Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982
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ARBEITERKLASSE, SOZIALE BEDÜRFNISSE UND GEWERKSCHAFTLICHE POLITIK
Witich Roßmann
1. Soziale Bedürfnisse und Formen ihrer Durchsetzung - 2. Soziale
Bedürfnisse in den gewerkschaftlichen Kämpfen - 3. Organisations-
entwicklung und politische Prozesse in der gewerkschaftlichen Or-
ganisation - 4. Brüche, Probleme und Politikbedarf
In den letzten Jahren wurden Analysen der Gewerkschaften von der
Frage nach ihrer korporativistischen Integration in das kapitali-
stische System und nach ihren Stabilitätsfunktionen beherrscht.
1) Die initiativreiche, politisch herausfordernde Aktivität
"neuer sozialer Bewegungen" akzentuiert noch im Vergleich die
konservativen, behäbigen und integrationistischen Aspekte gewerk-
schaftlicher Politik. Wer angesichts der Jugendunruhen "das Fie-
ber in den Straßen steigen" sieht, dem erscheinen die Gewerk-
schaften nur mit dem "kalten Wickel" systemintegrierend daneben
oder gar dagegen zu stehen.
Sozialwissenschaftliche Analyse wird sich kaum jemals gänzlich
dem Zeitgeist und seinen aktuellen Trends verschließen können.
Allein die sich expansiv entfaltenden Trendsucher der demoskopi-
schen Forschungsinstitute, deren materielle Reproduktionsgrund-
lage der schnelle Wandel ist, sorgen dafür, daß gegenwärtig kein
noch so temporärer, partieller und häufig instabiler Einstel-
lungswandel empirisch undokumentiert bleibt. Die Trend-Affinität
der literarischen und sozialwissenschaftlichen Intelligenz, zu
deren seismographischer Funktion - nebenbei bemerkt - Lenin trotz
aller politischen Kritik ein ausgesprochen produktives Verhältnis
besaß 2), befördert diese Tendenz.
Gerade in Schnittpunktphasen politischer Zyklen muß sich deshalb
praxisorientierte sozialwissenschaftliche Forschung, die nicht
auf die Nachfragegesetze intellektueller Warenproduktion zielt,
auf längerfristige Entwicklungstrends konzentrieren. In diesem
Sinne soll hier eine begrenzte Fragestellung verfolgt werden: In
welchem Ausmaß und in welchen Formen haben die den neuen sozialen
Bewegungen im Reproduktionssektor zugrunde liegenden sozialen Be-
dürfnisse ihr Pendant innerhalb der Arbeiterklasse und der ge-
werkschaftlichen Politik, ihren Handlungsmustern und internen Or-
ganisationsprozessen gefunden? Und daraus abgeleitet: Auf welches
Potential können sich - im Vergleich zum Ende der 60er Jahre -
strategische Konzeptionen einer klassenautonomen Politik im näch-
sten Kampfzyklus der 80er Jahre stützen? Welche Bedürfnistenden-
zen und -strukturen, die in Ansätzen in den sozialen Kämpfen der
70er Jahre artikuliert wurden, müssen integraler Bestandteil ei-
ner klassenautonomen Politik werden?
Die als "Silent Revolution" prominent gewordene Wertwandelhypo-
these R. Ingleharts, 3) inzwischen durch die komparative Studie
von Max Kaase/Samuel Barnes 4) empirisch abgesichert, behauptet
eine stabile Korrelation zwischen materiellem Lebensniveau, Bil-
dungsgrad, intellektueller Kompetenz und neuen Wertorientierun-
gen. Der Wertwandel sei wegen seiner engen Beziehung zur Produk-
tivkraftentwicklung und zu sozialstrukturellen Veränderungen als
langfristiger Trend zu begreifen, der überkommene politische In-
tegrationsmechanismen in Frage stelle und neue, quer zu den Klas-
senfronten verlaufende gesellschaftliche Konfliktstrukturen zwi-
schen den Trägern der alten "materialistischen" (Bourgeoisie, in-
dustrielle Arbeiterklasse) und der neuen "postmaterialistischen"
Wertorientierung (Jugend, höher qualifizierte und sozial besser
gestellte Mittelschichten) produziere. In den neuen Wertorientie-
rungen würden sich über materiellen Wohlstand und Sicherheitsden-
ken hinaus vor allem Bedürfnisse nach Mitbestimmung, Selbstbe-
stimmung, Aufhebung entfremdeter Strukturen ausdrücken, die mit
der Favorisierung neuer, basisdemokratischer Politikvorstellungen
und Verhaltensmuster einhergingen. Trotz zahlreicher möglicher
kritischer Einwände gegen diese theoretische Konzeption erscheint
es zumindest operativ möglich und legitim, die Fragestellungen
und Ergebnisse dieser Wertwandel-Studien in die Analyse neuer
Entwicklungen in der Arbeiterklasse, ihrer sozialen Kämpfe und
der Gewerkschaftspolitik einzubeziehen. Bezugspunkt ist dabei
indes die materialistische Bedürfniskonzeption, deren Begriff und
inhaltliche Bestimmung von "sozialen Bedürfnissen" nur begrenzt
mit den postmaterialistischen Bedürfnissen in der Inglehartschen
Konzeption harmonisierbar ist. 5)
1. Soziale Bedürfnisse und Formen ihrer Durchsetzung
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Ausgangspunkt ist der in die Dialektik von Produktivkraftentfal-
tung und Bedürfnisentwicklung integrierte strukturelle Trend in
entwickelten kapitalistischen wie sozialistischen Gesellschaften
zur Verschiebung des Stellenwertes der physisch-materiellen zu-
gunsten der sozialen Bedürfnisse im Gesamtsystem gesellschaftli-
cher Bedürfnisse. Empirisch drückt sich diese Entwicklung im ma-
teriellen Reichtum hochindustrialisierter Gesellschaften aus, ih-
rem Produktivitätsniveau, im Zeitbudget ihrer Lohnabhängigen
(Lebens-, Wochen-, Tagesarbeitszeit im Verhältnis zur Freizeit
oder Ausbildungszeit), im durchschnittlichen Bildungs- und Quali-
fikationsgrad des gesellschaftlichen Gesamtarbeiters: kurzum, die
wissenschaftlich-technische Revolutionierung der Produktivkräfte
konstituiert weiterreichende gesellschaftliche und individuelle
Entwicklungsmöglichkeiten, die sich in der Zunahme sozialer Be-
dürfnisse reflektieren. Sie beziehen sich vornehmlich auf die
Stellung der Individuen in der Gesellschaft, auf die Bedingungen
ihrer Arbeit und Tätigkeit, ihrer Persönlichkeits- und Selbstver-
wirklichungsmöglichkeiten im Arbeitsprozeß und in der Lebensre-
produktion, die sie sukzessive ausgreifend ihrer kollektiven und
individuellen Kontrolle zu unterwerfen suchen. 6) Solche sozialen
Bedürfnisse haben einen tiefergehenden, strukturierenden Einfluß
auf die Interessenformierung, auf die Motive, Wertorientierungen,
Ziel- und Handlungsprogramme der gesellschaftlichen Klassen und
Schichten in den Klassenauseinandersetzungen. 7)
Die Akzentuierung dieses Aspekts in der Analyse neuer Entwick-
lungstendenzen in der Gewerkschaftsbewegung thematisiert einen
zentralen Widerspruchskomplex spätkapitalistischer Gesellschaften
(Möglichkeit/Notwendigkeit der Persönlichkeitsentfaltung als
Hauptproduktivkraft und die Schranken kapitalistischer Produkti-
onsverhältnisse, die nur eine deformierte Realisierung erlauben).
8) Sie eröffnet zugleich die Möglichkeit, Übereinstimmungen oder
zumindest parallele Tendenzen in der Arbeiterklasse und in den
sozialen Trägergruppen neuer sozialer Bewegungen gegenüber den an
der Oberfläche vielfältig dominierenden Widersprüchen, Diver-
genzen und gegeneinander gerichteten Verselbständigungen analy-
tisch zu fixieren.
Solche gemeinsamen Entwicklungstendenzen wurden in den 70er Jah-
ren oft nur unterhalb der gesellschaftlichen Oberflächenprozesse
erkennbar und sperrten sich gegen empirische Analysen. Da sie
sich innerhalb der verschiedenen Gruppen der Lohnabhängigen nicht
in einer linearen Determinationskette von Bedürfnissen - Interes-
sen - Bewußtsein - Ziel - Aktion unmittelbar durchsetzten, müssen
einige der Vermittlungsglieder dieses Prozesses, die bislang un-
genügend beachtet wurden, in die Analyse einbezogen werden.
1.1 Sozialstrukturelle Entwicklungstendenzen
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Die kapitalistischen Vergesellschaftungsprozesse haben in den
50/60er Jahren den Polarisierungsprozeß der antagonistischen
Grundklassen beschleunigt, den Anteil lohnabhängiger Arbeit ver-
größert, neue Teile der Angestellten und Beamten nicht nur for-
mell, sondern zunehmend auch reell unter das Kapital bzw. staats-
monopolistische Herrschaftsverhältnisse subsumiert und den Waren-
charakter ihrer Arbeitskraft entfaltet. 9) Zugleich vollzog sich
eine klasseninterne Differenzierung unter den Lohnabhängigen. Das
Bildungs- und Qualifikationsniveau nahm nicht nur allgemein zu,
die Zunahme war bei einigen expandierenden Berufsgruppen mit
neuen Tätigkeitsschwerpunkten besonders stark. 57 Prozent aller
Erwerbstätigen übten 1978 Planungs-, Verwaltungs- und Dienstlei-
stungsberufe aus, während nur noch 13,3 Prozent in Berufen der
Güterproduktion tätig waren. Dabei nahmen gerade personenbezogene
Dienstleistungsberufe sowie Planungs- und Verwaltungsberufe be-
sonders schnell zu (1978: 12,5 bzw. 24,2 Prozent aller Erwerbstä-
tigen). 10) Wenngleich solche sozialstatistischen Gruppierungen
in sich stark differenziert sind und unter sehr heterogenen sozi-
alökonomischen Verhältnissen arbeiten (hoher Staatsanteil, viele
Kleinbetriebe bzw. kleine Arbeitseinheiten), so sind sie doch in
vielen Bürgerinitiativen überrepräsentiert 11), kennzeichnet sie
ein hoher politischer Aktivitätsgrad. Sie verfügen zumeist über
überdurchschnittlich hohe Bildungsabschlüsse. Betrachtet man nur
die deutschen Teile der Arbeiterklasse, so würde sich angesichts
des hohen Anteils ausländischer Lohnabhängiger im unmittelbaren
Produktions- und Reproduktionsprozeß (Herstellen, Fertigen,
Hilfsfunktionen für Produktions- und Dienstleistungen) der pro-
zentuale Anteil dieser Gruppen innerhalb der Arbeiterklasse noch
weiter erhöhen. 12)
Es kann angenommen werden, daß in diesen Gruppierungen der Arbei-
terklasse und der Lohnabhängigen eine Reihe von sozialen Bedürf-
nissen und damit ein spezifisches sozialpsychologisches Milieu
besonders lebendig bleiben wird, das von ihrer Ausbildung und Tä-
tigkeit beeinflußt ist. Aber auch für die gesamte Arbeiterklasse,
insbesondere ihre gewerkschaftlich und politisch aktiven Teile,
dürfen die sozialpsychologischen Rückwirkungen einer durch-
schnittlich höheren Allgemeinbildung nicht unterschätzt werden.
Allein die neuen Massenmedien und Kommunikationsmöglichkeiten ha-
ben die Abschottung der industriellen Arbeiterklasse, die Ausbil-
dung einer besonderen Arbeiterlebensweise, zugunsten einer Annä-
herung zwischen allen Lohnabhängigen relativiert. In der Tendenz
werden 25 Prozent eines Jahrgangs einen Hoch- oder Fachhochschul-
abschluß erwerben. 13) Schon heute ist unschwer zu erkennen, wie
in Arbeiterfamilien, Sportvereinen, Gewerkschaften und Parteien
Personen mit Hochschulabschluß zunehmend selbstverständlicher in-
tegriert sind und dort das sozialpsychologische Profil, Wertori-
entierungen, Normen und Verhaltensweisen mitprägen. Durch solche
Institutionen wirken die genannten Veränderungen weit über den
Umkreis der Betroffenen hinaus. Gerade unter den politisch akti-
veren Teilen der Arbeiterklasse der jüngeren Generation finden
sich innerhalb der Familie und des Freundeskreises enge Beziehun-
gen zwischen verschiedenen Sektoren der Arbeiterklasse (z.B.
Facharbeiter/Kindergärtnerin, Verwaltungsangestellte) bzw. zwi-
schen diesen und Angehörigen der Gruppe der lohnabhängigen Intel-
ligenz (Facharbeiter/Lehrerin). Diese Tendenzen werden verstärkt
das sozialpsychologische Profil, die Bedürfnis- und Interessen-
strukturen sowie die Handlungskompetenz der Arbeiterklasse mitbe-
stimmen, da sich die Austausch- (Abiturienten, die Facharbei-
terabschlüsse anstreben) und Kooperationsprozesse (im Produkti-
onsprozeß, in der Lebensreproduktion, in der politischen Arbeit)
intensivieren.
1.2 Neue gesellschaftliche Widerspruchskomplexe
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Die wissenschaftlich-technische Revolutionierung der Produktiv-
kräfte beschleunigte kapitalistische Vergesellschaftungsprozesse
und produzierte eine komplexere Struktur der gesellschaftlichen
Widersprüche. 14) Die Konzentration und Zentralisation von Pro-
duktion und Kapital ermöglichte die umfassende Automatisierung
und Taylorisierung im Produktionssektor, die sich seit Mitte der
70er Jahre sukzessive in der Büro- und Verwaltungsrationalisie-
rung fortsetzt. Die mit der privatkapitalistischen Monopolisie-
rung wie der bürokratischen Zentralisierung in den legislativen
und exekutiven Staatsapparaten verknüpfte politische Machtkonzen-
tration belebte Mitbestimmungs- und Kontrollforderungen. Aber
nicht allein Arbeitsbedingungen und Mitbestimmung wurden akute
Konfliktfelder. Die ausgreifende Bewegung des SMK-Systems und
seiner an Kapitalinteressen orientierten Kosten-, Effizienz- und
Organisationskriterien schuf Konfliktfelder im öffentlichen
Dienst, im Gesundheits-, Bildungs- und Verkehrssektor, also in
Sektoren der Infrastruktur und der gesellschaftlichen Reproduk-
tion der Arbeitskraft.
Die kapitalistische Industrialisierung, Urbanisierung, Technisie-
rung und Chemisierung traf zunehmend auf die Schranken des ökolo-
gischen Gleichgewichts von Natur und Mensch. Dies wurde ebenso
ein handlungsrelevantes Konfliktfeld wie die in alle Poren zwi-
schenmenschlicher Beziehungen eindringenden Waren- und Konkur-
renzbeziehungen mit den einbegriffenen Endfremdungserscheinungen,
ihren Tendenzen zur Persönlichkeitsdeformierung und -zerstörung.
15) Selbst die klassischen kapitalistischen Konfliktfelder wie
Arbeitslosigkeit, Betriebsstillegungen, Inflation, Lohn- und So-
zialabbau wurden mit Beginn der 70er Jahre nicht bloß
"reaktualisiert", sondern durch ihre staatsmonopolistisch modifi-
zierten Wirkungsformen komplexer mit den neuen Konflikten ver-
knüpft. 16)
Zugleich erweiterten der Vergesellschaftungsprozeß und die Aus-
weitung von Planungs- und Steuerungselementen, -kompetenzen und
-institutionen innerhalb der Großkonzerne und des Staates das
Feld unterschiedlicher Entwicklungsvarianten. Alternative Ent-
wicklungsprogramme wurden damit schon im Vorfeld der Systemfrage
gleichfalls zum Konfliktfeld. 17)
Diese Widersprüche berührten allerdings die einzelnen sozial-
strukturellen Gruppen der Lohnabhängigen in unterschiedlicher
Stärke. Entsprechend differenziert entwickelten sich bei ihnen
die Bedürfnisstrukturen und Wertorientierungen, wurden in einzel-
nen Regionen oder Berufsgruppen bzw. zu unterschiedlichen Zeit-
punkten verschiedene Bedürfnisse handlungsrelevant.
