Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983


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SPD UND FRIEDENSFRAGE

Positionen fortschrittlicher Sozialdemokraten --------------------------------------------- zur Friedenssicherung --------------------- Christoph Butterwegge/Manfred Ossenbeck 1. Die SPD und der sogenannte NATO-Doppelbeschluß - 2. Differen- zierungs- und Polarisierungstendenzen innerhalb der SPD - 3. So- zialdemokratische Friedenskonzeptionen - 3.1 Integrationistische Friedenskonzeptionen (Bahr, Voigt) - 3.2 Reformistische Friedens- konzeptionen (Eppler, Lafontaine) - 4. Perspektiven der SPD-Lin- ken im Friedenskampf: Entwicklungs- und Bündnismöglichkeiten 1. Die SPD und der sogenannte NATO-Doppelbeschluß ------------------------------------------------- In der Diskussion über die Stationierung neuer Mittelstreckenra- keten auf europäischem Boden gilt der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt als treibende Kraft; bisweilen wird er sogar als Entdecker jener "Raketenlücke" angesehen, die durch Nuklearwaffen der USA geschlossen werden soll. Zwar hat Schmidt in seiner Rede vor dem Londoner Internationalen Institut für Strategische Stu- dien 1977 erstmals auf eine "Grauzone" im atomaren Mittelstrec- kenbereich hingewiesen, 1) doch war dieser Vorstoß, wie aus dem zeitlichen Zusammenhang hervorgeht, mit den NATO-Partnern abge- stimmt. Berücksichtigt man, daß der Auftrag für die Entwicklung der Präzisionsrakete Pershing II drei Jahre zuvor erteilt worden und daß sie 1974 als gesonderter Posten im Haushalt der US-Armee erschienen war, 2) so wird klar, daß die imperialistische Hegemo- nialmacht den (rechts-)sozialdemokratischen Bundeskanzler als willfähriges Werkzeug benutzte, um den Verbündeten und der Bevöl- kerung Westeuropas ihre Rüstungspläne nahezubringen. Bei der Durchsetzung des Projekts innerhalb der NATO spielte die sozial- liberale Bundesregierung eine Schlüsselrolle. Den Widerstand Bel- giens, Dänemarks und der Niederlande beschwichtigten Schmidt und andere Regierungsmitglieder durch persönliche Einflußnahme auf den politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozeß dieser Länder. Minister der Regierung Schmidt/Genscher entwickelten eine rege Reisediplomatie, die selbst vor der Androhung finanzieller Folgen für die betreffenden Staaten nicht zurückschreckte, um den Druck in der Raketenfrage zu erhöhen. 3) Im Vorfeld der NATO-Sondersitzung am 12. Dezember 1979, die den sogenannten Doppelbeschluß faßte, fand in Westberlin ein Bun- desparteitag der SPD statt, auf dem die "Nachrüstung zur Debatte stand. Da die Friedensbewegung noch nicht wieder zu einer großen Massenbewegung geworden war und andere Themen behandelte (SALT II, Neutronenbombe), hatten ihre Diskussionen auf die Partei- tagsentscheidung nur geringen Einfluß. Die Delegierten unter- stützten mehrheitlich den Leitantrag des SPD-Vorstandes, ohne über die Tragweite ihrer Entscheidung sowie die Bedeutung der an- stehenden Rüstungsmaßnahmen ausreichend informiert zu sein. Sie glaubten, das Abkommen über die Begrenzung der strategischen Rü- stung (SALT II) würde vom amerikanischen Senat ratifiziert, und vertrauten der Parteiprominenz, die sich für den Raketenbeschluß einsetzte. Die nach dem Westberliner Parteitag und dem Brüsseler NATO-Be- schluß einsetzende Diskussion innerhalb der SPD verdeutlicht die vielfältigen Einwirkungsmöglichkeiten der außerparlamentarischen Bewegung auf diese Partei. Bis zum Münchener Parteitag im April 1982 wandten sich zahlreiche Untergliederungen gegen den soge- nannten Doppelbeschluß, darunter über die Hälfte der SPD-Bezirke. Trotzdem wurde weder die Aufhebung des Brüsseler "Nach"rüstungs- beschlusses noch ein Moratorium für atomare Mittelstrecken- raketen, wie von der SPD-Linken gefordert, zur Beschlußgrundlage des Parteitages. Nach gezielten Rücktrittsdrohungen des Bundes- kanzlers setzte sich vielmehr die Linie des Parteivorstandes durch, die ein Festhalten am NATO-Beschluß vorsah und die endgültige Positionsbestimmung der SPD auf den nächsten Parteitag im Herbst 1983 verschob. 4) Im Gegensatz zur Rechtssozialdemokratie, die sich mit dem bürger- lichen Staat identifiziert und - durchaus folgerichtig - eine Verstärkung seiner Streitkräfte in der Regel kritiklos akzep- tiert, ist die SPD-Linke integraler Bestandteil der sich verbrei- ternden Friedensbewegung und entwickelt Konzeptionen, die sie als Beitrag zur Bannung der wachsenden Kriegsgefahr in den Kampf für Frieden, Abrüstung und Entspannung einbringt. Wir wollen einen Überblick in bezug auf unterschiedliche Positionen aus dem Ein- zugsbereich fortschrittlicher Sozialdemokraten geben, nach Art eines Literaturberichts die Strategiemodelle bekannter SPD-Poli- tiker (Egon Bahr, Erhard Eppler, Oskar Lafontaine, Rarsten Voigt) zur Friedenssicherung thematisieren und ihre Praxis in der Aus- einandersetzung um den NATO-Raketenbeschluß damit konfrontieren, aber auch Differenzierungsprozesse des Reformismus/Integratio- nismus analysieren und hierin begründete Bündnisperspektiven herauskristallisieren. Die gesichteten Primärquellen (Reden, Parteitagsprotokolle, Pres- seerklärungen und andere Publikationen) dokumentieren den Kampf unterschiedlicher Strömungen um die Stellung der SPD zur Frie- densfrage. Ein historischer Rückblick zeigt, daß. die Sozialdemo- kratie weder die Friedensbewegung repräsentiert noch als deren proletarischer Flügel firmiert, sondern daß seit der Jahrhundert- wende Konflikte zwischen Freunden und Feinden der Friedensbewe- gung zum Parteialltag gehören, die sich an (welt)geschichtlichen Knotenpunkten (Kriegsausbruch 1914, Untergang der Weimarer Repu- blik, Wiederbewaffnung und Westintegration der BRD) dramatisch zuspitzten. Bei der Frage, ob die SPD der Dislozierung einer neuen Generation von. Nuklearwaffen (Pershing II, Marschflugkör- per) zustimmt, handelt es sich um eine Fortsetzung dieser Reihe, was die Tragweite der zu treffenden Entscheidung und die wichtige Aufgabe der Parteilinken unterstreicht. 