Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983
zurück
DER STREIT UM DIE FRAUENFRAGE
Überlegungen im Anschluß an U. H.-Osterkamps Kritik an meinen
-------------------------------------------------------------
Texten zur Frauenbefreiung *)
-----------------------------
Frigga Haug
Frauen sind in Bewegung. Das gilt nicht nur für die Bundesrepu-
blik, sondern ist ein weltweites Phänomen. Auf eine noch unklare
Weise - unklar für das Begreifen unter Gesichtspunkten traditio-
neller Politik - formieren sich Frauen in Projekten, gibt es eine
neue Frauenbewegung. Wiewohl keine einheitliche Zielrichtung oder
gar Linie deutlich ist, läßt sich doch erkennen, daß diese neue
Bewegung zum geringsten Teil eine sozialistische Perspektive hat,
daß sie sogar mit den Organisationen der Arbeiterbewegung nichts
zu tun haben will und daß sie gleichwohl eine Befreiungsperspek-
tive verfolgt. Diese Bewegung stellt eine Kraft dar, deren Wir-
kung vielfältig gebrochen ist, die zugleich beständig von Verfall
bedroht ist oder gar von einer Einbindung in rechte Politik.
In meinen beiden von Ute H.-Osterkamp kritisierten Texten 1)
stelle ich mir zwei Ziele: einen Eingriff in die Frauenbewegung
zu formulieren, weg vom Opferdiskurs in Richtung auf ein Ergrei-
fen der gegebenen Möglichkeiten (Opfer-Täter), und ich mache den
Versuch, den Zusammenhang von Arbeiterbewegung und Frauenbewegung
zu untersuchen, als ersten Schritt für eine praktisch herzustel-
lende Verbindung der Politiken (Männergeschichte;..). Eigentümli-
cherweise ist U. H.-Osterkamps Kritik eine politische, eine die
Politikvorschläge enthält, ohne daß sie dieses Anliegen von mir
überhaupt zur Kenntnis nimmt. Im Gegenteil scheint ihr schon der
Aufruf an die feministischen Frauen, einen Zusammenhang zwischen
den Kapitalverhältnissen und der Frauenunterdrückung anzunehmen
und von daher den Kampf nicht nur gegen Männer, sondern auch ge-
gen die Form der Produktionsverhältnisse zu führen, als Charak-
terschwäche von mir (198 f.). Durch die Wahl einiger Worttupfer
zeichnet sie ein Stimmungsbild, das alle aufrichtigen Sozialisten
abschrecken muß: Sozialistische Frauengruppen sind von mir
"kreiert" - man assoziiert einen Damenschneider; daß ich persön-
lich zum Couturier werde, löscht die Aktivitäten der vielen
Frauen. Überlegungen, die das Auseinander von Arbeiter- und Frau-
enbewegung zum Thema haben, "erscheinen dann als der dritte Weg",
womit zwar nichts analysiert, aber immerhin bedeutet ist, daß man
sich davor abzuwenden habe. - Ich arbeite in der sozialistischen
Frauenbewegung seit 14 Jahren. Es erschreckt mich, daß U. H.-
Osterkamp, die niemals "Frauenpolitik" machte, in solcher Weise
sich Urteile erlaubt. Ein genaueres Studium ihrer Texte (ich be-
ziehe mich dabei ebenso auf ihren Beitrag zur Marxistischen Woche
in Köln 1982) 2) belehrte mich jedoch, daß sie diese Inkompetenz,
die ich ihr bescheinige, nicht empfindet, weil sie die Frauen-
frage insgesamt für ein Phänomen hält, welches sich aus der Ana-
lyse der kapitalistischen Gesellschaftsformation und der Lohnab-
hängigen in ihr prinzipiell und ursächlich ableiten und erklären
läßt. Mit anderen Worten, die vielen "bewegten Frauen" sitzen mit
ihren Kämpfen einem Effekt der kapitalistischen Gesellschaftsfor-
mation auf; "statt aus der Bewährungsangst heraus zu agieren,
(sollten sie) diese auf ihre realen Ursachen zurückführen und zu
der 'Unzulänglichkeit' der eignen Person bewußt stehen... und die
subjektive Notwendigkeit der Veränderung dieser Verhältnisse ab-
leite(n)" (199 f.). Eine Mann-Frau-Unterdrückung existiert dann
überhaupt nur, insoweit es auch eine Unterdrückung der Kinder
durch Mütter gibt usw., ebenfalls als eine Folge der prinzipiel-
len Unterdrückung im Kapitalismus, was die einzelnen dazu verlei-
tet, diese immer weiter nach unten abzureagieren.
