Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 07/1984
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GIBT ES EINEN NEUEN TYP BETRIEBLICHER KADER
Johannes Henrich von Heiseler
1. Entwicklung der Fragestellung - 2. Zur Instrumentalismus-Dis-
kussion - 3. Die Prägung betrieblicher Kader: Macht- und Autori-
tätskonflikte - 4. Das Verhältnis zur Gewerkschaft. Politische
Erwartungen - 5. Gesellschaftsbild und Utopie.
Die These, daß die Arbeit ihre zentrale Rolle in unserer Gesell-
schaft objektiv verloren habe und daß sie nun auch für die sub-
jektive Lebenserfahrung, für die Bildung von Bedürfnissen und Mo-
tiven endgültig ihren prägenden Einfluß eingebüßt habe, ist aus
sehr unterschiedlicher Sicht in der letzten Zeit vertreten wor-
den.
Elisabeth Noelle-Neumann hat aus konservativer Sicht mehrfach und
beharrlich behauptet, 1) die Arbeit erhalte nur noch eine Rand-
stellung im Bewußtsein des allergrößten Teiles der Bevölkerung,
noch am ehesten sei eine gewisse Gegenbewegung bei den Frauen
wahrnehmbar, aber insgesamt müsse man nun von einem auch subjek-
tiven Bedeutungsverlust von Arbeit und Beruf sprechen. Von einer
völlig anderen Position her, von einer Position, die sich selbst
in einer gewissen Kontinuität mit der "Kritischen Theorie" sieht,
hat Claus Offe sehr ähnliche Gedanken geäußert. 2) Auch seiner
Meinung nach rutschen die Arbeit und der Beruf objektiv an den
Rand der gesellschaftlichen Tatbestände, und dem entspräche, daß
die subjektive Bedeutung nun auch verlorengehe. Im Unterschied zu
Noelle-Neumann, die damit eine Welt untergehen sieht, scheint
Offe allerdings eine lichte Zukunft zu ahnen.
Nun ist es für die marxistische Gesellschaftstheorie nicht son-
derlich schwer zu zeigen, daß ebenso, wie Arbeit überhaupt für
menschliche Gesellschaften aller Formationen ein zentraler Tatbe-
stand sein muß, für die kapitalistische Gesellschaft kapitalisti-
sche Lohnarbeit den Kern der Struktur bildet: Die Struktur von
Gesellschaften der kapitalistischen Formation in ihrer Gänze wird
im Kern bestimmt durch die Beziehung von Lohnarbeit und Kapital,
Ausbeutung des Lohnarbeiters, Aneignung unbezahlter Arbeit durch
das Kapital, Kommando des Kapitals über fremde Arbeit, politische
Herrschaft der Kapitalinteressen, systematisch und in Gestalt
seiner konkurrierenden Repräsentanten. An diesem Kern, und dies
ist kein neues Argument, weil es kein neuer Sachverhalt ist, än-
dert die Höhe der Zahlung für den Lohnarbeiter ebensowenig wie
die Größe des Anteils der Anbieter von Arbeitskraft, die diese
nicht effektiv verkaufen können. 3)
Unbestreitbar ist aber eine Reihe von Veränderungen, die diese
Grundtatsachen nicht berühren, es jedoch problematisch erscheinen
lassen, die Beziehung zwischen den objektiven Grundtatbeständen
und der subjektiven Verarbeitung durch die Lohnarbeiter als ein
für allemal in einer stabilen Weise gegeben anzunehmen.
1. Entwicklung der Fragestellung
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Unser konkretes Interesse zielt nun auf die Frage, welche Erfah-
rungen es sind, die bei betrieblichen und gewerkschaftlichen Ak-
tivisten den Anstoß für die Herausbildung einer aktiven Rolle in
Betrieb und Gewerkschaft gebildet haben, wie diese Erfahrungen
typischerweise verarbeitet wurden, wie sich die Ausbildung von
gewerkschaftlichem und politischem Engagement vollzog.
Wir haben, um konkrete Anhaltspunkte für die Beantwortung dieser
Frage zu gewinnen, eine kleine Anzahl mit einem Leitfaden struk-
turierter Befragungen unter solchen betrieblichen Kadern gemacht.
Insgesamt liegen 22 Protokolle vor, eine Zahl, die eine quantita-
tive Auswertung noch nicht ermöglicht. Eine quantitative Auswer-
tung verbietet sich auch, da es sich weder um eine kleine Voller-
hebung noch um eine Auswahl, die in den Bereichen einer Zufalls-
auswahl gleichkäme, handelt. Befragt wurden Mitglieder des Be-
triebsrats und der Vertrauensleuteleitung in zwei westdeutschen
Großbetrieben. Im einen Fall handelt es sich um ein zentrales
Werk eines bekannten Automobilkonzerns, im anderen Fall um die
Lufthansabelegschaft eines der größten westdeutschen Flughäfen.
Wie gesagt ist die Auswahl keine kontrollierte Zufallsauswahl. Um
brauchbare Daten zu gewinnen, wurde darauf geachtet, möglichst
von allen im Betriebsrat und im Vertrauenskörper zahlenmäßig häu-
fig vorhandenen politischen bzw. gewerkschaftspolitischen Strö-
mungen sowie möglichst von allen verschiedenen Arbeitsbereichen
(bei Lufthansa etwa: von der Flugbegleitung bis zur Werft) Ver-
treter in der Auswahl zu haben.
Versuchen wir, den Typus des betrieblichen Kaders zu kennzeich-
nen, wie er für die Großbetriebe der Bundesrepublik bis in die
sechziger und siebziger Jahre bestimmend war: Die betrieblichen
Kader entstammten meist Familien, die schon in der elterlichen
Generation zur Arbeiterklasse gehörten. Innerhalb der Arbeiter-
klasse gehörten sie meist zu Familien qualifizierter Arbeiter.
Die Erfahrung des Konflikts mit dem Kapital auf betrieblicher
Ebene, vor allem um die Höhe des Arbeitslohns, ist die Grunder-
fahrung, die den ersten Anstoß für die betriebliche und gewerk-
schaftliche Aktivität bildet. Auf der Grundlage von Erfahrungen
des Konflikts mit dem Kapital auf der Ebene des Betriebs werden
dann Erkenntnisse und Haltungen in einem von mit Interessenver-
tretung verbundenen Lagebewußtsein zusammengefaßt, das durchaus
schon ein bestimmtes Bild der Gesellschaft enthält, durchaus in
einem solchen Sinn schon politisch ist, das aber, vergleicht man
es mit sozialistischem Bewußtsein als politischem Klassenbewußt-
sein der Arbeiterklasse, noch die Vorstufe darstellt, die Lenin
mit "trade-unionistischem" Bewußtsein gekennzeichnet hat.
