Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 07/1984


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DER BETRIEB ALS FORMIERUNGSBASIS DER ARBEITERKLASSE IN DER BRD HEUTE

Thesen zum Schwerpunktthema --------------------------- I. Theoretische Prämissen - II. Momente der objektiven betriebli- chen Klassenstruktur und Klassenorganisation - III. Der Betrieb als hegemonialer Raum Der vorliegende Text wurde im November 1983 von einer Arbeits- gruppe des IMSF ausgearbeitet, im Dezember 1983 mit einer größe- ren Interessentengruppe diskutiert und wird nun in überarbeiteter Fassung veröffentlicht. Diese Thesen dienten der Vorbereitung des Schwerpunktthemas dieses Jahrbuches. Ihre Aussagen haben vielfach provisorischen oder hypothetischen Charakter oder sind als Fragen formuliert. Sie reflektieren also eher einen Arbeitsprozeß, als daß sie abgesicherte Ergebnisse ausdrücken. Es wird hier zweifel- los auch ein umfassenderes Arbeitsprogramm formuliert, als es in diesem Jahrbuch bewältigt werden konnte. Gerade die uneingelösten Anforderungen könnten als Aufgabenstellungen für die Zukunft ver- standen werden. Der praktische Zweck ist durch die Betriebsorientierung der mar- xistischen Kräfte gesetzt. Ihre Handlungs- und Einflußmöglichkei- ten im Prozeß der Bildung von Klassenbewußtsein auf der betrieb- lichen Ebene zu erkennen, macht die Untersuchung der heutigen be- trieblichen Verhältnisse erforderlich. Es geht darum, auf welcher Grundlage die Arbeiterklasse in ihrer objektiven Seite (Klasse an sich) entsteht, wo die Übergangswege und -momente von dem sich spontan reproduzierenden ökonomischen Klassendenken zu politi- schem Klassenbewußtsein zu erkennen sind und welche entsprechen- den Kräftegruppierungen heute wirksam sind. Inzwischen gibt es die Erfahrungen der Streikkämpfe von Mai bis Juli 1984 um die 35-Stunden-Woche. Sie haben sich unmittelbar in diesen Thesen noch nicht - wohl aber in einer Reihe der Beiträge dieses Bandes - niedergeschlagen. Sie verweisen jedoch auf die Relevanz der hier aufgeworfenen Fragen und Problemstellungen und bestätigen sie. Sie haben einmal mehr gezeigt, wie haltlos die Thesen vom angeblichen Abgang der Arbeiterklasse als geschichtli- ches Subjekt sind. Bei den von Modetrends hin- und hergeworfenen Sozialwissenschaften haben diese Ereignisse wieder Konjunktur für das Thema Arbeiterklasse gebracht. Wir stellen die Thesen den Beiträgen zum Schwerpunktthema dieses Bandes voran, weil wir der Ansicht sind, daß mit ihnen die Kontu- ren, Probleme und Forschungsaufgaben zusammengefaßt skizziert werden. I. Theoretische Prämissen ------------------------- 1. Die Rolle des Betriebes ergibt sich daraus, daß hier gesell- schaftliche Produktion und Arbeit realisiert werden. Die Arbei- terklasse tritt im Betrieb als Träger der lebendigen Arbeit und damit als S u b j e k t d e s P r o d u k t i o n s p r o- z e s s e s auf. Sie formiert sich auf Basis der gesellschaft- lichen Produktion als Subjekt der Geschichte. Vom Standpunkt des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses ist die Phase der P r o d u k t i o n m a t e r i e l l e n - und im weiteren Sinne auch des geistigen - R e i c h t u m s der Gesellschaft die entscheidende Phase. Alle anderen Sphären und Bereiche bestimmen sich auf die Produktion hin. Dem entspricht auch die Beziehung von Arbeits- und sonstigen Lebenstätigkeiten der Produzenten. 2. In der kapitalistischen Produktion fungiert der Arbeiter - als Glied des Gesamtarbeiters - nicht nur als Produzent von Ge- brauchswerten und von Wert (Einheit des Produktions- als Arbeits- und Wertbildungsprozeß), sondern auch als Produzent von Mehrwert - dem Ziel der kapitalistischen Produktion. Als L i e f e r a n t v o n M e h r a r b e i t u n d P r o- d u z e n t v o n M e h r w e r t ist der Lohnarbeiter Aus- beutungsobjekt der kapitalistischen Produktion. Die Phase der Produktion ist somit auch die P h a s e d e r M e h r w e r t- p r o d u k t i o n u n d d e r A u s b e u t u n g des Proletariats. Das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital in der Produktion ist das Verhältnis von Eigentümern der Produktions- bedingungen und eigentumslosen Produzenten, woraus - nach Karl Marx - die Struktur und Form der Klassenherrschaft als Ganzes, also einschließlich der Überbauverhältnisse, entspringt. Die Produktion als Sphäre der Ausbeutung ist deshalb auch der Ort, wo der sozialökonomische Antagonismus elementar zum Ausdruck kommt. 3. Der Betrieb als umgangssprachlicher Begriff erfaßt Arbeits- stätte und kapitalistisches Unternehmen als Einheit. Sein Ver- ständnis geht heute über die materielle Produktion hinaus und um- faßt auch die eigenständigen Einheiten des Handels, der Verwal- tung, Forschung, anderer Dienstleistungen, ebenso die staatlichen Einrichtungen. Er bezieht sich also auf alle Einheiten und Berei- che der (kollektiven) Anwendung von Erwerbstätigen und Lohnabhän- gigen. Damit entsteht ein breiter Fächer von Betriebstypen, deren Spezifik auch im Belegschaftstyp zum Ausdruck kommt. Die Grundstruktur des kapitalistischen Betriebes ist damit gege- ben und dadurch geprägt, daß hier die Verwertung eines Einzelka- pitals organisiert ist, daß die durch diesen Zweck und den beson- deren Tätigkeitsbereich geprägte Kooperation die Arbeiter und An- gestellten z u e i n e r B e l e g s c h a f t zusammen- schließt und daß deren Funktion als Verwertungsmaterial gemein- same Interessen gegen "ihr" Kapital, "ihren" Unternehmer, "Chef, ihre Gesellschaft usw. begründet. Diese Interessen beziehen sich auf die Bedingungen ihrer Verwertung als Lohnarbeiter (Arbeits- zeit, Arbeitsintensität, Arbeitsbedingungen, Arbeitsbefugnisse, Kommunikationsräume u.a.) und auf die Bezahlung ihrer Arbeits- kraft (Eingruppierung, Lohnhöhe usw.). Der arbeitsteiligen Gliederung des Produktionsprozesses ent- spricht eine f u n k t i o n e l l e u n d h i e r a r c h i- s c h e G l i e d e r u n g des Arbeitskörpers, in der sich die innerbetriebliche Herrschaft des Kapitals realisiert und ver- gegenständlicht. Dieses betriebliche Herrschaftssystem hat sich unter dem Druck der Produktivkräfte und des sozialen Kampfes fortlaufend verändert und stellt sich in immer neuen Organisati- onsformen dar (heute etwa durch die neuen Informations- und Kon- trollsysteme). Die Entwicklung des Arbeiters (hier immer ge- braucht als soziale und ökonomische Kategorie, nicht als arbeits- rechtliche - weshalb der Begriff Arbeiter hier immer auch Beamte und Angestellte einschließt) als wichtigster Produktivkraft und seine sozialen Bedürfnisse sind vorwärtstreibendes Moment der Be- triebs- und Ausbeutungsorganisation. Der B e t r i e b a l s P r o d u k t i o n s- u n d A u s- b e u t u n g s e i n h e i t ist immer wieder auch der mate- rielle Anhaltspunkt für sozialpartnerschaftliche Vorstellungen (Vorstellungen der illusorischen