Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983


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KRISE DER ARBEITERKLASSE? KRISE DER ARBEITERBEWEGUNG?

Zur aktuellen Diskussion um Fragmentierung ------------------------------------------ und Vereinheitlichung der Arbeiterklasse ---------------------------------------- Lothar Peter I. Was heißt "Krise des Marxismus"? - H. André Gorz: Abschied vom Proletariat? - III. Konstituierung der Arbeiterklasse: Dialektik objektiver und subjektiver Momente - IV. Joachim Hirsch: "For- disierung" und "Durchstaatlichung" statt kapitalistischer Verge- sellschaftung - V. Arbeiterklasse und Gewerkschaften: Integration und Autonomie - VI. Gewerkschaftseinheit, Interessendifferen- zierung und neue soziale Bewegungen - VII. "Brüchigkeit der Par- teiform"? I. Was heißt "Krise des Marxismus"? ----------------------------------- In Kreisen der linken Intelligenz ist seit einigen Jahren viel von einer "Krise des Marxismus" die Rede. Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Behauptung, daß sich die Arbeiterklasse, wie Marx und Engels sie verstanden hätten, unter den heutigen Bedin- gungen des Kapitalismus auflöse und der ökonomische Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital seine revolutionäre Funktion ver- liere. Mit der inzwischen vollzogenen sozialen Umstrukturierung habe sich das Bewußtsein der Arbeiterklasse so weit von der revo- lutionären Bestimmung des Proletariats in der marxistischen Theo- rie entfernt, daß das Festhalten an der emanzipatorischen Per- spektive des Klassenantagonismus zwischen Bourgeoisie und Arbei- terklasse zum Dogmatismus erstarre. Die soziale Lage der Arbeiter sei heute nicht mehr eindeutig durch die kapitalistischen Produk- tionsverhältnisse determiniert, sondern durch Fragmentierungen, Segmentierungen und hierarchische Abstufungen geprägt, wie sie ganz unvermeidlich jede hocharbeitsteilige, technokratisch ge- steuerte und bürokratisch verwaltete moderne Gesellschaft auf- weise, ob sie nun auf kapitalistischem Privateigentum beruhe oder nicht. Die Westberliner Politologen B. Blanke und G. Schäfer ha- ben die sogenannte "Krise des Marxismus" unter dem Aspekt der Auflösung der Arbeiterklasse sowohl als sozialökonomisch einheit- liche als auch potentiell revolutionäre Klasse mit folgenden Ge- danken zum Ausdruck gebracht: "Bei seinen Schöpfern (Marx und En- gels, L.P.) garantiert das industrielle Proletariat, dem die hi- storische Mission zugeschrieben wurde, kraft seiner Stellung in der gesellschaftlichen Produktion die allgemein menschliche Eman- zipation, den Weg und das Ziel des Kommunismus ... Wie aber, wenn Engels Alternative, das Versinken des Proletariats in 'chinesi- sches Kulitum', in ein neues Fellachentum, über das sich die Pla- ner und Leiter in einer bürokratischen Pyramide erheben, eine re- alitätshaltigere Prognose ... sein sollte? Oder wenn wir die apo- kalyptischen Visionen oder Befürchtungen unserer Altvorderen bei- seite lassen - wie aber, wenn das Proletariat von seiner histori- schen Sendung nichts wissen sollte? Die Krise des Marxismus be- ruht offensichtlich auch darauf, daß die subalterne soziale Lage des Proletariats, nach allem, was wir wissen, der zugeschriebenen historischen Mission entgegensteht." 1) Zweifel am marxistischen Begriff der Arbeiterklasse, wie sie Blanke und Schäfer stellvertretend für eine ganze Reihe von Kri- tikern anmelden, können sich insofern auf reale Entwicklungen be- rufen, als die durch den heutigen gesellschaftlichen Arbeitspro- zeß bewirkten Differenzierungen der Arbeiterklasse kaum mit dem Bild eines in sich homogenen Fabrikproletariats übereinstimmen, wie es allgemein mit der Periode der kapitalistischen Industria- lisierung assoziiert wird. Die - übrigens von Marx und Engels selbst schon prognostizierte - Verwissenschaftlichung der Produk- tion hat zu einer absoluten und relativen Abnahme unmittelbar produktiver Tätigkeiten im Verhältnis zu den der Produktion vor-, neben- und nachgelagerten Arbeitsfunktionen geführt. Gleichzeitig hat die reelle Subsumtion beträchtlicher Bereiche geistiger Ar- beit unter das Kapital die Beziehungen zwischen den Kerngruppen der Arbeiterklasse und der beständig gewachsenen Schicht der lohnabhängigen Intelligenz verändert, indem sich die Arbeits- und Reproduktionsbedingungen beider Kategorien annäherten. Sozial- strukturelle Differenzierungen dieser Art haben bereits in der Vergangenheit zu Revisionsversuchen der marxistischen Klassen- theorie motiviert, wie zum Beispiel die Debatte um die sogenannte "neue Arbeiterklasse" vor allem in Frankreich während der sechzi- ger Jahre belegt. 2) Die sozialstrukturelle Differenzierung der Arbeiterklasse ist in der Bundesrepublik von marxistischer Seite bereits Ende der sech- ziger und Anfang der siebziger Jahre rezipiert und diskutiert worden, als im Zusammenhang der Studentenbewegung und der sie in- spirierenden Theorien wie jenen der "Frankfurter Schule" die zen- trale Bedeutung der Arbeiterklasse sowohl für die materielle Re- produktion als auch für die politische Veränderbarkeit des kapi- talistischen Herrschaftssystems massiv bestritten wurde. Gegen die damals aufkommende Tendenz, die Integration der Arbeiter- klasse in den Kapitalismus aus Bedürfnis- und Bewußtseinsdeforma- tionen der "Beherrschten", also in erster Linie der Lohnabhängi- gen abzuleiten, betonte die marxistische Analyse die Notwendig- keit einer materiellen sozialökonomischen Bestimmung der Arbei- terklasse. Sie erhielt wesentliche Impulse aus der wirklichen, praktischen Bewegung des Klassengegensatzes selbst. Mit den großen Klassenauseinandersetzungen in Westeuropa Ende der sechzi- ger Jahre, denen auch in der Bundesrepublik mit den "Septemberstreiks" 1969 ein bemerkenswerter Aufschwung von Strei- kaktionen der industriellen Arbeiterschaft entsprach, wurden die Grenzen jener Theorien sichtbar, die auf eine totale Einbindung der Arbeiterklasse in den ideologischen "Verblendungszusammen- hang" des Spätkapitalismus abstellten. Die Aufarbeitung der Septemberstreiks trug dazu bei, spekulative Annahmen über eine Integration der Arbeiterklasse zu korrigieren, indem sie auf die Forderungen, Aktionen und Mobilisierungspro- zesse der streikenden Arbeiter als konkreten Ausdruck des syste- mimmanent weder manipulativ noch repressiv aufhebbaren Wider- spruchs zwischen Kapital und Arbeit verwies. 3) Ähnliche Bedeu- tung kam Untersuchungen zur Klassen- und Sozialstruktur der BRD zu, in denen die Marxsche "Anatomie der bürgerlichen Gesell- schaft" als unverändert gültige Grundlage für die Analyse der So- zialstruktur des gegenwärtigen Kapitalismus herausgearbeitet und empirisch angewandt wurde. In der entsprechenden Studie des IMSF, 4) die die systematische Darstellung der "logischen" Struktur- und Bewegungsgesetze der sozialen Gliederung der bürgerlichen Ge- sellschaft mit der historischen Entwicklungsdimension des Kapita- lismus verknüpfte, erhielt die Kategorie der "Entfaltung des Warencharakters der Arbeitskraft" zentrale Bedeutung. Sie ermög- lichte eine trennscharfe systematische Definition der Arbeiter- klasse und machte die klassenspezifischen Beziehungen anderer ge- sellschaftlicher Schichten und Gruppen zur Arbeiterklasse theore- tisch widerspruchsfrei erklärbar. Eines der wesentlichen Ergebnisse der IMSF-Studie bestand in der Erkenntnis, daß eine quantitative Erweiterung der Arbeiterklasse unter den gegenwärtigen kapitalistischen Reproduktionsbedingungen die innere Differenzierung der Arbeiterklasse nicht ausschließt, sondern deren notwendige Folge ist. Wissenschaftlich-technischer Fortschritt unter monopolistischen und staatsmonopolistischen Ei- gentumsformen, Zielsetzungen und Steuerungsmechanismen, Transfor- mation bislang selbständiger Privatarbeit in Lohnarbeit, Ökonomi- sierung der Arbeitskraft entsprechend den Anforderungen des kapi- talistischen Produktionsprozesses wurden als jene Triebkräfte herausgearbeitet, die sowohl die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse als auch das Verhältnis zu anderen Lohnarbeiterkategorien bestim- men. Mit der von der IMSF-Studie auf der Grundlage der Marxschen Gesellschaftsanalyse entwickelten Methode konnte ebenso die von der "Frankfurter Schule" postulierte ideologiekritische Verkür- zung des Begriffs der Arbeiterklasse widerlegt wie die Position eines "ökonomischen Reduktionismus" in der "Klassenfrage" theore- tisch schlüssig überwunden werden. Was die aktuelle Kritik am vermeintlich dogmatischen Klassenbe- griff des Marxismus von der Diskussion der sechziger und siebzi- ger Jahre unterscheidet, ist der Bezug auf den Zusammenhang von gesellschaftlicher Krisenentwicklung und Klassenstruktur. Die Krise ist der zentrale Ausgangspunkt für die Infragestellung der Arbeiterklasse als sozialökonomisch einheitliche, antagonistische Gegenklasse des Kapitals. Damit verbindet sich weiterhin die Frage, wie die aus der krisenhaften Vergesellschaftung des Kapi- tals hervorgehende Fragmentierung und Segmentierung der Arbeiter- klasse noch mit der marxistischen Begründung der Entstehung von Klassenbewußtsein als Erkenntnis der objektiv gegebenen und revo- lutionär aufzuhebenden Klassenlage zu vereinbaren sei. II. André Gorz: Abschied vom Proletariat? ----------------------------------------- Die Unmöglichkeit einer Vermittlung von Klassenlage und Klassen- bewußtsein unter den heutigen krisenhaften Bedingungen des Kapi- talismus hat mit besonderem Nachdruck André Gorz mit seiner Stu- die "Abschied vom Proletariat" betont. 