Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 07/1984
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ZUR AKTUELLEN NEUSTRUKTURIERUNG DES
KAPITAL- UND KLASSENVERHÄLTNISSES
Der Betrieb als Formationsbasis
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sozialökonomischen Strukturwandels
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Jens Bünnig/Georg Fobbe/Uwe Höfkes
1. Markierungspunkte der Auseinandersetzung - 2. Die Epoche der
befriedeten Klassengesellschaft - 3. Epochale Krise und Neustruk-
turierung der Produktion - 4. Zwischen "Japanisierung" und Er-
neuerung der Gewerkschaftsbewegung
Führen die unübersehbaren Veränderungen im Produktionstyp des
heutigen Kapitalismus zugleich zu tiefgreifenden Veränderungen in
den betrieblichen Formierungsbedingungen der Arbeiterklasse? Die-
ser Frage ist unser folgender Diskussionsbeitrag gewidmet. Wir
beginnen mit einer kritischen Entgegensetzung zu den Thesen des
IMSF, 1) die als Arbeitsgrundlage galten. Dabei beschränken wir
uns auf Schlüsselpunkte, die unseres Erachtens die Unterschiede
der Sichtweise betreffen.
1. Markierungspunkte der Auseinandersetzung
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Proletarische Klassenlage als Gesamtkomplex
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Die Formationsbasis der Arbeiterklasse ist ein Lebens- und Ar-
beitswelt übergreifender Gesamtkomplex proletarischer Klassen-
lage, innerhalb dessen der Betrieb eine bestimmte Funktion ein-
nimmt. Der Begriff "proletarische Klassenlage" soll abgrenzen ge-
gen einen eindimensionalen Klassenbegriff, der den Arbeiter nur
als A r b e i t e r verortet (und insofern auf den Betrieb zen-
triert ist); ebenso aber gegen einen alltagssoziologischen Mili-
eubegriff, in dem der Klassenbegriff um eine wesentliche Dimen-
sion, die des A r b e i t e r s, verkürzt ist.
Mit dem Begriff "proletarische Klassenlage" soll anderes verstan-
den sein als "Betrieb plus proletarisches Milieu": Es geht um das
Verständnis der spezifischen Verschränkung zwischen Lebens- und
Arbeitssphäre oder deren Dekomposition, die als je bestimmtes
Verhältnis historisch existieren und objektiv und subjektiv
Klasse bestimmen. Zur proletarischen Klassenlage gehört die exi-
stentielle Situation von Fremdbestimmung, Ausbeutung, Beschränkt-
heit der Bedürfnisse und der Mittel ihrer Befriedigung ebenso wie
die sozialer, politischer und kultureller Unterdrückung. Klasse
i s t, unabhängig davon, ob ihr auch ein K l a s s e n b e-
w u ß t s e i n je aktuell entspricht. Jede Vergemeinschaftung
der Klasse setzt allerdings ein rudimentäres Bewußtsein der
Klassenlage voraus. Insofern kommen dem Betrieb, aber auch dem
proletarischen Milieu wichtige gemeinschaftsbildende Funktionen
zu.
Betrieb als Formationsbasis des Klassenverhältnisses
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Der Betrieb ist Ort des unmittelbaren Verhältnisses zwischen Ka-
pital und Arbeit und insofern zentraler Ort der kapitalistischen
Klassengesellschaft, ihrer Erfahrbarkeit wie ihrer Bekämpfbar-
keit. Das gilt unabhängig von der jeweiligen Verweildauer
(Arbeitszeit) - womit gegen solche Interpretationen, die aufgrund
eines bestimmten Maßverhältnisses zwischen Arbeits- und Lebens-
zeit auf Relevanz bzw. Irrelevanz des Betriebs schließen, die
qualitative Bestimmtheit von Klassenverhältnis betont ist. Allein
die Auflösung des Betriebs als d e m Ort kapitalistischen Pro-
duzierens ändert entscheidend das Klassenverhältnis: eine verän-
derte "Topographie der Arbeit" (Heimarbeit z.B.) kann das Kapi-
talverhältnis von einem K l a s s e n v e r h ä h n i s in ein
P r i v a t verhältnis umwandeln; partiell war und ist das der
Fall und wird sich u.U. wieder erweitern.
Betriebliches Klassenverhältnis als antagonistische Kooperation
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Betrieb als Formationsbasis der Arbeiterklasse zu betrachten, be-
deutet uns im Ansatz, die Klassenformation in ihrer grundlegenden
Widersprüchlichkeit aufzufassen. Als Ort der Produktion ist der
Betrieb zuallererst Ort eines kooperativen Prozesses zwischen Ka-
pital und Arbeit. Er ist sodann Ort einer spezifischen Kollekti-
vierung/Vergesellschaftung/Vergemeinschaftung. Er ist drittens
Ort eines fundamentalen tagtäglichen "Klassenkampfes" und vier-
tens Ort der "großen" Kämpfe zwischen Kapital und Arbeit, als Ort
von Macht-und Gegenmachtpositionen der Klassen.
Bezogen auf diese vier Ebenen stellt der Betrieb eine Produkti-
ons-, Sozial- und Herrschaftsorganisation dar, die in ihrer je
bestimmten historischen Form aufzufassen ist als Typus betriebli-
cher Hegemonie. Die Ausprägungen dieser betrieblichen Hegemonie
sind grundlegend für die jeweiligen Typen gesellschaftlicher He-
gemonie. Anders ausgedrückt: Wir gehen davon aus, daß epochale
Modelle kapitalistischer Gesellschaft (Perioden kapitalistischer
Entwicklung) sich um die Achse einer Kongruenzbeziehung betrieb-
licher und gesellschaftlicher Hegemonie herausbilden, und daß der
"Wandel" der epochalen Gesellschaftsmodelle aus der Störung die-
ser Kongruenzbeziehungen resultiert, die von beiden Seiten ausge-
hen k a n n, ihre systematische Grundlage aber im Entwicklungs-
prozeß der materiellen Produktion besitzt.
Mit dieser Interpretation betonen wir gegenüber solchen Periodi-
sierungsansätzen, die neuerdings an den langen Wachstumszyklen
ansetzen und sich kritisch gegen traditionelle Periodisierung
(Früh-, Hoch-, Spätkapitalismus, oder: Konkurrenz-, Monopolkapi-
talismus, Staatsmonopolistischer Kapitalismus usw.) richten, daß
in materialistischer Sicht nicht der Typus von Staatsinterventio-
nismus ("Keynesianismus", "Modell Deutschland" usw.), sondern der
Typus betrieblicher Hegemonie auf der Grundlage jeweiliger spezi-
fischer Typen von Produktion, Vergesellschaftung und Konflikt-
und Machtstrukturen entscheidend ist.
Zugleich wollen wir hervorheben, daß Formierung der Klasse immer
ein Prozeß m i t und g e g e n Kapital ist, das Kapitalver-
hältnis als übergreifende E i n h e i t selbst noch den Gegen-
satz der Klassen betrifft. Ein solches Verständnis erscheint uns
um so wichtiger, als nur so die reale Integration der Arbeiter-
klasse in kapitalistische Gesellschaft anders als durch "Verrat",
"Revisionismus" etc. begriffen werden kann. Es ist die Zwie-
schlächtigkeit der Klassenkonstitution selbst, die die p o l i-
t i s c h e Differenzierung der Klassenbewegung hervorbringt
(kommunistische/sozialdemokratische - revolutionäre/reformisti-
sche Strömung). Die Dominanz der reformistischen Strömung ist
epochal bestimmbar - ihre Auflösung ebenso!
