Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 08/1985
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EINE UNIVERSELLE REVOLUTION MIT UNIVERSELLEM TERRAIN
Systemauseinandersetzung und internationale Kräfteverhältnisse
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40 Jahre nach der Zerschlagung des Faschismus
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Kurt Steinhaus
1. Ein Prüfstein für die Kraft des Sozialismus - 2. Die Haupt-
kraft des revolutionären Weltprozesses - 3. Entwicklungstendenzen
im internationalen Kräfteverhältnis - 4. Richtung und Widersprü-
che des Geschichtsprozesses der Gegenwart
In den "Grundsätzen des Kommunismus" stellte Friedrich Engels
1847 die These auf, daß die sozialistische Revolution zuerst in
dem am meisten entwickelten Teil der kapitalistischen Welt sie-
gen, sich dort entsprechend den jeweiligen nationalen Bedingungen
zwar "rascher oder langsamer entwickeln", im wesentlichen aber
doch eine "gleichzeitig vor sich gehende Revolution sein" werde.
Tatsächlich siegte der Sozialismus zunächst nur in einem einzigen
Land - und in einem sozialökonomisch vergleichsweise zurück-
gebliebenen dazu.
Eine weitere Voraussage, die Engels in der gleichen Schrift
machte, ist demgegenüber durch die Geschichte voll bestätigt wor-
den: Auch wenn die sozialistische Revolution zunächst auf einen
Teil des Erdballs begrenzt bleibt, so wird sie doch "auf die üb-
rigen Länder der Welt ebenfalls eine bedeutende Rückwirkung aus-
üben und ihre bisherige Entwicklungsweise gänzlich verändern und
sehr beschleunigen. Sie ist eine universelle Revolution und wird
daher auch ein universelles Terrain haben". 1)
Eben diese Universalität der sozialistischen Revolution bestimmt
den Charakter der gegenwärtigen Epoche als der Epoche des Über-
gangs der Völker zum Sozialismus im Weltmaßstab. Diese Epoche be-
gann im November 1917. Mit der russischen Oktoberrevolution (nach
dem alten russischen Kalender) endete die imperialistische Al-
leinherrschaft über die Erde, erhielt die Klassenauseinanderset-
zung zwischen Kapital und Arbeit die zusätzliche Dimension einer
Systemauseinandersetzung und damit eine grundlegend neue Dynamik.
Bereits während des I. Weltkriegs war Lenin zu der Schlußfol-
gerung gelangt, daß der Sozialismus "nicht gleichzeitig in allen
Ländern siegen" kann. "Er wird zunächst in einem oder in einigen
Ländern siegen, andere werden für eine gewisse Zeit bürgerlich
oder vorbürgerlich bleiben. Das muß nicht nur Reibungen, sondern
auch direktes Streben der Bourgeoisie anderer Länder erzeugen,
das siegreiche Proletariat des sozialistischen Staates zu
zerschmettern." 2) Das hat sich in der Folgezeit mehrfach
bewahrheitet.
Die Weltbourgeoisie erkannte den epochemachenden Charakter des
Roten Oktober von Anfang an mit großer Klarsichtigkeit. Sie be-
griff sofort die Gefahr, daß "die russische Revolution ... ein
Vorspiel der kommenden europäischen Revolution" 3) sein könnte,
daß mit ihr "vor der ganzen Welt das Banner des Kampfes für den
völligen Sturz des Imperialismus entrollt" worden war. 4) Deshalb
unternahm sie gewaltige Anstrengungen, um den realen Sozialismus
und seine mobilisierende Beispielwirkung bereits "in der Wiege"
zu ersticken (Churchill). Das ist ihr nicht gelungen. Immerhin
waren ihre Kräfte nach 1917 noch stark genug, um den Erfolg der
Revolution in Deutschland und anderen Ländern zu verhindern.
Aber Lenin sah schon damals weiter: "Groß sind die militärischen
Siege, die von der Sowjetrepublik der Arbeiter und Bauern über
die Gutsbesitzer und Kapitalisten, über Judenitsch, Koltschak,
Denikin, die weißgardistischen Polen und ihre Helfershelfer -
Frankreich, England, Amerika und Japan - erfochten worden sind.