Ich möchte mich an dieser Stelle darauf beschränken, dies Haupt-
problem, das u.a. in Ute H.-Osterkamps Kritik steckt, d i e
N i c h t e x i s t e n z d e r F r a u e n f r a g e, zu er-
örtern, weil dies für ein mögliches Zusammengehen von Frauenbewe-
gung und Arbeiterbewegung ein zentrales Problem ist. Die Einord-
nung und Abhandlung der Frauenunterdrückung als Erscheinungsform
der Klassenfrage ist zudem so verbreitet, daß ein allgemeines In-
teresse an solcher Diskussion vorausgesetzt werden kann. (Die
persönlichkeitstheoretischen Annahmen in ihrem Artikel werde ich
an anderer Stelle kritisch erörtern.)
Antworten, die wir finden, hängen ab von den Fragen, die wir
stellen, und davon, w i e wir dies tun. Wie stellen wir uns
also die Frage nach der in fast allen gesellschaftlichen Berei-
chen offensichtlichen Benachteiligung und Unterdrückung der Frau?
Wenn wir z.B. in diesem Zusammenhang das Verhältnis von Arbeiter-
bewegung und Frauenbewegung zur Diskussion stellen, setzen wir
implizit schon voraus, daß es da einen i n n e r e n Zusammen-
hang geben müßte; im Grunde meinen wir, daß die Befreiung der
Frau auch Sache der Arbeiterbewegung sein sollte. Unter dieser
Voraussetzung blicken wir mit Staunen in die Geschichte dieser
Bewegung. Ich setze voraus, daß die Fakten im allgemeinen bekannt
sind und spitze für unsere Frage im wesentlichen zusammenfassend
zu:
Die Arbeiterbewegung war im großen und ganzen eine männliche Be-
wegung. Ihre Organisationen hatten wenig übrig für Frauenemanzi-
pation. Ja, nicht einmal die Berufstätigkeit der Frauen stand hi-
storisch auf der Tagesordnung. Das hatte sein relatives Recht,
denn die Bedingungen zu Beginn der Industrialisierung waren so
schlecht, daß die Familie, deren Zusammenhalt der Frau zugedacht
war, als Zuflucht notwendig war. 3)
Zugleich gewinnen wir aus einem Studium der Geschichte der Indu-
striearbeit den Eindruck, daß zumindest die Arbeiterschaft selber
zu Beginn der Industrialisierung überwiegend weiblich war. Belege
finden sich zuhauf etwa bei Karl Marx im "Kapital". Ich zitiere
einige Passagen: Eine Stahlfederfabrik beschäftigt 1861 1428
Personen, darunter 1268 Arbeiterinnen vom fünften Jahr an. Von
den 642 607 Beschäftigten in den Textilfabriken von 1861 sind
177 596 männlich über 13 Jahre. Überall, mit Ausnahme der Metall-
fabriken, sind jugendliche Arbeiter (unter 18 Jahre), Weiber und
Kinder das weit vorwiegende Element des Fabrikpersonals. "Die
neuen Maschinenarbeiter sind ausschließlich Mädchen und junge
Frauen. Mit Hilfe der mechanischen Kraft vernichten sie das Mono-
pol der männlichen Arbeit in schwererem Werk...". 4) Trotz sol-
cher Realitäten dachte und formulierte Marx die Arbeiterschaft
männlich, sind Sätze selbstverständlich, in denen "Arbeiter" oder
"Proletarier" synonym für den männlichen Arbeiter gilt. (Ich er-
innere etwa an die Sätze im "Kommunistischen Manifest", in denen
sowohl Bourgeoisie als auch Arbeiterklasse umstandslos männlich
gedacht sind.) Spricht Marx im "Kapital" überhaupt über das Ver-
hältnis von Männern zu Frauen, so gemeinhin unter dem Gesichts-
punkt des Reproduktionszusammenhangs für die Gattung. Frauen exi-
stieren für Kinder und für Familie (so belegt auch der Fragebo-
gen, den seine Töchter für ihn ausarbeiteten). Irr dieser Weise
gehen Frauen auch in die Arbeitswertlehre ein: als ein Element
der Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft. Solche selbstver-
ständlich spontanen Auffassungen über die Geschlechter sind zu
jener Zeit ganz üblich, werden im wesentlichen nur von den
Sozialutopisten Fourier, auch Weitling, Owen und Saint Simon
durchbrochen.