2. Differenzierungs- und Polarisierungstendenzen ------------------------------------------------ innerhalb der SPD ----------------- Die sozialdemokratische Bewegung bildet keinen monolithischen Block, sondern zerfällt in zwei Lager: 5) Der sozialliberale In- tegrationismus, wie ihn die Parteirechte propagiert, strebt eine schrittweise Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen im Rahmen des kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems an, leugnet die Existenz von Klassengegensätzen und bindet die Arbeiterklasse bewußt an den bürgerlichen Staat. Flankiert von einer kleinen marxistischen Minderheit, die Kristallisationskerne bei den sozialdemokratischen Jugend- und Studentenverbänden (SJD - Die Falken, Juso-Linke, SHB) besitzt, befürwortet der Reformis- mus (Frankfurter Kreis) grundlegende Gesellschaftsveränderungen, bleibt jedoch auf dem Boden der bürgerlich-parlamentarischen De- mokratie, ohne den Klassencharakter des Staates zu durchschauen. Diese Doppelstruktur bzw. Janusgesichtigkeit der SPD prägt das Parteileben, seitdem der Übergang zum Imperialismus Möglichkeiten der Systemintegration von Teilen des Proletariats ("Arbeiter- aristokratie", Arbeiterbürokratie) schuf und die demokratische Staatsform der Weimarer Republik den Anpassungstendenzen der Vorkriegssozialdemokratie zum Durchbruch verhalf. Die jüngste Krise des BRD-Kapitalismus blieb nicht ohne tiefgrei- fende Folgen für die Sozialdemokratie, in deren Reihen sich sowohl Radikalisierungs- wie Resignationstendenzen breitmachten. Früher nur embryonal entwickelte, selten wahrgenommene Differen- zierungs- bzw. Polarisierungsprozesse beschleunigten sich so weit, daß es 1982 zur Abspaltung vom Rechtsdrall ihrer Partei- und Regierungsspitze (Stichworte: Reformverzicht, Rotstift, Rake- ten) frustrierter Mitglieder kam. Die Gründung der Demokratischen Sozialisten (DS) um die ehemaligen Bundestagsabgeordneten Manfred Coppik und Karl-Heinz Hansen brachte zwar den zunehmenden Unmut innerhalb der SPD-Linken zum Ausdruck, bedeutete für diese jedoch keine organisatorische Alternative und wurde weitgehend igno- riert. Ende der siebziger/Anfang der achtziger Jahre konturierten sich die beiden Klassenlinien in der SPD und ihre Schattierungen, und die innerparteilichen Auseinandersetzungen spitzten sich spürbar zu. Konfliktstoff boten die Wirtschafts- und Sozialpolitik des Kabinetts Schmidt/Genscher mit ihrer Abwälzung der Krisenlasten auf die arbeitende Bevölkerung sowie der gleichfalls über Bela- stungen für die Werktätigen finanzierte Hochrüstungs- und Kon- frontationskurs gegenüber den sozialistischen Staaten. Als der sich verringernde Spielraum für materielle Konzessionen gegenüber Arbeiterklasse und Mittelschichten ihre Integrationsfähigkeit in Frage stellte, büßte die SPD ihren Wert für das Monopolkapital ein; die Rolle als Regierungspartei war nach dem Kanzlersturz am 1. Oktober 1982 vorerst ausgespielt. 6) Während die Rechtssozialdemokratie viele ihrer Pfründen verlor und tiefe Einbrüche in Teilbereichen ihrer sozialen Basis (Industriearbeiterschaft, kleinbürgerliche Randschichten) ver- zeichnen mußte, führte der Problemdruck, den die Krisensituation erzeugte, zu Zerfallserscheinungen innerhalb des Reformismus. 7) Da sich der Reformismus, wiewohl er die objektiv systemstabili- sierende Funktion erfüllt, Kritik zu absorbieren und (jugend- lichen) Protest zu kanalisieren, subjektiv durchaus im Einklang mit den Interessen der Lohnabhängigen wähnt, wirkt die Wirt- schaftskrise auf ihn wie ein Scheidewasser, das seine Reprä- sentanten voneinander trennt: Ein Teil von ihnen paßte sich an, ging auf integrationistische Positionen über und unterstützte den sozialdemokratischen Regierungsflügel (Zersetzung des Reformismus im Bezirk Hessen-Süd, Rechtsentwicklung der früheren Juso-Füh- rung), ein Teil resignierte (z.B. Jochen Steffen), ein anderer Teil wiederum suchte nach Erklärungen für die ökonomische Labili- tät, zog daraus Konsequenzen (Desillusionierung bezüglich eines "krisenfreien" Kapitalismus) und ging auf Distanz zur Partei- spitze ("Dissidenten" in der SPD-Bundestagsfraktion, Anwachsen der Linksopposition bei den Jungsozialisten), ohne deshalb schon unter den Einfluß des Marxismus zu geraten. 3. Sozialdemokratische Friedenskonzeptionen ------------------------------------------- 3.1 Integrationistische Friedenskonzeptionen (Bahr, Voigt) ---------------------------------------------------------- Egon Bahr kann man als den konzeptionellen Vordenker oder als Re- alisator der Verständigungspolitik gegenüber den sozialistischen Ländern bezeichnen. Er war es, der die Konzeption des "Wandels durch Annäherung" entworfen (Tutzinger Rede 1962) und die Ver- handlungen mit der Sowjetunion über den Moskauer bzw. mit der DDR über den Grundlagenvertrag geführt hat. Heute ist Bahr "Abrü- stungsbeauftragter" des SPD-Parteivorstandes. Als außenpoli- tischer Berater des Kanzlerkandidaten Hans-Jochen Vogel hat Bahr im letzten Bundestagswahlkampf den Wahlkampfstil der SPD mitge- prägt. Wichtige Wahlaussagen seiner Partei, beispielsweise die Vorstellungen zur "Sicherheitspartnerschaft" und das Verlangen nach einem Mandat, um die Raketenstationierung "überflüssig" zu machen, stammen von Bahr. Wie er die zentrale Figur der SPD in Abrüstungsfragen ist, so kommt Bahr auch bei dem Bemühen, die Gesamtpartei auf ein klares Nein zur "Nach"rüstung festzulegen, eine Schlüsselfunktion zu. Bedeutsam erscheint in diesem Zusammenhang, daß Bahr die Legiti- mationsgrundlage des sogenannten Doppelbeschlusses, durch den "Verhandlungsteil" würden beide Seiten zu Abrüstungsgesprächen gedrängt, stets in den Vordergrund gestellt hat. Auf dem Westber- liner SPD-Parteitag im Dezember 1979 mußten Bahrs Sachautorität und moralische Integrität dazu herhalten, die Delegierten von der Richtigkeit des Vorstandsentwurfs zur Sicherheitspolitik sowie von der angeblichen Notwendigkeit des Raketenbeschlusses zu über- zeugen: "Als einer, für den Entspannungspolitik ein Teil seines Lebens ist, würde ich diesen Antrag ablehnen, wenn ich glaubte, die Entspannungspolitik würde durch seine Annahme kaputtgehen." 