Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983
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FRAUENBEWEGUNG UND FRIEDENSBEWEGUNG - EINIGE ASPEKTE
Florence Hervé/Renate Janßen
I. Frauenbewegung, Krieg und Frieden: Historische Gesichtspunkte
- II. Aspekte der Frauenfriedensbewegung heute: Vielfalt der Zu-
gänge, Antimilitarismus, Internationalisierung - III. Zur Diskus-
sion über die Ursachen von Militarismus und Gewalt.
In Band 5 der "Marxistischen Studien" hat Thomas Harms 1) einige
Seiten der Friedensbewegung in der Bundesrepublik untersucht.
Seine These, daß die gegenwärtige Friedensbewegung eine
"Kristallisationsfunktion" für andere soziale Bewegungen habe, 2)
ist seither vollauf bestätigt worden. Den Beitrag der Frauenbewe-
gung und von Frauen in Frauenfriedensgruppen und allgemeinen
Friedensinitiativen 3) erwähnt Harms nur ganz knapp. Dabei kann
man sagen, daß an den Fragen der geplanten Stationierung neuer
US-amerikanischer Erstschlagwaffen in der Bundesrepublik, an den
Problemen von Hochrüstung und Militarisierung der Gesellschaft
heute kein gewerkschaftlicher Frauenausschuß, keine autonome
Frauengruppe, keine Fraueninitiative mehr vorbeigeht. Umgekehrt
ist die geplante Einbeziehung von Frauen in die Bundeswehr auch
Gegenstand der Diskussion in der allgemeinen Friedensbewegung ge-
worden. Einige Fragen aus diesem Zusammenhang wollen wir im fol-
genden ansprechen.
I. Frauenbewegung, Krieg und Frieden: Historische Gesichtspunkte
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Wenn wir die Frauenbewegung im imperialistischen Deutschland be-
trachten, so können wir feststellen, daß sie an den historischen
Entscheidungspunkten in der Frage Krieg und Frieden stets ge-
spalten war bis hin zu den schärfsten Gegensätzen. Gesellschafts-
und klassenpolitische Positionen und Bindungen beeinflußten die
verschiedenen Gruppierungen der Frauenbewegung sehr stark. Nur
Teile verbanden von Anfang an und konsequent ihre Forderungen
nach Gleichberechtigung der Frau mit dem Kampf um eine bessere
Gesellschaft und um den Frieden. So hatten die proletarische
Frauenbewegung um Clara 2etkin und bürgerliche Frauen um Minna
Cauer, Lyda Gustava Heymann und den Bund für Mutterschutz maßgeb-
lichen Anteil an den großen Demonstrationen gegen den Ersten
Weltkrieg, an den Kampagnen gegen die Aufrüstung und gegen den
Panzerkreuzerbau in der Weimarer Republik. Sie erklärten "dem
Krieg den Krieg" (Clara Zetkin). Während große Teile der proleta-
rischen Frauenbewegung und der radikale Flügel der bürgerlichen
Frauenbewegung gegen den Ersten Weltkrieg zusammenarbeiteten, un-
terstützten sozialdemokratische Frauen mit der Führungsmehrheit
ihrer Partei 1914 die Bewilligung der Kriegskredite, setzten sich
Frauen wie Gertrud Bäumer und Maria Elisabeth Lüders - und mit
ihnen der größte Teil der bürgerlichen Frauenbewegung - "aus pa-
triotischen Gefühlen", aus einem abstrakten Gleichberechtigungs-
denken heraus, für den imperialistischen Krieg ein. Sie forderten
ein weibliches Dienstjahr, arbeiteten führend im Kriegsamt mit
und organisierten den nationalen Frauendienst. Sie sorgten dafür,
daß die Arbeitsproduktivität in den Rüstungsbetrieben gesteigert
wurde. Gertrud Bäumer bezeichnete in ihrem Buch "Der Krieg und
die Frauen" das Jahr 1914 als den "feierlichen Gipfel des Le-
bens". Die Auswirkungen des Krieges waren verheerend: Elend und
Ausbeutung (in den Rüstungsbetrieben mußten Frauen bis zu 70
Stunden die Woche arbeiten, die Arbeitsschutzbestimmungen wurden
aufgehoben). Frauen wurden im Etappendienst eingesetzt und einer
strengen militärischen Organisation eingegliedert.
