Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983
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IMSF-ARBEITSGESPRÄCH ZU NEUEN TECHNOLOGIEN
Stephan Voets
Etwa 40 Teilnehmer kamen am 12. Mai 1983 in Frankfurt zu einem
Arbeitsgespräch des IMSF über Folgen und Probleme des Einsatzes
neuer Technologien zusammen: Gewerkschafter, Informatiker, wei-
tere am Thema Interessierte. Sie rechneten sich verschiedenen
Standorten im linken Spektrum zu. Der intensiven und engagierten
Diskussion lagen zwei Referate zugrunde: ein Überblick über
Grundtendenzen der Technologieentwicklung, ihre polit-ökonomi-
schen Zusammenhänge und Motive, über soziale Folgen und Ansätze
von Widerstand, und eine kritische Bestandsaufnahme marxistischer
und/oder gewerkschaftlicher Debatten um das Verständnis der neuen
Technologien, um Alternativen und Möglichkeiten der Gegenwehr.
I.
Das erste, für das IMSF gehaltene Referat ging davon aus, daß
sich die ökonomischen Rahmenbedingungen für das Großkapital ver-
schlechtert haben und dementsprechend - vor allem seit Antritt
der Regierung Kohl - die Bemühungen der herrschenden Klasse sich
intensivieren, die Verwertungs- und Akkumulationsmöglichkeiten zu
verbessern. Das führt zur Verbindung staatlicher Austeritäts- und
Umverteilungspolitik mit verschärfter Rationalisierung und Inten-
sivierung der Arbeit.
In der Kapitalstrategie hat die Nutzung des wissenschaftlich-
technischen Fortschritts als Mittel zur Erhöhung der Arbeitspro-
duktivität, zur Rationalisierung und zum Ersatz lebendiger Arbeit
zentrale Bedeutung gewonnen. Die Technologieentwicklung vollzieht
sich nicht nach eigenen Gesetzen, sondern ist von ökonomischen
Triebkräften bestimmt, die entsprechend dem Primat des Profits
sowohl fördernd als auch hemmend wirken können.
Die gegenwärtige Mechanisierungs-, Automatisierungs- und Informa-
tisierungswelle wird dadurch verstärkt, daß andere Maßnahmen der
Produktivitätssteigerung oft schon ausgeschöpft sind und anderer-
seits die technologischen Rationalisierungsmittel immer billiger,
vielseitiger und wirksamer werden. Ihr umfassender Einsatz bedeu-
tet aber in der Regel noch einen hohen Investitionsaufwand bei
gleichzeitigem hohen moralischen Verschleiß der vorhandenen Ma-
schinerie, was die Konkurrenz und das Bemühen um größere Akkumu-
lationsfonds verstärkt; der Staat springt allerdings mit Verkabe-
lung, Kommunikationsnetzen usw. in die Bresche.
In der Technologieentwicklung erweist sich die Einführung neuer
Systeme der Informationsverarbeitung auf der Grundlage der Mikro-
elektronik als entscheidender und übergreifender Aspekt. Diese
Informatisierung ermöglicht es, Begrenzungen des Mensch-Maschine-
systems auf die körperlichen, geistigen und nervlichen Fähigkei-
ten eines einzelnen Lohnabhängigen zu überwinden und gespeicherte
Arbeitserfahrungen und Kenntnisse zur Verfügung zu stellen.
Die elektronischen Informationstechnologien basieren auf dem Zu-
sammenwirken von a) der technischen Erhebung, Verarbeitung, Spei-
cherung und Übertragung von Daten, b) Kommunikationssystemen und
-netzen, c) Automatisierungstechnologien, die Teile des Produkti-
onsprozesses miteinander verbinden und dabei den Menschen erset-
zen. Je umfassender sie zusammenwirken, desto stärkere Produkti-
vitätsschübe werden möglich. Zugleich durchdringen sie - vor al-
lem auf der Ebene der Kommunikationssysteme - zunehmend weitere
Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und können als materielle
Basis effektiverer Herrschaftssicherung des Kapitals genutzt wer-
den.