Reelle Subsumtion von Arbeit und Arbeiter unters Kapital
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Der Produktionsprozeß des Kapitals beruht von vornherein auf der
unterworfenen Arbeit: den Zweck des Produzierens setzt das Kapi-
tal, sowohl was die Verwertung als auch was die Gebrauchswert-
seite anbelangt. Die historische Entwicklung von der formellen
zur reellen Subsumtion der Arbeit unters Kapital betrifft die
produktionspolitische Gestaltung der Zweck-Mittel-Relation.
Die klassen- und transformationstheoretische Bedeutung dieser
Aussage bedarf eines besonderen Hinweises. In einer entscheiden-
den Dimension ist der Arbeiter von vornherein als N i c h t-
s u b j e k t der Produktion aufzufassen: der des Produktions-
zweckes. W a s produziert wird, bestimmt nicht er - die Art und
Weise der gesellschaftlichen Reproduktion ist aus seinem
Bewußtseins- und Willenshorizont als A r b e i t e r ausgeblen-
det. Die Arbeiterklasse als Gesellschafts- und Geschichtssubjekt
unterliegt einem gesellschaftsspezifischen Reduktionismus auf
einen bloß instrumentellen Sinn von Arbeit. Als kritische Folie,
vor deren Hintergrund die Bedeutung dieses Reduktionismus zu re-
flektieren ist, muß der Marxsche Arbeitsbegriff als gattungsge-
schichtlicher Begriff von Arbeit verstanden werden: "Nicht daß er
nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht
im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art
und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Wil-
len unterordnen muß" (MEW 23/193). Ein Defizit an Gesellschafts-
kritik und gesellschaftlicher Gestaltungskompetenz ist konstitu-
tiv für die Arbeiterklasse als Gesellschaftssubjekt. Diese Grund-
tatsache ist u. E. wesentlich für die klassengeschichtliche Wirk-
samkeit des sozialdemokratischen (Klassen-)Politikmusters, das an
diesem Reduktionismus und dem bloß instrumentellen Sinn der Ar-
beit positiv ansetzt. Eine emanzipationstheoretisch konsequente
Neubestimmung von Klassenbegriff und Klassenpolitik muß nicht nur
durch die zementierte Oberfläche einer auf Kritik der Vertei-
lungsweise des Kapitals fixierten Praxis auf die Ebene der Kritik
der Produktionsweise des Kapitals vorstoßen, sondern innerhalb
deren die Dimension von Produktkritik und Bedürfniskritik er-
schließen. Bloße Interessenpolitik verfehlt im Ansatz eine eman-
zipatorische Bedeutung von Klassenpolitik.
Der historische Fortgang von der formellen zur reellen Subsumtion
der Arbeit unters Kapital tendiert dahin, die residuale Subjekti-
vität von Arbeit innerhalb jenes objektiven Instrumentalismus zu
tilgen. Das System der Produktionsmittel legt fortschreitend Ar-
beit operational fest. Eben darauf richtet sich die Produktions-
politik des Kapitals: Arbeit zum bloßen Appendix des Maschinensy-
stems und seines Taktes zu machen und den Arbeiter in diesem
Sinne zum Funktionieren zu bringen, ihn entsprechend zuzurichten,
um eine lückenlose Kontrolle und Beherrschbarkeit der Arbeit als
bloße Kapitalfunktion herzustellen. Diese produktionspolitische
Tendenz des Kapitals beruht auf der komplementären Entwicklung
fortschreitender Entsubjektivierung der Arbeit und Entobjektivie-
rung des Kapitals. E n t s u b j e k t i v i e r u n g d e r
A r b e i t: alle geistigen Elemente der Arbeit, das Produkti-
ons- und Arbeitswissen des Arbeiters zu enteignen, den Eigenwil-
len des Arbeiters bezüglich der Art und Weise der Durchführung
ihm aufgetragener Tätigkeiten zu brechen; eben in diesem Arbeits-
wissen und darauf basierenden Eigenwillen und Gestaltungsspiel-
räumen im Produktionsprozeß besteht jene residuale Subjektivität
von Arbeit, die dem Kapital als Schranke seiner Produktionskon-
trolle und Gestaltungsautonomie entgegensteht. E n t o b j e k-
t i v i e r u n g d e s K a p i t a l s: mit der Aneignung des
Arbeitswissens des Arbeiters die technisch-operational definier-
ten Arbeitsvollzüge lückenlos zu normieren, Arbeit synthetisch
als Kapitalkraft zu setzen; in diesem Sinne fungieren Wissen-
schaft und Technik als der Arbeit enteignete subjektive Potenzen
der Produktivkraft des Kapitals - und sind auch als spezifische
Teile des Gesamtarbeiters im Produktionsprozeß präsent.
Pathologie des industriellen Arbeiters
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Der spezifisch kapitalistisch gestaltete Produktionsprozeß
schließt Arbeit als zerstörtes Gattungsvermögen des Menschen und
- diese Arbeit als Lebenstätigkeit des Arbeiters - eine besondere
Pathologie des industriellen Arbeiters ein. Die menschliche De-
formation, die dem Arbeiter angetan, indem er den vom Kapital ge-
setzten Funktionen annektiert wird, geht aus der zynischen Offen-
heit hervor, mit der Taylor sein Ziel der Zurichtung des Arbei-
ters formuliert: "abgerichteter Gorilla".
Die Maschinerie, zu deren Anhängsel der moderne Massenarbeiter
wird, setzt ein Mechanischwerden der Bewegungen durch, einen
"neuen psycho-physischen Nexus" (Gramsci), in dem der Bewegungs-
ablauf der Operationen körperlich-nervlich automatisiert ist. Im
Unterschied zu Gramscis These, durch die völlige Mechanisierung
der physischen Geste werde "das Gehirn frei für andere Beschäfti-
gung gemacht", gehen wir davon aus, daß solcherlei Lebenstätig-
keit geistig abstumpft und ruiniert, eine Vergewaltigung des Men-
schen darstellt, die ihn tatsächlich auf das Niveau des Ar-
beitstiers reduziert.
Subjektivität als Gegenpol
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Wohlgemerkt: Die reelle Subsumtion der Arbeit unters Kapital ist
ein fortlaufender historischer Prozeß mit genannter Tendenz, die
sich immer wieder durch die praktisch geltend gemachte Subjekti-
vität der Arbeiter konfrontiert sieht - wie reduziert diese Sub-
jektivität in ihrer Widersetzlichkeit, ihren Ansprüchen und Zwec-
ken auch sein mag. Das Kapital wird das Subjekt nicht los, auf
dessen Abschaffung es seine ganze zynische Arbeitswissenschaft
richtet. Der Betrieb als Produktionsort bleibt Ort des kooperati-
ven Prozesses und des sozialen Antagonismus - der Kampf um Kon-
trolle über die Arbeit bleibt das dynamische Element der Entwick-
lung des kapitalistischen Produktionsprozesses. Auf jeder Ent-
wicklungsstufe des Systems der Produktionsmittel, die das "Wie"
der Produktion epochal prägt, restrukturiert sich auch das be-
triebliche Machtsystem, bildet sich ein epochaler Typus betrieb-
licher Hegemonie heraus, der in jeder seiner Varianten den Tatsa-
chen Rechnung trägt, daß und wie die Arbeiter sich wehren. Ent-
scheidende Bedeutung kommt dabei der Frage zu, ob die Arbeiter
einen bloß instrumentellen Sinn der Arbeit akzeptieren, ob sich
mit der fortschreitenden Zerstörung der Subjektivität der Arbeit
eine Gleichgültigkeit des Arbeiters gegen seine Tätigkeit durch-
setzt, diese ihn nur noch als Quelle von Lohn interessiert. Jen-
seits des "stummen Zwangs der ökonomischen Verhältnisse" verwei-
sen diese Fragen auf im weitesten Sinne k u l t u r e l l e
Sachverhalte: in ihnen bilden sich Selbstansprüche des Menschen,
normative Leitideen und Ethiken heraus, von deren Beschaffenheit
wiederum rückwirkend die Akzeptanz für bzw. Widersetzlichkeit ge-
gen bestimmte Ausprägungen des Systems der Produktion, des sozi-
alökonomischen Systems und der Herrschaftsordnung bestimmt ist.
