Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 08/1985
zurück
RISIKOPOLITIK UND ATOMWAFFENOPTION: ZUM "KRISENMANAGEMENT"
AMERIKANISCHER REGIERUNGEN WÄHREND DER KUBA-KRISE UND DES
KOREA-KRIEGES
Bernd Greiner
1. Analytische Ansatzhöhe: Krisen und Kriegsgefahr im Kalten
Krieg - 2. Risikopolitik während der Kuba-Krise - 3. Risikopla-
nung während des Korea-Krieges: die Debatte um den Einsatz von
Atomwaffen - 4. Weiterführende Fragestellungen
1. Analytische Ansatzhöhe: Krisen und Kriegsgefahr
--------------------------------------------------
im Kalten Krieg
---------------
Die seitens der USA verfolgte Strategie des Kalten Krieges wird
vielerorts als "militarisierte Außenpolitik" oder als
"militärisch dominierte Diplomatie" bezeichnet. Dergleichen Um-
schreibungen besagen, daß die amerikanische Außen- und Militärpo-
litik zwischen 1947 und 1962 die K r i e g s g e f a h r er-
höhte: im Streben nach Absatz- und Rohstoffmärkten sowie "Ein-
flußzonen" verschärfte sie politische Konflikte, eskalierte die
atomare Hochrüstung und ging axiomatisch davon aus, einen
fortschreitenden Zerfall von Machtpositionen (beispielsweise zu-
gunsten der sich entkolonialisierenden Entwicklungsländer und/
oder der sozialistischen Staaten) gegebenenfalls durch "gewinn-
bare" Atomkriege aufhalten zu können. Erinnert sei nur an
Präsident Trumans berühmte Pressekonferenz vom 30.11.1950, als er
bestätigte, daß die USA zum Einsatz aller ihr zur Verfügung ste-
henden Waffen in Korea bereit seien und daß seit jeher über die
Möglichkeit des Einsatzes atomarer Waffen nachgedacht wurde
("there has always been active consideration of its use." 1)).
Ob und unter welchen Bedingungen eine solche Politik in Krieg um-
schlägt, hängt in hohem Maße davon ab, wie K r i s e n s i t u-
a t i o n e n - sei es in der Dritten Welt oder in der direkten
Konfrontation mit sozialistischen Ländern - gehandhabt werden:
Welche Interessen bringen die USA in solche Krisen ein, mit
welchen Mitteln und zu welchem Zweck wird "Krisenmanagement"
betrieben, wann ist ein Punkt erreicht, wo es "Wichtigeres als
den Frieden" gibt?
Im folgenden wird dieses S p a n n u n g s v e r h ä l t n i s
v o n K r i s e u n d K r i e g und die w e c h s e l s e i-
t i g e B e z i e h u n g v o n P o l i t i k u n d M i l i-
t ä r anhand zweier Fallbeispiele aus der Zeit des Kalten
Krieges diskutiert: Kuba-Krise und Korea-Krieg sollen Antwort
darauf geben, an welchen Kriterien sich der inneradministrative
Entscheidungsprozeß in Washington orientierte, wie Krisenpolitik
geplant und umgesetzt wurde, welche politisch-militärischen
Instanzen daran beteiligt waren und wie deren Zusammenarbeit
funktionierte. Im Mittelpunkt stehen also K r i s e n p l a-
n u n g und -r e g u l i e r u n g. In erster Linie werden
interne Dokumente politischer und militärischer Entscheidungs-
gremien ausgewertet, die seit Mitte der 70er Jahre deklassi-
fiziert, aber nur teilweise veröffentlicht sind.
Diese historisch orientierte Bestandsaufnahme soll einen Beitrag
leisten, das Problem der "Kriegsgefahr" systematisch zu diskutie-
ren und methodische Hinweise zur aktuellen Diskussion um Krieg
und Frieden zu liefern. 2)
Ausgegangen wird vom Begriff der "precipitated crisis". Dieser
Anfang der 60er Jahre in der inneramerikanischen Diskussion popu-
larisierte Begriff besagt zweierlei:
- Unter bestimmten Bedingungen könne es für die Vereinigten Staa-
ten vorteilhaft und nutzbringend sein, direkte Konfrontationen
mit den sozialistischen Ländern zu provozieren (beispielsweise,
um Positionsgewinne in der Dritten Welt zu erzielen oder Ansätze
zu einem innenpolitischen "Roll Back" in Osteuropa zu unterstüt-
zen);
- möglicherweise sei es auch angebracht, Krisen im Ost-West-Ver-
hältnis kalkuliert zu "forcieren" und "kontrolliert zu eskalie-
ren". So gesehen, erscheinen zugespitzte (politische und/oder mi-
litärische) Konfliktsituationen als Medium zur Durchsetzung hege-
monialer Interessen, die unter anderen Bedingungen nicht oder nur
modifiziert hätten realisiert werden können. Aus den Reihen der
RAND-Corporation wurde politischer Strategiebildung daher die
Aufgabe zugeschrieben, "Bedingungen zu benennen, die bei geringem
Risiko ausufernder Gewalt den Rückgriff auf konfrontative Maßnah-
men zulassen und, falls es zur offenen Gewaltanwendung kommt, die
Umstände und Mittel anzugeben, die den Prozeß weiterer Eskalation
abbremsen können." 3)
Eine Analyse regierungsinterner Beratungen der 50er Jahre zeigt,
daß diese Konzeption zum Grundbestand der (spätestens seit Sommer
1947 verfolgten) "Strategie des Kalten Krieges" zu rechnen ist.
Das Politikmodell der "precipitated crisis" schloß stets die Mög-
lichkeit ein, daß krisenkontrollierende Mechanismen versagen und
amerikanische Außen- und Militärpolitik selbst zum kriegsauslö-
senden Faktor werden könnten. "... eine Politik, die jegliches
Risiko eines Weltkrieges vermeidet, würde die Nation hilflos
feindlichen Drohungen ausliefern." 4) Außenpolitische Grundsatz-
ziele waren von vornherein als Anliegen definiert, die gegebenen-
falls nur über krisenhafte Zuspitzung durchsetzbar waren und
folglich auch einen Atomkrieg als Mittel der Politik implizier-
ten. Dwight D. Eisenhower stellt in seinen Memoiren diesen Zusam-
menhang zwischen weltweiten Verpflichtungen der USA und der Ge-
waltoption her, wenn er (übereinstimmend mit den Positionen des
Nationalen Sicherheitsrates und des Vereinigten Generalstabes)
schreibt: "Ich gehe nach wie vor davon aus, daß die USA auf kei-
nen Fall ihre augenblicklichen militärischen Verpflichtungen in
aller Welt aufrechterhalten könnten ..., verfügten wir nicht über
atomare Waffen und den Willen, diese nötigenfalls einzusetzen."
5)
Der Korea-Krieg (1950-53) und die Raketenkrise um Kuba (Oktober
1962) gelten als klassische Beispiele für Krisen, die seitens der
USA politisch kalkuliert "forciert" wurden.
Zunächst zur Kuba-Krise: Die bisher überzeugendste Erklärung so-
wjetischer Politik im Sommer und Herbst 1962 besagt, daß die
UdSSR die Raketen auf Kuba stationierte, um einen qualitativen
Rüstungsschub der USA (u. a. die beschleunigte Einführung von In-
terkontinentalraketen) zu neutralisieren. 6) Da die Vereinigten
Staaten ihren rüstungstechnologischen Vorsprung und militärstra-
tegischen Vorteil unter allen Umständen wahren wollten, lehnten
sie die sowjetische Maßnahme kategorisch ab. Freilich ging die
amerikanische Krisenpolitik um Kuba weit über diesen militärpoli-
tischen Gesichtspunkt hinaus. W. W. Rostow rückte in einem Memo-
randum an den präsidialen Sicherheitsberater, McGeorge Bundy, po-
litische Interessen in den Mittelpunkt. "Es ist z u d i e s e m
Z e i t p u n k t d e r A u s e i n a n d e r s e t z u n g
z w i s c h e n O s t u n d W e s t unbedingt erforderlich,
daß den Sowjets kein Erfolg in der Größenordnung zugestanden
wird, wie dies bei einer funktionsfähigen Raketenstellung auf
Kuba der Fall wäre." 7) Im einzelnen wurde darauf verwiesen, daß
sowjetische Raketenbasen auf Kuba der US-Containment-Politik im
gesamten mittel- und lateinamerikanischen Raum schweren politi-
schen Schaden zufügten; daß die amerikanische Politik und
"Glaubwürdigkeit" in anderen Krisengebieten und damit zugleich
alle nach dem Zweiten Weltkrieg eingegangenen politischen Ver-
pflichtungen ("commitments") untergraben würden; daß in Krisen
wie um Kuba generell über die künftige internationale Machtver-
teilung und folglich auch über Verlauf und Ausgang künftiger Kri-
sen vorentschieden würde; daß ein Erfolg ihres Unternehmens der
UdSSR einen signifikanten "signal success" brächte und generell
die sowjetischer Außenpolitik nach 1945 auferlegten Beschränkun-
gen (u. a. Rüstungslasten) erheblich reduzierte. In dieser Aus-
einandersetzung standen folglich die Logik und der künftige Wert
der gesamten Kalte-Kriegs-Strategie zur Disposition. "Folglich
hing in amerikanischer Sicht die Zukunft der Welt auch von der
Auseinandersetzung um diese kleine Insel ab." 8)
Darüber hinaus wußte die amerikanische Regierung, daß über sowje-
tische Raketen auf Kuba nicht verhandelt werden konnte, ohne
zugleich die vorgeschobenen, in Grenznähe zur UdSSR befindlichen
(Raketen-)Stützpunkte der USA zur Disposition zu stellen. Dies
hatte Außenminister Rusk bereits im Mai 1961 vor dem Auswärtigen
Ausschuß des Senats (in geheimer Anhörung) zu erkennen gegeben:
Eine diplomatische Behandlung Kuba-stationierter Raketen verbiete
sich, "denn im Falle politischer und diplomatischer Bemühungen,
eine solche Entwicklung zu verhindern, zu unterbinden oder sie
(die sowjetischen Raketen - B.G.) abzubauen, sähen wir uns einer
schwierigen Verhandlungsposition gegenüber - möglicherweise mit
Rückwirkungen auf die Stellung der NATO und die in anderen Teilen
der Welt aufgebauten Verteidigungslinien gegenüber der So-
wjetunion." 9)
Letztendlich brachte Präsident Kennedy das Problem der künftigen
Durchsetzbarkeit imperialer Interessen zur Sprache. Sowjetische
Raketen auf Kuba würden die "Glaubwürdigkeit" (sprich: die Ent-
schlossenheit, im Zweifelsfall auch zu gewaltsamen Mitteln zu
greifen) amerikanischer Politik in Frage stellen. Zugleich wären
"power image" und "Prestige" der UdSSR aufgewertet worden. "Dies
hätte das Gleichgewicht der Macht politisch verändert. Es hätte
den Anschein gehabt, und der Schein ist Teil der Realität." 10)
Allein die reale Erfahrung einer Krise konnte gegenteilige Ent-
wicklungstrends aufhalten oder in ihr Gegenteil verkehren. Diese
Ratio einer "precipitated crisis" hatte Kennedy schon im Sommer
1961 formuliert. "Eines Tages, sagte er, könnte der Zeitpunkt
kommen, wo er das größtmögliche Risiko würde eingehen müssen, um
Chruschtschow davon zu überzeugen, daß Entgegenkommen nichts mit
Demütigung zu tun habe. ... 'Er (Chruschtschow - B.G.) muß uns in
Aktion sehen'." 11)
Aus all diesen Gründen schien ein "showdown", ein zeitlich wie
politisch forciertes Austragen der Raketenkrise, unumgänglich.