Dabei lassen sich schon hier deutlich zwei Stufen unterscheiden:
Die Ebene der Erkenntnis der Konfliktzone zwischen Lohnarbeit und
Kapital im Betrieb und in den entgegengesetzten ökonomischen In-
teressen einerseits und als zweite Ebene diejenige, die sich auf
die politischen Fronten, die Sphäre von Staat und Politik be-
zieht. Die Erkenntnisse und Vorstellungen der zweiten Ebene wer-
den in der Regel erst aufgebaut, wenn die erste Ebene erreicht
ist. Man kann meist deutlich abgegrenzte Phasen der Entwicklung
unterscheiden. Eine der allerersten Grunderfahrungen ist die, daß
die Konkurrenz der Lohnarbeiter untereinander überwunden werden
muß durch gemeinsames interessenorientiertes, solidarisches Han-
deln. Die Gewerkschaft als die organisatorische Form, in der die
Tendenz zur Solidarität und die Überwindung der Konkurrenz ihren
Ausdruck findet, wird zum unbezweifelbaren und selbstverständli-
chen Bezugsrahmen des eigenen Handelns. Auf der Ebene parteipoli-
tischer Zuneigungen und Anstöße kann man bemerken, daß meist in
der Elterngeneration, im Elternhaus oder unter den Verwandten und
Bekannten mindestens ein organisierter Sozialdemokrat vorhanden
ist; in einer wesentlich geringeren Anzahl von Fällen ist ein
Kommunist da, der Anstöße vermittelt.
Es stellt sich die Frage, ob dieser historische Typ des betrieb-
lichen Kaders nach wie vor der entscheidende und bedeutsame Typus
ist, auf den sich vor allem auch eine an den Interessen der Ar-
beiterklasse orientierte gewerkschaftspolitische und allgemeinpo-
litische Praxis zu beziehen hat, oder ob die Veränderungen der
Arbeit im Großbetrieb auch diesen Typus modifizieren oder erset-
zen.
So haben Joachim Bergmann und Walther Müller-Jentsch innerhalb
der konfliktorientierten Kader einen Typus des "Klassenkämpfers"
von dem Typus des "Lohnkämpfers" unterschieden, ohne allerdings
etwas über die Entwicklungsrichtung zu sagen. 4) Witich Roßmann
hat darauf hingewiesen, daß seit Ende der sechziger Jahre ein
neuer Typ von Gewerkschaftern feststellbar sei, der langsam domi-
nierend werde, und legt in diesem Zusammenhang Gewicht auf die
Einflüsse des Bildungswesens, der Massenmedien und der Verände-
rung der Lage am Arbeitsplatz. 5) In den Thesen des IMSF "Karl
Marx und das revolutionäre Subjekt in der Welt von heute" vom
März 1983 heißt es: "Insgesamt kann man feststellen, daß neue
Strukturen, Bedürfnisse und Konflikte auch einen veränderten Ty-
pus des gewerkschaftlichen Aktivisten geprägt haben, der unter
anderem durch ein hohes Maß an selbständigem Handeln und große
Ansprüche an innergewerkschaftliche Demokratie charakterisiert
ist und der oft ein Scharnier zu den neuen sozialen Bewegungen
bildet." 6)
2. Zur Instrumentalismus-Diskussion
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Eine wichtige Bedeutung hat in diesem Zusammenhang auch die Dis-
kussion um die These des "instrumentellen" Verhältnisses zur Ar-
beit. Sie wurde Ende der sechziger Jahre in die soziologische
Diskussion durch John H. Goldthorpe und andere eingeführt. 7) In
ihrem Kern besagt sie, daß die Angehörigen der Arbeiterklasse ihr
Verhältnis zu Arbeit und Beruf nicht mehr durch die Inhalte der
Arbeitstätigkeit bestimmen, sondern indem sie sie lediglich als
Mittel bewerten, die ihnen erlauben, außerhalb von Arbeit und Be-
ruf liegende Ziele zu verfolgen. Es seien dementsprechend nicht
die konkreten Gegebenheiten der Arbeitssituation, die das Ver-
hältnis des Arbeiters zu seiner Arbeit bestimmten; vielmehr komme
seine allgemeine gesellschaftliche Stellung in der Haltung zum
Ausdruck, die die eigene Arbeit als Mittel der Reproduktion fasse
und der die Arbeitsinhalte daher äußerlich bleiben.
Die Instrumentalismus-These hat einen richtigen Kern. Für den
Lohnarbeiter ist in der Tat der Verkauf der eigenen Arbeitskraft
notwendiges Mittel, um zu leben und die eigene Reproduktion zu
sichern. Auf dieser Ebene ist die Gleichgültigkeit gegen den Ar-
beitsinhalt, das instrumentelle Verhältnis zur Arbeit durch das
Kapitalverhältnis selbst gegeben.
Nimmt man diesen Kern der Instrumentalismus-These, so steckt
darin gleichwohl eine Vereinseitigung. Im Kapitalismus bilden Ar-
beitsprozeß und Verwertungs- (bzw. Wertbildungs-)Prozeß eine wi-
dersprüchliche Einheit. Ein widersprüchliches Verhältnis des
Lohnarbeiters zu seiner Arbeit ist daher objektiv vorgegeben. Ei-
nerseits hat der Lohnarbeiter aufgrund seiner gesellschaftlichen
Lage, bevor er noch die Stätte seiner Tätigkeit betritt, ein not-
wendig instrumentelles Verhältnis zu seiner Arbeit. Andererseits
wird die konkrete Bewertung der eigenen Arbeit um so mehr auch
von dem Charakter der Arbeit selbst bestimmt, je komplexer dieser
Arbeitsprozeß selbst ist.
In ihrer gegen den Goldthorpe-Lockwoodschen Ansatz gerichteten
Studie "Industriearbeit und Arbeiterbewußtsein" gelingt es Horst
Kern und Michael Schumann, die Einseitigkeit der englischen Stu-
die durch eine theoretisch ebenbürtige Einseitigkeit zu ersetzen:
Nicht die soziale Situation insgesamt, sondern die spezifischen
Gegebenheiten der Arbeit seien es, die das soziale Bewußtsein und
Verhalten prägen. 8) Die akribische empirische Arbeit, die in
dieser Untersuchung geleistet wurde, soll damit nicht abgetan
werden. Der Ansatz zwingt ja geradezu, sehr sorgfältige empiri-
sche Arbeit zu leisten, bei der selbstverständlich viele Belege
für eine Beziehung zwischen den Arbeitsgegebenheiten und dem Be-
wußtsein und Verhalten der Arbeiter gefunden werden. Theoretisch
avancierter ist zweifellos der Ansatz von Werner Kudera, Werner
Mangold, Konrad Ruff, Rudi Schmidt, Theodor Wentzke. 9) Kudera
u.a. sprechen von einem "gebrochenen Instrumentalismus", womit
das widersprüchliche Verhältnis von Arbeits- und Verwertungspro-
zeß, von konkreter und abstrakter Arbeit in der kapitalistischen
Produktion zumindest deutlich als widersprüchliches Verhältnis
genannt wird. 10)
Von Christiane Bierbaum u.a. ist die These vertreten worden, daß
die Beziehung auf den Arbeitsinhalt für den Lohnarbeiter im Kapi-
talismus typischerweise illusionäre Vorstellungen transportiere,
während es die Gleichgültigkeit gegen den konkreten Inhalt der
Arbeit sei, die die Grundlage für die Wahrnehmung des Charakters
des Verwertungsprozesses ausmache, der auch den eigenen Arbeits-
prozeß präge. 11) Interessant ist die Fragestellung: Welche Seite
des Widerspruchs - die eigene Tätigkeit als an sich gleichgülti-
ges Mittel der Reproduktion oder die eigene Tätigkeit als inhalt-
lich bestimmte Arbeit - ist es, die den Ansatzpunkt für die Er-
kenntnis der Grundzüge der kapitalistischen Gesellschaft bietet?
