Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 08/1985
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VERENGTE PERSPEKTIVE
Kritische Bemerkungen zur Kern/Schumann-Studie "Das Ende der
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Arbeitsteilung?" - Bericht von einer Arbeitsdiskussion des IMSF
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André Leisewitz
I.
"Industriearbeit und Arbeiterbewußtsein", die 1970 erschienene
Studie von Kern und Schumann, zählt ohne Zweifel zu den einfluß-
reichsten industriesoziologischen Untersuchungen der letzten
fünfzehn Jahre. 1) Die marxistische Kritik hatte mit Blick auf
diese Untersuchung von Arbeit, Qualifikation und Bewußtsein der
Beschäftigten in industriellen Kernsektoren bei ausdrücklicher
Anerkennung der impirischen Breite und der Herausarbeitung wich-
tiger Entwicklungstrends der Arbeit - besonders der polarisieren-
den und qualifikationsdifferenzierenden Faktoren - als wesentli-
ches Defizit ihren ausgeprägten Zug zu einem technologischen De-
terminismus in der Beurteilung von Charakter und Entwicklungsten-
denzen der Arbeit und die ebenso ausgeprägte Einseitigkeit in der
fast ausschließlich arbeitsgeprägten Sicht der Formung sozialen
Bewußtseins und Verhaltens hervorgehoben. 2) Die Autoren selbst
standen, wie es scheint, dieser Kritik später nicht völlig ableh-
nend gegenüber, und sie beabsichtigten sie in gewissem Maße im
Rahmen ihrer geplanten Folgestudie zu "Industriearbeit und Arbei-
terbewußtsein" in Rechnung zu stellen. 3) Das durch zahlreiche
Vorpublikationen der letzten Jahre an der nun unter dem Titel
"Das Ende der Arbeitsteilung?" vorliegenden Folgestudie geweckte
Interesse richtete sich daher naturgemäß sowohl auf die empiri-
schen Ergebnisse der Erforschung der veränderten betrieblichen
Realität nach Einsetzen des massiven Rationalisierungsschubs seit
den siebziger Jahren wie auf den theoretischen Standpunkt, den
die Autoren in ihrer neuen Studie einnehmen und von dem her sie
die empirische Realität erfassen, strukturieren und hinsichtlich
der in ihr wirksamen Zukunftstrends interpretieren würden. 4) Zu-
dem ist das Bedürfnis der gewerkschaftlichen und politischen Ar-
beiterbewegung nach möglichst umfassender und sicherer Kenntnis
aller für die "Zukunft der Arbeit" wichtigen Bestimmungsfaktoren
heute unter dem kombinierten Druck von Massenarbeitslosigkeit und
Modernisierungsoffensive von Kapital und staatlicher Wirtschafts-
und Technologiepolitik außerordentlich groß. Die Neubestimmung
gewerkschaftlicher Technologie- und Rationalisierungspolitik, die
seit einiger Zeit im Gange ist und die gegenwärtig aus der Phase
programmatischer Diskussionen den Schritt zur Ausarbeitung be-
trieblich orientierter Aktionsprogramme tut, 5) markiert damit
den praktisch-politischen Bezugspunkt für das Interesse an der
neuen Kern/Schumann-Studie, aber auch für ihre kritische Beurtei-
lung.
Diesen drei Gesichtspunkten: theoretisch-methodische Grundlagen,
empirische Ergebnisse, gewerkschaftspolitische Implikationen der
Studie war eine Arbeitsdiskussion des IMSF am 9. Februar 1985 in
Frankfurt/M. gewidmet. An ihr beteiligten sich über zwanzig In-
teressenten aus den Bereichen der Industrie-, Technik- und Kul-
tursoziologie, der Gewerkschaftsforschung und gewerkschaftlichen
Praxis. Der folgende Überblick kann nur die wichtigsten Aspekte
der einleitenden Beiträge von A. Leisewitz (IMSF), /. H. v. Hei-
seler (IMSF) und U. Schumm-Garling (Universität Dortmund) sowie
der sich anschließenden Diskussion wiedergeben.
II.
André Leisewitz (IMSF) erinnerte zuerst daran, daß Kern/Schumann
in ihrer Studie nicht von einem, sondern von zwei Hauptergebnis-
sen sprechen. Ihr erstes Ergebnis sei die Bestätigung, daß in Zu-
kunft auch in den prosperieren-den industriellen Kernsektoren,
die von ihnen untersucht wurden (Automobilindustrie, Maschinen-
bau, Chemische Industrie), unter den Bedingungen der der Logik
privater Kapitalverwertung folgenden Wirtschaftsentwicklung der
Trend zu einem mehr oder weniger massiven Abbau der Arbeiterbe-
schäftigung anhalten werde, wobei Schwerpunkt des Arbeitskräf-
teabbaus der Sektor der weniger qualifizierten Produktionsarbeit
sei. Unabhängig davon, ob sich dieser Prozeß auf einem zuminde-
stens begrenzt sozialpolitisch abgefederten Wege vollziehen oder
ob es auch in den Kernsektoren zu krisenhaften Einbrüchen kommen
werde (Kern/Schumann neigen der ersten Ansicht zu), bedeute dies
für die Zukunft Ausweitung und Verfestigung der Segmentierungs-
tendenz bzw. der Spaltung der Arbeiterklasse in einen beschäftig-
ten und einen zunehmend dauerhaft unbeschäftigten Teil.
Kern/Schumann verstehen dies als die gegenwärtig dominierende
Form der Polarisierung innerhalb der Arbeiterklasse (319). Dies
hervorzuheben sei auch insofern wichtig, weil sich schon hier die
Unsinnigkeit von Auffassungen zeige, die (auch mit Blick auf die
Qualifikationsentwicklung) die Polarisierungs- und Differenzie-
rungstendenzen heute wegdiskutieren wollten - gebe es doch keine
gravierendere "Polarisierung" als die zwischen fungierender und
dauerhaft brachgelegter und insofern entwerteter bzw. nicht ver-
wertbarer Qualifikation.
Im Mittelpunkt der Untersuchung wie der Diskussion über sie steht
jedoch das zweite Hauptergebnis, die These, daß sich heute als
"Novum im Gesamtprozeß kapitalistischer Rationalisierung" (318)
eine Tendenz zur Reprofessionalisierung oder Requalifizierung der
fungierenden Lohnarbeit in den Kernsektoren der Produktion
abzeichne. Zum einen müsse die Auffassung, daß die Kapitalverwer-
tung selbst in Richtung auf "ganzheitlicheren Aufgabenzuschnitt
und die breite Verwendung von Qualifikation" (323) dränge, auch
empirisch überprüft werden, zumal sie im Widerspruch zu einer
ganzen Reihe anderer industriesoziologischer Studien der Gegen-
wart stehe. Wenn, Dahrenorf zustimmend, Kern/Schumann davon spre-
chen, daß mit diesem Prozeß zugleich die "Heteronomie der Indu-
striearbeit" zurückgedrängt werde, so bleibe die Tatsache prinzi-
pieller Fremdbestimmtheit kapitalistischer Lohnarbeit völlig un-
berücksichtigt.
