Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983


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ZUR ARBEITERKLASSE DER 80ER JAHRE

Struktur - Kern - betriebliche Basis Heinz Jung 1. Starker Arm oder revolutionäres Subjekt? - 1.1 Die Arbeiter- klasse als revolutionäres Subjekt der Epoche - 1.2 Die politöko- nomische Begründung der Arbeiterklasse - 1.3 Die abstrakte Welt der "weiten" Arbeiterklasse - 2. Veränderungen bis zu den 80er Jahren - 2.1 Strukturaspekte - 2.2 Mobilitätsprozesse - 2.3 Zum sozialökonomischen Kern der Arbeiterklasse - 3. Der Betrieb als Formierungsbasis der Klasse 1. Starker Arm oder revolutionäres Subjekt? ------------------------------------------- Der vorliegende Beitrag soll im Kontext des Schwerpunktes dieses Jahrbuches einige Fragen der Arbeiterklasse in der BRD der 80er Jahre erörtern. Was die sozialstrukturellen Probleme und Bestim- mungen betrifft, so halten wir die früheren Arbeiten des IMSF nach wie vor für tragfähig und knüpfen deshalb an ihnen an. 1) Das kann nicht bedeuten, daß in diesen Arbeiten schon alle heute interessierenden Gesichtspunkte hinreichend und befriedigend un- tersucht worden wären, aber sie stellen in der Kontinuität marxi- stisch-leninistischer Diskussion eine solide Ausgangsbasis dar. Wir wollen in Fortschreibung der damaligen Ansätze die Entwick- lungen bis heute und besonders die aktuelle Situation in den sta- tistischen Grunddaten erfassen. Dies ist wichtig, da man gerade heute ein realistisches Bild über die objektive Struktur der Ar- beiterklasse der BRD gewinnen muß, wenn man die aktuellen Tenden- zen und die Perspektiven beurteilen will. 1.1 Die Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt der Epoche 2) --------------------------------------------------------------- Daß ohne die Masse der Arbeiter und Angestellten nichts bewirkt werden kann, steht für die Akteure aller politischen Positionen außer Frage. Sie und ihre Angehörigen stellen in den entwickelten kapitalistischen Ländern einen solch überwiegenden Bevölkerungs- block, daß allein schon ihre Masse die Schwerkraft der gesell- schaftlichen Entwicklung ausmacht. Ohne das zumindest passive Einverständnis ihrer Mehrheit könnte kein sozialökonomisches oder politisches Regime auf längere Dauer bestehen. Selbst konserva- tive und faschistische Regimes müssen bestimmte Interessenartiku- lationen und Organisationsformen, betriebliche Vertretungsgremien o. ä. dulden bzw. installieren, um ihre Kontrolle ausüben zu kön- nen. Es gibt heute in entwickelten kapitalistischen Ländern keine re- levanten Massenbewegungen, in denen nicht Arbeiter und Ange- stellte einen beachtlichen Block oder gar die Mehrheit stellten. Das Volk ist heute in erster Linie und überwiegend die Arbeiter- klasse. Daß vor allem die Arbeiter der Großbetriebe der starke Arm der Gesellschaft sind, wird heute selbst durch den Klerus ak- zeptiert und zum Ausgangspunkt gesellschaftspolitischer Strate- gien erhoben (siehe Polen). Wahlstrategen konservativer Parteien tragen dem ebenso Rechnung wie die Diversionsapparate der impe- rialistischen Mächte. All das verweist auf die Realität und fak- tische Macht der Arbeiterklasse - und sei es nur als starker Arm anderer Interessen. Natürlich ist für den Marxismus die Arbeiterklasse auch der starke Arm, ohne den die alte Gesellschaft nicht zu stürzen und eine neue nicht zu errichten ist. Aber in dieser Sicht muß sie starker Arm für sich selbst sein. Natürlich ist die Arbeiter- klasse auch Subjekt der gesellschaftlichen Entwicklung in ihrer Existenz "an sich". Sie ist die wichtigste produzierende und den materiellen Reichtum der Gesellschaft schaffende Klasse, und schon insofern gestaltet sie in der Sicht der materialistischen Geschichtsauffassung die Fundamente gesellschaftlicher Entwick- lung. Sie wirkt aber nicht nur mit der gesellschaftlichen Arbeit und Produktionstätigkeit als entscheidenden Formen gesellschaft- licher Praxis - also Äußerungen des Subjekts -, sondern auch mit ihren sozialen Aktivitäten, die in Klassengesellschaften Formen des Klassenkampfes sind. Es wäre völlig unzutreffend, hierunter nur Streiks oder Demonstrationen zu verstehen. Das Wirksamwerden sozialen Drucks zur Realisierung von Klasseninteressen hat eine wesentlich breitere Skala und realisiert sich auf der Basis fort- schreitender Vergesellschaftungsprozesse. Dies zeigt etwa der Vergleich der Verhältnisse entwickelter kapitalistischer Länder, die trotz unterschiedlicher Kampftraditionen, Organisation und Bewußtheit der Arbeiterklasse hinsichtlich der ökonomischen und sozialen Existenzbedingungen der Arbeiterklasse ähnliche Struktu- ren aufweisen. Freilich bleibt der Klassenkampf ohne politische und ideologische Bewußtheit - trotz beachtlicher Arbeitermilitanz und scharfer Auseinandersetzungen, wie etwa periodenweise in den USA, - auf einer niederen Ebene und führt nicht zur Infragestel- lung der Macht des kapitalistischen Systems. Erst in dem Maße, wie sie diese höheren Formen entwickelt, wird die Arbeiterklasse starker Arm für die eigenen Interessen, autonom handelndes Sub- jekt der Geschichte. In der Sicht von Marx, Engels und Lenin ist die Grundlage der hi- storischen Rolle oder geschichtlichen Aufgabe oder Mission der Arbeiterklasse ihre Stellung im System der kapitalistischen Pro- duktionsverhältnisse und in der bürgerlichen Gesellschaft. Erst hieraus kann unter Beachtung der realen Geschichte das jeweils empirische Bewußtsein "abgeleitet" oder die Aufgabe seiner Ent- wicklung im Sinne der Klassenmission gestellt werden. Die Formie- rung des revolutionären Subjekts der kapitalistischen Gesell- schaft, dessen entwickeltste Form eine marxistische Klassenpartei ist, kann nur auf der Grundlage dieser Interessen erfolgen. Was diese Frage betrifft, so ist ein übertriebener Ouvrierismus 3) allerdings völlig fehl am Platze. Ja, man muß unter Beachtung der geschichtlichen Erfahrungen sogar davon ausgehen, daß die Formie- rung der entwickeltsten Formen des revolutionären Subjektes durch Zuzug aus unterschiedlichen sozialen Schichten und Gruppen, über unterschiedliche Zugänge, aus unterschiedlichen Konflikten er- folgt. Entscheidend bleibt die Formierung auf der Grundlage des Marxismus als theoretisch-wissenschaftlicher Ausdruck der Inter- essen der Arbeiterklasse. Dies ist aber nur die eine Seite. Die andere besteht darin, daß diese Formationen nur in dem Maße reale Arbeiterinteressen und sozialistische Orientierungen verbinden und in politischen Einfluß, in reale politische und ideologische Hegemonie in der Klasse umsetzen können, wie sie in der empiri- schen Arbeiterklasse verankert sind, d. h. Angehörige der Arbei- terklasse selbst revolutionäres Bewußtsein und Organisiertheit entwickeln. Wenn wir von der Arbeiterklasse als dem revolutionären Subjekt der kapitalistischen Gesellschaft auch unter den Bedingungen der BRD sprechen, dann bezieht sich dies nicht auf die heute gegebe- nen Haltungen und Vorstellungen. Das konnte auch früher bei stär- ker entwickeltem Klassendenken und -verhalten nicht der Fall sein, da dem die Existenzbedingungen einer ausgebeuteten und un- terdrückten Klasse entgegenstehen. Es bezieht sich auf die Po- tenz, die im Maße der umfassenden Formierung der Klasse wirksam werden kann. Revolutionen sind immer auch gesteigerte und ver- dichtete Massenaktivitäten. Sozialistische Revolutionen, die nicht nur politische, sondern auch soziale Revolutionen sind, wä- ren undenkbar ohne diese Massenaktivitäten, aus denen allein die Kraft zur Aufhebung alter und zur Schaffung neuer Strukturen her- vorgehen kann. Ihre Dynamik besteht gerade in der fortschreiten- den Einbeziehung der Massen der Arbeiterklasse in den revolutio- nären Prozeß: "In der revolutionären Tätigkeit fällt das Sich- Verändern mit dem Verändern der Umstände zusammen." 4) Wie auch immer die sozialökonomische Abgrenzung von anderen Schichten vorgenommen wird, so bewahrt der Blick auf die interna- tionale Arbeiterklasse der heutigen Übergangsepoche zum Sozialis- mus vor einer bornierten oder resignativen Bewertung von Situa- tionen in entwickelten kapitalistischen Ländern. Es zeigt sich nicht nur ein gewaltiges zahlenmäßiges Wachstum von den 10 Mil- lionen Proletariern z.Z. des Erscheinens des Kommunistischen Ma- nifestes Mitte des letzten Jahrhunderts auf heute drei Viertel Milliarden - nimmt man nur die aktiven, also erwerbstätigen Per- sonen. Von ihnen leben jeweils etwa ein Drittel in den soziali- stischen, den entwickelten kapitalistischen und den Entwicklungs- ländern. Die Arbeiterklasse der BRD stellt weniger als 3 Prozent der internationalen Arbeiterklasse. Im Weltdurchschnitt machte die Arbeiterklasse Anfang der 80er Jahre 42 Prozent der Erwerbs- bevölkerung aus: in sozialistischen Ländern 40 Prozent, in ent- wickelten kapitalistischen Ländern 75 Prozent und in Entwick- lungsländern 30 Prozent. 5) Die Verschiebungen der nächsten Jahr- zehnte sind völlig eindeutig. Die Arbeiterklasse dieser Sektoren bzw. der einzelnen Länder und wiederum innerhalb einzelner Länder steht auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen, in denen sich der Charakter der Übergangspe- riode verkörpert. Gleichwohl besteht ein internationalistischer Zusammenhang, der sich sowohl aus den aktuellen als auch den hi- storischen Klasseninteressen ergibt. Die Arbeiterklasse ist die Klammer der Welt in unserer Epoche. Auch für die Existenz der Arbeiterklasse der BRD gibt es nur noch sehr wenige Bereiche, die nicht von dem stürmisch verlaufenden Internationalisierungsprozeß unserer Zeit berührt wären. Das gilt auch für Strukturveränderungen. Wir verweisen nur auf die Gruppen ausländischer Arbeiter und Angestellter, auf die Arbeiterklasse in Betrieben des Auslandskapitals und der internationalen Kon- zerne, auf die Annäherungstendenzen in regionalen Integrations- räumen (EG) usw. Es erscheint gegenwärtig in der BRD nicht überflüssig, bei jeder Gelegenheit die historische Rolle und internationale Dimension der Arbeiterklasse im Kontext der marxistischen Theorie und der Realitäten unserer Epoche deutlich zu machen. Der wissenschaftli- che Sozialismus konzentriert sich in der Lehre von der Rolle und historischen Aufgabe der Arbeiterklasse. 6) Die geschichtliche Erfahrung unterstreicht außerdem: Ohne die Arbeiterklasse als re- volutionäres Subjekt- kein Sozialismus, ja, auch kein demokrati- scher und sozialer Fortschritt im Kapitalismus. Deshalb faßt sich heute der Angriff bürgerlicher und kleinbürgerlicher Ideologie auf den Marxismus auch in der Leugnung der realen und potentiel- len Rolle der Arbeiterklasse zusammen. 7) 1.2 Die politökonomische Begründung der Arbeiterklasse 8) --------------------------------------------------------- Es soll hier in sehr kursorischer Form die politökonomische Be- gründung des Proletariats der kapitalistischen Gesellschaft - heute der Gesellschaften des staatsmonopolistischen Kapitalismus (SMK) - widergegeben werden, wie sie im Rahmen des IMSF vertreten und entwickelt worden waren. Dabei, und das muß besonders betont werden, war versucht worden, alle - auch die auf den ersten Blick widersprüchlichen - relevanten Aussagen, von Marx, Engels und Le- nin zum Thema aufzunehmen und zu interpretieren. Dies soll hier nicht wiederholt werden. Ergeben sich die Rolle und der Charakter des Proletariats aus der Stellung in den Produktionsverhältnissen des Kapitalismus, d.h. dem Prozeß der Gewinnung des materiellen Lebens und Reichtums der Gesellschaft, dann muß nach dem theoretischen politökonomischen Ausdruck dieser Stellung gefragt werden. Er faßt sich im entfal- teten Warencharakter der Arbeitskraft des Proletariats zusammen. Das Proletariat ist eigentumslose Klasse, es verfügt nicht über die Produktionsbedingungen, unter denen es angewendet wird, son- dern es wird angewendet. Es ist die Klasse doppelt freier Lohnar- beiter. Die Arbeitskraft seiner Angehörigen ist mobil und dispo- nibel, sie wird per Kontrakt - was juristisches Selbstverfügungs- recht einschließt - auf Zeit gekauft. Sie ist Ware und unterliegt der Wert- und Preisbildung der Warenproduktion und -zirkulation - mit den Modifikationen durch die Wirksamkeit des historisch-mora- lischen Faktors. Natürlich ist jedes Produkt, das gekauft und verkauft wird, eine Ware. Aber nicht jede Ware ist unter kapita- listischen Bedingungen produziert. So treten auch Unterschiede zwischen der Arbeitskraft der Arbeiterklasse und anderer Lohnar- beit leistender Kategorien auf. Soweit in die Reproduktion der Arbeitskraft Privilegien eingeschlossen sind, die wiederum in der Regel mit der Ausübung spezifischer Funktionen im Reproduktions- prozeß bzw. einer spezifischen Stellung im System der Arbeitstei- lung und Kooperation korrespondieren bzw. sich über einen höheren Wert und Preis der Arbeitskraft dieser Kategorien realisieren und damit ein weit überdurchschnittliches bzw. vom Proletariat abge- hobenes Reproduktionsniveau ermöglichen, fallen diese Gruppen aus dem sozialökonomischen Umfang der Arbeiterklasse heraus und bil- den die modernen lohnabhängigen Mittelschichten, zu denen auch die lohnabhängige Intelligenz gehört. Denn höhere Bildung ist auch unter den Bedingungen des SMK ein derartiger privilegieren- der Faktor mit sozialökonomischem Gewicht. Dieser Faktor ist al- lerdings nicht starr und statisch. Er bestimmt sich empirisch- operational immer in bezug zum in der modernen Produktion agie- renden Kern der Arbeiterklasse. So galten zu Marx' Zeiten andere empirische Abgrenzungen als heute. Zu seiner Zeit waren etwa kom- merzielle Lohnarbeiter noch eine solche Kategorie. Heute gilt das nur noch für die Obergruppen dieser Kategorie, während sich für die große Masse -empirisch meist Frauen von Arbeitern oder aus Arbeiterfamilien - ihr Reproduktionsniveau dem der traditionellen Arbeiterklasse völlig angenähert hat und gleichen Gesetzen folgt. Andererseits erlangen vor allem unter Bedingungen des SMK die Sy- stemfunktionen, für deren Realisierung Lohnarbeit angewendet wird, ein starkes Gewicht für die Klassensituation. Dies gilt für die Gruppen mit dem Reproduktionsniveau der Arbeiterklasse in den unmittelbaren, vor allem den staatlichen Macht-und Herrschaftsap- paraten des Systems. Die Ware Arbeitskraft, durch den Kapitalisten gekauft, ist die stoffliche Seite seines variablen Kapitals, jenes Kapitalteils, aus dessen Funktion der Mehrwert entspringt bzw. die zur Produk- tion und Realisierung des Mehrwertes erforderliche Mehrarbeit freigesetzt wird. Dies ist der Verwertungsprozeß des Kapitals per Ausbeutung der Lohnarbeitskraft. Der Arbeitsprozeß selbst bzw. die stoffliche Seite des Produktionsprozesses ist für diese Be- stimmung gleichgültig. Aber seine innere Struktur ist nicht gleichgültig für die konkrete Form der Ausbeutung. Erst die Un- terwerfung der Arbeitsprozesse durch das Industriekapital, d.h. die reelle Unterwerfung oder Subsumtion der Arbeitsprozesse durch das Fabrik- und Maschinensystem des Kapitals, also die kapitali- stische Industrialisierung, unterwirft auch den Lohnarbeiter in vollem Sinne dem Kapital. Vorher, in der Manufaktur, hängt die Produktion noch an der Spezialität der Arbeitskraft - das betraf auch die Ausdehnungsmöglichkeit der Produktion im Rhythmus des Industriezyklus; jetzt dagegen wird der Arbeiter "Anhängsel" der Maschinerie, im reellen Sinne Verwertungsmaterial des Kapitals. Es vollzieht sich der Übergang von der formellen zur