8) Den Westberliner Parteitagsbeschluß eher widerwillig mittra- gend, hatte Bahr maßgeblichen, wenn nicht entscheidenden Anteil am Beschluß des Münchener Parteitages 1982, den er im SPD-Vor- stand gegen Helmut Schmidt und den damaligen Verteidigungsmini- ster Hans Apel durchsetzte. 9) Diese Resolution hielt zwar an der Argumentation des sogenannten NATO-Doppelbeschlusses fest, ver- mied aber definitive Festlegungen und ließ Möglichkeiten zur Re- vision der Mehrheitsposition offen. Bahrs Flexibilität ging weit genug, um eine für große Teile der SPD akzeptable Kompromißformel zu finden, die auf der Linie des vom Parteivorsitzenden Willy Brandt favorisierten Integrationskurses lag. Zwar zweifelte Bahr zunehmend am Verhandlungswillen der US-Regie- rung, doch sah er im Festhalten am "Nach"rüstungsbeschluß die einzige Chance, sie zur Fortführung der Genfer Verhandlungen über Mittelstreckenraketen und zu bestimmten Zugeständnissen (z.B. Einbeziehung des britischen und französischen Nuklearpotentials) zu zwingen. Bei einer Ablehnung der Raketenstationierung zu die- sem Zeitpunkt befürchtete Bahr den Verlust der Regierungsfähig- keit seiner Partei. Mit dem Ausscheiden der SPD aus der Bundesre- gierung im Herbst 1982 fiel eines der wichtigsten Hindernisse für Bahrs Kritik an den USA und am "Nach"rüstungsbeschluß selbst weg. Seither drängt Bahr auf eine möglichst frühe Entscheidung der SPD in dieser Frage und ein Vorziehen des Sonderparteitages, um die Raketenstationierung überhaupt noch beeinflussen zu können. Nunmehr stellte Bahr nicht nur den Stationierungs"automatismus", sondern auch die Verhandlungsbereitschaft der Reagan-Administra- tion in Frage und argumentierte eher prinzipiell als pragmatisch. In seinem 1982 erschienenen Buch "Was wird aus den Deutschen?" beschäftigt Bahr sich mit der gegenwärtig gültigen Ab- schreckungsdoktrin, von der er glaubt, daß ihr eine wechsel- seitige gesicherte Zweitschlagskapazität zugrunde liegt, die den Ausbruch eines Atomkrieges bis heute verhindert habe. 10) Gleichzeitig beinhalte sie jedoch die Absicht beider Seiten, Vorteile gegenüber dem potentiellen Kriegsgegner zu erlangen, was w i r k l i c h e Abrüstung - über bloße Rüstungsbegrenzung hinaus - praktisch unmöglich mache. Dazu bedürfe es einer "Sicherheitspartnerschaft", die Abrüstungsschritte für beide Seiten billiger und (deshalb) besser erscheinen lasse: "Nicht mehr gegeneinander, sondern nur noch miteinander werden wir sicher sein." 11) Bedingt durch Illusionen über die Ursachen der Hochrüstung in den imperialistischen Hauptländern, gelangt Bahr zur bewußten Affir- mation der NATO, ihrer Aufgaben und Zielsetzung. Trotzdem mahnte er die USA in mehreren "Spiegel"-Gesprächen und Artikeln im Par- teiorgan "Vorwärts", dessen Herausgeber Bahr ist, zu einer kon- struktiveren Haltung bei den Genfer Verhandlungen. Häufig ist da die Rede von der Notwendigkeit, Druck auf die US-Regierung aus- zuüben, und von Gefahren für den Atlantikpakt, wenn dessen Füh- rungsmacht einen (auf Europa) begrenzten Atomkrieg tatsächlich ins Kalkül ziehe. Obwohl Bahr fest auf dem Boden des westlichen Militärbündnisses steht und ein überzeugter Gegner des Sozialis- mus bzw. "Sowjetkommunismus" bleibt, ist er Realist genug, um für die Fortsetzung der Entspannungspolitik zu plädieren und Angrif- fen auf ihre Erfolgsgrundlagen entgegenzutreten. Für Bahr bildet der Frieden das wichtigste, auf jeden Fall zu bewahrende Gut, weswegen er über allen ideologischen Streitpunkten rangieren muß; diesen Grundgedanken einer verantwortungsbewußten Außenpolitik gesteht Bahr, wie sein Nachruf auf Leonid Breshnew beweist, 12) auch sozialistischen Staatsmännern zu. Derselbe Sinn für Realitä- ten und die herrschenden Machtverhältnisse spricht aus Bahrs Be- merkungen über die Krisensituation in der Volksrepublik Polen, woraus keine Rückschläge für den Entspannungsprozeß erwachsen dürften: "Ich kann nicht Polen aus dem Warschauer Vertrag heraus- brechen wollen." 13) Der Vorwurf konservativer Kreise, Bahr halte eine Art Äquidistanz zu Moskau und Washington, ist zwar absurd, weil er darauf beruht, daß sich seine Urheber - anders als Bahr - durch blinden Antikom- munismus der Fähigkeit zur rationalen Kritik an den USA begeben. Doch will Bahr beide Verhandlungspartner für eine Kompromißlösung gewinnen, die kein neues Wettrüsten heraufbeschwört. Die Berück- sichtigung der vorgeschobenen US-Systeme sowie der britischen und französischen Nuklearstreitmacht im Rahmen einer umfassenden Ge- samtvereinbarung über Mittelstreckenwaffen war für Bahr immer eine Selbstverständlichkeit, weshalb sich seine Variante einer "Null-Lösung" erheblich von der Reaganschen unterscheidet. Bahr bezieht "Null" nämlich nur auf die neuen Atomraketen der USA. Bahrs Beurteilung des Vorschlages der Sowjetunion für die Genfer Verhandlungen aus dem Dezember 1982 (als Andropow-Initiative be- zeichnet), der mittlerweile mehrmals präzisiert und konkretisiert wurde, fiel positiv aus und kam zu dem Schluß, daß hiermit eine geeignete Verhandlungsgrundlage existiere, die Gegenvorschläge der US-Regierung nach sich ziehen müsse. Wenige Wochen nach dem Regierungswechsel nutzte Bahr den ersten sich bietenden Anlaß für die Feststellung: "Unser Nein ist nähergerückt." 