Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983

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LEUGNET DER MARXISMUS DIE FRAUENFRAGE?

Eine Antwort an Frigga Haug --------------------------- Ingeborg Nödinger / Alma Steinberg Die Art, wie Frigga Haug die Möglichkeit zur Erwiderung nutzt, hat uns erstaunt. Sie wirft ihrer Kritikerin Inkompetenz vor, weist den Vorwurf aber nicht an der Sache selbst nach. Vielmehr setzt sie an zu einer Grundsatzkritik an den angeblichen Positio- nen der im Zusammenhang der Arbeiterbewegung organisierten Frauen - auf die Argumente von Ute H.-Osterkamp geht sie nicht ein. Wir antworten hier noch einmal auf Frigga Haug, weil es um theoreti- sche Kernfragen des Verhältnisses von Frauenbewegung und Arbei- terbewegung geht und weil die Kritik (die eingestreuten "Hausnummern" wie IMSF und Marxistische Blätter sind da eindeu- tig) vor allem gegen die m a r x i s t i s c h e Auffassung von Frauenemanzipation gerichtet ist. I. Frigga Haug ist angetreten, das Verhältnis von Arbeiterbewegung und Frauenbewegung n e u zu bestimmen. Kritisierte sie vor ei- nigen Jahren noch feministische Gruppierungen, weil diese Klas- senunterdrückung und Frauenunterdrückung als voneinander unabhän- gig betrachteten und "als , autonome Frauenbefreiungsgruppen ... nichts mit einer 'männerdominierten Partei oder Organisation' zu tun haben wollen", so lautet ihr Einwand heute: Den inneren Zu- sammenhang von Frauenbewegung und Arbeiterbewegung, wie ihn die Marxisten feststellen, gibt es so nicht. Dies lasse sich sowohl an der Geschichte der Arbeiterbewegung als auch an der marxisti- schen Frauenemanzipationstheorie nachweisen. Zum Beleg baut sich Frigga Haug aus einigen Beispielen einen Po- panz, der dann ohne große Mühe abzufertigen ist. So stellt sie nach einem knappen Blick auf die Geschichte pauschal fest, die Arbeiterbewegung sei im großen und ganzen eine männliche Bewegung mit frauenfeindlichen Tendenzen gewesen und habe für Fraueneman- zipation wenig übrig gehabt; führende Vertreter, Marx voran, hät- ten z.B. eine männliche Denk- und Sprachform nie überwunden. Ist diese Fundamentalkritik auch stichhaltig? Hat Frigga Haug bei ih- rem Parforceritt durch die Geschichte wirklich historisch analy- siert? Werden die bestimmenden Entwicklungslinien der Arbeiterbe- wegung nachgezeichnet? "Antworten, die wir finden, hängen ab von der Fragen, die wir stellen", heißt es in Frigga Hangs Text. Wie fragt sie nach der Haltung der Arbeiterbewegung zur Frauenemanzipation? Nicht ge- fragt wird nach den prinzipiellen Unterschieden zwischen revisio- nistischen und revolutionären Positionen zur Frauenfrage - es ist einfach die Rede von "der" Arbeiterbewegung. Man muß schon kräf- tig die Augen verschließen, um zu übersehen, wie sich mit der marxistischen Gesellschaftstheorie die wissenschaftliche Theorie der Frauenemanzipation entwickelte: Fünf Jahre vor Marxens Tod (1878) erscheint August Bebels "Die Frau und der Sozialismus"; wohlgemerkt: Der p r a k t i s c h e Führer der deutschen Ar- beiterbewegung, der bedeutendste Schüler, den Marx und Engels bis dahin in Deutschland hatten, der im engsten Briefverkehr mit ih- nen steht, widmet sein erstes größeres Buch dem Problem der F r a u e n e m a n z i p a t i o n. Und dieses Buch ist keines- wegs eine eng ö k o n o m i s t i s c h e Analyse, sondern es behandelt alle Seiten der historischen Entwicklung