reellen Sub- sumtion der Lohnarbeit unter das Kapital und in diesem Prozeß die Entfaltung des Warencharakters der Arbeitskraft des Proletariats. Wissenschaft und Leitung werden Potenzen des Kapitals, aus dem unmittelbaren Produktionsprozeß herausgelöst und gegen den Arbei- ter gestellt. (Mit dem Fortschritt der Vergesellschaftung erfolgt jedoch die Ausdifferenzierung dieser Funktionen. Sie werden nicht nur spezialisierte Anlagefelder von Kapital, sondern sie bringen in diesem Prozeß mit einem differenzierten Arbeitskörper auch neue Schichten von Lohnarbeitern hervor.) Erst auf dieser Stufe ist der Arbeiter der Bewegung des Kapitals in vollem Umfang un- terworfen - auf dem Markt und in der Produktion - und wird davon in seiner ganzen Existenz geprägt. Wir hatten angedeutet, daß mit der kapitalistischen Industriali- sierung das Fabrikproletariat sich als sozialökonomischer und später auch politisch-ideologischer Kern der Arbeiterklasse kon- stituiert. Die Lohnarbeit erhält damit gewissermaßen ihr Gravita- tionszentrum, ihren Pol, in dessen Kraftfelder sich die übrigen Gruppen der Arbeiterklasse eingliedern. Erst dies wird bekannt- lich der Geburtsakt der modernen Arbeiterklasse, der Vorausset- zung, des Momentes und des Resultates der Reproduktion des Kapi- tals. Die Entwicklung der Produktivkräfte, deren wichtigstes Ele- ment immer der Arbeiter und die Arbeiterklasse sind, bedingt die jeweilige konkrete und stoffliche Struktur des Arbeitsprozesses und der Arbeitsverausgabung. Der charakteristische Typ wechselt: manuelle einfache Arbeit von Frauen und Kindern, physische Schwerarbeit von Männern, vorwiegend manuelle und qualifizierte Männerarbeit, vorwiegend geistig-psychische Arbeitsverausgabung. Es sind dies historische Erscheinungsformen der industriellen Produktionsarbeit. An ihnen kann nur der jeweils historisch be- stimmende Typ von Lohnarbeit und einfacher Arbeit festgemacht werden, nicht aber Lohnarbeit schlechthin. Schon gar nicht sind arbeits- und versicherungsrechtliche Kategorien Kriterien zur Be- stimmung unterschiedlicher Stufen der Lohnarbeit. Auch sie re- flektieren bestenfalls bestimmte historische Erscheinungsformen. Ungeeignet ist auch der Versuch der Begründung der Arbeiterklasse durch den Begriff bzw. das Verhältnis der produktiven Arbeit. Eine derartige Begründung trägt der historischen Entwicklung nicht Rechnung. Nur in Frühphasen fallen Kapitalproduktion und Arbeiterklasse zusammen. Gerade dann, wenn wir die Einzelbestim- mungen der Arbeiterklasse im entwickelten oder entfalteten Waren- charakter ihrer Arbeitskraft zusammenfassen, tragen wir auch dem gesamtgesellschaftlichen Charakter der Klassenverhältnisse und der prinzipiellen Einheit des Reproduktionsprozesses Rechnung. Die Reproduktionssphäre ist somit durch Klassenverhältnisse kon- ditioniert, und zwar nicht nur in jenem Sinne, daß ihr Rahmen durch die Distributionsverhältnisse und den Umfang der Revenuen abgesteckt ist, sondern in dem Sinn, daß ihre gesellschaftliche Funktion aus der Rolle und Stellung des Arbeiters in der Produk- tion hervorgeht und nicht umgekehrt. Diese Bestimmung betrifft auch die Rolle der Nichtarbeitszeit usw. Sie verweist schließlich auf die Einheit der aktiven und passiven, der fungierenden und brachgelegten Teile der Arbeiterklasse. Angehöriger der Arbeiter- klasse zu sein, reduziert sich also nicht auf eine zeitweilige Rolle im Arbeitsprozeß. Eben weil sie die Reproduktionssphäre mit erfaßt, kann die hier vertretene Konzeption das Klassenindividuum in allen Lebenssphären ausmachen. Im kapitalistischen Akkumulationsgesetz wird ausgedrückt, daß der Lohnarbeiter wieder als Lohnarbeiter aus dem Prozeß herauskommt - entledigt eines Quantums in der Produktion vernutzter Lebenskraft - und zur Existenzerhaltung immer aufs Neue in diesen Prozeß ein- treten muß. Das kapitalistische Lohngesetz erfaßt dies als Reak- tionen des Systems zur Erhaltung seiner Bedingungen. Hierzu gehö- ren Arbeitslosigkeit, Reservearmee, relative Überbevölkerung in ihren verschiedenen Erscheinungsformen; hierzu gehören aber auch die Methoden der extensiven und intensiven Ausbeutung. Natürlich gilt auch hier: Was als Gesetz gilt, trifft nicht in jedem Fall und für jedes Individuum zu. Ohne dies wären Mobilitätsprozesse kaum möglich. Man muß darauf verweisen, daß die politökonomische Bestimmung der Arbeiterklasse durch den entwickelten Warencharakter der Arbeits- kraft auch völlig die soziologischen Kriterien erfaßt oder ab- deckt, die die Klassendefinition von W.I. Lenin ausmachen, 9) wenn man sie auf die Arbeiterklasse anwendet (Stellung in einem historischen System gesellschaftlicher Produktion; Antagonismus; Stellung zum juristisch fixierten Produktionsmitteleigentum; Stellung im System der Arbeitsteilung und Kooperation, und zwar vor allem in vertikalem Sinne; Einkommensquellen; Anteil am ge- sellschaftlichen Reichtum). Diese Bestimmung erfaßt auch die hi- storische Stellung der Arbeiterklasse, die ihre Existenz als aus- gebeutete, unterdrückte, kommandierte und beherrschte Klasse nur mit der Aufhebung des Kapitalverhältnisses aufheben kann. Dies bedeutet die Befreiung der Arbeit aus der Fessel der Lohnarbeit, die Aufhebung des Warencharakters ihrer Arbeitskraft. Reproduk- tion, Verteilung und Anwendung der Arbeitskraft der Arbeiter- klasse folgen danach anderen Gesetzen, erfolgen unter Bedingun- gen, unter denen Marktkonkurrenz, Existenzunsicherheit, Reser- vearmee usw. der Vergangenheit angehören und keine Regulierungs- funktion ausüben können. Die philosophische Bestimmung der Arbei- terklasse ist somit in der politökonomischen aufgehoben. Die Struktur der Arbeiterklasse war zu jedem Zeitpunkt vielfältig und multidimensional. Dies betrifft zum einen die Übergangsformen und Zwischentypen zu anderen Schichten und Klassen, bei denen die Klassenkriterien nicht in eindeutiger Form auftreten bzw. anwend- bar sind: so das Produktionsmitteleigentum bei den selbständigen Mittelschichten und die spezifische, gegenüber der Arbeiterklasse privilegierte Stellung und Funktion bei den lohnabhängigen Mit- telschichten. Dies gilt auch für die prägende Rolle von Herr- schaftsapparaten. Zum anderen betrifft dies Kriterien außerhalb oder unterhalb der Klassenkriterien mit in einzelnen Phasen un- terschiedlicher Bedeutung: - die Stellung im Wirtschaftsprozeß nach volkswirtschaftlichen und betrieblichen Gesichtspunkten (Landwirtschaft, Bergbau, Indu- strie, Handel usw., Werkstatt, Büro usw., produktive oder unpro- duktive Funktionen u.a.); - die Stellung in sozialökonomischen Sektoren; - die Stellung in der kapitalistischen Arbeitsorganisation unter Gesichtspunkten der Berufsstruktur, der Arbeitsverausgabung, der Qualifikation usw.; - die Schichtung nach Lebenslagen im Reproduktionsbereich wie Wohnverhältnisse, Stadt-Land-Dimension, Vermögen, Familienstruk- tur, Familieneinkommen einschließlich der "Sozialeinkommen", Er- werbstätigkeit. Schließlich sind auch vordergründig demographische Merkmale wich- tige Strukturierungsgesichtspunkte: Alter, Geschlecht, Nationali- tät usw. Es liegt somit auf der Hand, daß schon von den objektiven Exi- stenzbedingungen her die Arbeiterklasse kein monolithischer Block sein kann. Das galt in der Vergangenheit und gilt auch heute. 1.3 Die abstrakte Welt der "weiten" Arbeiterklasse -------------------------------------------------- Nach einer längeren Pause in der innermarxistischen Diskussion um die Klassenstruktur im SMK ist nun vor kurzem in der DDR eine auf die Struktur der internationalen Arbeiterklasse unserer Epoche angelegte Schrift erschienen, in der u.a. Fragen der Arbeiter- klasse im SMK behandelt werden. 10) Der Autor nimmt auch zu ande- ren marxistischen Positionen, darunter auch jenen des IMSF, kri- tisch Stellung. Der Autor steht unmittelbar im Arbeitszusammenhang einer Gruppe, die das Konzept einer weiten Arbeiterklasse schon vorher in einer Reihe von Veröffentlichungen entwickelt und propagiert hat. Wir halten diese Konzeption in vieler Hinsicht für nicht den Realitä- ten des SMK angemessen und deshalb auch nicht für eine hinrei- chende Basis zur Analyse politischer und ideologischer Prozesse im SMK, insbesondere auch jener Prozesse, die die Formierungsbe- dingungen der revolutionären Arbeiterbewegung heute in der BRD betreffen. Um es vorwegzunehmen und den faktischen Kern der Differenz zu be- nennen, es handelt sich darum, daß in der theoretischen Vorstel- lungswelt des Verfassers lohnabhängige Mittelschichten und die Intelligenz als sozialökonomisch bestimmte (Mittel-)Schicht kei- nen Platz haben. So entsteht jene große Arbeitnehmerklasse, die faktisch mit der Summe der statistischen Gruppen der Arbeiter, Angestellten und Beamten identisch ist. Ausgegliedert werden nur die relativ kleine Gruppe der oberen Manager sowie Offizierskorps und Hausdienerschaft, letztere allerdings mit nicht ganz schlüs- sigen Argumenten. Die lohnabhängige Intelligenz figuriert als Gruppe der "intellektuellen Lohnarbeiter", in der Sicht des Ver- fassers eine Gruppe der Arbeiterklasse. Hier können auch gut die Konsequenzen dieser Position aufgezeigt werden. Sie bestehen unter anderem darin, daß gegenwärtig Bewe- gungen wie die Grünen und Alternativen als Bewegungen der Arbei- terklasse oder zumindest von Gruppen der Arbeiterklasse erschei- nen müßten, ihre nichtproletarische Ideologie könnte auf keinen Fall mit der eigenen sozialen Lage dieser Gruppen in Verbindung gebracht werden. Es sei denn, Produktion und Reproduktion würden "dual" gesehen, was allerdings kaum mit dem historischen Materia- lismus in Übereinstimmung gebracht werden könnte. Die Bewegungen der Studentenschaft erschienen als im Prinzip proletarische Bewe- gungen usw. usf. Sozialökonomische Bündnispolitik gegenüber die- sen Sektoren wäre von vornherein gegenstandslos. Möglicherweise stellt sich der Verfasser nicht hinreichend der Aufgabe, daß auch unter den Bedingungen des SMK Klassenbewegung und ökonomische Bewegung über die Klassen- und Sozialstruktur vermittelt werden müssen, daß wir also auch politische, ideologi- sche und kulturelle Erscheinungen auf ihre Klassenbasis bzw. die unterschiedliche Klassenbasis zurückführen müssen, wenn wir über- haupt eine materialistische Analyse anstreben. Möglicherweise glaubt der Verfasser auch, er komme bürgerlichen Positionen der Technostruktur bzw. des Verschwindens der Arbei- terklasse entgegen, wenn er nicht von vornherein den Zirkulati- onsakt der Lohnarbeit der Bestimmung der Arbeiterklasse zugrunde legt und die Verallgemeinerung der Lohnarbeit mit dem Wachstum der Arbeiterklasse identifiziert. Wir halten seine Befürchtung für unbegründet, daß mit der Berücksichtigung lohnabhängiger Mit- telschichten und der Intelligenz in der Konsequenz das Proleta- riat an den Rand gedrängt werde. Natürlich ist dies der Wunsch bürgerlicher Ideologen, den die Realität aber nicht erfüllt. Aber man muß auch berücksichtigen, daß es Perioden gibt, in denen diese Mittelschichten schneller wachsen können als die Arbeiter- klasse. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß die 70er Jahre in der BRD eine solche Periode waren. Dies muß klar gesehen werden, weil ohne dies die Erklärung vieler aktueller Prozesse nicht mög- lich ist. Nur eine äußerst schematische Interpretation des Akku- mulationsgesetzes kann zu derartigen Realitätsblockaden führen. Zu beachten ist außerdem, daß dieses Gesetz heute auf dem Niveau des SMK seine Wirksamkeit entfaltet, wodurch Mobilitäts- und Dif- ferenzierungsprozesse auf gesamtgesellschaftlicher Ebene ausge- löst bzw. beeinflußt werden. Was die theoretischen Begründungen betrifft, so nimmt der Verfas- ser u.E. nicht alle relevanten Klassikeräußerungen ernst bzw. be- achtet zu wenig den Entwicklungsprozeß ihrer Konzeption. Hieraus folgt, daß er Argumentationen zum Warencharakter der Arbeitskraft oder zu bestimmten Kategorien bei Marx und heute (etwa zum kom- merziellen Lohnarbeiter) nicht aufnehmen kann. 11) Er bleibt im Prinzip bei einer Fixierung auf die Trennung vom Produktionsmit- teleigentum, das er allerdings eher in seiner juristischen Seite erfaßt, jedoch weniger in seiner soziologischen Bedeutung. Des- halb kann er mit den Kriterien der Arbeitsteilung als einer Kon- stitutionsbedingung der Klassenverhältnisse im Prinzip nichts an- fangen. 12) Das trifft auch auf die sozialökonomische Bedeutung und Rolle der Bildung zu. Der Verfasser bevorzugt eine schematische und starre Sichtweise, etwa wenn er nicht aufnimmt, daß der Begriff der einfachen Arbeit eine Kategorie mit historisch wechselndem konkreten Inhalt ist; wenn er ablehnt, die Tendenz zur Polarisierung der lohnabhängigen Mittelschichten - der sie ja in der Realität im Maße der Durch- setzung der "Industrialisierung" ihrer Bereiche unterliegen - und zur Annäherung an die Arbeiterklasse als Prozeß, d.h. als sich reproduzierendes Verhältnis (vom Verfasser als Prozeß verabsolu- tierung kritisiert) zu verstehen; 13) wenn er den Zusammenhang von objektiver Situation und Bewußtsein und Verhalten seiner Gruppen der "intellektuellen Lohnarbeiter" nur als Zurückbleiben des Bewußtseins hinter der Realität interpretieren kann usw. All dies verweist u.E. darauf, daß die schematisierten Klassenkatego- rien zur Erfassung der realen Prozesse und als Basis der Strate- gie- und Taktikentwicklung der Arbeiterbewegung in einem Lande wie der BRD ungenügend sind. Nützlich war es zweifellos, daß der Verfasser seine eigene Mei- nung und auch seine Kritik an anderen Positionen mit hinreichen- der Deutlichkeit vorgetragen hat. Denn es geht ja nicht um eine unterschiedliche Bewertung von Fakten, sondern um unterschiedli- che theoretische Ansätze in der Bewertung von Fakten. Damit ist auch das Diskussionsfeld abgesteckt. Allerdings wäre es für den Diskussionsfortschritt notwendig und nützlich, wenn die schon ein Jahrzehnt vorliegenden theoretischen Ansätze einer ernsthafteren argumentativen Kritik unterzogen würden. 2. Veränderungen bis zu den 80er Jahren --------------------------------------- 2.1 Strukturaspekte ------------------- Wir untersuchen nachfolgend Strukturen der Arbeiterklasse zu Be- ginn der 80er Jahre und ihre Entwicklung seit 1960. Diese zwei Jahrzehnte umfassen unterschiedliche Perioden und drei bzw. vier abgeschlossene Zyklen der Wirtschaftsentwicklüng. Dabei sind die Krisen von 1966/67 und 1974/75 besonders einschneidende Ereig- nisse im Leben der Arbeiterklasse. 