Als hauptsächliche Einsatzfelder erweisen sich momentan Büroauto-
matisierung und Personalinformationssysteme sowie (verstärkt wie-
der) die industrielle Produktion, dort vor allem CAD-Systeme,
NC/CNC-Maschinen, Roboter und Betriebsdatenerfassungssysteme. In
den Vordergrund tritt immer mehr die Tendenz, in verschiedenen
Bereichen eingesetzte Teilsysteme, elektronische Informationsver-
arbeitung und Kommunikation zu einem Gesamtsystem mit einheitli-
cher Steuerung des gesamten Betriebsablaufs zu verknüpfen.
Die wichtigsten unmittelbaren sozialen Folgen der Einführung ka-
pitalistisch genutzter neuer Technologien sind der Abbau von Be-
schäftigung und Qualifikation, die Einschränkung von Entschei-
dungsspielräumen, Isolation, Leistungskontrolle und Arbeitsinten-
sivierung. Eine effektive gewerkschaftliche Gegenwehr, die sich
nicht auf die sozialpolitische Abfederung der Folgen beschränken
will, hat sich auf neue Anforderungen einzustellen, so auf
1. das frühzeitige Erfassen der Schlüsselprozesse, die der Ein-
führung neuer Technologien vorgelagert sind, z.B. Datenerhebun-
gen;
2. die Formung technischer Systeme durch herrschende soziale In-
teressen und auf die Notwendigkeit, diese mit dem Klasseninter-
esse an anderer Technologie zu konfrontieren;
3. eine genauere Bestimmung von Handlungsmöglichkeiten (Tarif-
politik, Abkommen, evtl. Verweigerungsstrategien) und gesamt-
gesellschaftlichen "Zusammenhängen, wie sie vor allem in der
Diskussion um Konversion der Produktion und um Verstaatlichung
sichtbar geworden sind.
Das z w e i t e R e f e r a t, gehalten von einem Gewerk-
schaftsfunktionär, arbeitete vor allem heraus, welche neuen An-
forderungen und Probleme vor der Arbeiterbewegung stehen. (Bei
der nachfolgenden Zusammenfassung wurde versucht, die Bemerkungen
eines kurzen Korreferats mit aufzunehmen.)
Ausgangspunkt war die Frage, ob die theoretische Aufarbeitung und
die strategische Diskussion mit der Entwicklung der neuen Techno-
logien Schritt gehalten haben, ob nicht ein anderes Technikver-
ständnis und eine neue Radikalität der Gegenwehr geboten seien.
Werden Kolleginnen und Kollegen in Betrieb und Gewerkschaft nicht
häufig von Rationalisierungsstrategien und Technologieentwicklung
überrumpelt, die so tiefgreifende und möglicherweise demoralisie-
rende Wirkungen haben können, daß die Existenzberechtigung der
Gewerkschaften in Frage gestellt scheint, weil umfassende Gegen-
wehr zunächst ausbleibt? Umfragen zeigen, daß in den Industriebe-
trieben bereits heute mehr Systeme zur Personalinformation, CAD-
Arbeit, Textverarbeitung und Betriebsdatenerfassung installiert
sind als selbst Sachkenner der Gewerkschaften vermutet hätten.
Gleichzeitig fühlen sich viele Betriebsräte bei der Beurteilung
der neuen Technologien überfordert. Diese und andere Warnsignale
machen darauf aufmerksam, daß bislang die Auseinandersetzungen um
neue Technologien in der Regel zugunsten der Kapitalseite ent-
schieden werden.
Die Frage, warum z.B. die gewerkschaftliche Gegenwehr unterlegen
sei oder sogar in einer Sackgasse zu stecken scheine, wurde mit
folgenden Hinweisen beantwortet: Früher, vor der Krise und dem
massenhaften Einsatz neuer Technologien, waren nachträgliche so-
ziale Ausgestaltungen bzw. das "Ausbügeln" negativer Folgen von
Neuerungen im Betriebsablauf möglich. Viele Kolleginnen und Kol-
legen bauten - auch in den ersten Runden der Automatisierungsdis-
kussion - auf eine Art "kooperativen Innovationspakt" mit den Un-
ternehmern, bestenfalls auf eine Verbindung von "kritischem Tech-
nikverständnis" und defensiver Technologiepolitik. Ausmaß und
Entwicklungstempo der neuen Technologien setzen dem deutliche
Grenzen und ermöglichen eine rasche Verschiebung des Kräftever-
hältnisses zugunsten der Kapitalseite. Hinzu kommt - so die Posi-
tion des Referats - daß in die heutige Art von Technik die so-
ziale Herrschaftssicherung des Kapitals immanent eingeplant ist.
