Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 08/1985
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THÄLMANN-BIBLIOTHEK UND THÄLMANN-ARCHIV IN HAMBURG
Reinhard Müller
Das Kuratorium Gedenkstätte Ernst Thälmann wurde 1969 in Hamburg
von ehemaligen Kampfgefährten Ernst Thälmanns und antifaschisti-
schen Widerstandskämpfern gegründet. Durch das Kuratorium wurde
im gleichen Jahr im ehemaligen Wohnhaus des 1944 ermordeten KPD-
Vorsitzenden eine Gedenkausstellung eingerichtet. Diese räumlich
sehr begrenzte Ausstellung besuchten in den folgenden Jahren
viele Hamburger, aber auch ausländische Gäste und Delegationen.
1973 wurde das Kuratorium auf Bundesebene erweitert; dem nun ein-
getragenen Verein wurde die Gemeinnützigkeit zuerkannt. Durch
Gruppenführungen, Seminare und Diskussionsveranstaltungen vermit-
telten zumeist Mitkämpfer Ernst Thälmanns die revolutionären Tra-
ditionen der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung auf
anschauliche und intensive Weise.
Nach einem Umbau wurde die neugestaltete und wesentlich erwei-
terte Ausstellung 1976 neu eröffnet und wird inzwischen von jähr-
lich ca. 15 000 Besuchern aus über 50 Ländern besichtigt. Mit ih-
ren 600 Exponaten schildert die Ausstellung die Entwicklung Thäl-
manns vom klassenbewußten Hamburger Sozialdemokraten und aktiven
Gewerkschaftsfunktionär zum Vorsitzenden der KPD. Großes Inter-
esse, nicht nur bei den Teilnehmern "alternativer Stadtrundfahr-
ten", erweckt der Abschnitt über die Haft Ernst Thälmanns und
über den antifaschistischen Widerstandskampf 1933-1945, in dem
illegale Zeitungen, Druckapparate, Tarnschriften, letzte Briefe
und Dokumente aus faschistischen Konzentrationslagern ausgestellt
sind.
Seit 1977 konnten aber auch mit zahlreichen Sonderausstellungen
zur Geschichte der Arbeiterbewegung und des antifaschistischen
Widerstandes, zur Exilliteratur und zu den Traditionen der Arbei-
terkultur neue Besucher gewonnen werden. Dabei konnte auf einen
Fundus von privaten Nachlässen und Schenkungen zurückgegriffen
werden, der ebenso für zahlreiche Ausstellungen anderer Museen
und Institutionen (z.B. Ausstellung "Vorwärts und nicht verges-
sen" - Arbeiterkultur in Hamburg um 1930) zur Verfügung gestellt
wurde.
Allein das bundesweite Presseecho zu dieser Hamburger Ausstel-
lung, die nach Intervention nicht bei den Ruhrfestspielen in
Recklinghausen ausgestellt werden durfte, macht die kulturpoliti-
sche Dimension einer benutzerfreundlichen Bibliothek und eines
zugänglichen Archivs deutlich. Um Dokumente und Materialien zur
Geschichte der Arbeiterbewegung systematischer zu erfassen und um
Nachlässe und Schenkungen von Kommunisten und Gewerkschaftern aus
der BRD einer breiteren demokratischen Öffentlichkeit zu er-
schließen, wurden durch das Kuratorium, neben dem Thälmann-Haus,
im Jahre 1982 die Thälmann-Bibliothek und das Thälmann-Archiv er-
öffnet.