Die Antwort muß allerdings komplexer sein als die von Bierbaum
u.a. Die Frage, inwieweit der konkrete Inhalt der Arbeit Bezugs-
punkt für das Denken der Arbeiter und Angestellten ist, hängt
sowohl ab von dem Maße, in dem bestimmte Grundbedürfnisse befrie-
digt sind, wie von dem konkreten Inhalt der Arbeitstätigkeit
selbst. Die Dispositionsmöglichkeiten, der Grad an Repetitivität,
das Maß, in dem das Arbeitstempo vorgegeben ist, der Grad an
selbständiger Informationsverarbeitung durch den Lohnarbeiter
usw. bestimmen das Maß, in dem sich eine - stets relative, stets
instrumentell gebrochene - Identifikation mit dem Arbeitsinhalt
entwickeln kann.
Die Entwicklung der Arbeit, wie sie gegenwärtig vor sich geht,
bringt auch solche Sektoren hervor, in denen größere Anforderun-
gen an Kenntnissen und Bildung, selbständigere Dispositionen, au-
tonomere Verarbeitung von Informationen verlangt wird. So haben
etwa Aufgaben wie Herstellung, Verarbeitung und Weitergabe von
Informationen - Aufgaben, die traditionell von herrschaftsaus-
übenden Teilen des Gesamtarbeiters, also Vertretern der Betriebs-
hierarchie, besetzt waren - auch an vielen anderen Arbeitsplätzen
zugenommen. Zugleich entsteht auf dieser Grundlage immer wieder
die Gegentendenz, erweiterte Dispositionsmöglichkeiten ebenso
wieder einzuschränken und aufzuheben, wie die noch traditionell
bestehenden Dispositionsmöglichkeiten klassischer Facharbeiter-
gruppen durch moderne Rationalisierungsund Arbeitszerlegungsmaß-
nahmen eingeschränkt und beseitigt werden. Aus der Erfahrung die-
ser Gegentendenz ergibt sich die skeptische Haltung gerade der
traditionellen Facharbeitergruppen gegenüber technischen und or-
ganisatorischen Veränderungen ihrer Arbeitstätigkeit, hinter
denen sie, auch wenn sie als Humanisierungskonzepte angeboten
werden, sehr wohl den Rationalisierungszugriff des Kapitals er-
kennen. 12)
In unterschiedlichen Sektoren entstehen in bezug auf das Verhält-
nis zur eigenen Tätigkeit verschiedene Lohnarbeitertypen unter-
schiedlicher Prägung. Die Problematik dieser Polarisierung ist
nicht völlig neu. Der Gegensatz zwischen handwerklich ausgebilde-
ten Facharbeitern und angelernten Handlangern tritt ins Leben mit
der im großen Maßstab eingesetzten kapitalistischen Maschinerie.
Dieser Gegensatz schließt verschiedene Bezugsmöglichkeiten zur
eigenen Arbeitstätigkeit ein. Das Problem tritt also nicht erst
zu dem Zeitpunkt auf, zu dem große Teile der Angestellten und Be-
amten bedeutende und wachsende Teile der Arbeiterklasse ausma-
chen. Aber es erhält eine neue Prägung durch die neuen Arbeitsty-
pen moderner Produktion, die neuartigen und gestiegenen Bildungs-
voraussetzungen, die (erneut) breitere Rekrutierung von Lohnar-
beitern aus anderen Klassen und Schichten.
In der Geschichte der Arbeiterbewegung hat sich gezeigt, daß sich
die Entwicklung von kritischem, konsistentem, antikapitalisti-
schem Bewußtsein sowohl auf der Grundlage einer stärker instru-
mentellen Orientierung wie auf der Grundlage eines stärker die
Produzentenrolle betonenden Bewußtseins entfalten kann. Die revo-
lutionäre Sozialdemokratie gewann in den Jahrzehnten ihres histo-
rischen Aufstiegs ihre Kraft in besonderer Weise aus den Gruppen,
die infolge ihrer Tätigkeit und ihrer Qualifikation eine inhalt-
liche Beziehung zu ihrer eigenen Arbeit auch als konkrete Arbeit
entwickeln konnten. Aus dieser Beziehung konnte ein spezifisches
Selbstbewußtsein erwachsen, dem ein starkes Prestige innerhalb
der anderen proletarischen Gruppen und Schichten entsprang: Die
anderen proletarischen Sektoren orientierten sich in besonderem
Maße gerade an jenen Schichten, die auf der Grundlage der Ver-
mittlung von Arbeitsidentifikation, Selbstbewußtsein und daraus
erwachsenden sozialen Ansprüchen besonders empfänglich für die
Aufnahme der Ideen der revolutionären Sozialdemokratie waren. In
einer anderen historischen Etappe gewann dagegen die junge kommu-
nistische Bewegung ihre Kraft vornehmlich aus solchen Gruppen der
Arbeiterklasse, denen die Gleichgültigkeit ihrer konkreten Arbeit
im Kapitalismus für das Profitsystem besonders deutlich werden
mußte.
3. Die Prägung betrieblicher Kader:
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Macht- und Autoritätskonflikte
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Als Untersuchung der Schnittstelle von Massenbewußtsein und Orga-
nisationsentwicklung ist die Betrachtung der Entwicklungstypen
betrieblicher Funktionäre auch von Bedeutung für die politische
Praxis der Arbeiterbewegung. 13) Denn ein neuer Typ betrieblicher
Kader, was Motivation, Entwicklungsweg, Bewußtsein und Handlungs-
formen angeht, schließt auch einen neuen Typ der konkreten Ge-
setze der Klassenbewegung mit ein. Auf der Grundlage allgemeiner
Gesetzmäßigkeiten des Klassenkampfes entwickelt jede Epoche im
gegebenen nationalen Milieu ihre Eigengesetzlichkeit, was der
Vergleich mit den Entwicklungsjahrzehnten der revolutionären So-
zialdemokratie und den Formierungsjahren der jungen kommunisti-
schen Bewegung verdeutlicht. Es stellt sich die Frage, inwieweit
sich nicht nur bestimmte äußere Bedingungen in der Bundesrepublik
seit den sechziger Jahren verändert haben; dabei wollen wir uns
auf die Frage des dominierenden Typs betrieblicher Kader konzen-
trieren, ohne zu vergessen, daß allgemeinere Veränderungen sowohl
bei den Voraussetzungen wie bei den Wirkungen und Ergebnissen der
untersuchten Veränderungen beteiligt sind.
Bei unserer Befragung wurde unter anderem danach gefragt, welches
die Themen waren, die den Anstoß für die betriebliche und gewerk-
schaftliche Arbeit des Befragten bildeten. Auch wenn man voraus-
setzt, daß sich möglicherweise durch die Retrospektive einiges
verschiebt, geben die Antworten wichtige Hinweise. Aus einer lan-
gen Liste von 15 vorgegebenen Themen, die der Befragte erweitern
konnte (und häufig auch erweiterte), hoben sich einige Themen
heraus, die besonders häufig genannt wurden. Es waren dies Lohn-
und Einkommensfragen (12 Nennungen), kritische Auseinandersetzung
mit gewerkschaftlicher oder Betriebsratsarbeit (13 Nennungen) Ar-
beitsbedingungen und Pausenregelungen (15 Nennungen) sowie Ar-
beitszeitprobleme (ebenfalls 15 Nennungen) und schließlich, am
häufigsten, Fragen der Macht- und Autoritätsverhältnisse (Mitbe-
stimmung u. a.) (16 Nennungen).