14) Gemeint war die Ablehnung der "Nach"rüstung mit Blick auf das Genfer Verhand- lungsergebnis. Die "Frankfurter Rundschau" wertete Bahrs Vorgehen als Bruch des im SPD-Vorstand geschlossenen "Burgfriedens", der verhindern sollte, daß die Raketenstationierung im "Vormärz" zum beherrschenden Wahlkampfthema wurde. 15) Auf diese Weise zur Stellungnahme gezwungen, folgte das SPD-Prä- sidium Bahrs Ratschlag, den Verzicht auf die Stationierung der amerikanischen Erstschlags- bzw. "Enthauptungs"waffen für den Fall vorzusehen, daß die UdSSR alle Raketen des Typs SS 4/SS 5 verschrotte und die Anzahl ihrer modernen Mittelstreckenwaffen (SS 20) um 100 reduziere. 16) Dieser sogenannte Warnke-Plan stimmt weitgehend mit dem Vorschlag Juri Andropows überein, den die SPD-Führung im Bundestagswahlkampf nicht aufgriff, sondern nur zaghaft begrüßte, wohingegen Bahr darin einen bedeutenden Fortschritt sah: "Die Sowjetunion hat sich bewegt. Die USA bisher nicht. Sie sind sogar stolz darauf, sich nicht bewegt zu haben. Das wird nicht so bleiben können." 17) Einmal mehr unterstrich Bahrs Appell an die Regierung Reagan, daß seine Position in Sa- chen Außen- und Sicherheitspolitik wichtige Ansatzpunkte für ein punktuelles Zusammenwirken mit fortschrittlicheren Kräften inner- halb der Sozialdemokratie bietet. Karsten Voigt, Ende der sechziger/Anfang der siebziger Jahre Bun- desvorsitzender des sozialdemokratischen Jugendverbandes, ent- fernt sich als außenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfrak- tion immer weiter von Juso-Positionen. Der karrierebeflissene Parlamentarier unterstützt die militärpolitische Konzeption des SPD-Parteivorstandes, akzentuiert jedoch stärker den Zwang der Großmächte zur Abrüstung. Sein Übergang von reformistischen zu integrationistischen Positionen ist für einzelne Führungskräfte des Frankfurter Kreises symptomatisch. Im Vorfeld der NATO-Sondersitzung am 12. Dezember 1979, die den sogenannten Doppelbeschluß faßte, stand Voigt der "Nachrüstung skeptisch gegenüber und suchte mehrere Sicherungen gegen den Rü- stungsautomatismus in den Westberliner Parteitagsbeschluß "Sicherheitspolitik im Rahmen der Friedenspolitik" einzubauen, 18) was mißlang. Mittlerweile steht Voigt zum NATO-Raketenbe- schluß, dessen Stationierungsart er allerdings problematisiert, indem sein Buch "Wege zur Abrüstung" für luft- bzw. seegestützte Mittelstreckenraketen (vielleicht unter völligem Verzicht auf die Pershing II) plädiert: "Es ist mir dabei bewußt, daß eine seege- stützte Modernisierung der US-Mittelstreckenpotentiale rüstungs- kontrollpolitische Probleme bei Ost-West-Verhandlungen und ver- teidigungspolitische Probleme innerhalb einer weiterentwickelten Abschreckungslogik im Rahmen der 'flexible response' und z.T. auch zusätzliche militärtechnische und finanzielle Probleme mit sich bringen würde. Es ist aber anzunehmen, daß die NATO ohne rü- stungskontrollpolitische Zugeständnisse der Sowjetunion die so schwer erreichte Einigung nicht wieder durch Neuüberlegungen in Frage stellen lassen will." 19) Als "Realpolitiker beruft sich Voigt primär auf das Wirken angeb- licher Sachzwänge, die Abrüstung zur Fiktion oder fernen Zu- kunftsvision machen. Er stellt sich auf den Standpunkt, der be- stehende Zustand sei - am besten durch die Zementierung der gül- tigen Beschlußlage - festzuschreiben und Veränderungen des Status quo, die nicht schrittweise erfolgen, vorzuziehen: "Ich be- fürchte, daß eine einseitige Absage an den NATO-Doppelbeschluß durch die Mehrheit eines SPD-Bundesparteitages politische Pro- zesse auslösen könnte, die in ihrer praktischen Wirkung nicht mehr Rüstungskontrolle und Abrüstung, sondern mehr Aufrüstung und Ost-West-Konfrontation zur Folge hätten." 20) Das mit der Propa- gandakampagne zur "Null-Lösung" eingeleitete Erpressungsmanöver des Atlantikpakts gegenüber der UdSSR akzeptiert Voigt als Grund- lage und Ausgangspunkt seiner Konzeption der Sicherheitspolitik, die glauben machen will, der Rüstungswettlauf zwischen den beiden Militärblöcken verselbständige sich. 21) Zwar reklamiert Voigt die marxistischen Traditionen der SPD für seine Konzeption sozialdemokratischer Friedenspolitik, 22) der Antisowjetismus/Antikommunismus verstellt ihm jedoch den Blick auf die Ursachen/Verursacher der zunehmenden Kriegsgefahr einer- seits und für Bündnismöglichkeiten der SPD-Linken im außerparla- mentarischen Bereich andererseits. Voigt sieht in forciertem Wettrüsten und Entspannung einen Widerspruch, ohne daraus den Schluß zu ziehen, daß die "Nachrüstung gleichbedeutend mit der Rückkehr zum Kalten Krieg und deshalb abzulehnen ist. Fixiert auf den bürgerlichen Parlamentarismus, überbewertet Voigt die Rolle der Regierungspolitik, während er die Bedeutung der Massenmobili- sierung für Frieden und Abrüstung unterschätzt. Als Mittel zur Verhinderung der Raketenstationierung erteilt Voigt außerparla- mentarischen Mobilisierungsaktionen eine klare Absage: "Die SPD wird als parlamentarische Partei im Rahmen einer funktionsfähigen Demokratie auch dann nicht im Sinne des Artikels 20 des Grundge- setzes zum Widerstand gegenüber einer möglichen Stationierung neuer Mittelstreckenwaffen aufrufen können, wenn eine solche Sta- tionierung gegen ihren Willen aufgrund einer parlamentarischen Mehrheitsentscheidung durchgesetzt werden sollte. " 23) SPD und Friedensbewegung als "potentielle Verbündete" charakteri- sierend, verwahrt sich Voigt gegen Bemühungen, die Sozialdemokra- tie, wie er sich ausdrückt, "in den parlamentarischen Arm einer vorwiegend außerparlamentarischen Friedensbewegung umfunktionie- ren zu wollen." 