Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 07/1984
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DIE GROSSBETRIEBE UND IHRE BELEGSCHAFTEN
Angaben zum großbetrieblichen Sektor der Bundesrepublik
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Bernd M. Semmler
1. Die Großbetriebe und der Kern der Arbeiterklasse - 2. Der
großbetrieblich strukturierte Wirtschaftsbereich - 3. Die Beleg-
schaftsstruktur der Großbetriebe - 4. Großbetriebe und Großstädte
- 5. Angaben zum gewerkschaftlichen Organisationsgrad in Großbe-
trieben
1. Die Großbetriebe und der Kern der Arbeiterklasse
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Die Großbetriebe der Produktion fanden bereits am Ende des vori-
gen Jahrhunderts das Interesse der Kathedersozialisten wie
Schmoller und anderer Vertreter des Vereins für Socialpolitik.
Dies betraf in erster Linie Großbetriebe des Bergbaus, der Indu-
strie, des Transportwesens, aber auch Großbauprojekte und damit
Stätten der Konzentration der Arbeiterbeschäftigung. Die Konzen-
tration der Beschäftigung war und ist eng mit der Konzentration
des Kapitals und der Produktion verbunden, mit dieser aber nicht
identisch.
Im Prozeß der Konstituierung der modernen Arbeiterklasse kommt
den Großbetrieben als Stätten der objektiven und subjektiven For-
mierung der Arbeiterklasse historisch und aktuell eine herausra-
gende Bedeutung zu. Großbetriebe waren zwar immer nur dynamische
Minderheiten, gleichwohl aber mehr als Seismographen des sozialen
Prozesses. Aufgrund ihres Charakters als am meisten vergesell-
schafteter und fortgeschrittener Sektor der Wirtschaft kam und
kommt ihnen eine Lokomotivfunktion zu. Deshalb gilt ihnen und ih-
ren Belegschaften die Aufmerksamkeit dieses Beitrages.
Es sollen hier einige entsprechende statistische Angaben für die
BRD vorgestellt und diskutiert werden. Es kann jedoch bei weitem
nicht die soziologische und ökonomische Bedeutung der Problematik
der Großbetriebe ausgelotet werden. Es geht uns darum, einige
A n g a b e n z u m s o z i a l ö k o n o m i s c h e n
K e r n d e r A r b e i t e r k l a s s e vorzustellen.
"Vom Standpunkt der objektiven sozialökonomischen Kriterien muß
vom Kern der Arbeiterklasse bei jenen Gruppen gesprochen werden,
für die der Warencharakter ihrer Arbeitskraft voll entwickelt
ist, d.h. die dem Kapital in der Produktion real untergeordnet
sind (reelle Subsumtion), die das materiell-personelle Substrat
des variablen Kapitals in der Produktion sind. Das waren histo-
risch die Fabrikarbeiterschaft, das Industrieproletariat, die In-
dustriearbeiter, die auch heute noch Kerngruppen des Proletariats
sind. Dies galt und gilt vom Standpunkt des Warencharakters der
Arbeitskraft, der Entwicklungsstufe der Kapitalverhältnisse, dem
Vergesellschaftungsgrad der Arbeit bzw. dem Entwicklungsgrad der
Produktivkräfte und korrespondiert unmittelbar mit der Polarisie-
rung der Klassenverhältnisse im Bereich der Anwendung der Ar-
beitskraft (in der Großindustrie ist die soziale Trennung und
Entgegensetzung am ausgeprägtesten, die Mittelschichten als Puf-
fer sind für die Arbeiterschaft bzw. das Produktionspersonal am
schwächsten, paternalistische und traditionalistische Herr-
schaftsformen sind durch objektiviert-technokratische ersetzt).
Dieser Zusammenhang korrespondiert weiter mit einem hohen objek-
tiven und auch subjektiven Organisationsgrad der 'Belegschaften'
als Glieder der Arbeiterklasse (tiefgestaffelte betriebliche Ver-
tretungsorganisation, hoher Grad an gewerkschaftlicher Organi-
siertheit, Präsenz der politischen und ideologischen Strömungen
der Arbeiterbewegung usw.).
Unter Beachtung dieser Gesichtspunkte kann heute gesagt werden,
daß die Arbeiterklasse in den Großbetrieben der materiellen Pro-
duktion (Energie, Bergbau, Industrie, Bau, Verkehrs- und Kommuni-
kationswesen), die in den sozialökonomischen Sektor des Groß- und
Monopolkapitals und des Staates eingebunden und dem Monopolkapi-
tal und seinen staatlichen Repräsentanten unmittelbar konfron-
tiert ist, den Kern der Arbeiterklasse der BRD darstellt. Die
oben umrissenen Charakteristika sind für die Arbeiterschaft, die
Angestellten- und Beamtengruppen (letztere etwa bei Großbetrieben
von Bahn und Post) unterschiedlich intensiv ausgeprägt. Um diesen
Kern gruppiert sich heute die Arbeiterklasse in Großbetrieben des
Handels, des Bankwesens und der Dienstleistungen, obwohl diese
Gruppen mehr Ähnlichkeiten mit den Angestelltengruppen in der In-
dustrie besitzen, der Industrialisierungsgrad der Arbeitsbereiche
noch in der Entwicklung ist, vielfach deshalb auch noch Entwick-
lungsphasen der formellen Subsumtion bestehen, die Mittelschich-
tenpuffer noch stark sind usw. Zweifellos vollziehen diese Berei-
che eine schnelle objektive Entwicklung zum Kern der Arbeiter-
klasse, weshalb für die gewerkschaftliche und politische Arbei-
terbewegung auch gerade hier ein wichtiges Entwicklungsfeld be-
steht." 1)
"G r o ß b e t r i e b" i s t e i n e h i s t o r i s c h e
K a t e g o r i e. Ihr Inhalt und damit ihre statistische Ab-
grenzung sind Wandlungen unterworfen. In der Statistik des Deut-
schen Reiches werden bis 1939 Großbetriebe als Betriebe mit mehr
als 51 Beschäftigten definiert. Mit der zunehmenden Konzentration
bzw. der Entstehung neuer Größenordnungen wurde die Grenze bei
der Definition von Großbetrieben immer weiter hinausgeschoben. In
den 60er Jahren war die Untergrenze für Großbetriebe allgemein
mit 1000 Beschäftigten und mehr definiert. Solche Definitionen
bezogen sich implizit immer auf den Industriebetrieb. Mit dem
Übergang zu einem intensiven Reproduktionstyp und dem Anwachsen
großbetrieblicher Strukturen im sogenannten tertiären Sektor
stellen sich heute neue Definitionsanforderungen. Die Statistik
erfaßt als nächste Gruppe Betriebe zwischen 500 und 999 Beschäf-
tigten. Diese Situation zwingt uns, die Untergrenze an die Marke
von 500 Beschäftigten zu legen, obwohl sie zwischen 500 und 1000
liegen müßte.
Mit den Beschäftigten der Großbetriebe werden jene Betriebsbeleg-
schaften erfaßt, deren Hauptteile die sozialökonomischen Kern-
gruppen der Arbeiterklasse sind und die sich im realen Prozeß auf
der objektiven Grundlage ihrer betrieblichen Organisation als
Klassenkollektive formieren, die jeweils "ihrem" Kapital und Un-
ternehmer - in welcher Form auch immer - gegenüberstehen.
Die amtliche Statistik kennt die Begriffe A r b e i t s-
s t ä t t e, B e t r i e b, U n t e r n e h m e n? 2) Sie ha-
ben unterschiedliche Abgrenzungskriterien. Sind Arbeitsstätten
örtliche technische Einheiten und Unternehmen im Prinzip die
Organisationsform des Einzelkapitals, so steht der Betrieb
dazwischen. Hier wären auch Einheiten wie z.B. Konzerne zu
berücksichtigen, weil sich auch hier mehrere Betriebskollektive
(Belegschaften) gegen ein Einzel(Monopol)kapital formieren. Wir
werden nachfolgend Angaben zu Betrieben, Unternehmen und
Konzernen zu untersuchen haben.