Gemeinsamkeit), für eng be- zogenen Arbeiterökonomismus und für Betriebssyndikalismus. Der kapitalistische Betrieb als r e l a t i v e E i n h e i t auf antagonistischer Grundlage ist stets auch ein M a c h t s y- s t e m, weil gegensätzliche Interessen aufeinanderprallen, die- se sich organisieren, um sich durchzusetzen, und somit ein ständiger Kampf um Einfluß und Macht stattfindet. Das Verständnis des Betriebes als Machtsystem muß jedoch davon ausgehen, daß es sich um B e z i e h u n g e n i n e i n e m H e r r- s c h a f t s s y s t e m handelt, um die Beziehung zwischen Eigentümern und Nichteigentümern, Ausbeutern und Ausgebeuteten, Unterdrückern und Unterdrückten. Es geht also im normalen Gang um den Modus der Austragung, um die konkrete Form dieser Be- ziehungen. Offene Situationen sind dies nur insofern, als es vom Kräfteverhältnis abhängig ist, welche mögliche Variante verwirk- licht wird. Als Machtsystem ist der Betrieb gleichfalls h e g e- m o n i a l e r R a u m, d.h. Ort des Kampfes um die ideolo- ische und politische Führung der Belegschaften - ein Kampf, der zwischen Kapital und Arbeit und zwischen den Strömungen der Arbeiterklasse bzw. der Belegschaft geführt wird. 4. Mit dem Wirksamwerden eines von der wissenschaftlich-techni- schen Revolution geprägten Typs der intensiven Reproduktion voll- ziehen sich wichtige V e r ä n d e r u n g e n d e r i n n e- r e n S t r u k t u r u n d O r g a n i s a t i o n d e r B e t r i e b e. Dies gilt auch für die Struktur des betrieb- lichen Gesamtarbeiters. Sie verändert sich mit dem zahlenmäßigen Wachstum und zunehmenden Gewicht von Gruppen der Intelligenz, technischer Angestellter und im Umgang mit modernen Produk- tionsmitteln und -anlagen qualifizierter Arbeiter. Z.T. werden traditionelle, vom Taylorismus und Fordismus geprägte Formen der Arbeitsteilung und -organisation aufgelöst bzw. umgestaltet. Dies betrifft auch innerbetriebliche Hierarchie- und Kontrollformen. Die Anwendung neuer Technik und Organisationsformen unterwirft zugleich bisher der reellen Subsumtion weniger zugängliche Abtei- lungen des Gesamtarbeiters (besonders im Angestelltenbereich) stärker der kapitalistischen Arbeitsorganisation. Offensichtlich findet gegenwärtig eine Art Doppelbewegung statt: das Vordringen der fordistisch-tayloristischen Systeme und Metho- den der Leistungsund Arbeitsbewertung und der entsprechenden in- nerbetrieblichen Organisations- und Kontrollformen in die Nicht- produktionsbereiche (Büro, Verwaltung, Verkauf, Arbeitsvorberei- tung, Lager usw.) auf der einen Seite und die stärkere Bürokrati- sierung und Hierarchisierung der Produktionsbereiche mit der An- wendung der neuen Technik und der Automation auf der anderen Seite. Dies führt zu einer stärkeren Annäherung beider Bereiche. Gegenüber dem Schlagwort von der Krise der Arbeitsorganisation und des "Fordismus" muß die nach wie vor bestehende Vielfalt ent- sprechender Typen und Formen beachtet werden. Der Übergang zur intensiv erweiterten Reproduktion setzt sich auch über die Veränderung gesamtwirtschaftlicher Strukturen ("Strukturwandel", Wachstum neuer Branchen etc.) und das Entste- hen "neuer" Betriebe durch, die gegenüber traditionellen "alten" Betrieben in starkem Maße durch Anwendung neuer Technologien, einen hohen Anteil technischer Intelligenz, neue Abteilungen der Arbeiterklasse etc. geprägt sind (z.B. Betriebe der Elektro- und Elektronikindustrie, Luft- und Raumfahrt etc.). Produktions- und Arbeitsintensivierung lassen mit neuen Arbeits- und Qualifikationsanforderungen, Veränderungen der Arbeitsbedin- gungen etc. neue Felder der Auseinandersetzung zwischen Lohnar- beit und Kapital entstehen. Zugleich entsteht eine breitere Pa- lette technisch-organisatorischer Möglichkeiten für die Gestal- tung der konkreten Arbeitstätigkeiten, wobei die jeweilige Option auch eine Kampfaufgabe und Frage des Kräfteverhältnisses ist, weil hierüber die Bedürfnisse der lebendigen Arbeit wirksam wer- den. Die aktuelle Wissenschafts- und Technikentwicklung hat zu einem größer werdenden Informations- und Handlungsvorsprung des Kapi- tals geführt. Dies betrifft auch unmittelbar die elementaren be- trieblichen und Arbeitsplatzverhältnisse. Die neuen technischen Systeme engen den Manövrier- und Kontrollbereich der Beschäftig- ten fortlaufend drastisch ein und ermöglichen eine immense Ver- dichtung der Poren des Arbeitstages bzw. eine beträchtliche Stei- gerung der Arbeitsleistung. Dies gilt auch dort, wo die Systeme bürokratischhierarchischer Kontrolle Einzug halten. Man muß hier vor allem auch beachten, daß mit diesen Änderungen vielfach die Gruppenstruktur der Beschäftigten, ihre naturwüchsige und elemen- tare Formierungsbasis hinfällig wird. Unter den Bedingungen der schnellen Einführung der neuen Technik und der Automation erhält das Bündnis zwischen Arbeiterklasse und wissenschaftlich-technischer Intelligenz (bzw. der betrieblichen Intelligenz schlechthin) und lohnabhängigen Mittelschichten be- trieblich und überbetrieblich einen zentralen aktuellen und stra- tegischen Stellenwert. 5. Das V e r h ä l t n i s v o n B e t r i e b u n d G e- s e l l s c h a f t schließt auch die Beziehung der Glieder oder Grundeinheiten der Klasse zur gesamten Klasse ein. Klassen- verhältnisse realisieren sich im Betrieb und haben in der Produk- tion ihre Wurzeln, sie sind aber gesamtgesellschaftlicher Natur. Der Kapitalist kann sein Eigentum nur als Glied seiner Klasse re- alisieren, der Lohnarbeiter reproduziert sich als solcher außer- halb des Betriebes. Seine Existenz ist die historische Vorausset- zung der kapitalistischen Produktion. Das Kapital kauft seine Ar- beitskraft auf dem Markt. Der Betrieb ist weder ökonomisch, politisch, sozial noch ideolo- gisch ein geschlossener Raum. Der Lohnarbeiter tritt in den Be- trieb nicht nur als Träger einer spezifisch qualifizierten Ar- beitskraft und bestimmter, auf den Betrieb, die Arbeit, den Lohn, die Selbstverwirklichung usw. gerichteter Bedürfnisse, sondern auch als T r ä g e r p o l i t i s c h e r u n d i d e o l o- g i s c h e r V o r s t e l l u n g e n, H a l t u n g e n. Diese werden Faktor der betrieblichen Verhältnisse. Gleichfalls wirken betriebliche Erfahrungen auf die gesellschaftlichen Vorstellungen, auf das außerbetriebliche Verhalten, die politi- schen Optionen usw. Für die Gesamtentwicklung sind die betrieb- lichen Verhältnisse ein dynamischer Faktor, aber sie sind nicht der allein bestimmende Faktor und sie sind auch nicht immer der konkret ausschlaggebende Faktor. Die gesamtgesellschaftlichen politischen und ideologischen Konstellationen wirken in den Betrieb hinein und erhalten dort eine spezifische Verdichtung. Gegenüber einzelbetrieblichen Verhältnissen ist d a s g e- s a m t g e s e l l s c h a f t l i c h e K r ä f t e v e r- h ä l t n i s d e r s t ä r k e r e F a k t o r. Die betrieb- lichen