1.3 Neue soziale Bedürfnisse und Generationenwechsel
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Verlängerte Ausbildungszeiten haben die Jugendphase im Lebenszy-
klus ausgedehnt. Die relativ dauerhafte Formung sozialer und po-
litischer Wertorientierungen in der Jugendphase, die Entwicklung
einer eigenen Jugend-Subkultur sowie die gleichzeitige Zusammen-
ballung von Konfliktfeldern durch die Neustrukturierung aller
Ebenen des Bildungs- und Ausbildungssektors gegen Ende der 60er
Jahre haben die Bedeutung des Jugendsektors für die Entwicklung
und Durchsetzung neuer sozialer Bedürfnisse und für die politi-
sche Sozialisation einer jüngeren Generation von Lohnabhängigen
schlagartig erhöht. 18) Der Bruch in den Wertorientierungen
konnte sich besonders deutlich ausprägen, weil die am Ende der
60er Jahre in die politische Sphäre eintretenden Jugendlichen die
konsolidierte ökonomische Situation wie die politischen Verhält-
nisse unvoreingenommen und unbelastet zu neuen Wertorientierungen
verarbeiten konnten.
Auch neuere sozialgeschichtliche Studien bestätigen, daß sich
Wertwandelprozesse über den Generationswechsel vermitteln. Jün-
gere Generationen waren in den Klassenkämpfen wie in den gesell-
schaftlichen Ruheperioden - neben den seismographisch agierenden
Intellektuellen - immer die aktiven, dominierenden Trägergruppen
neuer Konflikte, Bedürfnisse, Handlungsmuster und Organisations-
formen. Eine inhaltliche Ausrichtung ist dabei nicht von vornher-
ein gegeben. Jüngere Teile der im Ersten Weltkrieg politisierten
Arbeiterklasse wurden Träger der revolutionären Arbeiterbewegung
in der Weimarer Republik. Durch Arbeitslosigkeit von der Arbei-
terbewegung isolierte Jugendliche hingegen wurden in der Welt-
wirtschaftskrise Opfer faschistischer Demagogie. Der Zusammen-
bruch faschistischer Illusionen 1945 wie die Niederlagen der Ar-
beiterbewegung in den Neuordnungskämpfen forcierten im Kalten-
Kriegs-Klima der 50er Jahre apolitische, individualistische Ori-
entierungen der Jugend.
1.4 Die Bedeutung von "Zentren"
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Die Transformation neuer Widersprüche, Bedürfnisse und Interessen
in soziale Kämpfe hängt zum einen von der objektiven Zusammenbal-
lung und Intensität der Widersprüche in bestimmten Sektoren, z.
B. Regionen oder besonders betroffenen Gruppierungen der Klasse,
und zum anderen von der Existenz subjektiver Faktoren ab, also
von Kräften, die die Konflikte analysieren, Forderungen entwic-
keln, mobilisieren, soziale Bewegungen organisieren und führen,
aber auch von bestimmten Kräfteverhältnissen, die Bewegungen zu-
mindest relative Erfolgschancen geben. 19) Als "Zentren" in die-
sem Sinne, in denen und durch die neue Entwicklungstendenzen ex-
emplarisch zum Ausdruck gebracht werden, fungierten in der Ge-
schichte der Arbeiterbewegung häufig die industriellen Bezirke
und/oder politischen Hauptstädte eines Landes (z.B. Berlin, Ruhr-
gebiet, Mitteldeutschland in der Weimarer Republik), bestimmte
Fraktionen der Klassen und ihr Organisationsbereich (z.B. Druc-
ker, Berg- und Metallarbeiter und ihre jeweiligen Gewerkschaf-
ten), zum Teil sogar als Symbol agierende Belegschaften industri-
eller Großbetriebe (FIAT/Turin; Renault/Paris).
Die umfassende Reorganisation der sozialstrukturellen Zusammen-
setzung der Lohnabhängigen sowie der industriellen Struktur und
die Spaltung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg - sie schloß
den Verbleib relevanter linker Sektoren der deutschen Arbeiterbe-
wegung im Gebiet der DDR und Polens (Sachsen, Thüringen, Berlin,
Oberschlesien) und eine deutlich verstärkte Stellung der eher
ländlich strukturierten und katholischen süddeutschen Länder in
der BRD ein sowie die Partikularisierung und Sonderrolle Westber-
lins - brachten den Bedeutungsverlust traditioneller Fraktionen
der Arbeiterklasse (Berg-, Textil- und z.T. Stahlarbeiter) und
traditioneller regionaler Zentren der Arbeiterbewegung (Berlin,
Saarland, z.T. des Ruhrgebiets) sowie die erst langsame Formie-
rung neuer industrieller und politischer Zentren (Stuttgart,
Rhein-Main, München) mit sich. Dabei vollziehen sich Umstruktu-
rierungsprozesse 20) auch in den alten Zentren (Stuttgart, Rhein-
Main, Hamburg, Ruhrgebiet).
Nur langsam bildeten sich in den 70er Jahren neue regionale Sek-
toren, Wirtschaftszweige oder berufliche Gruppierungen als
"Zentren" aus, die in ihrer politischen Kultur, ihren politischen
Wertorientierungen die neuen sozialen Bedürfnisse dominant zum
Ausdruck bringen und damit eine vereinheitlichende, orientierende
und strukturierende Rolle spielen könnten. Da auch die politische
Arbeiterbewegung diese Aufgabe nur partiell wahrnahm (die SPD
entfiel mit der Godesberger Wende als Faktor einer klassenorien-
tierten Strukturierung, die KPD wurde 1956 administrativ illega-
lisiert, der Einfluß der 1968 neukonstituierten DKP blieb be-
grenzt), bestimmte eine starke Heterogenität die sozialen Kämpfe
und Konflikte. Trotz ihrer Durchdringung und zum Teil auch Struk-
turierung durch die hochorganisierten, zentralisierten und insti-
tutionalisierten Gewerkschaften und betrieblichen Interessenver-
tretungen behielten sie etwas vom Charakter der ursprünglichen
Prozesse der Formierung der Klasse "an sich" zur Klasse "für
sich".
1.5 Ökonomisch-politische Zyklen und
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gesellschaftliche Kräfteverhältnisse
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Ob sich latente soziale Bedürfnisse in neuen Widerspruchskomple-
xen zu sozialen Kämpfen und bewußten Wertorientierungen entwic-
keln können, hängt nicht zuletzt von den ökonomisch-politischen
Zyklen sowie den vorherrschenden gesellschaftlichen Kräftever-
hältnissen ab. 21) In den 70er Jahren markierte die Weltwirt-
schaftskrise 1974/75 einen tiefen Bruch. In der Periode ökonomi-
schen Wachstums (1966/67 bis 1973), wenn auch seit 1971 von zahl-
reichen Krisensymptomen zersetzt, entfalteten sich spontane Bewe-
gungen im Jugendsektor und eine erste Welle der Bürgerinitiativ-
bewegung (z.B. Rote-Punkt-Aktion in Hannover Juni '69), denen der
Aufschwung der Arbeiterbewegung mit den spontanen September-
streiks im Herbst 1969 folgte. In der folgenden Periode verknüpf-
ten sich ökonomische Krise und eine depressive Entwicklung mit
politischer Restauration, unterbrochen durch einen kleineren Auf-
schwung der Gewerkschaftsbewegung und der sozialen Kämpfe
1978/79. Die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse verschoben
sich nach rechts, wenngleich nicht annähernd im Ausmaß der Kal-
ten-Kriegs-Periode und insgesamt von einer eigentümlichen Offen-
heit und Labilität gekennzeichnet.
In der ersten Periode waren zahlreiche neue soziale Bedürfnisse
im Jugendsektor und in der Arbeiterbewegung (prägnant auf der IG-
Metall-Konferenz "Qualität des Lebens" 1972) aufgegriffen worden.
Die Renaissance klassischer kapitalistischer Konfliktfelder
(Krise, Arbeitslosigkeit, Lohnabbau, politische Repression) ließ
ihre unmittelbare Handlungsrelevanz in den sozialen Kämpfen der
Arbeiterklasse und ihren Stellenwert in den Wertorientierungen
zurücktreten. Dennoch blieben sie - wie zu zeigen sein wird -
selbst in traditionellen Konflikten, in Forderungsstrukturen, in
Aktionsformen und m den inneren Organisationsprozessen virulent
und wirkten auf das Bewußtsein und die Wertorientierungen minde-
stens der aktiven Kader der Gewerkschaftsbewegung ein. Offen ver-
treten wurden sie am Beginn der zweiten Phase, vielfach in Di-
stanz zur Arbeiterbewegung, von den neuen sozialen Bewegungen.
1.6 Der Zyklus neuer sozialer Bewegungen
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Neue Gruppen, die in die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung ein-
treten, die sich mit Brüchen ihrer Wertorientierungen, ja ihrer
Identität auseinandersetzen, deren materielle, soziale, politi-
sche und ideologische Konsequenzen verarbeiten müssen, radikali-
sieren sich in ihrem Selbstverständnis, in ihren Artikulations-
formen überdurchschnittlich. Die Initiative für Brüche und
Neuorientierungen liegt notwendig zuerst bei Minderheiten, die
ihren quantitativen Minderheitenstatus mit der Qualität ihres En-
gagements (Zeitbudget, Radikalität der Ideologie, Aktion) kompen-
sieren. Hohe Motivation, Bereitschaft zum Bruch mit überkommenen
Lebens- und Arbeitsformen bilden sich in solchen Avantgardegrup-
pen oder sind sogar ihre Voraussetzung. Deshalb verlief häufig
die Neuerschließung von Berufsgruppen, Betrieben und Industrie-
zweigen für die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung sowie die
Neuerschließung von Themen und Forderungen unter der Hegemonie
radikaler, vor allem linker, sozialistischer, kommunistischer und
christlicher, also politisch und ideell hochmotivierter und
zugleich qualifizierter Gruppierungen. 22)
Die hegemonialen ideologischen und politischen Strömungen bestim-
men im Stabilisierungs-, Orgamsations- und Institutionalisie-
rungsprozeß sozialer Bewegungen darüber, welche Wertorientie-
rungen, Normen und Handlungsmuster stabilen Charakter bekommen.
Wer über die materiellen und ideellen Ressourcen der dabei
neuentstehenden Organisationen verfügt, kann deutlich auf Inhalte
und Struktur des Bewußtseins und die Interessen- und
Zielformulierung der sozialen Kämpfe einwirken.
Auch die Beachtung des Entwicklungszyklus sozialer Bewegungen
legt eine analytische Perspektive nahe, die nicht die Erschei-
nungsformen bestimmter Zyklusphasen (z.B. Phasen des radikalsten
Bruchs mit Wertvorstellungen, Lebens- und Arbeitsformen) als
strukturell neue Momente fixiert. Zu fragen ist vielmehr nach den
dauerhaften, zyklusübergreifenden Momenten, die über Avantgarde-
gruppen vermittelt das Bewußtsein, die Wertorientierungen und die
Politik von Massen strukturieren und ihr neue Akzente verleihen.
So mußten sich neue Bewegungen in den Gewerkschaften, die klas-
senautonome Positionen oder neue soziale Bedürfnisse thematisier-
ten, gegen die vorherrschenden sozialpartnerschaftlichen Strömun-
gen durchsetzen. Diese beherrschen nicht nur die betrieblichen
und gewerkschaftlichen Organisations- und Institutionsstrukturen,
sondern verfügen angesichts der notwendigerweise hochzentrali-
sierten Macht- und Entscheidungskompetenzen der Führungsorgane
zugleich über eine Reihe von exekutiven Sanktionsmitteln gegen
avantgardistische Minderheitengruppen. 23)
Wenn in der empirischen Analyse die Vermittlungsglieder und Me-
chanismen der handlungsbestimmenden Durchsetzung neuer sozialer
Bedürfnisse einbezogen werden, kann gleichzeitig eine Unterschät-
zung der Verbreitung und Bedeutung der sozialen Bedürfnisse in
der Arbeiterklasse wie eine Überschätzung der Radikalität ihres
Bruchs mit den traditionellen Orientierungen vermieden werden. In
den 70er Jahren überlagerte sich die sukzessive Aufnahme sozialer
Bedürfnisse in die Wert- und Handlungsorientierungen der Arbei-
terklasse mit der Reaktualisierung klassischer kapitalistischer
Widersprüche und Konflikte und der ihnen entsprechenden materiel-
len und Sicherheitsbedürfnisse. Insofern kann von neuen Momenten
in den sozialen Kämpfen und in der Gewerkschaftspolitik unter
zwei Gesichtspunkten gesprochen werden: (a) der Reaktivierung ei-
ner autonomen, klassenorientierten Strömung 24) gegenüber der Do-
minanz der sozialpartnerschaftlichen Organisation der Klassenbe-
ziehungen in den 50er/60er Jahren; (b) dem gestiegenen Gewicht
neuer sozialer Bedürfnisse, neuer Widerspruchskomplexe und einer
neuen, ausgeweiteten sozialstrukturellen Zusammensetzung der in
den Klassenkämpfen agierenden bzw. in den Gewerkschaften organi-
sierten Kräfte.
Diese neuen Momente setzten sich nur widersprüchlich durch. Über-
durchschnittlich waren sie in den siebziger Jahren in der jünge-
ren Generation und einigen neuen Sektoren der Lohnabhängigen
(Angestellte/Beamte des öffentlichen Dienstes; einige Dienstlei-
stungsbereiche) anzutreffen. Zu Unrecht wurden sie indes als Aus-
druck eines Generationskonflikts bzw. des Konflikts zwischen in-
dustrieller Arbeiterklasse und neuen lohnabhängigen Mittelschich-
ten begriffen. 25)
Die einzelnen Phasen der ökonomischen und politischen Zyklen lie-
ßen die neuen Bedürfnisse, klassenautonome Positionen oder tradi-
tionelle sozialpartnerschaftliche Orientierungen wechselweise do-
minant hervortreten. Zugleich aktualisierten sich soziale Kon-
flikte und Kämpfe wie die neuen Bedürfniselemente - zeitlich und
regional wechselnd - in verschiedenen Widerspruchskomplexen. Die
insgesamt fehlende Verallgemeinerung und Strukturierung durch die
gewerkschaftliche und politische Arbeiterbewegung oder durch ex-
emplarische Durchsetzung in wichtigen "Zentren" führte in den
siebziger Jahren zur Verselbständigung und zur Reproduktion der
Heterogenität der Kämpfe und Organisationsformen in den einzelnen
Phasen und Konfliktfeldern. 26)
Wollte man die neuen Tendenzen begrifflich verallgemeinern, so
könnte man mit aller Vorsicht davon sprechen, daß sich (a) origi-
när g e w e r k s c h a f t l i c h e W e r t o r i e n t i e-
r u n g e n und H a n d l u n g s m u s t e r für zahlreiche
alte wie neue sozialökonomische Sektoren und Konfliktfelder
reaktiviert und zugleich zur betrieblichen und lokalen Basis hin
erweitert haben. Dies gilt gleichermaßen für das Vordringen
kollektiver, solidarischer und egalitärer Orientierungen gegen-
über individualistischen, leistungs- und konkurrenzbezogenen wie
für die aktive Realisierung gewerkschaftlicher Schutz- und
Gestaltungsfunktionen in wichtigen Gesellschaftsbereichen. Es
haben sich (b) d e m o k r a t i s c h e W e r t o r i e n-
t i e r u n g e n vor allem unter den gewerkschaftspolitisch
aktiven, informellen wie formellen, Kadern - aus der jüngeren
Generation und höher qualifizierten Gruppen - stärker verankert.
