Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983
zurück
REGIONALENTWICKLUNG DER WIRTSCHAFTSSTRUKTUR
UND DER ARBEITERKLASSE
Zur Differenzierung nach regionalen Zentren
-------------------------------------------
Hermann Bömer/Ulrike Bohnenkamp
1. "Alte Zentren" / "neue Zentren" - ein brauchbares Begriffs-
paar? - 2. Regionale Disparitäten in der Wirtschaftsstruktur von
Ballungsgebieten - 2.1 Langfristige Veränderung der Industrie-
struktur - 2.2 Der tertiäre Sektor - 2.3 Standortverteilung von
Hauptverwaltungen und Forschungseinrichtungen - 2.4 Vergleich:
dynamische Zentren (Stuttgart, Hamburg) und alte Zentren
(Saarland, Dortmund) - 2.5 Weitere Entwicklungstendenzen - 3.
Hauptprobleme der Arbeits- und Lebensbedingungen in den unter-
schiedlichen Zentren
1. "Alte Zentren" / "neue Zentren" -
------------------------------------
ein brauchbares Begriffspaar?
-----------------------------
Der Blick auf die monatlich regionalisiert ausgewiesenen Arbeits-
losenquoten sowie auf andere regionalisierte ökonomische, sozial-
statistische und politische Daten läßt unmittelbar erkennen, daß
das gesellschaftliche Leben auch in der Bundesrepublik dem Gesetz
der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung unterworfen ist. Die Ursa-
chen für die Herausbildung der räumlichen Widersprüche und Dis-
proportionen, die sich aus den Widersprüchen und Klassenantago-
nismen der vorkapitalistischen und natürlich besonders der kapi-
talistischen Produktionsweise, ihrer spontanen und anarchischen
Entwicklung ergeben, sind an anderer Stelle ausführlich analy-
siert. 1) Obwohl der Kapitalismus längst die Produktivkräfte und
den gesellschaftlichen Reichtum hervorgebracht hat, die der Be-
völkerung in allen Teilräumen der Bundesrepublik eine hohe Le-
bensqualität (soziale Sicherheit, Recht auf sinnvolle Arbeit, ho-
hes soziales und kulturelles Infrastrukturniveau, hohe Umweltqua-
lität, hohes materielles Lebensniveau) gewährleisten könnten,
ohne den Regionen und Städten ihre Mannigfaltigkeit und Einzigar-
tigkeit zu nehmen, erhöhen sich die Belastungen 2) für die ausge-
beuteten Klassen und Schichten i n a l l e n T e i l r ä u-
m e n, nimmt also die Notwendigkeit der Gegenwehr überall zu.
Es ist schon lange festgestellt, daß die Begriffspaare Stadt-Land
oder Ballungsgebiete-ländlich strukturierte Gebiete die Struktur
und Vielfalt der territorialen Widersprüche und der Regionstypen
des heutigen staatsmonopolistischen Kapitalismus der BRD nicht
mehr hinreichend erfassen können. Während bei Dähne 3) als Reflex
auf die räumliche Trennung von Produktion, Handel, Dienstlei-
stung, Verwaltung und Staatsapparat das Kategorienpaar Führungs-
region-Ausführungsregion gebildet wird (Düsseldorf als
"Schreibtisch des Ruhrgebiets") und andere Autoren die Ballungs-
gebiete in Metropolen und alte Industrieregionen 4) unterteilen,
stellen Hoormann, Lütke-Daldrup und Walter als Ergebnis einer Un-
tersuchung über die Entwicklungsperspektiven der Regionen der
BRD, die sie in Verdichtungsregionen, Zwischenräume mit Oberzen-
tren, Zwischenräume und ländliche Räume auf der Basis der Ar-
beitsamtsbezirke eingeteilt haben, fest: "Insbesondere bezüglich
der zentralen Probleme des Arbeitsmarktes gilt es endgültig auf-
zuräumen mit dem raumordnerischen 'Primitivbild', das sowohl die
Problemanalyse als auch Steuerungseingriffe lediglich auf die
klassische Zweiteilung in ländliche Räume und - eventuell noch
unterschieden in 'alte' und 'neue' - Verdichtungsgebiete be-
schränkt. Dieses überkommene Raumtypenklischee wird nur äußerst
unzureichend den aktuellen und zukünftigen Problemen gerecht,
denn 'Verlierer'- und 'Gewinnerregionen' entwickeln sich quer zu
den Raumtypen. Auch aus diesem Grund kommt der regionalen Ebene
eine wichtige Aufgabe zu, da nur hier konkrete Probleme und Po-
tentiale identifiziert und bearbeitet werden können." 5)
Die Wiederaufnahme des Zentren-Begriffs in der Analyse sozialer
Bewegungen 6) mit ihrer materiellen Grundlage, "der objektiven
Zusammenballung und Intensität der Widersprüche in bestimmten
Sektoren, z.B. Regionen oder besonders betroffenen Gruppierungen
der Klasse", 7) eröffnet einerseits Möglichkeiten, schon in einem
frühen Stadium der Entwicklung neuer Bewegungen bzw. neuer Er-
scheinungsformen Handlungsmöglichkeiten usw. zu erfassen und für
die gesamte Bewegung durch theoretische Verallgemeinerung und
praktische Nachahmung bzw. schöpferische Anwendung auf die je
spezifischen Bedingungen fruchtbar zu machen.
Gleichzeitig wird jedoch wiederum eine grobschlächtige Klassifi-
kation von Regionen ("alte" und "neue", "aufsteigende" und
"absteigende" Zentren) vorgenommen, die der Vielfalt und Hetero-
genität der ökonomischen, sozialen und politischen Regionalent-
wicklung nicht gerecht werden kann.
Es wird suggeriert,
- daß den "aufsteigenden Zentren" die Zukunft gehört, die kämp-
fenden Klassen und Gruppen in den "absteigenden Zentren" dagegen
vergeblich gegen den objektiven historischen Trend ankämpfen,
- daß die "neuen Zentren" eine ungebrochene Dynamik der Arbeits-
platzentwicklung behalten.
Damit ist das Problem der Einheit und Spaltung der Arbeiterbewe-
gung in seinen objektiven und subjektiven Dimensionen aufgewor-
fen. 8)
Es kommt im Gegensatz zur oben skizzierten räumlichen
"Primitivsicht" darauf an, die nicht zu leugnenden Strukturverän-
derungen der Ökonomie und der sozialen Klassen und Schichten ein-
schließlich ihrer politischen Folgen in ihren spezifischen regio-
nalen Formen zu untersuchen, d. h., die jeweiligen regionalen Be-
sonderheiten zu bestimmen und gleichzeitig die Einheit der Ar-
beits- und Lebensbedingungen der ausgebeuteten Klassen und
Schichten als objektive Grundlage der Einheit der antimonopoli-
stischen Bewegungen im Auge zu behalten, ohne die teilweise star-
ken Ausdifferenzierungen und Gegensätze auszublenden.
Tabelle 1:
Arbeitslosenquoten in Zentren der BRD 1980-1983 (April)
Ort Jahresdurch- April 1983 April 1983
schnitt 1980 i.V. zu 1980
in Prozent
BRD 3,8 9,2 242
Saarland 6,7 12,1 181
Hamburg 3,4 10,3 303
Stuttgart 1,8 5,3 294
Ruhrgebiet 5,7 12,7 223
Dortmund 6,2 15,0 242
Bremen 5,1 12,9 253
Hannover 4,4 11,1 252
Berlin 4,3 11,0 256
Bochum 6,0 13,5 225
Essen 5,6 12,5 223
Duisburg 6,4 14,4 225
Wuppertal 4,6 10,6 230
Düsseldorf 3,8 9,6 253
Köln 6,1 12,4 203
Frankfurt 2,5 6,4 256
Mannheim 3,4 7,3 215
Nürnberg 3,7 9,7 262
München 2,5 6,0 240
_____
Quelle: BfA, eigene Berechnungen
Dabei müssen folgende Tatsachen berücksichtigt werden:
1. Die spezifische staatsmonopolistische Formbestimmtheit der
wissenschaftlichtechnischen Revolution sorgt dafür, daß auch für
"dynamische Zentren" der Produktivkraftentwicklung die Massenar-
beitslosigkeit als Ergebnis der Überakkumulationsdynamik, der ka-
pitalistischen Rationalisierung in Industrie, Verwaltung und
Dienstleistungssektor zu Beginn der 80er Jahre zum sozialen
Hauptproblem geworden ist. Zu den "dynamischen Zentren" rechnen
wir im folgenden Frankfurt, Stuttgart, München und (mit Ein-
schränkungen) Düsseldorf und Hamburg.