Neben der spontanen Reproduktion zeitgenössischen Empfindens for-
muliert Marx für die sozialistische Perspektive durchaus ein an-
deres Verhältnis der Geschlechter zueinander, ein Durchbrechen
der alten Familienform, eine Verbindung, die gestiftet ist durch
die Beteiligung beider an der gesellschaftlichen Produktion,
durch "die dritte Sache", wie Brecht später schrieb. Selbst die
unmenschlichen Arbeitsbedingungen in der "Großen Industrie" hin-
dern Marx nicht, wie folgt zu formulieren: "So furchtbar und
ekelhaft nun die Auflösung des alten Familienwesens innerhalb des
kapitalistischen Systems erscheint, so schafft nichtsdestoweniger
die große Industrie mit der entscheidenden Rolle, die sie den
Weibern, jungen Personen und Kindern beiderlei Geschlechts in ge-
sellschaftlich organisierten Produktionsprozessen jenseits der
Sphäre des Hauswesens zuweist, die neue ökonomische Grundlage für
eine höhere Form der Familie und des Verhältnisses beider Ge-
schlechter." 5)
Es bedarf kaum der Interpretation, um zu erkennen, daß sich Marx
hier ebenso kritisch zum Geschlechterverhältnis wie zur alten Fa-
milienform äußert, wie daß er sich die mögliche Entwicklung kri-
senhaft vorstellte, nicht evolutionär. 6) Dennoch können wir den
Rückblick zusammenfassend kennzeichnen: Die Geschichte der Arbei-
terbewegung ist eine weitgehend männliche Geschichte. Die Ge-
schichte der Frauenarbeit zeigt sie durchweg in unteren schlecht-
bezahlten Rändern der allgemeinen industriellen Arbeit. Noch im-
mer verdienen Frauen im Durchschnitt 25 Prozent weniger als Män-
ner, gibt es in höheren Positionen Frauen nur als seltene Ein-
sprengsel, exotische Blumen in einem für sie nicht gedachten
Klima. Die Zentralkomitees, die Funktionärspositionen, die Redak-
tionen aller sozialistischen Organe sind durchweg Männervereine.
Umgekehrt die n e u e F r a u e n b e w e g u n g. Sie kennt
zwar keine Zentralkomitees, wie sie überhaupt einer politischen
Artikulation in organisierter Form überwiegend widerstreitet.
Ihre Redaktionen sind "Frauenvereine". Sie hat mit der Arbeiter-
bewegung nichts im Sinn, wie diese nichts mit ihr. Es wirkt, als
ob diese zwei Bewegungen von zwei verschiedenen Planeten kämen.
Sie sprechen Fremdsprachen füreinander.
Schon an dieser Stelle wird es schwierig, das Problem überhaupt
verständlich zu formulieren. Protest kommt aus den Frauengruppen,
den Arbeitskreisen und Kommissionen in den Organisationen der Ar-
beiterbewegung. Sind sie nicht selber die neue Frauenbewegung
oder zumindest ein Teil von ihr? Obwohl oder vielleicht gerade
weil ich selber aus einer sozialistischen Frauenorganisation
komme, habe ich einige Probleme, die Frauengruppen aus den tradi-
tionellen Organisationen so umstandslos zur Frauenbewegung zu
zählen. Dies wegen ihrer Art, die Frauenfrage zu formulieren.
Beginnen wir anders herum. Welches ist die spezifisch feministi-
sche (oder, wie ich kürzlich in den "Marxistischen Blättern" und
auf der Frauenkonferenz des IMSF lernte, neofeministische) Art,
die Frauenfrage zu stellen? Ich fasse thesenhaft zusammen: Die
Frauenunterdrückung bestimmt sich im Verhältnis zum Mann. Er
tritt als Unterdrücker auf. Die Gesellschaft ist eine männliche
Gesellschaft, das heißt, die Sozialstruktur beruht auf der Frau-
enunterdrückung. (Unter Sozialstruktur werden dabei das System
der Arbeitsteilung, die Beteiligung bei der Aufzucht der Kinder,
die Symbole und die herrschenden Werte verstanden.) Frauen sind
Objekte in einer männlichen Beziehungswelt. Kurz: Wir leben in
einem Patriarchat.
Die weiter oben gebrauchten Formulierungen: die Arbeiterbewegung
sei so männlich wie die Arbeit bzw. die gesellschaftliche Produk-
tion, entstammen der gleichen Redeweise. Mit solchen Formulierun-
gen kann man zur Zeit ein müdes Gähnen hervorrufen, weil es jede
schon weiß, oder an anderen Orten unerhörte Lacher erzielen, weil
es sich dort anhört wie "rote Rüben und Musik sind dreieckig".
