall (Hg.), Ergebnisse der Vertrauensleutewahlen 1970 und 1979, Frankfurt/M., jeweils o.J. 47) Redaktionskollektiv "Gewerkschaftstage '80", Zwischen Anpas- sung und Arbeitskampf. Gewerkschaften am Scheideweg, in: O. Ja- cobi u.a. (Hg.), Kritisches Gewerkschaftsjahrbuch 1981/82, Berlin (West) 1981, S. 90 ff.; G. Weiß, Die ÖTV. Politik und gesell- schaftspolitische Konzeptionen der Gewerkschaft ÖTV von 1966 bis 1976, Marburg/L. 1978, S. 38 ff., insb. 43 ff.: K. Koopmann, Ge- werkschaftliche Vertrauensleute, München 1981. 48) Vgl. F. Karl, Bürgerinitiativen..., a.a.O., S. 38 ff. 49) IG Metall (Hg.), Ergebnis der Vertrauensleutewahlen 1979, Frankfurt/M., o.J. 50) Vgl. J. Bergmann/W. Müller-Jentsch, Gewerkschaften in der Bundesrepublik, Bd. 2: Gewerkschaftliche Lohnpolitik im Bewußt- sein der Funktionäre, Frankfurt/M. 1977; Infas Report. Informati- onsbedürfnisse..., a.a.O. 51) So die Ergebnisse von Studien des Bundeskanzleramtes, vgl. konkret 4/1982: "Im Kanzleramt liegt ein vertrauliches Papier mit Ergebnissen aus Umfragen zu Reformplänen und politisch kontrover- sen Themen vor, das belegt, daß Gewerkschafter und Wähler unter 25 Jahren weitgehend übereinstimmende Meinungen teilen" (S. 11). Interessant in diesem Zusammenhang auch das Ergebnis des Gewerk- schaftsbarometers 1981. Während die Gesamtbevölkerung zu 63 Pro- zent die Gewerkschaften für notwendig hielt, waren es bei Jugend- lichen bis 24 Jahren 71 Prozent. Auch bei der Verteilung der Sym- pathiewerte für die Gewerkschaften rangierte die Gruppe der Ju- gendlichen gleich hinter den Gewerkschaftsmitgliedern selbst auf Platz 2; in: IWD 16/1982, S. 6. 52) Vgl. Der Gewerkschafter 11/1981, S. 28. 53) Vgl. IMSF, Die Septemberstreiks 1969, Frankfurt/M. 1969; K. Steinhaus, Streiks..., a.a.O., S. 119 ff.; W. Dzielak u.a., Ar- beitskampf um Arbeitsplätze. Der Tarifkonflikt 1978/79 in der Stahlindustrie, Frankfurt/M. 1981, S. 149 ff. 54) Vgl. W. Roßmann, Gewerkschaftliche Streikbewegungen und Hand- lungsbereitschaft 1978/79, in: K.H. Braun u.a. (Hg.), Kapitali- stische Krise. Arbeiterbewußtsein. Persönlichkeitsentwicklung, Köln 1980, S. 150. 55) Vgl. exemplarisch die Initiative "Stahlwerk jett" in Dortmund im Hoesch-Konflikt; dazu: H. Börner u.a., Neue Beweglichkeit - Neue Impulse. Betriebs- und Tarifkämpfe 1980/81: Hoesch/Dortmund, Post, Metall, Reihe "Soziale Bewegungen", hgg. v. IMSF, Frank- furt/M. 1982, S. 32 ff. 56) Von 223 DGB-Kreisen füllten 179 den Fragebogen aus. 127 DGB- Kreise meldeten kulturelle Aktivitäten. Insgesamt gibt es z.Z. 117 gewerkschaftliche Kulturgruppen im DGB (Die Neue, 12.8.1980). 57) M. Schumann, Entwicklungen des Arbeiterbewußtseins, in: Ge- werkschaftliche Monatshefte 3/1979, S. 157. 58) Vgl. dazu die zahlreichen Beiträge zur "Korporatismus"-Dis- kussion, zur Problematik der Interessenfraktionierung und der Ar- beitsmarktsegmentierung 1980/81 in den Zeitschriften "Soziale Welt", "Gewerkschaftliche Monatshefte", "Prokla" und "Leviathan" u.a. von C. Offe, J. Hoffmann, J. Esser, W. Streeck, W. Dzielak, Ch. Deutschmann, J. Bischoff. 59) Vgl. F. Deppe/W. Roßmann, "Gewerkschaftspluralismus" und "repressive Integration", in: F. Deppe u.a., Strauß und die Ge- werkschaften, Köln 1980, S. 32-86. 60) Vgl. Revier-Redaktion, Streikwinter. Der Stahlarbeiterstreik NRW 1978/79. Eine Dokumentation, Duisburg 1979; Betriebsarbeit und/oder anders leben. Ein Gespräch zwischen Kollegen aus fünf Betrieben, in: O. Jacobi u.a. (Hg.), Kritisches Gewerkschafts- jahrbuch 1981/82, a.a.O., S. 109 ff. zurück