Kern/Schumann benennen mit der Hervorhebung der Massenarbeitslo-
sigkeit, der durchaus sorgsam beschriebenen Verdrängungstenden-
zen, der Segmentierungsprozesse und ihrer kategorialen Differen-
zierung nach Rationalisierungsverlierern, -gewinnern und -duldern
Tendenzen, die einer "Requalifizierung" der Lohnarbeiter insge-
samt zuwiderlaufen. Jedoch werde nirgendwo die von ihnen postu-
lierte Tendenz zur Requalifizierung der fungierenden Lohnarbeit
als in sich selbst widersprüchlich analysiert. Vielmehr gilt es,
sie im Konzept von Kern/Schumann nur gegen von außen kommende Ir-
ritationen und "Halbherzigkeiten" durchzusetzen, die der kapita-
listischen Entwicklung von Lohnarbeit letztlich nicht wesenseigen
sind. Das signalisiere, daß Kern/Schumann von ihrem theoretischen
Ausgangspunkt her die Entwicklung der lebendigen Arbeit und der
Arbeitsgestaltung nicht als einen Prozeß untersuchen, der auf-
grund seiner Kapitalform und der Entwicklung der Produktivkräfte
als Kapital in sich widersprüchlich ist - eine Widersprüchlich-
keit, die bekanntlich aus der Antinomie von Arbeits- und Verwer-
tungsprozeß entspringt. Das habe nicht zuletzt die frappierende
und sofort ins Auge stechende Folge, daß faktisch alle heute in
der gewerkschaftlichen Diskussion und betrieblichen Auseinander-
setzung thematisierten Probleme der betrieblichen Herrschaft und
Kontrolle, der rigideren Leistungsabpressung und Arbeitsintensi-
vierung in der Studie entweder überhaupt nicht oder höchstens
marginal behandelt werden.
Auch in den von der Studie zumindest nahegelegten gewerkschafts-
politischen Schlußfolgerungen schlage sich dieses letztliche Pri-
mat der technischen, der stofflichen und nicht formbestimmten
Seite nieder. Der Ansatz verstelle die Möglichkeiten, nach kon-
kreter, praktisch in Bewegungen umsetzbarer Interessengemeinsam-
keit zwischen den verschiedenen "Segmenten" der Lohnabhängigen zu
suchen; zwischen der den Gewerkschaften empfohlenen Durchsetzung
der Modernisierungskonzeptionen in den Zentren der Lohnarbeit im
Interesse der Lohnabhängigen, den als mehr oder weniger perspek-
tivlos angesehenen Abwehrkämpfen in den Krisenbranchen und dem
Kampf um Arbeitszeitverkürzung mit dem Ziel der Reduzierung der
Massenarbeitslosigkeit lasse sich kaum noch ein inneres Band aus-
machen. Und umgekehrt erscheine die Tendenz zur sozialpartner-
schaftlichen Einbindung der mit der modernen Produktivkraftent-
wicklung verbundenen Gruppen der Arbeiterklasse geradezu zwin-
gend, wenn dieser Modernisierungsprozeß in den wirtschaftlichen
Kernsektoren im großen und ganzen wirklich so wenig widerspruchs-
geladen verläuft, wie dies Kern/Schumann zufolge den Anschein
hat.
Der Frage nach der Stellung der Kern/Schumann-Studie in der Ent-
wicklung der bürgerlichen Industriesoziologie (als ihrem theo-
riegeschichtlichen Bezugspunkt, und daher unter explizierter Aus-
klammerung der marxistischen Industrie- und Arbeitssoziologie)
ging Johannes H. v. Heiseler (IMSF) nach. Er diskutierte diese
Frage dabei anhand eines Überblicks über die unterschiedliche
Wahl des theoretischen Ansatzpunktes, von dem aus Arbeit, Ar-
beitsverhältnisse und Bewußtsein in der Industriesoziologie un-
tersucht werden.
Kennzeichen der frühen amerikanischen, mit dem Taylorismus eng
verbundenen Industriesoziologie war die strikte Ausblendung ge-
sellschaftlicher Strukturen zugunsten eines engen Bezuges auf den
unmittelbaren Arbeitsprozeß. Heiseler erinnerte an die kritische
Formulierung von Georges Friedmann, die US-Soziologie "hänge den
Betrieb ins Leere". Demgegenüber verfolgte die westeuropäische
Industriesoziologie i.d.R. einen breiteren Ansatz, in dessen Rah-
men die Frage nach der gesellschaftlichen Lage der Arbeiter eine
wichtige Rolle spielte. Dies schloß den Blick auf Veränderungen
der betrieblichen Organisation, Arbeit etc. stets ein, also ein
historisierendes Moment. Während in der englischen Industrieso-
ziologie Anfang der fünfziger Jahre zuerst ein technologischer
Ansatz (z.B. bei Woodward) dominierte, der die Bedeutung der
technischen Seite für die Gestaltung und Veränderung der Arbeit
scharf akzentuierte, entwickelte sich insbesondere mit der be-
kannten Studie von Goldthorpe u.a. ("The Affluent Worker", 1968)
eine Gegenposition, die als neues Moment bewußt Bezug auf gesamt-
gesellschaftliche Strukturen nahm - freilich verbunden mit der
prinzipiellen Schwäche, daß sie solche Macht- und Herrschaftsver-
hältnisse fast ausschließlich in Form bereits vorgegebener, aus
der a u ß e r b e t r i e b l i c h e n gesellschaftlichen
Sphäre stammender Haltungen der Arbeiter erfaßte. Ähnliche Entge-
gensetzungen zeigten sich auch einerseits mit den stark von un-
mittelbaren Arbeits- und technischen Verhältnissen ausgehenden
Studien etwa von Touraine in Frankreich (mit seinen der heutigen
Requalifizierungsthese durchaus ebenbürtigen Prognosen technisch
erzwungener neuer Qualifikationsformen) oder Popitz/Bahrdts eben-
falls unmittelbar von Arbeitsverhältnissen ausgehenden Untersu-
chungen. Einen Gegenpol markierten demgegenüber in Frankreich
z.B. Andrieux/Lignon mit ihrer Behandlung betrieblicher Arbeits-
verhältnisse nicht primär als Tätigkeiten, sondern als gesell-
schaftlich geprägte Über- und Unterordnungsverhältnisse, oder die
"Betriebsklima-Studie" des Instituts für Sozialforschung, die
gleichfalls einen Begriff von Gesamtgesellschaft zum theoreti-
schen Ausgangspunkt machte.
