Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983
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BETRIEBSBESETZUNGEN UND GEWERKSCHAFTLICHER KAMPF
Rahmenbedingungen, Triebkräfte und Perspektiven betrieblicher
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Abwehrkämpfe gegen Arbeitsplatzvernichtung
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Gert Hautsch/Bernd Semmler
I. Zahl und Schärfe betrieblicher Konflikte nehmen zu - II. Rah-
menbedingungen betrieblicher Abwehrkämpfe - III. Kämpfe gegen Ar-
beitsplatzvernichtung in Frankfurt - IV. Entfaltung von Wider-
standspotential - V. Triebkräfte des offenen Konflikts - VI. Be-
triebliche Kämpfe und gewerkschaftliche Politik
Betriebsbesetzungen galten in der Bundesrepublik bis Anfang der
siebziger Jahre als französisch-italienische Besonderheit, die
hierzulande keine Entsprechung findet. Die Entwicklung der letz-
ten Jahre hat aber dazu geführt, daß die Blockade oder Besetzung
von Fabriken auch in der BRD als eine mögliche Kampfform zur De-
batte steht. Namen wie VDM Frankfurt, Videocolor Ulm, Enka Kassel
oder Heckel Saarbrücken stehen für eine gewachsene öffentliche
Resonanz betrieblicher Besetzungsaktionen. 1)
I. Zahl und Schärfe betrieblicher Konflikte nehmen zu
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Ist diese größere Resonanz nur dem spektakuläreren Charakter ein-
zelner Aktionen der letzten Jahre geschuldet? Oder steht dahinter
eine bedeutsame Zunahme betrieblicher Abwehrkämpfe gegen Arbeits-
platzvernichtung durch Massenentlassungen, Betriebsstillegungen
und Konkurse? Das Statistische Bundesamt erfaßt solche Aktionen
nicht getrennt von anderen Arbeitskämpfen; vielfach gehen sie
überhaupt nicht in die offizielle Arbeitskampfstatistik ein. An-
haltspunkte für das quantitative Ausmaß kann hingegen die Auswer-
tung des "Archivs Soziale Bewegungen" im IMSF liefern, auch wenn
hier nicht alle Aktionen erfaßt werden können. 2) Bezogen auf be-
triebliche Bewegungen insgesamt gegen Arbeitsplatzvernichtung,
zeigt sich eine deutliche Zunahme in den letzten Jahren (vgl.
Tab. 1).
Tabelle 1:
Betriebliche Aktionen gegen Arbeitsplatzvernichtung 1976-1982
Jahr Teilnehmer (in Tausend)
Demonstra- Warn- Streiks und Teilnehmer Zahl der er-
tionen und streiks Betriebs- insgesamt faßten
Kundgebun- 1) besetzungen 2) Betriebe
gen in Tausend
1976 . . . 34 17
1977 . . . 118 40
1978 . . . 33 27
1979 35 19 1 55 40
1980 91 41 1 110 36
1981 130 58 5 160 43
1982 232 29 5 293 97
_____
1) ohne den bundesweiten Textil-Warnstreik am 2. Dezember 1980
(270 000 Teilnehmer)
2) wegen Doppelerfassung ist die Gesamtzahl niedriger als die
Summe der Einzelzahlen
Quelle: Archiv Soziale Bewegungen im IMSF
In dieser Tabelle sind nur solche Aktionen erfaßt, deren Aus-
gangspunkt im jeweiligen Betrieb lag. Hinzu kamen die 1978 von
der IG Metall initiierte Warnstreikbewegung auf den Werften
(knapp 100 000 Teilnehmer) und 1979 die Aktionen bei der Post für
die Übernahme aller Auszubildenden (ca. 15 000 Teilnehmer). Die
Angaben belegen sowohl bei den verschiedenen Aktionsformen wie
bei der Teilnehmerzahl ein deutlich höheres Niveau seit 1980; das
Jahr 1977 bildet wegen der umfangreichen Protestaktionen in Bre-
men (Klöckner-Stahl, Werften, Zeitungen, VFW-Fokker) 3) eine Aus-
nahme. Auch die Zahl der "betroffenen" Betriebe hat zugenommen,
wobei teilweise mehrere Aktionen in einem Betrieb stattfanden.
Diese Welle betrieblicher Abwehrkämpfe bildet den Boden, auf dem
in den letzten Jahren Aktionen in Form der Blockade oder der Be-
setzung von Betrieben gewachsen sind.
In solchen "illegalen" Kampfformen kommt die gestiegene Militanz
und Hartnäckigkeit betrieblichen Widerstands konzentriert zum
Ausdruck. Eine vermutlich unvollständige Erfassung dieser Aktio-
nen (Besetzung von Betrieben, Betriebsteilen oder Werkstoren) in
den letzten elf Jahren (davor hat es Vergleichbares in der BRD
kaum gegeben) 3a) zeigt eine deutliche Zunahme seit 1980 (vgl.
Tab. 2).
Tabelle 2:
Betriebsbesetzungen in der BRD 1972-1982
Jahr Betroffene 1) Betriebe Gesamtdauer (Tage)
1982 2) 4818 12 84
1981 3) 3670 6 19
1980 1020 3 42
1979 230 1 1
1978 260 3 8
1977 750 2 8
1976 1500 1 4
1975 790 . 2 55
1974 - - -
1973 380 1 4
1972 3000 1 3
_____
1) Belegschaftszahl der Betriebe bzw. Abteilungen
2) 1982 gab es außerdem zwei Blockaden in Betrieben mit zusammen
1500 Beschäftigten, Zeit gewaltsam gesprengt wurden.
3) 1981 gab es sieben Blockaden bzw. Besetzungen in sechs Betrie-
ben.
Quelle: Archiv Soziale Bewegungen im IMSF.
Zwei dieser Aktionen erfolgten im Rahmen von Lohn- bzw. Tarif-
kämpfen: 1973 bei Mannesmann Duisburg-Huckingen und 1978 bei der
Frankfurter Rundschau; die übrigen waren Kämpfe gegen die Stille-
gung oder Verkleinerung von Betrieben bzw. Bewegungen um damit im
Zusammenhang stehende Konfliktpunkte (z.B. Sozialpläne).
Wenn sich im politisch-sozialen Geschehen eine so deutliche Ver-
änderung in Richtung auf bestimmte Kampfebenen und -formen zeigt,
dann lohnt dies den Versuch, Ursachen, Triebkräfte und mögliche
Konsequenzen zu beleuchten. Das soll im folgenden auf zwei Ebenen
geschehen: Am Beispiel von vier Frankfurter Betrieben, in denen
sich 1981/82 Bewegungen gegen Arbeitsplatzvernichtung bis hin zur
Besetzung entwickelten, sollen Handlungsbedingungen und -möglich-
keiten von Belegschaften untersucht werden. 4) Die Auswahl dieser
Betriebe lag nahe, weil hier das empirische Material für die Au-
toren am leichtesten greifbar war und weil in der raschen zeitli-
chen Abfolge mehrerer Bewegungen am gleichen Ort verschiedene
Entwicklungslinien besonders deutlich werden. Des weiteren soll
unter Einbeziehung von Analysen anderer Bewegungen und vorhande-
ner Forschungsergebnisse versucht werden, die ökonomisch-sozialen
Rahmenbedingungen für die Zunahme betrieblicher Kämpfe und die
Bedeutung dieser Tendenz für die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewe-
gung zu analysieren.
II. Rahmenbedingungen betrieblicher Abwehrkämpfe
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Der erneute Ausbruch einer zyklischen Krise 1980 vor dem Hinter-
grund der seit 1974 angeschwollenen und im "Aufschwung" 1977-1979
kaum nennenswert abgebauten Massenarbeitslosigkeit ließ nur noch
wenig Raum für Illusionen über ein baldiges Ende der Arbeitslo-
sigkeit. 5) Die Entwicklung der letzten Jahre machte zunehmend
deutlich, daß Betriebsstillegungen oft als Ergebnis gezielter
(auch internationaler) Konzernstrategien erfolgen und wirtschaft-
lich gesunde Produktionsstätten betreffen können. Am stärksten
werden hiervon die un- und angelernten Arbeitskräfte, großenteils
Ausländer, erfaßt. Daraus dürfte zu erklären sein, daß diese
Gruppe - darunter besonders Türken - bei vielen betrieblichen Be-
setzungen eine zentrale Rolle spielten.
Die Schließung von Betrieben bei verstopften Arbeitsmärkten be-
droht aber zunehmend auch die Facharbeiter und qualifizierten An-
gestellten. Allein im Mai/Juni 1982 wurden 21 259 Facharbeiter
und 17 069 Angestellte in gehobener Tätigkeit arbeitslos; das wa-
ren zusammen 42,2 Prozent aller Zugänge bei Arbeitslosen (1981:
35,6 Prozent). Zwar sind die Chancen, wieder einen Arbeitsplatz
zu finden, bei höher Qualifizierten größer, doch gilt auch das
nur für jüngere Jahrgänge. 6)
Hier zeigt sich, daß die Auswirkungen der Krise auf das Verhält-
nis von "Stamm-" und "Rand-Belegschaften" zwiespältig sind: Zum
einen werden Interessengegensätze und Spaltungstendenzen ver-
tieft, weil sich Arbeitsplatzabbau, Sozialdemontage und Einkom-
mensverluste vorrangig gegen die marginalisierten Gruppen der Ar-
beiterklasse richten und den betrieblichen "Kern" relativ scho-
nen. 7) Diese Tendenz herrscht weiterhin vor und bleibt gefähr-
lich für die Arbeiterbewegung. Aber es wirkt auch die obenge-
nannte Tendenz zur Angleichung der Arbeitsmarktlage verschiedener
Beschäftigtengruppen auf niedrigerem Niveau, und zwar dann, wenn
die Bedrohung der Arbeitsplätze akut wird. Dadurch wird gemeinsa-
mes Handeln von An- und Ungelernten und Facharbeitern, von Rand-
und Stammbelegschaften möglich. Bei einer Reihe von Betriebsbe-
setzungen bildete diese Konstellation die Basis der Bewegung.
Die Facharbeiter waren und sind das Rückgrat der Gewerkschaftsbe-
wegung im Betrieb. In Standorten mit kämpferischen Traditionen
sind sie im allgemeinen das stabilste Element für eine Orientie-
rung an den Klasseninteressen. Unter anderen ideologisch-politi-
schen Bedingungen können sie aber auch als soziale Stütze in-
tegra-tionistischer Politik im Betrieb wirken. Die Gruppe der
qualifizierten älteren deutschen (männlichen) Facharbeiter ge-
nießt gegenüber anderen Beschäftigtengruppen verschiedene materi-
elle und soziale Privilegien, hat relativ sichere Arbeitsplätze
und ist in den Betriebsräten und Vertrauenskörpern meist überpro-
portional vertreten. Die Befriedungsstrategien der Unternehmer
bei sozialen Konflikten sind darauf gerichtet, diese Gruppen für
sich zu gewinnen und damit Widerstand zu erschweren. Das Gebot
der Sozialauswahl bei Entlassungen, Altersdifferenzierung bei So-
zialplänen usw. erleichtern dies.