Man kann davon ausgehen, daß der großbetriebliche Sektor zur
Hauptsache in den sozialökonomischen Sektor des Groß- und Mono-
polkapitals und des Staates fällt, jedoch mit diesem nicht völlig
identisch ist, weil er ebenfalls Bereiche des nichtmonopolisti-
schen Kapitals umfaßt. Ferner definiert sich der monopolistische
Sektor von einer Entwicklungsstufe des Kapitalverhältnisses her,
ist also von vornherein betriebs- und unternehmensübergreifender
Natur.
Die politökonomische Bedeutung der Großunternehmen läßt sich kei-
nesfalls allein am Ausmaß der Beschäftigtenkonzentration festma-
chen. Die Umsatzkonzentration ist außer in strukturkrisengeschüt-
telten Branchen wie der Schiffbau- und Stahlindustrie i.d.R. weit
höher als die Beschäftigtenkonzentration. In Tabelle 1 sind die-
jenigen Branchen aufgeführt, in denen die Diskrepanz zwischen
diesen beiden Konzentrationsmaßen besonders stark ausgeprägt ist.
Tabelle 1: Umsatz- und Beschäftigtenkonzentration der drei größ-
ten Unternehmen ausgewählter Branchen 1979
Wirtschaftszweig Umsatzanteil Beschäftigten-
anteil
der jeweils drei größten
Unternehmen (%)
Herstellung von Büromaschinen,
Datenverarbeitungsgeräten und
-einrichtungen 73,8 63,0
Tabakverarbeitung 64,9 50,6
Reparatur von Gebrauchsgütern 63,7 51,8
Mineralölverarbeitung 60,4 36,7
Straßenfahrzeugbau, Reparatur von
Kraftfahrzeugen usw. 47,5 39,7
_____
Quelle: Monopolkommission, Hauptgutachten 1980/81, Fortschritte
bei der Konzentrationserfassung, Baden-Baden 1982, S. 64.
In der Ära der freien Konkurrenz wurde die Konzentration der Pro-
duktion die Grundlage für das Entstehen der Monopole. Im Übergang
zum Imperialismus bzw. SMK, mit einer zunehmenden Arbeitsteilung,
einem höheren Vergesellschaftungsgrad und damit der Aufspaltung
in zahlreiche Fertigungsstadien hat sich der Inhalt des Begriffs
Produktionseinheit gewandelt. Lenin hob hervor, daß die Konzen-
tration bzw. Zusammenballung von Arbeitskräften und Produktions-
mitteln in Großbetrieben nur eine Vorform der monopolistischen
Kombination darstellt. 3) Konzentration und Zentralisation des
Kapitals äußern sich heute als monopolistische Kontrolle über die
wichtigsten Stadien des Produktionsprozesses unter Einschluß
nichtmonopolistischen und staatlichen Eigentums. Im Zusammenhang
mit der hier zur Debatte stehenden Fragestellung ist zusammenfas-
send zu sagen, daß die Konzentration der Arbeitskräfte und der
Produktion nur eine Form der Monopolisierung darstellt, so daß
der Einfluß der Monopole und des Finanzkapitals hiermit nicht um-
rissen werden kann.
Die dynamischste Entwicklung hin zu Großbetrieben im Zusammenhang
mit Konzentrationsprozessen hat in jüngerer Zeit besonders in Be-
reichen stattgefunden, die über die Sphäre der unmittelbaren Pro-
duktion hinausreichen. Begriffe wie das "Ende der Industriege-
sellschaft" geben zwar bestimmte Seiten dieser Entwicklung poin-
tiert wieder, führen jedoch inhaltlich gesehen in die Irre. In
der Gruppe der Dienstleistungen von Unternehmen und freien Beru-
fen finden wir heute z.B. große Ingenieurbüros, Unternehmensbera-
tungen oder auch Reinigungsfirmen, die durch das Herauslösen be-
stimmter Funktionen aus der Industrie und deren Konzentration auf
spezialisierte Unternehmen entstanden. Sie leisten direkte Zuar-
beit für die produktive Sphäre. Großbetrieblich strukturierte
Hauptverwaltungen von Industriekonzernen erscheinen demgegenüber
in der Statistik der Industrie bzw. als Bestandteil der Indu-
striebetriebe, obwohl sie sich in der Tendenz mehr und mehr von
den Stätten der unmittelbaren Produktion lösen und sich in Rich-
tung großbetrieblich organisierter Bürokratien entwickeln.
Die Theoreme vom "Ende der Industriegesellschaft" reflektieren
nur höchst einseitig den absoluten und prozentualen Rückgang der
Industriebeschäftigten, ignorieren aber, daß das kapitalistische
Ausbeutungs-, Herrschafts- und Kontrollverhältnis bzw. die reelle
Subsumtion auf neue Bereiche übergreift. Wenn heute die Rolle des
Großbetriebs analysiert werden soll, kann dies nur unter Einbe-
ziehung dieser neuen Bereiche geschehen.
Tabelle 2:
Beschäftigte in Arbeitsstätten mit 500 und mehr Beschäftigten
nach Wirtschaftsbereichen und Sphären 1970
Wirtschaftsabteilung Beschäftigte Anteil der Wirt- Anteil der in
in Großar- schaftsabteilung Großarbeits-
beits- an der Gesamt- stätten Be-
stätten zahl der Beschäf- schäftigten
tigten an der Ge-
samtzahl der
Beschäftigten
der Abteilung
Land- u. Forstwirt-
schaft 3 880 0,1% 4%
Energiewirtschaft, Wasser-
versorgung, Bergbau 307 215 5,2% 62%
Verarbeitendes
Gewerbe 4 215 289 71,5% 41%
Baugewerbe 135 731 2,3 6%
Verkehr, Nachrichten-
übermittlung 302 760 5,1% 21%
Sphäre der materiellen
Produktion; 4 964 875 84,2% -
Handel 220 776 - 6%
Kreditinstitute, Versi-
cherungsgewerbe 126 704 3,7% 19%
Sphäre der Waren-
und- Geldzirkulation 347 480 5,8% -
Dienstleistungen von Unternehmen
und freien Berufen 90 660 1,5% 4%
Sphäre private
Dienstleistungen 90 660 1,5% -
Organisationen ohne
Erwerbscharakter 35 707 0,6% 6%
Gebietskörperschaften,
Sozialversicherung 456 339 7,7% 18%
Sphäre Verbände, Kirchen,
Sozialversicherung,
Staat 492 046 8,3% -
Insgesamt 5 895 061 100,0% -
_____
Quelle: Statistisches Jahrbuch 1972; eigene Berechnungen nach den
Sonderveröffentlichungen des Stat. BA.
2. Der großbetrieblich strukturierte Wirtschaftsbereich Überblick
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Die letzte verfügbare Gesamterhebung über Großbetriebe bzw. Groß-
arbeitsstätten stellt die Arbeitsstättenzählung des Jahres 1970
dar, deren für unseren Zusammenhang wichtigste Ergebnisse in Ta-
belle 2 enthalten sind. Aus Tabelle 2 ist die Dominanz der Sphäre
der materiellen Produktion und ihres Kernbereiches, des verarbei-
tenden Gewerbes, ablesbar. Die Sphären der Waren- und Geldzirku-
lation und der privaten Dienstleistungen sind demgegenüber in
weit geringerem Maße großbetrieblich strukturiert. In den folgen-
den Ausführungen wird jedoch deutlich werden, daß die Sphäre der
materiellen Produktion absolut und relativ gegenüber den anderen
Sphären, insbesondere dem Staat, an Bedeutung (gemessen am Be-
schäftigtenanteil am großbetrieblichen Segment) verliert. Hierbei
ist zu beachten, daß der sog. Dienstleistungsbereich durch die
Art der Definition der Arbeitsstätte bei der Erfassung großbe-
trieblicher Strukturen systematisch unterbewertet wird. Es exi-
stiert keine geschlossene Betriebsstatistik für diesen Bereich,
wie dies beim verarbeitenden Gewerbe gegeben ist. Großbürokratien
wie z.B. Stadtverwaltungen sind oftmals nicht an einem Ort kon-
zentriert, sondern verteilen sich über mehrere Straßenzüge. Sie
werden bei der Erfassung auseinandergerissen - im Unterschied zu
industriellen Großbetrieben wie z. B. den Farbwerken Hoechst AG,
deren einzelne Arbeitsstätten wesentlich weiter auseinanderlie-
gen, dennoch als Einheit erfaßt werden, weil sich das gesamte Ge-
lände im Eigentum des Konzerns befindet.