Heiseler wies darauf hin, daß sich Kern und Schumann in
"Industriearbeit und Arbeiterbewußtsein" gerade von dieser Auf-
fassung Andrieux'/Lignons als "dogmatischer Anlehnung an Marx"
distanzierten und es für falsch erklärten, "sich ... bei der Ana-
lyse des Arbeiterbewußtseins nach wie vor ausschließlich auf die
Produktionsverhältnisse zu beziehen." 6) Im Vergleich zu der Stu-
die von 1970 weise die Folgestudie nun eine viel striktere Fas-
sung ökonomischer Interessen und der Bedeutung des Kapitalverwer-
tungsprozesses für die neuen Produktionskonzepte auf. Aber den-
noch werde die Triebkraft der Entwicklung und Veränderung letzt-
lich nicht im P r o d u k t i o n s p r o z e ß als Einheit von
Arbeits- und Verwertungsprozeß, sondern eben im A r b e i t s-
p r o z e ß verortet. So sinnvoll die Isolierung des Arbeits-
prozesses als analytische Kategorie auch sein möge, so wenig
dürfte es aber möglich sein, einen sozusagen von Verwer-
tungsinteressen "reinen" Arbeitsprozeß empirisch zu untersuchen.
Insofern bestätige die neue Kern/Schumann-Studie im Grunde die
kürzlich von Gerhard Brandt 7) formulierte These, in der Indu-
striesoziologie der Bundesrepublik stünden sich nach wie vor zwei
"Grundmodelle" gegenüber, nämlich ein Ansatz, der die betriebli-
chen Verhältnisse als Ausdruck gesamtgesellschaftlicher Über- und
Unterordnungsverhältnisse interpretiere, und eine unmittelbar von
der Arbeitssphäre ausgehende Richtung.
Anders als in der Studie von 1970 würden die Belegschaften jetzt
nicht ausschließlich als Objekt der Prozesse, sondern durchaus
auch als aktives, handelndes Subjekt betrachtet. Aber in welchem
Rahmen werde dessen Aktivität gesehen? Wenn Kern/Schumann unter
"Politisierung" (deren aktiver Protagonist die Gewerkschaften
sein sollen) das Heraustreiben der neuen Produktionskonzepte aus
ihrer "privatistischen Enge" im Bündnis mit den modernen Manage-
ment-Fraktionen verstehen, so schließe das eine durchaus überbe-
triebliche, gesellschaftliche, aber eben im Rahmen der privaten
Kapitalverwertung verbleibende Sicht ein. Daß die Vorstellungen
der Autoren sich nicht mit dem Gedanken der Gesellschaftstrans-
formation verbinden, heben sie selbst hervor (331). Handlungslei-
tende Bewußtseinsentwicklung erscheine so eher als "Frontbe-
gradigung" zugunsten des konsequenten Eintretens für neue
Modernisierungskonzepte denn als Offenlegen der neuen Formen und
Dimensionen des Widerspruchs von Produktivkraftentwicklung und
gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen.
Im dritten Einleitungsbeitrag gab Ursula Schumm-Garling (Univer-
sität Dortmund) zuerst einen Überblick über die wichtigsten
Thesen der Kern/Schumann-Studie - das Konzept der "Neoindustri-
alisierung", ihre Vorstellungen zur Arbeitskraftpolitik, die
Segmentationsthese und die angedeuteten Schlußfolgerungen zur
gewerkschaftlichen Politik -, um daran dann eine Reihe kritischer
Bemerkungen und Diskussionsfragen anzuschließen.
Zum Konzept der "Neoindustrialisierung": Einerseits sprechen
Kern/Schumann von der Begrenztheit der aktuellen Reichweite und
Durchsetzung der neuen Produktionskonzepte, vertreten anderer-
seits aber doch immer wieder die Auffassung, dies sich heute erst
ankündigende Konzept sei wirklich die zentrale, sich in Zukunft
duchsetzende Konzeption. Es gehört zur inneren Widersprüchlich-
keit der "Neoindustrialisierung", so Schumm-Garling, daß sie zwar
einerseits Requalifizierung und breite Nutzung der Arbeitsvermö-
gen mit sich bringen soll, dies aber andererseits nur um den
Preis von zunehmender Arbeitslosigkeit und Verdrängung. Zu fragen
sei zugleich, ob das Requalifizierungskonzept mit der ihm aus der
Sicht von Kern/Schumann verbundenen "Offerte" erweiterter Hand-
lungskapazität an die weiter fungierenden Lohnarbeitskräfte nicht
schon vom Untersuchungsansatz her Gegensätze in die Arbeiter-
klasse hineintrage. Wenn von Segmentierung als moderner Variante
der Polarisierung gesprochen werde, so sei darauf zu verweisen,
daß der Begriff hier eine neue Dimension gewonnen habe, da er
bisher nur auf die Polarisierung zwischen unterschiedlich quali-
fizierten Gruppen der Beschäftigten bezogen worden sei, jetzt
aber auch die Dimension Arbeitslose - Beschäftigte umfasse.
Bei Betrachtung der Schlußfolgerungen zur gewerkschaftlichen Po-
litik dränge sich der Eindruck des - durch die Anlage der Studie
bedingten? - Auseinanderfallens von eng betriebsbezogener Gewerk-
schaftspolitik und allgemeinem gewerkschaftlichem Kampf auf. Ne-
ben der betrieblichen Orientierung auf Durchsetzung der neuen
Produktionskonzepte und ihrer Requalifizierungskomponente stehe
der eher appellativ begründete Kampf um Arbeitszeitverkürzung,
sozusagen als "Solidarbeitrag" für die Arbeitslosen, aber ohne
sichtbare und konkretisierte Fundierung in den eigenen Arbeitsin-
teressen der Beschäftigten.
Folgende Diskussionsfragen wurden vorgetragen:
Erstens: Kern/Schumann sprechen selbst davon, daß sich die neuen
Produktionskonzepte heute erst am Anfang ihrer Einführung befin-
den. Aber handelt es sich wirklich um eine generalisierbare Ten-
denz, bzw. wie sehen die arbeitsorganisatorischen und -qualifika-
torischen Implikationen des Modernisierungsschubs aus, wenn er
generalisiert werden sollte? Ist hier nicht zu vermuten, daß die
arbeitsstrategischen Absichtserklärungen der Promotoren der neuen
Produktionskonzepte (auf die sich die Studie methodisch ja
zwangsläufig mit stützen muß) keineswegs wirklich in der Praxis
realisiert werden müssen? Kann es sich dabei nicht auch um
"Verkaufsstrategien" für neue Rationalisierungsschübe handeln?