Die Logik solcher Aussagen wie "die Wissenschaft ist männlich"
steht quer zu unserem herkömmlichen Denken. Andererseits ist sie
unmittelbar einleuchtend. Unzählige Beispiele fallen uns sofort
ein: die männliche Sprache, noch einmal die oberen Etagen in
grauen oder schwarzen Anzügen, das Ausbildungssystem, die Sexua-
lität - selten vergewaltigen Frauen einen Mann -, die Welt der
Symbole, die auf dem Ausdruck des Männlichen - Kraft, Stärke, Ag-
gressivität, der Welt tatkräftig zugewandt - und dem Weiblichen
als entgegengesetzt - weich, schwach, sanft, nicht der Welt, son-
dern dem Mann zugewandt - beruht und das Sozialsystem rechtfer-
tigt. Die gesamte Kultur ist männlich geprägt: Vieles, was wir
für gesellschaftlich erstrebenswert halten, drücken wir zugleich
männlich aus (etwa Brüderlichkeit).
Welche Praxis entspricht einer solchen Auffassung über die Unter-
drückungs- und Herrschaftsstrukturen in unserer Gesellschaft?
Kurz, was tuen eigentlich die Feministinnen der neuen Frauenbewe-
gung? In sozialistischen und kommunistischen Organen erfährt man
häufig, was sie nicht tun, wo man sie vermißt (z.B. bei Lohnkämp-
fen, Arbeitszeitverkürzung, streitend gegen die CDU oder andere
Formen einer zunehmend reaktionärer werdenden Politik), aber was
tun sie statt dessen? Bei U.H.-Osterkamp erfahren wir, daß sie
die "sehr schöne, aber nichtssagende These", das Persönliche sei
politisch, vertreten (198). Für eine wissenschaftlich begründete
Politik ist es sicher nützlich, sich einen Einblick in typisch
feministische Aktivitäten zu verschaffen - vielleicht gelingt es,
aus ihren konkreten Praxen eine klarere politische Einschätzung
ihres Wirkens und damit möglicher Zusammenarbeit zu erarbeiten.
Ich gebe im folgenden eine ungeordnete Skizze mir bekannter femi-
nistischer Aktivitäten: Feministinnen rufen das Zuhause als
Kampfplatz aus; sie verlassen ihre Familien; sie gehen als Lehre-
rinnen aus den Schulen heraus; sie gehen als erwachsene Schüle-
rinnen in die Schule; sie treiben ab; sie gründen Gesundheitslä-
den; sie werden lesbisch; sie kleiden sich anders; sie stellen
Wissenschaft infrage; sie üben eine andere Diskussionskultur; sie
greifen Dominanzen in linken Gruppen an und gerade da; sie führen
Hierarchien als Zusammenarbeit von Geschlechterverhältnis und Ar-
beitsteilung vor; sie gründen Frauenhäuser und fordern in alter-
nativen Projekten die Ideologie des Staates heraus; sie engagie-
ren sich in der Friedensbewegung. Wir haben jetzt die Möglichkeit
zu klassifizieren und selbstbewußt anzuführen, dies alles sei ty-
pisch für eine bürgerliche bzw. kleinbürgerliche Frauenbewegung,
oder moderner gesprochen: dies sei eben neo-feministisch. Gewöhn-
lich wird von Feministinnen nicht so gesprochen, daß man erkennt,
was sie tun, sondern negativ sogleich, wie es zu be- oder verur-
teilen ist. So etwa konnte man auf der Frauenkonferenz des IMSF
hören, wie die Feministinnen von den Organisierten Frauen gesehen
werden: 1. sie denken Frauenunterdrückung unabhängig vom Kapital
(darin steckt, sie sei abhängig, nicht etwa, sie sei durch das
Kapital geformt); 2. sie dächten das Kapital gar als Spielart der
Frauenunterdrückung; 3. sie sähen Einwilligung als Ursache von
Unterdrückung; 4. sie hielten die Eigentumsfrage für nebensäch-
lich; 5. die Unterdrückung der Frau glaubten sie gegründet auf
Sexualität; 6. sie führten den Kampf gegen Männer statt gegen das
Kapital; 7. sie bezögen sich vornehmlich auf Körper und auf Äs-
thetik; 8. sie sähen den Profit nicht als Triebkraft der Fremd-
herrschaft; 9. sie individualisierten Probleme, statt sie in den
Verhältnissen zu sehen; statt dessen sei Frauenunterdrückung ein
