Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 08/1985
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ARBEITERBEWEGUNG IN WESTEUROPA 1945-1985:
VON DER BEWEGUNG ZUR STAGNATION?
Frank Deppe
1.
Diskussionen über den Zustand und die Perspektiven der Arbeiter-
bewegung in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern gestal-
ten sich heutzutage oftmals zu düsteren und eher pessimistischen
Veranstaltungen. Die Krise der Arbeiterbewegung (zu der wir die
Gewerkschaften, die verschiedenen politischen Organisationen und
Strömungen, die ihre Politik explizit um die Interessenvertretung
von Lohnabhängigen zentrieren, aber auch eigenständige, spontane
Bewegungen und Aktionen aus der Arbeiterklasse selbst zählen)
tritt schnell in den Mittelpunkt der Diskussionen. Mitgliederver-
luste der Gewerkschaften, der Rückgang der Streikaktivität werden
- ebenso wie Wahlniederlagen der Linken, der Verlust hegemonialer
Positionen auch unter den Bedingungen einer Linksregierung (wie
z.B. in Frankreich), Phänomene der politischen und ideologischen
Ohnmacht gegenüber der neokonservativen "Konterrevolution" - als
Indikatoren für eine solche Krise angeführt. So ist der "Abschied
vom Proletariat", verbunden mit der Suche nach neuen "Wegen ins
Paradies" (beide Formeln stammen von André Gorz), gleichsam zum
Modethema linksintellektueller Diskurse avanciert.
Die Arbeiterklasse - so lautet eine der zentralen Thesen - kann
nicht länger als eine historische Kraft angesprochen werden, in
deren Lebenserfahrung und -praxis (produktive Arbeit) sich die
Widersprüche der kapitalistischen Entwicklung in einer Weise kon-
zentrieren, daß diese Klasse - und damit die Arbeiterbewegung -
noch zum politischen Potential einer sozialistischen Veränderung
werden könnte. Der quantitative Rückgang der Industriearbeiter-
schaft in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern, der sich
in den kommenden Jahren als Folge des neuen Produktivkraftschubs
der Elektronik und der Informationstechnologien noch beschleuni-
gen wird, erscheint so als ein säkularer Trend der Auflösung des
Industrieproletariats. Gleichzeitig wird die scheinbare Hand-
lungsunfähigkeit, die strukturelle Defensivposition der Arbeiter-
bewegung in der gegenwärtigen Krisen- und Übergangsperiode des
Kapitalismus von vielen als das notwendige Resultat eines langen
Prozesses der "Inkorporierung" bzw. der Integration der Arbeiter-
parteien und namentlich der Gewerkschaften in das Herrschafts-
und Regulierungssystem der entwickelten kapitalistischen Gesell-
schaften begriffen.
In der außergewöhnlich langen Periode kapitalistischer Prosperi-
tät und Stabilität zwischen dem Ende der 40er und der Mitte der
70er Jahre habe sich ein Korporationsverbund von Staat, Kapital
und Arbeit institutionalisiert, der der traditionellen Arbeiter-
bewegung auf der einen Seite Vollbeschäftigung, steigende Real-
löhne, kürzere Arbeitszeiten, den Ausbau von sozialpolitischen
Leistungen und der gesellschaftlichen Infrastruktur, schließlich
auch Formen der Beteiligung an der Macht - von der Ebene der Re-
gierungen bis hin zum Betrieb (dort durch erweiterte Mitbestim-
mung und Mitverantwortung) - gebracht habe; auf der anderen Seite
seien diese Zugeständnisse durch eine "Entradikalisierung" der
Arbeiterbewegung, durch eine breite Anerkennung des Kapitalismus,
seiner Konsumstrukturen, des "technischen Fortschritts" und sei-
ner politischen Herrschaftsformen "erkauft" worden - zumindest
bei der überwiegenden Mehrheit der westeuropäischen Arbeiterbewe-
gung. Daher sei die Arbeiterbewegung mit dem Ende dieser "langen
Welle" des Wachstums, der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbe-
dingungen der Lohnabhängigen und der Institutionalisierung der
Klassenkollaboration in eine Krise geraten. Je mehr sie sich mit
der herrschenden Logik verbündet hat, um so mehr gerät sie in
eine Lage, in der sie gezwungen wird, "Arzt am Krankenbett des
Kapitalismus" zu spielen, das heißt: kapitalistisches Krisenmana-
gement mitzutragen, teilweise selbst zu organisieren.
In dieser Problemperzeption reduzieren sich die Gewerkschaften
auf die Interessenvertretung des schrumpfenden Teils der noch be-
schäftigten (und relativ privilegierten) Lohnabhängigen. Gleich-
zeitig verlieren sie dabei die Fähigkeit, die sozialökonomischen
und politischen Interessen der (hoch segmentierten) Arbeiter-
klasse in ihrer Gesamtheit zu vertreten und Konzepte wie Strate-
gien einer alternativen, antikapitalistischen Politik zu entwic-
keln. Dieses Potential einer gesellschaftspolitischen Alterna-
tive, einer neuen, emanzipatorischen Perspektive werde deshalb -
so ergibt sich als Schlußfolgerung - von den "neuen sozialen
Bewegungen" (Frauen-, Friedens-, Ökologiebewegung) repräsentiert,
die sich von der "Borniertheit" des "Klassenstandpunktes" längst
befreit haben.
Das Urteil von Ralf Dahrendorf über die heutige Gewerkschaftsbe-
wegung wird von vielen Linken geteilt: Sie "sind nicht mehr die
vorwärtstreibenden Organisationen selbstbewußter Zukunftsgruppen.
Vielmehr ist ihre Thematik defensiv und ihre Anhängerschaft
ängstlich ... (sie) sind zu Verteidigungsorganisationen abstei-
gender sozialer Gruppen geworden ... Sie sind eher Zünfte als Be-
wegungen geworden". 1) Die Zukunft der Gewerkschaften - so Walter
Müller-Jentsch - ist die von notwendigen Interessenverbänden,
"auf die abhängig Beschäftigte ebensowenig verzichten können wie
Autofahrer auf den ADAC (oder ACE)". 2)
2.
In diesem Beitrag soll nun der Frage nachgegangen werden, wie
sich die Arbeiterbewegung in Westeuropa in den vergangenen 40
Jahren - also von der Befreiung vom Faschismus 1944/45 bis in die
Gegenwart - entwickelt hat. Dabei wird sich zunächst einmal zei-
gen, daß diese Entwicklung keineswegs gradlinig - nach dem
schlichten Schema eines permanenten Abstiegs bzw. Aufstiegs -
verläuft. Vielmehr sind verschiedene Etappen bzw. Phasen deutlich
zu unterscheiden, die sich - gemäß dem Thema unserer Betrachtung
- nach der Rolle und Intensität der Klassenauseinandersetzungen,
nach dem Gewicht der Arbeiterbewegung in Gesellschaft und Poli-
tik, insgesamt nach dem Kräfteverhältnis der Klassen differenzie-
ren. Trotz der vielfältigen Besonderheiten und der Ungleichzei-
tigkeit, die die jeweils nationalen Prozesse charakterisieren
(und die nicht im Detail dargestellt werden können), lassen sich
vier solcher Phasen erkennen:
1. Die Nachkriegsperiode - vom Sieg über den Faschismus bis zum
Beginn des wirtschaftlichen Aufschwungs, der Niederlage der (vor
allem von den Kräften der Arbeiterbewegung vertretenen) Neuord-
nungskonzeptionen und der Durchsetzung der Kräftekonstellationen
des "Kalten Krieges" auch in der Innenpolitik der jeweiligen Län-
der (1944/45 bis 1948/49).
2. Die lange Phase des "Wirtschaftswunders", der konservativen
Hegemonie und der "Inkorporierung" vor allem des reformistischen
Flügels der Arbeiterbewegung (vom Ende der 40er bis zur Mitte der
60er Jahre).
3. Das "Ende der Rekonstruktionsperiode", in dem sich die Wach-
tumsraten abflachen, Krisenprozesse und der "Modernisierungs-
bedarf" ins allgemeine Bewußtsein treten. Diese Zeit (etwa Mitte
der 60er Jahre bis Mitte der 70er Jahre) zeichnet sich durch eine
Intensivierung der Klassenauseinandersetzungen sowie durch einen
bedeutenden Machtzuwachs der Arbeiterbewegung, insgesamt durch
eine Verschiebung des politisch-ideologischen Kräfteverhältnisses
nach links aus. Dem entspricht der Hegemonieverlust jener
konservativen Kräfte, die in der Periode des "Kalten Krieges" und
der je nationalen "Wirtschaftswunder" dominiert hatten.
4. Der Übergang in eine neue lange Phase der Depression mit nied-
rigen wirtschaftlichen Wachstumsraten und krisenhaften Einbrüchen
(1973-1975 und 1981-1983). Die "Vollbeschäftigung" der vorange-
henden beiden Jahrzehnte geht nunmehr über in die Massenarbeits-
losigkeit, die infolge der verringerten Wachstumsdynamik, der
wissenschaftlich-technischen Revolution und der staatlichen Au-
steritätspolitik kontinuierlich - zunehmend abgekoppelt von den
Raten des Wirtschaftswachstums - ansteigt. Die Arbeiterbewegung
gerät fast überall in die Defensive. Die neokonservative Gegenof-
fensive, die eine "Wende" in allen wichtigen Politikbereichen
fordert (von der Wirtschafts- und Sozialpolitik bis zur
internationalen Politik), vermag in einigen Zentren des
Imperialismus (vor allem in den USA, in Großbritannien, der BRD
und Japan) politische Erfolge zu verbuchen und damit Positionen
der Linken weiter zu schwächen.
Dieser erste Zugang zur Periodisierung der Nachkriegsgeschichte
läßt schon erkennen, daß zwischen den ökonomischen Reproduktions-
und Wachstumsbedingungen des Kapitalismus und den jeweiligen
Kräftekonstellationen von Kapital und Arbeit ein enger Zusammen-
hang besteht. Im Zentrum dieses historischen Abschnitts steht
ganz zweifellos die "lange Welle" einer gleichsam beispiellosen
Wachstumsdynamik und relativen Prosperität in den hochentwickel-
ten kapitalistischen Ländern (Ende der 40er bis Anfang der 70er
Jahre). Die Nachkriegsperiode könnte aus dieser Perspektive auch
als der Abschluß der langen "depressiven Welle" angesehen werden,
die kurz vor Beginn des ersten Weltkrieges einsetzte. Die Ent-
wicklung seit der Mitte der 70er Jahre wäre so als Beginn einer
neuen, krisenhaften Entwicklungsepoche des Kapitalismus defi-
niert, über deren "Wendepunkt" bzw. über deren Ablösung durch
einen neuen "Boom" bereits heute lebhaft spekuliert wird. 3)
3.
Die Periodisierung der Geschichte der Arbeiterbewegung folgt in
der Regel den großen politischen Markierungen und Brüchen in der
Entwicklung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft bzw. ih-
rer Nationen. Methodisch schwieriger ist schon die Frage nach der
Beziehung von Klassenkampfzyklen und den sogenannten "langen Wel-
len". Es ist nicht schwer, die "langen Wellen" als Strukturform
der kapitalistischen Wirtschaftsgeschichte zu beschreiben, sie
empirisch zu konstatieren. Dieses Modell besagt, "daß die indu-
strielle Entwicklung seit der Französischen Revolution in lang-
fristigen Perioden verläuft, die zwischen 40 und 60 Jahren dauern
können, und deren jede sich als eine Folge von Aufstieg und Ab-
stieg darstellt, von beschleunigter und verlangsamter Entwick-
lung, von Flut und Ebbe, so daß in jede Periode gewissermaßen
eine 'gute Zeit' und eine 'schlechte Zeit' fällt, ganz wie die
fetten und die dürren Jahre in der Bibel". 4)
Schwieriger ist es schon, ihre innere Entwicklungslogik zu be-
greifen, d.h. auch die Frage zu beantworten, welche Gesetzmäßig-
keiten und Triebkräfte die Bewegung der "langen Wellen" determi-
nieren - und (was noch wichtiger ist) warum der Umschlag von ei-
ner langen expansiven in eine lange depressive Welle erfolgt und
umgekehrt. Und schließlich kann die bloße Analogisierung von
ökonomischen Prozessen mit der Bewegung der Klassenkämpfe zu
falschen und grob vereinfachenden Schlußfolgerungen führen, die
weder der historischen Realität noch der "historischen Tendenz"
der kapitalistischen Entwicklung und ihrer Widersprüche gerecht
zu werden vermögen.
Offenkundig besteht aber ein Zusammenhang zwischen der langfri-
stigen Bewegung der Kapitalverwertungsbedingungen und den poli-
tisch-strategischen Optionen bzw. Prioritätensetzungen der herr-
schenden Klasse. Dabei ist es "notwendig, die Imperative des
Klassenkampfes als entscheidender Vermittlungsebene zwischen den
grundlegenden Trends der Wirtschaftsentwicklung und den grundle-
genden Trends der wirtschafts- und sozialpolitischen Ideologie zu
berücksichtigen". 5) In dem Maße, wie sich die Kapitalverwer-
tungsbedingungen langfristig verschlechtern, die zyklischen Kri-
sen nicht mehr jene "Reinigungsfunktion" erfüllen, die neue pro-
fitable Anlagesphären für das Kapital (und damit einen neuen Pro-
duktivkraftschub) eröffnet, verändern sich auch Inhalte und Me-
thoden des Klassenkampfes. Aus der Interessenlage des Kapitals
(bzw. der mächtigsten Kapitalfraktionen) wird es jetzt zur wich-
tigsten Aufgabe, mit allen Mitteln der ökonomischen und außeröko-
nomischen Gewalt jene Hindernisse zu beseitigen, die der Wieder-
herstellung der Profitrate (vor allem auch durch die Steigerung
der Mehrwertrate) im Wege stehen. Die Krise wird so zum
"Knotenpunkt" der kapitalistischen Dynamik - als "Phase des
Bruchs mit den überkommenen Strukturen und als Phase der Restruk-
turierung in Richtung einer neuen Entwicklung". 6)
Diese neue Entwicklungsrichtung konkretisiert sich einerseits im
verschärften Konkurrenzkampf auf dem nationalen wie dem Welt-
markt. Der Kampf um Marktanteile, Produktivitätsvorteile sowie um
neue Anlagesphären - also die Ebene der innerkapitalistischen
bzw. - imperialistischen Konkurrenz - zielt auf die Schwächung
bzw. Ausschaltung konkurrierender Kapitale, zugleich auf eine
Neustrukturierung der imperialistischen Kräfteverhältnisse auf
dem Weltmarkt und in der Weltpolitik. Die beiden Weltkriege im
20. Jahrhundert bildeten jeweils den gewaltsamen Höhepunkt dieses
Kampfes und markieren daher nicht zufällig die beiden "Grenz-
phasen" der langen, depressiven Welle, die als "Zwischenkriegs-
krise" bezeichnet wird.
