Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 08/1985
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DIE AMERIKANISIERUNG DER ARBEITERFRAGE
Wolfgang Kreuter/Joachim Oltmann
1. Amerikanisierung als Integration - 2. Mehr Democracy wagen -
3. Konzertierte Aktionen - 4. Das Regime der Manager - 5. Szena-
rio
1. Amerikanisierung als Integration
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1917 und 1941 sind nicht nur die Jahre der russischen Oktoberre-
volution und des faschistischen Versuchs, diese militärisch rück-
gängig zu machen, sondern sie bezeichnen auch den jeweiligen fol-
genreichen Eintritt der Vereinigten Staaten von Amerika in die
beiden Weltkriege. Nachdem so schon in der Zwischenkriegsphase
die USA zur bedeutendsten "Scharniermacht" bei der Regulierung
internationaler Konflikte wurden, 1) erklommen sie in der Zeit
nach dem Zweiten Weltkrieg den Rang einer auf allen Ebenen global
agierenden Weltmacht. 1941 ist somit auch das Inaugurationsjahr
jener Vision vom "Amerikanischen Jahrhundert", die in Fortschrei-
bung aller bisherigen US-imperialistischen Expansionsbestrebungen
einer schrankenlosen "Entfaltung des amerikanischen Lebens" vor
allem in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht das Wort re-
dete. 2)
Die amerikanische Konfrontationspolitik des Kalten Krieges, die
eben jene mit der Herausbildung eines sozialistischen Weltsystems
sich ergebenden Schranken zu überwinden suchte, brachte die for-
cierte Einbeziehung der Westzonen in das nun nicht mehr weltweit,
sondern nur noch in Konfrontation mit einer Systemalternative zu
realisierende "Amerikanische Jahrhundert". In der Gründung und
Westbindung der Bundesrepublik, die somit zu Recht einmal als
"Produkt amerikanischer Politik" bezeichnet worden ist, 3) kommt
allerdings auch eine authentische deutsche, proamerikanische Ka-
pitalstrategie und Politiklinie zur Geltung. 4) Ohne diesen
"transatlantischen" Gründungskonsens wäre die tiefgreifende Ame-
rikanisierung westdeutscher Politik und Kultur unerklärbar. Sie
ließ in den späteren Jahren die Bundesrepublik politisch nicht
nur zum "amerikanischen Prokonsul" in Westeuropa aufsteigen, 5)
sondern auch ihre Wirtschaft hat sich mit der Adaption des
"fordistischen Wachstumsmodells" in dieser Region am weitesten
der amerikanischen ökonomischen Dynamik angeglichen. Dieser
"Fordismus" hat sich in den 20er Jahren in den USA herausgebildet
und soll Massenproduktion, -absatz und Export durch eine inten-
sive Arbeitsteilung, Herausbildung von Konsumnormen und Massen-
kommerzialisierung gewährleisten. 6) Mit der Übernahme dieses
Wachstumsmodells wurde die Bundesrepublik nach Weimarer Anfängen
und einer Teilrezeption durch den deutschen Faschismus 7) auch
aller Insignien des "american way of life" vom Automobilismus bis
zum Kundenkreditsystem teilhaftig.
Um das Phänomen Amerikanisierung ranken sich nun die verschieden-
sten Deutungsmuster. Bürgerliche Autoren weisen darauf hin, daß
die Amerikanisierung in westeuropäischen Ländern mit der Nachah-
mung moderner amerikanischer Produktionsmethoden, dem "Drang nach
Rationalisierung" 8), einem autochthonen europäischen Prozeß ge-
schuldet sei, und Kritik an ihr somit nur den "athenischen Kom-
plex" frustrierter Vertreter der Alten Welt gegenüber dem auf-
steigenden Imperium ausdrücke. 9) Auch Richard Löwenthal geht da-
von aus, daß "die Deutschen" mit einer "Option für den Westen"
bzw. einer "Verwestlichung" die nationalen Erfahrungen mit dem
Faschismus verarbeiteten und mit dem Wirtschaftsaufschwung
schließlich in die Amerikanisierung "hineingerissen" worden
seien. 10)
Wenngleich diese Positionen auch zu Recht auf die selbsttragenden
Amerikanisierungsmomente im Rahmen eines kapitalistischen Konsu-
mismus verweisen, so übersehen sie doch - aus sozialer und poli-
tischer Interessiertheit - die mit der Amerikanisierung zur Gel-
tung kommenden Integrationsstrategien, die im Falle der deutsch-
amerikanischen Nachkriegsbeziehungen transatlantisch verfolgt
wurden. Hier kongruierte das amerikanische Streben nach Vorherr-
schaft mit dem westdeutschen nach Restauration der eigenen Herr-
schaftsbasis. Die Interventionen der amerikanischen Besatzungsbe-
hörden im Bereich der Justiz, der Presse, der Hochschulorganisa-
tion, des Theaters, der Filmpolitik, des Rundfunks, der Litera-
tur, die Austauschprogramme und die Kapitaldurchdringung, als
auch die Bereitschaft in Westdeutschland, die "Nibelungentreue zu
Amerika" 11) durch die Übernahme amerikanischer Produkt- und Le-
bensstile gleichsam zu ästhetisieren, gewährleisteten ein hohes
Maß an Einbeziehung der Bundesbevölkerung in das "Amerikanische
Jahrhundert". 12) Die hiermit erlangte Stabilisierung des politi-
schen Systems der Bundesrepublik ist jedenfalls unübersehbar und
auch den Regierenden nicht verborgen geblieben. Konrad Adenauer
versuchte 1960 einmal, seinem französischen Amtskollegen diesen
Zusammenhang zu erläutern: "Ich bat Debre, sich doch einmal fol-
genden Gedanken durch den Kopf gehen zu lassen: Je enger die eu-
ropäischen Staaten mit Amerika verbunden seien, desto stärker sei
ihre innenpolitische Position." 13)
Der vorliegende Beitrag versucht, dieser mit Amerikanisierung um-
rissenen Integrationslinie im Bereich der Klassenregulierung
nachzugehen. Die E n t w i c k l u n g d e r S o z i a l-
d e m o k r a t i e, die amerikanischen E i n g r i f f e i n
d i e w e s t d e u t s c h e G e w e r k s c h a f t s b e-
w e g u n g und die Nachkriegsdebatte über die R e z e p-
t i o n a m e r i k a n i s c h e r M a n a g e m e n t m e-
t h o d e n bilden einen ersten Einstieg, die Amerikanisierung
auch der Arbeiterfrage zu analysieren. Hierbei beschränken wir
uns weitgehend auf die ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte, in
denen der westdeutsche Hegemonietyp seine spezifische Ausprägung
erfuhr.
2. Mehr Democracy wagen
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Im politischen System der Bundesrepublik, das "im wesentlichen
von zwei großen, in den Hauptfragen der 'nationalen Politik'
übereinstimmenden Volksparteien", 14) nämlich der CDU/CSU und der
SPD getragen wird, verdichten sich Elemente politischer Herr-
schaftsausübung, die schon seit der Wilhelminischen Ära von den
deutschen Sozialliberalen favorisiert und direkt oder indirekt
dem nordamerikanischen Vorbild entnommen wurden. So sah Friedrich
Naumann, der Mentor des Sozialliberalismus und politische Ziehva-
ter des ersten Bundespräsidenten, bereits um 1900 im angloameri-
kanischen Zweiparteiensystem ein Modell zur Effektivierung der
Herrschaftsausübung auch für Deutschland, 15) während er zudem
der Integration einer durch das Ausgreifen des Revisionismus
"national" werdenden Sozialdemokratie und der von ihr hegemonier-
ten Arbeitermassen in das monopolkapitalistische Machtkartell be-
sondere Aufmerksamkeit widmete. Auch hier dürften für ihn die In-
tegrationserfolge des amerikanischen Großkapitals vorbildlich ge-
wesen sein. 16)
Während in der Zeit der Weimarer Republik die Zusammenarbeit zwi-
schen bürgerlichem und sozialdemokratischem Sozialliberalismus
von der Ausarbeitung der Verfassung bis zu den "Weimarer Koali-
tionen" tatsächlich zustande kam, beeinträchtigte jedoch die
Vielzahl der Parteiformationen die Stabilität des politischen Re-
gimes, weswegen aus den Reihen der Sozialliberalen auch der Ruf
nach Überwindung des "Parteiismus" zu vernehmen war 17) und mit
der Zustimmung der Reichstagsfraktion der DDP zum hitlerschen Er-
mächtigungsgesetz schließlich vollzogen wurde.
Da im Sozialliberalismus seit den 20er Jahren auch die Konzeption
einer deutschen Juniorpartnerschaft mit dem amerikanischen Impe-
rialismus vertreten wurde, 18) verfügte er mit der Wiederaufnahme
des Zweiparteienmotivs über eine Alternativkonzeption zur politi-
schen Gestaltung eines im Nachkriegsdeutschland zu restaurieren-
den, da mit der militärischen Niederlage des faschistischen Ein-
parteienregimes zunächst substanziell gefährdet erschienenen Mo-
nopolkapitalismus. Nicht zuletzt über sozialliberale Amerikaemi-
granten gelang es, entsprechende Vorstellungen auch in die Formu-
lierung der amerikanischen Besatzungspolitik einfließen zu las-
sen, wobei besonders die Beteiligung von Gustav Stolper an der
sogenannten Hoover-Mission, die 1947 im US-Regierungsauftrag die
Besatzungspolitik in Deutschland zu überprüfen hatte, hervorgeho-
ben werden muß. 19)
In dem "Geleitwort" zu der deutschen Ausgabe des von Stolper im
selben Jahr kurz vor seinem Tode fertiggestellten Buches "German
Realities" empfahl seine Frau den Westdeutschen im März 1948 von
ihrem New Yorker Wohnsitz aus einige "Wahrheiten des westlichen
Völkerlebens", aus denen wegen der Nähe zum Gründungsdatum der
Bundesrepublik etwas ausführlicher zitiert sei: Deutschland habe
in der Weimarer Zeit die Demokratie als ein "fremdes Werkzeug"
gehandhabt. "Es gab viele Parteien, bevor es die eine Zwangspar-
tei gab, aber die vielen wie die eine waren nie das nützliche
Werkzeug, als das sie im Westen erfunden wurden - stets irgend
etwas anderes als bloß das Mittel, zwei politische Funktionen zu
erfüllen: 1. zu regieren, 2. Opposition zu machen, bis man selbst
zum verantwortlichen Regieren kommt. Für dieses praktische Ziel
des Regierens durch verantwortliche Mehrheiten, die einander ab-
lösten, wurde in den englischsprechenden Ländern das Zweipar-
teien-System entwickelt. Das hat in Deutschland nie bestanden,
denn den deutschen Parteien lagen von Anbeginn philosophische,
nicht technische Bemühungen zugrunde. (...) Hier herüben sucht
man klare politische Entscheidungen. Hier gibt es auch Weltan-
schauung und Überzeugungstreue, aber sie sind nicht starr in den
traditionellen Parteien verankert, sondern frei im Charakter der
handelnden Personen. Die Politiker reiben sich nicht an ideologi-
schen Parteifesseln wund, das Individuum beugt sich nicht dem
Kollektivum, ist nicht Sklave der Verhältnisziffern in der
Parteikoalition." 20)
Das hier aus dem amerikanischen Exil heraus vorgestellte Programm
einer Verwestlichung des deutschen bürgerlichen Parteienstaats
zielte unübersehbar auf eine Effizienzsteigerung der politischen
Machtausübung durch die Schaffung großer Integrationsparteien und
des Mehrheitswahlrechts. Die scheinbare Entideologisierung der
politischen Auseinandersetzung und der reibungslose Wechsel zwi-
schen Regierung und Opposition werden möglich, da die betreffen-
den Parteien grundsätzlich vom bestehenden monopolkapitalisti-
schen System ausgehen und nur seine Effektivierung - und nicht
seine Veränderung - im Auge haben. Die Durchsetzung der Verwest-
lichung mußte um so eher gelingen, als Vertreter der bedeutend-
sten Bonner Parteiformationen nach 1945 bereit waren, der
"parteipolitischen Abkapselung" Grenzen zu setzen (Brandt) 21),
die "alten Parteiformierungen nicht einfach in dem Stile" von vor
1933 wiederkehren zu lassen (Heuss) 22) und Parteiprogramme "auf
alle Schichten des deutschen Volkes" zu gründen (Adenauer). 23)
Im weiteren Entwicklungsgang der Bundesrepublik sollte sich das
Programm der Verwestlichung nahezu erfüllen: CDU/CSU und SPD als
rechte und linke Integrationsparteien sowie die FDP als das feh-
lende Mehrheitswahlrecht kompensierende Mehrheitsbeschafferin.
Die Einfügung der Sozialdemokratie in das Herrschafts- und Bünd-
nissystem des deutschen Nachkriegskapitalismus verlief jedoch
nicht ohne Friktionen. Sie ist eng verbunden mit einer fort-
schreitenden Amerikanisierung dieser Partei und dem Aufstieg
Willy Brandts zum Kanzlerkandidaten und Parteichef. Entscheidende
Weichenstellungen zu diesem Weg wurden bereits in der unmittelba-
ren Nachkriegszeit unter Führung Kurt Schumachers vorgenommen.
