Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 08/1985


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HERRSCHAFT - DISKURS - WIDERSPRUCH

Zu den philosophischen Grundlagen theoretischer Positionen ---------------------------------------------------------- Ernesto Laclaus --------------- Rolf Petri Vorbemerkung - Die Spezifik des Politischen oder Was die Welt zu- sammenhält - Diskurs als Konstitution des Sozialen - Herrschaft als Verschiebung des Widerspruchs auf den realen Gegensatz - Zur Laclauschen Konzeption des Antagonismus 'Volk - Machtblock' - Praktisch-politische Konsequenzen Vorbemerkung ------------ Die bisher außerhalb der lateinamerikanischen Diskussion nur we- nig bekannten Arbeiten Ernesto Laclaus befassen sich mit dem Pro- blem einer theoretischen Begründung des Populismus. Eine solche Begründung soll zwei Forderungen erfüllen: Sie darf nicht so eng gefaßt sein, daß sie auf den Kontext integrationistischer Volks- bewegungen wie des Peronismus in Argentinien beschränkt bleibt, sie darf aber auch nicht so weit gefaßt sein, daß sie jede Bezug- nahme auf eine historisch so belastete Kategorie wie "das Volk" abdeckt. Sie bezieht sich vielmehr sowohl auf das Volk als auch auf die Klassen. Laclau nennt diesen doppelten Bezug die "doppelte Artikulation des politischen Diskurses einer Theorie des Populismus"; denn der Klassenantagonismus auf der Ebene der Produktionsweise einer ökonomischen Gesellschaftsformation und der Widerspruch "Volk-Machtblock" auf der politisch-ideologischen Ebene sind nicht identisch. Thema der folgenden Bemerkungen zu Laclau ist die Frage, ob Laclaus Definitionen des "spezifisch Po- litischen" und des "populär-demokratischen Diskurses" zu einer Weiterentwicklung der marxistischen Theorie beitragen können oder aber ihre zentralen Positionen verfehlen. Das Problem soll anhand von Zitatbetrachtungen *) erörtert werden. Die Reihenfolge löst sich dabei von der formalen Struktur des Laclauschen Werkes und wird ganz der eigenen Zweckbestimmung Untertan gemacht. Die Spezifik des Politischen oder Was die Welt zusammenhält ----------------------------------------------------------- Dem Marxismus zufolge handelt es sich beim Kapitalismus, Feuda- lismus etc. um eine ö k o n o m i s c h e G e s e l l- s c h a f t s f o r m a t i o n. Sie bezeichnet nicht nur eine "Produktionsweise" als technisch-organisatorisch und stofflich bestimmten Vorgang. Im Unterschied zu "Produktionsweise" umfaßt der Begriff "ökonomische Gesellschaftsformation" die Totalität der gesellschaftlichen Beziehungen auf der Grundlage ihrer Gesellschaftlichkeit überhaupt: der Ökonomie, d.h. der gesell- schaftlich organisierten umfassenden Reproduktion des Menschen. Also auf der Grundlage einer oder einer vorherrschenden Produk- tionsweise. Das Problem wird deutlicher bei Laclaus "ökonomischem System", besser: seiner Deutung dieses Systems. Auf den ersten Blick scheint es den Begriff der Produktionsweisen in Richtung auf ökonomische Gesellschaftsformation zu erweitern. Aber nur scheinbar, denn es handelt sich allemal um die Verknüpfung bzw. Vereinheitlichung verschiedener technischer, oder schlechter gesagt, "rein ökonomischer" Vorgänge. Die ökonomische Gesellschaftsformation kennt aber keine Aufspal- tung in "rein ökonomische" Angelegenheiten und die "eigentliche" Gesellschaft. "Mein Essay hatte ein doppeltes Ziel: 1. Er ver- suchte, d e n B e g r i f f der Produktionsweise von allen hi- storischen Konnotationen zu trennen, das heißt von jeglicher Ver- bindung mit einem notwendigen Stadium der Entwicklung. Es gibt also keine historische Veränderung, die ausschließlich mit der Entfaltung der inneren Logik einer bestimmten Produktionsweise erklärt werden kann. 2. Er versuchte, konkrete Wirtschaften als Systeme von Beziehungen aufzufassen, die durch die Artikulation verschiedener Produktionsweisen konstituiert wurden. Daher trieb ich die Unterscheidung zwischen Produktionsweise und Ökonomischem System' voran, die ich weiterhin für richtig und notwendig halte" (S. 39). Die Vorherrschaft einer oder auch die Verknüpfung mehre- rer Produktionsweisen führt also zu nichts anderem als zum "ökonomischen System", zu sogenannten "konkreten Wirtschaften". Die Ökonomie also ist e i n gesellschaftlicher Vorgang unter vielen, auf die stoffliche Reproduktion des Menschen reduziert. Das hat direkte Konsequenzen auf Laclaus Bild der "Spezifik des Politischen", des Charakters der Staatsmacht und des Wesens von Gesellschaftlichkeit überhaupt. Die Reduktion der Produktion auf die stoffliche Reproduktion und allenfalls deren unmittelbarste technische Organisation führt La- clau zu folgender Kritik der "Ökonomisten": "Die ökonomistische Perspektive reduzierte, wie wir gesehen ha- ben, die Politik auf einen bloßen Überbau. Aber - und das ist entscheidend - dies bedeutete, sie auf eine bloße Erscheinung zu reduzieren, durch deren entfremdete Repräsentation die List der Vernunft ihre Aufgabe erfüllt. Denn die Politik p r ä s e n- t i e r t sich als ein Kampf zwischen antagonistischen Kräften, dessen Ausgang vom Kampf selbst abhängt und nicht im vorhinein determiniert ist. Wenn die Politik Überbau ist, dann ist ihr manifestes Sein bloße Erscheinung" (AS 78/S. 19). Wird aber Überbau als bloße Erscheinung gefaßt und nicht als in- nere Unterscheidung der wirklichen Gesellschaftlichkeit oder öko- nomischen Basis, also der materiellen Wirklichkeit des Menschen, bleibt nur ein idealistischer Ausweg für die Definition des Poli- tischen: "Welches ist denn die Bedingung, daß das Politische kein bloß er- scheinungsmäßiges Sein hat? Es ist klar, daß die Relation zwi- schen den verschiedenen Elementen einer Situation keine derartige Konfiguration bildet, daß nur ein einzelnes Resultat möglich ist. Aber die Existenz einer gewissen Konfiguration und zugleich eine nicht notwendige Relation zwischen ihren Elementen behaupten heißt annehmen, daß ihre Einheit sich nur im Feld des Diskurses gibt. Dem Politischen ein Sein zuschreiben, das nicht rein fiktiv ist, impliziert den Primat des Diskursiven" (AS 78/S. 19). Die Einheitlichkeit des gesellschaftlichen Seins wird ausschließ- lich diskursiv hergestellt; da der menschliche Diskurs nicht aus der inneren Notwendigkeit der verschieden "konfigurierten" Ele- mente des gesellschaftlichen Seins entspringt, wird sie auch nicht notwendig so, sondern beliebig hergestellt. "Wir könnten sagen, daß die Relation zwischen Verwandtschaftssy- stem und Produktionstechnik einer primitiven Gemeinschaft diskur- siv ist, insofern keine notwendige Beziehung zwischen beiden exi- stiert (in einer ändern Gemeinschaft mit gleicher Produktions- technik kann dieser ein anderes Verwandtschaftssystem entspre- chen), wir würden indes nicht sagen, daß die Einheit beider eine politische ist, da sie ja nicht das Resultat des Kampfes antago- nistischer Kräfte ist: Sie ist universell akzeptiert, und folg- lich tendiert die Form ihrer Diskursivität zu verschwinden. Es passiert das, was wir zuvor N a t u r a l i s i e r u n g v o n S o z i a l e m genannt haben. Genau unter solchen Umständen neigt die Sprache dazu, sich als reine Transparenz zu zeigen, insofern