5) Diese Studie hat rasch im Spektrum der "neuen sozialen Bewegungen" und der kritischen Intelligenz Anklang gefunden, weil sie der Enttäuschung über die Passivität der Arbeiterklasse angesichts der Krise Ausdruck ver- lieh und Alternativen offerierte, die nicht wie die herkömmlichen Strategien der Arbeiterbewegung mit der Hypothek geschichtlicher Wirkungslosigkeit belastet zu sein schienen. Bereits kurz nach der Veröffentlichung der deutschsprachigen Aus- gabe unterzog Willi Gerns die Studie von Gorz einer grundsätzli- chen marxistischen Kritik. 6) Gerns führte die Aporien und Wider- sprüche in den Reflexionen von Gorz auf dessen elementare Unfä- higkeit zurück, die empirischen Erscheinungen der sozialen Ent- wicklung und Geschichte der Arbeiterklasse aus ihren gesell- schaftlichen Konstitutions- und Reproduktionsbedingungen heraus zu erklären. Damit berührte Gerns ein Schlüsselproblem der marxi- stischen Analyse der Arbeiterklasse insofern, als die Beobachtung der gegenwärtigen konkreten Erscheinungen der Klassengegensätze nicht ohne weiteres mit dem theoretischen Verständnis des revolu- tionären Veränderungspotentials der Arbeiterklasse übereinstimmt. Zutreffend hob Gerns hervor, daß sich Marx und Engels, obwohl sie die empirische Lage der Arbeiterklasse ihrer Zeit eingehend be- schrieben, die Erkenntnis des revolutionären Charakters der Ar- beiterklasse nicht aus der unmittelbaren Anschauung erschlossen habe: "Richtig ist, daß für sich allein genommen weder Beobach- tungen der konkreten Lage der Proletarier noch proletarische Kampferfahrung zur Entdeckung der historischen Mission der Arbei- terklasse hätte führen können. Das gilt aber für jede wissen- schaftliche Theorie. Ihre Ausarbeitung verlangt die Anwendung ei- ner wissenschaftlichen Arbeitsweise bei der Beobachtung und der Wertung von Erfahrungen, Verallgemeinerung, Abstraktion, Aufdec- ken der inneren, notwendigen Zusammenhänge, Vordringen zum Wesen einer Sache." 7) In der gegenwärtigen Periode kapitalistischer Entwicklung, die zumindest in Ländern wie der Bundesrepublik das revolutionäre Veränderungspotential der Arbeiterklasse weitgehend paralysiert, ja, zu einem Faktor des gesellschaftlichen Konservatismus ver- kehrt zu haben scheint, gewinnt das unbeirrte Festhalten an den sozialökonomischen Bestimmungen des Klassenantagonismus sowie der Perspektiven seiner Aufhebung eine unverzichtbare erkenntnislei- tende Funktion für die Analyse der konkreten Veränderungsmöglich- keiten des Kapitalismus. Indem Gorz gerade diesen Anspruch auf eine materialistische Erkenntnissystematik aufgibt und spezifi- sche empirische Erscheinungsformen der Arbeiterklasse, spezifi- sche Bewußtseinszustände, Wertvorstellungen und Handlungsweisen in den Rang theoretischer Verallgemeinerungen und Prognosen er- hebt, vermag er die Arbeiterklasse nicht mehr als revolutionäres Subjekt anzuerkennen. Wie aber gelangt Gorz, der sich früher im- merhin der sozialistischen Arbeiterbewegung eng verbunden fühlte, zu seinen spektakulären Schlußfolgerungen, zu seinem "Abschied vom Proletariat"? Bei dem Versuch, den marxistischen Begriff der Arbeiterklasse als geschichtlich überholt und politisch fragwürdig zu entlarven, geht Gorz zunächst von zwei Voraussetzungen aus. Die e r s t e Voraussetzung besteht in der Annahme, daß die Zu- gehörigkeit zur Arbeiterklasse vom konkreten Inhalt der individu- ellen Arbeitstätigkeit abhänge. Gorz unterstellt, daß Marx mit seinem Begriff des Proletariats als der revolutionären Klasse vom Typus des handwerklich qualifizierten, von Produktionsstolz be- seelten Arbeiters ausgegangen sei; denn nur nichtentfremdete Ar- beit könne die Erfahrungsgrundlage für die Negation kapitalisti- scher Fremdbestimmtheit sein. Da aber, so Gorz, die moderne Ar- beitsteilung und der durch sie über die arbeitenden Individuen verhängte Entfremdungszwang die konkrete Arbeit jeglichen subjek- tiven Sinns beraubt habe, verliere auch der an die Arbeiterklasse gebundene Begriff der Revolution bei Marx seine historische Gel- tung. Mit anderen Worten: Arbeitsteilung und Entfremdung im mo- dernen Produktionsprozeß machen eine revolutionäre Bewußtwerdung der Arbeiter unmöglich. Z w e i t e n s behauptet Gorz, daß fortschreitende Arbeitstei- lung und Automation, zumal in der Situation einer umfassenden Krise, zur Zersetzung der Arbeiterklasse führten, weil immer grö- ßere Gruppen aus dem Produktionsprozeß herausgedrängt würden. In- dem die "traditionelle Arbeiterklasse" nur noch als "privile- gierte Minderheit" von Arbeitsplatzbesitzern fortbestehe, habe sich der marxistische Begriff von Arbeiterklasse überlebt und tauge nicht mehr zur theoretischen Begründung emanzi-patorischer Praxis. Diejenigen Gruppen, die in der Krise aus dem Pro- duktionsprozeß herausfielen und marginalisiert würden und gerade deshalb dazu berufen seien, eine alternative Gesellschaft zu er- richten, bezeichnet Gorz als "industrielles Neoproletariat" oder - charakteristischer noch - als "Nicht-Klasse von Nicht-Arbei- tern". 8) Diese "Nicht-Klasse" stehe nicht mehr im objektiven Zusammenhang kapitalistischer Produktionsverhältnisse und entziehe sich daher einer marxistischen Klassenanalyse ebenso wie ihren politischen Schlußfolgerungen. "Im Unterschied zum Marxschen Proletarier wird der Neoproletarier nicht mehr durch , seine' Arbeit definiert und kann auch nicht durch seine Position im gesellschaftlichen Pro- duktionsprozeß definiert werden." 9) Mit beiden Voraussetzungen verfehlt Gorz den wirklichen Inhalt der marxistischen Klassentheorie und ihres Begriffs der Arbeiter- klasse. Weder Marx und Engels noch die auf ihnen aufbauende Theo- rieentwicklung binden den Begriff der Arbeiterklasse an die kon- krete Arbeitstätigkeit des individuellen Arbeiters. Der marxisti- sche Klassenbegriff geht im Gegenteil nicht von den konkreten em- pirischen Erscheinungsformen individueller Arbeitstätigkeit, ih- rem stofflichen und gebrauchswertmäßigen Inhalt, sondern von den materiellen gesellschaftlichen Verhältnissen, den Produktionsver- hältnissen, aus. 10) Da die Produktionsverhältnisse in der bür- gerlichen Gesellschaft durch den Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital bestimmt sind, der den Charakter der Arbeit als ab- strakte, tauschwertproduzierende Arbeit setzt, verrät der subjek- tive Sinn einer beliebigen Arbeit nichts über die Klassenlage. Daß das Kapital zum herrschenden gesellschaftlichen Verhältnis werden kann, setzt die Existenz privater Produktionsmittelbesit- zer und andererseits die massenhafte Existenz von Lohnarbeitern voraus, die nichts anderes besitzen als ihre Arbeitskraft, die sie als Ware verkaufen müssen, um überhaupt leben zu können. Un- abhängig von der inhaltlichen Besonderheit der Arbeit gehört also zur Arbeiterklasse, wer vom Verkauf seiner Arbeitskraft zu leben gezwungen ist und unter dem Kommando des Kapitals oder des kapi- talistischen Staats unbezahlte Mehrarbeit verrichten muß, wer als lebendiges Verwertungsmittel im Reproduktionsprozeß des Kapitals fungiert und damit dem Wechsel von Akkumulation und Krise unter- worfen ist, solange das Kapitalverhältnis fortbesteht. Diese systematische Bestimmung der Arbeiterklasse schließt nicht aus, daß sich die sozialen Formen, die innere soziale Struktur und der Umfang der Arbeiterklasse geschichtlich verändern oder daß es auf der empirischen Ebene soziale Übergangsformen zwischen der Arbeiterklasse und anderen vom Kapital abhängigen Schichten gibt, wie z.B. die Gruppe der bäuerlichen Halbproletarier zeigt, die teilweise vom Verkauf der Arbeitskraft, teilweise aber auch vom Kleineigentum an landwirtschaftlichen Produktionsmitteln lebt. 11) Indem Marx und Engels das Kapital als überindividuelles gesell- schaftliches Verhältnis begriffen, arbeiteten sie heraus, daß die im Verwertungszweck des Kapitals eingeschlossene Ökonomisierung der Arbeitskraft den individuellen Sinn der Arbeit auslöscht und die Lohnarbeiter zu einem Anhängsel des fixen konstanten Kapi- tals, der Maschinerie, degradiert. Nicht die handwerklich quali- fizierten Arbeiter, sondern die Masse der dequalifizierten, aus- gebeuteten Fabrikproletarier sind bei Marx und Engels die histo- rische und empirische Gestalt der Arbeiterklasse, die als sozi- aler Träger der Revolution betrachtet wird. Das gilt für Engels' "Die Lage der arbeitenden Klasse in England" (1845) ebenso wie für das "Kapital" von Marx oder den späten Engels. Jener wendet sich in seinem Vorwort zur zweiten deutschen Auflage der "Lage der arbeitenden Klasse in England" 1892 nachdrücklich gegen die elitären korporatistischen Trade Unions der "Arbeiteraristo- kratie", nämlich der hochqualifizierten Maschinenschlosser, Zimmerleute und Schreiner, und tritt für die "Organisation der großen Masse ungelernter Arbeiter", für den "Neuen Unionismus" ein. 12) Marx und Engels stellten das Fabrikproletariat nicht aus moralischen Gründen in den Mittelpunkt ihrer Klassentheorie, sondern deshalb, weil das Fabrikproletariat in den großen Produktionsstätten sozial die höchste Entwicklungsstufe kapi- talistischer Vergesellschaftung verkörperte. Infolgedessen waren es auch nicht Minderheiten cualifizierter Arbeiter, sondern die Masse der Fabrikarbeiter, welche die allgemeinen Interessen der Klasse am klarsten zum Ausdruck bringen konnten. Auf die Überschätzung der Facharbeiter und die Gorzsche Fiktion einer "Doppelherrschaft" von Facharbeitern und kapitalistischer Betriebshierarchie im Produktionsprozeß hatte bereits W. Gerns aufmerksam gemacht, als er den Facharbeiter-Mythos von Gorz mit der tatsächlichen Lage der proletarischen Arbeitermassen in der Periode der kapitalistischen Industrialisierung kontrastierte und gleichzeitig betonte, daß die Eingriffsmöglichkeiten der auf die Erfahrungen und Errungenschaften der Arbeiterbewegung gestützten Arbeiterklasse heute ungleich größer seien als die der Facharbei- ter des 19. Jahrhunderts, die Gorz zum Idealtypus des revolutio- nären Subjekts verklärte. 