Vor dem Machtantritt des Faschismus noch behaupteten Führerinnen
des Bundes deutscher Frauenvereine wie Gertrud Bäumer, es sei
völlig egal, wie der Staat aussehe, in dem die Gleichberechtigung
der Frau verwirklicht werde - ob es ein liberaler, demokratischer
oder ein faschistischer Staat sei. 4) Dagegen hatten die proleta-
rische Frauenbewegung und fortschrittliche Frauen der bürgerli-
chen Frauenbewegung um den "Bund für Mutterschutz" und die
"Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit" bereits vor
der Machtergreifung vor dem frauenfeindlichen, entwürdigenden und
kriegerischen Charakter des Faschismus gewarnt. "Das Gebot der
Stunde", so Clara Zetkin, "ist die Einheitsfront aller Werktäti-
gen, um den Faschismus zurückzuwerfen ... In dieser Einheitsfront
dürfen die Millionen Frauen nicht fehlen, die noch immer Ketten
der Geschlechtssklaverei tragen und dadurch härtester Klas-
sensklaverei ausgeliefert sind". 5) Vor allem aufgrund der poli-
tischen Spaltung in der Arbeiter- wie in der Frauenbewegung kam
es jedoch nicht zum gemeinsamen Vorgehen gegen den Faschismus.
Erste Ansätze und Impulse für eine breite Zusammenarbeit gab der
Internationale Frauenkongreß gegen Krieg und Faschismus 1934. Auf
dem VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale 1935 wur-
den Lehren gezogen, wurde das gemeinsame Vorgehen mit den Frauen
der verschiedensten politischen und religiösen Überzeugungen im
Kampf um die Erhaltung des Friedens hervorgehoben. Georgi Dimi-
troff erklärte: "Die Schaffung einer breiten Massenbewegung unter
den Frauen ist in erster Linie notwendig und möglich für den
Kampf um die Erhaltung des Friedens. Man muß immer daran denken,
daß die Sache des Friedens nur dann unbesiegbar und dauerhaft
ist, wenn im Kampf gegen den Krieg Millionen und Abermillionen
Frauen teilnehmen. Die Frauen wollen keinen Krieg, sie verlangen
leidenschaftlich nach Frieden." 6)
1945 knüpften fortschrittliche Frauen an die Tradition des Frau-
enfriedenskampfes an. Zugleich zogen sie Lehren aus der verhäng-
nisvollen Spaltung von Arbeiterbewegung wie Frauenbewegung und
setzten sich für eine breite Zusammenarbeit aller Frauen ein. Die
Parole hieß: "Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg". Die anti-
kommunistische Stimmungsmache im Zuge des Kalten Krieges, die
Verbotsmaßnahmen der Adenauer-Regierungen (unter anderem gegen
den Demokratischen Frauenbund DFD) und die Anpassungspolitik der
rechten Führungskräfte in Sozialdemokratie und Gewerkschaften
verhinderten, daß die Friedensbewegung der 50er Jahre ihre Ziele
durchsetzen konnte; die Remilitarisierung wurde deutlich verzö-
gert, aber nicht aufgehalten.