die diskursiven Prozesse der Konstruktion der Beziehun- gen zwischen Objekten dazu neigen, sich als notwendige Relationen zwischen Sachen zu präsentieren" (AS 78/S. 19). Die "Gewöhnung" des Menschen an seinen eigenen Diskurs ist es hier also, die ihm die Beziehung zwischen den gesellschaftlichen Elementen als notwendig erscheinen läßt. Der Mensch ist gefangen in der eigenen Illusion seiner Ohnmacht gegenüber den Verhältnis- sen. Der Primat des Diskursiven gilt natürlich auch und gerade im Be- reich der Staatsdiskussion; hier polemisiert Laclau gegen eine Verwischung der Begriffe Klassen-Macht und Staats-Macht. Der Kon- sens zwischen Kritiker und Kritisierten aber besteht darin, daß, was immer die Spezifik der Staatsmacht sei, ihre wesentliche Ei- genschaft die Fähigkeit sein müsse, die "verschiedenen Ebenen" einer Gesellschaftsformation "zusammenzuhalten". "Poulantzas hatte mit der Behauptung begonnen, daß 'der Staat in- nerhalb einer Struktur mit verschiedenen Ebenen ungleichzeitigen Entwicklungsstands d i e b e s o n d e r e F u n k t i o n h a t, K o h ä s i o n s f a k t o r d e r v e r s c h i e- d e n e n E b e n e n e i n e r G e s e l l s c h a f t s- f o r m a t i o n z u s e i n'. Doch später führt er zur Rechtfertigung seiner Konzeption der ideologischen Staatsapparate folgende zentrale Begründung an: 'Wenn der Staat als die Instanz definiert wird, die den Zusammenhalt einer Gesellschaftsformation aufrechterhält und die Produktionsbedingungen eines Gesell- schaftssystems durch Aufrechterhaltung der Klassenherrschaft reproduziert, so ist es offenkundig, daß die fraglichen Insti- tutionen - die ideologischen Staatsapparate - genau dieselbe Funktion erfüllen.' Es handelt sich hier um eine spitzfindige Verschiebung von der Definition des Staates als der Instanz, die den Zusammenhalt zwischen den Ebenen einer Gesellschaftsformation herstellt, zur Behauptung, alles, was zum Zusammenhalt einer Gesellschaftsformation beiträgt, gehöre per Definition zum Staat. ... In diesem Fall jedoch können wir nicht vom Staat als einer Instanz sprechen - wie Poulantzas in seiner ersten Formulierung. Der Staat muß einfach eine Qualität sein, die alle Ebenen einer Gesellschaftsformation durchdringt. Folgen wir diesem Argumenta- tionsstrang, so sind wir Zeuge der Auflösung des Begriffs vom Staat als einer objektiven Struktur. Ich glaube jedoch im Gegensatz dazu, daß Milibands Unterscheidung zwischen Klassen- Macht und Staats-Macht völlig angemessen ist und die wirkliche Problemstellung wiederherstellt. Der Nachteil ist natürlich, daß das Problem zwar richtig gestellt, aber nicht gelöst ist. Was ist denn die Klassen-Macht außerhalb der Staats-Macht? Was ist die Spezifik der letzteren? Diese Fragen bleiben offen" (S. 61 f.). Eine herrschende Klasse organisiert sich als Staat; was also ist zumindest herrschende Klassenmacht anderes als Staatsmacht! Daß der bürgerliche Staat die Widersprüche reflektiert, die die herr- schende Klasse selbst ständig reproduziert, ist Ausdruck ihrer Herrschaft. Die herrschende Klasse, die sich als Staat organi- siert hat (und nur dadurch ist sie herrschende Klasse), ist wohl zu unterscheiden von der Institution ihres Staatsapparates als Instanz. Der Staatsapparat ist ein wichtiges Instrument ihrer Klassenherrschaft, als solcher nur Teil des Staates, eine seiner sich auch stofflich darstellenden Formen. Nun zur Klassen-Macht einer Klasse, die nicht herrscht. Die Exi- stenz einer nicht herrschenden Klassenmacht (das ist eine Quali- tät, gleich wieviel oder wenig Macht) bedingt die Macht der herr- schenden Klasse, d. h. einer Klasse, die sich als Staat organi- siert hat, und umgekehrt. Entweder eine Klasse konstituiert sich im historischen Prozeß als herrschende Klasse, oder sie konstitu- iert als nicht-herrschende Klasse die Herrschaft der herrschen- den. Umgekehrt: Die Macht der nicht-herrschenden Klasse (die ge- ringste und schlechteste Qualität ihrer Macht ist ihre physische Existenz) ist Vorbedingung und Bestandteil der Staatsmacht, da Vorbedingung dafür, daß sich die herrschende Klasse als solche konstituieren kann. Die Bourgeoisie ist nur dadurch Bourgeoisie und kann sich nur dadurch als herrschende Klasse, als Staat, or- ganisieren, daß es mindestens auch ein Proletariat gibt. Die ge- ringste Form von Macht des Proletariats ist aber seine bloße Exi- stenz, die dem Bourgeois gegenübertritt als Notwendigkeit der Re- produktion der menschlichen Arbeitskraft als Quelle allen Mehr- werts. Die Notwendigkeit, Arbeitskraft zu kaufen, um Profit zu erzielen, setzt aber der Vergrößerung des Profits Schranken. Die Macht, die der Bourgeoisie in ihrem Herrschaftsstreben schon ganz elementar gegenübertritt, ist also gleichzeitig eine ihre eigene Herrschaft konstituierende Macht. Ihre Selbstunterscheidung vom Proletariat, ihr Widerspruch zu dieser Klasse ist folglich ihre Daseinsbedingung, d. h. in ihrer Existenz ist der Widerspruch zu sich selbst oder die Selbstunterscheidung unabwendbar einbegrif- fen. Die herrschende Klasse herrscht also nur dadurch, daß sie gleich- zeitig ihr Verhältnis zur nicht herrschenden Klasse in sich dar- stellt. Es gibt keine Klasse ohne Klassenverhältnisse, keine herrschende ohne unterdrückte, keine Macht ohne Gegenmacht. Des- halb tritt der Bourgeoisie, die nicht nur Pol eines Klassenver- hältnisses ist, sondern selbst Ausdruck dieses Verhältnisses, die geringste Macht des Proletariats, seine bloße Existenz, schon als "Macht der Verhältnisse" oder "Notwendigkeit" (ihrer eigenen Exi- stenz) entgegen. Aus der Tatsache, daß die Klasse, die sich als herrschende organisiert hat, die Klassen-Macht der nicht-herr- schenden benötigt, um sich als herrschend zu konstituieren, folgt nicht der Schluß: je mehr Macht die beherrschte, um so mehr auch die herrschende, sondern umgekehrt: die Macht der entgegengesetz- ten Klasse ist ihr perspektivisches Herrschaftsende. Das Verhält- nis, auf das sich ihre Herrschaft gründet, ist folglich das glei- che, auf das sich auch ihr Untergang gründet. Was ist nun die Spezifik der Staatsmacht, oder, weiter gefaßt, des Politischen, oder: Was hält denn nun die Klassen trotz ihres Widerspruchs in einer Formation zusammen? Mindestens zwei Klas- sen-Mächte treten sich gegenüber, um eine Staats-Macht zu bedin- gen oder hervorzubringen, d.h. die Macht der einen Klasse über die andere als Staat zu organisieren. Das, was den organischen Charakter des Staates ausmacht, das, "was den Zusammenhalt einer Gesellschaftsformation aufrechtzuerhalten hilft" (S. 62), ist also das Sichgegenübertreten mindestens zweier Klassen-Mächte, die ja nur deshalb Klassen-Mächte sind, da sie zueinander im (widersprüchlichen) Verhältnis stehen. Der Vorwurf Laclaus, die Marxisten würden alles auf Klassengegensätze reduzieren, anstatt die Spezifik dessen, was eine Gesellschaftsformation trotz dieser Gegensätze 'zusammenhält', zu bestimmen, greift nicht, denn der unerbittliche Kampf der Klassen um die Verteilung des Mehrpro- dukts, die Herrschaft oder wie immer man es ausdrücke, konstitu- iert erst den organischen Charakter der Gesellschaftsformation, ist also das, was eine Gesellschaftsformation zusammenhält - ge- nauso wie es sie zerbricht. Nur wer die Bewegung der Klassen, die Veränderung ihres Verhält- nisses zueinander, also ihre Gegensätze untersucht, wird somit ihren organischen Zusammenhalt erhellen. Das, was die antagoni- stischen Klassen zusammenhält, ist nichts als ihr Antagonismus. Die Gesellschaftsformation wird also nicht trotz, sondern wegen ihrer inneren "Gegensätze" zusammengehalten. Reduktion ist vielmehr die Suche nach der Spezifik des Klassenge- gensatzes auf der einen und des Klassenzusammenhaltes auf der an- deren Seite, denn beider "Spezifik" ist, nichts anderes als Be- dingung des jeweils anderen zu sein. Es handelt sich um die Re- duktion der lebendigen dialektischen Wirklichkeit auf eine logi- sche Gleichung, besser Ungleichung, nach dem Schema A ungleich B. Jene geheimnisvolle Gallertmasse, die nach dieser Reduktion "das Ganze" zusammenhält, das "spezifisch Politische" also, nennt La- clau Primat des Diskursiven. Diskurs als Konstitution des Sozialen ------------------------------------- Der Fehler besteht keineswegs darin, nach der Spezifik des Poli- tischen zu fragen, sondern darin, seine grundlegenden Bedingungen als nicht grundlegend anzusehen. Zum Begriff des "Diskursiven" bemerkt Laclau: "Unter dem 'Diskursiven' verstehe ich ... das Ensemble der Phäno- mene gesellschaftlicher Sinnproduktion, das eine Gesellschaft als solche begründet. Hier geht es nicht darum, das Diskursive als eine Ebene oder eine Dimension des Sozialen aufzufassen, sondern als gleichbedeutend mit dem Sozialen als solchem, Das bedeutet zunächst, daß das Diskursive nicht ein Überbau ist, weil es selbst die Bedingung jeglicher gesellschaftlicher Praxis ist, oder - präziser - weil jede soziale Praxis Produktion von Sinn ist. - Folglich steht nicht das Nicht-Diskursive dem Diskursiven gegenüber, als handelte es sich um zwei verschiedene Ebenen, denn es gibt nichts Gesellschaftliches, das außerhalb des Diskursiven bestimmt ist... Die Identität von Gesellschaft und Diskurs fest- zustellen bedeutet nicht, eine Überbaukonzeption gegen eine Ba- siskonzeption vorzuschlagen, denn es geht ja gerade darum zu be- streiten, daß das Diskursive und das Ideologische Überbauten sind. In dieser Perspektive muß die ökonomische Praxis selbst als Diskurs aufgefaßt werden ... Wenn schließlich alle gesellschaft- liche Praxis sinnproduzierend ist und jede Sinnproduktion die Produktion eines Systems von Differenzen ist, muß der Sinn jeder diskursiven Intervention als Differenz in bezug auf die Bedingun- gen seiner Produktion und Rezeption verstanden werden" (S. 176 f.). Es geht ihm darum, festzuhalten, daß gesellschaftliches Sein nicht Produkt der immanenten Notwendigkeit des Seienden ist: "Wenn der Diskurs das Feld der differentiellen Artikulation ist, dessen, was nicht als notwendige Form von einem Kontext verlangt ist, kann die Charakterisierung einer Praxis als nicht-diskursiv nur bedeuten, daß sie einer notwendigen Kausalität gehorcht, die den Sinnbeziehungen äußerlich ist... D e r D i s k u r s i s t d a h e r w e d e r e i n Ü b e r b a u, n o c h e i n s p e z i f i s c h e s s o z i a l e s F e l d, s o n d e r n d i e F o r m d e r K o n s t i t u t i o n d e s S o z i a- l e n" (AS 78/S. 14f.). Laclau grenzt sich scharf vom Verdacht ab, mit dem Primat des Diskursiven das Primat des Geistes vor der Materie behaupten zu wollen: "Das Subjekt des Diskurses ist nämlich kein transzendentales Sub- jekt, sondern (wird) als Differenz im Inneren des jeweiligen Dis- kurses konstituiert. In diesem Sinne ist die Bestimmung des Ge- sellschaftlichen als Diskurs unvereinbar mit jeglicher idealisti- scher Anschauung und stellt sich dar als eine Theorie der Produk- tion von Subjekten innerhalb der gesellschaftlichen Sinnproduk- tion" (S. 176). An anderer Stelle heißt es: "Das Problem ist gewiß nicht nur ei- nes der Terminologie, wenn die enge Konzeption des Diskurses be- gleitet ist von einer Vision des Sozialen als von etwas, das mit einer Materialität jenseits der Sinnbeziehungen versehen ist, die zugleich das Prinzip der Konstitution der Objekte als auch ihrer Beziehungen darstellt... Es ist notwendig, mit dem idealistischen Diskursbegriff zu brechen, der in diesem einen Ausdruck des Den- kens sieht, und den materiellen Charakter des Diskursiven festzu- stellen. In diesem Sinne gehören gerade die materiellen Eigen- schaften der Objekte zum Diskurs" (AS 78/S. 16). Ein Idealismus wird aber nicht dann weniger idealistisch, wenn ich behaupte, daß sich das Subjekt des Diskurses (des Ensembles der gesellschaftlichen Sinnproduktion!) aus sich selbst heraus reproduziert, und zwar jeweils im Unterschied zum transzendenta- len Subjekt. Am "Anfang" oder "Ende" jedenfalls bleibt der "Sinn" (auch das Ideologische ist nicht Überbau, S. 176), die Idee, auch wenn "die Gesellschaftlichkeit" Träger, Feld und Subjekt dieses Sinns bleibt, möglicherweise mit dem Sinn ineins fällt. Gerade die Gesellschaftlichkeit ist schon eine Produktion des Un- terschiedes oder Negation, aber immer nur in bezug auf die Mate- rie, d. h. damit auf die sich selbst unterscheidende Materie. Der Mensch als ihr Teil produziert seinen Unterschied zu ihr, indem er produziert und sich selbst als bewußte Materie setzt, aber doch Materie bleibt, d. h. sein Bewußtsein von ihr produzierend in materielle Realität umsetzt. Aber es ist wieder die logische Auflösung der Einheit von Basis und Überbau, die Laclau als Schranke entgegentritt. Menschliches Bewußtsein ist selbst Teil der unbewußten Materie, insofern es sich davon unterscheidet. D.h., die selbstproduzierte Unterscheidung von der Materie ist relativ, im Inneren bleibend. Indem der Mensch seinen eigenen Un- terschied selbst produziert, hat er sich als Mensch geschaffen und also Gesellschaftlichkeit. Diese ist also keine selbstge- setzte Größe, kein sich selbst begründender Diskurs, sondern eine Selbstunterscheidung der Materie in ihrem Inneren, d.h. von sich selbst. Laclau aber versucht nur die idealistische Selbstsetzung des Diskursiven mit der Anrufung einer jenseitigen Materialität einerseits bzw. der Beschwörung des materiellen Charakters der Objekte des Diskurses andererseits zu kaschieren. Die Konstitution des Subjekts als Differenz im Inneren des jewei- ligen Diskurses ist für Laclau die theoretische Voraussetzung für seinen Begriff des Antagonismus: "Wenn jede Sinnproduktion die Produktion von Differenzen ist, was zeichnet dann die Produktion von antagonistischen Differenzen aus? Anders gefragt: Was für ein besonderes System von Positionen müssen die Inhalte eines Diskurses bilden, damit die Sinndiffe- renz entsteht, die wir mit dem Begriff Antagonismus bezeichnen? Wir beginnen mit der Untersuchung der klassischen Formen, in denen die Antagonismen gedacht wurden, d. h. einerseits der reale Gegensatz (die Realrepugnanz bei Kant) und andererseits der dia- lektische Widerspruch. Der erste Typ von Antagonismus drückt den Gegensatz zwischen unvereinbaren Gegensätzen aus und hat die Form 'A-B'. Der zweite drückt den Widerspruch im strengen Sinne aus, die dialektische Entgegensetzung, und hat die Form 'A-nichtA'. Mit Kant: Ein Gegensatz kann entweder logisch