Tabelle 1 weist aus, daß selbst in den "dynamischen Zentren" die
günstigeren Wirtschaftsstrukturen kein wesentliches Gegengewicht
gegen den zyklischen Krisenverlauf sind. Die zweite Kategorie von
Zentren, in denen eine moderne Industriestruktur, aber größten-
teils keine Dienstleistungsstruktur von nationaler oder interna-
tionaler Bedeutung besteht (Nürnberg, Mannheim, Köln, Hannover,
Bremen), liegt bei den Arbeitslosenquoten bereits teilweise über
dem nationalen Durchschnitt.
2. Aufgrund der sich vertiefenden Krise der imperialistischen
Weltwirtschaftsbeziehungen wird gerade eine Reihe wichtiger neuer
Zentren trotz einer bislang als günstig angesehenen (weil ex-
portstarken) Industriestruktur besonders viele Arbeitsplätze ver-
lieren. Dies machen die Prognosedaten der Tabelle 2 deutlich.
Tabelle 2:
Prognose der versicherungspflichtig Beschäftigten im verarbeiten-
den Gewerbe 1980-1990 in den 16 Großstädten (Arbeitsamtsbezirken)
Arbeitsamtsbezirk Veränderung 1980-1990 in Prozent
Hamburg ./. 24,7
Bremen (Stadt) ./. 21,1
Hannover ./. 20,6
Berlin ./. 22,0
Dortmund ./. 19.8
Bochum ./. 20,7
Essen ./. 17,8
Duisburg ./. 16,2
Wuppertal ./. 20,9
Düsseldorf ./. 17,9
Köln ./. 19,8
Frankfurt . ./. 13,9
Mannheim ./. 9,2
Stuttgart ./. 13,9
Nürnberg ./. 2,3
München ./. 2,6
_____
Quelle: Hoormann u.a., Internationaler Handel..., a.a.O., Tab. A
XI
3. Der wissenschaftlich-technische Fortschritt setzt sich auch in
den sogenannten alten Industrien durch, so daß sich auch in die-
sen Industriezweigen die soziale und qualifikatorische Struktur
der Arbeiterklasse entscheidend verändert hat und weiter verän-
dern wird. Die Qualitätsansprüche an Stahlprodukte z.B. steigen
laufend weiter an; so stellen die heute von der Automobilindu-
strie gestellten Anforderungen an von Schweißrobotern zu schwei-
ßende Karosseriebleche besondere Qualitätsansprüche, die entspre-
chend moderne computergestützte Produktionsverfahren in den
Stahl- und Walzwerken und hoch qualifiziertes Reparatur- und War-
tungspersonal erfordern.
4. Eine erfolgreiche Durchsetzung alternativer Wirtschaftspolitik
mit dem Schwerpunkt "qualitatives Wachstum" 9) wird aufgrund der
Erfordernisse eines prinzipiellen, ökologisch orientierten Umbaus
des Produktionskörpers für einige Jahrzehnte zu einer nach wie
vor großen Bedeutung der Grundstoff- und Produktionsgüterindu-
strie, 10) des Anlagen- und Maschinenbaus sowie des Baugewerbes
führen. Aber selbst dann, wenn diese Politik in den nächsten Jah-
ren noch nicht durchgesetzt wird, ist nicht zu erwarten, daß die
"Entindustrialisierung" der alten Zentren bis zum bitteren Ende
voranschreiten wird, obwohl dieser Prozeß die Arbeits- und Le-
bensbedingungen der Arbeiterklasse in den alten Zentren grundle-
gend verändern wird. 11)
Aus diesen vier Feststellungen leitet sich die diesem Beitrag zu-
grunde liegende Hauptthese ab, daß kein Anlaß für die Meinung be-
steht, die alten Zentren würden mit der absehbaren Wirtschafts-
strukturentwicklung zur Bedeutungslosigkeit herabsinken und könn-
ten daher in Zukunft auch keine Kraftzentren der Arbeiterbewegung
und anderer demokratischer Bewegungen mehr darstellen.
2. Regionale Disparitäten in der Wirtschaftsstruktur
----------------------------------------------------
von Ballungsgebieten
--------------------
Die empirische Analyse der großräumigen Disparitäten in der Wirt-
schaftsstruktur ist relativ weit fortgeschritten. 12) Dies gilt
insbesondere für die Unterscheidung zwischen Verdichtungsräumen
einerseits und ländlichen Räumen andererseits. Unsere Fragestel-
lung bezieht sich jedoch auf die D i f f e r e n z i e r u n-
g e n i n n e r h a l b d e r V e r d i c h t u n g s r ä u-
m e, für die die Datenlage sich erst in jüngster Zeit verbessert
hat.
2.1 Langfristige Veränderung der Industriestruktur
--------------------------------------------------
Da nicht die regionalen Faktoren die Gesetzmäßigkeiten der Indu-
striestrukturentwicklung determinieren, sondern die allgemeinen
Gesetzmäßigkeiten der Produktivkraftentwicklung im Kapitalismus,
ist es sinnvoll, zunächst die langfristigen Veränderungen der In-
dustriestruktur zu betrachten.
Tabelle 3: Langfristige Veränderung der Industriestruktur in
Deutschland (v.H. der Beschäftigten)
Industriegruppe 1980 1970 1961 1950 1939 1925 1902 1895 1882
Bergbau a 1) 5,4 8,0 6,0 7,0 5,3 6,1 6,1
b 3,0 3,6 6,2
Steine und Erden a 3,4 4,1 4,0 4,1 6,7 7,1 5,9
b 2,5 2,7 3,2
Mineralölverarbei- a 0,4 0,3 0,3 0,0 - - -
tung b 0,4 0,4 0,4
Chemie a 5,0 3,5 3,6 2,9 2,9 2,5 2,2
b 7,4 6,9 6,0
Kunststoff-, Gum-, a 2,1 1,3 0,6 0,6 0,4 0,2 0,1
mi, Asbestindu- b 4,2 3,0 2,4
strie
Eisen- und Metall- a 9,2 6,2 5,3 5,9 4,9 3,6 3,1
herstellung und b 7,8 9,4 10,2
-bearbeitung
EBM-Waren a 4,3 6,9 9,1 7,6 6,3 8,4 7,5
b 4,1 4,9 4,8
Stahl-, Leicht- a 2,8 2,2 1,5 1,3 1,2 0,6 0,6
metallbau b 2,7 2,4 2,7
Maschinenbau a 11,2 7,6 7,4 6,9 4,4 3,3 2,5
b 13,4 13,0 12,4
Straßenfahrzeugbau a 5,7 4,6 3,7 2,4 2,2 1,8 1,7
b 10,5 7,0 5,0
Luftfahrzeugbau a 0,2 0,0 1,9 0,0 - - -
b 0,7 0,5 0,3
Schiffbau a 0,9 0,7 1,0 0,8 0,6 0,5 0,4
b 0,7 0,9 1,2
Elektrotechnik a 9,2 4,4 5,3 4,0 1,6 0,4 -
b 12,7 12,7 10,9
Feinmechanik, a 1,9 1,7 1,9 1,4 0,9 0,9 0,8
Optik, Uhren b 1,4 2,0 1,9
Herstellung von a - - - - - - -
Büromaschinen, b 1,0 0,9 -
etc.