Verhältnisse insgesamt sind jedoch eine wichtige Kom- ponente der Gesamtentwicklung. Dies gilt vor allem für die Durchsetzung und das Wirksamwerden von Arbeiterinteressen. Dies belegen Geschichte und Gegenwart. Für eine konkretere Beurteilung dieser Wechselwirkung müssen die jeweiligen B e s o n d e r- h e i t e n d e r n a t i o n a l e n E n t w i c k l u n g beachtet werden, die konkreten Ausprägungen, welche die Betriebsverfassungen erhalten, der Grad realisierter Autonomie in gewerkschaftlichen Kämpfen, die Kampftraditionen usw. Dazu gehören immer auch die Arbeitsmarktsituation, der Stand des Zuflusses an Arbeitskräften u. a. (Dieser Sachverhalt wird bei nationalen Vergleichen deutlich: In England lag die Stärke der Gewerkschaften und der Arbeiterklasse unmittelbar in der Basismilitanz im Betrieb; in der BRD beruhte in der Nach- kriegszeit der gewerkschaftliche Einfluß mehr auf dem Gewicht der großen Organisation; auch in Japan liegt der gewerkschaftliche Einfluß weniger in der betrieblichen Aktion, sondern mehr in der gesellschaftlich-politischen Aktivität). 6. Geklärt werden müssen der C h a r a k t e r u n d d i e R e i c h w e i t e b e t r i e b l i c h - g e w e r k- s c h a f t l i c h e r K ä m p f e. Der Kampf gegen den Unter- nehmer, das Einzelkapital, ist die ö k o n o m i s c h e E b e- n e des Klassenkampfes. Die p o l i t i s c h e E b e n e bezieht sich auf die gesamtgesellschaftlichen und -staatlichen Verhältnisse und deren (Um-)Gestaltung im Arbeiterinteresse. Ideologische Ebene des Klassenkampfes bezieht sich auf die theo- retische und propagandistische Artikulation der Klassen- verhältnisse, des Klassenkampfes und seiner Ziele und die darauf beruhende Weltsicht (Weltanschauung). Die ökonomische Ebene des Klassenkampfes ist zwar eine naturwüch- sig und spontan entstehende Ebene des Kampfes - wobei auch dabei durchaus unterschiedliche Stufen zu beachten sind -, gleichwohl werden diese Kämpfe nicht ohne Bewußtsein ausgefochten. Entsprechend der Struktur des staatsmonopolistischen Kapitalismus gilt sogar, daß sich notwendigerweise die ökonomische und die po- litische Ebene eng verflechten (z. B. beim Kampf gegen Betriebs- stillegungen mit der staatsmonopolistischen Strukturpolitik oder mit Verstaatlichungsforderungen). Dementsprechend h a b e n ö k o n o m i s c h e F o r d e r u n g e n u n d Z i e l e "i d e o l o g i s c h e" A b b i l d e r, B e g r ü n d u n- g e n u s w. Wir sprechen hier von ö k o n o m is c h e m K l a s s e n b e w u ß t s e i n, das mit bestimmten Klassen- haltungen verbunden ist und wiederum in einer jeweils gegebenen sozialpsychologischen Klassendisposition wurzelt. D i e e n t s c h e i d e n d e F r a g e i s t, w e l c h e A u s p r ä g u n g d a s ö k o n o m i s c h e B e w u ß t- s e i n e r h ä l t - o b e s v e r b u n d e n i s t m i t e i n e r O r i e n t i e r u n g d e r K l a s s e n- a u t o n o m i e o d e r o b e s i n s o z i a l p a r t- n e r s c h a f t l i c h e u n d i n t e g r a t i o n i- s t i s c h e S t e r e o t y p e n z u r ü c k f ä l l t. Übergänge zu politischem Klassenbewußtsein und zu (ideologischem) sozialistischem Bewußtsein erfolgen i.d.R. nur von der Position der Klassenautonomie. Diese Bewußtseinsformen sind auch mit der Option für die gewerkschaftliche und politische Organisierung verbunden. G e w e r k s c h a f t l i c h e O r g a n i s i e- r u n g ist Ausdruck eigener, gegen die Unternehmer gerichteter ökonomischer Interessen. Dies ist die unterste Stufe ökonomischen Klassenbewußtseins. Bei ihr ist es noch offen, welche weitere Wende genommen wird. Für die Bestimmung konkreter Kampfaufgaben ist es wichtig, die Bewußtseinsabstufungen zur Kenntnis zu neh- men. Ökonomisches und politisches Bewußtsein von Arbeitern ist nicht identisch mit Klassenbewußtsein. Klassenbewußtsein verlängert sich also nicht in einen "freien Raum", sondern es muß andere Be- wußtseinsformen auflösen, umändern, verdrängen. Obwohl eine Ände- rung entsprechender Formen nie ohne den alten Ideologiemustern entgegenstehende Massenerfahrungen möglich ist, vollzieht sich eine derartige Änderung nicht im Selbstlauf. Oder genauer: Die positive R i c h t u n g d e r Ä n d e r u n g w i r d d u r c h d i e W i r k s a m k e i t d e s s u b j e k- t i v e n F a k t o r s, der marxistischen Parteien und anderer Kräfte, entschieden. Hierzu gehören heute auch internationale Komponenten. 7. Für die Formung der Arbeiterklasse besaß die k a p i t a l i- s t i s c h e F a b r i k die entscheidende Rolle, weil sich erst hier das Kapital die seinem Verwertungstrieb adäquate Struktur mit dem Maschinensystem geschaffen hatte. Erst auf dieser Grundlage konnte sich ein gegenüber dem Kapital kompromißloser proletarischer Standpunkt herausbilden und ideolo- gisch formuliert werden - mit dem Marxismus. Gleichwohl gilt, daß sich proletarische Interessen auch im Zusammenhang der Manufak- tur, der bei Großbauten (Eisenbahnbau, Straßen- und Städtebau, Hafenbau, Kanalbau usw.) zusammengeballten Arbeitermassen und bei Arbeitern des Handwerks und des Verlagssystems herausbilden kön- nen und auch herausgebildet haben. Für die Fabrik der ersten Pe- riode gilt bekanntlich eine hohe Quote von Frauen- und Kinderar- beit; diese Fabrikarbeiter wurden nicht zum Kern der proletari- schen Bewegung. Erst mit der Herausbildung männlicher Stammbeleg- schaften und von Facharbeitergruppen ist dies der Fall. Von Be- deutung ist dann wiederum die Entstehung der Fließbandfabrik in den 20er Jahren und der Typ des modernen Fließband- und Maschi- nenarbeiters unter t a y l o r i s t i s c h e n u n d f o r- d i s t i s c h e n A r b e i t s- u n d A u s b e u- t u n g s s y s t e m e n. Mit Blick auf heutige Betriebsformen wäre genauer zu untersuchen, wie sich die Umstrukturierung von A r b e i t s t e i- l u n g s-, K o o p e r a t i o n s- u n d O r g a n i s a- t i o n s f o r m e n auf die betrieblichen Formierungsbedin- gungen auswirkt. Dies gilt auch für das Anwachsen von nicht in der unmittelbaren Produktion tätigen Abteilungen der Arbeiter- klasse und der lohnabhängigen Mittelschichten - gegenüber den Formierungsbedingungen der Arbeiterklasse auf der Ebene der "klassischen" kapitalistischen Fabrik ein neues Element. Damit müssen die W e c h s e l b e z i e h u n g e n z w i s c h e n d e n v e r s c h i e d e n e n A b t e i l u n g e n d e s G e s a m t a r b e i t e r s stärker Berücksichtigung finden. Diese Strukturverschiebungen korrespondieren auch mit regionalen Verlagerungen. Die erbliche städtische Arbeiterschaft ist nicht überall typisch. Vielfach sind die sogenannten Arbeitergemeinden, die Gürtel im Umland der Großstädte, wichtiger. Dies ist auch ge- genwärtig der Fall. Die damit gegebenen Wohnmilieus spielten für die Homogenität der Belegschaften eine wichtige Rolle. Ihre Auf- lösung hatte weitreichende