Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983


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ZU EINIGEN ASPEKTEN DER BEWUSSTSEINSENTWICKLUNG IN DER ARBEITERKLASSE

Johannes Henrich von Heiseler I. Einstellungen zur Technikentwicklung - II. Einstellungen zum Staat - III. "Zur betrieblichen Aktionsbereitschaft Auf den folgenden Seiten sollen einige Fragen behandelt werden, die vor allem Ansichten und Einstellungen in den Belegschaften von Großbetrieben betreffen (das ausgewertete Material läßt al- lerdings eine solche Konzentration nicht immer präzise zu). 1) I. Einstellungen zur Technikentwicklung --------------------------------------- Eine der aufschlußreichen Entdeckungen der vor über einem Jahr- zehnt erschienenen Mitbestimmungs-Studie des IMSF war, daß eine Kluft bestand zwischen den in der bürgerlichen Öffentlichkeit präsenten, gleichsam "offiziellen" Versionen von Sozialpartner- schaft und dem, was auch die verbal Konzeptionen der Sozialpart- nerschaft unterstützenden Belegschaftskader darunter verstanden. Einige Anzeichen lassen vermuten, daß eine ähnliche Kluft bei den Technikvorstellungen besteht. Einstellungen zur Technikentwicklung sind bei Arbeitern und Ange- stellten aus großen Betrieben in der Regel wesentlich bestimmt von den Erfahrungen der Widersprüche am Arbeitsplatz und ihrer gedanklichen Verarbeitung. 2) Das heißt, die Einstellungen zur Technik werden unserer Meinung nach nicht durch die allgemeinen gesellschaftlichen Strukturen und nicht durch die Erfahrungen au- ßerhalb des Betriebes und der Arbeit b e g r ü n d e t. Selbst- verständlich bilden die allgemeinen gesellschaftlichen Verhält- nisse und die außerbetrieblichen Erfahrungen Faktoren, die ver- mittelt in die Ausprägung der Einstellungen mit eingehen. Aber sie tun das nur, insofern sie durch die Interessen, wie sie im betrieblichen Rahmen erfahren werden, vermittelt werden können. Insoweit die eigenen Interessen in diesem Rahmen deutlich werden, bestimmt sich auch die Haltung zu scheinbar neutralen technischen Fragen von der Beziehung zu den eigenen Interessen her. Daraus erklären sich auch typische Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen von Lohnarbeitern. Tabelle 1: Einschätzung der Zukunft des eigenen Arbeitsplatzes durch ver- schiedene Gruppen Lohnabhängiger Frage: "Die technische Entwicklung greift in immer mehr Arbeits- bereiche ein. Wie schätzen Sie Ihre eigene Arbeitssituation ein?" Mein Arbeitsplatz ... ... wird ... ist An meinem ... wird sich entfallen gefährdet A. wird sich verbessern nichts ändern An- und Ungelernte 4 34 57 5 Facharbeiter 2 36 54 8 Angestellte Beamte 2 21 69 8 0 5 81 14 _____ Quelle: Gewerkschaftsbarometer '82, Tabelle 5.4 Sehen wir einmal von der Gruppe der Beamten ab, deren Arbeits- platz infolge besonderer rechtlicher Regelungen in der Tat in ge- ringerem Maße gefährdet ist, so zeigen sich deutliche Unter- schiede zwischen den Angestellten und anderen Lohnarbeitergrup- pen. Die mißtrauische Abwehrhaltung gegenüber einer vom Profitin- teresse diktierten Rationalisierungsstrategie ist durchschnitt- lich bei der Angestelltengruppe weniger deutlich ausgeprägt als bei den Arbeitergruppen. Obwohl gegenwärtig die technische Ent- wicklung objektiv gerade die Arbeitsplätze der Angestellten einem neuen Rationalisierungszugriff zugänglich macht, wirkt sich bei ihnen aus, daß auf der Grundlage ihrer konkreten Arbeitstätigkeit oft Anknüpfungspunkte für eine Identifizierung mit dem Verwer- tungsprozeß vorhanden sind. 3) Bei den Arbeitergruppen hat sich auf der Grundlage der Erfahrun- gen mit technischen Umstellungen und anderen Veränderungen am Ar- beitsplatz eine Haltung gefestigt, die als "arbeitspolitischer Konservativismus" bezeichnet worden ist. 4) Es handelt sich hier um eine skeptisch-mißtrauische Ablehnung von technisch-organisa- torischen Neuerungen und um das Festhalten an