Dialektik der Befreiung
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Das Proletariat ist ebenso Resultat kapitalistischer Produktion
wie seiner Selbstproduktion. Seine Vergemeinschaftung vollzieht
es in Kampf- und Lernzyklen (Vester), die von der je historischen
Ausprägung proletarischer Klassenlage abhängig sind. Im Prozeß
solcher Vergemeinschaftung bildet sich Arbeiterkultur heraus: als
je historischer Ausdruck von Identitätsbewußtsein und Gegen-
satzerfahrung. Nicht e i n e Arbeiterkultur hat das Proleta-
riat, sondern viele historisch spezifische. Dies kritisch ange-
merkt zu jenen Stimmungen des "Untergangs der Arbeiterklasse",
weil e i n e epochale Form von Arbeiterkultur vergangen ist.
Sicherlich ist die Dekomposition des "proletarischen Milieus",
wie es im 19. Jahrhundert unter den Bedingungen von Massenelend
und Not, Enge der Wohn- und Lebensverhältnisse und staatlicher
Repressionserfahrung gewachsen ist und seine Vergemeinschaf-
tungsformen als Kampf- und Notgemeinschaften beinhaltete, seit
Ende des Zweiten Weltkriegs irreversibel. Das besagt aber nichts
darüber, daß sich unter den Bedingungen des Umbruchs eines
epochalen Modells kapitalistischer Gesellschaft nicht neue Verge-
meinschaftungs- und Kulturformen entwickeln können, die eben auch
neue Ansprüche und Wertorientierungen zum Ausdruck bringen. The-
men, wie sie heute noch weitgehend außerhalb der Arbeiterschaft
diskutiert werden, wie "Sinnkrise der Arbeit", "Technikkritik",
"anders leben, anders arbeiten", "Ökologiekrise" etc. können sich
durchaus mit einer Neuformierung proletarischen Widerstandes in-
nerhalb der Arbeiterschaft Gehör und Geltung verschaffen und eine
neue Kultur von "Arbeiterschaft in Bewegung" mitprägen.
Wenn sich zunächst die Gegenwehr der Arbeiter auf betrieblicher
und gesellschaftlicher Ebene auch als "konservativ" ausnimmt, in-
dem Motive der Verteidigung des Status quo vor der Krise dominie-
ren (Arbeitsplätze, Lohn, Arbeiterschutzrechte, Sozialstaat
etc.), liegt in der Gegenwehr als B e w e g u n g die Möglich-
keit einer Transformation der Motive und Ansprüche, die ihrer-
seits rückwirkt auf die Formen der Vergemeinschaftung im Wider-
stand. Praktisch ist ein solches Umschlagen der Motive und An-
sprüche als Dialektik der Befreiung nur von Intensität und Umfang
der Widerstandsbewegung abhängig.
2. Die Epoche der befriedeten Klassengesellschaft
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Der Zeitraum seit Mitte der 70er Jahre mit seinen ausgeprägten
Merkmalen einer langandauernden Stagnationsperiode gilt uns als
Periode einer umfassenden Neustrukturierung des Kapitalismus,
sowohl das kapitalistische Weltsystem als auch das kapitalisti-
sche Gesellschaftsmodell der vorangegangenen Epoche betreffend.
2)
Das kapitalistische Gesellschaftsmodell der vorangegangenen Epo-
che hat historisch erstmalig für eine lange Periode Vollbeschäf-
tigung und steigenden Lebensstandard der Massen in den kapitali-
stischen Hauptländern verzeichnen können. Dies wurde weniger au-
ßergewöhnlichen ökonomischen Nachkriegsbedingungen als vielmehr
dem bestimmten Typ des Staatsinterventionismus zugeschrieben, der
sich auf der Grundlage des vorherrschenden wirtschaftstheoreti-
schen Paradigmas des Keynesianismus in den wichtigsten kapitali-
stischen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg durchgesetzt hat. Po-
litische Steuerungsfähigkeit und -notwendigkeit des Staates ge-
genüber der kapitalistischen Wirtschaft gehörte ebenso unbestrit-
ten zu diesem Typ des Staatsinterventionismus bzw. zur ihn recht-
fertigenden ideologischen Grundlage, wie die klassenintegrative
Funktion des Staates. Diese begründete sich im wesentlichen aus
folgenden Einrichtungen:
- der verfassungsmäßigen Anerkennung der Koalitionsfreiheit und
des Streikrechts,
- der Eingrenzung sozialer Herrschaft des Kapitals durch Arbei-
terschutzrechte,
- der sozialpolitischen Sicherungsgarantie im Sinne des Wohl-
fahrtsstaates. Auf dieser Grundlage konnte sich der Staat die
fundamentale Massenloyalität sichern. Der Klassenkampf wurde ein-
gefriedet durch Rechtsnormen und staatliche Vermittlungen
(Verrechtlichung und Verstaatung), wodurch ihm der unmittelbar
politische Charakter genommen und sein politisches Konfliktpoten-
tial auf die Ebene des Politiksystems abgelenkt wurde. Auf dieser
Ebene des Politiksystems dominierten Parteien des Volkspartei-
typs, die den epochalen Sozialpakt zwischen Kapital und Arbeit
nach der einen oder anderen Seite vertraten. Der Sozialpakt im-
plizierte jene klassenintegrativen Funktionen des interventioni-
stischen Staates ebenso wie eine entsprechende Verfassung der Ge-
werkschaftsbewegung und ihr Politikmuster. Die sozialdemokratisch
dominierten Gewerkschaften Mittel- und Nordeuropas entsprachen
dem mit dem Sozialpakt geforderten Typ der sozialfriedlichen, ko-
operativen, aber mit nicht unerheblichen kollektiven Regelungspo-
tentialen ausgestatteten Gewerkschaftsbewegung am meisten. Die
sozialdemokratische Hegemonie innerhalb der Arbeiterklassen die-
ser Länder blieb um so mehr intakt, als der Produktivitätspakt
zwischen Kapital und Arbeit auf betrieblicher Ebene nach seinen
beiden Seiten kohärent und funktionsfähig blieb, die Produktivi-
tät weitgehend uneingeschränkt gesteigert wurde und die Arbeiter
ihren Anteil daran nehmen konnten. Massenkonsumismus auf dieser
ökonomischen Grundlage trug das seine zur positiven Integration
der Arbeiter, zum Zerfall ideologisch-kultureller Eigenständig-
keit der Klasse und zur Ideologisierung im Sinne sozialdemokrati-
scher Deutungsmuster und Wertorientierungen bei. 3)
Die Kohärenz dieses kapitalistischen Gesellschaftsmodells einer
befriedeten Klassengesellschaft beruhte auf der epochalen Drei-
faltigkeit von betrieblichem Produktivitätspakt, Sozialpakt und
Massenloyalität. Alle drei Elemente waren zugleich Bedingung für
eine außerordentliche Akkumulationsbeschleunigung in der Nach-
kriegszeit, wie sie auch umgekehrt von dieser abhingen.
Betrachten wir die Produktionsbasis dieser kapitalistischen Nach-
kriegsepoche, dann ergibt sich als epochales Kennzeichen die Aus-
breitung eines bestimmten Typs der Produktion, den wir als
"Fordismus" bezeichnen wollen. Damit ist nicht gesagt, daß dieser
Produktionstypus allgegenwärtig sei - auch diesbezüglich ist der
reale Kapitalismus ein Nebeneinander unterschiedlicher Formen.