Folgen. Somit sind A u ß e n- u n d B i n n e n s t r u k t u r d e r B e t r i e b e einem Wandel unterworfen, der beachtet werden muß. Unabhängig davon ist allerdings die L e i t f u n k t i o n d e r G r o ß b e t r i e b e. Sie ist vor allem in der Tatsa- che begründet, daß im Rahmen der Großbetriebe die Formulierung und Organisierung kollektiver Lohnarbeiterinteressen aus ver- schiedenen soziologischen Gründen leichter möglich ist, daß es hier eine umfassendere gewerkschaftliche und betriebliche Vertre- tungsstruktur gibt, daß die Strömungen der Arbeiterbewegung auch organisatorisch vertreten sind usw. All dies begründet jedoch keinen automatischen Trend zu einer klassenorientierten Politik. Gerade Konzernunternehmen haben es in der Vergangenheit oft auf der Grundlage einer relativen Privilegierung verstanden, ausge- sprochen sozialpartnerschaftliche Haltungen zu verstärken und zu festigen; dies spielt für innergewerkschaftliche Kräfteverhält- nisse eine große Rolle. Großbetriebe haben von ihrer objektiven Stellung her eine ausschlaggebende Rolle für die Orientierung der Klasse, obwohl in ihnen nur Minderheiten der Klasse arbeiten. Wichtig ist es, die Veränderung in den Großbetrieben selbst zur Kenntnis zu nehmen (z. B. Typ IBM). Ferner kann Großbetrieb nicht nur auf die materielle Produktion bezogen werden. Man muß also die heute bestehende Vielfalt in ihrer systematischen Abstufung beachten. Insofern wäre es wichtig, die Entwicklung u n t e r s c h i e d- l i c h e r B e t r i e b s- u n d B e l e g s c h a f t s- t y p e n unter dem Gesichtspunkt objektiver Strukturmerkmale mit ihren jeweiligen Gemeinsamkeiten und Besonderheiten empirisch zu erfassen (Gesichtspunkte wären u.a.: Größenklassen, "alte" und "neue" Betriebe, Traditionen, Branchenbezug, Wirtschaftsabtei- lungen, sozialökonomische Sektoren - großkapitalistischer Sektor, Staatssektor etc. -) und zu untersuchen, inwieweit sich hier übergreifende kollektive Interessenstrukturen und Formierungsbe- dingungen herausbilden (nach der Ertragskraft der Betriebe, sozialen Bedingungen, Weltmarktorientierung usf.). Soweit die Veränderungen des kapitalistischen Betriebes, der Struktur der Arbeiterklasse und des Gesamtarbeiters sowie ihrer Formierungsbedingungen in theoretische Konzeptionen von der Auf- lösung der Arbeiterklasse, der Technostruktur, des Industrie- systemblocks usf. umgesetzt werden, sollten solche Auffassungen kritisiert werden. 2. Momente der objektiven betrieblichen --------------------------------------- Klassenstruktur und Klassenorganisation --------------------------------------- 8. Ein wichtiger Ansatz ist die Untersuchung der B e l e g s c h a f t e n, vor allem von Großbetrieben, a l s G e s a m t a r b e i t e r. Das betrifft allgemein die Analyse der betrieblichen Sozialstruktur, besonders der g e g e n w ä r- t i g e n F o r m e n d e r B e t r i e b s h i e r a r- c h i e u n d d e r a n d i e v e r s c h i e d e n e n R ä n g e g e b u n d e n e n G r u p p e n, weil sich hieraus ein unterschiedliches Gewicht der lohnabhängigen Mittelschichten und der lohnabhängigen Intelligenz ergibt, sich vor allem aber Übergangs- und Annäherungsprozesse an die Arbeiterklasse besser erfassen lassen. Wahrscheinlich erbringt dies auch bestimmte Hin- weise für gewerkschaftliches und politisches Vorgehen. Dies be- trifft z.B. aktuell die Mobilisierung von Gruppen der wissen- schaftlich-technischen Intelligenz gegen die neuen EDV-Über-wa- chungssysteme und für Produktionsalternativen oder die Schlüssel- stellung der betrieblichen EDV-Abteilungen für die Einführung neuer Technik. 9. Auch in zyklischen Konjunkturphasen wird die K r i s e n s i- t u a t i o n vieler Bereiche bestehen bleiben; somit kann eine Art P o l a r i s i e r u n g unter diesen Gesichtspunkten auf- treten. Dies ist eine objektive Basis für Spaltungstendenzen und einen auch in der Konjunktur kaum nachlassenden Druck auf die Reallöhne. Unter diesem Gesichtspunkt sind auch die Thesen von Krisenkartellen, Weltmarktkorporatismus usw. zu prüfen. Die anhaltende Millionenarbeitslosigkeit hat bisher überwiegend gegen die Kampfbereitschaft der Belegschaften gewirkt, die indi- viduelle Suche nach Überlebensstrategien gefördert. Die Tendenz zur sogenannten A r b e i t s m a r k t s e g m e n t i e- r u n g wird andauern. Nach wie vor besteht erst geringe Bereit- schaft, gegenüber den Arbeitslosen solidarisches Verhalten (Unterstützung der Arbeitslosenbewegung) zu praktizieren - offen- sichtlich auch infolge der spontan entstehenden Furcht, dadurch Verschlechterungen in Kauf nehmen zu müssen. Mit anhaltender Ar- beitslosigkeit hat sich der Druck auf bestimmte Beschäftigten- gruppen (Auszubildende wegen der Übernahme, Alte wegen Frühver- rentung, Ausländer wegen Abschiebungsgefahr u.a.) verstärkt. Unterbelichtet blieb bisher in diesem Zusammenhang die exaktere Erfassung der B e t r i e b s p o l i t i k d e r U n t e r- n e h m e r, ihrer entsprechenden Apparate und der Verbindung mit außerbetrieblichen und staatlichen Einrichtungen, d.h. die Einwirkung der staatsmonopolistischen Ü b e r w a c h u n g s- u n d S i c h e r h e i t s a p p a r a t e; ä h n l i c h in der Sozialpolitik (gerade bei bestimmten Monopolen: die Privilegierung durch Beteiligung am Monopolprofit - Degussa, Hoechst usw.; gezielte Arbeitsmarktpolitik innerhalb der Konzerne usw.). Eine besondere Gruppe sind die ausländischen Arbeiter, auch des- halb, weil ihr Gewicht in bestimmten Branchen (Fließband-, Mas- senproduktionsbetriebe, Grundstoffe u. ä.) groß ist und schon von daher ihre Spezifik gesamtbetriebliche Bedeutung hat. Man muß vor allem ihre Haltung in den betrieblichen Konflikten beachten. All- gemein haben sie eine solidarische Orientierung in den Kämpfen. Aber es ist unvermeidlich, daß ihr bedrängter Status dort, wo sie politisch nicht oder nur schwach organisiert oder rechts orien- tiert sind z.B. Gruppen von Türken), negative Rückwirkungen haben kann. 10. Daran schließt sich die Frage nach der S t a b i l i t ä t d e r L o h n a r b e i t an. Orientieren sich die zweite und dritte Ausländergeneration noch auf den Aufbau einer selbständi- gen Existenz in ihren Heimatländern oder auf ein Lohnarbeiterle- ben hier? Für welche Gruppen der Arbeiterklasse bestimmen Früh- verrentung, Sozialpläne, kurzfristiges Jobben ihre Perspektive? Was bedeutet die Attraktivität der von den Unternehmern propa- gierten flexiblen betrieblichen Arbeitszeitregelungen? Vor allem für Frauen verstärkt sich die Tendenz zur Ausweitung der u n g e s c h ü t z t e n L o h n a r b e i t unter zeitgenös- sischen Verlagssystemen - ermöglicht durch Miniaturisierung neuer Technik und neue Kontrollsysteme 11. Eine wichtige Änderung in der Reproduktion der Arbeiterklasse ist die Ausweitung des B i l d u n g s s y s t e m s, die Ver- längerung der zeitlichen Dauer und die