In den letzten Jahren wurde die materielle Basis dieser Konstel-
lation jedoch teilweise brüchig. Sprünge in der Entwicklung von
Produktionstechnologien (z.B. Abschied von der Feinmechanik) ent-
werten vielfach die Qualifikation auch dieser Arbeiter und machen
sie für die Unternehmer entbehrlich. Außerdem führen die generell
aggressivere Politik der Unternehmer und verengte Finanzierungs-
spielräume infolge der Krise dazu, daß teilweise bei den sozialen
Befriedungsmitteln (Sozialpläne) gespart wird. In solch einer Si-
tuation wächst auch unter den qualifizierten Facharbeitern
(ähnliches gilt abgeschwächt unter den Angestellten) die Offen-
heit gegenüber neuen Orientierungen in der Interessenvertretung -
auch wenn dies keineswegs ein automatischer Prozeß ist.
Die lang anhaltende Massenarbeitslosigkeit hat traditionelle
Durchsetzungsmittel der Gewerkschaften und auch von Belegschaften
geschwächt. Insbesondere sind die Möglichkeiten, durch Arbeits-
verweigerung ökonomischen Druck auszuüben, stark gesunken.
Dementsprechend nehmen Willkürakte von Unternehmern, arrogante
Unnachgiebigkeit und auch offene Mißachtung von Gesetzen zu.
Ebenso verhärtete sich die Position der Unternehmer in Tarifrun-
den (Tabu-Katalog). 8) Die Auswirkungen dieses ausgeprägteren
Konfrontationskurses im betrieblich-gewerkschaftlichen Bereich
sind unterschiedlich.
Erfahrungen der Arbeitskämpfe seit 1976 9) zeigten, daß Streiks
in der Krise, wenn ein "ökonomisches Faustpfand" gegen die Unter-
nehmer die Ausnahme ist, um so mehr greifen, je stärker sie poli-
tisiert werden. Zunehmend wurden Formen der aktiven Öffentlich-
keitsarbeit (Informationsstände, Demonstrationen, Unterschriften-
sammlungen) entwickelt und Solidarität gesucht (Kulturgruppen,
Solidaritätsstreiks, Streiklokale als Kommunikationszentren). Bei
den Kampfformen wurde stärker auf Warnstreikwellen, wechselnde
Schwerpunktstreiks u.ä. Gewicht gelegt.
Die neuen Kampfformen bedingten und bewirkten eine stärkere Ver-
ankerung der Gewerkschaft im Betrieb; das gilt vor allem für die
IG Metall, IG Druck und Papier, HBV und GHK. Die Tatsache, daß
die Masse der Betriebsbesetzungen im Organisationsbereich der IG
Metall und IG DruPa stattfanden, hängt sicher auch damit zusam-
men, daß diese Gewerkschaften die meisten und härtesten Arbeits-
kämpfe der letzten Jahre geführt und die intensivsten Erfahrungen
mit neuen Kampfformen gewonnen haben.
Trotz neuer Kampfformen und teilweise gestiegener Mobilisierung
in den Betrieben sind aber die Durchsetzungsmöglichkeiten der Ge-
werkschaften durch die Wirkungen der Arbeitslosigkeit stark ein-
geschränkt. Zum Kampf gegen die Vernichtung von Arbeitsplätzen
haben sich die Gewerkschaften andererseits noch nicht auf ein
einheitliches Konzept einigen können. Die von den Spitzen des DGB
und der meisten Einzelgewerkschaften bevorzugte Strategie der
zentralen Gesprächsrunden mit Unternehmerverbänden und Regierung,
der öffentlich bekundeten "Sorge" um den sozialen Frieden, des
Zurückweichens vor Unternehmerdruck in Tarifrunden und bei der
Sozialpolitik führte dazu, daß Forderungen "von unten" nach Kamp-
faktionen nur sehr zögernd nachgegeben wurde, daß Arbeitskämpfe
mit schlechten Kompromissen beendet wurden. Deshalb läuft - was
die zentrale Ebene gewerkschaftlicher Politik angeht - die in den
letzten Jahren erreichte Mobilisierung und Handlungsbereitschaft
oft ins Leere.
Tabelle 3:
Beteiligte an Warnstreiks während Tarifauseinandersetzungen in
der BRD 1977-1982 (in Tausend)
Jahr Beteiligte darunter
insgesamt Metall Stahl HBV öff. Dienst
1977 61 20,1 - 0,7 -
1978 716 303,7 112,2 - -
1979 50 0,9 1,8 18,2 15,6
1980 221 160,6 - 2,2 38,7
1981 3009 2991,5 - 5,2 1,7
1982 339 129,6 149,3 0,0 2,7
_____
Quelle: Archiv Soziale Bewegungen im IMSF
Die Arbeitskämpfe 1976-1979 und die Warnstreikbewegung in der Me-
tallindustrie 1981 haben ebenso zu einer Veränderung des politi-
schen Klimas in der Bundesrepublik beigetragen wie der Aufschwung
der neuen sozialen und der Friedensbewegung vor allem seit 1979.
Das Bewußtsein von der Notwendigkeit und die Bereitschaft zur au-
ßerparlamentarischen kämpferischen Interessenvertretung haben
breitere Kreise der Bevölkerung erfaßt und vor allem in den jün-
geren Generationen der Arbeiterklasse die Handlungsbereitschaft
erhöht.
Den Hintergrund dafür bilden soziale und kulturelle Veränderungen
in der Arbeiterklasse schon seit den sechziger Jahren, die die
"Nachfrage" nach wirksamen Methoden der Interessenvertretung
steigerten und die Sensibilität für Ungerechtigkeiten und Willkür
vertieften. 10) Auch wenn solche Haltungen noch nicht die vor-
herrschende Tendenz im Massenbewußtsein der Lohnabhängigen wider-
spiegeln, schufen sie doch - zusammen mit konkreten Erfahrungen
im Umgang mit dem Klassengegner (Aussperrung) - einen gewissen
Resonanzboden für kämpferische Aktionsformen. Nach wie vor, und
verstärkt durch die Massenarbeitslosigkeit, ist die Stimmungslage
in den Betrieben jedoch äußerst labil. Die Tendenz, sich mangels
gesehener Alternativen dem Kapital zu unterwerfen, sich anzupas-
sen und den individuellen Ausweg zu suchen, ist sehr stark. Eine
Widerspiegelung dessen ist die Zunahme rechter Orientierungen
z.B. auch im Wahlverhalten. In nicht wenigen Betrieben herrscht
aber auch - teilweise ist das gleichzeitig der Fall - so etwas
wie ein Klima der Wut über Zumutungen des Unternehmers und auch
von Renitenz, das sich an kleinen Anlässen eskalieren kann.
Wachsende Betroffenheit und Resignation durch Krise und Arbeits-
losigkeit einerseits und der Wille, sich "nicht alles gefallen zu
lassen" andererseits, das Fehlen einer zentralen gewerkschaftli-
chen Widerstandsbewegung als Orientierungspunkt für solche Be-
dürfnisse und gleichzeitig erlebte oder erfahrene Beispiele be-
trieblichen und außerbetrieblichen Widerstands - das ist die Si-
tuation, in der betriebliche Kampfaktionen zunehmen, obwohl die
Gewerkschaftspolitik insgesamt vor dem Druck der Unternehmer eher
zurückweicht. Nach wie vor allerdings ist der betriebliche Ab-
wehrkampf als Reaktion auf Entlassungen und Schließungen die
große Ausnahme. Das zeigt eine Übersicht solcher Fälle in den
letzten Jahren (vgl. Tab. 4).
Tabelle 4:
Arbeitsplatzverluste durch Insolvenzen und Betriebsschließungen
in der BRD 1970-1982
Jahr Insolvenzen 1) stillgelegte Betriebe 2)
Zahl verlorene Zahl verlorene
Arbeitsplätze 3) Arbeitsplätze 3)
1970 2716 50 756 60,7
1974 5976 186 882 104,9
1975 6953 145 767 82,7
1976 6808 157 518 60,3
1977 6929 109 495 45,3
1978 5949 85 464 45,2
1979 5483 73 374 34,6
1980 6315 66 . .
1981 8494 106 . .
1982 12300 160 . .
_____
1) alle nichtlandwirtschaftlichen Betriebe
2) nur Industrie (1980 betrafen 43 Prozent aller Insolvenzen In-
dustriebetriebe)
3) in Tausend
Quelle: DIW-Wochenbericht 45/1982, Westberlin, S. 551 ff. Klaus
Schliebe, Die Standortwahl der Betriebe in der Bundesrepublik
Deutschland und Berlin (West), hrsg. vom Bundesministerium für
Arbeit und Sozialordnung, Bonn 1981, S. 11
Wenn man für die Krise 1980-1982 eine ähnliche Entwicklung wie
1974/75 annimmt, dann könnten 1982 zwischen 800 und 1000 Konzern-
betriebe (eher noch mehr, denn die Krise war diesmal tiefer)
stillgelegt worden sein. Dem stehen Kampfaktionen in 97 Betrie-
ben, darunter zwölf Besetzungen, gegenüber. Die Frage steht des-
halb, welche spezifischen Bedingungen in einigen bedrohten Be-
trieben zum offenen Widerstand geführt haben bzw. führen können.
Dies soll im folgenden am Beispiel der vier Frankfurter Betriebe
Adlerwerke, Vereinigte Deutsche Metallwerke, Rockwell-Golde und
Demag-Pokorny ansatzweise zu beantworten versucht werden. 11)
III. Kämpfe gegen Arbeitsplatzvernichtung in Frankfurt
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Der Ballungsraum Frankfurt - Darmstadt - Mainz - Wiesbaden galt
bis Ende der siebziger Jahre als eine Region mit relativ günsti-
gen Arbeitsmarktbedingungen. Das änderte sich seit dem Krisenaus-
bruch 1980 rasch. 1980-1982 ist die Zahl der Arbeitsplätze in der
Industrie um 10 000 (7,2 Prozent) verkleinert worden. Die Zahl
der arbeitslosen Metallarbeiter hat sich zwischen August 1981 und
Januar 1983 fast verdreifacht. Weder die Industrie noch der
Dienstleistungsbereich (wo die Rationalisierungswelle gerade an-
fängt) können Arbeitskräfte, die durch Teil- oder Vollschließung
von Betrieben arbeitslos werden, aufnehmen.