Einen neuen Aufschwung erlebte die Frauenfriedensbewegung gegen
Ende der 70er Jahre, als die Herstellung der Neutronenbombe durch
die USA bekannt wurde (1978), als das Langzeitprogramm der NATO
(1978) und der Beschluß zur Stationierung atomar bestückter
Marschflugkörper und Pershing-II-Raketen in Westeuropa (1979)
verabschiedet wurden, als der Bundeswehrverband eine Wehrpflicht
für Frauen vorschlug (1978). 1977 hatte die Demokratische
Fraueninitiative DPI bereits in ihrer ersten Arbeitsgrundlage den
untrennbaren Zusammenhang zwischen Emanzipation und Frieden her-
ausgestellt. Ab 1979 entfaltete sich die Frauenfriedensbewegung
in neuer Breite. Im Mai 1979 wandten sich 90 Vertreterinnen der
Frauenbewegung und des öffentlichen Lebens an die Bevölkerung mit
ihrem Aufruf "Frauen in die Bundeswehr? Wir sagen NEIN!". In kur-
zer Zeit schlössen sich ihnen Tausende von Frauen an, bildeten
sich örtliche Initiativen gegen einen Frauenmilitärdienst. Ende
1979 fand in Köln der erste Antimilitär- und Antiatomkongreß der
Frauenbewegung auf Initiative der Zeitschrift "Courage" statt, an
dem über 1000 Frauen teilnahmen. Neben den Initiativen "Frauen in
die Bundeswehr - wir sagen NEIN" entstanden in den achtziger Jah-
ren neue Frauenfriedensgruppen wie "Frauen gegen Krieg und Mili-
tarismus", "Mütter für den Frieden" und "Frauen für Frieden", die
aus der Unterschriftensammlung zum Friedensappell der skandinavi-
schen Frauen hervorgingen. Sie organisierten Verweigerungsaktio-
nen, demonstrierten gegen einen Frauenwehrdienst (am 6. Dezember
1980 waren es 10000 Frauen), sammelten Unterschriften unter den
"Krefelder Appell", halfen den Internationalen Frauentag wieder-
zubeleben und dem Thema Frieden zuzuwenden, beteiligten sich an
den großen Friedenskundgebungen, den Ostermärschen, den Kirchen-
tagsdemonstrationen.
II. Aspekte der Frauenfriedensbewegung heute: Vielfalt
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der Zugänge, Antimilitarismus, Internationalisierung
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Ein besonderes Merkmal der Frauenfriedensbewegung heute ist ihre
Breite und Vielfalt. Gewerkschaftsfrauen machen auf den Zusammen-
hang zwischen den Kürzungen im Sozialbereich und der Aufrüstung
aufmerksam. Auf der 10. DGB-Bundesfrauenkonferenz im Mai 1980
wurde auch nach langer kontroverser Diskussion eine Wehrpflicht
für Frauen abgelehnt. Die IG Metall hat 1983 eine Unterschriften-
sammlung zur Verweigerung der Dienstverpflichtung von Frauen ge-
startet. Die Frauen der DPI formulierten ihre Grundposition im
Juni 1981: "Wir wissen, daß ein dauerhafter Frieden die Voraus-
setzung ist für die Gleichberechtigung von Mann und Frau, für so-
zialen Fortschritt und für die Emanzipation des Menschen über-
haupt." Viele autonome Frauengruppen organisieren Verweigerungs-
aktionen und Friedensmärsche; die Gruppen der "Internationalen
Frauenliga für Frieden und Freiheit" sammeln Unterschriften im
Rahmen der STAR-Kampagne ("Stop The Arms Race - Stoppt das
Wettrüsten").
Christliche Frauen machen in der "Kirche von unten", innerhalb
der Initiative "Frauen in die Bundeswehr? Wir sagen NEIN", auf
den Katholischen und Evangelischen Kirchentagen auf den Rüstungs-
wahnsinn und die Gefahr eines Atomkriegs aufmerksam. Nicht zu-
letzt setzen sich Frauen in Parteien für den Frieden ein. So be-
schlossen die SPD-Frauen 1979 eine Unterschriftensammlung "gegen
die Produktion neuer Mittelstreckenraketen und deren Stationie-
rung in der Bundesrepublik und Europa; auf ihrer Konferenz im
Juni 1983 verurteilte die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokrati-
scher Frauen (AsF) die Stationierung. Frauen stellen einen hohen
Anteil unter den Mitgliedern der Grünen, die sich in Friedensak-
tionen engagieren. In der DKP sind Frauen auf verschiedenste
Weise beteiligt an der aktiven Umsetzung der Politik der Gesamt-
partei nach dem Hannoveraner Parteitag 1981. Die Losung "Alles
für den Frieden" beinhaltet, daß die Stärkung der Friedensbewe-
gung eine zentrale Voraussetzung für die angestrebte Wende zu de-
mokratischem und sozialem Fortschritt bildet; die DKP-Frauen
bringen im Rahmen dieser Orientierung die besonderen Fraueninter-
essen zur Geltung und setzen dementsprechende Akzente in ihrer
Friedensarbeit.