der Frauenun- terdrückung und ihre in allen Sphären der gesellschaftlichen Be- ziehungen fortwirkenden Formen (natürlich nunmehr geprägt und be- festigt durch die spezifisch kapitalistischen Gesamtprozesse). Es gibt also im Marxismus und in der Arbeiterbewegung keine "Nichtexistenz" der Frauenfrage. Und was das historische Herangehen betrifft: Selbstverständlich gab und gibt es auch in der revolutionären Arbeiterbewegung keine automatische Umsetzung grundsätzlicher Erkenntnisse ins Alltags- verhalten, gab und gibt es patriarchalische Tendenzen, Widersprü- che und Auseinandersetzungen. Aber kann man denn die Frage nach den k o n k r e t e n h i s t o r i s c h e n B e d i n g u n- g e n ausklammern, von denen der Umfang der Teilnahme und des Einflusses der Frauen in der Arbeiterbewegung abhängen? Auch das Klassenbewußtsein setzt sich bei Männern wie bei Frauen nur im ständigen harten Kampf gegen die überkommenen Denkweisen durch! Frauen wurde die Organisierung nicht nur durch patriarchalische Tendenzen in der Arbeiterbewegung erschwert, sondern sie hatten objektiv ungleich mehr Hindernisse als die Männer zu überwinden. Koalitionsverbote, fehlende Berufstraditionen und Organisations- erfahrungen erschwerten z.B. ihre Organisierung. Subjektiv hemm- ten traditionelle Vorstellungen von der weiblichen nichtöf- fentlichen Stellung die Frauen am Eintritt in die Arbeiterorgani- sationen. Kann man denn einfach hinweggehen über den ungeheuren Druck der kulturellen Herrschaftsverhältnisse und Traditionen der kapitali- stischen Gesellschaft auf die Arbeiter, der die von Bebel, Zetkin, Mehring immer wieder angemahnte Durchsetzung emanzipati- onsfördernder Verhaltensweisen so sehr erschwert? Die Arbeiterbe- wegung war nicht imstande, diese Bedingungen außer Kraft zu set- zen; vielmehr war und ist ja gerade ihre Zielsetzung, diese o b j e k t i v e n ökonomischen, politischen, sozialen, patri- archalisch-kulturellen Grenzen zu sprengen, um den s u b j e k t i v e n Emanzipationsprozeß der Frau qualitativ zu ermöglichen, wobei sich allerdings weitschauende Marxisten (vgl. Lenins Gespräche mit Clara Zetkin) über die Schwierigkeit und die Dauer dieses Prozesses keine Illusionen gemacht haben. Aus allem, was Lenin in dieser Hinsicht gesagt hat, geht hervor, daß er So- zialismus nicht bereits gleichsetzte mit Emanzipation der Frau auf allen Gebieten, sondern als V o r a u s s e t z u n g, als Schlüssel zur allseitigen Emanzipation der Frau begriff. Wenn schon von "zirkulärem Denken" die Rede ist: Fragt nicht Frigga Haug die bisherige Arbeiterbewegung, Männer und Frauen, letztlich nur danach, wie weit der von Frigga Hang abstrakt und unhistorisch geforderte "Umbau der Identitäten" stattgefunden hat? Die negative Antwort ist mit der Frage schon programmiert. Die verallgemeinernde Rede von der "weitgehend männlichen Arbei- terbewegung" verdrängt Existenz und Wirken der proletarischen Frauenbewegung. Sie verdrängt das unbestreitbare historische Fak- tum: An keiner sozialen Emanzipationsbewegung früherer Ge- schichtsperioden haben Frauen einen so bedeutenden Anteil gehabt wie an den Kämpfen der Arbeiterklasse. Diese Frauen nahmen an den Kämpfen der revolutionären Arbeiterbewegung teil und vertraten zugleich ihre spezifischen Interessen in Zeitschriften wie der "Gleichheit", der "Kämpferin", der "Kommunistin", in Frauenlese- und -schulungszirkeln, in Liedern wie "Brot und Rosen" und Losun- gen wie "Dein Körper gehört Dir". Verdrängt wird die Tatsache, daß nicht die damaligen Feministinnen, sondern die Arbeiterbewe- gung mit der KPD an der Spitze in der Weimarer Republik den brei- ten Kampf gegen den § 218 führte. 