Die Großindustrie
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Die ausführlichsten statistischen Erhebungen liegen für das ver-
arbeitende Gewerbe und den Bereich Bergbau vor. 1981 existierten
im Bergbau und verarbeitenden Gewerbe 2486 Großbetriebe mit mehr
als 500 Beschäftigten. In diesen 5,2 Prozent aller bestehenden
48 240 Betriebe arbeiteten 3 933 630 Beschäftigte. Dies ent-
spricht einem Prozentanteil von 52,3 Prozent. 4)
In den 50er Jahren nahm die Beschäftigtenkonzentration stark zu.
Sie hält sich in den 60er und 70er Jahren auf einem annähernd
gleichen Niveau. Tabelle 3 zeigt den sprunghaften Anteilgewinn
der Betriebe mit über 1000 Beschäftigten in den 50er Jahren. In
den 70er Jahren ist der Anteil dieser Betriebe leicht zurückge-
gangen. Die durchschnittliche Betriebsgröße der Großbetriebe mit
über 500 Beschäftigten variiert über die einzelnen Branchen sehr
stark. Hierbei ist oft der Grad der Homogenität einer Branche
entscheidend, ob der Durchschnittswert Aussagekraft besitzt. Wenn
z.B. wie im Straßenfahrzeugbau die Zuliefererbetriebe mit den
großen Automobilwerken zusammen erfaßt werden, dann ist der Aus-
sagewert der durchschnittlichen Betriebsgröße nur in bezug auf
die Entwicklung im Zeitverlauf interessant.
Tabelle 3:
Die Verteilung der Beschäftigten in der Industrie auf Größenklas-
sen in %
Beschäftigtengrößenklasse 1952 1960 1970 1981 1)
1-9 2,9 1,9 1,8
9,0
10-49 12,5 8,8 8,6
50-99 10,0 8,3 8,1 9,3
100-199 11,5 10,7 10,8 11,5
200-499 17,4 17,3 17,3 17,8
500-999 11,7 12,9 13,2 13,3
1000 und mehr 34,1 40,1 40,2 39,0
Insgesamt in % 100,0 100,0 100,0 100,0
(in 1000) (5847,9) (8046,3) (8881,7) (7514,7)
_____
1) Die Angaben für das Jahr 1981 gelten für das "Produzierende
Gewerbe". Durch die Einbeziehung von Handwerksbetrieben hat sich
der Anteilswert der Größenklassen bis 99 Beschäftigte etwas er-
höht.
Quelle: Stat. Jahrbuch 1954, 1962, 1972, 1983.
Insgesamt ist festzustellen, daß die durchschnittlichen Betriebs-
größen in den 60er Jahren anstiegen und in den 70er Jahren unter
das Niveau von 1960 gefallen sind. Die einzige Ausnahme bildet
hierbei der Straßenfahrzeugbau. Die Bandbreite der durchschnitt-
lichen Betriebsgröße reicht vom Straßenfahrzeugbau mit 3900 Be-
schäftigten, der Stahlindustrie (3662), dem Bergbau (2383), der
chemischen Industrie (2309), der elektrotechnischen Industrie
(1491) über den Maschinenbau (1275) bis zur Verbrauchsgüterindu-
strie (905). 5)
Die Verteilung der Industriebeschäftigten in Großbetrieben über
500 Beschäftigte auf die einzelnen Branchen zeigt die Dominanz
der Investitionsgüterindustrie, allen voran der elektrotechni-
schen Industrie, des Straßenfahrzeugbaus und des Maschinenbaus.
Im Grundstoff- und Produktionsgütergewerbe entfallen die größten
Anteile auf die Chemieindustrie und die Stahlindustrie.
Die Entwicklung in den Perioden 1961-1970 und 1970-1981 nach der
Zahl der Großbetriebe mit über 1000 Beschäftigten in den ver-
schiedenen Branchen vermittelt folgendes Bild: 6)
In der Periode 1961-1970 nimmt die Zahl der Großbetriebe allge-
mein zu. Ausnahmen sind der Bergbau (+16,5%), die Stahlindustrie
(-9,7%), die NE-Metallindustrie (-11,1%) und die Textilindustrie
(-23,0%). Starke Zunahmen verzeichneten die Elektroindustrie
(+39,8%), die Straßenfahrzeugbauindustrie (+23,9%), die Chemiein-
dustrie (+16,7%) und der Maschinenbau (+9,7%). In den 70er Jahren
nahm die Zahl der Großbetriebe einzig in der Chemischen Industrie
(+6,1%) und im Straßenfahrzeugbau (+13,6%) zu. Alle anderen Bran-
chen hatten drastische Schrumpfungen zu verzeichnen. In der
Stahlindustrie ging die Zahl der Großbetriebe um 12,5%, in der
Elektroindustrie um 18,2%, im Maschinenbau um 18,6%, im Bergbau
um 34,5% und in der Textilindustrie um 56,1% zurück.
In den Betrieben mit über 500 Beschäftigten wurden in der Periode
1970/1981, wenn die Verluste der schrumpfenden Branchen aufad-
diert werden, etwa 730000 Arbeitsplätze vernichtet. Außerdem sind
noch die Umschichtungen innerhalb der Branchen (z.B. von den Her-
stellern elektrischer Haushaltsgeräte zur Elektronikindustrie),
die sich innerhalb der Branche gegenseitig ausgleichen und damit
nicht in der Statistik erscheinen, zu berücksichtigen. Im Ergeb-
nis dürften etwa 1 000 000 Arbeitsplätze im großbetrieblichen
Segment von 1970 bis 1981 vernichtet worden sein. Dies macht das
Ausmaß des Umstrukturierungsprozesses sichtbar.
Die folgende Auflistung zeigt die Branchen mit den größten Verlu-
sten: 7)
Elektroindustrie minus 176 261 Arbeitsplätze
Textilindustrie minus 115 029 Arbeitsplätze
Maschinenbau minus 109 669 Arbeitsplätze
Bergbau minus 63 375 Arbeitsplätze
Stahlindustrie minus 56 992 Arbeitsplätze.
Es ist klar, daß diese Arbeitsplatzverluste in traditionellen
Großbetrieben zunächst Schwächungen der gewerkschaftlichen Orga-
nisationskraft hervorrufen, die in neuen Bereichen nur langsam
wieder aufgeholt werden können.
Schwerpunkte der Großindustrie nach Bundesländern
-------------------------------------------------
Die Entwicklung der regionalen Verteilung der Beschäftigten der
industriellen Großbetriebe zeigt die dynamischen neuen Industrie-
zentren im Verhältnis zu den "alten Zentren" (Tab. 4).
Tabelle 4:
Verteilung der Beschäftigten in Großbetrieben der Industrie nach
Bundesländern in %
1960 1969 1981 1969 1981
>1000 >1000 >1000 500-999 500-999
Schleswig-Holstein 1,7 1,7 1,6 2,1 2,5
Hamburg 2,7 2,6 2,5 2,8 3,1
Niedersachsen 9,3 10,5 9,6 8,8 8,5
Bremen 1,9 1,5 1,6 1,3 1,4
NRW 39,5 34,1 31,2 29,6 29,0
Hessen 7,9 9,1 9,5 8,1 8,4
Rheinland-Pfalz 3,7 3,8 4,7 4,7 4,7
Baden-Württemberg 13,7 16,1 17,1 22,0 20,6
Bayern 12,4 14,7 16,7 16,1 18,7
Saarland 3,4 2,8 3,1 1,7 2,0
Westberlin 4,0 3,2 2,4 2,8 1,8
_____
Quelle: Statistisches Jahrbuch, versch. Jahre; Sonderveröffentli-
chungen des Stat. BA.