24) Was Wunder, wenn die Kommunisten, von Voigt als unglaubwürdig und (parlamentarisch) irrelevante Kraft abqua- lifiziert, ausgegrenzt werden? "Wir brauchen ein friedenspoliti- sches Bündnis relevanter und demokratisch glaubwürdiger gesell- schaftlicher Kräfte im In- und Ausland, das insbesondere Sozial- demokraten, Liberale, Gewerkschafter, Christen, Vertreter der Ju- gend- und Frauenbewegung, Wissenschaftler, Künstler, aber auch Militärs umfaßt und Kontakte mit befreundeten Parteien in der So- zialistischen Internationalen, mit liberalen Gruppen in den USA und demokratisch glaubwürdigen Gruppen in der internationalen Friedensbewegung pflegt." 25) 3.2 Reformistische Friedenskonzeptionen (Eppler, Lafontaine) ------------------------------------------------------------ Erhard Eppler, Ende der sechziger/Anfang der siebziger Jahre Bun- desminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und bis 1982 Mit- glied des SPD-Präsidiums, in dem er die Parteilinke vertrat, ge- hört zu den profiliertesten Gegnern des sogenannten NATO-Doppel- beschlusses. Bei der Herausbildung seiner Position stand die pro- testantische Ethik Pate. Sie motivierte Eppler zur Ablehnung der Umweltzerstörung und des Rüstungswahns aus humanistischen Impul- sen seiner Sozialisation heraus. Statt politökonomischer Analyse und wissenschaftlich fundierter Kritik an der NATO-Militärstrate- gie dominieren bei Eppler moralische Argumentationsmuster, die gleichwohl legitim, glaubwürdig und überzeugend sind. Ohne den Zusammenhang zwischen dem Konfrontationskurs Reagans und dem Weltherrschaftsstreben des US-Imperialismus zwecks längerfri- stiger Sicherung von Rohstoffquellen, Anlagesphären und Absatz- märkten für das Monopolkapital herzustellen, zerstörte Eppler die Pseudolegitimation des "Nach"rüstungsbeschlusses, als er auf dem Lahnsteiner Juso-Bundeskongreß im Juni 1981 sagte: "Es gibt über- haupt keine logische Verbindung zwischen der Aufstellung der SS 20 auf der einen Seite Und der Pershing und Cruise missiles auf der anderen Seite." 26) Epplers Beurteilung des Rüstungswettlaufs bleibt jedoch nicht frei von Fehleinschätzungen, die den System- gegensatz (Tendenz zur Gleichsetzung von Imperialismus und realem Sozialismus), die gesellschaftlichen Wurzeln der Hochrüstung (Reduktion des Militarismus auf Lobbyismus in Ost und West) sowie das Wesen der NATO (Verharmlosung zum Defensivbündnis) betreffen. Eppler bekennt sich unzweideutig zur NATO, kritisiert allerdings ihre Nukleardoktrin, wo sie durch US-Interessen diktiert wird, und drängt auf mehr Eigenständigkeit der Westeuropäer innerhalb des Bündnisses. Wie die sozialdemokratische Entspannungspolitik der sechziger und siebziger Jahre Gesellschaftsveränderungen in Osteuropa bewirken wollte ("Wandel durch Annäherung"), so be- zweckt Epplers Eurozentrismus eine Separierung der Sowjetunion von ihren Bündnispartnern, begriffen als "Emanzipationsakt" in- nerhalb der Warschauer Vertragsorganisation: "Friedensbewegung ist eine Form der Europäisierung Europas. Also tritt sie auch da- für ein, daß sich die Nationen im Osten mehr Bewegungsspielraum für eine Entfaltung nach ihren Wertvorstellungen schaffen kön- nen." 27) Demselben Ziel dient Epplers Vorschlag zur allmählichen Relativierung der Bindungen zwischen den "Supermächten" und ihren Verbündeten. "Niemand kann die Paktsysteme von heute auf morgen auflösen. Und es wäre kaum zu erwarten, daß ein abruptes Aufbre- chen der Fronten den Frieden herbeizwingen könnte. Aber auf mitt- lere Sicht muß eine Dynamik gemeinsamer europäischer Interessen, ja eine Form europäischer Solidarität die Paktsysteme relativie- ren, lockern, überwölben und schließlich ersetzen." 28) Auf der Bonner Friedensdemonstration am 10. Oktober 1981 bekam Eppler den meisten Applaus, als er sich gegen Spaltungsversuche wandte, jede Ausgrenzung einzelner Strömungen der Friedensbewe- gung zurückwies und diese zum Brückenschlag gegenüber den Gewerk- schaften aufforderte: "Friedensbewegung wird nur mehrheitsfähig, wenn sie nicht ausgrenzt, sondern sich öffnet. Zu ihr gehört je- der, der zu ihr gehören will. Friedensbewegung wird nur mehr- heitsfähig, wenn sie zusammenwirkt mit der organisierten Arbei- terbewegung, die seit mehr als einem Jahrhundert für den Frieden wirkt." 29) Trotzdem weigerte sich Eppler, den Krefelder Appell an die Bundesregierung zu unterzeichnen, was er mit bündnispoli- tischen Machenschaften der Kommunisten begründete. 30) Genauso widersprüchlich erscheint Epplers Rolle innerhalb der SPD. Eppler hat die Notwendigkeit zur Entspannung zwischen den beiden Weltsystemen frühzeitig erkannt und festgestellt, "daß, wohin auch immer die innerparteiliche Diskussion führt, die Sozi- aldemokratie ohne einen neuen Anlauf zur Friedenspolitik ihre Identität verliert." 31) Die reformistische SPD-Linke neigt dazu, innerparteiliche Gegensätze zu bagatellisieren und grundsätzliche Differenzen zu kaschieren, ohne dadurch - wie erhofft - ihre Kampfbedingungen zu verbessern. Keinen Vorteil erbrachte bei- spielsweise Epplers Versicherung, auch den (sozialdemokratischen) Befürwortern der Raketenstationierung guten Willen zuzubilligen: "Das heißt, ich kann mit Helmut Schmidt und Hans Apel doch nicht über die Wege zum Frieden streiten, wenn ich ihnen vorher den Willen zum Frieden abgesprochen habe. "32 , Wie wenig konsequent Epplers Protest gegen die Stationierung neuer Atomraketen in der BRD war, zeigte sich auf dem Landesparteitag der Westberliner SPD im Dezember 1982, wo er die Linke um Rücknahme ihres Antrages zur Aufkündigung des NATO-Raketenbeschlusses bat, weil die Zeit dafür noch nicht reif sei, solange in Genf keine Verhandlungsergebnisse vorlägen. Der "Vorwärts" schrieb: "Eppler beeindruckte. Der An- trag wurde zwar nicht zurückgezogen, aber - wenn auch knapp - ab- gelehnt." 