Zur Spezifik des Zugangs von Frauen zur Friedensbewegung zählt in
der Bundesrepublik ihr Protest gegen das Einbezogenwerden in die
Militarisierung der Gesellschaft. Als Ende 1978 der Bundeswehr-
verband seine Konzeption zur Gemeinschaftsdienstpflicht vorgelegt
und der damalige Verteidigungsminister Hans Apel geäußert hatte,
daß er sich Frauen als weibliche Soldaten vorstellen könne, wur-
den derartige Überlegungen bei öffentlichen Veranstaltungen von
Politikern und Militärs meist als "Hirngespinste" einiger weniger
und als überhaupt nicht aktuell abgetan. Immer wieder bekamen die
Frauen, die sich der im Juni 1979 gegründeten Initiative "Frauen
in die Bundeswehr? Wir sagen Nein!" angeschlossen hatten, zu hö-
ren: "Die Planungen sind doch nicht ernst zu nehmen!" Verfolgte
man aber aufmerksam die Presse, so konnte man feststellen, wie
aktuell die Überlegungen zum Einbeziehen der Frauen in die Bun-
deswehr waren und sind. Nach den Veröffentlichungen des Bundes-
wehrverbandes und den Äußerungen Apels setzte eine wie von un-
sichtbarer Hand geführte Pressekampagne ein. Immer wieder wurden
kleinere Versuchsballons gestartet, entweder durch Äußerungen von
Politikern oder in Stellungnahmen der "Frau von der Straße". Je
nach Heftigkeit der Reaktionen in der Öffentlichkeit wurde demen-
tiert oder "richtiggestellt". So wurde die Bevölkerung auf der
einen Seite langsam aber sicher an das Bild der Frau in Uniform
gewöhnt, offiziell aber im Glauben gelassen, die Planungen seien
nicht ernst zu nehmen.
Spätestens bei Bekanntwerden des Gesundheitssicherstellungsgeset-
zes, das die gesetzliche Grundlage zur Anpassung des Gesundheits-
wesens an militärische Erfordernisse und zur Erfassung des ge-
samten medizinischen Personals bilden soll, wurde deutlich, daß
die Frauen nicht nur als Soldatinnen benötigt werden. Es bedurfte
auch nicht der Äußerung der damaligen Familienministerin Antje
Huber, daß man bei der Abfassung des Gesetzes besonderes Augen-
merk auf die bisher noch nicht erfaßten Frauen legen würde, um
die Gegnerinnen auf den Plan zu rufen. Es kam zu massenhaften öf-
fentlichen Kriegsdienstverweigerungen, bei denen tausende Frauen
erklärten, daß die Militärs weder im Falle eines Krieges noch bei
dessen personeller, ideologischer und materieller Vorbereitung
mit ihrer Mitarbeit und Unterstützung rechnen könnten. Obwohl am
Anfang bei ihren demonstrativen Aktionen belächelt, machten die
Frauen weiter.