sein, d.h. einen Widerspruch einschließen, oder real, d. h. ohne Einschluß eines Widerspruchs. ... Wenn Hegel die Struktur der Wirklichkeit in Be- griffen des dialektischen Widerspruchs analysieren konnte, dann nur, weil er - wie alle idealistischen Denker - die Wirklichkeit auf den Begriff reduzierte. Aber die unüberwindliche Schwierig- keit für jeden Materialismus, der sich dialektisch nennt, rührt daher, daß man, um von einer Dialektik der Dinge selbst sprechen zu können, die Negation zur letzten Realität der Dinge machen muß, was mit dem Begriff eines wirklichen Gegenstandes, der 'außerhalb des Geistes existiert', unvereinbar ist. Eben daher sind Della Volpe und seine Schule in der Debatte über die objek- tive Realität von Widersprüchen, die vor zwanzig Jahren in Ita- lien geführt wurde, zu dem Schluß gekommen, daß man den Begriff des Widerspruchs aus der Analyse von sozialen Antagonismen elimi- nieren muß, und daß man die letzteren strikt als reale Gegensätze aufzufassen habe. Diese Schlußfolgerung ist allerdings nur auf der Grundlage einer empiristischen Epistemologie zu rechtferti- gen, die das Realobjekt als das Gegebene nimmt. In diesem Fall ist klar, daß der Begriff des Widerspruchs logisch unvereinbar ist mit der dem Realobjekt innewohnenden Positivität" (S. 177 f.). Noch einmal zusammengefaßt seine Aussagen: - Der Hegelsche Idealismus analysierte Wirklichkeit in Begriffen des dialektischen Widerspruchs, weil er die Wirklichkeit auf den Begriff reduzierte. - "Die unüberwindliche Schwierigkeit" für jeden Materialismus, der sich dialektisch nennt, besteht in der Unmöglichkeit der Ne- gation der letzten Realität der "Dinge" ("Nicht-Materie"), die doch mit dem Begriff eines wirklichen Gegenstandes, der "außer- halb des Geistes" existiert, unvereinbar ist. - Es ist wahr, daß ein Realobjekt keine Eigenschaft der Negativi- tät haben kann. Die Negation der letzten "Realität der Dinge" ist für Laclau un- möglich, weil er zwar von dialektischer Entgegensetzung "A- nichtA" redet, sie aber in Wahrheit wie "A-B" begreift, d.h. lo- gisch begreift nach der Regel "A schließt Nicht-A aus". In Wirk- lichkeit, d. h. in der wirklichen dialektischen Realität der Ma- terie, schließt "A" das "Nicht-A", d.h. den eigenen Unterschied oder inneren Widerspruch gerade e i n. Wie löst Laclau nun das Problem der angeblich "nur-positiven" Ei- genschaft des Realobjektes? "Aber was ist, wenn wir davon ausgehen, daß sich jedes Objekt als Objekt eines Diskurses konstituiert, d.h. als D i f f e r e n z in einem S i n n kontext? Wenn es wahr ist, daß die Negativität logisch nicht Eigenschaft eines Realobjekts sein kann, kann man sie dann nicht durch ein Ensemble von diskursiven Positionen und Praxen bestimmen?" (S. 178) Damit kommen wir zu den Triebkräften der wirklichen Bewegung. Wenn das "Realobjekt" nur-positiv ist, fehlt ihm natürlich eine solche innere Triebkraft, wird die Triebkraft von einem jenseits der Objekte ausgemachten diskursiven Akt bezogen. Herrschaft als Verschiebung des Widerspruchs -------------------------------------------- auf den realen Gegensatz ------------------------ Da das Realobjekt nicht negativ sein kann, muß seine Negation durch ein Ensemble von diskursiven Praxen bestimmt werden, die nicht innerer, sondern jenseitiger (vom "Realobjekt" her bestimm- ter) Natur sind. Wichtig für die Strategie der Desorganisation der Herrschaft als dem Realen ist: Die N e g a t i v i t ä t a l s s o l c h e wird zur bestimmenden Differenz, d. h. über eine Kette von äquivalenten Nicht-Positiva wird der negative Ge- genpol innerhalb des Diskurses konstruiert, d.h. von außerhalb des "Realobjekts" als Gegenpol, als Antagonismus herausgebildet. Die nur-positive Eigenschaft der realen Herrschaft ist so bestim- mend für Laclaus Theorie der Herrschaft: "1. Eine Theorie der Herrschaft und der Macht darf nicht allein auf eine Analyse ihrer Effekte gegründet werden, sondern sie muß auch eine Theorie der diskursiven Konstruktion der Antagonismen selbst sein. 2. Wenn dies richtig ist, wird eine solche Theorie die verzwickten Vorgänge zu untersuchen haben, durch die die po- sitiven Unterscheidungsmerkmale des Diskurses die Negativität be- zeichnen können.... 3. Wenn die Subjekte innerhalb des Diskurses konstruiert werden, kann der untergeordnete Charakter bestimmter Positionen durch eine Reihe von Äquivalenzen gesetzt sein, die verhindern, daß die Unterschiede als Differenzen derselben Ebene artikuliert werden können" (S. 179 f.). Die Theorie der Herrschaft muß also die Theorie der diskursiven Konstruktion der Antagonismen sein, d. h. der Vorgänge, durch die die positiven Unterscheidungsmerkmale des Diskurses die Negativi- tät bezeichnen können. Die Negation (der antagonistische Pol) wird durch eine Reihe von Äquivalenzen dargestellt, die die Un- terschiede nicht als Unterschiede der gleichen Ebene erscheinen lassen, d. h. ihre Negativität zum positiven Pol kristallisieren. Mit anderen Worten: Der antagonistische Pol ist kein widersprüch- liches Element innerhalb des Realen, der realen Herrschaft, son- dern der Kristallisationspunkt aller von außen an sie herangetra- genen Widersprechungen. Daraus ergeben sich für Laclau zwei Schlußfolgerungen: "1. Das im strengen Sinne widersprüchliche Element findet sich nicht in der vermeintlich kausalen Kette, die zur Entstehung des Antagonismus führte, sondern in der bloßen Tatsache der Negation eines bestimmten Systems von Positionen, die den sozialen Agenten als Subjekt konstituiert haben. In diesem Sinne ist das Begreifen des Antagonismus als solchem unabhängig vom Begreifen seiner Ent- stehung; 2. die diskursive Konstruktion des Antagonismus setzt die Konstruktion von Äquivalenzenketten voraus, durch die die herrschende Macht desartikuliert wird in ihre verschiedenen Ele- mente, die - als Objekte des Diskurses - jetzt das Moment der Ne- gation repräsentieren" (S. 180). Jeder Antagonismus setzt auf der Ebene des Diskurses eine Wider- spruchsbeziehung voraus, d. h. eine Beziehung, in der die Reali- tät des einen Pols nichts ist als die bloße Tatsache der Negation des anderen und nicht in der Kette von kausalen Positionen, die zum Antagonismus selbst führen, zu finden ist. Der Antagonismus ist deshalb "nicht-transparent" gegenüber seinen Entstehungsbe- dingungen, da diese nur als objektive Bedingungen, d.h. als nur- positive existent sind. Das aber ist nur eine andere Ausdrucks- weise für die Verlagerung des Widerspruchs nach außen. Die Ideen, "Sinne", "Begriffe" sind also autonom, d. h., nur ihre verschieden konfigurierte Artikulation oder Verknüpfung wirkt konstitutiv auf das Objekt, d. h. etwa die Herrschaft oder ihren Antagonismus. Welches sind nun die Bedingungen der Koexistenz von Herrschaft mit dem Antagonismus? Denn es gilt doch: "Je mehr Be- stimmungen der antagonistischen Kraft in die Äquivalenzkette ein- gegliedert werden, desto mehr wird der Diskurs ein reiner Diskurs des Antagonismus sein" (S. 181f.). Und was passiert auf dem ande- ren Pol? Er organisiert sich als ein "Ensemble von positiven Äquivalenzen" (S. 182), d.h., er sucht seinerseits nach dem all- gemeinen "demokratischen" Äquivalent, das "metasprachlich die Ge- meinschaft als Totalität gegenüber der Macht, die sie negiert" (S. 182), abschottet. Aber diese "Zeichen" erhalten nun, als De- fensive gegenüber dem antagonistischen Diskurs, eine doppelte Funktion: "Sie bleiben als zeichenhafte 'Gebrauchswerte' auf der Ebene einer Objektsprache" (S. 182). "Wir haben es hier mit einer diskursiven Strategie zu tun, die darin besteht, die Antagonismen zu reabsorbieren durch Verschie- bungen, die das System von Äquivalenzen wieder in ein System von Differenzen verwandeln ..." Das bedeutet, "die Objekte des Dis- kurses zu neutralisieren, d. h. den Widerspruch in eine Gegen- sätzlichkeit zu transformieren" (S. 182). Solche Äquivalenzen, die nicht aus der antagonistischen Reihe zu- rück in die positive Äquivalenzkette zu reintegrieren sind, müs- sen dadurch neutralisiert werden, daß sie als reale Gegensätze konstruiert werden. So sind sie zwar nicht mehr äquivalent zur Herrschaft, aber auch nicht zum Gegenpol, sondern neutral. Daraus ergibt sich, daß ihr Nicht-Vorhandensein in der positiven Äquiva- lenzkette scheinbar unter dem Zwang der realen Verhältnisse als Notwendigkeit begründet wird; die Herrschaft erscheint als objek- tiv notwendig, da auch die Sinnzeichen als Bestandteil der nur- positiven Realität gedeutet werden. Die Reintegration antagonistisch artikulierter Äquivalenzen bzw. deren Verschiebung zum realen Gegensatz bildet die demokratische diskursive Praxis heraus. Es handelt sich um eine diskursive Pra- xis, die zwar die realen Gegensätze zum Bestehenden (positiver Pol) zu benennen vermag, aber nicht in der Lage ist, sie antago- nistisch zu artikulieren. In Westeuropa war und ist dieser Dis- kurstyp dominant, d.h., es liegt eine besonders große Fähigkeit der Absicherung von Herrschaft vor. Die demokratische diskursive Praxis reicht somit nicht hin, den antagonistischen Bruch der Herrschaft zu erreichen. Dafür bedarf es vielmehr des populisti- schen Diskurses. Im Unterschied zum "genetischen Diskurs", der die Gegensätze zum positiven Pol aus den objektiven Bedingungen heraus als notwendig ableitet und damit - immer Laclaus eigenen Begriff von der Nur- Positivität dieser Bedingungen angenommen - nichts als reale Ge- gensätze oder bloße Differenzen zutage befördert, die als solche eben nicht äquivalent sein können, setzt der populäre Diskurs wirkliche (im Sinne Laclaus), weil von außerhalb der Notwendig- keit der Bedingungen kommende Bestimmungen antagonistisch entge- gen, welche "sich im Diskurs des Antagonismus als System von Äquivalenzen umgruppieren" (S. 181). "Für die Existenz einer populären Position muß ein Diskurs die Gesellschaft in Herrschende und Beherrschte teilen, d. h. das Sy- stem von Äquivalenzen artikuliert die Gesellschaft insgesamt durch einen grundlegenden Antagonismus. Wenn dieses antagonisti- sche Ensemble die populären Positionen nicht als einen Pol eines irreduziblen Dualismus präsentiert, sondern als dynamische Spitze des Widerstandes, dann können wir vom populistischen Bruch spre- chen" (S. 182). Der populistische Diskurs "produziert, auf einen Antagonismus ge- gründet, diskursiv seine zwei Pole auf der Basis kontradiktori- scher Systeme von Äquivalenzen. Das ist der radikale populäre Diskurs, der Diskurs des Bruchs mit der herrschenden Macht" (S. 184). Zur Laclauschen Konzeption des Antagonismus "Volk - Machtblock" --------------------------------------------------------------- Was ist "Nation", "Demokratie", "Volk", "Herrschaft", wenn diese Begriffe gebildet werden "außerhalb eines objektiv notwendigen Zusammenhangs"? "Wir haben", so Laclau, "ein entscheidendes Problem aus unserer bisherigen Diskussion ausgeklammert: das Verhältnis zwischen Ideologien und Klassenkampf. Dies ist jedoch ein grundlegendes Problem, wenn wir unsere zweite Frage beantworten wollen: wie werden Ideologien transformiert? Vor diesem Hintergrund ist fest- zustellen, daß es in der marxistischen Tradition eine grundle- gende Doppeldeutigkeit beim Gebrauch des Begriffes K l a s- s e n k a m p f gegeben hat. In der einen Bedeutung wird der Klassenkampf auf der Ebene der Produktionsweise angesiedelt: das Produktionsverhältnis, das seine beiden Pole als Klassen kon- stituiert, ist ein antagonistisches Verhältnis. Der Mehrwert kon- stituiert zum Beispiel z u g l e i c h das Verhältnis zwischen Kapitalisten und Arbeitern und den Antagonismus zwischen ihnen oder, besser gesagt, er konstituiert jenes Verhältnis als antago- nistisches. Daraus ergeben sich zwei Schlußfolgerungen: (1) es gibt Klassen nur in einer Beziehung des Kampfes; (2) die Untersu- chungsebene, die diesen Antagonismus begreifbar macht, ist die der Produktionsweise. Aber der Begriff des Klassenkampfes wurde mitunter auch auf eine andere Art von Antagonismus angewandt: der Kampf zwischen Klassen kann nur begriffen werden, wenn die über- greifenden politischen und ideologischen Herrschaftsbeziehungen rekonstruiert werden, die eine bestimmte Gesellschaftsform cha- rakterisieren" (S. 91 f.). Dem "reduktionistischen Ansatz" der traditionellen marxistischen Konzeption, der allen ideologischen Äußerungen, Symbolen und Wer- ten eine "eindeutige Klassenkonnotation" zuschreibe, setzt Laclau die Thesen entgegen: "1. Klassenkampf ist nur das, was Klassen als solche konstituiert. 2. Daher ist nicht jeder Widerspruch ein Klassenwiderspruch, doch jeder Widerspruch ist durch den Klassen- kampf überdeterminiert" (S. 93). Erst die Reduktion der Klasse auf die Produktionsverhältnisse macht Laclaus Trennung von "spezifischem Antagonismus" und "umfassendem gesellschaftlichem Antagonismus" möglich. Die Klas- sen treten als Subjekte, wenn sie als solche nicht angerufen wer- den, innerhalb des zweiten, umfassenden, Antagonismus überhaupt nicht in Erscheinung: "Wenn also dieser Antagonismus kein Klassenantagonismus ist, kön- nen die Ideologien, die ihn ausdrücken, keine Klassenideologien sein. In diesem Antagonismus würden die Beherrschten sich nicht als Klasse verstehen, sondern als 'die anderen', als 'Gegenmacht' zum herrschenden Machtblock, als 'U n t e r d r ü c k t e'. Während der erste Widerspruch - auf der Ebene der Produktions- weise - sich ideologisch in der Anrufung der Handelnden als Klasse ausdrückt, wird dieser zweite Widerspruch ausgedrückt in der Anrufung der Handelnden als Volk" (S. 93 f.). Die Konzeption, nach der "die grundlegende Funktion jeder Ideolo- gie darin besteht, die Individuen als Subjekte anzurufen/zu kon- stituieren", übernimmt Laclau von Althusser: "Althusser schreibt: 'Ideologie 'handelt' oder 'unktioniert' in einer solchen Weise, daß sie aus der Masse der Individuen Sub- jekte 'rekrutiert' (sie rekrutiert sie alle), oder diese Indivi- duen in Subjekte transformiert' (sie transformiert sie alle) nach dem Muster des genau bestimmbaren Vorgangs, den ich Anrufung ge- nannt habe, und den man sich nach dem Muster der einfachen und alltäglichen Anrufung durch einen Polizisten vorstellen kann 'He, Sie da!'