Die Betriebe Triumph/Adler (VW-Konzern, 2700 Beschäftigte) und
Vereinigte Deutsche Metallwerke (Metallgesellschaft-Konzern, 1600
Beschäftigte) waren Frankfurter Traditionsbetriebe. Die Tatsache,
daß fast gleichzeitig - im Juli/August 1981 - für beide die
Schließung angekündigt wurde, wirkte im öffentlichen Bewußtsein
der Stadt wie ein Schock. Die Bewegung zur Rettung dieser Werke
erlangte deshalb ziemlich rasch große öffentliche Resonanz. Die
Betriebe Rockwell-Golde (Rockwell-Konzern, 340 Beschäftigte) und
Demag-Pokorny (Mannesmann-Konzern, 633 Beschäftigte) waren demge-
genüber weniger bekannt. Die dortigen Kämpfe hatten jedoch ein
beachtliches Echo, weil sie an die Bewegungen und Erfahrungen bei
Adler und VDM anknüpften. In allen vier Fällen ging es um die of-
fen angekündigte Schließung oder um Massenentlassungen, die of-
fensichtlich die Vorstufe zur Schließung bilden sollten.
Bei Triumph/Adler wurde die Möglichkeit zur Schließung Ende Juli
1981 bekanntgegeben. Mitte August starteten IG Metall und die
evangelische und katholische Kirche in Frankfurt eine Unter-
schriftensammlung zur Rettung des Adler- und des VDM-Werks. Am
20. August organisierte die im Betriebsrat vertretene Ausländer-
liste mit 200 Arbeitern eine Blockade von Lastwagen. Am 21. Au-
gust fand eine Demonstration der IG Metall statt, am 2. September
wurde die Schließung offiziell angekündigt. Daraufhin folgte ge-
gen den Willen des Betriebsratsvorsitzenden und der IGM-Führung
eine spontane Demonstration. Der anschließende Versuch zur Be-
triebsbesetzung scheiterte am Widerstand der freigestellten Be-
triebsräte. Vom 3. bis 8. September fanden verschiedene Prote-
staktionen im Betrieb statt. Lokalpolitiker und Pfarrer engagier-
ten sich im Konflikt stark. Am 8. September - einen Tag bevor die
IG Metall zusammen mit den Frankfurter Kirchenleitungen eine Pro-
testversammlung auf dem Römerberg mit 6000 Teilnehmern durch-
führte - wurde die sogenannte Tausender-Lösung (Reduzierung in
Frankfurt auf 1000 Beschäftigte, Entlassungen in Nürnberg und
Schwandorf) ausgearbeitet. Der Betriebsrat stimmte dem am 11.
September zu.
Die Schließung des VDM-Werks wurde am 13. August 1981 indirekt
angekündigt. Am 18. August veranstaltete die Belegschaft einen
Schweigemarsch zur Konzernzentrale der Metallgesellschaft, am 31.
August fand eine Protestkundgebung statt. Am 7. September wurde
kurzzeitig die Vorstandsetage besetzt. Zwei Tage nach der Groß-
kundgebung auf dem Römerberg - am 11. September - wurde eine Bür-
gerinitiative für die Erhaltung des Werks gegründet. Am 14. Sep-
tember folgte die erstmalige Besetzung des Tors; die IG Metall
erzwang jedoch den Abbruch der Aktion. Am 21., 23. und 28. Sep-
tember fanden Demonstrationen und ein Warnstreik (23. September)
statt. Am 17. Oktober stimmte der Betriebsrat Sozialplanverhand-
lungen zu. Unmittelbar auf das Bekanntwerden des niedrigen Ange-
bots der Geschäftsführung am 26. Oktober folgte eine erneute Be-
setzung der Tore (Forderung: Sozialplan im Volumen wie bei Tri-
umph/Adler). Der Betriebsratsvorsitzende solidarisierte sich. In
der Nacht vom 1. zum 2. November wurde ein wesentlich besserer
Sozialplan abgeschlossen und daraufhin die Torbesetzung beendet.
Bei Rockwell-Golde kündigte die Geschäftsleitung am 9. März 1982
115 Entlassungen an. Der Betriebsrat lehnte Sozialplanverhandlun-
gen ab. Am 18. März organisierte die IG Metall eine Informations-
veranstaltung über die Notwendigkeit kämpferischen Widerstands.
Bis Anfang April fanden Veranstaltungen von linken Gewerkschaf-
tern, Kirchenvertretern und der VDM-Arbeitsloseninitiative statt.
Am 16. April informierte der Betriebsrat über die harte Haltung
der Geschäftsleitung; daraufhin wurde der Betrieb besetzt. Am 21.
April nahm die Geschäftsleitung alle Entlassungen zurück und er-
klärte sich bereit, die Zeit der Besetzung zu bezahlen. Die Ak-
tion wurde beendet.
Der Produktionsauslagerung bei Demag-Pokomy hatten die freige-
stellten Betriebsräte im Dezember 1981 insgeheim zugestimmt; bei
den Sozialplanverhandlungen zeigte sich die Geschäftsleitung un-
nachgiebig. Am 5. Februar 1982 berichtete die Presse über 170 be-
vorstehende Entlassungen. Am 5. April veranstaltete die IG Metall
eine Podiumsdiskussion für die Betroffenen; dem ging eine Demon-
stration voraus. Am 16. April wurden zwei Dienstwagen von Mannes-
mann-Vorständen aufgehalten. Am 22. April organisierte die IG Me-
tall eine weitere Versammlung mit vorheriger Demonstration; eine
Betriebsbesetzung wurde als legitimes Notwehrrecht bezeichnet.
Die im Stadtviertel tätige Bürgerinitiative "Bockenheimer Depot-
verein" beschloß die Unterstützung der Belegschaft und sammelte
Unterschriften. Am 29. April wurden die Tore besetzt. Am 6. Mai
begannen Verhandlungen mit der Geschäftsleitung, die am 10. Mai
zu einem schlechten Kompromiß führten (16 Arbeitsplätze vorüber-
gehend gerettet). Die Belegschaft stimmte dem zu.
So unterschiedlich der Verlauf der Kämpfe in den vier Betrieben
war, so unterschiedlich waren auch die Ausgangsbedingungen. Die
Belegschaft bei Adler war sozial-ökonomisch in zwei Bereiche ge-
spalten, was sich auch politisch niederschlug. Facharbeiter mit
langjähriger Betriebszugehörigkeit sowie Abteilungsleiter und
Meister, die sich aus dieser Gruppe rekrutierten, dominierten den
Betriebsrat und bestimmten dessen sozialpartnerschaftliche und
antikommunistische Politik. An den Taktbändern arbeiteten meist
Ausländer (80 Prozent). Im Betriebsrat war eine (linke) Auslän-
derliste vertreten, mit der die Mehrheit nicht zusammenarbeitete.
Die "Obergruppe" der Fach- und Vorarbeiter hatte in der Vergan-
genheit von Rationalisierungsmaßnahmen profitiert (sozialer Auf-
stieg im Betrieb). Sie waren erst und nur solange zum Widerstand
bereit, wie der Betrieb insgesamt gefährdet war. Als eine Teil-
stillegung angeboten wurde, akzeptierten sie dies mehrheitlich,
was durch die faktische Spaltung des Betriebsrats erleichtert
wurde.
Bei VDM bestand die Mehrzahl der Arbeiter (Ausländeranteil 50
Prozent) aus An-und Ungelernten. Der Betriebsrat wurde von Ange-
stellten und deutschen Arbeitern beherrscht; seine Politik war
sozialpartnerschaftlich, was von der Geschäftsleitung durch ge-
zielte Vergünstigungen für ältere Beschäftigte gefördert wurde.
Konflikte um die Massenentlassungen bis 1979 gab es nicht. Seit
1975 hatte sich im Betriebsrat eine Minderheitsrichtung herausge-
bildet, deren Vertreter in wesentlichen Fragen auf klassenautono-
men Positionen standen. Zur offenen Konfrontation mit der Mehr-
heit - wie bei Adler - kam es nicht. Während der Torblockade so-
lidarisierte sich die Mehrheitsrichtung mit den Besetzern.
Bei Rockwell-Golde waren in der Produktion fast ausschließlich
angelernte Kräfte - meist Türken - beschäftigt. Die Facharbeiter
waren z.T. in die technische Verwaltung aufgestiegen oder wurden
in der Fertigungssteuerung eingesetzt. Aktive Betriebsratsarbeit
gab es erst seit 1978. Im Betriebsrat sind mehrheitlich Deutsche
vertreten, die sich jedoch als Repräsentanten der (meist auslän-
dischen) Arbeiter verstehen; die Angestellten blieben weithin auf
Distanz zu Gewerkschaft und Betriebsrat, auch während der Beset-
zung. Die Mehrheit der Betriebsratsmitglieder war politisch und
ideologisch relativ ungebunden.
Demag-Pokorny beschäftigte eine große Zahl von Facharbeitern (160
bei 32 An-und Ungelernten), mehrheitlich jedoch Angestellte in
Verwaltung und Konstruktion. Diese Gruppe bildete vor dem Hinter-
grund von Erfahrungen mit sozialpart-nerschaftlichen Zugeständ-
nissen der Geschäftsführung einerseits und einer wenig entwickel-
ten Kampftradition in der Frankfurter IG Metall andererseits eine
Basis für die konfliktvermeidende Politik des Betriebsrats. Trotz
Personalabbau hatte sich in der Vergangenheit nämlich an ihrem
Status wenig geändert. Erst als die Verlagerung der Produktion
weg von Frankfurt erfolgen sollte, 'wurde der Glaube an die Si-
cherheit der eigenen Perspektive bei den Facharbeitern zerstört;
die Angestellten erkannten, daß mittelfristig ihre Arbeitsplätze
ebenfalls gefährdet würden. Als der Konflikt eskalierte, griff
der Betriebsrat den Druck seiner sozialen Basis auf und trieb ihn
weiter.
Insgesamt bieten die vier Betriebe in bezug auf Beschäftigten-
struktur und Interessenvertretung kein einheitliches Bild. Cha-
rakteristisch ist aber, daß in keinem der Betriebe von vornherein
dezidiert kämpferische Belegschaften bzw. Betriebsräte vertreten
waren - eher im Gegenteil. Erst die existentielle Bedrohung domi-
nierender Teile der Belegschaft - der sozialen Stützen der Be-
triebsräte - führte zum Konflikt,, und dies schlug sich dann auch
in der Politik der betrieblichen Interessenvertretung nieder.
IV. Entfaltung von Widerstandspotential
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Aus der Erkenntnis von Bedrohung allein ergibt sich noch nicht
die Bereitschaft zum Kampf. Es ist auch möglich - und mehrheit-
lich immer noch der Fall - daß die Betroffenen die Berechtigung
ihres Besitzstandes anzweifeln und ihr Anspruchsniveau senken.
Aus der Bedrohung des Arbeitsplatzes kann nur dann der subjektive
Anstoß zur solidarischen Gegenwehr entspringen, wenn der Kampf
als berechtigt und unabdingbar angesehen wird und objektive Hand-
lungsmöglichkeiten zur Durchsetzung dieses Anspruchs vorhanden
sind.