tendenzielle Verlagerung der Ausbildung zur Allgemein- und Berufsbildung außerhalb des Be- triebes. Damit verlagert sich auch die soziale Kontrolle, die früher z. T. durch entsprechende Arbeitergruppen ausgeübt wurde, aus dem Betrieb. D a s M i l i e u d e s B i l d u n g s- w e s e n s e r l a n g t f ü r d i e S o z i a l i s a- t i o n e i n e g r o ß e B e d e u t u n g. Dies betrifft ohnehin in hohem Maße die Intelligenz, zunehmend aber auch die Nachwuchsgruppen der Arbeiterklasse. Die Erhöhung des Bildungsniveaus prägt heute schon die betriebli- chen Kader. Damit ist auch ein bestimmter Unterschied zwischen den Generationen entstanden. Diese Umstände schaffen in bestimm- ter Hinsicht neue Möglichkeiten für "theoretisch-ideologische" Zugänge bei entwickelten betrieblichen Kadern. Was sind das für Zugänge? Gehen sie von der individuellen Lebensweise und verän- dertem Kulturverhalten aus? Sind sie v.a. sensibel für globale Probleme und die Notwendigkeit gesellschaftlicher Alternativen? Ist es die Sinnfrage der Lohnarbeiterexistenz? Hieraus ergibt sich die Schlüsselrolle, die Bildungsarbeit für die betriebliche Kaderbildung spielt. Wie weit werden gewerkschaftliche Angebote den wachsenden weltanschaulich-politischen Anforderungen gerecht, wie weit können sich marxistisch und/oder alternativ orientierte Kräfte hier für betriebliche Kader profilieren? 12. Die z.T. sprunghaften Veränderungen der betrieblichen Struk- turen mit dein Einsatz der neuen Technik-mehr noch die Perspekti- ven dieses Einsatzes - haben die Formierungsbedingungen der Ar- beiterklasse nachhaltig verändert. Was bedeutet das für die in- nere Struktur der Arbeiter- und Angestelltenschaft, was für ihre Tätigkeiten, Belastungen, Kommunikationsmöglichkeiten usw. - un- terschieden nach Branchen und betrieblichen Abteilungen? Zum er- sten Mal deutet sich die Möglichkeit an, daß Angestelltenbereiche massenhaft organisiert werden können, da die Industrialisierung ihrer Arbeitsfunktionen nun die Notwendigkeit zu kollektivem Ver- halten stärker hervorbringt. Im Formierungsprozeß der Arbeiterklasse haben historisch immer bestimmte Gruppen innerhalb der Klasse politisch-ideologisch eine führende Rolle eingenommen. Die gewerkschaftliche Organisierung neuer Gruppen gab der Arbeiterbewegung in vielen Fällen eine neue Schubkraft. Entwickeln sich angesichts der klassenstrukturellen Veränderungen durch die wissenschaftlich-technische Revolution solche neuen Gruppen? Aus verschiedenen Gründen ist die Umschichtung in A n g e- s t e l l t e n t ä t i g k e i t e n noch nicht abgeschlossen. Diese Verlagerung hat die Struktur der Arbeiterklasse sehr nachhaltig beeinflußt, weil aus ihren betrieblichen Exi- stenzbedingungen heraus die Angestellten entschieden weniger als Arbeiter zur Kollektivität und kollektiven Interessenvertretung neigen. Entsprechend ihren Existenzbedingungen - und nicht wegen eines nachhinkenden Bewußtseins - bilden sie eher ein funktiona- listisches Gesellschaftsbild denn eine antagonistische Anschauung aus. Sie haben somit a n d e r e Z u g ä n g e z u K l a s- s e n b e w u ß t s e i n als Arbeiter. Welche Probleme und Möglichkeiten bieten sich hier? Offensicht- lich stehen für einfache Angestelltengruppen Fragen von Lohn und Arbeitsplatzsicherheit im Vordergrund; in qualifizierten Gruppen spielen Fragen von Befriedigung und Sinn der Arbeit eine wichtige Rolle - wie vieles andere, das gegenwärtig v. a. von Grün-Alter- nativen aufgegriffen wird. Sind sie leichter auf politischer Ebene anzusprechen, durch Fragen gesellschaftlicher Dysfunktiona- lität des SMK, globale Probleme o.ä.? Wie laufen hier die Inter- essen- und Einflußlinien? Für die Angestellten spielt die Orientierung an hierarchisch "Höhergestellten" eine wichtige Rolle. Hier können die Gruppen der fortschrittlichen jüngeren Intelligenz, die sich an den stu- dentischen Kämpfen und Bewegungen beteiligt haben, eine wichtige Rolle bei der Organisierung größerer Angestelltengruppen spielen. Gilt das auch für Angestelltenbelegschaften industrieller Großbe- triebe, oder können hier kämpferische Einflüsse aus der Arbeiter- schaft eher wirksam werden? In diesem Sinne sind heute diese "höheren" Gruppen der betriebli- chen Sozialstruktur nicht mehr eine unbedingte Stütze der Herr- schaft des Kapitals. Jedoch darf in der praktischen Politik nicht die funktionell bedingte L o y a l i t ä t s b i n d u n g die- ser Gruppen übersehen werden, die ihrem Auftreten bestimmte Gren- zen setzt, abgesehen von bestimmten Privilegieninteressen dieser Gruppen. Die Beachtung dieser Strukturen ist vor allem in den neuen Be- trieben wichtig. Über derartige Zugänge liegen gerade in diesen Bereichen gegenwärtig große Chancen für die gewerkschaftliche und politische Organisierung. 13. Kursorisch ist hier auf einige V e r ä n d e r u n g e n aufmerksam zu machen, die für die E x i s t e n z des h e u t i g e n A r b e i t e r s wichtig sind und vor allem seine a u ß e r b e t r i e b l i c h e S o z i a l i s a- t i o n u n d R e p r o d u k t i o n betreffen: * Gegenüber früher hat die F r e i z e i t zugenommen bzw. die Zeit abgenommen, die der Arbeiter im Betrieb verbringt. Dies führt zu einer relativen Minderung der Prägekraft des betriebli- chen Lebens. * In die gleiche Richtung zielt die Verlängerung des J a h- r e s u r l a u b e s, der heute vor allem für die jüngeren und mittleren Generationen ein wichtiges sozialpsychologisches Ventil ist. Er hat auch wichtige integrative Wirkungen - wie übrigens auch die Sogwirkung der BRD für ausländische Arbeiter. * Eine grundlegende Umorientierung der G e n e r a t i o n s- p e r s p e k t i v e war mit der R e n t e n p o l i t i k bis dato verbunden. Anpassung zahlt sich individuell mehr als Kampf aus (über Anrechnungsjahre, Betriebsrente). * Die partielle Demokratisierung des B i l d u n g s w e s e n s hat über den 2. Bildungsweg den agilsten Vertretern der Arbeiter- klasse einen Aufstieg in die Intelligenz oder ähnliche Positionen erlaubt. Obwohl die ökonomischen und sozialpsychologischen Mecha- nismen nach wie vor den massenhaften Zugang von Arbeiterkindern zur höheren Bildung blockiert haben, ist ein massenhafter Zugang aus den Arbeiterklassegruppen der Angestellten und Beamten er- folgt. Dies beeinflußt notwendigerweise die Gesellschaftsperspek- tive dieser Gruppen. * Für die mittleren und älteren Jahrgänge ist bis heute die E r h ö h u n g d e s K o n s u m n i v e a u s bzw. Lebens- und Zivilisationsstandards der prägende Vorgang geblieben. Sie reagieren auf die Möglichkeit des Verlustes wie Privilegienbesit- zer. Beachtet werden muß, daß sich dies auch in K l e i n e i- g e n t u m (Haus, Eigentumswohnung) und l a n g l e b i g e n K o n s u m g ü t e r n (PKW) ausdrückt und hierüber die An- bindung an konservative Hegemonievarianten möglich ist. Erst mit dem Selbstverständlichkeitseffekt