Die Ausgangsfrage ist zunächst, welche industriellen Regionen die
großbetrieblich strukturierten Zentren bilden. Das industrielle
Zentrum der BRD ist nach wie vor Nordrhein-Westfalen, obwohl NRW
in den vergangenen 20 Jahren einem rapiden Bedeutungsverlust aus-
gesetzt war und noch ist. Die Umverteilung der großbetrieblichen
Standorte verlief vor allem zugunsten von Baden-Württemberg und
Bayern. Baden-Württemberg hat in der Größenklasse 500-999 in den
70er Jahren allerdings Anteilverluste hinnehmen müssen, während
Bayern Anteile gewann. Hessen konnte seine Position in beiden
Größenklassen über alle Perioden hinweg verbessern. Die norddeut-
schen Stadtstaaten haben ihre Position relativ gehalten, wobei
sich eine Verschiebung zur Betriebsgrößenklasse mit 500-999 Be-
schäftigten ergeben hat. Der Anteilgewinn von Rheinland-Pfalz in
den 70er Jahren in der Größenklasse größer als 1000 Beschäftigte
ist erheblich.
Der Anteil der Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen ist ein
Indikator für die sogenannten Zukunftsindustrien. Die Kombination
der Branchen mit hohen FuE-Aufwendungen mit deren regionalen
Schwerpunkten liefert hierfür einige wertvolle Informationen. Von
den Gesamtaufwendungen hat die Chemische Industrie einen Anteil
von 26,6%, die Elektrotechnische Industrie von 26,6%, die Stra-
ßenfahrzeugbauindustrie von 12,3%, die Maschinenbauindustrie von
10,3% und die Luftfahrzeugbauindustrie von 7,6%. Bayern und Ba-
den-Württemberg vereinigen 50% der FuE-Aufwendungen im Maschinen-
und Straßenfahrzeugbau und 71% in den Branchen Elektrotechnik und
Feinmechanik auf sich. 8) Sie stellen für diesen Bereich eindeu-
tig die Zentren der großbetrieblich strukturierten high-tech-In-
dustrien dar.
3. Die Belegschaftsstruktur der Großbetriebe
--------------------------------------------
Die Produktionsarbeiter
-----------------------
Wie oben bereits verdeutlicht wurde, vereinigen die Branchen Che-
mie-, Maschinenbau-, Straßenfahrzeugbau- und Elektrotechnische
Industrie Hauptgruppen, d.h. 57% des Kerns der Arbeiterklasse in
industriellen Großbetrieben auf sich. Insofern bietet sich es an,
die Untersuchungen von Kern/Schumann zu den wichtigsten Arbeiter-
bzw. Arbeitstypen in diesen Bereichen mit den bisherigen Ausfüh-
rungen in Beziehung zu setzen, um das Bild dieses Kerns der Ar-
beiterklasse nachzuzeichnen. Kern/Schumann schätzen, daß sie mit
ihrer folgenden Typisierung etwa 80% der Arbeiter in der großbe-
trieblich strukturierten Produktion erfassen (vgl. Tab. 5).
In den Hintergrund sind aufgrund des Rückgangs der entsprechenden
Bereiche die qualifiziert-angelernten/gelernten Schwerarbeiter
(qualifizierte Bergleute, Erstleute in der Hüttenindustrie,
Schiffbauer) und die manuellen Schwerstarbeiter getreten. Die Ra-
tionalisierungswelle bzw. die Krise hat die Massenarbeiter, ins-
besondere die ausländischen Arbeiter unter ihnen, überproportio-
nal stark getroffen. Für die Massenarbeiter mit BRD-Staatsangehö-
rigkeit ist seit Mitte der 60er Jahre ein Aufstieg zum qualifi-
zierten Angelernten oder Vorarbeiter kaum mehr möglich. Die Ar-
beitsplätze der Massenarbeiter konzentrierten sich in der
A u t o m o b i l i n d u s t r i e auf die Betriebsbereiche
Rohbau und Montage. Nach einer Prognose des Verbandes der Automo-
bilindustrie werden bis 1990 in diesen Bereichen 20 bzw. 32% oder
100 000 Arbeitsplätze vernichtet werden. 9)
Tabelle 5: Arbeitstypen in industriellen Großbetrieben der BRD
Sektoren Rationalisierungsformen Arbeitscharaktere 10)
stoffverformend- industrielle Massenferti- Massenarbeiter (60%),
montierende Mas- gung Instandhaltungs-Fach-
senfertigung (Bei- arbeiter (15%), qua-
spiel: Automobil- lifiziert angelernte
industrie) Produktionsarbeiter
(10%)
stoffumwandelnde automatisierte Produk- qualifiziert-ange-
Massenproduktion tion lernte Produktions-
(Beispiel: Groß- arbeiter (60%), In-
chemie) standhaltungsfach-
arbeiter (25%)
stoffverformend- Rationalisierung bei
montierende Klein- kleinen Serien
serienfertigung
(Beispiel: Werk-
zeugmaschinenbau)
_____
Quelle: Kern/Schumann, Rationalisierung und Albeiterverhalten in:
Techniksoziologie, hgg. von Rodrigo Jokisch, Frankfurt/M. 1982,
S. 368 ff.
Der hohe Anteil der Massenarbeiter in der Automobilindustrie,
aber auch in der Elektrotechnischen Industrie, ist das Ergebnis
der Dominanz des fordistischen Prinzips in der Arbeitsorganisa-
tion, d.h. der Abspaltung und Verselbständigung von Detailfunk-
tionen. Die sich für die 80er Jahre abzeichnende neue Rationali-
sierungswelle beinhaltet, daß die vorgelagerten (Entwicklung/Kon-
struktion, Arbeitsvorbereitung) und die nachgelagerten (Quali-
tätskontrolle) Bereiche mit der unmittelbaren Produktion auf der
Basis moderner Informationstechnologien zu einem neu struktu-
rierten Ganzen integriert werden. Die weitgehende Automatisierung
der Bereiche Rohbau und Montage wird zu einem drastischen
Bedeutungsverlust des Massenarbeiters führen. Ein Teil der
Massenarbeiter wird eine Zusatzqualifikation erhalten. Die
Instandhaltungsarbeiter erfahren mit den verschiedenen Gruppen
der technischen Intelligenz einen Bedeutungsgewinn, so daß die
mittleren und wissenschaftlichen Qualifikationen an Gewicht zu-
nehmen.
In der G r o ß c h e m i e ist die manuelle Schwerstarbeit auf
wenige Bereiche zurückgegangen. Die Belegschaft ist in der Sphäre
der unmittelbaren Produktion in großtechnische Systeme eingefügt
und räumlich aufgesplittert. Die Rationalisierung beschränkt sich
auf die Mechanisierung der Restbestände unqualifizierter Arbeit.
Sowohl in der A u t o m o b i l i n d u s t r i e als auch in
der C h e m i e i n d u s t r i e zielen die Rationalisierungs-
konzepte auf eine Flexibilisierung des Instandhaltungsbereichs,
indem die Aufhebung der Grenzen zwischen Produktions- und In-
standhaltungsbereich angestrebt wird. Vor allem in der Automobil-
industrie werden die integrierten Lösungsansätze Arbeitsaufgaben
mit weniger arbeitsteiligem Zuschnitt erfordern. Eine
"Reprofessionalisierung der Arbeit in der Produktion" auf schma-
ler Basis ist möglich. Dies gilt, um falschen Vorstellungen ent-
gegenzutreten, nur für eine Minderheit der Belegschaft, die al-
lerdings traditionsgemäß großen Einfluß in der betrieblichen und
gewerkschaftlichen Interessenvertretung ausübt.
Im W e r k z e u g m a s c h i n e n b a u ist das Gros der Ar-
beiter Facharbeiter. Die Anteile schwanken zwischen 100% in der
Montage bis 50% in der mechanischen Fertigung. Es ist dem Kapital
bisher nicht gelungen, die Abhängigkeit vom Facharbeiter einzu-
schränken. Angesichts der Krise der Investitionsgüterindustrie
ist die Gefahr von Freisetzung, Abgruppierung, erhöhtem Lei-
stungsdruck usw. gegeben. Mehrmaschinenbedienung an teilautomati-
sierten Fertigungsinseln u.ä. führt zur Entwertung eines Teils
der Facharbeiterqualifikationen. Für einen kleinen Kreis besteht
die Möglichkeit der Komplettierung der Qualifikation in Richtung
Elektronik.