bestehenden Ar- beitsformen derart, daß die Verteidigung des Bestehenden als wichtigstes Ziel im Bewußtsein auftritt. Diese Skepsis beruht darauf, daß sich aufgrund des Auseinanderfallens der skalaren und der funktionalen Organisation 5) (dessen Ursache letztlich im Verlust der Kongruenz zwischen von der Struktur des Verwertungs- prozesses bestimmten und von der Struktur des Arbeitsprozesses ermöglichten Kooperationsformen liegt) stille Reserven der Regu- lierung und der Disposition bei den Arbeitern gebildet haben; diese sind jedoch, so lautet eine wiederkehrende Erfahrung, durch jede technische und jede organisatorische Umstrukturierung be- droht, mag diese auch als "Humanisierung der Arbeitswelt" daher- kommen. Die Vorstellung, die westdeutsche Arbeiterklasse habe eine naiv technikoptimistische Grundhaltung und die notwendige mißtrauische Vorsicht hinsichtlich des antihumanen Charakters der vom Kapital- interesse vorangetriebenen Struktur der Technikentwicklung müsse ihr erst in missionarischen Erweckungspredigten beigebracht wer- den, beruht nicht allein auf Unkenntnis, sondern eher noch auf der gedanklichen Übertragung der eigenen bisherigen Naivität auf die Lohnarbeiter im Betrieb. Sieht man sich die Technik-Einstel- lungen der Arbeiter an, so gibt es hier sehr wohl Grundlagen für Gemeinsamkeiten mit den neuen sozialen Bewegungen. Die Verständi- gungsschwierigkeiten treten eher an einem anderen Punkt auf. Die dominierende Haltung der mittleren und höheren Altersgruppe der Arbeiter ist (verständlicherweise) eher d e f e n s i v, ausge- richtet auf die Verteidigung der Spielräume und Positionen, die man sich im täglichen Kleinkrieg geschaffen hat. Es ist der gemeinsame Erfahrungshintergrund, der eine Ähnlichkeit in der Haltung der Arbeiterbelegschaften großer Betriebe gegen- über technischen Neuerungen schafft. Das daraus entstehende Be- wußtsein entbehrt in der Regel der verallgemeinernden Systemati- sierung, die voll erst mit dem Aufstieg zu entwickeltem Klassen- bewußtsein, das heißt auch: zu theoretischem Bewußtsein, zu lei- sten ist. Der unmittelbare Erfahrungsbezug macht die geschilderte Haltung relativ stabil; auf der anderen Seite erklärt sein Fehlen die Ablösung von solchen Haltungen bei einem Teil der Angehörigen betrieblicher und gewerkschaftlicher Vertretungsorgane. Je weiter man von der unmittelbaren Erfahrung des Interessenwiderspruchs entfernt ist, desto größer ist die Gefahr bei solchen Gruppen, die nicht mit der politischen Arbeiterbewegung verbunden sind, die Logik der kapitalistischen Rationalität als Logik "der Tech- nik" anzusehen. 6) Eine gewerkschaftspolitische Praxis, die an der Sozialpartnerschaft orientiert ist, verhindert dann Erkennt- nisprozesse, die auch bei Kollegen, die fachlich und ihrer allge- meinen Bildung nach weniger qualifiziert sind, in Gang kommen. II. Einstellungen zum Staat --------------------------- Was das Verhältnis zum Staat angeht, so ist es seit der Bildung der CDU/CSU/FDP-Regierung für sozialdemokratisch orientierte Kollegen einfacher, sich gegenüber dem konkreten staatlichen Han- deln eine kritische Distanz zu bewahren. Das bedeutet in der Re- gel allerdings nicht, daß die grundlegende Indentifikationsbasis aufgegeben wird. Eine mißtrauische Distanz gegenüber dem, was "von oben" kommt, ist als Stimmung schon traditionell innerhalb der Arbeiterschaft weit verbreitet; in diesem Punkt unterscheiden sich im Durchschnitt die Angestelltengruppen immer noch von den Arbeitergruppen. Dabei ist zu vermuten, daß gerade die Arbeiter- klassegruppen der Angestellten der Haltung der Arbeiter recht nahe kommen. 