Zweitens: Ist es nicht denkbar, daß es sich bei den neuen Produk-
tionskonzepten um Übergangskonzepte handelt, denen mit techni-
scher Weiterentwicklung und neuen ökonomischen Spielräumen
(Verbilligung der neuen Technologie etc). Rationalisierungsschübe
durchaus traditionellen Zuschnitts auch dort folgen werden, wo
heute Requalifizierung sinnvoll erscheint?
Drittens: Zu bedenken ist ferner, daß eine erweiterte Nutzung der
Arbeitskraft sich nicht unbedingt auf die Nutzung arbeitsprozeß-
lich funktionaler Qualifikationen zu beziehen braucht, sondern
daß dabei auch subjektive Leistungskomponenten eine Rolle spielen
können (Leistungsverhalten, Motivation usf.), die durchaus mit
einem niedrigeren Niveau funktionaler Qualifikationen zu verein-
baren sind.
Viertens: Die Bedeutung der neuen Produktionskonzepte wird weiter
dadurch eingeschränkt, daß das Management immer verschiedene Ra-
tionalisierungsstrategien verfolgt. Dies zeigt die Studie selbst
mit der Untersuchung von Branchen, in denen das Requalifizie-
rungskonzept nicht verfolgt wird bzw. werden kann (Margarine-
industrie, Werften). Zweifel an der Verallgemeinerbarkeit ergeben
sich weiter aus der Bindung der Requalifizierungsmöglichkeit an
ein bestimmtes Niveau bereits vorhandener Qualifikationen, aus
international unterschiedlichen Voraussetzungen bezüglich der
Arbeitsbeziehungen, Qualifikationsstrukturen usf.
Fünftens: Faßt man diese Einschränkungen und Differenzierungen
zusammen, so ist die Frage zu stellen, ob es sich bei den von
Kern/Schumann als prinzipielle Neuorientierung verstandenen neuen
Produktionskonzepten nicht eher um eine Rationalisierungsstrate-
gie mit Übergangscharakter handelt, die zudem ihren Sinn erst im
Rahmen einer auf den Gesamtarbeitskörper bezogenen übergeordneten
Strategie findet. Gegenwärtig liegt offenkundig das Schwergewicht
der betrieblichen Rationalisierung durchaus traditionellen, tay-
loristischen Zuschnitts auf den der unmittelbaren Produktion vor-
bzw. nachgelagerten Sektoren (auf der betrieblichen Ebene ebenso
wie der der Wirtschaftsabteilungen) - und es ist durchaus vor-
stellbar, daß traditionelle Rationalisierungsformen später auch
in den Kernsektoren wieder stärkere Bedeutung, als bei
Kern/Schumann vermutet, erlangen werden.
Die Diskussion konzentrierte sich im wesentlichen auf zwei thema-
tische Stränge: einerseits den empirischen Gehalt der Studie,
ihre Beurteilung bei Heranziehung anderer industriesoziologischer
Ergebnisse etc., andererseits den Zusammenhang zwischen der Dif-
ferenzierung des Gesamtarbeiters nach unterschiedlicher Rationa-
lisierungsbetroffenheit und Bewußtseinsentwicklung, Handlungsori-
entierung, gewerkschaftlichen Konzeptionen und Ansatzpunkten zur
Politisierung der Auseinandersetzung um neue Technologien.
III.
Betrachte man die Kern/Schumann-Studie im Kontext der aktuellen
"Moden" der soziologischen Diskussion und des intellektuellen Le-
bens, wie sie mit Stichworten wie "Abschied vom Proletariat",
"Ausstieg aus dem Industriesystem", "Ende der Arbeitsgesell-
schaft" oder den Themen der Wertewandel-Diskussion umrissen wer-
den könnten, so müsse man zuerst festhalten, daß es sich um eine
Studie "gegen den modischen Trend" handele, betonten zur Einlei-
tung der Diskussion mit Nachdruck Hellmuth Lange (Universität
Bremen) und Richard Sorg (Fachhochschule Wiesbaden, jetzt Ham-
burg). Es sei außerordentlich wichtig, daß mit ihr der Blick wie-
der stärker auf Kernbereiche der Lohnarbeit gelenkt werde. Gegen
den modischen Trend - das gelte ebenso für Stil und Sprache der
Studie wie für die konkrete arbeitssoziologische Perspektive, die
sie im Gegensatz zu dem weithin dominierenden Zug zu einem ver-
kürzten Ökonomismus entfalte. Produktiv sei das genaue Studium
der stofflichen Seite der Produktivkraftentwicklung und der mög-
licherweise hier wurzelnden objektiven Zwänge für das Kapital,
und unabhängig von der Beurteilung ihrer Ergebnisse im einzelnen
sei es auch für die Diskussion in anderen sozialen Bereichen,
etwa der Pädagogik, wichtig, die angedeuteten Tendenzen zu neuen
Qualifikationsanforderungen, zu einer mit der Produktivkraftent-
wicklung notwendig werdenden größeren Mündigkeit und Autonomie
der Subjekte gegenüber hierarchischen Strukturen etc. (auch wenn
sie von Verwertungszwängen sogleich wieder eingeengt und einregu-
liert würden) aufzunehmen und fruchtbar zu machen.
Die zentrale Frage, die man sich bei der Rezeption und produkti-
ven Aneignung der Studie vorzulegen habe, sei die nach der realen
Substanz der neuen Produktionskonzepte und ihrer Interpretation
durch Kern/Schumann, betonte Karin Benz-Overhage (IG Metall, Ab-
teilung Automation und Technologie). Hier müsse man nun einen
entscheidenden Einwand geltend machen: Die Studie überinterpre-
tiere reale empirische Phänomene sowohl in quantitativer Hinsicht
und bei der Annahme ihrer mehr oder weniger naturwüchsig-sponta-
nen Durchsetzung wie auch in qualitativer Hinsicht mit Blick dar-
auf, was unter "Reprofessionalisierung" bzw. "Requalifizierung"
zu verstehen und zu erwarten sei. So hätten eine Reihe paralleler
empirischer industriesoziologischer Studien zu den Kernsektoren
auf die gleichen empirischen Phänomene aufmerksam gemacht, auf
die Kern/Schumann sich stützten und die sie so weitgehend inter-
pretierten (etwa das Frankfurter Institut für Sozialforschung im
Sinne von Restriktionen zeitökonomischer Durchdringung der Pro-
duktionsprozesse oder Studien des Münchener Instituts für sozial-
wissenschaftliche Forschung von Altmann, Düll u.a.), 8) aber de-
ren begrenzte empirische Reichweite deutlich gemacht. Gegenüber
der Studie von 1970 sei der arbeitssoziologische Ansatz insofern
noch verkürzt, als die gesamte Dimension von Kontrolle und Herr-
schaft fast vollständig unberücksichtigt bleibe. Ein zweites Pro-
blem werfe das verengte Qualifikationskonzept auf, bei dem die
Bezugspunkte dafür, was eigentlich unter "Reprofessionalisierung"
zu verstehen sei, nicht offengelegt seien. Vieles erinnere inso-
fern an die Humanisierungsdiskussion vom Ende der sechziger
Jahre, in der gleichfalls schon das "Ende des Taylorismus" ange-
kündigt wurde, wobei sich die damaligen Humanisierungskonzeptio-
nen inzwischen auch als Rationalisierungsstrategien herausge-
stellt hätten.