.' Wenn also die grundlegende Funktion jeder Ideologie darin besteht, Individuen als Subjekte zu konstituieren, und wenn aufgrund der Anrufung Individuen ihre Lebensbedingungen leben, als wären sie selbst deren autonomes Prinzip - als wenn sie, die Determinierten, das Determinierende wären -, dann ist klar, daß die Einheit der verschiedenen Aspekte eines ideologischen Systems durch die spezifische Anrufung gebildet wird, die die Achse und das organisierende Prinzip jeder Ideologie darstellt. Wer ist das angerufene Subjekt? Dies ist die Schlüsselfrage für unsere Ana- lyse der Ideologien...: d a s v e r e i n h e i t l i c h e n- d e P r i n z i p e i n e s i d e o l o g i s c h e n D i s- k u r s e s w i r d k o n s t i t u i e r t d u r c h d a s 'S u b j e k t', d a s d u r c h d i e s e n D i s k u r s a n g e r u f e n u n d s o k o n s t i t u i e r t w i r d. Die isolierten Elemente eines Diskurses haben, für sich genommen, keine Bedeutung" (S. 89). Die eigentlichen Subjekte sind also die Ideen, Ideologien, Sinne und Werte, bzw. das Prinzip ihrer spezifischen Verknüpfung. Das bedeutet in Hinsicht auf Individuen wie auf Klassen, "daß ideolo- gische 'Elemente', isoliert betrachtet, keine notwendige Klassen- Konnotation haben, und daß diese Konnotation erst das Resultat der Artikulation dieser Elemente in einen konkreten ideologischen Diskurs ist" (S. 87). So heißt es analog zum "Nationalismus": "Auf der ideologischen Ebene existiert Demokratie nur in Form von Elementen eines Dis- kurses" (S. 149). Demokratie besitzt keine "automatische" Zugehö- rigkeit, "die demokratische Ideologie existiert nur als in einen Klassendiskurs artikuliertes abstraktes Moment" (S. 149). Nun ist nicht zu bestreiten, daß "Demokratie" als Begriff eine klassenunspezifische Abstraktion ist (anders als etwa der "Nationalismus", wenn er nicht von seinen wirklichen historischen Voraussetzungen abstrahiert wird). Nach Laclau kann "die" Demo- kratie mit einem Klassendiskurs oder einem allgemeiner gefaßten antagonistischen Diskurs verbunden artikuliert werden. Mit ande- ren Worten handelt es sich bei "der" Demokratie um ein "ideologisches Element", das "als solches" im Raum steht und zu- sammen mit anderen Elementen je verschieden konfiguriert wird. Mehr noch, "die" Demokratie oder eine bestimmte Konfiguration von Elementen rufen autonom soziale Träger an, ihre Agenten. Aus der Eigenschaft, klassenunspezifische Abstraktion zu sein, folgert Laclau mit der gewohnten formallogischen Ableitung die Eigen- schaft der Ewigkeit, Unendlichkeit oder Autonomie der ideologi- schen Elemente. Wie aber bewegt sich die klassenunspezifische Abstraktion "Demokratie" in der wirklichen Geschichte? Erstmal: indem sie be- wegt w i r d, aber nicht vom autonomen Prinzip außerhalb, son- dern von der inneren Subjektivität des Objektiven, d.h. von Klas- sen, da ihre Abstraktion nicht über Staat und Herrschaft von Men- schen über Menschen hinausgehen kann. Der griechische Sklavenhal- ter verstand unter Demokratie einen anderen konkreten Begriffsin- halt als ein Bourgeois des 19. Jahrhunderts oder ein Vertrauens- mann im VEB Leuna. Selbst der abstrakte Inhalt des Begriffs ist umstritten zwischen Klassen. So ist es gerade die Bourgeoisie, die den Geltungsbereich dieser Abstraktion in die Unendlichkeit ausdehnen möchte, weil sie ihre Herrschaft ins Unendliche dehnen möchte. Deshalb versucht sie, den Begriff seines Klasseninhalts zu berauben, zumindest in der Hinsicht, daß Demokratie immer not- wendig mit Klassenunterdrückung verbunden bleibt, da sie immer Form staatlicher Herrschaft ist. Die Enthüllung der Endlichkeit von Demokratie ist zugleich die Enthüllung der Endlichkeit von Klassenunterdrückung; damit wird auch die Endlichkeit der bürger- lichen Klasse (wie aller Klassen) enthüllt. Um dies zu verhin- dern, muß von "der" Demokratie geredet werden, als eines autono- men, unendlichen Begriffes. Und selbstverständlich muß "die" De- mokratie die bürgerliche sein, da (heute wesentlich) nur die bür- gerliche Klasse die Unendlichkeit ihrer Herrschaft wünscht. Weder die konkrete noch die abstrakte Demokratie haben außerhalb ihres jeweiligen Abstraktionsgrades einen eigenständigen Inhalt. Ihre konkreten wie abstrakteren Inhalte werden verändert durch die Auseinandersetzung der Klassen in der Geschichte. Nicht "die" Demokratie ruft Individuen und Klassen an, produziert sie als ihre Agenten, die Klassen rufen die Demokratie an, aber nicht d i e Demokratie, sondern i h r e Demokratie, und machen sie zum "Agenten" (d.h. r e l a t i v selbständigen ideologischen Element) ihrer Macht. Die Demokratie wird durch die Geschichte hindurchbewegt durch die Bewegung der Klassen. Kommen wir nach der Laclauschen Unterscheidung zweier Sphären des Widerspruchs, der des Klassenkampfes und der des "populär-demo- kratischen Kampfes", nun zu dem, laut Laclau, umfassenden Antago- nismus in der Geschichte, dem Antagonismus "Volk - Machtblock": "Das 'Volk' oder die 'popularen Schichten' sind nicht, wie einige Konzeptionen unterstellen, rhetorische Abstraktionen oder in den marxistischen politischen Diskurs geschmuggelte liberale oder idealistische Begriffe. Das ,Volk' ist eine objektive Determina- tion des Systems und von der Klassendetermination zu unterschei- den: das Volks ist einer der Pole des in jeder Gesellschaftsfor- mation dominierenden Widerspruchs, d. h. eines Widerspruchs, der nur unter Berücksichtigung der politischen und ideologischen Herrschaftsverhältnisse (und nicht bloß der Produktionsverhält- nisse) zu begreifen ist. Während der Klassenwiderspruch der domi- nierende Widerspruch auf der abstrakten Ebene der Produktions- weise ist, dominiert auf der Ebene der Gesellschaftsformation der Widerspruch zwischen dem Volk und dem Machtblock" (S. 94). Der Kampf Volk - Machtblock ist primär durch den ideologischen Kampf determiniert, die Krise des Machtblocks ist eine ideologi- sche: "In Perioden der Stabilität, wenn die Gesellschaftsformation ihre Verhältnisse in traditionellen Kanälen zu reproduzieren sucht, und es ihr gelingt, ihre Widersprüche durch V e r s c h i e- b u n g e n zu neutralisieren, ist der herrschende Block der Formation in der Lage, die meisten Widersprüche zu absorbieren, und sein ideologischer Diskurs sucht sich auf die rein impliziten Mechanismen zur Herstellung seiner Einheit zu beschränken. ... In einer Periode allgemeiner ideologischer Krise, wie sie Poulantzas beim Ursprung des Faschismus feststellt, geschieht meist das Gegenteil. Die Vertrauenskrise gegenüber der 'natürlichen' oder 'automatischen' Reproduktion des Systems übersetzt sich in eine Verschärfung aller ideologischen Widersprüche und eine Auflösung der Einheit des herrschenden ideologischen Diskurses. Da die Funktion jeder Ideologie darin besteht, Individuen als Subjekte zu konstituieren, verwandelt sich diese ideologische Krise notwendig in eine 'Identitätskrise' der sozial Handelnden. Jede der kämpfenden Parteien wird versuchen, eine neue ideologische Einheit zu konstituieren, indem sie ein 'narratives System' als Vehikel benutzt, um die ideologischen Diskurse der gegnerischen Kräfte zu desartikulieren" (S. 90). Hauptadressat der populären Anrufungen wird in dieser Krise die- jenige Klasse/Schicht, die am wenigsten durch "objektiv bestimmt scheinende" Interessen geleitet wird - das Kleinbürgertum: "(1) Je weiter eine