Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 07/1984


       zurück

       

BETRIEBE OHNE HINTERLAND?

Zu einigen Bedingungen der Klassenbildung ----------------------------------------- im Reproduktionsbereich 1) -------------------------- Kaspar Maase 1. Klassenbildung und Klassensubjektivität - 2. Historische Ten- denz: Individualisierung - 3. Individualisierung und sozialer Klassenzusammenhang heute - 4. Zwei Linien im Klassenbildungspro- zeß? Die Kämpfe vom Frühjahr und Sommer 1984 in der Metall- und Druck- industrie haben die Handlungsfähigkeit der Gewerkschaftsbewegung von ihrer betrieblichen Basis her gezeigt. Der folgende Beitrag will vor diesem Hintergrund einige Fragen ansprechen, die mit tiefgreifenden historischen Wandlungen in der Formierung der Ar- beiterklasse zusammenhängen; er konzentriert sich auf die Tendenz zu stärker individualisierten Formen der Klassenbildung im Repro- duktionsbereich. 1. Klassenbildung und Klassensubjektivität ------------------------------------------ Stets haben Marxisten die Arbeiterklasse auch unter der Frage- stellung untersucht, wie sie sich konkret historisch zum bewußten und handlungsfähigen Subjekt entwickelt, sich als Klasse und zur "Klasse für sich" bildet. Von ihren ersten Arbeiten an beschäf- tigten sich die Klassiker des Marxismus mit dem "Entwicklungsgang des Proletariats", mit dem Prozeß der "Organisation der Proleta- rier zur Klasse", der "jeden Augenblick wieder gesprengt (wird) durch die Konkurrenz unter den Arbeitern" - um wieder fortgeführt zu werden. 2) Im "18. Brumaire des Louis Bonaparte" hat Marx dieses Moment der "Klassensubjektivität" am Negativbeispiel der französischen Par- zellenbauern entwickelt. Ihre Masse lebt unter gleichen objekti- ven "ökonomischen Existenzbedingungen", in "gleicher Situation"; nicht allein ihre Interessen stimmen überein, sondern ebenso "ihre Lebensweise ... und ihre Bildung", deren Besonderheit sie von anderen Klassen abgrenzt. Spezifik der ökonomischen Stellung w i e d e r d a r a u f g e g r ü n d e t e n L e b e n s- w e i s e sind für Marx Argumente, die Parzellenbauern "inso- fern" als Klasse zu bezeichnen. Doch fehlt ihrer Arbeits- und Lebensweise das Moment von Kommunikation, von sozialem Verkehr und Öffentlichkeit über den lokalen Rahmen hinaus; Produktions- weise und Lebensbedingungen stehen der Herausbildung einer "nationalen Verbindung und ... politischen Organisation" entgegen - insofern "bilden sie keine Klasse. (...) Sie können sich nicht vertreten, sie müssen vertreten werden." 3) Dem steht als Besonderheit der Arbeiterklasse die durch das Kapital vorange- triebene Vereinigung auf betrieblicher, örtlicher und nationaler Ebene gegenüber; "ihre ganzen Arbeits- und Lebensverhältnisse or- ganisieren diese Klasse, zwingen sie zum Denken, bieten ihr die Möglichkeit, die Arena des politischen Kampfes zu betreten". 4) Das Eingehen auf Lebensweise und Klassenöffentlichkeit als Ver- mittlungsglieder des Klassenbildungsprozesses erweist Interpreta- tionen als zu eng, Marx habe nur "Kollektiverfahrung der Verelen- dung" und "Klassenkampfdynamik" als Momente der Klassenformierung erfaßt; der Verweis auf die solidaritätssprengende Kraft der Kon- kurrenz widerlegt die Behauptung, für Marx sei "die Bildung sta- biler Solidaritätsbindungen" überhaupt kein theoretisches Problem gewesen. 5) Vielmehr ist die Klassenbildung ein nach der Konsti- tuierung des Proletariats als Klasse 6) auf neuer Stufe anhalten- der, notwendig widersprüchlicher Prozeß; er ist jedoch nicht der spontanen und vereinzelten Verarbeitung von Erfahrungen überlas- sen - seit der Vereinigung von wissenschaftlichem Sozialismus und Arbeiterbewegung wirken in der Klasse organisierte und bewußte Kräfte auf den Inhalt wie auf die Verarbeitung von Erfahrungen ein und suchen sie mit einer wissenschaftlichen Theorie der Ge- sellschaft, der Klasseninteressen und der notwendigen Klassenpra- xis zu vermitteln. Dies kann in einzelnen Nationen auch langan- haltende Phasen einschließen, in denen die auseinanderstrebenden, entpolitisierenden Tendenzen überwiegen und die Arbeiterbewegung allenfalls als eine unter anderen sozialen Bewegungen erscheint. Die Proletarier machen auf unterschiedlichen Lebens- und Tätig- keitsfeldern Erfahrungs- und Lernprozesse durch; diese beinhalten unterschiedliche, oft einander widersprechende und auseinander- strebende Handlungsaufforderungen - bis hin zu praktisch unver- einbaren Handlungsnotwendigkeiten. Die Lohnarbeiter verarbeiten diese widersprüchlichen Tendenzen psychisch und kommen notwendig zu einer praktischen wie geistig-emotionalen Bestimmung ihrer ei- genen Position gegenüber dem Klassenzusammenhang. 7) Das ist kein einmal abgeschlossener, sondern ein lebenslanger Vorgang; er ist in sich strukturiert und weist biographische Phasen von besonde- rer Prägekraft bzw. Offenheit für Umorientierung auf (etwa: Pri- märsozialisation, betriebliche Sozialisation beim Eintritt ins Arbeitsleben, Arbeitsplatzverlust, Aktionserfahrung). Dies sind Voraussetzungen für das Wirken von Klassenorganisationen als sub- jektiver Faktor mit dem Ziel, in Praxis und psychischen Verarbei- tungsprozessen der Proletarier jene Tendenzen herauszuarbeiten, zu klären, zu festigen, die die Klassenlage richtig widerspiegeln und die subjektive Einordnung in den Klassenzusammenhang und seine Handlungsnotwendigkeiten - Klassenbildung - fördern. Unter diesem Gesichtspunkt entscheidet über Gelingen oder Scheitern von Klassenbildung konkret-historisch die Praxis des subjektiven Fak- tors. 8) 2. Historische Tendenz: Individualisierung ------------------------------------------ Mit den Veränderungen in Arbeits- und Lebensbedingungen, sozialer Zusammensetzung und Bildungsniveau, räumlicher Verteilung und verfügbarem Einkommen, Wohnverhältnissen und Familienstruktur usw. wandelt sich sowohl die objektive Binnenstruktur der Klasse wie - und u.E. noch stärker - die Art und Weise ihrer subjektiven Erfahrung, Aneignung und alltäglichen Praxis als gelebter Klas- senzusammenhang durch die Klassenindividuen. Jedem einzelnen Pro- letarier bietet die Binnenstruktur der Klasse eine Vielzahl von Möglichkeiten zu sozialen Beziehungen und Betätigungen mit ande- ren Klassenangehörigen: von betrieblicher Kommunikation, Nachbar- schaft und Freundschaften bis zum Verhalten gegenüber den Klas- senorganisationen und den Klassenbewegungen als dem höchsten praktischen Ausdruck der Klassengemeinsamkeit. Ein Teil dieser sozialen Beziehungen ist unausweichlich, wie die Beziehungen in Belegschaft und Nachbarschaft; er kann auf unterschiedliche Weise praktiziert werden: individualistisch oder solidarisch. Einen an- deren Teil dieser möglichen Beziehungen kann der einzelne einge- hen oder nicht: Freundschaft und Ehe, Vereins- und Parteimit- gliedschaft etc. Selbstverständlich handelt es sich dabei nicht um völlig "freie Entscheidungen" - die individuelle Einordnung in die Klasse ist Teil der subjektiven Aneignung einer ganzen klas- sen-, schicht- und gruppenspezifischen Lebensweise. Die Art und Weise, wie sich diese Beziehungen auf der Basis der Binnenstruk- tur der Klasse praktisch entwickeln, sei hier vorläufig als s o z i a l e r K l a s s e n z u s a m m e n h a n g bezeich- net; er ist abzugrenzen gegen ökonomische und ideologisch-politi- sche Strukturierungen. Die Ausrichtung des sozialen Klassenzusam- menhangs an den Klasseninteressen gibt das Maß der Entwicklung zur "Klasse für sich", der Klassenbildung, an. 2.1 Auflösung von Klassen? -------------------------- Seit etwa 100 Jahren ist mit der Durchsetzung der großen kapita- listischen Industrie und ihrer Qualifikations- und Reproduktions- anforderungen, mit Arbeitszeitverkürzungen, Ausdehnung des Schul- besuchs und Urbanisierung, mit steigenden Reallöhnen für eine ausreichende Wiederherstellung der Arbeitskraft in Deutschland (wie im Prinzip in allen kapitalistischen Industrieländern) eine Grundtendenz zu beobachten: Der Reproduktionsbereich gewinnt im Arbeiterleben und im Arbeiterbewußtsein an Gewicht - ohne daß bis heute objektiv wie subjektiv die vorrangige Bedeutung der be- trieblichen Lohnarbeit für die Qualität des Arbeiterlebens aufge- hoben wäre. 9) Mit der Veränderung elementarer Lebensbedingungen ist eine wei- tere Grundtendenz verbunden: Es sinkt der Anteil der unausweich- lich vorgegebenen Beziehungen der Proletarier zu ihren Klassenge- nossen (in Zeitumfang und Stellenwert), damit das Maß des gegen- seitigen Aufeinanderangewiesenseins, damit auch die Möglichkeit zu sozialer Kontrolle und zu Sanktionen des Kollektivs gegenüber dem einzelnen, um seine praktische Eingliederung in den Klassen- zusammenhang zu festigen. So verlieren das räumliche Beieinander- sein und auch gemeinsame Tätigkeiten im Reproduktionsbereich an integrierender, zusammenschließender Kraft - es gibt Ausweichmög- lichkeiten. Anteil und Bedeutung relativ frei wählbarer Beziehun- gen und Lebenstätigkeiten außerhalb des Klassenzusammenhangs wachsen. Hier setzen Gedanken von Ulrich Beck über "gesellschaftliche In- dividualisierungsprozesse und die Entstehung neuer sozialer For- mationen und Identitäten" an. Seine Hauptthese ist, daß Klassen- lagen, Klassengemeinsamkeiten und damit verbundene kollektive Orientierungen für die abhängig Beschäftigten bei der Führung ihres Lebens und der Entwicklung ihrer sozialen Identität, bei ihrer gesellschaftlichen Ortsbestimmung entscheidend an Bedeutung verloren hätten. - "O h n e den ... F o r t b e s t a n d ständisch subkultureller Identitäten oder wenigstens Reminiszen- zen verblaßt die Realität von Klassen zu letztlich nominellen, statistischen Gruppierungen und Kategorisierungen o h n e a l l t a g s w e l t l i c h e E v i d e n z (oder marxi- stisch, zu einer bloßen im Kapitalismus immer bestehenden aprio- rischen Möglichkeit)." Beck kommt zum Ergebnis, daß "die lebens- weltliche Identität sozialer Klassen wegschmilzt", die "existen- ziell subkulturelle Wirklichkeits- und Erfahrungsbasis von Klassen zerrinnt". 10) Der sozialgeschichtlich umwälzende Wandel der Lebensbedingungen seit 1950 habe "Prozesse einer Diversifizierung und Individuali- sierung von Lebenswegen und Lebenslagen ausgelöst" 11) mit dem Ergebnis eines "Individualisierungsschubs", durch den "die Men- schen in einem historischen Kontinuitätsbruch aus traditionellen Bindungen und Versorgungsbezügen herausgelöst und auf sich selbst und ihr individuelles '(Arbeitsmarkt-)Schicksal' mit allen Risi- ken, Chancen und Widersprüchen verwiesen wurden". 