13) Wie sieht es nun mit der zweiten Voraussetzung von Gorz aus? Diese zweite Voraussetzung enthält die Behauptung, daß die Krise des Kapitalismus sich als "Krise des Proletariats" fortsetze. Durch die mit der Krise vertiefte Spaltung in Lohnarbeiter, die noch im Arbeitsverhältnis stehen, und diejenigen Arbeitskräfte, die aus dem Arbeitsprozeß ganz oder teilweise herausgedrängt wür- den, zerreiße der Klassenzusammenhang. Mit anderen Worten: Die Arbeitslosen können nicht mehr zur Arbeiterklasse gerechnet wer- den. Eine solche Schlußfolgerung drängt sich dann unvermeidlich auf, wenn man - wie Gorz - die soziale Gliederung einer Gesellschaft nicht aus der Analyse ihrer Produktionsverhältnisse erschließt, sondern aus bestimmten empirischen Erscheinungen zu erklären ver- sucht. So verwundert es nicht, daß Gorz zwischen Noch-Beschäftig- ten und Arbeitslosen keinen klassenmäßigen Zusammenhang mehr zu erkennen vermag, da sich sein Klassenbegriff auf den unmittelba- ren Produktionsprozeß beschränkt. Der Produktionsprozeß des Kapi- tals ist aber nicht nur konkreter Arbeitsprozeß, sondern ein be- ständiger gesellschaftlicher Vorgang von Mehrwerterzeugung und Rückverwandlung des Mehrwerts in produktives Kapital und damit zugleich ein Prozeß, der fortwährend zwischen "Attraktion" und "Repulsion", also der Einverleibung und dem Abstoßen von lebendi- ger Arbeit wechselt: "Die kapitalistische Akkumulation produziert vielmehr, und zwar im Verhältnis zu ihrer Energie und ihrem Um- fang, beständig eine relative, d. h. für die mittleren Verwer- tungsbedürfnisse des Kapitals überschüssige, daher überflüssige oder Zuschuß-Arbeiterbevölkerung." 14) Arbeitslosigkeit ist damit als notwendige Erscheinungsform kri- senhafter Störungen der kapitalistischen Akkumulation zu begrei- fen, und die Arbeitslosen sind deshalb als eine "Fraktion des Proletariats" (Marx) anzusehen, die der Arbeitslosigkeit in ihrer stockenden, latenten oder fließenden Form unterworfen sind oder in die Schicht der dauerhaft Marginalisierten, die "Lazarus- schicht der Arbeiterklasse" absinken. 15) Daß die Arbeitslosen als "industrielle Reservearmee" auf die Löhne der noch Beschäftigten drücken und die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt verschärfen, ist der sozialen Existenzweise der Ar- beiterklasse nicht nur nicht entgegengesetzt, sondern eine ihrer notwendigen Erscheinungsformen. Die Marxsche Analyse des Gesetzes der kapitalistischen Akkumulation liefert die auch heute noch zu- treffende Bestimmung für das Verhältnis von Beschäftigten und Ar- beitslosen als zwei aufeinander bezogene Kategorien der Arbeiter- klasse, während Gorz mit seiner schematischen Gegenüberstellung von "traditioneller Arbeiterklasse" und "Nicht-Klasse der Nicht- arbeiter" den krisenhaften Vermittlungszusammenhang kapitalisti- scher Vergesellschaftung verfehlt. Gorz muß zu dem idealistischen Bekenntnis greifen, daß die Arbeitslosen "nicht vom Kapitalismus erzeugt und nicht vom Stempel der kapitalistischen Produktions- verhältnisse geprägt" 16) seien, um sie von den mit dem Makel Lohnarbeit behafteten und deshalb für emanzipatorische Praxis un- tauglichen Teilen der Arbeiterklasse abgrenzen zu können. III. Konstituierung der Arbeiterklasse: --------------------------------------- Dialektik objektiver und subjektiver Momente -------------------------------------------- Nun begnügt sich aber die Kritik am marxistischen Begriff der Ar- beiterklasse nicht mit der Infragestellung sozialökonomischer Be- stimmungen, sondern problematisiert gleichzeitig die Konstitution von Klassenbewußtsein auf der Grundlage dieser Bestimmungen. Dem Marxismus, oder genauer, dem als "orthodox" etikettierten Marxismus wird der Vorwurf gemacht, die subjektiven Erfahrungsbe- dingungen aus der Klassenanalyse auszublenden, also zu einem öko- nomistischen Reduktionismus zu erstarren. So sagt W.F. Haug, ei- ner der Wortführer der "kritischen Erneuerung" des Marxismus: "Ich glaube, daß diejenigen Recht haben, die seit längerem dar- aufhin argumentieren, daß wir aufhören sollen, von der Klasse zu sprechen wie von einem immer schon Gegebenen mit beschreibbaren vorgegebenen Eigenschaften. Wir müssen die Klasse als etwas Täti- ges denken, als etwas, das sich herausbildet, das gemacht wird von den Arbeitern, das gemacht werden muß, immer wieder von neuem, das immer am Zerfallen ist, immer wieder herzustellen als von einer A u f g a b e, nicht von einem Gegebenen. Die Arbei- terklasse ... ist heute auf eine Weise zerspalten in auseinander- strebende Fragmente, die gewisse unserer Reden lächerlich machen. Das bloße Wahrnehmen der Fragmentierung der Arbeiterklasse ist von vielen verwechselt worden mit einem Argument für den defini- tiven Bruch mit dem Klassenbegriff und allem, was daranhängt. Das ist ganz verkehrt. Ein Denken, welches die Klassenfragmentierung zur Kenntnis nimmt und sich die Artikulation dieser 'desartikulierten' Kräfte stellt, ist die Bedingung für die Neu- geburt eines leistungsfähigen Klassenbegriffs. Die Klasse ist keine vorauszusetzende Einheit, sondern eine Aufgabe, ein Pro- jekt." 17) Die Formulierungen von Haug klingen anheimelnd undogmatisch, aber genauer betrachtet sind sie eigentlich nur das subjektivistische Gegenstück zu dem von ihm so emphatisch beklagten Ökonomismus. Wenn Haug behauptet, die Arbeiterklasse sei keine "vorauszusetzende Einheit", kein objektiv "Gegebenes", so ver- kennt er die gesellschaftliche Macht des Kapitals, das mit der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise das Proleta- riat als Klasse konstituiert. Auch 'wenn die innere Ungleichzei- tigkeit der geschichtlichen Entfaltung des Kapitalismus niemals eine völlig nivellierte Masse von Arbeiterindividuen erzeugt, so unterwirft der Verwertungsprozeß doch Millionen von Lohnarbeitern grundlegend identischen Bedingungen, die ihren Klassencharakter ausmachen. 18) Dieser Klassencharakter, der Warencharakter der Arbeitskraft, der allen Lohnarbeitern gemeinsam ist, wird objek- tiv durch das Kapital als gesellschaftliches Verhältnis gesetzt. Infolgedessen wird die sozialstrukturelle Entwicklung der Arbei- terklasse, das Ineinandergreifen von Vereinheitlichung und Spal- tung, durch den Akkumulationsprozeß des Kapitals vorangetrieben und vollzieht sich ganz unabhängig vom subjektiven Willen und Be- wußtsein des einzelnen Lohnarbeiters. Haug dagegen stilisiert die Klassenexistenz der Arbeiter zu einem subjektiven Willensakt, zu einem subjektiven Lebensentwurf, als sei es geradezu ein Glück und nicht, wie Marx lapidar bemerkte, ein Pech, produktiver Lohn- arbeiter zu sein. 19) Aufgabe der marxistischen Theorie ist es nicht und kann es nicht sein, die Arbeiterklasse zu schaffen, wie es Haug offensichtlich vorschwebt. Dafür, daß es die Arbeiterklasse gibt, sorgt schon das Kapital, und zwar in einer Weise, von der sich viele linke Intellektuelle offensichtlich nichts träumen lassen. Die wesent- liche Aufgabe marxistischer Theorie und Praxis besteht deshalb - ganz im Gegensatz zur Auffassung von Haug - darin, der Arbeiter- klasse politische Mittel zur Verfügung zu stellen, die es ihr er- möglichen, sich praktisch als unterdrückte Klasse aufzuheben. Das schließt notwendig die Arbeit an der Entwicklung von Klassenbe- wußtsein ein, aber durchaus nicht in jenem schwärmerisch-existen- zialistischen Sinn, den Haug dieser Arbeit zu geben versucht. Ist nun marxistische Theorie, wenn sie auf der objektiv-materiellen Bedingtheit und Einheit der Arbeiterklasse besteht, mit Dogmatis- mus und Reduktionismus gleichzusetzen? Nein, durchaus nicht, denn die objektive sozialökonomische Einheit der Arbeiterklasse ist ja nicht schon als solche eine Garantie für die Entwicklung von re- volutionärem Bewußtsein und Handeln. Insofern ist der Konstituti- onsprozeß der Arbeiterklasse nicht auf die objektiven sozialöko- nomischen Existenzbedingungen reduzierbar, sondern ein theore- tisch und praktisch herzustellender Entwicklungszusammenhang ob- jektiver und subjektiver Klassenmomente. Objektiv materielle Be- stimmtheit der Klassenlage als Voraussetzung des individuellen Lohnarbeiterdaseins einerseits und die Notwendigkeit anderer- seits, diese Klassenlage individuell zu erkennen, um sie aufheben zu können, sind einander nicht entgegengesetzt, sondern aufeinan- der bezogen, wie Marx und Engels schon in der "Deutschen Ideolo- gie" hervorgehoben haben: "Die einzelnen Individuen bilden nur insofern eine Klasse, als sie einen gemeinsamen Kampf gegen eine andere Klasse zu führen haben; im übrigen stehen sie einander selbst in der Konkurrenz wieder feindlich gegenüber. Auf der an- deren Seite verselbständigt sich die Klasse wieder gegen die In- dividuen, so daß diese ihre Lebensbedingungen prädestiniert vor- finden, von der Klasse ihre Lebensstellung und damit ihre persön- liche Entwicklung angewiesen bekommen, unter sie subsumiert wer- den. Dies ist dieselbe Erscheinung wie die Subsumtion der einzel- nen Individuen unter die Teilung der Arbeit und kann nur durch die Aufhebung des Privateigentums und der Arbeit beseitigt wer- den." 20) Konkret-historisch betrachtet stellt sich die Arbeiterklasse nie- mals als statischer geschlossener Block dar. Entsprechend den je- weiligen stofflichen, territorialen, demographischen, kulturellen Bedingungen, unter denen der kapitalistische Produktionsprozeß stattfindet, weist die Arbeiterklasse eines bestimmten Landes vielfältige Fraktionierungen und Differenzierungen auf. Fragmen- tierung und Segmentierung der Arbeiterklasse sind also nicht ein neues Phänomen, das im scharfen Kontrast zur vermeintlichen so- zialen Homogenität des Proletariats im 19. Jahrhundert und zu Be- ginn des 20. Jahrhunderts steht. 