Zugleich erfaßt diese Neustrukturierung das Verhältnis von Kapi-
tal und Arbeit. Die Wiederherstellung der Profitrate (als des
treibenden Motivs der kapitalistischen Produktion) verlangt die
Infragestellung jener Machtpositionen, die die Arbeiterbewegung
in der vorangegangenen Wachstumsphase erringen konnte: Reallöhne,
Sozialeinkommen, Arbeitsschutzgesetze, tarifliche Rechte, Mitbe-
stimmungs- und Kontrollrechte der Lohnabhängigen - schließlich
auch die "freie Luft" demokratischer Rechte, die die Arbeiterbe-
wegung "zum Atmen" braucht - werden zum Objekt einer Angriffs-
strategie, die einerseits die sozialen und ideologischen Wirkun-
gen der ökonomischen Krisenprozesse (Massenarbeitslosigkeit), an-
dererseits die Macht des kapitalistischen Staates nutzt, um die
Arbeiterbewegung in die Defensive zu drängen, sie als autonomes
Gegenmachtpotential substantiell zu schwächen oder - mit dem
"letzten Mittel" der faschistischen Gewalt - deren politische und
physische Existenzberechtigung zu vernichten. 7)
Solche Konstellationen eines strategischen "Bruchs", die in letz-
ter Instanz auf die langfristige Bewegungstendenz der Kapitalver-
wertungsbedingungen zurückzuführen sind, aktualisieren jeweils
auch für die Arbeiterbewegung (oftmals mit einer gewissen Phasen-
verschiebung) die Notwendigkeit, sich den neuen Kampfbedingungen
zu stellen, die Verteidigung von zuvor errungenen Machtpositionen
mit der Frage zu verbinden, wie die "Dialektik von Reform und Re-
volution", das Verhältnis von Tageskampf (der vorwiegend defensi-
ver Natur ist) und sozialistischer Perspektive theoretisch und
praktisch, d.h. historisch konkret bestimmt werden kann. Dabei
handelt es sich keineswegs ausschließlich um den adäquaten Be-
griff des imperialistischen Strategiewechsels, der den sozialen
Auseinandersetzungen einen neuen politischen Inhalt verleiht.
Vielmehr tritt in solchen Perioden der Neuorientierung auch die
Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Strömungen und Tenden-
zen in der Arbeiterbewegung (bis hin zur politischen und organi-
satorischen Spaltung) in den Vordergrund. In dem Maße, wie tradi-
tionelle Handlungsmuster nicht mehr greifen bzw. nur noch um den
Preis einer gesteigerten Anpassung an das existierende Herr-
schaftssystem aufrechtzuerhalten sind, und: in dem Maße, wie neue
Schichten der Arbeiterklasse in die Kämpfe eintreten und dabei
auch die Führungsrolle problematisieren, die bestimmte Klassen-
fraktionen (z. B. Facharbeiter bestimmter Branchen) in der voran-
gegangenen Periode eingenommen haben, entwickelt sich das Bewußt-
sein, daß die Arbeiterbewegung sich im Übergang zu einem neuen
Zyklus der Klassenkämpfe befindet. 8)
Die Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit ist jedoch
stets eingebettet in den Gesamtzusammenhang der ideologischen Re-
produktion der Gesellschaft. Sie wird gleichsam überformt durch
jene ideologischen Prozesse, in denen auf der einen Seite die In-
tellektuellen solche Perioden des Umbruchs und des Übergangs re-
flektieren und damit deren jeweilige geistige Atmosphäre bestim-
men; auf der anderen Seite sedimentieren sich diese Mechanismen
der ideologischen Vergesellschaftung auch in den alltäglichen
Deutungsmustern und Wertorientierungen der Massen. Mit anderen
Worten: Ob jeweils eher optimistische oder eher pessimistische
Grundstimmungen vorherrschen und auch in die Politikformen der
großen antagonistischen "Blöcke" einfließen, hängt nicht nur von
der unmittelbaren sozialökonomischen Erfahrung, sondern auch von
diesen Deutungen des Charakters der Epoche ab. Hegemonie ist in
diesem Sinne auch stets mit "Deutungsmacht" verbunden. Der bür-
gerliche Optimismus, der in der Regel die langen Prosperitätszy-
klen begleitet, schlägt mit dem Überschreiten ihres Höhe- und
Wendepunktes immer wieder in verschiedene Varianten eines allge-
meinen Kulturpessimismus, eines elitären Zynismus um, der sich in
der Abkehr vom Rationalismus, in Endzeit- und Untergangsstimmun-
gen, im Wiederaufleben von Romantik, Individualismus und Nihilis-
mus artikuliert. 9) Die Angst - vermischt mit Katastrophenstim-
mungen - wird zur Triebkraft politischer Bewegungen. Die Uner-
träglichkeit von sozialer Erfahrung vermischt sich mit der Verun-
sicherung von Wertorientierungen, die über einen längeren Zeit-
raum zugleich Ausdruck einer relativ kohärenten, wenngleich klas-
senspezifischen Lebensweise gewesen sind. Vor allem in der sog.
"Zwischenkriegsperiode" (1914-1945) wurden solche Brüche und ir-
rationalen Motivationen politisch relevant. In den - vorwiegend
kleinbürgerlichen - faschistischen Massenbewegungen verschafften
sie sich einen Ausdruck.
Das Konzept der "langen Wellen" und der korrespondierenden Klas-
senkampfzyklen wird freilich dort problematisch, wo es als
gleichsam überhistorischer, innerer Rhythmus der Geschichte der
bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft mißverstanden wird. Die
"ewige Wiederkehr des Immergleichen", wie sie in konservativen,
zyklischen Geschichtsmodellen (zumal in den "pessimistischen"
Phasen) behauptet wird, verschleiert nicht nur den Tatbestand,
daß jede Entwicklungsperiode dieser Gesellschaft spezifische
Merkmale aufweist, die ihrerseits die politischen Auseinanderset-
zungen bestimmen; sondern - was noch wichtiger ist - sie negiert
die für die Geschichte des Kapitalismus zentrale Erkenntnis, daß
sich der Rhythmus der "langen Wellen" nicht in einem strukturlo-
sen Auf und Ab, sondern jeweils nur in der "historischen Tendenz
der kapitalistischen Akkumulation" bewegt. "Lange Wellen"- und
"Stufen"-Konzept der kapitalistischen Entwicklung können daher
nicht als alternative Analyseansätze begriffen werden. Die Um-
bruchs- und Übergangsphasen, in denen das Kapital auf die lang-
fristige Verschlechterung der Kapitalverwertungsbedingungen mit
einer strategischen Neustrukturierung der zwischenkapitalisti-
schen Konkurrenz, der Produktivkraftentwicklung und schließlich
in erster Linie des Kräfteverhältnisses von Kapital und Arbeit,
von Imperialismus und Sozialismus, reagiert, sind vor allem darin
zu unterscheiden, daß der kapitalistische Vergesellschaftungspro-
zeß, die Produktivkraftentwicklung, die Sozial- und Konsumstruk-
turen des Kapitalismus und das Kräfteverhältnis von Kapital und
Arbeit historisch eine neue Stufe erreicht haben. Es sind aber
gerade diese Widerspruchspotentiale des gesamtgesellschaftlichen
Systems, zu denen seit 1945 auch die Herausbildung des soziali-
stischen Staatensystems und die antiimperialistischen Bewegungen
in der "Dritten Welt" gehören, die die Bedingungen und damit auch
die jeweiligen Inhalte jener Neustrukturierungsstrategien defi-
nieren, die darauf abzielen, aus der Depression in eine erneute,
expansive "Welle" überzuleiten und dabei das politisch-ideologi-
sche Kräfteverhältnis zugunsten des Kapitals zu verändern.
In den folgenden Abschnitten soll nun der Versuch unternommen
werden, die Entwicklung der westeuropäischen Arbeiterbewegung
seit 1945 - vor allem in der BRD, in Frankreich, Italien und
Großbritannien (GB) - im Kontext dieser eher methodologischen
Vorüberlegungen zu skizzieren.
4.
Mit dem Sieg der Anti-Hitler-Koalition über den deutschen Fa-
schismus und seine Verbündeten im Jahre 1945 vollzogen sich be-
deutende weltgeschichtliche und weltpolitische Veränderungen:
- Die brutalste, faschistische Variante einer kapitalistischen
Krisenüberwindungsstrategie, die sich die gewaltsame Vernichtung
des Sozialismus (nach innen und außen) sowie die gewaltsame Kor-
rektur der imperialistischen Kräfteverhältnisse zum Ziel gesetzt
hatte, war gescheitert.
- Die Sowjetunion war durch ihren maßgeblichen Anteil an der mi-
litärischen Niederlage des Faschismus enorm gestärkt.
- Die großen europäischen Hegemonial- und Kolonialmächte (vor al-
lem GB und Frankreich) wurden durch den Krieg und danach durch
den Aufschwung der antikolonialen Befreiungsbewegungen weiter ge-
schwächt. - Die USA waren aufgrund ihres ökonomischen und militä-
rischen Potentials und aufgrund der substantiellen Schwächung ih-
rer imperialistischen Konkurrenten in Europa zur unumschränkten
Hegemonialmacht der kapitalistischen Welt geworden.
In ganz Europa verschob sich nach 1945 das politische Kräftever-
hältnis nach links. Es schien, als habe der Kapitalismus ebenso
wie die bürgerlichkonservativen Kräfte endgültig abgewirtschaf-
tet. Die Arbeiterbewegung hingegen erlebte einen großen Auf-
schwung. In Italien und Frankreich war ihr Ansehen durch ihre
führende Rolle im Widerstand gegen Faschismus und Okkupation au-
ßerordentlich gestiegen; die kommunistischen Parteien dieser Län-
der wurden jetzt zu Massenparteien. In England errang die Labour
Party mit ihrem sozialistischen Programm 1945 einen überwältigen-
den Wahlsieg gegen die Konservativen von W.S. Churchill. In
Frankreich wurde die KPF bei den Wahlen (bis 1956) zur stärksten
Partei, die zwischen 26 und 28 Prozent der Stimmen erhielt. 10)
Für die italienischen Kommunisten und Sozialisten waren die er-
sten Wahlergebnisse (1946: PCI - 19 Prozent, PSI: 20,7 Prozent;
1948 - gemeinsame Liste PCI/PSI: 31 Prozent) eher enttäuschend.
Hier etablierten sich bei den Wahlen bald die Christdemokraten
(DC) als führende Kraft, die die Mehrheit der kleinbürgerlichen,
bäuerlichen, katholischen Wähler (vor allem im Süden des Landes)
mobilisieren konnte. Im besetzten Deutschland fanden erst ab 1946
Landtagswahlen statt. Auch hier erreichte die neugegründete
CDU/CSU (vor allem im Süden) Mehrheiten, während die SPD u.a. in
Hessen, Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein in
Führung lag. Die KPD, die ihr bestes Ergebnis (in den Westzonen)
1947 in Nordrhein-Westfalen mit 14 Prozent erreichte, konnte
nicht mehr an ihre z.T. starken Positionen vor 1933 anknüpfen.
In allen Ländern (mit Ausnahme GBs) wurden Einheitsregierungen
gebildet. Diese manifestierten den gemeinsamen Willen verschiede-
ner politischer und sozialer Kräfte zu einer antifaschistisch-de-
mokratischen Neuordnung, die mit der Rekonstruktion der nationa-
len Ökonomien (Überwindung der Kriegsfolgen und -schaden) verbun-
den sein sollte. Überhaupt war dieser Wille zum einheitlichen
Handeln zunächst sehr stark - vor allem in der Arbeiterbewegung,
wo die organisatorische und politische Spaltung früherer Jahre -
die auch als Bedingung ihrer Niederlagen angesehen wurde - über-
wunden werden sollte. Die Gründung von Einheitsgewerkschaften (in
Frankreich, Italien und Deutschland) war ebenso wie die kurzfri-
stige Diskussion über die Bildung sozialistischer Einheitspar-
teien (die schon in der "Resistance" begonnen hatte) ein Ergebnis
dieses Willens. 11)
Das Neuordnungsprogramm dieser ersten Nachkriegsjahre konkreti-
sierte sich in den Verfassungen, die nunmehr in den befreiten
Ländern ausgearbeitet wurden. Die politische Demokratie sollte um
wirtschafts- und sozialpolitische Reformen ergänzt werden, in
denen einerseits die gewachsene Macht der Arbeiterbewegung zum
Ausdruck kam, andererseits aber die zu dieser Zeit auch im bür-
gerlichen Lager vorherrschende Auffassung sich durchsetzte, daß
ökonomische Rekonstruktion und Entwicklung nicht durch privatka-
pitalistisch-marktwirtschaftliche, sondern nur durch planwirt-
schaftliche Methoden sowie durch den Ausbau des "Wohlfahrts-
staates" (wie er vor allem von der Labour Party als Element des
"British Socialism" propagiert wurde) zu erreichen seien. L.
Niethammer hat diesen Konsensus, der auch in den gewerk-
schaftlichen Programmvorstellungen der Zeit vorherrschte, wie
folgt zusammengefaßt: "Die Beteiligung an der antifaschistischen
Säuberung, an der Ingangsetzung, Umstellung und Steigerung der
Produktion zur Überwindung der ökonomischen Nachkriegskrise durch
schnelleres Wachstum und an der Institutionalisierung der Mitwir-
kung der Arbeiterbewegung an der ökonomischen Leitung durch
staatliche Aufbaupläne, staatliche Monopolkontrolle bzw. Nationa-
lisierung von Grundstoffindustrien und durch die Errichtung von
Betriebsräten oder anderen Formen der Mitbestimmung auf Unterneh-
mens- oder überbetrieblicher Ebene." 12)
Das Scheitern dieses Neuordnungsprogramms war bis zum Ende der
40er Jahre in allen Ländern besiegelt. Die Wahlsiege der Konser-
vativen in Italien (1948), der BRD (1949) und schließlich in GB
(1951), das Ausscheiden der KPF aus der Regierung (schon im Ok-
tober 1947), die in Frankreich fortan vor allem von Sozialdemo-
kraten (SFIO) und (christdemokratischen) Volksrepublikanern (MRP)
getragen wird, markieren auf der wahlpolitischen Ebene diese
"Wende" nach rechts zu proamerikanischen und antikommunistischen
Positionen. Daß ab 1948 ein wirtschaftlicher Aufschwung ein-
setzte, vermag diesen Prozeß nur teilweise zu erklären. Vielmehr
war der Sieg der Restauration in erster Linie eingebettet in jene
weltpolitischen Konfliktformationen, die sich - deutlich seit
1947 - mit dem Übergang zum "Kalten Krieg" und zur offenen
Systemkonfrontation und "Blockbildung" durchsetzten und auch die
je nationalen Entwicklungen "überdeterminierten".
Die US-amerikanische "Eindämmungspolitik" gegenüber dem Kommunis-
mus betrachtete die Bereinigung der politischen Kräfteverhält-
nisse in Westeuropa zugunsten der proamerikanischen, und damit
prokapitalistischen, Kräfte als eine wesentliche Aufgabe. Im
"Marshall-Plan" bündelten sich die Interessen, die mit dieser Po-
litik verfolgt wurden. Die wirtschaftlichen Hilfsmaßnahmen soll-
ten nicht nur dem Wiederaufbau, der Reintegration Westeuropas in
den Weltmarkt und seiner Öffnung für das amerikanische Kapital
(Verminderung der "Dollar-Lücke") dienen, sondern zugleich erste
Formen der ökonomischen und politischen Integration unter der
Führung der USA (zunächst OEEC, dann NATO) institutionalisieren.
Sie wurden zugleich als Druckmittel benutzt, um - in Frankreich,
Italien und Belgien - die Kommunisten endgültig aus den Regierun-
gen zu entfernen. Der "Marshall-Plan" (und die ihn begleitenden
nationalen wirtschaftspolitischen Maßnahmen) war daher das wich-
tigste Instrument zur Wiederherstellung kapitalistischer Eigen-
tumsverhältnisse, die - zumindest für eine kurze Periode
(1945/46) - in Frage gestellt schienen und durch ein neues
"Modell" einer "auf die Arbeit begründeten demokratischen Repu-
blik" (so der Artikel l der italienischen Verfassung) überwunden
werden sollten.