14) Schon in den 60er Jahren haben wir es eindeutig mit einem gesamtwirtschaftlichen Typ vor- wiegend intensiv erweiterter Reproduktion zu tun. Dies schließt wesentliche Änderungen der Struktur der Volkswirtschaft und der Gesamtarbeiter der Betriebe bzw. Unternehmen ein. Diese Prozesse haben sich in den 70er Jahren verstärkt. Nimmt man 1960 als Aus- gangspunkt der statistischen Reihen und Trendangaben, so beginnt man mit Zahlen, die schon einen vollentwickelten SMK in der BRD reflektieren. Die BRD (in der Statistik sind die Zahlen für West- berlin i.d.R. mit enthalten) verfügt damals über das Territorium von heute. Die Wohnbevölkerung wächst in den 60er Jahren noch um rund 5 Millionen, in den 70er Jahren nur noch um etwa 1 Million auf knapp 62 Millionen Einwohner zu Beginn der 80er Jahre, vor allem Resultat der Zuwanderung ausländischer Arbeiter und ihrer Angehörigen. Nach den sozialstatistischen Kategorien gehören zur Arbeiter- klasse der BRD im oben erfaßten Sinne (vgl. Abschnitt 1.2) die Arbeiter, die unteren und größere Teile der mittleren Angestell- ten und Beamten sowie die Arbeitslosen (abgesehen von den ar- beitslosen Angehörigen der lohnabhängigen Mittelschichten und In- telligenz und des kapitalistischen Managements) und ihre Angehö- rigen sowie die Rentner (entsprechend ihrem früheren Status und ihren Einkommensquellen). Wir wollen nachfolgend einige Angaben für den aktiven Teil der Arbeiterklasse der BRD vermitteln, der als Teil der Erwerbsbevöl- kerung (Erwerbspersonen) erscheint. Diese Größe wird durch die Zu- und Abgänge und die Anzahl der Erwerbslosen beeinflußt. Ent- sprechend den nachfolgenden Tabellenangaben erhöht sich die Er- werbspersonenzahl in den betrachteten zwei Jahrzehnten nur um 0,75 Millionen Personen. Die Zahl der Erwerbstätigen schwankt zwischen 1970 und 1983 zwischen 25,1 Millionen (1983 = Tiefpunkt) und 26,8 Millionen (1973 = Höhepunkt) und wird stark durch die zyklische Entwicklung bzw. die Arbeitslosenzahlen beeinflußt. Das Potential erhöht sich 1983 um 0,15 Millionen, was sich allerdings nicht in dieser Größenordnung als Wachstum der Erwerbspersonen niederschlagen wird. 15) Tabelle 1 enthält die Angaben für die Entwicklung der erwerbstä- tigen Arbeiter, Angestellten und Beamten der BRD. Die Tabelle gibt den bekannten Sachverhalt der Umschichtung zwi- schen den Kategorien der Lohnarbeit wider - mit dem absoluten und relativen Rückgang der Arbeiter. Es handelt sich bei den Zahlen jeweils um die Ergebnisse des Mikrozensus. Allerdings sind hier nicht die Erwerbslosenzahlen 16) mit ihrem überproportionalen Ar- beiteranteil enthalten; der Arbeiterrückgang ist insofern über- höht. Nach der Tabelle gibt es heute mehr Angestellte und Beamte als Arbeiter, der formelle Lohnabhängigenstatus hat sich weit in die Gesellschaft verallgemeinert. Die Anteilverschiebung ist in beiden Jahrzehnten mit 5 bzw. 5,2 Prozent-Anteilen fast ausgegli- chen, wobei allerdings das höhere Niveau für die 70er Jahre und die höheren Erwerbslosenzahlen zu beachten sind. Nach der Tabelle gibt es in den 60er Jahren einen Zuwachs aller formell Lohnabhän- gigen von etwa 1,5 Millionen und in den 70er Jahren von 2 Millio- nen - inklusive Erwerbslose (vgl. Tabelle 2) ein Zuwachs um 1,6 bzw. 2,9 Millionen Personen. Anders ausgedrückt: Der Rückgang des Selbständi-genbereiches hat sich noch beschleunigt. Tabelle 1: Arbeiter, Angestellte, Beamte in Tausend und Prozent 1960 1970 1981 in Tausend Arbeiter a) 13 201 12 474 11 361 Angestellte b) 5 856 7 802 10 157 Beamte c)1) 1 230 1 447 2 272 20 287 21 723 23 790 in Prozent Arbeiter 65,1 57,4 47,8 Angestellte 28,9 35,9 42,7 Beamte 6,0 6,7 9,5 100,0 100,0 100,0 in Prozent der Erwerbstätigen 77,4 82,5 88,1 _____ 1) ohne Soldaten a) Frauenquoten 1960-1970-1981 = 29,7-27,9-27,7 b) Frauenquoten 1960-1970-1981 = 50,0-48,5-52,8 c) Frauenquoten 1960-1970-1981 = 12,1-15,8-18,0 Quelle: IMSF-Beiträge 3, Klassen- und Sozialstruktur der BRD 1950-1970, Teil II; Sozialstatistische Analyse, Frankfurt/Main 1973 (1974), Tabellen 3.0/1,3.1/1,3.2/1; Statistisches Bundesamt (StatBA), Fachserie (FS) 1, Reihe (R) 4.1.1., 1981 (Ergebnisse des Mikrozensus 1981). Wichtig ist die Beachtung der Frauenquoten, die relativ stabil bleiben. Es erhöht sich lediglich die Frauenquote bei den Beamten um 6 Prozent-Anteile - allerdings bei sehr niedrigem Niveau. Von den Angestellten sind heute mehr als die Hälfte Frauen - zum be- achtlichen Teil Frauen und Töchter aus Arbeiterfamilien. Was diese Prozesse für die Arbeiterklasse bedeuten, zeigen die Angaben der Tabelle 2, die die Arbeiterklassengruppen der einzel- nen sozialstatistischen Kategorien erfaßt. Wir übernehmen dabei für 1960 und 1970 die Ziffern aus früheren IMSF-Studien und schätzen unter Beachtung der inneren Veränderungen und des star- ken absoluten Wachstums die Gesamtdifferenzierungsrelationen bei Angestellten und Beamten für 1981 etwas höher. Bei Vorliegen von Ergebnissen einer neuen Volkszählung wären hier korrektere Neube- stimmungen möglich und notwendig. Tabelle 2: Die aktiven Teile der Arbeiterklasse der BRD 1960, 1970, 1981 Gruppen 1960 1970 1981 1. Arbeiter - Tausend 13 201 12 474 11 361 - Prozent 50,4 47,4 42,1 2. Angestellte - Tausend 4 526 6 475 7 618 - Prozent 17,3 24,6 28,2 3. Beamte - Tausend 782 854 1 146 - Prozent 3,0 3,2 4,3 4. Erwerbslose - Tausend 152 167 1 045 - Prozent 0,6 0,6 3,9 5. Gruppen in der ökonomischen Lage der Arbeiterklasse im Macht- und Repressions- apparat - Tausend 370 543 710 - Prozent 1,4 2,1 2,6 Arbeiterklasse zusammen - Tausend 18 291 19 427 20 460 (1, 2, 3 und 4 ./. 5) - Prozent 69,8 73,7 75,9 Erwerbspersonen - Tausend 26 194 26 343 26 949 - Prozent 100,0 100,0 100,0 _____ Quelle: Beiträge des IMSF 3/II, a.a.O., Tabellen 2/38, 3.0/1, 3.1/1, 3.1/21, 3.2/9; Beiträge des IMSF 6, Der Staat im staatsmo- nopolistischen Kapitalismus der Bundesrepublik, Teil II: Empiri- sche Analyse und Fakten, Frankfurt/Main 1982, Tabelle III.2/14; Stat. Jb. 82 (Mikrozensusergebnisse 1981). Differenzen durch Run- dung. Für 1960 und 1970 wurden die Schätzungen früherer IMSF-Ar- beiten übernommen. Die Relationen für 1970 wurden für 1981 fort- geschrieben mit der Modifikation, daß der Arbeiterklassenanteil der Angestellten auf 75 Prozent, der Beamten von Bahn und Post auf 90 Prozent und der sonstigen Beamten auf 40 Prozent geschätzt wurde (einschließlich der Gruppen im Repressionsapparat). Wir machen nun aufgrund der Tabelleninformationen eine wichtige Feststellung: Die Arbeiterklasse wächst in beiden Jahrzehnten je- weils um 1,1 bzw. l Million Personen, und entsprechend steigt der Prozent-Anteil an den Erwerbspersonen auf 76 Prozent. Aber gleichfalls wächst der Block von lohnabhängigen Mittelschichten und Intelligenz, Gruppen im Repressionsapparat und bourgeoisen Gruppen im Angestellten- und Beamtenstatus von 7,6 Prozent der Erwerbstätigen über 9,0 Prozent auf 12,4 Prozent. Dies bedeutete in absoluten Zahlen eine Entwicklung von 2 über 2,4 auf 3,3 Mil- lionen. Das Wachstum dieser Schichten machte also in den 70er Jahren 0,9 Millionen Personen aus. Ursache sind die Umschichtun- gen der volkswirtschaftlichen Strukturen, wodurch sich mit einem Breitenwachstum der Dienstleistungen, der höheren Spezialistenbe- rufe und der Repressionsapparate gerade diese Gruppen vergrößern. Dies verweist insgesamt zwar auf die Haupttendenz der Akkumula- tion. Sie setzt sich aber unter einer absoluten Polarisierung entgegenwirkenden Faktoren durch und führte gerade in den 70er Jahren zu einem wesentlich schnelleren Wachstum der Mittelschich- ten. Unseres Erachtens liegt mit diesen Prozessen auch eine wich- tige Grundlage für das Verständnis bestimmter politischer Verwer- fungen vor, weil in Betracht gezogen werden muß, daß sich diese Umschichtungen ja vor allem über Generationenwechsel realisieren und somit bei den jüngeren Generationen weit breiter als im Durchschnitt ausfallen. Eine wichtige Gruppe der Arbeiterklasse der BRD sind die auslän- dischen Arbeiter und ihre Angehörigen. Die ausländischen Er- werbstätigen sind zu 95-98 Prozent Arbeiter und Angestellte, 1981 zusammen 1,9 Millionen Personen bzw. 9,3 Prozent der Arbeiter- klasse. Ihre Arbeitslosenquoten sind überdurchschnittlich hoch (1983 lag die Quote z.B. bei 13 Prozent), 17) obwohl die staats- monopolistische Arbeitsmarktregulierung längst mittels direktem und indirektem Druck die Rückwanderung zu erzwingen bestrebt ist. Wir untersuchen nachfolgend die Prozesse, die den genannten Ver- änderungen zugrunde liegen. Zuerst werden in Tabelle 3 Angaben zur Struktur der Wirtschaftsbereiche und deren Verschiebung vor- gelegt. Da die entsprechende Verteilung der Arbeiterklasse für 1981 nicht nachweisbar ist, muß der Vergleichbarkeit halber auf die Beschäftigtenziffern zurückgegriffen werden. Tabelle 3: Beschäftigte nach Wirtschaftsabteilungen 1960, 1970, 1981 in Prozent 1960 1970 1981 1. Land- und Forstwirtschaft usw. 13,4 9,0 5,2 2. Energie, Wasser, Bergbau 3,3 2,0 2,1 3. Verarbeitendes Gewerbe (ohne Bau) 37,0 38,7 35,6 4. Baugewerbe 7,8 7,7 7,2 5. Verkehr und Nachrichten 5,7 5,4 5,7 6. Handel 11,8 11,8 11,6 7. Banken und Versicherungen 1,6 2,4 3,3 8. Dienstleistungen 9,7 13,2 17,2 9. Organis. o. Erw., Haushalte 2,5 1,5 2,0 10. Gebietskörpersch. u. Sozialv. 7,2 8,3 10,1 - >Produzierendes Gewerbe (2-4) 48,0 48,4 44,9 - - > Produktion (2-5) 53,7 53,8 50,6 - - > Dienste (6-10) 32,9 37,2 44,2 - Insgesamt in Prozent 100,0 100,0 100,0 Insgesamt in Tausend 26 501 26 452 26 947 _____ Quelle: 1960 und 1970: Beiträge des IMSF 3/II, Tabelle 2/12; 1981: Stat. BA, Fachserie 1, Reihe 4.1.1, 1981, S. 63 (Ergebnisse der Mikrozensuserhebungen); Beschäftigte = Erwerbstätige. Beachtet werden muß der rapide Rückgang der Anteile der Landwirt- schaft. 1981 gibt es hier nur noch 1,4 Millionen Erwerbstätige. Sie war jedoch schon Anfang der 70er Jahre für Lohnarbeiterbe- schäftigung bedeutungslos. Von einem Agrarproletariat kann in der BRD faktisch nicht mehr gesprochen werden. Wichtig für die Arbei- terentwicklung bzw. die Entwicklung der Arbeiterklasse ist das verarbeitende Gewerbe (verarbeitende Industrie und verarbeitendes Handwerk). In den 70er Jahren ergibt sich ein Rückgang um 3,1 Prozent-Anteile (=0,6 Millionen Personen). Eine ähnliche Abnahme gibt es für das produzierende Gewerbe ins- gesamt. Demgegenüber verzeichnen die Dienstleistungen den stärk- sten Zuwachs: in den 70er Jahren 5 Prozent-Anteile oder 1,1 Mil- lionen Beschäftigte. Nimmt man die Nicht-Produktionsbereiche im Sinne der Tabellenzusammenstellung, dann gewinnen sie in den zwei Jahrzehnten 11 Prozent-Anteile (= 3,2 Millionen Personen). Der Zuwachs hat sich in den 70er Jahren beschleunigt (2,1 Millionen gegenüber 1,1 Millionen in den 60er Jahren), womit auch die Un- terschiede, wie wir sie schon bei Tabelle 2 aufgedeckt hatten, weiter bestätigt und geklärt werden. Diese Umschichtungsprozesse reflektieren sich auch in der Berufs- struktur, die wir in Tabelle 4 wiedergeben. Tabelle 4: Berufsstruktur nach Aufgabenfeldern 1961, 1970, 1980 in Prozent Erwerbstätige insgesamt 1961 1970 1980 1) Berufsbereich (VBZ) (VBZ) I Gewinner von Naturprodukten, Mineralien 15,2 8,5 6,1 II Hersteller von Grundstoffen und Produktionsgütern 7,0 6,8 5,0 III Hersteller von Konsumgütern 8,4 7,3 5,2 IV a Montage-, Wartungsberufe Bau, Ausbau 8,4 7,6 5,9 IV b Montage-, Wartungsberufe Metall, Elektro 9,7 11,0 10,3 V a Sachbezogene Dienstleistungen 11,1 9,9 9,5 V b Personenbezogene Dienstleistungen 5,9 9,6 13,3 VI a Dienstleistungskaufleute 8,9 10,2 10,5 VI b Planungs-, Verwaltungsberufe 16,2 21,0 24,6 VII Sektorunabhängige Berufe 9,2 8,1 9,6 Summe 100,0 100,0 100,0 _____ 1) Fortschreibung der Mikrozensus-Ergebnisse von 1978 Quelle: MittAB, 3/1980, S. 364. Die Gruppen I-IVb sind mehr oder weniger auf die Produktion un- mittelbar bezogene Berufe. Sie verzeichnen (von 48,7 über 41,2 auf 32,5 Prozent) unterschiedliche Anteilverluste - die stärksten die Gruppe I. Nur leichte Verluste hat die Gruppe Va (1970-1980: minus 1,6 Prozent-Anteile), während die übrigen Büro-, Verwal- tungs- und Dienstleistungsberufe beachtliche Zuwächse haben. Wäh- rend es sich beim Block I-IVb vorwiegend um Arbeiterberufe han- delt, sind die anderen vorwiegend Angestellten- und Beamtenbe- rufe. Greift man einzelne Berufsgruppen heraus, 18) so hatten zwischen 1970 und 1980 eine zunehmende Tendenz: Zahntechniker, Konditoren, Köche, Verkäufer, Bankfachleute, Datenverarbeitungsfachleute, Bü- rokräfte, Masseure u.ä., Krankenschwestern, Sprechstundenhelfer, Medizinallaboranten, Sozialarbeiter, Sozialpfleger, Sozialpädago- gen, Lehrer. Dies bedeutet allerdings nicht, daß alle diese Be- rufsgruppen von Arbeitslosigkeit verschont wären; sie ist aller- dings in der Tendenz bei ihnen geringer als bei anderen Berufs- gruppen. Zu jenen Berufsgruppen mit abnehmender Tendenz in den 70er Jahren gehörten: Landarbeitskräfte, Bergleute, Gummiherstel- ler, Kunststoffverarbeiter, Dreher, Stahlschmiede, Weber, Schnei- der, Schuhmacher, Backwarenhersteller, Kalkulatoren, Buchhalter, Bürohilfskräfte, Hauswirtschaftskräfte, Wäscher. Von Interesse ist hierbei, daß auch ausgesprochene Angestellten- berufe in diese Kategorie fallen (z.B. Abnahme der Buchhalter von 1970 = 356 000 auf 1980 = 261 000), 19) ein Indiz für die Inten- sität der Bürorationalisierung. 20) Lokalisiert man den Block der Büroberufe, 21) so ergibt sich zwi- schen 1961 und 1980 eine Bestandsvergrößerung von 5,3 auf 7,3 Millionen, darunter der weiblichen Arbeitskräfte von 2,1 auf 3,5 Millionen, was auf die stärkere "Feminisierung" dieses Bereichs verweist. Gleichzeitig haben wir in den 70er Jahren einen starken "Qualifizierungsschub". Im Vergleich von nur 8 Jahren, also von 1970-1978, ergibt sich in diesem Gesamtblock der Büroberufe fol- gende Veränderung der Prozent-Anteile: 22) ohne Ausbildungsab- schluß - von 29 auf 17 Prozent; Lehre/Berufsfachschule - von 67 auf 71 Prozent; Fachhochschul-/Hochschulabschluß - von 4 auf 12 Prozent (Männer von 7 auf 20 Prozent; Frauen von l auf 3 Pro- zent). Auch diese Angaben verweisen darauf, daß die Sozialstruk- tur dieser Bereiche stark in Bewegung gekommen ist und z.B. die Intelligenzquote (Anteil der Hoch- und Fachhochschulabsolventen) wesentlich über dem volkswirtschaftlichen Durchschnitt liegt. (Die Quote erhöhte sich von 1970 bis 1978 von 3 auf 8 Prozent der Erwerbstätigen.) Ein wichtiger Zugang zur funktionellen Struktur und der Arbeits- teilung des Arbeitskörpers der BRD - und damit vermittelt auch der Arbeiterklasse - sind die Ergebnisse der Erhebungen über die Tätigkeitsschwerpunkte (vgl. Tabelle 5). Diese Angaben bestätigen nochmals, daß die Hauptprozesse der 70er Jahre in der Effektivierung des unmittelbaren Produktionsappa- rates, der wachsenden Bedeutung der vor- und nachgelagerten Be- reiche und Funktionen, einer relativen Stabilität des Zirkulati- ons-, Distributions- und Administrationsapparates ("wobei immer die verstärkte Technisierung und Industrialisierung vieler dieser Bereiche zu beachten ist), dem immensen Bedeutungsgewinn der aus der Produktion herausgelösten Technikentwicklung (Projektieren etc.) und vor allem der Dienstleistungen (erfaßt in erster Linie als personenbezogene Arbeit) bestanden. Letzteres ist eindeutig der quantitative Hauptprozeß. Dieser Prozeß kann jedoch nicht, sobald er näher aufgeschlüsselt wird, umstandslos als Weg zur Dienstleistungsgesellschaft interpretiert werden, da es sich vielfach entweder um neu entstehende Industrien neuen Typs, um Bestandteile der Realisierungsphase der materiellen Produkte u.