Unter ihren weit über 10 000 Bänden, nahezu 100 laufenden Zeitun-
gen und Zeitschriften und vielen Neuerscheinungen finden nicht
nur jene Interessenten reichhaltige Auswahl, die mit Karl Marx
ihrer Lieblingsbeschäftigung des "bookworming" nachgehen. Fortge-
setzt wird damit auch eine Tradition der Bibliotheken der Arbei-
terbildungsvereine (z.B. Hamburger Arbeiterbildungsverein seit
1845) und der Archivpraxis der sozialdemokratischen und kommuni-
stischen Arbeiterbewegung. So hatte August Bebel bereits 1878 die
Errichtung einer "Parteibibliothek" vorgeschlagen, mit deren Auf-
bau durch Hermann Schlüter 1882 begonnen wurde. In einem Artikel
des "Sozialdemokrat" schrieb Hermann Schlüter dazu: "Aber nicht
nur für die Literatur der deutschen sozialdemokratischen Partei
wäre ein solches Archiv wichtig, auch die Geschichte des Jahres
1848, der Pariser Kommune, der heutigen russischen revolutionären
Bewegung bietet noch manche dunkle Seiten, welche durch ein Zu-
sammentragen des Materials und späteres kritisches Sichten des-
selben beleuchtet und in ein helleres Licht gesetzt werden könn-
ten. Es ist nur zu erklärlich, daß die städtischen und höfischen
Bibliotheken in bezug auf revolutionäre Bewegungen möglichst we-
nig und möglichst Schlechtes bieten, und es erscheint mir daher
als im Interesse unserer Partei liegend, wenn wir die Sammlung
des Materials unserer Geschichte in die eigene Hand nehmen." 1)
Allzuviel an marxistischer Literatur bieten die öffentlichen Bi-
bliotheken auch heute noch nicht, und schon allein deswegen
zeichnet sich bereits jetzt in der Thälmann-Bibliothek ein brei-
ter Benutzerkreis mit den unterschiedlichsten Informations- und
Lektürebedürfnissen ab. Er reicht von Schülergruppen, die für
Schülerwettbewerbe die Flugblatt- und Zeitungssammlung durch-
forschten, bis zu Studenten, Doktoranden und Professoren, die die
umfangreichen Bestände zur Geschichte der Hamburger und der deut-
schen Arbeiterbewegung nutzen. Betriebsgruppen Hamburger Werften
und aus dem Hafen stellen Ausstellungen und Dokumentationen über
die Kämpfe der Werft- und Hafenarbeiter zusammen. Friedensinitia-
tiven, NDR-Redakteure und Filmemacher werten seltene Fotos und
Dokumente zur Geschichte der Friedensbewegung aus. Gewerkschafter
und Betriebsräte informieren sich durch Neuerscheinungen und
Zeitschriftenaufsätze über Ursachen und Folgen kapitalistischer
Rationalisierung. Historikerinnen und Frauengruppen erforschen
die Geschichte der proletarischen Frauenbewegung. Stadtteili-
nitiativen und Geschichtswerkstätten gehen auch in der Thälmann-
Bibliothek auf Spurensuche. Für Ausstellungen in Hamburg, Lübeck,
Oberhausen, Sofia und Westberlin wurden mit Erstausgaben, Bro-
schüren, Flugblättern und Tarnschriften eindrucksvolle Leihgaben
zur Verfügung gestellt. Seit einem Jahr trifft sich regelmäßig
eine "Geschichtswerkstatt" in der Thälmann-Bibliothek, um zur Ge-
schichte der Hamburger Arbeiterjugendbewegung 1904-1945 eine Aus-
stellung und Dokumentation vorzubereiten.
Schwerpunkt und Hauptsammeigebiet der Thälmann-Bibliothek ist die
Geschichte der internationalen, deutschen und Hamburger Arbeiter-
bewegung. Die Bestände reichen bis zum Vormärz, Frühsozialismus
und zur achtundvierziger Revolution zurück. Dabei finden sich
auch einige wertvolle Erstausgaben von Marx und Engels neben ei-
ner umfangreichen Sammlung von Büchern, Broschüren und Reihenwer-
ken aus sozialdemokratischen Verlagen bis 1933. Darunter sind
z.B. die Parteitagsprotokolle (1870-1931), die "Internationale
Bibliothek", die während des Sozialistengesetzes erschienene
"Sozialdemokratische Bibliothek" und viele Broschüren und Schrif-
ten aus Verlagen wie Dietz, Vorwärts, Bracke, Wörlein, Auer etc.
Seltene Arbeiterkalender wie die vier Bände des "Armen Conrad"
oder des "Neuen Welt-Kalenders" gehören ebenso zum Bestand wie
eine Sammlung von Arbeiterliederbüchern und sozialistischer Lite-
ratur. Zahlreiche Erst- und Originalausgaben von Wilhelm Lieb-
knecht, Bebel, Lassalle, Bernstein, Dietzgen, Kautsky, Mehring,
Luxemburg, Karl Liebknecht, Zetkin konnten ebenfalls über die
Zeit des Faschismus gerettet werden und gehören ebenso zum Be-
stand der Thälmann-Bibliothek wie das gewerkschaftliche
"Correspondenzblatt", Gewerkschaftsprotokolle und viele Einzel-
schriften zur Geschichte der Gewerkschaftsbewegung. Für Dokumen-
tationen und Ausstellungen nutzbar sind Flugblatt-, Foto- und
Plakatsammlungen (ab 1900) zu Parteien (SPD/KPD/USPD) und Ereig-
nissen (z.B. Novemberrevolution, Kapp-Putsch, 1933 etc.).