2) Während Frigga Hang bei ihrer Geschichtsbetrachtung diese histo- rischen Gegebenheiten und Zusammenhänge großzügig übergeht, nimmt sie es mit Marxens Sprachformen wieder sehr genau. Rund 150 Jahre nach seinem Tod werden, angeregt durch die Frauenbewegung, erst- mals patriarchalisch geprägte Sprachformen erforscht und kriti- siert. Frigga Hang, die vor wenigen Jahren noch gegen die "Mode", den "sexistischen Charakter der Sprache aufzudecken", polemi- sierte, 3) hält den Marxisten nun vor, daß Marx in seinen Sprach- formen ein Mensch seiner Zeit gewesen sei - daß er somit nicht in allen, sondern nur in den wesentlichen Punkten die historische Entwicklung vorweggenommen hat. II. Zur marxistischen Frauenemanzipationstheorie. In ihrem Artikel "Männergeschichte, Frauenbefreiung, Sozialismus", stellt Frigga Hang die These auf, der Klassenkampf beziehe sich auf das kapita- listische Ausbeutungsverhältnis und sei im wesentlichen ein öko- nomischer Kampf- oder anders ausgedrückt: das k a p i t a- l i s t i s c h e Unterdrückungsverhältnis beschränke sich auf den Produktionsbereich. Im außerökonomischen Bereich beobachtet sie dagegen, "daß die Sozialstruktur dieser Gesellschaft auf der Frauenunterdrückung basiert". 4) Überbau und Reproduktionsbereich beruhten auf Männermacht, seien gekennzeichnet durch Männer- privilegien, Männerwissenschaft, männliche Kultur und männliche Sprache. An dieser Sicht gesellschaftlicher Macht- und Unter- drückungsverhältnisse messend, behauptet Frigga Haug: Die nur am ökonomischen Kampf interessierte männlich dominierte Arbeiter- bewegung habe die Frauenfrage theoretisch in der Klassenfrage aufgelöst und damit ihre Nichtexistenz als eigenständiges Problem erklärt. Marxisten beiderlei Geschlechts beziehen sich in ihren Positionen zur Frauenfrage auf die von der revolutionären Arbeiterbewegung entwickelte Frauenemanzipationstheorie. Wie wird das Verhältnis von Frauenunterdrückung und Klassenunterdrückung dort behandelt? Es war Engels, der, auf der Basis Marxscher Vorarbeiten, die be- sonderen formationsübergreifenden, geschlechtsspezifischen Mo- mente der Frauenunterdrückung herausarbeitete. Er stellte fest: "Der erste Klassengegensatz, der in der Geschichte auftritt, fällt zusammen mit der Entwicklung des Antagonismus von Mann und Weib in der Einzelehe, und die erste Klassenunterdrückung mit der des weiblichen Geschlechts durch das männliche. " 5) "Diese er- niedrigte Stellung der Frau ... ist allmählich beschönigt und verheuchelt, auch stellenweise in mildere Form gekleidet worden; beseitigt ist sie keineswegs." 6) Weiter zeigt Engels: Die Familienform - die Monogamie - und die Wirtschaftsform - die häusliche Produktionsgemeinschaft - waren bei der Entstehung des Privateigentums miteinander verbunden, pa- triarchalische Strukturen und ökonomische Strukturen waren von Anfang an verschränkt. "Sie (die Monogamie - I.N./A.S.) war die erste Familienform, die nicht auf natürliche, sondern auf ökono- mische Bedingungen gegründet war, nämlich auf den Sieg des Pri- vateigentums über das ursprüngliche naturwüchsige Gemeineigen- tum." 7) Patriarchalische Unterdrückung ist nach marxistischer