In Untersuchungen zu Stillegungskonflikten wird hervorgehoben,
daß die Betroffenen die Arbeitsplatzbedrohung sehr oft nicht
wahrhaben wollen bzw. sie verdrängen. 12) Die bewußte Wahrnehmung
und Verarbeitung der Gefahr wird um so eher möglich, je realisti-
scher alternative (individuelle oder kollektive) Handlungsmög-
lichkeiten gesehen werden. Die aktuelle Handlungsbereitschaft
wird dabei durch die objektiven Möglichkeiten bestimmt. 13) Ent-
wicklung und Bewußtwerdung der eigenen kollektiven Stärke spielen
eine große Rolle. Gleichzeitig wirkt das gesellschaftliche Klima
wesentlich ein. All dies wird durch die Kämpfe in Frankfurter Be-
trieben bestätigt.
Für die Stabilisierung des eigenen Anspruchsniveaus auf Erhaltung
der Arbeitsplätze ist es entscheidend, daß die Sachzwang-Argumen-
tation der Unternehmer aufgebrochen wird. Vor allem das
"Gesundschrumpfungs"-Argument stimmt oft mit den bisherigen Er-
fahrungen der deutschen Facharbeiter vordergründig überein, wo-
nach die Kernbelegschaft selbst bei drastischen Personalreduzie-
rungen kaum berührt wird. Das Triumph/Adler-Beispiel zeigt, daß
sich das Verhalten einer Stammbelegschaft, die aufgrund solcher
Erfahrungen überwiegend sozialpartnerschaftlich orientiert ist,
schlagartig ändern kann, wenn die Unternehmensführung diesen Zu-
sammenhang zerreißt; es zeigt aber auch, daß die tradierten Ver-
haltens- und Bewußtseinsformen wieder zurückgeholt werden können,
wenn Teilerfolge auf Kosten der Randbelegschaft durchgesetzt wer-
den.
Das Gesundschrumpfungsargument ist für die Kapitalseite ein Bünd-
nisangebot an integrierte Beschäftigtengruppen zur Spaltung der
Belegschaft. Gelingt dies, dann werden dem Unternehmer nicht nur
weitere Schritte in Richtung auf Totalschließung erleichtert, es
wächst auch die Möglichkeit, bei den Integrationskosten
(Sozialpläne) zu sparen.
Wenn der Betriebsrat eine derartige Lösung anstrebt und offene
Konflikte vermeiden will, hat er kein Interesse an der Mobilisie-
rung der benachteiligten Gruppen für die Erhaltung ihrer Ar-
beitsplätze. Bei Adler reagierten einzelne Betriebsräte gereizt
auf Einflußnahme von außen, z. B. der Kirchen. Im Gegensatz dazu
verweigerte sich der Betriebsrat von Rockwell-Golde bewußt jeder
Gesundschrumpfungs-Argumentation. Das resultierte aus den Erfah-
rungen mit drei vorangegangenen Sozialplänen, aber auch daraus,
daß er die Produktionsarbeiter als Adressaten seiner Politik sah.
Außerdem spielten die Beispiele von Adler und VDM sowie Argu-
mente, die von außen in den Betrieb getragen wurden, 14) eine
Rolle.
Im Demag-Pokorny-Konflikt wurde die Argumentation der Unterneh-
mensführung durch einen Alternativplan aufgebrochen. Er zeigte,
daß eine Vermittlung der Erfordernisse des technischen Wandels
mit den konkreten Beschäftigteninteressen möglich ist, daß folg-
lich noch andere Gesichtspunkte hinter den Konzernplänen steck-
ten. Der Alternativplan spielte psychologisch eine entscheidende
Rolle; erst danach war eine Überwindung der Resignation und Ver-
drängung möglich. Auch bei Rockwell-Golde und VDM waren Alterna-
tivpläne ein Instrument zur Vereinheitlichung der Handlungsorien-
tierung verschiedener Beschäftigtengruppen und zur Festigung der
Überzeugung, daß ihre Forderungen berechtigt sind.
Entscheidend für den Beginn und vor allem für die Stabilisierung
der betrieblichen Kämpfe war ein positives öffentliches Klima ge-
genüber den Aktionen. Das ist wohl vor allem deshalb so wichtig,
weil Tor- und Betriebsbesetzungen juristisch "illegal" sind und
die Hemmschwelle hierzu folglich hoch ist. Der staatliche Gewalt-
apparat wurde nicht direkt eingesetzt. Das wohlwollende öffentli-
che Klima legalisierte die Besetzungsaktionen. In Fortschreibung
bisheriger Erfahrungen konnten die Torbesetzer bei Demag-Pokorny
davon ausgehen, daß staatliche Repression ausbleiben würde.
Wichtig für die Herstellung dieses Klimas war das Engagement ein-
flußreicher gesellschaftlicher Institutionen wie Kirchen, Gewerk-
schaften, etablierte Parteien (die ihrerseits natürlich wiederum
die Stimmung in ihrer Mitgliedschaft reflektierten); auch die CDU
hat in keinem Fall (wie übrigens auch bei Betriebsbesetzungen in
anderen Orten) die öffentliche Distanzierung von kämpfenden Be-
legschaften gewagt. Bei Adler hat der CDU-Oberbürgermeister Wall-
mann sogar öffentlich gegen den VW-Mutterkonzern Position bezo-
gen. 15) DGB, IG Metall und die Kirchen veranstalteten am 9. Sep-
tember 1981 die schon erwähnte Großkundgebung mit 6000 Teilneh-
mern; die Bediensteten des öffentlichen Nahverkehrs legten aus
Solidarität kurz die Arbeit nieder. Für VDM und Demag-Pokorny en-
gagierten sich Bürgerinitiativen. Die lokale Presse berichtete
über die Ereignisse im wesentlichen positiv (lediglich die FAZ
hielt auf Distanz).
Organisatorische, ideologische und moralische Hilfestellung haben
die Besetzer aus unterschiedlichen Bereichen erhalten. Hierzu
zählt z. B. der "Frankfurter Metallerstammtisch", ein loser Zu-
sammenschluß aktiver Betriebskader, die zur praktizierten Politik
der IG Metall am Ort in einem sehr kritischen Verhältnis stehen,.
Dieser Kreis, dem auch Mitglieder oppositioneller Betriebsratsli-
sten angehören, gibt die Zeitschrift "Frankfurter Metallbote"
heraus. Politisch-ideologisch ist der Kreis in der Nähe des So-
zialistischen Büros angesiedelt, mit starken Tendenzen zum
grünalternativen Spektrum. Hier gab es personelle Überlappungen
mit der Startbahn-West-Bewegung (die im Herbst 1981 ihren Höhe-
punkt erreichte). Das evangelische Amt für Industrie- und Sozial-
arbeit unterstützte vor allem beim Rockwell-Golde-Konflikt die
aktionsorientierten Kräfte. Die DKP wirkte, wo sie betrieblich
verankert war, über Betriebsgruppen als vorwärtstreibendes Ele-
ment, ihre Mitglieder verteilten Flugblätter und Betriebszeitun-
gen und organisierten materielle Unterstützung (Lebensmittel-
versorgung, Kulturarbeit usw.).
Im Lauf der vier Konflikte wurden auch zunehmend IGM-Funktionäre
bereit, initiierend und unterstützend mitzuwirken. Die Ereignisse
haben eine gewisse Umverteilung der Gewichte innerhalb der IGM-
Ortsverwaltung zugunsten autonom orientierter Funktionäre bewirkt
bzw. deren Spielraum zumindest zeitweise vergrößert. 16) Eine
wichtige Rolle spielte eine bei VDM gegründete Arbeitslo-
seninitiative, die enge Verbindungen zu den Kirchen, zur IGM-
Ortsverwaltung, aber auch zum "Frankfurter Metallerstammtisch"
unterhält. In diesem Umfeld bestehen auch Kontakte zu anderen Be-
setzerbelegschaften (z.B. Videocolor-Komitee).
All diese Faktoren zusammen - die subjektiv erkannte Betroffen-
heit tragender Teile der Belegschaften, das Aufbrechen der Sach-
zwang-Argumentation und das positive öffentliche Klima - schufen
in der konkreten Situation die Voraussetzungen dafür, daß be-
trieblicher Widerstand begonnen und durchgehalten werden konnte.
V. Triebkräfte des offenen Konflikts
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Erst wenn objektive Handlungsmöglichkeiten mit subjektiver Hand-
lungsfähigkeit zusammentreffen, kann sich eine kämpferische Aus-
einandersetzung entwickeln. Die Schwierigkeiten für eine Beleg-
schaft, den ersten entscheidenden Schritt zur Betriebsbesetzung
zu tun, sind sehr groß; es darf angenommen werden, daß viele Kon-
flikte, die möglich wären, nicht stattfinden, weil dieser erste
Schritt unterbleibt.
In zwei von drei Besetzungsaktionen in Frankfurt - VDM und Rock-
well-Golde - erfolgte der Eintritt in den offenen Konflikt eher
spontan, bei Demag-Pokorny war die Besetzung kurzfristig geplant
worden. In den ersten beiden Fällen hat das Verhalten der Unter-
nehmensleitung zum Umschlag in den offenen Konflikt beigetragen.
Auslösendes Moment bei Rockwell-Golde war die Weigerung des Per-
sonalchefs, die durch einen Stromausfall entfallene Arbeitszeit
zu bezahlen. Dem war eine Informationsveranstaltung des Betriebs-
rats vorausgegangen, auf der die geringe Kompromißbereitschaft
der Geschäftsleitung dargelegt wurde. Ohne die Ungeschicklichkeit
des Geschäftsführers in der konkreten Situation wäre die Beset-
zung zu dieser Zeit vermutlich nicht erfolgt. Trotzdem wäre es
falsch, den Gesichtspunkt des taktischen Fehlers als Ursache für
Betriebsbesetzungen zu verallgemeinern. Das zeigt der Fall VDM,
wo "theoretisch" der offene Konflikt durch größere Flexibilität
der Unternehmensleitung ebenfalls vermeidbar gewesen wäre:
Der unmittelbare Anlaß für die Aktion war hier die Erklärung ei-
nes Vorstandsmitglieds, daß nur etwa ein Viertel der Sozialplan-
forderungen zugestanden würde. Damit wurden Erwartungen vieler
Älterer auf großzügige Abfindungen enttäuscht. Die Konzernführung
hatte dies bewußt in Kauf genommen: Das taktische Vorgehen war
ausgereizt, der Vorstand wollte ein Exempel statuieren. Welche
konkreten Folgen dieser Schritt im einzelnen haben würde, konnte
er natürlich nicht wissen. Aber die Eskalation war nicht Unge-
schicklichkeit, sondern Absicht.