Als Voraussetzungen für eine wirksamere Technologiepolitik wurden
benannt:
- eine neue Technikanalyse;
- der Abbau sozialpartnerschaftlicher Vorstellungen;
- das Heranführen der Arbeiter und Angestellten an die Frage der
Macht, an die Logik der Arbeit statt an die Logik des Kapitals.
Als drängende nächste Aufgaben und Elemente einer alternativen
Technologiepolitik wurden benannt:
1. eigene, den Interessen der Arbeiter und Angestellten Rechnung
tragende Anforderungen an die neuen Technologien offensiv und
konkret zu formulieren und z.B. Investitionen und Neueinführungen
nur bei einer bestimmten Auslegung zuzustimmen;
2. bestimmte Technologien grundsätzlich zu verhindern;
3. den Kampf um die große Entwicklungslinie der Technologie zu
führen und dabei den engen Schulterschluß mit den "Technik-
machern" (Ingenieuren, Informatikern usw.) zu suchen;
4. sich dafür zu engagieren, daß die herrschende Technologieent-
wicklung nicht als einzig mögliche erscheint, sondern Alternati-
ven in den Blick kommen und diskutiert werden, etwa in der Kon-
versionsdiskussion;
5. Arglosigkeit aufzugeben, überall Technikskepsis und -kritik zu
fördern;
6. die Ansätze von Gegenwehr wie z. B. den Kampf um das Verbot
von Personalinformationssystemen weiter zu entwickeln - insbeson-
dere in der Tarifpolitik -, sich nicht auf die betriebliche Ebene
zu beschränken, sondern die Veränderungen des Kräfteverhältnisses
und der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ins Auge zu fassen.
II.
Deutlich im Vordergrund des Interesses der Diskussion standen
drei Problemkreise, mit denen wohl die dringendsten Aufgaben ei-
ner wirksamen praktischen und langfristigen Einstellung der Ar-
beiterbewegung auf die neuen Herausforderungen umrissen sind:
1. Aus welchen Motiven, mit welchen Methoden und Zielen führen
Unternehmer neue Technologien ein? Was wissen und erfahren die
Belegschaften? Wo liegen die Hauptfelder der Auseinandersetzung?
2. Ist unter unseren Verhältnissen und bei dieser Form technolo-
gischer Entwicklung eine positive Nutzung dieses Teils der moder-
nen Produktivkräfte überhaupt möglich? Was ist der Charakter der
neuen Technologien und wie kann man sich auf ihn einstellen?
3. Wie kann sich Gegenwehr gegen den Rationalisierungsangriff der
Konzerne entwickeln und welche kurz-, mittel- und langfristigen
Alternativen der Technologieentwicklung bestehen?
Zu 1. Die in vielen Beiträgen zusammengetragenen Erfahrungen
zeigten etwa folgendes Bild: Die Einführung neuer Technologien im
kapitalistischen Betrieb vollzieht sich oft widersprüchlich und
in verschiedenen Erscheinungsformen. Häufig, so stellte sich her-
aus, bleibt nach der Einführung die Steigerung der Produktivität
deutlich hinter dem technologisch Möglichen zurück. Hard- und
Software erweisen sich als schlecht angepaßt, alte Betriebsstruk-
turen begrenzen die Wirksamkeit. Umstrukturierungen der Arbeits-
organisation werden erforderlich; gelegentlich stellt sich auch
heraus, daß sie allein bereits den gewünschten Rationalisierungs-
effekt erzielen. Die Einführung wird oft zum komplizierten, von
organisatorischer Trägheit belasteten Prozeß, der in hohem Maße
angewiesen ist auf Ruhe und Ordnung, auf Loyalität, Mitdenken und
Zustimmung der Belegschaft.