Einen besonderen Schwerpunkt bilden Dokumente und Materialien zur
Biographie Ernst Thälmanns und zur Geschichte der KPD. Partei-
tagsprotokolle, Handbücher der KPD-Reichstagsfraktion, Reihen-
werke (Marxistische Bibliothek, Elementarbücher des Kommunismus),
Zeitschriften (z. B. "Die Internationale", "Der Agitator", "Der
Propagandist"), die "Arbeiter-Illustrierte-Zeitung" (1925-1933)
und eine reichhaltige Broschürensammlung verdeutlichen die
Schwerpunkte kommunistischer Politik. Bemerkenswerte Bestände
finden sich auch zur Geschichte der Kommunistischen Internatio-
nale und zur Roten Gewerkschaftsinternationale. Bücher aus dem
Malik-Verlag, dem Neuen Deutschen Verlag, dem Carl Hoym-Verlag,
dem Internationalen Arbeiter Verlag, der VIVA etc. spiegeln Weite
und Formenvielfalt fortschrittlicher und sozialistischer Autoren
ebenso wider wie die Buchumschläge John Heartfields. Größere
Sammlungen finden sich auch zur Geschichte der Weimarer Republik,
der USPD, zur Geschichte der Klassenjustiz und zur Politik und
Ideologie des deutschen Faschismus.
Der antifaschistische Widerstand der Arbeiterparteien, vor allem
der organisierte Widerstand der Hamburger Kommunisten, läßt sich
durch illegal hergestellte Flugblätter, Tarnschriften, Zeitungen
(z.B. "Der Gegenangriff), durch Anklageschriften und Urteile der
faschistischen Terrorjustiz dokumentieren. Die umfangreichen Be-
stände zur Geschichte der KPD nach 1945 umfassen Protokolle,
Rundschreiben, Flugblätter, Plakate, Zeitschriften, (z. B.
"Wissen und Tat", "Unser Weg"), Zeitungen ("Freies Volk",
"Hamburger Volkszeitung"). Aber auch zur Geschichte der SPD und
Gewerkschaften in der Bundesrepublik finden sich in der Thälmann-
Bibliothek viele Dokumente und Materialien.
Im Aufbau befindet sich eine Handbibliothek für den Gewerkschaf-
ter, die ideologisches Rüstzeug für innerbetriebliche und gesell-
schaftliche Kämpfe bereitstellt. Zur Geschichte und Gegenwart der
DDR, UdSSR und der Befreiungsbewegungen lassen sich vielseitige
Bestände an Quellen- und Sekundärliteratur einsehen. Schon durch
den Standort bedingt, enthält die Thälmann-Bibliothek zahlreiche
Bestände zur Geschichte und zu den Kämpfen der Hamburger Arbei-
terklasse, die für Regionalforschung, Geschichtswerkstätten und
Ausstellungen herangezogen werden. Inzwischen steht auch eine
kleine Videothek mit Filmen zur Geschichte der Arbeiterbewegung
und des antifaschistischen Widerstandes zu Verfügung. In der
Handbibliothek können Grundfragen des Marxismus ebenso beantwor-
tet werden wie diffizilere Probleme der Marxforschung durch Be-
nutzung der MEGA und spezieller Zeitschriften der Marx-Engels-
Forschung. Mehrere Bibliographien und die individuelle Beratung
der Bibliotheksbesucher erleichtern das schnelle Auffinden von
Literatur.
Das Kuratorium "Gedenkstätte Ernst Thälmann" e.V. erhält bisher
keinerlei Zuschüsse aus öffentlichen Mitteln und ist daher allein
auf Spenden (auch Buchspenden) seiner Besucher, Benutzer und
Freunde angewiesen. Neben zwei festen Mitarbeitern sind es immer
wieder ehrenamtliche Mitarbeiter, die bei der Beschaffung und
Aufarbeitung helfen. Neben der Betreuung von wissenschaftlichen
Publikationen und Ausstellungen wurden von der Thälmann-Biblio-
thek inzwischen mehrere Reprintausgaben und Dokumentationen zur
Geschichte der Arbeiter- und Arbeiterjugendbewegung erstellt. Zum
100. Geburtstag Ernst Thälmanns im Jahr 1986 sind eine Flugblatt-
Dokumentation zur Geschichte der KPD Hamburg 1918-1933 und eine
illustrierte Biographie Ernst Thälmanns in Vorbereitung. Im glei-
chen Haus wie die Thälmann-Bibliothek wurde 1984 auch eine Ernst-
Thälmann-Buchhandlung mit speziellem Antiquariat (Geschichte der
Arbeiterbewegung/Sozialismus) eröffnet. Als Gedenk- und Bildungs-
stätte versucht das Kuratorium mit der ständigen Ausstellung, mit
der Thälmann-Bibliothek und dem Archiv die Geschichte der Arbei-
terbewegung lebendig zu vermitteln, auch im Sinne Rosa Luxem-
burgs: "Die Geschichte ist die beste Lehrmeisterin der Politik."
Anschrift: Kuratorium "Gedenkstätte Ernst Thälmann" e.V., Tarpen-
bekstraße 64-66, 2000 Hamburg 20.
Öffnungszeiten für die Ausstellung: Di. bis Fr.: 10-19 Uhr; Sa.
und So.: 10-13 Uhr. Öffnungszeiten der Bibliothek: Di. bis Fr.:
10 bis 19 Uhr.
_____
1) Der Sozialdemokrat. - Zürich, Nr. 18, 22.4.1882.
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