21) Die politische Notwendig- keit, die Arbeiterklasse zu einer gegenüber der Bourgeoisie auto- nomen sozialen Bewegung und schließlich zur eigenständigen poli- tischen Partei zu organisieren, macht deutlich, daß Klassenkampf und erst recht revolutionäres Klassenbewußtsein kein naturwüchsi- ger Reflex auf eine von jeher schon vorhandene soziale Gleichför- migkeit des Proletariats sind. Gerade weil die Arbeiterklasse trotz der grundlegenden objektiven Interessen aller ihrer Angehö- rigen stets aufs neue sozialen Umstrukturierungen unterliegt, be- darf sie der theoriegeleiteten Organisierung zur gewerkschaftli- chen und politischen Einheit und Selbständigkeit. Dafür, daß dies überhaupt möglich ist, sind die objektiven Bedingungen der ge- meinsamen Klassenlage eine unerläßliche Voraussetzung, aber die objektiven Merkmale der Arbeiterklasse sind keine Garantie für irgendeine Zwangsläufigkeit revolutionärer Prozesse. IV. Joachim Hirsch: "Fordisierung" und "Durchstaatlichung" ---------------------------------------------------------- statt kapitalistischer Vergesellschaftung ----------------------------------------- Wo von der Krise des Marxismus und der Auflösung der Arbeiter- klasse gesprochen wird, werden auch Zweifel daran geäußert, ob die Arbeiterbewegung noch immer als "führende", "hegemoniale" Be- wegung im Kampf gegen den Kapitalismus anzusehen sei. Joachim Hirsch hat den Versuch unternommen, einen Erklärungszu- sammenhang zwischen der Fragmentierung der Arbeiterklasse und der Integration der Arbeiterbewegung in das kapitalistische Herr- schaftssystem herzustellen, um so einerseits die politische Ori- entierung auf die Arbeiterklasse als illusionäre Perspektive zu verwerfen und andererseits die Aufmerksamkeit den "neuen sozialen Bewegungen" zuzuwenden. 22) Dabei kommt dem Begriff der "fordistischen" Vergesellschaftung 23) eine Schlüsselfunktion zu. Nach Hirsch besteht die "fordistische" Vergesellschaftung wesent- lich darin, daß der gesamte Lebenszusammenhang der gesellschaft- lichen Individuen "durchkapitalisiert" und "warenförmig" organi- siert wird. Aus dem Prozeß der "Fordisierung" erklärt sich für Hirsch, warum von der Arbeiterklasse revolutionäres Handeln, So- lidarität und Kreativität nicht zu erwarten seien: "Daß das Pro- letariat sich nicht quasi naturwüchsig zu der selbstbewußten und autonomen revolutionären Klasse entwickeln konnte, sondern zunächst einmal als der Fähigkeit zu selbständigsolidarischem und selbstbewußt-gesellschaftsveränderndem Handeln beraubte, 'subalterne' Klasse (...) erscheint, erweist sich als Produkt des kapitalistischen Entwicklungsprozesses und der darin wurzelnden Veränderungen des Vergesellschaftungszusammenhangs selbst." 24) Aus seinem Theorem "fordistischer Vergesellschaftung", in der sich die Integration und Desintegration der Individuen auf effek- tive, aber dennoch widersprüchliche Weise durchsetze, leitet Hirsch soziale Umschichtungsprozesse ab, die den Rahmen der mar- xistischen Klassentheorie sprengten. Arbeiter, Angestellte, Be- amte und Marginalgruppen verschmelzen nach Hirsch zu einem unspe- zifischen Konglomerat, das "sowohl objektiv wie bewußtseinsmäßig" eine "vielfach geschichtete, zergliederte und gespaltene Gesell- schaft" 25) ergebe. Ausdrücklich anknüpfend an Überlegungen der "Frankfurter Schule", die mit Horkheimer, Adorno und Marcuse die düstere Utopie einer "eindimensionalen Gesellschaft" entworfen hatte, 26) zieht Hirsch die Schlußfolgerung, daß die "Heraus- bildung sozialrevolutionärer Bewegungen und Prozesse heute weniger denn je einer 'objektiven Logik' ökonomischer und gesell- schaftlicher Entwicklungen gehorcht. " 27) Da der "fordistische" Vergesellschaftungsprozeß die kollektive Erfahrungsgrundlage von Ausbeutung und Abhängigkeit ausgehöhlt habe, seien von einem "im Grundwiderspruch verankerten Klassen- subjekt" 28) keine emanzipatorischen Impulse zu erhoffen. Viel- mehr seien die außerhalb des kapitalistischen Produktionsprozes- ses auftretenden Bruchstellen krisenhafter Desintegration die ak- tuellen Ansatzpunkte, an denen sich Widerstand gegen die Herr- schaftsfunktionalität der "Fordisierung" und "Durchstaatlichung" herauskristallisieren könne. Für Hirsch sind infolgedessen an die Stelle der Arbeiterklasse und ihrer politischen Aktion die "neuen sozialen Bewegungen" getreten: "Die komplexe Fragmentierung der Gesellschaft, die für die Individuen segmentierten und wider- sprüchlichen Erfahrungszusammenhänge und die permanent vorange- triebene Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse verändern den politischen Prozeß, d.h. die Bedingungen und Formen der Ent- wicklung politischen Bewußtseins und kollektiven Handelns grund- legend. Die , neuen sozialen Bewegungen' drücken dies am deut- lichsten aus." 29) Der entscheidende Fehler Hirschs besteht darin, daß er seinen Vergesellschaftungsbegriff von den Gesetzmäßigkeiten kapitalisti- scher Produktion und Reproduktion trennt und die von ihm be- schriebenen Krisenphänomene nicht mehr als konkrete Vermittlungen des die Gesellschaft unverändert beherrschenden Grundwiderspruchs von Lohnarbeit und Kapital zu begreifen vermag. Obwohl er vor- gibt, die Kategorien der politischen Ökonomie auf die gegenwär- tige Entwicklung anzuwenden, verselbständigen sich die - von ihm teilweise ja durchaus zutreffend geschilderten - Krisenmomente zu Eigengesetzlichkeiten, hinter denen der materielle, durch das Prinzip der Profitproduktion determinierte Zusammenhang ver- schwindet. Im Gegensatz zur Meinung von Hirsch, demzufolge die Vergesellschaftungsprozesse nicht mehr einer spezifischen ökono- mischen Logik unterworfen sind, ist es gerade jene Logik des Pro- fits, die alle gesellschaftlichen Entwicklungen bis in die letz- ten Verästelungen hinein zu durchdringen und zu beherrschen strebt. Da die Logik des Kapitals nicht abgestorben ist, wie Hirsch vermutet, sondern eine bisher unbekannte produktive und destruktive Potenz entfaltet, steht die marxistische Theorie vor der Aufgabe, die neu auftretenden Widerspruchsformen kapitalisti- scher Vergesellschaftung mit ihren allgemeinen Strukturbedingun- gen und Entwicklungsgesetzmäßigkeiten so zu verknüpfen, daß ihr Klassencharakter erkennbar und damit auch die Arbeiterklasse als "hegemoniales" 30) Subjekt identifizierbar wird - trotz der nicht zu bestreitenden immensen Hemmnisse, die der Arbeiterklasse mehr denn je in ihrem Entwicklungsprozeß von der Klasse "an sich" zur "Klasse für sich" entgegenstehen. Nun richtet sich die Kritik von Hirsch ja nicht nur dagegen, daß der Marxismus an der "hegemonialen" Rolle der Arbeiterklasse auf- grund ihrer objektiven Stellung im gesellschaftlichen Produkti- onsprozeß festhält, sondern auch gegen die angebliche Unfähigkeit des Marxismus, die Bedingungen und Schwierigkeiten der subjekti- ven Erfahrung von Unterdrückung und Fremdbestimmtheit überhaupt als relevantes Problem anzuerkennen. Dieses falsche Pauschalur- teil geht am tatsächlichen Stand marxistischer Diskussion vorbei. So hat z.B. Frank Deppe sowohl die hemmende Funktion der sich in der Krise vertiefenden Fragmentierung der Arbeiterklasse für die Entfaltung von kollektivem Interessen- und Klassenbewußtsein her- ausgearbeitet als auch darauf hingewiesen, daß eine der Klassen- lage angemessene subjektive Krisenverarbeitung durch das fort- schreitende Abbröckeln proletarischer Lebensformen, in denen sich kollektive Interessen artikulieren konnten, zusätzlich erschwert wird. Allerdings interpretiert F. Deppe die durch die Krise be- schleunigten Differenzierungen in der Arbeiterklasse weder als Beweis für ihre Auflösung noch für einen unwiderruflichen Zerfall von Klassenbewußtsein. Vielmehr sieht er die aktuellen Fragmen- tierungserscheinungen in der Arbeiterklasse in der Kontinuität jener geschichtlichen Dialektik von Spaltung und Einheit, welche die soziale Geschichte der Arbeiterklasse seit ihrer Entstehung geprägt hat. Insofern stellt zwar die desintegrierende, entsoli- darisierende und individualisierende Wirkung der Krise die Arbei- terbewegung vor neue und schwierige Probleme, aber es wäre ab- surd, diese Wirkung der Krise mit dem Ende der Arbeiterklasse gleichzusetzen. 31) V. Arbeiterklasse und Gewerkschaften: Integration und Autonomie --------------------------------------------------------------- Was die Möglichkeiten subjektiver Erfahrbarkeit und bewußter Ver- arbeitung der Klassenlage und eines ihr adäquaten politischen Handelns anbetrifft, so scheint nicht wenig für die von Hirsch und anderen vertretene Auffassung zu sprechen, daß die Arbeiter- klasse nicht mehr als die entscheidende revolutionäre Kraft zu betrachten sei. Das Verhalten breiter Schichten der Lohnabhängi- gen in der Krise, die Isolierung der Arbeitslosen, das Aufkommen nationalistischer und rassistischer Stimmungen auch in der Arbei- terschaft, Tendenzen zu individualisierten Konfliktlösungen, Ver- zichtsideologie und Fatalismus scheinen die politische Orientie- rung an der Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung zur Illusion zu stempeln. 