Andererseits weisen die Erfahrungen auch darauf hin, daß die
Schwierigkeiten nicht zu einer Unterschätzung der Gefahren und
Probleme führen dürfen. In vielen Fällen z.B. werden neue Techno-
logien zunächst in einzelnen Elementen und an verschiedenen Punk-
ten des Betriebs, sozusagen schleichend, eingeführt; die Arbeiter
und Angestellten nehmen in der Regel diesen Prozeß in seiner Ge-
samtheit nicht wahr. Kommt es aber zur Vernetzung der einzelnen
Teilsysteme, etwa zur Verbindung von CAD und CAM, von elektro-
nisch gestützten Auftragsabwicklungszentren, Personalinformati-
onssystemen und Fertigungsautomatisierung, so treten schlagartig
starke Rationalisierungs- und Umorganisationseffekte auf, die
meist die Belegschaft völlig überrumpeln. Hinzu kommt, daß dabei
positive Effekte auftreten wie das Verschwinden bisheriger bela-
stender Tätigkeiten oder die Neueinstellung einiger Arbeits-
kräfte, die die Anpassung der Technologie an den Betrieb leisten
sollen. Negative Auswirkungen wie z.B. Intensivierung der Arbeit,
neue Arbeitsbelastungen und der Einsatz zur Arbeitsplatzvernich-
tung setzen sich nicht selten erst nach einigen Jahren durch. Zu-
sätzliche Gefahren entstehen dadurch, daß nach der Einführung
neuer Technologien auch traditionelle Rationalisierungsstrategien
und betriebswirtschaftliche Systeme (REFA, Netzplan, Qualitäts-
zirkel usw.) an Bedeutung und Wirksamkeit gewinnen können.
In den Beiträgen zeigte sich, daß offensichtlich noch keine
großen Erfahrungen damit bestehen, wie die Überrumpelung der Ar-
beiter und Angestellten verhindert werden kann. Ein Ansatz könnte
wohl darin liegen, die Aufmerksamkeit für Warnsignale zu schär-
fen, etwa für die Erhebung neuer Daten. Zu beachten bleibt dabei
aber, wie eingewandt wurde, daß viele Daten bereits erhoben sind
bzw. ohne Befragung von Menschen aus dem bloßen Betrieb der Ma-
schinen, Terminals usw. gewonnen werden können. Ein anderer An-
satz besteht möglicherweise in der gründlicheren Analyse und Aus-
wertung betrieblicher Entwicklungs- und Einführungspläne; viele
heutige Entwicklungen sind vor acht bis zehn Jahren so konzipiert
worden, und ihre Zielrichtung hätte bereits damals erkannt werden
können. Helfen könnte auch eine stärkere Hinwendung zu einer ei-
genständigen Wissenschafts- und Forschungspolitik der Arbeiterbe-
wegung.
Warum und wie das Kapital neue Technologien einsetzt, wie sich
hier die immer vorhandenen Momente von Planmäßigkeit und Anarchie
zueinander verhalten, ließ sich nicht zureichend beantworten. Als
gesichert wurde aber angesehen, daß eine durchgeplante Kapi-
talstrategie der Arbeitsplatzvernichtung und der Herrschaftssi-
cherung besteht und daß die hochwirksamen neuen Technologien in
diesem Sinne als Instrument der Rationalisierung, Kontrolle und
Hierarchisierung eingesetzt werden. Eine wahrscheinliche Konse-
quenz dieser Entwicklung ist eine neue Welle der Konzentration
und Monopolisierung.
Zu 2. Die vom zweiten Referat deutlich akzentuierte Forderung,
die heutige Art der Technologieentwicklung unter unseren Verhält-
nissen abzulehnen und zumindest in Teilen mit einer Verweige-
rungsstrategie zu beantworten, wurde in der Diskussion häufig
aufgegriffen und immer wieder dahin gewendet, von welchem Techno-
logieverständnis man eigentlich ausgehen müsse. Es waren nicht
wenige, die meinten, nicht jede Technologie lasse sich beliebig
"so oder so" verwenden, sondern z.T. sei "die Kapitallogik in die
Systeme hineinverlagert". Hätte man nicht auf manche technologi-
sche Entwicklung besser verzichten, manche "Übertechnisierung"
vermeiden sollen? Einige gingen noch weiter: Kann man noch "auf
traditionelle marxistische Weise" von einer "neutralen Techni-
kentwicklung an sich", vom "bloßen Mißbrauch" ausgehen, darf man
sich noch "an die Vorstellung vom einfachen 'Entfalten' und ein-
fachen 'Einsammeln' der Produktivkräfte klammern"? Nur einmal
klang dabei kurz auch die Frage an, ob man sich nicht von antiin-
dustriälistischer oder antimarxistischer Technologiekritik (man
denke z.B. an E.P. Thompson oder R. Bahro; St. V.) abgrenzen
müsse; weiter vertieft wurde der Gedanke nicht.