ä. handelt. Tabelle 5: Tätigkeitsschwerpunkte der Erwerbstätigen 1969 und 1980 in Prozent Erwerbstätige 1980 Tätigkeitsschwerpunkt 1969 1980 Arbei- Ange- Beamte ter stellte I. Herstellen, Fertigen 33,6 27,1 46,1 5,4 0,7 II. Hilfsfunktionen für Produktion und Dienst- leistungen 19,0 19,1 30,9 7,2 10,0 davon: - Maschinen einstellen, einrichten, überwachen 3,5 3,6 7,2 1,2 0,9 - Befördern, Transportieren, Sortieren 7,5 6,6 11,5 2,5 6,1 - Reinigen, Bügeln *) 1,8 1,8 - - - - Prüfen, Kontrollieren, Korrigieren 2,3 1,5 2,1 1,4 1,5 - Instandhalten, Reparieren, Ausbessern 3,9 5,6 10,1 2,1 1,5 III. Distributive, administra- tive, koordinierende Funktionen 30,6 30,4 4,0 63,3 22,3 davon: - Verteilen: Einkaufen/ Verkaufen, Finanzieren etc. 10,4 9,3 2,4 16,5 0,7 - Verwalten: Buchhalten, Registrieren, Fakturieren 12,3 11,7 0,9 27,5 8,2 - Projektieren, Konstruieren, Programmieren etc. 2,7 4,3 0,4 9,7 3,9 - Koordinieren, Führen/ Leiten, Anweisen 5,2 5,1 0,3 9,6 9,5 IV. Dienstleistungen erbringen *) 12,2 21,9 17,8 22,8 66,2 V. Andere Tätigkeiten 4,6 1,5 1,4 1,5 1,0 Summe (= 100,0 Prozent); absolut in Millionen: 25,999 26,874 11,372 10,002 2,261 _____ *) für 1980 lineare Fortschreibung und Abzug von Position IV. Quelle: MittAB, 3/1980, S. 365; StatBA, FS 1, 4.1.2, 1980, S. 18. Die Strukturangaben für 1980 zeigen, daß zwischen den sozialsta- tistischen Kategorien unterschiedliche Schwerpunkte bestehen bleiben. Nach wie vor wird die unmittelbare Produktion, sieht man von Bauern und Handwerkern ab, von den Arbeitern bewerkstelligt (unmittelbar und direkt produktiv sind demnach 1980 etwa 7,3 Mil- lionen Erwerbstätige, davon sind 5,2 Millionen Arbeiter). Dies ist natürlich ein zu eingeengter Begriff von produktiver Arbeit. Zur produktiven Arbeit müssen faktisch ebenfalls die Gruppe II und Teile der Gruppe IV gerechnet werden. Die Angestellten blei- ben mit Schwerpunkt die "kommerziellen Lohnarbeiter" (Zirkula- tion, Distribution, Verwaltung), während die Beamten ihren Schwerpunkt im "Dienstleistungen Erbringen" haben. Allerdings stehen den 1,3 Millionen Beamten mit derartigem Schwerpunkt noch 2,3 Millionen Angestellte und 2 Millionen Arbeiter sowie 0,4 Mil- lionen Selbständige gegenüber bzw. zur Seite. Zu beachten ist da- bei auch, daß unter diese Sammelkategorie auch die "Dienste" von Polizei, Militär, Justiz etc. subsumiert sind. Wir hatten in unserer Argumentation schon verschiedentlich unsere Ansicht zum Faktor Bildung dargelegt, der nicht nur "technisch" beurteilt werden kann, sondern sowohl hinsichtlich der Reproduk- tion der Arbeitskraft als Ware als auch hinsichtlich ihrer Funk- tion bzw. der Stellung der entsprechenden Gruppen im System der gesellschaftlichen Arbeit zu analysieren ist. Es ist völlig un- sinnig, etwa die Ansicht zu vertreten, daß ein Junge aus einem Arbeiterhaushalt, der nach einer Hochschulausbildung z.B. Kran- kenhausarzt oder als Diplomingenieur Produktionsleiter in einer Fabrik wird, sozial und ökonomisch Bestandteil der Arbeiterklasse bleiben könnte. So richtig und notwendig es ist, gegenüber den Vertretern des bürgerlichen Konzepts der postindustriellen Ge- sellschaft 23) darauf zu bestehen, daß die Gesellschaft nicht durch Bildung und Funktion konstituiert wird, sondern durch die Eigentumsverhältnisse, so muß doch gleichfalls beachtet werden, daß unter den heutigen Bedingungen der Faktor höhere Bildung und Spezialistenqualifikation - die konkrete Definition und Abgren- zung wandelt sich und muß immer wieder in bezug auf die Arbeiter- klasse erfolgen, was lineare Extrapolationen unsinnig macht - im Rahmen des G e s a m t s y s t e m s der Produktions- und Klas- senverhältnisse ein Moment der Bestimmung lohnabhängiger Mittel- schichten und Intelligenz 24) wird. Auch 1980 hatten über 70 Prozent aller Erwerbstätigen nur einen Volksschulabschluß. Dieser Anteil verringert sich jedoch bei den jüngeren Jahrgängen, er beträgt bei den im Jahre 1980 25- bis 30jährigen 64 Prozent. Umgekehrt wächst der Anteil mit Fachhoch- schul- und Hochschulreife. Faktisch sind alle Qualifikationsquo- ten bei den jüngeren Jahrgängen höher. Erwerbstätige Absolventen von Fachhochschulen und Hochschulen gibt es insgesamt 8,5 Prozent (Frauen 6,4 Prozent), bei den 25- bis 30jährigen jedoch 12,2 Pro- zent. Ruft man sich nochmals die Vergleichszahlen für 1970 in Er- innerung - insgesamt 3 Prozent, Frauen 2 Prozent -, dann ist dies in der Tat ein beachtlicher Prozeß. Man muß immer wieder darauf verweisen, daß gerade die Teilnehmer der höheren Bildungsgänge auch aus der spontanen sozialen und politischen Sozialisation des Herkunftsmilieus herausgetragen werden und die Hochschulsituation eine in hohem Maße prägende bzw. neu differenzierende Funktion erhält. Tabelle 6: Bildungsstruktur der Erwerbstätigen im April 1980 in Prozent Erwerbstätige Insgesamt weibliche 25-30jährige 1. Allgemeinbildender Abschluß 99,8 99,8 99,9 darunter: - Volks/Hauptschulabschluß 71,0 68,3 63,7 - Realschulabschluß 17,4 22,1 19,9 - Fachhoch/Hochschulreife 11,4 9,4 16,3 2. Beruflicher Abschluß 72,9 62,6 84,4 darunter: - Fachschulabschluß 1) 6,9 3,9 6,9 - Fachhochschulabschluß 2) 2,9 1,3 3,9 - Hochschulabschluß 3) 6,6 5,1 8,3 3. 100 Prozent = Tausend 26 874 10 092 2 937 _____ 1) Einschließlich Meister- und Technikerausbildung 2) Einschließlich Ingenieurschulabschluß 3) Einschließlich Lehrerausbildung Quelle: Stat. BA, FS 1, Reihe 4.1.2, 1980, S. 30. Bekanntlich sind es gerade die so bestimmten Gruppen der jüngeren Generation, die auch aus den gegebenen politischen Strukturen ausbrechen müssen, da ihre gesellschaftliche Existenz und Rolle, ihre Orientierungen und Lebensstile unsicher und variierend sind - und das um so mehr, je mehr Krise und Sozialrestriktion gerade sie treffen. Das macht sie schon heute zu einem sozialen und po- litischen Unruheherd des SMK. Hieraus werden jedoch auch die Dif- ferenz und der Abstand zur Arbeiterklasse und ihren (traditio- nellen) Organisationen erklärbar. 25) Wenn man von der Analyse der Sozialstruktur zur Untersuchung der politischen und ideologischen Prozesse übergeht, so muß immer die historische Aktivität, der historische Prozeß als Zusammenfassung und Vermittlung beachtet werden. Unter diesem Gesichtspunkt muß auch der klassenspezifisch dimensionierte Generationsbegriff als Zwischenglied angewendet werden, da sich neue Verhältnisse und Widersprüche vor allem über die jüngeren Generationen vermitteln. Einschneidende historische Ereignisse haben auf die jüngeren Jahrgänge eine prägendere Rolle, weshalb man etwa die jeweils 15 bis 20/25jährigen unter politischen und sozialen Gesichtspunkten als Generationsgruppe erfassen kann. Gliedert man unter solchen Gesichtspunkten die Wohnbevölkerung der BRD ab 15 Jahren von 1980 26) (50,4 Millionen Personen, hier als 100 Prozent gesetzt), er- gibt sich folgende Struktur: - "Weimarer Generation" (1933 15 Jahre und älter; 1980 62 Jahre und älter) = 21,4 Prozent (10,8 Millionen); - "Kriegs-/Nazizeitgeneration" (1945 15 bis 27 Jahre, 1980 50-62 Jahre) = 16,8 Prozent (8,5 Millionen). Diese Generationen machen also 1980 in der Bevölkerung noch 38 Prozent aus; es sind die 1980 über 50jährigen, die durch Krieg, Nazidiktatur, Weimarer Republik noch geprägt wurden. Für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung existiert diese Zeit jedoch nur noch über vermittelte Erfahrung. - "Nachkriegsgeneration" (1953 15-23 Jahre, 1980 42-50 Jahre) = 13,2 Prozent (6,6 Millionen); - "Kalte-Kriegsgeneration" (1961 15 bis 23 Jahre, 1980 34-42 Jahre) = 14,0 Prozent (7 Millionen). Diese Generationen sind durch kalten Krieg und "Wirtschaftswunder" in ihrer Masse geprägt; jedoch spielen für die Nachkriegszeit auch Erfahrungen der Massenbewegungen und des Kampfes um eine demokratische Neuordnung sowie um die Erhaltung der Einheit Deutschlands eine Rolle. - "APO-Generation" (1968 15-22 Jahre, 1980 27 bis 34 Jahre) = 11,6 Prozent (5,9 Millionen); - "Reform-Generation" (1975 15-22 Jahre, 1980 20-27 Jahre) = 12,7 Prozent (6,4 Millionen); - "Krisengeneration" (1980 15-20 Jahre) = 10,4 Prozent (5,2 Mil- lionen). Die Generationsgruppen der 1980 15- bis 34jährigen machten über ein Drittel (34,7 Prozent) der Bevölkerung über 15 Jahre aus. Wie alle Umfrageergebnisse ausweisen, liegt in diesen Generations- gruppen das wichtigste - und quantitativ größte - Linkspotential. Das gilt auch für die entsprechenden Gruppen der Arbeiterklasse. Die mit der Generationsprägung verbundenen Ereignisse, Erfahrun- gen usw. sind als Anknüpfungspunkte der Propaganda jeder Art be- deutsam. Die Wirtschaftswunderlegende bzw. die Aufbaurolle der westdeutschen Arbeiterklasse ist für diese Generationen tatsäch- lich nur noch Legende. Aber auch wichtige sozialpsychologische Orientierungen, etwa die Bedeutung des sogenannten Statuskonsums, sind in diesen Gruppen wesentlich anders als in den Nachkriegs- gruppen. Anderseits erleben sie den SMK als gegebene Gesell- schaft, ebenso die BRD. Was die "Krisengeneration" betrifft, also die Generation der Men- schen, die in der Situation praktisch erfahrbarer Krisenauswir- kungen und ihrer Folgen (Konkurrenz-und Solidaritätsverhalten usw.) herangewachsen sind, so dürfte sie bis 1983 einen Bevölke- rungsanteil von ungefähr 16 Prozent erreicht haben. Es ist klar, daß alternative Gesellschaftsvorstellungen in diesen Gruppen An- knüpfungspunkte finden. Zum Abschluß sollen einige Angaben wiedergegeben werden, die die S c h i c h t u n g n a c h L e b e n s l a g e n bzw. die Re- produktionsverhältnisse betreffen. Wir werden uns auf die Arbei- terschaft als Gruppe der Arbeiterklasse beschränken. Diese Anga- ben machen vor allem deutlich, daß für die mittleren Generationen das wachsende Konsumtionsniveau und die, wenn auch sehr beschei- dene, Teilhabe an der "Vermögensbildung" prägende Momente ihrer Orientierung und ihres Verhaltens werden mußten. Es wäre ver- fehlt, mit den Krisenauswirkungen bei ihnen eine radikale und durchgreifende Umorientierung anzunehmen. Zum einen bleibt das Niveau nach wie vor im internationalen Vergleich hoch, zum ande- ren trifft die volle Wucht der Krise nicht die ganze Arbeiter- klasse gleichermaßen, sondern "nur" einzelne Schichten. Außerdem verstärken sich in dieser Situation die sozialpsychologischen Verdrängungs- und Ableitungsmechanismen, ebenso die daran anset- zenden Spaltungsund Segmentierungsmanöver des SMK. Demgegenüber ist es jedoch offenkundig, daß für die Generationen, die unter Bedingungen hohen Konsumniveaus heranwachsen, diese Art materiel- len Konsums für die Zielorientierung an relativer Bedeutung ver- liert. Nachfolgend einige Angaben: - Von 1962 bis 1978 nahm der Anteil der Arbeiterhaushalte, die ein Sparbuch hatten, von 57 auf 95 Prozent zu, jener, die Wertpa- piere besaßen, von 3 auf 20 Prozent. 27) - 1978 hatten 47 Prozent aller Arbeiterhaushalte Haus- und Grund- besitz, 28) wenn auch mit wesentlich bescheidenerem Zuschnitt als andere Schichten. Solches Eigentum konzentriert sich zwangsläufig auf die auf dem Land lebenden Gruppen der Arbeiterklasse, die darüber vielfach am dörflichen Geltungskonsum beteiligt werden und entsprechende Interessen ausbilden. - Der Anteil der Arbeiter, für die Urlaubsreisen zu einem zeitge- mäßen Konsumstandard gehörten, stieg zwischen 1962 und 1979 von 24 auf 47 Prozent. 29) Ihre Reisen hatten den niedrigsten Anteil von allen ausgewiesenen Gruppen und waren sicher auch am wenig- sten aufwendig usw. Was jedoch für unseren Zusammenhang wichtig ist, das ist die gewaltige Steigerungsrate. - Das gilt auch für PKW-Besitz. 1960 hatten etwa 8 Prozent aller Arbeiter einen PKW, 1980 etwa 61 Prozent. 30) Die hier zusammengestellten selektiven Angaben sollen und können keine Analyse der Lebenslage der Arbeiterklasse darstellen. Sie können jedoch durchaus vermitteln, weshalb die Massen der Arbei- terklasse der BRD sich in der Vergangenheit und Gegenwart nicht an Systemalternativen orientieren. Es bedarf offensichtlich der erneuten Erfahrungen bzw. der Bestätigungen durch die Wirklich- keit, daß die Erhöhung des Konsumniveaus am dominierenden Faktor der Klassenlage nichts ändert. Dieser Sachverhalt muß und wird vor allem über die jüngeren Generationen auch infolge der oben geschilderten Zusammenhänge in das Bewußtsein und Verhalten der Arbeiterklasse zurückgeholt werden. Ein wichtiger Faktor zur Erklärung von Verhalten und Orientierung der einzelnen Gruppen der Arbeiterklasse, aber auch der Zusammen- setzung der einzelnen Gruppen, ist die berufliche und soziale Mo- bilität. Sie soll im folgenden Abschnitt angesprochen werden. 2.2 Mobilitätsprozesse ---------------------- Aufgrund vorliegender Untersuchungen des Instituts für Arbeits- markt- und Berufsforschung (IAB) 31) ist es möglich, Angaben für die Periode 1970-1979 darüber vorzulegen, woher die Zugänge zu den sozialstatistischen Gruppen kamen, wohin die Abgänge gingen und welche Umschichtungen sich innerhalb der Gruppen vollzogen. Mit solchen Mobilitätsprozessen erfolgt ein Wechsel zwischen Klassen und Schichten oder innerhalb der Klassen und Schichten, es vollziehen sich also Statusveränderungen nach "unten" oder "oben", soweit im gesellschaftlichen Bewußtsein oder im Selbstbe- wußtsein eine hierarchische Gliederung der Gesellschaft angenom- men wird. Wir werden nachfolgend für die genannte Periode vorwiegend jene Daten referieren, die die Gruppe der Arbeiter und Angestellten betreffen (vgl. Tabelle 7). Wir stellen folgendes fest: - Von jenen, die 1970 Arbeiter waren, waren es 1979 ebenfalls 73 Prozent in der gleichen Position. Über ein Viertel haben ihre Po- sition gewechselt. - Als Hauptprozeß wechselten 10 Prozent der Arbeiter zu den Ange- stellten, 3 Prozent zu den Selbständigen und 1 Prozent zu den Be- amten. - Innerhalb der Arbeiterschaft wechselten 13 Prozent (diesen Pro- zeß werden wir unten noch näher betrachten). - Von den Angestellten wechselten nur 10 Prozent aus der Gruppe, aber 21 Prozent innerhalb der Gruppe - und zwar ist hier die Hauptrichtung die Höhergruppierung (18 Prozent; bei weiblichen Angestellten 14 Prozent). Man kann also schlußfolgern, daß "Aufstiegsprozesse", was immer sie auch real bedeuten mögen, für größere Gruppen innerhalb der Arbeiterklasse relevant sind. Ebenfalls ist der Übergang in die selbständigen Mittelschichten immer noch nicht bedeutungslos. Es gab diesen Weg in den 70er Jahren immerhin für 637 000 Arbeiter und Angestellte. Nun wissen wir aus den vorn referierten Angaben, daß die Gruppe der Selbständigen per Saldo durch Abnahme und Aus- zehrung gekennzeichnet ist, weshalb für diese Mobilität eher der "Versuch auf Zeit" als ein dauerhafter Wechsel charakteristisch sein dürfte. Gleichwohl ist dieser Prozeß die Basis für den nicht versiegenden Traum, sein eigener Chef werden zu können. Tabelle 7: Mobilität bei den Gruppen der Arbeiter und Angestellten zwischen 1970 und 1979 Absolut In Prozent der Gesamtsumme A. Ausgangsstatus: Arbeiter I. Verbleib in der Gruppe der Arbeiter 7 436 000 83 1. Verbleib in der entsprechenden Statusgruppe 6 538 000 73 2. Übergang in eine niedrigere Statusgruppe 344 000 4 a) vom Fach-, Vorarbeiter oder Meister zum Hilfs- bzw. angelernten Arbeiter 319 000 4 b) vom Vorarbeiter oder Meister zum Facharbeiter 25 000 - 3. Übergang in eine höhere Statusgruppe 554 000 6 a) vom Hilfs-, angelernten Arbeiter zum Fach-, Vorarbeiter oder Meister 232 000 2 b) vom Facharbeiter zum Vorarbeiter oder Meister 322 000 4 II. Abgang aus der Gruppe der Arbeiter 1 306 000 14 1. in die Gruppe der Angestellten 879 000 10 2. in die Gruppe der Beamten 114 000 1 3. in die Gruppe der Selbständigen 313 000 3 III. Nicht bekannt 283 000 3 IV. Insgesamt 9 025 000 100 B. Ausgangsstatus: Angestellter I. Verbleib in der Gruppe der Angestellten 6 302 000 90 1. Verbleib in der entsprechenden Statusgruppe 4 826 000 69 2. Übergang in eine niedrigere Statusgruppe 227 000 3 3. Übergang in eine höhere Statusgruppe 1 249 000 18 II. Abgang aus der Gruppe der Angestellten 678 000 10 1. in die Gruppe der Arbeiter 196 000 3 2. in die Gruppe der Beamten 143 000 2 3. in die Gruppe der Selbständigen 324 000 5 III. Nicht bekannt 75 000 - IV. Insgesamt 7 040 000 100 _____ Quelle: MittAB, Nr. 4/1980, S. 523. Die weiteren Angaben zeigen, daß der Schwerpunkt der Mobilität nach der Ausbildung und in den ersten Berufsjahren