Schumacher, ebenso wie u. a. Adenauer und Heuss auf der sich bei
Kriegsende im Gepäck der US-Armee befindenden und kooperationsfä-
hige deutsche Politiker kennzeichnenden "Weissen Liste" 24),
wirkte auf eine strikte Ablehnung jeglicher Zusammenarbeit mit
den Kommunisten und auf eine Separation der westdeutschen von den
ostzonalen Sozialdemokraten um Otto Grotewohl hin. Seine erste
programmatische Rede in dem gerade wiedergegründeten Ortsverein
Hannover, zwei Tage vor der Gesamtkapitulation der Deutschen
Wehrmacht, brachte starke Anklänge an die "Ideen der westlichen
Revolutionen" und an Roosevelts staatsinterventionistisches Kon-
zept des "New Deal". Die "Öffnung der SPD zur Volkspartei" wurde
bereits sichtbar. 25)
Das Insistieren auf Sozialisierungen und auf dem Primat der Wie-
dervereinigung brachte die SPD in den folgenden Jahren jedoch in
Distanz zur US-Regierung, die zur Durchsetzung ihrer Spaltungs-
und "free enterprise"-Politik in den Unionsparteien den verläßli-
cheren Partner sah. Gleichwohl darf der sozialdemokratische Bei-
trag zur Weststaatbildung und damit zur Erreichung eines wichti-
gen amerikanischen Etappenziels zur Integration ganz Westeuropas
in einen von den USA geführten antikommunistischen Westblock
nicht unterschätzt werden. Er wurde von Herbert Wehner einmal wie
folgt formuliert: "Die Bundesrepublik ist ja nicht durch die CDU
allein geschaffen worden. Ohne die SPD und ihre Frontstellung ge-
gen den Kommunismus hätte es keine freiheitliche Bundesrepublik
Deutschland gegeben." 26)
Neben Schumachers harschem Antikommunismus ist hier vor allem der
"auf Zusammenarbeit mit den Alliierten bedachte 'Bürgermeister-
flügel' der SPD" zu nennen, 27) der sich in "Übereinstimmung ...
mit der amerikanischen Deutschland- und Europapolitik" befand und
sich folgerichtig aktiv am Gründungsprozeß der Bundesrepublik
beteiligte. 28) Eine wichtige Rolle im "Bürgermeisterflügel" der
SPD spielte Max Brauer, der 1946, aus dem amerikanischen Exil
heimkehrend, Erster Bürgermeister von Hamburg wurde. 29) Aber
auch bei anderen sozialdemokratischen Länderchefs "der ersten
Stunde" (Ernst Reuter, Wilhelm Hoegner, Wilhelm Kaisen) ließen
sich offensichtlich aus der Zeit vor ihrer Amtsübernahme
stammende Kontakte zu amerikanischen Institutionen oder Einschät-
zungen des amerikanischen Geheimdienstes nunmehr für eine mit den
USA gleichgerichtete Politik im Kalten Krieg instrumentalisieren.
30) Die amerikafreundlichen Ministerpräsidenten gehörten
politisch zum sozialliberalen "pragmatischen Flügel der SPD" 31),
der so in den Ländern jene Volkspartei-Konzeption vorprägen
konnte, die für die Gesamtpartei erst im Godesberger Programm von
1959 festgeschrieben wurde.
Für die Parteiführung der SPD waren vor allem Fritz Erler und
Willy Brandt bemüht, das Verhältnis der Gesamtpartei zu den USA
zu verbessern. Zusammen mit Carlo Schmid und Günther Klein waren
sie im Frühjahr 1954 "auf Einladung des State Department zu einer
sechswöchigen Sondierungsfahrt" in den USA. 32) Erler konnte bei
seinen Anstrengungen, Zugang zu führenden amerikanischen Politi-
kern zu finden, auf die in den USA verbliebenen Reste der sozial-
demokratischen Emigration zurückgreifen. Hierbei handelte es sich
vor allem um die "Deutsche Sprachgruppe" innerhalb der "sich po-
litisch weitgehend mit Roosevelts 'New Deal'" identifizierenden
US-amerikanischen "Social Democratic Federation". 33) Während des
Krieges war die Deutsche Sprachgruppe über ihren Vorsitzenden Ru-
dolf Katz eng mit der "zunehmend zum Organ des rechten Flügels
der Exil-SPD" werdenden "Neuen Volkszeitung" 34) und der 1939 ge-
gründeten und u.a. von Max Brauer geleiteten "German Labor Dele-
gation" (GLD) verbunden gewesen. 35) Die GLD wiederum arbeitete
eng mit der "American Federation of Labor" (AFL) zusammen, 36) um
zugleich eine Kooperation mit dem Konkurrenzverband "Congress of
Industrial Organizations" (CIO) abzulehnen, da man ihn "stark von
Kommunisten durchsetzt" (Katz) glaubte. 37) Die Deutsche Sprach-
gruppe, die Antikommunismus, New Deal-Ideologie und eine inten-
sive Kooperation mit amerikanischen Organisationen somit bereits
während des Krieges einübte, "wurde z.B. von Fritz Erler noch bis
Anfang der sechziger Jahre regelmäßig im Rahmen seiner Amerika-
reisen aufgesucht". 38)
Wenn aber nunmehr das gute Verhältnis zur Kennedy-Administration
die vermittelnde Tätigkeit der sozialdemokratischen Emigranten
bei der Kontaktanbahnung in Washington überflüssig machte, 39)
war dies selbst nur ein Resultat der von deutschen Sozialdemokra-
ten in den 50er Jahren gesuchten Annäherung an Politiker der De-
mokratischen Partei der USA. Ein wichtiges Mittel hierzu stellten
die sogenannten "Bilderberg-Konferenzen" dar. Sie "waren im Mai
1954 im Hotel 'de Bilderberg' bei Oosterbeek vom Prinzen Bernhard
der Niederlande ins Leben gerufen worden und fanden in der Regel
einmal jährlich statt. Um die Bedeutung dieses streng vertrauli-
chen Gedankenaustausches zwischen Spitzenpolitikern, Bankiers und
Wirtschaftsführern zu illustrieren, sei gesagt, daß Erler hier
Kontakte zu David Rockefeiler von der Chase Manhattan Bank, zu
Gabriel Hauge von der Großbank Manufacturers Hanover Trust, zu
Dean Rusk, George Ball, McGeorge Bundy, Paul Nitze und George
McGhee knüpfen konnte, die später in den Kennedy- und Johnson-Ad-
ministrationen bedeutende Ämter innehatten. Seit 1955 war die SPD
auf diesen Konferenzen ständig vertreten. Neben Erler nahmen Max
Brauer und Carlo Schmid häufiger teil. Die enge Kooperation der
SPD mit der amerikanischen Regierung und die Übereinstimmung in
Sicherheitsfragen in den sechziger Jahren beruhten zu einem guten
Teil auf dem von Erler sorgsam gepflegten Meinungs- und Informa-
tionsaustausch, der mit der Teilnahme an den Bilderberg-Konferen-
zen seinen Anfang nahm." 40)
Als weiteres Forum des Meinungsaustausches können die seit 1959
gemeinsam vom "American Council on Germany" und der "Atlantik-
Brücke" ausgerichteten "Deutsch-amerikanischen Gespräche" gelten,
an denen z.B. im Februar 1961 in Washington für die SPD Deist,
Erler, Carlo Schmid, Brauer und Helmut Schmidt teilnahmen, um so
"das außenpolitische Programm der Kennedy-Administration aus er-
ster Hand kennenzulernen". 41) Zu Beginn der 60er Jahre waren es
dann Fritz Erler und Helmut Schmidt, die neben Strauß als west-
deutsche Mitglieder des als "defense Community" bezeichneten
Nato-Expertenkreises fungierten 42) und jene "Übereinstimmung in
Sicherheitsfragen" zwischen der SPD und der demokratischen US-Ad-
ministration vor allem hinsichtlich von Rüstungskontrollproblemen
herstellten. Die Sozialdemokratie bot sich somit als
"präferentielle deutsche Option der USA" 43) zur Durchsetzung
amerikanischer Zielvorgaben in der deutschen Politik dar.
Doch die Anlehnung der SPD an die Demokratische Partei der USA
drückte wesentlich mehr aus als nur die Kongruenz in politischen
Tagesfragen. Die von der sozialdemokratischen Parteiführung ver-
folgte Strategie zur Erlangung der Regierungsfähigkeit im Bund
beinhaltete nach den Worten Willy Brandts 44) den Abwurf
"ideologischen Ballasts", die Formung einer "modernen Wirt-
schaftspolitik" sowie das Bekenntnis zu den Bündnisverpflichtun-
gen 45) und zielte - kodifiziert im Godesberger Programm von 1959
- auf die Integration der SPD in das Parteiensystem der Bundesre-
publik nach westlichem, genauer US-amerikanischem Vorbild.
Hierbei entsprach die außenpolitische Übereinstimmung der Partei
mit amerikanischen Vorgaben zur Bewältigung neu aufkommender Pro-
bleme der Systemauseinandersetzung - wie Rüstungskontrolle und
Dritte-Welt-Engagement 46) - auch einer weitgehenden inneren,
formellen wie ideologischen, Amerikanisierung. Läßt sich allein
schon "bei den der Gruppe der 'Reformer' zuzurechnenden Politi-
kern, die die Öffnung der SPD zu einer die gesellschaftlichen
Gruppen überspannenden Volkspartei bewerkstelligt hatten, eine
Affinität zur amerikanischen Demokratie feststellen", 47) so ge-
riet die SPD besonders im Bundestagswahlkampf 1961 unter der Füh-
rung des Kanzlerkandidaten Willy Brandt, der als "deutscher Ken-
nedy" präsentiert wurde, 48) in zeitgenössischen Augen "zu einer
Partei amerikanischen Typs nach dem Muster der Demokraten". 49)
Die Nominierung Brandts zum sozialdemokratischen Kanzlerkandida-
ten durch die Parteiführung entsprang ihrer Absicht, die Nähe zu
den USA zu dokumentieren. Denn er stand als amtierender Regieren-
der Bürgermeister Westberlins schon des öfteren im öffentlich-
keitswirksamen Kontakt zur "amerikanischen Schutzmacht" und galt
"mit 46 Jahren in der deutschen Politik geradezu als jung", 50)
womit er bewußt die altersmäßige Entsprechung zu Kennedy dar-
stellte. Als weiteren Grund führte Brandt selbst an, "daß wir in
Berlin innenpolitisch das Konzept der Volkspartei vorausgeformt
hatten und außenpolitisch einem Kurs gefolgt waren, der als re-
alistisch galt". 51)
Früheste Kontakte zu amerikanischen Dienststellen und Organisa-
tionen prädestinierten Brandt darüber hinaus im besonderen, die
SPD auf dem eingeschlagenen proamerikanischen Weg zu leiten. Wäh-
rend seiner Emigrationszeit führte er in Stockholm mit Angehöri-
gen der amerikanischen Botschaft, bei denen er u.a. "Engagement
für die Freiheit" beobachtete, Gespräche "über die Zukunft
Deutschlands und Europas nach dem Zusammenbruch des Dritten Rei-
ches". Seine Überlegungen gelangten in "detaillierten Berichten"
in die USA. 52) Nach dem Krieg hielt Brandt "als Beauftragter des
Parteivorstands" die "Verbindung zu den alliierten Hauptquartie-
ren in Berlin" und unterhielt somit durch diverse "Gespräche mit
amerikanischen Beamten und Beratern General Clays" bessere Kon-
takte zu den Amerikanern als die Parteiführung in Hannover. 53)
In den USA selbst verbanden ihn "seit langem freundschaftliche
Beziehungen" mit den "Americans for Democratic Action", einer
"Organisation, in der liberale, in manchem sozialdemokratische
Kräfte vor allem der Demokratischen Partei zusammengeführt sind".
1961 wirkte er dort z. B. an einer Gedenkveranstaltung für
Franklin D. Roosevelt mit. 54)
Ab 1960 bemühte Brandt sich verstärkt um die Amerikanisierung der
SPD. Auf dem Parteitag von Hannover Ende November vertrat er als
Kanzlerkandidat neben der außenpolitischen Übereinstimmung mit
Kennedy ein innenpolitisches Reformprogramm zur Bewältigung soge-
nannter "Gemeinschaftsaufgaben", das stark dem Kennedyschen "New
Frontier"-Programm nachempfunden war, das dieser in Anknüpfung an
Roosevelts New Deal vier Monate zuvor der amerikanischen Öffent-
lichkeit präsentiert hatte. 55) Darüber hinaus führt Hans-Jürgen
Grabbe an: "Brandts Ausführungen zur inneren Reform waren sozial-
wissenschaftlich fundiert. Sie wurzelten nicht so sehr im tradi-
tionellen sozialdemokratischen Denken als vielmehr in zeitgenös-
sischen amerikanischen Gesellschaftsanalysen, für die John Ken-
neth Galbraith' 'The Affluent Society' (1958) als Beispiel stehen
mag. Kennzeichnend war außerdem Brandts suggestive, nach wer-
bepsychologischen Erkenntnissen eingesetzte Sprache, die auch in
ihrem gelegentlichen Pathos an amerikanische öffentliche Reden
erinnerte. Die Selbstdarstellung der SPD auf dem der Bundestags-
wahl von 1961 vorausgehenden Parteitag wies noch weitere Elemente
auf, die der politischen Kultur der Vereinigten Staaten entlehnt
zu sein schienen. Dazu gehörten zum Beispiel der aus Brandts Fe-
der stammende 'Appell von Hannover', eine plakative Zusammenfas-
sung sozialdemokratischer Politik, die nachträgliche Bestätigung
des Kanzlerkandiaten durch alle Delegierten per Akklamation und
schließlich der Ausklang des Parteitags mit der 'acceptance
speech' des Kanzlerkandidaten." 56)
Zur Vorbereitung des Wahlkampfes für den Herbst 1961 schickte die
SPD "zum Studium amerikanischer Wahlkampf- und Public-Relations-
Methoden" den ehemaligen Harvard-Studenten und späteren Nachfol-
ger Brandts im Amt des Westberliner Regierenden Bürgermeisters,
Klaus Schütz, sowie Alex Möller im November 1960 in die USA. Un-
ter anderem war Brandts "Deutschlandreise" im Sommer 1961 der
amerikanischen "whistle-stop-campaign" nachgeprägt. 57) Auch jene
die Ostpolitik der sozialliberalen Koalition mit vorbereitende
Strategie "Wandel durch Annäherung", die von Egon Bahr und Willy
Brandt seit Juli 1963 propagiert wurde und die darauf abzielte,
die Gesellschaftsverfassungen in den sozialistischen Ländern, vor
allem aber der DDR, durch wirtschaftliche Beziehungen und
"menschliche Erleichterungen" schrittweise zu transformieren, war
eine Ableitung der von Kennedy am 10. Juni 1963 in Washington und
am 26.6. an der Freien Universität Berlin gehaltenen Rede über
die "Strategie des Friedens". 58)
Auch in der nachfolgenden Zeit wurden seitens der SPD immer wie-
der Amerikanismen übernommen und in die politische Kultur der
Bundesrepublik übertragen, was die außerordentliche Bedeutung der
Vereinigten Staaten für die Orientierung der Sozialdemokratie of-
fenbart. Beispielsweise überschrieb auf dem Dortmunder Parteitag
1966 der mittlerweile zum Vorsitzenden avancierte Brandt sein
Grundsatzreferat "in Anlehnung an den traditionellen Rechen-
schaftsbericht des amerikanischen Präsidenten" mit "Die Lage der
Nation", eine Berichtsform, die seit 1968 auch von den jeweiligen
Bundeskanzlern im Bundestag geübt wird. 59) Auch die Formulierung
des sozialdemokratischen Wahlkampfslogans von der "Verbesserung
der Lebensqualität" läßt sich auf eine Konzeption zurückführen,
die gegen Ende der 60er Jahre von der Nixon-Administration in den
USA entwickelt worden ist. 60) Ebenso scheint der von Willy
Brandt in seiner Regierungserklärung vom Oktober 1969 verwendete
Begriff "mehr Demokratie wagen" eher der Kennedyschen Mobilisie-
rungsrhetorik aus dem New Frontier-Motiv zu entsprechen, als daß
mit ihm eine tiefgreifende, den Lohnabhängigen mehr Einflußmög-
lichkeiten eröffnende Demokratisierung der gesellschaftlichen
Wirklichkeit der Bundesrepublik beabsichtigt gewesen wäre.