Bei den Macht- und Autoritätskonflikten handelt es sich um Kon-
flikte unterschiedlicher Formen und Ebenen: Es kann um die Frage
der Einführung betrieblicher Informationssysteme ebenso gehen wie
um Fragen einer nicht als menschenwürdig empfundenen Behandlung
der Arbeiter am Band ("wie eine Nummer"); häufig kommen gesamtge-
sellschaftliche Machtverhältnisse mit in den Blick. Allgemein
sind es Bedürfnisse der sozialen Existenz, deren Nichterfüllung
von diesen Befragten auch bei monetärer "Kompensation" nicht mehr
widerspruchslos geschluckt wird.
Nun weicht dies ab von dem Bild der traditionellen Motivation be-
trieblicher Kader in der Bundesrepublik. Die bewegende Kraft er-
gab sich bei dem wichtigsten Typus vor allem aus der Erfahrung
des Konflikts um den Arbeitslohn, wogegen andere Motivationen und
Anstöße eine untergeordnete Rolle spielten. Wir hatten gesagt,
daß im typischen Fall die Entwicklung des Bewußtseins der be-
trieblichen Kader deutlich stufenförmig verlief: Eine erste Ebene
war die betriebliche Ebene, auf der sich zunächst der Gegensatz
von Lohnarbeit und Kapital darstellte. In einer zweiten Stufe
wurden dann die schon vorhandenen Erkenntnisse oder Vorstellungen
auf die Ebene von Politik und Staat übertragen. Nun müssen wir
bemerken, daß nicht nur eine bemerkenswerte Anzahl eindeutig von
keinem stufenförmigen Prozeß in dieser Weise sprach, sondern daß
sich darüber hinaus diejenigen, deren Entwicklungsweg sich nicht
in dieser Weise stufenförmig vollzogen hatte, hinsichtlich der
Erstmotivation von den anderen zum Teil unterschieden.
Eine Frage lautete: "Der Weg zur betrieblichen und gewerkschaft-
lichen Arbeit und die Entwicklung allgemeinen politischen Inter-
esses sind ja nicht dasselbe. Was lag in deinem Fall vorher, die
allgemeine Politisierung oder die betriebliche und gewerkschaft-
liche Arbeit?" Zehn der Befragten antworteten, die Hinwendung zur
betrieblichen und gewerkschaftlichen Arbeit sei in ihrem Fall vor
der allgemeinen Politisierung erfolgt. Alle zehn erklärten auf
Nachfrage, daß es sich um deutlich abgegrenzte Phasen gehandelt
habe. Zwölf erklärten, bei ihnen habe die gewerkschaftliche und
betriebliche Arbeit nicht am Anfang gestanden: Sechs sprachen da-
von, daß bei ihnen die allgemeine Politisierung zuerst erfolgte,
die sechs übrigen sprachen von einem zeitlich und inhaltlich zu-
sammenhängenden Gesamtprozeß. Wir können davon ausgehen, daß es
neben dem bisherigen Typ der Entwicklung gewerkschaftlichen Be-
wußtseins auch einen weiteren Entwicklungstyp gibt, dessen Ent-
wicklung durch die primäre oder gleichzeitige Verarbeitung von
Vorstellungen und Erkenntnissen aus der Sphäre von Staat und Po-
litik gekennzeichnet wird.
Für diesen anderen Typ ist wahrscheinlich die Motivation durch
Lohn- und Einkommensfragen von relativ nicht so großer Bedeutung
wie für den klassischen Typus (vier von zwölf gegenüber acht von
zehn Nennungen). Man kann weiter auf dieser Grundlage vorläufig
annehmen, daß für diesen neuen Typus die Motivation durch Fragen
der Macht- und Autoritätsverhältnisse häufiger den Initialanstoß
ausmacht als bei dem traditionellen Typ. Diese Annahme wird durch
die vorhergehenden allgemeinen Überlegungen gestützt. Die Motiva-
tion zur eigenen gewerkschaftlichen und betrieblichen Arbeit da-
durch erhalten zu haben, daß man sich mit der vorhandenen gewerk-
schaftlichen oder Betriebsratspraxis kritisch auseinandersetzte,
gaben beide Gruppen gleich häufig an.
Fragt man nun nach den Motiven für die allgemeine Politisierung,
so erhält man andere Antworten. Zunächst: Beide Typen, derjenige,
dessen Entwicklung phasenweise von der betrieblichen Arbeit aus-
gehend und in einer zweiten Phase sich allgemein politisierend
verläuft, und der andere Typus, für den eine solche phasenweise
Entwicklung nicht zutrifft, unterscheiden sich nicht in merkli-
cher Weise, was die angegebenen Anstöße der allgemeinen Politi-
sierung betrifft. Am häufigsten genannt wird die kritische Aus-
einandersetzung mit der gewerkschaftlichen oder Betriebsratspra-
xis (fünfzehn Nennungen), es folgen Fragen des Gesellschaftssy-
stems (vierzehn Nennungen), der Macht-und Autoritätsverhältnisse
(ebenfalls vierzehn Nennungen), Probleme im Zusammenhang mit
Krieg und Frieden und mit Rüstungsproduktion (dreizehn Nennungen)
und Probleme der Arbeitszeit (elf Nennungen). (Es ist vielleicht
anzumerken, daß in den Vorgaben auch Umweltfragen, das Problem
der Arbeitslosigkeit und Fragen im Zusammenhang mit der Technik
auftauchten, daß aber eine Reihe von Befragten gerade zu den ge-
nannten Problemen sagte, "damals", also zum Zeitpunkt, in dem sie
gewerkschaftlich und betrieblich aktiv geworden seien bzw. zu dem
sie sich allgemein politisiert hätten, habe das für sie noch
keine Rolle gespielt.)
Wenn wir von der Annahme ausgehen, daß Fragen der Macht- und Au-
toritätsverhältnisse am ehesten aufgeworfen werden, wenn einer-
seits aus dem konkreten Inhalt des Arbeitsprozesses selbst An-
sprüche auf ein höheres Maß an Autonomie und Kontrolle auch über
den Arbeitsprozeß hinaus im gesamten Produktionsprozeß erwachsen,
andererseits der kapitalistische Verwertungsprozeß hier Struktu-
ren vorgibt, die immer wieder zur Kollision mit diesen Ansprüchen
führen, dann kann man daraus eine wichtige Schlußfolgerung zie-
hen: In der betrieblichen und gewerkschaftlichen Arbeit kommt es
heute darauf an, den Zusammenhang zwischen diesem Typ von erfahr-
baren Widersprüchen und dem Grundwiderspruch unseres Gesell-
schaftssystems deutlich zu machen.
Diese Aufgabe der Vermittlung stellte sich selbstverständlich
auch schon bei dem früher vorherrschenden Typus, der vornehmlich
von dem Widerspruch im Bereich des Konflikts um den Arbeitslohn,
um die Höhe der Zahlung ausging. Aber bei dem neu hinzugekommenen
zweiten Typus stellt sich diese Aufgabe in anderer und verschärf-
ter Weise. Denn wenn hier die Beziehung auf die Sphäre von Staat
und Politik spontan nicht erst in einer zweiten Phase erfolgt,
nachdem sich schon bestimmte Erfahrungen der betrieblich-gewerk-
schaftlichen Ebene konsolidiert haben, heißt das, daß schon in
bezug auf die Verarbeitung von Grunderfahrungen, wie der Erfah-
rung von Macht- und Autoritätskonflikten, ideologische Einflüsse
im Sinne des systematischen Hineintragens von Ideologie (und
nicht nur im Sinne ihrer spontanen Reproduktion) früher und stär-
ker eine Rolle spielen.