Die Sprengung des antifaschistischen Bündnisses und Konsensus war
eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Erfolg dieser Poli-
tik. Zuerst mußten die bürgerlich-prokapitalistischen Kräfte in
die Strategie des inneren und äußeren "Kalten Krieges" einbezogen
werden. Zweitens mußte dann die Arbeiterbewegung gespalten werden
durch die Einbindung ihres sozialdemokratischen (politischen und
gewerkschaftlichen) Flügels in diese Strategie, um so Kommunisten
und Linkssozialisten (deren Einfluß in Italien besonders stark
war) zu isolieren. Bürgerliche und kleinbürgerliche Kräfte hatten
sich nach 1945 ohnehin oftmals nur aus taktischen Überlegungen
zur Neuordnungspolitik bekannt. Jetzt nutzten sie schnell die Ge-
legenheit, um sich unter dem Schutzschild der US-Politik (und
Ideologie: "American Way of Life") als Kräfte der Freiheit gegen
den "Totalitarismus", mit dem Segen des Papstes und der Kirchen,
aus der Umklammerung durch die Arbeiterbewegung zu lösen und jed-
weden "sozialistischen Experimenten" abzuschwören. Der Antikom-
munismus wurde zur Staatsideologie erhoben. Die sozialdemokrati-
schen Kräfte, die sich dieser Politik anschlössen, vertraten
zunächst noch die Illusion vom "dritten Weg" zwischen Kapitalis-
mus und Sozialismus. 13) Bald mußten sie jedoch erkennen, daß die
Einbindung in die US-Politik solche Alternativen systematisch
blockierte und schließlich zunichte machte.
Die Konfrontation zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten er-
reichte jetzt wieder jene Schärfe, die in den späten 20er und
frühen 30er Jahren geläufig war. Nur in Italien hielt die über-
wiegende Mehrheit der von P. Nenni geführten Sozialistischen Par-
tei (bis 1953: PSIUP, danach PSI) am Bündnis mit den Kommunisten
fest. In Deutschland dagegen wurde diese erneute Spaltung beson-
ders hart ausgetragen; denn hier verfestigten sich die Frontli-
nien des "Kalten Krieges" zur nationalen Spaltung (Gründung von
BRD und DDR 1949). Vor allem die Gewerkschaften wurden jetzt zum
Kampffeld der gegensätzlichen Strategien. In Italien und
Frankreich brachen die Einheitsgewerkschaften wieder auseinander
(1948-1950), wobei die Auseinandersetzung um den Marshall-Plan
schließlich zur Abspaltung sozialdemokratisch und christlich ori-
entierter Richtungsgewerkschaften führte, die freilich gegenüber
der kommunistisch-sozialistischen Richtung (CGT und CGIL) deut-
lich in einer Minderheitenposition blieben. In England wurde ab
1947 der Einfluß der Kommunisten, die im TUC starke Positionen
errungen hatten, zurückgedrängt. 14) Im westdeutschen DGB ging
der Einfluß der Kommunisten ebenfalls kontinuierlich zurück, wo-
bei auch hier kräftig mit administrativen Methoden der Ausgren-
zung "nachgeholfen" wurde. Mit der Spaltung des Weltgewerk-
schaftsbundes (WGB, 1945) und der Gründung des IBFG (1949), der
ganz im Zeichen des Antikommunismus stand, 15) vollendeten sich
die Spaltungsprozesse auch auf der internationalen Ebene. Dabei
hatten von Anfang an die Vertreter der US-amerikanischen Gewerk-
schaften (AFL) und - in Westdeutschland - die Besatzungspolitik
massiv (finanziell und politisch) darauf hingearbeitet, diese
Spaltung durchzusetzen. 16)
In dieser Phase des Erfolgs der Restaurationspolitik (1947/48)
kam es vor allem in Frankreich und Italien zu Massenstreikbewe-
gungen, in denen ökonomische und politische Forderungen erhoben
wurden, in denen sich aber auch die ganze Enttäuschung und Ver-
bitterung des linken Flügels der Arbeiterbewegung über die ge-
scheiterte Neuordnung entlud. In Frankreich wurde zwischen 1947
und 1950 die bis dahin intensivste Streiktätigkeit registriert.
17) In Italien löste das Attentat auf P. Togliatti, den General-
sekretär des PCI, im Juli 1948 eine spontane Massenstreikbewegung
aus, auf die PCI- und CGIL-Führung zurückhaltend reagierten, die
jedoch blutig niedergeschlagen wurde. "Die unmittelbare Bilanz
der Streiktage wurde vom Innenministerium mit 16 Toten und 206
Verletzten angegeben. 92 000 Personen, überwiegend Arbeiter, wa-
ren festgenommen worden, 72 000 davon wurden später vor Gericht
gestellt". 18)
5.
Nach 1948 erreichten die jährlichen Wachstumsraten der Industrie-
produktion und des Sozialprodukts bisher nicht gekannte Höhen.
19) Die je nationalen "Wirtschaftswunder" beflügelten die bürger-
liche Politik und Ideologie, obwohl - wie Tabelle 1 zeigt - im 5-
Jahres-Rhythmus eine tendenzielle Abschwächung der Wachstumsdyna-
mik sich andeutete und zwischen den Staaten bedeutende Unter-
schiede bestanden.
Die Wachstumsimpulse resultierten vor allem aus der Beseitigung
der Kriegsschäden, der zunehmenden weltwirtschaftlichen Integra-
tion der kapitalistischen Ökonomien sowie aus einem Strukturwan-
del, der die Investitionsgüterindustrien sowie hochveredelte Kon-
sumgüter begünstigte. Im Zuge dieses Aufschwungs stieg die Zahl
der Beschäftigten und der Anteil der Lohnabhängigen (vor allem in
der Industrie), die Arbeitslosenquoten wurden auf Werte unter l
Prozent vermindert (Italien mit 4,6 Prozent 1960 bildet hier eine
Ausnahme). Zugleich erhöhte sich das Lohnniveau beträchtlich, ob-
wohl es mit der Steigerung der Produktivität und der Gewinne
nicht Schritt halten konnte.
Tabelle 1:
Durchschnittliche jährliche Veränderung der Industrieproduktion.
USA Japan Deutschland Frank- Großbri- Italien
bzw. BRD reich tannien
1870-1890 +5,4 +4,2 +2,2 +2,0 +4,4
1890-1900 +3,6 +5,0 +2,7 +1,5 +3,4
1900-1913 +5,2 +6,4 *) +3,9 +3,5 +2,1 +4,6
1913-1929 +3,8 +7,6 +1,0 +2,2 0,0 +3,8
1929-1937 +0,3 +6,9 +2,1 -1,8 +3,1 +0,9
1937-1948 +4,9 -8,3 -5,3 -0,5 +0,2 +0,3
1948-1955 +5,0 +17,7 +18,5 +6,3 +4,2 +9,7
1955-1960 +2,4 +16,6 +6,8 +5,9 +2,5 +8,7
1960-1965 +6,3 +11,8 +6,5 +6,3 +3,2 +7,0
1965-1970 +3,5 +15,3 +5,1 +5,6 +2,4 +7,4
1970-1976 +3,1 +3,8 +2,1 +3,5 +0,8 +3,2
_____
* 1905-1913.
Quelle: Die Wirtschaft der kapitalistischen Länder in Zahlen,
IPW-Forschungshefte, 4/1977 (Berlin/DDR), S. 27.
Bis etwa zur Mitte der sechziger Jahre waren wirtschaftlicher
Aufschwung, Strukturwandel und konservative Hegemonie eng mitein-
ander verbunden. In GB regierten zwischen 1951 und 1964 konserva-
tive Kabinette. In Frankreich wurde 1958 die gaullistische V. Re-
publik etabliert. Die italienischen Christdemokraten sahen sich
erst 1963 - nach Wahlverlusten und einer großen Streikbewegung -
gezwungen, das Modell einer "Mitte-Links-Regierung" (mit Beteili-
gung des PSI) zu erproben. In der BRD war die führende Position
der CDU/CSU bis Mitte der sechziger Jahre unumstritten. Nur in
den skandinavischen Ländern festigte sich in dieser Periode die
Hegemonie der Sozialdemokratie. Die faschistischen Systeme in
Spanien und Portugal erfreuten sich noch - u.a. auch durch den
Schutz der NATO und der USA - einer gewissen repressiven Stabili-
tät.
Diese außergewöhnliche konservative Stabilität in den imperiali-
stischen Zentren war eingebettet in eine Struktur internationaler
Kräfteverhältnisse und Konfliktpotentiale, die einerseits direkt
auf die innenpolitische Entwicklung zurückwirkten, andererseits
aber auch die geschichtlichen Grenzen dieser Konstellation andeu-
teten:
- Die absolute Vormachtstellung der USA kommt nicht nur in den
ökonomischen Kennziffern zum Ausdruck, sondern auch in ihrer füh-
renden militärischen und politischen Rolle in den Bündnissyste-
men. Der wachsende Anteil der EWG-Länder und Japans an den Waren-
exporten signalisiert jedoch schon jetzt neue Formen der Rivali-
tät und Konkurrenz auf dem Weltmarkt, in denen sich Schritt um
Schritt der Abbau dieser Vormachtstellung vollzieht.
- Die Ziele der "Eindämmungs-" bzw. der "Rollback"-Politik werden
nur partiell erreicht. Die chinesische Revolution siegt 1949, und
in den "Volksdemokratien" Mittel- und Südosteuropas beginnt der
Aufbau des Sozialismus, der freilich von schweren inneren Krisen
begleitet wird (DDR 1953, Ungarn und Polen 1956), deren Lösungs-
formen ihrerseits die antikommunistischen Massenstimmungen in den
westlichen Ländern anheizen. Die kubanische Revolution (seit
1958) kann von den USA nicht verhindert werden (obwohl bis zum
Mittel einer militärischen Intervention gegriffen wird). Gleich-
zeitig beginnt Anfang der sechziger Jahre jenes politische und
militärische Engagement der USA in Vietnam, das mit einer schwe-
ren Niederlage für die Führungsmacht des Imperialismus enden
wird. Angesichts der Tatsache, daß der Sozialismus weder aufgrund
seiner inneren Widersprüche noch aufgrund äußeren - politisch-mi-
litärischen - Drucks (Politik der Stärke) zusammenbricht, werden
die USA, dann auch ihre Verbündeten, mehr und mehr gezwungen, zu
einer Politik der "friedlichen Koexistenz", wie sie von der So-
wjetunion vor allem seit dem XX. Parteitag der KPdSU (1956) ver-
treten wird, überzugehen. - Der Zusammenbruch des alten Kolonial-
systems tritt in den fünfziger Jahren in seine entscheidende
Phase. Obwohl mit der formalen, politischen Selbständigkeit
vieler Länder der "Dritten Welt" deren Unterentwicklung und Ab-
hängigkeit nicht überwunden ist, schließen sich viele dieser Län-
der der "Bewegung der Blockfreien" an. Zahlreiche Kolonialkriege
(Afrika, Südostasien) schwächen die alten Metropolen (England,
Frankreich, Belgien, später Portugal) und führen - wie 1958 in
Frankreich (Algerienkrieg) - zu schweren innenpolitischen Krisen.
Die westeuropäische Arbeiterbewegung ist in dieser Periode keine
hegemoniale Kraft. Teils ist sie mit der Bearbeitung der Nach-
kriegsniederlage und mit der strategischen Neuorientierung auf
die veränderten Handlungsbedingungen beschäftigt, teilweise ist
sie - wie die KPD in der BRD - mit dem repressiven Druck einer
erneuten Illegalisierung konfrontiert. Dennoch erleidet die Ar-
beiterbewegung keine so schwere Niederlage wie in den 30er Jah-
ren. Das Modell der kapitalistischen Reproduktion, das sich nun-
mehr etabliert, trägt vielmehr den nationalen wie den internatio-
nalen Kräfteverhältnissen von Kapital und Arbeit Rechnung. Voll-
beschäftigung, steigende Reallöhne, Ausbau sozialpolitischer Si-
cherungen werden weithin als Elemente des "Wohlfahrts-Kapitalis-
mus" anerkannt, dessen Funktionieren freilich den sozialpartner-
schaftlichen Konsensus von Kapital und Arbeit, damit auch die In-
tegration von Teilen der Arbeiterbewegung in das staatsmonopoli-
stische Herrschaftssystem zur Voraussetzung hat. Dabei spielen
die Gewerkschaften, deren Mitgliederzahlen in den 50er und in den
frühen 60er Jahren durchweg stagnieren bzw. zurückgehen 20) und
deren Streikaktivität ebenfalls im Durchschnitt sinkt, eine be-
sonders wichtige Rolle.
Ein kurzer Blick auf die je nationalen Entwicklungen läßt jedoch
erkennen, daß sich diese Gesamttendenz außerordentlich differen-
ziert gestaltet. In Frankreich entwickelt sich eine schwere
Krise, die 1958 durch den gaullistischen Staatsstreich vorläufig
"gelöst" wird. Die KPF bleibt bis 1958 stärkste Partei; die
Kampffähigkeit der Gewerkschaften zeigt sich in der außerordent-
lich hohen Streikaktivität. 21) Gleichzeitig vollzieht sich der
Niedergang der sozialdemokratischen SFIO, der die spätere Auflö-
sung vorbereitet. Die Handlungsfähigkeit der bürgerlichen Kräfte
wird politisch durch den Druck der kommunistisch orientierten Ar-
beiterbewegung, aber auch eines radikalisierten Kleinbürgertums
(Poujadismus), vor allem aber durch die politischen und finan-
ziellen Folgen der Kolonialkriege in Indochina und Nordafrika
stark eingeschränkt. Die notorischen Kabinettskrisen zwischen
1947 und 1957 (21 Regierungen) reflektieren diese Instabilität.
Erst mit der V. Republik De Gaulles gelang es der französischen
Industrie- und Finanzoligarchie, ihre Politik der "Modernisie-
rung" des - im Vergleich zu seinen Hauptkonkurrenten relativ
rückständigen - französischen Kapitalismus durchzusetzen, sich
vom Ballast spätkolonialer Abenteuer zu befreien, die Arbei-
terbewegung (jetzt auch die KPF) zu schwächen, gleichzeitig aber
über die Außen- und Militärpolitik De Gaulles die Abhängigkeit
der französischen Politik von der US-amerikanischen Hegemonie zu
vermindern.
In Italien hat das beschleunigte Wirtschaftswachstum der 50er
Jahre keineswegs jene Disproportionen und Rückstände beseitigen
können, die den italienischen Kapitalismus traditionell auszeich-
neten. Der Nord-Süd-Gegensatz sowie der Dualismus zwischen moder-
nen (exportorientierten) Industrien im Norden und - extrem aufge-
splitterten - rückständigen Sektoren wurde nicht überwunden. Dazu
kam die wachsende Importabhängigkeit (bei Energien und Rohstoffen
ebenso wie bei Nahrungsmitteln). Immer noch mußten Millionen von
Italienern emigrieren, um im Ausland Arbeit zu finden. Die Ar-
beits- und Lebensbedingungen der italienischen Arbeiter waren im
Vergleich der hier behandelten Länder weitaus am schlechtesten.