Papier-, Pappe-, a 7,8 10,6 9,7 11,2 10,9 11,0 10,7
Holz- Be- und b 6,0 5,9 6,2
Verarbeitung
Druckerei, a 2,5 2,0 2,0 2,6 2,2 1,6 1,1
2) 2)
Vervielfältigung b 2,4 2,6 2,3
Textil-, Beklei- a 15,0 20,9 22,0 24,9 27,8 34,8 40,8
dungs- und Leder- b 8,3 11,8 14,0
industrie
Nahrungs- und a 11,1 12,5 12,7 12,4 13,7 15,0 14,2
Genußmittel b 6,4 6,4 6,1
Übrige Ver- a 2,6 2,3 2,1 3,2 2,5 1,4 1,1
brauchsgüter b 2,5 2,7 2,9
(Glas, Keramik,
Spielwaren, etc.)
_____
1) Zeile a enthält Angaben der Arbeitsstätten- bzw. Gewerbezäh-
lungen, Zeile b Angaben aus der Industrieberichterstattung. Da
die Gewerbe- bzw. Arbeitsstättenzählungen jeweils Vollzählungen
sind, für die neueren Jahrgänge aber nur Daten aus der Industrie-
statistik (Betriebe ab 10 bzw. 20 Beschäftigte) zur Verfügung
stehen, wurden für das Jahr 1961 jeweils Anteilswerte aus beiden
Statistiken zum Vergleich berechnet.
2) Einschl. Verlagswesen.
Quelle: M. Pohl, Wirtschaftsförderung in Großstädten - Untersu-
chung der 16 größten Städte im Bundesgebiet, in: Bremer Zeit-
schrift für Wirtschaftspolitik, Heft 1/2 1982, S. 35, 144
Tabelle 3 weist die gewaltigen langfristigen Veränderungen der
Industriestruktur seit 1882 aus und unterstreicht, daß sie sich
auch in den 70er Jahren in der Bundesrepublik nachhaltig geändert
hat. Insbesondere ist für die 70er Jahre der relative und abso-
lute (ca. + 100 000 Beschäftigte) Bedeutungszuwachs des Straßen-
fahrzeugbaus sowie die weitere bedeutende Abnahme der Sektoren
Eisen- und Stahlherstellung und -bearbeitung sowie der Textil-,
Bekleidungs- und Lederindustrie kennzeichnend.
Allerdings ist festzustellen, daß die von Martha Pohl anhand die-
ser Vergangenheitsbetrachtung gemachte Einteilung der Indu-
striegruppen in Wachstumsindustrien (Mineralölverarbeitung, Che-
mie, Kunststoff-, Gummi- und Asbestindustrie, Stahl- und Leicht-
metallbau, Maschinenbau, Straßenfahrzeugbau, Luftfahrzeugbau,
Elektrotechnik, Herstellung von Büromaschinen und Datenverarbei-
tungsanlagen, Druckerei- und Vervielfältigungsindustrie) und
Schrumpfindustrien (Bergbau, Industrie der Steine und Erden, Pa-
pier-, Pappe-, Holzbe- und -verarbeitung, Eisen- und Metallwaren-
herstellung und -bearbeitung, Schiffbau, Feinmechanik [Optik, Uh-
ren-Industrie], Textil-, Bekleidungs- und Lederwarenindustrie,
übrige Verbrauchsgüterindustrie [Glas, Keramik, Spielwaren usw.],
Nahrungs- und Genußmittelindustrie) erstens nicht darüber
hinwegtäuschen darf, daß z.B. 1980 die Schrumpfbranchen Textil-,
Bekleidungs- und Lederindustrie mit 8,3 Prozent der Beschäftigten
des verarbeitenden Gewerbes immer noch das gleiche Gewicht hatten
wie die Wachstumsbranchen Luftfahrzeugbau (0,7), Büromaschinen
und Datenverarbeitungsanlagen (1,0), Druckerei- und Vervielfälti-
gung (2,4) sowie Kunststoff-, Gummi- und Asbestindustrie (4,2)
zusammengenommen! Zweitens sind für die Zukunft der regionalen
Arbeitsmärkte letztlich nicht die relativen nationalen Positionen
der jeweiligen regionaldominierenden Branchen ausschlaggebend,
sondern die Entwicklung der absoluten Arbeitsplatzzahlen des ver-
arbeitenden Gewerbes sowie des tertiären Sektors.
Tabelle 4 zeigt die Industrie-Entwicklung für die 16 größten
Städte der BRD seit 1961 auf.
Tabelle 4:
Entwicklung der Industriebeschäftigten und der Anzahl der
Betriebe in den 16 Zentren der BRD (einschließlich Westberlin)
Stadt Industriebeschäftigte Zahl der Betriebe 1)
1961 1980 1961 1980
Hamburg 233971 168136 1523 992
Bremen 86074 75232 383 323
Hannover 116768 100058 410 318
Westberlin 313524 182314 2995 1188
Dortmund 125667 78178 322 243
Bochum 75196 56448 167 182
Essen 116175 57695 378 280
Duisburg 107648 99653 253 196
Wuppertal 94175 63690 928 396
Düsseldorf 128451 91144 584 298
Köln 135879 123826 662 450
Frankfurt 134032 109197 535 356
Mannheim 90940 74878 275 224
Stuttgart 164028 132407 701 406
Nürnberg 118450 99412 559 409
München 174383 191452 916 637
Städte insgesamt 2215361 1703420 11591 6898
Bundesgebiet 8002000 7659533 54372 48784
_____
1) 1961 Betriebe mit 10 und mehr Beschäftigten im Jahresmittel;
1980 Betriebe mit 20 und mehr Beschäftigten
Quelle: M. Pohl, Wirtschaftsförderung, a.a.O., S. 145
Die Angaben von Tabelle 4 verweisen auf eine deutlich unter-
schiedliche Dynamik der Industriebeschäftigung, aber auch der An-
zahl der Betriebe sowie der durchschnittlichen Betriebsgrößen,
was mit dem Grad der Konzentration bzw. mit der Branchenstruktur
korreliert. In den 16 Zentren arbeiteten 1980 nur 1,7 von 7,6
Millionen Industriebeschäftigten. Dies zeigt die im internationa-
len Vergleich starke Dezentralisierung der Industriestruktur, ob-
wohl die BRD mit über die größte Industriedichte der Welt ver-
fügt.
2.2 Der tertiäre Sektor
In die Strukturanalyse der großstädtischen Räume ist auch der
Dienstleistungssektor (Wirtschaft ohne produzierendes Gewerbe und
Landwirtschaft) einzubeziehen. Obwohl die Abgrenzung nicht exakt
ist, sind die Angaben der Tabelle 5 aufschlußreich.
Tabelle 5:
Struktur des Tertiärsektors in den 16 Großstädten 1980
Stadt bzw. Arbeits- DL-Beschäf- davon in den Wirtschafts-
amtsbezirk tigte 1) abteilungen (%) a)
insgesamt
(1000) 4 5 6 7 8 9
Hamburg 528,8 28,6 19,2 9,8 32,2 2,4 7,8
Bremen 161,8 29,9 21,1 6,7 30,8 2,7 8,9
Hannover 209,1 28,4 12,0 9,8 33,9 3,9 12,1
Berlin 448,9 22,9 8,8 4,6 43,8 4,4 15,4
Dortmund 129,1 33,1 10,0 8,3 36,7 3,3 8,7
Bochum 86,6 32,3 9,0 4,4 36,8 3,0 14,4
Essen 132,1 31,6 9,7 6,1 40,9 4,8 7,0
Duisburg 88,3 30,5 22,0 4,9 31,9 3,1 7,7
Wuppertal 80,9 33,9 11,0 7,5 31,0 4,5 12,1
Düsseldorf 261,1 31,9 9,8 11,1 32,0 3,8 11,3
Köln 258,1 27,4 11,1 13,4 34,6 4,1 9,3
Frankfurt 387,3 27,8 15,4 13,8 30,1 4,4 8,5
Mannheim 105,3 32,7 11,5 10,1 32,5 1,7 11,6
Stuttgart 238,8 28,4 8,6 12,6 31,1 6,2 13,2
Nürnberg 214,3 35,4 11,3 7,8 31,5 2,7 11,3
München 482,4 26,6 9,7 11,4 39,1 4,5 8,7
Städtedurchschnitt - 30,1 12,5 8,9 34,3 3,7 10,5
Städte insgesamt 3812,9 28,8 12,6 9,6 34,8 3,8 10,4
Bundesgebiet 9912,1 29,4 10,1 7,7 35,7 3,6 13,6
_____
1) Sozialversicherungspflichtige Beschäftigte im Arbeitsamtsbe-
zirk
a) 4 = Handel, 5 = Verkehr, 6 = Bank- und Versicherungsgewerbe, 7
= Sonstige Dienstleistungen, 8 = Organisationen o. Erwerbscharak-
ter, 9 = Gebietskörperschaften, Sozialvers.