gesellschaftliche Schicht von den dominieren- den Produktionsverhältnissen entfernt ist, je diffuser ihre 'objektiven Interessen' und je weniger entwickelt daher ihr 'Klasseninstinkt' ist - um so eher wird die Entwicklung und die Lösung der Krise sich auf der ideologischen Ebene zutragen; (2) je zentraler die Rolle dieser betreffenden Schicht in der betref- fenden Gesellschaftsformation ist, desto zentraler wird die Rolle der ideologischen Ebene bei der schließlichen Lösung der Krise für die gesamte Gesellschaftsformation sein" (S. 91). Das bedeutet, daß in diesen Schichten die "Volks-Identität" eine sehr viel wichtigere Rolle spielt als die "Klassen-Identität". Die "Volks-Identität" repräsentiert deshalb den grundsätzlicheren Antagonismus zur Herrschaft, weil "Volk" als Bezugskategorie al- ler in der Geschichte unterdrückten Klassen gegen alle unterdrüc- kenden Klassen präsent ist. So ist auch die in ihrem abstrakten Begriff klassenunspezifische "Volkstradition" eines der konstitu- tiven Elemente dieser Identität: "Diese Perspektive ermöglicht ein Phänomen zu verstehen, das in der marxistischen Theorie bisher nicht adäquat erklärt worden ist: d i e r e l a t i v e K o n t i n u i t ä t v o n Volkstraditionen im Gegensatz zu den historischen Diskontinuitä- ten, die Klassenstrukturen kennzeichnen. Der marxistische politi- sche Diskurs, wie jeder radikale populäre Diskurs, wimmelt von Berufungen auf 'den jahrhundertealten (säkularen) Kampf des Vol- kes gegen Unterdrückung', auf 'die Kampftraditionen des Volkes', auf die Arbeiterklasse als 'die Vertreterin von unerfüllten In- teressen des Volkes' usw. ... 'Volkstraditionen' stellen einen Komplex von Anrufungen dar, die den Widerspruch 'Volk'-Machtblock im Unterschied zu einem Klassenwiderspruch ausdrücken. Damit kön- nen wir zweierlei erklären. Erstens, soweit 'Volkstraditionen' die ideologische Kristallisation von Widerstand gegen Unter- drückung überhaupt, d.h. g e g e n d i e F o r m d e s S t a a t e s a l s s o l c h e, repräsentieren, dauern sie länger als Klassenideologien und bilden einen strukturellen Be- zugsrahmen von größerer Stabilität. Zweitens aber begründen Volkstraditionen keine konsistenten und organisierten Diskurse, sondern lediglich E l e m e n t e, die nur in Klassendiskurse artikuliert existieren können" (S. 145 f.). Da nach dem Weltbild derjenigen, denen Laclau "Klassenreduk- tionismus" vorwirft, die Widersprüche im Inneren der historischen Bedingungen entstehen, und die Geschichte der Menschen die Geschichte der Tätigkeit ist, d.h. der tätigen (subjektiven) Selbstunterscheidung von der Natur, ist jeglicher Widerspruch eine subjektive Selbstunterscheidung von den jeweils bestehenden Bedingungen der menschlichen Tätigkeit. Solange sich die Menschen - zu ihrer Produktion als Menschen - selbst in Klassen unterscheiden, unterscheiden sie die alten Bedingungen ihrer Tätigkeit von den neuen nie anders denn als Klassen, d.h. sie tragen ihre Widersprüche nicht anders aus. Aber nur solange sie sich als Klassen unterscheiden. Sie können sich als Klassen ja nur unterscheiden dadurch, daß ihr Unterschied in Klassen rela- tiv, nicht ewig, ist, d.h. Nicht-Klasse Klasse bedingt. Darin liegt nicht nur das "Geheimnis", weshalb jede unterdrückte Klasse nicht nur die Tatsache ihrer Unterdrückung empfindet, sondern auch den Wunsch nach Ende der Unterdrückung. Der kommunistische Traum ist kein klassenspezifischer Traum, sondern n o t w e n- d i g Bestandteil des Denkens jeder Klasse, seit es Klassen gibt (als Traum oder Alptraum ist die Aufhebung der Klassen Begründung von Denken und Handeln jeder Klasse, da Nicht-Klasse ihre innere Bedingung ist). Klassenunspezifische Abstraktionen wie die Volkstradition werden daher nie anders in die historische Auseinandersetzung einge- bracht, denn durch Klassen - solange diese existieren. "Kommunismus", "Fortschritt", "Freiheit", "Demokratie" usw. bewe- gen sich in der Geschichte nicht autonom, sondern gerade dadurch, daß Klassen ihr Interesse in Widersprüchen austragen. So schließt sich Anti-Herrschaftsinteresse des Kleinbürgers nicht etwa aus mit dem Klasseninteresse des Proletariers, sondern ist auf be- stimmter Abstraktionsstufe wesensverwandt, weil das Klasseninter- esse des Proletariats objektiv notwendig das Anti-Herrschaftsin- teresse aller je unterdrückten Klassen einschließt und zum Aus- druck bringt. Für Laclau muß es logisch gerade andersherum sein. Klassenunspe- zifische ideologische Begriffe, Zeichen, Elemente rufen diejeni- gen Agenten am ehesten an, die am ehesten klassenunspezifische Interessen artikulieren, und das sind seiner Auffassung nach die, die am wenigsten in die dominierenden Produktionsverhältnisse verstrickt sind. Der Faschismus war damit eine populäre, gegen den Machtblock ge- richtete Anrufung, der es verstand, durch die Verknüpfung von Elementen der "Volkstradition" wie "Volk", "Heimat", "Gerechtigkeit", "National", "Sozialismus" usw. Äquivalenzketten herauszubilden mit anderen Äquivalenten wie "Rasse" etc., die sich zum gegen den herrschenden Machtblock gerichteten antagoni- stischen Negativ-Pol verbanden und zum populistischen Bruch der alten Herrschaft verdichteten. "Daß ein plebejischer Agitator wie Hitler - von dem Hindenburg mit Verachtung als dem österreichischen Gefreiten sprach - seine Bewegung 'National-Sozialismus' nannte, ist ein beredter Beweis dafür, daß diese beiden Worte im Bewußtsein der Massen spontan miteinander verschmolzen werden konnten. Ein Wille zur Hegemonie auf seiten der Arbeiterklasse hätte eine große Wirkung auf das jakobinisierte Kleinbürgertum gehabt und hätte seinen Protest lenken können. Selbst wenn Hitler aufgetaucht wäre, so hätte er nicht das Monopol populärer und nationalistischer Sprache gehabt, dessen er sich erfreute; der linke Flügel seiner Bewegung hätte, enttäuscht von seinen Kapitulationen gegenüber den kapitalisti- schen Klassen, einen alternativen Sammlungspunkt vorgefunden, und das Monopolkapital wäre schließlich weniger darauf vorbereitet gewesen, auf eine ideologische Alternative zu setzen, deren Anru- fungssystem ein Kampffeld mit der kommunistischen Bewegung kon- stituierte. Doch nichts dieser Art geschah, und die Aufgabe des populär-demokratischen Kampfes von Seiten der Arbeiterklasse öff- nete dem Faschismus den Weg" (S. 112). Der "Wille zur Hegemonie" hätte eben darin bestanden, die o.g. Kette von Äquivalenzen mit dem klassenspezifischen Diskurs der Arbeiterklasse zu artikulieren. Für Laclau heißt das nicht etwa, daß die Arbeiterklasse ihr klassenspezifisches Interesse als he- gemoniales hätte entwickeln müssen, d. h. als die konkret-histo- rische Form des allgemeinen Anti-Unterdrückungsinteresses hätte darstellen und kenntlich machen müssen. Nein, das bedeutet ganz im Gegenteil, daß die äquivalente Verknüpfung ihres klassenspezi- fischen Diskurses mit all jenen "ewigen Werten" wie Nation, Volk, Heimat usw. hätte vollzogen werden müssen. "In diesem Sinn war der Faschismus das Resultat einer Krise der Arbeiterklasse - einer Krise, die nicht in der Unfähigkeit der Arbeiterklasse begründet war, eine proletarische Revolution in Deutschland oder Italien