Damit sind vor allem Bedürfnisse und Ansprüche nach echten
Mitbestimmungs- und Kontrollrechten, Forderungen nach Basisbe-
teiligung in der Politik, aber auch nach transparenten Infor-
mations-, Kommunikations- und demokratischen Entscheidungsstruk-
turen auf allen gewerkschaftlichen Ebenen und Handlungsfeldern
gemeint. Sie schließen die Forderungen nach gleichberechtigter
Vertretung bis dato benachteiligter Gruppen in der Gesellschaft
ein, deren doppelt unterdrückter Status sich in den
Gewerkschaften vielfach bis in die Gegenwart hinein reproduzierte
- so insbesondere von Frauen, Ausländern und neuerdings wieder
Arbeitslosen.
2. Soziale Bedürfnisse in den gewerkschaftlichen Kämpfen
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Die Ausformung von Bedürfnissen und den ihnen zugrunde liegenden
Widersprüchen zu aktuellen Konflikten, sozialen Kämpfen und Ak-
tionen indiziert immer zugleich deren Intensität im Bewußtsein
der Arbeiterklasse und in den Wert- und Handlungsorientierungen
ihrer gewerkschaftlichen Führungsorgane. Insofern können, auch
wenn sich in vordergründigen Konfliktgegenständen immer ein grö-
ßeres Spektrum an Bedürfnissen symbolisch ausdrückt, Aktions- und
Handlungsanalysen über begrenzte demoskopische Einstellungsunter-
suchungen hinaus die Verbreitung neuer Bedürfnisse und Wertorien-
tierungen erfassen. 27) Dies soll im folgenden unter verschie-
denen Aspekten skizzenhaft umrissen werden. 28)
2.1 Chronologie
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Die Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung ist kein linearer Pro-
zeß. Die 70er Jahre markieren nach den sozialen Kämpfen um die
gesellschaftliche Neuordnung und deren Niederlagen sowie nach der
Restaurationsperiode der 50er/60er Jahre mit einem sinkenden ge-
werkschaftlichen Organisationsgrad und abflauenden sozialen Kämp-
fen einen deutlichen Bruch: eine quantitativ herausgehobene Reak-
tivierung sozialer Kämpfe, die auch durch die ökonomische Krise
und die Massenarbeitslosigkeit in der zweiten Hälfte der 70er
Jahre nicht gebrochen wurde. Angesichts der Affinität der sozia-
len Kämpfe zum ökonomischen Krisenzyklus ist allein das schon ein
historisches Datum. Die sozialen Kämpfe i n den siebziger Jah-
ren bewegten sich, wenn man sie periodisieren will, ungefähr in
einem Vierjahreszyklus, dessen Kampfhöhepunkte 1969"71, 1973/74
und 1978/79 waren.
2.2 Industrieller Kern der Arbeiterklasse und neue
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Lohnabhängigengruppen in den sozialen Kämpfen
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Von 1966/67 bis 1973/74 waren die sozialen Kämpfe deutlich um
zwei Gruppen zentriert: erstens um den Kern der industriellen Ar-
beiterklasse, vor allem in Großbetrieben der Metallindustrie und
z.T. des Bergbaus sowie einiger kommunaler Arbeiterbereiche des
öffentlichen Dienstes. Dominierend in der Initiierung, Mobilisie-
rung und organisierten Leitung dieser sozialen Kämpfe betätigten
sich Gewerkschaftskader der mittleren Generation, geprägt von den
ideologischen Traditionen klassenorientierter Positionen in der
IG Metall, aber auch durch die Präsenz von kommunistischen Be-
triebsräten, Vertrauensleuten und Betriebsgruppen in den entspre-
chenden Betrieben. 29) Ein zweites Zentrum bildete die Studenten-
, Schüler- und Lehrlingsbewegung, die sich vor allem in Groß- und
Universitätsstädten sowie Kleinbetrieben um Forderungen nach Ex-
pansion, Umstrukturierung und Demokratisierung der Ausbildungs-
sektoren konstituierte. 30)
Kooperative Prozesse zwischen beiden Bewegungen entwickelten sich
in den siebziger Jahren durch die Ausbreitung gewerkschaftlich
orientierter Positionen in der Studentenbewegung, in der Struktur
ihrer Forderungen und den Formen ihrer Kämpfe, durch die Integra-
tion von Intellektuellen in verschiedene Sektoren der gewerk-
schaftlichen Arbeit und Organisation wie auch durch den Wechsel
eines bedeutenden Teils der qualifizierten und in der Lehrlings-
bewegung politisierten Arbeiterjugendlichen in den schnell expan-
dierenden Ausbildungssektor über den zweiten Bildungsweg. 31)
Sukzessive waren von der IG Metall in den Streiks 1971 und 1974
ebenso wie von der IG Chemie und der ÖTV 1974 Angestellte einbe-
zogen worden. Es blieb aber bei der Einbeziehung von Minderheiten
in mehrfacher Hinsicht: Nur in gewerkschaftlich hochorganisierten
Betrieben wurden sie zum Streik aufgerufen, ihre Haltung als
Gruppe blieb insgesamt widersprüchlich, und sie stellten (z.B.
1974 im IG-Metall-Unterweserstreik) oft umfangreiche militante
Streikbrecherkontingente. Die Beziehungen zwischen Arbeitern und
Angestellten sowie beider zu den solidarisch mitkämpfenden Aus-
ländern blieben insgesamt distanziert.
In den spontanen Streikwellen 1973 traten neben den traditionel-
len Zentren industrieller Großbetriebe die Belegschaften mittel-
großer Betriebe auf. Die Bewegung erfaßte die ländliche Periphe-
rie. Ausländische Arbeitergruppen und Frauen traten erstmals als
Initiatoren und Mobilisierungskerne, zum Teil sogar als Strei-
kleitungskader auf. Während die offiziellen Streikstatistiken für
die Jahre 1975 bis 1977 - mit Ausnahme des Druckerstreiks 1976 -
Ruhe verzeichneten, akkumulierten sich neue Momente der sozialen
Kämpfe vor allem in den betrieblichen Abwehrstreiks und -aktionen
gegen Massenentlassungen und Betriebsstillegungen im norddeutsch-
nordrhein-westfälisch-saarländischen "Krisenbogen". Die unmittel-
bar betroffenen Teile der industriellen Arbeiterklasse wurden re-
gional häufig von Bürgerinitiativen unterstützt, in denen sich
andere Teile der Lohnabhängigen und der lohnabhängigen Mittel-
schichten, insbesondere Frauen, Jugendliche und Kulturschaffende,
engagierten. Teilweise entstanden in solchen Konflikten partielle
Kommunikations- und Kooperationsbeziehungen zwischen weit ausein-
anderliegenden Betrieben gleicher Konzerne.
Die Handlungsprozesse in der Binnenstruktur der gewerkschaftli-
chen Streiks 1978/79 und in den Warnstreikbewegungen der Jahre
1980/81 signalisierten die Stabilisierung vorhergehender Tenden-
zen:
- Mit Hafen-, Bau-, Textil- und Holzarbeitern, Postbeschäftigten
und Metallarbeitnehmern in sämtlichen Regionen und Betriebsgrö-
ßenklassen dehnten sich die einbezogenen Gruppen aus traditionel-
len Sektoren der Arbeiterklasse quantitativ weiter aus.
- Die Büro- und Verwaltungsrationalisierung und die - trotz Krise
- stabil hohe Berufstätigkeit von Frauen ließ die Einbeziehung
von Angestellten in Streiks und Aktionen langsam vom Ausnahme-
zum Regelfall werden, was sich insbesondere in den Warnstreikak-
tionen der HBV seit 1978/79 zeigte.
- In den Streikvorbereitungen der RFFU in den Rundfunk- und Fern-
sehanstalten und in den Warnstreikaktionen der Lehrer 1979 wurden
die Breitenwirkungen sichtbar, die die soziale und funktionale
Veränderung des Status großer Gruppen der Intelligenz und die be-
wußtseinsmäßigen Rückwirkungen der Studentenbewegung auf ihre ge-
werkschaftliche Orientierung gehabt haben und die sich ansatz-
weise auch in hochkonzentrierten staatlichen und privaten Wissen-
schaftszentren zeigten.
- In Aktionen gegen Rationalisierung, Privatisierung, Stellenab-
bau und Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen wurden gegen
Ende der 70er und am Anfang der 80er Jahre größere Teile der Ar-
beiter, vor allem aber Angestellte und z. T. Beamte des öffentli-
chen Dienstes (neben dem Bildungs- besonders des Gesundheitswe-
sen, der Erziehungs- und Betreuungssektoren sowie der Bundesbahn
und -post) aktiviert.
2.3 Kampfebenen
---------------
Die gewerkschaftliche Aktivität erweiterte sich in den 70er Jah-
ren auf allen Kampfebenen. Weder war eine Dominanz noch gar eine
lineare Entwicklungstendenz zum betrieblichen Sektor oder zum po-
litisch-staatlichen Sektor hin zu erkennen. Die Rationalisie-
rungspolitik, Betriebsstillegungen und Entlassungen aktualisier-
ten soziale Kämpfe auf der betrieblichen Ebene, wenn übergrei-
fende Probleme nicht oder nicht rechtzeitig durch die Gewerk-
schaften auf tarifpolitischer Ebene angegangen wurden. Die be-
trieblichen Konfliktgegenstände wurden jedoch in kürzeren oder
längeren Zeitabständen tarifpolitisch verallgemeinert und in
Streiks organisiert durchgesetzt.
Soziale Konflikte mit dem Staat als Arbeitgeber (öffentlicher
Dienst) erwiesen sich nur in Nuancen politischer als andere
Streiks gleicher Dimension. Verbesserungen der gesellschaftlichen
Reproduktionsbedingungen der Arbeitskraft wurden vor allem im en-
gen Kontext mit Beschäftigungsproblemen in diesen Sektoren von
den Betroffenen selbst thematisiert. In den betrieblichen Streiks
gegen den Versuch, die SPD/FDP-Bundesregierung 1972 zu stürzen,
und in betrieblichen Warnstreiks bzw. Demonstrationen zum Erhalt
der Montanmitbestimmung, für ein juristisches Verbot der Aussper-
rung, für staatliche Beschäftigungsprogramme und ein Recht auf
Arbeit sowie gegen die umfangreichen Kürzungen der Sozialhaus-
halte Ende 1981 erwies sich die Mobilisierungsfähigkeit zumindest
von Teilen der industriellen Arbeiterklasse und Lohnabhängigen
der neuen Sektoren gegen die Politik des Staates oder einzelner
seiner Apparate. Die Heterogenität der Kampf ebenen reflektierte
neben der Logik der Kampfgegenstände auch die fehlende politische
Führungsarbeit der Gewerkschaften.
2.4 Kampfformen
---------------
Die Kampfformen wurden in den 70er Jahren erstmals nach den Kämp-
fen zwischen 1948 bis 1952 wieder vielfältiger. Neben gewerk-
schaftlich organisierte Streiks traten zwei spontane Streikwel-
len, Warnstreikwellen und 1978 begleitende Sympathie- und Solida-
ritätsstreiks. Betriebliche Kampfformen bis hin zu Betriebsbeset-
zungen, Anfang der 70er Jahre noch als Novum betrachtet, wurden
Anfang der 80er Jahre fast normale Aktionsformen gegen Betriebs-
schließungen und Verlagerung von Produktionsmitteln. Sie dienten
als Organiations- und Kommunikationsbasis und vor allem als poli-
tisches Protestsymbol.
Reflektierte sich Anfang der 70er Jahre im selbständigen Handeln
in den spontanen Streiks noch das unbefangene Bewußtsein sicherer
Arbeitsplätze angesichts von Prosperität und Vollbeschäftigung,
so drückten sich die verschlechterten gesellschaftlichen Kampfbe-
dingungen seit 1974/75 zuerst in einer relativen Zunahme
g e w e r k s c h a f t l i c h organisierter Streiks aus, die
den Bedarf an Sicherheit durch gewerkschaftliche Mobilisierung,
Führung und Leitung signalisierten. Selbständiges kollektives
Agieren in betrieblichen Abwehrkämpfen hingegen reflektiert schon
ein Maß an arbeitsmarktpolitischer - betrieblicher und regionaler
- Perspektivlosigkeit, die individuelle Ausweichstrategien bloc-
kiert und die Hemmschwelle für kollektive Aktionsformen mit zu-
nehmender Militanz stark herabsetzt. Sie koexistieren eng mit re-
signativen Bewußtseinsformen. Beide Momente können in Abhängig-
keit von subjektiven Faktoren (Agieren der betrieblichen Interes-
senvertretung, der Gewerkschaften etc.) innerhalb kurzer Fristen
ineinander übergehen.
Studentische Aktionsformen der 60er Jahre kopierten neben Formen
der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung klassische Protestformen
der Arbeiterbewegung. Die Gewerkschaftsbewegung integrierte ihre
Vielfalt und Militanz mit zeitlicher Verzögerung. Der wechselsei-
tige Austausch der Kampfformen von Arbeiter- und Bürgerinitiativ-
bewegungen intensivierte sich im Verlauf der 70er Jahre und kann
als Indiz von Annäherungs- und Überschneidungsprozessen gewertet
werden.
2.5 Soziale Bedürfnisse in den Konfliktinhalten
-----------------------------------------------
Zentrum der sozialen Kämpfe der 70er Jahre blieben die Lohnforde-
rungen. Staatliche Einkommenspolitik und Inflation komplizierten
diese Lohnkämpfe. Sie erforderten die Entwicklung klassenautono-
mer Orientierungen gegenüber korporativistischen Institutionen
wie der "Konzertierten Aktion", aber auch selbständige Aktionsbe-
reitschaft gegenüber Gewerkschaftsführungen, die sich den Orien-
tierungen solcher Institutionen unterwarfen. Die Integration der
"einfachen" Lohnforderung in ein komplexes alternatives Wirt-
schaftsentwicklungsmodell wurde die Mobilisierungsgrundlage für
den Streik der IG Druck und Papier 1976.
In dem Maße, wie seit 1974/75 neben dem allgemeinen inflationären
Trend immer mehr gesellschaftliche Reproduktionsleistungen auf
das Kostendeckungsprinzip umgestellt werden (öffentlicher Ver-
kehr, Kindergärten, kommunale Infrastrukturleistungen), bleibt
der Stellenwert der Nettorealgeldeinkommen für die Qualität der
individuellen und familiären Lebensweise erhalten und weitet sich
tendenziell mit der Durchkapitalisierung aller Lebenssektoren
(z.B. Freizeit, Kultur, Kindererziehung) sogar noch aus. Lohnfor-
derungen ist somit schon ein komplexes Verhältnis quantitativer
und qualitativer Elemente inhärent. Auch ein relevanter Anteil
sozialer Bedürfnisse bedarf zu seiner Befriedigung materieller
Voraussetzungen.
Zudem brechen sich im Rahmen der Lohnforderungen weitere Momente
neuer sozialer Bedürfnisse und reflektieren gewerkschaftliche und
demokratische Wertorientierungen:
- Die zunehmend in den Wertorientierungen von Frauen sich verfe-
stigende Berufstätigkeit, die neben den materiellen Aspekten vor
allem die Bedürfnisse nach Persönlichkeitsentfaltung, nach
Gleichberechtigung, nach vielseitigeren sozialen Erfahrungen,
Kommunikations- und Sozialbeziehungen ausdrückt 32), hat zu einem
intensiveren Engagement der Frauen in der Gewerkschaftsarbeit ge-
führt, die in Forderungen und Aktionen nach Lohngleichheit und
Streichung sogenannter Leichtlohngruppen ihren ersten Ausdruck
gefunden hat. 33)
- Auch in den Kontroversen um prozentuale oder lineare Lohnforde-
rungen, die gegen die Hierarchisierungs- und Spaltungstendenzen
des Kapitals gerichtet sind, reflektieren sich veränderte Werto-
rientierungen. Lineare Lohnforderungen wurden nicht allein von
den unmittelbar interessierten Vertretern der unteren Lohngrup-
pen, sondern z. T. auch von Gruppen aus höheren Eingruppierungs-
stufen vertreten, die aus einer längerfristigen gewerkschaftspo-
litischen Perspektive heraus argumentierten.