Quelle: M. Pohl, Wirtschaftsförderung, a.a.O., S. 181
Die Konzentration der DL-Beschäftigten auf die 16 Zentren ist mit
38,5 Prozent der DL-Beschäftigten insgesamt weitaus höher als die
entsprechende Konzentrationsziffer für die Industriebeschäftigten
(22,2 Prozent). Im Zusammenhang mit dem "Beschäftigtenüberbesatz"
13) für die einzelnen Städte kann zugleich auf die Struktur des
tertiären Sektors geschlossen werden. Die beiden extremen Bei-
spiele Dortmund und München zeigen die unterschiedliche Struktur
und Zentralität der Großstädte auf.
Der Vergleich München-Dortmund unterstreicht die landeshaupt-
stadtliche Funktion von München und die Erfolge der Bayerischen
Staatsregierung, München Metropolfunktion von westeuropäischem
Rang zu übertragen (z.B. durch die Ansiedlung des Europäischen
Patentamtes). Insgesamt muß jedoch auch die Verteilung der DL-
Funktionen im internationalen Vergleich für die BRD als relativ
dezentral beurteilt werden, was nicht zuletzt ein Ergebnis des
Krieges und der föderalistischen Struktur der BRD ist.
Martha Pohl hat unter Beachtung unterschiedlicher Kriterien in
der wirtschaftlichen Lage (Arbeitslosenquote, Steueraufkom-
men/Schulden, Anteil der Wachstumsindustrien, Wachstums-DL, Indu-
striekonzentration - und dies aktuell und längerfristig) eine
Rangliste der 16 Großstädte für die Zeit Ende der 70er Jahre auf-
gestellt. 14) Sie hat folgende Ordnung: 1. München, 2. Stuttgart,
3. Frankfurt, 4. Hamburg, 5. Nürnberg, 6. Mannheim, 7. Düssel-
dorf, 8. Köln, 9. Wuppertal, 10. Essen, 11. West-Berlin, 12. Han-
nover, 13. Bremen, 14. Bochum, 15. Dortmund, 16. Duisburg.
Während in den 70er Jahren die Gesamtbewertung von München (1),
Stuttgart (2), Frankfurt (3), Hamburg (4) sehr stark mit dem Rang
ihrer Arbeitslosigkeit korrespondierte und dies auch bei den
Schlußlichtern der Fall ist - Duisburg (16/14), Dortmund (15/16),
Bochum (14/13) -, fällt Köln außerordentlich aus dem Rahmen
(8/15). Die Interpretation für diesen "Querschläger" wird uns
noch einige Erkenntnisse bringen.
Was die Analyse der Qualität der Wirtschaftsstruktur der Groß-
städte jedoch überhaupt nicht erklären kann, ist das sprunghafte
Ansteigen der Arbeitslosenquote auch in den dynamischen Zentren
zu Beginn der 80er Jahre. Offensichtlich ist auch eine noch so
gute "Papierform" der Wirtschaftsstruktur keine Garantie dafür,
daß diese Städte vor einem abrupten Ansteigen der Arbeitslosen-
quote gefeit sind. Die Wirtschaftsförderer sind mit ihrem Latein
am Ende. Wie wollen Städte wie Köln und Hamburg, die im Bereich
Industrie und Dienstleistungen die jeweils günstigste Struktur
aufweisen, mit der traditionellen Strategie der Wirtschaftsförde-
rung ihre hohen Arbeitslosenquoten beseitigen? Mehr denn je wird
deutlich, daß die Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit die
Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise selbst zur Vor-
aussetzung hat!
2.3 Standortverteilung von Hauptverwaltungen
--------------------------------------------
und Forschungseinrichtungen
---------------------------
In der regionalwissenschaftlichen Literatur wird den Standorten
von Hauptverwaltungen eine besondere Resistenz gegen ökonomische
Instabilität und Arbeitslosigkeit zugewiesen. Es ist daher sinn-
voll, die räumliche Struktur der Verwaltungszentren der Indu-
strie, der Banken und Versicherungen gesondert zu berücksichti-
gen. Krickau-Richter und Olbrich haben hierzu eine ausführliche
und kartierte Analyse für die BRD vorgelegt. 15) Sie kamen zu
folgenden Ergebnissen: a) Es gibt unterschiedliche räumliche Kon-
zentrationsgrade der einzelnen Managementfunktionen; b) es gibt
eine Spezialisierung der dominierenden Standorte auf einzelne
Führungsfunktionen.
Zu a): Die Hauptverwaltungen der Banken zeigen die stärkste Kon-
zentration auf führende Standorte (Frankfurt, Düsseldorf, Mün-
chen), insbesondere, wenn nur die Privatbanken betrachtet werden.
Die Verteilung der Versicherungszentralen zeigt drei Zentren
(München, Köln, Hamburg) und eine weitere Anzahl mittelgroßer
Standorte (Stuttgart, Düsseldorf, Hannover). Für die Hauptverwal-
tungen der Industrie ist im Vergleich zu den Banken und Versiche-
rungen eine relativ disperse Verteilung zu konstatieren. Es domi-
nieren acht Städte (in der Reihenfolge: Hamburg, Düsseldorf,
Frankfurt, Essen, München, Stuttgart, Köln, Duisburg), die alle
über 40 Mrd. DM kumulierter Umsätze auf sich vereinigen: Für die
Forschungseinrichtungen der Industrie zeichnet sich eine ähnliche
dezentrale Standortverteilung ab wie für die HV.
Zu b): Aus den Karten läßt sich eindeutig die Spezialisierung be-
stimmter Städte auf einen oder mehrere der Führungsfunktionen ab-
lesen. Frankfurts Spitzenstellung als Bankenstandort wird von
keiner Stadt in einem anderen Bereich erreicht. Als Standort von
Industriezentralen liegt Frankfurt hinter Hamburg und Düsseldorf
auf Platz drei. In Köln dominieren die Versicherungszentralen,
während diese Stadt als Bankenstandort weit zurückfällt. Hamburgs
und Düsseldorfs Stellung wird durch die Sitze von Industriekon-
zernen begründet. München ist der führende Versicherungs- und der
zweite Bankplatz in der Bundesrepublik, seine Position als
Standort für Hauptverwaltungen der Industrie ist weniger entwic-
kelt. Alle drei Untersuchungsbereiche sind relativ ausgeglichen
in Stuttgart vertreten, ohne daß die Stadt in einem Bereich eine
Spitzenstellung erreicht.