Vergleichbare machtpolitische Überlegungen spielten zu Beginn und
während des Korea-Krieges eine Rolle. Unmittelbar vor Ausbruch
des Krieges gab es innerhalb der Traman-Administration noch tief-
greifende Meinungsverschiedenheiten über den künftig einzuschla-
genden außenpolitischen Kurs. NSC-68, ein im April 1950 vorgeleg-
tes Memorandum des Außen- und Verteidigungsministeriums, spiegelt
diese Kontroverse: es ging erstens darum, zu welchem Zweck die
vorgeschlagene Verdreifachung des Rüstungshaushalts erfolgen
sollte. Sollten die atomar-strategischen Streitkräfte im Mittel-
punkt stehen oder der Aufbau einer flexiblen, konventionellen In-
terventionstruppe? Konnte ein Rüstungshaushalt dieser Größenord-
nung (ca. 40 Milliarden Dollar) innenpolitisch überhaupt durchge-
setzt werden, und welche Möglichkeiten gab es, sich der poli-
tisch-finanziellen Lastenteilung anderer NATO-Staaten u versi-
chern? Zweitens mußten Entscheidungen bezüglich einer friedens-
vertraglichen Regelung mit Japan und einer westdeutschen Wieder-
bewaffnung in die Wege geleitet werden. Drittens wurde verstärkt
darüber diskutiert, ob es politisch möglich und effektiv sei, das
in Westeuropa praktizierte Modell einer antikommunistischen Alli-
anzbildung auf Schlüsselregionen der Dritten Welt - etwa Südosta-
sien - zu übertragen. Damit hing auch ein von der Rechtsopposi-
tion (China-Lobby, MacArthur-Flügel der republikanischen Partei)
favorisiertes Thema zusammen: Wie konnte verhindert werden, daß
die VR China in die UNO aufgenommen würde, und war es möglich,
Japan in einem strategisch relevanten Umfang wiederaufzurüsten?
Inmitten dieses Diskussions- und Entscheidungsprozesses eskalier-
ten die Konflikte in Korea - unter bis heute nicht geklärten Um-
ständen - zum Bürgerkrieg. Für unseren Zusammenhang sind weniger
die konkreten Ursachen des Kriegsausbruchs relevant als die Tat-
sache, daß die amerikanische Regierung binnen weniger Tage 12)
ihre intern festgelegten wie öffentlich legitimierten Richtlinien
zur Südostasien-Politik in einem wichtigen Punkt aufkündigte.
Entgegen der bisherigen Beschlußlage entschied man sich nämlich
für den Einsatz von Bodentruppen in Korea. I. F. Stone begründet
in seiner klassischen Studie zum Korea-Krieg diesen Schritt mit
dem Hinweis auf ein gemeinschaftliches Interesse aller politi-
schen Fraktionen in Washington an einem "begrenzt eskalierten
Krieg". Man sah die Möglichkeit, im Schatten eines scheinbar un-
bestreitbaren "kommunistischen Angriffs" den Boden zur Durchset-
zung weitreichender und von Korea unabhängiger politischer Ziele
zu bereiten: innenpolitisch einen substantiell erhöhten Rüstungs-
haushalt; NATO-intern die deutsche Wiederbewaffnung; in Fernost
einen Friedensvertrag mit Japan unter Ausschluß der UdSSR und der
VR China von allen diesbezüglichen Verhandlungen. Insofern war
Korea - so Stone - "ein Schachbauer, der für einen wichtigeren
Zug geopfert werden sollte ...". 13)
Die für unseren Zusammenhang entscheidende Frage lautet, welche
Politik die Vereinigten Staaten im Verlauf dieser extremen (aber
in der Logik der amerikanischen Strategie des Kalten Krieges be-
gründeten) Konfliktsituationen betrieben. Wie verhalten sich po-
litische Risikobereitschaft und militärisches Risikokalkül zu di-
plomatischem "Krisenmanagement"? Welche Möglichkeiten konflik-
teinhegender politischer Kontrolle wurden wahrgenommen, und bis
zu welchem Grad konnten sich militärische Krisenoptionen durch-
setzen? Kurz, bis an welche Grenze reichte die Risikopolitik des
Kalten Krieges? Die im Falle Kubas und Koreas betriebene Krisen-
politik der USA ging von zwei allgemeinen (und einander wider-
sprechenden) Prämissen aus:
- Es kann davon ausgegangen werden, daß kriegerische und nicht-
kriegerische Mittel auch im Kalten Krieg politisch-strategisch
nicht gleichberechtigt sind. Gerade die regierungsinternen Doku-
mente der 50er Jahre belegen, daß es k e i n e Frage der poli-
tischen Taktik war, ob bei der Verfolgung außenpolitischer Ziele
und insbesondere im Verhältnis zu den sozialistischen Ländern zum
Mittel militärischer Gewalt gegriffen wurde oder nicht. Anders
ausgedrückt: Die verschiedenen amerikanischen Regierungen der
50er Jahre formulierten für die Systemauseinandersetzung einen
Primat nicht-kriegerischer Maßnahmen und - für den Fall akuter
Krisen - p o l i t i s c h e n Krisenmanagements. Es ging in er-
ster Linie darum, eine Grenzüberschreitung zu einem intersystema-
ren Krieg so weit wie möglich zu vermeiden. D. h., die Frage ato-
marer Kriegsführung wurde um so politischer gehandhabt, je zer-
störerischer das einsetzbare Waffenpotential wurde. 14)
- Zugleich aber orientiert die Strategie des Kalten Krieges dar-
auf, ein dauerhaft hohes Konflikt- und Risikoniveau zu schaffen.
Dies schien am besten geeignet, gegenüber den sozialistischen
Staaten die weltpolitischen Ordnungsvorstellungen der USA durch-
zusetzen. Es wurde unterstellt, die USA seien (insbesondere an-
läßlich eskalierender Krisen) nur dann behauptungsfähig, wenn sie
"glaubhaft" einen "p o l i t i s c h e n W i l l e n" z u r
G e w a l t a n w e n d u n g, inklusive atomarer Kriegsführung,
demonstrieren könnten. Ungeachtet des oben unterstellten Primats
politischer Mittel wurde also axiomatisch eingeklagt, sich einer-
seits so weit wie möglich materiell und strategisch-doktrinär auf
Kriegsführung vorzubereiten und andererseits so weit wie nötig
mit Gewalt zu drohen bzw. diese gegebenenfalls auch anzuwenden.
Das für die Krisenpolitik entscheidende Problem bestand darin, ob
und wie dieser "Wille zur Gewaltanwendung" politisch effizient
unterstrichen werden konnte. Die Gegenseite durfte ihn keineswegs
als Bluff begreifen, sondern mußte durch r e a l e s H a n-
d e l n von der Ernsthaftigkeit der amerikanischen Bereitschaft
zu militärischer Eskalation überzeugt werden.
"Krisenmanagement" während einer "forcierten Krise" wurde somit
im S p a n n u n g s f e l d p e r m a n e n t w i d e r-
s p r ü c h l i c h e r (weil phasenweise sich ausschließender
und gegenläufiger) A n f o r d e r u n g e n formuliert. Von
vornherein war ein hohes Maß unkalkulierbarer - aber vermeintlich
notwendiger - Risiken darin angelegt. W i l l i a m s um-
schreibt dies mit den Worten: "Der Schlüssel zum Erfolg liegt
darin, eine Entwicklung in Gang zu setzen, die die Wahrschein-
lichkeit einer Katastrophe vergrößert, ohne aber die Kontrolle
über die Situation allzusehr einzuschränken." 15) Krieg ließ sich
vorgeblich nur vermeiden, wenn man im Zweifelsfall bis zum
"Abgrund" zu gehen bereit sei und de facto eskalierende Maßnahmen
real einleite, d. h., wenn die Kontrolle über die Situation
kalkuliert reduziert und die (Atom-)Kriegsgefahr dadurch objektiv
erhöht würde.
Es wird im folgenden darauf ankommen, über diese allgemeinen Vor-
gaben hinauszugehen und verallgemeinerbare Kriterien zu entwic-
keln, anhand derer Krisenverhalten und Risikobereitschaft der USA
während der Kuba-Krise und des Korea-Krieges beurteilt werden
können. Zu fragen ist nach analytischen Parametern, die Aufschluß
darüber geben, wie weit die Gefahr einer atomarkriegerischen
Grenzüberschreitung in einer konkreten historischen Situation
fortgeschritten war.
Eine unter diesem Blickwinkel geführte Diskussion über den Kalten
Krieg ist nicht zuletzt deshalb wieder aktuell und notwendig,
weil inzwischen eine Fülle neuen Quellen- und Dokumentenmaterials
aus amerikanischen Archiven vorliegt. Auf diese Materialien stüt-
zen sich die hier vorgestellten Überlegungen zum Verhältnis von
Krise und Krieg.
2. Risikopolitik während der Kuba-Krise
---------------------------------------
In der (amerikanischen) Krisen- und Konfliktforschung werden im
wesentlichen drei Politikfelder herangezogen, um Krisenverhalten
im allgemeinen und die Anwendung einer "coercive diplomacy" (des
Mittels eskalierender Konfrontation also) zu analysieren:
- In welcher Weise werden die g r u n d s ä t z l i c h e n
I n t e r e s s e n d e r G e g e n s e i t e respektiert und
bei der eigenen krisenpolitischen Taktik in Rechnung gestellt?
- Wie wird der p o l i t i s c h e F o r d e r u n g s k a t a-
l o g vorgestellt: in Form begrenzter, präzisierter Ziele oder
vermittels vieldeutiger, unterschiedlich interpretierbarer Auf-
forderungen? Wird der Gegenseite eine politisch vertretbare
R ü c k z u g s m ö g l i c h k e i t offengehalten, und welcher
Art sind die (bei Erfüllung der eigenen Forderungen) in Aussicht
gestellten Z u g e s t ä n d n i s s e?
- In welcher Weise werden m i l i t ä r i s c h e O p t i o-
n e n politisch ins Spiel gebracht: senken oder steigern sie die
Gefahr nicht mehr kontrollierbarer Eskalation, leisten sie
Fehlkalkulationen der Gegenseite Vorschub oder provozieren sie
gar sofortige militärische Gegenmaßnahmen? D.h.: welcher politi-
sche Interventionsspielraum bleibt, wenn bestimmte militärische
Zwangsmittel eingesetzt werden, und sind diese noch vereinbar mit
Versuchen politisch-diplomatischer Krisenlösung? Wie ist der
verbleibende politische Bewegungsspielraum bemessen?