32) Aber weist die praktische Entwicklung der Klassengegensätze in der Bundesrepublik nicht auch deutliche Anzeichen für gegentei- lige Entwicklungen in der Arbeiterklasse auf? Sind nicht die lan- gen, unter schwierigen Umständen mit großer Zähigkeit und Ent- schlossenheit geführten Streiks Ende der siebziger Jahre, die ständig sich verlängernde Kette von Betriebsbesetzungen und viel- fältigen Protestaktionen Beweise dafür, daß die Entwicklung von kollektivem Interessenbewußtsein auch gegenwärtig durchaus mög- lich ist? Bestätigen nicht die hunderttausendfache Teilnahme an der neuen gewerkschaftlichen Kampftaktik der "neuen Beweglich- keit" und die Demonstrationen von hunderttausenden Arbeitern und Angestellten gegen Arbeitsplatzvernichtung und Sozialdemontage Ende 1982, daß die Arbeiterklasse für ihre Interessen mobilisier- bar ist? Das Problem liegt offensichtlich nicht darin, daß der Entwicklung von Klassenbewußtsein die kollektive Erfahrungsgrund- lage definitiv entzogen worden wäre, sondern vielmehr in den Grenzen, die der Artikulation von Klasseninteressen durch die Po- litik in der gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung gesetzt sind. Damit verlagert sich das Problem von der Frage nach den allgemei- nen Konstitutionsbedingungen von Klassenbewußtsein und danach, ob diese Konstitutionsbedingungen überhaupt noch gegeben seien, auf die Ebene der politischen Analyse der Arbeiterbewegung, ihrer Strategien, ihres Gesellschaftsverständnisses, ihrer Organisati- onsformen, ihrer sozialen Basis usw. Dagegen haben Hirsch und andere Autoren aus dem Spektrum der öko- logischen und alternativen Strömungen geltend gemacht, daß gerade von den Gewerkschaften weniger denn je die Wahrnehmung autonomer Interessen zu erwarten sei, denn die Gewerkschaften hätten sich nicht nur lediglich der Technokratie kapitalistischer Krisenbe- wältigung passiv angepaßt, sondern aktiv zentrale Funktionen der "Durchstaatlichung" und Massenintegration übernommen. Dieser Be- fund ist - allerdings mit sehr unterschiedlichen Akzentuierungen und Schlußfolgerungen - mit dem Ausdruck der "korporatistischen" Einbindung der Gewerkschaften in den Gesamtzusammenhang von Herr- schaft und Krise umschrieben worden. 33) Gegen diese Betrachtungsweise hat wiederum Frank Deppe einge- wandt, "daß weder durch die Kompensationspolitik des Kapitals und des , 'spätbürgerlichen Staates', noch durch die Anpassung der kooperativen Gewerkschaftspolitik der grundlegende Widerspruch zwischen 'Systemerfordernissen' und 'Mitgliederinteressen' aufge- hoben werden kann." 34) Folgerichtig sieht Deppe deshalb in den verstärkten Bemühungen, mit Hilfe relevanter Teile der Gewerk- schaften den sozialen Konsens der Lohnabhängigen mit den Priori- täten der Kapitalverwertung zu sichern, keinen Beweis für eine unwiderrufliche Integration der Arbeiterklasse und der Gewerk- schaften, sondern im Gegenteil ein Indiz dafür, daß sich der Wi- derspruch zwischen kapitalistischer Vergesellschaftung und den Lebensinteressen der Werktätigen so vertieft hat, daß er ohne in- tegrative Funktionalisierung von Teilen der Gewerkschaften, ins- besondere auch ihrer Führungsapparate, als nicht mehr kontrol- lierbar erscheint. Diese Widersprüchlichkeit bildet die objektive Möglichkeit für die Entfaltung gewerkschaftlicher Autonomie im Sinne klassenorientierter Interessenpolitik, die sowohl über die kompensatorische Wirkung sozialpartnerschaftlicher Strategie hin- ausgehen als auch eine Stärkung antikapitalistischer Kräfte in den Gewerkschaften vorantreiben kann. 35) Daß es sich hierbei nicht um Spekulationen handelt, verdeutlicht ein Blick auf natio- nale Gewerkschaftsbewegungen anderer kapitalistischer Länder, wo antikapitalistische Autonomie und klassenorientierte Praxis längst zu festen Bestandteilen gewerkschaftlicher Politik gewor- den sind. Aber auch die Gewerkschaftsbewegung in der Bundesrepu- blik läßt wichtige Differenzierungen und Bruchlinien erkennen, die auf reale Ansätze gewerkschaftlicher Autonomie verweisen: Im Unterschied zu den fünfziger und sechziger Jahren haben sich seit dem vergangenen Jahrzehnt in den westdeutschen Gewerkschaften Tendenzen entwickelt, die Elemente gewerkschaftlicher Autonomie in dem von F. Deppe theoretisch begründeten Sinn enthalten. Das belegen z.B. sowohl politische Lernprozesse in der Gewerkschafts- jugend in Richtung auf größere Eigenständigkeit als auch die pro- grammatischen Orientierungen und die praktischen Aktionen ver- schiedener Einzelgewerkschaften wie der IG Druck und Papier, der HBV, der Gewerkschaft Holz und Kunststoff, der GEW und teilweise auch der IG Metall. 36) Obwohl der aktuelle Einfluß dieser Ten- denzen auf die gesamte Gewerkschaftsbewegung nicht überschätzt werden darf, so deuten sie doch darauf hin, daß es auch in den westdeutschen Gewerkschaften Kräfte gibt, die sich aus dem scheinbar unangreifbaren Integrationsmechanismus des sozialen Konsens und des sozialen Friedens zu lösen beginnen. Das zeigt sich weiterhin am wachsenden Engagement gewerkschaftlicher Kräfte in der Friedensbewegung, in Aktionen gegen den Neofaschismus sowie für die Rechte der Frauen usw. Anknüpfend an F. Deppes Darstellung der inneren Widersprüchlich- keit kapitalistischer Vergesellschaftung und ihres Bezuges zur Integration der Gewerkschaften, hat sich die neuere marxistische Gewerkschaftsanalyse eingehend auch mit jener Variante der Korpo- ratismus-Theorie auseinandergesetzt, die - im Unterschied etwa zu Hirsch und Roth - eine an den Interessen der Mitgliederbasis aus- gerichtete Aktivierung der Gewerkschaften anstrebt. So haben G. Hautsch und K. Pickshaus nachgewiesen, daß die Gegenüberstellung von "kooperativer" und "konfliktorischer" Gewerkschaftspolitik, wie sie von J. Bergmann, O. Jacobi und W. Müller-Jentsch vertreten wird, keine überzeugenden Lösungsmöglichkeiten im Sinne einer klassenorientierten Gewerkschaftspraxis eröffnet. 37) Indem Bergmann u.a. die Stabilität bzw. Destabilisierung der "kooperativen" Gewerkschaftspolitik von der ökonomischen Stabilität des Kapitalismus abhängig machen, klammern sie den Vermittlungszusammenhang zwischen ökonomischer und politischer Krisenhaftigkeit der Kapitalbewegung aus. Demgegenüber betonen Hautsch und Pickshaus, daß gerade dieser Zusammenhang - und nicht allein das ökonomische Moment - die materielle Grundlage dafür gewesen sei, daß die sozialpartnerschaftliche Arbeitsteilung zwischen Großkapital, Staat und integrationistischer Gewerk- schaftsführung in den vergangenen Jahren verstärkt in Frage gestellt werden konnte, obwohl die Gewerkschaftspolitik durch die Krise keineswegs insgesamt von der "Kooperation" in eine "konfliktorische" Politik umgeschlagen sei. Während Bergmann u.a. gleichsam aus einem syndikalistischen Blickwinkel die Abschwä- chung des gewerkschaftlichen Korporatismus von der spontanen Belebung des Widerstandes an der betrieblichen Basis erhoffen, sehen Hautsch und Pickshaus gerade in der Verflechtung betrieb- licher Reproduktionsrisiken der Arbeitskraft mit gesamtgesell- schaftlichen ökonomischen u n d politischen, vorrangig über den Staat und die etablierten Parteien vermittelten Krisenprozessen die Bedingungen für eine vertiefte innergewerkschaftliche Polari- sierung, eine Polarisierung zwischen den integrationistischen Kräften einerseits und den autonomieorientierten Kräften andererseits. Hautsch schlägt deshalb vor, den Begriff des "Korporatismus", der sich im wesentlichen auf institutionelle, organisationsförmige Aspekte beschränke, durch den Begriff der "staatsmonopolistischen Einbindung der Gewerkschaften" zu er- setzen: "Wegen seiner Verwandtschaft zu entsprechenden bürgerli- chen Theorien und wegen seiner spezifischen - verengten - Verwen- dung in der westdeutschen Diskussion wird der Begriff des , Kor- poratismus' hier abgelehnt... Die besondere Bedeutung von insti- tutionalisierten Formen soll dabei nicht heruntergespielt, wohl aber ihrer Isolierung und Verabsolutierung entgegengewirkt wer- den. 'Einbindung' sollte nicht in erster Linie formal anhand be- stimmter Strukturen erörtert werden; der grundlegende Zusammen- hang besteht darin, daß Gewerkschaften bei der Formulierung ihrer Politik die Bewegungsgesetze des kapitalistischen Systems als Grenze anerkennen, also Interessenvertretung an das Primat der Profitinteressen binden, diesen unterordnen." 38) Die Charakterisierung von Hautsch hat gegenüber der Korporatis- musthese den Vorzug, daß sie den gewerkschaftlichen Integratio- nismus weder auf eine spezifische ökonomische Funktion noch auf den Aspekt der Verrechtlichung und Institutionalisierung im Sinne des Modells der "befestigten Gewerkschaft" (Goetz Briefs) redu- ziert, sondern ebenso auf die konkreten Erscheinungsformen der Kapitalbewegung wie auf die politischen Systemerfordernisse be- zieht und so die möglichen Alternativen der zukünftigen Entwick- lung der Gewerkschaften genauer anzugeben vermag als die Vertre- ter der Korporatismus-These. Es ist Hautsch durchaus zuzustimmen, wenn er feststellt, daß die Einbindung der Gewerkschaften in das staatsmonopolistische System trotz oder gerade wegen der krisen- haft verengten materiellen Basis der Sozialpartnerschaft eine "Kardinalfrage" für die Perspektiven des Monopolkapitals geworden sei. In dieser Einschätzung ist zugleich implizit der Hinweis enthalten, daß sich das Monopolkapital sehr wohl der Existenz seiner antagonistischen sozialökonomischen und politischen Bezie- hungen zur Arbeiterklasse bewußt ist und deshalb auch selbst vor allem in der Arbeiterklasse diejenige gesellschaftliche Kraft sieht, die den Bestand der kapitalistischen Ordnung praktisch in Frage stellen kann. VI. Gewerkschaftseinheit, Interessendifferenzierung --------------------------------------------------- und neue soziale Bewegungen --------------------------- Neben der Integrations- und Korporatismusthese soll noch eine weitere Variante der Kritik an den Gewerkschaften erwähnt werden, die ebenfalls von einer Desintegration der Arbeiterklasse ausgeht und sich an den "neuen sozialen Bewegungen" orientiert, ohne al- lerdings eine gewerkschaftliche Handlungsfähigkeit im Interesse der Lohnabhängigen definitiv auszuschließen. Im Unterschied zu Hirsch wollen Claus Offe u.a. mit ihren Überlegungen über "Interessendifferenzierung und Gewerkschaftseinheit" dazu beitra- gen, gewerkschaftliche Einheit und Handlungsfähigkeit wiederher- zustellen. 