- Das Vordringen egalitärer, gewerkschaftlicher und demokrati-
scher Orientierungen signalisieren tarifpolitische Konzeptionen,
die auf den Abschluß gemeinsamer Lohn- und Manteltarifverträge
für Arbeiter und Angestellte bzw. im öffentlichen Dienst für ein
einheitliches Personalrecht dringen. Ihnen liegen sozialstruktu-
relle, berufliche und tätigkeitsspezifische Annäherungen zwischen
zahlreichen Arbeiter- und Angestelltentätigkeiten zugrunde. Stän-
dischen Interessenvertretungen ist es nur partiell gelungen, Eli-
ten- und Privilegiendenken gegen solche Strategien zu mobilisie-
ren.
- In den Vorüberlegungen zu neuen Modellen der Grundlohndifferen-
zierung spielt die Reduzierung analytischer Arbeitsbewertungssy-
steme zugunsten geringer differenzierter Lohnsysteme mit großen
nichtvariablen Lohnbestandteilen eine gewichtige Rolle.
- Im Druckerstreik 1976 und im Hafenarbeiterstreik 1978 sowie in
einer Reihe der betrieblichen Streiks 1973 haben Lohnforderungen
eine deutliche Kompensationsfunktion erfüllt. Rationalisierungs-
erfahrungen und Arbeitsintensivierung, die nur schwer in alterna-
tive Forderungen umsetzbar erschienen, produzierten soziale Ener-
gien und Bedürfnisse, die ihren ersten Ausdruck in leichter er-
kämpf- und formulierbaren Lohnforderungen fanden. 34)
In der zukünftigen Ausarbeitung klassenautonomer Tarifpolitik
wird neben dem Volumen der Forderungen auch ihrer Struktur, ob-
jektiv wie im Bewußtsein der Handelnden, ein hoher Stellenwert
zukommen. Noch komplizierter stellt sich das Verhältnis von Volu-
men und Struktur und damit das Problem der Abstimmung sehr unter-
schiedlicher Bedürfniselemente dar, wenn man die Problemkomplexe
Arbeitsbedingungen, Leistungsverausgabung und Arbeitszeit einbe-
zieht.
Der Streik der IG Metall in Nordwürttemberg/Nordbaden 1973 für
den Lohnrahmentarifvertrag II (LRTV) thematisierte organisiert
die schon in den spontanen Streiks 1973 artikulierten Bedürfnisse
nach K o n t r o l l e d e r A r b e i t s b e d i n g u n-
g e n, des Volumens und der Formen der Leistungsverausgabung.
Der LRTV II beinhaltete die Einschränkung der Manipulations-
möglichkeiten bei Akkordarbeit, Erholzeiten, ungestoppte Zeiten
für persönliche Bedürfnisse, Taktzeitbeschränkungen bei
Fließarbeit und Absicherungen für ältere Lohnabhängige. 35) Er
fand seine Fortsetzung in b e t r i e b l i c h e n Kämpfen um
Betriebsvereinbarungen über Arbeits- und Entlohnungsbedingungen
im Einsatz neuer Technologien, über neue Leistungsbewertungs- und
Personalinformationssysteme sowie in den gewerkschaftlichen
Streiks 1978/79 für t a r i f v e r t r a gl i c h e Regelungen
gegen die Rationalisierungsfolgen (Mindestmaschinenbesetzungen,
Qualifikationsbewertungen, Sicherung des durchschnittlichen
betrieblichen Qualifikationsniveaus, Schutz vor Dequalifikation
und Abgruppierung). 36) "Hinter der vermeintlichen vornehmlichen
Lohnorientierung der Arbeitnehmer bei der Kritik an
Abgruppierungsprozessen (wurde) ein komplexes Bündel an
Interessen sichtbar", so eine soziologische Begleitstudie zum IG-
Metall-Streik 1978 in Baden-Württemberg. "Die während der
Tarifauseinandersetzung sichtbar gewordene Interessen-
artikulation... macht noch deutlich, in welchem Maße - betriebs-
wie lebensgeschichtlich - von Wünschen und Interessen an fachlich
interessanter Arbeit, an Arbeitsbedingungen mit Zeit- und
Kommunikationsreserven, an fehlendem Streß, an Arbeitsfreude und
an Entwürfen von Arbeitsidentität ausgegangen bzw. dies zu-
rückerinnert wird." 37)
Auch die Forderung nach A r b e i t s z e i t v e r k ü r-
z u n g (35-Stunden-Woche) im Stahlstreik 1978/79 reflektierte
neben den Arbeitsmarkt- und Reproduktionsinteressen zugleich so-
ziale Bedürfnisse. Die Ausdehnung der freien Zeit für nichtent-
fremdete Hobbyarbeit, für sportliche und kulturelle Betätigung,
für Bildung und Weiterbildung, für Kindererziehung, Reisen, so-
ziale Kontakte und Kommunikation, kurz für die Realisierung eines
sozial aktiven, sinnerfüllten Lebens wird zunehmend höher bewer-
tet als die in vergleichbarer Zeit erzielbaren Geldeinkommen.
Dieser Trend setzt sich allerdings - angesichts der oben skiz-
zierten Relevanz der Geldeinkommen für all diese Reproduk-
tionsformen in der freien Zeit und angesichts der starken
Einkommensdifferenzierungen - vor allem unter solchen Gruppen der
Lohnabhängigen durch, deren Lohnniveau (zumindest familiär) so
weit über dem normalen Lebensstandardniveau liegt, daß Anteile
gegen freie Zeit austauschbar erscheinen. Indizien dafür bieten
die zunehmend militanter gestellten Forderungen nach Ein-
schränkung der Überstundenarbeit bzw. ihrer Abgeltung durch an-
derweitig verfügbare freie Zeit, die Auseinandersetzungen um die
Schichtarbeit, Forderungen nach nicht sozial diskriminierten
Teilzeitarbeitsplätzen, also nach insgesamt flexibleren Möglich-
keiten, das Verhältnis von Arbeitszeit und freier Zeit zu gestal-
ten. Die abnehmende Bereitschaft, die monetäre Abgeltung gesund-
heitsschädigender Arbeitsbedingungen hinzunehmen, findet also
ihre Parallele im Bereich der Arbeitszeit.
Diese Tendenzen in der Bedürfnisentwicklung werden sich weiter
verstärken. Ob die darin enthaltenen Möglichkeiten zur Realisie-
rung solcher Bedürfnisse nur privilegierten Teilen der Bevölke-
rung vorbehalten bleiben - und damit auch Spannungen zwischen
verschiedenen Fraktionen der Lohnabhängigen erzeugt werden - oder
auch der breiten Masse der Lohnabhängigen zugute kommen, wird mit
vom Kampf der Gewerkschaften abhängen.
Das seit 1974 wieder akute "R e c h t a u f A r b e i t"
wurde nicht allein als beschäftigungspolitische Forderung an den
Staat adressiert, sondern in betrieblichen Abwehrkämpfen gegen
Betriebsstillegungen und Massenentlassungen konkretisiert. An die
Stelle der monetären Entgeltung des Arbeitsplatzverlustes qua So-
zialplanregelungen treten zunehmend Forderungen und soziale
Kämpfe für die Erhaltung der Arbeitsplätze, werden z.T. sogar ei-
gene Programme zur Umstrukturierung der Produktion entworfen, die
mit gesamtgesellschaftlichen Bedarfsrechnungen begründet werden.
Dies gilt auch für einige Bereiche des öffentlichen Dienstes, die
der gesellschaftlichen Reproduktion der Lohnabhängigen dienen. In
diesen Bereichen verbindet sich vielfach das Arbeitsplatzinter-
esse mit den gesellschaftlichen Reproduktionsinteressen der
Lohnabhängigen. Aus dieser Interessenverflechtung heraus konsti-
tuierten sich 1981/82 zahlreiche Aktionen zur Erhaltung öffentli-
cher Dienstleistungen und zur Arbeitsplatzsicherung. Da gewerk-
schaftlich initiierte und organisierte Aktionen in diesem Sektor
zumeist um die Arbeitsplatzproblematik zentriert sind - im Gegen-
satz zur weiter gefaßten programmatischen Orientierung des DGB -,
wurden gesellschaftliche Reproduktionsbedürfnisse in den 70er
Jahren vorwiegend und zunehmend durch Bürgerinitiativen und ähn-
liche soziale Bewegungen aktionsbezogen artikuliert. Vor allem im
Bildungs-, Erziehungs- und Wissenschaftssektor kam es zu einer
aktiven Kooperation zwischen Bewegungen der Betroffenen (Schüler,
Studenten, Eltern) und den Gewerkschaften (GEW/ÖTV). Im Ansatz
entwickelten sich ähnlich kooperative Beziehungen im Gesundheits-
sektor, in Bereichen der Sozialarbeit, der Bahn und der Post. Ty-
pisch ist aber die organisatorische Arbeitsteilung und Verselb-
ständigung geblieben: Gewerkschaften entwickelten Gegenmacht für
arbeitsplatzzentrierte Bedürfnisse und bezogen gesellschaftliche
Bedürfnisse in ihre Argumentation mit ein, Bürgerinitiativen ent-
falteten aktionsbezogene Gegenmacht für örtliche und regionale
Reproduktionsbedürfnisse.
In einer Reihe von Widerspruchskomplexen führte diese Situation
zur scharfen politischen Konfrontation. Das gilt in erster Linie
für die Komplexe Umweltzerstörung, Kernkraftwerke 38), Großbau-
projekte 39) und die davon besonders berührten Gewerkschaften IG
Bergbau und Energie, IG Chemie und IG Bau, Steine, Erden. Diffe-
renzierter entwickelten sich die Beziehungen im Sektor der Rü-
stungsproduktion, in dem z.B. die IG Metall Initiativen von Be-
triebsräten der Rüstungsindustrie zur "Liberalisierung" der Waf-
fenexporte stoppte und betriebliche Initiativen zur Rüstungskon-
versionsforschung unterstützte. 40) Neben der unterschiedlichen
Betroffenheit der einzelnen Gewerkschaften von Konfliktsituatio-
nen zwischen gesamtgesellschaftlichen Bedürfnissen und partikula-
ren Arbeitsplatzinteressen spielen mithin auch die ideologischen
Wertorientierungen der betroffenen Gewerkschaften eine wichtige
Rolle im Entscheidungsprozeß.
Ende der 60er Jahre waren die systematischen Neuordnungskonzepte
des DGB-Gründungskongresses 1949 (Mitbestimmung, Nationalisierung
der Schlüsselindustrien, Planwirtschaft) zugunsten pragmatischer
Mitarbeit in der Konzertierten Aktion an den Rand gewerkschaftli-
cher Programmatik gedrängt worden. Erst die Diskussion um die
"Qualität des Lebens", später das Problem der Arbeitslosigkeit,
belebten die Ausarbeitung w i r t s c h a f t s p o l i t i-
s c h e r A l t e r n a t i v k o n z e p t e in den Gewerk-
schaften. Kristallisationspunkt systematischer Alternativen und
nicht nur partieller Korrekturen des Marktprozesses wurden seit
Mitte der 70er Jahre die Alternativgutachten der "Memo-Gruppe",
die in ihren letzten Arbeiten unter dem Begriff des "qualitativen
Wachstums" die Bedürfnisse nach einer ökologischen, vollbeschäf-
tigungsorientierten und humanen Produktion integrierte.
Die Rezeption und Verbreitung gesellschaftlicher Alternativpro-
gramme, zu denen sich sukzessive zahlreiche Strukturentwicklungs-
pläne für einzelne Regionen oder Sektoren (z.B. Schulen) gesell-
ten, verweist zugleich auf die differenzierte Formierung der so-
zialen Bedürfnisse. Sie sind unter den betrieblichen Kadern der
industriellen Arbeiterklasse dort verbreitet, wo Konflikte und
soziale Kämpfe in Verbindung mit gewerkschaftlicher Schulungs-
und Bildungsarbeit Lernprozesse auslösen und die Aneignung stra-
tegischer Konzeptionen ermöglichen. Zweitens verbreiten sie sich
in Gruppen der Arbeiterklasse und der lohnabhängigen Mittel-
schichten, deren generell höhere Allgemeinqualifikationen die Re-
zeption verallgemeinerter, strategischer Überlegungen erleich-
tert. Anstöße gehen aber auch in diesen Gruppen von Partialkon-
flikten aus (Ökologie, Arbeitslosigkeit, Enthumanisierung, Ent-
fremdung), deren gesellschaftliche Ursachen analysiert werden.
Und drittens werden sie vor allem von aktiven ehren- und haupt-
amtlichen Funktionären der Gewerkschaftsbewegung auf allen Ebenen
aufgenommen, die gleichermaßen über die erfahrbaren Grenzen ihrer
Alltagsarbeit wie über die ideologischen Traditionen der Arbei-
terbewegung dafür offen sind.
Zwischen alltäglichen Schutzbedürfnissen und gesellschaftsverän-
dernden Alternativen liegen M i t b e s t i m m u n g s- u n d
K o n t r o l l f o r d e r u n g e n im Schnittpunkt gewerk-
schaftlicher, demokratischer, aber auch sozialistischer Wertori-
entierungen. Mitbestimmungsrechte können im betrieblichen Alltag
und in den privatkapitalistischen und staatlichen Entscheidungs-
prozessen die sozialen Interessen in rasch wechselnden Problem-
komplexen sichern helfen, denn Tarifverträge greifen meist zu
spät. Gegen Ende der 60er Jahre wurden Mitbestimmungsrechte und
die Demokratisierung in nahezu allen Gesellschaftsbereichen
gefordert. 41) Die gewerkschaftliche Bewegung für ein neues Mit-
bestimmungsgesetz, die auf die SPD und den parlamentarischen Pro-
zeß fixiert wurde, blieb im Kern begrenzt auf gewerkschaftliche
Aktivisten. Die umfassenden Mobilisierungsmöglichkeiten der Ge-
werkschaften in der Abwehr von Plänen zur Liquidierung der
Montanmitbestimmung im Mannesmann-Konzern beweisen dennoch die
breite Verankerung der Mitbestimmungsforderung. Allein am 29./30.
Juli 1980 legten dafür 50 000 Arbeiter spontan die Arbeit in
zahlreichen Betrieben der Stahlindustrie nieder. 42)
Auch zahlreiche neue Befragungen belegen die ungebrochene - oder
neu belebte? - Bedeutung der sozialen Bedürfnisse nach Mitbestim-
mung über die Herrschafts i n h a l t e (betriebliche und
staatliche Planung über das Was, Wie, Für wen der Produktion) und
der Herrschafts f o r m e n (Demokratisierung der Entschei-
dungsstrukturen: Offenlegung, Kontrolle, Beteiligung). Unter den
gewerkschaftlichen Aktivisten und Funktionären wie unter den
höherqualifizierten Lohnabhängigengruppen ergeben sich über-
durchschnittlich hohe Prioritäten für die gewerkschaftlichen
Mitbestimmungsforderungen, verglichen mit anderen Forderungskom-
plexen. 43)
Die praktische Erfahrung der unzulänglichen Mitbestimmungskompe-
tenzen nach dem Mitbestimmungsgesetz von 1976 verwies die Gewerk-
schaften auf die originäre Entfaltung von Gegenmacht durch Orga-
nisations- und Kampfkraft zurück. 44) Die Konfliktverläufe beleb-
ten aber auch die innergewerkschaftlichen "Mitbestimmungsfor-
derungen" (Kontrolle gewerkschaftlicher Mandatsträger in
Mitbestimmungsinstitutionen, innergewerkschaftliche Demokratie).
3. Organisationsentwicklung und politische Prozesse
---------------------------------------------------
in der gewerkschaftlichen Organisation
--------------------------------------
Wie intensiv die sozialen Bedürfnisse von Lohnabhängigen subjek-
tiv ausgeprägt sind, die Arbeits- und Lebensbedingungen der eige-
nen Kontrolle zu unterwerfen und dabei die Entwicklungsschranken
der kapitalistischen Vergesellschaftung in Frage zu stellen, ist
auch an der gewerkschaftlichen Organisationsentwicklung ablesbar.