für die nachfolgenden Genera- tionen und ihren Krisenerfahrungen ändert bzw. relativiert sich die Beurteilung dieser Sachverhalte. * Einen starken integrativen Effekt hatte und hat das S y- s t e m d e r S o z i a l l e i s t u n g e n (Kindergeld. Wohngeld, BAFöG) und sein im internationalen Vergleich nach wie vor hohes Niveau. Auch dies hat zur starken Verbreitung des s o z i a l ö k o n o m i s c h e n C h a u v i n i s m u s - vor allem gegenüber sozialistischen Ländern, den "armen Brüdern und Schwestern", den Polen usw. - beigetragen, den Schmidt sei- nerzeit als Modell Deutschland zu propagieren und zu nutzen ver- suchte. * Ein besonderes Problem ist der E i n f l u ß d e r M a s- s e n m e d i e n, vor allem des F e r n s e h e n s und der B o u l e v a r d p r e s s e (BILD-Zeitung). Dies hat bei fast allen fortschrittlichen Arbeitern einen mitunter überzogenen symbolischen Haß auf die BILD-Zeitung hervorgebracht, symbolisch, weil er sich gegen die Herrschaft bürgerlicher Klischees in der Arbeiterklasse als Schranke progressiver Möglichkeiten der Arbei- terklasse richtet. So verhindern diese Medien, daß sich spontane Erfahrungen des ökonomischen Antagonismus im Betrieb in politi- schem Klassenbewußtsein verallgemeinern. Ihre Stärke liegt auf all jenen Gebieten, die nicht der eigenen unmittelbaren Erfahrung und Überprüfung unterliegen. Damit bilden sie eine wesentliche Hürde für die Ausbildung sozialistischen Bewußtseins. Doch ist es auch hier langfristig möglich, daß sich die eigenen Erfahrungen der Wirklichkeit gegen ihre Entstellung in den Massenmedien durchsetzen. Es ist eine außerordentlich wichtige und weiter zu analysierende Erscheinung, daß das Anliegen der Friedensbewegung gegen die Massenmedien verbreitet und v.a. in den öffentlich- rechtlichen Medien nicht hinwegmanipuliert werden konnte, da es von Teilen der (betrieblich und gewerkschaftlich organisierten) Beschäftigten unterstützt wurde. In diesem Zusammenhang ist es auch von erstrangiger Bedeutung, daß in den Mai/Juli-Streiks der Kern der Arbeiterklasse gegen eine beispiellose und nahezu ge- schlossene antigewerkschaftliche Hetze der Massenmedien Kampfbe- reitschaft und Aktionsfähigkeit demonstrierte. Soweit die Medien entfremdete und kompensatorische Bedürfnisse befriedigen, ist die Eindämmung ihres Einflusses zweifellos schwieriger als bei offen politischen Themen. * Geschlossene A r b e i t e r m i l i e u s sind heute nur noch eine Seltenheit. Die Bindungen an das s u b k u l t u- r e l l e Milieu der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung haben sich sehr stark gelockert. Gleichzeitig sind große neue Wohnviertel entstanden, deren Charakter durch einfache und mittlere Gruppen der Arbeiterklasse geprägt ist. Wie bilden sich hier Öffentlichkeiten und oppositionelle Kristallisationskerne heraus (Vereine, Bürgerinitiativen, Jugendzentren o. ä.)? All dies hat auch dazu geführt, daß die ideologische Kontrolle der Arbeiterbewegung, die sich früher betrieblich und außerbe- trieblich mit der sozialen Kontrolle ergeben hatte, gelockert oder aufgelöst ist. Dies hat gravierende Auswirkungen auf die be- triebliche Klassenorganisation. 14. Alle bisher genannten Faktoren sind heranzuziehen, wenn es darum geht zu bestimmen, wie die Krisenerfahrungen die Beleg- schaften in der Grundfrage der Haltung zur Sozialpartnerschaft polarisieren. Ein entscheidender Aspekt der Betriebsstruktur ist der s o z i a l p a r t n e r s c h a f t l i c h o r i e n- t i e r t e B e l e g s c h a f t s t e i l. Diese Gruppen - ebenfalls die Übergänge zur "Mitte" und nach links - müssen genauer betrachtet werden. Man muß fragen: Wer sind die sozialen Stützen entsprechender Betriebsratsgruppen und wie, mit welchen Praktiken behalten sie Position und Einfluß? Man muß davon ausgehen, daß Krisenerscheinungen zu P o l a r i- s i e r u n g e n in den Belegschaften führen - was keinesfalls einheitliches Handeln in ökonomischen Fragen und gewerk- schaftlichen Kämpfen ausschließt und zur Umorientierung be- stimmter Gruppen führen kann. Hier muß vor allem nach den O b e r g r u p p e n d e r A r b e i t e r k l a s s e, nach den jüngeren und mittleren Facharbeitergenerationen gefragt wer- den. Hat sich deren Bindung an die Sozialdemokratie tatsächlich gelockert? Was machte sie (zumindest propagandistisch) zu Schmidt-Anhängern (die berüchtigte These vom Block des Industrie- systems)? Welche Teile votierten im März 1983 für die CDU? Unter welchen Bedingungen setzen sich in diesen Obergruppen Verzicht- haltungen durch? Entlang welcher Linien kommt es zur Polarisie- rung gegen gewerkschaftlich engagierte Facharbeitergruppen, die gegen die Erpressung zum offenen Lohnverzicht Widerstand leisten wollen? Inzwischen sind offene und zum Teil auch vertragliche Lohnverzichte (vor allem in Mittelbetrieben, aber auch bei ARBED) zu konstatieren. Welche Erfahrungen haben kämpferische Betriebs- ratsmitglieder gesammelt, wenn unter dem Krisendruck die Hand- lungsbereitschaft der betrieblichen Basis schwindet? Frauen sind in den vergangenen Jahren mit kämpferischen Aktionen und durch gewerkschaftliche Impulse hervorgetreten. Gilt dies nur für reine Frauen-Belegschaften und gleichermaßen in der Industrie wie in den Dienstleistungen? Konnten aktive weibliche Teilbeleg- schaften die Interessengemeinsamkeit mit den männlichen Beleg- schaftsteilen und -vertretern stärken und über welche Fragen? Bei der Beurteilung der Polarisierung darf ebenfalls nicht die H a l t u n g d e r "U n t e r s c h i c h t e n" aus der Be- trachtung bleiben, obwohl sich diese weniger im betrieblichen Mi- lieu artikulieren. Man muß davon ausgehen, daß beim bestehenden ideologischen Klima Radikalisierungen in diesen Schichten eher rechte Strömungen bis hin zum Neofaschismus begünstigen (siehe die Haltung dieser Schichten bei der Jugend, wobei hier auch schon die Deklassierten eine Rolle spielen). 15. Die o b j e k t i v e b e t r i e b l i c h e K l a s- s e n o r g a n i s a t i o n ist G e g e n m a c h t- u n d S c h u t z o r g a n i s a t i o n im Rahmen eines Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisses. Sie umfaßt die gewerkschaftlichen Strukturen im Betrieb (Vertrauensleute u.a. Gremien) und die institutionalisierten Vertretungsgremien nach dem BetrVG (Be- triebsräte, Ausschüsse, Betriebsversammlungen, AR-Vertreter u.a.). Sie ist ein aus der Betriebsstruktur hervorwachsender Or- ganisationsaspekt der Belegschaft. Als Unterbau müssen die infor- melle Gruppenstruktur der Arbeiter und Angestellten und die for- melle Gewerkschaftsgruppenstruktur (nach Abteilungen usw.) ange- sehen werden. Dies ist der organisatorische Rahmen, in dem die betrieblichen (Klassen-) Interessen artikuliert, formuliert und durchgesetzt werden können. Fragen haben sich auf Funktionieren und Zusammenwirken der Ein- zelelemente der betrieblichen Klassenorganisation in verschie- denen Betrieben, Belegschaften, Situationen zu richten. Wie wir- ken sie mit- oder gegeneinander, wer führt nach innen und nach außen, wie verschieben sich Funktion und Gewicht, wie wirken sie mit der lokalen oder auch übergeordneten Gewerkschaftsebene zu- sammen? Die objektive Klassenorganisation ist auch der Rahmen, in dem die politischen Strömungen der Arbeiterbewegung wirksam werden. 