39) Das Ausgangsproblem bildet bei Offe u.a. die durch die Krise be- schleunigte und vertiefte Spaltung der Arbeiterklasse, die den "universalistischen" Vertretungsanspruch der Gewerkschaften mit enormen Problemen konfrontiere. Die Gewerkschaften können aber, so die zentrale These, ihren normativen Anspruch auf Einheitlich- keit, der die geschichtliche Anziehungskraft der Gewerkschaften verbürgt habe, nur dann praktisch einlösen, wenn sie einerseits die Zersplitterung der Arbeiterklasse in "privilegierte und un- terprivilegierte Kategorien" politisch aufheben und andererseits "zentrale Lebensinteressen" außerhalb der traditionellen Felder gewerkschaftlicher Politik als qualitativ neue Prioritäten aner- kennen. Mit "zentralen Lebensinteressen" sind vor allem solche gemeint, die außerhalb des Arbeitsprozesses im Bereich der indi- viduellen Reproduktion und Lebensgestaltung entstehen und deren Befriedigung mit fortschreitender Umweltzerstörung, Urbanisie- rung, sozialer Beziehungslosigkeit und technologisch perfektio- nierter Kontrolle durch den Staat immer weiter eingeschränkt zu werden droht. Die Gefahren, die den Gewerkschaften aus der Anpassung an den Krisendruck erwachsen, indem sie die Senkung des Reproduktionsni- veaus sogar in der Domäne ihrer bisherigen Politik widerstandslos hinnehmen, können nach Ansicht von Offe u.a. nur dann gebannt werden, wenn die Gewerkschaften die "Flucht nach vorn" antreten. Offe u.a. meinen, daß auch die im Verlauf der Krise unter Druck geratenen Positionen traditioneller Interessenpolitik (Tarifpolitik, Arbeitszeit- und Arbeitsmarktpolitik, Gestaltung der Arbeitsbedingungen usw.) nur dann wieder gefestigt werden können, wenn sich die Gewerkschaften jene Forderungen zu eigen machen, die bisher den "neuen sozialen Bewegungen" vorbehalten schienen: "Die Alternative bestünde darin, in einer 'Flucht nach vorn' das (keineswegs unwiderruflich) verlorengegangene Terrain zurückzuerobern. Voraussetzung dafür wäre nicht nur der Versuch, tarifpolitisch und politisch die Interessen von privilegierten und unterprivilegierten Beschäftigten zu vereinheitlichen und nicht nur der zusätzliche Versuch, einen gemeinsamen gewerk- schaftlichen Vertretungsanspruch für beschäftigte und nicht-be- schäftigte Lohnabhängige zu etablieren. Hinzukommen müßte ange- sichts des erwähnten Auseinanderfallens von 'Erwerbs'- und quali- tativen 'ebens'-Interessen der Versuch, eine vereinheitlichende Vorstellung über ein 'e r t r ä g l i c h e s' P r o d u k- t i o n s s y s t e m u n d d e n G e b r a u c h s w e r t s e i n e r Erzeugnisse zu entwickeln - d.h. die Interessen von betroffenen Dritten und von Konsumenten mit der Produzentenper- spektive zu versöhnen." 40) Problematisch an der Kritik ist nicht, daß sie die Notwendigkeit gewerkschaftlicher Interessenvertretung und Organisierung auch der Arbeitslosen betont; denn es kann kein Zweifel daran beste- hen, daß die Gewerkschaften die Arbeitslosen bisher, von Ausnah- men abgesehen, weitgehend sich selbst überlassen haben. Problema- tisch ist auch nicht die Aufforderung, die im Reproduktionsbe- reich der Arbeitskraft auftretenden Widersprüche zu Themen ge- werkschaftlicher Politik zu machen. Die eigentliche Schwierigkeit bei Offe u.a. liegt darin, daß sie, indem sie die genannten "zentralen Lebensinteressen" zur eigentlichen Priorität gewerk- schaftlicher Politik erheben, die sich aus der Logik des Kapita- lismus ergebende Hauptaufgabe der Gewerkschaften, nämlich, die Verkaufsbedingungen der Ware Arbeitskraft zu sichern und die Ar- beitskraft gegen die ruinösen Folgen ihrer kapitalistischen Nut- zung zu schützen, nur noch als sekundär betrachten. Der Kampf um die Verteidigung der Arbeitsplätze, um Sicherung und Erhöhung der Reallöhne, um bessere Arbeitsbedingungen und kürzere Arbeitszei- ten hat jedoch seine grundlegende und vorrangige Bedeutung für die gewerkschaftliche Politik keineswegs verloren, auch wenn er, bedingt durch neue "Reproduktionsrisiken" außerhalb des Arbeits- prozesses, eine Erweiterung erfahren muß. Demzufolge liegen die entscheidenden Bedingungen für die Entfal- tung gewerkschaftlich durchsetzungsfähiger Interessen nach wie vor im gesellschaftlichen Arbeitsprozeß, also da, wo die antago- nistischen, unversöhnlichen Interessen von Lohnarbeit und Kapital unmittelbar aufeinanderstoßen. Nach wie vor besteht die potenti- elle Macht der Arbeiterklasse, sich der kapitalistischen Konsum- tion ihrer Arbeitskraft kollektiv widersetzen zu können, in der Fähigkeit, den Verwertungsprozeß des Kapitals zu unterbrechen. Obwohl Marx und Engels immer wieder die Grenzen des ökonomischen Kampfes im Zusammenhang mit der revolutionären Umwälzung des Ka- pitalismus unterstrichen haben, sahen sie die Möglichkeit der "Eroberung der political power" doch an eine Organisationsform geknüpft, "die aus ihren ökonomischen Kräften selbst erwächst", wie Marx 1871 in einem Brief an Bolte schrieb. 41) Daraus leitet sich die unverminderte Bedeutung des Streiks als des effektivsten Kampfmittels ab, das der Arbeiterklasse zur Durchsetzung unmit- telbarer Interessen zur Verfügung steht und das zugleich die Vor- aussetzung für weiterreichende politische Forderungen und Aktio- nen schafft. Die von Offe u.a. vorgeschlagenen neuen Ziele ge- werkschaftlicher Politik haben überhaupt nur dann Aussicht auf Verwirklichung, wenn sie im Kampf der Arbeiterklasse im gesell- schaftlichen Arbeitsprozeß, vor allem in den Schlüsselbereichen und Zentren der materiellen Produktion und Reproduktion verankert sind. Es sind die Kerngruppen der Arbeiterklasse, die Arbeiter und Angestellten in den Großbetrieben der Produktion, der Zirku- lation und des öffentlichen Sektors, von deren Interessenkampf die Erfolge im Kampf um bessere materielle und soziale Lebensbe- dingungen außerhalb der Arbeit und nicht zuletzt die Veränderung der politischen Kräfteverhältnisse abhängen. Trotz der nicht zu bestreitenden und nicht zu vernachlässigenden Fragmentierungen der Arbeiterklasse bleiben die Aktionen der noch beschäftigten Arbeiter und Angestellten die unabdingbare Basis für die Entwick- lung gewerkschaftlicher Gegenmacht, Nur in der organisierten Ver- bindung mit den beschäftigten Lohnarbeitern haben auch die ar- beitslosen Schichten der Arbeiterklasse die reale Möglichkeit, ihre Situation zu verbessern. Und nur dann, wenn nennenswerte Teile der Kerngruppen der Arbeiterklasse für ihre "traditio- nellen" Interessen gewerkschaftlich und politisch aktiv werden, kann der erforderliche Druck erzeugt werden, um auch solche Forderungen durchzusetzen, die sich auf Bedürfnisse und In- teressen außerhalb der Arbeit beziehen. Die Geschichte der Arbeiterbewegung am Ende der Weimarer Repu- blik, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, lehrt uns, daß sich die sozialen Perspektiven der gesamten Arbeiterklasse selbst dann extrem verschlechtern, wenn sich zwar bei wachsenden Schich- ten der Arbeitslosen eine Radikalisierung nach links vollzieht, aber entsprechende Massenaktionen der noch Beschäftigten, die auf das Kapital materiell Druck ausüben könnten, ausbleiben. 42) Die gewerkschaftliche Arbeiterbewegung wird in der gegenwärtigen Krise ihre Einheitlichkeit nicht durch die von Offe u.a. vorge- schlagene Strategie der "Flucht nach vorn" herstellen können, sondern nur dadurch, daß sie, ausgehend von der konsequenten In- teressenvertretung in den Betrieben, Gegenmachtpositionen entwic- kelt, die gleichzeitig den Kampf mit den und für die Arbeitslosen sowie für Veränderungen von Lebensbedingungen außerhalb des Ar- beitsprozesses einschließen. Dennoch ist die These von der "Krise der Arbeiterbewegung" nicht einfach als leeres Gerede abzutun, denn sie verweist, wie immer ihre Begründungen im einzelnen zu bewerten sind, auf tatsächliche strukturelle Probleme und Defizite der Arbeiterbewegung. Das gilt, zumindest hinsichtlich der Bundesrepublik, insbesondere für die durch die sozialpartnerschaftliche Politik der Gewerkschaften in der Krise vertiefte Fragmentierung der Arbeiterklasse. Indem die Gewerkschaften, jedenfalls die in ihr zur Zeit eindeutig do- minierenden sozialpartnerschaftlichen Kräfte, sich immer mehr auf eine - ohnehin nur defensive - Interessenvertretung der noch be- schäftigten, in der Regel besser gestellten "Arbeitnehmer" be- schränken, geraten sie in Widerspruch zu jener fundamentalen Auf- gabe, deren Wahrnehmung die Arbeiterbewegung historisch überhaupt erst entstehen ließ: die durch das Kapitalverhältnis objektiv ge- setzte Konkurrenz unter den Lohnarbeitern auf der Basis der Soli- darität und gegenseitigen Hilfe zu überwinden. Man kann heute kaum davon sprechen, daß die Gewerkschaften in der Bundesrepublik, sieht man von wenigen lokalen und regionalen Aus- nahmen ab, auch nur annähernd der Aufgabe gerecht würden, eine "planmäßige Zusammenwirkung zwischen den Beschäftigten und Unbe- schäftigten zu organisieren" (K. Marx). 