7) Weitverbreitet ist das Mißtrauen gegenüber der Erfassung von Da- ten der Bevölkerung durch die staatliche Bürokratie. Traditio- nelle Distanz gegenüber den "Bürokraten, die ihre Arbeitsplätze ausdehnen wollen", mischt sich hier mit neueren Erfahrungen mit betrieblichen Personal-Informationssystemen, die zum Zwecke der Rationalisierung und mit dem Ziel, Arbeitsplätze einzusparen, aufgebaut und eingesetzt werden. Die allgemeine Diskussion um die Volkszählung 1983 hat, nach den Gesprächen zu schließen, einen entsprechenden Widerhall in den Betrieben gefunden. Im Unmut ge- genüber der geplanten Volkszählung stecken viele Erfahrungen mit der staatlichen und auch der betrieblichen Bürokratie. Die Angst vor der totalen Überwachung, die Furcht vor dem "Computerstaat", der spontane antibürokratische Affekt scheinen dabei gegenwärtig nicht von konservativer Seite benutzbar zu sein, obwohl dies ja von der CDU/CSU immer wieder demagogisch versucht wird. Dies bestätigt, daß die Arbeitergruppen offenbar mehrheitlich meinen, daß die "Sachargumente", die in den Kampagnen zur reak- tionären "Entstaatlichung" vorgetragen wurden, nicht gültig sind. 8) Schon bei den Arbeiterklassengruppen der Angestellten ist al- lerdings das auch hier eher gewachsene antibürokratische Engage- ment in Gefahr, von demokratischen Forderungen losgelöst zu wer- den. Forderungen, die auf Verstaatlichung von wichtigen Produktionsbe- reichen hinauslaufen, können auch heute eine positive Aufnahme bei betrieblichen Kadern finden. Dabei geht es außerhalb der kämpfenden Sektoren selten um Forderungen, die mit einer Bewegung unmittelbar verbunden sind (Verstaatlichung der Stahlindustrie z.B.), meist um Fernorientierungen, die dazu dienen können, ge- genwärtige Widersprüche deutlicher sichtbar zu machen. In der Re- gel finden sich jedoch in solchen Fällen unter den betrieblichen Kadern Gruppen, bei denen auch politische Traditionen der Arbei- terbewegung fortwirken. III. Zur betrieblichen Aktionsbereitschaft ------------------------------------------ Die Beurteilung der betrieblichen Aktionsbereitschaft ist beson- ders schwierig, wenn die Organisationen der gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung diese Bereitschaft nicht immer wieder in der Praxis fordern und damit wirklich prüfen. Das methodische Problem ist allein mit einer Verfeinerung der empirischen Sozialforschung im Sinne einer bloßen Verfeinerung der Methoden der repräsenta- tiven Befragung nicht zu lösen. Das methodische Problem liegt darin, daß mit dem Handeln selbst, auch dem sogenannten spontanen Handeln (was ja in diesem Zusammenhang ein Ausdruck für noch nicht in hohem Maße organisiertes Handeln ist), eine neue Quali- tät auch im Bewußtsein der Handelnden auftritt. Wenn wir vorsichtig versuchen, die Aktionsbereitschaft in den Großbetrieben zu beurteilen, so müssen wir ausgehen von den ob- jektiven Daten, die durch die schon seit Jahren bestehende Ar- beitslosigkeit, den Reallohnabbau und schließlich den unter der sozialliberalen Koalition vorangetriebenen und nun unter der CDU/CSU/FDP-Regierung verschärften Sozialabbau gegeben sind. Da- durch ist indessen die innerhalb der Arbeiterklasse vorherr- schende Spielart bürgerlichen Bewußtseins, die sozialpartner- schaftliche Ideologie, nicht beiseite geschoben worden. Es hat sich vielmehr gezeigt, daß die neuen Erfahrungen zwar gewisserma- ßen "Risse" in der bisherigen Form der Ideologie von der sozialen Partnerschaft verursachen können, daß aber Erfahrungen, die die eigene Rolle als potentielles Subjekt noch nicht sichtbar machen, auch noch nicht zu einer massenhaften Ablösung sozialpartner- schaftlichen Denkens führen. Der Mechanismus der Krise setzt sowohl verstärkte Orientierungen auf solidarisches Verhalten und Handeln als auch verstärkte Ori- entierung auf die Konkurrenz gegenüber anderen Lohnarbeitern und Lohnarbeitergruppen frei. Eine Erwartung, Massenarbeitslosigkeit, Reallohnabbau und Sozialabbau würden gleichsam automatisch desil- lusionierend die sozialpartnerschaftliche Befangenheit zerbrechen und Grundformen gewerkschaftlichen Klassenbewußtseins schaffen, übersieht die Komplexität