33) Was Pressekommentatoren als Beweis für Epplers Par- teiloyalität oder als taktischer Winkelzug erschien, war Ausdruck der seiner Konzeption innewohnenden Mängel: die Verkennung des Klassencharakters der Rechtssozialdemokratie und des von ihr mit- getragenen Staates, der Verzicht auf eine Analyse des gesamtge- sellschaftlichen und innerparteilichen Kräfteverhältnisses sowie die beschränkte Durchschlagskraft moralischer Argumentationsmu- ster. Auf dem Westberliner Parteitag 1979 noch nicht hervorgetreten, avancierte Oskar Lafontaine im Laufe des Jahres 1981 neben Eppler zum prominentesten SPD-Kritiker des sogenannten NATO-Doppelbe- schlusses und zum Wortführer der Reformisten. Dem Widerstand der Parteispitze trotzend, sprach er auf den Ostermärschen 1982/83 und ergänzte dieses "Flaggezeigen" in der Friedensbewegung durch deutliche Zeichen für Entspannungswillen in Saarbrücken, wo er Oberbürgermeister ist. Lafontaine forcierte den Kulturaustausch mit der DDR und setzte im Stadtrat durch, daß Saarbrücken zur atomwaffenfreien Zone erklärt wurde. Bestechend ist Lafontaines militärtechnisch fundierte Argumenta- tion zur destabilisierenden Wirkung der Präzisionsrakete Pershing II, die er als "einmalige Waffe" strikt von der SS 20 unterschei- det, die "nicht die Nervenzentren der USA erreicht, während die Pershing II kraft Auftrags die Nervenzentren der UdSSR zerschla- gen soll." 34) Zudem sei sie geeignet, einen Atomkrieg durch technisches Versagen auszulösen, weil die Sowjetunion ihre Sy- steme infolge der fehlenden Vorwarnzeit automatisieren müsse. 35) Das Hauptargument für Lafontaines klares Nein zur Stationierung neuer US-Raketen in der BRD ist die besondere Qualität der Pers- hing II: "Die Pershing II ist aufgrund ihrer technologischen Ei- genschaften (Treffgenauigkeit, kurze Flugzeit, keine Vorwarnzeit) die destabilste nukleare Mittelstreckenwaffe in der Welt." 36) Lafontaines Vergleich der militärischen Stärke von NATO und War- schauer Vertragsorganisation zeitigt das Ergebnis: "Der Westen ist überlegen." 37) Er demonstriert mit Hilfe regierungsamtlicher Statistiken, daß die Sowjetunion Tausende nuklearstrategischer Sprengköpfe weniger besitzt als die USA, daß die Beschränkung auf landgestützte Raketen bei Abrüstungsverhandlungen fragwürdig ist, weil die USA im Unterschied zur UdSSR den größten Teil ihres Atomwaffenarsenals zu Wasser und in der Luft stationiert haben, und daß die Modernisierung der amerikanischen Mittelstreckenwaf- fen auf den Meeren rings um die Sowjetunion längst erfolgte. In einem "Spiegel-Gespräch erklärte Lafontaine kurz nach einer USA- Reise im Sommer 1981, die als Beginn seiner Friedensaktivitäten gelten kann: "Wissen Sie, je mehr ich mich mit dem technischen Aspekt der Dinge beschäftigt habe, um so mehr sehe ich, wie sehr die offizielle Information abweicht von den tatsächlichen Fak- ten." 38) In Lafontaines Reden und Aufsätzen brach sich nunmehr die Er- kenntnis Bahn, daß die US-Regierung einen Atomkrieg in Europa vorbereitet. Auf dem Oberhausener Juso-Bundeskongreß im März 1983 spielte Lafontaine auf entsprechende Strategiepapiere der Penta- gon-Militärplaner an, als er ausrief: "Leute, die einen Atomkrieg für durchführbar und gewinnbar halten, können niemals unsere Bündnispartner sein. Das sind Verrückte!" 39) Die Forderung des US-Verteidigungsministers Weinberger, bei Auseinandersetzungen am Persischen Golf den Krieg an anderen Fronten zu eröffnen, wies Lafontaine mit den Worten zurück: "Wenn man Weinberger für diese Strategie der geographischen Eskalation Operationsbasen im eige- nen Land zur Verfügung stellt, haftet man mit für diese Abenteuer der militärischen Rohstoffsicherung. Auf der Grundlage dieser Strategie gewinnt die Aufstellung der 'Pershing II' eine ganz an- dere Bedeutung." 40) Trotz weitreichender Einsichten in den Ursachenzusammenhang des atomaren Wettrüstens ist Lafontaines Haltung zur Raketenrüstung der Sowjetunion von erheblichen Widersprüchen geprägt. Lafontaine konstatiert eine technologische Unterlegenheit der UdSSR und spricht davon, daß diese sich am Prinzip der Gleichheit und glei- chen Sicherheit orientiere, 41) um dann aber doch die Stationie- rung der SS 20 als "Überrüstung" zu kritisieren. 42) Die Aus- gangsposition der Sowjetunion bei den Genfer Verhandlungen nannte er ehrlicher als die der USA, setzte beide jedoch in typischer Manier gleich: "Die 'Verhandlungsangebote' der beiden Großmächte deuten darauf hin, daß das Wettrüsten mit beschwichtigenden Ver- handlungen am Rande ungebremst fortgesetzt wird." 43) Im Unterschied zu Lafontaines richtigen Einwürfen gegen die neu- artigen Mittelstreckenwaffen der USA werden seine Positionen un- klar und verschwommen, wenn er allgemeine Überlegungen zur Si- cherheitspolitik anstellt. So hält Lafontaine die Rüstungskon- trollpolitik für gescheitert, 44) Abrüstungsverhandlungen haben seiner Meinung nach "nichts bewirkt. Sie waren eher dazu angetan, den weltweiten Rüstungsprozeß zu beschleunigen. " 45) Nichtsde- stoweniger sei die Entspannungspolitik, deren konstitutiver Be- standteil Verhandlungen und Gespräche zwischen Diplomaten nun einmal sind, absolut notwendig: "Das heißt, ich reklamiere die Entspannungspolitik Willy Brandts als den einzigen Weg der Frie- denssicherung in Mitteleuropa. " 46) Außerdem verlangt Lafontaine einseitige Abrüstung - auch von der UdSSR, um deren Bedrohung durch Erstschlags- und "Enthauptungs"pläne er weiß: "Sie gefähr- det nicht die Sicherheit, da jede Weltmacht selbst dann noch der anderen Seite einen nicht akzeptablen Schaden androhen kann, wenn sie ihr atomares Potential um 90 Prozent reduziert. " 47) Obwohl Lafontaine auf dem Münchener Parteitag im April 1982 mit den treffendsten Argumenten und am entschiedensten gegen die Leitlinien der SPD-Spitze gekämpft hat, sind ihm taktische Fehler von weitreichender Bedeutung unterlaufen. Als Sprecher der refor- mistischen Linken orientierte Lafontaine mit darauf, nur für ein Moratorium und nicht für eine radikale Ablehnung der Raketensta- tionierung einzutreten. Diese ausweichende Haltung des Frankfur- ter Kreises wurde erst kurz vor dem Parteitag - und damit zu spät, um die Delegierten zu überzeugen - korrigiert. Lafontaines Inkonsequenz geht allerdings nie so weit, daß er um des Effekts spektakulärer Forderungen (z. B. nach Produkt- und General- streiks, dem NATO-Austritt der BRD und Drohungen mit seinem Par- teiaustritt) willen die bezogene Grundhaltung verleugnet. 