Aus gewerkschaftlicher Sicht böten die neuen Produktionskonzepte
durchaus wichtige Ansätze für betriebliche Strategien der Ausein-
andersetzung um eine humanere Arbeits- und Technikgestaltung. Je-
doch sei (worauf schon Schumm-Garling hingewiesen hatte) die
Reichweite auch unter dem Aspekt der Internationalisierung der
Produktionsprozesse und unterschiedlicher nationaler Vorausset-
zungen begrenzt. Die neuere WZB-Studie zur Automobilindustrie 9)
lasse vermuten, daß die Voraussetzungen für die neuen Konzepte
vom System der industriellen Beziehungen her in der BRD günstiger
seien als etwa in den USA. Insofern sei es auch auffällig, daß
sie in der BRD gerade in den "nationalen" Autokonzernen (VW und
andere) eher verfolgt würden als bei Tochterunternehmen ausländi-
scher Multis (Opel, Ford).
Unter dem Gesichtspunkt der gewerkschaftlichen Alternativen-Dis-
kussion und des Auffindens realer Ansatzpunkte für Konzepte einer
humaneren Arbeitsgestaltung gegen die Vorstellung der "totalen
Computergesellschaft" sei das Aufzeigen unterschiedlicher und wi-
derspüchlicher Managementstrategien ein wichtiges Verdienst der
Studie, betonte Inge Kaufmann (DGB, Projekt Arbeitswissenschaft
für Arbeitnehmer). Zu fragen sei, ob die neuen Produktionskon-
zepte nicht auch im Dienstleistungsbereich, speziell im Banksek-
tor, eine Rolle spielten, z. B. mit dem Konzept eines umfassend
qualifizierten Sachbearbeiters. Jedoch gehe dieses Konzept dort
zugleich mit der Reproduktion eindeutig tayloristischer Arbeits-
teilung auf neuer Stufe einher. Kaspar Maase (IMSF) fragte nach,
ob in Sektoren wie dem Maschinenbau, in dem qualifizierte Fachar-
beiter offenkundig ihre Rolle auch bei Einführung der neuen Tech-
nologien behaupten können, weitergehende technologische Schübe
nicht doch zur Auflösung ihrer Basis führen könnten und sie inso-
fern langfristig zu ihrer eigenen Überflüssigmachung beitrügen.
Die vorliegenden Untersuchungen zeigen insgesamt, daß gegenwärtig
neue Beschäftigungsgruppen in Rationalisierungsprozesse von
durchaus "traditionellem" Zuschnitt einbezogen werden. Gerade
hierin, so Gerhard Weiß (Marburg), besteht die neue Qualität der
heutigen Anwendung von EDV und Rationalisierungstechniken in Pro-
duktion und Verwaltungen. Diese Dimension schlage sich in der
Kern/Schumann-Studie jedoch nicht nieder. Insofern müsse man (so
auch Burkart Lutz 10) von einer verengten Untersuchungsperspek-
tive der Studie sprechen. Das Gesamtbild der Rationalisierung
über die produktiven Kernsektoren hinaus lasse eine komplexe, auf
den betrieblichen Gesamtarbeitskörper bezogene Rationalisierungs-
strategie erkennen, die gegenwärtig primär nicht auf die Kernbe-
reiche, sondern die anderen Gruppen abziele und mit ausgeprägten
Dequalifizierungsprozessen verbunden sei. Die verengte Untersu-
chungsperspektive blende aber die hier gegebenen Konfliktpoten-
tiale weitgehend aus. Ziel dieser komplexen Rationalisierungs-
strategie sei in Verbindung mit ausgeprägten Kontroll- und Herr-
schaftsmechanismen das Bemühen um einen verstärkten leistungspo-
litischen Zugriff auf die einzelne Arbeitskraft ebenso wie auf
den betrieblichen Gesamtarbeiter.
Im Verwaltungsbereich, auf den I. Kaufmann anspielte, hätten ei-
gene Erhebungen 11) auch Requalifizierungstendenzen, die Orien-
tierung auf verstärkte Gruppenarbeit bzw. die Entwicklung eines
Universalsachbearbeiters ergeben, also Tendenzen, die den neuen
Produktionskonzepten durchaus entsprächen. Die Realität erweise
sich jedoch, wenn man den Gesamtarbeiter betrachte, als viel kom-
plizierter. Auf der untersten Qualifikationsstufe (allgemeine
Verwaltungsarbeit ohne direkten fachlichen Bezug) herrsche eine
massive Verdrängungsperspektive; Verdrängungsprozesse seien auch
im Bereich der ausführenden, nichtdispositiven Sachbearbeitung
wirksam (vergleichbar der Stufe qualifiziert Angelernter in der
Produktion). Hier gehe es darum, die verbleibende Restarbeit neu
zu strukturieren und bei wachsendem Leistungsanspruch Aufgaben zu
integrieren. Neuordnung der Aufgabengebiete sei auch im Bereich
der qualifizierten, dispositiven Sachbearbeitung durch vorerst
noch nicht völlig vernetzte EDV-Anwendung in Einzelbereichen zu
beobachten; die Aufgabenneustrukturierung verlaufe hier unter
Einschluß der Tendenz zu einem Universalsachbearbeiter aber
durchaus nicht entlang der Interessenlinie der Beschäftigten an
erhöhten Regulationschancen und Lernmöglichkeiten, sondern ziele
"knallhart" auf erhöhte Verfügung und Flexibilisierung der Ar-
beitskraft. Schließlich deute sich als vermutlich fortgeschrit-
tenste Tendenz in einzelnen Großverwaltungen der Versuch an, den
gesamten Komplex der Sachbearbeitung nach klassisch-tayloristi-
schem Muster der Arbeitsanalyse für eine umfassende programmtech-
nische Durchdringung und Vernetzung aufzuschließen. Das dahinter
stehende Bild sei das einer zentralen Steuerung und Kontrolle des
gesamten betrieblichen Leistungsprozesses. Damit seien ebenso
Vorstellungen einer strikten Programmführung der Sachbearbeitung
verbunden.