3. Der Betrieb als hegemonialer Raum ------------------------------------ 16. Diese Auffassung basiert auf der Bestimmung des Betriebes als Machtsystem. Vor allem im Rahmen sozialpartnerschaftlicher Stra- tegien und Systeme strebt das Kapital danach, Klassendenken in der Arbeiterschaft auszulöschen und für seine Maßnahmen die Zu- stimmung der Belegschaften zu erhalten. Allerdings bestimmt in der H a u p t s a c h e d i e r e p r e s s i v e S e i t e das betriebliche Herrschaftssystem. Je stärker jedoch schöpferi- sche und intellektuelle Potenzen der Produzenten gefordert sind, desto mehr ist der Geist der "illusorischen Gemeinschaft" zur Steuerung und Kontrolle nötig. Die Expansion der bürgerlichen Ideologie hat somit unmittelbare ökonomische Effekte. Auf der an- deren Seite ist der Kampf um die Klassenorganisation eine Ausein- andersetzung der Strömungen der Arbeiterbewegung u m d i e g e g e n ü b e r d e m K a p i t a l e i n z u s c h l a- g e n d e H a l t u n g und umgekehrt. D e r K a m p f u m d i e H e g e m o n i e b e z i e h t s i c h a l s o z u- e r s t a u f d i e ö k o n o m i s c h e E b e n e d e s K l a s s e n k a m p f e s u n d d i e d a r i n i n v o l- v i e r t e n I d e o l o g i e n. K l a s s e n a u t o n o m i e und S o z i a l p a r t n e r- s c h a f t sind die Kennzeichen der beiden gegensätzlichen H a u p t s t r ö m u n g e n. In diesen Gegensatz sind andere politische und ideologische Gruppierungen eingegliedert. Es wäre eine wichtige Aufgabe, die unter den gegenwärtigen Bedingungen wichtigsten Gegenstände und Formen dieser Auseinandersetzung zu analysieren. 17. Der Klassenkampf auf ökonomischer Ebene umfaßt nicht nur den Lohnkonflikt, sondern ebenso Auseinandersetzungen um Arbeitsbe- dingungen und Arbeitsplätze. Die Konfliktschwerpunkte haben sich mit dem Wechsel von der Konjunktur zur Krise verschoben: Zwar verbreitern sich Streikformen in den Tarifkonflikten in vielen neuen Sektoren der Arbeiterklasse, der Lohnkampf selbst gerät je- doch in eine starke Defensive. W e l c h e K o n f l i k t g e- g e n s t ä n d e w e r d e n i n d e n V o r d e r g r u n d t r e t e n? zeigt sich, daß gegenwärtig vor allem die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung verschiedene Bereiche der Reproduk- tionsinteressen bündeln und zu einem offensiveren Konzept gegen die Krisenstrategie des Kapitals werden kann. Dies haben die Mai/Juli-Kämpfe 1984 inzwischen deutlich bestätigt. Unter dem Krisendruck gewinnt die Verteidigung von demokratischen Rechten im Betrieb an Bedeutung. Wie setzt sich die Erfahrung um, daß der Spielraum für erfolgrei- che Interessenvertretung auf betrieblicher Ebene schrumpft? P o l i t i s i e r u n g s s c h ü b e kamen in der zurücklie- genden Zeit eher aus den Krisenbranchen (Stahl, Werft) als aus den tarifpolitischen Schwerpunktbereichen (Baden-Württemberg), wie Diskussionen um Verstaatlichung und alternative Wirtschafts- politik belegen. In den Betriebsbesetzungen und anderen betrieb- lichen Kämpfen um Arbeitsplätze werden die derzeitigen Kampfbe- dingungen sehr plastisch sichtbar. Dies gilt für die Reaktion der Gewerkschaften ebenso wie für die sichtbar werdende Schwäche der linken Betriebskerne. 18. Mit der Krise hat sich der materielle Manövrierraum einer so- zialpartnerschaftlichen Politik vermindert. Sie kann jedoch nur Masseneinfluß behalten, wenn materielle und soziale Zugeständ- nisse des Kapitals gemacht werden. Deshalb wird auch die Position s o z i a l p a r t n e r s c h a f t l i c h e r F ü h r u n g s g r u p p e n in den Betriebsräten labil und e i n W e c h s e l ü b e r die Betriebsrats wahlen, Listen- aufstellung usw. wird möglich. Dies kann zu einem massenhaften Prozeß werden, der sich auch über den Generationswechsel vollzie- hen kann. In diesem Zusammenhang ist es außerordentlich bedeut- sam, das P r o f i l d e r b e t r i e b l i c h - g e- w e r k s c h a f t l i c h e n K a d e r, die einen solchen Wechsel tragen, näher zu bestimmen. Soweit in einigen Großbetrieben l i n k e M i l i e u s ent- standen sind, sind Informationen dazu vorhanden und analysiert worden. Q u a n t i t a t i v w i c h t i g e r ist jedoch der Wechsel, der sich ohne äußeren Bruch - über neue Mehrheiten in den Vertrauensleutekörpern, über andere Orientierungen des außer- betrieblichen Gewerkschaftsapparates usw. - vollzieht. Ihre Vor- stellungen über eine autonome Politik sind zwar nicht identisch mit dem Massenbewußtsein, aber dessen nicht allzu weit abgehobene Spitze. J e d o c h b e t r i f f t d i e s e V e r ä n d e r u n g w e i t h i n d e n M o d u s d e r D u r c h s e t z u n g d e r ö k o n o m i s c h e n I n t e r e s s e n. 19. Unter Bedingungen entwickelteren Klassenbewußtseins von Ar- beitermassen w a r in Deutschland der ständige G e g e n- s a t z v o n B a s i s d e r A r b e i t e r k l a s s e u n d G e w e r k s c h a f t s a p p a r a t e n u n d -f ü h r u n g e n e i n e w i c h t i g e K o n f l i k t- a c h s e im Kampf der Arbeiterklasse. Unter den gegenwärtigen Bedingungen trifft dieser Gegensatz längst nicht mehr für alle Gewerkschaftssektoren zu. In den weniger sozialpartnerschaftlich ausgerichteten Sektoren reflektiert der gewerkschaftliche Funktionärskörper, einschließlich eines Teils des hauptamtlichen Apparates, die Notwendigkeit des Kampfes und die neuen Bedingungen in weit höherem Maße als die Basis. Heute muß mit Blick auf die Gesamtverhältnisse (noch) eher gesagt werden, d i e B a s i s b r e m s t u n d d e r A p p a r a t s c h i e b t als umgekehrt. Dieses Verhältnis Basis/Apparat kann sich schnell verändern, so- bald größere Teile der Arbeiterklasse in Bewegung geraten. Zur Zeit zeigt sich jedoch, daß politisch-ideologische Erkenntnisse im Apparat und Funktionärskörper stärker gewonnen und praktisch umgesetzt werden können. Es wäre wichtig, die Bindung der be- trieblich-gewerkschaftlichen Strukturen und Kader an die Gewerk- schaftsapparate und die Rückwirkung der Strömungen bzw. deren Wechselwirkung genauer zu untersuchen. Die Situation in allen e n t w i c k e l t e n kapitalistischen Ländern scheint zur Zeit durch folgende Verhältnisse bestimmt zu sein: Die Linkstendenzen, die sich in sozialdemokratisch domi- nierten Organisationen durchsetzen können, verlängern sich nicht spontan und kurzfristig auf die Massenstimmungen der Arbeiter- klassen und der Bevölkerung. In diesen Ländern findet auch kein Aufschwung