Demgegenüber wurde darauf aufmerksam gemacht, daß eine genauere
Verarbeitung der Analyse und Theorie von Marx manche "Defizite"
beseitigen könne. Faßt man - mit Marx - Technik nicht eng als An-
wendung naturgesetzlicher, unveränderlicher Prozesse, sondern als
Teil des Produktivkraftsystems, so wird deutlich, daß sie sich
nur in Verbindung mit lebendiger Arbeit und nur in den von den
Produktionsverhältnissen bestimmten Formen, also als Technologie
entwickeln kann; diese Anpassung an die Produktionsverhältnisse
macht sie gleichzeitig zum Transporteur dieser Verhältnisse. Je-
der Versuch der Einflußnahme auf Technologien in unserer Gesell-
schaft führt nicht zur Konfrontation mit Naturgesetzen, sondern
mit Klassen- und Machtfragen. Auch praktische Erfahrungen wurden
gegen eine, wie formuliert wurde, "undifferenzierte Technikkri-
tik" ins Feld geführt, z.B., daß technikinterne Überwachungssy-
steme keineswegs zwangsläufig zur Überwachung der Beschäftigten
führen.
Trotz dieser deutlichen Unterschiede bestand Konsens, daß die Ge-
samtheit der Produktionsverhältnisse und Produktivkräfte betrach-
tet werden müsse. Ebenso einig war man sich, daß viele neue Er-
scheinungen, viele praktische und theoretische Probleme weiterer
Diskussion und Klärung bedürfen. Was z. B. folgt aus der sich mit
den neuen Technologien jetzt abzeichnenden Veränderung das Cha-
rakters der Arbeit, aus der fortschreitenden Abstraktion des Pro-
duzenten von Produkt und Produktion einerseits, der tendenziellen
Annäherung von körperlicher und geistiger Arbeit andererseits?
Oder wie verhält es sich mit der "Enteignung" der Arbeiter und
Angestellten, die ihre Kenntnisse, Arbeitserfahrungen und spe-
ziellen Fähigkeiten an elektronische Informationssysteme ablie-
fern? Wie wirkt sich dieser Prozeß auf Selbstbewußtsein und
Kampfkraft aus?
Zu 3. Die Möglichkeiten der Gegenwehr und die Entwicklung von Al-
ternativen fanden mit Abstand die größte Aufmerksamkeit. Eine Sy-
stematisierung der verschiedenen Erfahrungen, Ansätze und Aspekte
war dabei in der Regel noch nicht möglich.
Ansetzen läßt sich bereits bei der konkreten Gestaltung der Tech-
nologie, bei den damit zusammenhängenden Fragen der Arbeitsorga-
nisation und der Qualifikation. Wie die bisherigen Erfahrungen
zeigen, muß eine menschengerechte Gestaltung der Systeme, Maschi-
nen, Terminals usw. in Angriff genommen und dabei in ihrer ganzen
Tragweite verstanden werden. Isolierte Einzelforderungen - wie
z.B. die nach Mischarbeitsplätzen bei Bildschirmarbeit - greifen
oft zu kurz. Wirksame Gegenwehr muß Zusammenhängendes und Vorge-
lagertes mit erfassen, z.B.
- die Arbeitsorganisation, also etwa die Vermeidung von Isolation
und die Stärkung von Zusammenarbeit und Entscheidungsbefugnis auf
Abteilungsebene;
- Kenntnisse über die Investitionspolitik, über Planungen, For-
schung und Entwicklung;
- Förderung von arbeitsspezifischer Qualifikation, die befähigt,
den ganzen Produktionsprozeß zu überschauen.