Besonderes Aufsehen erregten die Aktionen der Schwesternhelferin-
nen, die bei Beendigung ihrer Ausbildung einen Vertrag unter-
schreiben müssen, daß sie im Falle eines Krieges jederzeit ein-
satzbereit sind. Viele Frauen weigerten sich, diesen Teil des
Vertrages zu unterschreiben oder widerriefen ihre vor Jahren ge-
gebene Einwilligungserklärung. Sie wollten sich nicht dazu benut-
zen lassen, der Bevölkerung für den Fall eines Atomkrieges einen
Schutz vorzugaukeln und so zur ideologischen Kriegsvorbereitung
beizutragen. Bis heute ist die öffentliche Verweigerung von
Kriegsdiensten eine wichtige Widerstandsform für jede einzelne
Frau.
Die Bewegung der verweigernden Frauen und die Initiative "Frauen
in die Bundeswehr? Wir sagen NEIN" lieferten wichtige Stellung-
nahmen zu militärpolitischen Überlegungen, die - vordergründig
gesehen - nichts zu tun haben mit den Planungen, Frauen in mili-
tärische Konzepte einzubeziehen. Die verstärkte Propagierung der
Frau in Uniform und Militärschwesterntracht ordnet sich ein in
die neue Strategie des Pentagon. Das Leitliniendokument der Rea-
gan-Administration für den Atomkrieg sieht vor, daß dieser Krieg
auch an mehreren Fronten geführt werden soll. Dazu wird eine
Menge Personal gebraucht, und zur Deckung dieses Bedarfs sollen
die bundesrepublikanischen Frauen verpflichtet werden.
Bei der internationalen Verbindung und Verflechtung der Friedens-
bewegungen und -aktionen in verschiedenen Ländern und Kontinenten
spielen Frauen eine führende Rolle. Ein weltweites Echo fand die
STAR-Kampagne, die im vergangenen Jahr von amerikanischen Frauen
in New York eröffnet wurde. Auf Initiative der Internationalen
Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF) und vieler nationaler
Frauen- und Friedensorganisationen wurden Forderungen gegen das
Wettrüsten und die atomare Bedrohung erhoben. Eine Million Unter-
schriften wurden von Frauen aus zahlreichen Ländern Westeuropas,
aus den USA, Kanada, Australien und Neuseeland gegen die Statio-
nierung neuer Atomwaffen in Europa gesammelt. Auf einer zweitägi-
gen Konferenz, in Gesprächen mit den Botschaften und auf einer
Demonstration in Brüssel verlangten die Frauen sofortige Beendi-
gung des Wettrüstens, die weltweite Abrüstung in West und Ost,
Abrüstung als Voraussetzung für Entwicklungspolitik, keine Sta-
tionierung von Pershing II und Cruise Missiles in Europa, der Ab-
bau der seestationierten amerikanischen Systeme, der britischen
und der französischen Mittelstreckenraketen sowie der sowjeti-
schen SS 20. Frauen aus Italien, der Bundesrepublik Deutschland,
Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich und den USA prote-
stierten in Greenham Common/Großbritannien und in Comiso auf Si-
zilien gegen die Stationierung von neuen amerikanischen Mittel-
streckenraketen. Auch die Initiativen für internationale Frie-
densmärsche gingen meist von Frauen aus. Einer der ersten dieser
Art war der auf Initiative der skandinavischen und der finnischen
Bewegung "Frauen für den Frieden" durchgeführte Marsch von Kopen-
hagen nach Paris. Der "Friedensmarsch '81" propagierte vor allem
die Umwandlung Europas in eine kernwaffenfreie Zone. . Auf Vor-
schlag der gleichen Kräfte verlief beim "Friedensmarsch '82" die
Route von Stockholm aus durch Schweden, Finnland, die So-
wjetunion, Ungarn, die Tschechoslowakei und Österreich. "Nein zu
den Kernwaffen in der ganzen Welt!", "Für Abrüstung und Frieden!"
waren die Losungen in den Städten und Dörfern dieser Länder. Ge-
meinsam mit sowjetischen Menschen führten die Teilnehmer des Mar-
sches Kundgebungen in Städten der UdSSR durch. In Minsk wurde ein
Appell an die UNO, an die Regierungen, Parlamente und Völker der
Welt angenommen mit der Forderung, alles zu tun, damit die Kern-
waffen vernichtet werden und das Leben auf der Erde bewahrt wird.