der wirklichen Vorgänge. Umgekehrt muß man feststellen, daß die Erwartung, die Krise und ihre Folgen würden alle auf autonomes Handeln im Klassenzusammenhang gerich- teten Tendenzen lahmen, den wirklichen Mechanismus ebenso einsei- tig und unzulässig vereinfacht. Beide Vereinfachungen führen in der betrieblichen Praxis zu einem rein abwartenden Verhalten, weil die Rolle des handelnden (einzelnen oder kollektiven) Sub- jekts ebenso wie die neue Qualität, die auch im Bewußtsein der Handelnden auftritt, nicht beachtet werden. Es ist wichtig, daran zu erinnern, daß die sozialpartnerschaftli- che Ideologie, so wie sie sich in den Köpfen der Arbeiter und An- gestellten darstellt, auch früher schon keineswegs mit dem gleichzusetzen war, was als sozialpartnerschaftliche Propaganda von den herrschenden Meinungsbildnern auf die westdeutsche Bevöl- kerung einströmte. Allgemein blieb vielmehr in der Arbeiterklasse stets ein Ansatz für die Entwicklung einer an den eigenen Inter- essen orientierten Haltung, oft und typischerweise in einer wi- dersprüchlichen Gemengelage mit der bürgerlichen Ideologie - vor allem in ihrer dominierenden Form, eben der Sozialpartnerschaft- sideologie. Der Übergang zu Einsichten, die keimhaft Klassenbe- wußtsein enthalten, erfolgte und erfolgt vor allem im Zusammen- hang einmal mit Kampf- und Konflikterfahrungen, andererseits mit Bildungselementen. Wenn sich heute im Bewußtsein Veränderungen zeigen, so sind diese noch keineswegs so einheitlich, daß man bereits von einem Zerfall der Sozialpartnerschaftsideologie sprechen kann. Neue Konflikt- felder werden sichtbar, Lernprozesse, die nicht sofort wieder eingefangen werden können, sind möglich. Aber wir dürfen nicht übersehen, daß auch die Umformung der Sozialpartnerschaftsideolo- gie auf ein neues, niedrigeres Anspruchsniveau erfolgt und große Teile der Arbeiterklasse beeinflußt. So muß man wohl eher von Po- larisierungsprozessen sprechen, wobei die Tendenz zur Anpassung an ein niedrigeres Anspruchsniveau vorläufig noch umfangreichere Teile der Klasse zu erreichen scheint als die Gegentendenzen. 9) Zudem deutet alles darauf hin, daß unter jenen, vor allem aus jüngeren Altersgruppen bestehenden Teilen der Arbeiterklasse, in denen sich eine stärkere Widerstandsbereitschaft ausbildet, zugleich ein Gefühl der Fremdheit gegenüber der gewerkschaftli- chen Organisation sich auszubreiten scheint. Der Lebensprozeß der Arbeiterklasse ist die wichtigste Grundlage aller Lernprozesse. Aber das heißt nicht, daß die Ereignisse, so wie sie gerade kommen, ausreichen, die Erkenntnisse zu erwerben, die zu lernen geschichtlich unumgänglich ist. In der Verallgemei- nerung der neuen Erfahrungen wächst daher den organisierten mar- xistischen Kräften eine große Aufgabe zu. Einen gewissen Hinweis auf das Klima, in dem sich Aktionsbereit- schaft entfalten kann, gibt die Einstellung der Gesamtbevölkerung zum Streik. Hier zeigt sich, daß im Winter 1982 64 Prozent den Streik als ein legitimes Mittel der Auseinandersetzung ansahen, womit seit 1963 das zweithöchste Ergebnis erreicht wurde. Tabelle 2: Einstellung zum Streik in der gesamten Bevölkerung (in Prozent) Das Mittel des Streiks halten für ... richtig nicht richtig keine Angaben Winter 1963/64 53 30 17 Winter 1964/65 48 33 19 Herbst 1967 42 40 18 Herbst 1968 49 32 19 Herbst 1969 50 30 20 Winter 1971/72 56 32 12 Herbst 1973 57 26 17 Winter 1974/75 51 35 14 Januar/Februar 1978 51 31 18 Sommer 1979 68 28 3 Winter 1982 64 34 2 _____ Quelle: Gewerkschaftsbarometer '82, S. 52 Betrachten wir aufgrund der Daten des Gewerkschaftsbarometers die Aktionsbereitschaft der gewerkschaftlich Organisierten, 10) so zeigt sich auch hier kein Rückgang in den letzten Jahren. Tabelle 3: Einstellung zum Streik bei organisierten Lohnabhängigen (in Pro- zent) Das Mittel des Streiks halten für ... richtig nicht richtig keine Angaben 1971/72 80 15 