Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983
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SIND IN DER NACHT ALLE KATZEN GRAU ODER:
WAR SCHILLER TATSÄCHLICH DASSELBE WIE ERHARD?
Replik auf die Kritik von Borchardt/Sauer
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Heinz Jung
Ich bin Klaus Borchardt und Thomas Sauer zu Dank verpflichtet für
ihren Versuch einer gründlichen Kritik an der von mir mitvertre-
tenen Konzeption der privatmonopolistischen Entwicklungsvariante
des SMK der BRD seit 1973/74. Gleichwohl bin ich der Meinung, daß
ihre Abhandlung weder Argumente noch Fakten enthält, die ein ad-
acta-Legen der Konzeption rechtfertigen würden. Aus meiner Sicht
kritisch gelesen, kann ihrem Beitrag eher die Notwendigkeit ent-
nommen werden, für den genannten Zeitpunkt tatsächlich einen Va-
riantenwechsel zu konstatieren.
Wenn ich es richtig verstanden habe, vertreten sie gegenüber dem
Konzept der Entwicklungsvarianten und des Variantenwechsels ein
Konzept der Kontinuität der Wirtschafts- und Sozialpolitik seit
Gründung der BRD. Eine Zuspitzung auf die Ebene des "Formwandels
des wirtschaftspolitischen Instrumenteneinsatzes", wie die Ver-
fasser die Konzeption des Variantenwechsels interpretieren, halte
ich für ungerechtfertigt, weil damit eine Einengung und Formali-
sierung erfolgt. Außerdem ist die Formulierung unklar.
Gleichzeitig argumentieren die Verfasser jedoch (unter Beachtung
der wirtschafts-und sozialpolitischen Tatsachen), daß sich gegen
Mitte der 70er Jahre eine Schwerpunktverlagerung vollzogen habe.
Damit stellen sie mit den Verfechtern des Variantenkonzepts eine
gleiche Problemlage her.
Bei etwas subtilerer Fassung der Entwicklung hätten sie auch in
der Periode der großen Koalition ähnliche Umschlagsmomente fest-
stellen können. Hier argumentieren sie aber nach dem Motto: "In
der Nacht sind alle Katzen grau", es gab keinen Unterschied zwi-
schen Erhard und Schiller, Tatsächlich sind in der Nacht alle
Katzen grau. Was die Bejahung des Kapitalismus betrifft, gibt es
zwischen Erhard und Schiller keinen Unterschied. Beide sind grau,
ebenso wie unter diesem Gesichtspunkt Keynes und Hayek oder der
Keynesianismus und der Monetarismus. Verläßt man aber diese
Ebene, dann zeigen sich mitunter gravierende Unterschiede. Wenn
man so will, drücken diese Unterschiede auf der Ebene der Ideolo-
gie, der Doktrinen in bestimmter Weise den Unterschied zwischen
etatistischer und privatmonopolistischer Variante aus. Dieses Be-
griffspaar ist nicht ideal. Jörg Huffschmids Einwand besteht zu
Recht, daß bei jeder Variante das Monopolinteresse der Angelpunkt
sei. Trotzdem erfordern unterschiedliche Umstände unterschiedli-
che Strategie- und Realisierungsvarianten mit unterschiedlichen
Aktivitätsschwerpunkten. Nach wie vor erscheint das benutzte Be-
griffspaar so exakter als vorgeschlagene andere (reaktionär - re-
formorientiert, staatlich - marktwirtschaftlich, dirigistisch -
marktwirtschaftlich, direkte - indirekte Regulierung).
Die Verfasser werfen die Frage nicht auf, ob es überhaupt notwen-
dig und der Erkenntnis förderlich ist, derartige Varianten her-
auszuarbeiten. Wären die Verfasser in dem von ihnen betrachteten
Zeitraum nur vier bis fünf Jahre weiter zurückgegangen, so hätten
sie sich der Bejahung dieser Frage bzw. der Problemstellung kaum
entziehen können. In ihre Betrachtung wären mit der faschisti-
schen Kriegswirtschaft und dem sogenannten Wirtschaftsdirigismus
der Nachriegszeit eindeutig etatistische Varianten einbezogen ge-
wesen.