Bei allen drei Frankfurter Besetzungen ging die Initiative von
einem "harten Kern" aus, der sich in der Vorphase gebildet hatte
und der gewissermaßen stellvertretend für die Belegschaft die er-
sten konkreten Schritte tat. Es handelte sich um Belegschaftsmit-
glieder, die eine autonome Klassenpolitik anstreben und die teil-
weise in den Betriebsräten vertreten waren, teilweise nicht. 17)
Sie verfügten durchwegs über ein organisatorisches Hinterland au-
ßerhalb des Betriebs. Der "harte Kern" spielte im Verlauf der Ak-
tionen eine notwendige Avantgarderolle, die er jedoch nur wahr-
nehmen konnte, weil die Bereitschaft zum Kampf mehrheitlich vor-
handen war. Er war die verdichtete und personifizierte Handlungs-
bereitschaft der Belegschaft.
Bei VDM hatten die treibenden Kräfte (die größtenteils nicht im
Betriebsrat waren) bereits am 14. September mit einer eintägigen
Besetzung eine "Generalprobe" geliefert. Im Gegensatz hierzu sa-
hen sie sich bei Rockwell-Golde (im Betriebsrat) außerstande, of-
fen zur Besetzung aufzurufen. "Es mußte aus Erfahrungen buchsta-
biert werden, daß diese Wut einen Anlaß zur Umsetzung in Aktion
braucht, daß man sehr aufmerksam darauf zu achten hat, wann ein
solcher Anlaß da ist und daß ein harter Kern, eine , Führung'
dann sofort zur Stelle ist. Es mußte auch diskutiert werden, daß
ein solcher Anlaß, wenn ihn z.B. die Geschäftsleitung nicht von
sich aus schafft, etwa durch Provokationen, Frechheiten und unge-
rechtfertigte Handlungen, daß man solche Anlässe dann auch selbst
schaffen kann. Da hat man als Betriebsaktivist auch schon mal
über einen guten Einfall zu brüten." 18)
Im Demag-Pokorny-Konflikt wurde die Torbesetzung offen gestartet.
Der "harte Kern" setzte sich größtenteils aus Betriebsräten und
Vertrauensleuten zusammen. Sie schätzten ein, daß die Mehrheit
der Belegschaft eine eingeleitete Aktion mittragen würde. Die Be-
setzung begann planmäßig um 5.00 Uhr morgens. Unmittelbar danach
organisierten Helfer von außen, insbesondere der Bockenheimer De-
potverein, Tische, Stühle, Essen usw.
Für die Stabilisierung der Besetzung, vor allem unmittelbar nach
Eintritt in die Aktion, war in allen Fällen die Unterstützung von
außen entscheidend. Die Anfangsphasen sind bei Besetzungen labil,
weil die Mehrheit der Belegschaft eine abwartende Haltung
einnimmt. In der ersten Nacht (bei Rockwell-Golde war sogar ein
Wochenende zu überbrücken) ist materielle und moralische Hilfe
unerläßlich.
Die Abfolge mehrerer Besetzungen in Frankfurt zeigte, daß neben
organisatorischer und moralischer Unterstützung auch die Vermitt-
lung von Erfahrungen wichtig ist. Der Rockwell-Golde-Konflikt
wäre kaum ohne das Beispiel VDM zustande gekommen: "Die vorläu-
fige Zeitperspektive war 22.00 Uhr (Freitag - Beginn der Beset-
zung; d. Verf.), das Ende der Spätschicht. Am Montag sollte wei-
tergemacht werden. Über diesen kritischen Zeitpunkt retteten die
erfahrenen VDMer die Besetzung. Sie machten den Rockwellern klar,
daß sie das, was sie jetzt erreicht hatten, am Montag so schnell
nicht wieder hinkriegen würden. Es mußten Fakten geschaffen wer-
den. Die Streikaktion mußte nun auch äußerlich zur Besetzung wer-
den, dazu brauchte es Symbole, Handlungen. Also: Die dem Werk am
nächsten Wohnenden mußten heim, Gitarren, Musikinstrumente und
Geräte, Teekocher tauchten auf. Gegen 22.00 Uhr begann die türki-
sche Musik und der Tanz. Sie hörten bis mittwochfrüh nicht mehr
auf." 19)
In gewisser Weise ist es in Frankfurt 1981/82 zu einer ähnlichen
Entwicklung gekommen wie 1969 bei den Septemberstreiks: "Für die
Überwindung resignativer Haltungen ist das praktische Beispiel
erfolgreich kämpfender Belegschaften anderer Betriebe wichtig; es
kann als Stütze dienen, um vorübergehend die noch fehlende Erfah-
rung zu ersetzen. " 20)
Im Verlauf der Aktionen erwies sich Solidarität in Form von
Schreiben, Reden, Spenden, Besuchen vorm Tor usw. als ebenso
wichtig wie die Resonanz in den Medien und das "öffentliche
Klima" (Reaktion von Verwandten und Freunden, Haltung von Insti-
tutionen usw.). Das zeigten Gespräche mit Teilnehmern an allen
Besetzungen. 21)
Gerade in diesem Bereich zeigten sich allerdings in Frankfurt
Schwächen, die generell für die betrieblichen Abwehrkämpfe in der
Bundesrepublik heute gelten: Eine Verallgemeinerung über den ein-
zelnen Betrieb hinaus gab es nicht. Die Besetzerbelegschaften er-
hielten aus anderen Frankfurter Betrieben allenfalls einzelne So-
lidaritätsadressen von Vertrauenskörpern oder von einzelnen Ver-
trauensleuten und Betriebsräten. Auch im Fall VDM - der Besetzung
im größten Betrieb und mit der meisten öffentlichen Resonanz -
ist der Funke weder auf die Belegschaft der Metallgesellschaft-
Zentralverwaltung noch auf andere Betriebe des MG-Konzerns in
Frankfurt (z.B. Lurgi) übergesprungen. Dem liegen z.T. Mängel in
der Politik der IG Metall und von klassenorientierten Betriebs-
funktionären zugrunde (bei der Großkundgebung am 9. September
1981 auf dem Römerberg deuteten sich Möglichkeiten an). Dahinter
steckt jedoch das allgemeine Problem, daß Resignation und Anpas-
sung augenblicklich die in den Betrieben vorherrschende Tendenz
als Reaktion auf die Krise sind.
In ähnlicher Form stellte sich die Situation bei fast allen bis-
herigen Betriebsbesetzungen und auch anderen betrieblichen Ab-
wehrkämpfen in der Bundesrepublik dar. Dadurch werden die Er-
folgsmöglichkeiten eingeschränkt. Gegenwärtig kommen solche Bewe-
gungen meist erst dann zustande, wenn Massenentlassungen oder die
Schließung des Betriebs angekündigt worden sind. Zu diesem Zeit-
punkt sind bereits ökonomische Fakten geschaffen, die den Wider-
stand erschweren. Von den drei Frankfurter Besetzungsaktionen war
nur die bei Rockwell/Golde erfolgreich im Sinne der Sicherung der
Arbeitsplätze. Ein entscheidender Faktor dafür dürfte gewesen
sein, daß hier die Belegschaft im Lauf des Konflikts ein ökonomi-
sches Faustpfand gewann und einzusetzen verstand, mit dem sie die
Gegenseite unter Druck setzen konnte: Abnehmerfirmen der Automo-
bilindustrie drohten mit hohen Konventionalstrafen, falls die Zu-
lieferungen weiterhin ausblieben. Ist solch ein wirtschaftliches
Druckmittel nicht vorhanden, dann kann der Unternehmer bzw. der
Konzern nur politisch unter Druck gesetzt werden.
Der Ablauf der näher bekannten Betriebsbesetzungen in Frankfurt
und anderswo zeigt, daß Bewußtseinslagen zu Beginn des Konflikts
(die Empörung über die Ungerechtigkeit, Uneinsichtigkeit einer
Maßnahme) sehr rasch vertieft und politisch verallgemeinert wer-
den können: Fast regelmäßig wird z.B. versucht, regionale und
überregionale Politiker für die eigene Sache zu gewinnen und un-
ter Druck zu setzen. Auch Forderungen nach Staatsbürgschaften,
staatlichen Aufträgen usw. gehören dazu. Allerdings ist dies eine
zwiespältige Orientierung, denn sie erlaubt es den etablierten
politischen Kräften oft, sich durch verbale Kraftakte zu profi-
lieren und eventuelle Erfolge der Belegschaften als eigene Ver-
dienste auszugeben. So konnte die CDU in Frankfurt aus dem ge-
schickten Taktieren ihres OB Wallmann politisches Kapital schla-
gen. Nur wenn Forderungen an Politiker aus starken betrieblichen
Kämpfen heraus gestellt und nicht delegiert werden, können sie
weitertreibend wirken.
Häufig gerät die Strategie des Mutterkonzerns und zunehmend die
Politik der Großbanken ins Zentrum der Kritik. Damit wird die
Problematik von der betriebswirtschaftlichen Ebene ("unfähige Ma-
nager") gelöst, politisch verallgemeinert und auf die Hauptschul-
digen an der Massenarbeitslosigkeit gerichtet.
Teilweise bilden sich zur Unterstützung kämpfender Belegschaften
Bürgerinitiativen oder es organisieren bestehende Initiativen So-
lidarität. Damit wird der Konflikt über den Betrieb hinausgetra-
gen und zum Gegenstand örtlicher politischer Auseinandersetzung
gemacht. Charakteristisch ist auch das Engagement kirchlicher
Vertreter in vielen solcher Konflikte. Sie prägen oft erheblich
das positive öffentliche Klima gegenüber Betriebsbesetzungen.
Auch wenn deren Engagement meist ehrlich ist, so besteht hier
doch die Gefahr, daß die Kirchen sich als "Interessenorga-
nisation" der Lohnabhängigen profilieren und gewerkschaftliche
Bindungen lockern. Das gilt allerdings nur, wenn die Unter-
stützung der Gewerkschaft für die kämpfenden Kollegen unzu-
reichend ist. In Frankfurt konnten die Kirchen nur bei Adler und
VDM größeren Einfluß nehmen, weil die IGM-Ortsverwaltung hier
noch sehr zurückhaltend taktierte (teilweise sogar bewußt die In-
itiative delegierte). Bei Demag-Pokorny, wo dies anders war,
spielten die Kirchen keine nennenswerte Rolle.
In mehreren Fällen wurden Forderungen nach Verstaatlichung erho-
ben. Diese Position entwickelt sich direkt aus der Kritik an der
Konzernpolitik: Wenn die Muttergesellschaft nicht bereit ist, die
Arbeitsplätze zu retten, obwohl dies möglich wäre, dann muß ihr
das Verfügungsrecht entzogen bzw. sie selbst staatlich kontrol-
liert werden (so bei VDM, im AEG-Bereich u.a.).