Immerhin aber dominiert der fordistische Produktionstypus die
großindustrielle Produktion der Nachkriegszeit. Fordismus steht
für eine spezifische Form der Massenproduktion u n d der Ge-
staltung des Betriebs als Sozialsystem, also auch für einen be-
stimmten betrieblichen Hegemonietyp. 4)
Der Fordismus repräsentiert auf gegebener technologischer Grund-
lage einer immerhin hochentwickelten Mechanisierung als "Ein-
zweckmechanisierung" oder "Detroitautomation" eine erste
vollentwickelte Stufe der "reellen Subsumtion der Arbeit unters
Kapital". Er basiert auf dem T a y l o r - System insofern, als
dessen systematische Arbeitsanalyse u n d Normierung der Arbeit
Grundlage der betrieblichen Arbeitsteilung wird. Der Taylorismus
ist dabei zugleich mit der Weiterentwicklung betrieblicher Ar-
beitsteilung Grundlage für den technologischen Typus der Mechani-
sierung und dessen Entwicklung: eine Technologie der zerstückel-
ten und zerstörten Arbeit, innerhalb deren Arbeit von vornherein
als anzupassende Restgröße befaßt ist.
Der Fordismus basiert aber auch insofern auf dem Taylor-System,
als dessen Leitmotiv der Kontrolle der Arbeit durch Enteignung
des Arbeitswissens und dessen Zentralisierung im Management
zugleich eine entsprechende Erweiterung der kapitalistischen Lei-
tungsfunktion einschließt: eigene Abteilungen für Arbeits- und
Zeitstudien, Arbeitsvorbereitung etc.
Der Fordismus enthält aber jenseits der Prinzipien des Taylor-Sy-
stems eine spezifische Gestaltung des betrieblichen Sozialsy-
stems. Personalwirtschaft als systematische Auslese, Schulung,
Motivierung und Kontrolle der Arbeiter knüpft an arbeitswissen-
schaftliche Befunde (v. a. Arbeitspsychologie, Arbeitspädagogik)
an, die das produktivitätsfordernde Potential des Arbeiters,
seine Arbeitsmotivation und seinen Leistungswillen, in den Dienst
kapitalistischer Betriebsführung zu stellen trachtet. Hier setzt
zum einen die Funktion des mit dem Fordismus eben a u c h syn-
onym gesetzten "hohen Lohns" an, zum anderen die systematisierte
Aufspaltung der Belegschaft in Stamm- und Randbelegschaft sowie
die Privilegierung der Stammbelegschaft namentlich durch das Se-
nioritätsprinzip.
Hier liegt auch der Kern des Fordismus als bestimmtem Typ be-
trieblicher Hegemonie. Der Fordismus beruht auf einem Produktivi-
tätspakt zwischen Kapital und Arbeit, der einerseits zwar die Un-
terwerfung der Arbeit unter die Zwecke der Produktivitätssteige-
rung durch technische, produktions- und arbeitsorganisatorische
Maßnahmen bedeutet, andererseits aber die Leistungsmotivation der
Arbeiter durch die im "hohen Lohn" enthaltene Beteiligung am Pro-
duktivitätsgewinn zu erhalten sucht. Hierzu gehört dann auch die
betriebliche Sozialpolitik als auf Erhalt der Leistungsmotivation
bzw. auf Stimulierung der Konkurrenz in der Belegschaft gerich-
tete Privilegierung der Stammbelegschaft. Der Produktivitätspakt
impliziert einen Basiskonsens zwischen Kapital und Arbeit, der
als besondere Prozedur des Aushandelns von Leistung und Lohn, als
"collective bargaining" realisiert wird. Das unterstellt zumin-
dest die Anerkennung betrieblicher Interessenvertretung der Ar-
beiter als gewerkschaftliche Organisation - und, sofern das Orga-
nisationsprinzip der Gewerkschaft überbetrieblich ist, die insti-
tutionelle Absicherung des Einwirkungsrechts der Gewerkschaft.
Die betriebliche Hegemonieform des Fordismus beruht demnach auf
einer s c h e i n demokratischen Konstitution: Die motivations-
und integrationsfördernde Verteilungs"gerechtigkeit" ist nur als
Vermittlungsverfahren zwischen Kapital und Arbeit realisierbar,
von dem aber die reale Unterwerfung der Arbeit nicht tangiert
ist.
Es ist offenkundig, daß dieser scheindemokratischen Vermittlungs-
funktion zwischen Kapital und Arbeit die westdeutsche Betriebs-
verfassung der Mitbestimmung eine exemplarische Institutionali-
sierungsform bietet. Deren Einbettung in die aktienrechtlich be-
stimmte Unternehmensverfassung drückt zugleich die ungetrübte
Herrschaft des kapitalistischen Eigentums aus.
Grundlage für den Produktivitätspakt zwischen Kapital und Arbeit
ist die Anerkennung seitens der Gewerkschaft, daß die Produktivi-
tät systematisch gesteigert werden soll - sofern dafür eben jene
Produktivitätsbeteiligung der Arbeiter zustande kommt. Die Zu-
stimmung zur systematischen Produktivitätssteigerung seitens der
Gewerkschaften erfolgte in Westdeutschland mit der Beteiligung am
REFA-System, das in den zwanziger Jahren zwar toleriert worden,
aber durch seine Diskreditierung als Teil nationalsozialistischer
Betriebspolitik nach dem Krieg zunächst umstritten war. Die
zweite Seite des Produktivitätspakts, der "hohe Lohn", kam erst
phasenverschoben ab Ende der fünfziger Jahre zum Tragen, als die
Massenarbeitslosigkeit im Zuge der beschleunigten Kapitalakkumu-
lation beseitigt und die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften
sich dementsprechend gestärkt hatte. Seitdem entfaltete sich mit
dem Konsumismus auf Basis steigender Lohneinkommen zugleich rück-
wirkend jene Monetarisierung der Gewerkschaftspolitik: alle Fol-
gen der systematisierten Produktivitätssteigerung für den Arbei-
ter wurden "versilbert", die Gesundheit, Leib und Leben verkauft.
Die eindimensionale Ausrichtung gewerkschaftlichen Bewußtseins
auf die Lohnhöhe bzw. die Verteilungsrelation zwischen Kapital
und Arbeit hat nicht wenig zur Akzeptanz jenes Produktionstypus
des Fordismus beigetragen - eine Eindimensionalität, die sich
schließlich seit Ende des epochalen Wachstumsprozesses, seitdem
sich der Kapitalismus in einer umfassenden Neustrukturierungs-
phase befindet, rächen sollte.
3. Epochale Krise und Neustrukturierimg der Produktion
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Der Übergang zu einem neuen Produktionstyp vollzieht sich heute
auf drei Ebenen: der der neuen Technologien auf Grundlage der
Computertechnik, der neuer Formen der Produktions- und Arbeitsor-
ganisation und der eines neuen Musters von betrieblicher Hegemo-
nie. Computertechnik scheint das Kapital ein entscheidendes Stück
seiner alten Zielsetzung von Autonomie näherzubringen. Der mit
Computertechnik durchsetzte Produktionsprozeß erscheint perspek-
tivisch als selbstregulierender Organismus und lernender Automa-
tismus, der auf Leistung und Wissen des Arbeiters nur noch peri-
pher angewiesen ist. Dennoch ist die "menschenleere Fabrik" nicht
unmittelbar greifbare Zukunft. Noch mehr gilt das für die gegen-
wärtige Umstrukturierungsphase, in der der lernende Automatismus
allererst mit dem Produktionswissen der Arbeiter, Techniker, In-
genieure, Konstrukteure etc. gefüttert werden muß. Computertech-
nik als "universelle Rationalisierungstechnologie" (Briefs)
spielt in allen Bereichen des Betriebs ihre Rolle: in Fertigung,
Forschung und Entwicklung, Verwaltung und Management. Der dezen-
trale Aufbau (Inseln) wird durch funktionale Koppelungen zu Netz-
werken integriert, die allmählich "Hirn und Nervenstränge" mit
den Maschinen und Aggregaten verbinden und schließlich den
selbstregulierenden Organismus bei gleichzeitiger Zentralisierung
seiner Steuerung durchs Management schaffen.