Unter Zugrundelegung dieser Parameter kommen bürgerliche Kon-
fliktforscher (z.B. Williams, George, Smoke, Holbraad) zu dem
Ergebnis, daß sich die USA während der Kuba-Krise zwar des Mit-
tels der Eskalation bedienten, zugleich aber in hohem Maße poli-
tisch "rückversichert", d. h. flexibel, agierten: "... eines der
auffälligsten und bemerkenswertesten Merkmale der Konfrontationen
des Kalten Krieges ist in der Art und Weise zu sehen, in der ei-
ner zwangbesetzten Diplomatie immer wieder unmerkliche, aber
nichtsdestoweniger unverzichtbare Beschränkungen auferlegt wur-
den." 16)
Zum Beleg dieser These ("prudent self-restraint") wird angeführt,
die Vereinigten Staaten hätten die Krise nur deshalb eskaliert,
weil man davon ausgehen konnte, daß die "nationale Sicherheit"
der UdSSR durch Entwicklungen in und um Kuba nicht unmittelbar
tangiert würde. Insofern seien "vital inter-ests" der Sowjetunion
zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt worden; die amerikanische
Regierung habe nicht mit einem vergleichbar "hohen Einsatz" der
UdSSR gerechnet bzw. rechnen müssen. Kennedy habe des weiteren
seinen Forderungskatalog präzise benannt und damit "Zweifel" und
"Zweideutigkeit" weitestgehend reduziert. Gefordert war lediglich
der Abzug in Kuba befindlicher Raketen, nicht aber aller sowjeti-
scher Rüstungsgüter von der Insel. Zugleich seien der sowjeti-
schen Regierung Zugeständnisse in Aussicht gestellt und Rückzugs-
möglichkeiten offengehalten worden: Kennedy signalisierte, daß
die USA nach Abzug der Raketen auf eine Invasion Kubas und eine
Konterrevolution gegen Castro verzichten würden; auch habe der
Präsident - so Alexander L. George - den baldigen Rückzug der Ju-
piter-Raketen aus der Türkei angedeutet und damit einen kri-
senentscheidenden Beitrag zur Wahrung des Friedens geleistet
(Williams). 17) Nicht zuletzt seien die militärischen Maßnahmen
dem Gegenstand des Konflikts angemessen gewesen. Die stufenweise
durchgeführte Seeblockade ("graduated escalation") räumte in die-
ser Sichtweise der UdSSR maximale Bedenkzeit ein, erlaubte eine
Vielzahl paralleler politischer Initiativen und blieb - dies wohl
am wichtigsten - jederzeit politisch kontrollierbar; der diploma-
tische Bewegungsspielraum wurde dadurch nicht wesentlich ein-
geengt. Laut Williams und George war die Regierung Kennedy mit
maximalem Aufwand bestrebt, den Krisenverlauf politisch wie mili-
tärisch kontrolliert, d.h. a b g e s t u f t eskaliert, zu hal-
ten. Sie habe es verstanden, krisenentscheidenden Druck auszuüben
u n d "einer Minimierung der Risiken absoluten Vorrang einzuräu-
men ..." 18). Insofern sei gerade die Kuba-Krise ein Musterbei-
spiel kontrollierter und kontrollierbarer Risikopolitik.
Es soll und kann nicht in Abrede gestellt werden, daß die Regie-
rung K e n n e d y über weite Strecken dem Primat nicht-kriege-
rischer Mittel verpflichtet und in hohem Maße um diplomatische
Konfliktkontrolle bemüht war. Dies kann aber mitnichten Anlaß
sein, die im Oktober 1962 real gegebene Kriegsgefahr zu bagatel-
lisieren. Auf die "Krisenstrategie des Kalten Krieges" und das
Mittel der "forcierten Krise" verpflichtet, leitete die amerika-
nische Administration zugleich Schritte ein, die die Versuche zur
Konflikteinhegung in Frage stellten und zum Anlaß eines Dritten
Weltkrieges hätten werden können. D.h., die oben referierte These
der jederzeit "rückversicherten Diplomatie" ist nicht haltbar.
Ihr können - auf Grundlage neueren Quellenmaterials - folgende
Überlegungen entgegengehalten werden:
- Vor und während der Krise wurde deutlich, daß die USA
n i c h t bereit waren, das s o w j e t i s c h e I n t e-
r e s s e an nuklearstrategischer Parität (und damit "gleicher
Sicherheit") anzuerkennen. Die Regierung Kennedy war axiomatisch
darauf festgelegt, auf Dauer aus einer Position strategischer
Überlegenheit operieren zu können. Allison hat überzeugend
nachgewiesen, daß gerade diese Mißachtung sowjetischer Interessen
zur Raketenstationierung auf Kuba Anlaß gab. Offenbar war die
UdSSR bestrebt, eine immer bedrohlichere (und auf eine amerika-
nische Erstschlagskapazität hinauslaufende nukleare Disparität
auszugleichen 19). Dieser Zusammenhang wurde auch vom Policy
Planning Council des Außenministeriums in einem Memorandum sowie
von Außenminister Rusk in einer Senatsanhörung anerkannt. Demnach
hatten die seit den späten 50er Jahren eingeleiteten ame-
rikanischen Rüstungsprogramme zu eklatanten Defiziten in der
"military posture" der Sowjetunion geführt: "... der seit Sommer
1961 beobachtbare Trend eines forcierten Aufbaus unserer eigenen
militärischen Fähigkeiten und einer vergleichsweisen Einschrän-
kung sowjetischer Stärke hat die sowjetischen Kalkulationen auf
den Kopf gestellt. Folglich mußten die Sowjets auf schnellstem
Wege das Gleichgewicht wiederherstellen und gleichzeitig die USA
davon überzeugen, daß es wirklich wiederhergestellt, oder mehr
als wiederhergestellt war." 20) Der UdSSR sollte also auf keinen
Fall Gelegenheit geboten werden, mittels der auf Kuba stationier-
ten Systeme ihre strategischen Defizite auszugleichen und mit den
USA gleichzuziehen. Insofern betrafen die Vorgänge um Kuba durch-
aus die "nationale Sicherheit" der UdSSR, und insofern negierte
amerikanische Politik voll und ganz ein "vital interest" der Ge-
genseite.
- Welche K o m p r o m i s s e waren die USA im Verlauf der
Krise bereit einzugehen? In Abgrenzung zu den oben vorgestellten
Thesen wird hier die Auffassung vertreten, daß von amerikanischer
Bereitschaft zu substantiellen Gegenleistungen nicht gesprochen
und politische Kompromißbereitschaft daher nicht als krisenregu-
lierender Faktor reklamiert werden kann. Schon unmittelbar nach
Ausbruch der Krise lag die amerikanische Haltung offen zu Tage:
Zugeständnisse konnten und durften nicht das Ergebnis von Ver-
handlungen w ä h r e n d d e r Krise sein, und - wichtiger
noch - der UdSSR durfte nicht eingeräumt werden, n a c h der
Krise einen sog. "signal success" in grundsätzlichen Fragen der
Systemauseinandersetzung zu erzielen.
Diese Orientierung zeigte sich zunächst in der Frage, wie und ob
mit der UdSSR das Problem der in der Türkei stationierten ameri-
kanischen Jupiter-Raketen zu behandeln sei. Anfänglich hatte der
amerikanische UNO-Botschafter, Adlai S. Stevenson, vorgeschlagen,
nach einer Beilegung der Krise mit der UdSSR in Verhandlungen
über vorgeschobene Militärbasen einzutreten. Angesichts der US-
Basen in der Türkei könne man der Sowjetunion das Recht zur Sta-
tionierung auf Kuba nicht streitig machen, und zugleich seien
künftige Krisen dieser Art nur vermeidbar, wenn die Stationie-
rungsfrage im Kontext eines Abrüstungsvertrages geklärt würde.
21) Für Kennedy und den Krisenstab des Nationalen Sicherheits-
rates (Executive Committee) waren dergleichen Überlegungen kein
Thema. Auch ein in der Endphase der Krise erarbeiteter Kompromiß-
vorschlag des Policy Planning Council wurde vom Executive Commit-
tee ignoriert. Dieser hatte vorgesehen, der UdSSR einen politisch
akzeptablen Rückzug zu ermöglichen: Die landgestützten Mittel-
streckenraketen der USA sollten (als Gegenleistung zum Abbau der
Raketen auf Kuba) aus der Türkei und Italien abgezogen und durch
nuklear bestückte, auf Schiffen im östlichen Mittelmeer statio-
nierte Flugzeugstaffeln türkischer, italienischer, amerikanischer
und u. U. griechischer Einheiten ersetzt werden. 22) Auch in die-
sem Fall lehnte die politische Führung aus grundsätzlichen poli-
tischen (nicht militärstrategischen) Überlegungen ab. 23) Unmit-
telbar nach Beendigung der Krise nannte W.W. Rostow vom Außenmi-
nisterium die Gründe: "Zwar möchten wir Chruschtschows Verlust an
Glaubwürdigkeit in Grenzen halten, aber noch deutlicher abge-
steckt sind die Grenzen hinsichtlich der Glaubwürdigkeit, die wir
auf seiner Seite bewahrt sehen wollen und hinsichtlich jeglicher
Verluste, die er uns möglicherweise zufügen könnte. " 24)
Die in letzter Minute von Robert Kennedy (zusammen mit dem Ulti-
matum, entweder sofort abzuziehen oder ein Bombardement und die
Invasion Kubas in Kauf zu nehmen) unterbreiteten Hinweise, die
USA seien möglicherweise in der Jupiter-Frage kompromißbereit,
waren nach Bernstein nichts weiter als unverbindliche private An-
deutungen, die in der Folgezeit auch nicht mehr aufgegriffen wur-
den. Die Konfrontation wurde nur überwunden, indem die UdSSR ihre
Position änderte und ihrerseits keine mit den Türkei-stationier-
ten Raketen zusammenhängenden Sicherheitsinteressen mehr geltend
machte. Dean Rusk bestätigte im Januar 1963, daß der zu diesem
Zeitpunkt vorbereitete Rückzug der Raketen aus der Türkei "in
keinerlei Weise, weder direkt noch indirekt, mit der Lösung, den
Diskussionen oder der Handhabung der Entwicklung um Kuba verbun-
den war." Man habe der UdSSR während der Krise unmißverständlich
zu verstehen gegeben, daß Kompromisse in dieser Frage ausge-
schlossen seien. 25) Bernstein gibt daher zu Recht zu bedenken,
ob unter diesen Bedingungen eine friedliche Lösung der Krise
überhaupt noch möglich gewesen wäre, hätte die Sowjetunion auf
einem substantiellen politischen Entgegenkommen ("Quid pro Quo")
bestanden.