liegt und bei Männern stärker ausgeprägt ist als bei Frauen. Was kennzeichnet die Gruppe der Wechsler von Arbeitern zu den Angestellten? Von den 880 000 Wechslern wechselten 310 000 auch die Wirtschaftsab- teilung; sie wurden vor allem tätig als Bürofach- und -hilfskräfte, Techniker, Pförtner, Verkäufer, Verkaufsfahrer, La- gerverwalter. Eine Kerngruppe der Arbeiterklasse waren und sind die F a c h- a r b e i t e r. Bei ihnen besteht eine große Diskrepanz zwi- schen Ausbildung und Tätigkeit. So gab es 1979 8,4 Millionen Personen mit einer Facharbeiterausbildung, aber nur 3,8 Millionen (= 45 Prozent) waren auch als Facharbeiter tätig. Was machten die anderen? - 16 Prozent (= 1,3 Millionen) absolvierten eine zusätzliche Be- rufsausbildung und wechselten in andere Gruppen; 39 Prozent (= 3,3 Millionen) wanderten ohne zusätzliche Ausbildung in eine an- dere Gruppe. In welche Gruppen wanderten sie? - Von den 1,3 Millionen Absolventen hatten l Million eine Techni- ker- und Meisterausbildung und verblieben in diesen Anwendungsbe- reichen; 62000 absolvierten eine Hochschule und 260 000 eine Fachhochschule. - 16 Prozent der früheren Facharbeiter wurden ohne weitere for- male Ausbildung Angestellte, 4 Prozent Beamte, 7 Prozent Selb- ständige oder Mithelfende und 11 Prozent (= 0,9 Millionen) Hilfs- oder angelernte Arbeiter. Diese Ströme erlangen also alle Massencharakter. Wichtig ist die letztere Gruppe. Ihre Angehörigen sind die Opfer von Fehlausbil- dung und Krisen. Bei Branchenwechsel muß in diesen Wechsel keine Verschlechterung der materiellen Situation eingeschlossen sein. Die genannte Fehlausbildung zeigt sich darin, daß nur 20 Prozent in Betrieben mit über 100 Beschäftigten ausgebildet worden waren, aber 56 Prozent dort arbeiteten. Oder: 64 Prozent waren im Hand- werk ausgebildet worden, nur 14 Prozent arbeiteten dann auch im Handwerk. Die Zahlen für die Industrie: Ausbildung 25 Prozent, Beschäftigung 48 Prozent! Die Umschichtung zeigt sich auch an den entsprechenden Angaben für Facharbeiterberufe: 32) von den ausgebildeten Bergleuten ar- beiteten nur noch 45 Prozent in ihrem Beruf, von Schmieden 44 Prozent, von Schlossern 62 Prozent, von Kfz-Mechanikern 5 5 Pro- zent, von Werkzeugmachern 52 Prozent, von Schneidern 33 Prozent, von Bäckern 34 Prozent, von Fleischern 34 Prozent, von Friseuren 34 Prozent. Während generell bei Herkunftsgruppen außerhalb der Arbeiter- schaft der Wechsel größer ist, liegt der Anteil der "erblichen" Arbeiterschaft nur bei 55 Prozent (55 Prozent der Facharbeiter, deren Väter schon Arbeiter waren, bleiben Facharbeiter). Diese Kerngruppe der Arbeiterklasse nach Sozialisation und Herkunft um- faßt 1979 etwa 2,4 Millionen Personen. Bei der Beurteilung der Entwicklung der Arbeiterklasse in den 70er Jahren muß also beachtet werden, daß massenhafte Mobilitäts- prozesse stattfinden. Auch hierbei zeigt der Massencharakter des Wechsels von Arbeitern zu Angestellten die Durchgängigkeit der Grenzlinien und den horizontalen Charakter dieses Prozesses. Gleichwohl sind diese Prozesse gerade dann, wenn sie sich nicht intragenerativ, d- h. über die Generationenfolge und das Bil- dungswesen, vollziehen, die Grundlage für Aufstiegsmentalitäten, politische Umorientierung - meist von links nach rechts - usw. Wie gerade die jüngste Entwicklung zeigt - und nicht nur in der BRD - lockert sich die sozialdemokratische und sozialistische Kontrolle gegenüber Facharbeitergruppen u. a. Sie entwickeln als Krisenreaktion Neigungen zu konservativen und nationalistischen Kräften. Mobilitätsprozesse mit horizontalem Charakter überwoge- gen bei weitem Abstiegs- und Abstufungsprozesse innerhalb der Gruppen, z.B. vom Fach- zum Hilfsarbeiter. 2.3 Zum sozialökonomischen Kern der Arbeiterklasse -------------------------------------------------- Unter dem Gesichtspunkt der Ausprägung verschiedener Merkmale und Kriterien der Arbeiterklasse oder einzelner ihrer Schichten kann vom Kern und von der Peripherie, von Kern-, Normal-, Rand-, Zwi- schen- und Übergangsgruppen der Arbeiterklasse gesprochen werden. 33) Wir hatten in den vorhergehenden Erörterungen verschiedent- lich auf diese Zusammenhänge verwiesen. Vom Standpunkt der objektiven sozialökonomischen Kriterien muß vom Kern der Arbeiterklasse bei jenen Gruppen gesprochen werden, für die der Warencharakter ihrer Arbeitskraft voll entwickelt ist, d.h. die dem Kapital in der Produktion real untergeordnet sind (reelle Subsumtion), die das materiell-personelle Substrat des variablen Kapitals in der Produktion sind. Das waren histo- risch die Fabrikarbeiterschaft, das Industrieproletariat, die In- dustriearbeiter, die auch heute noch Kerngruppen des Proletariats sind. Dies galt und gilt vom Standpunkt des Warencharakters der Arbeitskraft, der Entwicklungsstufe des Kapitalverhältnisse, dem Vergesellschaftungsgrad der Arbeit bzw. dem Entwicklungsgrad der Produktivkräfte und korrespondiert unmittelbar mit der Polarisie- rung der Klassenverhältnisse im Bereich der Anwendung der Ar- beitskraft (in der Großindustrie ist die soziale Trennung und Entgegensetzung am ausgeprägtesten, die Mittelschichten als Puf- fer sind für die Arbeiterschaft bzw. das Produktionspersonal am schwächsten, paternalistische und traditionalistische Herr- schaftsformen sind durch objektiviert-technokratische ersetzt). Dieser Zusammenhang korrespondiert weiter mit einem hohen objek- tiven und auch subjektiven Organisationsgrad der "Belegschaften" als Glieder der Arbeiterklasse (tief gestaffelte betriebliche Vertretungsorganisation, hoher Grad an gewerkschaftlicher Organi- siertheit, Präsenz der politischen und ideologischen Strömungen der Arbeiterbewegung usw.). Unter Beachtung dieser Gesichtspunkte kann heute gesagt werden, daß die Arbeiterklasse in den Großbetrieben der materiellen Pro- duktion (Energie, Bergbau, Industrie, Bau, Verkehrs- und Kommuni- kationswesen), die in den sozialökonomischen Sektor des Groß- und Monopolkapitals und des Staates eingebunden und dem Monopolkapi- tal und seinen staatlichen Repräsentanten unmittelbar konfron- tiert ist, den Kern der Arbeiterklasse der BRD darstellt. Die oben umrissenen Charakteristika sind für die Arbeiterschaft, die Angestellten- und Beamtengruppen (letztere etwa bei Großbetrieben von Bahn und Post) unterschiedlich intensiv ausgeprägt. Um diesen Kern gruppiert sich heute die Arbeiterklasse in Großbetrieben des Handels, des Bankwesens und der Dienstleistungen, obwohl diese Gruppen mehr Ähnlichkeiten mit den Angestelltengruppen in der In- dustrie besitzen, der Industrialisierungsgrad der Arbeitsbereiche noch in der Entwicklung ist, vielfach deshalb auch noch Entwick- lungsphasen der formellen Subsumtion bestehen, die Mittelschich- tenpuffer noch stark sind usw. Zweifellos vollziehen diese Berei- che eine schnelle objektive Entwicklung zum Kern der Arbeiter- klasse, weshalb für die gewerkschaftliche und politische Arbei- terbewegung auch gerade hier ein wichtiges Entwicklungsfeld be- steht. Gleichwohl können die entgegenwirkenden Faktoren nicht nur aus zurückgebliebenem Bewußtsein und Verhalten erklärt werden, sondern es müssen die objektiven soziologischen Faktoren beachtet werden. Nachfolgend sollen für die jüngere Zeit einige Angaben zum Kern der Arbeiterklasse vorgestellt werden. Umrisse ------- Für 1961 und 1970 konnten die sozialökonomischen Sektoren der Wirtschaft, und darunter auch jener des Groß- und Monopolkapi- tals, und die jeweils dort ausgebeuteten Teile der Arbeiterklasse auf der Basis der Arbeitsstättenzählungen relativ exakt bestimmt werden. 34) Dies ist für die nachfolgende Periode nicht bzw. nur für einige Bereiche der Wirtschaft möglich. 1970 umfaßte der sozialökonomische Sektor des Groß- und Monopol- kapitals (Betriebe über 1000 Beschäftigte) 5 195 000 Beschäftigte (1961 = 5 921 000) oder 24,7 Prozent aller Beschäftigten (1961 = 26,6 Prozent) und beutete 5 182 000 Angehörige der Arbeiterklasse (1961 = 4 619 000) oder 24,4 Prozent (1961 = 23,3 Prozent) der gesamten Arbeiterklasse unmittelbar aus. Zwar ist in den 70er Jahren der Anteil der Großbetriebe insgesamt vermutlich zurückge- gangen, der groß- und monopolkapitalistische Sektor dürfte jedoch angesichts der Konzentration und Monopolisierung weiter gewachsen sein, obwohl sich hier auch die faktische Produktionsverlagerung ins Ausland niedergeschlagen hat. Angesichts des Kapitalumfangs, der organischen Zusammensetzung usw. muß u.E. für Ende der 70er Jahre generell die Grenze nach unten, in den Betriebsgrößenbe- reich 500-999 Beschäftigte verlagert werden. Die folgende Tabelle 8 enthält Angaben zu den industriellen Groß- betrieben. 36) Tabelle 8: Beschäftigte der Großindustrie *) 1960-1981 Beschäftigte in Betrieben mit . . . bis . . . Beschäftigten in Tausend 500-999 1 000 und mehr 1960 1 038 3 227 1970 1 172 3 570 1981 1 001 1) 2 933 2) _____ *) im Bergbau und verarbeitenden Gewerbe 1) Anzahl der Betriebe = 1 433 (1970 = 1 688) 2) Anzahl der Betriebe = 1 053 (1970 = 1 290) Quelle: Beiträge des IMSF 3/II, a.a.O., Tabelle 2/76; Stat. BA, FS 4, 4.1.2 (Tabelle I.2). Beide erfaßten Größenklassen weisen für die 70er Jahre Abnahmen auf. Rückläufig ist auch die Anzahl der Betriebe in beiden Grö- ßenklassen. Zu beachten ist, daß in den Zahlen für 1981 schon die Wirkungen der zyklischen Krise durchschlagen, somit die Abnahme möglicherweise etwas überhöht zum Ausdruck kommt. Der Umfang des großindustriellen Kerns der Arbeiterklasse ist damit geschrumpft. Tabelle 9: Beschäftigte in den Großbetrieben der materiellen Produktion 1980 Beschäftigte in Betrieben Bereich von . . . bis . . . Beschäftigten in Tausend in Prozent aller Beschäftigten *) 500-999 1000 u. mehr 400-599 1000 u. mehr 1. Bergbau 26 184 11,1 78,6 2. Grundstoff- und Produktions- gütergewerbe 181 821 11,6 52,8 3. Investitions- gütergewerbe 519 1 790 13,5 46,7 4. Verbrauchs- gütergewerbe 215 259 13,5 10,0 5. Nahrungs/Genuß- mittelgewerbe 76 70 15,2 14,2 1.-5. 1 016 3 024 13,2 39,2 6. Bauhauptgewerbe 53 151 5,6 15,9 7. Energie- und Wasserversorgung 28 176 10,0 62,6 _____ *) Beschäftigte insgesamt: 7 718 000 Quelle: Stat.BA, Statistisches Jahrbuch 1982, S. 176 ff., 195, 206. Die Angaben für 1980 werden in Tabelle 9 auf die Wirtschaftsgrup- pen der materiellen Produktion aufgeschlüsselt. Sie enthalten auch das Handwerk der jeweiligen Bereiche. Deshalb sind die Kon- zentrationsziffern nicht vergleichbar mit jenen der früheren In- dustriestatistik. Immerhin zeigt sich auch hier für Bergbau und verarbeitendes Gewerbe insgesamt eine Quote für die Großbetriebe von 39 Prozent, unter Einschluß der Betriebe von 500 bis 999 Be- schäftigte von 52 Prozent. Die quantitativen Schwerpunkte liegen im Grundstoffbereich (Stahlindustrie) und im Investitionsgüterbereich (Fahrzeugbau, Elektroindustrie, chemische Industrie). Die höchste Konzentration haben der Bergbau und die Energieversorgung (Kraftwerke). Die innere Struktur dieser Bereiche der Großindustrie ist sehr unterschiedlich. Greift man etwa die Angestelltenquote 37) als ein Kennzeichen heraus, so ergibt sich bei einem Durchschnitt für das verarbeitende Gewerbe im September 1982 von 30,8 Prozent eine Streuung von 19,2 Prozent für den Bergbau und 23,9 Prozent für das Kfz-Produktions- und Reparaturgewerbe über 35,9 Prozent im Maschinenbau und 38,1 Prozent im Elektrogewerbe bis zu 46,3 Pro- zent in der chemischen Industrie, 52,7 Prozent in der Luftfahrt- industrie und 67,9 Prozent in der EDV-Industrie. Wie man sieht, stellen die Angestellten in einem Teil jener modernen Industrien, in denen die unmittelbare Fertigung einen hohen Technisierungs- und Automationsgrad aufweist, schon über die Hälfte der Beschäf- tigten, auch in Konzernen wie IBM u.a. Angesichts dieser Entwick- lung ist der alte Mythos vom Industriearbeiter eine Barriere ge- gen die realistische Erkenntnis der Arbeiterklasse von heute. Der sozialökonomische Sektor des Großkapitals erschließt sich auch aus Angaben zur Unternehmensform der Einzelkapitale. Aktien- gesellschaften sind in der Regel die Organisationsform kollekti- ven Kapitals und damit dem monopolistischen Einzelkapital ad- äquat. 38) Hierzu gehören bekanntlich auch einige GmbHs und Per- sonalgesellschaften. Am 31. Dezember 1980 gab es in der BRD 2141 AGs und 255 940 GmbHs. 39) 700 der AGs (einschließlich KG A) be- standen im verarbeitenden Gewerbe, 420 im Bank- und Versiche- rungssektor, 570 im Dienstleistungsbereich. In diesen Unternehmen tritt auch ein kollektiver Kapitalist, der sich nicht in einem personellen Eigentümer ausdrückt, der Arbeiterklasse unmittelbar entgegen. Der ökonomische Prozeß weist bestimmte Grade von Öf- fentlichkeit auf, und das institutionelle Vertretungssystem der Belegschaften ist in den entsprechenden Großunternehmen durch Aufsichtsratsvertreter ergänzt. Auch die ganze kapitalistische Ideologie muß hier schon die durch den Vergesellschaftungsgrad bedingte Modifikation erfahren. Metallindustrie --------------- Nachfolgend fassen wir einige Angaben zur Metallindustrie, einem traditionellen und auch heute wichtigen Kernbereich der Arbeiter- klasse der BRD zusammen, und zwar vor allem hinsichtlich der Or- ganisation und organisatorisch-politischen Potenz der Arbeiter- klasse. Dieser Bereich ist das Organisationsfeld der IG Metall, der größ- ten Einzelgewerkschaft im DGB. Tabelle 10 enthält Angaben im Zu- sammenhang mit den Betriebsratswahlen. Tabelle 10: Betriebsräte in der Metallwirtschaft 1961 1968 1978 1. Zahl der Betriebe, in denen Betriebsratswahlen stattfanden 7 049 7 744 10 528 2. Beschäftigte in 1. in Tausend 3 332 3 524 3 769 3. Angestelltenquote von 2. 20,9 26,4 30,9 4. Anzahl der gewählten Betriebsratsmitglieder 47 469 52 472 67 285 5. Mitglieder der IGM von 4. in Prozent 82,2 82,6 84,5 _____ Quelle: Vorstand der IG Metall (Hrg.), Geschäftsbericht 1977-1979 des Vorstandes der IGM für die BRD, Frankfurt/Main, o. J., S. 256. Unter dem Begriff Metallwirtschaft werden Industrie und Handwerk zusammengefaßt (in der Statistik = Gewerbe). Die Tabelle macht nur Angaben über die Beschäftigten in Betrieben mit Betriebsrä- ten; 1978 waren das etwa 70-75 Prozent aller Betriebe der Metall- wirtschaft, die auch die Kleinbetriebe ohne Betriebsräte umfaßt. In der dargestellten Periode sind der erfaßte Bereich, die Anzahl der Betriebsräte und die Zugehörigkeitsquote zur IGM gewachsen. 1978 waren 54 Prozent der wahlberechtigten "Arbeitnehmer" in die- sem Bereich Mitglieder der IGM. Die Organisationsquote der aus- ländischen Beschäftigten liegt ebenfalls bei 54 Prozent. 40) Für 1968 hatte die IGM Organisationsquoten für einzelne Bereiche ver- öffentlicht: Stahlindustrie 67,7 Prozent, Fahrzeugbau 51,0 Pro- zent, Maschinenbau 47,1 Prozent, Elektroindustrie 28,2 Prozent. 41) Es treten also beachtliche Unterschiede auf, die sowohl sozi- alstrukturelle als auch historische Gründe haben. Die wichtigste Gewerkschaftsstruktur an der betrieblichen Mit- gliederbasis bilden die gewerkschaftlichen Vertrauensleute. Nach den Ergebnissen von 1979 gab es 112 144 Vertrauensleute in 4893 Metallbetrieben mit 2914000 Beschäftigten, von denen 58,8 Prozent Mitglieder der IGM waren. 42) Als Vertrauensleute werden auch die IGM-Mitglieder der Betriebsräte erfaßt. Von den Vertrauensleuten waren etwa 20 Prozent Angestellte, von denen 61 Prozent in Groß- betrieben (1970) ernannt oder gewählt worden waren. Ausländische IGM-Mitglieder stellten 1979 7,5 Prozent der Ver- trauensleute. Dieser Anteil lag zwar unter ihrem Mitgliederanteil (1978 = 11,7 Prozent oder 315 000), 43) war aber doch wesentlich höher als die Ausländerquote an den Betriebsräten (1978 = 4 Pro- zent, bei einem Ausländerbeschäftigtenanteil in diesem Bereich von 14,8 Prozent oder 557 000). 