Das hätte den Blick für die tatsächlich betrachtete Periode ge-
schärft, auch dafür, daß in den Übergang von Erhard zu Schiller
diese Umschlagsmomente eingeschlossen waren. Dem lag ebenso wie
dann 1973/74 die strategische Umorientierung - oder, wenn man so
will, die Definition der Interessen unter veränderten äußeren und
inneren Bedingungen - zugrunde, was in Schwerpunkt- und Formände-
rungen der Wirtschafts- und Sozialpolitik seinen Ausdruck fand.
Man brauchte dazu nur etwa die Verschiebungen in der Haushalts-
struktur zu beachten, ebenso die Entwicklung der Staatsbeschäfti-
gung, der Sozial- und Umverteilungsquoten - aber auch die "Ver-
wissenschaftlichung" der entsprechenden Apparate, die "Planungs-
euphorie" usw. Es sei um Nachsicht gebeten, daß wir hier diesen
Nachweis nicht auf der Ebene der empirischen Fakten führen. Das
würde den Rahmen einer Replik sprengen.
"Instrumentarien" wirken nie im luftleeren Raum, sondern haben
einen konkreten gesellschaftlichen Kontext. So auch Globalsteue-
rung, Finanzplanung, Stabilitätsgesetz usw. Meines Erachtens ist
es unzutreffend, daß niedrige Inflationsraten ewig und immer seit
1949 höchste Priorität gehabt hätten. Bei Schiller war Wachstum
das Motto der Zeit. Erst die Bedingungen nach 1973 verlangten im
Interesse der Stärkung der internationalen Konkurrenzposition und
der Verlagerung der Krisenlasten auf die anderen den rigiden Au-
steritätskurs, und zwar mit und im Rahmen der vorhandenen Instru-
mentarien. Quantitative Vergleiche allein, etwa des absoluten
oder relativen Volumens sogenannter Konjunkturprogramme, sind für
sich genommen unzureichend. Man muß ja unbedingt das Reaktions-
feld, etwa Ausmaß und Tiefe der Krise, berücksichtigen. Was frü-
her ein großes Volumen war, war angesichts der neuen Krisendimen-
sionen noch nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein.
Wie drücken K. Borchardt und T. Sauer die Gründe des Wechsels
1973/74 aus? Nach ihrer Meinung kommt nun, drückt man es in exak-
teren Termini aus, der Gegensatz von einzelmonopolistischen und
Systeminteressen zum Tragen - der im Aufschwung verdeckt gewesen
sei -, was die Inadäquanz der vorhandenen Instrumentarien aufge-
deckt und somit Umorientierungen notwendig gemacht habe. Verall-
gemeinert man den Sachverhalt, dann bedeutet dies ja nichts an-
deres als die Modifikation im Interaktionsmechanismus von Monopo-
len und Staat, dessen Hauptfeld eben die Wirtschafts- und Sozial-
politik ist. Dies ist gerade die Grundthese des Varianten-
wechsels.
Zum Schluß möchte ich an folgende Anekdote erinnern: Am 14. Juli
1789, dem Tag des Sturmes des Volkes von Paris auf die Bastille,
soll Ludwig XVI. in sein Tagebuch eingetragen haben: "Nichts!"
Das war natürlich eine extrem ignorante Haltung gegenüber Wesent-
lichem und Neuem. In der Normalform sagt man dazu: "Er sieht den
Wald vor lauter Bäumen nicht". Das drückt vielleicht besser aus,
daß es nicht ausreicht, eine Entwicklung nur als Strom von Ereig-
nissen und als Kontinuität zu begreifen. Vielmehr besteht eine
Entwicklung immer auch aus Formwandel und relativem Bruch, rela-
tiver Diskontinuität. Vermag man dem nicht Rechnung zu tragen,
gelingt nur eine positivistische Registratur von Ereignissen,
aber kaum die wissenschaftliche Erkenntnis.
Bezogen auf unser Diskussionsproblem geht es darum, gerade die
Diskontinuitäten in der Entwicklung des Interaktionsmechanismus
von Monopolen und Staat aufzudecken. Das, ist das Kernproblem im
Variantenkonzept. Vielleicht ist der Beitrag von Klaus Borcbardt
und Thomas Sauer ein guter Kontrast, um das mit aller Deutlich-
keit zu erkennen.
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