Fürs Kapital bietet Computertechnik drei entscheidende Nutzungs-
dimensionen: die Flexibilisierung der Produktion, die Verbesse-
rung der Marktreagibilität und die "Taylorisierung" der von der
Arbeit abgetrennten geistigen Elemente der Arbeit. Flexibilisie-
rung der Produktion meint rasche Umstellungsmöglichkeiten der
Produktionseinrichtungen auf wechselnde Produkte. Grundlagen da-
für werden bereits im fertigungsbezogenen Konstruieren und durch
Produktstandardisierung, Baukastentechnik etc. gelegt. Flexible
Fertigung durchbricht die fertigungstechnologische Entwicklungs-
linie starrer Einzweckautomatisierung mit ihrem Zwang zu großen
Serien und langwierigen Modell- und Produktwechseln. Hohe Wieder-
verwendungsfähigkeit flexibler Fertigungseinrichtungen über Pro-
dukt- und Modellwechsel hinweg senkt den produktspezifischen Fix-
kapitalaufwand, damit zugleich die Nutzschwelle der Produktion
mit daraus resultierenden preis- und marktpolitischen Vorteilen.
Besonders unter den Bedingungen verschärfter nationaler und in-
ternationaler Konkurrenz wird flexible Fertigung zur Bedingung
der Konkurrenzfähigkeit. Entgegen der Ansicht, daß mit der Pro-
duktionsflexibilisierung auf Grundlage von Computertechnik der
Gegensatz zwischen Produktions- und Marktökonomie tendenziell
aufgehoben werde, 5) bleibt dieser Gegensatz für die kapitalisti-
sche Produktionsweise konstitutiv, wenn sich auch mit verbesser-
ter Marktreagibilität der Problemdruck reduziert. Mit flexibler
Produktion stehen flexible Kapazitäten zur Verfügung, die auf der
Grundlage einer Entkoppelung von Betriebszeit und Arbeitszeit
bzw. im Zusammenhang mit flexibler Arbeitszeit variiert und an
veränderte Marktsituationen angepaßt werden können. Das Senken
der Nutzschwelle der Produktion reduziert dabei den Fixkosten-
druck unterausgelasteter Kapazitäten, ohne ihn jedoch zu beseiti-
gen. Die "Ökonomie der fixen Kosten" (Schmalenbach) bleibt ein-
schließlich der Formen ihrer Bewältigung (Kartellisierung, Zen-
tralisierung von Kapital) wirksam.
Taylorisierung der geistigen Elemente der Arbeit auf der Ebene
der von der Handarbeit abgetrennten Kopfarbeit setzt an den stan-
dardisierbaren und normierbaren Bestandteilen der Kopfarbeit an,
enteignet das Produktionswissen der Kopfarbeiter und unterwirft
sie immer weiter fortschreitend der Kontrolle durch kapitalisti-
sche Leitung. Perspektivisch emanzipiert sich kapitalistische
Leitung von einer Abhängigkeit von Wissenschaft und seiner tech-
nologischen Anwendung. Zugleich kann sie die mit der arbeits- und
betriebswirtschaftlich systematisierten reellen Subsumtion der
(Hand-)Arbeit unters Kapital verbundene Wucherung delegierter Ka-
pitalfunktionen aufräumen und potentielle Gegenmachtpositionen
einzelner Kopfarbeitergruppen innerhalb des Gesamtmanagements
neutralisieren.
Neue Formen der Produktions- und Arbeitsorganisation im Kontext
fortschreitender Computerisierung der Produktion sind mit fle-
xibler Fertigungstechnik ebenso verbunden wie mit Ökonomisie-
rungsanstrengungen des Kapitals unter dem verschärften Druck der
Konkurrenz. Der mit der vorangehenden Epoche der Massenproduktion
auf Grundlage starrer Detroit-Automation verbundene Typ der inte-
gralen Mammutfabrik scheint überholt. Die in letzter Zeit inter-
national Karriere machenden Formen einer auf Reduzierung der Ka-
pitalbindung angelegten japanischen Managementmethoden weisen in
die Richtung verringerter Fertigungstiefe bei gleichzeitiger Syn-
chronisierung der Produktionsabläufe zwischen einem Netz von Zu-
lieferern und den dominanten Verarbeitern (Kanbansystem). Die In-
ternationalisierung des produktiven Kapitals (multinationale Kon-
zerne) führt zu einem Weltverbund von arbeitsteiliger Produktion,
die bestenfalls hochgradig austauschbar ist und eine Produktions-
politik der konzerninternen Konkurrenzwirtschaft ermöglicht.
Mit der Flexibilisierung der Produktion geht Flexibilisierung der
Arbeitssysteme einher - sowohl was ihre qualitativ-inhaltliche
Seite anbelangt als auch, was die quantitativ-zeitliche Seite be-
trifft. Eine starre Arbeitsorganisation, die an fixierte Einzel-
berufe und Tätigkeiten und deren Verteilung an einzelne und Grup-
pen von Arbeitern gebunden ist, befindet sich unter mehreren Ge-
sichtspunkten in Auflösung: einerseits von der personalpoliti-
schen Strategie der Flexibilisierung des Arbeitseinsatzes her,
zum anderen von der damit im Zusammenhang stehenden betrieblichen
Qualifikationspolitik, zum dritten von Neuverteilungsstrategien
der Arbeit her, die mit dem Stichwort Gruppenarbeit belegt sind.
Der allseits flexible und mobile Arbeiter, wie Marx ihn als Re-
sultat des Industriesystems mit seinen Umbrüchen und fortwähren-
den betrieblichen und branchenmäßigen Umstrukturierungen gesehen
hat, wird auf betrieblicher Ebene produziert. 6) Computerisierte
Line-balancing-Systeme in der Automobilindustrie sorgen für
schichttägliche Umverteilung des betrieblichen Arbeitspotentials.
Je flexibler und mobiler der Arbeiter, desto knapper kann die
Stammbelegschaft kalkuliert, desto mehr wiederum die Fixkostenbe-
lastung reduziert werden. Besondere Vorteile impliziert auch das
vom "japanischen Modell" aufgenommene Konzept der Arbeitsgruppe:
neben der Verringerung von indirekten Produktions- und Qualitäts-
sicherungsfunktionen bietet es vor allem die Chance, einen Teil
der Kontrollfunktionen des Managements an die Gruppe und deren
soziale Kontrolle und Zwang gegenüber dem einzelnen zu delegie-
ren. Damit verbunden sind zugleich sogenannte neue Formen der Be-
teiligung (Qualitätszirkel, Vorschlagswesen etc.), die fortlau-
fend Produktionswissen der Arbeiter fürs Kapital aneignen und zur
Effektivierung der Produktion einsetzbar machen.