Tatsächlich war die SPD weit davon entfernt, sich als eine Partei
der Arbeiterklasse zu definieren. Gerade die vermittels einer
fortschreitenden Amerikanisierung beförderte Einfügung dieser
Partei in das bei Kriegsende von Sozialliberalen forcierte Modell
eines effizienten, von zwei Volksparteien getragenen Staatswesens
nach westlichem Muster ließ die SPD nach dem Selbstverständnis
von gewichtigen Teilen ihrer Führung zu "einer (im amerikanischen
Sinne) liberalen Partei" werden. 61) Aus dieser Perspektive her-
aus ist es nur allzu verständlich, wenn der Vorsitzende der SPD
im Bewußtsein, sich mit den Unionsparteien und der Mehrheit der
Bundesbürger in einer Art westlicher Elementargemeinschaft zu be-
finden, der Adenauerschen Politik in dieser Hinsicht positive
Züge abgewinnt: "Demokratisierung läßt sich als Adaption westli-
chen Geistes begreifen. Wenn es so ist, dann hat Adenauers Außen-
politik auch jenem Vorgang der Verwestlichung eine Chance geben
helfen, dem es meiner Überzeugung nach für die Entwicklung der
inneren, individuellen und der sozialen Daseinsformen in unserem
Land zu dienen gilt." 62)
3. Konzertierte Aktionen
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In neueren politikwissenschaftlichen Untersuchungen zu den Aus-
wirkungen amerikanischer Politik auf die gesellschaftliche und
politisch-kulturelle Entwicklung im Westdeutschland der 40er und
50er Jahre gilt es mittlerweile weithin als unbestritten, daß
diese zu einer tiefgreifenden "Modernisierung", ja begrenzten
"Modifizierung" der Klassenbeziehungen Wesentliches beigetragen
hat. 63) Insbesondere die "transnationalen Beziehungen" deutscher
und amerikanischer Gewerkschaften hätten die Herausbildung eines
"balancierten Systems sozialer Kräfte" gefördert. Eine
"Übertragung von Elementen sozio-politischer Kultur" amerikani-
scher Prägung auf die westdeutschen Verhältnisse sei hauptsäch-
lich durch "materielle und ideelle Hilfeleistungen" und durch
personelle Austauschprogramme erfolgreich gewesen. 64) In der Tat
kann die Geschichte der Einflußnahme der amerikanischen Gewerk-
schaftsverbände AFL (in geringerem Maße des CIO) und der von je-
nen teils wesentlich mitgeprägten, teils nachvollzogenen Politik
der amerikanischen Besatzungsadministration (OMGUS) als Beitrag
zur Amerikanisierung "der überlieferten Strukturen einer kapita-
listischen Demokratie in Deutschland" begriffen werden. 65)
Die amerikanischen Gewerkschaftsverbände AFL und CIO traten sich
in der ersten Phase der Nachkriegszeit auf dem europäischen
Schauplatz als "außenpolitische" Konkurrenten gegenüber. Während
die AFL sich schon vor dem Übergang der Truman-Administration zu
einer Politik des Kalten Krieges auf eine als globalen Auftrag
begriffene Konfrontationspolitik gegenüber den kommunistischen
und sozialistischen Kräften in der Arbeiterbewegung festgelegt
hatte, war der CIO zunächst noch auf eine kooperative Lösung der
Nachkriegsprobleme orientiert. 66) In den mit den Arbeiter- und
Gewerkschaftsfragen befaßten Abteilungen von OMGUS waren zunächst
die AFL-Vertreter programmatisch federführend. 67) Die Ziele der
AFL für die Orientierung der westdeutschen Gewerkschaften trafen
sich dabei in der Strategie weitgehend mit denen der amerikani-
schen Regierung, wenngleich in Einzelpunkten, besonders über die
Frage materieller Absicherung des gewerkschaftlichen Wiederauf-
baus in Westdeutschland und der Vertretungsrechte, häufige Diffe-
renzen zwischen OMGUS-Führung und AFL zur Regel gehörten. 68) Die
Übereinstimmung war aber der dominierende Faktor, zumal die AFL
die Politik des Kalten Krieges auf dem Feld der Arbeiterbewegung
längst vorweggenommen hatte und mit großer Radikalität betrieb.
Bereits 1944 hatte Matthew Woll, der stellvertretende Vorsitzende
der AFL, einen weltweiten Kreuzzug gegen den Kommunismus gefor-
dert. 69) Die USA müßten beim Wiederaufbau Europas im kapitali-
stischen Sinne helfend eingreifen, und zwar nicht "aus irgendei-
nem humanitären Impuls, sondern wegen eines Sinns für Selbster-
haltung, weil wir jetzt wissen, daß Chaos in Europa internationa-
les Chaos bedeutet." 70)
Insgesamt war die gewerkschaftspolitische Flankierung der ameri-
kanischen Außenpolitik durch die AFL darauf gerichtet, in West-
deutschland für eine Gewerkschaftsorganisation zu sorgen, die
sowohl im nationalen Rahmen zu konzertierten Aktionen mit Staat
und Kapital konditioniert wäre wie international für eine gegen
den Weltgewerkschaftsbund (WGB) gerichtete antikommunistische Se-
paratlösung optieren sollte. 71) Erste Unsicherheiten über die
Art und Weise, wie dementsprechend der Neuaufbau der westdeut-
schen Gewerkschaften zu erfolgen habe - von "unten nach oben" un-
ter Ausschaltung der ehemaligen Gewerkschaftsführer ("grassroots-
approach") oder von "oben nach unten" bei entsprechender Auswahl
einer neuen "geeigneten" Führung ("top down-approach") -, markie-
ren insofern lediglich anfängliche taktische Differenzierungen
innerhalb einer insgesamt strikt antikommunistischen und auf Si-
cherung amerikanischer kapitalistischer Vormachtstellung gerich-
teten Globalstrategie. 72)
Bei der Durchführung des zur Verhinderung kommunistischen Ein-
flusses auf die neuen Gewerkschaften zunächst als erfolgverspre-
chendste Variante erachteten grassroots-approach, der von dem
AFL-Vertreter und engen Berater General Clays, Joe Keenan, formu-
liert worden war, erwies sich jedoch gerade im Gegenteil, daß
dieses Verfahren zu einer eminenten Stärkung kommunistischer Po-
sitionen in Betrieben und Gewerkschaft führte. Der grassroots-ap-
proach mußte daher alsbald scheitern und durch die top down-Me-
thode ersetzt werden, 73) zumal sich für die Amerikaner heraus-
stellte, daß die alte sozialdemokratische Weimarer Führungs-
schicht entgegen bis dahin geltender Auffassung für einen paßge-
rechten Wiederaufbau der Gewerkschaften durchaus fähig war. Die
"frühzeitige Koalitionsbildung", welche die AFL in Deutschland
anstrebte, konnte sich nämlich einer Reihe sozialdemokratischer
Verbündeter versichern, für deren Aktivitäten die AFL zum Teil
größere Summen investierte. 74) Der für die gesamteuropäischen
Operationen der AFL zuständige Vertreter Irving Brown, der sich
durch seine Beteiligung an erfolgreichen Gewerkschaftsspaltungen
in Italien und Frankreich während der späten 40er Jahre einen Na-
men machte, führte mit Gewerkschafts- und Parteivertretern der
deutschen sozialdemokratischen Emigration in Großbritannien re-
gelmäßige Unterhandlungen, so z.B. mit Hans Gottfurcht, der als
Verbindungsmann der britischen Militärbehörden oft nach Deutsch-
land einreisen konnte und damit eine Schlüsselfunktion innehatte.
Zu weiteren Gesprächspartnern Browns zählten Walter Auerbach,
Erich Ollenhauer und Fritz Heine. 75) Die verabredeten parallelen
Aktionen von AFL und sozialdemokratischen Emigrantengruppen soll-
ten dabei erklärtermaßen der "Verhinderung einer kommunistischen
Herrschaft" auf dem Wege der "Förderung" einer genuin "sozial-
demokratischen gewerkschaftlichen Führungsschicht" dienen. 76)
Die dabei von der AFL ebenfalls verfolgte Orientierung der neu
entstehenden westdeutschen Gewerkschaften am Vorbild des amerika-
nischen Modells einer einzig den kapitalistischen Marktgesetzen
verpflichteten "business union", mußte als zentrales Ziel die
Verankerung des Gedankens einer "konzertierten Aktion" zwischen
Gewerkschaften, Staat und Kapital betreiben. Dessen Herkunft lag
amerikanischerseits in dem Erfahrungshorizont begründet, den der
New Deal für die amerikanischen Gewerkschaften geschaffen hatte.
77) Es war nur folgerichtig, daß daher schon die von der AFL ge-
prägte frühe Politik der amerikanischen Besatzungsmacht auf die
zügige Institutionalisierung solcher interklassistischen Kon-
fliktregelungs- und -vermeidungsformen in Westdeutschland ab-
zielte.
Bereits im Juli 1945 hatte die amerikanische Militärregierung die
Bildung kommunaler Beratungsausschüsse angeordnet, in denen ein
breites Spektrum gesellschaftlicher Gruppierungen, vor allem aber
Gewerkschaften und Unternehmer vertreten sein sollten. 78) Die
ersten Schritte, das Verhältnis Gewerkschaften - Unternehmer -
Staat im größeren Rahmen zu regeln, enthielt die Direktive Nr.