4. Perspektiven der SPD-Linken im Friedenskampf: ------------------------------------------------ Entwicklungs- und Bündnismöglichkeiten -------------------------------------- Ohne die Einbeziehung eines Großteils der SPD-Mitglieder in die Friedensbewegung wäre deren Verkopplung mit der Arbeiter- und Ge- werkschaftsbewegung ebensowenig durchführbar wie außerparlamenta- rischer Massenprotest und erfolgreiche Mobilisierungsaktionen zur Abwendung der Raketenstationierung. Gerade unter den verschärften Bedingungen einer Rechtsregierung, die in enger Zusammenarbeit mit den USA auf den Stationierungsbeginn drängt, hängt die Wirk- samkeit der Friedensbewegung entscheidend von den Entwicklungs- prozessen innerhalb der Sozialdemokratie ab. Wachsende Kriegsge- fahr und Friedensbewegung wirken ihrerseits polarisierend auf die Sozialdemokratie, deren Richtungsgruppierungen, Flügel und Frak- tionen sich entweder anpassen und der Globalstrategie des US-Im- perialismus zur Wiedergewinnung seiner Hegemonialmachtstellung überall auf der Welt unterordnen oder die umgekehrten Konsequen- zen ziehen, sich zusammenschließen und (mittels außerparlamenta- rischer Kampfformen) Widerstand gegen die Wende zur militärischen Dauerkonfrontation leisten. Dabei zeigt sich, daß dieser Diffe- renzierungsprozeß beide dominierenden Richtungen der Sozialdemo- kratie, den integrationistischen wie den reformistischen Flügel, erfaßt und in beiden Strömungen zur Herausbildung konträrer Posi- tionen treibt. In der Friedensfrage zeichnet sich insofern eine Positionsdifferenzierung innerhalb der SPD ab, die man als "flügelübergreifend" bezeichnen könnte. "Die Bewegung in der Par- tei gegen den NATO-Hochrüstungsbeschluß wurde die seit langem größte oppositionelle Strömung in der SPD." 48) Marxistische Kräfte bleiben eine kleine Minderheit am Rande der SPD, doch nimmt ihr Einfluß auf die reformistische Parteilinke tendenziell zu. Deren Beteiligung an außerparlamentarischen Ak- tionen der Friedensbewegung bildet die Basis für Verschiebungen der innerparteilichen Machtkonstellationen. Hingegen verkennen die reformistischen Führungskader die sozioökonomischen Trieb- kräfte des Hochrüstungs-, Konfrontations- und Kriegskurses der NATO, setzen die Militärpolitik der beiden Weltsysteme gleich und sind für Berührungsängste gegenüber Kommunisten innerhalb der Friedensbewegung anfällig. Ihr Staats- und Demokratieverständnis schließt eine konsequente Wahrnehmung der Arbeiterinteressen im (außerparlamentarischen) Friedenskampf aus. Der Differenzierungsprozeß erfaßt auch die SPD-Spitze. Innerhalb der Parteiführung verläuft eine Scheidelinie zwischen denjenigen Kräften, die zur Fortsetzung der Entspannungspolitik auf militä- rischem Gebiet keine Alternative sehen, und Rechtssozialdemokra- ten, die den Konfrontationskurs des US-Präsidenten (trotz Kritik einzelner Maßnahmen, Rüstungsentscheidungen oder Embargopläne) mittragen. Solche Positionsunterschiede zu übersehen, hieße par- tielle Bündnismöglichkeiten zu ignorieren, die zur Verbreiterung der Friedensbewegung führen und der Erhöhung ihrer Durchschlags- kraft dienen können. Wie unsere Darstellung integrationistischer und reformistischer Konzeptionen gezeigt hat, sind die SPD-Positionen zur Friedens- frage - spätestens seit dem Regierungswechsel - im Fluß, die Grenzen zwischen den innerparteilichen Richtungsgruppierungen auf friedenspolitischem Gebiet fließend. Dies verwundert angesichts der Tatsache, daß Friedenssicherung nicht mehr nur eine Klassen- frage, sondern zur Existenzfrage für die gesamte Menschheit ge- worden ist, keineswegs. Damit ihr konditioniertes Nein zu einer klaren, konsequenten Ablehnung der "Nach"rüstung wird, muß der (innere und äußere) Druck auf die SPD, ohne deren Einbeziehung in den Friedenskampf die Raketenstationierung nicht zu verhindern ist, intensiviert werden. Dabei eröffnen sich Perspektiven zur Kooperation mit Kräften, die am Entspannungskurs festhalten, und zur Verbesserung der Erfolgsaussichten für außerparlamentarische Mobilisierungsaktionen durch zahlreiche Berührungspunkte der Friedensbewegung bis ins Lager des sozialliberalen Integrationis- mus, folglich weit über die SPD-Linke im engeren Sinne hinaus. _____ 1) Vgl. Helmut Schmidt, Politische und wirtschaftliche Aspekte der westlichen Sicherheit, Referat vom 28. Oktober 1977 vor dem International Institute for Strategie Studies in London, in: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hrsg.), Bulletin 112/1977, S. 1014 f. 2) Vgl. Hans Günter Brauch, Eine Chronologie zur Debatte um den NATO-Doppelbeschluß, in: Alfred Mechtersheimer (Hrsg.), Nachrü- sten? Dokumente und Positionen zum NATO-Doppelbeschluß, Reinbek bei Hamburg 1981, S. 267. 3) Vgl. Gerhard Kade, Sicher in die 80er Jahre?, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 1/1980, S. 21. 4) Siehe Friedens- und sicherheitspolitische Beschlüsse des SPD- Parteitages in München vom 19. bis 23. April 1982, in: Reimund Seidelmann (Hrsg.), Der Demokratische Sozialismus als Friedensbe- wegung, Essen 1982, S. 243. 