Für die 80er Jahre können damit folgende Auswirkungen des wissen-
schaftlich-technischen Fortschritts und der Rationalisierung auf
einzelne Arbeitergruppen erwartet werden: Aussicht auf
"Aufstiegsprozesse" haben in der Automobilindustrie die jungen
Massenarbeiter mit BRD-Staatsangehörigkeit und Berufshintergrund
und die Instandhaltungsspezialisten. Im Werkzeugmaschinenbau
trifft dies auf die jungen, lernfähigen Maschinenfacharbeiter zu,
die zu Experten der neuen Technologien werden können. In der che-
mischen Industrie wird ein Teil der Chemiefacharbeiter und der
Meß- und Regelmechaniker aufsteigen. Der größte Teil der hier
aufgeführten "Arbeitscharaktere", die Massenarbeiter, die tradi-
tionell qualifiziert-angelernten Produktionsfacharbeiter und die
konventionellen Gruppen der Instandhalter (Schlosser) werden De-
qualifizierungs- und "Freisetzungs"-prozessen unterworfen werden.
Konzernbelegschaften
--------------------
Für die folgenden Ausführungen soll kein Anspruch auf Repräsenta-
tivität erhoben werden. Es werden hier einzelne Konzerndaten aus-
gebreitet. Da keine amtliche Statistik der Großbetriebe nach Qua-
lifikationsmerkmalen und Funktionsbereichen der Beschäftigten
existiert, wird hier der Versuch unternommen, mit den entspre-
chenden Daten einiger Konzerne die Hauptkonturen der Beschäfti-
gungsstruktur der modernen Großbetriebe herauszuarbeiten.
Durchschnittszahlen für den Gesamtkonzern können zu unrealisti-
schen Einschätzungen führen, da die Realität von Stammwerken der
Großkonzerne, die oft einen prägenden Einfluß in den betreffenden
Ballungsräumen haben, in Durchschnittswerten verdampft. In den
Haupt- und Stammwerken ist i.d.R. ein Großteil der Fu/E-Abteilun-
gen, der Controlling-Abteilungen usw. konzentriert, die heute die
Beschäftigtenstruktur der großstädtischen Großbetriebe stark prä-
gen.
Tabelle 6, die die Beschäftigten nach Funktionsbereichen im
Stammwerk in Beziehung zum Hoechst-Konzern bundesweit setzt,
zeigt die Differenzen im Profil des Kerns der Arbeiterklasse in
Großstädten zu den Durchschnittswerten auf.
Tabelle 6:
Hoechst-Konzern - Beschäftigtenstruktur nach Funktionsbereichen
1981
Funktionsbereiche Stammwerk Hoechst Hoechst
Inland Welt
1. Verwaltung 21 20 17
2. Produktion 28 41 40
3. Ingenieurwesen 17 16 11
4. Forschung u. Entwicklung 14 9 7
5. Verkauf 20 14 25
insgesamt in % 100 100 100
absolut 31 000 84 511 184 722
_____
Quelle: nach Lothar Hack/Irmgard Hack, Die Wirklichkeit, die Wis-
sen schafft, Manuskript, Frankfurt/M. 1984, hier: Einleitungska-
pitel: Industrialisierung immaterieller Produktionsprozesse, S.
50.
Während im Hoechst-Konzern bundesweit 41% der Beschäftigten in
der unmittelbaren Produktion tätig sind, beträgt der entspre-
chende Anteil im Stammwerk Frankfurt-Hoechst 28%. In den beiden
der Produktion vorgelagerten Bereichen FuE und Ingenieurwesen
sind mit 31% mehr Beschäftigte tätig als in der Produktion im en-
geren Sinne. 40% der Beschäftigten verteilen sich auf die Berei-
che Verwaltung und Vertrieb.
Ein ähnliches Bild ergibt sich nach Tabelle 7 für den Siemenskon-
zern, das dominierende Monopol in der Elektrotechnischen Indu-
strie. Die Zahlen beziehen sich hier auf die Betriebe des Sie-
menskonzerns in der BRD ohne Auszubildende und Beteiligungsge-
sellschaften.
Tabelle 7:
Personalstrukturveränderungen nach Funktionsbereichen in der Sie-
mens AG
1962 1) 1973 1982
Funktionsbereiche in % in % in %
1. "Leitung"
(kaufmännische Personal-
und Dienstleistungsfunktionen) 15 14 15,5
2. Forschung + Entwicklung 6 11 13
3. Fertigung 67 58 55,5
(inkl. Prüfberichte, Lager etc.)
Vertrieb/Zentralniederlassungen 12 17 15,5
Erwerbstätige insgesamt in % 100 100 100
absolut 165 000 187 700 169 200
_____
1) Schätzwerte
Quelle: nach Lothar Hack/Irmgard Hack, Die Wirklichkeit... a.a.a
O., S. 52.
Der Beschäftigtenanteil des Funktionsbereichs Fertigung ist seit
Anfang der sechziger Jahre von etwa zwei Dritteln auf nunmehr
55,5% zurückgegangen. In diesem Funktionsbereich sind ebenfalls
die in der Nachrichten- und Datentechnik quantitativ bedeutenden
Prüfbereiche und die Lager/Transportbereiche enthalten. Schät-
zungsweise beträgt der Beschäftigtenanteil in der Produktion ma-
ximal 40%.
Die Zahlen für den IBM-Konzern spiegeln ein ähnliches Profil wi-
der, wobei der geringe Beschäftigtenanteil des Bereichs FuE der
Tatsache geschuldet ist, daß die FuE-Kapazitäten des Weltkonzerns
in den USA konzentriert sind. Von den 27359 Beschäftigten von
IBM-BRD arbeiten 32,2% in der Produktion, 5,9% in FuE, 16,6% in
der Verwaltung, 16,1% im technischen Außendienst und 22,1% im
Vertrieb. 11) Der Beschäftigtenschwerpunkt liegt damit weniger im
Produktionsbereich. IBM könnte treffender als Vertriebskonzem mit
Service-Funktionen denn als Industriekonzern im herkömmlichen
Sinn charakterisiert werden.
Die Entwicklung der Qualifikationsstruktur bei Siemens (Tab. 8)
macht deutlich, daß der Anteil der Gruppe der Arbeiter vor allem
durch die Reduzierung der an- und ungelernten Arbeiter von zwei
Dritteln im Jahr 1962 auf knapp unter die Hälfte 1982 gesunken
ist. Die Gruppe der Facharbeiter ist absolut um 12,8% zurückge-
gangen. Demgegenüber stieg die Zahl der "technisch Tätigen" um
64,4%. Darunter ist die Zahl der Hochschul- und Fachhochschulab-
solventen von 14900 auf 23400 um 57,0% angestiegen. Die Zahl der
Techniker weist die höchste Steigerungsrate mit 105,3% auf. Die
Gruppe der wissenschaftlichen Intelligenz ist besonders spektaku-
lär im kaufmännischen Bereich von 900 auf 5300 Beschäftigte ange-
stiegen, d.h. ihr Anteil erhöhte sich von 3,6% 1962 auf 15,7% der
kaufmännischen Angestellten im Jahre 1982. Gleichzeitig sank in
den siebziger Jahren durch die Einführung neuer Technologien der
Textverarbeitung etc. die Zahl der Sekretärinnen und Schreib-
kräfte um 30%.
Tabelle 8:
Veränderungen der Belegschaftsstruktur im Bereich der Siemens AG
1962 1973 1982
Beschäftigtengruppen absolut in % absolut in % absolut in %
Kaufm. Tätige 25 100 14,5 32 500 16,2 33 700 19,6
Davon:
Hochschul- u. Fach-
hochschulabsolventen
Sekretärinnen, 900 ca. 1 950 5 300
Schreibkräfte 6 900 ca. 7 500 5 300
Technisch Tätige 31 500 18,2 50 100 25,0 51 800 30,8
Davon:
Hochschulabsolventen 8 100
Fachhochschulabsolv. 14 900 ca. 21 000 15 300
Techniker 3 800 ca. 6 500 7 800
Techn. Assistenten 1 400
Sonst. 10 900 ca. 19 500 17 200
Meister 1 900 ca. 2 800 2 000
Gewerblich Tätige 116 600 67,3 118 100 58,8 84 700 49,9
Davon:
Facharbeiter 39 800 37 900 34 700
An- u. ungelernte
Arbeiter 76 900 80 200 50 000
Insgesamt 173 200 100 200 700 100 169 800 100
_____
Quelle: Lothar Hack/Irmgard Hack, Die Wirklichkeit..., a.a.O., S.