29, die im Mai 1946 zur Einrichtung von Beratungsausschüssen bei
den Arbeitsämtern führte. 79) Die begrenzte Reichweite der sozi-
alpartnerschaftlichen Orientierung wird aber darin deutlich, daß
die gleichberechtigte Vertretung der Gewerkschaften in den übri-
gen fachlichen Wirtschaftsstellen zur gleichen Zeit weitgehend
abgeschnitten war. OMGUS ermutigte die Gewerkschaften stattdessen
zu "informellen" Gesprächen mit der Unternehmerseite über
"allgemeine Wirtschaftsfragen". 80)
Die Verfestigung einer konzertierten Aktion gewann nicht allein
über die gleichsam "von oben" verfügte Zusammenarbeit zwischen
Kapital, Staat und Arbeit ihre Gestalt, sondern war auch in die
Anlage von Programmen der transnationalen Gewerkschaftsbeziehun-
gen und der Militärregierung (wie auch späterhin von deren Nach-
folgerin, dem amerikanischen Hochkommissariat, HICOG) einge-
schrieben. Es waren zunächst die aus ERP-Mitteln finanzierten
sog. Studiengruppenreisen, die sich als besonders erfolgreich er-
wiesen bei der Gewinnung deutscher Gewerkschafter für eine am
amerikanischen Modell orientierte Sozialpartnerschaftsvorstellung
und das damit verbundene Produktivitätssteigerungskonzept für die
deutsche Wirtschaft. Der Schatzmeister des CIO, James B. Carey,
hatte den Gedanken, daß eine Produktivitätssteigerungspolitik,
die sowohl Arbeitern, "Verbrauchern" und Unternehmern einen
"gerechten" Anteil am Produktivitätszuwachs sichern helfe, der
wirksamste Weg zur Wiedergewinnung der "demokratischen Loyalität"
der europäischen Arbeiterklassen sei, selbstbewußt vorgetragen:
"Der Gedanke der gleichzeitigen Steigerung der Produktion und des
allgemeinen Konsums ist das typischste amerikanische Produkt, das
wir exportieren können. Es ist meiner Ansicht nach die beste Ant-
wort der Demokratie auf die kommunistische Behauptung, daß Kon-
flikt und Zusammenbruch unvermeidliche Produkte unserer Art von
Wirtschaftsgesellschaft sind. (...) Wir haben in unserer amerika-
nischen Erfahrung die Antwort auf den Kommunismus gefunden. Un-
sere Freunde in Europa wollen diese Idee erproben und ihren Be-
dingungen anpassen. Ich glaube nicht, daß wir sie im Stich lassen
sollten, selbst wenn einige furchtsame Gemüter es 'Einmischung'
nennen mögen." 81)
Die Studiengruppenreisen bewirkten in der Tat die beabsichtigte
"Vermittlung" amerikanischer Vorstellungen der "sozialpartner-
schaftlichen Produktivitäts- und Konsumsteigerung" gegenüber den
Teilnehmern, zu denen gleichermaßen Arbeiter wie Unternehmer
zählten. Die hierbei initiierten Formen der Zusammenarbeit von
Staat, Arbeit und Kapital konnten in der Folgezeit institutio-
nalisiert werden. Besondere Beispiele hierfür sind der 1952 ge-
gründete "Ausschuß für die Produktivitätssteigerung im
Kohlebergbau" und der "Deutsche Produktivitätsrat", in dem Ver-
treter der Bundesregierung, des BDI/BDA, des DGB und der Mutual
Security Agency (MSA) vertreten waren. 82)
Einen anderen Eckpfeiler in dem Bemühen, in Westdeutschland Ar-
beit und Kapital zu gemeinsamen Aktivitäten für eine Modernisie-
rung der Produktion und der Managementmethoden zusammenzubringen,
bildete das sog. Training Within Industry-Programm (TWI). Es war
von dem ehemaligen Personalchef der New Yorker Firma "Gimbel
Brothers" John J. McCarthy nach einem Aufenthalt in den Westzonen
ins Leben gerufen worden. Die für Gewerkschafts- und Arbeiterfra-
gen zuständige Manpower Division bei OMGUS sah das Ziel des Pro-
gramms wesentlich darin, "unzureichende Ausbildung" auf seilen
der Arbeiter, "veraltete" Arbeitsmethoden und "unbefriedigende
Beziehungen" zwischen Arbeitern und Management auf der betriebli-
chen Ebene zu überwinden. 83) Der erste Kurs dieses Programms
startete in der gleichfalls von den Amerikanern finanzierten Ge-
werkschaftsschule in Oberursel. Schon die Zusammensetzung der
Teilnehmer zeigte, daß die amerikanische Planung sich verwirkli-
chen konnte. Von den 33 Personen waren 15 von Industrie, Gewerk-
schaften und zonalen Arbeits- und Erziehungsministerien und 18
vom deutschen Stab der "European Exchange Service post exchange
and warehouse installations". Nach diesem Beginn expandierte das
Programm sehr rasch, um schließlich in den wichtigsten industri-
ellen Zentren der Westzonen (u.a. in Kiel, Bremen, Hamburg,
Stuttgart und Nürnberg) und später in der Bundesrepublik regelmä-
ßig durchgeführt zu werden. In einer späteren Auswertung ver-
merkte das amerikanische Hochkommissariat voller Stolz: "... das
Programm repräsentiert einen wichtigen Versuch, Arbeit und Indu-
strie zur Kooperation zu bewegen. Selbst der Ausdruck 'TWI' ist
von den Deutschen ohne Übersetzung übernommen worden. Deutsche
Wörter wie 'Schulung' und 'Ausbildung' sind nicht mehr populär,
seit es gefühlt wird, daß sie einen nationalsozialistischen Klang
haben." 84)
Wohl kein amerikanisches Unternehmen aber hat das Amerikabild
breiter westdeutscher Gewerkschaftskreise so nachhaltig beein-
flussen und für lange Zeit prägen können wie die seit 1948
zunächst für ausgewählte Führungsgruppen, dann für weitere Kreise
auch der potentiell für Führungsaufgaben in Frage kommenden Ge-
werkschaftsjugend sowie für Parteinachwuchskader der SPD veran-
stalteten Austauschprogramme. Waren die verschiedenen Trai-
ningsprogramme zur Modernisierung der Produktionsmethoden darauf
konzentriert, amerikanische Erfahrungen in betrieblicher Führung
und Integration zu verbreiten, so zielten die Austauschprogramme,
die für Führungsgruppen aus allen gesellschaftlichen Bereichen
konzipiert und durchgeführt wurden, gleichwohl aber die gewerk-
schaftlich organisierte Arbeiterschaft als Hauptzielgruppe hat-
ten, darauf, unmittelbare Erfahrungen mit dem "american way of
life" zu organisieren, um darüber die Vorbildfunktion der ameri-
kanischen Gesellschaft im Bewußtsein der Arbeiter zu verankern.
Dabei wurde davon ausgegangen, daß die aus den USA zurückgekehr-
ten Gewerkschaftsfunktionäre sich als Multiplikatoren amerikani-
scher Demokratievorstellungen innerhalb der westdeutschen Arbei-
terschaft bewähren würden. 85)
Schon die erste Reise deutscher Gewerkschaftsführer, an der Mar-
kus Schleicher (Vorsitzender des Zonenausschusses der Gewerk-
schaften der amerikanischen Zone), Fritz Dahlmann (britische
Zone), Adolf Ludwig (französische Zone) und Ernst Scharnowsky
(Unabhängige Gewerkschaftsorganisation Berlin) teilnahmen, hatte
solche Ergebnisse gezeitigt. Die Reise war von der AFL organi-
siert und finanziert und in Deutschland von dem AFL-Vertreter in
der Militärregierung, Henry Rutz, vorbereitet worden. 86) Markus
Schleicher sprach nach seiner Rückkehr in 25 Veranstaltungen über
seine Eindrücke und dabei besonders über die amerikanischen Le-
bens- und Arbeitsverhältnisse. Dabei machte er kein Hehl daraus,
daß er die amerikanischen sozialen Verhältnisse und die Stellung
der Gewerkschaften in den USA als Vorbild auch für den Wiederauf-
bau in Westdeutschland ansah. "Vor allem die Einflußmöglichkeiten
der amerikanischen Gewerkschaften wurden als Vorbild empfohlen -
sie seien weit größer als in Deutschland und basierten auf einer
ausgezeichneten Zusammenarbeit zwischen der Betriebsführung und
den Gewerkschaften; die deutschen Arbeiter und ihre Gewerkschaf-
ten würden froh sein, wenn sie ihre von der Militärregierung sus-
pendierten Betriebsrätegesetze gegen diesen politischen Einfluß
der Gewerkschaften in den Vereinigten Staaten eintauschen könn-
ten." 87)
Die zentrale Bedeutung der Reisen deutscher Gewerkschaftsfunktio-
näre erachtete die amerikanische Seite in der Festigung von Sym-
pathien gegenüber den USA, da man besonders innerhalb der gewerk-
schaftlich organisierten Arbeiterschaft gesellschaftspolitische
Vorstellungen vermutete, die - bevor sie sich sozialistisch ori-
entieren konnten - durch ein positives Kapitalismusbild ent-
schärft werden mußten. In diesem Sinne zeigten die Ergebnisse
dieser ersten Reise durchaus gewünschte Resultate. "Durch die
USA-Reise der Schleicher-Gruppe wurde ... ein amerikafreundliches
Bild in weiten Gewerkschaftskreisen vermittelt. Zu dieser Ein-
schätzung gelangten auch die offiziellen amerikanischen Beobach-
ter in Deutschland: die deutschen Gewerkschaftsführer seien durch
ihren Aufenthalt in den USA 'tief beeinflußt worden und seien in
der Position, diesen Einfluß weiterzuleiten'; diese Reisen zahl-
ten sich aus zugunsten der demokratischen Entwicklung in Deutsch-
land; Markus Schleicher sei aufgrund seiner US-Reise zu einem
'Botschafter amerikanischer Demokratie' geworden." 88)
Offenbar durch die Erfolge der zunächst fast ausschließlich von
der AFL organisierten Reise- und Austauschbeziehungen ermutigt,
veranstalteten in der Folgezeit auch OMGUS und HICOG Austausch-
programme. Die "Labor Management Techniques Branch" bei HICOG
entwickelte ab 1950 ein Programm, in dessen Rahmen zunächst ame-
rikanische Experten in den Feldern Arbeitsstatistiken, Gewerk-
schaftsorganisation und Arbeiterbildung in die Bundesrepublik ka-
men. Im weiteren Verlauf wurde das Programm "in cooperation with
union and management groups" dazu entwickelt, jährlich eine grö-
ßere Zahl von Deutschen in die USA zu schicken. Dazu gehörten
gleichermaßen Arbeiter, industrielle Führungskräfte und Arbeiter-
jugendliche. Die Gewerkschaftsabteilung bei HICOG hatte dabei
"full support" seitens der deutschen Gewerkschaften. 89) Das Pro-
gramm zielte darauf, insbesondere für die Entwicklung einer Nach-
wuchsschicht von Gewerkschaftsführern zu sorgen, die gegen
"kommunistische Einflüsse" immunisiert werden sollten. Der HICOG-
Bericht vermerkte zu diesem Hintergrund der Austauschprogramme:
"Eine der Hauptinteressen des Office of Labor Affairs war das
Problem der Nachwuchsförderung des Wachstums einer jungen Genera-
tion von Gewerkschaftsführern, die nachrücken kann, wenn die ge-
genwärtige, ziemlich alte Gruppe abtritt. Man geht davon aus, daß
eine der besten Methoden zur Ausbildung der deutschen Gewerk-
schaftsbewegung darin liegt, an die jüngere Generation heranzu-
kommen." 90)
Die Notwendigkeit der Einflußnahme auf die Heranbildung einer
loyalen jungen Nachwuchsschicht von Gewerkschaftsführern ergab
sich aus der Überalterung der bestehenden Führungsspitze. Aus
diesem Grund war schon Anfang 1948 im State Department ein Plan
im Umlauf, der die Einbeziehung junger deutscher Gewerkschafter
in das nach der Direktive JCS (Joint Chief of Staff) 1779 vorge-
sehene amerikanische "Reeducation"-Programm vorsah. 91) Die Er-
folgsmöglichkeit der "Demokratisierung" hing nach Auffassung ame-
rikanischer Entscheidungsträger ganz wesentlich davon ab, ob das
"demokratische Potential" in der Arbeiterbewegung gewonnen werden
konnte. 92)
Die Erwartung, daß durch die Austauschprogramme ein amerika-
freundliches Bild gerade bei späteren Führungsschichten und -eli-
ten erzielt werden könne, beruhte auf den Analysen der Amerikaner
über den Werdegang derjenigen Teilnehmer an Austauschprogrammen,
die während der Weimarer Republik stattgefunden hatten. Diese
Personen waren nach 1945 oft in den verschiedensten gesellschaft-
lichen Führungspositionen wiederzufinden. 93) Von daher konnte
General Clay bei der Inauguration des Austauschprogramms von OM-
GUS im Jahre 1948 davon sprechen, daß dieses Programm "pay ...