Die gewachsene Bedeutung von Macht- und Autoritätskonflikten für
einen bedeutsamen Teil neuer betrieblicher Kader ist letztlich
nicht einfach auf Veränderungen in den Anforderungen des Arbeits-
prozesses zurückzuführen, auch wenn diese und der Widerspruch
zwischen den Anforderungen des Arbeitsprozesses und den Bedingun-
gen des Verwertungsprozesses die Grundlage abgeben, auf der diese
Widersprüche wahrgenommen werden. Zurückzuführen sind vielmehr
diese Tendenzen letztlich auf den Vergesellschaftungsprozeß als
objektiven Prozeß unter kapitalistischen Bedingungen. Seine Fol-
gen sind die Ausdehnung und Entwicklung des Systems bürokratisch-
kapitalistischer Kontrolle, die dadurch produzierte Gegenströmung
ist die Forderung nach Einfluß, Mitbestimmung, Kontrolle durch
die Lohnarbeiter. 14)
Dieser Konflikt wird im staatsmonopolistischen Kapitalismus ste-
tig reproduziert, ebenso wie der Lohnkonflikt stetig reproduziert
wird. Die Tatsache, daß der Konflikt um Fragen der Macht- und Au-
toritätsverhältnisse offenbar sofort den Bezug zur Sphäre von
Staat und Politik einschließt, darf aber nicht dazu verführen an-
zunehmen, daß die Ansprüche auf Autonomie oder Mitsprache prinzi-
piell durch das Kapital nicht integrativ zu nutzen seien. Die
Möglichkeit, auch diese Ansprüche ebenso wie viele andere inte-
grativ nutzen zu können, ergibt sich für das Kapital aus der Tat-
sache, daß sie in der Form, in der sie sich spontan entwickeln,
noch nicht die Beziehung auf den Grundwiderspruch unserer Gesell-
schaft einschließen.
Aus der Bedeutung der Konflikte um Macht- und Autoritätsverhält-
nisse für die Motivation betrieblicher Kader, aber genauso aus
ihrer gewachsenen Bedeutung in der Breite bei Angehörigen der Ar-
beiterklasse, besonders der jüngeren, insgesamt, aber auch und
sogar noch stärker bei Angehörigen der Intelligenz und der
lohnabhängigen Mittelschichten, 15) ergibt sich für die soziali-
stische Arbeiterbewegung der Bundesrepublik, den Kern dieser Kon-
flikte zu erfassen und mit den historischen Interessen der Arbei-
terklasse zu vermitteln. Die Tatsache, daß im Zusammenhang mit
diesen Konflikten sofort der Bezug zur Sphäre von Politik und
Staat hergestellt wird, wirft die Frage nach der ideologischen
Hegemonie gleichsam eine Stufe früher auf.
Kehren wir noch einmal zurück zur Diskussion um die Instrumenta-
lismusthese. Allgemein wird im Kapitalismus das Verhältnis der
Lohnarbeiter zur Produktion durch die widersprüchliche Einheit
von Arbeits- und Wertbildungsprozeß geprägt. Dem entspricht, daß
sowohl die Erfahrung der Gleichgültigkeit der konkreten Arbeit
für das Kapital und die daraus entspringende Betonung der Lohn-
frage als Konfliktzone wie die Erfahrung der aus dem Inhalt der
Arbeitstätigkeit erwachsenden Ansprüche und der daraus entsprin-
genden Betonung der Macht- und Autoritätsverhältnisse als Kon-
fliktzone prinzipiell gleichermaßen Ansatzpunkte für die Entwick-
lung antikapitalistischen Bewußtseins bilden können. Vergleicht
man aber verschiedene konkrete Zeitabschnitte, so zeigt sich, daß
sich hier innerhalb der prinzipiell gegebenen Möglichkeiten die
Akzente verschieben können. Für die Motivation zu aktiver be-
trieblicher und gewerkschaftlicher Tätigkeit, bei der sich be-
triebliche Kader herausbildeten, war in der Bundesrepublik für
lange Zeit die Zone des Konflikts um die Lohnhöhe dominierend.
Dies scheint sich in der letzten Zeit insoweit geändert zu haben,
als nun daneben ein Typus betrieblicher Kader an Bedeutung ge-
winnt, für den Konflikte im Bereich von Fragen der Macht- und Au-
toritätsverhältnisse den Ausgangspunkt der Motivation bilden. 16)
4. Das Verhältnis zur Gewerkschaft. Politische Erwartungen
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Nun ist der Begriff "Instrumentalismus" auch verwandt worden, um
die These auszudrücken, daß die Lohnarbeiter heute eine Beziehung
zur gewerkschaftlichen Organisation haben, die sich durch ein
kalkuliertes Verhältnis von Aufwand und Ertrag auszeichnet. Dazu
ist zunächst zu sagen, daß die Wahrnehmung der gewerkschaftlichen
Organisation als Werkzeug für die Interessen der Lohnarbeiter,
nimmt man dies wörtlich, einen sehr hohen Grad von Bewußtheit
voraussetzen würde. Gemeint ist wohl etwas Einfacheres: Ist die
Bindung an die und die Beziehung auf die gewerkschaftliche Orga-
nisation emotional tief verankert, oder kann sie leicht durch
vorübergehende Erwägungen in Frage gestellt werden?
Nun bedeuten Bindung an die gewerkschaftliche Organisation und
Beziehung auf die gewerkschaftliche Organisation ja nicht Kritik-
losigkeit. Im Gegenteil, schon 1975 ist daraufhingewiesen worden,
daß gerade bei den engagiertesten jungen Gewerkschaftsmitgliedern
die Kritik an dem konkreten Verhalten der Gewerkschaft besonders
deutlich hervortrat. 17) Das schließt die Gefahr einer wachsenden
Distanz ein. Die Bedeutung der Vorgabe "kritische Auseinanderset-
zung mit der gewerkschaftlichen und Betriebsratspraxis" für die
Motivation späterer betrieblicher Kader zeigt, daß der Befund von
damals keineswegs eine vorübergehende oder beschränkte Erschei-
nung darstellte. Sie zeigt andererseits, daß in dieser kritischen
Haltung die starke emotionale Beziehung zur Gewerkschaft, die
sich auf der tiefen Erfahrung begründet, daß die Konkurrenz der
Lohnarbeiter untereinander durch organisiert solidarisches Ver-
halten überwunden werden muß, nicht verlorengegangen ist.
Dies zeigen noch eindrücklicher die Antworten auf die offene
Frage: "Es geschieht ja immer wieder, daß es innerhalb der Ge-
werkschaften Konflikte gibt... Wie weit sollte man dabei gehen?"