Auch am Beispiel der sog. "Nicht-Interventionsgarantie" läßt sich
demonstrieren, daß die US-Regierung bestrebt war, so wenig Zuge-
ständnisse wie möglich auszusprechen. Die Ankündigung, im Falle
eines Abzugs der sowjetischen Raketen nicht in Kuba zu inter-
venieren, wurde von amerikanischer Seite als situationsgebundene
und zeitlich befristete Zusage verstanden. Sie sollte der UdSSR
bei der öffentlichen Legitimation eines Rückzuges behilflich
sein, ohne die USA künftig politisch oder juristisch in irgendei-
ner Weise zu binden. Primär bliebe nach wie vor die amerikanische
Verpflichtung, die Hemisphäre gegen den Kommunismus "abzu-
schirmen" 26). In diesem Sinne ist auch der Vorschlag des Policy
Planning Council vom November 1962 zu verstehen, im Fall weiterer
politisch-ideologischer "Krisen" um Kuba die UdSSR - nötigenfalls
mit einer neuerlichen Blockade - zum Rückzug von der Insel zu
zwingen und anschließend die Regierung Fidel Castro zu stürzen:
"Vorbereitung von Plänen für politische und ökonomische Maßnahmen
seitens der USA und der OAS) in Kuba nach einem Abzug der Sowjets
und der Beseitigung Castros." 27) Von einem krisenpolitischen
"Quid pro Quo" war die Nichtinter-ventionsgarantie folglich weit
entfernt.
- Schließlich erscheinen noch einige relativierende Bemerkungen
zur vorgeblich politisch kontrollierten H a n d h a b u n g
d e r m i l i t ä r i s c h e n M a ß n a h m e n angebracht.
Wie bereits ausgeführt, gehört es zu den unverzichtbaren Prinzi-
pien der "coercive diplomacy", daß der Gegner eine für ihn unan-
nehmbare Eskalation r e a l fürchten muß und den Vereinigten
Staaten infolgedessen keine andere Möglichkeit bleibt, als ihre
Fähigkeit und Bereitschaft zur Eskalation (gegebenenfalls mit ul-
timativen Mitteln) überzeugend zu demonstrieren ("sense of ur-
gency"). Deshalb autorisierte Kennedy auch über die unmittelbare
Blockade hinausreichende Maßnahmen, um der UdSSR die "Ernst-
haftigkeit" der amerikanischen Absichten zu signalisieren. Damit
wurden Schritte eingeleitet, deren Ablauf politisch nicht
gänzlich kontrollierbar war und die eskalations-fördernde Fehl-
kalkulationen auf sowjetischer Seite hätten auslösen können. Bei-
spielsweise wurden (wie Robert Kennedy in seinem Rückblick erst-
mals offenlegte) auf Kuba zusteuernde sowjetische U-Boote
"verfolgt, in ihren Bewegungen behindert und zu verschiedenen
Zeiten in Gegenwart amerikanischer Kriegsschiffe zum Auftauchen
gezwungen." 28) Robert Kennedy räumt ein, daß ein solches Vorge-
hen von der UdSSR als Beginn kriegerischer Maßnahmen hätte inter-
pretiert werden können. Die flexible Handhabung der Blockade und
das Bestreben, der UdSSR ausreichend Zeit zur Entscheidungsfin-
dung einzuräumen, ging also mit gegenteilig auslegbaren Aktionen
einher; wie Allison im Detail ausführt, war sich die amerikani-
sche Regierung, allen voran John F. Kennedy und Robert S. McNa-
mara, der daraus resultierenden Gefahren eines politischen Kon-
trollverlustes bewußt, sah aber gleichwohl keinen anderen gangba-
ren Weg.
Mit zunehmender Dauer der Krise gewannen die für militärische Ge-
waltanwendung plädierenden Kräfte immer stärker an Einfluß. Jeder
weitere Zeitverlust - so wurde argumentiert - sei unmittelbar zu
sowjetischem Vorteil. Die für Kuba bereitstehenden Interventions-
truppen wurden gefechtsbereit gemacht, die strategischen Atom-
streitkräfte in höchste Alarmbereitschaft versetzt und anschlie-
ßend der UdSSR ein Ultimatum gestellt: entweder Abzug der Raketen
binnen 24 Stunden oder Invasion und Luftangriffe gegen Kuba. Z u
d i e s e m Z e i t p u n k t w a r e n d i e G r e n z e n
k r i s e n r ü c k v e r s i c h e r t e r D i p l o m a t i e
a u f a m e r i k a n i s c h e r S e i t e b e r e i t s
ü b e r s c h r i t t e n. Der weitere Gang der Dinge hing ein-
zig und allein am sowjetischen Verhalten. Kennedy hatte "die
Hoffnung nicht aufgegeben, aber sie hing nun davon ab, daß
Chruschtschow seinen Kurs innerhalb der nächsten Stunden änderte.
Wir erwarteten eine militärische Konfrontation, die am Dienstag
beginnen würde, vielleicht auch schon morgen...". 29) Vieles
spricht dafür, daß diese Drohungen im Bewußtsein der Tatsache
ausgesprochen wurden, daß die USA notfalls - wie Desmond Ball
nachweist - zu einem umfassenden "counterforce-strike" gegen die
Sowjetunion fähig gewesen wären und diese damit hätten vollstän-
dig nuklear entwaffnen können. 30) Offenbar waren die Vereinigten
Staaten im Herbst 1962 zu einer solchen Maßnahme erstmals und bis
zum heutigen Tage letztmals in der Lage.
Zusammenfassend gewertet, verdeutlicht die Kuba-Krise also eine
historische Situation, in der amerikanische Hegemonialinteressen
der Erhaltung des Friedens übergeordnet wurden. Ungeachtet aller
diplomatischen Bemühungen akzeptierte Kennedy grundsätzlich das
Risiko des Krieges und war auch dann nicht zu einem Einlenken
oder zu substantiellen Zugeständnissen bereit, als in der End-
phase der Krise der fortschreitende politische Kontrollverlust
über die Ereignisse immer deutlicher wurde. In den Worten von Al-
bert und Roberta Wohlstetter: "Einer der Gründe, warum die ameri-
kanische Drohung wirkte, lag darin, daß die Vereinigten Staaten
b e r e i t w a r e n, die nächstfolgenden Schritte zu gehen
und auch über die Macht verfügten, dies zu tun." 31) Eine militä-
rische Konfrontation mit der UdSSR war nicht mehr nur eine impli-
zite Möglichkeit, sondern eine u n m i t t e l b a r drohende
Gefahr. Wie Bernstein betont, wäre diese wohl nicht mehr abwend-
bar gewesen, hätte die sowjetische Politik gleichermaßen der Lo-
gik des "eskalierten Risikos" gehorcht.
3. Risikoplanung während des Korea-Krieges:
-------------------------------------------
die Debatte um den Einsatz von Atomwaffen
-----------------------------------------
Die am Beispiel der Kuba-Krise vorgestellten Parameter zur Bewer-
tung von Krisenverhalten und -strategie sollten um einen weiteren
Aspekt ergänzt werden: Welche E v e n t u a l p l a n u n g e n
wurden in der Krisensituation für verschiedene mögliche Entwick-
lungen und Szenarien diskutiert?
Dergleichen "contingency planning" ist einerseits immer hypothe-
tischer Natur; ob und inwieweit es sich realhistorisch hätte
durchsetzen können, muß notwendigerweise offen bleiben. Anderer-
seits sind die im folgenden vorgestellten militärstrategischen
Überlegungen politisch höchst relevant. Es handelt sich um Alter-
nativplanungen, die unter veränderten Konstellationen kurzfristig
eine sofortige Reaktion der Vereinigten Staaten hätten ermögli-
chen sollen und die damit für Umstände geplant waren, die keine
ausführliche Diskussion über die Vor- und Nachteile des einzu-
schlagenden Kurses mehr zuließen. Dies bedeutet selbstredend, daß
dergleichen Optionen erst nach intensiver Diskussion und auf der
Basis eines größtmöglichen Konsens verabschiedet wurden. Solcher-
lei Planungen sind also politisch repräsentativ und signalisieren
ein Höchstmaß politischer Verbindlichkeit. Sie zeigen zugleich
frühzeitig inneradministrative Positionsveränderungen und Ge-
wichtsverlagerungen im Verhältnis der politischen Hauptrichtungen
zueinander.
Das Beispiel des Korea-Krieges bietet sich an, weil in dessen
Endphase am längsten und intensivsten in der bisherigen Ge-
schichte der USA über die Frage eines Atomwaffeneinsatzes ge-
stritten wurde; zugleich sind diese Auseinandersetzungen dokumen-
tarisch umfänglich erfaßt. Gerade in einer politisch wie militä-
risch zugespitzten Krisensituation wie Korea mußte sich erweisen,
welche Möglichkeiten und Grenzen der "Kriseneinhegung" einerseits
und dem "politischen Willen zur Kriegsführung" andererseits vor-
gegeben waren. Diese Debatte markiert den extremsten Punkt in den
während des Kalten Krieges geführten Auseinandersetzungen um Ri-
sikoakzeptanz und -toleranz.
Seit Sommer 1951 - die militärischen Auseinandersetzungen in Ko-
rea waren bereits in einem Stellungskrieg festgefahren - konzen-
trierten sich die Eventualplanungen des Pentagon und der Regie-
rung Truman auf die Frage, was im Fall eines Scheiterns der Waf-
fenstillstandsverhandlungen zu tun sei. Von Beginn an standen da-
bei Mittel und Möglichkeiten militärischer Eskalation im Mittel-
punkt. In JCS 1776/240vom 13. 7. 1951 schlugen die Vereinigten
Stabschefs folgende Maßnahmen vor, falls die Verhandlungen unwi-
derruflich scheiterten: 32)
- Die USA müßten sich auf das höhere Risiko eines Weltkrieges
einstellen und auch bei nur kurzer Vorwarnzeit in optimaler
Kriegsbereitschaft sein;
- innerhalb Koreas die mit den vorhandenen Kapazitäten maximal
mögliche Eskalation schnellstmöglich zu beginnen, inklusive einer
unbegrenzten, neuerlichen Invasion Nordkoreas. Darin waren Luft-
angriffe jedweden Umfangs auf das in sowjetischer Grenznähe gele-
gene Rashin sowie gegen Staudämme und Elektrizitätswerke dies-
seits des Yalu (Grenzfluß zur VR China) eingeschlossen;
- die Verfolgung feindlicher Kampfflugzeuge auch jenseits der
mandschurischen Grenze fortzusetzen und die Bomber gegebenenfalls
nach der Landung zu zerstören ("hot pursuit" außerhalb der nord-
koreanischen Grenzen);
- eine Seeblockade gegen die VR China zu errichten;
- "Unterstützung eines ausgedehnten Einsatzes verdeckter Opera-
tionen", um innerhalb der VR China und Nordkoreas die antikommu-
nistische Guerrilla effektiv zu unterstützen und die feindlichen
Kommunikations- und Nachschublinien zu unterbrechen.