Die KPI festigte in dieser Periode ihre Position als die stärkste
politische Kraft der Arbeiterbewegung; noch unter der Führung von
P. Togliatti begann sie nach dem XX. Parteitag der KPdSU, ihre
nationale Autonomie in der kommunistischen Weltbewegung zu beto-
nen und für die Innenpolitik ein Programm der demokratischen
Strukturreformen zu entwickeln. Nach einer Phase gewerkschaftli-
cher Stagnation (die auch von harter politischer Repression gegen
streikende Arbeiter begleitet war), begann 1959/60 eine neue
Welle von Streikkämpfen, die 1963 ihren Höhepunkt erreichten. Un-
ter diesem Druck wurde die Mitte-Links-Regierung gebildet, die
eine Reihe von ökonomischen und infrastrukturellen Strukturrefor-
men versprach. 22)
Trotz des Wirtschaftswachstums der 50er und der 60er Jahre ver-
schärfte sich in der Periode konservativer Herrschaft die Struk-
turkrise des britischen Imperialismus. Hohe Kapitalexporte und
Rüstungsausgaben senkten die Investitionsquoten und waren auch
für die chronischen Zahlungsbilanzschwierigkeiten seit dem Zwei-
ten Weltkrieg (die die Abhängigkeit GBs von den USA noch ver-
stärkten) verantwortlich. Schon seit Mitte der 50er Jahre hatte
die Streiktätigkeit zugenommen, 1962 erreichte sie einen ersten
Höhepunkt. 23) In diesen Kämpfen zeichnete sich auch der begin-
nende Widerstand der Gewerkschaften gegen eine Politik ab, die
versuchte, die wachsenden Lasten des parasitären imperialisti-
schen Systems auf die Arbeiterklasse abzuwälzen. Die politische
Führung der Labour-Party bemühte sich seit dem Ende der 50er
Jahre (Hugh Gaitskell), die Partei nach dem Vorbild der bundes-
deutschen SPD in eine "Volkspartei" zu transformieren und
zugleich in der Außen- und Militärpolitik eine proamerikanische
Haltung durchzusetzen. Dabei scheiterte sie am Widerstand des
linken Parteiflügels, vor allem aber an der Mehrheit der Gewerk-
schaften, die die Anti-Atom-Bewegung seit dem Ende der 50er Jahre
unterstützten. 24)
Die BRD wurde in dieser Zeit zur ökonomischen "Führungsmacht" der
1958 gegründeten EWG. 25) Das Modell einer sozialpartnerschaftli-
chen Regulierung der Klassenbeziehungen wurde hier zum Maßstab
einer Politik, die auf der einen Seite mit äußerster Härte gegen
alle Formen der Fundamentalopposition, des Klassenbewußtseins und
des Klassenkampfes (bis zum KPD-Verbot 1956) vorging, 26) ande-
rerseits flexibel auf die gewerkschaftlichen Forderungen nach ei-
ner Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Lohnab-
hängigen reagierte. Zunächst hatte in den fünfziger Jahren eine
machtvolle Friedensbewegung (Kampf gegen Remilitarisierung, Spal-
tung Deutschlands, Kampf dem Atomtod) die - vorwiegend von der
Arbeiterklasse getragene - Fundamentalopposition gegen die
Adenauers ehe Politik (die die Spaltung Deutschlands zementierte)
artikuliert. 27) Ab 1959 ging die SPD offen auf einen Kurs der
Anerkennung eines (sozial reformierten) Kapitalismus ("Godes-
berger Programm") und der außenpolitischen Optionen der CDU/CSU
über. Auch die Gewerkschaften fügten sich weitgehend in dieses
Modell einer sozialpartnerschaftlichen Integrationspolitik ein.
Neben (vorwiegend intellektuellen) sozialistischen Zirkeln, Rest-
gruppen der illegalen KPD und der Friedensbewegung (Ostermarsch)
war es der linke Flügel der DGB-Gewerkschaften (vor allem in der
IG Metall), der eine grundsätzliche Kritik an den kapitali-
stischen Wirtschafts- und Herrschaftsverhältnissen formulierte
und auch in Streiks (Schleswig-Holstein 1956/57, Baden-Württem-
berg 1963) die Kampfbereitschaft des gewerkschaftlich bewußten
Teils der Arbeiterklasse unter Beweis stellte.
Gleichwohl konnte die allgemeine "Wirtschaftswunder"-Euphorie
auch in der BRD nicht darüber hinwegtäuschen, daß seit Beginn der
60er Jahre das Ende der Ära Adenauer und eben des "Wirtschafts-
wunders" selbst sich ankündigte. Der "Problemdruck", der in der
folgenden Periode als "Reformstau" interpretiert wurde, 28) war
für bewußte Beobachter schon zu dieser Zeit klar erkennbar. Daß
nunmehr in der BRD - wie in Italien, GB und Frankreich - von der
Notwendigkeit einer staatlichen Lohnpolitik und einer "Lohnpause"
gesprochen wurde, anitizipierte schon den Inhalt sozialer und
politischer Auseinandersetzungen, die in den folgenden Jahren in
den Vordergrund treten sollten.
6.
Tabelle 1 zeigt zunächst, daß sich zwischen 1965 und 1976 das
Wachstum der Industrieproduktion vermindert. Das "Ende der Rekon-
struktionsperiode" tritt ins allgemeine Bewußtsein. In der BRD
löst die Krise von 1966/67 einen Schock aus; denn in ihr deutet
sich zum ersten Mal seit fast 20 Jahren der Übergang in die Nor-
malität des kapitalistischen Krisenzyklus an. 29) Beim nachfol-
genden zyklischen Tiefpunkt (1975) ging in den EG-Ländern und in
den USA das Wachstum des Sozialprodukts, noch schärfer das der
Industrieproduktion, zurück. 30) Die kapitalistische Weltwirt-
schaft war in eine Phase zunehmender Labilität übergegangen. Die
Wirtschaftspolitik der einzelnen Länder war nun mit steigenden
Arbeitslosen- und Inflationsraten, aber auch mit wachsenden
Staatshaushalts- und Leistungsbilanzdefiziten konfrontiert, die
sich für einige Länder mit der Erhöhung der Rohstoffpreise (vor
allem Erdöl) seit Anfang der 70er Jahre dramatisch zuspitzten.
Die enge Verflechtung zwischen weltwirtschaftlichen und nationa-
len Krisenprozessen, dabei die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen
und politischen Potenz der Staaten und die verschärften Konkur-
renzbeziehungen zwischen den imperialistischen Zentren, bestimm-
ten fortan alle Strategien, die auf diese gesteigerte Labilität
reagieren mußten. Im Zusammenbruch des Währungssystems von Bret-
ton Woods, der mit dem "Offenbarungseid des US-Dollars" (ab
1971), dem Kursverfall und den Turbulenzen der internationalen
Währungskrisen (bis 1973) besiegelt wurde, 31) kam zugleich der
Niedergang der hegemonialen Position der USA im System des inter-
nationalen Handels und in den internationalen Kapitalbeziehungen
zum Ausdruck. 32) Die Dollarkrise und die Niederlage in Vietnam
(schließlich - im Innern - die "Watergate-Krise" und der Rück-
tritt von Präsident R. Nixon 1974) waren insofern verschiedene
Erscheinungsformen ein und desselben Tatbestandes: der Schwächung
des US-Imperialismus im Weltmaßstab.
Diese Krisenprozesse können hier nicht im Detail dargestellt wer-
den. Uns interessiert vorab die Entwicklung der Arbeiterbewegung
und der Klassenkämpfe. Wesentlich ist dabei zunächst, daß es
schon vor der Weltwirtschaftskrise 1973-1975, also in den Jahren
1968-1970, in Westeuropa nachgerade zu einer explosiven Entladung
aufgestauter und neuer Widerspruchserfahrungen kommt, die in den
großen sozialen und politischen Bewegungen des "Mai '68" in
Frankreich, des "heißen Herbstes" in Italien (1969) und der bri-
tischen Streikwelle (1968-1971), aber auch in der Rebellion der
Jugendlichen und Studenten in dieser Periode ihren Höhepunkt er-
reicht. Die in den Jahren der konservativen Hegemonie längst tot-
gesagte Arbeiterbewegung und -klasse 33) tritt erneut als han-
delndes Subjekt im historisch-politischen Prozeß auf den Plan.
Bei den nationalen Wahlen spiegelt sich diese Veränderung der
Kräfteverhältnisse zunächst unvollständig und widersprüchlich. In
GB baut die seit 1964 regierende Labour-Party 1966 ihren Vor-
sprung gegenüber den Konservativen aus. 1970 verlor Labour die
Mehrheit, um bei den zweiten Wahlen des Jahres 1974 - jetzt vor
dem Hintergrund des großen Bergarbeiterstreiks - die Regierungs-
mehrheit zurückzugewinnen. 34) In Frankreich erlitt die Linke,
die noch bei den Wahlen von 1967 Gewinne erzielt hatte, nach dem
Mai '68 eine schwere Niederlage gegen die Gaullisten und ihre
Verbündeten. Die Angst vor der Revolution hatte die Rechte zur
äußersten Mobilisierung getrieben. Erst bei den Wahlen ab 1973
kündigte sich jene Wende nach links an, die 1981 zum Sieg von F.
Mitterrand (als Präsident) und der Linksparteien führte. Die ita-
lienischen Christdemokraten hielten sich bis 1976 bei knapp 40%
der Stimmen. Vor allem der PCI vermochte in dieser Periode Ge-
winne zu verbuchen (von 26,9% 1968, auf 34,4% 1976), während der
PSI von 13,8% auf 9,6% (1976) zurückging. In der BRD wurde
schließlich 1969 mit der Bildung der sozialliberalen Regierung
die CDU/CSU nach 20 Jahren in die Opposition verwiesen. Die SPD,
die 1967 in die Regierung der "Großen Koalition" eingetreten war,
erzielte 1972 ihr bestes Wahlergebnis (45,8%).
Deutlicher noch lassen die statistischen Angaben über die Streik-
tätigkeit (vgl. Tabelle 2, vgl. auch weiter unten Tab. 4) die
Verschärfung der Klassenauseinandersetzungen erkennen - vor allem
in Italien, Großbritannien und in Frankreich. Die BRD bleibt ein
"streikschwaches Land" (wie die Niederlande, die Schweiz); den-
noch erhöht sich auch hier - im Vergleich zu den frühen 60er Jah-
ren - in den 70er Jahren die Zahl der Streiks und der Ausfalltage
beträchtlich. 35)
Tabelle 2:
Streikausfalltage
(auf 1000 abhängig Beschäftigte; Jahresdurchschnitte)
Frankreich BRD GB Italien
1962-1967 212 15 128 1048
1968-1972 190 *) 28 528 1495
_____
*) ohne 1968; für 1968 werden 1,5 Mio. Ausfalltage geschätzt.
Quelle: J.D. Reynaud, Les syndicats en France, Tome 1, Paris
1975, S. 161; Tome 2, S. 221.
Schließlich kann auch für diese Periode von einer "Welle der ge-
werkschaftlichen Organisation" gesprochen werden. 36) Die italie-
nischen Gewerkschaften gewinnen in den 8 Jahren nach 1968 fast 4
Mio. neue Mitglieder. Der britische TUC steigerte die Zahl seiner
Mitglieder von 8,3 Mio. (1962) auf 21,1 Mio. (1979). 37) Auch die
DGB-Gewerkschaften in der BRD organisierten zwischen 1967 und
1976 3 Mio. neue Mitglieder. 38)
Der spezifische Charakter dieser Periode erschließt sich freilich
nicht nur über die Analyse der Klassenkämpfe im engeren Sinne;
denn in allen Ländern ist jetzt eine Parallelität, partielle Ver-
flechtung, aber auch die punktuelle Konfrontation von Intellektu-
ellen- und Arbeiterbewegung festzustellen. Die Studentenbewegung
hat dabei oftmals eine Initiativfunktion für Interventionen der
Arbeiterklasse (so z.B. die Generalstreikbewegung vom Mai/Juni in
Frankreich 1968). Der Bruch der konservativen Hegemonie vollzieht
sich am deutlichsten bei der Intelligenz. Die Abkehr von den
Ideologien der Kalte-Krieg-Periode spitzt sich zu massiven Gene-
rationskonflikten zu. In verschiedenen Überbaubereichen (Schulen,
Universitäten, Medien, Lebensstile, Familie etc.) wird ein
"kulturrevolutionärer Bruch" gefordert und praktiziert; traditio-
nelle Autoritätsstrukturen und Abhängigkeitsverhältnisse werden
radikal in Frage gestellt. Dabei korrespondiert die kritische Di-
stanz zur Arbeiterbewegung (auch zu ihrem kommunistischen Flügel)
und zum real existierenden Sozialismus, die durch die Ereignisse
in der CSSR (1968) noch vertieft wird (und auch bei einem großen
Teil der kommunistischen Bewegung in Westeuropa die Autonomisie-
rungstendenzen vorantreibt), meist mit einer Identifikation mit
antiimperialistischen Befreiungsbewegungen in der "Dritten Welt"
(Ho Chi Minh- und Che Guevara-Mythos) oder mit dem chinesischen
bzw. kubanischen Sozialismus/Kommunismus. Die Übertragung dieser
"Modelle" auf die hochentwickelten kapitalistischen Länder mußte
- bei gleichzeitiger Distanz zur Arbeiterbewegung - zu Niederla-
gen führen und massive Enttäuschungen bei einem Teil der sich re-
volutionierenden jungen Intellektuellen hervorbringen.
Die Arbeiterbewegung war gewiß realistischer; aber sie mußte sich
zugleich "öffnen", um sich von den neuen Bewegungen (auch in der
Arbeiterklasse selbst) nicht zu isolieren. Neue Schichten der Ar-
beiterklasse traten nunmehr in die Kämpfe (und in die Gewerk-
schaften) ein: vorwiegend junge, angelernte "Massenarbeiter" (vor
allem in der metallverarbeitenden und Automobilindustrie), Ange-
stellte und Beamte aus dem privaten und staatlichen Dienstlei-
stungssektor. In den Auseinandersetzungen wurden einerseits klas-
sische, gewerkschaftliche Forderungen (Lohnerhöhungen, Arbeits-
zeitverkürzung, soziale Sicherungen usw.) erhoben. Dabei provo-
zierte der jetzt zunehmende Druck inflationärer Preissteigerungen
zahlreiche spontane Streikaktionen, mit denen außerhalb der In-
stitutionen des Tarifsystems Reallohnsteigerungen durchgesetzt
wurden. Auf der anderen Seite traten nunmehr neue, eher
"qualitative" Forderungen in den Vordergrund: Abschaffung der un-
teren Lohngruppen, einheitliche Lohnforderungen, Ausweitung der
Arbeiterrechte im Betrieb, Kontrolle über die Arbeitsbedingungen
bis hin zu gesellschaftspolitischen Reformen wie Demokratisierung
des Bildungswesens, Ausbau sozialpolitischer Leistungen des Staa-
tes, verbesserter Arbeitsschutz, Ausbau und Demokratisierung der
gesellschaftlichen Infrastruktur. Auch die Demokratisierung von
Machtstrukturen in den Apparaten der Arbeiterbewegung selbst
("Öffnung zur Basis") wurde jetzt zum Gegenstand von lebhaften
Auseinandersetzungen.