12) Hauptursa- chen seien die Hebung des Konsum- und Bildungsstandards, geogra- phische und soziale Mobilität mit der Folge des Verlusts tradi- tioneller sozialer Beziehungen, der Abbau von Lebensrisiken durch den Sozialstaat, neue klassen- und gruppeninterne Differenzierun- gen, eine stärker und früher (im Bildungsbereich schon) einset- zende Konkurrenz, die Bildung sozial gemischter Wohnviertel, mit zunehmender Freizeit wachsende Entfaltungschancen sowie die Auf- lösung selbstverständlicher Klassenkultur. 13) Beck analysiert "Individualisierung" als widersprüchlichen Verge- sellschaftungsprozeß, der "in eine k o l l e k t i v i n d i- v i d u a l i s i e r t e E x i s t e n z w e i s e" führe. Die soziale Ausdehnung von Lohnarbeit bewirke durchaus eine Anglei- chung von Lebenslagen und Erfahrungen eines Kollektivschicksals; deren konkrete Erscheinungsformen verhinderten aber, daß ihr Klasseninhalt ohne weiteres bewußt werde. Doch sei unter bestimmten Bedingungen möglich, daß mit der Zuspitzung sozialer Widersprüche "die Isolation der gegeneinander verselbständigten Privathaushalte überwunden wird und neue, n i c h t traditiona- le, sehr unterschiedliche Einkommens- und Qualifikationsstufen übergreifende 'Klassenlagen' sichtbar gemacht und entsprechende Solidaritäten gezielt hergestellt werden." 14) Ob und wie es dazu komme, sei offen; auf jeden Fall gehöre zu einem solchen Evolutionsprozeß, "daß gerade dort, wo er offen politisch wird, der Bezug zum Privaten, zum eigentlichen Leben und Erleben immer treibend und bindend bleibt." 15) Damit stünden wir vielleicht am "Anfang einer neuen Form der 'Klassenbildung'", 16) gekenn- zeichnet durch weitgehend bewußt und organisiert herzustellende "'Klassensolidaritäten'" Beck trifft etwas Richtiges, wenn er Marx als "einen der ent- schiedensten 'Individualisierungstheoretiker'" charakterisiert; er geht fehl mit seiner Behauptung, Marx habe diesen Gedankengang frühzeitig abgebrochen. 17) Die genannten Entwicklungen sind Aus- druck des großen zivilisierenden Einflusses des Kapitalismus, 18) der den doppelt freien Lohnarbeiter als auf sich selbst verwie- senes Individuum setzt und mit der notwendigen Vergesellschaftung seiner Reproduktion auch den Horizont der individuell erreichba- ren Güter, Tätigkeiten, Genüsse und Entfaltungsmöglichkeiten kon- tinuierlich ausdehnt; so verbindet sich das Einschmelzen neuer Gruppen in proletarische Abhängigkeit mit neuen Differenzierungen der für den einzelnen erreichbaren Ziele und Formen seines "privaten" Lebens. Mit der kapitalistischen Entwicklung bilden und erweitern sich die Elemente reicher Individualität im Leben der Lohnarbeiter, in Produktion wie Reproduktion. Dazu gehört auch die Entfaltung von persönlichen Lebensansprüchen und indivi- duellem Selbstbewußtsein. Diese Grundtendenz der Entwicklung von Persönlichkeit in der Ar- beiterklasse stellt noch k e i n e I n d i v i d u a l i- s i e r u n g s t e n d e n z i m Sinne Becks dar: Mit ihr tritt nicht notwendig "für das Handeln der Menschen, für ihre Lebensführung die Bindung an eine soziale Klasse ... in den Hin- tergrund." 19) Zur Beleuchtung dieser Fragen wollen wir einigen Beziehungen zwischen Lebensweise im Reproduktionsbereich und historischen Phasen der Klassenbildung nachgehen. 2.2 Entwicklungsphasen der Beziehungen zwischen sozialem -------------------------------------------------------- Klassenzusammenhang, Klassenorganisation und Klassenbildung ----------------------------------------------------------- Sozialhistorische Untersuchungen stimmen überein darin, daß die innere Struktur der deutschen Arbeiterklasse vor dem ersten Welt- krieg, also zur Hoch-Zeit der Sozialdemokratie, weitgehend durch Inhomogenität geprägt war. Nur in einem Kernbereich der Klasse, unter der städtischen industriellen Arbeiterschaft und ihren Fa- milien, hat sich bis dahin ein Typ des Arbeiterlebens herausge- bildet, der politisches Klassenbewußtsein als Sozialdemokrat ver- band mit gewerkschaftlicher Organisierung, mit Bindung an prole- tarische Freizeitorganisationen und mit der Verankerung in einem alltäglichen Sozialmilieu, das durch übereinstimmende Definition der Lage der Arbeiter in der kapitalistischen Gesellschaft, durch intensive und solidarisch orientierte Sozialkontakte gekennzeich- net war. 20) Die entscheidende Frage ist nun, wie diese ausgesprochene Minder- heit hegemonial für die gesamte Klasse wirken konnte. In unserem Zusammenhang ist dabei auf folgende Züge von Klassenlage und Er- fahrung außerhalb des Betriebs hinzuweisen, die übereinstimmende Selbstdefinition und Solidarität förderten: gemeinsame Erfahrun- gen von Unsicherheit, Armut, Elend im Kontrast zur Lage herr- schender Klassen; weitgehende soziale Ausgrenzung seitens der herrschenden Klassen und ihnen aggregierter Gruppen - im Feld von Bekanntschaft, Heirat, Vereinswesen wie durch die sozial-kul- turelle Distanzierung vom "Pöbel"; Gemeinsamkeit der körperlichen Arbeit, um deren Werte und Symbole Selbstbehauptung und Selbstde- finition kristallisierten; vielfältige Bindungen an vorindustri- elle, vorkapitalistische Lebensformen und Werte als Nährboden für Opposition zur bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft und ihren Normen und fortschreitend für antikapitalistisch bestimmte Kultur der Arbeiterbewegung; unterschiedliche Formen der räumlichen Kon- zentration (und Abgrenzung) in Arbeiterdörfern, Werkskolonien, Arbeitervierteln, geprägt durch Aufeinanderangewiesensein, Hilfe und eine Kommunikation, die gemeinsame Welt- und Selbstbilder, Normen und Werte stabilisierte und durchsetzte. Durch diese Grundgemeinsamkeiten von Lebensweise und sozialkul- tureller Ortsbestimmung zogen sich tiefgehende Fragmentierungen und divergierende Hegemoniebindungen: regionale Abgrenzungen und Konfliktlinien (Polen - Deutsche; Preußen - Nichtpreußen); reli- giöse Trennungslinien, die sich im Kulturkampf auf komplizierte Weise mit politischen verflochten; Differenzen in Herkunft und Traditionsbezügen, etwa zwischen bäuerlichem und kleinbürgerli- chem Milieu und der "erblichen Arbeiterschaft". Die Aufzählung ließe sich fortsetzen. In und durch alle diese Gruppierungen do- minierte aber ein gemeinsamer Bestand an proletarischer Lebens- weise und Selbstdefinition, und die konkreten Bedingungen des Aufeinanderangewiesenseins lieferten die Möglichkeiten, diese Do- minanz gegen unvermeidliche Gegentendenzen aufrechtzuerhalten. Die Erfahrungen der unmittelbaren Konfrontation mit Kapital und Staatsmacht im betrieblichen Alltag und Konflikt konnten in die Interpretation der Erfahrungen des Reproduktionsbereichs hinein- verlängert werden; Kämpfe fanden hier ein Hinterland, und die So- zialdemokratie konnte sich auf ein vorgegebenes, naturwüchsiges Arbeiterselbstbewußtsein beziehen in ihrem erfolgreichen Bemühen, Segmentierungen und dem Klasseninteresse widersprechende poli- tisch-soziale Bindungen abzubauen. In diesem Milieu konnte sie sich verankern und ausdehnen, hegemonial werden und abgestufte Bindungen an die Partei oder zumindest an Klassenbewegungen zum selbstverständlichen Moment der sozialen Reproduktion der Arbei- terklasse 21) machen. Eine besondere Rolle spielten dabei die Facharbeiter, bei denen sich politische Kompetenz mit der Aus- strahlung einer relativ vielfältigen, selbstbewußten und daher erstrebenswerten Lebensweise verband; ihre Vorhutfunktion ist ohne diese sozial-kulturelle Attraktivität und Vorbildwirkung nicht zu erklären. Wichtig ist, daß die skizzierte Konstellation nicht allein aus inneren Strukturen des Klassenzusammenhangs hervorging, sondern daß alle Formen der Ausgrenzung und Unterdrückung durch die herr- schende Klasse und ihren Staat zu ihrer Konstituierung beitrugen. Noch wichtiger ist das Einsetzen von Anpassungs- und Wandlungs- prozessen, mit denen die Klassenhegemonie unter veränderten Be- dingungen aufrechterhalten werden konnte. Als ein wesentliches Mittel erwiesen sich dabei die proletarischen Kultur- und Vor- feldorganisationen. Neben der materiell-sozialen Selbsthilfe im Genossenschaftswesen schufen sie die Möglichkeit, gewachsenen Be- dürfnissen und Möglichkeiten individueller Persönlichkeitsentfal- tung i m s o z i a l e n u n d p o l i t i s c h - i d e o- l o g i s c h e n K l a s s e n z u s a m m e n h a n g nachzu- gehen - und zwar zunächst spontan, gegen Absichten und Erklärun- gen von SPD und Gewerkschaften. Dieses Organisationsnetz, begonnen schon mit den Tarnvereinigun- gen unter dem Sozialistengesetz, entfaltete sich zur größten Blüte in der Weimarer Republik. Auch hier blieb es - bezogen auf die Gesamtheit der Klasse - minoritär, wirkte aber doch als we- sentliches Moment der Reproduktion der Hegemonie der beiden Ar- beiterparteien in der Klasse. Das Selbstverständnis der Arbeiter blieb fundiert in Alltagser- fahrungen des Ausgegrenztseins aus der bürgerlichen Gesellschaft in Wohnen, Kleidung, Konsum, Sprache, sozialem Kontakt; begrenzte Bereiche partieller Integration wie das Vereinswesen oder die Chance, im Sonntagsstaat und bei Sonntagsvergnügungen den eigenen sozialen Status in den Hintergrund treten zu lassen, bewirkten kaum Bindungen an die bestehende Ordnung. Bis zur Machtübertragung an den Faschismus lag die Hegemonie in der Arbeiterklasse bei den gewerkschaftlichen und politischen Or- ganisationen der Arbeiterbewegung; ein einheitliches Vorgehen von SPD und KPD hätte dem noch außerordentliche Impulse verliehen. Demgegenüber ist es eine so verbreitete wie fragwürdige Herange- hensweise, aus der Sicht der Ergebnisse der Nachkriegsentwicklung zu behaupten, mit den Bindungen zwischen Arbeiterbewegung und ih- rem sozialkulturellen Hinterland sei es ohnehin unrettbar bergab gegangen. Der Faschismus vollstreckt dann nur auf gewalttätige Weise ein Urteil der Geschichte. Damit wird übersehen oder unter- schlagen, daß das Verhältnis von Lebensweise und Klassenbildung eben nicht nur naturwüchsig sich in einer Richtung (von "unten" nach "oben") entwickelt; das anhaltende Bemühen der Organisatio- nen um Aufbau und Erhaltung ihrer Hegemonie unter sich wandelnden Bedingungen der Klassenbildung ist untrennbares und historisch entscheidendes Element in dieser Wechselbeziehung. Die Zerschlagung der Arbeiterorganisationen, die Vernichtung von Klassenöffentlichkeit, die teilweise administrativ vollzogene Er- richtung bürgerlicher Führung durch Zusammenlegung von Vereinen etc. nahmen dem subjektiven Faktor praktisch jede Gelegenheit, auf Wandlungen der Bedingungen zur Klassenbildung aktiv zu rea- gieren. Vielleicht kann man die These aufstellen, daß der Fa- schismus die Bindungslinien zwischen proletarischem Milieu und Klassenorientierungen jeder formellen Stütze beraubte, ihre kol- lektive Artikulation und Erfahrbarkeit allenfalls auf bestimmte Momente des Protests und nicht vollzogener Anpassung (Verweigerung des Hitler-Grußes, Arbeitszurückhaltung) reduzierte und als einzigen institutionellen Rückhalt und Mechanismus ihrer Reproduktion die Arbeiterfamilie übrigließ. Zugleich wurde auch diese Bastion des Klassenzusammenhangs vom Faschismus systema- tisch unter Druck gesetzt und geschwächt. Im Anschluß an Kuczynskis Überlegungen zur Rolle der "erblichen Proletarierfamilie" hat vor allem Zwahr die Bedeutung proletari- scher Familienbeziehungen für die soziale Konstituierung eines stabilen, konsistenten Proletariats herausgearbeitet. 