Als begleitende Maßnahmen waren eine schnelle und forcierte Auf-
rüstung Japans und Südkoreas vorgesehen.
Am 3. November 1951 ergänzten die JCS diese Optionen und reser-
vierten Angriffe auf chinesische Luftwaffenstützpunkte jenseits
der Grenze auch für den (nicht näher präzisierten) Fall, daß die
US-Streitkräfte in Korea durch die gegnerische Luftmacht ernst-
lich gefährdet seien.
Im September 1952 gingen die JCS noch einen Schritt weiter und
legten nahe, "alle gegenwärtigen operativen Beschränkungen aufzu-
heben, abgesehen von Angriffen gegen die UdSSR und dem Einsatz
atomarer oder chemischer Waffen." 33) Demnach war eine mögliche
Seeblockade der VR China zu ergänzen um Luftangriffe auf chinesi-
sche Verkehrszentren ("transportation centers") sowie Städte
("communication centers") in Nord- und Zentralchina und der Man-
dschurei. Der Oberkommandierende der UN-Truppen in der Endphase
des Krieges, General Clark, arbeitete einen auf alle genannten
Maßnahmen zugeschnittenen "operational plan" (OPLAN 8-52) in der
Erwartung aus, im Ernstfall den Gegner damit zwingen zu können,
"'zu unseren Bedingungen' einen Waffenstillstand zu erbitten oder
zu akzeptieren." Der Einsatz taktischer Atomwaffen war in diesem
Plan - der noch im Mai 1953 als Option erwogen wurde - zwar nicht
zwingend vorgesehen, aber General Clark forderte diesbezüglich
Vollmachten. Für Korea selbst sah OPLAN 8-52 vor: "Einkesselun-
gen, um ein Maximum gegnerischer Truppen und Materials zu zer-
stören, ein größerer, von See her vorgetragener Angriff, Luftan-
griffe gegen sich bietende Zielobjekte." 34)
Diese Eventualplanungen für den Fall eines Scheiterns der Waffen-
stillstandsverhandlungen wurden von den JCS unter folgenden Prä-
missen gesehen: 35) Erstens sollten die "selektiven Schläge" die
VR China zwingen, einen Waffenstillstand zu amerikanischen Bedin-
gungen zu akzeptieren; zweitens würde auf diese Maßnahmen nach
einem Scheitern der Verhandlungen u n a b h ä n g i g v o n
den militärischen Aktionen der Gegenseite und o h n e vorherige
Beratung mit den anderen am UNO-Truppenkontingent beteiligten
Staaten zurückgegriffen (andernfalls würde man den eigenen Hand-
lungsspielraum in unzulässiger Weise einengen); drittens sollten
diese Planungen auch schrittweise ("by stages") realisiert wer-
den, falls die Kommunisten "die Verhandlungen bewußt in die Länge
ziehen sollten, während sie zugleich ihre eigene militärische
Stärke ausbauten."
Innerhalb des Nationalen Sicherheitsrates (NSC) waren dergleichen
Optionen anfänglich umstritten. Z.B. warnte der NSC Senior Staff
(in einem Anhang zu NSC 118/2) vor einer Ausweitung der militäri-
schen Aktionen, da dadurch das Risiko einer direkten Konfronta-
tion mit der UdSSR ungebührlich erhöht würde; demzufolge war die
Fortsetzung des "begrenzten Krieges" auf vorherigem Niveau auch
unter geänderten Bedingungen die einzig gangbare Alternative.
Nachdem aber das Außenministerium im September 1951 wesentliche
Positionen des Vereinigten Generalstabes übernommen und abwei-
chend von den JCS sogar den Einsatz nationalchinesischer Truppen
in Korea vorgeschlagen hatte, war der Weg für eine grundsätzliche
Annäherung der vormals konträren Positionen geebnet. Die im De-
zember 1951 in NSC 118/2 dargelegten "courses of action" entspra-
chen im wesentlichen den JCS-Empfehlungen vom 13.7.1951 (JCS
1776/240) und vom 3.11.1951: am wichtigsten erscheint dabei die
einvernehmliche Option für einen jederzeit möglichen Angriff auf
chinesische Luftbasen. 36)
NSC und Außenministerium teilten jetzt auch die Prämissen der
JCS, daß diese Eventualmaßnahmen unilateral sowie unabhängig von
der gegnerischen Politik zu ergreifen und selbst im Falle einer
bewußten Verzögerung der Verhandlungen anzuwenden seien. Wie di-
versen Tagebucheintragungen zu entnehmen ist, unterstützte Präsi-
dent Truman die genannten Planungen. 37)
Bis dato war über den Einsatz von (taktischen) Atomwaffen im Kon-
text dieser Planungen nur in einigen wenigen Fällen (wie OPLAN 8-
52) diskutiert worden. Lange Zeit war das Problem stillschweigend
übergangen oder ausgeklammert worden. Dies sollte sich mit Amts-
antritt der Regierung Eisenhower ändern: Von nun an rückte die
Atomwaffenfrage in den Mittelpunkt der Optionsplanung.
Im wesentlichen wurden seit Januar 1953 drei Möglichkeiten durch-
gespielt: Welche Maßnahmen waren erforderlich, falls man sich für
eine baldige und siegreiche Beendigung des Krieges mit militäri-
schen Mitteln entscheiden sollte? Welcher Weg sollte beschritten
werden, falls die Waffenstillstandsverhandlungen scheiterten? Wie
sollten die USA im Fall einer neuerlichen militärischen Offensive
der VR China n a c h Abschluß eines Waffenstillstandes reagie-
ren?
In einem Memorandum vom 27. März 1953 schlugen die JCS verschie-
dene ..courses of action" für eine mit militärischen Mitteln zu
erzwingende Beendigung des Krieges vor. In einem solchen Fall
müßte entweder die Kriegsführung innerhalb Koreas eskaliert, der
Krieg auf die Mandschurei und die VR China ausgeweitet oder beide
Maßnahmen parallel ergriffen werden. Die JCS gaben nicht zu er-
kennen, welche Alternative sie bevorzugten, machten aber deut-
lich, daß der Einsatz taktischer Atomwaffen gegen Ziele innerhalb
u n d außerhalb Koreas in Betracht gezogen werden sollte. "...
der zeitige Einsatz atomarer Waffen sollte mit Blick auf militä-
rische Ziele, die die Kampfhandlungen in Korea beeinflussen, er-
wogen werden und ergänzend zu jedweden militärischen Schritten,
die Angriffe gegen das kommunistische China und die Mandschurei
beinhalten, operativ geplant werden." 38)
Auch für den Fall eines Scheiterns der Waffenstillstandsverhand-
lungen plädierten die JCS für militärische Eskalation: dann müß-
ten innerhalb Koreas die Kriegsführung ausgeweitet und forciert,
zugleich mit Luft- und Seestreitkräften Ziele in der Mandschurei
und der VR China angegriffen und sichergestellt werden, daß das
politische Kriegsziel eines vereinten, nicht-kommunistischen Ko-
rea eingelöst würde. Diese am 19.5.1953 vorgestellten "courses of
action" entsprachen einerseits den ursprünglichen Empfehlungen
vom Juli und November 1951. Andererseits aber wurden die qualita-
tiv neuen Konditionen einer solchen Kriegsführung erstmals expli-
zit genannt: Ein Atomwaffeneinsatz wurde nicht mehr als Möglich-
keit "erwogen", sondern a l l e Optionen setzten den umfängli-
chen Einsatz von Atomwaffen voraus. Eine sukzessive oder be-
grenzte Anwendung wurde wegen der Risiken eines ausbleibenden
oder nur begrenzten Erfolges abgelehnt. Zu planen war demnach ein
"extensiver strategischer und taktischer Einsatz von Atombomben",
und alle militärischen Maßnahmen "sollten so durchgeführt werden,
daß sie einen maximalen Überraschungseffekt und eine maximale
Wirkung erzielen'. Eine nur stufenweise Eskalation ... würde die
Erfolgsaussichten minimieren." 39)
Aus jüngsten Dokumentenveröffentlichungen des Außenministeriums -
die hier nur in der von der New York Times vorveröffentlichten
Form kommentiert werden können - geht hervor, daß die JCS zur
Jahreswende 1953/54 im Nationalen Sicherheitsrat ihre Vorschläge
für den Fall darlegten, daß der Korea-Krieg nach Abschluß eines
"ceasefire" wieder aufflammte und die VR China erneut militärisch
intervenierte. Unter diesen Umständen planten die JCS einen
"massiven atomaren Angriff gegen volkschinesische Verbände in Ko-
rea und einen umfassenden Krieg ("all-out war") gegen die Volks-
republik "von Shanghai bis an die nördlichsten Grenzen"; als
Ziele waren militärische Objekte und städtische Zentren - z. B.
Peking - vorgesehen. 40)
Wie die Vereinigten Stabschefs einräumten, hätte jede der für die
genannten Eventualitäten vorgesehenen Maßnahmen die Gefahr eines
Weltkrieges gegen die UdSSR nicht nur drastisch erhöht, sondern
diesen unvermeidlich gemacht. Falls sich die politische Führung
für eine Eskalation in Korea entscheiden sollte, forderten sie
daher sofortige Vorbereitungen auf einen "all-out war" auch gegen
die UdSSR. D i e e n t s c h e i d e n d e F r a g e m u ß-
t e m i t h i n l a u t e n, w i e s i c h d i e p o l i-
t i s c h e F ü h r u n g u n t e r E i s e n h o w e r z u
d i e s e n E v e n t u a l p l a n u n g e n v e r h i e l t.
Auch unter Eisenhower galten die zu Trumans Zeiten niedergelegten
Richtlinien, daß im Falle Koreas zwei Entwicklungen mit den hege-
monialen Interessen der USA grundsätzlich unvereinbar waren und
damit eine (unter Umständen weltkriegsauslösende) militärische
Eskalation notwendig machten: - ein mit militärischen Mitteln
erzwungener Rückzug der UNO-Truppen aus Korea;
- ein Scheitern der Waffenstillstandsverhandlungen (bei fortdau-
erndem Stellungskrieg in Korea).