dividends in the future" (Dividenden in der Zukunft abwirft). 94)
Dieser Aussage lag tatsächlich ein gehöriges Maß an Voraussicht
zugrunde, denn zu den damaligen Teilnehmern an Austauschprogram-
men zählten spätere Politiker und Gewerkschafter, die das politi-
sche Geschehen in der Bundesrepublik der 70er Jahre an entschei-
dender Stelle prägen sollten, wie Helmut Schmidt, Walter Scheel,
Eugen Loderer, Heinz Kluncker oder Kurt Biedenkopf. 95)
Die Reorientierung gerade der gewerkschaftlichen Nachwuchskader
konnte auf die Gesamtheit amerikanischer Institutionen zurück-
greifen, die für die Harmonisierung der Klassenbeziehungen wäh-
rend der New Deal-Periode Handlungswissen angesammelt hatten. Es
war geplant, junge Arbeiter in die USA zu senden, um dort an Uni-
versitäten zu studieren, die über eine Abteilung für "Labor-Mana-
gement Relations" verfügten. Zum Ausbildungsprogramm gehörten Se-
minare über die Arbeiterbewegung und die Arbeitsbeziehungen in
den USA sowie über andere Aspekte des gesellschaftlichen und po-
litischen Lebens. 1952 waren es dann schon über 80 Studenten, die
in den USA für gewerkschaftliche Führungsaufgaben vorbereitet
wurden. 96)
Beim Aufbau einer ideologischen und arbeiterbildungsspezifischen
Infrastruktur bildeten die Austauschprogramme und die Unterstüt-
zung der Amerikaner zur Errichtung von Gewerkschaftsschulen die
wichtigsten Faktoren. Begleitet war das Gesamtprogramm der ameri-
kanischen Institutionen aber von vielfältigen örtlichen und re-
gionalen gewerkschaftsbezogenen Aktivitäten. Stand bei den erste-
ren im wesentlichen das Problem der Ausbildung und bewußtseinsmä-
ßigen Konditionierung einer potentiellen gewerkschaftlichen Füh-
rungsschicht im Mittelpunkt, so zielten die lokalen Aktivitäten
mehr auf die breiteren Schichten der Arbeiterbevölkerung. Beson-
ders die Amerika-Häuser flankierten hier die übrigen Aktivitäten
mit einer Vielzahl von Vortragsveranstaltungen, Ausstellungen,
Theateraufführungen, Literatur- und Filmangeboten, um der Arbei-
terbevölkerung in den industriellen Zentren die deutsche Zukunft
in Gestalt Amerikas zu offenbaren. 97)
Die massierte Unterstützung, die die AFL den neuen westdeutschen
Gewerkschaften zuteil werden ließ (von der Care-Pakete-Versendung
an deutsche Gewerkschafter über die Beschaffung von Büromateria-
lien aus Armeebeständen und die Durchsetzung der vorzeitigen
Rückgabe der von den Nazis beschlagnahmten Gewerkschaftsgebäude
bis zu gemeinsamen Aktionen zur Verminderung und Einstellung der
Demontagen), vermochte schließlich ein Dankbarkeits- und Vertrau-
ensverhältnis zu befestigen, 98) in dessen Rahmen auch von deut-
scher Seite vorgetragene gesellschaftspolitische Forderungen sei-
tens der AFL entschärft werden konnten. Als die deutschen Gewerk-
schaften im Sommer 1948 nach Konsultationen deutscher und ameri-
kanischer Gewerkschaftsführer akzeptierten, die Sozialisierungs-
frage bis zu einer Entscheidung der westdeutschen verfassungge-
benden Versammlung aufzuschieben, konnte Matthew Woll nach Ab-
schluß seines ersten Deutschlandbesuchs am 1. Dezember 1949 er-
leichtert erklären: "Die ideologischen Differenzen zwischen den
deutschen und amerikanischen Gewerkschaften sind schrittweise
verringert worden; die amerikanischen Gewerkschaften glauben an
das freie Unternehmen und die deutschen Gewerkschaften sprechen
oft noch eine sozialistische Sprache. Indes ist der Sozialismus,
über den sie jetzt sprechen, sehr verschieden von dem Konzept,
das sie früher vertraten." 99)
Die weitere Entwicklung der westdeutschen Gewerkschaftsbewegung
läßt darauf schließen, daß die amerikanische Interventionspraxis
tatsächlich angeschlagen hat. Hier seien kurz einige Amerikani-
sierungselemente genannt. Nach der "Schlüsselentscheidung" 100)
der westzonalen Gewerkschaften für das amerikanische Marshall-
Plan-Programm ab 1947, die unter maßgeblicher Beteiligung von
Hans Böckler, dem Führer der Gewerkschaften der britischen Zone
und erstem DGB-Vorsitzenden ab 1949 - dessen Name sich auch auf
der schon erwähnten "Weissen Liste" findet 101) -, zustande kam
und unter Hintanstellung eigener, gewerkschaftlicher Sozialisie-
rungskonzeptionen eine Hinwendung zum kapitalistischen, von den
USA geführten Westen bedeutete, 102) ist hier zunächst die Orga-
nisationsform der Industriegewerkschaft zu nennen, die von den
Amerikanern entgegen allerersten deutschen Vorstellungen von ei-
ner "allgemeinen Gewerkschaft" favorisiert und durchgesetzt
wurde. 103)
Als weiteres Amerikanisierungselement kann die außenpolitische
Gouvernementalisierung der Gewerkschaften gesehen werden, die von
der Zustimmung zur Weststaatbildung bis zum aktiven Nach- und
Mitvollzug der bundesdeutschen offiziellen (proamerikanischen)
Außenpolitik reicht 104) und modellhaft dem Verhältnis des
AFL/CIO zur amerikanischen Außenpolitik entspricht. 105)
Auch die Bemühungen um eine betont antikommunistische Ausrichtung
der DGB-Gewerkschaften liegen auf der Linie einer Direktive des
amerikanischen "Nationalen Sicherheitsrates" vom März 1948, die
antikommunistische Aktionen und die "Stärkung nichtkommunisti-
scher Gewerkschaftsbewegungen" im Einflußbereich der USA zum Ziel
hatte 106) und von dem amerikanischen Propagandisten James Burn-
ham 1950 massenwirksam als "Krieg in der Arbeiterbewegung" gefor-
dert worden war. 107) In den 50er Jahren taten sich besonders Ge-
werkschaftsführer wie Georg Leber und Heinz Oskar Vetter bei der
Eliminierung kommunistischer Gewerkschaftsfunktionäre unter Miß-
achtung innergewerkschaftlicher Demokratie hervor. 108)
Zur bislang spektakulärsten Institutionalisierung der beabsich-
tigten und überwiegend umgesetzten sozialpartnerschaftlichen Aus-
richtung des DGB kam es mit seiner Beteiligung an der
"Konzertierten Aktion", die 1967 von der Großen Koalition einge-
leitet worden war. Nicht nur auf nationaler Ebene ließ sich der
DGB in ein solches amerikanisches Konzept der Klassen- und Kon-
fliktregulierung einbeziehen, sondern er trug auch dazu bei, daß
es unter dem DGB-Vorsitzenden Vetter 1975 in Gestalt der soge-
nannten dreigliedrigen Konferenzen auf westeuropäischer Ebene re-
produziert wurde. 109)
4. Das Regime der Manager
-------------------------
Die mittels Amerikanisierung betriebenen Versuche einer Integra-
tion der Arbeiterklasse in den restaurierten Kapitalismus West-
deutschlands wären wohl kaum zu realisieren gewesen, wenn diese
Vorhaben sich einzig auf die "Reorientierung" ihrer Organisati-
onsformen beschränkt hätten. Modernisierung der industriellen Be-
ziehungen war zugleich ein Konzept, das die Wechselwirkung der
Klassenbeziehungen in der gesamten Wirtschaft bis hinunter zu den
Betrieben umfassen sollte. Damit war aber die Frage nach der Füh-
rungsfähigkeit der industriellen Spitzenkräfte, der Manager und
Unternehmer, aufgeworfen. Nach dem verlorenen Krieg und der völ-
ligen Diskreditierung des faschistischen Herrschaftssystems sowie
angesichts der temporären Nachkriegsdefensive gegenüber den ge-
sellschaftspolitischen Optionen der Arbeiterbewegung war die nun-
mehr auf einen "schmalen Streifen zwischen Elbe und Rhein"
(Ludwig Erhard) 110) zurückverwiesene deutsche Bourgeoisie genö-
tigt, ihren gesellschaftlichen Führungsanspruch mit neuen ideolo-
gischen Konzeptionen zu legitimieren und gleichzeitig eine Re-
Formierung ihres sozialen Hegemoniepotentials zu betreiben.
In den verschiedenen Milieus der sich reorganisierenden industri-
ellen Ideologen des Sozialliberalismus wurden diese Fragen kon-
zeptionell bearbeitet und die Chance einer Vitalisierung der in-
dustriellen und gesellschaftlichen Führungsfähigkeit an die Re-
zeption amerikanischer Erfahrungen gekoppelt. Der Vorsitzende der
einflußreichen "Wirtschaftspolitischen Gesellschaft von 1947",
der auch Ludwig Erhard zugehörte, Dr. Rudolf Mueller, formulierte
die "Auswege" aus der "babylonischen Verwirrung der modernen Ge-
sellschaft" programmatisch in seiner Vorrede zu der 1950 vorge-
legten Schrift des Wirtschaftspublizisten Herbert Gross:
"Erhöhung der industriellen Produktivität und damit des Wohlstan-
des breitester Schichten, Pflege der menschlichen Beziehungen in
der Wirtschaft und damit der Selbstachtung und Verbundenheit al-
ler Schichten ..." 111) Zur erfolgreichen Beschreibung dieses We-
ges empfahl er das Studium zweier Wissensreservoirs, die in dem
Buch von Gross verarbeitet seien, nämlich der "neuere(n) amerika-
nische(n) Soziologie" und der "Erfahrungen der amerikanischen
Wirtschaftspraxis, die diese Arbeiten mit einer erstaunlichen In-
stinktsicherheit und Aktivität seit vielen Jahren in die Tat um-
setzt und weiterentwickelt." 112) Diesbezügliche Rezeptionslei-
stungen seien für die deutschen industriellen Führungskräfte un-
abdingbar, hätten sie doch die Verpflichtung, "nicht nur die so-
zialen Gegensätze zu entgiften, sondern ihr Führungsmandat auf
die systematische Pflege der vielen Beziehungen zu gründen, in
die jedes wirtschaftliche Unternehmen gestellt ist." 113)
Die Notwendigkeit einer auch von der amerikanischen Besatzungs-
macht angestrebten Reorientierung der deutschen Unternehmer zu
verstärkten betrieblichen Integrationsbemühungen gegenüber den
Arbeitern ("human relations") 114) und verbesserten öffentlichen
Beziehungen ("public relations") wird auch von Mueller konze-
diert, da eben hier entscheidende Defizite der Führungsfähigkeit
der deutschen bürgerlichen Klasse vermutet werden: "An geschäft-
lichem Verantwortungsbewußtsein und sozialer Einstellung hat es
dem deutschen Unternehmer im großen Durchschnitt seit vielen Ge-
nerationen nicht gefehlt, wohl aber an der verständigen und ge-
duldigen Pflege des Selbstbewußtseins und der Selbständigkeit
seiner Mitarbeiter innerhalb und außerhalb des Betriebes und vor
allem auch an der Neigung, eine solche Haltung vor der Öffent-
lichkeit herauszustellen und zu vertreten." 115)
Nach der Währungsreform, die die ökonomischen Perspektiven der
herrschenden Klasse in Westdeutschland wieder stabilisierte,
brach auch die Zeit einer "systematischen Reorientierung" der in-
dustriellen Führungskräfte an. 116) Mit dem Ziel der Entwicklung
einer "neuen Arbeiterpolitik des Managements" wurde das westdeut-
sche kapitalistische Führungskorps durch vielfältige Initiativen
amerikanischer Institutionen und der westdeutschen Wirtschaftspu-
blizistik mit den "amerikanischen Ideen und Techniken der 'human
relations'" vertraut gemacht. 117) Das amerikanische Hochkommis-
sariat gab eine periodische Zeitschrift zu diesen Problemen her-
aus und organisierte den Austausch amerikanischer Experten und
deutscher Studenten. Autoren wie Elton Mayo und Peter Drucker er-
schienen in deutscher Übersetzung und wurden von den verschieden-
sten deutschen Autoren propagiert. Amerikanische Erfahrungen mit
der betrieblichen Kooperation von Arbeiterschaft und Management
gewannen außergewöhnliche Aufmerksamkeit. 118) Der Soziologe
Heinz Hartmann konstatierte sogar: "Für einige Zeit wurden
,Kooperation' und 'Harmonie' zwischen gleichstarken Sozialpart-
nern zu den Hautpwörtern der deutschen Sozialpolitik." 119)
Einige Firmen begannen mit der Einrichtung besonderer Abteilungen
für "human relations", ebenso wurden betriebsinterne Zeitschrif-
ten gegründet, um die innerbetriebliche Kommunikation zu verbes-
sern (Titel wie "Mensch im Betrieb" waren keine Seltenheit).
Zugleich entfaltete sich jene bekannte Infrastruktur von Manage-
mentberatungsunternehmen, die eine den veränderten industriellen
Bedingungen angemessene Palette an Ausbildungsprogrammen für die
verschiedenen Führungsebenen des unteren und mittleren Manage-
ments offerierten. 120)
Angesichts dieses in allen entwickelten kapitalistischen Ländern
sich vollziehenden Prozesses eines objektiven Bedeutungszuwachses
der aggregierten Führungsgruppen des Kapitals von einer
"Revolution der Manager" zu reden, wie James Burnham es in seiner
bekannten Schrift getan hatte, mußte daher in dieser Zeit gehö-
rige Publizität gewinnen. 121) Burnham hatte allerdings seine Ma-
nagerrevolution als zwangsläufige Entwicklung zum
"Totalitarismus" begriffen und den Manager auch lediglich als
Technokraten verortet. Seine Auffassung konnte daher für die
ideologischen Bedürfnisse im Nachkriegs-deutschland allenfalls
den Begriff, nicht aber die Konzeption liefern. Burnhams Buch war
daher auch, wenngleich von den Auflagenzahlen her ein großer pu-
blizistischer Erfolg, einhelliger Kritik ausgesetzt. 122) "Die
'Managerial Revolution' findet tatsächlich statt", schrieb Her-
bert Gross 1950, "aber eine wesentlich andere, als Burnham an-
nimmt." 123)
Gross, Mitverfasser von Ludwig Erhards Schrift "Deutschlands
Rückkehr zum Weltmarkt" 124), war einer der schreibfreudigsten
und daher einflußreichsten Wirtschaftspublizisten der Nachkriegs-
zeit. Als Mitglied der "Wirtschaftspolitischen Gesellschaft von
1947" gab er zudem deren wöchentlich erscheinenden Beratungs-
briefe zu aktuellen Fragen des Managements heraus. Schon seit
1933 überwiegend als Außenhandelskorrespondent in den USA, Kanada
und Mexiko tätig, hatte er während des Faschismus eine Reihe von
Schriften zur Analyse des amerikanischen Wirtschaftssystems ver-
faßt. 125) Nach Kriegsende schrieb er dann für das Düsseldorfer
"Handelsblatt" regelmäßige Kolumnen in dessen Auslandsteil und
legte in rascher Folge programmatische Entwürfe für die Reinte-
gration der deutschen Wirtschaft in den Weltmarkt sowie Moderni-
sierungsvorschläge für die industriellen Beziehungen in West-
deutschland nach amerikanischem Vorbild vor. 126)
Entgegen Burnhams Auffassung vom Manager als Wegbereiter
"totalitärer" Herrschaft wird bei Gross die Herausbildung dieser
sozialen Schicht gerade als Möglichkeit begriffen, jenen Tenden-
zen eine "neue Lebensordnung" entgegenzusetzen und damit die
"Partnerschaft aller Kreise" zu befördern. 127) Gerade durch die
Aktivitäten der amerikanischen Besatzungsmacht habe sich der
"Umkreis der echten Manager" stark vermehrt, und zudem sei die
"Emanzipation" der Manager durch den zweiten Weltkrieg enorm be-
schleunigt worden. 128) Er folgert daraus: "Der Unternehmungs-Ma-
nager ist dabei, zu einer neuen Schicht zu werden, zu einem neuen
Berufsstande, dessen Kodex des Verhaltens noch geschrieben werden
muß." 129)
Bei Grass wird auch offenbar, worin der ideologische Zweck der
extensiven Übertragung des amerikanischen Begriffs vom Manager
bestand. Es ging zunächst um die Überwindung des durch die jün-
gere deutsche Vergangenheit allzu pejorativ belasteten Begriffs
des Funktionärs. Gross anerkennt, daß der "Managertyp" bereits in
der Ruhrindustrie der 20er Jahre vorhanden gewesen sei, jedoch
habe sich dieser noch zu sehr als "Funktionär des Eigentums denn
als Katalysator der am Unternehmen wirkenden Kräfte" verstanden.