22) Weit über die Entstehung der Klasse hinaus weist seine Feststellung: Die Arbeiterfamilien "bewahrten proletarische Traditionen, Klas- senbewußtsein und Klassenkampferfahrungen selbst über Reaktions- perioden hinweg." 23) Dies war sicher einer der Gründe, warum die Faschisten solchen Wert auf die Ablösung von Kindern und Jugend- lichen von ihrem Elternhaus legten - organisatorisch durch HJ, BDM, Arbeitsdienst und Pflichtjahr für Mädchen, ideologisch durch eine spezifische Aufwertung der "Jugend" gegenüber dem "Alter". Dies hat zweifellos mit dazu beigetragen, daß nach dem Krieg die Rolle der Familie für die Reproduktion von Bindungen zwischen so- zialkulturellem Milieu und Klassenbewegung deutlich und anhaltend gesunken ist. 24) Die Individualisierungstendenzen in der Lebensweise verdichteten sich in den fünfziger und sechziger Jahren zu einem qualitativen Schub; 25) dies schuf gute Voraussetzungen für die gegen alle Entwicklungen zur Klassenformierung gerichtete soziale Strategie des Kapitals. Wer der Verbindung von Individualisierung und Inte- gration 26) unaufhaltsame soziale Naturgewalt zuschreibt, über- sieht ein entscheidendes Moment: In der Bundesrepublik konnten Dämme ehemals selbstverständlicher Klassenidentität weggespült werden, weil r e a l e s o z i a l e E n t w i c k l u n g e n i d e o l o g i s c h v e r d o p p e l t u n d v e r- s t ä r k t wurden. Die bürgerlichen ideologischen Apparate ver- breiteten entsprechend ihrem Interesse überall die "Auflösung der Klassengesellschaft"; die dominierende Strömung der Sozial- demokratie und der integrationistische Gewerkschaftsflügel mach- ten ebenfalls den Mythos von der Naturgewalt der Erosionsprozesse zur Grundlage ihrer Politik und verbreiteten systematisch sozialpartnerschaftliche und volksparteiliche "Arbeitnehmer"ori- entierungen. Diese in der Arbeiterklasse verankerten Kräfte un- ternahmen keine Analyse der Veränderungen im Klassenzusammenhang mit dem Ziel einer Strategie, die einen neuen Typ von Klassen- bildung und Klassenpolitik ermöglicht hätte - sie wurden aktiv zur Beseitigung von Klassenorientierungen und ersetzten sie durch das Selbstbild vom arbeitnehmenden Staatsbürger in der plurali- stischen Demokratie. 27) Das aktive Eingreifen auf Integration zielender Kräfte in den so- zialen Klassenzusammenhang (Eigenheimförderung) wie vor allem in die ideologisch-politischen Klassenbildungsprozesse hat also ganz entscheidend beigetragen zum heutigen Zustand weitgehenden Verlu- stes sozialer Klassenidentität und politischen Klassenbewußtseins in der Arbeiterklasse der Bundesrepublik, zum bewußten Sichab- grenzen vieler Lohnarbeiter von der Arbeiterbewegung und ihrer historischen Rolle. Diese Überlegungen sollen nicht die umwäl- zende Veränderung des Klassenzusammenhangs wegreden, die sich in der Bundesrepublik vollzogen hat; wir plädieren damit für eine Betrachtung ohne kurzschließende Automatismen und unter systema- tischer Einbeziehung der subjektiven Faktoren. 3. Individualisierung und sozialer Klassenzusammenhang heute ------------------------------------------------------------ Immer weniger sind Lohnarbeiter für die Lebenssicherung im Alltag aufeinander angewiesen; es erweitert sich das Spektrum von Aus- wahl-Entscheidungen, die sie im Lauf ihres Lebens treffen müssen und die ihren weiteren Werdegang beeinflussen; mit wachsenden Kenntnissen, Fähigkeiten und sozialen Erfahrungen nimmt auch sub- jektiv das Wissen um Alternativen der Lebensgestaltung und um die eigene Verantwortung hierfür zu (Schulwahl, Berufswahl, Wahl bzw. Wechsel des Arbeitsplatzes, Weiterbildung, Wahl von Ehepartnern aus unterschiedlichen sozialen Kreisen, Wahl von Bekanntschaft, Verein, Wohngebiet etc.). Damit sind noch einmal Momente des In- dividualisierungsprozesses benannt, der die gesamte Arbeiter- klasse erfaßt. Räumlich lockern sich die Bindungen zwischen Groß- betrieben und den Wohngebieten der dort Beschäftigten - auch da- mit fällt ein Moment vorgegebener Gemeinsamkeit der (Belegschaft als Teil der) Klasse weg. Sozialräumlicher Klassenzusammenhang verliert an Dichte und an verpflichtender Kraft für die soziale Selbstidentifikation. In den alltäglichen Perioden zwischen zuge- spitzten, breit mobilisierenden Abschnitten der Klassenkämpfe und der Klassenbewegung wächst für die einzelnen Lohnarbeiter die Be- deutung bewußt zu schaffender und aufzusuchender Sozialbeziehun- gen und Öffentlichkeiten, die als Orte der Selbstverständigung und des Rückhalts, als Kristallisationskerne zur Umsetzung kriti- scher Impulse in den Klassenbildungsprozeß eingehen. Wir wollen im nächsten Schritt einige allgemeine Aspekte des Klassenzusammenhangs ansprechen, um im abschließenden Kapitel 4 dann zentral die Frage der Klassenbildung im Reproduktionsbereich zu diskutieren. Von den vielen Seiten des Gegenstands wird die Frage nach Öffentlichkeiten und Kristallisationskernen in den Vordergrund gestellt. 3.1 Nachbarschaft, Familie, Bekanntschaft ----------------------------------------- Entgegen vielen Vermutungen 28) ist als Ausgangspunkt festzustel- len: In der Bevölkerung überwiegen nicht Tendenzen zunehmender Isolation, des Gegen-einanderabschottens von Familie und Indivi- duen - vielmehr artikuliert und realisiert sich ein wachsendes Bedürfnis nach Kommunikation, Geselligkeit, Kontakt über Famili- engrenzen hinaus. 29) Die folgende Tabelle deutet dies im Ver- gleich über 26 Jahre an. Tabelle: Nachbarschaftsbeziehungen 1953/1979 1953 1979 % % Unterhalte mich mit ihnen 51 74 Annahme von Nachrichten für Nachbarn, wenn sie gerade nicht zu Hause sind 42 60 Gratulationen bei Geburtstag, Namenstag, Kommu- nion, Konfirmation in Nachbarsfamilien 44 55 Teilnahme an Begräbnissen von Nachbarn 55 55 Nachbarn zu sich einladen 14 35 Ausleihen oder Borgen von irgendwelchen Gegenstän- den 22 29 Einkäufe für Nachbarn mit erledigen 22 25 Auf die Kinder von Nachbarn aufpassen 13 19 Tun uns zusammen, um etwas gemeinsam durchzusetzen 10 14 Gemeinsamer Kirchgang 12 8 Nichts davon, andere und keine Antwort 24 10 ----------- 309 384 _____ Quelle: Aus Institut für Demoskopie Allensbach, Eine Generation später, Allensbach 1981, Tab. 34. Wie funktioniert heute Nachbarschaft? Ohne Zweifel hat sich mit der Verbesserung von Lebensbedingungen und sozialer Sicherheit ihre Substanz gewandelt; an die Stelle der für alle Arbeiter gleichen existentiellen Probleme und des daraus folgenden Aufein- anderangewiesenseins, der Offenheit (was gab es zu verbergen; was konnte, was wollte man verbergen?) und der selbstverständlichen Solidarität, aus der man nicht hätte ausscheren können, ist heute in großem Maße die individuelle Wahl von Partnern und Intensität sozialer Beziehungen getreten. Die sichtbar werdende Neigung zu Kontakten und Geselligkeit ist einzuordnen ins gesamte Netz der Kommunikationsbeziehungen im Re- produktionsbereich. Beziehungen zu Bekannten und Freunden sind in der Arbeiterklasse die Regel, nur eine Minderheit (v.a. aus dem Kreis der Älteren und Pensionierten) ist isoliert. Für gegensei- tigen Besuch und die damit verbundenen Gespräche, für gemeinsame Unternehmungen außerhalb der Wohnung spielen die Verwandten bei den Arbeitern eine relativ größere Rolle als bei den anderen Gruppen der Arbeiterklasse, allerdings mit der Tendenz sinkender Enge und Verbindlichkeit. Die Arbeiterklassenfamilie hat als In- stitution sozialer und ideologischer Kontrolle mit der materiel- len Sicherung und Verselbständigung ihrer Mitglieder (vom Schü- ler-Stipendium bis zur Altersrente) weiter an Kraft verloren; trotz Gegentendenzen, die aus dem Sozialabbau resultieren, setzt sich dieser Prozeß etwa mit der Frauenemanzipation bis in den Kern der Gattenfamilie hinein fort. Dies ist eine reale Individualisierungstendenz. Die Auflösung von Abhängigkeits- und Kontrollmomenten des Familienzusammenhangs in der Arbeiterklasse 30) kann heute nicht ernsthafterweise primär unter dem Gesichtspunkt der Erosion des Klassenzusammenhangs dis- kutiert werden. In der überwiegenden Mehrzahl der Familien fun- gierten im letzten Vierteljahrhundert die Eltern als verlängerter Arm der herrschenden ideologischen Apparate. Schließlich ist zu berücksichtigen, daß die Tendenz zu stärker individualisierter Gestaltung familiärer Beziehungen insgesamt den Wünschen der Men- schen entspricht. Die Bekannten, mit denen man sich wechselseitig Besuche abstat- tet, gehören zum größeren Teil der eigenen sozialen Schicht an: Arbeiter verkehren überwiegend mit Arbeitern, Angestellte mit An- gestellten (bei einer Tendenz zur Bekanntschaft mit "höheren" Schichten) usw. Die historische Tendenz ist jedoch eindeutig die zu einer Ausweitung des sozialen Spektrums der Bekanntschaftsbe- ziehungen in der Richtung, daß sie stärker die ganze Breite und Vielfalt der modernen Arbeiterklasse widerspiegeln; Mobilitäts- prozesse und Ausweitung der Heiratsbeziehungen tragen dazu bei. Allgemein herrscht im Reproduktionsbereich eine starke Neigung zu Distanzierung und Flucht vom Arbeitsalltag; sie erfaßt auch die - durchaus verbreiteten - Kontakte zu Kollegen. 1973 gaben bei ei- ner Repräsentativbefragung in Bremen 41 Prozent der gehobenen An- gestellten und Beamten, 45 Prozent der übrigen Angestellten und Beamten, 46 Prozent der Facharbeiter und 50 Prozent der un- und angelernten Arbeiter an, sie hätten privaten Kontakt zu Arbeits- kollegen. 