Das forderten auch die Teilnehmerinnen aus West-Berlin, die durch
die Bundesrepublik ebenfalls nach Wien gingen. Der
"Friedensmarsch '82" wurde am Jahrestag des US-amerikanischen
Atombombenabwurfs auf Hiroshima in Wien beendet.
III. Zur Diskussion über die Ursachen von Militarismus und Gewalt
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Frauen engagieren sich heute aus den unterschiedlichsten Motiven
in der Friedensbewegung. Während einige die Kriegsdrohung als
Ausdruck "patriarchalischen Machtdenkens" bekämpfen, engagieren
sich andere aus der Sorge um die Zukunft ihrer Kinder, aus der
Angst vor einem Atomkrieg heraus; wieder andere wollen eine sol-
che Frage nicht der Entscheidung von Militärs und Politikern
überlassen und sich in die politische Auseinandersetzung einmi-
schen. Vor allem gewerkschaftlich orientierte Gruppen stellen den
Zusammenhang zwischen sozialem Abbau, Verschlechterung der Lage
der Frauen und Hochrüstungspolitik in den Vordergrund.
Entsprechend differenziert bis hin zu scharfen Gegensätzen sind
die theoretischen Analysen und gesellschaftspolitischen Perspek-
tiven, die den Rahmen für die Beteiligung von Frauen und Frauen-
gruppen an Aktivitäten gegen Militarisierung und Kriegsvorberei-
tung bilden. In der Frauenbewegung kursieren sehr unterschiedli-
che Auffassungen über die Ursachen von Krieg und Gewalt. In der
Konsequenz daraus ist gleichfalls der Weg ihrer Bekämpfung und
Überwindung strittig. Manche Frauengruppe vertritt die Auffas-
sung, daß Krieg und Gewalt in der Aggressivität des männlichen
Geschlechts begründet seien. Diese wird den Männern als natürli-
che Eigenschaft zugeordnet. In der Tradition der bürgerlichen
Frauenbewegung, von Pazifistinnen wie Lyda, Gustava, Heymann,
wird Friedfertigkeit als ursprüngliche weibliche Eigenschaft be-
ansprucht, also eine keineswegs neue Interpretation. Sie ent-
spricht in etwa traditionell bürgerlichen Leitbildern vom Mann
als dem nach außen "ins feindliche Leben" agierenden, aktiveren
und aggressiveren Teil und der Frau als dem passiven, nach innen
gekehrten Element. Folge dieser Auffassung ist heute, sich den
von Männern bestimmten Zusammenhängen zu entziehen. Der Rückzug
verlangt die Separierung und Loslösung des Kampfes der Frauen vom
allgemeinen Friedenskampf - wenn überhaupt Aktionen Bestandteil
der Verweigerungsstrategie sind.
Andere legen gleichfalls ein aggressiveres, sogenanntes
"männliches Prinzip" und ein friedliches sogenanntes "weibliches
Prinzip" zugrunde, jedoch nicht als natürliche, sondern histo-
risch gewachsene Polarisierung der Geschlechter. Sie lehnen die
Zuordnung bestimmter weiblicher Eigenschaften radikal ab, gleich-
gültig, aus welcher Richtung sie stammen. Engagement von Frauen
in der allgemeinen Friedensbewegung wird der Verfestigung der
"Friedfertigkeitsideologie" verdächtigt. Diese Frauen propagieren
aggressiveres Verhalten für ihr Geschlecht, fordern Selbstvertei-
digung, kündigen jede besondere Friedfertigkeit auf. Sie bekämp-
fen militant diejenigen, die nach ihrer Meinung die Schuldigen
sind, die Männer und "ihre Verbündeten", deren patriarchalische
Gewalt in Kriegen kulminiere. Im Kampf gegen die "Männer-
regierungen" sei eine eigenständige, autonome Frauenfrie-
densbewegung unverzichtbar.