Mitgliedschaft in den Gewerkschaften, die Übernahme von gewerk-
schaftlichen und betrieblichen Interessenvertretungstätigkeiten
und -funktionen sowie das politische Verhalten innerhalb der Or-
ganisation können als Indikatoren für die kollektive Handlungsbe-
reitschaft gelten. In einzelnen Gewerkschaftsbereichen sind zwar
die Mitgliedschaft und die Vertrauensleute- und Betriebsrätewah-
len als selbstverständliche, traditionelle Routinevorgänge in die
politische Alltagskultur eingegangen und werden vom einzelnen
nicht in bewußter Reflexion unmittelbarer oder perspektivischer
Konflikte, seiner konkreten Bedürfnisse, Ziele und ihrer Durch-
setzungschancen vollzogen. Aber im allgemeinen müssen doch immer
wieder gesellschaftliche Widersprüche die Bedürfnisintensität für
eine gewerkschaftliche Organisierung steigern und die Gewerk-
schaften periodisch ihre Interessenvertretungskompetenzen unter
Beweis stellen, wenn sie nicht einem schnellen oder langsamen
(über Fluktuation und Generationswechsel vermittelten) Erosions-
prozeß ihres Mitgliederstamms und Organisationsgrades unterliegen
wollen.
Zudem sind auch geringer motivierte Mitglieder und Funktionäre in
den politischen Sozialisationsprozeß der gewerkschaftlichen Orga-
nisation einbezogen, der über die intensivere Teilhabe an be-
trieblichen und gesellschaftlichen Konflikten und die organisati-
onsinternen Prozesse (Tätigkeiten, Bildungsarbeit, Versammlungen)
vermittelt ist, und in dem die noch diffusen Bedürfnisse auf ge-
werkschaftliche Ziele hin strukturiert werden. Schließlich ist
die gewerkschaftliche Organisierung und Tätigkeit nach wie vor
eine mit vielfachen beruflichen, sozialen und politischen Diskri-
minierungen verknüpfte Entscheidung geblieben, die deshalb vor
allem in gewerkschaftlich gering erschlossenen Sektoren weiterhin
als Indiz bewußter Entscheidung für gewerkschaftlich artikulierte
Bedürfnisse gelten kann. 45) Insofern spiegeln sich in der Orga-
nisationsentwicklung deutlich die schon in den sozialen Kämpfen
erkennbaren Trends.
3.1 Organisationsentwicklung
----------------------------
Die Mitgliederzahl in den DGB-Gewerkschaften stieg von 5,4 Mil-
lionen 1950 auf 7,9 Millionen Mitglieder 1981, genau um 46 Pro-
zent. Erst mit dem Wiederaufbrechen der sozialen Widersprüche,
Konflikte und Kämpfe seit 1969/70 hat sich der Organisationsgrad
wieder dem Niveau der 50er Jahre angenähert. Die Schere zwischen
einer Bejahung der Gewerkschaften und dem realen Organisations-
verhalten hat sich in dem Maße geschlossen, wie die Notwendigkeit
kollektiver Strategien zur Verbesserung und Verteidigung der in-
dividuellen und kollektiven Reproduktionsbedingungen den Lohnab-
hängigen bewußt wurde. Zentren der gewerkschaftlichen Organisa-
tion bleiben die industriellen Arbeiter in Großbetrieben. Die
höchsten Zuwachsraten haben indes die Angestellten und die
Frauen. Der Angestelltenanteil im DGB wuchs von 16,8 Prozent 1973
auf 21,4 Prozent 1981, der Frauenanteil von 16,5 Prozent auf 20,7
Prozent. Zwischen 1979 und 1981 verzeichneten nur noch die Frauen
und Angestellten einen starken Mitgliederzuwachs um 7,1 bzw. 5,8
Prozent, während der Zuwachs bei den männlichen Mitgliedern ins-
gesamt lediglich 0,6 Promille betrug.
Diese Ergebnisse wurden trotz rückläufiger Lohnabhängigenzahlen
erzielt. Das wurde nicht zuletzt durch eine Intensivierung der
Organisationsarbeit möglich, die sich in der Ausweitung der als
Vertrauensleute und Betriebsräte agierenden Gewerkschaftsmitglie-
der ausdrückt. Mit der Zunahme sozialer und betrieblicher Kon-
flikte wuchsen die Bereitschaft und der Zwang zu gewerkschaftli-
chem Engagement für die Lohnabhängigen und die Notwendigkeit für
die Gewerkschaften, ihre organisatorische Verankerung betriebs-
und basisnäher zu gestalten. In fast allen Gewerkschaften wurde
deshalb die Vertrauensleutearbeit in den 70er Jahren ausgeweitet;
häufig wurden Vertrauenskörper oder gewerkschaftliche Betriebs-
gruppen überhaupt erst langsam aufgebaut. Exemplarisch zeigt die
Entwicklung der IG Metall diesen Intensivierungsprozeß: 46)
Tab.:
Wahlformen der IG-Metall-Vertrauensleute im Bundesgebiet
A B C D Gesamt
1967 43 132 20 510 27 992 5 531 88 000
% 49 23,3 31,8 6,3 -
1979 100 507 11 352 - 7 239 119 098
% 84,3 9,5 - 6,0 -
_____
A: im Wirkungsbereich im Betrieb gewählt
B: in der Mitgliederversammlung gewählt
C: von IGM-Mitgliedern im Betriebsrat ernannt
D: von der Ortsverwaltung berufen
Wurden 1967 nur 49 Prozent der Vertrauensleute im Betrieb ge-
wählt, so waren es 1979 84 Prozent. Daß diese betriebs- und ba-
sisnähere Gestaltung der gewerkschaftlichen Organisation nicht
als passiver, von oben administrierter bürokratischer Vorgang be-
griffen werden kann, zeigten die Konflikte in der IG Chemie um
die Ablösung der betrieblichen durch gewählte gewerkschaftliche
Vertrauensleute auf dem Gewerkschaftstag 1980 sowie die nach lan-
gen Diskussionen in der ÖTV verabschiedeten Richtlinien zur Ver-
trauensleutearbeit, die ihre bessere Absicherung in der Organisa-
tion ermöglichten. Wie in den Konflikten in der IG Metall um die
Kompetenzen der Vertrauensleute in der Satzung reflektiert sich
in diesen Auseinandersetzungen das Bedürfnis nach effektiverer
betrieblicher Gegenmacht und basisnäheren Handlungskompetenzen.
47)
Schätzungen der aktiven Mitglieder von Bürgerinitiativen lagen
für 1975/1977 zwischen 60 000 und 170 000 Personen. 48) Das fände
zum Beispiel eine Entsprechung in den 151 807 Betriebsratsmit-
gliedern in der BRD, die dem DGB angehören und als solche
zugleich zahlreiche gewerkschaftliche Funktionen bekleiden. Al-
lein in der IG Metall sind zu 56873 gewählten Betriebsratsmit-
gliedern 1978 noch einmal 88901 (ohne Überschneidungen) 1979 ge-
wählte Vertrauensleute und 5 435 IG-Metall-Jugendvertreter zu
zählen. 49) Im Verhältnis zu den eher diskontinuierlich, an kon-
kreten Konflikten im Reproduktionssektor orientierten Bürgeri-
nitiativen - deren organisatorische Stabilität mit der Konflikt-
zunahme und der Bedürfnisentwicklung zunehmen dürfte - sind diese
in relativ kontinuierliche Interessenvertretungsarbeit inte-
griert. Gerade unter gewerkschaftlichen Funktionsträgern er-
schöpft sich die Tätigkeit nicht in der betrieblichen Arbeit,
sondern bezieht sich auch auf die übergreifenden gesellschaftli-
chen Probleme. Wie Untersuchungen zeigen, repräsentieren solche
Aktivisten besonders akzentuiert gewerkschaftliche Wertorientie-
rungen und sind überdurchschnittlich mobilisierbar. 50) Ihre Ar-
beit selbst drückt zugleich das Bedürfnis nach aktiver Mitwir-
kung, Mitbestimmung und Kontrolle - mithin demokratische Orien-
tierungen - aus. So wären von ihnen 61 Prozent bestimmt bereit zu
"spontanen Versammlungen am Arbeitsplatz" (gegenüber 45 Prozent
der Mitglieder). Es verwundert deshalb auch nicht, daß für Ge-
werkschaftsmitglieder und Jugendliche übereinstimmend progressi-
vere gesellschaftspolitische Einstellungen (gegenüber allen Be-
fragten, ausgenommen den Themenkomplex Kernkraftwerke) festge-
stellt wurden. 51)
3.2 Entwicklung autonomer Handlungsfähigkeit
--------------------------------------------
Zugleich bilden die gewerkschaftlich organisierten Betriebsräte
plus Vertrauensleute, Betriebsgruppen und Ortsvereine eine Infra-
struktur, die in Konfliktsituationen die Mitgliedschaft und in
Streiks häufig auch große Teile der unorganisierten Lohnabhängi-
gen zu mobilisieren vermag. Die Warnstreikaktionen der IG Metall
1981 mit 3 Millionen Teilnehmern, die 7632 Betriebe in allen Be-
zirken erfaßten, zeigt das Potential exemplarisch, denn die Lega-
lität dieser Warnstreikaktionen wurde von den Unternehmerverbän-
den in Frage gestellt, und den Beteiligten wurden die entspre-
chenden Stundenlöhne vom Gehalt abgezogen. 52)
In diesen Warnstreikaktionen spielte der organisierende Einfluß
der Gewerkschaft zwar eine große Rolle. Gleichwohl setzten sie
ein größeres Maß an selbständiger betrieblicher Initiative als
ein gewerkschaftsoffizieller Streik voraus. Nach den spontanen
Streiks 1969 und 1973 können die Dimensionen der Warnstreikaktio-
nen 1981 und die Fähigkeit zu einer solchen Gewerkschaftstaktik
zugleich als Beleg für die in den 70er Jahren intensivierte ge-
werkschaftliche Basisverankerung über Betriebsräte und Vertrau-
enskörper gewertet werden. Dies gilt gleichermaßen für andere Ge-
werkschaften, die ihre Infrastruktur nach dem Vorbild der IG Me-
tall und der IG Druck und Papier in unterschiedlichem Ausmaß zum
Betrieb hin erweitert haben, damit kampffähiger wurden und dies
in fast allen Bereichen, mindestens mit größeren Warnstreikaktio-
nen während der Tarifrunden - Anfang der 70er Jahre noch nahezu
ein Privileg der IG Metall -, dokumentierten.
3.3. Zentren und informelle Strukturen
--------------------------------------
Die Integration der Gewerkschaftsführungen in globale wirt-
schaftspolitische Strategien des Staates seit Bildung der Konzer-
tierten Aktion hatte nicht nur zu starken innergewerkschaftlichen
Debatten (z.B. IGM-Gewerkschaftstag 1971) bis zum Austritt 1977
geführt, sondern auch zu den zwei spontanen Streikwellen 1969 und
1973, in denen die sozialpartnerschaftliche Lohnpolitik durch ei-
genständiges Handeln korrigiert wurde. Typisch unter organisati-
onspolitischen Gesichtspunkten war dabei, daß die Streiks jeweils
von gewerkschaftlich hochorganisierten Großbetrieben ausgingen,
die über Kampferfahrungen verfügten, deren formelle und infor-
melle gewerkschaftliche und betriebliche Führungsgruppen zumeist
über klassenorientierte Positionen verfügten und deren Politik
sich auf eine starke Legitimation und Mobilisierungsbereitschaft
stützen konnte. Erst in einem allgemeinen Streikklima wurden Be-
triebe peripherer Regionen in solchen Streikwellen mitgerissen.
Selbst in den betrieblichen Streiks gegen den CDU/CSU-Versuch,
die Bundesregierung zu stürzen, wurde 1972 die relativ konstante
Struktur initiierender Betriebe und Belegschaften sichtbar, die
quasi als Zentren der Bewegung fungieren. Auch innerhalb der ge-
schlossenen Strukturen des Stahlarbeiterstreiks 1978/79 reprodu-
zierte sich in konkreten politischen Initiativen, in der Intensi-
tät der Streikbeteiligung und der Entwicklung kultureller Formen
des Streiks die informelle Führungsrolle der Belegschaften und
Funktionäre solcher Betriebe und Unternehmen wie Hoesch, Mannes-
mann, Klöckner. 53)
Eine besonders zugespitzte Konfliktsituation und die Handlungsbe-
reitschaft und -fähigkeit der jeweiligen gewerkschaftlichen Orga-
nisation ließen z.B. die IG Druck und Papier und die IG Metall
Baden-Württembergs zu Zentren des Kampfes gegen die Rationalisie-
rungsfolgen 1978, die IG Metall Hamburgs, des Saarlands und des
Ruhrgebiets zu Zentren betrieblicher und tariflicher Kämpfe gegen
die Arbeitslosigkeit zwischen 1975 und 1979 werden. 54)
Solche im DGB kaum koordinierten informellen Strukturen traten
quer zu zentralen sozialpartnerschaftlichen Orientierungen in den
DGB-Gewerkschaften in Aktion, wenn diese - zumeist wegen ihrer
Integration in staatliche Strategien, ihrer Bindung an die SPD
oder wegen ihrer Affinität zu passiven, konservativen Tendenzen
in der Organisation und Mitgliedschaft - unbeweglich und starr
wurden oder gar Aktionen und Initiativen ausdrücklich blockier-
ten. Dies galt gegen Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre vor al-
lem für die Blockierung größerer Widerstandsaktionen gegen den
staatlichen Sozialabbau, die gewerkschaftliche Beteiligung an der
Friedensbewegung und für die abweisende Haltung gegen die Ökolo-
gie-, Alternativ- und Jugendbewegung (Startbahn-West-Initiativen,
Hausbesetzerbewegung etc.).
Exemplarisch entwickelte sich in der Friedensbewegung - dies gilt
in unterschiedlichen Größenordnungen auch für andere Konflikt-
felder wie Berufsverbote oder ökologische Themen - die Beteili-
gung von Gewerkschaftern oder örtlichen und regionalen Gliederun-
gen über ihre Integration in lokale Friedensinitiativen und Foren
oder über ihre Zustimmung und Unterstützung zu Aktionen der Frie-
densbewegung. Auch hier dominierten einerseits Kräfte mit klas-
senorientierten Positionen aus den betrieblichen und regionalen
Zentren der industriellen Arbeiterklasse (IG Metall, IG Druck und
Papier) und andererseits, um Teile der ÖTV, GEW, Gewerkschaft
Kunst und HBV gruppiert, Kräfte aus den neuen Sektoren der Arbei-
terklasse und der lohnabhängigen Mittelschichten.
Vor allem über die letztere Gruppe vermittelt, die zusammen mit
Jugendlichen aus dem Ausbildungssektor zugleich sozialstrukturell
in den Bürgerinitiativen überrepräsentiert ist, entwickelten sich
kommunikative und organisatorische Durchdringungsprozesse zwi-
schen Gewerkschaftsbewegung und anderen sozialen Bewegungen. In
dieser Konstellation muß man von einem neuen Moment gegenüber der
Zusammenarbeit von Außerparlamentarischer Opposition (APO) und
Gewerkschaften gegen Ende der 60er Jahre sprechen, die vor allem
eine zwischen demokratischer Intellektuellenbewegung und klassen-
bewußten Teilen der i n d u s t r i e l l e n Arbeiterklasse
war. Zu dieser Zeit fehlten noch weitgehend die zu großen Teilen
durch die Studentenbewegung politisierten neuen, höherqualifi-
zierten Gruppierungen der Lohnabhängigen, die sich entlang ihrer
Klassenlage und betrieblicher wie gesellschaftlicher Konflikte
gewerkschaftlich orientierten und organisierten und partiell
Scharnierfunktionen zwischen beiden Bewegungen ausüben.