Aber noch viel größer ist unser Sieg in den Köpfen und Herzen der
Arbeiter, der Werktätigen, der vom Kapital unterdrückten Massen,
der Sieg der kommunistischen Ideen und der kommunistischen Orga-
nisationen in der ganzen Welt." 5)
Gerade darin kommt die historisch einzigartige Avantgarde-Rolle
zum Ausdruck, die Sowjetrußland 1917 übernahm. Fast drei Jahr-
zehnte lang hielt es dem Ansturm des Imperialismus allein stand,
trug entscheidend zur Schaffung einer weltweiten kommunistischen
und antikolonialen Bewegung bei, leistete den entscheidenden Bei-
trag zur Zerschlagung des Faschismus, wurde zum Kristallisations-
kern und Schutzschild eines sozialistischen Weltsystems.
Mit der Herausbildung der sozialistischen Staatengemeinschaft in
der zweiten Hälfte der 40er Jahre erreichte die weltweite Klas-
sen- und Systemauseinandersetzung ein neues Stadium. Die allge-
meine Krise des Kapitalismus, die mit dem Ersten Weltkrieg und
der Oktoberrevolution begonnen hatte, trat in ihre zweite Etappe
ein.
1. Ein Prüfstein für die Kraft des Sozialismus
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Bereits im Kampf gegen Konterrevolution und Intervention er-
brachte die Sowjetordnung "den praktischen Beweis dafür, daß die
geeinten Kräfte der vom kapitalistischen Joch befreiten Arbeiter
und Bauern wahre Wunder vollbringen." "Der Krieg ist ein Prüf-
stein für alle ökonomischen und organisatorischen Kräfte jeder
Nation. Schließlich kann man" - so Lenin im November 1919 -
"aufgrund der zweijährigen Erfahrung doch sagen, daß wir siegen
und daß wir siegen werden, weil wir ein Hinterland, und zwar ein
festes Hinterland haben, weil die Bauern und Arbeiter trotz Hun-
ger und Kälte einig und stark sind, weil sie jeden schweren
Schlag mit einem weiteren Zusammenschluß der Kräfte, einer weite-
ren Festigung der ökonomischen Macht beantworten." 6) Diese Worte
enthüllten auch das "Geheimnis" der sowjetischen Siege vor Mos-
kau, Leningrad und Stalingrad, die mehr als zwei Jahrzehnte spä-
ter die ganze Welt in Erstaunen setzen sollten.
Die Versuche der sowjetischen Diplomatie, der faschistischen Ge-
fahr durch die Schaffung eines kollektiven Sicherheitssystems in
Europa zu begegnen, scheiterten an der Haltung der Westmächte,
die auf einen deutsch-sowjetischen Krieg spekulierten. Frankreich
und Großbritannien ließen sich sogar 1939/40 noch dazu hinreißen,
militärische Operationen nicht gegen Deutschland, mit dem sie
sich im Kriegszustand befanden, sondern gegen die UdSSR zu pla-
nen. Für ihre Kurzsichtigkeit mußten sie teuer bezahlen. Aber
Hitler nutzte die im Ergebnis seiner "Blitzsiege" eingetretenen
Verschiebungen des Kräfteverhältnisses in Europa keineswegs für
eine Landung auf den britischen Inseln oder für eine Offensive im
Mittelmeerraum. Er wandte sich nach Osten, um die Sowjetunion zu
vernichten, die er schon in "Mein Kampf als eigentliches und bei
weitem wichtigstes Objekt seiner Aggressionspolitik bezeichnet
hatte. 7)
Den Hitlerfaschisten erschienen die Voraussetzungen,
"Sowjetrußland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen" 8), so
günstig wie nie zuvor. 1941 beherrschten sie den europäischen
Kontinent vom Atlantik bis zum Bug. Die Wehrmacht, die nur sechs
Wochen benötigt hatte, um die französische Armee zu schlagen und
die britische vom Kontinent zu vertreiben, verfügte über eine
enorme Kampfkraft. Abgesehen von zweitklassigen Besatzungs- und
Küstenschutztruppen sowie drei Divisionen, die in Nordafrika im
Kampf standen, waren faktisch die gesamten deutschen Landstreit-
kräfte (dazu noch ca. 50 Divisionen und Brigaden der Satelliten
des faschistischen Deutschland) für das Unternehmen "Barbarossa"
verfügbar. Die Lage der Sowjetunion wurde dadurch weiter kompli-
ziert, daß sie gezwungen war, starke Truppen zur Sicherung ihrer
Grenzen gegen Japan und die Türkei abzuzweigen - allein im Fernen
Osten standen während des Krieges stets 40-50 sowjetische Divi-
sionen.