Die quantitativ-zeitliche Seite der Flexibilisierung der Arbeits-
organisation ist einerseits mit der Straffung der Stammbeleg-
schaften angesprochen, andererseits mit den verschiedenen Formen
der Arbeitszeitflexibilisierung, dritterseits mit der tenden-
ziellen Entkoppelung von Betriebs- und Arbeitszeit. 7)
Ein neuer Typ betrieblicher Hegemonie deutet sich an im Zusammen-
hang mit dem zweiten allgemeinen Charaktermerkmal von Computer-
technologie, außer universeller Rationalisierungstechnologie
ebenso "universelle Kontrolltechnologie" (Briefs) zu sein. Stein-
müller hat das herrschaftstechnologische Potential der neuen In-
formations- und Kommunikationstechnologien wie folgt bestimmt:
Dezentralisierung der Kontrolle bis an die Grenzen der Unsicht-
barkeit bei gleichzeitiger Zentralisierung der Verfügung; auf
diese Formel läßt sich in der Tat der Vorgang bringen, der heute
als Welle von Informationssystemen und ihrer fortschreitenden
Vernetzung in den Betrieben festzustellen ist. Die anscheinende
Harmlosigkeit der Zweckbestimmung verschiedener Informationssy-
steme, nur dem Lauf der technischen Anlagen und Aggregate zu die-
nen, wie sie nicht nur unternehmerseitig behauptet, sondern ar-
beitsgerichtsnotorisch ist, erweist sich als Ideologie, sofern
die spezifische Subjekt-Objekt-Verkehrung zwischen Arbeiter und
Produktionsmittel zur Kenntnis genommen wird: Der Arbeiter wird
im spezifisch kapitalistisch gestalteten Produktionsprozeß zum
"Anhängsel des Maschinensystems". Jeder schlichte Fahrtenschrei-
ber, der "nur" den Maschinenlauf registriert, wird unter dieser
Voraussetzung zum herrschaftstechnologisch zu nutzenden Kontroll-
instrument bezüglich Leistung und Verhalten des Arbeiters - und
nicht nur an der Maschine, sondern auch in den indirekten Berei-
chen. Betriebsdatenerfassungssysteme erheben und werten stati-
stisch aus auch die Tätigkeit der Reparaturkolonnen bzw. die ih-
rer Einsatzleitung. Die durch Maschinenlauf operational defi-
nierte Arbeitsleistung bildet auch die Grundlage für bestimmte
personalwirtschaftliche Verwendungszwecke für integrierte Perso-
nalinformationssysteme: namentlich für Profilabgleiche zwischen
Arbeitsplatzdaten und Personaldaten, in denen der verdinglichende
Charakter kapitalistischer Leitung des Produktionsprozesses sei-
nen entwickeltsten Ausdruck findet.
Aber ein neuer Typ betrieblicher Hegemonie des Kapitals liegt
nicht nur im Technologischen begründet. Sozialtechnologie gewinnt
vor dem Hintergrund der Japan-Euphorie der letzten Dekade eine
neue Gewichtung. Denn der Produktivitätsvorsprung der japanischen
Industrie in bestimmten Bereichen hat weniger mit technischen
Vorsprüngen als mit sozialtechnologischen Vorteilen zu tun. Ent-
gegen der Legendenbildung um das sogenannte japanische Modell,
die von einem humaneren und demokratischeren Managementtyp wissen
will, weisen Dohse/Jürgens/Malsch auf, daß spezifische Bestand-
teile dieses Modells nichts weiter als die brutale Praktizierung
des allgemeinen tayloristisch/fordistischen Produktionstyps der
vorangegangenen Epoche darstellen. Sozialtechnologie geht aller-
dings insofern in einer andersgearteten Dimension in das japani-
sche Modell ein, als das Management mit dem Gruppenarbeitsansatz
ein Stück Kontrolle an die Gruppe delegiert, als deren Selbstkon-
trolle praktiziert und Herrschaft somit sozialtechnologisch als
Quasi-Selbstbestimmung wendet. Solche sozialtechnologisch be-
wirkte Steigerung der Arbeitsproduktivität ist allerdings nicht
voraussetzungslos. Sie ist gebunden an ein System industrieller
Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit, innerhalb dessen Gewerk-
schaft als das fungiert, was hierzulande vormals mit dem Ausdruck
"gelbe Gewerkschaften" belegt war: Betriebsgewerkschaften, die,
vom Arbeitgeber selbst gefördert, als verlängerter Arm seiner
Kontrolle und als Teil des Arbeitsmanagements dienten. In Japan
wurde dieses "vorteilhafte" System mit der Zerschlagung der mili-
tanten Nachkriegsgewerkschaften in den fünfziger Jahren eta-
bliert. Seine besondere Konvergenz mit den Anforderungen eines
auf neuen Technologien basierenden neuen Produktionstyps beruht
auf einer ursprünglich gewaltsam hergestellten Subalternität der
Arbeiterklasse.
4. Zwischen "Japanisierung" und Erneuerung
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der Gewerkschaftsbewegung
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Die Voraussetzungen des epochalen Gesellschaftsmodells der Nach-
kriegszeit sind seit Mitte der siebziger Jahre in die Krise gera-
ten. Seitdem setzte teils als naturwüchsiger Anpassungsprozeß,
teils als bewußte Gesellschaftsgestaltung aus politischer Konzep-
tion ein Neustrukturierungsprozeß kapitalistischer Gesellschaft
auf allen Ebenen ein. 8) Entscheidend für den Verlauf und die Er-
gebnisse dieses Prozesses ist u.E. die Frage, wie die drei Säulen
jenes in die Krise geratenen Gesellschaftsmodells transformiert
werden: betrieblicher Produktivitätspakt, Sozialpakt und Produk-
tion von Massenloyalität. Schlüssel zur Beantwortung dieser Frage
ist die Entwicklung der Gewerkschaften und ihrer Politik. 9) Of-
fenkundig ist, daß mittlerweile das System industrieller Bezie-
hungen aus der Balance geraten, die Gegenmachtposition der Ge-
werkschaften geschwächt ist. Dennoch glauben wir nicht, daß damit
bereits eine endgültige machtstrukturelle Entscheidung fürs Kapi-
tal gefallen ist.
Auf betrieblicher Ebene k a n n das Kapital den quasidemokrati-
schen partnerschaftlichen Typus von Hegemonie relativ leicht ab-
lösen. Die neuen Technologien ermöglichen in Zukunft eine völlige
Transparenz von Produktion und Personal, "gläserne Fabrik" und
"gläserne Belegschaft", und auf dieser Grundlage eine durchgän-
gige Kontrolle als Perfektionierung von Herrschaft. Zugleich wer-
den Elemente einer neuen Produktions- und Arbeitsorganisation
eingeführt, die unter dem Stichwort "Japanisierung" bekannt sind
und zumindest für die Einführungs- und Etablierungsphase eines
neuen Produktionstypus mit neuen Arbeitsformen zugleich neue Be-
teiligungsformen einschließen, die wesentlich auf Enteignung des
Produktionswissens der Arbeiter und Minimierung von Reibungsver-
lusten in der Implementationsphase abstellen, andererseits aber
den Schein von humaneren und demokratischeren Beziehungen zwi-
schen Kapital und Arbeit erwecken. Dadurch verbessert sich die
Akzeptanz gegenüber dem sich etablierenden neuen Produktionsty-
pus, Arbeitszufriedenheit und -motivation steigen. 10) Real aber
ist damit ein Funktionsverlust betrieblich-gewerkschaftlicher In-
teressenvertretung verbunden, weil die Partizipationsstruktur
nicht mehr im Rahmen des Dualsystems von Kapital und Arbeit ver-
ortet ist, sondern unter Umgehung der Organe betrieblich-gewerk-
schaftlicher Interessenvertretung direkte partizipatorische An-
bindung ans Management erlaubt. Der neue Produktionstypus
schließt eine neue Struktur des Gesamtarbeiters ein. Das gilt
sowohl für die gruppenmäßige Gliederung von Massenarbeiter, Fach-
arbeiter und Angestellten als auch für die personalwirtschaftli-
che Strategie der Aufspaltung in Stamm- und Randbelegschaft. Mehr
noch aber und als neues, in seinen Auswirkungen noch gar nicht
richtig abzuschätzendes Moment betrifft die Umstrukturierung des
Gesamtarbeiters dessen Flexibilität. Länge der Arbeitszeit, Lage
der Arbeitszeit, Ort der Arbeit können flexibilisiert, einheitli-
che kollektiwertraglich geregelte Arbeitsverhältnisse individua-
lisiert werden. Das bedeutet zugleich eine tiefgreifende Dekom-
position des Gesamtarbeiters, die eine einheitliche Interessen-
vertretung gegen das Kapital unmöglich macht, kollektive Schutz-
funktionen demontiert und in Richtung gruppenpluralistischer Ver-
tretungsstrukturen weist, innerhalb derer das Kapital sein Macht-
potential effizienter auszuspielen imstande ist. Mit anderen Wor-
ten: Die Herausbildung eines neuen Typs betrieblicher Hegemonie
des Kapitals basiert allseitig auf einem Funktionsverlust der Ge-
werkschaften, soweit Gegenmachtpositionen, kollektivvertragliche
Schutzregelungen und kollektive Schutzpolitik angesprochen sind -
die Ordnungsfunktion der Gewerkschaften hingegen ist nach wie vor
gefragt. Ohne Gegenmacht und kollektive Schutzpolitik aber läßt
das Wahrnehmen der Ordnungsfunktion Gewerkschaft zum in die Ar-
beiterschaft hinein verlängerten Arm des Managements entarten -
eben das "japanische Modell" von "gelben Gewerkschaften".