Insgesamt sei insofern vor einer Parallelisierung bzw. Verallge-
meinerung der Ergebnisse von Kern/Schumann zu warnen und die Ver-
engung ihres Zugriffs auf das Untersuchungsfeld hervorzuheben.
Was bedeuten die unterschiedlichen Management-Konzeptionen für
die gewerkschaftliche Politik- und Strategiebestimmung? Taylori-
stische Rationalisierungs- bzw. Automationsstrategien tragen, so
K. Benz-Overhage, zu einer schärferen Polarisierung innerhalb der
Belegschaften bei. Unabhängig davon, ob überhaupt und wie groß
ggfs. man qualitative Differenzen zwischen beiden Management-
Strategien annehme, so sei doch eindeutig, daß die neuen Produk-
tionskonzepte andere, breitere Qualifikationsverteilungen inner-
halb des betrieblichen Gesamtarbeiters ermöglichten, also auch
die Einbeziehung bisher benachteiligter Gruppen in qualifizier-
tere Arbeit. Das sei für die Qualifikations- und Einkommenssi-
cherung im Rahmen gewerkschaftlicher Strategien von enormer Be-
deutung. Jedoch komme es darauf an, das hier Mögliche gewerk-
schaftlich (betriebsbezogen wie tarifpolitisch) zu erkämpfen und
dabei gleichzeitig mit einer neuen Definition von Leistungskrite-
rien zu verknüpfen, da in den neuen Produktionskonzepten ja
zugleich ungeheure Intensivierungspotentiale steckten. In diese
Richtung weise auch das "Aktionsprogramm Arbeit und Technik" der
IG Metall.
Hier haben auch neue Beziehungen zur betrieblichen wissenschaft-
lich-technischen Intelligenz ihren Stellenwert. H. Lange hatte
eingangs darauf aufmerksam gemacht, daß der Sektor der betriebli-
chen Intelligenz sich nicht nur ausweitet, sondern daß die Requa-
lifizierungsprozesse hier u. U. auch zu neuen Formen der Annähe-
rung von Hand- und Kopfarbeit führen könnten. Über die nach wie
vor großen Unterschiede im Arbeitstyp, in den Arbeitsbedingungen
etc. von qualifizierten Arbeitern und wissenschaftlich-techni-
scher Intelligenz hinweg sah K. Benz-Overhage in deren Rationali-
sierungserfahrungen Anknüpfungspunkte, um z.B. Ingenieure für die
Beratung von Betriebsräten oder gemeinsame Arbeitskreise zu Tech-
nologiefragen zu gewinnen.
Vom technischen Standpunkt aus läßt sich die von Maase aufgewor-
fene Frage der Perspektive von Facharbeit in einem Sektor wie dem
Maschinenbau mit seinen produktionstechnischen wie ökonomischen
Besonderheiten heute kaum beantworten. Diese Auffassung vertrat
Volker Benad (TH Darmstadt), der als Technikhistoriker auch dar-
auf hinwies, daß eine ganze Reihe heute aktueller Rationalisie-
rungsprobleme im Maschinenbau bereits seit Beginn des Jahrhun-
derts unter technischen Aspekten diskutiert und bearbeitet wer-
den. Das verweise auf die u.U. lange Dauer, die für die Entwick-
lung neuer technischer Möglichkeiten benötigt werde. Unter diesem
Gesichtspunkt, so wurde in der Diskussion betont, ist natürlich
auch das Argument kritisch zu prüfen, es handele sich bei den
neuen Produktionskonzepten nur um eine (kurzfristige?) Übergangs-
strategie. Auf Grenzen der Taylorisierung anhand der Entwicklung
im Ingenieurbereich verwies H. Lange; hier ließen sich vielmehr
ähnliche Prozesse beobachten, wie sie von Kern/Schumann für die
Produktionsarbeit vermutet würden: Requalifizierung bei gleich-
zeitiger Verdrängung, verbunden mit stärkerem Leistungsdruck
(Kontingentierung von Zeitbudgets etc.). Zugleich lasse sich eine
hohe Arbeitsidentifikation nachweisen.
Zur stärkeren Diskussion von Problemen des Bewußtseins, der be-
trieblichen Orientierung und der gewerkschaftspolitischen Mobili-
sierung bzw. Anknüpfungspunkte leitete die Frage von K. Maase
über, wie die betrieblichen Gruppen, die (in der Terminologie von
Kern/Schumann als "Rationalisierungsgewinner") mit den neuen Pro-
duktivkräften zugleich neue Ansprüche und persönliche Identifika-
tionsmöglichkeiten entwickeln könnten, in gewerkschaftliche Ra-
tionalisierungsstrategie einzubeziehen sind. Liegen bei ihnen so
starke Motivationen und subjektive Arbeitsinteressen an neuer
Technik vor, daß u.U. das gewerkschaftliche Konzept "Rationali-
sierung nein, wenn nicht..." nicht faßt? Klaus Naumann (Redaktion
"Blätter für deutsche und internationale Politik", Köln) warf das
Problem auf, ob die "Rationalisierungsgewinner" nicht u.U. das
Potential einer konservativen Blockbildung zur Umschichtung im
Wählerverhalten darstellen könnten, und welche Beziehungen
zwischen der "Modernisierungsphilosophie" des Managements und
vergleichbaren Varianten im parteipolitisch-ideologischen Raum zu
sehen seien, wobei er auf die Späth-Studie, die letzte Tagung des
Aspen-Instituts, die Schmidtchen-Studie 12) u.a. verwies. U.
Schumm-Garling machte noch einmal darauf aufmerksam, daß die von
Kern/Schumann benannten neuen Technologiekonzepte nicht als
Konzepte gewerkschaftlicher Technologiepolitik verstanden werden
dürften und daß es für deren Entwicklung gerade darauf ankomme,
vereinheitlichende Interessenmomente bei den verschiedenen
Gruppen der Arbeiterklasse aufzudecken, um den Segmentierungs-
tendenzen begegnen zu können. Solche Ansatzpunkte anhand der
Studie von Kern/Schumann zu entwickeln, erweist sich jedoch, wie
G. Weiß argumentierte, auf Grund ihres methodischen Ansatzes als
äußerst kompliziert. Denn zu dessen Charakteristika zähle, daß
die gesamte Sichtweise von der Auffassung der Durchsetzung der
Requalifizierungskonzepte geprägt sei. Das habe eben zur Folge,
daß innerhalb des Betriebes mit Blick in die Zukunft im Prinzip
keine andere Tendenz sichtbar werde als die einer insgesamt
wachsenden Basis für Sozialpartnerschaft und Betriebsbindung,
während alle mit der Umsetzung, Realisierung bzw. prozeßhaften
Durchsetzung der neuen Produktionskonzepte verbundenen Konflikte
und Widersprüche (die in anderen Untersuchungen durchaus
thematisiert würden) völlig untergingen.