5 1974/75 80 16 4 1976 76 16 8 1978 73 19 8 1979 84 13 2 1982 85 15 1 _____ Quelle: Gewerkschaftsbarometer 1978, S. 10; Gewerkschaftsbarome- ter '79, Tabelle 3.6; Gewerkschaftsbarometer 1982, Tabelle 3.5. Vielmehr zeigt sich, daß es nach 1971 erst eine abfallende Ten- denz gab, die bis 1978 anhielt, daß dann aber ein Anstieg bis zu einem Niveau erfolgte, das höher als 1971/72 lag. Vergleicht man dies mit der Entwicklung in der Gesamtbevölkerung (Tab. 2), so ergibt sich ein ähnliches Bild: In der ersten Phase ein Rückgang um sieben bzw. fünf Prozent, in der zweiten Phase ein erneuter Anstieg um fünf bzw. sieben Prozent. (Man muß allerdings berück- sichtigen, daß der DGB zwischen 1978 und 1979 das Untersuchungs- institut wechselte; das Absinken der Werte für jene, die "keine Angabe" machen, und der Anstieg der Befürworter von Streiks fal- len mit dieser Umstellung zusammen.) Für den Übergang zu betrieblichen Aktionen ist eine Vorausset- zung, daß der aktive Kern im größten Teil der Belegschaft die Überzeugung verankern kann, daß die Aktion "berechtigt" ist. Wenn auch die Ausdrucksform dieser Bewertung Zuflucht nimmt zu Katego- rien, die der bürgerlichen Weltanschauung entstammen, so sollte der Sozialforscher ebensowenig wie der praktisch Engagierte hier lächelnd nur Restbestände bürgerlichen Denkens sehen, denen man sich eventuell im einzelnen anpassen muß. Vielmehr deutet sich hier eine Umformung der mit dem Anspruch der Allgemeinheit auf- tretenden bürgerlichen Moral an. Die Formierung von Ansätzen autonomer, an den Klasseninteressen entwickelter ethischer Vorstellungen ist ein Aspekt der Heraus- bildung von Keimformen des Klassenbewußtseins. Selbstverständlich entsteht nicht spontan eine sozialistische Ethik; zu ihrer vollen Herausbildung bedarf es ebenso wie bei anderen Seiten der Ent- wicklung von Klassenbewußtsein der Verbindung von praktischer Ar- beiterbewegung und sozialistischer Theorie als Wissenschaft. Aber die Herausbildung der Keimformen von Klassenbewußtsein ist der grundlegende Prozeß, der eine objektive Voraussetzung jeder Höhe- rentwicklung darstellt. Auch der Herausbildung ethischer Vorstel- lungen kommt dabei Bedeutung zu. Es ist keineswegs verwunderlich, wenn unter den Bedingungen der Herrschaft der bürgerlichen Ideologie die Herausbildung von Keim- formen eigener ethischer Vorstellungen sich abstützt auf den Wi- derhall, den der eigene Kampf in der bürgerlichen Presse findet. Die Bedeutung, die öffentlichen Solidaritätsbekundungen von Prie- stern und Pastoren (sogar bei den türkischen Muslims, die im Kampf stehen) zukommt, findet hier ihre Erklärung - sind doch die Kirchen traditionell in der Rolle des Hüters und Interpreten der Werte des geltenden moralischen Systems. Die Zunahme der Zustimmung zu Streiks in der Gesamtbevölkerung (vgl. Tabelle 2) zeigt, daß sich im großen Trend die Möglichkei- ten, den Kampf für die eigenen Interessen auch dem weiteren Um- feld als legitim zu vermitteln, verbessert haben. Wenn man sich die Entwicklung bei den betrieblichen Bewegungen einerseits, das Anwachsen von außerbetrieblichen Aktionen (z.B. im Zusammenhang mit der Friedensbewegung) andererseits ansieht, stellt sich die Frage, ob die Veränderung der objektiven Bedin- gungen durch die Krise und ihre Folgen etwa die Entwicklung be- trieblicher Aktivitätsbereitschaft gegenüber der Entwicklung au- ßerbetrieblicher Aktivitätsbereitschaft hat zurücktreten lassen. Demgegenüber ist jedoch eher davon auszugehen, daß es die organi- satorisch-politischen Rahmenbedingungen sind, die zu einer sol- chen Verlagerung führen können. Wo die gewerkschaftliche Organi- sation am Ort und im Betrieb die Arbeit der an autonomem Klassen- handeln orientierten Aktivisten unterstützt und begünstigt, ist nach wie vor die Entwicklung betrieblicher Aktivität einfacher als die Entwicklung außerbetrieblicher Aktionen. Dort aber, wo die gewerkschaftliche Leitung am Ort und wo die betrieblichen Vertretungsgremien von einer auf soziale Partnerschaft von Lohn- arbeit und Kapital ausgerichteten Politik dominiert werden, er- scheinen die Handlungsmöglichkeiten in Zusammenhängen außerhalb des Betriebes viel größer. 