Auffassung also Eigenschaft aller antagonistischen Klassengesell- schaften und war stets mit den ökonomischen Herrschafts- und Un- terdrückungsstrukturen verbunden. Die Formen der patriarchali- schen Unterdrückung sind jedoch immer konkret, eingebunden in die Reproduktion bestimmter ökonomischer Gesellschaftsformationen und damit in ihrem Charakter durch die grundlegenden Widersprüche und Bewegungsgesetze der jeweiligen Formation bestimmt. Es ist ab- surd, dem Marxismus zu unterstellen, er habe einzig Klassenwider- sprüche anerkannt und keinerlei andere Widersprüche in der Ge- sellschaft gesehen; er hat "nur" gezeigt, daß die Klassenwider- sprüche in den antagonistischen Klassengesellschaften die l e t z t l i c h e n t s c h e i d e n d e n sind, weil sie die in den Produktionsverhältnissen wurzelnden ökonomischen Ge- gensätze am unmittelbarsten zum Ausdruck bringen, und daß alle in der Gesellschaft wirkenden Widersprüche durch den Hauptklassenwi- derspruch beeinflußt, gefärbt, mit ihm in der einen oder anderen Form verbunden sind. Es gibt dem Kapitalismus eigentümliche Unterdrückungsformen der Frau, die sich im Produktionsbereich und im Reproduktionsbereich finden; an welche jahrtausendealten Traditionen die Frauenunter- drückung in unserer Gesellschaft auch anknüpfen mag - sie hält sich nicht in erster Linie durch die Wirkung solcher Ideologie, sondern sie fungiert und reproduziert sich als Teilmoment gesell- schaftlicher Verhältnisse, deren Struktur bestimmt ist durch den ökonomisch fundierten Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital, durch den Klassenkampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie. III. Warum betonen Marxisten die doppelte Ausbeutung und Unterdrückung der Frauen im ökonomischen Bereich derart? Weil die spezifische Arbeitsteilung in der Gesellschaft letztlich bestimmt wird durch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Geschlechtsspezifi- sche Unterdrückung im Produktionsbereich heißt im Kern: weniger Lohn für Frauen. Frauen sind billige Arbeitskräfte - billiger als Männer, selbst bei gleicher Qualifikation und gleichwertiger Ar- beit. Ihr Lohn fehlt der gesamten Klasse - Männern wie Frauen. Nur ideologisch läßt sich diese Lohndiskriminierung der Frauen rechtfertigen. Auf die Heranziehung patriarchalischer Denkmuster bei der Rechtfertigung der Minderbezahlung weiblicher Arbeits- kräfte zu Beginn der kapitalistischen Produktionsweise wies be- reits Clara Zetkin hin. Daß das ausschlaggebende Moment für das Kapital, die doppelte Ausbeutung der Frau aufrechtzuerhalten, das ökonomische Interesse ist, zeigt sich auch daran, daß doppelte Unterdrückung unter entsprechenden Bedingungen ebenso Männer trifft. Gastarbeiter, Farbige, ethnische und religiöse Minderhei- ten werden unter kapitalistischen Verhältnissen doppelt ausgebeu- tet. Im Streben nach Extraprofit nutzt das Kapital überkommene rassistische und nationalistische Diskriminierungsformen ebenso wie die patriarchalischen und fördert ihre Aufrechterhaltung und Reproduktion. Auf die besondere Frauenunterdrückung im Produktionsbereich ma- chen die Marxisten aufmerksam - nicht, weil sie Frauenunter- drückung in anderen Bereichen nicht sehen, sondern weil die ge- schlechtsspezifische Ausbeutung im Produktionsbereich eine we- sentliche Grundlage für die Aufrechterhaltung der Frauenunter- drückung im Reproduktionsbereich bildet. Die geschlechtsspezifi- sche