31) Solche Kollegenbeziehungen können eine Möglichkeit bilden, Klassenerfahrungen und Solidaritätsansprüche aus dem Be- trieb in den Reproduktionsbereich zu tragen; sie können betrieb- lichen Zusammenhalt gerade in Kampfsituationen durch Netze außer- betrieblicher Freundschaften stärken. In diesem Zusammenhang ist die Verallgemeinerung der Lohnarbeit unter den Frauen der Arbei- terklasse eine bedeutsame Veränderung. Bekanntschaft kommt stär- ker aus dem Kreis der Arbeitskolleginnen, und auch unter Nachba- rinnen wird Lohnarbeit zu einem gemeinsamen Bezugspunkt. Das Auf- brechen von Kommunikationskreisen der Hausfrauen, die um Hausar- beit, Kinder und Konsum zentriert sind, kann der Klassenbildung förderlich sein. Heute dürften jedoch auch Kollegenbeziehungen im Reproduktionsbe- reich - direkt oder über Vereine vermittelt 32) - weitgehend bür- gerlicher Hegemonie unterliegen: durch eine Kombination von Ent- politisierung (Heraushalten kontroverser Themen) und darauf ge- gründeter konservativer Fixierung des Status quo. 33) In Nachbarschaft und Wohnbeziehungen der Lohnarbeiter hat ein tiefer und nicht mehr rückgängig zu machender Bruch stattgefunden gegenüber den Mustern proletarischer Nachbarschaft aus der Weima- rer Zeit. Zu Hochburgen der Arbeiterbewegung wurden solche Quar- tiere auch damals nicht aus sich heraus, a l s F o l g e be- sonderer Nachbarschaftsqualitäten; vielmehr konnte sich die na- tional konstituierte und einflußreiche Arbeiterbewegung in diesen Lebenszusammenhängen fest verankern, ihre Verstärkungs- und Sta- bilisierungsfunktion nutzen und zugleich - sozusagen von außen - die politischen Orientierungen interessenbewußten Handelns hin- einvermitteln. Damals wie heute ist Nachbarschaft letztlich ein zweitrangiger Faktor für die H e r a u s b i l d u n g von Klassenöffentlich- keit. Wo Erfahrungen und Handlungsnotwendigkeiten die Lohnarbei- ter als Belegschaft, Mieter, Anwohner oder Umweltnutzer zu Kommu- nikation drängen, da wird sie auch im Rahmen und in den Formen der heute vorherrschenden Nachbarschaftsbeziehungen sich entfal- ten. Mieterproteste und Quartiersinitiativen geben dafür immer wieder Anschauungsunterricht. Als eine Art relativ bewußt gehandhabter Schleuse zwischen per- sönlich-familiärer Privatheit und gesellschaftlich-politischer Öffentlichkeit scheinen Nachbarschaftsbeziehungen in erster Linie von außen kommende Tendenzen der Meinungsbildung zu vermitteln und zu verstärken; erzeugt und verändert werden sie primär an- dernorts. Immerhin ist festzuhalten: Die Entwicklung zu unver- bindlicheren, weniger konkurrenzbelasteten und gleichzeitig aus- gedehnteren, kontinuierlichen Nachbarschaftsbeziehungen wird von der großen Mehrheit der Lohnarbeiter getragen; das Netz ihres au- ßerbetrieblichen Zusammenhangs ist keineswegs gerissen. Der ent- scheidende historische Bruch liegt darin, daß mobilisierende und vereinheitlichende Impulse, das Aufgreifen von Interessen und die Solidarisierung zu ihrer Vertretung bis 1933 im Arbeiterviertel einen positiven Widerhall in der vorherrschenden proletarischen Selbstidentifikation und den Normen gegenseitiger Hilfe fanden - heute jedoch müssen schon Konfliktbereitschaft und selbsttätiges Handeln, gar nicht zu reden von klassenmäßigen Interpretationen und Orientierungen g e g e n die vorherrschenden Normen und Werte der Nachbarschafts-Öffentlichkeit durchgesetzt werden. Das schließt nicht aus, daß bei lokalen bzw. in besonderer Weise als lokal erfahrenen Konflikten sich hier ein aktives Hinterland der Solidarität herausbildet, deutet aber schon auf einige Wider- sprüche hin. An derartigen Bewegungen (wie z.B. in Speyer 1976/77 gegen die Schließung des VFW/Fokker-Werks, 34) in der Region Frankfurt im Protest gegen die neue Startbahn West, 35) für die Sicherung von Arbeitsplätzen durch Bau eines neuen Stahlwerks in Dortmund, 36) anläßlich der HDW-Besetzung in Hamburg) scheint zweierlei hervorzuheben: Es bildeten sich jeweils über die ge- werkschaftlichen und parteipolitischen Aktivitäten hinaus Initia- tiven, die die Probleme aufgriffen, betrieblich entstandene For- derungen weit über den Kreis der unmittelbar Betroffenen hinaus in einem begrenzten lokalen Milieu mehrheitsfähig machten (interessanterweise spielten in Speyer, in Dortmund und Hamburg Aktivitäten von Frauengruppen eine vorantreibende Rolle) und so die Voraussetzungen für ein Engagement auch lokaler Vereine, Kul- turgruppen, Nachbarschafts- und Bekanntschaftszirkel schufen. Ein weiteres Merkmal ist die schichten- und klassenübergreifende Breite des Protests mit der darin inbegriffenen Tendenz, auch hier eine bürgerlich-sozialpartnerschaftliche Hegemonie zu er- richten, Klassen- und Systemfragen nach dem bewährten Muster der entpolitisierten Öffentlichkeiten herauszuhalten. Die Einbezie- hung solcher Milieus in soziale Bewegungen ist also gerade unter dem Gesichtspunkt der Klassenbildung ein höchst widersprüchlicher Prozeß: Gemeinsamkeiten in Lage und Interessen werden zunächst als klassenübergreifende Betroffenheit erfahren oder verallge- meinert - und solche hemmenden Interpretationsmuster scheinen ge- rade durch die sozialen Abhängigkeits- und Kontrollmechanismen in Nachbarschaft, Verein, Kirchengemeinde etc. verfestigt und gesi- chert. 3.2 Oppositionelle Kristallisationskerne ---------------------------------------- Mit der Auflösung der relativ naturwüchsigen Klassen-Orientierung der Arbeiterwohngebiete gewannen für die Verarbeitung von sozia- len und politischen Erfahrungen aus allen Lebensbereichen, auch aus dem Betrieb, für die soziale Selbstverortung und Verankerung, Abstützung der eigenen Praxis zwei Bezüge an Bedeutung: die Mas- senmedien und großen ideologischen Apparate - und selbstgewählte Partner, Gruppen, Öffentlichkeiten und Kristallisationskerne, die nicht mit der vorgefundenen sozialen Umgebung von Familie und Nachbarn zusammenfallen. Die letztgenannte Tendenz verflicht sich auf komplizierte und wi- dersprüchliche Weise mit der Integration in die soziale Umwelt und der Anpassung an herrschende Normen und Verhaltensmuster. 37) Empirisch schlägt sich das in verschiedenen Formen nieder. Der Ort intensiver Diskussion, in der Erfahrungen und Erkenntnisse sozialer Konflikte und Bewegungen verallgemeinert werden, sind vor allem unter dem Gesichtspunkt der Homogenität von Anschauun- gen und Lebensstil gesuchte Kreise von Freunden, die aus den Nachbarn, Bekannten und Arbeitskollegen ausgewählt werden, z.T. auch Wohngemeinschaften, "Cliquen" u.a. Solche Gruppen sind selbstverständlich nicht "ideologisch autonom", sondern lehnen sich in der oder jener Weise an größere Öffentlichkeiten, lokale Kristallisationskerne oder formelle Organisationen an. Ihre wach- sende Bedeutung ergibt sich aus den großen Konsequenzen für das persönliche Leben, die jede Wendung zu oppositioneller Haltung und Praxis heute verlangt; und sie folgt aus dem zunehmenden An- spruch auf Persönlichkeitsentfaltung, der biographische Entschei- dungen und politisches Engagement auch von Lohnarbeitern be- stimmt. Solche Gruppen bilden offenbar k e i n e n E r s a t z für formelle Organisationen der Arbeiterbewegung wie Gewerkschaft, Partei, Jugendverband, Freizeitverein etc. Sie e r g ä n z e n s i e in ihrer Wirkung und lokalen Verankerung auf unterschied- liche Weise und verbinden sie wieder mit anderen Kristallisati- onskernen höchst verschiedenen Charakters. Zu ihnen gehören die Öffentlichkeiten von Jugend-, Kommunikations- und Kulturzentren, Läden, Buchhandlungen, Klubs, Bildungszirkeln, Kneipen und Cafés, die mit oppositionellen Bewegungen verbunden sind, Kulturinitia- tiven und das ganze Spektrum jener lokal verankerten Initiativen und Aktivgruppen aus der Friedens-, Ökologie- und Frauenbewegung. Hier ist ein ganzes Netz von Beziehungen entstanden, dessen ein- zelne Elemente in sozialer Basis und Interessenlage höchst unter- schiedlich sind. Sein Zusammenhalt speist sich nicht aus Gemein- samkeiten der sozialen Lage und ihrer Interpretation als Arbei- terschicksal, sondern eher aus sozial-kulturellen Bindungen einer oppositionellen Lebenshaltung und Lebensweise. Solche Räume zur Herausbildung kritischer Öffentlichkeit stehen meist in Distanz zum herrschenden Klima - ideologisch wie sozial- kulturell - der Nachbarschafts- und Vereinsbeziehungen. Sie wer- den allerdings zum Teil der lokalen oder Quartiersöffentlichkeit, ziehen Interessierte an und strahlen mit ihren Aktivitäten auch auf Nachbarschaft und Wohngebiet aus - meist mit polarisierendem Effekt. Viele Konflikte um Jugendzentren belegen, daß vor allem die politischen Rechtskräfte sehr besorgt und oft mit harten ad- ministrativen Maßnahmen hiergegen vorgehen. Auch Zweigstellen städtischer Bibliotheken und Gesamtschulen in Vierteln mit Arbei- terklassenbewohnern haben z. T. eine solche Rolle gespielt - vor allem, wo sie als Ausgangspunkt für Initiativen und Aktivitäten genommen wurden und so kritische Kräfte aus der Vereinzelung her- aus in unterstützende und orientierende Öffentlichkeit hereinzie- hen konnten. Umbrüche in der Klassenorientierung eher diffuser Öffentlichkei- ten wie der Nachbarschaft oder formeller Organisationen wie der Vereine müssen offenbar gegen fest verankerte und institutionell abgesicherte bürgerliche Hegemonie durchgesetzt werden; Anstöße aus betrieblichen und sozialen Bewegungen sind dafür notwendig, setzen sich aber nur insoweit durch, wie sie von engagierten Ker- nen aufgegriffen werden. Die Beendigung des antipolitischen Har- moniekults, offene Konflikte und Polarisierungen scheinen hier unverzichtbar. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Ten- denz, n e u e Kristallisationspunkte und Neigungsgruppen zu schaffen und nicht auf eine Umorientierung in den äußerst trägen bestehenden Strukturen zu drängen. Die Gründung von Sportvereinen oder Chören, die sich auf Traditionen der Arbeiterbewegung und/oder auf die Ziele gegenwärtiger sozialer Bewegungen bezie- hen, dem Leistungsprinzip im Vereinswesen kritisch gegenüberste- hen, sich grundlegend als kulturell-politische Gemeinschaften verstehen, ist eher Ausdruck der Schwäche, mit der solche Tenden- zen nach Autonomie und Selbsttätigkeit drängen. Sie verweist zugleich auf die Möglichkeit, daß die Schaffung selbständiger Al- ternativen als Konkurrenz etwa im Vereinswesen ein Hebel für Umo- rientierungen im traditionellen Bereich werden kann. 38) 4. Zwei Linien der Klassenbildung? ---------------------------------- Im folgenden Abschnitt soll die Frage nach dem "Hinterland" der betrieblich verankerten Arbeiterbewegung weiter verfolgt werden: Welche Konstellationen im Reproduktionsbereich bilden einen Reso- nanzraum für eine Verarbeitung betrieblicher und außerbetriebli- cher Erfahrungen in Richtung klassenbewußter Selbstidentifikation und Praxis? Dabei kommt es uns nicht so sehr auf die Inhalte der Bewußtseins- und Lernprozesse und auch nicht auf die zentrale Rolle der politischen Organisationen der Arbeiterklasse an, son- dern auf jene Momente alltäglichen Lebens- und Kommunikationszu- sammenhangs, die dafür unterschiedliche Voraussetzungen bilden. Auch wenn unsere Frage sich auf die "Normalperioden" ohne polari- sierende soziale Auseinandersetzungen bezieht, so haben wir uns doch Klassenbildungsprozesse nicht "flächendeckend" vorzustellen. Sie sind vielmehr am intensivsten und werden bewußt vorange- trieben in Z e n t r e n, in denen objektive Widerspruchs- und Konfliktkonstellationen zusammentreffen mit günstigen Formie- rungsbedingungen und subjektiven Faktoren (sozialen Gruppen, po- litischen Kräften), die Bewegungen initiieren und orientieren. Damit verbunden ist, daß in den unterschiedlichen Kampfzyklen der Arbeiterbewegung die Konstellation zwischen den verschiedenen Gruppen der Klasse sich ändert, teils neue Schichten in den Vor- dergrund treten und die Dynamik der Klassenbewegung beeinflussen. 39) Für heute heißt das, vor allem die Träger klassenautonomer Orientierungen in den alten wie den neuen Gruppen der Arbeiter- klasse 40) genauer auf ihr "Hinterland" hin zu betrachten. Überlegungen zur Klassenbildung in unserem Sinn sind mit großen Unsicherheiten behaftet, da sie sich praktisch nicht auf systema- tisch empirisch abgesicherte Forschung stützen können; so ist im folgenden vieles eher als Frage zu verstehen. 4.1 Individualisierungstendenzen und Klassenbildungsprozesse ------------------------------------------------------------ Ohne Zweifel gibt es in der alltäglichen Lebensweise der ver- schiedenen Gruppen und Schichten der Arbeiterklasse heute noch eine Vielzahl von Gemeinsamkeiten (in Sprache, Haltung, Werten, Ausdrucksformen), die spontan Orientierung ermöglichen, wer dazu- gehört und wer nicht. Trennlinien zwischen ungelernten und Fach- arbeitern, Arbeitern und Angestellten sind deutlich, aber weniger einschneidend als die Abgrenzungen zwischen Arbeiterklasse auf der einen, Bourgeoisie und selbständigen Mittelschichten auf der anderen Seite. 41) Das historisch Neue ist, daß die Erfahrung des Ausgegrenzt-und Ausgeschlossenseins abgemildert ist zur Normali- tät der großen Masse der "kleinen Leute", die sich dabei durchaus besser als je zuvor einrichten können und deren Zugehörigkeit zur anständigen Gesellschaft der Sozialpartner ihnen nicht mehr be- stritten wird. Zum Verlust der Klassenhegemonie im alltäglichen Lebenszusammen- hang der Lohnarbeiter ist eine außerordentliche Dynamisierung der Lebensverhältnisse im Reproduktionsbereich hinzugetreten. Sie be- inhaltet all das, was oben als Individualisierungstendenz darge- stellt wurde, weiter seit der Mitte der sechziger Jahre den schnellen Umbruch von generationsprägenden Erfahrungen, Perspek- tivbildungen und Bewegungsangeboten. 42) Nimmt man noch hinzu, daß eine um regelmäßige betriebliche Lohnarbeit zentrierte Le- bensperspektive in der Arbeiterklasse weniger häufig wird und daß gerade in den hierdurch getroffenen und verunsicherten Gruppen große Orientierungsbedürfnisse bestehen, so kann man zuspitzen: War früher das Hineinwachsen in die Arbeiterbewegung, die subjek- tive Aneignung des Klassenzusammenhangs, f ü r d e n e i n- z e l n e n e i n v o r w i e g e n d n a t u r w ü c h s i- g e r P r o z e ß, der auf weitgehend geteilten Normen und Werten der alltäglichen Lebensweise aufbaute, meist durch die familiäre und betriebliche Sozialisation dann in eine der politischen Strömungen der Arbeiterbewegung hineinführte 43) und sehr stabile, durch soziale Förderung wie Kontrolle abgestützte Bindungen ausbildete - so sind Klassenbildungsprozesse heute gekennzeichnet durch die N o t w e n d i g k e i t b e w u ß t v o m e i n z e l n e n i m m e r w i e d e r z u l e i s t e n d e r E i n o r d n u n g in Klassenzusammenhang und Klassenstrategien. Drei Momente scheinen besonders hervorzuheben. Zum einen die - im historischen Vergleich - neue Qualität kontinuierlicher Informa- tionsbeurteilung und Parteinahme; dafür können die Klassenorgani- sationen Argumente und Hilfe liefern, die individuelle Verarbei- tung wird aber nicht durch einmal vollzogene Orientierungen und Bindungen überflüssig. Das macht nicht zuletzt die Allgegenwart der Massenmedien notwendig. Es hängt - zweitens - eng zusammen mit der Aufsplitterung der Erfahrungszugänge zu Konflikten mit Klasseninhalt und der so wachsenden Notwendigkeit zu aktiver gei- stiger Auseinandersetzung, Erkenntnis von Zusammenhängen, bewuß- ter Vereinheitlichung und Zusammenführung von oberflächlich dis- parat erscheinenden Bewegungen und Interessen. Drittens bedeutet Individualisierung auch: subjektives Bestreben, Einmaligkeit und Besonderheit der eigenen Persönlichkeit zu entfalten, durch Re- zeption und Selbsttätigkeit im Freizeit- und Kulturbereich an Substanz zu erweitern und in allen sozialen Beziehungen auch als besonderes und wertvolles Individuum geachtet zu werden. Die Wirklichkeit in den aktiveren und bewußteren Sektoren der Ar- beiterbewegung zeigt, daß Individualisierung im Sinn dieses in sich widersprüchlichen Gesamtprozesses nicht notwendig zu priva- tisierender Isolierung oder pluralistischer, unverbindlicher und folgenloser Beteiligung an gerade aktuellen sozialen Bewegungen führen muß. 44) Individualisierung ist nicht zu trennen von zu- nehmender Vergesellschaftung der Lebensbedingungen und der in ih- nen liegenden Handlungsnotwendigkeiten. Jeder Lohnarbeiter weiß heute, daß die Voraussetzungen alltäglicher Reproduktion wie Freizeit, verfügbare Geldmittel, Gesundheit oder das Fernsehpro- gramm von gesellschaftlichen Entscheidungen und Auseinanderset- zungen bestimmt werden. Er weiß, daß Bildungs- und Kulturchancen seiner Kinder ebenso von Politik abhängen wie der Zustand seiner Erholungsgebiete, daß seine beruflichen Fähigkeiten nur im Rahmen weltwirtschaftlicher Kooperation wirksam werden, daß die Qualität seiner Nahrung und seiner Gesundheitsbetreuung von den Interessen multinationaler Konzerne beeinflußt wird. Seine individuelle Kom- petenz ist wesentlich bestimmt dadurch, daß er diese gesell- schaftliche Qualität seines Daseins nicht nur erkennt, sondern auch Fähigkeiten und Bedürfnisse entwickelt, um sein Leben in diesen Dimensionen zu beherrschen, auf die gesellschaftlichen Voraussetzungen seiner Entwicklung in seinem Interesse einzuwir- ken. Damit eröffnen sich Zugangsmöglichkeiten zu einer sozialistischen Arbeiterbewegung, wenn diese die "Eigentumsfrage ... als die Grundfrage" 45) überzeugend herauszuarbeiten vermag. Individuali- sierung bedeutet steigendes Bildungsniveau und wachsende Hand- lungsfähigkeit, steigende Bedürfnisse nach Selbsttätigkeit und Persönlichkeitsentfaltung; diese Ansprüche stoßen im Reprodukti- onsbereich auf die vom SMK gezogenen Grenzen - sie können zur persönlichen Entscheidung für Engagement im Klassenzusammenhang führen, zur Erfahrung und zur bewußten und stabilen Erkenntnis, daß erfülltes individuelles Leben und vernünftige gesellschaftli- che Entwicklung in der sozialistischen Perspektive der Arbeiter- bewegung und im aktuellen Einsatz für sie zu vereinen sind. Die immer wieder persönlich zu bedenkende Wahl von Engagement, von Gruppen und Bewegungen, mit denen die Individuen sich identi- fizieren und in denen sie ihre Orientierungen abstützen; die zu- nehmende Ausbildung von Bedürfnissen und Ansprüchen der Lohnar- beiter nicht "in einem reinen Arbeiterklassenmilieu, sondern in einem nichtmonopolistischen sozialstrukturellen Spektrum" 46) - das Bedeutungswachstum derart individuell reflektierender Züge in der eigenen Ortsbestimmung im Klassenzusammenhang geht als Grund- strom der Veränderung durch alle Gruppen und Teile der heutigen Arbeiterklasse. Wie es sich äußert, hängt ab von historisch ent- wickeltem Sozialcharakter und Lebensweise der unterschiedlichen Gruppen, von Alter und Geschlecht, lokalen und regionalen Tradi- tionen, Milieus und Bindungen etc. In erster Annäherung kann man feststellen, daß Individualisierungstendenzen in den Angestell- ten- und Beamtensektoren der Arbeiterklasse, unter den Gruppen mit der höchsten formalen Bildung und unter den jüngeren Lohnar- beitern am deutlichsten ausgeprägt sind; sie verändern jedoch ebenfalls Lebensweise, soziale Zusammenhänge und damit Vorausset- zungen und Wege der Klassenbildung in den übrigen Teilen der Ar- beiterklasse, so auch in der deutschen 47) Industriearbeiter- schaft. Vieles spricht dafür, daß unter den gewerkschaftlichen Kadern und in aktiven betrieblichen Oppositionskernen Annäherungen und Ge- meinsamkeiten in der persönlichen Auffassung und Behandlung des Klassenengagements und in seiner sozialen Verankerung weiter ent- wickelt sind als im Durchschnitt der Klasse. Doch schlagen auch hier die Unterschiede in Herkunft und beruflich-politischer Bio- graphie derart durch, daß eine allgemeine Feststellung von Indi- vidualisierungstendenzen völlig ungenügend wäre. Um gegenwärtig deutliche Unterschiede zu markieren und einige damit verbundene Probleme herauszuarbeiten, fragen wir im folgenden, ob man nicht (unter Ausklammerung realer Übergänge und Zwischenformen) zwei Linien heutiger Klassenbildungsprozesse im Reproduktionsbereich mit jeweils spezifischen Widersprüchen und Barrieren unterschei- den muß. 4.2 Die Spange Betrieb - Wohngebiet - Verein - Arbeiterpartei ------------------------------------------------------------- Eine Linie ist noch am ehesten in der Nachfolge traditioneller Arbeiterviertel zu verstehen und lokal/regional auch heute noch teilweise klar an SPD und manchmal (z.B. Bottrop, Mörfelden) DKP gebunden. Sie ist am deutlichsten ausgeprägt in älteren Quartie- ren mit hohem Arbeiteranteil und längerer Arbeitertradition, in nicht selten genossenschaftlich oder nach dem Krieg über die NEUE HEIMAT gebauten Wohnanlagen, wie sie idealtypisch im Ruhrgebiet und in Arbeiterwohngebieten um Industriezentren herum zu finden sind. Unter diesen Typ fallen gleichfalls jene Arbeiterdörfer, von denen Lehmann eines detailliert untersucht hat. 48) Wir finden hier ein dichtes Netz sozialer Beziehungen und gegen- seitiger Hilfe (bei Hausbau, Reparaturen und Verschönerungsarbei- ten etc.), getragen von Familie, Kollegen, Nachbarn, Bekannten aus der gleichen sozialen Schicht. Es gibt einen relativ großen Fundus unbefragt geteilten Selbstverständnisses - von der Lebens- weise und dem Geschmack bis zur Selbstidentifikation als (Fach-)Arbeiter und der damit verbundenen SPD-Bindung. Die Gemeinsamkeiten bleiben auch bestehen, wo berufliche Mobilität ins Angestellten- oder Beamtenverhältnis führt. Kommunikationsdichte, eine relative Überschaubarkeit der Lebens- verhältnisse und soziale Kontrolle sind eng verbunden. Persönli- che Bekanntschaft und über Generationen gewachsene Familienbezie- hungen, Vereine, Stammtisch- und Kneipenkontakte gehen beinahe bruchlos in den Bereich politisch-sozialer Interessenvertretung (Elternvertretung in Kindergarten und Schule; Knappschaftsvertre- tung im Ruhrgebiet etc.; Betriebs- und Personalräte lokaler Ar- beitsstätten) hinüber, und aus ihm erwächst wiederum organisch die politische Vertretung durch die Sozialdemokratie. 