11) Eine rigide an Konzeptionen der Sozialpartnerschaft ausgerichtete Politik von gewerkschaftlichen Führungsgremien bzw. betrieblichen Vertretungen kann die Grundlage für eine allgemeine und verallge- meinerte Ablehnung von festeren Organisationsformen bilden. Die tatsächliche Ursache einer wachsenden Distanz zwischen gewerk- schaftlichen Führungsgremien bzw. betrieblichen Vertretungsorga- nen und besonders aktiven Kadern gewerkschaftlicher Tätigkeit liegt jedoch nicht in unterschiedlichen Organisationsvorstellun- gen, sondern in den unterschiedlichen i n h a l t l i c h e n Konzeptionen über die Richtung der Gewerkschaftsarbeit. Auf dem Hintergrund dieser Überlegungen sind die Tendenzen zum Sinken der Mitgliederzahl des DGB (1982 ein Verlust von mehr als 100 000) 12) zu erörtern. Darin schlägt sich nicht allein die hohe Arbeitslosigkeit nieder; Befragungsergebnisse sprechen für die Annahme, daß auch der Organisationsgrad unter den tatsächlich abhängig Beschäftigten sinkt. 13) Zumindest einer der verursa- chenden Faktoren scheint inhaltlich begründete Distanz zur Orga- nisation zu sein: Vor allem jüngere Lohnarbeiter verbinden über- durchschnittlich häufige Bekundungen der Sympathie für Streiks mit unterdurchschnittlich häufigen Aussagen zur Notwendigkeit von Gewerkschaften. Ein Vergleich zweier verschiedener Fragen des Gewerkschaftsbaro- meters zeigt, daß bei den Jüngeren, 19- bis 30jährigen, zwar eine deutlich höhere Zustimmung zum Streik festzustellen ist, also wohl eine größere Mobilisierbarkeit besteht, zugleich aber die Distanz zur Gewerkschaft deutlich größer geworden ist. 14) Tabelle 4: Erkenntnis der Notwendigkeit der Gewerkschaften und Einstellung zum Streik bei lohnabhängig Beschäftigten nach Altersgruppen - Vergleich der 19- bis 30jährigen und der 31- bis 50jährigen (in Prozent) 19-30 31-50 Gewerkschaften halten für notwendig 64 75 Das Mittel des Streiks halten für richtig 78 70 _____ Quelle: Gewerkschaftsbarometer 1982, Tabellen 2.1 und 3.5 Zugleich hat die Aktivität zumindest einer so wichtigen Gewerk- schaft wie der IG Metall gerade auf dem Gebiet der Arbeit in der Jugend (bei den noch unter 18 Jahre alten Beschäftigten) in den letzten zehn Jahren nachgelassen. Von 1972 bis 1982 sank die Zahl der Jugendvertretungen in diesem Bereich von 3945 auf 2724, die der Jugendvertreter von 9611 auf 5674. 15) Ein Niederschlag der Entwicklungen vor allem unter den jüngeren Lohnarbeitern ist sicher auch die Zunahme linksoppositioneller Listen bei den BR-Wahlen; sie zeigt auch Veränderungen im Umfeld der marxistischen Kräfte in den Betrieben an. Noch vor einigen Jahren konnte man sagen, daß sich für die marxistischen Kräfte im Betrieb der Hauptzugangsweg als Weg von einer an die SPD gebun- denen Position zu einer auf die DKP bezogenen Position dar- stellte. Auch war es der - bei aller Kritik an der SPD in vielen Fragen - sich in seinem Denken und politischen Handeln auf die SPD beziehende qualifizierte Arbeiter und untere Angestellte im Großbetrieb, der den wichtigsten politischen Adressaten, An- sprechpartner und Kampfgefährten der DKP im Betrieb ausmachte. Inzwischen ist bei den Jüngeren eine gewisse Änderung eingetre- ten. Die Aufgabe, Gemeinschaft in der Aktion herzustellen, be- steht nun a u c h gegenüber jenen gewiß heterogenen Kräften, die als aktive Gewerkschafter sich politisch linkssozialistisch und/oder als Anhänger der Grünen verstehen. Gewiß kann man sagen, daß das Bemühen um die Gemeinsamkeit in der Aktion viel weiter reicht und fraglos z.B. auch christdemokratisch wählende Arbeiter einbeziehen muß. Hier geht es aber um die