Arbeitsteilung kann z. B. so lange aufrechterhalten werden, wie Frauen wesentlich weniger verdienen als Männer; so lange wer- den sie es sein, die die Erwerbstätigkeit aufgeben oder teilzeit- arbeiten, wenn Kinder, mangels öffentlicher Erziehungseinrichtun- gen, privat versorgt werden müssen. Lohndiskriminierung läßt auch die ökonomische Abhängigkeit vom Mann wenigstens bis zu einem ge- wissen Grad bestehen und zieht wiederum familiäre und sexuelle Abhängigkeiten nach sich. Dies ist eine der Formen, wie die kapi- talistischen Produktionsverhältnisse auch den Reproduktionsbe- reich bestimmen. Patriarchalische Strukturen in der Mann/Frau-Beziehung reprodu- zieren sich auch deshalb, weil Männer von ihnen profitieren. Die häusliche Frau ist in vielen Situationen die für den Mann beque- mere Frau. Sexistische Diskriminierung der Kollegin verschafft dem Kollegen ein Gefühl der Überlegenheit. Die Interessen, die Männer mit solchen patriarchalischen und sexistischen Verhaltens- weisen durchsetzen, sind jedoch kurzfristig. Die damit auf- rechterhaltene Ungleichheit zwischen den Geschlechtern nutzt letztlich - wie alle Diskriminierungs- und Unterdrückungsverhält- nisse in der kapitalistischen Gesellschaft - der Herrschaft des Kapitals und ist auch subjektiv für den Mann entwicklungshemmend. So wendet sich die sexistische Diskriminierung der Kollegin etwa zum Nachteil des Mannes und zum Vorteil des Kapitals, wenn sie in ihrer entsolidarisierenden Wirkung Arbeitskämpfe schwächt. So ist der Mann mit der häuslichen Frau auch der Mann, der die Verant- wortung für sein psychisches und physisches Wohlbefinden abgibt und sich so in eine bequeme, aber einengende Abhängigkeit begibt. Das heißt: Die männlichen Proletarier unterdrücken Frauen nicht einfach, weil sie Männer sind, sondern insofern und weil sie rückständig sind und ihre Klasseninteressen nicht erkennen (das gleiche gilt für Frauen, die gegen ihre eigenen Interessen han- deln). Der Abbau männlichen Unterdrückerverhaltens ist auch und gerade für die Männer und Frauen der Arbeiterbewegung notwendig. Verhal- tensveränderungen allein können jedoch die durch staatliche Maß- nahmen verfestigte, mit den kapitalistischen Produktionsverhält- nissen immer wieder neu erzeugte Tendenz zu Frauendiskriminierung und männlichem Unterdrückerverhalten nicht aufheben. Dazu ist die ökonomische und soziale Befreiung der Gesamtgesellschaft von Ka- pitalherrschaft und existenziellen Konkurrenzzwängen notwendig. Solange sie nicht erkämpft ist, wird die ökonomische Ungleichheit auch Quelle sein für soziale, psychische, sexuelle Abhängigkeits- und Unterdrückungsverhältnisse zwischen den Geschlechtern. Das haben die Klassiker der marxistischen Emanzipationstheorie durchaus gesehen. Zwar stellten sie das historisch Neue heraus und betonten die grundsätzliche Möglichkeit der Frau, erwerbstä- tig zu sein, eine gewisse ökonomische und soziale Selbständigkeit und damit Gleichheit im Geschlechterverhältnis zu erreichen. Sie übersahen dabei aber nicht, wie Frigga Hang unterstellt, die ob- jektiven und subjektiven Hemmnisse, die der Gleichberechtigung der Geschlechter innerhalb der Arbeiterbewegung entgegenstehen. So heißt es bei Engels: "Erst die große Industrie unsrer Zeit hat ihr - und auch nur der Proletarierin - den Weg zur gesellschaft- lichen Produktion wieder eröffnet. Aber so, daß, wenn sie ihre Pflichten im Privatdienst der Familie erfüllt, sie von der öf- fentlichen Produktion ausgeschlossen bleibt und nichts erwerben kann; und daß, wenn sie sich an der öffentlichen Industrie betei- ligen und selbständig erwerben will, sie außerstand ist, Famili- enpflichten zu erfüllen ... Die moderne Einzelfamilie ist gegrün- det auf die offne oder verhüllte Haussklaverei der Frau". 