Aber auch das reicht mit Sicherheit nicht aus. Wer antritt, einen
Großangriff auf Arbeitsplätze und -bedingungen abzuwehren, darf
nicht der Illusion erliegen, durch Abmilderung der Folgen mitge-
stalten zu können. Immer wieder kehrten die Teilnehmer zu der im
Referat aufgeworfenen Frage zurück, ob man die neuen Technologien
nicht begrenzen oder ihre Einführung ganz verhindern müsse. Z.B.
sei Software, die zu wissensbasierten Systemen führt, abzulehnen,
weil mit ihr Arbeiter und Angestellte ihrer Kenntnisse und Fähig-
keiten enteignet und für das Kapital überflüssig gemacht würden.
Dringend geboten und von zentraler Bedeutung sei die Verhinderung
von Totalsystemen elektronischer Informationsverarbeitung und
Kommunikation, weil solche vernetzten und hierarchischen Systeme
alle negativen Folgen vervielfachten.
Niemand stellte in Frage, daß solche Schritte notwendig und sinn-
voll sein könnten. Unklar blieb aber, was das genaue Ziel von
Verweigerungen sein soll: die prinzipielle Begrenzung bestimmter
Technologien oder die Verzögerung ihrer Einführung, bis ein bes-
seres Kräfteverhältnis eine andere, den Interessen der Beleg-
schaften Rechnung tragende Auslegung erlaubt? Keine Antwort fand
auch die Frage, ob es mindestens kurzfristig notwendig werden
kann, "Tabuzonen" zu fordern, in die neue Technologien nicht ein-
dringen sollen, z. B. in die Erziehung.
Die Verweigerung geriet aber nirgends zum Dogma. So fand z.B. das
Argument Zustimmung, wie bei der Friedensbewegung komme es darauf
an, Maßnahmen und Aktionsformen nicht isoliert zu betrachten,
sondern zu bedenken, welches Verständnis sie finden und ob sie
geeignet sind, bewußtseinsbildend und mobilisierend zu wirken.
Wie die Auseinandersetzungen um die "Volkszählung" und um Perso-
nalinformationssysteme gezeigt haben, kann die Verweigerung von
Datenerfassung mobilisierend wirken und zu Erfolgen führen. Viel-
leicht, so wurde überlegt, entsteht in solchen Bewegungen auch
mehr "italienische Mentalität", also höhere Kampfbereitschaft in-
folge von weniger Identifikation der Arbeiter mit "ihrem" Unter-
nehmen und mehr mit ihren Klasseninteressen. Dem könnte auch der
Verzicht auf falschen Perfektionismus zugute kommen, z. B. auf
den Ehrgeiz, selbst überall fertige Alternativen auszuarbeiten,
statt gegebenenfalls auch Unternehmer und Staat dazu zu zwingen.
Bevor allerdings diese weitergehenden Fragen in der Breite ange-
gangen werden können, geht es - so die Meinung wohl aller Teil-
nehmer - für die Masse der abhängig Beschäftigten momentan vor
allem darum, überhaupt Informationen zu bekommen und mit der Aus-
einandersetzung zu beginnen. Dabei haben auch schon kleine
Schritte oft große Wirkung. Bereits die Entwicklung systemati-
scher Unruhe im Betrieb kann effektive Gegenwehr bedeuten, weil
die komplizierten elektronischen Systeme auf Mitarbeit, Loyali-
tät, Ruhe und geregelte Abläufe angewiesen sind. Diese Störanfäl-
ligkeit läßt manchen auch überlegen, ob nicht kleine Gruppen und
punktuelle Aktionen heute ähnliche Wirkungen erzielen könnten wie
Flächenstreiks. Die Entwicklung der modernen Automatisierung,
wurde dem entgegengehalten, geht allerdings dahin, in sich gepuf-
ferte Teilsysteme zu schaffen, deren Störung noch nicht die Ge-
samtproduktion gefährdet.