130) Gerade aber die in der Katalysatorfunktion aufgefaßten inte-
grativen Führungsfähigkeiten wirtschaftlicher Führungsgruppen
mußten als interne Bildungsaufgaben der bürgerlichen Klasse in
Westdeutschland im Zuge der extensiv erweiterten Reproduktion des
Kapitals in den Vordergrund treten.
"Durch diese Eigenschaft des Katalysators unterscheidet sich der
Manager vom politischen Funktionär, der jeweils nur eine Gruppe
vertritt. Mit seiner Verantwortung gegenüber allen Komponenten
des Unternehmens wirkt der Manager als Gärstoff einer neuen so-
zialen Verantwortung des Eigentümers selbst." 131) Diese gesamt-
gesellschaftliche Verantwortung und Politisierung industrieller
Führungsgrappen war ein in den USA schon vollzogener Prozeß, wes-
halb der begriffliche Ausdruck für die daraus entwickelte soziale
Gruppe sich auch zur Inauguration in Westdeutschland anbot:
"...es würde aber wohl die ... Unterschiede zwischen dem Unter-
nehmungsfunktionär und dem politischen Funktionär verdeutlichen,
wenn man für den Geschäftsführer den in USA gebräuchlich gewor-
denen Begriff des Managers wählte." 132)
Neben der gemeinschaftsbildenden und zugleich distinktiven (die
sozialen Abstände etikettierenden) Funktion des Managerbegriffs
für die tatsächlich machtausübenden, unmittelbar dem großen Kapi-
tal aggregierten Führungsgruppen, die sich zur Unterstreichung
ihrer hervorgehobenen sozialen Stellung späterhin auch als Top-
Manager (oder einfach als "Top") bezeichneten, bot die soziale
Verbreiterung von Managementfunktionen nach unten auch eine zu-
sätzliche Fundierung für die Aufstiegs- und Mittelschichtideolo-
gie der 50er Jahre. Auch diese Entwicklung sah Gross in den USA
schon vollzogen: "... in Europa ist der Vorarbeiter stets die
höchste Position des vierten Standes gewesen; er wurde niemals
als Mitglied der Mittelschicht anerkannt; (...) In USA dagegen
ist der 'foreman' der Ausgangspunkt des Management und eindeutig
Bestandteil der Mittelschicht. Der amerikanische Vorarbeiter hat
den Schlüssel zur Stufenleiter bis zum obersten Management (...)
Der europäische Vormann hat sozial gesehen keine Zukunft, der
amerikanische dagegen hat den Marschallstab im Tornister." 133)
Es komme folglich darauf an, nicht nur den europäischen Vorarbei-
ter ebenso in die unterste Stufe des Managements einzubinden,
sondern darüber hinaus sei es auch wichtig, "daß ... dem Arbeiter
selbst die Mittelschicht-Mentalität beigebracht wird." 134)
Gross verstand seine Erläuterungen zu den amerikanischen indu-
striepolitischen Erfahrungen insbesondere als Aufforderung zu ei-
ner gegen allzu sozialstaatliche Experimente gerichteten gesell-
schaftspolitischen Offensive der bürgerlichen Kräfte, die er im
Nachkriegsdeutschland noch keineswegs als gesichert erachtete:
"Die Schwierigkeiten des amerikanischen Weges in den gegenwärti-
gen deutschen Verhältnissen sollen gewiß nicht verkannt werden
... Aber der Zurückhaltung seitens unserer Manager steht eine äu-
ßerst aktive Propaganda in Richtung von Experimenten entgegen,
deren Schiffbruch sich gerade am britischen und auch am französi-
schen Beispiel erweist." 135) Nur einer habe bislang die Aufgaben
der Zeit begriffen und das politisch-propagandistische Anforde-
rungsprofil des Managers adäquat ausgefüllt: "In Deutschland be-
treibt überhaupt kein Management systematische öffentliche Mei-
nungspflege. Seit 1948 haben wir eine freie Marktwirtschaft mit
unternehmerischem Leistungsprinzip, aber wenn nicht Professor Er-
hard - letztlich doch ein Funktionär - in seinen Vorträgen für
die neue Wirtschaftsordnung werben würde, wäre die Grabesstille
in den Reihen unserer eigentlichen Manager vollständig...". 136)
5. Szenario
-----------
Die vorstehenden Ausführungen versuchten, einer bislang in der
wissenschaftlichen Debatte zu wenig beachteten bundesrepublikani-
schen Integrationslinie nachzugehen. Denn die aufgezeigte Ent-
wicklung der Sozialdemokratie zu einer "Partei amerikanischen
Typs" im Rahmen der Verwestlichung des gesamten bundesdeutschen
Parteiensystems wie auch die in der Struktur und dem politischen
Verhalten der westdeutschen Gewerkschaften zum Tragen kommenden
Amerikanisierungsmechanismen und ebenso die Rezeption amerikani-
scher Methoden im Bereich der industriellen und betrieblichen Or-
ganisation machen die Bedeutung der Analyse amerikanischer Mo-
delle der Klassen- und Konfliktregulierung auch für bundesdeut-
sche Verhältnisse überdeutlich und überfällig zugleich.
Hierbei soll keineswegs behauptet werden, daß es sich bei den po-
litischen und sozialen Strukturen der Bundesrepublik gleichsam um
ein "Abziehbild" der US-amerikanischen handelt. Gleichwohl ist
die Entwicklungsgeschichte des bundesdeutschen Hegemonietyps und
der Arbeiterbewegung nicht ohne ihre spezifischen Amerikanisie-
rungs- und Modernisierungselemente verstehbar.
Die Sozialdemokratie, der in den 50er und 60er Jahren nach der
Marginalisierung und dem Verbot der KPD (1956) überdies ein poli-
tisches Organisationsmonopol innerhalb der Arbeiterbewegung zu-
fiel, wandelte sich bis zum Ende der 60er Jahre zu einer sozial-
liberalen, "einlinig integrationistischen Partei" 137) und ist
seither - auch unter Beachtung neuentstandener Differenzierungen
- für eine Analyse der "Arbeiterfrage" insoweit zu berücksichti-
gen, als ihr für die politische Orientierung, Wahlentscheidung
und somit Integration von großen Teilen der Arbeiterklasse eine
Bedeutung zukommt. Dies allerdings immer weniger im Sinne ihrer
eigenen proletarischen Traditionen als vielmehr der Funktion nach
vergleichbar etwa der Rolle der Demokratischen Partei der USA für
die dortige Arbeiterbewegung.
Die westdeutschen Gewerkschaften haben in der Nachkriegszeit zwar
noch am stärksten einer vollständigen Anpassung an entsprechende
amerikanische Vorbilder widerstanden, 138) jedoch zeigt auch ihre
Entwicklung, daß das hohe Maß an sozialpartnerschaftlicher Aus-
richtung und Systemintegration ohne Berücksichtigung der viel-
schichtigen amerikanischen Einflüsse offensichtlich unerklärbar
bleiben müßte.
Die Untersuchung einer Amerikanisierung der Arbeiterfrage in der
Bundesrepublik beschränkte sich hier vornehmlich auf die beiden
Nachkriegsjahrzehnte, in denen sich die Modernisierungsnotwendig-
keiten bürgerlicher Herrschaftsausübung mit der Entfaltung ame-
rikanischer Vorherrschaft verschränkten und die bundesrepublika-
nischen gesellschaftlichen Verhältnisse ihr spezifisches
"Gesicht" erhielten. Hier konnte nur ein erster Aufriß vorgelegt
werden, denn der Gegenstand hat nicht nur seine Vorgeschichte -
beispielsweise pries der Gewerkschaftsführer Fritz Tarnow schon
in den 20er Jahren die Rationalisierungsdynamik der amerikani-
schen Wirtschaft -, sondern auch für die überschaubare Zukunft
ist in Fortschreibung der bisherigen Entwicklung ein neuer Ameri-
kanisierungsschub in der Bundesrepublik und besonders für die Ge-
staltung ihrer sozialen Antagonismen zu erwarten.
Nach amerikanischem Muster bahnt sich hier eine Entwicklung an,
die darauf abzielt, durch den forcierten betrieblichen wie ge-
sellschaftlichen Einsatz der sog. Neuen Technologien und Medien
die Arbeitskraft drastisch zu entwerten und zugleich zu verein-
zeln. 139) Eine vertiefte Subsumtion der Lohnarbeiter unter das
Kapital und ihre verstärkte, medial gesteuerte Individualisierung
könnten dann z.B. gewerkschaftliche Abwehraktionen zunehmend ins
Leere laufen lassen, zumal durch die "Sanierung" der "alten Indu-
strien" wie Stahl und Werften und die konkurrenzfördernde Auswir-
kung der Massenarbeitslosigkeit die gewerkschaftliche Kampfkraft
ohnehin beeinträchtigt ist. 140) Darüber hinaus könnte - als vor-
läufige Tendenzspitze dieses Szenarios - der Einsatz der modernen
Informationstechnologien für die autoritäre Neustrukturierung po-
litischer Willensbildungsprozesse nach dem amerikanischen Vorbild
einer "plebiszitären Demagogie" genutzt werden und einem krisen-
haften Spätkapitalismus eine erneuerte Legitimationsbasis ver-
schaffen. 141)
Dennoch sind aus dem bisher angeführten Material auch Grenzen ei-
ner Amerikanisierung sichtbar geworden, die gerade angesichts der
aktuellen bundesdeutschen Krisensituation noch einmal kurz ange-
sprochen seien. Erwiesen sich schon in den Nachkriegsjahren die
sozialdemokratischen Sozialisierungskonzeptionen als sperrig ge-
genüber einer durchgreifenden Amerikanisierung, so hat auch in
der Gegenwart die Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien für
einen demokratischen Ausweg aus der ökonomischen Krise nichts an
Aktualität eingebüßt. Allerdings erscheint fraglich, ob die SPD
aufgrund ihrer hier skizzierten Entwicklung noch Adressat einer
solchen Programmatik sein kann. Hinsichtlich der Gewerkschaften
war es vor allem ihre Beteiligung an gesellschaftspolitischen
Auseinandersetzungen wie "Kampf dem Atomtod", mit der sie sich
einer Einfügung in das amerikanische Vorbild einer bloßen
"business union" widersetzten. Eine sich seit den 70er Jahren
wieder entfaltende breitere gewerkschaftliche Kulturarbeit, die
Wiederaufnahme eines friedenspolitischen Engagements angesichts
deutsch-amerikanischer "Nachrüstungs"-Bestrebungen sowie ein
kämpferisches Eintreten für die überfällige Arbeitszeitverkürzung
lassen innerhalb der Gewerkschaftsbewegung Alternativen zu einer
Unterordnung unter die Prämissen einer imperialen Amerikanisie-
rung deutlich werden.
_____
1) Vgl. hierzu Gilbert Ziebura, Weltwirtschaft und Weltpolitik
1922/24-1931. Zwischen Rekonstruktion und Zusammenbruch, Frank-
furt/Main 1984.
2) Dieser Entwurf des amerikanischen Präsidentenberaters Henry R.
Luce ist abgedruckt in: Bernd Greiner, Kurt Steinhaus (Hrsg.),
Auf dem Weg zum 3. Weltkrieg? Amerikanische Kriegspläne gegen die
UdSSR. Eine Dokumentation, Köln 1981, S. 65 ff.
3) Roger Morgan, Deutsch-amerikanische Beziehungen, in: Hans-Pe-
ter Schwarz (Hrsg.), Handbuch der deutschen Außenpolitik, München
1975, S. 241.
4) Zum Sozialliberalismus vgl. weiter unten.
5) So Otto Kallscheuer, Völker und Fronten. Modelle für die Zu-
kunft Europas, in: Kursbuch 46/1976, S. 33 ff., hier S. 48.
6) Vgl. Ziebura, a.a.O., S. 48 ff.
7) Für den "bruchlos im Dritten Reich weiterwirkenden Amerikanis-
mus" bis 1941 vgl. Hans Dieter Schäfer, Das gespaltene Bewußt-
sein. Deutsche Kultur und Lebenswirklichkeit 1933-1945, München-
Wien 1981, S. 114 ff.
8) Wolfgang Wagner, Das Amerikabild der Europäer, in: Karl Kai-
ser, Hans-Peter Schwarz (Hrsg.), Amerika und Westeuropa. Gegen-
warts- und Zukunftsprobleme, Stuttgart-Zürich 1977, S. 17 ff.,
hier S. 26.
9) A.N.J. den Hollander, Europäisches Kulturbewußtsein und Anti-
Amerikanismus, in: Friedrich A. Lutz (Hrsg.), Amerika - Europa.
Freund und Rivale, Erlenbach-Zürich 1970, S. 33 ff., hier S. 35.
10) Richard Löwenthal, Bonn und Weimar: Zwei deutsche Demokra-
tien, in: Heinrich August Winkler (Hrsg.), Politische Weichen-
stellungen im Nachkriegsdeutschland 1945-1953, Göttingen 1979, S.
9 ff., hier S. 23.
11) So Ursula Hennekes, Lieber Hammer als Amboß sein? Der Aus-
bruch des Ersten Weltkrieges in der historisch-politischen De-
batte der Bundesrepublik, in: Blätter für deutsche und interna-
tionale Politik 7/1984, S. 853 ff., hier S. 862.