Frage des konkreten Um- felds und der Dichte der realen Übergänge. Auch in dieser Hin- sicht besteht für die marxistischen Kräfte heute eine zwar nicht radikal veränderte, aber doch andere Lage als zuvor. _____ 1) Überlegungen dieser Art sind von uns schon öfter angestellt worden. Ich nenne hier aus der Reihe "Beiträge des IMSF" den Bei- trag 2: Mitbestimmung als Kampfaufgabe, Köln 1971, sowie die seit 1976 vom IMSF herausgegebene Reihe "Soziale Bewegungen". Die folgenden Überlegungen beruhen auf Materialien des Archivs "Soziale Bewegungen" des IMSF, auf Gesprächen mit Klaus Picks- haus, Gert Hautsch und Bernd Semmler, auf noch unveröffentlichten Analysen des letzteren zum Kampf gegen Stillegungen bei Frankfur- ter Metallbetrieben und auf Expertengesprächen mit einigen Mit- gliedern von Betriebsräten und mit Vertrauensleuten mehrerer Großunternehmen. Es wurde Wert darauf gelegt, daß ihrer politi- schen Orientierung nach unterschiedliche (sozialdemokratische, grüne, kommunistische, parteilose) Gewerkschafter einbezogen wur- den. Zu den Betrieben gehörte auch ein Großunternehmen des Dienstleistungssektors. 2) So wurde in den Gesprächen ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Presseberichterstattung über den "sauren Regen" unter an- derem auch deshalb aufmerksam von Kollegen verfolgt werde, weil solche Probleme gedanklich in Verbindung gebracht würden mit Fra- gen ihrer Arbeitssicherheit. In dem betreffenden Konzern hatte es mehrere schwere, darunter auch tödliche, Unfälle am Arbeitsplatz gegeben. Die Diskussionen darüber hätten den Boden dafür berei- tet, daß nun Berichte über Umweltprobleme stärker gelesen und erörtert würden. Aber zugleich wird betont: "Die Leute in einem chemischen Betrieb haben kein negatives Verhältnis zu Technik und Wissenschaft an sich." 3) Vgl. Helmut Steiner, Soziale Strukturveränderungen im modernen Kapitalismus, Berlin 1967, S. 157 ff. Plastische Beschreibungen vieler konkreter Differenzen zwischen Angestelltengruppen und Ar- beitergruppen finden sich bei: Werner Kudera, Konrad Ruff, Rudi Schmidt, Blue collar, white collar: grey collar? Soziale Welt Heft 21983, S. 201 ff. 4) Michael Schumann, Edgar Einemann, Christa Siebell-Rebell, Klaus Peter Wittemann, Rationalisierung, Krise, Arbeiter, Frank- furt/M. 1982. Dazu die ausführliche Rezension: Mario Helfen, Ra- tionalisierungsfolgen, Kritik der Arbeitssituation und "arbeitspolitischer Konservativismus" der Arbeiter, in: WSI-Mit- teilungen 3/1982, S. 187 ff. 5) Zu diesem Prozeß im Betrieb früh schon Hans Paul Bahrdt, Indu- striebürokratie, Stuttgart 1958. 6) "Da kommt es zu solch einem Paradox, daß manche unbedarfte Kollegen in dieser Frage eine fortschrittlichere Position haben als ein Betriebsratsmitglied" - diese Aussage bezieht sich selbstverständlich auf solche Betriebsratsmitglieder, die auf- grund ihrer praktischen und politischen Abgehobenheit von der Lage ihrer Kollegen inzwischen einen Teil der Welt mit den glei- chen Gläsern sehen, durch die die Vertreter der Geschäftsleitung sie betrachten. 7) Vgl. das Material bei Heinz Jung, Josef Schleifstein (Red.), Der Staat im staatsmonopolistischen Kapitalismus der Bundesrepu- blik. Staatsdiskussion und Staatstheorie, IMSF-Beiträge 6/1, Frankfurt/ M. 1981, S. 462-480. 8) Vgl. ebenda, S. 473; vgl. auch die Zahlen bei E. Noelle-Neu- mann (Hrsg.), Allensbacher Jahrbuch für Demoskopie, Band VII, Wien/Zürich/München/Innsbruck 1977, S. 175. 