54.
Es zeigt sich, daß die wissenschaftlich-technische Intelligenz
bereits bedeutende Beschäftigtenteile im kaufmännischen (16%) und
im technischen Bereich (45%) einnimmt. Die mittleren Qualifika-
tionen wie Techniker haben ebenfalls relevante Anteile.
Bemerkenswert ist, daß die Hochschul- und Fachhochschulabsolven-
ten (28 700) mittlerweile zur Gruppe der Facharbeiter (34700) in
einem Verhältnis von 1:1,2 stehen. Dies macht ansatzweise deut-
lich, welcher grundlegende Wandel in der Qualifikationsstruktur
in großbetrieblich strukturierten Zukunftsindustrien vollzogen
worden ist.
Die Gruppen aus der Produktion i.e.S. nehmen quantitativ stark
ab. Gleichzeitig expandieren die der unmittelbaren Produktion
vorgelagerten Beschäftigtengruppen, die die Umsetzung des wissen-
schaftlich-technischen Fortschritts forcieren. Bemerkenswert ist
hierbei, daß die Gruppen mit mittleren Qualifikationen, die sich
aus dem Facharbeiterbereich rekrutierenden Techniker, stark zu-
nehmen. Im Ergebnis dieses Prozesses hebt sich das Qualifikati-
onsniveau des fungierenden Gesamtarbeiters beträchtlich. Gegen-
läufig ist die Entwertung der betriebsspezifischen Qualifikatio-
nen der an- und ungelernten Arbeiter via Entlassung und von Tei-
len der Facharbeiterqualifikationen. Dem steht die Expansion der
technisch-wissenschaftlichen Intelligenz sowie der Aufstieg von
Teilen der Facharbeiter über das Schulsystem in den Technikerbe-
reich gegenüber.
Die Verlagerung zuungunsten der traditionellen Kategorien der
Facharbeiter hat selbstverständlich Auswirkungen auf die bisher
vorherrschende Souveränität dieser Gruppe. Die traditionelle Ver-
tretungsstärke bleibt hiervon sicherlich nicht unberührt, so daß
sich die Frage stellt: Welche neuen Gruppen werden in dieses ent-
stehende Vakuum in den betrieblichen und gewerkschaftlichen In-
teressenvertretungen vorstoßen - oder bleiben diese Felder wei-
terhin von einer quantitativ schrumpfenden Facharbeiterschaft be-
setzt?
Aus der "Ingenieur-Erhebung" 12) des Verbandes des Deutschen Ma-
schinen-und Anlagenbaus (VDMA) geht hervor, daß in den Großbe-
trieben ein überproportional hoher Anteil der wissenschaftlich-
technischen Intelligenz konzentriert ist. Dies bestätigt die Aus-
führungen zum Siemenskonzern und zur Hoechst-AG. Die Betriebsgrö-
ßenklasse mit über 1000 Beschäftigten hat bei einem Beschäftig-
tenanteil von 37,5% der Branche den überproportional hohen Inge-
nieuranteil von 57,8%. Dies kommt in modifizierter Form im Inge-
nieuranteil der einzelnen Beschäftigtengrößenklassen zum Aus-
druck, wie Tabelle 9 zeigt.
Tabelle 9:
Ingenieuranteile nach Beschäftigtengrößenklassen im Maschinen-
und Anlagenbau
Betriebsgröße %-Anteil der Ingenieure an den
Beschäftigten
1961 1968 1982
50-99 4,0 4,4 5,4
199-499 4,2 4,5 5,6
500-999 4,0 4,6 5,6
1000 u. mehr 4,5 5,4 8,6
Gesamt 4,4 5,0 7,0
_____
Quelle: Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, Ingenieur-
Erhebung im Maschinen- und Anlagenbau 1983, Frankfurt/M., S. 2.
Die Haupttätigkeitsbereiche der Ingenieure sind Konstruktion
(29,1%), Forschung und Entwicklung (14,3%), Vertrieb (16,6%) und
Unternehmensleitung (7,4%). Im Funktionsbereich Produktion und
Hilfsbetriebe sind 10,4% der Ingenieure tätig. 1968 vereinigte
dieser Funktionsbereich noch 19,4% der Ingenieure auf sich. Par-
allel zur quantitativen Schrumpfung der Arbeiter in der Produk-
tion hat sich auch die Zahl der Ingenieure hier absolut und rela-
tiv verringert. Die Zahl der Ingenieure mit Hochschulabschluß hat
gegenüber denen mit Fachhochschulabschluß überproportional zuge-
nommen. Die VDMA-Studie spricht von einer "Verwissenschaft-
lichung". Von 1968 bis 1982 ist die Zahl der Ingenieure mit
Hochschulabschluß um 126% und die der Fachhochschulabsolventen
nur um 28,1% gestiegen, d.h. Werktätige, die nach der
Facharbeiterausbildung eine Fachhochschule besuchten, werden re-
lativ gesehen von jenen verdrängt, die keine Arbeitersozialisa-
tion aufweisen.
Die Untersuchung zeigt ferner, daß die Arbeitskräfte mit
"mittlerer Qualifikation", das sind die technischen Zeichner, die
Techniker usw., noch stärker expandiert haben als die Ingenieure.
In den der Produktion vorgelagerten Bereichen stellen beide Grup-
pen den Kern der Beschäftigten dar. Sie bestimmen das soziale
Klima in den betreffenden Abteilungen, in denen die Facharbeiter
eine Minderheitenposition einnehmen.
4. Großbetriebe und Großstädte
------------------------------
Aus den bisherigen Ausführungen ist hervorgegangen, daß die ein-
zelnen großbetrieblich strukturierten Branchen ganz unterschied-
liche Angestelltenquoten aufweisen. Wie Tabelle 10 zeigt, hat die
jeweilige Branchenstruktur der Großindustrie einzelner Großstädte
einen unmittelbaren Einfluß auf deren Beschäftigungsstruktur. Als
Indikator bietet sich hier ebenfalls die Angestelltenquote im
Bergbau und im verarbeitenden Gewerbe an.
An der Spitze steht Erlangen, wo sich u. a. wichtige Forschungs-
und Entwicklungskapazitäten von Siemens konzentrieren. Die Städte
mit überdurchschnittlich hohen Angestelltenquoten werden von der
Chemieindustrie und Zweigen der Metallindustrie wie Elektronik,
Meß- und Regeltechnik, Luft-und Raumfahrt, Automobilbau (dies be-
schränkt sich jedoch mehr oder weniger auf das FuE-intensive
Daimler-Benz-Stammwerk in Stuttgart-Untertürkheim) und Maschinen-
bau dominiert.
Die Beschäftigungsstruktur von Leverkusen und Ludwigshafen wird
stark von der Chemieindustrie geprägt. In München und Stuttgart
sind die FuE-intensiven Bereiche der Metallindustrie konzen-
triert. Dies gilt auch für die Großbetriebe im Metallbereich von
Frankfurt, wo allerdings eine Kombination mit der Großchemie er-
folgt.
Mit weitem Abstand folgen die von der Stahlindustrie geprägten
Städte Duisburg und Dortmund, wo allerdings auch beachtliche
Zweige der Investitionsgüterindustrie beheimatet sind. Die Städte
mit erheblichem Anteil der Automobilindustrie weisen (noch) ge-
ringe Angestelltenquoten auf. Hier bestimmt der hohe Anteil der
Massenarbeiter nach wie vor das Bild. Die vom Bergbau dominierten
Städte Gelsenkirchen und Bottrop haben die absolut geringste An-
gestelltenquote.
Aus all dem geht hervor, wie sehr die einzelnen Industrien mit
ihren unterschiedlichen Beschäftigtenstrukturen bestimmend auf
die Sozialstruktur der Großstädte einwirken. Allerdings muß be-
achtet werden, daß hier nur die Angestelltenquote von Bergbau und
Industrie erfaßt ist, es sich also nicht um Angestelltenanteile
an allen Erwerbstätigen handelt.