12) Vgl. Wolfgang Kreuter, Joachim Oltmann, Coca-Cola statt Ap-
felmost. Kalter Krieg und Amerikanisierung westdeutscher Lebens-
weise, in: Englisch-Amerikanische Studien 1/1984, S. 22 ff.
13) Konrad Adenauer, Erinnerungen 1959-1963. Fragmente, Stuttgart
1968, S. 75.
14) Reinhard Opitz, Liberalismuskritik und Zukunft des liberalen
Motivs, in: Blätter für deutsche und internationale Politik
1/1972, S. 13 ff., hier S. 35.
15) Vgl. ebenda, S. 34.
16) Vgl. ders., Der deutsche Sozialliberalismus 1917-1933, Köln
1973, S. 206 f. Der Sozialliberalismus entstand mit den neuen In-
dustrien (Chemie, Elektro) als deren politische Richtung gegen
Ende des 19. Jahrhunderts, transzendierte ausgehend von seiner
Kernpartei DDP in der Weimarer Republik in Flügel der verschie-
densten Parteiformationen (von der DNVP bis zur SPD) und konver-
gierte mit der Monopolgruppenverflechtung in den 40er Jahren zu
einer gesamtmonopolistischen Politikvariante, der für die Ge-
schichte der Bundesrepublik eine dominante Bedeutung zukommen
sollte.
17) Vgl. ebenda, S. 179 ff.
18) Vgl. ebenda, S. 151 ff.
19) Vgl. ders., Politische Ideologiekonzeptionen im Vorfeld der
Gründung der Bundesrepublik, in: Ulrich Albrecht u. a., Beiträge
zu einer Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Köln 1979, S.
13 ff.
20) Gustav Stolper, Die deutsche Wirklichkeit, Hamburg 1949, S.
10 f.
21) Willy Brandt, Links und frei. Mein Weg 1930-1950, Hamburg
1982, S. 25.
22) Theodor Heuss, Aufzeichnungen 1945-1947, zit. nach Opitz, So-
zialliberalismus, a.a.O., S. 296, Anm. 753.
23) Konrad Adenauer, Erinnerungen 1945-1953, Stuttgart 1965, S.
51.
24) Vgl. Henric L. Wuermeling, Die Weisse Liste. Umbruch der po-
litischen Kultur in Deutschland 1945, Berlin (West)-Frank-
furt/Main-Wien 1981, S. 283 ff.
25) Hans-Jürgen Grabbe, Unionsparteien, Sozialdemokratie und Ver-
einigte Staaten von Amerika 1945-1966, Düsseldorf 1983, S. 51-54,
sowie S. 72.
26) Günter Gaus, Staatserhaltende Opposition oder Hat die SPD ka-
pituliert? Gespräche mit Herbert Wehner, Reinbek 1966, S. 107.
27) Grabbe, a.a.O., S. 70.
28) Ebenda, S. 139-176, hier S. 159.
29) Vgl. ebenda, S. 70. Brauer kam zunächst im Auftrag der ameri-
kanischen Gewerkschaft AFL nach Deutschland. Zur politischen Nut-
zung der mit der Emigration hergestellten Beziehungen durch die
USA vgl. auch Werner Link, Die Mitwirkung amerikanischer Gewerk-
schafter und Geschäftsleute an der Stabilisierungspolitik in
Westdeutschland 1945-1949, in: Claus Scharf, Hans-Jürgen Schröder
(Hrsg.), Politische und ökonomische Stabilisierung Westdeutsch-
lands 1945-1949. Fünf Beiträge zur Deutschlandpolitik der westli-
chen Alliierten, Wiesbaden 1977, S. 45 ff., hier S. 46.
30) Beispielsweise war Westberlins Oberbürgermeister Ernst Reuter
schon 1929 als Berliner Stadtrat für Verkehr anläßlich einer
"Informationsreise" in den USA (Grabbe, a.a.O., S. 75), Bayerns
Ministerpräsident Wilhelm Hoegner hielt während des Krieges in
Bern Kontakt zum dortigen Leiter des amerikanischen Geheim-
dienstes (OSS) Allen Dulles, dem er u. a. eine Denkschrift über
die "Neugliederung Deutschlands" überreichte (vgl. Wilhelm Hoeg-
ner, Der schwierige Außenseiter, München 1959, S. 165-173), und
Bremens Senatspräsident Wilhelm Kaisen war bereits vor seiner
Amtseinsetzung durch die US-Besatzungsmacht von OSS als koopera-
tionsfähig eingeschätzt worden und erfüllte nach Ansicht des OSS-
Bevollmächtigten auch die in ihn gesetzten Erwartungen (vgl. Lutz
Niethammer [Hrsg.], Walter L. Dorn - Inspektionsreisen in der US-
Zone, Stuttgart 1973, S. 41 f.).
31) Grabbe, a.a.O., S. 72-76.
32) Carlo Schmid, Erinnerungen, Bern-München-Wien 1979, S. 592-
605; sowie Willy Brandt, Begegnungen und Einsichten. Die Jahre
1960-1975, München-Zürich 1978, S. 81.
33) Grabbe, a.a.O., S. 66, Anm. 67.
34) Joachim Radkau, Die deutsche Emigration in den USA. Ihr Ein-
fluß auf die amerikanische Europapolitik 1933-1945, Düsseldorf
1971, S. 29. Zur großen Bedeutung und zu dem "von der amerikani-
schen Umgebung" geprägten spezifischen Antikommunismus der USA-
Emigration innerhalb der Exil-Sozialdemokratie vgl. ebenda, S. 14
und S. 144 ff.
35) Vgl. Grabbe, a.a.O., S. 65.
36) Vgl. ebenda.
37) Ebenda, S. 68. Rudolf Katz war von 1947 bis 1950 Justizmini-
ster in Schleswig-Holstein, von 1951 bis 1961 Vizepräsident des
Bundesverfassungsgerichts und trat kurz vor seinem Tod (1961) in
der SPD noch als Befürworter der Notstandsgesetzgebung hervor
(vgl. Radkau, a.a.O., S. 150).
38) Grabbe, a.a.O., S. 66, Anm. 67.
39) Vgl. ebenda, S. 418. Die im folgenden skizzierte Hinwendung
von SPD-Politikern zur Demokratischen Partei der USA schien
zunächst die Tatsache zu reflektieren, daß sich die
"amerikanische Arbeiterbewegung" politisch von der Demokratischen
Partei repräsentieren ließ (vgl. ebenda, S. 72). Dahinter dürfte
aber eine umfänglichere Rezeption des amerikanischen politischen
Systems stehen, wie der zunehmende Vorbildcharakter der Demokra-
ten für die SPD zeigt.
40) Ebenda, S. 252.
41) Ebenda, S. 261, Anm. 32. "Der American Council on Germany,
die Partnerorganisation der Atlantik-Brücke, ist eine Vereinigung
an Deutschland interessierter einflußreicher Persönlichkeiten aus
Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Publizistik" (ebenda) sowie
S. 361.
Eine Auflistung der Gesprächsserie von 1959 bis 1977, die aller-
dings keinen weiteren Aufschluß über die Teilnahme von Sozialde-
mokraten gibt, findet sich bei Werner Link, Deutsche und amerika-
nische Gewerkschaften und Geschäftsleute 1945-1975. Eine Studie
über transnationale Beziehungen, Düsseldorf 1978, S. 264. Zu wei-
teren SPD-Kontakten in den USA, u.a. zu sog. Denkfabriken wie
RAND Corporation, vgl. Grabbe, a.a.O., S. 362.
42) Vgl. ebenda, S. 372.
43) So Helga Haftendorn, Abrüstungs- und Entspannungspolitik zwi-
schen Sicherheitsbefriedigung und Friedenssicherung. Zur Außenpo-
litik der BRD 1955-1973, Düsseldorf 1974, zit. nach ebenda, S. 22
und 371. Im Unterschied zur SPD waren die Unionsparteien z.B.
nicht bereit, Rüstungskontrollprobleme von der "deutschen Frage"
abgelöst zu diskutieren, was amerikanischen Interessen wider-
sprach.
44) Brandt, Begegnungen, a. a. O., S. 46.
45) Vgl. die Äußerungen Willy Brandts 1961 in Harvard zur
"gewaltlosen Durchdringung" der Entwicklungsländer (ebenda, S. 91
f.). Der Sozialdemokrat Alex Möller ergriff nach einem US A-Auf
enthalt und inspiriert von Kennedy-Beratern 1960 die Initiative
für ein bundesdeutsches "Entwicklungshilfe"-Ministerium, das 1961
auch eingerichtet wurde (vgl. Alex Möller, Genosse Generaldirek-
tor, München-Zürich 1978, S. 190).
1977 erhielt Brandt vom Weltbankpräsidenten McNamara, der während
des Vietnamkriegs US-"Verteidigungs"-Minister war (1961-1968),
die Anregung zur Leitung der sog. Nord-Süd-Kommission.
46) Grabbe, a.a.O., S. 357. So sehen z. B. Helmut Schmidt, Willy
Brandt und neuerdings Hans-Jochen Vogel ihre Vorbilder in ameri-
kanischen (bürgerlichen) Politikern (vgl. ebenda).
47) Ebenda.
48) Ebenda, S. 359.
49) Brandt, Begegnungen, a.a.O., S. 46.
50) Brandt, Begegnungen, a.a.O., S. 47.
51) Ebenda.
52) Ebenda, S. 80 f.
53) Grabbe, a.a.O., S. 64.
54) Brandt, Begegnungen, a.a.O., S. 87.
55) Vgl. Grabbe, a.a.O., S. 358. Als Brandt ihn 1961 von den The-
men des kommenden SPD-Wahlkampfes unterrichtete, lächelte Ken-
nedy: "That sounds familiär." ("Das klingt vertraut" - d. Verf.;
das Zitat bei Brandt, Begegnungen, a.a.O., S. 87).
56) Grabbe, a.a.O., S. 359.
57) Vgl. ebenda, S. 363; sowie Möller, a.a.O., S. 173-190 und
Brandt, Begegnungen, a.a.O., S. 48 f.
58) Vgl. Grabbe, a.a.O., S. 421 ff.; sowie Brandt, Begegnungen,
a.a.O., S. 56 f.
59) Grabbe, S. 579. Das amerikanische Original heißt "State of
the Union Message" und der Bundeskanzlerbericht "Zur Lage der Na-
tion im geteilten Deutschland".
60) Vgl. Christoph Butterwegge, SPD und Staat heute. Ein Beitrag
zur Staatstheorie und zur Geschichte der westdeutschen Sozialde-
mokratie, Berlin (West) 1979, S. 383.
61) So Grabbe, a.a.O., S. 575 über das Image der SPD in den USA,
das aber auch dem Selbstverständnis von SPD-Führern zu entspre-
chen schien. 1965 sprach Carlo Schmid die Hoffnung aus, Amerika
möge die SPD "richtig sehen, nämlich als eine liberale Partei im
Zeitalter der Industrialisierung, die die großen Werte des Libe-
ralismus erhalten und retten will" (zit. nach ebenda, Anm. 171).
Die Einschätzung von Carlo Schmid korrespondierte auch mit Basis-
prozessen. Zum einen sank der Arbeiteranteil an der SPD-Mit-
gliedschaft rapide ab (1965 noch ein Drittel, vgl. Josef Mooser,
Arbeiterleben in Deutschland 1900-1970. Klassenlagen, Kultur und
Politik, Frankfurt/Main 1984, S. 183), zum anderen akzentuierte
sich das Arbeiterbewußtsein mit der Akzeptanz der Marktwirtschaft
verstärkt in ein Anrechtsbewußtsein auf "Teilhabe am Wirtschafts-
wachstum" (ebenda, S. 211). Zum dritten läßt eine Regionalanalyse
darauf schließen, daß die "Verbürgerlichung der Partei" an der
Parteibasis im wesentlichen nicht umstritten war (Renate Meyer-
Braun, Die Bremer SPD 1949-1959. Eine lokal- und parteigeschicht-
liche Studie, Frankfurt/Main-New York 1982, S. 140).
62) Brandt, Begegnungen, a.a.O., S. 68 f. Hier ist auch auf die
vor allem von Herbert Wehner innerhalb der SPD-Führung verfolgte
"Gemeinsamkeitsstrategie" hinzuweisen, die für die Jahre nach
seiner programmatischen Bundestagsrede vom 30. 6. 1960 (vgl.
Grabbe, a.a.O., S. 253) jenen Typus von
"Zweiparteienaußenpolitik" initiierte, die der amerikanische Au-
ßenminister Acheson bereits im November 1949 dem SPD-Vorsitzenden
Schumacher als die der amerikanischen "bipartisan foreign policy"
nachgebildeten, die Wesensgemeinschaft der großen Parteien in äu-
ßeren Angelegenheiten zum Ausdruck bringende Politik, nahelegt
(vgl. ebenda, S. 206).
63) Vgl. Michael Fichter, Besatzungsmacht und Gewerkschaften -
Zur Entwicklung und Anwendung der US-Gewerkschaftspolitik in
Deutschland 1944-1948, Opladen 1982, S. 271.
64) Vgl. Link, Gewerkschaften, a.a.O., S. 175.
65) Vgl. Fichter, a.a.O., S. 271.
66) Vgl. ebd., S. 27. Mit dem Kalten Krieg schwenkte die CIO
vollends zum Antikommunismus über; eine Entwicklung, die schließ-
lich zur Vereinigung der beiden Verbände führte.
67) Vgl. Horst Lademacher, Konfrontation an der Nahtstelle des
Ost-West-Konflikts, Aktivitäten in den westlichen Besatzungszo-
nen, in: Horst Lademacher (Hrsg.), Gewerkschaften im Ost-West-
Konflikt. Die Politik der American Federation of Labor nach dem
II. Weltkrieg, Kasseler Forschungen zur Zeitgeschichte Bd. l,
Melsungen 1982, S. 13-76; hier S. 18 ff. u. S. 27 ff.