Die Antworten enthielten durchgehend den Bezug auf die Notwendig-
keit solidarischen Verhaltens, auf die Notwendigkeit gewerk-
schaftlicher Einheit. Von vielen wurde das geradezu beschwörend
vorgetragen. Die emotional verankerte Beziehung ist auch fest-
stellbar in den Protokollen von Interviews mit Betriebsratsmit-
gliedern, die auf anderen als der offiziellen gewerkschaftlichen
Liste in den Betriebsrat gewählt wurden. Andererseits wird in
vielen Protokollen ausdrücklich betont, daß das nicht die Annahme
jedweder Wendung der Politik des Gewerkschaftsvorstands bedeuten
kann.
Michael Schumann hatte 1979 daraufhingewiesen, daß Entscheidungen
der Gewerkschaftsgremien von den neuen betrieblichen Kadern nicht
mehr in gewohnter Selbstverständlichkeit bejaht werden. 18) Wi-
tich Roßmann hatte daraus die Schlußfolgerung gezogen, daß durch
Verlagerung der Formierung des Bewußtseins und der Handlungsdis-
positionen aus dem Betrieb heraus das Verhältnis zur Gewerkschaft
weniger emotionsbeladen sei. 19)
Demgegenüber lassen die Interviews die Annahme zu, daß auch die-
jenigen, die sich durch ihr betriebliches Verhalten so stark in
Gegensatz zu den offiziellen Beschlüssen der gewerkschaftlichen
Gremien setzen, daß sie den Ausschluß kalkuliert in Kauf nehmen,
kein emotionsfreies Verhältnis zur Gewerkschaft haben. Eine emo-
tionale innere Bindung wird vielmehr gerade an einer gewissen
Bitterkeit deutlich, mit der über solche Konflikte berichtet
wird. Klaus Pickshaus ist zuzustimmen, wenn er davon spricht, daß
diese Beziehung nicht mehr als emotionaler Kitt verwandt werden
kann, um strategische und gewerkschaftspolitische Divergenzen zu
überdecken. 20) Die zweifellos weiter vorhandene emotionale Be-
ziehung ist jedoch, auch wenn solche Abweichungen im praktischen
Handeln nicht mehr tabuisiert sind, eine wichtige Bedingung, die
in Rechnung zu stellen ist, wenn man Überlegungen anstellt, wie
die gewerkschaftliche Einheit in solchen Fällen wiederhergestellt
werden kann.
Eine ähnliche Lage zeigt sich auf der Ebene von parteipolitischen
Erwartungen und Neigungen. Was die Personen betrifft, durch die
man Anstöße bekommen hat, so sind es nach wie vor vornehmlich
Personen, die aus der sozialdemokratischen oder in geringerem
Maße aus der kommunistischen Bewegung stammen, die den Initialan-
stoß gegeben haben. Aber daneben zeigen sich inzwischen auch ei-
nige neue Erscheinungen. So gibt es eine kleinere Gruppe unter
den Befragten, die von sich sagt, daß sie Anstöße aus der Studen-
tenbewegung erhalten hat. Überhaupt ist die Beziehung zu Hoch-
schulen auch noch bei anderen Gelegenheiten der Befragung spür-
bar. Es gibt unter den Befragten einige Personen mit Hochschul-
bildung bzw. solche, die ein Fernstudium absolvieren. Der Bil-
dungsgrad ist unter den Befragten insgesamt gegenüber dem Durch-
schnitt der Arbeiter und Angestellten weit überhöht. Hauptschul-
bildung, Mittelschulbildung und mindestens Abitur sind unter den
Befragten etwa gleich häufig vertreten. Es ist anzunehmen, daß
Einflüsse politischer Strömungen, die im akademischen Bereich
eine Rolle spielen, auch infolge des relativ hohen durchschnitt-
lichen Bildungsgrades der Befragten unter diesen häufiger spürbar
sind.
Alle wichtigen linken Strömungen, die in der Studentenbewegung
eine Rolle spielen oder spielten, finden Fortsetzungen oder Ent-
sprechungen oder verwandelte Fortwirkungen in den betrieblichen
Kadern. Das gilt für die antiautoritäre Strömung, den MSB Sparta-
kus ebenso wie für frühere maoistische, linkssozialdemokratische
und linkssozialistische Gruppen.
Dem überdurchschnittlichen Bildungsgrad der Befragten entspricht
eine ungewöhnliche Zusammensetzung und ein ungewöhnliches Ausmaß
der Freizeitaktivitäten. Freizeitaktivitäten nehmen bei allen
einen wichtigen Platz ein - selbstverständlich klagen einige dar-
über, infolge ihrer Funktionen keine oder zuwenig Zeit für ihre
Freizeitinteressen zu haben. Die Aktivitäten sind höchst unter-
schiedlich; viele sportliche Aktivitäten fallen darunter ebenso
wie Kunstbetrachtung, Theaterbesuche, Musik und alle Arten von
Lektüre. Was die Literatur betrifft, so fehlt Hölderlin ebensowe-
nig wie Science-fiction oder wissenschaftliche industriesoziolo-
gische Literatur. Hier wird sehr deutlich, wie Einflüsse aus
Hochschulen und Universitäten in viel unvermittelterem Maße auf
die betrieblichen Kader einwirken.
Dies ist nichts völlig Neues: Vor allem über die gewerkschaftli-
che Bildungsarbeit und die politische Bildungsarbeit anderer Or-
ganisationen wurden solche Einflüsse vermittelt. Das Neue ist die
gewachsene Stärke und die Unvermitteltheit der Beziehung zwischen
Universitäten und betrieblichen Kadern. Das läßt sich bis zur
Bildung betrieblicher Gruppen beobachten, die aus universitären
Gruppierungen entstehen. Bezeichnend ist auch, daß auf die Frage,
welche Aktionen man schon mitgemacht habe, gerade als erste An-
stöße häufig Demonstrationen und Auseinandersetzungen in der
Oberschule oder der Universität genannt werden.
Was die Erwartungen an politische Kräfte angeht, so sind auch bei
solchen Befragten, die vor allem entweder an die Sozialdemokraten
oder an die Kommunisten Erwartungen haben, viele, die sich von
einer Stärkung der Grünen oder der Alternativbewegung etwas für
die positive Veränderung erhoffen. Das heißt: Selbst bei denen,
die ihrer Herkunft nach durchaus ähnlich durch Sozialdemokraten
beeinflußt wurden, zeigt sich, daß diese ursprüngliche Prägung
heute anders verarbeitet wird als in der früheren Generation be-
trieblicher Kader. Die Selbstverständlichkeit des Bezugs auf die
Sozialdemokratie als die wichtigste politische Organisation, in
der Arbeiter und Angestellte vertreten sind, scheint bei einer
wichtigen Gruppe betrieblicher Kader heute nicht mehr gegeben. Im
Verhältnis zur Sozialdemokratie ist tatsächlich bei einer Gruppe
innerhalb der betrieblichen Kader das eingetreten, was in bezug
auf die Gewerkschaften nicht ganz glücklich als "Instrumenta-
lismus" bezeichnet worden ist.