Eine wachsende Rolle scheint die Entwicklung alternativer Kon-
zepte zu spielen. Das betrifft die Ausarbeitung von Alternativ-
plänen zur Rettung des Betriebs und geht bis hin zu Arbeitskrei-
sen für alternative Produktionsprogramme; teilweise überschneiden
sich beide. Mit solchen Vorschlägen sind die Argumente von Kon-
zernführungen für die Schließung von Betrieben zu widerlegen und
die Planungen als Ausfluß globaler Profitstrategien zu beweisen.
Dies ist wichtig, um in den Augen der Kollegen den eigenen Wider-
stand als gerechtfertigt zu belegen und in der öffentlichen Dis-
kussion den Konzern in die Defensive zu drängen. Vor allem für
Belegschaften ohne technisch-wissenschaftliche Abteilungen sind
solche Alternativkonzepte allerdings meist nur mit Hilfe von au-
ßen - durch Gewerkschaften, gewerkschaftlich orientierte Wissen-
schaftler usw. - zu erarbeiten. Hier ergeben sich Kontaktpunkte
zu anderen sozialen Bewegungen, weil solche "Experten von außen"
oft in anderen politischen Zusammenhängen aktiv sind.
In Frankfurt und auch bei anderen Betriebsbesetzungen zeigte
sich, daß die Dynamik des Konflikts Möglichkeiten zur raschen
Entwicklung von Klassenbewußtsein bietet. Teilweise ist eine Ra-
dikalisierung bei den Forderungen festzustellen. So war bei VDM
die Ausgangslosung das Verlangen nach einem besseren Sozialplan;
im Zuge der Besetzung setzte sich die Forderung nach Erhaltung
des Werks zunehmend durch, was ein Grund für das Nachgeben der
Geschäftsleitung war.
Neue Erfahrungen im Kampf können sozialpartnerschaftliche Denk-
strukturen aufbrechen und tradierte Verhaltensweisen umkehren.
Selbst bislang fest auf Sozialpartnerschaft orientierte Betriebs-
und Gewerkschaftsfunktionäre können sich an die Spitze von Bewe-
gungen stellen und diese weitertreiben. Das war ansatzweise bei
VDM der Fall, und das zeigte sich besonders bei den Auseinander-
setzungen um den Erhalt der Betriebe Olympia Leer und Enka Kas-
sel.
Mit der Zuspitzung des Konflikts erweisen sich für viele Betei-
ligte bisher verbreitete Orientierungen und "Weltbilder" als brü-
chig; es entsteht ein "ideologisches Vakuum" und es wächst in
dieser Phase auch die Offenheit gegenüber linken Positionen. Eine
solche Aufgeschlossenheit gegenüber fortschrittlichen Argumenten,
auch von Kommunisten, die Bereitschaft, über antikapitalistische
Alternativen und selbst über den realen Sozialismus zu diskutie-
ren, kennzeichnen diese Situation (ähnliches gilt regelmäßig auch
in zugespitzten Arbeitskampfphasen). Solche Möglichkeiten kommen
aber nur zum Tragen, wenn die entsprechenden Tendenzen ideolo-
gisch abgestützt werden, d.h. wenn entsprechende "Angebote" vor-
liegen. 22) Auch deshalb ist die solidarische Unterstützung kämp-
fender Belegschaften durch sozialistische Organisationen und
klassenbewußte Gewerkschaftskollegen wichtig. Bleibt die Beleg-
schaft auf sich allein gestellt, dann ist im Ergebnis solcher
Konflikte eher eine Verfestigung tradierter Einstellungen zu er-
warten (z. B. Interessenkampf gegen "konkurrierende" Belegschaf-
ten, gegen Ausländer usw.).
Von den 28 Betrieben, die seit 1975 aus Protest gegen Arbeits-
platzvernichtung besetzt worden sind, hat es nur in zwei Fällen
echte Erfolge gegeben: 1976 bei VFW-Fokker in Speyer und 1982 bei
Rockwell-Golde in Frankfurt. Einen Teilerfolg gab es bei Schön-
rock in Hamburg. In allen anderen Fällen konnte die Vernichtung
von Arbeitsplätzen nicht oder kaum verhindert werden; teilweise
wurden bessere Sozialpläne durchgesetzt.
Diese relative Erfolglosigkeit hängt mit dem defensiven Charakter
solcher Kämpfe (im Grunde handelt es sich um Notwehr-Reaktionen)
und mit der mangelnden Verallgemeinerung über den Betrieb hinaus
zusammen. Sie stellt ein psychologisches Hemmnis für den Beginn
von Aktionen dar. Trotzdem wäre es falsch, daraus auf die Sinnlo-
sigkeit betrieblicher Abwehrkämpfe zu schließen.
In allen Fällen von Betriebsbesetzungen war das Ergebnis ein
stark gestiegenes Selbstbewußtsein und Zusammengehörigkeitsgefühl
bei den Beteiligten. Bei Rockwell-Golde - wo der Betrieb erhalten
wurde - schlug sich das in einer Linksorientierung bei den nach-
folgenden Vertrauensleutewahlen nieder. Aber auch wenn der Be-
trieb geschlossen wird, muß die Folge nicht Resignation oder Un-
glaube in die eigene Kraft sein; das Bewußtsein, "es denen ge-
zeigt zu haben", kann auch bei künftigen Konfliktsituationen die
Einsicht in die Notwendigkeit und Möglichkeit solidarischen Han-
delns schaffen. Es ist eine wichtige Aufgabe der Gewerkschaften,
gewonnene Erfahrungen so zu interpretieren und zu verallgemei-
nern, um klarzumachen, daß "es allemal besser (ist), ohne Erfolg
zu kämpfen, als ohne Kampf beiseite geschoben zu werden". 23)
Betriebliche Abwehrkämpfe sind auch politisch wichtig: erstens,
um Erfahrungen mit solchen neuen Kampfformen zu gewinnen, und
zweitens, um ein allgemeines Klima des Protests gegen Arbeits-
platzvernichtung zu erzeugen, damit Arbeitsplatzverlust nicht
mehr als schicksalhafte Bedrohung, sondern als Ergebnis bewußten
Handelns von Konzernen und Regierung begriffen wird. Aus all die-
sen Gründen ist es unerläßlich, daß der betriebliche Kampf gegen
Arbeitsplatzvernichtung von den Gewerkschaften als ein zentrales
Feld ihrer Politik gewertet und entsprechend entwickelt wird.
VI. Betriebliche Kämpfe und gewerkschaftliche Politik
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Für die Stabilisierung und Weiterentwicklung betrieblicher Bewe-
gungen ist das Beispiel anderer Belegschaften - vermittelt durch
persönliches Auftreten, Filme usw. - wichtig. Bedürfnisse nach
Querverbindungen, Erfahrungsaustausch u. ä. werden von den Ge-
werkschaften bisher nicht befriedigt; auch nicht von der IG Me-
tall, in deren Organisationsbereich sich die Masse der Betriebs-
besetzungen und -blockaden abspielte.
Politisch-organisatorischer Bedarf, der von den Gewerkschaften
nicht gedeckt wird, sucht sich anderweitig Kompensation. Seit ei-
niger Zeit entstehen auch außerhalb institutionalisierter gewerk-
schaftlicher Organisationsgliederungen und -stränge Strukturen
mit übergreifenden Kontakten, die die vorhandene Lücke zu füllen
bemüht sind. Auf lokaler, regionaler und neuerdings auch bundes-
weiter Ebene finden Treffen statt, an denen Vertreter von Beset-
zerbelegschaften, Gewerkschafter aus anderen Bereichen, Wissen-
schaftler usw. teilnehmen und die der Verallgemeinerung und Um-
setzung von Erfahrungen dienen. Der "Frankfurter Metallerstamm-
tisch", der bei den dortigen Betriebsbesetzungen - u.a. Rockwell-
Golde - eine beachtliche Rolle spielte, ist ein Beispiel. Träger
solcher "Vernetzung" sind organisatorisch meist "linkssozia-
listische" Gruppierungen 24) wie das Sozialistische Büro, die
Gruppe Arbeiterpolitik, die Gruppe "Revier", der Kommunistische
Bund, teilweise auch trotzkistische Gruppen u.a. Die Resonanz
reicht jedoch weit über diese organisatorischen Kerne hinaus und
erfaßt Belegschaftsmitglieder aus Betrieben und Gewerkschaften,
die oft zu den aktivsten Kräften in Abwehrkämpfen gehörten.
Häufig sind Mitglieder linksoppositioneller Betriebsratslisten
Träger solcher überörtlichen Kontakte. 25)
Ob sich in diesem Bereich eine dauerhafte Struktur bilden wird,
ist noch nicht absehbar. Zweifellos besteht die Gefahr der poli-
tisch-organisatorischen Verselbständigung, und zwar dann, wenn
als vorrangiges Ziel nicht mehr die Einflußnahme auf die Politik
der Gewerkschaft durch Teilnahme an der inneren Willensbildung
gesehen wird, sondern die stellvertretende Übernahme gewerk-
schaftlicher Aufgaben und die Entwicklung der eigenen Politik an
der Gewerkschaft vorbei. Die Perspektive wird auch von der künf-
tigen Politik der Gewerkschaften selbst, vor allem der IG Metall,
abhängen. Dabei werden die politischen Gewichte innerhalb der or-
ganisierten Arbeiterbewegung, vor allem auch der Einfluß der DKP,
eine wichtige Rolle spielen. Von Bedeutung ist die Entwicklung
des Alternativspektrums bzw. der Partei der Grünen, auf die sich
- trotz z.T. großer Distanz zu deren konkreter Praxis - ein er-
heblicher Teil der hier Aktiven oder Interessierten orientiert.
Teilweise besteht auch Offenheit gegenüber der SPD.
Die Zunahme von betrieblichen Abwehrkämpfen und Betriebsbesetzun-
gen folgt nicht den vorherrschenden Tendenzen der Gewerkschafts-
politik seit Ende der siebziger Jahre, die im wesentlichen durch
Konfliktvermeidung und Nachgeben gegenüber unternehmerischem
Druck gekennzeichnet ist. Obwohl die Erfahrungen gewerkschaftli-
cher Kämpfe eine wesentliche Voraussetzung sind, handelt es sich
bei den Betriebskämpfen um eine Sonderentwicklung neben der ge-
werkschaftlichen Tarifbewegung. Aber solche Bewegungen müssen in
ihren Wirkungsmöglichkeiten geschwächt bleiben, solange sie nicht
fest mit der gewerkschaftlichen Organisation verbunden sind und
von dieser unterstützt werden. Umgekehrt zeigen die Erfahrungen
der letzten Jahre, daß ohne eine noch viel stärkere Mobilisierung
der Belegschaften im gesamten Organisationsbereich kein wichtiges
gewerkschaftspolitisches Ziel mehr erreichbar ist. Insbesondere
wird der Kampf gegen die Massenarbeitslosigkeit nicht ohne die
Unterstützung betrieblicher Abwehrkämpfe durch die Gewerkschaften
erfolgreich sein - bei aller juristischen Problematik, die sich
dabei für die Organisation stellt. So ist beispielsweise die
Frage der finanziellen Unterstützung von Betriebsbesetzern wäh-
rend der tariflichen Friedenspflicht ein Problem, um das sich die
Gewerkschaften nicht herumdrücken dürfen.