Tabelle 10: Angestelltenquote in Bergbau und verarbeitendem Ge-
werbe ausgewählter Städte 1982
Städte Bergbau und Grundstoff- Investitionsgüter
verarbeit. und Prod.- gewerbe in %
Gewerbe gütergewer-
insgesamt be in %
Erlangen 65,2 - 66,3
Frankfurt 49,6 52,7 (Chemie) 51,5 (Maschinenbau
Meß- u. Regeltechnik
etc.)
München 49,4 - 50,6 (Rüstungsindustrie,
v.a. Elektronik und
Luft- u. Raumfahrt)
Leverkusen 48,2 52,6 (Chemie) -
Stuttgart 46,3 - 46,8 (Elektronik, Ma-
schinenbau, Daimler-
Benz u.a.)
Ludwigshafen 45,2 45,6 (Chemie) -
Duisburg 29,0 24,8 (Stahl) 42,3
Dortmund 29,0 26,0 (Stahl) 36,2
Bochum 21,0 - 17,8 (Opel u.a.)
Ingolstadt 21,9 - 21,7 (Audi u.a.)
Gelsen-
kirchen 1) 21,7 - -
Bottrop 2) 18,0 - -
_____
1) Davon Bergbau = 13%
2) Davon Bergbau = 11,5%
Quelle: Statistisches Jahrbuch deutscher Gemeinden, Köln 1983, S.
330 ff.
Um diese Dimension mit einzubeziehen, soll nun der Beschäftigten-
anteil der Nichtproduktionssphären der Wirtschaft, (Handel, Kre-
ditinstitute und Versicherungsgewerbe, Dienstleistungen von Un-
ternehmen und freien Berufen, Verbände, Staat und Sozialversiche-
rungen)in die Betrachtung mit einbezogen werden. Hier sind über-
wiegend Angestellte und Beamte beschäftigt.
Frankfurt bietet sich hier insofern als Beispiel an, weil 1977
eine Arbeitsstättenzählung stattgefunden hat. Frankfurt ist kei-
neswegs repräsentativ für das Bundesgebiet. Allerdings ist die
Wirtschaftsstruktur Frankfurts durchaus mit der anderer Groß-
städte vergleichbar. 13)
Da in der Periode 1970/77 die Beschäftigtenzahl in Frankfurt ins-
gesamt um 6,1%, in den Großbetrieben (500 Beschäftigte und mehr)
aber "nur" um 2,9% zurückgegangen ist, hat sich der Beschäftig-
tenanteil des großbetrieblichen Segments von 35,5% im Jahre 1970
auf 36,6% im Jahre 1977 erhöht.
Tabelle 11:
Beschäftigte in Arbeitsstätten mit 500 und mehr Beschäftigten
nach Wirtschaftsbereichen und Sphären in Frankfurt
Wirtschaftsabteilung Beschäftigte in Anteil der Wirtschafts-
Großarbeits- abteilung an der
stätten Gesamtzahl der in
Großarbeitsstätten
Beschäftigten in %
1970 1977 1970 1977
Land- u. Fortwirtschaft
Energiewirtschaft, 2455 2728 1,3 1,4
Wasserversorgung, Bergbau
Verarbeitendes Gewerbe 94577 79435 49,5 42,8
Baugewerbe 9000 5861 4,7 8,2
Verkehr, Nachrichten-
übermittlung 29820 37387 15,6 20,1
Sphäre der materiellen
Produktion 135852 125411 71,1 67,6
Handel 13838 12310 7,2 6,6
Kreditinstitute,
Versicherungsgewerbe 19807 16481 10,4 8,9
Sphäre der Waren-
und Geldzirkulation 33645 28791 17,6 15,5
Dienstleistungen von
Unternehmen und freien
Berufen 10175 14044 5,3 7,6
Sphäre private Dienst-
leistungen 10175 14044 5,3 7,6
Organisationen ohne
Erwerbscharakter 2923 2754 1,5 1,5
Gebietskörperschaften,
Sozialversicherung 8601 14597 4,5 7,9
Sphäre Verbände,
Kirchen, Sozial-
versicherung, Staat 11524 17351 6,0 9,3
Insgesamt 191196 185597 100 100
_____
Quelle: K. Asemann, Die Frankfurter Wirtschaft am Beginn der
siebziger Jahre, Frankfurt 1972, S. 33 ff.; Eigene Auswertung des
Basismaterials der Arbeitsstättenzählung 1970; K. Asemann, Ar-
beitsstätten und Beschäftigte in Frankfurt am Main 1977, Frank-
furt 1979, S. 58.
Tabelle 11 weist aus, daß der Beschäftigtenanteil der großbe-
trieblich strukturierten Produktionssphäre in Frankfurt 1970
nicht spektakulär unter dem des Bundesgebietes (71,1% zu 84,2%)
liegt (vgl. Tab. 2). Die Besonderheit liegt vielmehr in der
Struktur dieser Sphäre. Der Anteil der Abteilung Ver-
kehr/Nachrichten ist dreimal so hoch wie im Bundesdurchschnitt.
Ein weiterer gravierender Strukturunterschied besteht darin, daß
in Frankfurt in der Statistik des Verarbeitenden Gewerbes die
Großbürokratien und Forschungsstätten der Großkonzerne enthalten
sind.
Ebenfalls dreimal so hohe Anteilweite wie im Bundesgebiet haben
die Sphären der Waren- und Geldzirkulation und der privaten
Dienstleistungen. Die Sphäre Verbände, Sozialversicherung und
Staat lag 1970 noch unter dem Bundesdurchschnitt.
Die Entwicklung in der Periode von 1970 bis 1977 zeigt, daß diese
Tendenzen der Schrumpfung der Sphäre der materiellen Produktion
verstärkt fortwirkten. Sie vereinigt 1977 nur noch zwei Drittel
der im großbetrieblich strukturierten Segment Beschäftigten auf
sich (dabei das Verarbeitende Gewerbe plus Baugewerbe als Kernbe-
reiche der Produktion - 46,0%).
Bei einer Einteilung des sogenannten Tertiärbereichs in einen
staatlichen und einen nichtstaatlichen Bereich wird sichtbar, daß
die Mehrheit der Beschäftigten in Großbetrieben des sogenannten
Dienstleistungssektors beim Staat tätig ist. Hierzu zählen in
Frankfurt der Flughafen (FAG und Lufthansa), die Bundespost, die
Bundesbahn, die Bundesbank/Landesbank/Kreditanstalt für Wieder-
aufbau, die Universität, die Städtischen Bühnen, die Rundfunk-
bzw. Fernsehanstalten, die Krankenhäuser, die Energieversorgung,
die Sozial- und Krankenversicherungen, das Arbeitsamt, die Stadt-
verwaltung, die Landes- und Bundesämter, die Gerichte und das Po-
lizeipräsidium. Privatkapitalistisch dominiert sind die Bereiche
Kreditinstitute/Versicherungen, Handel und private Dienstleistun-
gen. Die Beschäftigtenzahl der beiden ersten Bereiche in den
Großbetrieben ist zwischen 1970 und 1977 um 11 bzw. 16,8% zurück-
gegangen. Im privatkapitalistischen Bereich ist einzig die Be-
schäftigtenzahl in der Abteilung Dienstleistungen von Unternehmen
und freien Berufen angestiegen. Es handelt sich hierbei um Steu-
erberatungs- bzw. Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Architektur-
und Ingenieurbüros, Unternehmensberatungsgesellschaften, Markt-
forschungsinstitute u.a. In diesen Großbetrieben dominieren die
Gruppen der Intelligenz. An den Veränderungen in Frankfurt wird
deutlich, welches Ausmaß und welche Richtungen der Strukturwandel
hat, was sich bekanntlich auch im sozio-kulturellen Klima nieder-
schlägt.
5. Angaben zum gewerkschaftlichen Organisationsgrad
---------------------------------------------------
in Großbetrieben
----------------
Der Organisationsgrad variiert regelmäßig mit der Betriebsgröße.