Die kommunikativen und organisatorischen Durchdringungsprozesse
verlaufen aber auch in umgekehrter Richtung. Repräsentanten die-
ser neuen Sektoren der Lohnabhängigen unterstützten in den 70er
Jahren die sozialen Kämpfe der industriellen Arbeiterklasse in
mehrfacher Hinsicht:
- Bei betrieblichen Abwehrkämpfen gegen Arbeitsplatzvernichtung
bildeten besonders Vertreter dieser Sektoren (bis hin zu Pfar-
rern) Bürgerinitiativen zur Unterstützung, die z. T. über die ma-
terielle und organisatorische Hilfe hinaus eine dynamisierende
politische Komponente in diesen Kämpfen darstellten. 55)
- Sie nutzten ihre spezifischen intellektuellen Fähigkeiten zur
Unterstützung der Arbeiterklasse. Dies reichte von der Unterstüt-
zung durch Künstler über die Hilfe von Naturwissenschaftlern,
Technikern und Medizinern zur kritischen Überprüfung von Arbeits-
bedingungen, Rationalisierungsfolgen, kritischen Bilanzanalysen
bis hin zur Hilfe bei der Ausarbeitung alternativer Produktions-
formen. Diese Hilfen waren z. T. gesamtgesellschaftlich orien-
tiert, vielfach aber auch konkret auf örtliche und betriebliche
Konflikte bezogen.
Die gewerkschaftliche Organisierung relevanter Minoritäten in den
neuen Sektoren ist kein im Alltag routinisierter Vorgang und des-
halb für die Beteiligten mit einer intensiveren Auseinanderset-
zung und Aneignung gewerkschaftlicher Wertorientierungen verbun-
den. So gehen von diesen Kräften häufig kritische Impulse zur
Formulierung klassenorientierter Positionen und zur Aufnahme
neuer sozialer Bedürfnisse in die gewerkschaftlichen Aktivitäten
aus. Ansatzweise traten regional und betrieblich hochkonzen-
trierte Bereiche, wie z. B. Stadtverwaltungen in Ballungsgebieten
(Ruhrgebiet), Universitäten, Funkhäuser oder Berufsgruppen wie
Lehrer, Kindergärtnerinnen, Wissenschaftler, Sozialarbeiter, als
initiierende Kräfte oder orientierende "Zentren" hervor. Im Un-
terschied zu den Zentren innerhalb der industriellen Arbeiter-
klasse haben sich hier noch keine stabilen Strukturen aufgetan.
Die neuen Wertorientierungen wurden für die aktive Gewerkschafts-
mitgliedschaft durch die Wiederbelebung einer eigenständigen Kul-
turarbeit stabilisiert. Nach der Zerstörung der Arbeiterkultur
durch Faschismus und Amerikanisierung und der Degradierung selbst
der traditionellen 1.-Mai-Feiern zu geschlossenen Festveranstal-
tungen brachten auch hier die 70er Jahre eine Trendwende. Der 1.
Mai als Kampftag mit Straßendemonstrationen, Kundgebungen und
Kulturfesten wurde - in vielen Städten neben dem DGB von autono-
men 1.-Mai-Komitees initiiert, die von Gruppen der außerparlamen-
tarischen Opposition, der Gewerkschaftsjugend und einzelnen Ge-
werkschaftsgliederungen getragen wurden - wieder selbstverständ-
licher Bestandteil gewerkschaftlicher Arbeit. Die Reaktivierung
des Internationalen Frauentags am 8. März und des Internationalen
Antikriegstags - ebenfalls zu Beginn von DGB-Führungsorganen
blockiert - wurden von aktiven Gewerkschafterinnen der IG Metall
und IG Druck und von der Gewerkschaftsjugend betrieben.
Der Aufbau von Kulturarbeitskreisen, Song-, Theater-, Kabarett-,
Film- und Videogruppen sowie Gewerkschaftschören verdreifachte
sich nach DGB-Angaben im Vergleich der Zeiträume 1973 bis 1975
und 1976 bis 1979. 56)
Die Ausbildung einer autonomen Identität als Arbeiterbewegung
förderte die spätestens seit Mitte der 70er Jahre expandierende
Geschichtsaufarbeitung, -aneignung und -diskussion in den Gewerk-
schaften, die sich zunehmend der örtlichen und regionalen Ge-
schichte zuwandte und zum Teil von Gewerkschaftern selbst mitge-
tragen wurde. Identität, Kontinuität und Zusammenhang der Gewerk-
schaftsbewegung stellen auch die nahezu selbstverständlich gewor-
denen Dokumentationen, Fotoausstellungen, Filme und Analysen über
aktuelle zentrale wie örtliche und betriebliche Aktionen und so-
ziale Kämpfe her, die von den Gewerkschaften - oft auch den ein-
zelnen Verwaltungsstellen in Zusammenarbeit mit entsprechenden
Wissenschaftlern und Kulturarbeitern - herausgegeben werden.
Viele Impulse der demokratischen und alternativen Kulturarbeit -
von Kulturveranstaltungen, phantasievollen Aktionsformen, Aus-
stellungen, Filmarbeit bis hin zu alternativen kommunalen Medien
- drangen sukzessive in die Gewerkschaftsarbeit ein und zeigen
keimhaft die Konturen einer neuen Kultur der Lohnabhängigen, die
Momente der alten Arbeiterkultur in sich aufnimmt. Sie dringen
aber erst äußerst sporadisch strukturierend in das Alltagsleben
der Lohnabhängigen ein.
3.4 Bedürfnisse nach innergewerkschaftlicher Demokratie
-------------------------------------------------------
In der gewerkschaftlichen Organisation selbst gehen kritische Im-
pulse zur deutlicheren Formulierung klassenautonomer, aktionsbe-
zogener Positionen wie zur Aufnahme und Durchsetzung neuer sozi-
aler Bedürfnisse und Interessen von den beiden skizzierten rup-
pierungen aus: von den konflikt- und kampferfahrenen, selbstbe-
wußten und klassenorientierten Teilen der industriellen Arbeiter-
klasse in einigen betrieblichen und regionalen Zentren der Arbei-
terklasse sowie von den gewerkschaftlich organisierten Teilen hö-
herqualifizierter Lohnabhängigengruppen.
Insgesamt gilt für die gegen Ende der 60er Jahre aktiv gewordene
und langsam dominierend werdende Generation von Gewerkschaftern,
daß mit der Verlagerung der politischen Sozialisation in die
"sekundäre und tertiäre Erziehungsphase" (Schule, Arbeitsplatz,
Massenmedien) ihr "Verhältnis zur Gewerkschaft" als der eigenen
Organisation zunehmend weniger emotional geprägt ist.
"Loyalität", so die Ergebnisse einer Studie des SOFI, "ist nicht
mehr selbstverständlich; der Konsens ist stärker auf explizit po-
litische Positionen begründet;... Entscheidungen der Gewerk-
schaftsorganisationen, ihrer Gremien und Vertreter, wird nicht
mehr vorbehaltlos vertraut und zugestimmt...". Gewerkschaftspoli-
tik könne nurmehr begrenzt auf einen "Vertrauensbonus" setzen.
57)
Neben der praktischen Kritik gewerkschaftlicher Politik in spon-
tanen Streiks und dem Engagement in nur partiell tolerierten In-
itiativen außerhalb der Gewerkschaften äußerte sich das Bedürfnis
nach Mitbestimmung und Demokratisierung auch gegenüber den zu
zentralisierten und komplexen Massenorganisationen gewordenen Ge-
werkschaften. Kristallisationspunkt der Forderungen nach mehr in-
nergewerkschaftlicher Demokratie wurde die Einbeziehung der Mit-
glieder in die Aufstellung der Forderungen und den Ablauf der Ta-
rifrunden. Am Anfang der 70er Jahre war die Aufstellung der Ta-
rifforderungen von großen betrieblichen Diskussionen begleitet,
die in betrieblichen, örtlichen und regionalen Forderungen und
Forderungskomplexen zusammengefaßt wurden. Im Ergebnis dieser
Diskussions- und Partizipationswelle bis 1974/75 wurden auf den
Gewerkschaftstagen vielfach Richtlinien zum Tarifprozeß verab-
schiedet, die mehr Transparenz und eine effektivere Mitgliederbe-
teiligung ermöglichen sollten.
Weitere Kristallisationspunkte wurden die Stellung der hauptamt-
lichen Funktionäre (Wahl- oder Angestelltenfunktion), der Status
der basisnahen Vertrauensleute in der Gesamtorganisation, die Be-
stellungsverfahren und Kompetenzen der Tarifkommissionen und der
Vorstände sowie die direkten und indirekten Machtkompetenzen der
Vorstände auf Gewerkschaftstagen, die auf dem Gewerkschaftstag
der IG Metall 1977 kritisiert wurden und zur Änderung der Ge-
schäftsordnung führten. Der Ablauf der Antragsberatungen wurde
zugunsten kritischer Abänderungsanträge erleichtert und damit de-
mokratisiert.
Die Auseinandersetzungen um das Verhältnis von innergewerkschaft-
licher Demokratie und Zentralisierung durchzogen die 70er Jahre.
An einer ungestörten Verfolgung ihrer selektiven korporativen
Strategien interessierte sozialpartnerschaftliche Kräfte sperrten
sich gegen eine intensivere politische Koordinierung der gewerk-
schaftlichen Tarifpolitik. Gleichzeitig drängten sie zum Teil auf
die Zentralisierung von Entscheidungskompetenzen in anderen Fra-
gen, um kritische und klassenorientierte Impulse der Gewerk-
schaftsbasis besser kontrollieren und beherrschen zu können. Sol-
che "Zentralisierung" wurde von den klassenautonomen Kräften, die
für eine stärkere politische Koordinierung eintraten, abgelehnt.
Sie engagierten sich gleichzeitig für die Stärkung der autonomen
Kompetenzen gewerkschaftlicher Basisorgane. Klassenorientierte
Kräfte aus den neuen Sektoren der Lohnabhängigen hingegen lehnten
vielfach von basissyndikalistischen Positionen aus "politische"
Zentralisierungselemente generell ab. So entstanden in Abstimmun-
gen um vordergründig formale Satzungs- und Kompetenzregelungen
vielfach quer zu den politischen Fronten verlaufende Diskussions-
und Abstimmungsprozesse.
Das soziale Bedürfnis des neuen Typus gewerkschaftlicher Aktivi-
sten nach Persönlichkeitsentfaltung auch innerhalb der gewerk-
schaftlichen Organisation, nach transparenten und demokratischen
Strukturen hat deutliche Konturen angenommen. Der Neue-Heimat-
Skandal, der über den unmittelbaren Anlaß hinaus offenbarte, wie-
weit sich eine Bürokratie durch Einkommen, Lebensweise und
-milieu von ihrer Basis entfernen kann, belebte die Diskussion um
innergewerkschaftliche Reformen zusätzlich.
4. Brüche, Probleme und Politikbedarf
-------------------------------------
Die Ausbildung neuer Momente in der gewerkschaftlichen Politik
wurde global betrachtet, um ihr Gesamtpotential zu erfassen. Zwei
wichtige Tendenzen sind zu resümieren: In relevanten Teilen der
industriellen Arbeiterklasse wie auch in den neuen Sektoren der
Lohnabhängigen hat sich in den 70er Jahren eine g e w e r k-
s c h a f t l i c h e W e r t o r i e n t i e r u n g ausgewei-
tet und vertieft. Sie war teilweise mit der Ausprägung neuer
sozialer Bedürfnisse sowie der Verbreitung d e m o k r a t i-
s c h e r W e r t o r i e n t i e r u n g e n verbunden.
Ein realistisches Bild gewerkschaftlicher Wirklichkeit erfordert
indes gleichzeitig die R e l a t i v i e r u n g dieser neuen
Momente vor dem Hintergrund der G e s a m t e n t w i c k-
l u n g der Arbeiterklasse und der Gewerkschaften wie die
Einbeziehung der B r ü c h e in diesem Entwicklungsprozeß:
Die Reaktivierung klassenorientierter autonomer Positionen und
die Aufnahme neuer sozialer Bedürfnisse konnten sich nur in eini-
gen Sektoren als Mehrheitsposition etablieren (Einzelgewerk-
schaften, regionale Gliederungen, Großbetriebe). Sie verblieben
insgesamt gegenüber den traditionellen Inhalten und Politikformen
der sozialpartnerschaftlich-kooperativen Strömung in einer
Minderheitsposition.
Die neuen sozialen Bedürfnisse wurden zumeist außerhalb der Ge-
werkschaften in verschiedenen sozialen Bewegungen, z.T. in Di-
stanz, z.T. sogar in politischer und organisatorischer Konkurrenz
zu den Gewerkschaften, in klassenindifferenten reformerischen
Konzeptionen formuliert. Da sich ihre Kritik auch auf klassenau-
tonome Positionen richtete und klassenorientierte Gewerkschafter
ihrerseits mit einer mangelnden Sensibilität für solche neuen so-
zialen Bedürfnisse reagierten, wurden gegenseitige Lernprozesse
blockiert und zeitweilig eine Kooperation bei der Entwicklung und
Durchsetzung klassenautonomer Positionen gegenüber der dominie-
renden sozialpartnerschaftlichen Strömung erschwert.
Mit der ökonomischen Krise 1974/75, der anhaltend depressiven
Entwicklung, der "Modernisierungs"strategie des bundesdeutschen
Finanzkapitals und ihren sozialökonomischen Konsequenzen und vor
allem mit der strukturellen Massenarbeitslosigkeit aktualisierten
sich in der Arbeiterklasse angesichts ihrer unterschiedlichen
Krisenbetroffenheit die Konkurrenz-, Segmentierungs- und Fraktio-
nierungsprozesse. Erfolgreich wurde daran gegen Ende der 70er
Jahre von sozialdemokratischer Seite angeknüpft. Einerseits wurde
mit Verweis auf die günstige bundesdeutsche Weltmarktstellung ein
neuer nationaler Basiskonsens entworfen (Modell Deutschland), 58)
andererseits wurden wichtige Fraktionen der Arbeiterklasse in se-
lektive korporative Strategien der Interessenvertretung einbezo-
gen. Gleichzeitig konnten in dem Maße, wie die Krisenentwicklung
die materiellen und politischen Ressourcen dieser sozialdemokra-
tischen Strategie verringerte, konservative Politikstrategien
seit 1974/75 erfolgreich nationalistische und antigewerkschaftli-
che Vorurteile sowie reaktionäre Züge antibürokratischer Stimmun-
gen in den weniger qualifizierten und von der Krise stärker be-
troffenen lohnabhängigen Schichten (in häufig strukturschwachen
ländlichen Gegenden, bei stärkerer Konkurrenz mit Ausländern um
Arbeitsplätze) aktivieren sowie ständische Interessenstrukturen
und Bewußtseinsformen und die Vergesellschaftungsängste qualifi-
zierter und sozial besser abgesicherter Angestellten- und Beam-
tengruppen mobilisieren. 59)
Wie 1969 die Septemberstreiks, so ermöglichte auch 1978/79 die
massive Welle gewerkschaftlicher Kämpfe und die breite öffentli-
che Thematisierung sozialer Probleme (Rationalisierung, neue
Technik, Arbeitslosigkeit, Arbeitszeitverkürzung) zeitweilig eine
Trendwende im politischen Klima und in den politischen Kräftever-
hältnissen innerhalb der Arbeiterklasse, der Gewerkschaften und
partiell der Gesamtgesellschaft. Doch die Konstituierung einer
einheitlichen kollektiven Gegenstrategie, die neue soziale Be-
dürfnisse klassenbezogen aufgreift, wurde durch den temporär und
partiell bleibenden Charakter der einzelnen Kämpfe und Konflikte
erschwert. Die alternativen Strategieansätze blieben zersplit-
tert. Die spontanen Streiks 1973 und der Stahlarbeiterstreik
1978/79 wurden z.T. sozialpsychologisch als Niederlagen verarbei-
tet und waren von Resignationstendenzen bei gewerkschaftlichen
Aktivisten begleitet. 60)
Die betriebliche politische Repression gegen klassenorientierte
Kräfte nach den Streiks 1973 - Entlassungen von Streikführern und
massenhafte Nichtübernahme von Jugendvertretern -, die Berufsver-
botepraxis im öffentlichen Dienst seit 1972 und die Arbeitslosig-
keit verstärkten solche Resignationstendenzen und unterbrachen
jeweils zeitweilig (1974"76; nach 1979) die Ausbildung der neuen
Momente gewerkschaftlicher Politik.