Allerdings unterscheiden sich die Strukturen der Konfliktaustra-
gung und -regulierung in den einzelnen Ländern beträchtlich von-
einander. In der BRD sind die Arbeitsbeziehungen traditionell in
hohem Maße verrechtlicht und institutionalisiert. Durch die zen-
tralisierte Einheitsgewerkschaft wird diese Tendenz noch ver-
stärkt. Trotz des Widerstandes des linken Gewerkschaftsflügels
setzt sich jetzt, als die SPD führende Regierungspartei geworden
war, eine Politik durch, die vor allem über die "Konzertierte Ak-
tion" auf eine weitere Institutionalisierung korporativer Bezie-
hungen zielte. In GB gelingt es dagegen den Gewerkschaften, auch
aufgrund der stark dezentralisierten Organisations- und Verhand-
lungsstrukturen (Shop Stewards), Versuche zur staatlichen Regu-
lierung der Arbeitsbeziehungen (Lohnpolitik, Gewerkschaftsgesetze
usw.) zu blockieren bzw. zum Scheitern zu bringen. Für Frankreich
ist eine extreme Dezentralisierung der vertikalen gewerkschaftli-
chen Organisationsstrukturen und der Betriebsorientierung charak-
teristisch (dazu kommt die Konkurrenz der Richtungsgewerkschaften
im Betrieb). Die Politisierung der Kämpfe, die durch das politi-
sche Selbstverständnis der Richtungsgewerkschaften (vor allem der
CFDT und der CGT, die beide explizit sozialistische Ziele vertre-
ten) gefördert wird, wirkt aber auch auf zentrale Vereinbarungen
sowie auf die staatliche Gesetzgebung ein (z. B. Mindestlohn, Ge-
werkschaftsrechte im Betrieb, interprofessionelle Tarifverträge
über qualitative Verhandlungsgegenstände wie Arbeitszeit und Ar-
beitsbedingungen oder das Gesetz zur Verbesserung der Arbeitsbe-
dingungen vom 27.12.1973). 39) In Italien kam es gerade in dieser
Periode - nach W. Lecher - zu wesentlichen Veränderungen: "In
keinem anderen westeuropäischen Land erfolgte der Wechsel von ei-
ner zentral orientierten Gewerkschaftsstruktur und der Betonung
der zentralen Ebene in der Tarifpolitik und in den gewerkschaft-
lichen Außenbeziehungen hin zu dezentralisierten Organisations-
formen und der Stärkung der betrieblichen Verhandlungs- und
Durchsetzungsebene so radikal wie in Italien Ende der sechziger
Jahre." 40) Dieser Prozeß war freilich von einer intensiven Poli-
tisierung der betrieblichen wie der überbetrieblichen Initiativen
und Kämpfe der Gewerkschaften begleitet. 41)
Gleichwohl entwickelte sich in dieser Periode nirgendwo eine
wirklich revolutionäre Situation. Die strategische Gesamtkonstel-
lation war auf der einen Seite durch die Unfähigkeit der herr-
schenden Klasse und der konservativen Kräfte bestimmt, offensiv
auf den Machtzuwachs der Arbeiterbewegung, die "Fahnenflucht" der
Intellektuellen und die Zuspitzung der Klassenkämpfe zu reagie-
ren. Auf der anderen Seite vertraten Arbeiter- und Intellektuel-
lenbewegung (in ihrer überwiegenden Mehrheit) ein Programm demo-
kratischer Strukturreformen, das zwar die Einschränkung kapitali-
stischer Machtpositionen in Betrieb, Gesellschaft und Staat zum
Ziel hatte, letztlich aber - insbesondere im Blick auf die staat-
lichen Gestaltungsfunktionen - vom Modell einer nach wie vor un-
gebrochenen, kapitalistischen Akkumulationsdynamik ausging. Da
auch im Lager der Unternehmer und Konservativen ein Reformbedarf
zum Zweck der "Modernisierung" (um in der Weltmarktkonkurrenz zu
bestehen - vgl. z. B. die Zwecke der Bildungs- und Hochschulre-
form) realistisch zur Kenntnis genommen wurde, trafen sich diese
verschiedenen Interessen objektiv auf der Linie der keynesiani-
schen Politik, die über die Ausweitung der Staatsintervention
diese Modernisierung (auch über Reformen) steuern, einen korpora-
tivistischen Verbund der verschiedenen Kräfte und schließlich
auch eine Politik des sozialen Kompromisses etablieren sollte.
Die Linke hat diese innere Logik des keynesianischen Korporatis-
mus, der von konservativen wie von sozialdemokratisch geführten
Regierungen vertreten wurde, in dieser Periode oftmals nicht be-
griffen. Teilweise war sie in reformistischen Illusionen befan-
gen, teilweise überschätzte sie dabei die Belastungsfähigkeit der
kapitalistischen Ökonomie durch die Reformpolitik.
Diese Unterschätzung ökonomischer Krisenpotentiale wurde noch
durch Erfahrungen und Hoffnungen gefördert, die in dieser Periode
die Linke beflügelten: Die Entspannungs- und Koexistenzpolitik
schien ein Ende der Ära des Kalten Krieges anzudeuten. Das chile-
nische Modell eines demokratischen Sozialismus weckte bis zum fa-
schistischen Putsch (1973) ebenso große Hoffnungen wie die portu-
giesische "Revolution der Nelken" (1974), der Zusammenbruch der
faschistischen Obristendiktatur in Griechenland (1974) und der
immer offenkundiger werdende Zerfall der Franco-Diktatur in Spa-
nien (1974/75). In all diesen Prozessen spielte die Arbeiterbewe-
gung eine entscheidende Rolle. Allerdings hat auch - nach dem
Sieg über die Diktatur - die Spaltung zwischen Sozialdemokraten
und Kommunisten (die in Portugal und Spanien von außen - vor al-
lem von SPD und DGB - massiv gefördert wurde) das Scheitern und
die Enttäuschung revolutionärer Hoffnungen begünstigt. In diesem
Klima, das national wie international neue Erfolge der Arbeiter-
bewegung und der Linkskräfte zu artikulieren schien, kam es
schließlich auch zu neuen Formen der Zusammenarbeit der Links-
kräfte, die ihrerseits eine internationale Ausstrahlung entwic-
kelten: So vor allem die "Linksunion" in Frankreich mit ihrem
"gemeinsamen Programm" (1972) 42) und die neuen Formen der ge-
werkschaftlichen Autonomie und Einheit in Italien. 43) In diesen
neuen Bündnisformen wurden von den kommunistischen Parteien in
Italien, Frankreich, dann auch in Spanien Elemente des Programms
der demokratischen Strukturreformen der sechziger Jahre, des Be-
kenntnisses zum Pluralismus und zur parlamentarischen Demokratie,
schließlich auch zu besonderen nationalen Wegen zum Sozialismus -
daraus folgend: eine auch öffentlich immer schärfere Kritik am
realen Sozialismus sowie der Außen- und Innenpolitik der So-
wjetunion - zu jener programmatischen Konzeption kombiniert, die
dann als "Eurokommunismus" bezeichnet worden ist. 44) Der Wahler-
folg des PCI im Jahre 1976 schien den Erfolg dieser Strategie ei-
nes radikalen Reformismus, die in ihrem Kern auf eine Regierungs-
beteiligung der KP zielte ("Historischer Kompromiß"), zu bestäti-
gen. Die Differenzierung der internationalen kommunistischen Be-
wegung, die schon durch den sowjetisch-chinesischen Konflikt seit
den späten fünfziger Jahren erste große Spaltungserfahrungen zu
verarbeiten hatte, schritt jetzt weiter voran. 45)
7.
G. Therborn hat diese Zeit (1965-1975) als eine Periode des qua-
litativen und quantitativen Wachstums der Arbeiterbewegung cha-
rakterisiert, die einige Parallelen zum Wachstum der Arbeiterbe-
wegung vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg er-
kennen läßt. 46) Tatsächlich ist jetzt besonders deutlich die
"Tendenz der Arbeiterparteien" zu registrieren, zum "Gravita-
tionszentrum westeuropäischen Regierens zu werden". 47) Im
Vergleich zur Zwischenkriegsperiode zeichnet sich aber auch eine
relative Entpolitisierung (besser: ein neuer Typus der Poli-
tisierung) des Kampfes zwischen Kapital und Arbeit ab. Mit ande-
ren Worten: Der revolutionäre Kampf um die Staatsmacht stand nach
1948 nirgendwo in Westeuropa auf der Tagesordnung. Die Dominanz
keynesianischer Politikformen signalisiert vielmehr eine Art Kom-
promiß zwischen Monopolkapitalismus und "Wohlfahrtsstaat", der
durch die Klassenkämpfe erzwungen war und in dem sich zugleich
ein Kräftegleichgewicht der gesellschaftlichen Hauptklassen, das
über den "Staatsinterventionismus" vermittelt und balanciert
wird, reflektierte.
Seit der Mitte der 70er Jahre hat sich in einigen Ländern jene
"Wende" zur konservativen "Gegenrevolution" vollzogen, die eini-
gen Beobachtern als ein Beweis für die tiefe Krise der Arbeiter-
bewegung und des Marxismus gilt. Nach einer kurzen Phase ökonomi-
scher Erholung folgt der Übergang in die Weltwirtschaftskrise
1980/83, die nach der Krise 1974/75 der zweite Kulminationspunkt
in der seit Anfang der 70er Jahre anhaltenden Umbruchperiode der
kapitalistischen Weltwirtschaft war. 48) Die Daten aus Tabelle 3
illustrieren - trotz der Ungleichmäßigkeit der je nationalen Ent-
wicklung (hier vor allem der Aufschwung in den USA und in Japan
seit 1983) - den krisenhaften Verlauf der Kapitalakkumulation.
Sinkende Wachstumsraten führen zum Anstieg der Arbeitslosigkeit.
Die Zahl der beschäftigten Arbeitnehmer geht in Westeuropa zu-
rück, während sie in den USA und in Japan noch ansteigt. Der An-
stieg der Verbraucherpreise beschleunigt sich noch einmal zu Be-
ginn der 80er Jahre; gleichzeitig verschlechtert sich in allen
Ländern seit dem Ende der 70er Jahre die Reallohnposition der ab-
hängig Beschäftigten. 49) Die Verbesserung der Leistungsbilanz,
die Senkung der Staatsquote und der Inflationsrate sowie der Ab-
bau des Staatsdefizits sind zu zentralen Imperativen der Wirt-
schaftsund Außenwirtschaftspolitik geworden.
Tabelle 3:
Wirtschaftsdaten ausgewählter Länder 1973-1984
Land Bruttosozialprodukt 1)
1973-79 2) 1980 1981 1982 1983 1984
BRD +2,5 +1,8 -0,2 -1,1 +1,3 +2,5
Frankreich +3,1 +1,1 +0,3 +2,0 +0,7 +1,5
GB +1,3 -2,0 -2,2 +2,2 +3,2 +2,0
Italien +2,6 +3,9 -0,2 -0,4 -1,2 +2,5
USA +2,8 -0,4 +1,9 -2,1 +3,7 +7,0
Japan +3,1 +4,2 +3,0 +3,3 +3,0 +5,5
Arbeitslosigkeit 3)
1973-79 1980 1981 1982 1983 1984
BRD 3,3 3,4 4,8 6,9 8,4 8,5
Frankreich 4,0 6,4 7,8 8,8 8,9 9,5
GB 4,4 6,9 10,5 10,6 11,5 12,0
Italien 6,0 8,0 8,8 10,5 11,9 12,5
USA 6,5 7,1 7,6 9,7 9,6 7,5
Japan 1,8 2,0 2,2 2,4 2,6 2,5
Land Beschäftigte Arbeitnehmer 4)
1973-79 2) 1980 1981 1982 1983 1984
BRD -0,4 +1,5 -0,4 -1,8 -1,7 -0,5
Frankreich +0,6 +0,3 -1,2 +0,2 -0,9 -1,0
GB +0,1 -2,3 -4,0 -1,5 -0,6 -0,5
Italien +1,0 +0,9 +0,5 -0,4 -0,4 ±0
USA +2,4 +0,6 +1,2 -0,9 +1,4 +3,5
Japan +1,2 +2,5 +1,7 +1,0 +1,7 +1,0
Land Verbraucherpreise 5)
1973-79 2) 1980 1981 1982 1983 1984
BRD +4,6 +5,5 +5,9 +5,3 +3,3 +2,5
Frankreich +10,7 +13,6 +13,4 -11,8 +9,6 +7,5
GB +15,6 +18,0 +11,9 +8,6 +4,6 +5,0
Italien +16,3 +21,2 +19,5 +16,6 +14,6 +11,0
USA . +8,5 +13,5 +10,2 +6,1 +3,2 +3,5
Japan +9,9 +8,0 +4,9 +2,7 +1,9 +2,0
Land Staatsdefizit 6)
1973-79 7) 1980 1981 1982 1983 1984
BRD -2,5 -3,1 -4,0 -3,4 -2,7 -1,5
Frankreich -0,6 +0,3 -1,6 -2,5 -3,2 -3,5
GB -3,7 -3,2 -2,1 -2,4 -3,3 -2,5
Italien -9,2 -8,3 -11,9 -12,7 -11,8 -13,5
USA -1,0 -1,3 -1,0 -3,8 -4,1 -3,0
Japan -2,8 -4,2 -3,9 -3,4 -3,3 -2,0
Land Leistungsbilanz 8)
1973-79 7) 1980 1981 1982 1983 1984
BRD +1,0 -2,0 -1,1 +0,5 +0,6 +0,5
Frankreich -0,3 -0,6 -0,8 -2,2 -0,8 -0,5
GB -1,1 +1,3 +2,4 +2,0 +0,7 +0,5
Italien -0,4 -2,4 -2,3 -1,6 +0,1 ±0
USA +0,1 +0,1 +0,2 -0,4 -1,2 -2,5
Japan +0,3 -1,0 +0,4 +0,6 +1,8 +2,5
Land Staatsquote 9)
1973-82 10) 1982 1983 1984
BRD 47,3 49,9 48,9 48
Frankreich 44,7 50,5 51,5 53
GB 44,9 45 45,0 44,5
Italien 44,6 55 57,5 58
USA 34,1 35,5 35 34
Japan 29,5 34,5 35 35
_____
1) In konstanten Preisen; Veränderung gegenüber dem Vorjahr in
v.H.
2) Durchschnittliche jährliche Veränderung (geometrisches Mittel)
in v.H.
3) Anteil der Arbeitslosen an den registrierten Erwerbspersonen,
4) ab 1982: Zivile Erwerbstätige.
5) Veränderung gegenüber dem Vorjahr.
6) Finanzierungssaldo (Überschuß: +, Defizit: -) der öffentlichen
Haushalte (Gebietskörperschaften und Sozialversicherung) im Ver-
hältnis zum Bruttosozialprodukt bzw. Bruttoinlandsprodukt.
7) Durchschnittlich jährliches Verhältnis (arithmetisches Mit-
tel).
8) Leistungbilanzsaldo im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt bzw.
Bruttoinlandsprodukt in jeweiligen Preisen.
9) Staatsausgaben im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt bzw.
Bruttoinlandsprodukt.
10) Durchschnittliche jährliche Quote (arithmetisches Mittel).
Quellen: Sachverständigengutachten 1982/83, S. 18; Sachverständi-
gengutachten 1984/85, S. 24.
Die konservative Offensive - als der politische Ausdruck des
Strategiewechsels der herrschenden Klasse - ist vorab ein Resul-
tat der langfristigen Verschlechterung der Kapitalverwertungsbe-
dingungen. Ihr vorrangiges Ziel ist es, diesen Trend umzukehren,
investitions- und wachstumshemmende Hindernisse zu beseitigen,
die Position der nationalen Kapitale in der Weltmarktkonkurrenz
zu verbessern, den Weg freizumachen für einen neuen Schub der
Produktivkraftentwicklung (neue Technologien, Zukunftsindustrien)
und des Wachstums. Die politische Spezifik dieser Offensive - die
sich seit der Mitte der 70er Jahre auf dem Felde der Wirtschafts-
politik im Übergang zum Monetarismus und zur
"angebotsorientierten" Politik andeutet - besteht vor allem
darin, daß der Boden des Klassenkompromisses, der sich über die
keynesianischen Politikformen organisierte, verlassen worden ist.
Vollbeschäftigung, kontinuierlich steigende Reallöhne, Ausbau der
sozialen Sicherungen usw. sind als gleichwertige Ziele der Wirt-
schafts- und Gesellschaftspolitik aufgekündigt. Mehr noch: Die
Machtpositionen, die die Arbeiterbewegung (und dabei vor allem
die Gewerkschaften) bis zum Beginn der 70er Jahre aufgebaut ha-
ben, werden nunmehr als Profit- und Investitionsschranke, als
Hindernisse einer notwendigen "Modernisierung", definiert und an-
gegriffen. Darüber hinaus ist diese konservative Offensive darauf
angelegt, alle sozialökonomischen und ideologischen Prozesse, die
die Arbeiterklasse spalten und schwächen, auszunutzen, um eine
möglichst breite Massen- und Legitimationsbasis zu gewinnen.