Für die Frage, wo und unter welchen Bedingungen heute in den Be-
legschaften der "Kernbereiche" Politisierungsprozesse im Sinne
der Entwicklung von Ansatzpunkten zu Klasssenbewußtsein und klas-
senautonomer Handlungsperspektive ablaufen, spielen die von
Kern/Schumann mit ihrem arbeitszentrierten Ansatz gebildeten Ka-
tegorien keine zentrale Rolle - so die Auffassung von Jörg Miehe
(Göttingen). Wo sich seinen Erfahrungen zufolge - im Bereich von
Vertrauensleuten der Automobilindustrie - solches Bewußtsein her-
ausbilde, dort i.d.R. q u e r zu diesen Kategorien; darauf ver-
weise auch die Zusammensetzung der Vertrauensleutekörper. Das
zeige, wie auch andere Erfahrungen belegten, daß auslösende Mo-
mente für Bewußtseinsprozesse weniger in den konkreten Arbeits-
verhältnissen bzw. unmittelbaren Arbeitsbedingungen wurzelten als
vielmehr in der allgemeinen Erfahrung der Unsicherheit proletari-
scher Existenz, in Arbeitsplatzbedrohung durch die konjunkturelle
Entwicklung, durch Rationalisierung u.ä.
In der Tat, so Heinz Schäfer (Redaktion "Nachrichten zur Wirt-
schafts- und Sozialpolitik", Frankfurt/M.) zu der von K. Naumann
aufgeworfenen Frage, könne das heute unübersehbare Bemühen der
Unternehmer nach wachsender Betriebsbindung und neuer "Ver-
trauensbasis" in "ihren" Belegschaften bei den von Kern/Schumann
beschriebenen Prozessen eine reale Basis finden. Daß sich die
Modernisierungskonzeptionen bei ihnen genau mit diesem Ziel
verbänden, habe nachdrücklich die zurückliegende Tagung des
Aspen-Instituts (Westberlin) demonstriert. Hier liege aber auch
eine Schwäche der gewerkschaftlichen Position; wenn der Kon-
kurrenz zwischen Konzernbelegschaften oder der existenziellen Be-
drohung ganzer Branchen begegnet werden solle, so sei es unver-
zichtbar, die Notwendigkeit gesamtgesellschaftlicher Lösungen
stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Man brauche nur an die Er-
fahrungen der Stahl- und Werftenkrise zu erinnern, um zu verdeut-
lichen, daß heute Lösungen für krisengeschüttelte Branchen im In-
teresse der Belegschaften bzw. der entsprechenden Abteilungen der
Arbeiterklasse nur auf Branchenebene kaum denkbar seien.
Kaspar Maase knüpfte an eine vorhergehende These von H. Lange an,
daß mit der Realisierung der neuen Produktionskonzepte auch neue
Gruppen der Belegschaften zu den betrieblichen Kerngruppen der
Arbeiterklasse würden. Wenn diese Gruppen (die "Rationalisie-
rungsgewinner" in der Kern/Schumann-Terminologie) wichtige Ele-
mente ihres Selbstbewußtseins in der Identifikation mit dem
Produktivkraftsprung und den modernsten Technologien fänden, so
stelle sich die Frage, wo sie heute gesellschaftspolitische
Orientierungs- und Bezugspunkte fänden. Man könne das Problem
"konservativer Potentiale" nicht einfach mit Verweis auf die
allgemeine Unsicherheit proletarischer Existenz beantworten, denn
es dürften gegenwärtig am ehesten die ideologischen Zentren des
modernisierungsorientierten Neo-Konservatismus sein, die sich
hier als Orientierungspunkte anbieten würden. Für die gewerk-
schaftliche und politische Arbeiterbewegung erwachse daraus die
wichtige Aufgabe, stärker Zukunftsvorstellungen zu entwickeln,
die die Faszination neuer Technologien positiv aufgreifen.
Die Arbeiter der neuen Produktionskonzepte, so argumentierte K.
Benz-Overhage, rekrutieren sich, wenn man das Beispiel der Auto-
mobilindustrie heranzieht, aus dem bisherigen Typ der qualifi-
ziert Angelernten, die in den Autobetrieben statusmäßig weitge-
hend den Facharbeitern anderer Betriebe entsprechen; z. T. rekru-
tieren sie sich auch direkt aus jungen Facharbeitern. Insofern
könne man nicht davon ausgehen, daß der "Bruch" für diese Gruppen
so gravierend sei, daß daraus die in der vorhergehenden Diskus-
sion vermuteten Ansatzpunkte für Bewußtseinsveränderung erwachsen
könnten. Wenn überhaupt, so seien entsprechende Tendenzen in der
technischen Intelligenz wirksam. Generell dürfe man den Stellen-
wert der neuen Produktionskonzepte für die Bewußtseinsentwicklung
nicht überschätzen. Viel eher wirke sich die allgemeine Rationa-
lisierungsangst aus, und das Bewußtsein werde stärker als von der
unmittelbaren Arbeits- und Statussituation von Erfahrungen, vom
Belegschaftshandeln, von Kampftraditionen geprägt. Umgekehrt
müsse man auch sehen, daß Reprofessionalisierung (in den vorher
schon genannten Grenzen) durchaus auch zur Herausbildung von re-
lativ selbst- und interessenbewußten Gruppen von Lohnabhängigen
führen könnte.