44) Der Umfang der "Kernbetriebe" unter den Gesichtspunkten der Orga- nisation der Arbeiterklasse zeigt sich auch an der Existenz von Jugendvertretungen: 1978 wurden in 2992 Betrieben der Metallwirt- schaft 6065 Jugendvertreter gewählt, darunter 89,6 Prozent IGM- Mitglieder. 45) Einen weiteren Hinweis auf die "Kernbetriebe" ge- ben auch die Unternehmen, in denen Belegschaften und Gewerkschaf- ten Auf-sichtsratsmitglieder nach dem Mitbestimmungsgesetz von 1976 wählen. Es sind dies i.d.R. Kapitalgesellschaften mit über 2000 Beschäftigten. 1979 gab es in der Metallindustrie 185 sol- cher Unternehmen, darunter 28 im Montanbereich. Sogenannte Ar- beitnehmervertreter für die Aufsichtsräte wurden 1068 gewählt; von ihnen waren 92,9 Prozent IGM-Mitglieder. 46) Zum Abschluß referieren wir Angaben zur Mitgliederstruktur der IGM für 1970 und 1979. 47) Hier zeigen sich gut die Probleme der gewerkschaftlichen Formierung der Arbeiterklasse (vgl. Tab. 11). Tabelle 11: IGM-Mitglieder 1970 und 1979 1970 1979 IGM-Mitglieder in Tausend in Prozent in Tausend in Prozent Frauen 227 11,2 380 14,2 bis 21 Jahre 296 13,3 395 14,7 Arbeiter 1985 89,3 2286 85,1 Angestellte 238 10,7 400 14,9 insgesamt 2223 100,0 2685 100,0 Der schwache Punkt bleibt die Organisierung der Angestellten. Der Zuwachs beruht bei dieser Gruppe weniger auf Neugewinn als auf Wechsel von Arbeiter- in Angestelltentätigkeiten bzw. auf der einfachen Übernahme von Arbeitern in das Angestelltenverhältnis. Natürlich ist die Erhöhung der Mitgliederzahlen auch ein Moment der Stärkung der Kampfkraft der Arbeiterklasse. Man würde jedoch die Augen vor der Wirklichkeit schließen, wollte man nicht die heute schon vorhandene beachtliche potentielle Kraft zur Kenntnis nehmen: Es genügt, einen Blick auf die Mitgliederzahlen der Ge- werkschaften, die Organisationsgrade in Kernbereichen der Arbei- terklasse, Tiefe und Umfang der betrieblichen Vertretungen und der gewerkschaftlichen Basisorganisation zu werfen. 48) Ange- sichts der Anzahl der gewerkschaftlichen Aktivisten nehmen sich selbst die Zahlen der Aktivisten aus Bürgerinitiativen bescheiden aus. Dieses sehr große Potential der Arbeiterklasse, das den we- sentlichen Bereich ihrer Gegenorganisation im Kapitalismus dar- stellt, ist jedoch, wie bekannt, in institutionalisierte Formen der Klassenbeziehungen und in den Kleinkrieg zwischen Lohnarbeit und Kapital eingebunden. Die weithin noch ungebrochene Hegemonie sozialdemokratischen Einflusses in diesem Bereich, d. h. im Kern der Arbeiterklasse der BRD, ist die eigentliche Basis des gesell- schaftlichen Einflusses der Sozialdemokratie. Auch linker Einfluß wird nur dann gesellschaftlichen Bestand haben, wenn er sich hier verankern kann. Das zeigt auch die Nachkriegsgeschichte der kom- munistischen Strömung positiv wie negativ. Bekanntlich wurde die gesamte Geschichte der BRD u.a. davon ge- prägt, welcher Einfluß von diesem Kern der Arbeiterklasse aus- ging. Solange rechtssozialdemokratische und generell integratio- nistische Anpassungstendenzen Raum gewannen, verminderte sich dieser Einfluß. 49) Sobald kämpferische Interessenvertretung und Reformforderungen in den Belegschaften Resonanz fanden, erlangte der Kern Ausstrahlungskraft auf die gesamte Arbeiterklasse und Gesellschaft. Solange er sich nur im Kleinkrieg verschleißt, so wichtig und unverzichtbar dieser Einsatz war, ist und bleiben wird, kann der Kern der Arbeiterklasse nicht zum dynamischen und vorwärtstreibenden Faktor der Entwicklung werden. Dies zeigt sich zu Beginn der 80er Jahre, angesichts verschärften Krisendrucks, der neuen Bewegungen, der Bedeutung der Friedensfrage usw. sehr klar. 50) 3. Der Betrieb als Formierungsbasis der Klasse ---------------------------------------------- Die Bestimmung des Betriebes als Basis der Entwicklung von Klas- sendenken und Klassenverhalten folgt aus der R o l l e d e r P r o d u k t i o n im gesellschaftlichen Prozeß und der V e r w e r t u n g s p h a s e im Gesamtprozeß der Arbeits- kraft. Wie immer auch die Wechselwirkung der einzelnen Phasen oder Sphären zueinander und ihre jeweilige relative Eigenentwick- lung und Autonomie zu bestimmen sind, so ändert dies nichts an der Basisfunktion des Betriebes und seiner gestaltenden Rolle. Vom Standpunkt des Lebenszyklus der Individuen ist der Abschnitt der Berufs- oder Erwerbstätigkeit der entscheidende; alle übrigen sind darauf bezogen. Und im Rahmen dieses Lebensabschnitts kommt der Erwerbsarbeit die determinierende Rolle zu. Die übrigen Re- produktions- und Lebensphasen sind darauf bezogen - unabhängig von den Vorstellungen einzelner Individuen. Dieses gilt in ver- mitteltem Sinne auch für jene Gruppen der Arbeiterklasse, für die der Zugang zur Erwerbsarbeit blockiert ist, also für die Arbeits- losen in der weitesten Definition, oder deren Reproduktionsfunk- tion die Beteiligung hinfällig macht (Hausfrauen). Dies ist der allgemeine theoretische Kontext, in dem die Rolle des Betriebes bestimmt werden muß. Wenn man auch auf dem gesamt- gesellschaftlichen Charakter der Arbeiterklasse und ihrer Formie- rung bestehen muß und deshalb syndikalistische "Basiskonzepte" zu verwerfen sind, so bleibt doch der Betrieb, die Fabrik ein zen- trales Glied der Konstitution und der Reproduktion der Arbeiter- klasse als Klasse. Wenn man die heutigen Bedingungen der Entwick- lung der Arbeiterklasse und der Bildung sozialistischen Bewußts- eins verstehen will, muß man - das galt natürlich eh und je - die sozialen Verhältnisse im Betrieb betrachten. Produktionsund Klas- senpraxis der Arbeiterklasse sind eng miteinander verbunden. Die Veränderung der Produktionspraxis verändert auch die Klassenpra- xis usw. Die folgenden Überlegungen und Anmerkungen können und sollen nicht den Anspruch einer systematischen "Ableitung" oder Darstellung erheben. Sie sollen auf einige Grundstrukturen und einige neue Prozesse aufmerksam machen. Wäre die kapitalistische Fabrik oder der kapitalistische Betrieb ein abgeschlossener Raum für sich, dann wäre die politische und ideologische Verallgemeinerung der hier gemachten Lohnarbeiterer- fahrungen Klassenbewußtsein und sogar sozialistisches Bewußtsein. Aber weder ist der Betrieb ein geschlossener Raum noch ist die Bildung sozialistischen Bewußtseins ein unvermittelter Prozeß. Denn zum einen tritt der empirische Arbeiter oder Angestellte als Träger von Haltungen und Vorstellungen in den Betrieb, in denen die gesamtgesellschaftliche, geschichtliche Entwicklung und die entsprechende der Klasse, die seiner engeren Gruppe und seine ei- gene zum Tragen kommen. Und da die Arbeiterklasse geschichtlich entstanden ist und eine Geschichte hinter sich hat, finden sich die für die Gesellschaft bzw. die Arbeiterklasse jeweils relevan- ten ideologischen und politischen Strömungen auch im Betrieb. Diese Vorstellungen und Haltungen überlagern somit und vermitteln bis zu einem gewissen Grad die unmittelbaren betrieblichen Lohn- arbeitererfahrungen, die - unbeeinflußt von "außen" - zu Klassen- denken und -verhalten tendieren müßten. Gemeinhin sieht man im b e t r i e b l i c h - g e w e r k s c h a f t l i c h e n K a m p f die Ebene des relativ spontanen und naturwüchsigen ö k o n o m i s c h e n K l a s s e n k a m p f e s, der gegen die jeweiligen Unternehmer geführt wird. Abgesehen davon, daß sich dieser Kampf in Tarifbewegungen gegen Teile der Kapitali- stenklasse und heute, allerdings mehr indirekt (z.B. bei Lohn- leitlinien), auch gegen den SMK als System richtet, somit also immer auch auf die gesellschaftlichen und staatlichen Verhält- nisse bezogene Züge annehmen muß, darf nicht übersehen werden, daß auf dieser Ebene auch Bewußtseins- und Verhaltensmuster, Or- ganisationsformen und Kampfmethoden herausgebildet werden. In Großbetrieben ist das Netz der betrieblich-gewerkschaftlichen Ge- genorganisation der Arbeiterklasse engmaschig und tief gestaf- felt. Hier zeigt sich eine wichtige Ebene der Klassenorganisation der Arbeiterklasse, die nicht ignoriert werden kann, wenn von Klassenorganisation heute die Rede ist. Jede tiefgreifende Bewe- gung der Arbeiterklasse mit politischem Charakter, die also auf die politischstaatlichen Machtverhältnisse bezogen ist, nimmt, wie die Geschichte zeigt, hier ihren Ausgangspunkt oder durch- dringt diesen Bereich der Klassenorganisation. Klassenautonomie umgreift und bedarf der Aktionsfähigkeit auf allen Ebenen; sie kann sich nicht nur auf der ökonomischen, der betrieblichen Ebene verwirklichen und Politik und Ideologie außer acht lassen. Diese Beziehung gilt auch für die Wirksamkeit der politisch-ideo- logischen Strömungen der Arbeiterbewegung - aber auch für jene der Bourgeoisie und der Mittelschichten, die in und auf die Ar- beiterklasse einwirken - auf der ökonomischen Ebene und im be- trieblich-gewerkschaftlichen Bereich. Zum einen sind diese Strö- mungen durch mehr oder weniger organisierte personelle Träger präsent, zum anderen wirken sie von "außen" auf die betrieblich- gewerkschaftlichen Verhältnisse ein. Diese Wechselwirkung muß be- achtet werden, wenn wir die Dynamik betrieblicher Bewegungen und die Möglichkeiten der Formierung der Arbeiterklasse auf dieser Ebene beurteilen wollen. In das Zentrum der Aufmerksamkeit rücken dabei die K l a s s e n o r g a n i s a t i o n i m B e t r i e b und die sie b e e i n f l u s s e n d e n K r ä f t e u n d F a k t o r e n. Im Rahmen gesellschaftlich und politisch gege- bener Verhältnisse sind dies Struktur, Geschichte, Kampferfahrun- gen der Belegschaften, die Gewerkschaften, die politischen Par- teien und Gruppierungen usw. Indizien dieser Kräfte und Faktoren sind die Wahlen und die Zusammensetzung der Vertretungskörper- schaften, die Kampfbereitschaft und -praxis auf ökonomischem Ge- biet, die Beteiligung an fortschrittlichen politischen Bewegun- gen. Diese Formierung vollzieht sich, was keinen Augenblick ver- gessen werden kann, unter den Bedingungen der Herrschaft des Ka- pitals und der kapitalistischen Betriebsorganisation. Sie findet hierin ihren Gegenpol und ist somit in den Prozeß des Antagonis- mus von Lohnarbeit und Kapital eingebunden. Ja, es geht vor allem darum, wie die ökonomischen und sozialen Bedürfnisse der Arbeiter und Angestellten gegenüber dem Kapital durchgesetzt werden und welcher Modus, welche Methoden, Verfahren usw. dabei wirksam wer- den. Weder die betriebliche noch die gewerkschaftliche Struktur ist eine reine Widerspiegelung der politisch-parlamentarischen Kräf- teverhältnisse bzw. deren Strömungen und Gruppierungen. Sie sind auch keine einfache Widerspiegelung der politischen Kräftever- hältnisse in der Arbeiterklasse; vielmehr erhalten diese eine Um- formung. Deshalb waren und sind die Versuche der Übertragung der Proporzdemokratie auf den betrieblich-gewerkschaftlichen Raum nur kaum verschleierte Unterdrückungsmethoden der Bonner Kartellpar- teien früher und der Rechtskoalition heute, die allerdings immer dann fallen gelassen werden, wenn "Außenseiter" berücksichtigt werden müßten oder sie nicht mehr zugunsten der Bourgeoisherr- schaft ausschlagen. Dann schlägt die Stunde, wo die bürgerlichen Ideologen die Unregierbarkeit beklagen, den vorher gefeierten Wählerwillen in Zweifel ziehen und neue Herrschaftsformen anprei- sen. Daß die betrieblich-gewerkschaftliche Ebene nur in modifizierter Form und in anderen Kräfteverhältnissen die allgemeinen politi- schen Strömungen reproduziert, mußte auch die CDU bei ihrem zeit- weise favorisierten Experiment der christlichen Spaltergewerk- schaften realisieren, die bei weitem nicht den CDU-Anhang unter den Arbeitern und Angestellten für sich mobilisieren konnten. Die Strukturen der Einheitsgewerkschaft mußten somit von der CDU/CSU akzeptiert werden, was sie zur Entwicklung ihres Instrumentes der Sozialausschüsse veranlaßte. Auf diesen Umstand werden in umge- kehrter Hinsicht auch die Kommunisten verwiesen, deren betriebli- che Repräsentanten erfolgreich sein können, ohne diese Zustimmung bei der gleichen Wählerschaft auf politisch-parlamentarischer Ebene erreichen zu können. Selbst die weithin vorherrschende so- zialdemokratische Hegemonie in diesem Bereich stellt sich als komplizierteres Phänomen dar: nämlich als Präsenz und Kampf zweier Strömungen, einer sozialintegrationistisch-sozialpartner- schaftlichen und einer meist kämpferischen reformistischen, wobei letztere gegenüber dem politischparlamentarischen Bereich eine wesentlich stärkere Position hat. Dies verweist darauf, daß erstens die Klasseninteressen auf der betrieblichökonomischen Ebene zur Einheit der Haltung, des Han- delns und der Vertretung tendieren - anders sind Klasseninteres- sen schwer durchzusetzen, daß zweitens Basismilitanz nach wie vor in den betrieblichen Verhältnissen und den entsprechenden Struk- turen der Arbeiterklasse ihre Grundlage hat, daß aber drittens ihre politische und ideologische Verallgemeinerung, die Dynamik ihrer Ausstrahlung in den politischen Raum unter den derzeitigen Bedingungen eingeschränkt ist. Der Klassenantagonismus auf der ökonomischen Ebene reproduziert somit nach wie vor Klassendenken und Klassenverhalten in den Belegschaften. Aber es bleibt auf die ökonomische Ebene beschränkt. Dies mag oder mochte noch mehr oder weniger spontane "Verlängerungen" zur Stimmabgabe für die SPD einschließen, aber auch das gilt, wie die jüngere Entwicklung oder wie bestimmte Regionen (z.B. Baden-Württemberg) zeigen, nicht mehr ungebrochen. Und es gilt nicht mehr für die Herausbil- dung sozialistischen Bewußtseins. Dieser Zusammenhang verweist uns auf den Umstand, daß die i d e o l o g i s c h e H e g e m o n i e der klassenorientier- ten Kräfte i m B e t r i e b in der Regel die Ebene des ökono- mischen Klassenkampfes umfaßt, aber diese Ebene unter den heuti- gen Bedingungen nur schwer durchstoßen kann, selbst wenn die mit der ökonomischideologischen Hegemonie verbundene soziale und, po- litische Kontrolle über die Klassenorganisation stabil ist. Die Wahlempfehlung des Betriebsrates oder Gewerkschaftsfunktionärs hat somit geringe Verbindlichkeit, während seine Empfehlungen zum Verhalten gegenüber dem Unternehmer befolgt werden. Gegenüber der geschichtlichen Periode der Formierung der Arbei- terbewegung und Arbeiterklasse in ihrer Frühphase zeigt sich hierin ein wichtiger Unterschied. Es ist auch kaum zu erwarten, daß sich die früheren Verhältnisse wieder einstellen, was nicht ausschließt, daß unter bestimmten Bedingungen gerade von den Be- trieben - oder besser: von der betrieblich-gewerkschaftlichen Ba- sis - Tendenzen sozialistischer Politisierung ausgehen können. Was die Wirkung in die Gewerkschaften betrifft, so gibt es auch gegenwärtig viele Impulse mit dieser Tendenz, wobei aber insge- samt festgestellt werden muß, daß hier schon die Vermittlungsebe- nen ein größeres aktives Gewicht besitzen, freilich nicht losge- löst von den Tendenzen an der Basis. Fragt man nach den Gründen, so haben soziologische Untersuchungen viele V e r ä n d e r u n g e n markiert, die die Arbeits- und Reproduktionssituation, die sogenannten Sozialisationsbedingungen usw. betreffen. Dazu gehören u. a.: die Auflösung der subkul- turellen Arbeitermilieus und relativ geschlossenen Arbeiterwohn- gebiete; 51) das größere Gewicht der Angestellten und ihrer ob- jektiv bedingten Mentalität in den Belegschaften; 52) die größere Rolle des Bildungswesens für die Sozialisation des Nachwuchses der Arbeiterklasse; der Verlust der Kontrolle der Arbeitsgruppen über die mit der Ausbildung verbundene Sozialisation mit der Er- weiterung des Gewichts der allgemeinen und der außerbetrieblichen Bildung und Ausbildung; 53) die Abwanderung potentieller Führer und Meinungsbildner der Arbeiterklasse durch die Demokratisierung der höheren Bildung (2. Bildungsweg usw.); 54) die Änderung der Lebensperspektive der mittleren Jahrgänge mit der Senkung des Rentenalters bei gegenüber früher hohen Renten; die Verringerung der Wochen- und Jahresarbeitszeiten und damit die Vergrößerung der Nichtarbeits- und der Urlaubszeiten; 55) das rasch gestei- gerte Konsumtionsniveau und die Ausweitung des Umfanges befrie- digter Bedürfnisse - bisher ohne längere Blockaden für die Mehr- heit der Klasse; die größere Bedeutung bestimmter Formen des Kon- sums (Auto, Urlaubsreisen, Eigenheim) für Zielorientierung und Lebensrhythmus und als sozialpsychologische Ventile; die im mate- riellen Versorgungsstand und bei Sozialleistungen gegebene inter- nationale Spitzenstellung; die gesteigerte Rolle von "Soziallohn"; 56) die immense Bedeutung der Massenmedien, vor al- lem TV, Radio und Boulevardpresse für die Meinungsbildung außer- halb des unmittelbaren Erfahrungsbereiches, 57) damit eine starke Minderung der ideologischen Kontrolle der Arbeiterbewegung, die sich früher mit der sozialen Kontrolle der betrieblichen und au- ßerbetrieblichen Milieus ergab. Diese und andere Momente 58) sind anzuführen, wenn ein kursorischer Überblick über wichtige Verän- derungen in den Existenz- und Formierungsbedingungen der Arbei- terklasse gegeben werden soll, die die Entwicklung ihrer politi- schen und ideologischen Organisationen und Ausdrucksformen be- treffen. Damit wird die entscheidende Rolle betrieblicher Erfah- rungen und Situationen nicht aufgehoben, ihre prägende Wirkung für die Herausbildung sozialistischen Bewußtseins wird jedoch ab- geschwächt. Wo früher die Übernahme der sozialistischen oder kom- munistischen Orientierung des älteren Kollegen für den Lehrling eine den Normen der Klassenorganisation entsprechende Selbstver- ständlichkeit war - und es dann nur darum ging, welcher Strömung der Arbeiterbewegung man sich anschloß -, so ist dies heute selbst hinsichtlich der außerbetrieblichen gewerkschaftlichen Ak- tivitäten kaum noch der Fall. Dabei muß zweifellos auch die bundesrepublikanische Geschichte nach 1945 mit ihren Ergebnissen für die Arbeiterklasse Beachtung finden. Bekanntlich ist es ein Ergebnis der Kämpfe der Nach- kriegszeit und der Niederlagen der Arbeiterklasse, daß kommuni- stischer und klassenkämpferischer Einfluß und seine Verankerung in den Gewerkschaftsapparaten marginalisiert wurden. 59) Dies stand auch im Zusammenhang mit dem kalten Krieg, den Ost-West-Be- ziehungen, der relativ geringen Attraktivität des Sozialismus in ökonomisch zurückgebliebenen Ländern für die Arbeiterklasse eines industriell hochentwickelten Landes usw. Unter diesen Bedingungen realisierte sich in den meisten Betrieben die Vorherrschaft sozi- aldemokratischen Einflusses, mit der schon genannten äußerst wichtigen Differenzierung, die in der Besetzung der Vertretungs- gremien und der Kontrolle der betrieblich-gewerkschaftlichen Klassenorganisation ihren Niederschlag fand. Somit besteht heute weithin eine S i t u a t i o n o r g a n i s a t o r i s c h u n d p o l i t i s c h b e s e t z t e r F e l d e r. 60) Eine solche Struktur kann sich aber nur insoweit reproduzieren und Stabilität behalten, wie sie auf der Ebene des ökonomischen Kampfes die wesentlichen aktuellen Interessen der Arbeiterklasse durchsetzen kann, sei es durch Mobilisierung der Belegschaft und durch Kampf, sei es durch Vermittlung. Diese Strategien hängen von der Ausprägung des Antagonismus ab, also nicht zuletzt auch vom Verhalten des Kapitals. Entfällt der materielle Spielraum - wie vielfach gegenwärtig in der Krise-, wird die Gangart härter. Es reifen Bedingungen des politisch-personellen Wechsels in der Führungsstruktur der betrieblichen Klassenorganisation heran. Träger des Alternativangebotes können jetzt die klassenorientier- ten Kräfte werden, für die nun die Chance besteht, auf der Ebene des ökonomischen Kampfes die Hegemonie zu erlangen und hierbei auch für die Belegschaften neue Zugänge zur politischen und ideo- logischen Verallgemeinerung zu eröffnen. Realistischerweise muß jedoch in Rechnung gestellt werden, daß die Durchsetzung neuer linker Strömungen auf besetzten Feldern, im Rahmen schon beste- hender Strukturen auf wesentliche Schwierigkeiten stößt und sich nicht als "Durchmarsch" des neuen Basistrends verwirklichen kann. Davon zeugen etwa die jüngeren Entwicklungen im Bereich der IG Chemie, Papier, Keramik. Von Interesse ist auch die Unterschei- dung zwischen alten und neuen Betrieben und Bereichen, zwischen schrumpfenden und expansiven. Alte Betriebe und Bereiche geben die Basis der genannten Entwicklungen ab. Auffällig ist nun, daß dann, wenn es gleichzeitig auch ökonomisch schrumpfende Bereiche sind, die alten Führungsgruppen mit ihren alten Strategien ihre Position und Kontrolle festigen und sogar noch verstärken können. Dies gilt im Extremfall für den Kohlenbergbau des Ruhrgebietes und die IG Bergbau. Im Unterschied dazu bringen die Arbeiter und Angestellten neuer Betriebe und Branchen die Außenfaktoren in die betrieblich-ge- werkschaftliche Klassenorganisation, die sich in der Regel erst im Kampf mit dem Kapital formiert. Wir haben damit relativ offene Felder, in denen die politischen und sozialen Strömungen der jün- geren Generation stärker zum Tragen kommen und Einfluß auf die Führungsstruktur erlangen können. Dies gilt gegenwärtig etwa für den Bereich der HBV, der ÖTV u. a. Die allgemeine Virulenz der jüngeren Generationen der lohnabhängigen Mittelschichten kommt auch in diesen Bereichen zur Geltung. Ihr soziales Gewicht in diesen Betrieben und Branchen macht jedoch auch deutlich, weshalb es für die Durchsetzung einer Arbeiterklassenpolitik Grenzen gibt, die gerade in den Privilegieninteressen dieser als "Vorkämpfer" aktiven Schichten bestehen. Die in diesen Betrieben und Bereichen sich entwickelnden Belegschaftsstrukturen nehmen in stärkerem Maße als bei den alten Industriegewerkschaften die Ten- denzen der neuen sozialen Bewegungen, der Friedensbewegung und generell linksorientierte Forderungen und Bestrebungen auf. Dies widerspiegelt sich unmittelbar in den Strömungen der aktiven Kräfte, nicht aber unbedingt im Durchschnitt der dort zumeist be- schäftigten Angestellten. Notwendigerweise bestehen auch wesentliche Unterschiede zwischen G r o ß- u n d a n d e r e n B e t r i e b e n. Wir hatten einige Fragen im Zusammenhang mit dem sozialökonomischen Kern der Arbeiterklasse schon angesprochen. Zu den objektiven Bedingungen des Großbetriebes gehört die Polarisierung der Klassenverhält- nisse, die größere Dimension der Klassenorganisation, die größere potentielle Kampfkraft. All dies begründet jedoch keinen automa- tischen Trend. Gerade Konzernunternehmen mit besonders stabilen Monopolen hatten es in der Vergangenheit verstanden, ausgespro- chen sozialpartnerschaftliche Haltungen zu verstärken und zu fe- stigen, so z.B. Bayer oder Höchst. Objektiv gleich strukturierte Betriebe wie die BASF weisen demgegenüber eine stärkere Klassen- tendenz in den Belegschaftsstrukturen auf, was zeigt, daß weitere historische, sozialstrukturelle und politische Faktoren beachtet werden müssen. Im Vergleich gibt es Klein- und Mittelbetriebe mit langen Kampftraditionen und progressiven Belegschaftsstrukturen. Dies verweist darauf, daß keine mechanischen Übertragungen mög- lich sind. Jedoch ist es klar, daß in Großbetrieben - schon in- folge der größeren Zahlen - auch die politischen Strömungen und Strukturen weiter ausgeprägt sind (so sind l Prozent von 2000 Be- legschaftsangehörigen 20 Personen, also eine Gruppe, die bei or- ganisiertem und zielstrebigem Vorgehen beachtliche Einflußmög- lichkeiten besitzt; bei 200 sind l Prozent nur 2 Personen). Mas- seneffekte bergen also immer auch qualitative Momente in sich. Zu beachten ist auch, daß dies vor allem für die Vertretungs- und Funktionärsgremien gilt. Ein Vertrauensleutekörper mit 100 Mit- gliedern stellt nicht nur ein Kraftpotential dar, sondern in ihm kann auch eine andere auf Belegschaftsmassen zurückwirkende Dyna- mik zustande kommen als bei einer entsprechenden Gruppe von viel- leicht 3 Personen in einem Kleinbetrieb. Hinzu kommen Merkmale wie: Leitfunktion 61) für die Arbeiterschaft der Branche oder Re- gion; "freiere" Organisationsund Entfaltungsmöglichkeiten der Ar- beiter und Angestellten, weil widerwärtiger personaler Abhängig- keit ledig, was allerdings durch die Etablierung der staatlichen und betrieblichen Schnüffel- und Überwachungsdienste wieder zu- rückgenommen wird; außerdem: höhere Löhne, bessere und formali- sierte Aufstiegsmöglichkeiten, größere Beschäftigungssicherheit, betriebliche Renten, Beteiligungen und Sozialleistungen u. a. Diese Faktoren gelten besonders für Staatsunternehmen. Sie be- gründen bei weitem keine idyllischen Zustände, sondern markieren nur Unterschiede zu anderen Wirtschaftssektoren. Was die BRD be- trifft, so sind diese Unterschiede allerdings nicht so ausgeprägt wie in Japan oder den USA. 62) Vor allem im Bereich der Großbetriebe besteht eine Beziehung, die als Betriebsöffentlichkeit bezeichnet werden kann. Dies ist ein wichtiger Raum des ökonomischen Kampfes. Er fällt i.d.R. aus der "Betreuung" durch die bürgerlichen Medien heraus - abgesehen von spektakulären Vorgängen. Mündliche Übermittlung, Schwarzes Brett, aber auch Zeitungen der Firma und der Unternehmer sind hier die "normalen" Medien. B e t r i e b s z e i t u n g e n p o l i- t i s c h e r G r u p p e n, in der Regel der DKP 63) oder anderer linker Gruppen, können in diesem Rahmen und Raum eine beachtliche Rolle spielen. Ihre Wirkung ist natürlich schwer meßbar, es sei denn, die Aufmerksamkeit und Gegenaktionen der Un- ternehmensleitungen können als Indiz gewertet werden. Man muß je- doch deutlich erkennen, daß auch ihnen im Prozeß der Verallgemei- nerung auf die politische und ideologische Ebene gegenwärtig re- lativ enge Grenzen gezogen sind. Immerhin haben sie sich in vielen Betrieben als unverzichtbare Instrumente der Klassenorga- nisation etabliert. Wenn man die politischen Bemühungen der Parteien betrachtet, so unternimmt nur die DKP zielstrebige Aktivitäten zum Ausbau ihrer B e t r i e b s g r u p p e n und Betriebsgruppenarbeit. 64) Ihre Ausgangspunkte und Positionen sind wie folgt umrissen: "Es liegt in der Natur der Arbeit in den Betrieben, daß hier mehr als irgendwo anders die Gemeinsamkeit der Klasseninteressen der Ar- beiter und Angestellten unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit zum Ausdruck kommt, ja, daß Aktionseinheit geradezu herausgefor- dert wird." "Kommunistische Betriebsarbeit ist immer auch Ringen um Aktionseinheit." 65) Wie wir ausgeführt hatten, ist die Betriebsarbeit für eine marxi- stische Klassenpartei auch heute unverzichtbar. Man darf aller- dings nicht von einer stärkeren Verankerung im Betrieb allein schon eine Stärkung auf politisch-parlamentarischen Ebene erwar- ten. Die große Chance der DKP-Orientierung besteht vielmehr mit- tel- und langfristig darin, die kommunistische Strömung als einen relevanten Faktor im Rahmen und in der betrieblichen Klassenorga- nisation zu etablieren und gemeinsam mit den klassenorientierten Kräften anderer parteipolitischer Präferenz (vor allem linksso- zialistischer bzw. linkssozialdemokratischer Position) Einfluß nicht nur bei der Durchsetzung der Hegemonie klassenorientierter Haltungen im ökonomisch-betrieblichen Kampf auszuüben, sondern auch bei der jeweils möglichen und zweifellos mit der Verschär- fung von Krisenprozessen wieder zunehmenden politischen und ideo- logischen Verallgemeinerung der "spontanen" betrieblichen Klas- senerfahrungen. Wenn wir die aktuelle Situation in den Belegschaften und Gewerk- schaften zur Kenntnis nehmen, wie dies im einzelnen in anderen Beiträgen dieses Bandes der Fall ist, dann kann nicht einfach ein Linkstrend oder gar ein Aufbruch zu neuen Ufern festgestellt wer- den. 66) Die Diskrepanz zu anderen sozialen und politischen Sek- toren der BRD ist in dieser Hinsicht offenkundig. Ja, es kann ge- genwärtig im gewerkschaftlichen Bereich durchgängig noch nicht einmal von einer kämpferischen Bewahrung der Errungenschaften der sozialliberalen Ära und der dem entsprechenden Verhältnisse in der Arbeiterklasse gesprochen werden. Vielmehr entwickelt ein rechtssozialdemokratischer Flügel der Gewerkschaften unter dem Druck der Krise, der Unternehmer und der Rechtskräfte die Neigung zur Zusammenarbeit mit dem CDU/CSU-FDP-Block. Für diese Öffnung nach rechts wird die Legitimation in Umorien- tierungen im Wahlverhalten von Angestellten- und bestimmten Ar- beiterschichten gesehen, die für konservative Stimmungen empfäng- lich sind. Demgegenüber ist die Wahl der Grün-Alternativen der Versuch eines Ausbruchs aus dem festgefügten Parteienkartell der FDGO-Parteien, die Tendenz nach links. Es ist somit angebracht, einer dialektischen Sichtweise zum Recht zu verhelfen. Die durch die Krise bewirkte bzw. verschärfte sozialökonomische und gesell- schaftliche Polarisierung findet ihre Entsprechung in der Gewerk- schaftsbewegung, an der betrieblich-gewerkschaftlichen Basis und - vermittelt und abgeschwächt - auch im politisch-parlamentari- schen Raum. In den Aufbau polarer Kraftfelder ist jedoch unver- meidlich Bewegung und Veränderung einprogrammiert. Die relative Stabilität wird durch Labilität ersetzt. Gegenüber den 60er und 70er Jahren scheint sicher: Offene Situationen bringen auch neue Chancen für die Linken. _____ 1) Beiträge des IMSF 3, Klassen- und Sozialstruktur der BRD 1950- 1970, Teil I: Klassenstruktur und Klassentheorie; Teil II: Sozi- alstatistische Analyse; Teil III: Die Intelligenz der BRD 1950- 1970 (Verf. Ch. Kievenheim, D. Pollmann), Frankfurt/Main 1972-74 (wegen verschiedener Ausgaben zitieren wir nur unter Verweis auf die Abschnitte); A. Leisewitz, Klassen in der Bundesrepublik Deutschland heute, Frankfurt/Main 1977; Arbeitsmaterialien des IMSF 11, Arbeiterklasse und Intelligenz in Ungarn und in der Bun- desrepublik Deutschland, Frankfurt/Main 1980; Arbeitsmaterialien des IMSF 12, Der staatsmonopolistische Kapitalismus der BRD in Daten und Fakten (hier: Kapitel 3: Die Produktivkräfte in unserer Zeit, Kapitel 5: Klassenstruktur und sozialökonomische Klassenge- gensätze im SMK, Kapitel 10: Klassenkräfte und Klassenkämpfe im und gegen den SMK der BRD), Frankfurt/Main 1981. Eine sachliche, knappe und informative Darstellung der Diskussi- onspositionen bei: B. Kirchhoff-Hund, Theorien sozialer Ungleich- heit, Westberlin 1981. 2) In diesem Abschnitt sind einige Gedanken zusammengefaßt aus H. Jung, Das revolutionäre Subjekt in der Marx'schen Theorie und heute, in: IMSF (Hrsg.), Marx ist Gegenwart, Frankfurt/Main 1983; Thesen des IMSF, Karl Marx und das revolutionäre Subjekt in der Welt von heute, Frankfurt/Main, März 1983. 