Bestandteil des Kapitalismus. Daher sei der Kampf zusammen mit
den Männern für eine andere Gesellschaft zu führen, oder wie
U.H.-Osterkamp dies formuliert: daß man "für Verhältnisse kämpft,
innerhalb derer mit der vollen Gleichberechtigung aller Gesell-
schaftsmitglieder die wesentlichen Voraussetzungen für die Ent-
faltung individueller Potenzen und persönlicher Beziehungen gege-
ben sind" (198). Gemessen an solchen Orgelklängen machen sich fe-
ministische Aktivitäten vielleicht ganz nett aus, sogar bei
großer Toleranz ein bißchen fortschrittlich; bis auf die häufig
verschwiegenen Friedensaktivitäten könne ihnen jedoch nicht be-
scheinigt werden, wahrhaft politisch zu sein, da sie weder ernst-
haft das Kapital in Frage stellten, das doch der "eigentliche
Frauenunterdrücker" sein soll, noch in Krise und Rechtsentwick-
lung sich ausreichend zu Wort meldeten. Der vielfach gehörte
Satz: i c h h a b e m i t j e d e m m ä n n l i c h e n
A r b e i t e r m e h r g e m e i n a l s m i t e i n e r
U n t e r n e h m e r i n scheint nach wie vor nichts an Gültig-
keit zu verlieren.
So zu sprechen, heißt den Klassenstandpunkt einnehmen, den Stand-
punkt des Arbeiters gegen den Unternehmer, den der Lohnarbeit ge-
gen das Kapital. In diesem Widerspruch können wir auch Frauenun-
terdrückung formulieren. Sie kommt uns ins Blickfeld als
L o h n u n g l e i c h h e i t, Frauen als R e s e r v e-
a r m e e b e s o n d e r e r A r t. Aber schon auf der Ebene
des praktischen Klassenkampfes, im Betrieb, haben wir Schwierig-
keiten, die Frauenfrage vom Klassenstandpunkt so ohne weiteres zu
stellen. Da gibt es Sonderregelungen - etwa Mutterschutz -, die
Frauen für Profitzwecke weniger gut ausbeutbar sein lassen. Aber
Gesetze führen uns aus der unmittelbaren Klassenszene in den
Staatsraum. Hier finden wir noch eine Menge stützende Regelungen
und auch Mängel, die uns in den Frauenkampf einordenbar sind:
etwa fehlende Kindergärten, Sozialabbau, Diskriminierungen im
Gesetzbuch usw. Alle bisher genannten Dimensionen der Frauenfrage
lassen es in der Tat uneinsichtig erscheinen, nicht zusammen mit
den Männern zu streiten, Kapital (und Staat) nicht als
Frauenunterdrücker zu sehen und damit die neue Frauenbewegung
nicht als kleinbürgerliche Protestler zu betrachten.
Bei genauerem Hinsehen entdecken wir allerdings mehrere Besonder-
heiten und Merkwürdigkeiten sowohl theoretischer als auch prakti-
scher Art. Zunächst t h e o r e t i s c h: Indem ich die Frau-
enfrage als Bestandteil der Klassenverhältnisse behaupte und
zugleich die meisten Aspekte der Unterdrückung im Staatsraum ge-
regelt finde, setze ich eine bestimmte Staatsauffassung als stim-
mig voraus, daß nämlich der Staat nichts sei als Instrument in
den Händen der herrschenden Klasse. Man sollte diesen Umstand zu-
mindest bewußt mitdenken. Gleichzeitig wird auch eine bestimmte
Gesellschaftsauffassung als allein gültig impliziert: daß nämlich
der Klassenwiderspruch überhaupt alle Lebensbereiche durchgängig
bestimmt. Wenn ich allerdings solches voraussetze und damit
zugleich also denke, daß das Kapital als herrschende Macht alle
Bereiche bestimmt, und unter eben dieser vorherigen Annahme die
"bestimmten" Phänomene betrachte, ist es nichts weiter als ein
zirkuläres Argument, wenn auch mein Resultat nichts weiter als
eben diese Bestimmung ist. Oder anders gesprochen, wenn ich aus-
schließlich jene Bereiche betrachte, in denen das Kapital die
Frauen besonders ausbeutet, so ist es nicht verwunderlich, wenn
ich zum Ergebnis komme, daß es das Kapital ist, welches die
Frauen unterdrückt. Der Blickwinkel ordnet meine Wahrnehmung.