NSC 147, im April 1953 erstellt, geht davon aus, daß der Einsatz
atomarer Waffen in Korea und selbst das Risiko eines Weltkrieges
politisch "vorteilhafter" seien als eine militärische Niederlage
der UNO-Truppen auf dem koreanischen Kriegsschauplatz. Atomare
Einsatzplanungen waren deshalb unverzichtbar und alle damit ver-
bundenen Risiken politisch tolerabel; Vorbereitungen auf einen
möglichen Weltkrieg sollten parallel getroffen werden. "Als Ant-
wort auf die steigende Gefahr eines Weltkrieges sollten die Mobi-
lisierungsprogramme beschleunigt durchgeführt werden, um auf eine
Umstellung zur totalen Kriegsproduktion besser vorbereitet zu
sein." 41)
Präsident Eisenhower ging noch einen Schritt weiter und stellte
im Februar 1953 innerhalb der NSC die Frage, ob es jetzt nicht an
der Zeit wäre, den Korea-Krieg mit Atomwaffen zu einem raschen
Ende zu bringen. Eisenhower setzte sich damit über die bis dato
formulierten Konditionen für einen solchen Schritt - militärische
Niederlage oder definitiv gescheiterte Waffenstillstandsverhand-
lungen - hinweg. Für ihn war zum damaligen Zeitpunkt entschei-
dend, daß die politischen Bemühungen in Korea festgefahren waren
und die Vereinigten Staaten keine Möglichkeit sahen, mit einem
ihre bisherige Verhandlungspolitik korrigierenden Angebot zu ei-
ner politischen Kompromißlösung beizutragen. Eine fortdauernde
Pattsituation war aus amerikanischer Sicht politisch nicht länger
annehmbar: "... den bisherigen Kurs könnten wir nicht endlos wei-
terführen." - "Er (der Präsident - B.G.) bemerkte dann, daß wir
den Einsatz taktischer Atomwaffen im Kaesong-Gebiet erwägen soll-
ten, welches ein für diesen Waffentyp gutes Zielobjekt dar-
stelle." 42) (Während der Waffenstillstandsverhandlungen war ver-
einbart worden, das 28 Quadratmeilen umfassende Gebiet von Kae-
song von den Kampfhandlungen auszunehmen; nach Meldungen des UN-
Oberbefehlshabers, General Clark, konzentrierte der Gegner Trup-
pen und Material in diesem Gebiet).
Während dieser Februar-Sitzung und während zweier weiterer NSC-
Treffen am 31.3. und 13.5.1953 wurde ausführlich über die Vor-
und Nachteile eines Einsatzes taktischer Atomwaffen diskutiert.
43) Eisenhower "war der Meinung, der Einsatz atomarer Waffen
würde sich lohnen, falls wir dadurch erstens einen gründlichen
Sieg über die kommunistischen Truppen erzielen und zweitens bis
zu einer Linie nahe der koreanischen Landverengung vordringen
könnten." (31.3.1953) Er teilte nicht die Meinung der anwesenden
Generalität, daß Atomwaffen auf dem koreanischen Kriegsschauplatz
nur wenig effizient seien. "Der Präsident... dachte, es sei wahr-
scheinlich ökonomischer, in Korea Atomwaffen einzusetzen, als
weiterhin mit konventionellen Waffen gegen die augenblicklichen
Feindstellungen ... vorzugehen." Er unterstrich dies mit dem Hin-
weis auf den enormen logistischen Aufwand des Waffen- und Muniti-
onstransports zwischen den USA und Korea. John Foster Duttes
merkte an, daß die Vereinigten Staaten angesichts einer opposi-
tionellen Weltmeinung ("in the present state of world opinion")
keine Atomwaffen einsetzen könnten und folglich Maßnahmen ergrif-
fen werden müßten, diese ablehnende Haltung der Öffentlichkeit
und das um Atomwaffen aufgebaute Tabu zu durchbrechen (31.3.
1953); insbesondere hätte es die "sowjetische Propaganda" ge-
schafft, die Atomwaffen als qualitativ neue Waffen darzustellen.
Duttes zufolge mußte diese "falsche Unterscheidung" in der Öf-
fentlichkeit ausgeräumt werden. Eisenhower teilte diese Meinung
in der Sitzung am 31. 3. 1953. Eines der schwerwiegendsten Pro-
bleme war in der Sicht der politischen Führung die Reaktion der
amerikanischen Verbündeten. Eisenhower meinte, "daß wir viel-
leicht die Auswirkungen eines solchen Schrittes auf unsere Ver-
bündeten ignorieren sollten, dies aber gleichwohl nicht könn-
ten..." (31.3.1953), da die Westeuropäer sich als mögliches
Schlachtfeld in einem amerikanisch-sowjetischen Krieg sahen. Auch
hier sollten Anstrengungen unternommen werden, dergleichen Beden-
ken zu zerstreuen - z.B. durch politischen Druck: Bei einer fort-
dauernden Ablehnung atomarer Angriffe sollten die Verbündeten
aufgefordert werden, selbst die drei oder mehr Divisionen zur
Verfügung zu stellen, die erforderlich wären, um kommunistische
Verbände in Korea zurückzudrängen. "Im Endeffekt aber schloß der
Präsident jedwede Diskussion mit unseren Verbündeten über militä-
rische Pläne oder Angriffswaffen aus." 44)
Weitere NSC-Memoranden und Sitzungen beschäftigten sich mit den
Eventualplanungen des Vereinigten Generalstabes. NSC 147 disku-
tierte als erstes NSC-Memorandum ausführlich die politisch-mili-
tärischen Vor- und Nachteile atomarer Eskalation in Korea.
Zu den m i l i t ä r i s c h e n V o r t e i l e n wurde eine
nennenswerte Schwächung des chinesischen Militärpotentials auf
vergleichsweise schnelle und billige Weise gerechnet. Darüber
hinaus könnte ein solcher Schritt "dazu dienen, die abschreckende
Wirkung unserer atomaren Kapazitäten gegenüber der UdSSR zu ver-
größern - sowohl hinsichtlich eines umfassenden als auch eines
begrenzten Krieges." 45) Militärisch n a c h t e i l i g könnte
sich auswirken, daß mit Atomwaffen ein Zwang zum Sieg vorgegeben
sei, andernfalls deren "Abschreckungswirkung" untergraben würde;
daß der Krieg automatisch über Korea hinaus erweitert werden
müsse; daß die UN-Truppen ihrerseits mit Atomwaffen angegriffen
würden; daß ein umfänglicher Einsatz das amerikanische Waffenar-
senal und damit die für einen Weltkrieg notwendigen "capa-bili-
ties" reduziere. Als p o l i t i s c h e r V o r t e i l
g a l t, wenn mit Atomwaffen ein militärischer Sieg in Korea si-
chergestellt und zugleich vermieden würde, daß sich der Krieg zu
einem Weltkrieg mit der UdSSR ausweitete; wenn eine militärische
Niederlage der UNO-Truppen abgewendet würde (in diesem Fall er-
scheint denn auch ein Weltkrieg als vorgeblich unumgängliches Ri-
siko). Politisch n a c h t e i l i g seien in erster Linie die
absehbar negativen Reaktionen der westeuropäischen Verbündeten.
Zusammenfassend wurde festgestellt, daß auch der Einsatz von
Atomwaffen die Reaktion der Gegenseite keineswegs kalkulierbarer
mache; ob die von den USA geforderten Zugeständnisse eingeräumt
würden, sei durchaus offen. "Wir glauben, daß die Reaktion der
Kommunisten in hohem Maße vom Grad des zugefügten Schadens abhän-
gen würde." 46) NSC 147 ließ daher eine politische Entscheidung
über die militärischen Eventualplanungen noch offen; diese sollte
zu einem späteren Zeitpunkt in Abwägung der referierten Vor- und
Nachteile getroffen werden.
Das "contingency planning" der JCS wurde am 20.5.1953 im Nationa-
len Sicherheitsrat zur Diskussion und B e s c h l u ß f a s-
s u n g gestellt. Hier sollte sich erweisen, daß die zivile
Führung inzwischen mehrheitlich die Linie der Vereinigten Stabs-
chefs und deren Vorstellungen darüber teilte, welche Maßnahmen im
Fall einer amerikanischerseits zu eskalierenden Kriegsführung in
und um Korea zu ergreifen seien. "Bei dem Treffen kam man
überein, daß die von den Vereinigten Stabschefs empfohlenen
Schritte als allgemeine Richtschnur befolgt werden sollten, falls
infolge geänderter Bedingungen ein nachdrücklicheres Handeln in
Korea notwendig würde." 47) E i s e n h o w e r merkte zwar an,
daß "seine einzige wirkliche Befürchtung... die Möglichkeit einer
sowjetischen Intervention sei", befürwortete aber gleichwohl im
Dezember dieses Jahres die Eventualplanungen für den Fall, daß es
nach Abschluß eines Waffenstillstandes (aus welchen Gründen auch
immer) zu neuerlichen Kampfhandlungen kommen sollte: diese sahen
u. a. ein atomares Bombardement Pekings vor ("all-out war against
Communist China") und hätten mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlichkeit einen Krieg mit der UdSSR ausgelöst. An dieser
Stelle machte John Foster Dulles Einwände des Außenministeriums
geltend und schlug vor, in einem ersten Schritt weniger
risikoreiche Maßnahmen zu ergreifen; dies hätte u. a. bedeutet,
zunächst auf atomare Angriffe gegen die VR China zu verzichten.
Ein am 7. 1. 1954 vorgelegtes JCS-Memorandum setzte sich aber
über diese Bedenken hinweg und bestätigte die ursprüngliche
Option. 48)
Faßt man diese Diskussion zusammen, so kann festgehalten werden:
- Unter der Regierung Eisenhower war ein Punkt erreicht worden,
wo sich die zivile Führung zu den militärischen Eventualplanungen
und in erster Linie zur Option des Atomwaffeneinsatzes u n-
m i t t e l b a r politisch verhalten mußte. In einer konkreten
Konfliktsituation mußte darüber befunden werden, ob und unter
welchen Bedingungen Atomwaffen eingesetzt würden. Die dies-
bezüglichen Entscheidungen mußten Aufschluß darüber geben, inwie-
weit das Streben nach politischer "Kriseneinhegung" beibehalten
und/oder der gleichermaßen eingeforderte "politische Wille zur
Kriegsführung" aufgewertet wurde. Es ging darum, die politisch
tolerable Risikoschwelle von Krisenpolitik unter Bedingungen ei-
nes eskalationsträchtigen "begrenzten Krieges" festzulegen.
- Die oben vorgestellten Diskussionen und Positionen bezeichnen
einen nach wie vor vorläufigen Meinungsbildungsprozeß. D. h.:
Eine definitive politische Entscheidung über die sofortige Frei-
gabe oder gar den sofortigen Einsatz von Atomwaffen stand damals
n i c h t auf der Tagesordnung. Über die JCS-Vorlagen hätte er-
neut befunden werden müssen, wenn die amerikanische Regierung die
politische Grundsatzentscheidung zur militärischen Eskalation des
Konflikts getroffen hätte. Vieles spricht allerdings dafür, daß
damals eine solche Entscheidung im Bereich des Möglichen lag und
in diesem Fall die militärischen Eventualoptionen auch ohne Um-
schweife realisiert worden wären. Warum die amerikanische Regie-
rung letztendlich auf einen solchen Schritt verzichtete, ist aus
den bisher vorliegenden Quellen im Detail noch nicht erkennbar;
unklar ist, ob grundsätzlich politische Erwägungen (Nachteile und
Risiken des Atomwaffeneinsatzes) oder Entwicklungen auf dem ko-
reanischen Kriegsschauplatz selbst den Ausschlag gaben. Diesbe-
züglich müssen weitere Dokumentenveröffentlichungen abgewartet
werden.