9) Insofern unterscheidet sich meine Ansicht von der von Harald Werner (in Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 5, 1982, hier insbesondere S. 84 ff.) vorgetragenen Position. Harald Werner spricht - vereinfacht - bereits von einem "Zerfall" der Sozial- partnerschaftsideologie, der sich durch einen "Rückzug der Arbei- ter aus vorgegebenen politischen Handlungsbereichen" ankündigt, dem aber noch keine "Aneignung neuer politischer Orientierungen" folgt, der vielmehr, insofern er mit dem Rückzug aus - sei es auch reduziertem - Handeln verbunden ist, große Teile der Klasse zumindest für eine Übergangszeit zurückwirft "in hilflose Privat- heit". Ich halte die Rede vom "Zerfall" der Sozialpartnerschaft- sideologie für illusionär. Ich vertrete die Ansicht, daß man, wenn man von Sozialpartnerschaftsideologie und Sozialpartner- schaftspolitik spricht, sich nicht nur das Bild vor Augen halten darf, das diese Ideologie und Politik in den vergangenen letzten Jahren m der BRD gezeigt haben. Die konkrethistorische Form der Sozialpartnerschafts-Ideologie und der Sozialpartnerschafts-Poli- tik scheint sich gegenwärtig zu verändern. Insofern der Kern von beidem weiterhin die bundesdeutsche Ideologie und die bundesdeut- sche Politik dominiert, bleiben auch die strategischen Hauptauf- gaben ähnlich. 10) Sicher ist es nicht zufällig, wenn insbesondere Jugendliche und Frauen (vor allem benachteiligte Gruppen) als Gruppen genannt werden, in denen heute im Verhältnis zu früheren Zeiten günsti- gere Möglichkeiten zur Mobilisierung und Aktivierung bestehen. Hier fallen zwei Tendenzen zusammen. Einmal ist in diesen Gruppen der Druck der Krise stärker zu spüren. Zum anderen aber hatten gerade hier schon vorher positive Veränderungen eingesetzt, die den Abstand, der hinsichtlich des Bewußtseins und hinsichtlich der Organisations- und Mobilisierungsmöglichkeiten zwischen die- sen Gruppen und den traditionellen gewerkschaftlichen Kerngruppen bestand, verringerten. Es ist ein häufig zu beobachtender Prozeß, daß bei der Minderheit dieser Gruppen, die sich klassisch gewerkschaftliche Orientierun- gen in einem raschen Ablauf neu angeeignet hat, diese oft markan- ter, deutlicher und in schärferer Gegenüberstellung zu den ge- sellschaftlich herrschenden Vorgaben formuliert werden als in traditionellen gewerkschaftlichen Kerngruppen. (Vgl. hierzu: Wi- tich Roßmann, Arbeiterklasse, soziale Bedürfnisse und gewerk- schaftliche Politik, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 5, 1982, S. 42 ff.) 11) "Da wird zehnmal in der Hierarchie hin- und hergefragt, bevor der Start für etwas Neues freigegeben wird, da kann man nicht einfach anfangen." Daß die Formen und Strukturen außerhalb des Betriebes lockerer, weniger fest sind, wird unter d i e s e n Umständen als Vorteil empfunden. 12) Vgl. Nachrichten, H. 7/1983. 13) Vgl. Gewerkschaftsbarometer 1974/75, Übers. 1.01; Gewerk- schaftsbarometer '79, Tab. 2.1; Gewerkschaftsbarometer 1982, Tab. 1.1. 14) Die objektive Gefahr einer wachsenden Distanz zwischen der gewerkschaftlichen Organisation und ihren aktivsten jüngeren Ka- dern hat sich schon vor Jahren in der empirischen Forschung nie- dergeschlagen. Am Beispiel der Verwaltungsstelle einer großen In- dustriegewerkschaft, deren Politik stark rechtssozialdemokratisch dominiert wird, ließ sich zeigen, "daß die am wenigsten kampfbe- reiten jungen Gewerkschaftsmitglieder von allen Mitgliedern die zufriedensten sind, während die besonders kampfbereiten jungen Mitglieder die unzufriedensten sind". Deutlich werden Möglichkei- ten und Gefahren für die gewerkschaftliche Politik schon damals, wenn die verschiedenen Dimensionen dieser Beziehung entfaltet werden: "Das heißt nicht nur, daß die Distanz der Jugendlichen zu ihren Vertretern (größer ist) als die ihrer älteren Kollegen, auch nicht allein, daß die Kampfbereiten kritischer die Arbeit der Funktionäre im allgemeinen beurteilen, sondern, daß die Unzu- friedenheit derjenigen Mitglieder am größten ist, die jung und zugleich kampfbereit sind." (Harald Wiedenhofer, Untersuchung der Einstellungen Harburger Mitglieder der IG Chemie zur gewerk- schaftlichen Interessenvertretung, Diplomarbeit Hamburg 1975, S. 175 f.) 15) Aus den Beschlüssen der 13. Jugendkonferenz der IG Metall, Mai 1983, zitiert in: Nachrichten, H. 7/1983, S. 23. zurück