Wenn ein solch zirkuläres Denken für Theoretiker ein wenig be-
schämend ist, könnte ich doch als Praktiker mich vielleicht dar-
über hinwegsetzen, wenn alle beobachtbaren Phänomene in meine Ar-
gumentation hineinpassen. Kommen wir also zu den p r a k-
t i s c h e n Merkwürdigkeiten: Da ist zunächst das Verhalten
der Frauen in der neuen Frauenbewegung selber. Sie verstehen
solche Bestimmungen der Frauenunterdrückung nicht, brechen das
Gespräch ab und beharren auf alternativen Projekten. Das ist
gewiß ein Phänomen, welches nach Erklärung verlangt, läßt uns
aber immer noch die Möglichkeit, diese Frauen einfach als Klein-
bürger aus unserem Blickfeld zu schieben. Da stoßen wir auf ein
zweites Phänomen. Das Unverständnis ist nicht reziprok. Die orga-
nisierten Frauen verstehen die Frauen aus der neuen Frauenbewe-
gung sehr wohl. Schließlich sprechen diese ja von lauter Sachen,
die sie auch kennen, erfahren; allerdings sind solche Dinge ihnen
zumeist für richtige Politik zu persönlich. "Natürlich traue ich
mich nicht, nachts auf die Straße zu gehen", sagte eine Frau auf
einem Kongreß, "aber das muß ich mit mir persönlich abmachen,
denn natürlich weiß ich auch, daß das nicht das Kapital ist, das
da nachts auf der Straße lauert."
Also gibt es eine Trennung zwischen politischem und Alltagsleben.
Das wichtige Gesellschaftliche und das individuelle Persönliche
hängen auseinander. U.H.-Osterkamp belehrte uns weiter oben, daß
die Rede von dem Persönlichen, welches politisch sei, nichtssa-
gend sei. Immerhin erfahren wir hier, daß die Politik der Frauen-
bewegung dieses Persönliche umgreift, daß es für sie politisch
ist; wiewohl damit theoretisch noch nichts bewiesen ist, ist es
doch praktisch vorhanden.
Lassen wir dies zunächst so stehen und betrachten eine weitere
Merkwürdigkeit: Es herrscht Konsens, daß das Kapital die Frauen
besonders gut ausbeuten kann. Aber warum die Frauen anders als
Männer? Sind sie ähnlich wie Gastarbeiter und wenn ja, warum?
Wenn sie so billig sind, wie ein Belegsatz lautet, warum nimmt
dann das Kapital nicht mehr ihresgleichen, sondern entläßt sie in
Krisenzeiten gehäuft? Warum also wird die Krise auf ihrem Rücken
ausgetragen? Die Struktur eines Betriebes zeigt ebenso wie die
Struktur einer Partei, einer Organisation, einer Verwaltung je-
weils die Frauen unqualifiziert und unten und die Männer im Ver-
hältnis qualifizierter und zeigt zugleich in den Strukturen Me-
chanismen, daß das so bleibt, wie es ist. In den Verhaltenswei-
sen, in den Symbolen, in den alltäglichen Praxen, in den Kulturen
sind pro-männliche Momente gegen Frauen enthalten, die ausgren-
zen, die die alte Struktur wiederherstellen. Oder anders gespro-
chen: Das Gesellschaftssystem enthält Strukturvorteile für die
Männer, die diese den Frauen überordnen.
Soweit dem zuzustimmen ist, wäre also doch das Geschlechterver-
hältnis zu untersuchen und darin Frauenunterdrückung aufzuspüren.
Betrachten wir die Frage so, finden wir eine Menge Gründe, warum
Männer nicht nur für Frauenbefreiung sind und mit uns gemeinsam
kämpfen, sondern auch dagegen, weil die Frauenunterdrückung ihnen
nützt. Der Kampf um Arbeitsplätze wird etwas weniger hart - oder
wie U.H.-Osterkamp dies formuliert, "daß das Hineindrängen der
Frauen in die verschiedenen Positionen nur eine Umschichtung der
Reservearmee, d.h. das Hinausdrängen der Männer aus diesen Posi-
tionen, bedeuten würde..." (195); das Kinderproblem stellte sich
auch für Männer und nicht bloß - wie U.H.-Osterkamp uns versi-
chert - müssen nur Frauen "auf die Bedürfnisse der Kinder einge-
hen und deren Lebensmöglichkeiten nicht beeinträchtigen" (195).