3) Dies ist eine im Prinzip syndikalistische und meist intelli- genzfeindliche Haltung, die mitunter vor allem in durch manuelle Arbeiter geprägten Klassenorganisationen entstanden ist. Es herrscht die unbegründete Ansicht vor, daß nur "Blaumänner" echte Revolutionäre sein könnten. Derartige Haltungen sind immer wieder auch als Reaktionen auf die politische und ideologische Gängelung entstanden. Zu diesem Komplex beim frühen Arbeiterkommunismus: H. J. Sandkühler, Proletariat und Wissenschaft, in: "... einen großen Hebel der Geschichte", Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF, SI (1982), S. 305ff. 4) Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie (1845/46), in: MEW, Bd. 3, S. 195. 5) Nach den Angaben bei: L. Winter, Das Proletariat in der Welt von heute. Wesen, Umfang, Strukturveränderungen, Berlin/DDR 1982. 6) Deshalb schrieb W.I. Lenin: "Das Wichtigste in der Marxschen Lehre ist die Klarstellung der weltgeschichtlichen Rolle des Pro- letariats als des Schöpfers der sozialistischen Gesellschaft." W.I. Lenin, Die historischen Schicksale der Lehre von Karl Marx (1913), LW, Bd. 18, S. 576. 7) Das zeigt auch sehr gut die Hauptrichtung der antimarxisti- schen Angriffe im Karl-Marx-Jahr 1983. Vgl. den Beitrag von W. Schwarz in diesem Band, sowie: H. Jung, W. Schwarz, Zur Marx-Be- schäftigung in der BRD im Jahr 1983, in: IMSF (Hrsg.), Marx ist Gegenwart, a.a.O. 8) Dieser Abschnitt gibt in gersffter Form die Grundzüge der Dar- legungen wieder in: Beiträge des IMSF 3/I, a.a.O., Kap 4: Zur Anatomie der Klassen und Schichten. 9) Vgl. Beiträge des IMSF 3/1, a.a.O., Abschn. 2.3: Die Defini- tion der antagonistischen Grundklassen durch W.I. Lenin. 10) L. Winter, Das Proletariat, a.a.O.; wir beziehen uns nachfol- gend auf den Text der S. 27-39. 11) Ebenda, S. 33; hier zitiert der Verf. auch eine Stelle aus der IMSF-Studie (IMSF-Beiträge 3/1, a.a.O., Ausgabe Verlag Marxi- stische Blätter, S. 159/60), aber in völlig entstellendem Sinne. Wir schilderten hier die historische Ausgangsbasis der lohnabhän- gigen Mittelschichten und nannten solche Kategorien, die zu Marx' Zeiten und gerade auch von Marx selbst zu den Mittelschichten und nicht zum Proletariat gerechnet wurden. Wir fuhren dann fort, wie die kapitalistische Entwicklung zur Differenzierung dieser Grup- pen führte und wir heute große Teile von ihnen als Teile der Ar- beiterklasse anzusehen haben. In seinem Eifer ignoriert dies der Verf. und unterstellt uns die Übernahme der historisch frühen Si- tuation in die Gegenwart. 12) Ebenda, S. 51 ff.; anstatt den Zusammenhang der Lenin-Defini- tion herauszuarbeiten, konstruiert der Verfasser eine Hierarchie der Kriterien. 13) Ebenda, S. 33. 14) Zu den aktuellen Prozessen vgl. u.a. P. Delitz, Tiefgreifende Verschlechterung der Existenzbedingungen der Arbeiterklasse in der gegenwärtigen Krise, in: IPW-Berichte H. 4/1983, S. 26 ff., sowie ferner: P. Delitz, J. Groß, Auswirkungen der Intensivierung des kapitalistischen Reproduktionsprozesses auf die Arbeiter- klasse der BRD, in: IPW-Berichte H. 9/1980, S. 1 ff. 15) Nach: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (MittAB), Nr. 1/1983, S. 9. 16) Unter den unzähligen neueren Studien zur Arbeitslosigkeit in der BRD ist besonders hervorzuheben: Institut für internationale Politik und Wirtschaft (IPW), IPW-Forschungshefte, 3/1982, Ber- lin/DDR (Ursachen und Folgen chronischer Massenarbeitslosigkeit). 17) Ebenda, S. 9. 18) Nach: Statistisches Bundesamt (StatBA), Fachserie (FS) 1, Reihe (R) 4.1.2, 1980, S. 14. 19) Ebenda, S. 15. 20) Vgl. L. Troll, Arbeitsplatz Büro, in: MittAB, 4/1982, S. 480ff. 21) Ebenda, S. 486. 22) Ebenda, S. 492. 23) Im Rahmen eines ideologischen US-Standardproduktes sind diese Konzeptionen vertreten und dargestellt von: D. Bell, Die nachin- dustrielle Gesellschaft, Frankfurt/Main, New York 1975. 24) Zur theoretischen Diskussion und Bestimmung vgl.: Beiträge des IMSF 3/III: Die Intelligenz der BRD 1950-1970 (Verf. Ch. Kie- venheim, D. Pollmann), Frankfurt/Main 1974. Interessante Ein- blicke vermittelt auch: E.J. Hobsbawm, Die Intellektuellen, die Arbeiterbewegung und die Linke, in: Sozialismus, Nr. 5/1982, S. 49 ff. (Nachdruck aus dem Englischen). Den an das Wachsen dieser Schichten geknüpften Wünschen des freischwebenden Intellektuellen freien Lauf gibt: M. Vester, Thesen zur Klassen- und Schichten- struktur und zu den Entwicklungsperspektiven, in: Frankfurter Rundschau vom 5. April 1983. 25) Vgl. hierzu die Beiträge von K. Maase, W. Roßmann, H. Werner, L. Bading in: Marxistische Studien, 5 (1982), a.a.O., sowie von F. Karl in: Marxistische Studien, 4 (1981), a.a.O. 26) Berechnet nach: StatBA, Statistisches Jahrbuch (StatJb) 1982 der BRD, S. 59. Möglicherweise ist es bei der Generationsgruppen- bildung günstiger, dem zentralen Ereignis die mittlere Jahrgangs- gruppe zuzuordnen. 27) Zit. nach: Bundespresse- und Informationsamt der Bundesregie- rung (Hrsg.), Gesellschaftliche Daten 1982, Bonn 1982, S. 176 (vgl. zum Gesamtkomplex auch die Daten in: Arbeitsmaterialien des IMSF 12, Der staatsmonopolistische Kapitalismus, a.a.O., Kap. 5.2: Ökonomische und soziale Ungleichheit). 28) Ebenda, S. 177. 29) Ebenda, S. 197. 30) Ebenda, S. 195, 253. 31) Alle in diesem Abschnitt angeführten Angaben entstammen - so- fern nicht anders vermerkt - aus: H. Hofbauer, Statusmobilität in den 70er Jahren, MittAB, 4/1980, S. 521 ff.; ders., Berufswege von Erwerbstätigen mit Facharbeiterausbildung, MittAB, 2/1981, S. 127 ff. 32) Die Berufsgruppen enthalten auch die Selbständigen. 33) Vgl. hierzu: Beiträge des IMSF 3/I, a.a.O., Teil I, Abschn. 5.1.2.4: Die Arbeiterschaft der Großindustrie - der Kern der Ar- beiterklasse; sowie: Beiträge des IMSF 3/II, a.a.O., Abschn. 6.2: Die Arbeiterklasse. 34) Vgl. ebenda, 3/II, Abschn. 6.2, Tab. 6/9. 35) Ebenda, Tab. 3.4/39. Die Angaben zu den sozialökonomischen Sektoren sind auch wiedergegeben in: Marxistische Studien. Jahr- buch des IMSF, 2 (1979), S. 80 ff., hier sind auch die Angaben zum Sektor des Auslandskapitals in der BRD vorgelegt. Dieser Sek- tor erfaßte 1976 9,9 Prozent der Beschäftigten des produzierenden Gewerbes und des Handels, darunter in der Mineralölverarbeitung eine Quote von 86 Prozent, in der Chemischen Industrie von 23 Prozent, im Kraftfahrzeugbau von 25 Prozent (ebenda, S. 83). 36) Leider ist mit der Umstellung der Statistik auf die Gewerbe- konzeption ein Vergleich mit den Ergebnissen der früheren Indu- striestatistik nicht mehr möglich. Eine Umrechnung wurde durch das StatBA für die zurückliegende Periode nicht vorgenommen. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, daß die Großbetriebe Indu- striebetriebe sind. Dies ermöglicht den Vergleich dieser Angaben. 37) Nach: StatBA, FS 4, R. 4.1.1., 1982 (zit. nach Bundesarbeits- blatt, 2/1983, S. 112). Die Angestelltenziffern enthalten hier auch die tätigen Inhaber und Mitinhaber. 38) Es geht hier nicht um die Konzernstruktur, in deren Rahmen die Monopolbourgeoisie bekanntlich über unscheinbare Firmen häu- fig die Kontrolle ausübt, sondern um die Einheiten des fungieren- den Kapitals, das Lohnarbeitermassen unmittelbar ausbeutet. 39) StatBA, Statjb 1982, S. 112, 170. 40) Vorstand der IG Metall (Hrsg.), Geschäftsbericht 1977-1979 des Vorstandes der IG Metall für die BRD, Frankfurt/Main, o.J. (nachfolgend als: IGMI), S. 255, 475. Hierzu ist zu vermerken, daß es trotz umfassender Stäbe und wis- senschaftlicher Abteilungen offensichtlich nicht möglich war, einen einheitlichen statistischen Überblick über den Organisati- onsbereich der IGM zu geben oder gar eine durchgängige Vergleich- barkeit der Angaben mit vorhergehenden Jahren und Jahrzehnten zu ermöglichen. So gibt es in dem voluminösen Werk je nach Zustän- digkeitsbereich unterschiedliche Angaben zur Metallwirtschaft. Dies beruht natürlich auch z. T. auf den Ungereimtheiten der amt- lichen Statistik - vor allem mit der Umstellung der Bereichskon- zepte. Es fehlen gleichermaßen in dem gesamten Band differenzierte Anga- ben zu den Organisationsquoten - eine Schlüsselzahl für die Ver- ankerung der Gewerkschaft. (Vgl. Arbeitsmaterialien des IMSF 12, Der staatsmonopolistische Kapitalismus, a.a.O., S. 379 ff. Hier werden für die IGM folgende Organisationsquoten angegeben: 1960 = 36,9 Prozent, 1968 = 33,7 Prozent, 1977 = 45,4 Prozent; allgemein ist auch die Organisationsquote in Großbetrieben höher. Nach ei- ner zitierten Infas-Studie betrug sie für Facharbeiter 1977/78 in Betrieben mit über 2000 Beschäftigten 75 Prozent, in Betrieben zwischen 11 und 100 Beschäftigten 39 Prozent und im Durchschnitt 52 Prozent. Dies ist in der Tendenz ähnlich für alle erfaßten Gruppen.) 41) Vorstand der IG Metall (Hrsg.), Geschäftsbericht 1968-1970 der IGM für die BRD, Frankfurt/Main, o.J. (Zit. als: IGM II), S. 188 ff. 42) IGM I, S. 436. 43) Ebenda, S. 475 ff. 44) Ebenda. 45) Ebenda, S. 275. 46) Ebenda, S. 256 ff. 47) Ebenda, S. 174, IGM II, Anhang. 48) Vgl. zu weiteren stat. Angaben zur betrieblich-gewerkschaft- lichen Struktur der Arbeiterklasse: Arbeitsmaterialien des IMSF 12, Der staatsmonopolistische Kapitalismus, a.a.O., Abschn. 10.2: Die Organisationen der Arbeiterklasse in der BRD; ebenso die An- gaben und Argumentationen von: W. Roßmann, Arbeiterklasse, so- ziale Bedürfnisse und gewerkschaftliche Politik, in: Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 5/1982, S. 42 ff. 49) Dies wird gut deutlich bei: Ch. Kiessmann, Betriebspartei- gruppen und Einheitsgewerkschaft (1945-1952), in: Vierteljahres- hefte für Zeitgeschichte, 31. Jg. 1983, 2. H. (April 1983), S. 272 ff. Der Beitrag zeigt in den vorgeführten Fakten, daß in der unter- suchten Periode die rechtssozialdemokratische Parteiführung - mit Unterstützung der Besatzungsmächte, der Unternehmer und der Staatsorgane - unter Mißachtung der Gebote der Einheitsgewerk- schaft einen rigorosen Kampf gegen die Kommunisten und ihren Ein- fluß in den Betrieben führte. U. a. auch als Ergebnis dieses Kampfes wurde der Einfluß der Kommunisten stark zurückgedrängt und die Achse der betrieblich-gewerkschaftlichen Klassenorganisa- tion nach rechts verschoben. Dies zeigte sich daran, daß dann die CDU in den Betrieben Versuche starten konnte, Einfluß zu gewin- nen. Insgesamt zog sich jedoch die SPD in der Folgezeit als Par- tei stärker aus den Betrieben zurück und installierte ihre Orga- nisationsstrukturen eher oberhalb der Betriebe. Mit der Afa wur- den in den 70er Jahren erneute Versuche unternommen, vorhandenen Einfluß auch organisatorisch zu stabilisieren und politisch umzu- setzen. 50) Vgl. F. Deppe, Einheit und Spaltung der Arbeiterklasse, Mar- burg 1981. 51) Vgl. auch: K. Maase, Neue Bewegungen: Gesellschaftliche Al- ternative oder kultureller Bruch?, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 5 (1982), S. 10 ff. 52) Vgl. hierzu die Ergebnisse einer neueren Untersuchung zur Si- tuation und den Bewußtseinsstrukturen von Arbeitern und Ange- stellten in Großbetrieben: W. Kudera, K. Ruff, R. Schmidt, Blue collar - white collar: grey collar? Zum sozialen Habitus von Ar- beitern und Angestellten in der Industrie, in: Soziale Welt, Nr. 2/1983, S. 221 ff. Die Verfasser stellen in diesen Betrieben deutliche Verhaltens- und Einstellungsunterschiede der Arbeiter und Angestellten fest, die nicht nur in der unterschiedlichen Tradition und außerbe- trieblichen Sozialisation begründet sind, sondern eine eindeutige Reproduktionsbasis in den unterschiedlichen Arbeitsbedingungen im Betrieb haben. All dies führt bei den Arbeitern zu einem antago- nistisch und durch kollektive Solidarität geprägten Weltbild, während für die Angestellten eine funktionalistische und durch die Konkurrenz geprägte Sichtweise vorherrscht. Diese Sichtweise ist stärker bei kaufmännischen, weniger bei technischen Ange- stellten ausgeprägt. Somit kann also selbst bei unteren und mitt- leren Angestellten nicht erwartet werden, daß sie ein kollektives Verhalten ausprägen und internalisieren, obwohl sie dazu in Kampfsituationen auch gezwungen sind. Die Verschiebung zwischen Arbeitern und Angestellten bedeutet also tatsächlich auch Schwer- punktverlagerungen im Habitus der Arbeiterklasse und notwendiger- weise die Eröffnung anderer Zugänge zur Entwicklung von Klassen- bewußtsein. Dies ist in unserer Sicht eben Ausdruck der erst for- mellen Subsumtion in den Arbeitsbereichen, einer nur geringe Trennung von der Gegenklasse und den Mittelschichten und des un- mittelbaren Einflusses der Mittelschichtnormen bzw. der Normen der bürgerlichen Gesellschaft. 53) Vgl. I. Drexel, Die Krise der Anlernung im Arbeitsprozeß, in: Soziale Welt, Nr. 3/1980, S. 368 ff. 54) In den 70er Jahren betrug die Anzahl von Facharbeitern, die nach der Ausbildung bzw. nach Abbruch der Facharbeitertätigkeit eine Hochschule absolvierten, 62 000 (Fachhochschulen 262 000) (H. Hofbauer, Berufswege, a.a.O., MittAB, 2/1981, S. 128). 55) Zahlen für die 60er und 70er Jahre bei: K. Maase, Arbeitszeit - Freizeit - Freizeitpolitik, Informationsbericht des IMSF 27, Frankfurt/Main 1976. Nach Gesellschaftliche Daten 1982 (a.a.O., S. 157) wuchs die Freizeit je Erwachsenem in der BRD von täglich 5:41 Stunden 1964 auf 7:29 Stunden 1980. 56) So unterliegt heute ein Viertel des Gesamtverbrauches der Privathaushalte der öffentlichen Vermittlung (vgl. J. Bischoff u.a., Jenseits der Klassen?, a.a.O., S. 133ff.). 57) So machte der Medienkonsum eines durchschnittlichen Bundes- bürgers 1977 in der Woche 30:10 Stunden aus, darunter für TV 11:31 und für Radio 7:26 Stunden (Arbeitsmaterialien des IMSF 12, Der staatsmonopolistische Kapitalismus, a.a.O., S. 308). 58) Diese Veränderungen betreffen die Arbeitsvollzüge und Ar- beitsanforderungen, die Kooperationsverhältnisse am Arbeitsplatz, die Entlohnungsformen usw. 59) Vgl. Ch. Kiessmann, Betriebsgruppen, a.a.O. 60) Vgl. Institut für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED (Hrsg)., Proletariat der BRD. Reproduktion - Organisation - Ak- tion, Berlin/DDR 1974. 61) Woraus etwa für die DKP folgt: "Die Verankerung unserer Par- tei, die Stärkung und Aktivität unserer Betriebsgruppen in den Groß- und Konzernbetrieben ist das Kernstück unserer Orientierung auf die Arbeiterklasse." (H. Mies, Die Rolle der Arbeiterklasse in unserer Zeit - die Aufgaben der Betriebsgruppen der DKP, Rede auf der 6. Parteivorstandstagung der DKP am 13.714. November 1982 in Düsseldorf, Manu. Vgl. zum Gesamtkomplex ebenfalls: ders., Die Aktualität der Marxschen Lehre von der Rolle der Arbeiterklasse und ihrer Partei, in: Marxistische Studien, SI, a.a.O., S. 49 ff., bes. Abschn. VII.). Von Interesse für die entsprechenden Änderungen in der Arbeiter- klasse generell: R. Urbany, Was geht in der Arbeiterklasse vor?, in: Probleme des Friedens und des Sozialismus, Prag, H. 9/1982, S. 1175 ff. 62) Vgl. für die Verhältnisse in den USA: V. Bornschier, Duale Wirtschaft, Statuszuweisung und Belegschaftsintegration, in: So- ziale Welt, H. 2/1983. 63) Das Deutsche Institut der Wirtschaft gibt die Zahl von 412 regelmäßig erscheinenden DKP-Betriebszeitungen an. Dieser Angabe wird von der DKP nicht widersprochen (vgl. H. Mies, Die Rolle, a.a.O.). 64) Betriebsgruppen besitzt die DKP in einem großen Teil, aber nicht in allen Groß- und Konzernbetrieben (ebenda). 65) H. Mies, Die Rolle, a.a.O. 66) Zur aktuellen Entwicklung vgl.: Soziale Bewegungen. Analyse und Dokumentation des IMSF, H. 12, Nicht wehrlos - doch wohin? Gewerkschaften und neue soziale Bewegungen unter der CDU-Herr- schaft, Frankfurt/Main 1983. zurück