Bei der gegebenen Datenlage sind Aussagen zum vierten Untersu-
chungsbereich, nämlich zur Verteilung von industriellen For-
schungseinrichtungen, nur grob möglich. Als Schwerpunkte zeichnen
sich Stuttgart, München, Frankfurt, Köln/Düsseldorf und Hamburg
ab." 16)
Vergleicht man die Zentren dieser modernen Beschäftigungssektoren
(Frankfurt, Hamburg, Köln/Düsseldorf, Stuttgart und München) mit
den Arbeitslosenquoten auf den entsprechenden Arbeitsmärkten, so
läßt sich jedoch aus heutiger Sicht feststellen: Das Großkapital
schafft sich auch in den dynamischen Zentren eine industrielle
Reservearmee. Diese Zentren waren zu Zeiten der Vollbeschäftigung
die Zentren der Arbeitskräfteimmigration. In den Großbetrieben
und Verwaltungen werden heute zusätzlich derart viele Arbeits-
kräfte freigesetzt, daß der klassische Mechanismus der Reservear-
mee auch hier greift; dennoch ist natürlich festzuhalten, daß die
Abstände zu den alten Zentren sich absolut und teilweise sogar
auch relativ noch vergrößern. Dies gilt insbesondere für einen
großen Teil der Nicht-Zentren. Schließlich sind die übrigen, über
die Arbeitslosigkeit hinausgehenden Belastungsindikatoren nicht
zu vernachlässigen.
Am Beispiel der Stadt Köln zeigt sich, daß betriebliche Besonder-
heiten und andere Standorteinflüsse die durch den Wachstumsindu-
strieanteil definierte Struktur völlig überlagern und deren Ein-
fluß ausschalten können. Köln hatte immerhin mit 86,3 Prozent Be-
schäftigtenanteil in den Wachstumsindustrien Rang 1 unter den 16
Städten inne, während die Domstadt bei der Arbeitslosenquote auf
Rang 15 rangierte. Folglich müssen die Konkurrenzposition der in
den jeweiligen Branchen mit internationalisierter Struktur agie-
renden Konzerne, ihre Produktionsstruktur vor Ort usw. wesentli-
cher Bestanteil von Regionalanalysen sein. Ford-Köln, Feiten &
Guilleaume, KHD sowie andere Betriebe und Unternehmen haben von
1976-1980 mehr als 10 Prozent der industriellen Arbeitsplätze in
Köln vernichtet. Da in dieser Zeit der tertiäre Sektor seine kom-
pensatorische Funktion trotz einer sehr günstigen Struktur auf-
grund von Rationalisierungsmaßnahmen und Personalabbau auch im
öffentlichen Dienst schon nicht mehr wahrnehmen konnte, mußte die
Arbeitslosigkeit stark ansteigen. 17)
2.4 Vergleich: dynamische Zentren (Stuttgart, Hamburg)
------------------------------------------------------
und alte Zentren (Saarland, Dortmund)
-------------------------------------
Im folgenden sollen Prototypen von dynamischen Metropolen
(Stuttgart und Hamburg) sowie "alten Industrie-Zentren" (Saarland
und Dortmund) in ihrer unterschiedlichen Wirtschaftsstruktur et-
was ausführlicher skizziert werden. (Die Daten für Hamburg 18)
werden hier nicht aufgeführt, jedoch der Interpretation zugrunde
gelegt.)
Zunächst wird in tabellarischer Form die Struktur der sozialver-
sicherungspflichtig beschäftigten Arbeitnehmer nach Wirtschafts-
zweigen in Relativzahlen für 1978/80 angegeben und dann die Ent-
wicklung 1961-78/80 ausgedrückt.
Das v e r a r b e i t e n d e G e w e r b e sank in Stuttgart
von 1961 bis 1978 um 11,3 Prozentpunkte auf 38,5 Prozent, in
Dortmund (einschl. Bergbau) von 48,2 Prozent um 9,2 Prozentpunkte
auf 39 Prozent, während es im Saarland (incl. Bergbau) von 43,7
auf 48,1 Prozent anstieg. Das B a u g e w e r b e ist in etwa
der gleichen Größenordnung vertreten, nahm jedoch in Stuttgart
prozentual stärker ab. Der Handel hat in Dortmund vor allem in
den 70er Jahren absolut stark an Arbeitsplätzen verloren, was mit
den starken Rationalisierungsmaßnahmen aufgrund des im Ruhrgebiet
frühzeitigen Vordringens der Großmärkte zusammenhängt. Das Kre-
dit- und Versicherungswesen ist in Dortmund und im Saarland ver-
gleichsweise schwach vertreten, ebenso die Organisationen ohne
Erwerbscharakter, während die privaten Dienstleistungen in allen
drei Städten ihren Anteil mehr als verdoppelt haben.
Tabelle 6:
Strukturvergleich Dortmund, Stuttgart, Saarland
(Beschäftigtenanteile 1) jeweils in v.H.)
Bereiche Stuttgart Dortmund Saarland 1978/80 in % von 1961
1978 1978 1980 Stuttgart Dortmund Saarland
0. Landwirtschaft
0,3 0,4 0,4 . . .
1.a Energie/Wasservers.
1,2 1,8 1,8 . . .
1.b Bergbau - 7,6 6,3 - 42,5 45,1
2. Verarbeitendes Gewerbe
38,5 31,4 41,8 73,6 64,1 97,0
3. Baugewerbe 6,3 8,7 7,4 . . .
4. Handel 15,1 16,6 12,7 94,8 71,0 69,8
5. Verkehr/Nachrichten
4,8 5,1 3,9 . . .
6. Bank- u. Versicherungsgew.
7,3 4,1 3,0 139,6 136,7 138,0
7. Sonst. Dienstl.
15,6 17,5 15,5 185,0 164,9 180,1
8. Organisationen o. Erwerbschar.
3,4 1,6 1,4 . . .
9. Sozialvers, u. Gebietskörpersch.
7,1 5,1 5,7 · . . .
0.-9.-v.H. 100,0 100,0 100,0 93,3 71,9 76,6
1961= 1961= 1961=
-in Tausend 356 219 355 382 305 462
_____
1) Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte; . = nicht berechnet
Quelle: Berechnet durch Verf. nach verschiedenen Quellen
Am auffälligsten ist der Unterschied der Entwicklung der Beschäf-
tigten insgesamt von 1961-1978, wobei Bergbau und Handel den ent-
scheidenden Einfluß ausgeübt haben (Dortmund: ./. ca. 38250;
Saarland ./. 46600; Stuttgart ./. 2000). Bemerkenswert ist die
relativ stabile Position des verarbeitenden Gewerbes im Saarland,
in der sich auch der Neuaufbau von Automobilwerken und Zulie-
ferern dieser Branche in den 70er Jahren ausdrückt. Besonders
drastisch ist der Unterschied bei den Erwerbs- und Beschäftigten-
quoten. 1970 betrug die Erwerbsquote in Dortmund 39,3 und in
Stuttgart 52,6 Prozent der Einwohner, versicherungspflichtig Be-
schäftigte waren pro 1000 Einwohner in Dortmund 1978 358,8, in
Stuttgart 1979 618,7 - wodurch die Verschiedenheit der wirt-
schaftlichen Lage am krassesten zum Ausdruck kommt.
Bei der Einteilung der Beschäftigten des produzierenden Gewerbes
in die Sektoren Bergbau, Grundstoff- und Produktionsgüterindu-
strie, Investitionsgüterindustrie, Verbrauchsgüter-, Nahrungs-
und Genußmittelindustrie wird deutlich, worin die wichtigsten Un-
terschiede im produzierenden Gewerbe zwischen den 4 Städten lie-
gen. Stuttgart verfügte über einen extrem hohen Anteil der Inve-
stitionsgüterindustrie (81,3 Prozent) mit ihren Paradepferden Au-
tomobil- und Elektroindustrie, während dieser Anteil in Dortmund
30,8 Prozent, in Hamburg 50,3 Prozent und im Stadtverband Saar-
brücken bei 25,6 Prozent lag.
Bemerkenswert sind die Unterschiede in der Wirtschafts- und Indu-
striestruktur zwischen Hamburg und Stuttgart. Der wesentliche Un-
terschied ist durch die Hafenorientierung Hamburgs gegeben, die
1980 direkt 50000 und indirekt 100000 Arbeitsplätze 19) bedeutete
und die einen relativ hohen Anteil der Grundstoff- und Produkti-
onsgüterindustrie zur Folge hat. Im Bereich Investitionsgüterin-
dustrie ist die Krise der Hamburger Großwerften ein negativer
Faktor, der den Maschinenbau besonders tangiert hat.