Einzelne Beispiele hierfür gibt es schon. So leistete die IG
Druck und Papier im Juni 1977 den streikenden Beschäftigten von
"Weser-Kurier" und "Bremer Nachrichten" Solidarität nach dem §
14/3f der Satzung (Unterstützung in besonderen Fällen). Die Be-
legschaft von Videocolor in Ulm erhielt im Januar 1982 Unterstüt-
zung aus einem von der Arbeiterwohlfahrt verwalteten Spenden-
fonds, in den u.a. die IGM-Ortsverwaltung und der Bezirk Stutt-
gart zahlten. In die Richtung solcher unabhängiger Fonds gehen
auch verschiedene Vorschläge für eine bundesweite Regelung. Trotz
der komplizierten Probleme gilt wohl der Grundsatz, daß eine ju-
ristisch mögliche Form gefunden werden kann, wenn dies politisch
gewollt wird.
Im Zuge der konkreten Auseinandersetzungen um Betriebsstillegun-
gen kann sich die Haltung örtlicher Gewerkschaftsfunktionäre wan-
deln. Die Angst vor "radikalen Elementen", wenig kontrollier- und
kalkulierbaren Bewegungen von unten, Befürchtungen über eine Ge-
fährdung des Apparats bei Unterstützung "illegaler" Aktionen usw.
führen nicht selten zunächst zur Distanz zwischen kämpfenden Be-
legschaften und örtlicher Gewerkschaftsgliederung, zu Behinde-
rungs- und Abwiegelungsversuchen. Bei solchen Konflikten ist die
Konfrontationsebene zunächst immer der Betrieb und gewerkschafts-
politisch die lokale Organisation. Häufig wird - etwa in der IG
Metall - die Ortsverwaltung von Funktionären aus den führenden
Betrieben faktisch beherrscht; Betrieben, in denen oft günstigere
Arbeitsbedingungen bestehen und deren Betriebsräte sozialpartner-
schaftliche "Erbhöfe" sind. Auch sind die verantwortlichen Sekre-
täre der Gewerkschaft oft in verschiedene gesellschaftliche und
politische Gremien delegiert, was bei sozialpartnerschaftlicher
Orientierung und fehlendem Druck aus betrieblichen Bewegungen die
Einbindung in die bestehenden Herrschaftsverhältnisse noch
stärkt. 26)
Daß solche Strukturen nicht zwangsläufig sind, zeigen einzelne
Beispiele einer umgekehrten Entwicklung: Veränderungen in der ge-
werkschaftspolitischen Orientierung, die sich aus konkreten Aus-
einandersetzungen mit dem Kapital ergeben (z. B. Opel Rüssels-
heim). Unter den konkreten Verhältnissen in der Bundesrepublik
bleiben solche Fälle bisher aber die Ausnahme. Das bedeutet ein
Hemmnis für betriebliche Bewegungen so lange, wie nicht einer der
Zentralbetriebe selbst bedroht ist oder betriebliche Bewegungen
selbst eine Veränderung der politischen Situation bewirken. Sol-
che strukturellen Schwächen der gewerkschaftlichen Organisation
können in zentralen Kampagnen durch Anstrengungen des Vorstands
teilweise ausgeglichen werden; bei lokalen Konflikten werden sie
sehr rasch deutlich.
Darüber hinaus ist aber auch die Politik des IG Metall-Vorstands
gegenüber betrieblichen Abwehrkämpfen noch sehr zögernd. Die ge-
werkschaftlichen Mandatsträger in den Mitbestimmungsgremien nutz-
ten in keinem Fall ihre Funktion, um öffentlich für die kämpfen-
den Kollegen zu mobilisieren. Eugen Loderer ist stellvertretender
Aufsichtsratsvorsitzender bei VW, dem Mutterkonzern von Triumph/
Adler, und Aufsichtsrat bei Mannesmann, dem Mutterkonzern von De-
mag-Pokorny. Seine Bemühungen beschränkten sich jedoch auf Ver-
handlungen hinter verschlossenen Türen, und auch das erst, als
der Konflikt jeweils schon ausgebrochen war.
Dabei wäre gerade die vorbereitende Unterstützung betrieblicher
Aktionen durch frühzeitige Information über Konzernpläne, Aus-
tausch von Erfahrungen usw. die Aufgabe der gewerkschaftlichen
Organisation. Wenn sich Belegschaften gegen beabsichtigte Schlie-
ßungen zur Wehr setzen, dann ist es eigentlich fast schon zu
spät. Nicht selten ist der Betrieb dann auch schon herunterge-
wirtschaftet. Notwendig wäre eine vorbereitende Mobilisierung in
Branchen oder Konzernen, die besonders gefährdet sind. Aber weder
auf dem Höhepunkt der Krise im AEG-Konzern noch in der Stahlindu-
strie oder bei den Werften - wo zehntausende Arbeitsplätze kon-
kret bedroht sind - war der Vorstand der IG Metall bisher bereit,
bundesweite Funktionärskonferenzen zur Beratung von Widerstands-
möglichkeiten einzuberufen - obwohl der Ruf hiernach sehr laut
ist. Lediglich eine Betriebsrätekonferenz für die Stahlindustrie
kam zustande und ist für August 1983 bei den Werften geplant.
Ebensowenig gibt es bisher zentrale Versuche, Erfahrungen aus Be-
triebsbesetzungen aufzuarbeiten und z. B. in der Bildungsarbeit
zu vermitteln. (Zum IGM-Gewerk-schaftstag im Oktober 1983 werden
hierzu allerdings einige Anträge vorliegen.)
Die Scheu vieler Funktionäre vor horizontalen Kommunikationsli-
nien - quer zu den innergewerkschaftlichen Willensbildungs- und
Kontrollsträngen - scheint indessen nur dazu zu führen, daß sich
auch hier neue Strukturen bilden. Ein Beispiel ist die norddeut-
sche Werftenkonferenz vom Mai 1983 in Hamburg, an der betriebli-
che und gewerkschaftliche Funktionäre aus allen bedrohten Werften
teilnahmen; eine Veranstaltung, die in die Zuständigkeit der IG
Metall gefallen wäre, die jedoch von den Betroffenen selbst in
Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der "Memorandum"-Gruppe or-
ganisiert werden mußte.
In der IG Druck und Papier hat es bereits 1976/77 - in Auswertung
des Arbeitskampfs 1976 - vor allem im hessischen Landesbezirk
Diskussionen gegeben, unter Bezug auf die hessische Verfassung
(die die Aussperrung verbietet) bei zukünftigen Aussperrungen die
Arbeitsplätze besetzt zu halten. Das mündete in eine vom Gewerk-
schaftstag 1977 verabschiedete Entschließung, in der zur Vertei-
digung gegen Aussperrungen das Mittel der Betriebsbesetzung anvi-
siert wurde. Die Besetzung der Frankfurter Rundschau 1978 steht
in diesem Zusammenhang. Diskussionen über eine Mobilisierung der
betrieblichen Basis zur Verteidigung von Arbeitsplätzen sind in
dieser Gewerkschaft in den letzten Monaten intensiviert worden.
In der IG Chemie-Papier-Keramik, in deren Organisationsbereich es
die beiden hartnäckigsten betrieblichen Widerstandsbewegungen
(Seibel Erwitte und Enka Kassel) gegeben hat, finden kämpfende
Belegschaften u.U. organisatorische und auch politische Unter-
stützung durch die örtliche Gewerkschaft, kaum jedoch durch den
Hauptvorstand, was bei dessen extrem sozialpartnerschaftlichem
Kurs auch nicht verwundert. 27) Versuche, betrieblichen Wider-
stand als Kampfform zu verallgemeinern, Erfahrungen aufzuarbeiten
und zu vermitteln, sind hier nicht bekannt.
Die Warnstreikbewegung 1981 in der Metallindustrie hat gezeigt,
wie schlagkräftig Belegschaften auch zentral mobilisiert werden
können. 1983 haben die Warnstreiks im öffentlichen Dienst bewie-
sen, daß trotz mehrjähriger negativer Erfahrungen und Frustratio-
nen mit dem Ausgang von Tarifrunden, trotz verleumderischer Pres-
sekampagnen die Kollegen bereit und fähig sind, zu kämpfen - ge-
rade auch auf betrieblicher Basis. Dies muß in Zukunft das Funda-
ment für gewerkschaftliche Durchsetzungsstrategien sein, wenn
wirklich etwas erreicht werden soll; in zentralen Verhandlungen
allein ist den Unternehmern kein ernsthaftes Zugeständnis mehr
abzuringen.
Im Betrieb wird der Mehrwert, die Existenzgrundlage des Kapitals,
geschaffen. Deshalb sind die Betriebe der Hauptkampfplatz zwi-
schen Kapital und Arbeit und die entscheidende Quelle gewerk-
schaftlicher Kraft. Der Kampf gegen die Massenarbeitslosigkeit
wird in absehbarer Zukunft die wichtigste Aufgabe der Gewerk-
schaftsbewegung sein. Dazu müssen betriebliche Bewegungen zur
Verteidigung der Arbeitsplätze vorbereitet, gefördert, unter-
stützt und weitergetragen werden. Die Besetzung von Betrieben ist
eine hochentwickelte Form solcher Aktionen. Ihre Legalisierung
durch praktischen Vollzug und Verteidigung gegen Angriffe muß -
ähnlich wie seinerzeit das Streikrecht - errungen werden.
_____
1) Vereinzelte Protest- und Widerstandsaktionen in dieser Form
gab es bereits in der ersten Hälfte der siebziger Jahre. Vgl.
hierzu H. Bär u.a., Betriebsbesetzung - eine Kampfform zur Siche-
rung von Arbeitsplätzen, IMSF-Informationsbericht 21, Frank-
furt/M. 1976.
2) Diese Unterlagen werden jährlich in der Reihe "Soziale Bewe-
gungen. Analyse und Dokumentation des IMSF" in Form von Aktions-
tabellen und analytischen Auswertungen veröffentlicht, zuletzt
für 1981 in Heft 12. Die nachfolgenden Zahlen wurden durch die
Aufbereitung und Umgruppierung der dortigen Angaben gewonnen. Für
1982 werden die Zahlen in Heft 13 der Reihe im Herbst 1983 veröf-
fentlicht.
3) Vgl. G. Hautsch, J. Huffschmid, W. Schwarz und P. Wiener, Ar-
beitskämpfe '77, Heft 5 der Reihe "Soziale Bewegungen"
(nachrichten-reihe 12), Frankfurt/M. 1978, S. 42 ff.