5) Zur Terminologie vgl. Jürgen Harrer, Zur Typologie und Defini- tion sozialdemokratischer Politik, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 6/1974, S. 569 ff. 6) Vgl. Kurt Schacht, SPD in den 80er Jahren. Soziologische und politische Aspekte der Krise der Sozialdemokratie, in: Marxisti- sche Studien. Jahrbuch des IMSF 5/1982, Frankfurt am Main 1982, S. 143 ff. 7) Siehe hierzu: Christoph Butterwegge/Mechtild Jansen, Sozialre- formismus in der Krise. Thesen zur Entwicklung und Perspektive der SPD-Linken, in: Beiträge zum wissenschaftlichen Sozialismus 1/1979, S. 82 ff. 8) Egon Bahr, in: Vorstand der SPD (Hrsg.), Parteitag der Sozial- demokratischen Partei Deutschlands vom 3. bis 7. Dezember 1979 in Berlin (West), Bd. 1, Protokoll der Verhandlungen und Anlagen, Bonn o.J., S. 810. 9) Vgl. Ute Obermeyer, Die Auseinandersetzungen in der SPD über den NATO-"Doppel"-Beschluß vom Berliner Parteitag 1979 bis zum Frühjahr 1982, unveröffentlichte Staatsexamensarbeit, Marburg 1983, S. 117. 10) Vgl. Egon Bahr, Was wird aus den Deutschen? Fragen und Ant- worten, Reinbek bei Hamburg 1982, S. 227 ff. 11) Ders., Frieden retten - Frieden stiften. Referat anläßlich der Tagung der Gustav-Heinemann-Stiftung Mai 1981 in Rastatt, in: Reimund Seidelmann (Hrsg.), Der Demokratische Sozialismus als Friedensbewegung, a.a.O., S. 113. 12) Vgl. Egon Bahr, Frieden ist das Wichtigste, in: Vorwärts 47/1982, S. 15. 13) Ders., Was wird aus den Deutschen?, a.a.O.., S. 22. 14) Ders., Nein der SPD nähergerückt, in: Vorwärts 46/1982, S. 5. 15) Vgl. Rückt SPD vom Doppelbeschluß ab? Anzeichen für eine Neuorientierung/Parteiinterne Kritik, in: FR v. 11. November 1982, S. 1. 16) Vgl. Ulrich Wickert, Blockierte Verhandlungen "durchbrechen. Paul C. Warnkes Abrüstungsvorschläge, in: Sozialdemokrat Magazin 1/1983, S. 15. 17) Egon Bahr, Andropow hat die Lage zum Positiven verändert, in: Vorwärts 1-2/1983, S. 12. 18) Vgl. Karsten Voigt, in: Vorstand der SPD (Hrsg.), Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands vom 3. bis 7. Dezem- ber 1979 in Berlin (West), Bd. l, Protokoll der Verhandlungen und Anlagen, a.a.O., S. 741 ff. 19) Ders., Wege zur Abrüstung, Eichborn 1981, S. 55 f. 20) Fragen nach dem Verhältnis von SPD und Friedensbewegung (an Erhard Eppler und Kamen Voigt), in: Dieter Hoffmann- Axthelm/Eberhard Knödler-Bunte (Hrsg.), Wie souverän ist die Bun- desrepublik?, Westberlin 1982, S. 191. 21) Vgl. Kamen D. Voigt, Friedensbewegung, Rüstungswettlauf und Rüstungskontrolle, in: Vorgänge, Zeitschrift für Gesellschaftspo- litik 39 (1979), S. 78. 22) Vgl, ders., Sozialdemokratische Antikriegspolitik, in: Rei- mund Seidelmann (Hrsg.), Der Demokratische Sozialismus als Frie- densbewegung, a.a.O., S. 41. 23) Ders., Friedenspolitik der Grünen - Versuch einer fairen Aus- einandersetzung, in: Die Neue Gesellschaft 4/1983, S. 326. 24) Siehe Fragen nach dem Verhältnis von SPD und Friedensbewe- gung, a.a.O., S. 197. 25) Karsten Voigt, Wege zur Abrüstung, a.a.O., S. 134. 26) Referat Erhard Epplers auf dem Bundeskongreß der Jungsoziali- sten am 26. bis 28. Juni 1981 in Lahnstein, in: Lutz Plümer (Hrsg.), Positionen der Friedensbewegung. Die Auseinandersetzung um den US-Mittelstreckenraketenbeschluß. Dokumente, Appelle, Bei- träge, Frankfurt am Main 1981, S. 49. 27) Erhard Eppler, Friedensbewegung, in: Walter Jens (Hrsg.), In letzter Stunde. Aufruf zum Frieden, München 1982, S. 165. 28) Ders., Die tödliche Utopie der Sicherheit, Reinbek bei Ham- burg 1983, S. 190. 29) Ders., Eine Bewegung der Mutigen, in: Aktion Sühnezei- chen/Friedensdienste, Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (Hrsg.), Bonn 10. Oktober 1981. Friedensdemonstration für Abrü- stung und Entspannung in Europa. Reden, Fotos ..., Bornheim 1981, S. 116. 30) Vgl. Erhard Eppler, Ich habe nicht unterschrieben, in: SZ v. 4./5. Juli 1981, S. 9. 31) Siehe ders., Wege aus der Gefahr, Reinbek bei Hamburg 1981, S. 232. 32) Referat Erhard Epplers auf dem Bundeskongreß der Jungsoziali- sten am 26. bis 28. Juni 1981 in Lahnstein, a.a.O., S. 46. 33) Hendrik Bussiek, Eppler überrascht Berliner Genossen. SPD- Parteitag: Abkehr vom Doppelbeschluß verhindert - AL zerstreitet sich, in: Vorwärts 50/1982, S. 9. 34) Siehe "Wir sind nicht in der NATO, um mitzuhaften für Aben- teuertum". Die Rede des SPD-Politikers Oskar Lafontaine beim Bun- deskongreß der Jungsozialisten in Oberhausen, in: FR v. 2. April 1983, S. 12. 35) Vgl. ebd. 36) "Angst ist die Grundlage unseres Sicherheitssystems". Positi- onspapier Oskar Lafontaines für den Landesparteitag der SPD Saar 1981, in: FR v. 2. Oktober 1981, S. 10. 37) Ebd. 38) "Der Druck wird immer stärker". SPIEGEL-Interview mit SPD- Vorstandsmitglied Oskar Lafontaine über Nachrüstung und Anti-Ame- rikanismus, in: Der Spiegel 33/1981, S. 27. 39) Oskar Lafontaine, "Wir sind nicht in der NATO, um mitzuhaften für Abenteuertum", a.a.O. 40) "Gegen die Enthauptungsstrategie der USA". Oskar Lafontaine über Washington, Bonn und die Nachrüstung, in: Der Spiegel 16/1983, S. 37 f. 41) Vgl. "Atomrüstung einfrieren - jetzt". Oskar Lafontaine über Ronald Reagans Rüstungspolitik, in: Der Spiegel 33/1982, S. 32. 42) Siehe Oskar Lafontaine, "Angst ist die Grundlage unseres Si- cherheitssystems", a.a.O. 43) "Das Festhalten an der Gleichgewichtsformel ist absurd". Ein Positionspapier des saarländischen SPD-Landesvorsitzenden Oskar Lafontaine, in: FR v. 23. Februar 1982, S. 10. 44) Vgl. Oskar Lafontaine, "Atomrüstung einfrieren-jetzt", a.a.O. 45) Ders., "Das Festhalten an der Gleichgewichtsformel ist ab- surd", a.a.O. 46) Ders., "Wir sind nicht in der NATO, um mitzuhaften für Aben- teuertum", a.a.O. 47) Ebd. 48) Ulla Plener, Reformistische Arbeiterbewegung und Friedens- kampf heute. Dargestellt vor allem am Beispiel der BRD (1980- 1982), in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung 1/1983, S. 59. zurück