49) Die Homogenität dieses Milieus ist Basis für relativ hohe Hand- lungsfähigkeit und Selbstbewußtsein der Arbeiter; die offene und enge Beziehung zum Betrieb, seinen Erfahrungen und Klassenwerten, die Sozialisation ins Arbeiter-Wir hinein sowie der (über die So- zialdemokratie vermittelte) prinzipielle Bezug zur politischen Vertretung von Interessen machen Stärken für den Klassenbildungs- prozeß aus. Dem stehen gewichtige Tendenzen entgegen. Sie liegen in Verhaltensweisen, die tief durch den "Wirtschaftswunder-Kom- plex" der fünfziger und sechziger Jahre und die in dieser Zeit mit Erfolg angewandten Formen der Interessenvertretung geprägt sind. Sie ergänzen sich mit der gesamten Lebensweise zu einer eher traditionsbezogen-konservativen Mentalität, die der Aufnahme neuer Entwicklungen, Kampfformen oder gar neuer politischer Ori- entierungen Hemmnisse entgegensetzt. Interessen werden unter dem Druck der Krise in erster Linie als Verteidigung von Erreichtem vertreten. Dies eröffnet Möglichkeiten, Bewegungen in Gang zu setzen, deren Dynamik anfängliche Grenzen überwindet - hier lie- gen aber auch Ansatzpunkte für Spaltungsstrategien von CDU/CSU, die Stammbelegschaften, Arbeits-platz"besitzer" und Hauseigentü- mer von Sonderinteressen her ansprechen und durch Appelle an kon- servatives Eigentumsdenken an sich ziehen. Von dieser Seite ist das Milieu qualifizierter und traditionsgebundener Arbeiter der Erosion ausgesetzt - ebenso im Übergang zu den jüngeren Jahrgän- gen. Klassenbewegungen wie der Kampf gegen das Ausbaden der Stahl- und Werftenkrise verweisen auf das Verteidigungspotential, das in diesen Zusammenhängen von Betrieb und Reproduktionssphäre steckt - die Mühen bei der Durchsetzung der Verstaatlichungsforderung 50) zeigen Trägheit und Widersprüche von Fortschritten zu Klas- senpositionen. Die Wende der Ruhrgebiets-SPD in der Friedens- und Raketenfrage läßt die Möglichkeit zu Umbrüchen erkennen - als Folge von Umorientierung und Druck aus anderen Sektoren von Ar- beiterklasse und Arbeiterbewegung. 4.3 Exkurs: Fragen zur Zukunft von Betrieb und Lohnarbeit --------------------------------------------------------- im Leben der Arbeiterklasse --------------------------- Zur Verankerung im angedeuteten Typ von Klassenzusammenhang gehö- ren eine um qualifizierte Lohnarbeit zentrierte Lebensperspektive und daraus gezogenes individuelles und kollektives Selbstbewußt- sein mit Traditionsbezug zur industriellen Arbeiterbewegung. Den- ken wir an die Strukturveränderungen in der Arbeiterklasse mit der Abnahme des Industriesektors und den Krisen davon bestimmter Regionen, an die Tendenz zu kürzeren und flexibleren Arbeitszei- ten, so kann man die Bedeutung einer derartigen Verbindung von Großbetrieben und "Hinterland" nicht einfach in die Zukunft ver- längern. Es drängen sich Fragen auf. Wieweit stimmen etwa Progno- sen folgender Tendenz : Der Anteil des fest beschäftigten Teils der Arbeiterklasse wird mit kapitalistischer Rationalisierung des Arbeitskörpers sinken; schrumpfende Stammbelegschaften stehen ei- nem weitaus größeren Heer aus wachsenden Gruppen in Ausbildung und (Früh-)Rente, in Arbeitslosigkeit und Umschulung sowie in un- sicheren, eher kurzfristigen Arbeitsverhältnissen aller Art ge- genüber. Was sind die Folgen für Lebensperspektive, Lebensziele und Werte? Verliert die Behauptung materieller und sozialer An- sprüche (bis hin zur Respektierung der individuellen Menschen- würde) im Betrieb für den einzelnen an Realisierbarkeit und an Bedeutung in dem Maß, wie es sich dabei nur um Episoden in seinem Leben handelt und Ansprüche auf befriedigende, für den eigenen Selbstwert förderliche Arbeitstätigkeiten als gänzlich unerreich- bar betrachtet werden? Für welchen Teil der Arbeiterklasse gibt es noch die Perspektive eines wirklichen (Arbeits-)Lebens als Lohnarbeiter des Kapitals? Werden Arbeitsbedingungen weiter als grundlegende Lebensbedingun- gen erfahren, wo nicht mehr regelmäßige kapitalistische Lohnar- beit die zeitliche Basis für Alltag und Freizeit darstellt? Ar- beitsbelastungen und ihre Folgen wie Ermüdung, Schlafbedürfnis, Inaktivität in der Freizeit spielen dann absolut eine geringere Rolle und können eher aus der scheinbar gewachsenen Fülle an ar- beitsfreier Zeit kompensiert werden. Bedeutet dies subjektive Ab- wertung von Betrieb und betrieblicher Interessenvertretung? Wie entwickeln sich die Voraussetzungen für betrieblich veran- kerte Gewerkschaftsarbeit? In den Betrieben ist nur ein kleine- rer, stärker fluktuierender Teil der Klasse erfaßt; die Betriebs- größen werden im Schnitt geringer; Kommunikationsmöglichkeiten und Betriebsöffentlichkeit werden mit der weiteren Verdichtung der Arbeitstätigkeiten und der Ausweitung betrieblicher Kontroll- systeme auf elektronischer Grundlage weiter eingeschränkt. Die Rolle des Arbeitslohnes aus festen betrieblichen Beschäfti- gungsverhältnissen für den Lebensunterhalt sinkt. Stipendien, Renten, Kinder- und Wohngeld, Arbeitslosenunterstützung und Sozi- alhilfe, aber auch fluktuierende Einkünfte aus der "Schatten- wirtschaft" gewinnen für wachsende Teile der Arbeiterklasse wachsende Bedeutung. Werden damit weitere Zusammenhänge ge- schwächt, die bisher noch - auch bei subjektiv vorherrschender Freizeitorientierung - den Vorrang der betrieblichen Lebenssiche- rung aufrechterhalten? Das betrifft nicht nur die materielle Kom- ponente, nach der vom betrieblichen Einkommen abhängt, was man sich in der Freizeit leisten kann. Verstärkt die wachsende Unsi- cherheit der Arbeitseinkommen die Aufnahmebereitschaft für die in der Gesellschaft - aus unterschiedlichen Interessen und mit un- terschiedlichen Inhalten - vertretene Tendenz zum Wertwandel: Wendet man sich stärker Freizeitaktivitäten zu, die mit geringe- rem materiellem Aufwand bei höherem Anteil von Selbsttätigkeit verbunden sind und neigt dazu, ihnen (zunächst notgedrungen) mehr Befriedigung abzugewinnen, hingegen Tätigkeiten mit höherem Auf- wand und entsprechender Aufladung aus Konkurrenz um Konsumpre- stige subjektiv abzuwerten? Wie berühren solche Veränderungen in Bedürfnissen und Lebensweise die Schlüsselstellung des Betriebs für die Qualität des Arbeiterlebens? Theoretisch sind durchaus gewerkschaftliche Gegenstrategien denk- bar und z.T. auch schon in der Diskussion. Ihre Grundvorausset- zung ist eine gleichmäßige Verteilung von Arbeitsplätzen und Ar- beitszeit auf die erwerbsfähige Arbeiterklasse. Dies würde nicht nur Spaltungstendenzen in der Klasse vermindern und dem Betrieb einen festen (wenn auch im Zeitbudget schwindenden) Platz im Le- bensentwurf durchschnittlicher Lohnarbeiter sichern. So wäre auch gewerkschaftliche Kraft zu sammeln, um Veränderungen im Betrieb selbst durchzusetzen, die seine Rolle im Klassenbildungsprozeß stärken könnten. Zu denken ist vor allem an eine Umkehr der Ten- denz zur Arbeitsverdichtung, indem Produktivitätsfortschritte für eine Auflockerung und inhaltliche Bereicherung ("Humanisierung") der Arbeit verwendet werden. Diskutiert wird weiter, wie im Rah- men eines solchen Konzepts über längere Pausen hinaus weitere Tä- tigkeiten in den Zusammenhang von Betrieb und Belegschaft hinein- genommen werden können: z. B. Weiterbildung, sportliche und kul- turelle Aktivitäten. Wenn man aber an die bisherige Freizeitpoli- tik des Kapitals denkt, ist klar, daß derartige Pläne zur Klas- senbildung nur in dem Maß beitragen, in dem sie auch in der Ei- genverantwortung der gewerkschaftlichen Interessenvertretung ab- laufen. 4.4 Individualisierte Klassenbildungsprozesse --------------------------------------------- in Beziehung zum oppositionellen Milieu --------------------------------------- Wir haben mehrfach den durchgängigen Charakter von Individuali- sierungstendenzen betont, der auch im unter 4.2 charakterisierten Klassenzusammenhang wirkt. Es ist nicht leicht, in jenen Sektoren der Arbeiterklasse, die mit dieser Charakterisierung nicht erfaßt sind, nun die Zusammenhänge, Bindungen und Orientierungen heraus- zuarbeiten, die Impulse zu Klassenbildung aufnehmen und abstützen können - sind sie doch gerade nicht ausreichend an großen, for- mellen Organisationen festzumachen, sondern eher informell, punk- tuell, wechselnd. Versucht man, die hier sich abzeichnende Linie in entwickelter Form zu erfassen, so schälen sich folgende Kennzeichen heraus. Ihre Zusammenhänge wachsen nicht bruchlos aus dem alltäglichen Lebensumfeld, aus der familiären Sozialisation und fraglos ge- teilten Gruppennormen heraus; sie sind vielmehr gerade in Distan- zierung zum umgebenden Milieu gesucht. Daraus ergibt sich der Be- zug zu den unter 3.2 skizzierten Kristallisationskernen, im wei- teren Sinn zu einem oppositionellen Milieu, das durch offene und vielfältige Kommunikationsbeziehungen wie durch die große Rolle ausgezeichnet ist, die in ihm Selbsttätigkeit und ästhetisch-kul- turelle Ausdrucks- und Verständigungsformen spielen. Hier artikuliert sich - in Rückbesinnung auf Traditionen der Ar- beiterbewegung und in Wechselwirkung mit Impulsen der Alternativ- bewegung - eine Suche nach Lebensformen, die die enge Verknüpfung von Arbeiten, Wohnen, vor allem aber Engagement, Sich-Austauschen und Sich-Entfalten (schlagwortartig: von Arbeiten, Leben und Kämpfen) ermöglichen sollen. Gewerkschaftliche und politische Ak- tivisten haben solche Ansprüche an bestehende Organisationen der Arbeiterbewegung herangetragen; sie haben ihren Niederschlag ge- funden in gewerkschaftlicher und politischer Kulturarbeit, in neuen Sportvereinen und Kulturinitiativen mit gewerkschaftlichem Hintergrund, in Initiativen, Arbeitsgruppen, Gesprächskreisen von Gewerkschaftern beiderlei Geschlechts, die in der formellen Orga- nisationsstruktur nicht vorgesehen sind. Wahrscheinlich muß man die Renaissance des Genossenschaftsgedankens auch unter dem Aspekt der Suche nach Arbeits- und Lebenszusammenhängen außerhalb kapitalistischer Lohnarbeit betrachten, die sich mehr oder minder bewußt auf die sozialistische Arbeiterbewegung beziehen und als Teil ihres Hinterlandes jenseits kapitalistischer Betriebe fun- gieren. 