Die Wahlergebnisse können zunächst als Indikatoren für den Erfolg
dieser Politik gelten. In GB wiederholten die Konservativen unter
M. Thatcher 1983 ihren Wahlerfolg von 1979 (ca. 43%). Hier fällt
vor allem der Abstieg der Labour-Party (1974: 39,3%; 1979: 36,9%;
1983: 27,6%) auf, die zusätzlich durch die Konkurrenz der sozial-
liberalen SDP (25,3%, 1983) geschwächt wurde. In der BRD erzielte
die neue konservativ-liberale Regierungskoalition nach dem Sturz
der sozialliberalen Regierung (Herbst 1982) bei den vorgezogenen
Wahlen vom März 1983 mit mehr als 55% ein ausgezeichnetes Ergeb-
nis. Die SPD fiel mit 38,2% (1980: 42,9%) auf den Stand der frü-
hen 60er Jahre zurück. Erstmals gelang den "Grünen" (5,6%) der
Sprung in den Bundestag. In Frankreich errang die Linke 1981
einen nachgerade triumphalen Wahlsieg (PS und Verbündete: 49,5%,
PCF: 18,6%). Die Kommunisten mußten dieses Ergebnis freilich als
eine Niederlage empfinden; denn sie waren bis 1974 stärkste Par-
tei der Linken gewesen. Bei den Europa-Wahlen vom Juni 1984 doku-
mentierte sich der Popularitätsschwund der französischen Linken:
Bei sinkender Wahlbeteiligung erzielten Sozialisten und Kommuni-
sten zusammen nur knapp 32%; die Kommunisten waren auf einen
neuen Tiefstand abgesunken (11,2%). Vor allem die extreme Rechte
verbuchte hier alarmierende Gewinne. In Italien mußten bei den
nationalen Wahlen 1983 die beiden größten Parteien, DC und PCI,
Verluste hinnehmen, die der PCI bei den Europawahlen 1984 wieder
ausgleichen konnte. Die Politik des PSI (der drittgrößten Partei)
hat sich unter der Führung von B. Craxi stark nach rechts ver-
schoben; als Regierungspartei konnte er seinen Stimmanteil leicht
- auf etwa 12% - verbessern.
Die Position der Gewerkschaften ist in allen Ländern schwächer
geworden. Mitgliederverluste und rückläufige Streiktätigkeit sind
Symptome des Verlustes gewerkschaftlicher Mobilisierungs- und
Orientierungskraft, die bei den Mitgliedern oftmals als Demorali-
sierung und Resignation erscheint. In Frankreich hat die Zahl der
CGT-Mitglieder von 1975 bis 1980 um über 20 Prozent abgenommen;
die CFDT soll in dieser Zeit ca. zehn Prozent ihrer Mitglieder
verloren haben. Schwere Verluste hat die CGT auch bei den Wahlen
zu den Betriebsausschüssen hinnehmen müssen. 50) Die Mitglieder-
zahl der britischen TUC-Gewerkschaften fiel von 1979 (13,5 Mil-
lionen) bis 1982 um fast zwei Millionen. 51) Die DGB-Gewerkschaf-
ten in der BRD hatten bislang geringere Einbußen zu verzeichnen:
1982/83 verloren sie mehr als 200000 Mitglieder (von knapp acht
Millionen). Auch die italienischen Gewerkschaften sind in der
Krise des vergangenen Jahrzehnts geschwächt worden. 52) Tabelle 4
zeigt, daß die Streikaktivität gegenüber der Periode 1968-1977
rückläufig ist, sich gleichwohl - im langfristigen historischen
Vergleich - nach wie vor auf einem relativ hohen Niveau bewegt.
Tabelle 4:
Streiktrends (1919-1982)
(relative Beteiligung: Zahl der an Streiks beteiligten Personen
pro 1000 der nichtlandwirtschaftlichen Erwerbstätigen; Jahres-
durchschnitte)
Land 1918-38 1946-52 1960-67 1968-73 1974-77 1978-82
BRD 25 5 2 4 4 5
Frankreich 22 94 127 135 110 27
GB 24 39 39 69 41 70
Italien 6 199 135 248 371 272
_____
Quelle: M. Shalev, Strikes and the Crisis: Industrial Conflict
and Unemployment in the Western Nations, in: Economic and Indu-
strial Democracy, Vol. 4, December 1983; zit. n. G. Therborn, The
Prospects of Labour, a.a.O., S. 61.
Die Linke befindet sich demnach in einer Position der Schwäche
und der Defensive - und es scheint zunächst, als ob sie der kon-
servativen Gegenoffensive auf dem Feld der Wirtschafts- und Ge-
sellschaftspolitik relativ ohnmächtig ausgeliefert sei. Daß bei
den nationalen Wahlen auch der Anteil der Arbeiter (vor allem der
Facharbeiter) gestiegen ist, die konservativ wählen, unter-
streicht noch die These, daß die Krisenerfahrung, aber auch das
Festhalten an korporativistischen Politikmustern konservative Be-
wußtseins- und Verhaltensformen in der Arbeiterklasse aktuali-
siert hat. Solche Widerspruchskomplexe sind mit sozialen Prozes-
sen verbunden, die - als Wirkung der ökonomischen Krise, der
technologischen Umwälzung und des konservativen Angriffs auf we-
sentliche Elemente des "Sozialstaates" - die Struktur der Arbei-
terklasse und der Klassenerfahrung selbst durchdringen und verän-
dern:
- Massenarbeitslosigkeit und Angst vor dem Verlust des Arbeits-
platzes fördern Entsolidarisierungs- und Individualisierungspro-
zesse in der Arbeiterklasse - bis hin zu jenen Formen apathischer
Resignation, die für Teile der sogenannten "Dauer-" bzw.
"Langzeitarbeitslosen" typisch sind.
- Seit der Mitte der siebziger Jahre haben die Umstrukturierungs-
prozesse und die Anpassungsstrategien des Kapitals an die neuen
Bedingungen der Akkumulation wie der Konkurrenz die Produktions-
und Beschäftigungsstrukturen tiefgreifend verändert. Die
"Dekomposition" der alten Struktur der Arbeiterklasse, 53) die
sich in der langen Aufschwungsphase der fünfziger und sechziger
Jahre herausgebildet hatte, konfrontiert die Arbeiterbewegung mit
neuen politischen und organisatorischen Aufgaben. Der Anteil der
Industriearbeiter geht zurück. Strukturkrisen (z. B. in der
Schwerindustrie und im Schiffbau) sowie Rationalisierungsprozesse
führen zu Freisetzungen, die nicht mehr durch die Wachstumsindu-
strien (z. B. Elektronik und Elektrotechnik) kompensiert werden.
Auch der Dienstleistungssektor, in dem die technische Revolution
(EDV, neue Kommunikationstechnologien) traditionelle Formen der
Arbeit und der Beschäftigung umwälzt, absorbiert nur noch einen
geringen Teil der in der industriellen Produktion freigesetzten
Arbeit. 54) Die Folge dieser Entwicklung ist nicht nur die Mas-
senarbeitslosigkeit, die die erste große Spaltungslinie in der
Arbeiterklasse, die von Beschäftigten und Arbeitslosen, eta-
bliert. Zugleich verstärken sich Segmentierungsprozesse beim be-
schäftigten Teil der Arbeiterklasse - z.B. zwischen
"Rationalisierungsgewinnern" und "-verlierern" 55) oder zwischen
den Arbeitern der Großbetriebe und der wachsenden Zahl der Be-
schäftigten in Klein- und Mittelbetrieben, die vor allem im
Dienstleistungssektor - oftmals im Grenzbereich der sogenannten
"Schattenwirtschaft" - expandieren. Dazu kommen noch jene Spal-
tungsprozesse zwischen den relativ privilegierten und den am mei-
sten diskriminierten Gruppen des Arbeitsmarktes (Ausländer, Ju-
gendliche, Frauen, Behinderte, Alte usw.).
- Schließlich fördern die neuen Technologien Dezentralisierungs-
tendenzen, die den Angriff des Kapitals auf die Lohn- und Sozial-
kosten mit einer Strategie der Flexibilisierung und Individuali-
sierung der Arbeitsangebote flankieren. Alle diese Prozesse wir-
ken letztlich in Richtung einer Schwächung der Gewerkschaftsmacht
- im Betrieb, im Bereich der Tarifpolitik und auf der zentralen
Ebene der staatlichen Gesetzgebung. Sie setzen einer Strategie,
die eine einheitliche, solidarische Klassenpolitik in der Krise
verfolgen will, objektiv und subjektiv enge Grenzen. Daß im kon-
servativen Lager - vor allem in den USA - schon heute von einem
verzweifelten Überlebenskampf der Gewerkschaften gesprochen wird,
56) illustriert die Gefahren, aber auch die großen, neuen Heraus-
forderungen, denen sich die Arbeiterbewegung in der gegenwärtigen
Krise stellen muß.
Aufgrund der zunehmenden Synchronisation der konjunkturellen Zy-
klen seit den frühen 70er Jahren und auch der tendenziellen An-
gleichung der Kapitalstrategien und ihrer politisch-staatlichen
"Übersetzung" (Austeritätspolitik) haben sich ganz zweifellos die
zentralen Probleme und Widersprüche angeglichen und verallge-
meinert, mit denen die politische und gewerkschaftliche Arbeiter-
bewegung in Westeuropa konfrontiert ist (Massenarbeitslosigkeit,
Sozialabbau, Reallohnsenkung, neue Technologien, Rationalisie-
rung, Jugendarbeitslosigkeit usw.) Gleichwohl erfolgt die Bear-
beitung dieser Widerspruchskonstellationen vorwiegend auf natio-
naler Ebene. Internationale Organisationen der Arbeiterbewegung
(z.B. der Europäische Gewerkschaftsbund, EGB) sind zu schwach, um
einheitliche, transnationale Strategien durchzusetzen. Daher sind
auch die je nationalen Besonderheiten der Konfliktverarbeitung zu
beachten, in denen zugleich spezifische Traditionen, Kampferfah-
rungen, Kräfteverhältnisse zur Geltung kommen. 57)
In der BRD hatten sich schon vor der "Wende" vom Herbst 1982 Be-
wegungen gegen die Politik der sozialliberalen Regierung for-
miert. Vor allem die Ökologie- und die Friedensbewegung haben
sich zu Massenbewegungen entwickelt. Seit Anfang der achtziger
Jahre hat die Partei der "Grünen", die diese neuen sozialen und
politischen Bewegungen partiell repräsentiert, den Sprung in na-
hezu alle Parlamente geschafft und damit (bei gleichzeitigem Ver-
fall der FDP) einen Wandel der politischen Kräftekonstellationen
herbeigeführt (wie er z. B. in den Diskussionen über Koalitionen
zwischen SPD und Grünen deutlich wird). Als Oppositionspartei hat
sich die SPD wieder eindeutiger zu Forderungen der Friedensbewe-
gung, aber auch der Gewerkschaften bekannt. In den DGB-Gewerk-
schaften war schon vor der "Wende" die Bereitschaft zum Wider-
stand gegen die Politik des Sozialabbaus zu erkennen. Gleichzei-
tig mußte Abschied von der Illusion genommen werden, daß gewerk-
schaftliche Forderungen (z. B. Beschäftigungsprogramm) auf dem
Wege der institutionalisierten Kooperation "von oben" (über den
Staat) zu realisieren sind. Die Formel "Auf die eigene Kraft be-
sinnen" wurde daher im Kampf um die Arbeitszeitverkürzung, der in
den Streiks des Jahres 1984 (IG Metall und IG Druck und Papier)
einen ersten Höhepunkt erreichte, 58) praktisch umgesetzt, um die
Mitglieder für eine alternative Politik der Beschäftigungssi-
cherung zu mobilisieren. Zugleich hat sich zwischen den DGB-Ge-
werkschaften die politische Differenzierung verstärkt. Während
die klassenautonomen Kräfte, die auch die Öffnung der Gewerk-
schafts- zur Friedensbewegung vorantreiben, auf eine Stärkung ge-
werkschaftlicher Kampfpositionen im Betrieb und in den gesell-
schaftspolitischen Auseinandersetzungen (um die Grundfragen:
Frieden, Arbeit, humane Gestaltung der Technik, Ökologie) hinar-
beiten, verfolgen die integrationistischen Kräfte eher eine Stra-
tegie der korporatistischen Annäherung an Kapital und Regierung.
In GB hat die konservative Regierung seit 1980 verschiedene Ge-
setze verabschiedet, durch die die Gewerkschaften weiter ge-
schwächt wurden (vor allem die betriebliche Organisationspraxis,
closed shop, und die Streikpraxis, Streikposten, wurden angegrif-
fen). 59) Das Ziel dieser Politik, die in den sechziger und sieb-
ziger Jahren stets am Widerstand der Gewerkschaften scheiterte,
ist eine "'Entgewerkschaftlichung' der industriellen Beziehun-
gen... nach dem amerikanischen Modell". 60) Der Abstieg der La-
bour-Party und die Ausbreitung von Massenelend in traditionellen
Industriezentren (vor allem im Norden Englands und in Schottland)
haben die Gewerkschaften noch weiter in die Defensive gedrängt.
Dabei haben sich - auch nach schweren Streikniederlagen (z.B.
1979 in der Stahlindustrie) - politische Differenzierungen zwi-
schen den TUC-Gewerkschaften intensiviert. Am Ende 1983 sprach
sich eine Mehrheit im TUC für einen "Dialog" mit der Thatcher-Re-
gierung aus. Gegen diese Politik mobilisierten vor allem die Ge-
werkschaften der Drucker, von Beschäftigten des öffentlichen
Dienstes (z.B. Gesundheitswesen) und der Bergarbeiter zu Kampfak-
tionen. Im Bergarbeiterstreik, der nunmehr fast ein Jahr andau-
ert, verdichten sich gleichsam jene Konstellationen, die für den
britischen Kapitalismus wie für die Arbeiterbewegung in der ge-
genwärtigen Krise charakteristisch sind: der verzweifelte Kampf
um die Sicherung von Arbeitsplätzen und Lebenschancen, der durch
die repressive Entschlossenheit der Regierung, dem radikalen Flü-
gel der britischen Gewerkschaftsbewegung das "Rückgrat zu bre-
chen", politisiert und radikalisiert worden ist.
In Frankreich wurden die Wahlerfolge von Präsident F. Mitterrand
und der Linksparteien (1981) zunächst von einer breiten Welle der
Enttäuschung über das Scheitern konservativer Politik in den 70er
Jahren begünstigt. Die Hoffnungen, die durch die ersten Maßnahmen
der Linksregierung (u. a. Erhöhung der Mindestlöhne, Arbeitszeit-
verkürzung, Nationalisierungen etc.) noch geweckt worden waren,
verwandelten sich jedoch bald in massive Enttäuschung (vor allem
bei der Arbeiterschaft). Mit der Berufung der Regierung Fabius
und dem Ausscheiden des PCF aus der Regierung (1984) wurde dann
auch offen der Übergang zu einer "Modernisierungspolitik" vollzo-
gen, die sich - innen- wie außenpolitisch - eher am Vorbild der
konservativ-liberalen Regierung der BRD als an den alten Program-
men der "Linksunion" bzw. der Sozialistischen Partei selbst ori-
entiert.
Daß die Kampfkraft der französischen Arbeiterklasse geschwächt
ist, kommt nicht nur im Rückgang der Streiktätigkeit, 61) sondern
auch im Machtverlust des PCF wie der Gewerkschaft CGT zum Aus-
druck. Vor allem die gespannten Beziehungen zwischen den beiden
größten Gewerkschaften, CFDT und CGT, 62) lassen ein hohes Maß an
Differenzierung, Spaltung und Desorientierung erkennen, das auch
auf der betrieblichen Ebene oftmals in der militanten Konfronta-
tion von Belegschaftsgruppen und von Richtungsgewerkschaften er-
scheint. Dennoch wäre es verfehlt, die Schwäche der französischen
Gewerkschaftsbewegung ausschließlich auf ihre Beziehung zur Re-
gierungspolitik zurückzuführen, die natürlich auch autonome Hand-
lungsmöglichkeiten der Arbeiterklasse eingeschränkt hat. Vielmehr
scheint diese Schwäche auch ein Ergebnis der ökonomischen Krise
sowie der Strukturveränderungen in der Arbeiterklasse wie der ge-
samten Lebensweise zu sein, die sich im Zuge der Modernisierung
des französischen Kapitalismus vollzogen hat. 63) Die Krise in
der Beziehung zwischen Organisationen der Arbeiterbewegung und
der Arbeiterklasse hat sich mit dem Scheitern vieler Erwartungen
an die Linksregierung eher noch verstärkt. Es muß zum gegenwärti-
gen Zeitpunkt (Anfang 1985) allerdings offen bleiben, ob PCF und
CGT mit einer radikaleren Oppositionspolitik neue Mobilisierungs-
perspektiven erschließen, ob sich ein neuer "Reformblock aus So-
zialistischer Partei, Linksgewerkschaften (CFDT) und neuen sozia-
len Bewegungen" etabliert 64) oder ob der Einfluß der politischen
Rechten weiter zunimmt.