Da die Richtung der Entwicklung des neuen Produktionstyps ein-
schließlich des Typs betrieblicher Hegemonie allgemein im Sinne
der "Japanisierung" zu interpretieren ist, das "japanische Mo-
dell" also den Prototyp eines neuen epochalen Produktionstyps
darstellt, der - in welchen Variationen und Anpassungskorrekturen
auch immer - vom Kapital angesteuert wird, seien hier abschlie-
ßend zwei Stellungnahmen zum "japanischen Modell" angesprochen,
die nicht nur die Gegensätzlichkeit der Sichtweisen, sondern die
Unentschiedenheit des Verlaufs des Umstrukturierungsprozesses an-
deuten. Dohse/Jürgens/Malsch 11) vertreten die Position, daß das
sogenannte japanische Modell gar nicht modellhaft aufzufassen
ist, nicht transferierbar ist als beliebig anwendbare Methode.
Zwar stellt dieses japanische Modell nichts anderes dar als eine
zugespitzt konsequente Entwicklung des allgemeinen taylori-
stisch/fordistischen Produktionstyps. Aber seine Realisationsbe-
dingung besteht in einem bestimmten System industrieller Bezie-
hungen zwischen Kapital und Arbeit und einem damit unterstellten
Typ von Gewerkschaft, der in Japan erst durch Zerschlagung der
militanten Nachkriegsgewerkschaftsbewegung in den fünfziger Jah-
ren zustande kam. Insofern halten Dohse/Jürgens/Malsch das japa-
nische Modell nicht für applizierbar auf westeuropäische und US-
amerikanische Verhältnisse.
Ichiro Saga hat demgegenüber spezifische Berührungen des japani-
schen Modells mit der westdeutschen Betriebsverfassung behauptet.
12) Die betriebliche Interessenvertretungspolitik hat in West-
deutschland zwar ihren Zusammenhang mit einer betriebsübergrei-
fenden, von den Gewerkschaften mitgestalteten kollektiwertragli-
chen Normierung - sie bleibt nichtsdestoweniger im Mitbestim-
mungsrahmen auf eine praktizierte Scheinharmonie der Interessen
von Kapital und Arbeit bezogen, die an die Funktionstüchtigkeit
des Produktivitätspakts und dessen Interessenreduktionismus ge-
bunden ist. Wenn irgendwo in den westlichen Metropolen des Kapi-
talismus, dann kann sich das japanische Modell in der Bundesrepu-
blik durchsetzen.
Wir betonen, daß es im heutigen Neustrukturierungsprozeß nicht um
ein direktes Zerschlagen der Gewerkschaften geht, sondern um de-
ren Schwächung, Neupositionierung und Kontrolle: mit dem Ziel,
die Subalternität der Arbeiterschaft bei gleichzeitiger Befesti-
gung des Scheins von Harmonie durchzusetzen und strukturell fest-
zusetzen. Funktionsverlust der Gewerkschaften zu organisieren,
wird dabei nach zwei Seiten hin verfolgt. Auf der Ebene poli-
tischrechtlicher Interventionen wird die Tarifhoheit demontiert
und ein politischrechtlicher Zwang zu sozialfriedlichen Formen
der Tarifauseinandersetzungen eingeführt - die freiwillige
Selbstbindung der gewerkschaftlichen Interessenvertretung an das
Gemeinwohl, wie sie dem Sozialpaktmodell entsprach, durch Zwangs-
bindung ersetzt. Auf der Ebene der industriellen Beziehungen wird
das Feld der Tarifpolitik durch Tabuisierung der entscheidenden
gewerkschaftlichen Orientierungen einer "qualitativen Tarifpoli-
tik" blockiert, gleichzeitig aber das Feld betrieblicher Regelun-
gen für betriebsspezifische Lösungen geöffnet. Dadurch wird über-
betriebliche kollektive Gestaltungskompetenz der Gewerkschaften
gekappt und mit der Rückdämmung der Gewerkschaften auf die Be-
triebsebene eine "Verbetriebsratung" der Gewerkschaftspolitik ge-
fördert. Beide Seiten, den Funktionsverlust der Gewerkschaften zu
organisieren, haben ihr exemplarisches Zusammenspiel im Arbeits-
kampf um die Einführung der 35-Stunden-Woche erlebt.
Die Entwicklungstendenz in Richtung eines "japanischen Modells"
betrieblicher Hegemonie ist aber nur e i n e Tendenz im Prozeß
der Neustrukturierung. Eine andere Tendenz deutet sich an. Der
sich etablierende neue Produktionstypus weist auch qualitativ
neue Störanfälligkeiten auf, an deren Ausnutzung sich eine neue
Dimension von Gegenmacht festmachen kann. Eine Produktionsstruk-
tur, die sich als nationale oder transnationale Verbundproduktion
auslegt, ist im höchsten Maße vom Funktionieren der Infrastruktur
abhängig. An dieser Infrastrukturabhängigkeit (Verkehrsnetze, In-
formationsnetze etc.) kann eine Gegenwehrorientierung mit neuen
intelligenten Kampfformen ansetzen, um Blockademacht als Bedin-
gung für Gestaltungsmacht auszuspielen. Ebenfalls hat sich be-
reits im Arbeitskampf für die 35-Stunden-Woche gezeigt, wie ver-
wundbar eine im Sinne der Kapitalkostenminimierung für Lagerhal-
tung ausgerichtete Produktionspolitik der Synchronisierung von
Zulieferbetrieben und Verarbeitern (Kanban-System) ist. Eine
Handvoll Zulieferbetriebe bestreiken zeitigt weitreichende Fol-
gen. Dieses Gegenmachtpotential auszuschöpfen, verlangt wiederum
nach neuen Kampfformen. Schließlich ist auch der betriebliche
Produktionsverbund als auf Basis von Computertechnik und Informa-
tionssystem integriertes System leicht zu stören von einzelnen
Stationen her. Die betriebliche Kampfform des Guerillastreiks
kann den neuen Produktionstypus noch effizienter treffen als bis-
her.
Sofern sich Gewerkschaft auf diese potentiellen Machtpositionen
bezieht, kann sie der kapitulatorischen Tendenz entgehen, auf der
abschüssigen Bahn einer Konzeption des hinhaltenden Widerstands
zu operieren, der schließlich kein Widerstand ist, sondern
Selbstpreisgabe.