Wenn aktive Gewerkschafter beisammensitzen, braucht ihnen niemand
zu erzählen, daß sich betriebliche Aktivitäten mit gewerkschaft-
licher Organisation verbinden müssen. Zustand und aktuelle Mög-
lichkeiten dieser Organisation wurden durchgängig als nicht zu-
friedenstellend beurteilt, gelegentlich entstand sogar der Ein-
druck von Wut oder Resignation. Trotzdem blieb eines gemeinsamer
Nenner: Die kurz-und mittelfristig wirksamste Antwort auf die Ar-
beitsplatzvernichtung liegt im Kampf um die Verkürzung der Wo-
chenarbeitszeit, aktuell um die 35-Stunden-Woche.
Eine Gesamtstrategie der Gewerkschaften, eine ausreichende Ant-
wort auf den Großangriff der Konzerne vermochte darin allerdings
noch niemand zu sehen. Ist es nicht so, daß sozialpartnerschaft-
lich orientierte Kräfte weder bereit noch in der Lage sind, eine
solche Antwort zu geben? Bestehen nicht tiefgreifende gesell-
schaftspolitische Differenzen innerhalb von Gewerkschaften und
zwischen ihnen, z. B. über die Notwendigkeit von Gegenmacht? Müs-
sen nicht weite Teile der Gewerkschaften umdenken, Wachstumshoff-
nungen aufgeben, das Ausmaß der Misere erkennen, sich regenerie-
ren?
Mehrfach kehrte auch die These wieder, die aktuelle Herausforde-
rung sei "mit traditionellen gewerkschaftlichen Mitteln nicht
mehr in den Griff zu bekommen" und das Aufrechterhalten der tra-
ditionellen Schutzfunktion sei so nicht mehr möglich. Das stieß
allerdings auf den Einwand, daß man über die Wirksamkeit
"traditioneller" Mittel (bis hin zum Streik) erst urteilen könne,
wenn man sie auch voll ausgeschöpft habe.
Als durchgängige Mindestanforderungen an eine Intensivierung und
Verbesserung gewerkschaftlicher Gegenwehr schälten sich vor allem
heraus:
- eine bessere Zusammenfassung der bislang noch zersplitterten
Aktionen und Initiativen, u. a. durch Entwicklung gemeinsamer
Ziele und Forderungen;
- gleichzeitige betriebliche und überbetriebliche Mobilisierung,
Notwendigkeit des Kampfes auf allen Ebenen;
- Abkehr von "Stellvertreterpolitik" und Geheimniskrämerei, um-
fassende ständige Aufklärung der Belegschaften;
- mehr praktische Gegenwehr; keine Überbetonung formeller Verein-
barungen, die u.U. eine Mobilisierung verzögern oder verhindern
können.
Die Diskussion um Alternativen der Technologie- und Wirtschafts-
politik wurde eher in Hinweisen als systematisch geführt. Sie be-
rührte vor allem folgende Aspekte:
- kurzfristig scheint der Kampf um die Verbindung von Arbeits-
zeitverkürzung und direktem Eingriff in die Technikgestaltung ge-
boten (Förderung bzw. Verhinderung bestimmter Auslegungen von Sy-
stemen);
- spätestens mittel- und langfristig wird die Auseinandersetzung
um gesellschaftspolitische Grundorientierungen zunehmen müssen.
Die - vor allem in Rüstungsbetrieben - begonnene Konversionsdis-
kussion z. B. führt in der Konsequenz an die Eigentumsfrage und
damit an die Vergesellschaftungsforderung heran (dazu gab es ta-
stende Überlegungen).
- Zunehmend drängt sich dabei auch die Frage auf, was unter unse-
ren Verhältnissen überhaupt verhandelbar und regelbar ist. So kam
die Sprache auch vereinzelt darauf, ob es nicht einen "objektiven
Revolutionsbedarf" gebe und ob man nicht genauere Vorstellungen
davon entwickeln und propagieren müsse, was Technologieentwick-
lung unter der Herrschaft der Arbeiterklasse bedeutet.
***
Im Resultat zeigte sich, daß die Vorauseinschätzung richtig gewe-
sen war, das Arbeitsgespräch als eine erste Annäherung an eine
Vielzahl neuer Fragen zu verstehen. Weitere Analysen, Auswertun-
gen von Erfahrungen, Diskussionen und Ausarbeitungen werden ge-
braucht. Das IMSF plant, diese Arbeitsrichtung verstärkt weiter
zu verfolgen.
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