Trost, Geborgenheit, Entspannung, Versorgtwerden in der Familie -
das sind alles schwerwiegende Gründe (männliche) gegen ein Aus-
schreiten der Frauen. Diese Aspekte führen uns einerseits
dorthin, wo die Feministinnen streiten, und andererseits zum
blinden Fleck der organisierten Frauen. Denn in der Behauptung,
daß das Kapital der Frauenunterdrücker sei, ist das Geschlechter-
verhältnis, um das es hier geht, überhaupt nicht enthalten; der
Gegensatz von Mann und Frau wird als inexistent unterstellt. Da-
bei ist es keineswegs so, daß die Frauen in den Arbeiterorganisa-
tionen glauben, daß es diesen Gegensatz nicht gibt. Aber sie den-
ken - und hier berufen sie sich auf Engels - daß das Kapital alle
anderen Gegensätze nivelliert und also langfristig den Mann/
Frau-Gegensatz aufhebt. Die Geschlechterfrage ist auf diese Weise
als aufgehoben gedacht, bevor sie überhaupt genauer studiert
wurde. Eine solche Auffassung geht davon aus, daß es auf jeder
Entwicklungsstufe e i n e n Widerspruch gibt und seine Lösung
alle übrigen Probleme in eine höhere Form bringt. Vermutlich müs-
sen wir diesen Gedanken neu fassen, denn die Wirklichkeit in Be-
trieben, Institutionen, im öffentlichen wie im privaten Leben
zeigt: Es gibt alltägliche Kämpfe zwischen Männern und Frauen,
die die zwischen Lohnarbeit und Kapital durchkreuzen. Sie enden,
wie ebenfalls E n g e l s formulierte: mit der "welt-
geschichtlichen Niederlage" des weiblichen Geschlechts. Das
Kapital kann sich die Herrschaftsstrukturen zwischen Männern und
Frauen so zunutze machen, daß einzelnen Fraktionen einander
blockieren. Sexismus im Betrieb richtet sich zunächst weder für
noch gegen die Unternehmer. Er läßt sich aber benutzen, um andere
Interessen durchzusetzen. Die Gegensätze zwischen Kapital und Ar-
beit und Mann und Frau überlagern einander. Dies nicht zu studie-
ren, macht uns politisch gefesselt und bezogen auf die Frauen-
frage besonders handlungsunfähig. Ich gehe nach wie vor davon
aus, daß es notwendig ist, daß die doppelt unterdrückten Frauen
sich doppelt organisieren. Um den Mann/Frau-Gegensatz überhaupt
zu bearbeiten, alltäglich, sprachlich, wissenschaftlich, kul-
turell, müssen die Frauenkämpfe auch autonom geführt werden. Wenn
beide Seiten sich stärken, können sie dies auch wechselseitig
tun, statt sich zu blockieren. Denn zum Politikmachen braucht es
selbstbewußte Kräfte, nicht zagende mit dem Gefühl der Schwäche
und des Unterlegenseins, nicht Frauen, die die Auffassung, Wesen
zweiter Klasse zu sein, verinnerlicht haben. Frauen sind Un-
gleichzeitige in dieser Gesellschaft. Vielfach sind sie noch
heute in persönliche Feudalstrukturen verstrickt, nicht "doppelt
freie Lohnarbeiter". Für eine gemeinsame Politik braucht es von
daher auch einen Umbau der weiblichen Identitäten im Verhältnis
zu sich selbst, zum anderen Geschlecht und zur Gesellschaft und
Politik. U.H.-Osterkamps Auffassung, daß es ausreicht, "zur Unzu-
länglichkeit der eigenen Person bewußt zu stehen" (199) und so-
dann die kapitalistischen Verhältnisse zu verändern, scheint mir
genau den historischen Prozeß des Auftretens der Frauen als poli-
tische Subjekte zu verfehlen.
_____
*) Anmerkung der Redaktion: Bei der Veröffentlichung von Ute H.-
Osterkamps Kritik an Frigga Haugs "Opfer-Täter"-Konzept in
"Marxistische Studien" 5/1982 hatten wir Frigga Haug angeboten,
im nächsten Jahrbuch eine Erwiderung zu veröffentlichen. Frigga
Haug hat es für angebracht gehalten, dennoch im Argument 135
(Sept./Okt. 1982) verbreiten zu lassen, das IMSF lehne eine Re-
plik im Jahrbuch ab und beteilige sich an einer Kampagne gegen
sie. Diese Behauptungen sind bislang von der Frauenredaktion des
Argument nicht zurückgenommen worden, ungeachtet auch der weithin
bekannten Tatsache, daß der Arbeitskreis Frauenfrage des IMSF
Frigga Haug schon im Januar 1982 zu einer Diskussionsrunde über
ihre Thesen eingeladen hatte und seine Einladung auch zur Frauen-
konferenz des IMSF im November 1982 wiederholte.