Eine Besonderheit kennzeichnet die Automobilarbeiterzentren
(Köln, Hannover, Bochum, Stuttgart, München und zukünftig auch
Bremen) - für Bochum als "Kadett-Effekt" bezeichnet -: Bei insge-
samt stagnierendem PKW-Markt beeinflußt die Beliebtheit der je-
weiligen Modellreihen der verschiedenen Automobilkonzerne die je-
weiligen Arbeitsmärkte relativ kurzfristig in positiver oder ne-
gativer Form. Für Stuttgart (Daimler-Benz/Porsche) und München
(BMW) ist allerdings bislang kein Einbruch zu verzeichnen gewe-
sen.
2.5 Weitere Entwicklungstendenzen
---------------------------------
Hoormann u.a. haben die Entwicklung der Beschäftigten im verar-
beitenden Gewerbe bis 1990 bei verschiedenen Randbedingungen un-
ter Berücksichtigung der Weltmarktentwicklung prognostiziert und
auf die regionale Ebene heruntergerechnet (vgl. Tabelle 2). Diese
Daten basieren auf der Variante I, d. h. auf der Einschätzung,
daß sich die Zahl der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe
1980-90 nur um 13,5 Prozent verringert. (Eine u. E. unwahrschein-
lichere Entwicklung stellt die Variante III (-18,7 Prozent) dar.)
20) Aufgrund der spezifischen Struktur der BRD-Industrie im in-
ternationalen Vergleich werden selbst dynamische Zentren wie Ham-
burg, Frankfurt, Stuttgart, Düsseldorf mehr als 10 Prozent, teil-
weise sogar mehr als 20 Prozent der Beschäftigten im verarbeiten-
den Gewerbe verlieren. Und dies unter der optimistischen Annahme,
daß Variante I zutrifft.
Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, daß in dieser Prognose
aufgrund der angewandten Shift-Analyse keine sich bereits voll-
ziehenden oder potentiellen Brüche in der Konzernentwicklung in
den jeweiligen Städten berücksichtigt sind. So ist z. B. weder
für Nürnberg das Problem AEG und Grundig noch für München der
Fall Agfa oder für Stuttgart die rabiate Restrukturierung von SEL
(ITT) berücksichtigt. Ebensowenig kann eine solche Prognose die
sich schnell zuspitzende Situation z.B. in der Stahlindustrie
erfassen. Trotz dieses Mangels, die zyklischen Krisen eliminieren
zu müssen und damit das Risiko einzugehen, daß die Prognosezif-
fern schon eher Realität werden, haben die Prognoseangaben für
uns einen erheblichen Informationswert: Die Arbeitsmarktprobleme
werden sich auch in diesen Zentren, selbst unter Annahme günsti-
ger Bedingungen, weiter zuspitzen.
Für die Gesamtbilanz des Arbeitsmarktes in den Zentren sind ent-
scheidend die allgemeinen Rationalisierungstendezen in Industrie
und Verwaltung. So schätzte 1983 die VDMA ca. 400000 der 1,25
Millionen Montagearbeitsplätze in den 80er Jahren für rationali-
sierbar. Eine besondere Rolle spielen bekanntlich die Montagear-
beitsplätze in der Elektro- und Automobilindustrie, die in 12 der
16 Zentren mehr als 10000 Beschäftigte hatten, in 6 sogar über
15000.
Das Rationalisierungstempo in den Verwaltungen hängt entscheidend
vom Tempo der Einführung der neuen Medien und Kommunikationsmit-
tel ab, durch die inzwischen die meisten Studien einen Per-saldo-
Arbeitsplatzabbau um ca. 30-50 Prozent prognostizieren: 21)
./. 25-30 Prozent der 2 Millionen Schreibkräfte und 3 Millionen
Sachbearbeiter =1,5 Millionen;
./. 30 Prozent bei Banken und Versicherungen;
./. 25 Prozent im Einzelhandel durch elektronische Ladenkassen
und die ihnen angeschlossenen Systeme.
Es ist selbstverständlich, daß gerade in den modernen Zentren die
Verwaltungen und Dienstleistungseinrichtungen jene Mindestgrößen
aufweisen, die eine systematische Rationalisierung ermöglichen.
Insofern sehen wir für die Zukunft mehr denn je unsere These ge-
stützt, daß auch die modernen Zentren von Arbeitslosigkeit in im-
mer stärkerem Umfang betroffen sein werden.
Dennoch werden sich deren Probleme quantitativ und qualitativ von
denen in den alten Zentren oder in Zwischenräumen mit Oberzentren
22) unterscheiden, zumal in den dynamischen Zentren mit den spe-
ziell hohen Ausländer- und Frauenanteilen an den Erwerbstätigen
noch starke "Puffer" für reaktionäre Politik vorhanden sind. Für
die alten Zentren haben düstere Zeiten längst begonnen. Nach dem
"Vorbild" von Liverpool und anderen alten Industriezentren setzt
ein regelrechter Niedergang ein. Nach groben Schätzungen wird
z.B. in Dortmund und Duisburg die Arbeitslosenquote bis Ende der
80er Jahre über 25 Prozent steigen. Die entsprechenden Pläne der
Stahlkonzerne sind bereits bekannt.
3. Hauptprobleme der Arbeits- und Lebensbedingungen
---------------------------------------------------
in den unterschiedlichen Zentren
--------------------------------
Es soll hier auf einige für die Arbeiterklasse und die Mittel-
schichten wichtige Frage eingegangen werden. Hervorstechend sind
im Vergleich der 16 Zentren die radikalen Unterschiede der Er-
werbsquoten. Die für 1970 vorliegenden Zahlen 23) zeigen bei ei-
nem Bundesdurchschnitt von 43,7 Prozent (1960 = 47,2 Prozent) und
einem Durchschnitt der 16 Zentren von 46,2 Prozent (1960 = 48,5
Prozent) eine Streuung zwischen 53,0 Prozent (52,8 Prozent) für
München und 52,1 Prozent (54,8 Prozent) für Stuttgart auf der
einen und 38,7 Prozent (41,7 Prozent) für Bochum und 39,3 Prozent
(42,9 Prozent) für Dortmund auf der anderen Seite.
Noch schärfer die Differenz bei den Frauenerwerbsquoten. Für sie
galten im Bundesdurchschnitt 1970 = 29,9 Prozent (1960 = 33,4
Prozent) und im Zentrendurchschnitt 1970 = 32,8 Prozent (1960 =
33,9 Prozent). Die Streuung war hier noch größer. Sie reichte von
44,2 Prozent (41,0 Prozent) für München und 39,5 Prozent (41,3
Prozent) für Stuttgart bis 20,6 Prozent (23,1 Prozent) für Dort-
mund und 22,3 Prozent (21,7 Prozent) für Bochum.
Die Hauptursache für Unterschiede der Erwerbsquoten ist in einem
Komplex sich gegenseitig bedingender und verstärkender spezifi-
scher Bestimmungsfaktoren der Wirtschaftsstruktur zu sehen. So
läßt sich die äußerst niedrige Erwerbsquote der Frauen im Ruhrge-
biet aus der monopolistischen Beherrschung der Region durch die
Montankonzerne, dem hieraus folgenden spezifischen Arbeitsregime,
der Schwere und dem Kontischichtsystem der Arbeitsplätze für Män-
ner sowie der Verhinderung von neuen Industrieansiedlungen ablei-
ten, die den Frauen die Erwerbstätigkeit beinahe unmöglich mach-
ten und damit auch die Herausbildung eines entsprechenden inneren
Marktes für Dienstleistungen im Einzelhandel usw., wo besonders
Frauen arbeiten, verhinderten. 24)
D i e F o l g e n dieser sehr unterschiedlichen E r w e r b s-
und B e s c h ä f t i g t e n q u o t e n, in denen sich posi-
tive und negative Einflüsse mischen (als positiver Einfluß z.B.
die Senkung der Erwerbsquoten durch Verlängerung der Schulzeiten
und Einführung der flexiblen Altersgrenze, als negativer Einfluß
die Erhöhung z. B. der Invaliditätsraten oder die Zurückdrängung
der Frauenerwerbstätigkeit), spiegeln sich in allen Lebensberei-
chen wieder: Haushaltseinkommen, Wohnsituation, Qualifikations-
struktur, Freizeit- und Urlaubsverhalten usw.