43) Der durch die integrationistische Gewerkschaftspolitik vorange- triebene Entsolidarisierungsprozeß in der Arbeiterklasse ist, über die zerstörerischen materiellen Auswirkungen auf die Repro- duktionsbedingungen der Arbeitskraft hinaus, zugleich Symptom ei- nes tiefgreifenden Bedeutungsverlustes der Arbeiterbewegung als hegemoniale emanzipatorische Sozialbewegung gegen den Kapitalis- mus; denn der Preisgabe einer an der sozialökonomischen Einheit aller Lohnarbeiter ausgerichteten Interessenpolitik auf der einen Seite entspricht auf der anderen Seite der nunmehr fast vollstän- dige Verzicht auf Vorstellungen darüber, wie eine menschenwürdige und sozial gerechte Gesellschaft zu gestalten wäre. Viele soziale und kulturelle Funktionen, die früher für die Arbeiterbewegung typisch waren, weil sie "den Kampf um das Brot mit dem Kampf um die Rosen" verknüpften, werden heute von den "neuen sozialen Be- wegungen" in Anspruch genommen. Die sozialpartnerschaftlichen Kräfte in den Gewerkschaften benutzen nun den nichtproletarischen Sozialcharakter dieser Bewegungen als Alibi, um auf die Artiku- lierung "alternativer" Bedürfnisse, Interessen und Lebensformen überhaupt verzichten zu können. Jene sind deshalb weitgehend eine Domäne der "neuen sozialen Bewegungen" geworden und haben sich vom realen subjektiven Bewußtsein der Mehrheit der Arbeiterklasse weit entfernt. Genau betrachtet zeigt sich aber, daß viele der Forderungen, die heute im Spektrum der "neuen sozialen Bewegun- gen" erhoben werden, der Interessenlage der Arbeiterklasse in noch höherem Maße und wesentlich unmittelbarer entsprechen als den nichtproletarischen Schichten, die die soziale Basis dieser Bewegungen bilden. Insofern erweisen sich die Probleme des In- halts und Sinns der Arbeit, der Unterdrückung der Frauen, des Schutzes der natürlichen Umwelt, der totalen betrieblichen und staatlichen Erfassung der Bevölkerung durch informationstechnolo- gische Systeme und insbesondere der Erhaltung des Friedens als wichtige und produktive Ansatzpunkte dafür, daß die Arbeiterbewe- gung unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen ihre geschichtliche. Gestaltungsfähigkeit zurückgewinnt. Zu einem vor- wärtstreibenden Faktor antikapitalistischer, autonomer Gewerk- schaftspolitik können Inhalte "alternativer" Forderungen aber nur dann werden, wenn sie in einer konsequenten materiellen Interes- senpolitik verankert sind. VII. "Brüchigkeit der Parteiform"? ---------------------------------- Die im Zusammenhang mit der Diskussion über die Krise des Marxis- mus vorgebrachte Kritik an der Arbeiterbewegung beschränkt sich nicht auf die Gewerkschaften. Sie richtet sich - und meist noch wesentlich massiver - gegen die politische Organisation der Ar- beiterklasse in der Form der revolutionären, kommunistischen Par- tei. Unter verschiedenen Gesichtspunkten sind der marxistische Parteibegriff sowie die Beziehungen zwischen politischen Inhalten und Organisationsstruktur in der Form der kommunistischen Partei gerade in den letzten Jahren verstärkt als überlebt, verknöchert und der sozialen Emanzipation hinderlich bezeichnet worden. Die Schlußfolgerungen, die aus der Infragestellung der politi- schen Organisierung in Form der revolutionären Arbeiterpartei ge- zogen werden, schwanken im einzelnen zwischen radikaler Ablehnung der Parteiform und Vorschlägen, die Parteiform grundlegend umzu- gestalten. Die zuletzt genannte Position wird zum Beispiel von Elmar Altvater vertreten. Auch Altvater beruft sich in seiner Kritik an der Parteiform auf soziale Differenzierungen und Umschichtungen in der Arbeiter- klasse, die es nicht länger rechtfertigen würden, die Arbeiter- klasse als einheitliche Klasse mit einer klaren Interessenidenti- tät zu betrachten. 44) Da die Arbeiterklasse stattdessen ein "komplexer sozialer Körper" geworden sei und die Erfahrungen der Arbeiter nicht mehr durch die Arbeit selbst geformt würden, ent- spreche auch die traditionelle Form der kommunistischen Partei nicht länger den gegenwärtigen Bedingungen kapitalistischer Wi- derspruchsentwicklung. Die traditionelle revolutionäre Arbeiter- partei habe sich auf einen Typus von Arbeiter stützen können, der durch die Alltagserfahrung produktiver industrieller Arbeit so- zialisiert und dessen politische Perspektive durch sein Produzen- tenbewußtsein bestimmt worden sei. Mit der binnen weniger Jahre vollzogenen Umwälzung des Charakters der Industriearbeit sei gleichzeitig eine so tiefgreifende Umstrukturierung der Arbeiter- klasse erfolgt, daß die Berufung auf die Arbeiterklasse als revo- lutionäres Subjekt ihre frühere geschichtliche Überzeugungskraft verloren habe. Nach Meinung Altvaters haben sich dementsprechend die "die Ge- sellschaft durchschneidenden Konfliktlinien", 45) also die poli- tisch relevanten Widersprüche, aus dem Bereich gesellschaftlicher Arbeit heraus auf Bedürfnisse und Interessen verlagert, die nicht auf Widerspruchserfahrungen in der Arbeit zentriert seien. Altva- ter spricht hier von der Entstehung "neuer sozialer Subjekte", die sich, obwohl oft formal lohnabhängig, nicht einem allgemeinen Begriff von Arbeiterklasse subsumieren ließen. Angesichts dieser Veränderungen stellt Altvater eine Brüchigkeit der Parteiform fest, die auch den Typus der revolutionären Arbeiterpartei er- griffen habe. Altvater hält es zukünftig für verfehlt, den Aufbau von Parteien, die für sich eine revolutionäre Qualität beanspru- chen, an den autoritären, hierarchischen Strukturen des kapitali- stischen Produktionsprozesses auszurichten, eine Überlegung, mit der er offensichtlich auf das Organisationsprinzip des demokrati- schen Zentralismus anspielt. Die Ablehnung des demokratischen Zentralismus zieht bei Altvater die Zurückweisung aller auf die Arbeiterklasse zentrierten Bündnismodelle nach sich, weil es heute nicht mehr "um eine Sammlung in den alten Formen, sondern um die Notwendigkeit der Veränderung dieser Formen selbst" 46) gehe. In dieselbe Grundrichtung wie die Überlegungen Altvaters geht die Kritik von Haug am kommunistischen Organisations- und Partei- verständnis: "Viele negative Erfahrungen heften sich an diese Be- stimmung des Marxismus von der 'Partei der Arbeiterklasse' her. Da ist zunächst einmal der kontrafaktische Monopolanspruch e i n e r Partei, durch die unbestimmt allgemeine Formulierung verabsolutiert und universalisiert. Dann ist da der Monopolan- spruch der F o r m Partei, wenn man so will, also die still- schweigende Annullierung anderer gesellschaftlicher Formen und Institutionen, in denen sich Marxismus relativ eigenständig ent- wickeln kann. Drittens wird der Marxismus positiv und affirmativ an einen Apparat gebunden; der Apparat verkörpert den Unterschied zum Nichtmarxismus ... Den marxistischen Standpunkt durch den Ap- parat festlegen zu lassen, kommt einer Selbstzerstörung des Mar- xismus gleich. " 47) Weisen aber die Argumente, die Altvater, Haug u.a. aus der Frag- mentierung der Arbeiterklasse gegen die Existenzberechtigung der Organisationsform der kommunistischen Partei ableiten, nicht ge- rade in eine Richtung, die ihren Schlußfolgerungen direkt zuwi- derläuft? Wächst nicht die Notwendigkeit einer einheitlich orga- nisierten und einheitlich handelnden Partei der Arbeiterklasse um so mehr, je größer der politische Desintegrationsdruck und die Tendenz zur Zersplitterung werden? Wenn man die Erscheinungen der inneren sozialen Differenzierungen in der Arbeiterklasse ernst nimmt und sich klar macht, daß der Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse oft nicht mehr ein subjektiv ohne weiteres identifizierbares Klassenmilieu entspricht, folgt dann nicht gerade daraus nachdrücklich die Plausibilität einer kommunistischen Partei, deren primäre Aufgabe darin besteht, den Zusammenhang von objektiver Klassenlage und individueller Ar- beits- und Lebenserfahrung politisch herzustellen? Die Forderung von Marx und Engels, daß sich die Arbeiterklasse "als besondere politische Partei" konstituieren müsse, wenn sie als Klasse han- deln wolle, ist heute nicht weniger aktuell als 1872. 48) Der Grund für die unverminderte Aktualität der Erkenntnis von Marx und Engels liegt genau in jenen Widersprüchen des heutigen Kapi- talismus, die von Altvater u.a. als Indiz für die Brüchigkeit der Parteiform gewertet werden. Der hochgradigen Organisiertheit des Monopolkapitals und des mit ihm verflochtenen Staates auf der einen Seite entspricht eine Tendenz zur sozialen und politischen Differenzierung der Arbei- terklasse auf der anderen Seite, in der die Beziehungen zwischen den gemeinsamen sozialökonomischen Klassenmerkmalen und ihren konkreten sozialen, politischen und kulturellen Ausprägungen ver- mittelter, komplizierter und widersprüchlicher geworden sind. Die Tendenz zur Desintegration einzelner Schichten und Gruppen der Arbeiterklasse wird in ihren möglichen systemstörenden Auswirkun- gen wiederum mit Hilfe massenwirksamer Strategien des sozialen Konsens und des fiktiven Gemeininteresses eingebunden. Die Ideo- logien der herrschenden Klasse spiegeln der Masse der Lohnabhän- gigen die realen Widersprüche als partikulare, systemunabhängige Erscheinungen vor, um kollektiven Widerstand sowohl in Formen ei- nes klassenübergreifenden Gemeininteresses als auch in extrem in- dividualisierte Problemlösungskonzepte zu kanalisieren. Daß sich aber das Kapital und der kapitalistische Staat der Gefahr, die unaufhebbar im Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit angelegt ist, durchaus bewußt bleiben, zeigt die kombinierte Entwicklung integrativer und repressiver Mittel gesellschaftlicher Kontrolle. Unter diesen Bedingungen auf eine kommunistische Partei zu ver- zichten, heißt eigentlich schon, vor jenem integrativen und re- pressiven Vergesellschaftungsdruck zurückzuweichen, den das Kapi- tal erzeugen muß, um organisierten Widerstand möglichst im Keim zu ersticken. Deshalb sind die Einheit und Geschlossenheit, wel- che von der kommunistischen Partei politisch-inhaltlich und orga- nisatorisch angestrebt werden, in der Perspektive der Verwirkli- chung der politischen Einheit und Geschlossenheit der gesamten Arbeiterklasse in ihrem Antagonismus zum Kapital zu begreifen. 