In Italien stand die politische Entwicklung nach 1976 im Zeichen
der Politik des PCI, die nach dem Wahlerfolg dieses Jahres eine
Beteiligung an der Regierungsmacht (mit DC und PSI) anstrebte.
Nach einer zweijährigen Periode der Annäherung der drei großen
Parteien verschärften sich die Gegensätze zwischen ihnen erneut.
Anfang der 80er Jahre mußte dann auch die PCI-Führung eingeste-
hen, daß das kommunistische Projekt eines "historischen Kompro-
misses" vorerst gescheitert war. Die italienische Gewerkschafts-
bewegung, die in den vorangegangenen Jahren einen Prozeß der Po-
litisierung und Autonomisierung auf der Basis starker betriebli-
cher Positionen (Delegiertenräte) vollzogen hatte, wurde sowohl
durch die wirtschaftlichen Krisenprozesse als auch durch diese
politische Entwicklung nachhaltig beeinflußt. Zunächst unternahm
sie 1978 den Anlauf zu einer globalen Strategie, die "die Berei-
che der Beschäftigung, der programmierten Wirtschaftspraxis und
des Zusammenschlusses des Arbeitsmarktes durch regionale und Be-
zirkskörperschaften umfaßt, wobei sie zu beträchtlichen Opfern
und materiellen Zugeständnissen bereit war". 65)
In der Hoffnung auf eine Regierungsbeteiligung des PCI wurde also
hier das Modell einer "linken Austeritätspolitik" vertreten, das
einerseits auf die gewerkschaftliche und politische Stärke der
Arbeiterbewegung vertraute, andererseits jedoch über gesell-
schaftspolitische Strukturreformen (und nicht durch traditionelle
gewerkschaftliche Kampfforderungen) einen progressiven Ausweg aus
der Krise suchte. In dem Maße freilich, wie die Strategie des PCI
scheiterte und zugleich Anzeichen einer Krise der gewerkschaftli-
chen Macht an der Basis sich bemerkbar machten, 66) wurde auch
die gewerkschaftliche Kampf- und Orientierungsfähigkeit massiv
geschwächt. Der "Sozialvertrag", der 1983 zwischen Regierung, Un-
ternehmern und Gewerkschaften abgeschlossen wurde, ist daher auch
Ausdruck der veränderten Kräftekonstellationen; denn nunmehr
stimmten die Gewerkschaften Lohnsenkungen und einer Infragestel-
lung der Scala Mobile zu, ohne überhaupt über qualitative Ziele
verhandeln zu können. Die Streiks des Jahres 1983 gegen die wei-
tere Herabsetzung des Inflationsausgleiches durch die Regierung
haben noch nicht aus der Defensive herausgeführt. Die schwere
Niederlage, die die italienische Gewerkschaftsbewegung 1979/80
bei Fiat/Turin hinnehmen mußte, 67) ist daher noch längst nicht
überwunden.
Der schwedische Marxist G. Therborn, der in den vergangenen Jah-
ren durch seine Arbeiten zu einer materialistischen politischen
Soziologie hervorgetreten ist, stellt den verschiedenen Varianten
jenes modischen, linksintellektuellen Katastrophismus 68) das Mo-
dell einer empirischen, wissenschaftlichen Analyse der Existenz-
und Handlungsbedingungen der Arbeiterbewegung zu Beginn der 80er
Jahre entgegen. 69) Die Analyse der Wahlergebnisse, der Regie-
rungsbildungen, des gewerkschaftlichen Organisationsgrades, der
Streiktrends, der betrieblichen und gesamtgesellschaftlich-poli-
tischen Machtpositionen der Arbeiterbewegung (für die er als we-
sentlichen Indikator den Entwicklungsgrad des "Wohlfahrtsstaats-
Kapitalismus" nimmt) führt ihn zu der Schlußfolgerung, daß - im
historischen Vergleich - die Situation zu Beginn der 80er Jahre
als ein relativ geringfügiger Rückschlag ("a minor setback") nach
einer Phase des außergewöhnlichen Vorwärtsschreitens der Arbei-
terbewegung (1965-1975) begriffen werden muß. Die Zukunftsaufga-
ben der Arbeiterbewegung sind daher von diesen Positionen der re-
lativen Stärke, über die sie auch heute noch verfügt, abzuleiten:
"Eine Linke, die sich der Zukunft zuwendet, müßte sich auf ihre
jüngste Vergangenheit beziehen, um den modischen Trends der Ge-
genwart zu widerstehen. Antiwohlfahrtsstaatliche, antigewerk-
schaftliche und parteifeindliche Ideologien müssen heftig be-
kämpft werden, selbst wenn sie im 'linken' Gewände erscheinen und
sich der Argumente wie der Sprache der Emanzipation bedienen. Was
immer die Intentionen ihrer Autoren sein mögen, sie sind - heute
wie in der Vergangenheit - Stimmen der Reaktion und eines rechten
Revanchismus'." 70)
P. Anderson hat mit Recht darauf aufmerksam gemacht, daß die
bloße statistische Analyse von Wahlergebnissen und Gewerkschafts-
aktivitäten noch keinen hinreichenden Aufschluß über die qualita-
tive Veränderung des Kräfteverhältnisses der Klassen, damit auch
über das Ausmaß der Schwächung der Arbeiterbewegung seit dem Ende
der 70er Jahre sowie über die wachsende Kriegsgefahr, die einer
aggressiven Aufrüstungspolitik entspringt, vermitteln kann. 71)
Gleichwohl bestätigt auch unsere Analyse der Entwicklung der Ar-
beiterbewegung seit 1945, daß deren gegenwärtige Kampfbedingungen
und -perspektiven kaum nach Maßstäben einer katastrophischen Un-
tergangsstimmung zu erfassen sind. Wir können vielmehr deutlich
vier Entwicklungsphasen unterscheiden, in denen sich jeweils auch
ein bestimmter Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum, Ar-
beits- und Lebensbedingungen der Arbeiterklasse und den Verlaufs-
formen wie den Inhalten der Klassenkämpfe herstellt. Die lange
Welle des Wachstums von 1950 bis etwa 1972 hat mit der relativen
Stabilisierung des Kapitalismus zugleich Elementen eines politi-
schen und gewerkschaftlichen Reformismus zum Durchbruch verhel-
fen, der wesentlich auf zwei Säulen ruht: einmal auf einer star-
ken betrieblichen Verhandlungsmacht der Gewerkschaften, zum ande-
ren auf dem System der staatsmonopolistischen Regulierung. In der
letzten Phase der langen Nachkriegskonjunktur, in der sich schon
die Widersprüche der Kapitalakkumulation und des Übergangs in
eine neue, depressive Phase ankündigten, haben die Klassenkämpfe
in Westeuropa (wenn auch mit unterschiedlicher Intensität in den
einzelnen Ländern) zu einer Politisierung dieses reformistisch-
keynesianischen Regulierungsmodells und zugleich zu einer Ver-
schiebung des Kräfteverhältnisses der Klassen nach links geführt.
Mit dem Übergang der späten 70er Jahre haben sich aber auch die
Bedingungen des Klassenkampfes grundlegend verändert. Die Strate-
gie des Kapitals zielt nunmehr in erster Linie darauf, sowohl die
sozialökonomische Macht der Krisenprozesse und der Produktiv-
kraftentwicklung als auch die politische Macht des Staates zu ei-
nem konzentrierten Angriff auf die betrieblichen und politischen
Machtpositionen der Arbeiterbewegung zu nutzen. Für die Arbeiter-
bewegung wird angesichts der Erfahrungen der vergangenen Jahre
immer deutlicher, daß die bloße Verteidigung dieser Machtpositio-
nen sowie das Festhalten am reformistisch-keynesianischen Poli-
tikmodell entweder ihre relative Ohnmacht verstärkt oder sie zu
weiteren korporatistischen Anpassungsleistungen zwingt, die ih-
rerseits den Verzicht auf wesentliche Forderungen der Arbeiterbe-
wegung beinhalten und damit deren Defensivposition noch verstär-
ken. Dennoch: Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt hat die Arbeiterbe-
wegung in Westeuropa noch keine Niederlage hinnehmen müssen wie
etwa in den 20er oder 30er Jahren dieses Jahrhunderts. 72)
Unsere Analyse hat weiterhin gezeigt, daß die Kampfbedingungen
der Arbeiterbewegung in jeder historischen Phase nicht nur durch
die politischen Kräfteverhältnisse, sondern auch durch jene Ver-
gesellschaftungsprozesse bestimmt werden, die dem jeweiligen hi-
storischen Typus der Kapitalakkumulation entsprechen. Solche Pro-
zesse wirken gerade im hier betrachteten Zeitraum als Auflösung
traditioneller proletarischer Milieus und konstituieren daher
auch neue Formen der Klassenerfahrung wie ihrer ideologischen
Verschleierung :
- Der Anteil der Lohnabhängigen an der Gesamtzahl der Erwerbstä-
tigen hat sich in allen Ländern auf Werte über 80 Prozent erhöht.
Im Verlauf dieses objektiven "Proletarisierungsprozesses" haben
sich - gleichsam in Schüben -sektorale und soziale Differenzie-
rungen vollzogen: zunächst vom agrarischen in den industriellen
Sektor, dort von den Grundstoff- und Schwerindustrien in die In-
vestitionsgüterindustrien und schließlich in den Sektor der pri-
vaten und öffentlichen Dienstleistungen. Während aber seit Anfang
der 70er Jahre die Industriearbeiterschaft "schrumpfte", erhöhte
sich der Anteil der Angestellten und Beamten. Gerade in diesen
Bereichen (bei den unteren und mittleren Funktionsgruppen) haben
die Gewerkschaften im vergangenen Jahrzehnt ihre bedeutendsten
Organisationserfolge erzielt. 73) Zugleich hat bei allen politi-
schen Auseinandersetzungen seit den späten 60er Jahren die Poli-
tisierung und Radikalisierung eines Teils der sogenannten "neuen,
lohnabhängigen Mittelschichten" und der Intelligenz eine wichtige
Rolle bei der Linksverschiebung des politischen Kräfteverhältnis-
ses zu spielen vermocht.
- Der neue Typus der Konsumtion und der Lebensweise, der sich in
dieser Periode etabliert hat, unterscheidet sich wesentlich von
Mustern einer traditionellen, proletarischen Lebensweise. Urbani-
sierung, Wohnverhältnisse (in den neuen "Vorstädten"), das ganze
System des Individualverkehrs, das sich um das Automobil zen-
triert, ein Konsumverhalten, das durch Einkaufszentren und Super-
märkte bestimmt ist, sowie die Telekommunikation konstituieren
eine neue Lebensweise, in der sich auch das Verhältnis von Arbeit
und Freizeit gewandelt hat. Diese Lebensweise ist hoch vergesell-
schaftet und mannigfaltig ideologischen, politischen und ökonomi-
schen Herrschaftsmechanismen unterworfen. Sie realisiert sich
freilich in der Form einer extremen Individualisierung und Anony-
misierung sozialer Beziehungen und Erfahrungen.
- Schließlich hat sich in allen Ländern der Anteil der staatli-
chen Ausgaben am Sozialprodukt kontinuierlich erhöht. 74) Krise
und konservative Gegenoffensive haben den Anstieg der Staatsquote
zwar gebremst und insbesondere die Proportionen zwischen Sozial-
ausgaben und parasitären Ausgaben (für Rüstung und die Repressi-
onsapparate) zugunsten der letzteren verschoben. Gleichwohl es
ist bislang in keinem Land zu einer drastischen Reduzierung der
Staatsquote und der Sozialausgaben (etwa auf das Niveau des Jah-
res 1970) gekommen.
In der gegenwärtigen Krisensituation werden jedoch diese Verge-
sellschaftungsprozesse, die wesentlich die sozialen und poli-
tisch-ideologischen Integrationsmechanismen im staatsmonopolisti-
schen Kapitalismus unterstützt haben, durch neue Widerspruchskom-
plexe und -erfahrungen überlagert bzw. negiert, in denen sich
zugleich die "historischen Grenzen des Kapitals" ankündigen:
- der Widerspruch zwischen Wachstum und Beschäftigungsentwick-
lung, der die Perspektive des Ansteigens der Massenarbeitslosig-
keit (und des damit verbundenen Massenelends) bis zum Ende der
80er Jahre als grausamen Realismus erscheinen läßt;
- die fortschreitende Zerstörung der stofflichen und natürlichen
Voraussetzungen der Produktion wie des menschlichen Lebens über-
haupt (Umwelt-und Ökologieprobleme);
- die zunehmende Konzentration von Hunger und Elend, Analphabe-
tismus und ökologischen Schädigungen in den Ländern der "Dritten
Welt", die sich aus dem Teufelskreis von Unterentwicklung und im-
perialistischer Abhängigkeit nicht befreien können; 75)
- die zunehmende Blockierung einer Lösung dieser Widersprüche
durch die Politik der Hochrüstung und der Militarisierung, die
einerseits die Gefahren einer menschheitsvernichtenden Katastro-
phe (durch einen Atomkrieg) erhöht, andererseits einen wachsenden
Teil des gesellschaftlichen Reichtums und der schöpferischen Po-
tenzen der Menschen parasitär bindet, die für eine Erleichterung
und Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen
sinnvoll genutzt werden könnten.
Die Arbeiterbewegung kann den relativen Rückschlag, den sie mit
dem Übergang der kapitalistischen Entwicklung in eine Periode der
Stagnation und Depression hinnehmen mußte, nur überwinden, wenn
sie sich in der Verteidigung ihrer Machtpositionen und damit
zugleich des erkämpften Lebensniveaus der Lohnabhängigen zugleich
von der Illusion befreit, als ginge es in dieser Auseinanderset-
zung um die bloße Rückkehr zu den reformistisch-key-nesianischen
Politikformen früherer Jahre. Solche Formen können nicht mehr als
Zwischenschritte auf dem Weg sein, auf dem sich die Arbeiterbewe-
gung zu einer Kraft entwickelt, die zugleich die rationale, hu-
mane und demokratische Alternative für die Zukunft der Menschheit
vertritt. Im Zentrum ihrer Politik wird daher die programmatische
Neuformulierung eines Konzepts der Neuverteilung der Arbeit ste-
hen, das die heute bestehenden Eigentums- und Machtverhältnisse
transzendiert.
Dieser Weg kann gewiß nicht im einzelnen vorausgesagt werden. Er
ist aber notwendig, um schon jetzt die Weichen der gesellschaft-
lichen und politischen Entwicklung so zu stellen, daß der "harte
Anpassungskurs", den die Kräfte des Kapitals in diesem Jahrhun-
dert mit dem Übergang zur offenen Gewalt des Krieges und der Zer-
störung der Demokratie (Faschismus) verfolgt haben, in den 80er
Jahren nicht wiederholt werden kann. Gleichwohl sollte diese not-
wendige strategische Neuorientierung der Arbeiterbewegung in
Westeuropa in dem Bewußtsein erfolgen, daß Formen und Inhalte der
bevorstehenden Klassenkämpfe nicht allein vom Kräfteverhältnis
von Kapital und Arbeit in den "Metropolen" des Kapitals bestimmt
werden. Die Konkurrenz zwischen den führenden imperialistischen
Zentren, die antiimperialistischen Bewegungen in der "Dritten
Welt" und schließlich auch die Entwicklung des Kräfteverhältnis-
ses von Kapitalismus und Sozialismus im Weltmaßstab werden - ohne
daß wir die konkreten Formen künftiger Kämpfe genau voraussagen
können - die Klassenkämpfe in Westeuropa ebenso wie die strategi-
schen Optionen des Monopolkapitals nachhaltig beeinflussen. Das
Wissen um die globale Interdependenz dieser Kräfteverhältnisse
und Kämpfe sollte daher auch in die strategischen Debatten der
westeuropäischen Arbeiterbewegung Eingang finden.