51) Am Wirken von gewerkschaftlichen, betrieblichen und politischen Aktivgruppen in oppositionellen Kristallisationskernen wird deut- licher, was "Klassenbildung" und "Hinterland" hier meinen. In Er- gänzung zu den bestehenden Klassenorganisationen suchen diese Ka- der ein persönliches Hinterland, Öffentlichkeiten und Lebenszu- sammenhänge, die ihr betrieblich orientiertes Engagement abstüt- zen, erweitern, bei der Bewältigung neuer Fragen und individuel- ler Entwicklungsprozesse helfen. Wo solche Kristallisationskerne nach außen orientiert sind - und das ist meist der Fall -, versu- chen sie auszustrahlen, Anliegen der betrieblich verankerten Ar- beiterbewegung gegen den herrschenden Meinungsdruck in den Repro- duktionsbereich zu tragen bzw. dort brisante Fragen vom Klassen- interesse her aufzugreifen und damit auch kritischen Potentialen im Wohn- und Freizeitbereich Kristallisations- und Orientierungs- angebote für eigenes Engagement zu bieten. Ein aktuelles Beispiel hierfür sind die örtlichen Initiativen, die in einigen Städten zur Unterstützung des 35-Stunden-Kampfes entstanden. Sie wurden meist von linken Gewerkschaftskadern, An- gehörigen sozialistisch orientierter Gruppen und Parteien, an ei- nigen Orten auch von Frauengruppen, die den gewerkschaftlichen Kampf ihrer Männer unterstützen wollten, ins Leben gerufen. In Hamburg und Frankfurt spielten dabei Kreise eine Rolle, die sich zur außerbetrieblichen Solidarität für Betriebsbesetzer zusammen- gefunden hatten (HDW; Demag-Pokorny). Diese Initiativen scheinen in erster Linie erfolgreich gewesen zu sein dabei, einzelnen Ge- werkschaftern Formen praktischer Solidarität und Hilfe zu bieten, die diese sonst nicht fanden (weil ihre Gewerkschaft wenig Akti- onsmöglichkeiten in dieser Richtung bot oder weil Klein- und Mit- telbetriebe v.a. im Metallbereich ungenügend in den Kampf einbe- zogen wurden). Nur in wenigen Fällen scheinen sie eine nennens- werte Ausstrahlung in nicht schon gewerkschaftlich orientierte Sektoren des oppositionellen Milieus (Friedens- und Kulturinitia- tiven z.B.) gehabt zu haben. Hier werden die Barrieren deutlich, die aus der Tatsache folgen, daß heute im oppositionellen Milieu insgesamt Gruppen und An- schauungen dominieren, die den lohnabhängigen Mittelschichten und der lohnabhängigen Intelligenz zuzuordnen sind. 52) Sie beein- flussen Teile der Arbeiterklasse, die sich auf der Suche nach Antworten auf die Krise sozial-kulturellen Oppositionshaltungen öffnen und wirken so über "Scharniergruppen" in Klassenbildungs- prozesse hinein 53) - sie sind bisher jedoch nur wenig offen für Impulse aus der Arbeiterbewegung. Ein weiterer Grundzug von Klassenformierungsprozessen in Bezie- hung zum oppositionellen Milieu sollte allerdings nicht nur unter dem Aspekt der Barrieren gesehen werden: die mehr oder minder ausgeprägte gegenkulturelle Orientierung, die Tendenz zum "kulturellen Bruch" mit der herrschenden Lebensweise. 54) Vieles darin verweist auf geistige Traditionen bürgerlicher und klein- bürgerlicher Protestbewegungen gegen den kapitalistischen Zivili- sationsprozeß, in denen Krisenreaktionen dieser Schichten zum Ausdruck kommen. Nicht zu leugnen ist aber, daß die entstehende Arbeiterbewegung einen Teil ihres antikapitalistischen Impulses aus einer gegenkulturellen Grundströmung gezogen hat. Vor allem ist zu fragen, ob nicht angesichts der heutigen globalen Pro- bleme, die nur bei grundlegenden sozialen Umgestaltungen zu be- wältigen sein werden, 55) der Widerstand gegen die konkurrenz- und konsumgeprägte, naturzerstörerische und individualitätsfeind- liche imperialistische Lebensweise historische Sprengkraft wie zukunftsorientierte Substanz gewinnt. Von Klassenbildung ist in bezug auf oppositionelle Milieus inso- weit zu sprechen, als Lohnarbeiter sich hier Lebensansprüche, Be- dürfnisse, Handlungsfähigkeiten und gesellschaftliche Orientie- rungen aneignen und stabilisieren, die i n V e r b i n d u n g m i t d e r E r f a h r u n g d e s K l a s s e n g e g e n- s a t z e s zum Moment der subjektiven Einbindung in (betrieb- liches, gewerkschaftliches, politisches) Klassenengagement wer- den. Ob es zu solcher Vereinigung kommt, hängt ab von der Fähig- keit des subjektiven Faktors, der organisierten Klassenkräfte, i n B e t r i e b w i e R e p r od u k t i o n s b e r e i c h an Konflikterfahrungen, Lebensansprüchen und Entfaltungsbedürf- nissen anzuknüpfen und sie - im fortgeschrittensten Teil - mit der wissenschaftlichen marxistischen Gesellschaftsanalyse und der sozialistischen Strategie der Arbeiterbewegung zu verbinden. 4.5 Offene Fragen in einer Umbruchperiode der Arbeiterbewegung -------------------------------------------------------------- Mit welcher Berechtigung kann man nun von zwei Linien der Klas- senbildung sprechen? Der zuletzt skizzierte Typ ist in seiner ausgeprägten Form gegenwärtig von Bedeutung für Teile betriebli- cher, gewerkschaftlicher und politischer Aktivkerne sowie für Orientierung suchende kritische Gruppen aus den neuen und jünge- ren Sektoren der Arbeiterklasse. Er entfaltet bisher keine große Wirkung als solidarisches Hinterland betrieblich zentrierter Klassenkämpfe - das wurde in der Auseinandersetzung um Arbeits- zeitverkürzung sichtbar. Hier kam die Massenbasis der gewerk- schaftlichen Aktionen ganz eindeutig aus Bereichen, die zum tra- ditionellen Arbeitermilieu gehören. Einschätzungen über zukünftige Bedeutung dürfen weder allein aus aktuellen Befunden noch aus allgemeinen Überlegungen über Indivi- dualisierungstendenzen hergeleitet werden. Vieles spricht dafür, daß wir hier nicht zwei Linien haben, die sich zukünftig stabili- sieren und gegeneinander verfestigen werden; vielmehr müssen wir beider Entwicklung, Wechselwirkung und besonders den Stellenwert oppositioneller Milieus im Zusammenhang der gegenwärtigen Um- bruchperiode der Arbeiterbewegung sehen. Die historisch entstandene Einheit betrieblicher und außerbe- trieblicher Klassenbildung, die Verankerung der Arbeiterbewegung in einem sozial-kulturellen Hinterland alltäglicher Lebensbezie- hungen und Werthorizonte ist unwiderruflich aufgebrochen; Tenden- zen der Individualisierung prägen Lebensweise und Klassenbildung zunehmend. Vor dem Hintergrund solcher Veränderungen finden in den verschiedenen Abteilungen der Arbeiterbewegung die Umbrüche und Verarbeitungsprozesse statt, die imperialistische Krise, glo- bale Probleme und wissenschaftlich-technischer Fortschritt mit ihren einschneidenden Folgen verlangen. In diesem Prozeß bilden sich neue Linien und Konstellationen der Klassenbildung im Kräf- tefeld von Betrieb, Gewerkschaft, Parteien und politischen Orga- nisationen der Arbeiterbewegung sowie Kommunikationszusammenhän- gen und oppositionellen Kristallisationskernen im Reproduktions- bereich heraus. _____ 1) Dieser Text versucht, einige Problemstellungen zu entwickeln. Er ist empirisch noch ungenügend abgesichert und versteht sich als Beitrag zur Erarbeitung eines theoretischen Zugangs. Schon die Begrifflichkeit wirft Fragen auf. Der Terminus "Klassenbildung" läßt das objektive Moment von Klasse in den Hin- tergrund treten, das mit der Stellung im System der Produktions- und Reproduktionsverhältnisse gesetzt ist - bis hin zu dem mögli- chen Mißverständnis, von Klasse könne man nur bei entsprechendem Selbstbewußtsein sprechen. "Klassenformierung" drückt die Einheit objektiver und subjektiver Momente besser aus: Der objektive Klassenzusammenhang gewinnt festere Form, die von den Klassensub- jekten gestaltet wird. Allerdings schwingt die negative Bedeutung von "Formierung" - von außen gewaltsam in eine Form pressen - mit und mag antimarxistische Vorurteile nähren, die der Begriff der Bildung als aktive Selbsterziehung, Selbstentwicklung vermeidet. 2) Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Par- tei, MEW 4, S. 471; umfassender ebd., S. 470-474. Intensiver Ein- stieg in das Thema "Klassenbildung" ist Engels' Analyse der "Lage der arbeitenden Klasse in England", MEW 2. 3) Karl Marx, Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 8, S. 198. 4) W.I. Lenin, Was sind die "Volksfreunde" und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten?, LW I, S. 186. 5) So Ulrich Beck in seinem ansonsten sehr differenziert und an- regend argumentierenden Aufsatz "Jenseits von Klasse und Stand?", in: Reinhard Kreckel (Hg.), Soziale Ungleichheiten, Soziale Welt - Sonderband 2, Göttingen 1983, S. 47 f. 6) Vgl. dazu Hartmut Zwahr, Zur Konstitutierung des Proletariats als Klasse, Berlin (DDR) 1978. 7) Was hier vereinfacht als individueller Prozeß dargestellt wird, ist real eingebunden in die individuelle Aneignung der hi- storisch gewordenen und verfestigten klassen- und schichtspezifi- schen Lebensweise; vgl. dazu ausführlicher Kaspar Maase, Lebens- weise der Lohnarbeiter in der Freizeit, IMSF-Informationsbericht 38, Frankfurt/M. 1984. 8) Vgl. Heinz Jung, Zur Arbeiterklasse der 80er Jahre, in: Marxi- stische Studien. Jahrbuch des IMSF 6, 1983, S. 75ff.; Thesen "Der Betrieb als Formierungsbasis der Arbeiterklasse in der BRD heute" in diesem Band. 9) Das folgt im wesentlichen daraus, daß Einkommen und Gesund- heitszustand grundlegende Voraussetzungen für Freizeitaktivitäten sind, und beinhaltet zugleich einen großen Spielraum für Unter- schiede und Wandlungen in der subjektiven Auffassung des Verhält- nisses von Arbeit und Freizeit. 