49) Organisierung in der kommunistischen Partei und durch sie bedeu- tet keine sektiererische Abgrenzung gegenüber anderen Strömungen der politischen Arbeiterbewegung, die sich selbst auf das Ziel des Sozialismus berufen. Organisierung in Form der kommunisti- schen Partei bedeutet auch nicht, daß die kommunistische Partei voluntaristisch einen "Führungsanspruch" gegenüber der Arbeiter- klasse bzw. ihren unterschiedlichen politischen Fraktionen er- hebt. 50) Die Beziehungen der kommunistischen Partei zu anderen sozialisti- schen Strömungen, Parteien oder Gruppierungen in der Arbeiterbe- wegung sind bestimmt durch produktive Auseinandersetzung um den wirksamsten Weg zur Überwindung des Kapitalismus. Daß die kommu- nistischen Parteien, also auch die DKP in der Bundesrepublik, sich dabei auf den wissenschaftlichen Sozialismus stützen, heißt nicht, daß sie von anderen sozialistischen Strömungen nichts ler- nen könnten. Aber ebenso wenig wie es in der Bundesrepublik ohne revolutionäres Handeln der Arbeiterklasse zu grundlegenden Verän- derungen kommen wird, ebenso wenig wird das ohne eine starke, in der Arbeiterklasse fest verankerte kommunistische Partei möglich sein. _____ 1) B. Blanke/G. Schäfer, Krise der Linken - Krise des Marxismus, in: Probleme des Klassenkampfs, 9/1979, S. 39. 2) Vgl. F. Deppe u.a. (Hrsg.), Die neue Arbeiterklasse. Techni- sche Intelligenz und Gewerkschaften im organisierten Kapitalis- mus, Frankfurt am Main 1970. 3) Vgl. Autorengruppe des IMSF, Die Septemberstreiks 1969. Dar- stellung, Analyse, Dokumente, Frankfurt am Main 1969. 4) Vgl. H. Jung, Ch. Kievenheim, M. Tjaden-Steinhauer, K.H. Tja- den, Klassen- und Sozialstruktur der BRD 1950-1970. Theorie, Dis- kussion, Sozialstatistische Analyse; Teil I: Klassenstruktur und Klassentheorie. Theoretische Grundlagen und Diskussion, Frankfurt am Main 1973; Teil II: H. Burbaum u. a., Klassen- und Sozial- struktur der BRD 1950-1970. Sozialstatistische Analyse, Frankfurt am Main 1974; Teil III: Ch. Kievenheim, D. Pollmann, Die Intelli- genz der BRD 1950-1970, Frankfurt am Main 1974. 5) A. Gorz, Abschied vom Proletariat. Jenseits des Sozialismus, Frankfurt am Main 1980. 6) W. Gerns, Arbeiterklasse oder "neue soziale Bewegungen"?, in: Marxistische Blätter, 2/1981, S. 70-84. 7) Ebd., S. 72/73. 8) A. Gorz, a.a.O., S. 62. 9) Ebd., S. 64/65. 10) "Es ist jedesmal das unmittelbare Verhältnis der Eigentümer der Produktionsbedingungen zu den unmittelbaren Produzenten - ein Verhältnis, dessen jedesmalige Form stets naturgemäß einer be- stimmten Entwicklungsstufe der Art und Weise der Arbeit und daher ihrer gesellschaftlichen Produktionskraft entspricht -, worin wir das innerste Geheimnis, die verborgene Grundlage der ganzen ge- sellschaftlichen Konstruktion und daher auch der politischen Form des Souveränitäts- und Abhängigkeitsverhältnisses, kurz, der je- desmaligen spezifischen Staatsform finden." Karl Marx, Das Kapi- tal, Dritter Band, MEW 25, S. 799 f. 11) Die große Bedeutung, die den halbbäuerlichen Schichten in der Geschichte der Klassenkämpfe historisch zukam und noch heute vor allem in vielen "Peripherieländern" und Ländern der "Dritten Welt" zukommt, wird eindrucksvoll von W.I. Lenin hervorgehoben. Vgl. z.B. Lenins "Ursprünglicher Entwurf der Thesen zur Agrar- frage" für den 2. Kongreß der Kommunistischen Internationale 1920, in: W.I. Lenin, Werke, Bd. 31, S. 140-152. 12) F. Engels, Vorwort zur deutschen Ausgabe von 1892 der "Lage der arbeitenden Klasse in England", MEW 2, S. 645. 13) W. Gerns, a.a.O., S. 75. 14) K. Marx, Das Kapital, Erster Band, MEW 23, S. 658; vgl. auch ebd., S. 661, 665, 666. 15) Ebd., S. 673. 16) A. Gorz, a.a.O., S. 63, 17) W.F. Haug, Veränderungskultur und Neuzusammensetzung der so- zialen Bewegungen, in: Detlev Albers u.a. (Hrsg.), Kapitalisti- sche Krise und. Strategien der Eurolinken, West-Berlin 1982, S. 100. 18) Vgl. K. Marx/F. Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, S. 470/471. 19) K. Marx, Das Kapital, Erster Band, a.a.O., S. 532. 20) K. Marx/F. Engels, Die deutsche Ideologie, MEW 3, S. 54. 21) Vgl. dagegen die differenzierte Darstellung der Entstehung des deutschen Proletariats bei H. Zwahr, Proletariat und Bour- geoisie in Deutschland. Studien zur Klassendialektik, Köln 1980. 22) Vgl. im folgenden J. Hirsch, Der Sicherheitsstaat. Das "Modell Deutschland", seine Krise und die neuen sozialen Bewegun- gen, Frankfurt am Main 1980; J. Hirsch/R. Roth, "Modell Deutsch- land" und neue soziale Bewegungen, in: Probleme des Klassen- kampfs, 40/1980. 23) Den Begriff des Fordismus übernimmt Joachim Hirsch von Anto- nio Gramsci, Amerikanismus und Fordismus, in: ders., Philosophie der Praxis. Eine Auswahl, hrsg. von C. Riechers, Frankfurt am Main 1967, S. 376 ff. 24) J. Hirsch/R. Roth, a.a.O., S. 16/17. 25) Ebd., S. 18. 26) Vgl. z.B. Th. W. Adorno, Einleitungsvortrag in: Spätkapita- lismus oder Industriegesellschaft. Verhandlungen des 16. Deut- schen Soziologentages, Stuttgart 1969; H. Marcuse, Der eindimen- sionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Indu- striegesellschaft, Neuwied und West-Berlin 1967. 27) J. Hirsch/R. Roth, a.a.O., S. 24. 28) Ebd. 29) Ebd., vgl. auch J. Hirsch, Der Sicherheitsstaat..., a.a.O., S. 151. 30) Der Begriff des "Hegemonialen" und der "Hegemonie" ist durch Antonio Gramsci in dem spezifischen Sinn interpretiert worden, daß eine Klasse, um die gesellschaftliche Macht erobern zu kön- nen, über die "intellektuelle und moralische Kraft" verfügen muß, Bündnisse zu entwickeln, die den Block der herrschenden Klassen aufbrechen und den "neuen historischen Block" als Subjekt der ge- sellschaftlichen Entwicklung verankern können. Vgl. Antonio Gram- sci, Zu Politik, Geschichte und Kultur. Ausgewählte Schriften, Frankfurt am Main 1980, S. 188 ff. (Einige Gesichtspunkte der Frage des Südens). 31) F. Deppe, Einheit und Spaltung. Überlegungen zu einer politi- schen Geschichte der Arbeiterbewegung, Marburg 1981, S. 116/117. 32) Diese Tendenzen werden auch von der empirischen Sozialfor- schung betont. Vgl. z.B. M. Schumann/K.P. Wittemann, Tendenzwende im Arbeiterbewußtsein?,in: Frankfurter Hefte: Sonderheft Arbeits- welt, April 1977; C. Bierbaum u.a., Ende der Illusionen? Bewußt- seinsänderungen in der Wirtschaftskrise, Köln 1977. 33) Vgl. J. Hirsch, Der Sicherheitsstaat ...; a.a.O., S. 103 ff. Mit anderen Akzenten und anderen Schlußfolgerungen vgl. die "Korporatismus"-These und die Auffassung vom gewerkschaftlichen "Autonomie-Verlust" bei J. Bergmann, W. Müller-Jentsch und O. Ja- cobi, Gewerkschaften in der Bundesrepublik, Frankfurt am Main, Köln 1975. 34) F. Deppe, Autonomie und Integration. Materialien zur Gewerk- schaftsanalyse, Marburg 1979, S. 181. 35) Vgl. ebd., S. 190 ff. 36) Vgl. z. B. K. Pickshaus, Streiks und gewerkschaftliche Gegen- macht. Funktion und Entwicklungstendenzen von Streiks in der Bun- desrepublik, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 4/1981, S. 203-221; vgl. auch G. Hautsch, Integrationismus und "Korporatismus". Überlegungen zur Problematik der Einbindung von Gewerkschaften in das staatsmonopolistische Herrschaftssystem, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 4/1981, S. 222-241. 37) Vgl. G. Hautsch/K. Pickshaus, Integration und Gewerkschafts- analyse. Zur Diskussion einiger gewerkschaftstheoretischer An- sätze in der Bundesrepublik, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 2/1979, S. 245-279. 38) G. Hautsch, Integrationismus und "Korporatismus", a.a.O., S. 229. 39) Vgl. im folgenden R.G. Heinze/K. Hinrichs/C. Offe/Th. Olk, Interessendifferenzierung und Gewerkschaftseinheit. Bruchlinien innerhalb der Arbeiterklasse als Herausforderung für gewerk- schaftliche Politik, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 6/1981. 40) Ebd., S. 354. 41) K. Marx an F. Bolte, 23. November 1871, MEW 33, S. 332. 42) Vgl. L. Peter, Überlegungen zur Analyse der RGO-Politik am Ende der Weimarer Republik, in: F. Deppe u.a. (Hrsg.), Marxismus und Arbeiterbewegung. Josef Schleifstein zum 65. Geburtstag, Frankfurt am Main 1980, S. 40 ff. 43) K. Marx, Das Kapital, Erster Band, a.a.O., S. 669. 44) E. Altvater, Die Linke auf der Suche nach dem "Dritten Weg", in: ders. u.a., Erneuerung der Politik. Demokratie, Massenpartei, Staat, Hamburg 1982. 45) Ebd., S. 30. 46) Ebd., S. 31. 47) W.F. Haug, Krise oder Dialektik des Marxismus?, in: Argument- Sonderband 100: Aktualisierung Marx', West-Berlin 1983, S. 19. 48) K. Marx/F. Engels, Resolutionen des allgemeinen Kongresses zu Haag vom 2.-7. September 1872, MEW 18, S. 149. 49) Vgl. H. Mies, Die Aktualität der Marxschen Lehre von der Rolle der Arbeiterklasse und ihrer Partei, in: Marxistische Stu- dien. Jahrbuch des IMSF, Sonderband 1/1982, "... einen großen He- bel der Geschichte". Zum 100. Todestag von Karl Marx: Aktualität und Wirkung seines Werks, Frankfurt am Main 1982, S. 49 ff. 50) "Die Kommunisten sind keine besondere Partei gegenüber den anderen Arbeiterparteien. Sie haben keine von den Interessen des ganzen Proletariats getrennten Interessen. Sie stellen keine be- sonderen Prinzipien auf, wonach sie die proletarische Bewegung modeln wollen. Die Kommunisten unterscheiden sich von den übrigen proletarischen Parteien nur dadurch, daß sie einerseits in den verschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Prole- tariats hervorheben und zur Geltung bringen, andererseits da- durch, daß sie in den verschiedenen Entwicklungsstufen, welche der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie durchläuft, stets das Interesse der Gesamtbewegung vertreten." K. Marx/F. Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, a.a.O., S. 474. zurück