Hinsichtlich der Arbeits- und Lebensbedingungen können folgende
Problem- und Konfliktfelder benannt werden:
- Arbeitslosigkeit / wachsende Existenzunsicherheit (1),
- Betriebsstillegungen, Belegschaftsabbau (2),
- Lohn- und Sozialleistungsabbau (3),
- Mietenprobleme und Wohnungskosten (auch für Eigenheimer) (4),
- Kosten, Qualität und Quantität sozialer Infrastruktur (5),
- Qualifikationsprobleme (speziell für die Jugend) (6),
- Mobilitätsprobleme (Kosten; Erreichbarkeiten) (7),
- Umwelt- und Erholungsprobleme (8),
- Demokratieabbau und Friedensgefährdung (9),
- Stadtbild, Verslumung, Kriminalität, Entwurzelung, Armut, Ras-
sismus/Ausländerfeindlichkeit (10).
Es ist hier nicht erforderlich, die materiellen und psychischen
Auswirkungen der Arbeitslosigkeit, speziell der Dauer- und Ju-
gendarbeitslosigkeit zu beschreiben. Wichtig ist vielmehr in un-
serem Zusammenhang, auf spezifische Probleme der Ungleichmäßig-
keit und -zeitigkeit einzugehen. Wachsende Arbeitslosigkeit wirkt
zunächst, in der ersten Etappe der Entfernung vom Zustand der
Vollbeschäftigung, außerordentlich selektiv: Zwar wird die so-
ziale Unsicherheit der Lohnabhängigen und ihrer Familien insge-
samt verstärkt, doch zunächst recht ungleich im Territorium und
über die einzelnen Gruppen der Arbeiterklasse verteilt. Dies gilt
ebenso für die unterschiedlichen Haushaltskategorien. Wird ein
angelernter Arbeiter mit 2 Kindern, dessen Frau nicht erwerbstä-
tig ist, arbeitslos (Musterfamilie A), so ist eine solche Familie
mit ca. 1000 DM Arbeitslosengeld mit Sicherheit in allen anderen
aufgezählten Problembereichen extrem betroffen, während ein kin-
derloses Paar mit qualifizierten Berufen ohne Arbeitslosigkeit
(Musterfamilie B) möglicherweise über 4000 bis 5000 DM netto pro
Monat verfügt und auf dieser Einkommensbasis zunächst selbst dra-
stische Kostensteigerungen im Wohn- und Sozialbereich ohne große
Probleme bewältigen kann, sogar teilweise eine Kurzarbeitsphase
als willkommene Gelegenheit für einen zusätzlichen Urlaub be-
trachtet. Für derartige Gruppen und Schichten der Arbeiterklasse
sind auch die Problemebereiche 7/8 und 10 (z.B. durch Umzug in-
nerhalb der Region) zunächst leicht kompensierbar. Entschließt
sich eine derartige Familie heute zum Erwerb bzw. Bau eines Ei-
genheimes, so kann sie sich inmitten der Krise sogar auf ein ex-
zessiv ausgeweitetes Förderungsprogramm im Rahmen der neuen Woh-
nungspolitik stützen, die durch eine massive Umverteilung von un-
ten nach oben gekennzeichnet ist. Wenn man zugleich berücksich-
tigt, daß aufgrund eines noch nie dagewesenen Investitionsbooms
der Automobilindustrie in neue Modelle unsere Musterfamilie B
sich jedweden automobilen Traum erfüllen kann, so ist das Maß an
selektiver Wirkung der Krise abgesteckt.
Summarisch ist festzuhalten, daß die konkreten Belastungen als
Resultat der Krise in kumulativer Form auftreten und sich
zunächst auf bestimmte Gruppen konzentrieren. 25) Die Angaben für
die regionaldifferenzierten Erwerbsquoten sind ein Indikator da-
für, daß die Verteilung der Haushaltstypen mit den extrem unter-
schiedlichen Merkmalen in den Arbeits- und Lebensbedingungen auf
die Zentrentypen sehr ungleichmäßig ist. Folglich wirken die Kri-
senbelastungen auch regional selektiv, weil eben z.B. in Dortmund
relativ viel mehr Haushalte mit nur einer Erwerbsperson existie-
ren als z.B. in München oder Stuttgart. Zugleich ist jedoch zu
berücksichtigen, daß es in den neuen Zentren ebenfalls eine große
Zahl von mehrfachbelasteten Familien, vor allem Ungelernte und
ausländische Familien, sowie ebenfalls eine große Anzahl von Fa-
milien mit Kindern und nur einem Erwerbstätigen aus der Arbeiter-
klasse gibt, die - soweit sie beschäftigt sind - in diesen Zen-
tren vor allem mit Miet- und Wohnungskosten, wachsenden Preisen
für soziale Infrastrukturangebote, z. B. Kindergärten, sowie mit
wachsenden Mobilitätskosten und Umweltproblemen belastet sind.
Gänzlich unterschiedlich sind jedoch die D a u e r w i r k u n-
g e n der Krise auch auf den aktiven Teil der Arbeiterklasse und
auch auf die Gruppe des Typs B (mit oder ohne Kinder)
einzuschätzen. Die wachsende Arbeitslosigkeit untergräbt die
Kampfkraft der Gewerkschaften in der Lohn- und Sozialpolitik,
steigert die Aggressivität der Unternehmer und erhöht die soziale
Unsicherheit auch für den Kern der Industriearbeiter sowie der
Angestellten einschließlich der kaufmännischen und technischen
Intelligenz. Dies wird offensichtlich, wo ganze Unternehmen oder
zumindest ganze Standorte von Großunternehmen liquidiert werden
(Beispiele sind die Krisen von AEG, Grundig usw.).
Die zunehmende Rekonzentration von Produktionsstätten durch Li-
quidierung der in den 60er und 70er Jahren vor den Großunterneh-
men erworbenen oder in ländlichen Regionen errichteten Betriebe
können einst blühende Industriestädte in größte soziale Unsicher-
heit und Massenarbeitlosigkeit stürzen. Hochverschuldete Eigen-
heimbesitzer können und werden dadurch vor unlösbare Probleme ge-
stellt. Besondere Belastungen treten auf für Familien mit Kin-
dern, die in das Erwerbsalter kommen. Entzug des BAFÖG, Neurege-
lung der Sozialhilfe (Dreigenerationenprinzip) usw. führen zu
drastischen Senkungen des Lebensstandards und der Lebensperspek-
tiven dieser Familien, die sich in den Durchschnittskennziffern
der Entwicklung des Reallohnes z.B. nicht widerspiegeln.
Als Ergebnis dieser Skizze halten wir fest, daß trotz aller re-
gionalen Disproportionen, Unterschiede und Widersprüche die rela-
tive Einheitlichkeit der Arbeits- und Lebensbedingungen der Ar-
beiterklasse und der anderen nichtmonopolistischen Schichten in
den unterschiedlichen Zentrentypen gewahrt bleibt und damit auch
eine objektive Basis für die Einheit der Arbeiterklasse und die
Herstellung von Bündnissen gegeben ist.
_____
1) Vgl. K. Brake, Zum Verhältnis von Stadt und Land. Geschichte,
Ursachen und Veränderungsmöglichkeiten der Siedlungsstruktur,
Stadtplan l, Schriften für Planen, Bauen und kommunale Politik,
Köln 1980, sowie die dort angegebene Literatur.
2) Der Begriff "Belastung" tritt nicht an die Stelle der Katego-
rie "Ausbeutung", sondern erfaßt verschiedene Erscheinungsformen
der Klassen- und Ausbeutungsverhältnisse, die die gebrauchswert-
mäßige Gestalt der Arbeits- und Lebensbedingungen sowie die Vor-
aussetzungen für die Entwicklung regionaler Bevölkerungsgruppen
und klassenbewußter Persönlichkeiten beschreiben. Vgl. hierzu K.