J. Miehe schnitt, an die vorhergehenden Beiträge anknüpfend, die
Frage nach der Handlungsrelevanz von Haltungen und Einstellungen
an, die in Erhebungen erfaßt werden. Hier gelte seines Erachtens,
daß jene Haltungen, die nicht in betrieblichen und gewerkschaft-
lichen Auseinandersetzungen entstanden seien, zwar auf der poli-
tischen Ebene u.U. nach rechts vereinnahmt werden könnten (im
Wahlverhalten o.ä.), aber durchaus noch keine Relevanz für be-
triebliches Verhalten in zukünftigen Auseinandersetzungen hätten
(wer im Konfliktfall, im Streik usf. unterstützt werde). Ähnlich
äußerte sich auch mit Blick auf die "konservativen Potentiale"
Karin Bergdoll (Lübeck). Man müsse in Rechnung stellen, daß Be-
wußtsein sich auch unter dem Einfluß überbetrieblicher Faktoren
und politischer Strömungen herausbilde und sich nicht allein oder
in erster Linie aus der Arbeitssituation und deren Veränderungen
ableiten lasse. A. Leisewitz wies darauf hin, daß in dieser Frage
eine der weiteren Schwächen oder Verengungen der Kern/Schumann-
Studie zu sehen sei. Während der Zusammenhang zwischen sozialem
Druck der Massenarbeitslosigkeit, Modernisierungskonzeptionen und
Betriebsbindung und -identifikation durchaus stringent darge-
stellt sei, bleibe der ganze Zusammenhang von betrieblichen Bewe-
gungen und Erfahrungen der Belegschaften, von gewerkschaftlichem
Handeln und dadurch vermittelten Einstellungen und Wahrnehmungs-
rastern ausgeblendet. Bernd Semmler (Frankfurt/M., Mitarbeiter an
Projekten des IMSF) betonte schließlich, daß in einem bestimmten
Typ von Großbetrieben mit stark wachsendem Anteil von wissen-
schaftlich-technischer Intelligenz und ausgeprägten Verschiebun-
gen der quantitativen Relationen zwischen diesen neuen Gruppen
und den Arbeiterkategorien es zu deutlichen "Milieu-Veränderun-
gen" im Betrieb selbst mit starker Ausstrahlung der Einstellungen
und Haltungen nicht-traditioneller Belegschaftsgruppen kommen
könne. Damit stelle sich die Schlüsselaufgabe für die Gewerk-
schaften, unter diesen Gruppen Einfluß zu gewinnen.
Nimmt man die mit der Kern/Schumann-Studie berührten Zukunftspro-
bleme der Arbeiterklasse ernst, bemerkte J.H. v. Heiseler im
letzten Diskussionsbeitrag, so besteht heute ein entscheidendes
Problem für die politische wie gewerkschaftliche Arbeiterbewegung
darin, die Kollisionen und Widersprüche zwischen moderner Produk-
tivkraftentwicklung und kapitalistischen Produktionsverhältnissen
im Interesse der Lohnabhängigen freizusetzen und, als wesentliche
Voraussetzung dafür, bewußt zu machen. Dies kann nicht in der
Richtung eines letztlich naiven Technikoptimismus geschehen, der
mit der kapitalistischen Form der Produktivkraftentwicklung schon
die Interessen der Lohnabhängigen gewahrt sieht. Zentrale Bedeu-
tung für die Perspektive wirklich befreiter Arbeit, der sich
Kern/Schumann verpflichtet fühlen, ohne freilich ihre Bedingungen
angeben zu können, habe die Entwicklung von Kontrollforderungen
auf der betrieblichen, aber ebenso im Sinne demokratischer Kon-
trolle auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene - als wichtiger He-
bel, um die Interessen der Arbeiterklasse und der Lohnabhängigen
insgesamt stärker zur Geltung zu bringen.
_____
1) Horst Kern/Michael Schumann, Industriearbeit und Arbeiterbe-
wußtsein, 2 Bände, Frankfurt am Main 1970.
2) Vgl. u.a. Frank Deppe, Das Bewußtsein der Arbeiter. Studien
zur politischen Soziologie des Arbeiterbewußtseins, Köln 1971, S.
105 ff.; Lothar Peter, Polarisierung oder Höherqualifikation?,
in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 4, 1981, S. 347ff.
3) Darauf machte bereits aufmerksam Michael Neumann, Das Soziolo-
gische Forschungsinstitut Göttingen (SOFI), in: Marxistische Stu-
dien. Jahrbuch des IMSF 4, 1981, S. 400 ff.
4) Horst Kern/Michael Schumann, Das Ende der Arbeitsteilung? Ra-
tionalisierung in der industriellen Produktion: Bestandsaufnahme,
Trendbestimmung, München 1984 (Seitenzahlen ohne Angaben im Text
beziehen sich auf diese Studie).
5) Vgl. IG Metall, Aktionsprogramm: Arbeit und Technik. "Der
Mensch muß bleiben!" Frankfurt/M. 1984.
6) Horst Kern/Michael Schumann, Industriearbeit und Arbeiterbe-
wußtsein, Bd. l, a.a.O., S. 34.
7) Vgl. Gerhard Brandt, Marx und die neue deutsche Industrieso-
ziologie, in: Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissenschaft, H.
2/1984, S. 195 ff.
8) Vgl. u.a. Karin Benz-Overhage, Eva Brumlop, Thomas von Frey-
berg, Zissis Papadimitriou, Neue Technologien und alternative Ar-
beitsgestaltung. Auswirkungen des Computereinsatzes in der indu-
striellen Produktion, Frankfurt am Main/New York 1982; Norbert
Altmann, Peter Binkelmann, Klaus Düll, Heiner Stück, Grenzen
neuer Arbeitsformen. Betriebliche Arbeitsstrukturierung, Ein-
schätzung durch Industriearbeiter, Beteiligung der Betriebsräte,
Frankfurt am Main/New York 1982.
9) Vgl. Knut Dohse, Ulrich Jürgens, Thomas Maisch, Vom "Fordis-
mus" zum "Toyotismus"? Die Japan-Diskussion in der Automobil-
industrie, Wissenschaftszentrum Westberlin, 1984.
10) Vgl. Burkart Lutz, in: Kolloquienreihe "Industriesoziologi-
scher Technikbegriff", 2. Koll. "Industriesoziologische Technik-
forschung - empirische Befunde und theoretische Konzepte" am
25./26. November 1983 im Institut für Sozialforschung, Frankfurt
am Main, S. 48 ff.
11) Vgl. Dieter Czech, Ursula Haufe, Ursula Schumm-Garling, Ger-
hard Weiss, Matthias Zach, "Analyse der Veränderung von Sachbear-
beitertätigkeiten als Folge technisch-organisatorischer Umstel-
lungen in öffentlichen und privatwirtschaftlichen Dienstlei-
stungsunternehmen am Beispiel von privaten, öffentlich-rechtli-
chen und genossenschaftlichen Banken und die Entwicklung von Vor-
schlägen für Humanisierungsstrategien" im Verwaltungsbereich, Ab-
schlußbericht, Universität Dortmund, 1984.
12) Vgl. Bericht der Kommission "Zukunftsperspektiven gesell-
schaftlicher Entwicklungen", erstellt im Auftrag der Landesregie-
rung von Baden-Württemberg, Stuttgart 1983; zur Tagung des Aspen-
Instituts: Heinz Schäfer, Unternehmer arbeiten an neuer Strate-
gie, in: Nachrichten zur Wirtschafts- und Sozialpolitik, H.
1/1985, S. 21 f.; Gerhard Schmidtchen, Neue Technik, neue Ar-
beitsmoral, Köln 1984.
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