- P a u l N i t z e schätzte eine Beratung bei den Joint
Chiefs of Staff, an der er selbst als Vertreter des Außenministe-
riums teilgenommen hatte, wie folgt ein: "Es gab keine unüber-
windbaren politischen Hindernisse gegen den Einsatz von Atomwaf-
fen, die eigentliche Frage war vielmehr, ob die Vorteile stärker
ins Gewicht fallen würden als die Nachteile." 49) Die Initiative
Eisenhowers vom Februar 1953, im Nationalen Sicherheitsrat das
Pro und Contra taktischer Atomwaffen abzuwägen, und das prinzipi-
ell positive Votum des Präsidenten in dieser Frage bestätigen
Nitzes Urteil nachdrücklich. Darüber hinaus hatten sich die USA
seit Januar 1951 auf eine Politik des fortdauernd "begrenzten
Krieges" festgelegt und damit Umstände geschaffen, die unweiger-
lich darauf hinausliefen, Atomwaffen als Mittel einer militärisch
erzwungenen Entscheidung einzuplanen. I n s o f e r n k a n n
d a v o n a u s g e g a n g e n w e r d e n, d a ß w ä h-
r e n d d e s K o r e a - K r i e g e s d i e S c h w e l l e
a t o m a r e r K r i e g s f ü h r u n g s o w e i t w i e
b e i k e i n e r a n d e r e n i n t e r n a t i o n a l e n
K r i s e d e r 4 0 e r u n d 5 0 e r J a h r e g e-
s e n k t w u r d e.
4. Weiterführende Fragestellungen
---------------------------------
Bisher wurden am Beispiel "forcierter Krisen" Parameter vorge-
stellt, die bei der Diskussion um das "Risikoniveau" von Krisen-
politik berücksichtigt werden sollten. Das entscheidende methodi-
sche Problem bei der Analyse inneradministrativen Krisenmanage-
ments liegt darin, die Wechselbeziehungen zwischen Politik und
Militär zu verorten, genauer: die Möglichkeiten und Grenzen einer
"politischen Durchsetzungsfähigkeit" militärischer Optionen zu
bestimmen. Es erscheint notwendig, folgende - auch für gegen-
wartsbezogene Analysen relevanten - Aspekte in künftigen Untersu-
chungen systematisch aufzuarbeiten:
E r s t e n s das Problem der r e l a t i v e n E i g e n-
s t ä n d i g k e i t m i l i t ä r i s c h e r B ü r o k r a-
t i e n u n d A p p a r a t e i m Herrschaftssystem der USA.
Das nach 1945 institutionalisierte "permanent war planning"
führte u.a. dazu, daß militärstrategische Planung exklusiv den
Teilstreitkräften, dem Vereinigten Generalstab und dessen "Com-
mittee System" und insbesondere dem Strategie Air Command
vorbehalten blieb. Operative Einsatzpläne und Kriegsszenarien
wurden (und werden) festgelegt, ohne daß zivile Behörden au-
ßerhalb des Pentagon daran beteiligt oder darüber informiert wor-
den wären. D. h.: wesentliche Akzentverschiebungen in der militä-
rischen Planung werden unabhängig von der außenpolitischen Linie
der jeweiligen Regierung vorgenommen, und politische Kurskorrek-
turen wirken in der Regel nicht auf militärische Planungen zurück
(wie die Geschichte der Entspannungspolitik und die parallel ein-
setzenden Planungen zur "begrenzbaren atomaren Kriegsführung" an-
schaulich belegen). Zugleich ist eine zunehmende Verlagerung au-
ßenpolitischer Planungsund Entscheidungskompetenz auf das Penta-
gon beobachtbar.
Attison fragte in seiner (1971 vorgelegten) Untersuchung zur
Kuba-Krise, ob und inwieweit diese Entwicklung zu einem Verlust
politisch-diplomatischer Steuerungsfähigkeit im Falle einer aku-
ten Krise beitragen kann. Wird dadurch die Gefahr einer grenz-
überschreitenden, d. h. politisch nicht mehr "einhegbaren" Gewal-
tanwendung vergrößert? Mehrere Gründe sprechen nach Meinung die-
ses amerikanischen Politikwissenschaftlers für eine Erhöhung des
"Risikoniveaus":
- Der Informationsfluß zwischen militärischen und politischen Bü-
rokratien erwies sich während der Kuba-Krise als störanfällig.
Dadurch wurde einem eigenmächtigen Handeln militärischer Apparate
Vorschub geleistet;
- es gibt Hinweise darauf, daß sich während der Krise militäri-
sche Apparate, sei es wegen organisationsgebundener Eigeninteres-
sen, politisch-strategischer Differenzen oder zeitlicher Verzöge-
rungen infolge bürokratischer Routinearbeit, über Anweisungen der
politischen Exekutive hinwegsetzten. (Beispielsweise weigerte
sich die Navy, Kennedys Anweisung Folge zu leisten und den
Blockadering um Kuba enger zu ziehen, wodurch eine direkte Kon-
frontation mit sowjetischen Schiffen zeitlich verzögert worden
wäre);
- Allison unterstellt der Marine, in zahlreichen Fällen und hin-
ter dem Rücken des Weißen Hauses eskalationsträchtige Maßnahmen
initiiert zu haben (beispielsweise gegen sowjetische U-Boote un-
mittelbar nach Beginn der Krise).
Im Kern besagen diese Beobachtungen, daß die relative Eigenstän-
digkeit militärischer Apparate den Spielraum diplomatischen Kri-
senmanagements nicht nur einengen kann, sondern nachweisbar in
konkreten Konflikten eingeengt hat.
Z w e i t e n s wird in neueren Untersuchungen darauf hingewie-
sen, daß auch die t e c h n i s c h e Q u a l i t ä t d e s
R ü s t u n g s p o t e n t i a l s zu einer strukturellen De-
stabilisierung von Krisenpolitik beitragen kann. Die Kalkulier-
barkeit krisengebundenen Handelns ist tendenziell rückläufig,
weil die Grenzen zwischen "defensiven" und "offensiven" Waffensy-
stemen verwischt werden; weil ein- und dasselbe System in kürze-
ster Zeit für mehrere Aufgaben programmierbar ist und die mili-
tärstrategische Absicht (gerade unter dem zeitlichen Entschei-
dungsdruck in Krisen) daher nicht mehr eindeutig bestimmbar ist;
weil Verbesserungen der Zielgenauigkeit die Fähigkeit (und den
politischen Druck!) vergrößern, in Krisensituationen zum ver-
meintlich schadensminimierenden und erfolgsoptimierenden Mittel
präemptiver Kriegsführung ("first strike") zu greifen; weil die
fortschreitende Mobilität von Waffensystemen die Gefahr der Fehl-
perzeption und damit die Möglichkeit eines "launch-on-warning"
(Raketenstart infolge des bloßen Verdachts offensiver Absichten
der Gegenseite) erhöht; weil die Ausdifferenzierung und Komplexi-
tät der militärischpolitischen Kommando- und Kontrollsysteme (C3-
I) sich bislang als äußerst störanfällig erwiesen hat. Insofern
reduziert die rüstungstechnologische Entwicklung die Möglichkei-
ten politischer Krisenkontrolle.
Dieser Aspekt ist deshalb besonders bedeutsam, weil die
R e a g a n - R e g i e r u n g seit vier Jahren zu einem altbe-
kannten Mittel greift und versucht, qualitativ neue Rüstungstech-
nologie (von der Endphasensteuerung bis hin zu den Weltraumwaf-
fen) im Zeichen forcierter politischer Spannungen durchzusetzen.
In der bisherigen Nachkriegsgeschichte liefen dergleichen Versu-
che immer auf zugespitzte und kriegsträchtige Krisen hinaus: Im
Schatten der Atombombe begann der Kalte Krieg und kulminierte
nach kurzer Zeit in der ersten Berlin-Krise (1948); die amerika-
nische Entscheidung zum Bau der Wasserstoffbombe steht im Zusam-
menhang mit der eskalierten Block-Konfrontation während des Ko-
rea-Krieges; die Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba
sollte - wie oben ausgeführt - als Antwort auf die Einführung
amerikanischer Interkontinentalraketen begriffen werden. Hinzu
kommt, daß eine direkte Verbindung zwischen Rüstungswettläufen
und Krieg empirisch nachweisbar ist: Aus Untersuchungen von Wal-
lace geht hervor, daß in 23 von 28 Fällen politische Konflikte
gewaltsam eskalierten, sobald "Rüstungswettläufe" vorausgegangen
waren. Bei fehlender oder niedriger Rüstungsdynamik konnten 68
von 71 Konflikten mit diplomatischen Mitteln gelöst werden, und
lediglich drei führten zu militärischer Gewaltanwendung. 50)
Die Krisenrelevanz militärischer Macht wird d r i t t e n s von
der sog. "military posture"bestimmt. Gemeinhin ist mit "military
posture" ein synoptischer Vergleich der Waffenpotentiale von NATO
und Warschauer Pakt gemeint. Welche Waffensysteme stehen sich auf
selten der USA und der UdSSR gegenüber (strategische Ebene), wel-
che Aufträge haben diese jeweils zu erfüllen (operative Ebene),
wie groß sind die Aussichten eines erfolgreichen Einsatzes, und
mit welchen Ausfallquoten ist zu rechnen (Ebene der Risikokalku-
lation)? "Military posture" fragt aber auch nach der Binnenstruk-
tur der Kriegsmaschinerie. Es kommt darauf an, die Zeit-, Ein-
satz- und Zielplanungen der einzelnen Teilstreitkräfte sowie de-
ren interne Aufgabenverteilung herauszuarbeiten. Insbesondere
wäre zu klären, wie sich strategische Planung zu den real vorhan-
denen materiellen Kapazitäten verhält und inwieweit die Teil-
streitkräfte darauf vorbereitet sind, die ihnen zugewiesenen Auf-
gaben wahrzunehmen (zu fragen ist nach Führung, Ausbildung, Mann-
schaftsstärken, "Command-and-Control"-Verfahren etc.). Nicht zu-
letzt sind die militärinternen Kräfteverhältnisse (die sog.
"interservice rivalries") in diesem Zusammenhang bedeutsam: Wie
ist es um die Richtungsauseinandersetzungen innerhalb des Mili-
tärs bestellt? Wird eine strategische Konsensfindung dadurch
blockiert? Welches politische Gewicht haben militärische Instan-
zen im (krisenbezogenen) Entscheidungsprozeß? Kommt es innerhalb
des Militärs zu einer einheitlichen oder mehrheitlichen Interes-
senartikulation, und welcher Instrumente können sich die Militärs
bedienen, um politisch relevanten Entscheidungsdruck auszuüben?