3a) Eine Ausnahme bildeten die spontanen Streiks für Lohnerhöhun-
gen im September 1969. In einer Studie des IMSF hierzu heißt es:
"Herausragendes Merkmal der Septemberstreiks war die Anwesenheit
der Streikenden in den Betrieben. Fast alle Streiks nahmen die
Form der faktischen Betriebsbesetzung an. Die Tendenz, nach Hause
zu gehen bzw. gar nicht erst im Betrieb zu erscheinen, war wenig
ausgeprägt. Die Streikenden trugen in der Regel Arbeitszeug und
stempelten wie gewöhnlich ihre Karten... Die Kampfform der fakti-
schen Betriebsbesetzung ergab sich vor allem daraus, daß es sich
nicht um von den Gewerkschaften offiziell organisierte, sondern
um direkt von den Belegschaften ausgehende Streiks handelte."
Vgl. Autorenkollektiv des IMSF, Die Septemberstreiks 1969. Dar-
stellung, Analyse, Dokumente, Frankfurt/M. 1969, S. 245.
4) Dieser Teil des Aufsatzes stützt sich auf die Diplomarbeit von
Bernd Semmler zum Thema "Empirische und analytische Untersuchun-
gen der Kämpfe gegen die Stillegung am Beispiel von vier Frank-
furter Metallbetrieben", Frankfurt/M., Juni 1983. Teile dieser
Arbeit sollen im Heft 13 der Reihe "Soziale Bewegungen. Analyse
und Dokumentation des IMSF" im Herbst 1983 veröffentlicht werden.
5) Interessant, wenn auch schon wieder einige Jahre zurücklie-
gend, sind in diesem Zusammenhang die Ergebnisse der Untersuchung
von Rainer Zoll (Hrsg.), Arbeiterbewußtsein in der Wirtschafts-
krise, 1. Bericht, Krisenbetroffenheit und Krisenwahrnehmung,
Köln 1981.
6) Vgl. Amtliche Nachrichten der Bundesanstalt für Arbeit, Nr.
10/1982, Nürnberg, S. 1389.
7) Diese Tendenz wurde in Veröffentlichungen der letzten Jahre
über die Folgen von Krise und moderner Technologie fast regelmä-
ßig verabsolutiert, als geradlinige Entwicklung interpretiert und
zu unhaltbaren gesellschaftspolitischen Schlußfolgerungen verlän-
gert ("Korporatismus"-, "Fordismus"-, "Modell Deutschland"- usw.
- Diskussion in Argument, Prokla, spw u.a.).
8) Eine anschauliche Fallsammlung veröffentlichte der IGM-Vor-
stand: Unternehmerverhalten in der Krise und gewerkschaftliche
Gegenwehr, Frankfurt/M. o.J. (1983); vgl. auch den Beitrag von
Peter Hinrichs in diesem Band.
9) Vgl. als Beispiele: Hauptvorstand der IG Druck und Papier
(Hrsg.), Analyse des Arbeitskampfs 1976 in der Druckindustrie,
Stuttgart o.J. (1977), S. 70 ff., 98 ff.; Leonhard Mahlein, Ra-
tionalisierung - sichere Arbeitsplätze - menschenwürdige Arbeits-
bedingungen. Zum Arbeitskampf in der Druckindustrie 1978, Stutt-
gart o.J. (1979), S. 24 ff.; Gert Hautsch und Bernd Semmler,
Stahlstreik und Tarifrunde 78/79, Soziale Bewegungen..., a.a.O.,
Heft 7, Frankfurt/M. 1979, S. 35 ff.; Josef Esser, Gewerkschaften
in der Krise, Frankfurt/M. 1982, S. 128 ff.
10) Gemeint ist die Entwicklung neuer Bedürfnisse und Anforderun-
gen an die Arbeits- und Lebensbedingungen, gestiegenes Bildungs-
und Qualifikationsniveau, engere Verbindungen zu den "sozialen
Nachbarn" der Arbeiterklasse (lohnabhängige Mittelschichten und
Intelligenz), ein Generationswechsel in den Gewerkschaften usw.
Vgl. hierzu ausführlich: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF,
Bd. 5, Frankfurt/M. 1982 (Beiträge von K. Maase, W. Roßmann, L.
Bading, H. Werner u.a.); vgl. auch Hartmut Dybowski u.a., Nicht
wehrlos - doch wohin? Gewerkschaften und neue soziale Bewegungen
unter der CDU-Herrschaft, Soziale Bewegungen..., a.a.O. Heft 12,
Frankfurt/M.. 1983, S. 54 ff.; vgl. auch den Beitrag von Klaus
Pickshaus in diesem Band.
11) Eine Auswertung erster Erfahrungen aus den Frankfuner Be-
triebsbewegungen wurde von verschiedener Seite vorgenommen. Vgl.
das Gespräch der Redaktion von "Marxistische Blätter" mit Arbei-
tern aus den betroffenen Betrieben, abgedr. in: Marxistische
Blätter, Heft 5/1982, Frankfurt/M., S. 95 ff.; vgl. auch Michael
Blank und Hermann Unterhinninghofen, Betriebsstillegungen und Ge-
genwehr, in: WSI-Mitteilungen, Heft 1/1983, Düsseldorf, S. 43;
vgl. auch Gruppe Arbeiterpolitik (Hrsg.), Metallerwiderstand ge-
gen Arbeitsplatzvernichtung in Frankfurt. Berichte und Analysen,
Bremen 1982.
12) Vgl. Gerhard Bosch, Arbeitsplatzverlust - Die sozialen Folgen
einer Betriebsstillegung, Frankfurt/M. und New York 1978, S. 188
ff.
13) Vgl. Ute H.-Osterkamp, Bürgerliches/sozialistisches Bewußt-
sein und individuelle Existenz, in: K.H. Braun u. a. (Hrsg.), Ka-
pitalistische Krise, Arbeiterbewußtsein, Persönlichkeitsentwick-
lung, Berichte vom 2. internationalen Kongreß Kritische Psycholo-
gie, Köln 1980, S. 96 ff.
14) Vgl. express. Zeitung für sozialistische Betriebs- und Ge-
werkschaftsarbeit, Nr. 4/1982, Offenbach.
15) Das Engagement Wallmanns ist buntschillernd und zwiespältig.
Sein Anliegen war es, die damalige SPD/FDP-Bundesregierung als
Mehrheitsaktionär bei VW und den IGM-Vorsitzenden Loderer als
stellv. Aufsichtsratsvorsitzenden mit der Hauptschuld zu bela-
sten. Gleichzeitig lenkte er von seiner eigenen Verwicklung in
die VDM-Schließungspläne (Grundstücksspekulation) ab. Er konnte
diese Rolle aber nur spielen, weil ihm die IG Metall die Bühne
überließ (beispielsweise trat er als Redner im Gewerkschaftshaus
auf).
16) Vgl. Georg Gutermuth und Uli Kühn, Und sie bewegt sich doch.
Wie der Kampf um Arbeitsplätze eine Verwaltungsstelle ändern
kann, in: O. Jacobi u.a. (Hrsg.), Nicht vor - nicht zurück? Kri-
tisches Gewerkschaftsjahrbuch 1982/83, Westberlin 1982, S. 116
ff.
17) Bei Triumph/Adler konnte sich solch ein Kern wegen der inner-
betrieblichen Spaltung in Ausländerliste und ändere nicht bilden;
die auf autonome Klassenpolitik orientierten Kräfte der IGM-BR-
Liste wurden durch diese Konfrontation gelähmt. Das dürfte ein
Grund dafür sein, daß es hier bei einem Versuch zur Betriebsbe-
setzung geblieben ist.
18) Georg Gutermuth, Vom Himmel fällt so ein Kampf sicher nicht!,
in: express, Nr. 5/1982, Offenbach, S. 3.
19) Ebenda, S. 4.
20) Johannes Henrich von Heiseler und Josef Schleifstein, Zur
Bildung und Entwicklung von Klassenbewußtsein in der BRD, in:
IMSF (Hrsg.), Klassenstruktur und Klassenbewußtsein in der BRD,
Tagungsprotokoll, Frankfurt/M. 1974, S. 47.
21) Vgl. Frankfurter Metallbote, Nr. 12/1981, Frankfurt/M., S. 5;
vgl. auch Frankfurter Rundschau vom 29. Oktober 1981.
22) Vgl. hierzu näher: Johannes Henrich von Heiseler, Die elemen-
tare Basis bürgerlichen und sozialistischen Bewußtseins in der
Arbeiterklasse - Bemerkungen zu theoretischen und methodologi-
schen Fragen, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 2,
Frankfurt/M. 1979, S. 370 ff.
23) Thesen zum betrieblichen Kampf gegen die Vernichtung von Ar-
beitsplätzen, in: Landesbezirk Hessen der IG Druck und Papier
(Hrsg.), Geschäftsbericht 1980-1982, Frankfurt/M. 1983, S. 83.
24) Die Schwammigkeit dieses Begriffs ist den Autoren bewußt: So-
zialistisch ist immer links, und zum genannten Spektrum gehören
recht unterschiedliche Gruppen. Trotzdem hat sich in den genann-
ten Kreisen in jüngster Zeit ein gewisser Grundkonsens gebildet,
der durch Hinwendung zu den neuen sozialen Bewegungen, oft auch
eine Orientierung auf die Grünen, sowie das Bemühen um eine kämp-
ferische Betriebs- und Gewerkschaftspolitik gekennzeichnet ist.
Ein treffenderer Sammelbegriff steht nicht zur Verfügung.
25) Vgl. hierzu ausführlicher den Aufsatz von Klaus Pickshaus in
diesem Band.
26) Die vor wenigen Jähren moderne "Korporatismus"-Diskussion
litt u.a. daran, daß sie die sehr wesentliche untere und mittlere
Ebene integrationistischer Einbindung von Funktionären der Arbei-
terbewegung übersah. Zur konkreten Situation in Frankfurt vgl.
Wolf G. Brügmann, Wenn man die Finger überall drin hat, kann man
keine Faust mehr machen. Die Ortsverwaltung Frankfurt der IG Me-
tall, in: O. Jacobi u.a. (Hrsg.), Nicht vor..., a.a.O., S. 99 ff.
27) Auf einem Höhepunkt des Kampfes bei Enka Kassel beispiels-
weise, als im Dezember 1982 eine Torblockade durch Polizeieinsatz
gesprengt wurde, war die einzige öffentliche Reaktion des Haupt-
vorstands eine Presseerklärung, in der der Enka-Vorstand zu einem
Vermittlungsgespräch aufgefordert wurde. Einen Protest gegen den
Polizeieinsatz oder eine Unterstützung der Belegschaft enthielt
die Erklärung nicht. Vgl. Pressedienst IG Chemie-Papier-Keramik
XVIII/82, Hannover, 20. Dezember 1982.
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