Einsatz für den Frieden ist für sie nicht denkbar, ohne gleich-
zeitig im "Kleinkrieg" zwischen den Geschlechtern anzutreten.
"Der Kampf gegen den Atomtod muß für uns Frauen unlösbar verbun-
den sein mit dem Kampf gegen den Vergewaltiger." 7) Es kommt ei-
ner Verniedlichung der Kriegsgefahr gleich, wenn die Herausgebe-
rin von "Emma" die Frage stellt: "Was nützt mir die friedlichste
Vorstadt, auf die keine Bombe fällt, wenn in ihren Eheschlafzim-
mern Frauen Vergewaltigt werden?" 8)
Ohne Zweifel sind es vorwiegend Männer, mit deren diskriminieren-
den Verhaltensweisen Frauen im Alltag konfrontiert sind. Sie, und
nicht das mit der Krise aggressiver werdende Monopolkapital und
die Großunternehmer, werden als Gegner der Frauen erlebt. Die
Schwächeren und die Schwächsten unserer Gesellschaft, die Frauen
und Kinder, sind die ersten Opfer der zunehmenden Brutalisierung.
Die Verherrlichung von Gewalt und Rassismus in den Massenmedien,
die Vermarktung der Sexualität, die Erniedrigung der Frauen zum
Objekt aus Profitgründen bleiben nicht ohne Spuren im Denken der
Frauen und der Männer. Aggression und Militarisierung, Gewalt und
Brutalität erstrecken sich auf alle gesellschaftlichen Bereiche
9) und reichen hinein bis in das private und persönliche Leben;
sie formen die Beziehungen zwischen Menschen konkurrenzbestimmt
und "kriegerisch", machen das tägliche Leben zum "Alltagskrieg".
10)
Die sozialistisch orientierten Strömungen der Frauenfriedensbewe-
gung ordnen diese Momente alltäglicher Gewalt in den Beziehungen
zwischen den Geschlechtern ein in ihre Analyse von Militarismus
und Krieg als gesetzmäßigen Erscheinungen der kapitalistischen
Klassengesellschaft und Klassenherrschaft. 11) In den imperiali-
stischen Ländern verschlingt die Rüstung immer größere ökonomi-
sche Mittel, die Gesamtsituation der arbeitenden Bevölkerung ver-
schlechtert sich infolge der Umverteilung zugunsten der Rüstungs-
monopole. Diese Politik gegen die Interessen der weiblichen und
männlichen Bevölkerung durchzusetzen, verlangt zunehmend Gewalt
und Militarisierung der gesamten Gesellschaft. Die ansteigende
Aggressivität nach außen korrespondiert mit dem Drängen zu auto-
ritären Herrschaftsformen im Inneren. Unter diesem Druck bildet
sich das Klima alltäglicher Gewalt und Brutalisierung, der Dis-
kriminierung und Frauenunterdrückung. Die Friedensbewegung, die
auch gegen die Ursachen dieser Tendenz angeht, in Geschlechter
aufzuspalten, wäre Gewinn nur für die, in deren Interesse Hochrü-
stung und psychologische Kriegsvorbereitung stattfinden. Ohne die
Sicherheit, daß Europa nicht in die Steinzeit zurückgebombt wird,
sind Diskussionen über die alltägliche Gewalt gegen Frauen müßig.