5. Gesellschaftsbild und Utopie
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Mit Hilfe einer Reihe von Feststellungen, denen man zustimmen
oder die man ablehnen konnte, wurde versucht, die Vorstellungen
der Befragten über die Gesellschaft sowohl in drei Ausprägungen
auf einer Skala zu erfassen, die von linken bis zu rechten Posi-
tionen reichte, wie auf einer Skala, die das Maß messen soll, in
dem die Vorstellungen über die Gesellschaft zusammenhängend oder
widersprüchlich sind. 21)
Das Ergebnis, daß das Gesellschaftsbild der Befragten durch-
schnittlich weit links von dem Gesellschaftsbild von Lohnarbei-
tern überhaupt, auch Kerngruppen der Arbeiterklasse, liegt, kann
nicht sehr überraschen; die Tatsache weit überdurchschnittlicher
Aktivität und die Erfahrungen, die mit dieser Aktivität verbunden
sind, wirken hier in der gleichen Richtung. Schon aufschlußrei-
cher ist die Feststellung, das unter den Befragten sich über-
durchschnittlich viele mit einem eher zusammenhängenden Gesell-
schaftsbild befanden. Dies kann als Beleg für die These angesehen
werden, daß Konflikterfahrungen - bei den Befragten in ungewöhn-
lich starkem Maße vorhanden - dazu beitragen, daß Widersprüche im
Gesellschaftsbild überwunden werden.
Bedeutsam erscheint insbesondere, daß es wahrscheinlich inhaltli-
che Zusammenhänge zwischen bestimmten Ausgangsmotivationen und
der Herausbildung eines eher konsistenten Gesellschaftsbildes
gibt. Von den Befragten, die angaben, Fragen der Macht- und Auto-
ritätsverhältnisse hätten als Anstoß für die betriebliche und ge-
werkschaftliche Tätigkeit eine Rolle gespielt, wiesen zwölf ein
eher zusammenhängendes Gesellschaftsbild auf, gegenüber vier mit
einem mittleren oder eher widersprüchlichen Gesellschaftsbild.
Von denjenigen, die Fragen der Macht- und Autoritätsverhältnisse
nicht nannten, wiesen dagegen zwei ein eher zusammenhängendes auf
gegenüber vier mit einem mittleren oder eher widersprüchlichen
Gesellschaftsbild.
Von den Befragten, die die kritische Auseinandersetzung mit ge-
werkschaftlicher und Betriebsratsarbeit als einen Anstoß ihrer
eigenen betrieblichen und gewerkschaftlichen Aktivität nannten,
wiesen zehn ein eher zusammenhängendes gegenüber nur dreien mit
einem mittleren oder eher widersprüchlichen Gesellschaftsbild
auf; von denjenigen, die diesen Ausgangspunkt nicht nannten,
besaßen entsprechend der erwähnten Zuordnung vier ein eher
zusammenhängendes und fünf ein mittleres oder eher widersprüch-
liches Gesellschaftsbild. Wenn oben davor gewarnt wurde, die
neuen Zugänge unkritisch überzubewerten, so muß man angesichts
dieser Verteilungen, die selbstverständlich der Überprüfung durch
eine größere Zufallsauswahl bedürfen, doch darauf hinweisen, daß
die neuen Zugänge mehr Ansatzpunkte für die Entwicklung von
zusammenhängendem antikapitalistischen Bewußtsein enthalten;
zugleich muß man betonen, daß man weniger denn je davon ausgehen
kann, daß sich ein solches Bewußtsein von selbst entwickelt.
Einen wichtigen Hinweis enthalten schließlich die Antworten auf
die offene Frage "Wie sieht eine bessere Gesellschaft aus?" Die
über den Tag hinausweisenden Vorstellungen, die hier geäußert
wurden, lassen sich in zwei große Gruppen zusammenfassen, die
einander überschneiden und ergänzen. Da sind einmal Betonungen
von Gleichheit und Gerechtigkeit, einem offenbar tiefverwurzelten
egalitären Anspruch; da sind zum anderen Betonungen des Anspruchs
auf Mitsprache und Kontrolle. (Eine zahlenmäßig kleine Ausnahme
bilden personalisierende Formulierungen wie "weniger Neid" u.ä.)
An diesen beiden Erwartungen werden auch die sozialistischen Län-
der gemessen, wobei tatsächlich bei vielen Befragten nicht die
Realität des Sozialismus, sondern das, was in der hiesigen Öf-
fentlichkeit als sozialistische Realität ausgegeben wird, mit
diesem Anspruch verglichen wird. 22)
Solche Bedürfnisse "utopischer" Art sind ernst zu nehmen, weil
sie sich aus den Erfahrungen mit den Widersprüchen des Kapitalis-
mus, aus den Erfahrungen des eigenen Lebens heraus entwickeln und
weil sie grundlegende Zielrichtungen angeben. Die Richtung der
Träume und die Richtung des Handelns hängen miteinander zusammen.
Dabei ist es selbstverständlich oft so, daß das, was den Handeln-
den hier am realen Sozialismus richtig erscheint (oder erscheinen
könnte, würden sie es kennen), nicht unbedingt mit dem identisch
ist, was unter der Perspektive der dort Agierenden Hauptpunkt der
gegenwärtigen Sozialismusentwicklung ist. 23)
Solcherlei Widersprüche zu nutzen ist selbstverständlich das Ziel
antikommunistischer Strategie. Aber solcherlei Widersprüche sind
nicht in sich schon gegen den Sozialismus gerichtet; im Gegen-
teil, gerade sie als Widersprüche, die sich aus der veränderten
historischen Perspektive ergeben, darzustellen, leistet einen
Beitrag zur Orientierung auf die sozialistischen Länder als Be-
zugspunkt eigener Möglichkeiten. Denn die Ansprüche auf Gleich-
heit und Kontrolle sind, und das ist zu zeigen, zu verwirklichen
unter den Bedingungen einer sozialistischen Gesellschaft in der
Bundesrepublik, aber auch nur unter diesen Bedingungen.
_____
1) Elisabeth Noelle-Neumann: Werden wir alle Proletarier? Zürich
1978/Osnabrück 1979; Institut für Demoskopie Allensbach (Hrsg.):
Eine Generation später, Allensbach 1981; Elisabeth Noelle-Neu-
mann: Selbstbeherrschung - kein Thema, in: Elisabeth Noelle-Neu-
mann und Edgar Fiel (Hrsg.): Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie
1978-1983, Band VIII, München 1983, S. XV.
2) Claus Offe in: Jochen Matthes: Krise der Arbeitsgesellschaft?
Frankfurt am Main. New York 1983.
3) Vgl. Karl Marx: Das Kapital, I. Band, MEW Bd. 23, S. 646.
4) Joachim Bergmann, Walther Müller-Jentsch: Gewerkschaften in
der Bundesrepublik, Band 2, Frankfurt 1977, S. 194.
5) Witich Roßmann: Arbeiterklasse, soziale Bedürfnisse und ge-
werkschaftliche Politik, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des
IMSF 5, Frankfurt/M. 1982, S. 67. Schon 1978 hat Frank Deppe auf
das Hervortreten einer "neuen Generation" von Gewerkschaftskadern
verwiesen. S. Frank Deppe: Zu einigen Problemen der Bestimmung
des gegenwärtigen gewerkschaftlichen und politischen Bewußtseins
der Arbeiterklasse der BRD, in: ebd., Bd. 1, S. 292 ff.
6) Sonderdruck der Marxistischen Blätter 2/1983, S. 27.
7) John H. Goldthorpe u.a.: The Affluent Worker, Cambridge 1968.
Die marxistische Kritik der Instrumentalismus-These, wie sie von
Lothar Peter (vgl. im vorliegenden Band) entwickelt wird, halte
ich für richtig. Sie bedarf aber als marxistische Kritik der Er-
gänzung durch zwei Aspekte. Einmal muß der rationelle Kern der
Instrumentalismus-These herausgearbeitet werden: Die Wirkung der
gesellschaftlichen Stellung der Lohnarbeiter auf ihr Verhältnis
zu ihrer Arbeit. Zum anderen ist es notwendig, auf zeitliche Ver-
schiebungen im mehr oder weniger stark ausgeprägten instrumentel-
len Verhältnis zur Arbeit einzugehen.