durchzuführen, sondern in ihrer Unfähig- keit, sich allen beherrschten Klassen als hegemoniale populäre Alternative darzustellen (in der ernstesten Krise, die das kapi- talistische Herrschaftssystem in Europa je erlebt hatte). Die po- pulären Anrufungen der Mittelklassen wurden daher - in der ge- schilderten Weise - vom faschistischen politischen Diskurs absor- biert und politisch neutralisiert, der sie in den Dienst der neuen Monopolfraktion stellte" (S. 111). Folglich verweist Laclau die Arbeiterklasse darauf, "daß ein Widerspruch, der kein Klassenwiderspruch ist, die poli- tische und ideologische Praxis dieser Schichten bestimmt - in der Form, daß diese Zwischenschichten' fast ausschließlich eine 'Volks'-Identität haben, während die Arbeiterklasse in ihrer ei- genen Ideologie ihre Klassenidentität und ihre Volksidentität verdichten muß. Das bedeutet, daß die Mittelklassen das natürli- che Terrain des demokratischen Kampfes bilden und gleichzeitig, wie wir gesehen haben, das Terrain p a r e x c e l l e n c e für den politischen Klassenkampf. Denn dies ist der Punkt, an dem die Identifikation zwischen 'Volk' und Klassen ins Spiel kommt, eine Identifikation, die keineswegs im voraus festgelegt, sondern das Ergebnis eines Kampfes ist: wir möchten so weit gehen, zu be- haupten, daß dies der grundlegende Kampf ist, von dem die Lösung einer jeden politischen Krise im Kapitalismus abhängt" (S. 99). Es sei immer daran erinnert, daß das "populäre Interesse" eben kein den wirklichen Verhältnissen immanenter Widerspruch ist, sondern die bloße Tatsache der Negation. Die Arbeiterklasse soll nicht etwa ihr objektives, d. h. aus den inneren Bedingungen des Kapitalismus entstandenes Interesse als das gesellschaftlich be- stimmende (hegemoniale) durchsetzen, sondern ihre spezifischen Klasseninteressen, die eben nur insofern vorhanden sind, sofern sie als spezifische diskursiv hergestellt werden, äquivalent mit den populären Elementen verbinden. Indem aber die Arbeiterklasse in Laclaus "populärem Diskurs" aufgeht, d.h. ihre Klassenidenti- tät nach der "Volksidentität" hin aufhebt, verschiebt sie ihren wirklichen Widerspruch zum Bestehenden, als dessen Teil sie sich in seinem Inneren unterscheidet, auf die Ebene der "bloßen Tatsa- che der Negation", d.h. den realen Gegensatz. Zwei Dinge sind da- mit erreicht: - Die Arbeiterklasse ist der Möglichkeit beraubt, durch die Aus- tragung ihres spezifischen Widerspruchs zum Bestehenden dieses aufzuheben und damit Klassen und deren Widersprüche durch ihre Austragung überhaupt aufzuheben. - Die wirklichen Widersprüche innerhalb der objektiven gesell- schaftlichen Realität "sind eliminiert", d. h. wirklich sind nur noch reale Gegensätze, die "nach Belieben" zu antagonistischen Äquivalenzketten verbunden werden können. Da aber "der" Widerspruch zur bestehenden Herrschaft nach Laclau kein innerer, notwendiger (oder deshalb: wirklicher) ist, sondern ein von außerhalb gesetzter, ein realer Gegensatz oder die Pola- risierung von realen Gegensätzen, enthüllt sich der Laclausche Widerspruch zur Herrschaft als Sehnsucht nach Lösung der logi- schen Gleichung, also nach widerspruchsfreier logischer Einheit der Welt. In der Tat eine (klein)bürgerliche Sehnsucht. Praktisch-politische Konsequenzen --------------------------------- Wie können die Laclauschen Positionen in Hinblick auf ihre prak- tisch-politischen Konsequenzen bewertet werden? In der Tat haben die Veränderung der Lebensverhältnisse der Ar- beiterklasse und das Auftreten "neuer sozialer Bewegungen" auch neue Fragen aufgeworfen. Nun geht aber Laclau von der "Auflösung der proletarischen Klassenidentität" und dem Auftauchen neuer äquivalenter, aber klassenunspezifischer Widersprüche aus. Diese (Voraus)setzung liegt seinen Gedanken zugrunde. Eine wissenschaftliche, die empirische Untersuchung einbegrei- fende Analyse unserer gesellschaftlichen Verhältnisse, die die Gesellschaft als widersprüchliche Einheit von "Basis und Überbau" begreift, kommt notwendig zu dem Schluß (d. h. sie ist zu dem Schluß gekommen), daß im Gegensatz zu den Auffassungen Laclaus der neuen Existenzweise der Arbeiterklasse (z.B. wachsende Ar- beitsteilung und Spezialisierung; Rückgang der "Blaumänner" etc.) und auch dem Auftreten "neuer sozialer Bewegungen" gerade die Entfaltung des Klassenwiderspruchs zugrunde liegt. Die Entfaltung des im Kapitalverhältnis liegenden Widerspruchs bedeutet u.a. wachsende Entfremdung der Menschen von ihrer objektiven gesell- schaftlichen Tätigkeit, Arbeit, Produktion, Gesellschaftlichkeit. Die wachsende Entfremdung vom eigenen Menschsein oder der eigenen Gesellschaftlichkeit stellt sich naturwüchsig als wachsende Ato- misierung nicht nur der Individuen, sondern auch der gesell- schaftlichen, d. h. produktiven, kulturellen, politischen u.a. Institutionen dar. Und auch die Gegenbewegungen werden sich zunächst einmal naturwüchsig oder notwendig "fremder" sein. Sie werden sich zunächst als atomisiert, als voneinander unabhängig verstehen, sich weniger gesellschaftlich, weniger als ein Produkt ein und desselben Verhältnisses begreifen. Der Widerspruch zwischen wachsender Vergesellschaftung der men- schlichen Tätigkeit, der Produktion, auf der einen und privater Aneignung und damit wachsender Entfremdung von sich selbst, d.h. von dieser wachsenden Vergesellschaftung, auf der anderen Seite läßt zunächst einmal auch die objektiv auf einer Seite des Wider- spruchs polarisierten Bewegungen als voneinander unabhängige er- scheinen. Die Wahrheit ist, daß die Entfremdung der Ausgebeuteten in wachsendem Maße nicht mehr auf die Arbeiterklasse beschränkt bleibt, sondern sich in dem Maße, in dem sich die Bedingungen ih- rer Ausbeutung denen der Arbeiterklasse annähern, auch anderen Schichten und Klassen der Bevölkerung mitteilt. Sie teilen also wachsende Entfremdung: Die wachsende objektive Einheit der Ausge- beuteten besteht also in ihrer wachsenden subjektiven Atomisie- rung. Die große, wirklich subjektive und politische Anstrengung, die daraus erwächst, ist, ihnen auch subjektiv ihren wirklichen Standpunkt am gesellschaftlichen Pol der Arbeiterklasse zu ver- deutlichen (und dieser, daß auch von den "Neuen" zum Teil ihre eigenen Probleme zumindest aufgeworfen werden). Laclaus Weg, die Arbeiterklasse für die alten und neuen Fiktionen der sich sozial neu bewegenden Schichten und Gruppen zu öffnen, und zwar unkritisch, ist genau der falsche. Es geht in der Tat um die Öffnung für deren Probleme, die z.T. auch die der Arbeiter- klasse selbst sind. Das hilft dieser und den "neuen sozialen Be- wegungen", denn in dem Maße, wie sie sich an und mit der Arbei- terklasse orientieren können, werden sie ihre subjektive Atomi- sierung aufgeben können, da sie statt der Fiktion ihres Stand- ortes ihren wirklichen Standort im Kapitalverhältnis und damit in der Gesellschaft erkennen. _____ *) Sämtliche Zitate, die nur mit Seitenzahl gekennzeichnet wur- den, sind entnommen aus: Ernesto Laclau, Politik und Ideologie im Marxismus, West-Berlin 1981. Die Zitate seines Aufsatzes Diskurs, Hegemonie und Politik im Argument Sonderband AS 78 sind außer mit der Seitenzahl noch mit AS 78 gekennzeichnet. zurück