Brake / Chr. Wurms, Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevöl-
kerung als Hauptziel der arbeitnehmerorientierten Stadtentwick-
lungs- und Regionalpolitik, in: Arbeitskreis arbeitsorientierte
Regionalwissenschaft (Hrsg.), Regionale Krisen und Arbeitnehme-
rinteressen. Materialien zur arbeitnehmerorientierten Raumord-
nungs- und Regionalpolitik, Stadtplan 6, Köln 1981, S. 27 ff.
3) E. Dähne, Zu einigen methodischen Problemen sozial-wissen-
schaftlicher Regionalforschung. Voruntersuchung C im Rahmen des
RKW-Projekts "Arbeitswirtschaftliche Strukturprobleme der Produk-
tivitätsentwicklung", Marburg 1967.
4) Arbeitskreis arbeitsorientierte Regionalwissenschaft (Hrsg.),
a.a.O., S. 7 ff.
5) J. Hoormann / E. Lütke-Daldrup / J. Walter, Internationaler
Handel und regionale Beschäftigungseffekte, Dortmunder Beiträge
zur Raumplanung, Bd. 32, Dortmund 1983, S. 183 f.
6) W. Roßmann, Arbeiterklasse, soziale Bedürfnisse und gewerk-
schaftliche Politik, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF
5, Frankfurt 1982, S. 42 ff.
7) Ebenda, S. 47 f.
8) Vgl. F. Deppe, Einheit und Spaltung der Arbeiterklasse, Mar-
burg/L. 1981.
9) Vgl. Arbeitsgruppe Alternativen der Wirtschaftspolitik, Memo-
randum '81, '82 und '83, Köln 1981, 1982, 1983.
10) Diese Aussage ist für die Grundstoffchemie allerdings inso-
fern problematisch, als z. Zt. noch keine genauen Aussagen über
die mögliche Verdrängung der erdöl- und erdgasabhängigen Grund-
stoffchemie durch Importe aus den Erdölförderländern, die in den
letzten Jahren riesige Investitionen in der ersten Verarbeitungs-
stufe vorgenommen haben, gemacht werden können. Es steht jedoch
fest, daß hier eine massive weltwirtschaftliche Strukturverände-
rung stattfindet. (Vgl. hierzu: Prognos-Report Nr. 11. Die Bun-
desrepublik Deutschland 1985/1990/2000, Basel 1982).
Die Gesamtaussagen der Prognos-Studie sind an Dreistigkeit kaum
zu überbieten, da dieser Report die Lösung der Probleme der Ar-
beitslosigkeit bis zum Jahr 2000 allein aufgrund demographischer
Faktoren unterstellt. Aber selbst für diese die Probleme der Ka-
pitalverwertung völlig außer acht lassende Variante unterstellt
das Institut für die Chemieindustrie X 100000 Arbeitsplätze bis
zum Jahr 2000.
11) Vgl. als warnendes Beispiel die Entwicklung der Region Liver-
pool (L. Schröter, Liverpool: Dortmunds Zukunft? Ein Vergleich
zwischen Regionen mit ähnlichen Strukturproblemen, in: Die Mitbe-
stimmung, Monatszeitschrift der Hans-Böckler-Stiftung, Heft 8-
9/1982, S. 292 ff). Der Begriff "Entindustrialisierung" hat einen
ambivalenten Charakter, weil er sowohl Übertreibungen Vorschub
leisten kann (indem ein völliges Verschwinden der Industrie in
den strukturschwachen Regionen unterstellt wird statt deren Redu-
zierung auf einen in der Regel hochmodernen Kern) als auch das
Theorem von der "postindustriellen Gesellschaft" fördert, das
suggeriert, die Gesellschaft könne ohne Industrie als Dienstlei-
stungsgesellschaft existieren. Zwar kann sich die Beschäftigten-
struktur weiter in Richtung tertiärer Sektor verschieben, dieser
kann jedoch nur auf Basis einer hochmodernen Industrie und Land-
wirtschaft existieren.
12) Vgl. die entsprechenden Veröffentlichungen der Bundesanstalt
für Landeskunde und Raumordnung. Bonn, die ein System der laufen-
den Raumbeöbachtung entwickelt hat.
13) Der Beschäftigtenüberbesatz drückt aus, um wieviel die Zahl
der Beschäftigten in den jeweiligen Dienstleistungssektoren pro
1000 Einwohner den Bundesdurchschnitt übersteigt.
14) M. Pohl, Wirtschaftsförderung in Großstädten, a.a.O. (Tab.
3), S. 125.
15) Die folgenden Angaben sind der sehr informativen Arbeit von
L. Krickau-Richter / J. Olbrich, Regionale Strukturpolitik mit
Dienstleistungsbetrieben. Möglichkeiten und Grenzen der Standort-
steuerung, Dortmunder Beiträge zur Raumplanung, Bd. 25, Dortmund
1982, entnommen.
16) ebenda, S. 29-31; (Städtenamen in Klammern durch die Verf.).
17) U. Semmelrogge, Krise, Arbeitnehmer und Konzerne in Köln, in:
Arbeitskreis arbeitsorientierte Regionalwissenschaft (Hrsg.),
a.a.O., S. 146-194.
18) Vgl. F. Fiehler, Arbeitsplatz Hamburg. Regionalökonomie und
-politik in Hamburg in den siebziger Jahren, in: Marxistische
Studien. Jahrbuch des IMSF 4/1981, S. 276ff; L. Bading, Beispiel
Hamburg: Soziale Bewegungen - politische Strömungen und Verallge-
meinerungen - Wahlen, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF
5/1982, S. 107 ff.
19) F. Fiehler, a.a.O., S. 281 und 285.
20) J. Hoormann u. a., a.a.O., S. 107, Tab. 4.8.
21) Vgl. U. Briefs, Arbeiten ohne Sinn und Perspektive? Köln
1980, S. 65-77. Briefs schätzt für 1980 ca. 500000 EDV-Beschäf-
tigte nach nur 220 000 im Jahre 1973, wobei die in der EDV-Her-
stellung Beschäftigten für 1980 von Siemens auf nur 43 000 ge-
schätzt wurden! Vgl. auch Autorenkollektiv unter Leitung von E.
Rechtziegler, Mikroelektronik im Dienste des Imperialismus, Ber-
lin (DDR) 1982, sowie DKP (Hrsg.) Arbeiterklasse und Massenme-
dien. Die Kabelschau der Monopole, Düsseldorf 1983.
22) Vgl. Forschungsgruppe Produktivkraftentwicklung Nordhessen,
Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit durch Ausbau der Arbeits-
und Lebensverhältnisse in Nordhessen, Frühjahrsgutachten 1983,
Kassel 1983. So fielen 1980 23,4 Prozent der Arbeitslosen in Hes-
sen auf Nordhessen, 1982 dagegen 26,3 Prozent. D. h., der Anteil
des strukturschwachen Nordhessen an der Arbeitslosigkeit sowie
den Folgelasten stieg an.
23) Nach: M. Pohl, Wirtschaftsförderung in Großstädten, a.a.O.,
S. 18, 142.
24) Vgl. H. Bömer, Regionale Strukturkrisen im staasmonopolisti-
schen Kapitalismus und marxistische Raumökonomie. Am Beispiel der
Ruhrgebietskrise, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 2/
1979, S. 138 ff.
25) Vgl. hierzu die empirische Untersuchung von A. Oppolzer, P.
Strutynski und K.H. Tjaden (Forschungsgruppe Produktivkraftent-
wicklung Nordhessen), Raumentwicklung und Belastungshäufigkeit.
Ein Verfahren der Bewertung regionaler Arbeits- und Lebensbedin-
gungen von Arbeitnehmern am Beispiel eines nordhessischen Land-
kreises. In: Arbeitskreis arbeitsorientierte Regionalwissenschaft
(Hrsg.), a.a.O., S. 43 ff.
zurück