68) Vgl. ebd., S. 28.
69) Vgl. ebd., S. 9.
70) Matthew Woll, AFL Leader Presents a Program For Post-War Jobs
and Planning, in: The New Leader. Official Organ of the Social
Democratic Federation Devoted to the Interests of the Labor Mo-
vement, Bd. 27, 1. 1. 1944, zit. nach Fichter, a.a.O., S. 30.
71) Vgl. Lademacher, a.a.O., S. 30 f.
72) Vgl. zur Entwicklung und Auseinandersetzung um die beiden Po-
sitionen v.a. Fichter, a.a.O., S. 129 ff. u. S. 135 ff.
73) Vgl. Lademacher, a.a.O., S. 20 ff.
74) Vgl. ebd., S. 25.
75) Vgl. ebd., S. 26. Während der Revolution in Portugal Mitte
der 70er Jahre wurde Brown wieder gegen die Einheitsgewerkschaft
aktiv (vgl. Christiane Gerhards u. a., Volkserziehung in Portu-
gal. Berichte, Analysen, Dokumente, Reinbek 1976, S. 117).
76) Lademacher, a. a. O., S. 26
77) Im Gefolge der durch den Krieg bedingten Planungsausweitung
der New Deal-Organe hatte sich innerhalb der AFL die Konzeption
einer Zusammenarbeit von Kapital, Gewerkschaften und Staat auf
freiwilliger Basis entwickelt (vgl. Fichter. a.a.O., S. 37). Zwar
flossen in das Konzept der Konzertierten Aktion sicherlich auch
Traditionen der deutschen Gewerkschaftsbewegung ein, wie z.B. die
"Burgfriedenspolitik" aus dem Ersten Weltkrieg, aber die beson-
dere Ausprägung der Konzertierten Aktion stellte angesichts der
Neuorientierungsversuche und -bedürfnisse ein Amerikanisierungs-
element dar, wohingegen die deutschen diesbezüglichen Traditionen
eher die Bereitschaft erklären, sich hieran zu beteiligen.
78) Vgl. ebd., S. 249.
79) Ebd.
80) Ebd., S. 250.
81) Memorandum für den Public Advisory Board vom 22.1.1952 (CIO
See. Treas., box 129, MSA-Correspondence), zit. nach Link, Ge-
werkschaften, a.a.O., S. 131.
82) Vgl. ebd., S. 132.
83) Don L. Snyder, "Training for Production", OMGUS, Information
Bulletin, No. 149, November 30, 1948, S. 3 f. u. S. 24.
84) J.F.J. Gillen, "Labor Problems in West Germany", Office of
the U.S. High Commissioner for Germany, o.O. 1952, S. 71.
85) Vgl. Lademacher, a.a.O., S. 53.
86) Ebd. Diese Reise bildete den Auftakt zu einer regen beidsei-
tigen Besuchsaktivität deutscher und amerikanischer Gewerkschaf-
ter, die hier nur ansatzweise dokumentiert sein soll. Reisen ame-
rikanischer Gewerkschaftsführer in die Westzonen bzw. Bundesrepu-
blik:
- Irving Brown (1946); Arnold Zempel, Department of Labor (1947);
Frank Fenton (1948); Irving Brown, Henry Rutz, Michael Ross, Ar-
nold Steinbach (Unterausschuß des Labor Departments) Trade Union
Advisory Committee on International Affairs) 1948; George Harri-
son, David Dubinsky, Jay Lovestone (1948); George Meany (1949);
Paul Reed (1949); Matthew Woll (1949); Präsident Meany (1953,
1955, 1959, 1963, 1967); Präsident Walter Reuther (1949, 1953,
1959, 1961);
und deutscherseits:
- Markus Schleicher, Fritz Dahlmann, Adolf Ludwig, Ernst Schar-
nowski (1948); mehr als 250 Gewerkschafter im Rahmen der Techni-
schen Hilfe (1949-1951); Georg Reuter (1950); Christian Fette
(1951); Ludwig Rosenberg (1952); Matthias Föcher (1953); Willi
Richter (1957); Otto Brenner, Georg Leber, Franz Lepinski (1959);
Werner Hansen, Adolf Mirkes (1961); Heinz Oskar Vetter (1969,
1970, 1973) (vgl. hierzu Link, Gewerkschaften, S. 197).
87) Ebd., S. 54 f.
88) Ebd.
89) Vgl. Gillen, a.a.O., S. 67.
90) Ebd.
91) Vgl. Lademacher, a.a.O., S. 42.
92) Ebd.
93) Vgl. Henry P. Pilgert, The Exchange of Persons Programs, Of-
fice of the U.S. High Commissioner for Germany, Bonn-Mehlem 1951,
S. 2.
94) Vgl. Berchtesgaden Conference, "Educational Restruction in
Germany". Office of Military Government for Germany, Educational
and Cultural Relations, o.O. 1948, S. 2.
95) Vgl. Dollars und Träume 4, Sept. 1981, S. 68.
96) Vgl. Gillen, a.a.O., S. 67.
97) Vgl. Kreuter/Oltmann, a.a.O., S. 26 f.
98) Vgl. z. B. Brandt, Begegnungen, a.a.O., S. 73.
99) Statement, Frankfurt a. M. (o. D.), am 1. 12. 1949 von H.W.
Brown, Office of Labor Affairs, HICOO, an Green gesandt (AFL Pa-
pers, SHSW), zit. nach Link, Gewerkschaften, a.a.O., S. 72 f.
100) So Lutz Niethammer, Strukturreform und Wachstumspakt. West-
europäische Bedingungen der einheitsgewerkschaftlichen Bewegung
nach dem Zusammenbruch des Faschismus, in: Heinz O. Vetter
(Hrsg.), Vom Sozialistengesetz zur Mitbestimmung. Zum 100. Ge-
burtstag von Hans Böckler, Köln 1975, S. 303 ff., hier S. 349.
101) Vgl. Wuermeling, a.a.O., S. 283.
102) Vgl. Lutz Niethammer, Entscheidung für den Westen - Die Ge-
werkschaften im Nachkriegs-deutschland, in: Heinz O. Vetter
(Hrsg.), Aus der Geschichte lernen - die Zukunft gestalten. Drei-
ßig Jahre DGB. Protokoll der wissenschaftlichen Konferenz zur Ge-
schichte der Gewerkschaften vom 12. und 13. Oktober 1979 in Mün-
chen, Köln 1980, S. 225 ff.
103) Vgl. Niethammer, Strukturreform, a.a.O., S. 338 sowie Frank
Deppe, Die Funktion der Einheitsgewerkschaft und der Kampf um
eine gesellschaftliche Neuordnung nach 1945, in: Deppe, Müller,
Pickshaus, Schleifstein (Hrsg.), Einheitsgewerkschaft. Quelle -
Grundlagen - Probleme, Frankfurt/Main 1982, S. 20 ff.
104) Vgl. Peter Lieser, Gewerkschaften und Außenpolitik, in:
Schwarz (Hrsg.), a.a.O., S. 215 ff. sowie Ludwig Rosenberg, Die
Westpolitik der deutschen Gewerkschaften, in: Ulrich Borsdorf
u.a. (Hrsg.), Gewerkschaftliche Politik: Reform aus Solidarität.
Zum 60. Geburtstag von Heinz O. Vetter, Köln 1977, S. 553 ff.
105) Dies schließt die gewerkschaftliche Mitarbeit an der offi-
ziösen "Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik" ein.
106) Zit. nach Greiner/Steinhaus (Hrsg.), a.a.O., S. 124 ff.,
hier S. 128.
107) James Burnham, Die Strategie des Kalten Krieges, Stuttgart
1950, S. 234 ff.
108) Vgl. Georg Leber, Vom Frieden, München 1980, S. 32 ff. sowie
zu Vetters Aktivitäten sein Interview mit "Der Spiegel" 39/1969,
S. 102. Auch die Beseitigung des Sozialisten Viktor Agartz aus
dem gewerkschaftseigenen "Wirtschaftswissenschaftlichen Institut"
kann als Resultat deutsch-amerikanischer Zusammenarbeit gelten
(vgl. Hans-Georg Hermann, Verraten und verkauft, Fulda o.J.).
109) Vgl. Lutz Niethammer, Defensive Integration - Der Weg zum
EGB und die Perspektive einer westeuropäischen Einheitsgewerk-
schaft, in: Borsdorf u.a. (Hrsg.), a.a.O., S. 567 ff., hier S.
587. Vetter war zu dieser Zeit zugleich Vorsitzender des Europäi-
schen Gewerkschaftsbundes (EGB).
110) Ludwig Erhard, Deutschlands Rückkehr zum Weltmarkt, Düssel-
dorf 1954, S. 7.
111) Rudolf Mueller, Geleitwort, in: Herbert Gross, Manager von
Morgen - Partnerschaft als Wirtschaftsform der Zukunft, Düssel-
dorf 1950, S. 5.
112) Ebd.
113) Ebd.
114) Einer der ersten deutschen Unternehmer, der das amerikani-
sche "human relations"-Konzept in den USA selbst anläßlich einer
von der "American Management Association" organisierten Reise
hatte studieren können und es in einem als Privatdruck erschie-
nenen Buch in Westdeutschland propagierte, war Hanns Voith. Vgl.
Hanns Voith, Bericht über eine Reise nach den Vereinigten Staaten
von Amerika im Sommer 1949, Heidenheim (Brenz) 1949.
115) Mueller, a.a.O., S. 6.
116) Vgl. Heinz Hartmann, Authority and Organization in German
Management, Princeton 1959, S. 85.
117) Ebd.
118) Ebd.
119) Ebd.
120) Vgl. ebd., S. 180.
121) Vgl. James Burnham, Das Regime der Manager, Stuttgart 1948.
Die amerikanische Ausgabe erschien schon 1941 unter dem Titel
"The Managerial Revolution".
122) Vgl. hierzu insbesondere Helmut Schelsky, Berechtigung und
Anmaßung in der Managerherrschaft (1950), in: ders., Auf der Su-
che nach Wirklichkeit, Düsseldorf-Köln 1965, S. 17-33.
123) Gross, a.a.O., S. 25.
124) Erhard sprach ihm dafür im Vorwort des Buches seinen
"herzlichen Dank" aus; vgl. Erhard, a.a.O., S. 10.
125) Vgl. hier insbesondere Herbert Gross, Amerikas Wirtschaft,
Berlin 1942; ders., Wirtschaftspolitische Tendenzen in den Verei-
nigten Staaten von Amerika, Kieler Vorträge, Heft 71, Jena 1943.
126) Vgl. insbesondere Herbert Gross, Die Zukunft der Wirtschaft,
Recklinghausen 1946; ders., Das Gesicht der Weltwirtschaft, Ham-
burg 1947; ders., Deutschland und der Weltmarkt, Hamburg 1948;
ders., Der Marshallplan, Essen 1948; ders., Der Arbeiter als in-
dustrieller Partner, zwei Auflagen, Düsseldorf 1948 und 1949.
127) Vgl. Gross, Manager von Morgen, a.a.O., S. 28.
128) Ebd., S. 282 u. S. 28.
129) Ebd., S. 28.
130) Ebd., S. 282.
131) Ebd., 8.8.
132) Ebd., S. 164.
133) Ebd., S. 157 f.
134) Ebd., S. 158.
135) Ebd., S. 283 f.
136) Ebd., S. 205. Ludwig Erhard bezeichnete sich selbst einmal
als "amerikanische Entdeckung", da er dem bayerischen SPD-Nach-
kriegspremier Hoegner von amerikanischen Offizieren als Wirt-
schaftsminister empfohlen worden war (Grabbe, a.a.O., S. 121).
Diese fanden Erhards Namen in den nachgelassenen Papieren des po-
litischen, proamerikanischen Haupts des Putschversuchs vom 20.
Juli 1944, Carl Goerdeler, der ihn wegen einer Denkschrift über
die Nachkriegswirtschaft lobend erwähnte (ebd., S. 122).
137) Jürgen Harrer, Zur Typologie und Definition sozialdemokrati-
scher Politik, in: Blätter für deutsche und internationale Poli-
tik 6/1974, S. 569 ff., hier S. 579. Das erneute Aufleben sozia-
listisch-reformistischer Positionen in der SPD seit jener Zeit
blieb marginal und konnte die Dominanz des Integrationismus nicht
beseitigen.
138) Vgl. hierzu auch Frank Deppe, Der Deutsche Gewerkschaftsbund
(DGB) 1949-1965, in: Ders. u. a. (Hrsg.), Geschichte der deut-
schen Gewerkschaftsbewegung, Köln 1977, S. 320-409.
139) Vgl. hierzu Hans-Jürgen Krysmanski, Zukunfts-Mythen des
Späth-Kapitalismus. Zum Bericht der Kommission "Zukunfts-
perspektiven gesellschaftlicher Entwicklungen", in: Blätter für
deutsche und internationale Politik 7/1984, S. 806 ff.; Ulrich
Klotz, Klaus Meyer-Degenhardt (Hrsg.), Personalinformations-
systeme. Auf dem Weg zum arbeitsplatzgerechten Menschen, Reinbek
1984, S. 59 ff.; Volker Gransow, Der autistische Walkman.
Unterhaltungselektronik, Öffentlichkeit und Freizeit, in: Blätter
für deutsche und internationale Politik 8/1984, S. 963 ff.
140) Vgl. zur letztgenannten Problematik Jürgen Hoffmann, "Ameri-
kanisierung" der deutschen Gewerkschaftsbewegung?, in: Ge-
werkschaftliche Monatshefte 7/1981, S. 418 ff.
141) Krysmanski, a.a.O., S. 815 ff.
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