Administrative, organisatorische und ideologische Gegenstrategien
der sozialpartnerschaftlichen Kräfte in den Gewerkschaften bloc-
kierten den Formierungsprozeß klassenautonomer Positionen zusätz-
lich, u. a. durch die Personalpolitik, Unvereinbarkeitsbeschlüsse
und Verhaltensrichtlinien für Funktionäre sowie durch die inner-
gewerkschaftliche Aufnahme der von den Kapitalverbänden lancier-
ten Vorwürfe "kommunistischer Unterwanderung".
Trotz der sozialpartnerschaftlichen Hegemonie innerhalb der Ar-
beiterbewegung und der restaurativen und konservativen Brüche
verbleibt eine - im Vergleich zur relativ homogenen restaurativen
Rechtsentwicklung der Arbeiterbewegung im Klima des Kalten Kriegs
und der ökonomischen Prosperität - widersprüchliche, offene, meh-
rere Entwicklungsvarianten ermöglichende Situation. Die skiz-
zierte Substanz der gewerkschaftspolitisch a k t i v e n Mit-
gliedschaft, gerade in den jüngeren Generationen der Arbeiter-
klasse und unter ihren neuen Sektoren, wie die Resonanz gewerk-
schaftlicher und demokratischer Wertorientierungen unter allen
Lohnabhängigen konnten sich bislang nur unzureichend entfalten.
Es fehlte an gewerkschaftlicher Führungstätigkeit im Sinne einer
verallgemeinernden und politischen Zusammenfassung und Orientie-
rung durch die O r g a n i s a t i o n. Dies wurde nur gele-
gentlich und in Teilsektoren ausgeglichen durch die mehr infor-
melle politische Führungstätigkeit von betrieblichen, regionalen
oder einzelgewerkschaftlichen Zentren, die exemplarisch in be-
stimmten Problembereichen gewerkschaftliches Gegenmachtpotential
aktivierten und ausschöpften. Hier liegt im übrigen die Quelle
zahlreicher in der Öffentlichkeit personalisierend als Machtkon-
flikte abgetaner Auseinandersetzungen um die gewerkschaftliche
Führungsarbeit.
Entwürfe für klassenautonome Strategien in nahezu allen gewerk-
schaftlichen Handlungskomplexen und für eine entsprechende poli-
tische Führungsarbeit liegen in vielfältiger Form im DGB und
zahlreichen Einzelgewerkschaften vor und sind z.T. programmatisch
verankert. Sie würden auf eine in den siebziger Jahren ausgewei-
tete betriebliche Basis (Vertrauenskörper, Betriebsräte,
-gruppen) treffen, die reale Arbeitskampferfahrungen akkumuliert
hat, den begrenzten Stellenwert nur betrieblicher und lokaler Ge-
genmachtentfaltung angesichts der gesamtgesellschaftlichen Kräf-
teverhältnisse kennt und deshalb solidarische, kollektive, ge-
sellschaftliche Gegenmacht bildende Politikstrategien von den ge-
werkschaftlichen Entscheidungsorganen erwartet.
Sie treffen auf mindestens vier Problemkomplexe, die Kristallisa-
tionspunkte unterschiedlicher Strategien in einem nächsten Kampf-
zyklus sein werden und die als Anforderungen gleichzeitig reali-
siert werden müssen, wenn gewerkschaftliche Glaubwürdigkeit,
Loyalität, Führungsfähigkeit und Gegenmacht erhalten bleiben sol-
len.
1. In zahlreichen gesellschaftlichen Widerspruchskomplexen des
SMK-Systems (Lohn/Verteilung; Arbeitslosigkeit; Mitbestimmung;
Wirtschaftspolitik; soziale Sicherung; Rüstung; Ökologie; gesell-
schaftliche Reproduktion) haben sich auf die antagonistischen In-
teressen zwischen Kapital und Arbeit in deutlicheren Konflikten
und sozialen Kämpfen ausgedrückt. Die zentralisierte politische
Durchsetzung der finanzkapitalistischen Strategien durch den
Staatsapparat, die politischen Parteien, Unternehmerverbände und
Großkonzerne, die in vielen Gesellschaftsfaktoren erfahrbar wur-
den, stellt tendenziell auch relative Erfolge sozialpartner-
schaftlicher Politik der Gewerkschaften in Frage. Neben ihr
wächst deshalb - trotz zahlloser Blockierungs- und Verdrängungs-
versuche - die Offenheit für eine klassenautonome, koordinierte
Führungsarbeit, die auf solidarische, kollektive Massenaktionen
orientiert.
2. Eine klassenautonome Politik kann gegenwärtig n i c h t
a l l e i n im Rückgriff auf klassische Forderungen der soziali-
stischen Arbeiterbewegung (Recht auf Arbeit, Arbeitszeitverkür-
zung, Lohnpolitik, Mitbestimmung, Nationalisierung) entwickelt
werden. Sie muß die heterogene Vielfalt der Problembereiche auf-
nehmen, gleichwohl Schwerpunkte setzen und die Prioritäten wie
die Struktur der Forderungen so gestalten, daß auch die neuen so-
zialen Bedürfnisse in ihnen zur Geltung kommen. Die Diskussion
darüber steht in den Gewerkschaften wie in der sozialistischen
Arbeiterbewegung noch am Anfang.
3. Die neuen sozialen Bedürfnisse müssen auch in der Organisation
der gewerkschaftspolitischen Alltagspraxis zum Tragen kommen. Die
gleichberechtigte Integration von Frauen und Ausländern, transpa-
rente und kommunikative Strukturen, die eine aktive Beteiligung
erlauben, die Entfaltung kultureller Aktivitäten erfordern eine
bewußte Organisation der Alltagspraxis, in der sich die individu-
ellen und kollektiven Bedürfnisse nach Persönlichkeitsentfaltung,
Formung solidarischer Beziehungen, Selbstbetätigung im Kontrast
zu den unterdrückenden, entfremdenden und ausbeutenden kapitali-
stischen Alltagsstrukturen entwickeln können. Dies schließt in-
nergewerkschaftliche Demokratie ein sowie die Kritik an Tendenzen
zu selektiver Interessenvertretung, zur Unterrepräsentation ein-
zelner Gruppen, an der Bürokratisierung, Formalisierung und Ri-
tualisierung gewerkschaftlicher Alltagsarbeit.
4. Gewerkschaftliche Führungsarbeit muß dem Niveau der Anforde-
rungen gerecht werden, das ein neuer sozialpychologischer Typus
von Lohnabhängigen in den 70er Jahren in die Gewerkschaftsbewe-
gung eingebracht hat. Mit einer höheren Allgemeinbildung und Qua-
lifikation versehen und durch Verhaltensweisen aus vorwiegend
nichtindustriellen Arbeitsbereichen geprägt, ist er in überdurch-
schnittlichem Maße Träger neuer sozialer Bedürfnisse. Seine mino-
ritäre Position als Gewerkschaftsmitglied in seinem Arbeitsbe-
reich (wie auch in den meisten Einzelgewerkschaften) wird durch
überdurchschnittliche Aktivität und gewerkschaftspolitische Kon-
sequenz und Radikalität ausgeglichen. So bilden jüngere Teile der
Lohnabhängigen, Frauen und Angestellte nicht allein das wichtig-
ste organisationspolitische Zuwachspotential für die DGB-Gewerk-
schaften, sondern sie können über ihre gleichzeitig überdurch-
schnittliche Repräsentanz in Bürgerinitiativen, Elterninitiativen
und vielen anderen sozialen Bewegungen eine wichtige Scharnier-
funktion zwischen den Gewerkschaften und anderen sozialen Bewe-
gungen erfüllen. Das setzt die Durchsetzung einer gewerkschafts-
politischen Linie voraus, die diese Gruppen innerhalb der Organi-
sation nicht aufgrund ihrer kritischeren Haltung zu vielen Pro-
blemen blockiert oder ausgrenzt (z. B. bei innergewerkschaftli-
chen Konflikten oder Betriebsratswahlen) und darüber hinaus - wo
möglich und sinnvoll - eine offene und solidarische Zusammenar-
beit mit anderen sozialen Bewegungen und Initiativen, die lokal
und regional häufig eine mobilisierende Rolle spielen, fördert.
Dies um so mehr, als sich langsam auch das sozialpsychologische
Profil der aktiven gewerkschaftlichen Kerne in den Sektoren der
industriellen Arbeiterklasse in dieser Richtung entwickelt, wie
eine sorgfältige Auswertung z.B. der Betriebsratswahlen zeigen
würde.
_____
1) Vgl. Wolfgang Streeck, Gewerkschaftliche Organisationsprobleme
in der sozialstaatlichen Demokratie, Königstein/Ts. 1981; W. Mül-
ler-Jentsch, Vom gewerkschaftlichen Doppelcharakter und seiner
theoretischen Auflösung im Neokorporatismus, in: Leviathan. Son-
derheft 4/1981, S. 222 ff.; Literaturübersicht und Kritik bei G.
Kautsch, Integrationismus und "Korporatismus". Überlegungen zur
Einbindung von Gewerkschaften in das staatsmonopolistische Herr-
schaftssystem, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 4,
Frankfurt/M. 1981, S. 222 ff.; Müller-J. verweist zu Recht auf
die Affinität des Trendwechsels in den wissenschaftlichen Frage-
stellungen (Revolutionäres Potential der Gewerkschaften/Stabi-
litätsfunktionen) zu den politischen Zyklen. Vgl. dazu auch die
Beiträge von M. Groser/B. Keller, W. Streeck und W. Müller-
Jentsch auf dem 19. Soziologentag 1979 (in: J. Matthes (Hg.),
Sozialer Wandel in Westeuropa, Frankfurt/M. 1979), die die verän-
derte Perspektive deutlich dokumentieren.
2) Lenin, Werke Bd. 7, S. 32.
3) Ronald Inglehart, Wertwandel in den westlichen Gesellschaften.
Politische Konsequenzen von materialistischen und postmateriali-
stischen Prioritäten, in: H. Klages/P. Kmieciak (Hg.), Wertwandel
und gesellschaftlicher Wandel, Frankfurt/M., New York 1979, S.
279 ff.; vgl. K. O. Hondrich, Menschliche Bedürfnisse und soziale
Steuerung, Reinbek 1975, S. 27 ff; zur Kritik der sich auf A. H.
Maslow stützenden Bedürfnishierarchisierung vgl. A.N. Leontjew,
Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit, Berlin (West) 1979.
4) Samuel H. Barnes, Max Kaase et al, Political Action. Mass Par-
ticipation in Five Western Democracies, London/Beverly Hills
1979.
5) Vgl. dazu G.G. Diligenski, Sozialpsychologie und Klassenbe-
wußtsein der Arbeiterklasse im heutigen Kapitalismus, Reihe
"Theorie und Methode", hgg. v. IMSF, Frankfurt/M. 1978, S. 45
ff.; U. Holzkamp-Osterkamp, Grundlagen der psychologischen Moti-
vationsforschung 2: Die Besonderheit menschlicher Bedürfnisse,
Frankfurt/M. 1976.
6) K. Holzkamp, Gesellschaftlichkeit des Individuums, Köln 1978,
S. 212; G. Stiehler, Über den Wert der Individualität im Sozia-
lismus, Berlin (DDR) 1978, S. 122/23; G. G. Diligenski, Die Be-
dürfnisse der Persönlichkeit und die Gesellschaft, in: Sowjetwis-
senschaft 10/1975, S. 1015 ff.
7) Vgl. zur marxistischen Wertediskussion: E. Hahn, Aktuelle phi-
losophische Probleme der marxistisch-leninistischen Wertauffas-
sung, in: Wertauffassungen im Sozialismus, Berlin (DDR) 1980, S.
12/13: "Wertung ist der Prozeß, in welchem ein Subjekt einen be-
stimmten Sachverhalt in Beziehung zu seinen Interessen setzt und
eine Entscheidung über sein Verhalten zu diesem Sachverhalt
trifft. ... Die Funktion von Wertungen ... besteht primär darin,
auf spezifische Weise menschliches Handeln zu motivieren, in eine
bestimmte Richtung zu lenken, seine Orientierung zu verallgemei-
nern, zu verstärken oder zu verhindern. Nicht zuletzt besteht sie
darin, historisch-gesellschaftlich bereits gewonnene Erfahrungen
und Erkenntnisse in verallgemeinerter, verkürzter, konzentrier-
ter, verdichteter und den Menschen nicht nur rational, sondern
allseitig ansprechender, bewegender Form als Handlungsorientie-
rung aufzubereiten."
8) D. Klein, Ökonomische Widersprüche im Kapitalismus, Frank-
furt/M. 1976, S. 220 ff.
9) Vgl. IMSF (Hg.), Klassen- und Sozialstruktur der BRD 1950-
1970, Teil I-III, Frankfurt/M. 1972/73.
10) F. Stooß, Tendenzen des Wandels beruflicher Strukturen in den
siebziger Jahren. Ein Vergleich zwischen prognostizierter und
tatsächlicher Entwicklung, in: Mitteilungen des Instituts für Ar-
beitsmarkt- und Berufsforschung 3/1980, S. 364/65; E. Hönekopp/H.
Ullmann, Auf dem Weg zur Dienstleistungsökonomie, in: ebenda,
2/1980, S. 255 ff.; H. Hofbauer, Statusmobilität in den siebziger
Jahren, in: ebenda, 4/1980, S. 521 ff. ders., Berufswege von Er-
werbstätigen mit Facharbeiterausbildung, in: ebenda, 2/1981, S.
127 ff.; Bundesminister f. Forschung u. Technik (Hg.), Techni-
scher Fortschritt. Auswirkungen auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt.
Untersuchung der Prognos AG Basel, Düsseldorf 1980, S. 141 ff.
11) Fred Karl, Die Bürgerinitiativen. Soziale und politische
Aspekte einer neuen sozialen Bewegung, Frankfurt/M. 1981, S. 88.
12) R. Bech/R. Faust, Die sogenannten Gastarbeiter. Ausländische
Beschäftigte in der BRD, Frankfurt/M. 1981, S. 25 ff.
13) Nach neuesten Vorausberechnungen der Kultusminsterkonferenz
wird der Anteil der Abiturienten von 14,6 Prozent (1980) auf 23,1
Prozent (1990) ansteigen, der der Fachhochschulberechtigten zu-
sätzlich von 5 auf 6,5 Prozent; vgl. IWD 24/1982, S. 1.
14) Vgl. D. Klein, Ökonomische Widersprüche..., a.a.O.: P. Heß,
Kapitalistisches Wachstum zwischen Gleichgewicht und Ungleichge-
wicht, in: Sozialistische Politik 3/1969, S. 35 ff.; ders.: Theo-
retische und methodologische Probleme der Imperialismusforschung,
in: Wirtschaftswissenschaft 2/1974, S. 187.
15) K. Ottomeyer, Ökonomische Zwänge und menschliche Beziehungen.
Soziales Verhalten im Kapitalismus, Reinbek 1977.
16) Insofern wurde 1974/75 zu Unrecht und mit der Konsequenz po-
litischer Fehler von einer "Normalisierung" des Kapitalismus der
Bundesrepublik gesprochen.
17) Diesen Aspekt hat neuerdings wieder hervorgehoben: H.J.
Krysmanski, Gesellschaftsstruktur der Bundesrepublik. Soziologi-
sche Skizzen zum Zusammenhang von Produktionsweisen, Produktiv-
kräften und Produktionsverhältnissen, Köln 1982, S. 14 ff., S.