Die Entfaltung wirklich menschlicher Beziehungen untereinander,
die Entwicklung der von Unterdrückung freien Verhältnisse, von
Freundschaft und Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann - all
dies ist nur realisierbar, wenn die Menschheit weiterlebt. 12)
Diese Einsicht hat entscheidend dazu beigetragen, bis jetzt eine
Spaltung der Friedensbewegung zu verhindern. Sich für den Frieden
zu engagieren, gibt es viele Möglichkeiten und in der Entwicklung
politischen Handelns viele Wege. Die totale Vernichtung menschli-
chen Lebens zu verhindern, darum geht es heute. Das heißt: die
Stationierung neuer atomarer US-Erstschlagwaffen nicht zuzulassen
und Europa als atomwaffenfreie Zone zu gestalten. Der Kampf um
die Gleichberechtigung von Frau und Mann setzt den Kampf gegen
die am Profit orientierte Ausbeuterordnung voraus. Die für den
Frieden kämpfende Bewegung und die Frauen stehen auf der gleichen
Seite. Die Emanzipation der Frau braucht Frieden, und die Frie-
densbewegung kann auf die aktive Beteiligung der Frauen nicht
verzichten. Was Clara, Zetkin 1915 formulierte, ist zugleich Auf-
forderung an die Adresse der Frauenbewegung von heute:
"Seien wir Frauen uns der Bedeutung unserer sozialen Leistungen
und damit unserer realen Macht bewußt ... Nützen wir sie, indem
wir im Krieg gegen den Krieg kühn voranstürmen und unsern Frie-
denswillen als bewußt zusammengeballten Massenwillen in gewalti-
gen Kundgebungen politisch wirksam machen. Das wäre unser erster
und wichtigster Anspruch auf eine geschichtliche Rolle in dieser
Zeit." 13)
_____
1) Thomas Harms, Probleme der neuen Friedensbewegung, in: Marxi-
stische Studien. Jahrbuch des IMSF 5, 1982, S. 201 ff.
2) Ebd., S. 207.
3) Zur Entwicklung von Frauen in Bürgerinitiativen allgemein und
in Friedensinitiativen im besonderen vgl. Heike Flessner/Heidi
Knake-Werner, Sich einmischen - seine Identität finden - gemein-
sam kämpfen. Bedürfnisentwicklung und Politikzugänge von Frauen,
in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 5, 1982, v. a. S. 173
ff.
4) In: Die Frau, Heft 7/1933, S. 385.
5) Clara Zetkin, Eröffnungsrede als Alterspräsidentin des Reichs-
tages am 30. August 1932, in: Arbeiterbewegung und Frauenemanzi-
pation 1889-1933, Frankfurt/M. 1973, S. 204.
6) Entwurf eines Briefes des Präsidiums des Exekutivkomitees der
Kommunistischen Internationale an die kommunistischen Parteien
vom August 1936, zit. nach: Frauenbewegung und revolutionäre Ar-
beiterbewegung. Texte zur Frauenemanzipation in Deutschland und
in der BRD von 1848 bis 1980, hrsg. und eingeleitet von Florence
Hervé, Frankfurt/M. 1981, S. 134.
7) Alice Schwarzer, Sollen Frauen mitgehen? Überlegungen zum
Platz von Frauen in den Ostermärschen, in: Emma 1/1982, S. 6.
8) In: Cosmopolitan 3/1983, S. 33.
9) Vgl. Karl Liebknecht, Militarismus und Antimilitarismus, in:
Gesammelte Reden und Schriften, Bd. l, Berlin 1958, v. a. S. 301
ff.
10) Vgl. Anna Dorothea Brockmann, Wider die Friedfertigkeit - Ge-
danken über den kriegerischen Alltag, in: Courage 3/1981, S. 21
ff.
11) Vgl. Arno Gottschalk/Manfred Eihsen, Rüstung und militärisch-
industrieller Komplex im staatsmonopolistischen Kapitalismus der
BRD, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 4, 1981, S. 63
ff; Jörg Huffschmid, Kapitalismus und Rüstung - die ökonomischen
Aspekte bei Marx und die heutigen Probleme, in: "... einen großen
Hebel der Geschichte", Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF,
Sonderband I, 1982, S. 130 ff.
12) Vgl. Lottemi Doormann, Emanzipation wider die Friedfertig-
keit? Oder: Sollen Frauen Atomraketen und Kriegsbedrohung den
Männern überlassen? in: Deutsche Volkszeitung 40/1981, S. 16.
13) Clara Zetkin, Für den Frieden, in: Die Internationale 1/1915,
S. 29 ff.
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