10) Beck, a.a.O., S. 53. Beck geht hier von einem statischen Klassenbegriff aus und berücksichtigt nicht, daß mit Klassen In- teressen und damit notwendige Handlungsorientierungen, Handlungs- anforderungen gesetzt sind. Sie vermitteln die Klassenlage unver- meidlich ins Handeln und so auch ins Bewußtsein der Klassenindi- viduen hinein - in dem oder jenem Maße, gegen notwendige Wider- stände, aber doch in solcher Weise, daß die marxistische Klassen- auffassung nicht nur eine denkbare, abstrakte Potenz, sondern stets auch real-empirisch Wirkendes widerspiegelt. 11) Ebd., S. 36. 12) Ebd., S. 41. 13) Ebd., S. 38-40; vgl. auch Daten und Argumente bei Josef Mooser, Auflösung der proletarischen Milieus, in: Soziale Welt 3/1983. 14) Beck, a.a.O., S. 42. 15) Ebd., S. 42 f. 16) Ebd., S. 63. 17) Ebd., S. 47. Vor allem in der marxistischen Kulturtheorie und Kulturgeschichtsschreibung der Arbeiterklasse ist dieser Ansatz entfaltet worden; vgl. Renate Karolewski, Gesellschaftlicher Re- produktionsprozeß und Kultur, in: "Kultur der Arbeiterklasse", Marxismus Digest 31, hrg. v. IMSF, Frankfurt/M. 1977; Autorenkol- lektiv der Arbeitsgruppe Kulturtheorie (Leitung: Dietrich Mühl- berg), Der Beitrag von Marx und Engels zur wissenschaftlichen Kulturauffassung der Arbeiterklasse, Manuskriptdruck Berlin (DDR) 1980; Kaspar Maase, "Entwickeln von power". Zur wissenschaftli- chen Kulturauffassung der Arbeiterklasse im Werk von Karl Marx, in: "... einen großen Hebel der Geschichte", Marxistische Stu- dien. Jahrbuch des IMSF, Sonderband I, Frankfurt/M. 1982; Thomas Metscher, Kunst-Kultur-Humanität, Bd. I, Fischerhude 1982. 18) Vgl. Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökono- mie, Berlin (DDR) 1953, S. 313. 19) Beck, a.a.O., S. 42. 20) Vgl. die idealtypische Rekonstruktion in: Arbeiterleben um 1900, Berlin (DDR) 1983. 21) Zur näheren Begründung dieses Begriffs vgl. Josef Ehmer, Fa- milie und Klasse, in: Michael Mitterauer, Reinhard Sieder (Hg.), Historische Familienforschung, Frankfurt/M. 1982, S. 302. 22) Zwahr, a.a.O., S. 116 ff.; vgl. auch die eindrucksvolle Stu- die von Ehmer (Anm. 21). 23) Zwahr, a.a.O., S. 120. 24) Selbstverständlich sind hier auch Entwicklungen wie die Ver- änderung der Heirats- und Sozialbeziehungen in der Arbeiter- schaft, ihre Öffnung zu anderen sozialen Gruppen hin, in Rechnung zu stellen. Die Bedeutung der Familie etwa für die Entstehung ge- werkschaftlicher Orientierungen ist jedoch auch heute noch deut- lich; vgl. die Angaben in: Jugendliche in der DKP, IMSF-Informa- tionsbericht 34, Frankfurt/M. 1982, S. 23 ff. 25) Vgl. Kaspar Maase, Freizeit, in: Wolfgang Benz (Hrg.), Die Bundesrepublik Deutschland - Geschichte in drei Bänden, Bd. 2: Gesellschaft, Frankfurt/M. 1983. 26) Vgl. Beck, a.a.O., S. 52; hier wird eine in der Begriffswahl liegende Problematik deutlich: die Gefahr oder Verlockung, Ten- denzen in Lebensweise und Persönlichkeitsentwicklung bruchlos auf die Ebene zu verlängern, auf der über kollektives (letztlich po- litisches) Engagement und die individuelle Beteiligung hieran entschieden wird. Beck hält diese Momente streckenweise auseinan- der, reflektiert jedoch nie die systematische Qualität einer sol- chen Unterscheidung; er kann damit soziale Bewegungen nur als Re- flex und Ausdruck von Basisprozessen, aber nicht als selbstän- dige, aktive historische Subjekte erfassen, die genau auf den von ihm nivellierten Übergang einwirken. 27) Vgl. Wadim P. Jerasalimskij, Proletarische Psyche, Theorie und Methode VII, hrsg. vom IMSF, Frankfurt/M. 1984. 28) Vgl. etwa Beck, a.a.O., S. 42, 54. 29) Die Grundlage der folgenden, notwendig knappen Ausführungen bilden Daten und Argumentationen der Studie "Lebensweise der Lohnarbeiter..." (Anm. 7). 30) Hier kommt nun wirklich der schon von Engels entwickelte Ge- sichtspunkt zum Tragen, daß die Weitergabe von Besitz für die proletarische Familie ungleich weniger bedeutsam und strukturbil- dend ist als für die bürgerliche; vgl. Friedrich Engels, Der Ur- sprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, MEW 21, S. 73 ff. 31) G. Christiansen, K.D. Lehmann, Chancenungleichheit in der Freizeit, Stuttgart, Berlin (West), Köln, Mainz 1976, S. 61. 32) In Freizeitvereinen organisiert sind ein gutes Viertel der an- und ungelernten Arbeiter, über 40 Prozent der Facharbeiter, ein leicht geringerer Anteil der einfachen und mittleren Ange- stellten und Beamten sowie über 50 Prozent der gehobenen Ange- stellten und Beamten (nach Christiansen/Lehmann, a.a.O., S. 99). Für die Lohnarbeiter beiderlei Geschlechts haben Sportvereine bei weitem die größte Bedeutung. Was deren soziale Zusammensetzung betrifft, so finden wir ein weites Spektrum in allen Abschattie- rungen zwischen dem reinen Arbeiterverein und dem Reservat bour- geoiser lokaler Oberschichten. 33) Zur bürgerlichen Hegemonie mit Hilfe harmonisierender Ver- einsideologie vgl. Friedhelm Kroll, Stefan Bartjes, Rudi Wien- garn, Vereine, IMSF-Informationsbericht 36, Frankfurt/M. 1982, S. 58 ff. 34) Vgl. Das hat der Dom noch nicht gesehen! Ganz Speyer wehrt sich gegen den VFW-Konzern, hrsg. vom DKP-Kreisvorstand Speyer, o.O., o.J. 35) Vgl. Keine Startbahn West! Protestbewegung in einem überla- steten Ballungsraum. Eine Untersuchung des IMSF, Frankfurt/M. 1981, v.a. S. 176ff. 36) Vgl. Hermann Bömer, Berthold Goergens, Gert Hautsch, Bernd Semmler, Neue Beweglichkeit - neue Impulse? Soziale Bewegungen - Analyse und Dokumentation des IMSF, Bd. 11, Frankfurt/M. 1982, S. 32 ff. 37) Als Beispiel für die Einheit von Individualisierungs- und so- zialen Abstützungsprozessen ist in diesem Zusammenhang aufschluß- reich, was Thomas Schardt über Bildungsentscheidungen in gemisch- ten Arbeiterklassenquartieren herausgefunden hat. Arbeiter, die ihre Kinder auf weiterführende Schulen schicken - entgegen den in ihrer Schicht dominierenden Haltungen - weisen Momente einer von den anderen Arbeitern unterschiedlichen Lebensweise auf, haben neben entwickelten Beziehungen zu Verwandten überdurchschnittlich starke Bekanntenkontakte - und zwar mit deutlicher Tendenz "nach oben", zu Angestellten, Beamten, Selbständigen hin. Offenbar sucht man sich hier bewußt und aktiv sozialen Rückhalt für Züge der eigenen Lebensplanung und Lebensweise, die im nächstliegenden Sozialmilieu nicht geteilt werden (in: Ulfert Herlyn, Großstadt- strukturen und ungleiche Lebensbedingungen in der Bundesrepublik, Frankfurt/M., New York 1980, S. 208 ff.). 38) Vgl. Kroll u.a., a.a.O., S. 25, 33, passim. 39) Vgl. Frank Deppe, Einheit und Spaltung der Arbeiterklasse, Marburg 1981; Der Betrieb..., a.a.O., These 12. 40) Vgl. Witich Roßmann, Arbeiterklasse, soziale Bedürfnisse und gewerkschaftliche Politik, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 5, 1982; Arbeiterklasse - revolutionäres Subjekt histori- scher Veränderung in der Bundesrepublik, in: Marxistische Stu- dien. Jahrbuch des IMSF 6, 1983, v. a. Thesen 4-6. 41) Vgl. Maase, Lebensweise..., a.a.O. 42) Vgl. Jung, a.a.O., S. 62 ff. 43) Daß Maß an Selbstverständlichkeit kommt in den Äußerungen von Sozialdemokraten über ihre politische Sozialisation im ersten Drittel des Jahrhunderts zum Ausdruck. So heißt es über die Re- flexion politischen Engagements in der Familie: "Über Politik wurde nur manchmal diskutiert, 'aber das war an und für sich be- langlos. Man wußte ja, wohin man gehörte'." "Viel gesprochen hat mein Vater von Bebel. (...) Ich habe mich da nicht weiter drum gekümmert - ehrlich gesagt. Ich wußte, wozu ich gehörte, aber daß ich mich da nun extra drum gekümmert hätte? - Das habe ich nicht gemacht." (Stefan Bajohr, "Vater war immer ein linker Kumpel". Braunschweiger Familien und Arbeiterbewegung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, in: Heiko Haumann (Hg.), Arbeiteralltag in Stadt und Land, Argument-Sonderband 94, Berlin (West) 1982, S. 124, 135.) 44) Vgl. Roßmann, a.a.O. 45) Karl Marx, Friedrich Engels, a.a.O., S. 493. 46) IMSF (Hg.), Der Staat im staatsmonopolistischen Kapitalismus der Bundesrepublik, Teil I, Frankfurt/M. 1981, S. 247. 47) Der Arbeitskampf um die 35-Stunden-Woche hat gezeigt, daß ausländische Kolleginnen und Kollegen eine tragende Säule im Kern der Arbeiterklasse und ihrem gewerkschaftlichen Handlungspoten- tial bilden. Ihre alltäglichen Lebenszusammenhänge sind überwie- gend durch national-kulturelle Besonderheiten bestimmt, sozial und oft auch räumlich von der deutschen Arbeiterklasse abge- grenzt. Es ist eine wichtige, hier nicht zu leistende Aufgabe, die besondere Linie der Klassenbildungsprozesse hier zu untersu- chen. 48) Albrecht Lehmann, Leben in einem Arbeiterdorf, Stuttgart 1976; vgl. auch Janne Günter, Leben in Eisenheim, Weinheim, Basel 1980. 49) Vgl. anschaulich Hochlarmarker Lesebuch. Kohle war nicht al- les - 100 Jahre Ruhrgebietsgeschichte, Oberhausen 1981, S. 225 ff., v.a. S. 257-276; Lutz Niethammer (Hg.) "Hinterher merkt man, daß es richtig war, daß es schiefgegangen ist" - Nachkriegserfah- rungen im Ruhrgebiet, Bonn 1983, v. a. das Vorwort von Nietham- mer, die Beiträge von Michael Zimmermann und Alexander v. Plato; zur sozialdemokratischen Verankerung in "Organisationen und Ver- einen des vorpolitischen Raumes" vgl. Horst Becker, Bodo Hombach u.a., Die SPD von innen, Bonn 1983, S. 67 ff., passim. 50) Vgl. Bömer u.a., a.a.O.; Heinz Thüer, "Vergesellschaftung der Stahlindustrie", in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 6, 1983. 51) Vgl. die Beiträge von Beate Nilsson, in: IMSF (Hg.), Die Al- ternativen der Alternativbewegung, Frankfurt/M. 1984, S. 149 ff, 186 f, 195 f. 52) Vgl. die Analysen in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 5, 1982. 53) Vgl. Klaus Pickshaus, Zur Bedeutung der "Scharniergruppen" zwischen neuen sozialen Bewegungen und Arbeiterbewegung, in: IMSF (Hg.), Marx ist Gegenwart, Frankfurt/M. 1983, S. 165 ff. 54) Vgl. ausführlicher Kaspar Maase, Neue Bewegungen: Gesell- schaftliche Alternative oder kultureller Bruch?, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 5, 1982. 55) Vgl. Igor Bestushew-Lada, Die Welt im Jahr 2000, Freiburg 1984; Globale Probleme - Politische, ökonomische und soziale Aspekte, IPW-Forschungshefte 1/1984; Hellmuth Lange, Globale Pro- bleme der Gegenwart und Arbeiterklasse, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 6, 1983; W. Sagladin, I. Frolow, Globale Pro- bleme der Gegenwart, Berlin (DDR) 1982. zurück