148 ff.
18) Vgl. K. Dörre/P. Schäfer, In den Straßen steigt das Fieber.
Jugend in der BRD, Köln 1982, S. 9 ff.
19) Historisch exemplarisch wurde dies untersucht von Hartmut
Zwahr, Zur Konstituierung des Proletariats als Klasse. Struktur-
untersuchung über das Leipziger Proletariat während der industri-
ellen Revolution, Berlin (DDR) 1978; vgl. F. Deppe, Einheit und
Spaltung der Arbeiterklasse, Marburg/L. 1981, S. 39 ff.
20) Vgl. zur historischen Entwicklung ökonomisch-politischer Zen-
tren: Atlas zur Geschichte, Bd. l, Gotha/Leipzig 1973, Karten 91
ff.; Bd. 2, Gotha/Leipzig 1975, Karten 16"23; zur Bundesrepublik:
Der Fischer Informationsatlas Bundesrepublik Deutschland, Frank-
furt/M. 1982, Kap. III, IV, VIII; H. W. Schmollinger/R. Stöss,
Bundestagswahlen und soziale Basis politischer Parteien in der
Bundesrepublik, in: Prokla 25 und 26 (1976/1977).
21) Wie den einzelnen Phasen der ökonomischen Zyklen spezifische
Strategien von Kapital und Arbeit zu eigen sind, entsprechen auch
den politischen Zyklen (Revolutions-/Restaurationsperioden) be-
stimmte Strategien der Klassenkräfte, Klassenkräfteverhältnisse
und sozialpsychologische Tendenzen.
22) Insbesondere m amerikanischen soziologischen Untersuchungen
revolutionärer Bewegungen, aber auch der Genesis der Gewerk-
schaftsbewegung als sozialer Bewegung wurde schon in den 50er
Jahren von einem "Lebenszyklus" sozialer Bewegungen bis zu ihrer
Institutionalisierung gesprochen.
23) Vgl. C.W. Witjes, Gewerkschaftliche Führungsgruppen, Berlin
(West) 1976; G. Bosch, Wie demokratisch sind die Gewerkschaften?
Berlin (West) 1974; R. Kalbitz, Gewerkschaftsausschlüsse in den
50er Jahren, in: O. Jacobi u.a. (Hg.), Kritisches Gewerkschafts-
jahrbuch 1977/78, Berlin (West) 1978, S. 159 ff.; R. Erd, Gewerk-
schaftsausschlüsse in den 70er Jahren, in: ebenda, S. 166 ff.; S.
M. Lipset, Der politische Prozeß in den Gewerkschaften, in: B.
Külp/W. Schreiber (Hg.), Arbeitsökonomik, Köln 1972, S. 141 ff.
betont die Notwendigkeit, nach Abschluß des Aufbaus neuer Gewerk-
schaften den Zeitpunkt nicht zu verpassen, zu dem die hochmoti-
vierten radikaleren Aufbaukräfte mindestens an den Rand der Orga-
nisation oder herausgedrängt werden müßten; E. Ginzburg, Der Ar-
beiterführer, Köln 1952, S. 110, hat die finanziellen Kosten der
Liquidierung kommunistischen Einflusses in amerikanischen Gewerk-
schaften zusammengestellt, und G. Leber, Vom Frieden, Stuttgart
1977, S. 26 ff., wollte autobiographisch nicht darauf verzichten,
sich auch diesbezüglich als amerikanischer Musterschüler zu er-
weisen.
24) Zu ihren Grundelementen und ihrer Verankerung in der Program-
matik des DGB vgl. F. Deppe, Grundsatzprogramm und gewerkschaft-
liche Autonomie, in: G. Arndt u.a., DGB-Programm 81, Frankfurt/M.
1982, S. 36 ff.
25) Dagegen argumentieren vehement S. Barnes/M. Kaase, Political
action..., a.a.O., S. 524 f. Vgl. auch: Die Arbeiterbewegung und
der Wandel gesellschaftlichen Bewußtseins und Verhaltens. Ein
Diskussionspapier der Kommission Grundwerte beim SPD-Parteivor-
stand, Bad Godesberg 1982; das Diskussionspapier ist vom deutli-
chen Bemühen gekennzeichnet, die sozialen Bedürfnisse in eine
durchgängig reformistische Gesamtkonzeption zu integrieren. Den -
durchaus erfolgreichen - Versuch, Elemente sozialer Bedürfnisse
zu individualisieren und Ansprüche auf Persönlichkeitsentfaltung
in den Freizeitsektor bzw. in berufliche Konkurrenzstrategien zu
transformieren, unternehmen neokonservative Vordenker.
26) Die besondere h i s t o r i s c h e Verkettung von gesell-
schaftlichen Widerspruchskomplexen und ihrer diffusen handlungs-
relevanten Thematisierung in den 70er Jahren wird von J. Hirsch,
Der Sicherheitsstaat, Frankfurt/M. 1980, S. 147 ff., nicht syste-
matisch aufgelöst. Das strukturalistische Moment der Analyse und
das sozialpsychologische Milieu der Jahre 1977-79 in der Bundes-
republik haben hier gleichermaßen analytische Grenzen gesetzt und
den Rekurs auf H. Marcuses "Eindimensionalität" gefördert.
27) Zur Kritik der Einstellungsforschung Th. Leithäuser, Politi-
sche Einstellung oder politisches Bewußtsein, in: H. Moser (Hg.),
Politische Psychologie. Politik im Spiegel der Sozialwissenschaf-
ten, Weinheim/Basel 1979, S. 136 ff.; F. Deppe, Das Bewußtsein
der Arbeiter, Köln 1971, S. 197.
28) Die folgende Skizze beruht auf der Auswertung der empirischen
Studien, die vor allem vom IMSF, der Sozialforschungsstelle Dort-
mund, dem Institut für Sozialforschung Frankfurt/M. und am Fach-
bereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Marburg zu
einzelnen sozialen Kämpfen oder Gewerkschaftsentwicklungen er-
stellt wurden, sowie auf den laufenden Untersuchungen in der vom
IMSF herausgegebenen Reihe "Soziale Bewegungen", den "Kritischen
Gewerkschaftsjahrbüchern" sowie zahlreichen bezirklichen und ört-
lichen Dokumentationen der Gewerkschaften, politischer Gruppen
und Parteien, die im folgenden nicht immer ausdrücklich zitiert
werden.
29) Einen Überblick gibt K. Steinhaus, Streiks in der Bundesrepu-
blik 1966"1974, Frankfurt/M. 1975.
30) Vgl. G. Bauß, Die Studentenbewegung der sechziger Jahre.
Handbuch, Köln 1977; Haug/Maessen, Was wollen die Lehrlinge?,
Frankfurt/M. 1971; P. Katzer, Zur Gewerkschaftsjugendbewegung -
Probleme und Entwicklungen seit Ende der sechziger Jahre, Frank-
furt/M. 1977.
31) Gudrun Küsel (Hg.), APO und Gewerkschaften. Von der Koopera-
tion zum Bruch, Berlin (West) 1978; G. Bauß, Die Studentenbewe-
gung..., a.a.O., S. 108 ff.
32) I. Schöll-Schwinghammer, Frauen im Betrieb. Arbeitsbedingun-
gen und Arbeitsbewußtsein, Frankfurt/M. 1979.
33) Vgl. das in Form und Inhalt bemerkenswerte Dokument des
Kampfes der Heinze-Frauen, IG Druck und Papier (Hg.), Wir wollen
gleiche Löhne - Keiner schiebt uns weg!, Buch mit Schallplatte,
Stuttgart (1982).
34) Vgl. M. Abendroth, N. Beckenbach, R. Dombois, Hafenarbeiter-
streik 78. Zum Konfliktpotential der Hafenarbeiter, in: Leviathan
2/1978, S. 286 ff.; K. Pickshaus/W. Roßmann, Arbeitskämpfe 1978:
Ursachen - Probleme - Perspektiven, in: Sozialistische Politik H.
46 (4/1978), S. 24, 26.
35) IG-Metall-Vorstand (Hg.), Werktage werden besser. Der Kampf
um den Lohnrahmentarifvertrag II in Nordwürttemberg/Nordbaden,
Frankfurt/M. 1979; H. Kern, Kampf um Arbeitsbedingungen, Frank-
furt/M. 1979, S. 121 ff.
36) H. Kern, Kampf um Arbeitsbedingungen, a.a.O., S. 143 ff.; K.
Pickshaus/W. Roßmann, Streik und Aussperrung 78, Frankfurt/M.
1978; W. Dzielak, W. Hindrichs, H. Martens, Den Besitzstand si-
chern! Der Tarifkonflikt 1978 in der Metallindustrie Baden-Würt-
tembergs, Frankfurt/New York 1979.
37) H. Funke, E. Hildebrandt, Ch. Watkinson, Ein neues tarifpoli-
tisches Konzept - Interessen der Metaller am Absicherungsvertrag,
Ms. Manuskript, 19. Soziologentag, West-Berlin 1979.
38) Vgl. W. Bartels, Energiepolitik und Umweltschutz, in: G.
Arndt u.a., a.a.O., S. 158 ff.; K.H. Tjaden, Umweltpolitik in der
Sicht der Arbeiterwegung. Schwerpunkte und Perspektiven in den
achtziger Jahren, in: Das Argument 133 (Mai/Juni 1982), S. 334
ff.
39) Vgl. die gewerkschaftlichen Kontroversen um die Startbahn
West; dazu: "Keine Startbahn West!" - Protestbewegung in einem
überlasteten Ballungsraum, Frankfurt/M. 1981, S. 73 ff.
40) J. Huffschmid (Hg.), Für den Frieden produzieren. Alternati-
ven zur Kriegsproduktion in der Bundesrepublik, Köln 1981.
41) Triebkräfte und soziale Träger der Mitbestimmungsforderungen
am Anfang der 70er Jahre wurden analysiert in: IMSF, Mitbestim-
mung als Kampfaufgabe, Köln 1971.
42) Vgl. die Übersicht in: IG-Metall-Vorstand (Hg.), Der Kampf um
den Erhalt der Montanmitbestimmung, Düsseldorf o. J., S. 52/53.
43) Infas Report. Informationsbedürfnisse von Mitgliedern und
Funktionären der IG Metall, Bonn-Bad Godesberg Dez. 1977/Jan.
1978, Übersicht 13.01 (Vergleich alle Befragten/gewerkschaftliche
Funktionäre); Dokumentation. Gewerkschaftsbarometer '81, in: IWD
16/1982, S. 7.
44) Einer neuen Herangehensweise an die Mitbestimmungspolitik
entspricht konzeptionell ein neues DGB-Handbuch: WSI (Hg.), Mit-
bestimmung in Unternehmen und Betrieben, Köln 1981.
45) Dies entgegen W. Streeck, Gewerkschaften als Mitgliederver-
bände. Probleme gewerkschaftlicher Mitgliederrekrutierung, in: J.
Bergmann (Hg.), Beiträge zur Soziologie der Gewerkschaften,
Frankfurt/M. 1979, S. 72 ff.
46) IG Metall (Hg.), Ergebnisse der Vertrauensleutewahlen 1970
und 1979, Frankfurt/M., jeweils o.J.
47) Redaktionskollektiv "Gewerkschaftstage '80", Zwischen Anpas-
sung und Arbeitskampf. Gewerkschaften am Scheideweg, in: O. Ja-
cobi u.a. (Hg.), Kritisches Gewerkschaftsjahrbuch 1981/82, Berlin
(West) 1981, S. 90 ff.; G. Weiß, Die ÖTV. Politik und gesell-
schaftspolitische Konzeptionen der Gewerkschaft ÖTV von 1966 bis
1976, Marburg/L. 1978, S. 38 ff., insb. 43 ff.: K. Koopmann, Ge-
werkschaftliche Vertrauensleute, München 1981.
48) Vgl. F. Karl, Bürgerinitiativen..., a.a.O., S. 38 ff.
49) IG Metall (Hg.), Ergebnis der Vertrauensleutewahlen 1979,
Frankfurt/M., o.J.
50) Vgl. J. Bergmann/W. Müller-Jentsch, Gewerkschaften in der
Bundesrepublik, Bd. 2: Gewerkschaftliche Lohnpolitik im Bewußt-
sein der Funktionäre, Frankfurt/M. 1977; Infas Report. Informati-
onsbedürfnisse..., a.a.O.
51) So die Ergebnisse von Studien des Bundeskanzleramtes, vgl.
konkret 4/1982: "Im Kanzleramt liegt ein vertrauliches Papier mit
Ergebnissen aus Umfragen zu Reformplänen und politisch kontrover-
sen Themen vor, das belegt, daß Gewerkschafter und Wähler unter
25 Jahren weitgehend übereinstimmende Meinungen teilen" (S. 11).
Interessant in diesem Zusammenhang auch das Ergebnis des Gewerk-
schaftsbarometers 1981. Während die Gesamtbevölkerung zu 63 Pro-
zent die Gewerkschaften für notwendig hielt, waren es bei Jugend-
lichen bis 24 Jahren 71 Prozent. Auch bei der Verteilung der Sym-
pathiewerte für die Gewerkschaften rangierte die Gruppe der Ju-
gendlichen gleich hinter den Gewerkschaftsmitgliedern selbst auf
Platz 2; in: IWD 16/1982, S. 6.
52) Vgl. Der Gewerkschafter 11/1981, S. 28.
53) Vgl. IMSF, Die Septemberstreiks 1969, Frankfurt/M. 1969; K.
Steinhaus, Streiks..., a.a.O., S. 119 ff.; W. Dzielak u.a., Ar-
beitskampf um Arbeitsplätze. Der Tarifkonflikt 1978/79 in der
Stahlindustrie, Frankfurt/M. 1981, S. 149 ff.
54) Vgl. W. Roßmann, Gewerkschaftliche Streikbewegungen und Hand-
lungsbereitschaft 1978/79, in: K.H. Braun u.a. (Hg.), Kapitali-
stische Krise. Arbeiterbewußtsein. Persönlichkeitsentwicklung,
Köln 1980, S. 150.
55) Vgl. exemplarisch die Initiative "Stahlwerk jett" in Dortmund
im Hoesch-Konflikt; dazu: H. Börner u.a., Neue Beweglichkeit -
Neue Impulse. Betriebs- und Tarifkämpfe 1980/81: Hoesch/Dortmund,
Post, Metall, Reihe "Soziale Bewegungen", hgg. v. IMSF, Frank-
furt/M. 1982, S. 32 ff.
56) Von 223 DGB-Kreisen füllten 179 den Fragebogen aus. 127 DGB-
Kreise meldeten kulturelle Aktivitäten. Insgesamt gibt es z.Z.
117 gewerkschaftliche Kulturgruppen im DGB (Die Neue, 12.8.1980).
57) M. Schumann, Entwicklungen des Arbeiterbewußtseins, in: Ge-
werkschaftliche Monatshefte 3/1979, S. 157.
58) Vgl. dazu die zahlreichen Beiträge zur "Korporatismus"-Dis-
kussion, zur Problematik der Interessenfraktionierung und der Ar-
beitsmarktsegmentierung 1980/81 in den Zeitschriften "Soziale
Welt", "Gewerkschaftliche Monatshefte", "Prokla" und "Leviathan"
u.a. von C. Offe, J. Hoffmann, J. Esser, W. Streeck, W. Dzielak,
Ch. Deutschmann, J. Bischoff.
59) Vgl. F. Deppe/W. Roßmann, "Gewerkschaftspluralismus" und
"repressive Integration", in: F. Deppe u.a., Strauß und die Ge-
werkschaften, Köln 1980, S. 32-86.
60) Vgl. Revier-Redaktion, Streikwinter. Der Stahlarbeiterstreik
NRW 1978/79. Eine Dokumentation, Duisburg 1979; Betriebsarbeit
und/oder anders leben. Ein Gespräch zwischen Kollegen aus fünf
Betrieben, in: O. Jacobi u.a. (Hg.), Kritisches Gewerkschafts-
jahrbuch 1981/82, a.a.O., S. 109 ff.
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