_____
1) R. Dahrendorf, Verhindern statt vorantreiben? in: Die Zeit,
28.5.1984. S. 3.
2) W. Müller-Jentsch, Klassen-Auseinandersetzungen, in: Prokla
54/1984, S. 10 ff., hier S. 28.
3) Vgl. z.B. H. Kahn, Der kommende Boom, Bern und München 1982.
4) J. Huber, Die verlorene Unschuld der Ökologie, Frankfurt/M.
1982, S. 16.
5) E. Mandel, Die langen Wellen im Kapitalismus, Frankfurt/M.
1983, S. 92.
6) E. Altvater, Der Kapitalismus in einer Formkrise, in: D. Al-
bers u.a., Aktualisierung Marx', AS 100, Berlin (W) 1983, S. 80
ff., hier S. 85
7) Zur Analyse dieser Krisenprozesse in der deutschen Geschichte
des 20. Jhdts. vgl. F. Deppe, Ende oder Zukunft der Arbeiterbewe-
gung? Gewerkschaftspolitik nach der Wende, Köln 1984,
S. 105 ff.
8) Zur Problematik der Kampfzyklen vgl. F. Deppe, Einheit und
Spaltung der Arbeiterklasse, Marburg 1981, bes. S. 54ff.; E. Man-
del, Die langen Wellen..., a.a.O., S. 39ff.
9) Vgl. die Darstellung dieses Zusammenhangs bei J. Huber, Die
verlorene Unschuld der Ökologie, a.a.O., S. 16 ff.
10) Zu den Wahlergebnissen vgl. W. Wagner, Europa zwischen Auf-
bruch und Restauration, München 1968; J. Raschke (Hrsg.), Die po-
litischen Parteien in Westeuropa, Reinbek bei Hamburg 1978; F.
Wende (Hrsg.), Lexikon zur Geschichte der Parteien in Europa,
Stuttgart 1981.
11) In GB unterstützte die sehr kleine KP die Labour Party nach
ihrem Wahlsieg; vgl. P.W. Hermann, Die Communist Party of Great
Britain, Meisenheim 1976, S. 39 ff.
12) L. Niethammer, Strukturreform und Wachstumspakt. Westeuropäi-
sche Bedingungen der einheitsgewerkschaftlichen Bewegung nach dem
Zusammenbruch des Faschismus, in: H. O. Vetter (Hrsg.). Vom So-
zialistengesetz zur Mitbestimmung, Köln 1975, S. 303 ff., hier S.
314.
13) Vgl. dazu u.a. W. Loth, Die Teilung der Welt 1941-1955, Mün-
chen 1980, bes. S. 194 ff.
14) Vgl. A. Hutt, British Trade Unionism. A Short History, London
1975, bes. S. 170 ff.
15) Vgl. H. Lademacher, Der Weltgewerkschaftsbund im Spannungs-
feld des Ost-West-Konfliktes, in: Archiv für Sozialgeschichte,
(14) 1978, S. 119 ff.
16) Vgl. detailliert für Westdeutschland, Italien, Frankreich und
Griechenland H. Lademacher (Hrsg.), Gewerkschaften im Ost-West-
Konflikt, Melsungen 1982.
17) Vgl. die statistischen Angaben bei J. D. Reynaud, Les Syndi-
cats en France, Tome 2, Paris 1975, S. 221; sowie die - extrem
antikommunistisch gefärbte - Darstellung bei G. Lefranc, Le Mou-
vement Syndical. De la Libération aux Évènements de Mai-Juin
1968, Paris 1971, S. 41 ff.
18) S. G. Alf, Leitfaden Italien, Berlin (W) 1977, S. 102.
19) Vgl. H. van der Wee, Der gebremste Wohlstand, Wiederaufbau,
Wachstum, Strukturwandel, 1945-1980, Geschichte der Weltwirt-
schaft im 20. Jhdt, Band 6, München 1984, S. 42 ff.
20) Für Frankreich vgl. G. Caire, Les Syndicats Ouvriers, Paris
1971, S. 334; für Großbritannien K. Coates, T. Topham, Trade Uni-
ons in Britain, Nottingham 1980, S. 111; für Italien: R. Steiert,
Gewerkschaften in Italien, in: H. Rühle/H. J. Veen (Hrsg.), Ge-
werkschaften in den Demokratien Westeuropas, Band l, Paderborn
1983, S. 115 ff., hier S. 124; für die BRD vgl. F. Deppe u.a.
(Hrsg.), Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung, Köln
1981 (3. Aufl.), S. 384 ff.
21) Vgl. J. D. Reynaud, Les Syndicats en France, Tome 2, a.a.O.,
S. 220/221.
22) Vgl. S.G. Alf, Leitfaden ..., a.a.O., S. 183 ff.; D. Albers
u.a., Klassenkämpfe in Westeuropa, Reinbek bei Hamburg 1971, S.
109 ff.
23) Vgl. D. Albers u. a., Klassenkämpfe ..., a.a.O., S. 216.
24) Vgl. A. Hutt, British Trade Unionism, a.a.O., S. 210 ff.
25) Vgl. F. Deppe (Hrsg.), Europäische Wirtschaftsgemeinschaft
(EWG), Reinbek bei Hamburg 1975, bes. S. 213 ff.
26) Vgl. dazu u. a. A. von Brünneck, Politische Justiz gegen Kom-
munisten in der BRD, 1949-1968, Frankfurt/M., 1978.
27) Vgl. H. K. Rupp, Außerparlamentarische Opposition in der Ära
Adenauer, Köln 1980 (2. Aufl.); für die 60er Jahre: K. A. Otto,
Vom Ostermarsch zur APO, Frankfurt New York 1977.
28) Vgl. als Überblick G. Fülberth, Leitfaden durch die Ge-
schichte der Bundesrepublik, Köln 1983, bes. S. 51 ff.
29) Vgl. u. a. J. Huffschmid, Marktwirtschaft in der Bundesrepu-
blik. Geschichte, Probleme und Perspektiven, in: U. Albrecht
u.a., Beiträge zur Geschichte der BRD, Köln 1979, S. 40 ff.
30) Vgl. Die Weltwirtschaft (Kiel), Heft 2/1975, pass.
31) Vgl. dazu U. Anderson, Das internationale Währungssystem zwi-
schen nationaler Souveränität und supranationaler Integration,
Berlin (W.) 1977, S. 371 ff; H. Berg, Internationale Wirtschafts-
politik, Göttingen 1976, bes. S. 84 ff.
32) Vgl. u. a. K. Busch, Die Krise der Europäischen Gemeinschaft,
Frankfurt/M. 1978, bes. S. 210 ff.; F. Deppe, Weltwirtschafts-
krise und westeuropäische Integration, in: H. J. Axt/F. Deppe:
Europaparlament und EG-Erweiterung, Köln 1979, S. 10-61.
33) Vgl. als Überblick über die in den 60er Jahren vorherrschen-
den sozialwissenschaftlichen Ideologien über den "Abschied vom
Proletariat": F. Deppe, Das Bewußtsein der Arbeiter, Köln 1971,
bes. S. 11 ff.
34) Zur Bedeutung dieser Streiks und zur Niederlage der Heath-Re-
gierung vgl. V. L. Allen, The Militancy of British Miners,
Baildon Gren, Yorkshire, 1981, bes. S. 256 ff
35) Vgl. u. a. K. Steinhaus, Streiks in der Bundesrepublik, 1966-
1974, Frankfurt/M. 1975.
36) Für Frankreich G. Caire, Les Syndicats Ouvriers, a.a.O., S.
335.
37) K. Coates/T. Topham, Trade Unions in Britain, a.a.O., S. 43.
38) F. Deppe u. a., Geschichte ..., a.a.O., S. 458.
39) Vgl. u.a. W. Lecher, Gewerkschaften im Europa der Krise, Köln
1981, bes. S. 87ff.; L. Kißler/ U. Sattel, Die Arbeitsbedingungen
als Handlungsfelder staatlicher Politik und gewerkschaftlicher
Praxis. Ein deutsch-französischer Vergleich, in WSI-Mitteilungen.
1/1985, S. 40 ff.
40) W. Lecher, Gewerkschaften..., a.a.O., S. 131.
41) Vgl. u.a. D. Albers, Demokratie und Sozialismus in Italien,
Frankfurt/New York 1978, bes. S. 70 ff.
42) Vgl. Gemeinsames Regierungsprogramm. FKP und SP, Frankfurt/M.
1972.
43) Vgl. u.a. B. Trentin, Arbeiterdemokratie, Hamburg 1978, bes.
S. 107 ff., wo der Gedanke der neuen Einheit und Autonomie aus
der "Kritik von Leninismus und Sozialdemokratismus", damit in der
Perspektive einer neuen pluralistischen Basisorientierung entwic-
kelt wird.
44) Aus der reichhaltigen Literatur sei erwähnt K. Priester, Hat
der Eurokommunismus eine Zukunft? München 1982.
45) Vgl. F. Deppe. Proletarischer Internationalismus und nationa-
ler Klassenkampf. Zur Europapolitik der kommunistischen Parteien,
in: ders. (Hrsg.), Arbeiterbewegung und westeuropäische Integra-
tion, Köln 1976, S. 317 ff.
46) Vgl. G. Therborn, The Prospects of Labour and the Transforma-
tion of Developed Capitalism, in: Socialism in the World
(Beograd/Yug.), 44/1984, S. 50ff.
47) G. Arrighi, Der Klassenkampf im Westeuropa des 20. Jahrhun-
derts, in: F. Fröbel u.a. (Hrsg.), Krisen in der kapitalistischen
Weltökonomie, Reinbek bei Hamburg 1981, S. 53 ff., hier S. 57.
48) Vgl. H.J. Höhme, Zu den Merkmalen und zur Rolle der kapitali-
stischen Weltwirtschaftskrise 1980/83, in: IPW-Berichte 2/1984,
S. 1 ff.
49) Vgl. die Angaben in: Sachverständigengutachten 1984/85, S.
25.
50) Vgl. G. Groux/C. Levy, Gewerkschaftskrise und Unternehmerof-
fensive in Frankreich, in: Prokla 54/1984, S. 106 ff.; C. Legge-
wie, Zur Entwicklung der französischen Gewerkschaften in den
siebziger Jahren, in: D. Albers (Hrsg.), Westeuropäische Gewerk-
schaften, Berlin (W) 1982, AS 85, S. 31 ff.
51) R. Hyman, Die Krankheit der britischen Gewerkschaftsbewegung:
Gibt es ein Heilmittel? in: Prokla 54/1984, S. 40ff., hier S. 43.
52) Vgl. M. Boni: Von den Gewerkschaften der Herbstes zum Herbst
der Gewerkschaften. Italien am Anfang der achtziger Jahre, Mar-
burg 1983.
53) Vgl. L. Raphael, Partei und Gewerkschaft. Die Gewerkschafts-
strategien der kommunistischen Parteien Italiens und Frankreichs
seit 1970, Münster 1984, S. 71 ff.; vgl. ebenfalls F. Deppe, Ende
oder Zukunft der Arbeiterbewegung..., a.a.O., S. 170 ff.
54) Vgl. u.a. B. Lutz, Der kurze Traum immerwährender Prosperi-
tät, Frankfurt/New York 1984, bes. S. 236 ff.
55) Vgl. H. Kern/M. Schumann, Das Ende der Arbeitsteilung? Ratio-
nalisierung in der industriellen Produktion, München 1984.
56) Vgl. auch F. Deppe, Zukunftsfelder der Gewerkschaftspolitik,
in: Nachrichten 12/1984.
57) Als vergleichenden Überblick zur Gewerkschaftsbewegung vgl.
D. Albers. Neuere Tendenzen der Krisenverarbeitung in der westeu-
ropäischen Gewerkschaftsbewegung, in: ders. (Hrsg.), Westeuropäi-
sche Gewerkschaften, a.a.O., S. 6 ff.
58) Vgl. G. Kautsch u.a., Der Arbeitskampf um die 35-Stunden-Wo-
che, Frankfurt/M. 1984; U. Achten u.a., Arbeitskampf um Arbeits-
zeit. Perspektiven gewerkschaftlicher Zukunft in flexibler Ar-
beitszeit, Marburg 1985.
59) Vgl. B.C. Roberts, Die Arbeitsbeziehungen in Großbritannien:
neue Trends und Themen, in: P. Windorf (Hrsg.), Gewerkschaften in
Großbritannien, Frankfurt/New York 1983, S. 305 ff.
60) R. Hyman, Die Krankheit der britischen Gewerkschaftsbewegung,
a.a.O., S. 46.
61) Vgl. die Zahlen bis 1983 in: IPW-Berichte 8/1984, S. 48.
62) Vgl. L. Peter, Probleme der gewerkschaftlichen Aktionseinheit
in Frankreich, in: lendemains 30/1983, S. 62 ff.; C. Leggewie,
Zur Entwicklung der französischen Gewerkschaftsbewegung...,
a.a.O.
63) Vgl. auch R. Martelli, Die französische Arbeiterklasse: Ge-
genwart und Zukunft ihres revolutionären Kampfes, in: IMSF
(Hrsg.), Marx ist Gegenwart, Frankfurt/M. 1983, S. 97 ff.
64) C. Leggewie, Der französische Reformblock aus Sozialistischer
Partei, Linksgewerkschaften und neuen sozialen Bewegungen, in:
Prokla 54/1984, S. 131 ff.
65) R. Steiert, Gewerkschaften in Italien, a. a. O., S. 175; M.
Boni: Von den Gewerkschaften..., a. a. O., S. 55 ff.; M. Regini,
Der italienische Weg zum Sozialvertrag während der 80er Jahre,
in: Prokla 54/1984, S. 97 ff.
66) Vgl. B. Trentin, II Sindicato dei Consigli, Roma 1980.
67) Vgl. ausführlich M. Boni, Von den Gewerkschaften..., a.a.O.,
S. 77 ff.
68) Brillante Kritiken dieser Haltung bei M. Schneider, Die In-
tellektuellen und der Katastrophismus, in: ders., Nur tote Fische
schwimmen mit dem Strom, Köln 1984, S. 76 ff.
69) Vgl. G. Therborn, Prospects..., a. a. O., S. 50 ff.
70 Ebd., S. 87.
71) Perry Anderson, Diskussionsbeitrag, in: Socialism in the
World 44/1984, S. 221 ff.
72) Zur Geschichte der Krisen im Kapitalismus vgl. als einen aus-
gezeichneten Überblick E. J. Hobsbawm, Die Krise des Kapitalismus
in historischer Perspektive, in: F. Fröbel u.a. (Hrsg.), Krisen
in der kapitalistischen Weltökonomie, a.a.O., S. 35 ff.
73) Vgl. "Gewerkschaften haben Einfluß wie noch nie", in: Frank-
furter Rundschau vom 29. 1. 1984, S. l; hier wird über den neue-
sten "Weltarbeitsbericht" des ILO (Genf) berichtet, der entschie-
den der These vom "Niedergang der Gewerkschaften" widerspricht.
74) Vgl. die statistischen Angaben bei G. Therborn, Prospects ...
a.a.O., S. 74 ff.
75) Vgl. F. Castro, ... wenn wir überleben wollen. Die ökonomi-
sche und soziale Krise der Welt, Dortmund 1983; H. Bömer, Die
drohende Katastrophe. Globale Probleme der Menschheit, Frank-
furt/M. 1984.
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