Die Leser/innen des hier veröffentlichten Aufsatzes von Frigga
Haug werden feststellen, daß es sich bei diesem Text nicht um
eine Replik auf Ute H.-Osterkamps Kritik handelt, sondern daß an-
dere, von Ute nicht behandelte Themen aufgegriffen werden. Da
hierbei massive Vorwürfe an die "organisierten Frauen" in der Ar-
beiterbewegung formuliert werden, halten wir die Auseinanderset-
zung mit den offensichtlich auch im Grundsätzlichen konträren Po-
sitionen Frigga Haugs für notwendig und bringen im Anschluß eine
Erwiderung von zwei Mitgliedern des Arbeitskreises Frauenfrage
des IMSF, Alma Steinberg und Ingeborg Nödinger.
Frigga Haugs Text knüpft an an: Ute H.-Osterkamp, Gesellschaftli-
che Unterdrückung oder psychische Unterwerfungstendenz? Zu Frigga
Haugs "Opfer-Täter-Konzept", in: Marxistische Studien. Jahrbuch
des IMSF 5/1982, S. 192-200. Seitenzahlen in Klammern beziehen
sich auf diesen Text.
1) Vgl. Frigga Haug, Opfer oder Täter? Über das Verhalten von
Frauen, in: Das Argument 123, 1980; nachgedruckt in: F. Haug
(Hrsg.), Frauen - Opfer oder Täter? Diskussion, Argument-Studien-
heft SH 46, ² 1982; F. Haug, Männergeschichte, Frauenbefreiung,
Sozialismus, in: Das Argument 129, 1981.
2) Vgl. Ute H.-Osterkamp, Politik und Psychologie, in: Karl Marx
und die Wissenschaft vom Individuum, mit Beiträgen von K.H.
Braun, W. Hollitscher, K. Holzkamp, K. H.-Osterkamp und K. Wet-
zel, Marburg 1983.
3) Zur Erinnerung zitiere ich einige Stellungnahmen zur Frauenbe-
freiung aus der Frühphase der Arbeiterbewegung: "Die Heilung er-
warten wir für die Frauen, wie für die Männer nur in einer tota-
len Umänderung des Produktionsmodus, in der gerechten Vertheilung
des Arbeiterertrages, in der Selbständigkeit des Arbeiters als
Mitglied einer Assoziation. Eine andere gerechte Grundlage der
Production wird zur natürlichen Folge haben, dass die Frauen eine
würdigere sociale Stellung einnehmen werden. Dann meine Herren,
werden. .. die Frauen ihrer natürlichen Bestimmung als Gattinnen
und Mütter folgen können" (sprach der Buchhändler Schlingmann
1866 in einer Parteiversammlung über Frauenarbeit und Arbeiter-
frauen, abgedruckt im "Socialdemokrat" 1866). 1867 gab es fol-
gende Resolution in der Generalversammlung des Allgemeinen Deut-
schen Arbeiter Vereins: "Die Beschäftigung der Frauen in den
Werkstätten der großen Industrie ist einer der empörendsten Miß-
bräuche unseres Zeitalters; empörend, weil die materielle Lage
der Arbeiterklasse dadurch nicht gehoben, sondern verschlechtert
und die Arbeiterbevölkerung besonders durch die Vernichtung der
Familie in einen so elenden Zustand versetzt wird, indem sie auch
den letzten Rest von idealen Gütern verliert, den sie noch inne
hatte. Um so mehr ist heute das Streben zu verwerfen, den Markt
für die Frauenarbeit noch zu vergrößern. Abhilfe gewährt nur die
Beseitigung der Capitalherrschaft..." (aus dem "Socialdemokrat"
1867). Beide Zitate nach: Heinz Niggemann, Emanzipation zwischen
Sozialismus und Feminismus. Die sozialdemokratische Frauenbewe-
gung im Kaiserreich, Wuppertal 1981.
4) Karl Marx, Das Kapital, 1. Bd., in: MEW, Bd. 23, 'S. 485, 470,
473, 496.
5) Ebd., S. 514.
6) Vgl. Frigga Haug, Verelendungsdiskurs oder Logik der Krisen
und Brüche? Marx neu gelesen vom Standpunkt heutiger Arbeitsfor-
schung, in: Aktualisierung Marx', Argument-Sonderband AS 100,
1983.
zurück