Damit dieses Gegenmachtpotential aktualisiert wird, bedarf es ei-
ner Erneuerung der Gewerkschaft. Solche Erneuerung meint aller-
erst die als B e w e g u n g sozialen Widerstandes - nur als
Bewegung wird Gewerkschaft auch zweckmäßige Kampf- und Mobilisie-
rungsformen entwickeln, die die Kluft zwischen Organisation und
Arbeiterschaft zu überwinden imstande sind, die sich jenseits
bloßer Loyalitätsbindung als Selbstschwächung gewerkschaftlicher
Organisation herausgestellt hat. Bewegung werden zu wollen, im-
pliziert den Bruch mit der Ordnungsfunktion und die Bereitschaft,
Blockade- als Chaosmacht konsequent zu entwickeln - nur so wird
sich gewerkschaftliches Bewußtsein als kämpferisches, gewerk-
schaftliche Organisation als Kampforganisation wiederbeleben las-
sen. Als Kampforganisation schließt Erneuerung der Gewerkschaft
auch eine andere Organisationsstruktur ein: statt der hochgradig
eindimensionalen Zentralisierung, die in einer hierarchischen,
lückenlos von oben nach unten kontrollierten Apparatestruktur fi-
xiert ist, eine möglichst dichte Basiskoordination, direktdemo-
kratische Entscheidungsstrukturen und von unten her kontrollierte
Führung und Apparat. Schließlich bedarf eine Erneuerung der Ge-
werkschaftsbewegung auch der inhaltlichen Revision gewerkschaft-
licher Politik in allen Bereichen, einer Wiederaneignung von Po-
litik sozialistischer Transformation und einer Wiederbelebung der
Befreiungsperspektive eines realen Humanismus.
Es ist nicht zu übersehen, daß solche Erneuerung der Gewerk-
schaftsbewegung sich durch den Widerstand gewichtiger Teile des
Apparates, das Sperrfeuer der offiziösen Sozialdemokratie und die
Kriminalisierungsstrategien des Staates hindurchvollziehen muß -
andererseits aber wird eine Bewegung des sozialen Widerstands-
kampfes sich mit anderen sozialen und politischen Bewegungen ver-
binden können und zum Teil einer Radikalkur gegen die reaktionäre
Formierung der Gesellschaft sein. Innerhalb einer solchen Per-
spektive sozialer und demokratischer Erneuerung kommt dem be-
trieblichen Kampf eine Schlüsselstellung zu: Ohne ihn wird sich
die reaktionäre Formierung der Gesellschaft von der Ebene be-
trieblicher Hegemonie her durchsetzen; durch ihn allein kann ein
Gegenwehrprozeß in Gang kommen, der in Verbindung mit anderen so-
zialen und politischen Bewegungen gesellschaftliche Gestaltungs-
macht erobert. Die Betroffenheit durchweg aller Teile des indu-
striellen Gesamtarbeiters, der Massenarbeiter, Facharbeiter und
Angestellten durch die Etablierung des neuen Produktionstyps
stellt einen Resonanzboden für eine erneuerte Politik der Gewerk-
schaftsbewegung dar, die der traditionellen Spaltung innerhalb
des Gesamtarbeiters entgegenwirkt. In diesem Sinne des Betriebs
als Kampffeld kann er Formationsbasis einer Klassenbewegung sein.
_____
1) Abgedruckt als Einleitung zu diesem Band (Red.).
2) Wie tiefgreifend die Strukturprobleme des kapitalistischen
Weltsystems sind, deutet sich mit der vielbeschworenen Gefahr ei-
nes Zusammenbruchs des internationalen Finanzsystems im Zusammen-
hang mit der "Schuldenkrise" der Dritten Welt an. Im gleichen
Kontext steht das Scheitern der entwicklungspolitischen Strategie
des Nachkriegsimperialismus und der Paradigmenwechsel der Ent-
wicklungspolitik.
3) Weder die zerstörerischen Wirkungen des Faschismus auf Arbei-
terkultur, -ideologie und -bewegung noch die gewaltsame Ausgren-
zung der Kommunisten in Westdeutschland sollen dabei vergessen
sein; aber auch ohne sie hätte sich u. E. die epochale Tendenz
zur sozialdemokratischen Hegemonie in der Arbeiterklasse durchge-
setzt,
4) Entstehungs- und Durchsetzungsgeschichte des Fordismus reichen
in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bzw. in die Zwischenkriegs-
zeit zurück. Die Rationalisierungswelle der zwanziger Jahre
brachte auch in Westeuropa und namentlich in Deutschland wissen-
schaftliche Betriebsführung und Großserienfertigung mit Normie-
rung und Standardisierung und nach den Produktionsmethoden der
Fließfertigung in Gang. Letzteres wird systematisch unter rü-
stungswirtschaftlichen Motiven in Deutschland während des Zweiten
Weltkrieges gefördert. Darin ist nicht zuletzt ein Grund für den
relativen Produktivitätsvorsprung der westdeutschen Industrie in
Westeuropa nach dem Krieg zu sehen.
5) Diese Ansicht vertreten in Anlehnung an Sohn-Rethels Unter-
scheidung von Produktions- und Marktökonomie z.B. Brandt/Kündig/
Papadimitriou/Thomae, Computer und Arbeitsprozeß, Frankfurt 1978.
Der entsprechende Interpretationsansatz ist im Frankfurter
Institut für Sozialforschung verbreitet und u.E. so fragwürdig
wie die Sohn-Rethelsche Ausgangsthese.
6) Hinweise auf diese Flexibilisierung der Arbeitssysteme im
"japanischen Modell" enthält der Aufsatz Dohse/Jürgens/Malsch,
Vom "Fordismus" zum "Toyotismus"? Die Japan-Diskussion in der Au-
tomobilindustrie, West-Berlin 1984.
7) Gerade dies wird in der jüngsten Tarifauseinandersetzung um
die 35-Stunden-Woche deutlich, insbesondere an bei verschiedenen
Autoherstellern bereits verhandelten Modellen der Flexibilisie-
rung, bei denen sich trotz im Durchschnitt der Jahresarbeitszeit
reduzierter individueller Wochenarbeitszeit Vorteile für die Un-
ternehmer aufgrund von verlängerten Betriebszeiten und höheren
Anlagennutzungsgraden ergeben. Für die Beschäftigten heißt das u.
a. mehr Schichtarbeit, Preisgabe der Fünftagewoche und saisonal
Zehnstundentag.
8) Auf der politischen Ebene ist mit der "konservativen Wende"
diese Neustrukturierung z.B. in der Sozialpolitik, Kulturpolitik,
Medienpolitik etc. unübersehbar geworden. Es deutet sich u.E. ein
neuer Typus des Staatsinterventionismus an, der nur vordergründig
als Reprivatisierung staatlicher Aufgaben, wirklich aber als
fortschreitende Verstaatlichung bzw. staatliche Funktionalisie-
rung privater und gesellschaftlicher Aktivitäten zu fassen ist.
9) Wir folgen der Modeströmung des Zeitgeistes nicht, die soge-
nannten neuen sozialen Bewegungen zum Ersatzsubjekt gesellschaft-
licher Transformation zu stilisieren. Dennoch sind die übrigens
gar nicht neuen sozialen und politischen Motive dieser "neuen so-
zialen Bewegungen" in ihrer emanzipationstheoretischen Bedeutung
außerordentlich wichtig und müßten bei einer Neuformierung von
Arbeiterbewegung mit aufgenommen werden. Ansonsten bleibt es bei
der alten Einsicht, daß nur diejenigen, die das Kapital produzie-
ren, es auch abschaffen können.
10) Entsprechende Erfahrungen liegen mittlerweile mit solchen
neuen Beteiligungsformen z.B. bei Hoesch mit dem "Beteiligungs-
modell Kaltwalzwerk" vor.
11) Vgl. Dohse/Jürgens/Malsch, a.a.O.
12) Vgl. Bünnig, Folgen der Roboterisierung in der Automobilindu-
strie am Beispiel Nissan/Japan, in: Revier 6/83.
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