Gerade die Geschichte des Kalten Krieges beweist, daß dergleichen
Fragestellungen keineswegs nur akademischer Natur sind. Bis weit
in die 50er Jahre hinein gelang es den Teilstreitkräften infolge
doktrinärer Dissonanzen nicht, ihre jeweiligen operativen Auf-
träge aufeinander abzustimmen oder gemeinschaftlich verbindliche
Aufgaben zu formulieren. In zahlreichen Kriegsplänen waren infol-
gedessen völlig unrealistische Vorgaben formuliert (in erster Li-
nie wurden Anforderungen gestellt, die weit über die bewilligten
Rüstungsbudgets hinauswiesen und auch in absehbarer Zeit nicht
finanziert werden konnten). Es gelang den Militärs in dieser
Phase nicht, die Instrumente einer einheitlichen Interessenver-
tretung aufzubauen und/oder wahrzunehmen. Es ist davon auszuge-
hen, daß dergleichen Faktoren den politischen Einfluß des Mili-
tärs in der damaligen Zeit minderten. 51)
Eine systematische Bearbeitung dieser einzelnen Problemfelder und
ihres wechselseitigen Zusammenhangs wird näheren Aufschluß dar-
über geben, wo in zugespitzten Entscheidungssituationen die Gren-
zen der Diplomatie anzusiedeln sind, worin die Gefahrenmomente
militärischer Eskalation liegen und wie durchsetzungsfähig poli-
tische Regularien gegenüber militärischen Optionen sind. Dann
sollte es möglich sein, den zwischen Frieden und Krieg angesie-
delten Grenzbereich genauer zu beschreiben.
_____
1) The History of the Joint Chiefs of Staff. 3: The Korean War
(James F. Schnabel u. Robert J. Watson) (Wilmington, De.,
1979/80), 349 (im Folgenden zitiert als H-JCS). Alle Zitate aus
unveröffentlichten Quellen werden auch im englischen Original
vorgestellt.
2) Vgl. Bernd Greiner, Die Kategorie Risikoniveau - ein Paradigma
zur Analyse amerikanischer Außen- und Militärpolitik während des
Kalten Krieges (Dargestellt anhand neueren Quellenmaterials)
(Frankfurt/M., Bern, New York: Peter Lang, 1985).
3) RAND-Memorandum RM-3034-ISA, Tactics in a Local Crisis, Allen
R. Ferguson (Santa Monica, Ca., September 1962), 2/3.
4) Ebenda, 56.
5) Dwight D. Eisenhower, The White House Years: Mandate for
Change, 1953-1956 (Garden City, 1963), 180.
6) Vgl. Graham T. Allison, Essence of Decision: Explaining the
Cuban Missile Crisis (Boston, 1971)
7) Policy Planning Council, The Cuban Base Problem in Per-
spective, o.J.. To: McGeorge Bundy, The White House. From: W. W.
Rostow, Top Secret. In The Declassified Documents Retro-spective
Collection (Carrollton Press, Washington, D.C.) 4, 2 (1978), 202
A (im Folgenden zitiert als DDRC). Hervorhebungen B.G.
8) Albert u. Roberta Wohlstetter, "Controlling the Risks in
Cuba", Adelphi Papers, 17 (April 1965), 14. Vgl. Department of
State, Bureau of Intelligence and Research (Roger Hilsman), Rese-
arch Memorandum, 27. 10. 1962, To: The Secretary. In DDRC 6,1
(1980), 72 D.
9) The United States Senate, Report of Proceedings, Hearing held
before Subcommittee on American Republics Affairs of the Commit-
tee on Foreign Relations, Briefing on the Cuban Situation, 1.5.
1961, Secret, 9. National Archives/Civil Archives Division
(NA/CAD), Record Group (RG) 46, Records of the US Senate, Commit-
tee on Foreign Relations, Declassified Hearings 1961, Box No. 4.
"... if efforts were made politically and diplomatically to try
to prevent or stop such a development or to have them (Soviel
missiles - B.G.) withdrawn, we would be involved in a difficult
bargaining position which might affect the Stands of NATO and the
defenses in other parts of the world with respect to the Soviet
Union."
10) John F. Kennedy, zit. n. Allison, Essence of Decision, 51.
11) John F. Kennedy, zit. n. Alexander L. George, David K. Hall
u. William E. Simons, The Limits of Coercive Diplomacy. Laos,
Cuba, Vietnam (Boston, 1971), 98.
12) Spätestens am 30.6.1950 - also fünf Tage nach Beginn der
Kampfhandlungen - war über den Einsatz von Bodentrappen positiv
entschieden: vgl. H-JCS, 3, The Korean War, 117.
13) I.F. Stone, The Hidden History of the Korean War (New York,
London, 1952; rpt. New York, 1971), 21.
14) Vgl. Greiner, Risikoniveau, 177-201.
15) Phil Williams, Crisis Management. Confrontation and Diplomacy
in the Nuclear Age (London, 1976), 53.
16) Ebenda, 136; vgl. 153. Vgl. George, Hall u. Simons, Coercive
Diplomacy, 24.
17) Williams, Crisis Management, 54. Vgl. George, Hall u. Simons,
Coercive Diplomacy, 25, 101, 132, 219.
18) Williams, Crisis Management, 55; vgl. 102-107, 177-180. Vgl.
George, Hall u. Simons, Coercive Diplomacy, 9-11, 208, 234.
19) Allison, Essence of Decision, 52ff, 117.
20) Policy Planning Council, Cuban Base in Perspective, 2/3. In
DDRC 4,2 (1978), 202 A.
21) Adlai S. Stevenson, Memorandum forthe President, Wednesday
moraing, 17. 10. 1962, Secret - Eyes Only, 2. In DDRC l (1975),
440 D.
22) Policy Planning Council, Alliance Missiles, To: The Secre-
tary, The Under Secretary, The Deputy Under Secretary. From: S/P
- W.W. Rostow. 26. 10. 1962, Secret, 2. In DDRC 2, l (1976), 61
A.
23) Vgl. Barton J. Bernstein, "The Cuban Missile Crisis: Trading
the Jupiters in Turkey?", Political Science Quarterly, 95 (1980),
107.
24) Walt Whitman Rostow, Memorandum for the Executive Committee
of the National Security Council. Subject: Strategy for a Post-
Crisis Cuba, 7. 11. 1962, Secret, 4/5. In DDRC 4,3 (1978), 267 A.
25) The United States Senate, Report of Proceedings, Hearing held
before Subcommittee on American Republics Affairs of the Commit-
tee on Foreign Relations, Briefing on Cuban Developments,
25.1.1963, Top Secret. NA/CAD, RG 46, Records of the US Senate,
Committee on Foreign Relations, Declassified Hearings 1963-1965,
Box No. 7: 51, 47. Der Rückzug der Raketen aus der Türkei "was in
no way, shape or form, directly or indirectly, connected with the
settlement, the discussions or the manipulation of the Cuban Si-
tuation."
26) Department of State, Memorandum for: The Honorable McGeorge
Bundy. Copies to: All Members of the NSC Executive Committee.
Subject: Form of "No Invasion" Guarantee, 12.11.1962, Top Secret
- Eyes Only, 3. In DDRC 1,4 (1975), 295 C.
27) Rostow, Strategy for a Post-Crisis Cuba, 19. In DDRC 4,3
(1978), 267 A.
28) Robert F. Kennedy, Dreizehn Tage oder Die Verhinderung des
Dritten Weltkriegs (Reinbek, 1970), 39.
29) Ebenda, 56; vgl. Bernstein, "Trading the Jupiters?", 121,
123.
30) Desmond Ball, "Targeting for Strategie Deterrence", Adelphi
Papers, 185 (1983), 12.
31) Wohlstetter, "Controlling the Risks", 18; vgl. 20. Hervorhe-
bung im Text. Vgl. Williams, Crisis Management, 54, 92, 135.
32) H-JCS, 3, The Korean War, 627/628; vgl. 636.
33) Ebenda, 930.
34) Ebenda, 932; vgl. 980
35) Ebenda, 630, 636, 649.
36) Ebenda, 642; allein in der Frage der Seeblockade hatte man
sich nicht einigen können. Das Außenministerium plädierte für ein
Wirtschaftsembargo: vgl. 630-639.
37) Vgl. Gregg Herken, The Winning Weapon. The Atomic Bomb in the
Cold War 1945-1950 (New York, 1980), 335/336.
38) H-JCS, 3, The Korean War, 953/954.
39) Ebenda, 961; vgl. 956-961.
40) "For Eisenhower, 2 Goals if Bomb Was to be used", The New
York Times, 8.6.1984, 8.
41) NSC 147, 2.4.1953, A Report to the National Security Council
by the Executive Secretary on Analysis of Possible Courses of Ac-
tion in Korea, Top Secret. Para. 24 c, 27 g. National Archives,
Modern Military Brauch (NA/MMB). "To meet the increased threat of
general war, acceleration of mobilization base programs to in-
crease the degree of readiness for conversion to all-out wartime
production."
42) National Security Council, Memorandum, Subject: Discussion at
the 131st Meeting of the National Security Council on February
11, 1953, 12.2.1953, Top Secret - Eyes Only, 3. NA/ MMB. "... we
could not go on the way we were indefinitely." - "He (the Presi-
dent - B.G.) then expressed the view that we should consider the
use of tactical atomic weapons on the Kaesong area, which provi-
ded a good target for this type of weapon."
43) Die Angaben zu den Sitzungen im März und Mai sind neueren Do-
kumentenveröffentlichun-gen des Außenministeriums entnommen, die
in der New York Times am 8.6.1984 auszugsweise vorgestellt wur-
den: vgl. "For Eisenhower, 2 Goals If Bomb Was to Be Used", The
New York Times, 8.6.1984, 8.
44) NSC, Memorandum, Discussion at the 13 Ist Meeting, 12.2.1953,
NA/MMB. "In conclusion, however, the President ruled against any
discussion with our allies of military plans or weapons of at-
tack."
45) NSC 147: 1953, Para. 22 c. NA/MMB. "... serve to increase the
deterrent effect of our atomic capabilities on the USSR, as per-
tains to both global and limited war."
46) Ebenda, Para. 26; vgl. Para. 25 a-c. NA/MMB. "We believe that
the Communist reaction would be in large part determined by the
extent of damage inflicted."
47) H-JCS, 3, The Korean War, 961.
48) "For Eisenhower, 2 Goals ...", The New York Times, 8. 6.
1984, 8.
49) Paul Nitze, zit. n. "Ike mulled atom bomb use in '53", Chi-
cago Tribüne, 8.6.1984, 6. Vgl. dazu auch Bernard Brodie: "The
fact that the United States did not use nuclear weapons in the
Korean War was unquestionably due mostly to certain special cir-
cumstances not likely to be repeated in the future." RAND-Memo-
randum RM-4544-PR, Escalation and the Nuclear Option, Bernard
Brodie, (Santa Monica, Ca., Juni 1965), 63.
50) Michael D. Wallace, "Arms Races and Escalation. Some New Evi-
dence", Journal of Conflict Resolution, 23, 1 (1979), 14/15.
51) Vgl. Warner R. Schilling, Paul Y. Hammond u. Glenn H. Snyder,
Strategy, Politics, and Defense Budgets (New York, London, 1960),
368. Vgl. Larry Dean O'Brien, National Security and the New
Warfare: Defense Policy, War Planning, and the Nuclear Weapons,
1945-1950 (Ann Arbor, London, 1982), 117, 124-129, 241-247,
283/284.
zurück