8) Clara Zetkin bemerkt in einem Essay zu Ibsens "Nora": "Die ökono- mische Entwicklung löst geistige und materielle Kräfte aus, die im Proletariat das Verhältnis zum Mann und zur Familie revolutio- nieren und damit die Moral des Vorurteils und der Lüge fortfegen, welche die Beziehungen der Geschlechter vergiftet und den Men- schen im Weibe tötet . .. Aber was wirkende objektive Tendenz ist, das setzt sich nur langsam subjektiv durch. Und so sind auch hier die Helmers noch viel zu viele, mit denen die Proletarierin abrechnen muß, gerade wenn sie als Streiterin im Klassenkampf ihr Menschenrecht erobern will. " 9) Von der Auflösung der Frauenfrage in der Klassenfrage, von der Nichtbeachtung der Geschlechterunterdrückung durch die marxisti- sche Frauenemanzipationstheorie kann also nicht die Rede sein. IV. Wie gehen Marxistinnen heute mit dem Problem der Unterdrückung im Mann/Frau-Verhältnis um? Frigga Hang behauptet: Das vornehmlich private Mann/Frau-Verhältnis werde in sozialistischen Organisa- tionen der Arbeiterbewegung als angeblich unpolitisches Verhält- nis gar nicht erst angesprochen. Feministische Aktivitäten, die sich auf diese Probleme beziehen, würden geleugnet oder diskrimi- niert. So und nicht anders habe sie es auf Konferenzen gehört, in marxistischen Publikationen gelesen. Zweifellos: "Der Blickwinkel bestimmt die Wahrnehmung", und so ist es Frigga Haug entgangen, daß ein Grundgedanke der marxisti- schen Beiträge auf der IMSF-Konferenz war: "Ausgangspunkt unserer politischen Arbeit ist der gesamte weibliche Lebenszusammenhang ..., nur dann können wir dem Problem der besonderen Unterdrückung der Frau gerecht werden". 10) Immer mehr Marxisten beiderlei Geschlechts sind heute der Auffas- sung: Allein die Teilnahme an der gesellschaftlichen Arbeit und an den sozialen Auseinandersetzungen reicht nicht aus, um den Emanzipationskampf voranzutreiben. Immer mehr Frauen bringen des- halb ihre Ansprüche auf selbstbestimmte Körperlichkeit und Sexua- lität, auf gleichberechtigte Geschlechterbeziehung in die sozia- listische Politik ein und kritisieren patriarchalisches Verhalten in den Organisationen der Arbeiterbewegung. Anerkannt ist unter Marxisten auch: Feministische Initiativen und Selbsthilfeprojekte haben wesentlich dazu beigetragen, tabuisierte Formen der Frauen- unterdrückung öffentlich bewußt zu machen. Merkwürdigerweise hat Frigga Haug diese marxistischen Positionen zum Privaten und zu den Feministinnen nicht entdeckt. So fühlt sie sich zur Aufklärung berufen und will uns zeigen, durch wel- ches feministische Tun das Persönliche politisch wird. Herausge- kommen ist eine erstaunlich simple und willkürlich ausgewählte Aneinanderreihung feministischer Aktivitäten, bar jeder Analyse. Nichts ist über die soziale Lage feministischer Frauen, die ihren Standpunkt erst begreifbar werden läßt, zu erfahren. Nichts wird gesagt über feministische Ziele und Strategien und damit über die Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Marxistinnen unterscheiden sich von feministischen Frauen nicht dadurch, daß sie, wie Frigga Hang unterstellt, private Themen ignorieren und verleugnen, sondern dadurch, wie sie an private Erfahrungen und Probleme herangehen (dazu hat Ute H.