8) So insbesondere auf S. 33 und 34 mit ihrer expliziten Ableh-
nung der Positionen von Goldthorpe u.a., von A. Andrieux und J.
Lignon (L'ouvrier d'aujourdhui, Paris 1960) und überhaupt dessen,
was Schumann und Kern "dogmatische Anlehnung an Marx" nennen: den
Verweis darauf, daß bei aller Differenziertheit im einzelnen die
gemeinsame Klassenlage bei den Angehörigen der Arbeiterklasse ge-
wisse gemeinsame Erfahrungen konstituiert und damit auch gewisse
Grundzüge der Bewußtseinsentwicklung fundiert. "Falsch scheint es
uns aber, sich ... bei der Analyse des Arbeiterbewußtseins aus-
schließlich auf die Produktionsverhältnisse zu beziehen und die
Einheitlichkeit der durch die ökonomische Struktur geprägten
Klassenlage undifferenziert zu postulieren." (Horst Kern und Mi-
chael Schumann: Industriearbeit und Arbeiterbewußtsein, Frankfurt
1970, ebenda.) Gegenüber den damals gängigen Thesen, gemeinsame
Züge eines Bewußtseins der Lohnarbeiter gebe es ebensowenig mehr
wie gemeinsame Elemente ihrer Lage, bedeuteten aber die Thesen
von Andrieux und Lignon sowie von Goldthorpe u.a. einen großen
Fortschritt.
9) Werner Kudera, Werner Mangold, Konrad Ruff, Rudi Schmidt,
Theodor Wentzke: Gesellschaftliches und politisches Bewußtsein
von Arbeitern, Frankfurt am Main 1979.
10) Allerdings ist die Erlanger Gruppe nur in der Lage, die Wi-
dersprüche anzugeben, in deren Rahmen im weitesten Sinne sich die
Entwicklung bewegen kann: Aktuelle Entwicklungstendenzen sind da-
mit nicht anzugeben. Die neuere Studie von Michael Schumann, Ed-
gar Einemann, Christa Siebel-Rebell, Klaus-Peter Wittemann: Ra-
tionalisierung, Krise und Arbeiter, Bremen 1981, führt, wenn sie
auch in der Einzelanalyse ihren gewohnten Standard aufrechter-
hält, auf der theoretischen Ebene nicht über den Ansatz von Ku-
dera u.a. hinaus. Immerhin kommen hier durch die Empirie gewisse
zeitliche Verschiebungen in den Blick.
11) Christiane Bierbaum, Joachim Bischoff, David Eppenstein, Se-
bastian Herkommer, Karlheinz Maldaner, Arnhild Martin: Ende der
Illusionen? Frankfurt - Köln 1977. Umgekehrt Michael Schumann
u.a., a.a.O., S. 421: "... dann läßt sich kaum die These auf-
rechterhalten, daß die Orientierung an Arbeitsinhalten ein Indiz
illusionärer partikularistischer Versöhnung mit den Bedingungen
kapitalistisch organisierter betrieblicher Arbeit sei. Ein diffe-
renziertes Interesse an den Inhalten der Arbeit . . . scheint
vielmehr den Blick gerade zu öffnen auf jene Interessen, die der
Arbeiter als Besitzer der Ware Arbeitskraft im Produktionsprozeß
hat."
12) Vgl. hierzu insbesondere Schumann u.a., a.a.O.
13) Untersuchungen von betrieblichen Funktionären sind in der
Bundesrepublik selten durchgeführt worden. Erinnert sei hier an
den Band 2 der Beiträge des IMSF: Mitbestimmung als Kampfaufgabe,
Köln 1971, S. 139 bis 302 (Studienausgabe Köln 1972, S. 99 bis
262), der die Vorstellungen betrieblicher Kader in drei Großbe-
trieben auch in Beziehung zu den Vorstellungen der Belegschaften
zu erfassen sucht. Weiter sind hier der schon zitierte 2. Band
der Untersuchung von Bergmann und Müller- Jentsch sowie die er-
wähnte Arbeit von Witich Roßmann zu nennen.
14) Hierzu: Mitbestimmung als Kampfaufgabe, Beiträge des IMSF 2,
Köln 1971, S. 17-48.
15) Vgl. hierzu meinen Aufsatz "Wandel des Wertsystems?", in:
Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 5, Frankfurt/M. 1982.
16) Es bleibt zu untersuchen, und es ist eine dringende politi-
sche Frage, wie dies bei den Angehörigen der Arbeiterklasse aus-
sieht, die direkt oder indirekt von Arbeitslosigkeit betroffen
oder bedroht sind. Es ist anzunehmen, daß hier - um in der akade-
mischen Sprache zu bleiben - die "instrumentelle" Beziehung zur
Produktion gegenüber der "intrinsischen" absolut vorherrscht.
Wenn man diese Sphäre nicht einbezieht, kann man insgesamt gese-
hen daher zu falschen Gewichtsverteilungen kommen. Die Verteilung
der entscheidenden Motivation für die betrieblichen Kader deckt
sich nicht mit der für die Arbeiterklasse insgesamt.
17) Harald Wiedenhofer: Untersuchungen der Einstellungen Harbur-
ger Mitglieder der IG Chemie zur gewerkschaftlichen Interessen-
vertretung, Diplomarbeit Hamburg 1975, S. 175 f.
18) Michael Schumann: Entwicklungen des Arbeiterbewußtseins, in:
Gewerkschaftliche Monatshefte 3/1979, S. 157.
19) Witich Roßmann, a.a.O., S. 67.
20) Klaus Pickshaus: Politische Differenzierungen im Großbetrieb:
Zur Herausbildung linksoppositioneller Betriebsratslisten, in:
Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 6, Frankfurt/M. 1983, S.
220 f.
21) Vgl. meinen Aufsatz in: Marxistische Studien. Jahrbuch des
IMSF 2, Frankfurt/M. 1979, S. 341 ff.
22) Es wurde schon 1978 darauf aufmerksam gemacht, welche prakti-
schen Konsequenzen der ideologischen Arbeit sich daraus ergeben.
(Jugendliche im Großbetrieb, Frankfurt 1978, S. 183 ff., hier be-
sonders 220 f.)
23) So ist z.B. für die hier Handelnden einer der Hauptanzie-
hungspunkte des Sozialismus die ungeheuere Angleichung von Ein-
künften und Lebensstandard bei den unterschiedlichsten sozialen
Gruppen - vom Arbeiter in der Landwirtschaft bis zum Mitglied des
Ministerrats. Daß für die politisch bewußt Handelnden im Sozia-
lismus heute ein Hauptproblem darin besteht, auf dieser fundamen-
tal egalitären Basis durch eine relative Differenzierung sowohl
die ökonomische wie die soziale Entwicklung zu beschleunigen,
darf nicht bedeuten, daß man diese wichtige Nebenfrage der Diffe-
renzierung zum Hauptproblem macht, wenn es um die Darstellung des
Sozialismus geht. Es ist weder objektiv die Hauptseite, noch kann
es das für die hier tätigen Subjekte sein.
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