Großbetrieblich strukturierte Branchen wie die Stahlindustrie und
der Bergbau weisen sehr hohe Organisationsgrade auf. Tabelle 12
weist die unterschiedlichen Organisationsgrade in Abhängigkeit
von der Betriebsgröße im Organisationsbereich der IG Metall aus.
Tabelle 12:
Gewerkschaftlicher Organisationsgrad nach Betriebsgrößenklasse
Betriebsgröße Organisationsgrad in %
Arbeiter Angestellte Gesamt
100 - 499 54 19,2 42,9
500 - 999 62,3 23,4 49,5
1000 - 4999 68,2 23,8 53,1
5000 und mehr 75,6 31,4 66,8
_____
Quelle: IG Metall, Ergebnisse der Betriebsratswahlen 1981
Dieser Zusammenhang existiert auch für in geringerem Maße großbe-
trieblich strukturierte Wirtschaftsbereiche wie das Organisati-
onsgebiet der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen. Der
Organisationsgrad betrug durchschnittlich 7,3% (1977), 14) in Be-
trieben mit über 300 Beschäftigten 14,3%. 15)
Ein weiterer wichtiger Zusammenhang besteht zwischen dem Anteil
der Angestellten an den Beschäftigten und dem Organisationsgrad.
Daraus ergeben sich spezifische Probleme für die Gewerkschaftsbe-
wegung. Bei der Gegenüberstellung von sogenannten Zukunftsindu-
strien wie der Büromaschinen bzw. Datenverarbeitungsanlagen pro-
duzierenden Industrie, der Chemie- und der Stahlindustrie in Ta-
belle 13 wird deutlich, daß der hohe Anteil der Angestellten in
direktem Verhältnis zum niedrigen Organisationsgrad steht.
Tabelle 13: Gewerkschaftlicher Organisationsgrad
in einzelnen Branchen
Branche Angestellten- Organisationsgrad 1981 in %
quote in % insges. Arbeiter Angestellte
Herstellung von Büro-
maschinen und
EDV-Anlagen 57,2 29,0 51,3 12,4
Chemie:
Hoechst-Stammwerk 54,0 34,4 49,8 14,9
Stahlindustrie 24,6 80,0 88,6 53,5
_____
Quelle: IGM, Ergebnisse d. Betriebsratswahlen 1981, und eigene
Erhebung.
Durch die Bürorationalisierung tritt insbesondere bei den weibli-
chen Angestellten die Zahl der traditionellen kaufmännischen An-
gestellten zurück. Gleichzeitig steigt ihr Organisationsgrad
leicht an. Bei den männlichen Angestelltengruppen findet eine Um-
schichtung statt. Die hinzukommenden neuen Angestelltengruppen
bewirken einerseits, daß die Zahl der männlichen Angestellten we-
sentlich langsamer schrumpft. Das wichtigste Ergebnis dieses Aus-
tauschprozesses ist jedoch der bei den männlichen Angestellten um
21,7% zurückgegangene Organisationsgrad. Dies zeigt klar Tabelle
14.
Tabelle 14:
Gewerkschaftlicher Organisationsgrad von Angestellten in Metall-
betrieben mit 1000 bis 4999 Beschäftigten 1), 2)
Jahr Angestellte Gewerkschaftl. Organisationsgrad der Angest.
absol. in % aller Org. Grad männl. Angest. weibl. Angest.
Beschäf- aller absol. Org.- absol. Org.-
tigten Angest. Quote Quote
in % in % in %
1975 428105 32 28,4 307096 30,8 121009 22,4
1981 404607 34 23,8 295353 24,1 109254 22,9
Veränd.
in % 5,5 +5,9 -16 -3,8 -21,7 -9,7 +2,2
_____
1) Diese Angaben und Quoten beziehen sich auf die in der IGM or-
ganisierten Angestellten.
2) Organisationsgrad oder -quote = Anteil der Gewerkschaftsmit-
glieder an allen Angestellten bzw. der jeweiligen Angestellten-
gruppe in %.
Quelle: IGM, Ergebnisse der BR-Wahlen 1981, 1975.
Damit stellt sich das für die Gewerkschaften bekannte Problem der
Organisierung der Angestellten auf einem neuen Niveau und in sich
zuspitzender Schärfe.
_____
1) Heinz Jung, Zur Arbeiterklasse der 80er Jahre. Struktur - Kern
- betriebliche Basis, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF
6, 1983, S. 44 ff., hier S. 68/69.
2) In der amtlichen Statistik sind Arbeitsstätten als örtliche
Einheiten definiert, in denen unter Einschluß des Leiters minde-
stens eine Person haupt- oder nebenberuflich ständig tätig ist.
Arbeitsstätten sind die kleinsten statistischen Einheiten. Be-
triebe bestehen aus einer oder mehreren Arbeitsstätten, prakti-
zieren eine minimale Rechnungslegung und fassen z.T. örtlich ge-
trennte Arbeitsstätten zusammen. Als Unternehmen gilt die klein-
ste rechtliche Einheit, die aus handels- und/oder steuerrechtli-
chen Gründen Bücher führen und einen Jahresabschluß aufstellen
muß, ohne Zweigniederlassungen im Ausland und ohne rechtlich
selbständige Tochtergesellschaften.
Durch die unterschiedliche Definition von Arbeitsstätte und Be-
trieb wurden bei der letzten Arbeitsstättenzählung 1970 für das
verarbeitende Gewerbe 3 078 193 Beschäftigte in Großarbeits-
stätten und in der Großbetriebsstatistik 4 345 926 Beschäftigte
erfaßt. Die engere Definition von Arbeitsstätten ist hierfür
ausschlaggebend (Statistisches Jahrbuch 1972, S. 163/164, S.
204/205).
3) W.I. Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapita-
lismus, in: Lenin, Werke, Bd. 22, S. 200 ff.
4) Stat. Jahrbuch der BRD 1983, S. 176/177.
5) Statistisches Jahrbuch 1963, 1972 und 1983.
6) Statistisches Jahrbuch 1963, 1972, 1983; eigene Berechnungen.
7) Statistisches Jahrbuch, 1972, 1981; eigene Berechnungen.
8) Vgl. Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, Forschung
und Entwicklung in der Wirtschaft 1977, Essen 1980, S. 8.
9) Vgl. Düstere Prognose für Autoindustrie, in: Der Gewerkschaf-
ter 4/84, S. 3.
10) Kern/Schumann verstehen unter den Massenarbeitern un- und an-
gelernte Arbeiter, die repetitive Teilarbeiten ausführen
("austauschbare Lückenbüßer"); (Beispiele: Fließbandarbeiter, Ma-
schinenbediener). Der qualifiziert-angelernte Produktionsarbeiter
stellt den einseitig spezialisierten Prozeßfachmann bzw. den
"Spezialisten ohne Fundus" dar (Beispiele: Meßwartenarbeiter, An-
lagenkontrolleure). Als Beispiele für den Produktionsfacharbeiter
werden Schlosser in der Produktion, Dreher, Werkzeugmacher ge-
nannt. Der Instandhaltungsfacharbeiter ist als Experte der ei-
gentliche Kenner der Produktionstechnik (Beispiele: Betriebs-
schlosser, Betriebselektriker, Hydrauliker, Meß- und Regeltechni-
ker). Die letzten beiden Facharbeitergruppen zeichnen sich nach
Kern/Schumann durch eine individuelle wie kollektive Vertretungs-
stärke aus.
11) FAZ vom 7.7.1984.
12) VDMA, Ingenieur-Erhebung im Maschinen- und Anlagenbau 1983,
Frankfurt am Main 1983.
13) 1970 hatte der sog. Tertiärsektor folgende Beschäftigungsan-
teile: Hamburg 64,2%, Frankfurt 61,7%, Düsseldorf 58,9%, Stutt-
gart 50,1%, Essen 50,4%, Dortmund 49,2%, Bochum 42,7%. Im Jahre
1980 hatte er in Frankfurt einen Anteil von 68% und in Hamburg
von 68%.
14) Thomas Hagelstange, Die Entwicklung der Mitgliederzahlen der
DGB-Gewerkschaften 1950-1978, in: Gewerkschaftliche Monatshefte
11/1979, S. 734.
15) Angaben des Hauptvorstandes der HBV; eigene Berechnungen.
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