der kommunistischen Strömung statt. Dies hängt offen- sichtlich damit zusammen, daß es in keinem dieser Länder gelungen ist, vorwärtsweisende Alternativen der Gesellschaftsänderung im Massendenken zu verankern. Diese Situation schlägt notwendiger- weise auch auf die betrieblichen Verhältnisse zurück (siehe Eng- land, Frankreich). Der Gegensatz von Autonomie und Sozialpartnerschaft hat gegenwär- tig eine wichtige Erscheinungsform in einer entsprechenden, aus- geprägten Blockbildung innerhalb des DGB. 20. Die a u ß e r b e t r i e b l i c h e n politischen und ideologischen S t r ö m u n g e n haben in den entsprechenden betrieblichen Strukturen k e i n e p r o p o r t i o n a l e F o r t s e t z u n g. Hieran scheitern immer wieder die Pro- porzbemühungen der CDU, die quantitativen Verhältnisse allgemei- ner Parlamentswahlen auf die Repräsentanz dieser Strömungen in den Gewerkschaften zu übertragen, aber auch die Versuche, Kommu- nisten unter Proporzparolen "abzuschießen". Hieraus erklären sich aber auch die zeitweiligen Erfolge von kleinen - z.T. sektiere- risch orientierten - militanten Gruppen bei Betriebsratswahlen. Die Bedürfnisse nach militanter Vertretung der ökonomischen Klas- seninteressen reproduzieren nicht nur das Bedürfnis nach einheit- lichem Handeln, weil ohne dies nichts durchgesetzt werden kann, sondern sie schaffen auch den Handlungsspielraum für klassenori- entierte Kräfte. Der politisch-ideologischen Verallgemeinerung dieser Tendenz sind gegenwärtig jedoch relativ enge Grenzen gesetzt. Dies betrifft auch die Verbindlichkeit der Autorität betrieblicher Funktionäre. Sie wird i.d.R. nur für den Betrieb und die ökonomische Ebene an- erkannt. Dies zeigt sich etwa daran, daß linke Betriebsfunktio- näre als Kandidaten oder Befürworter bei Parlamentswahlen nur we- nig "mitziehen". Die Politisierungsprozesse außerhalb des Betriebes (z.B. Frie- densbewegung) sind heute ein wichtiger Orientierungspunkt für viele betriebliche Kader, insbesondere da die Grenzen für die ei- genen erfolgreichen Aktivitäten im Betrieb sehr eng gesteckt sind. Welche neuen Formen kollektiven Handelns im außerbetriebli- chen Bereich erfassen Gruppen der Arbeiterklasse und wirken auf die politischen Strukturen im betrieblichen Bereich zurück? 21. Wichtig ist es zu prüfen, welche A u s w i r k u n g e n d i e b u n d e s p o l i t i s c h e O p p o s i t i o n s- r o l l e d e r S P D auf die betrieblichen Gruppierungen hat. Kommt es zur Vereinheitlichung sozialdemokratischer Kräfte in den Betrieben, werden dabei sozialpartnerschaftliche oder autonomie- orientierte Positionen gestärkt? Werden linkssozialdemokratische Betriebsfunktionäre wieder stärker an ihre Parteiführung gebunden und über welche Themen? Es wäre auch zu untersuchen, welche Rückwirkungen dies auf den Autonomieflügel in Betrieben und Gewerkschaften hat. Schließlich geht es auch darum, ob die G r ü n - A l t e r n a t i v e n über die Zustimmung in der jüngeren Generation und hier besonders bei den höher Gebildeten eine betriebliche Verankerung erreichen oder ob die SPD diese Versuche aufgefangen hat. Zu fragen ist auch, inwieweit die n e u e n s o z i a l e n B e w e g u n g e n, die ja auch von Arbeitern und Angestellten getragen werden, Rückwirkungen auf betriebliche Verhältnisse haben und welcher Natur diese sind. Die politischen Betriebsstrukturen sollten detaillierter anvi- siert werden: Dies gilt für die betriebliche Präsenz der SPD, der CDU sowie linker Gruppen - bzw. die Einwirkung der betriebsnahen oder auf den Betrieb ausgerichteten Strukturen (CDA, AfA). Wich- tig bleibt auch, die Vernetzung zwischen den verschiedenen linken Betriebskernen weiterhin zu beobachten. 22. Eine weitere Untersuchungsebene sind die B e t r i e b s- ö f f e n t l i c h k e i t u n d d i e b e t r i e b l i- c h e n K o m m u n i k a t i o n s m i t t e l. Konkret geht es um die Bestimmung des Einflusses von linken Betriebszeitungen, ob sie über die Informationsfunktion in "Spannungszeiten" eine bewußtseinsbildende Rolle ausüben können und ob sie bei der Interessen- und Strategieformulierung Resonanz haben. 23. Eine wichtige Aufgabe der Forschung ist die Beachtung vor- wärtsweisender Ansatzpunkte. Dies betrifft z.B. Untersuchungen darüber, w o e t w a B e t r i e b s g r u p p e n d e r D K P ihre konkreten Wirkungs- und Erfolgsmöglichkeiten haben. Zweifellos ist gegenwärtig ihre Hauptfunktion die konsequente Verstärkung des Autonomietrends auf der ökonomischen Ebene und die Befestigung dieses Trends in den Vertretungskörperschaften. Wo liegen jedoch darüber hinaus heute für sie die politischen Durchbruchsmöglichkeiten? Es liegt auf der Hand, daß die fortge- schrittensten sozialökonomischen Forderungen (z.B. Verstaatli- chung) oder auch die nach Osthandel Ansatzpunkte darstellen. Da- bei haben DKP-Gruppen auch Chancen, sich gegenüber sozialdemokra- tischen und alternativen Kernen weltanschaulich und theoretisch als marxistische Kraft mit sozialistischem Ziel zu profilieren. Ein Grundproblem der betrieblichen Orientierung ist die V e r a n k e r u n g in der Belegschaft durch M i t g l i e- d e r g e w i n n u n g und den A u f b a u b r e i t e r K o n t a k t- u n d E i n f l u ß z o n e n. Dazu ist die Schaffung l e g i t i m e r S a m m e l p u n k t e der oppo- sitionellen und politisch entwickelten Kräfte wichtig. Legitim meint hier: Von einer klassenautonomen Orientierung her Forderungen und Anliegen aufgreifen, die derart breiten Rückhalt in den Belegschaften bzw. in Bevölkerungsstimmungen haben, daß solche Sammelpunkte nicht mit formellen oder politischen Vorwänden beseitigt werden können. Jüngstes positives Beispiel sind die b e t r i e b l i c h e n F r i e d e n s i n i t i a- t i v e n, und zwar auch deshalb, weil sie sich außerhalb bestimmenden Einflusses etwa der sozialdemokratischen Partei- führung oder anderer systemintegrativer Kräfte formieren konnten. Zu untersuchen ist auch die Arbeit von Arbeitslosen-Initiativen, die mit noch beschäftigten Belegschaften kooperieren, so etwa im Hamburger Großbetrieb HDW. Als wichtig haben sich auch A r b e i t s k r e i s e erwiesen, die bei den Gewerkschaften und ihrem Umfeld angesiedelt sind und sich vom Standpunkt der Belegschaften mit legitimen Fragen befas- sen, so der Konversionsforschung, den Informationssystemen, den technischen Alternativen usw. Beachtet werden muß, ob in der B e w e g u n g f ü r d i e A r b e i t s z e i t v e r k ü r z u n g ähnliche Sammelpunkte von Aktivisten, möglicherweise als zwischengewerkschaftliche Ko- operationsgruppen auf lokaler o. ä. Ebene, entstehen werden. Generell muß die Rückwirkung der Verbindung von Friedens- und Ar- beiterbewegung auf die betrieblichen Verhältnisse sehr genau be- obachtet werden, weil hier die große Möglichkeit besteht, daß die Grenzen des Ökonomismus durchstoßen werden können. zurück