-Osterkamp Wichtiges gesagt). Sie fragen, welche materiellen Verhältnisse patriarchalische Unterdrückung prägen und immer wieder neu her- vorbringen, welchen Nutzen und Anteil die Kapitalherrschaft an der privaten Unterdrückung hat. Danach zu fragen, heißt nicht, alle gesellschaftlichen Widersprüche unmittelbar auf das Kapital- verhältnis zurückzuführen, sondern heißt aufzuzeigen, wie das ökonomisch begründete kapitalistische Unterdrückungsverhältnis sich in vermittelten Formen fortsetzt, sich mit patriarchalischen Strukturen verschränkt, sich so verfestigt. Die Widersprüche zwischen Männern und Frauen sind nicht die ein- zigen, die in der Geschichte der Arbeiterbewegung tiefe Probleme aufgeworfen haben; es gibt kurzfristige Interessengegensätze und damit mögliche Spaltungslinien zwischen Einheimischen und Auslän- dern, Alten und Jungen, Qualifizierten und Ungelernten, Christen und Atheisten usw. Die Frage ist doch: Welche Konsequenz zieht man daraus für das politische Handeln? Marxisten beiderlei Ge- schlechts gehen aus von einer theoretischen Grunderkenntnis, die Frigga Hang meint revidieren zu müssen: In jeder auf Ausbeutung beruhenden Gesellschaftsformation gibt es einen Grundwiderspruch, dessen Aufhebung die Möglichkeit erst schafft, viele andere Wi- dersprüche langfristig im gesellschaftlichen Maßstab zu lösen. Marxistinnen beziehen ihr Handeln daher in der Konsequenz stets auf das Hauptziel der Beseitigung der Kapitalherrschaft durch die sozialökonomische Befreiung der Arbeiterklasse - ein Punkt, zu dem sich Frigga, Hang mit ihren Vorstellungen der Überlagerung von Widersprüchen und Bewegungen ausgesprochen vage äußert. Un- sere Herangehensweise beinhaltet, daß Frauen im privaten Bereich nicht nur als Geschlechtswesen, sondern in entscheidender Instanz als Angehörige bestimmter Klassen und Schichten gesehen werden, und sie verhindert, daß die doppelte Unterdrückung der Frau rein mechanisch als einfache Summe von patriarchalischer Unterdrückung im Reproduktionsbereich und ökonomischer Unterdrückung im Produk- tionsbereich begriffen wird. Indem Frigga Hang genau diese Tren- nung vornimmt, löst sie die Frauenfrage von ihrer sozialökonomi- schen Basis und reduziert sie auf eine ideologische Frage. _____ 1) Frigga Haug, Für eine sozialistische Frauenbewegung, Argument Studienheft 15, Westberlin 1978, S. 22. 2) Vgl. IMSF (Hg.), Arbeiterbewegung und Frauenemanzipation 1889- 1933, Frankfurt/M. 1973. 3) Frigga Haug, Für eine sozialistische . . ., a.a.O., S. 22. 4) Frigga Haug, Männergeschichte, Frauenbefreiung, Sozialismus, Das Argument 129, Westberlin 1981, S. 656. 5) Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigen- tums und des Staates, Berlin 1974, S. 76 (= MEW 21, S. 68). 6) Ebenda, S. 66 (= MEW 21, S. 61). 7) Ebenda, S. 75 (= MEW 21, S. 671 f.). 8) Ebenda, S. 84 (= MEW 21, S. 75). 9) Clara Zetkin, "Henrik Ibsen", zitiert aus: Brot und Rosen, Hrsg. Florence Hervé, Frankfurt/M. 1979, S. 76. 10) Florence Hervé/Mechtild Jausen, Frauenunterdrückung und Orga- nisationsfrage, in: IMSF (Hrsg.), Wir wollen alles! Beruf - Fami- lie - Politik. Frauenarbeit und Frauenbewegung. Materialien der Frauenkonferenz des IMSF vom 20./21. November 1982, Frankfurt/M. 1983, S. 98. zurück