Auch in ökonomischer Hinsicht war das Kräfteverhältnis für den
Angreifer günstig. 1937 hatte die sowjetische Industrieproduktion
dem Gesamtumfang nach die deutsche schon zu fast neun Zehnteln
erreicht. 9) 1938 war den Nazis dann die Industrie Österreichs
und der Tschechoslowakei in die Hände gefallen. Zwischen Herbst
1939 und Frühjahr 1941 wurden Polen, Dänemark, Norwegen, Frank-
reich, die Benelux-Staaten, Jugoslawien und Griechenland besetzt.
Weitere Länder (Italien, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Finnland
und mit Einschränkungen auch Spanien) waren mit Deutschland
verbündet oder belieferten (wie die Schweiz und Schweden) seine
Kriegsmaschinerie. Sicherlich konnte das Wirtschaftspotential des
faschistischen Machtbereichs bei weitem nicht vollständig für den
Krieg ausgenutzt werden. Gleichwohl übertraf die schwerindu-
strielle Basis des Hitlerfaschismus 1941 die der UdSSR um das
Zwei- bis Zweieinhalbfache. Dieser Vorsprung vergrößerte sich
noch wesentlich, als die Wehrmacht in den ersten Kriegsmonaten
ein Gebiet eroberte, in dem vorher u.a. 63% der Steinkohle und
58% des Stahls der UdSSR produziert worden war. 10)
Warum ging die Rechnung der Aggressoren dennoch nicht auf? Vor
allem hatten sie die politische Potenz der sozialistischen Ge-
sellschaftsordnung gewaltig unterschätzt. Die hohe Kampfmoral der
Soldaten, der Arbeitsenthusiasmus der Werktätigen, der auch durch
den schlimmsten Terror nicht zu brechende Widerstandsgeist der
Bevölkerung in den zeitweilig okkupierten Gebieten, die Festig-
keit des Hinterlandes - das waren die Hauptfaktoren der sowjeti-
schen Stand- und Sieghaftigkeit. Mit dem gleichen Elan wie 1917-
22 wurde die Leninsche Losung "Alles für die Front, alles für den
Sieg" auch 1941-45 in die Tat umgesetzt. Politisch-moralische
Überlegenheit verwandelte sich letztendlich auch in materielle.
Tabelle 1 läßt das Ausmaß des ökonomischen Übergewichts des Ag-
gressors erkennen. Sie zeigt aber auch, daß die sozialistischen
Fabriken trotzdem wesentlich mehr Waffen produzierten als die fa-
schistischen. Um einmal die Größenordnung zu verdeutlichen: Fak-
tisch wurden in der Sowjetunion aus der gleichen Menge Stahl
sechsmal so viele Panzer hergestellt wie in Hitlerdeutschland -
und bessere dazu! Hier zeigt sich geradezu exemplarisch der hohe
Grad der Leistungskraft und der Belastbarkeit der sozialistischen
Ordnung.
Tabelle 1:
Industrie- und Rüstungsproduktion der Sowjetunion und Hitler-
deutschlands 11)
Jahresdurchschnittliche Produktion 1941-1945
Sowjetunion Deutschland Zahlen-
Verhältnis
Stahl *) 11,3 33,4 0,34 : 1
Kohle *) 113,7 537,7 0,21 : 1
Panzer und Selbstfahr-
lafetten **) 23,8 12,4 1,92 : 1
Flugzeuge **) 27,0 19,7 1,37 : 1
_____
*) in Mio t
**) in 1.000 Stück
Es waren in erster Linie diese sowjetischen Waffen, die die mili-
tärische Macht des Nazi-Faschismus brachen. Der ganze Verlauf des
Krieges seit 1941 ist eine einzige Bestätigung der ausschlagge-
benden Rolle der Sowjetarmee beim Sieg über den Faschismus. Ta-
belle 2 mag diesen Tatbestand anhand der Verteilung der deutschen
Streitkräfte und ihrer Verluste auf die verschiedenen Fronten
auch quantitativ demonstrieren.
Tabelle 2:
Deutsche Streitkräfte und Verluste an den Fronten des 2. Welt-
krieges (in %) 12)
Deutsche Landstreitkräfte im Einsatz Deutsch-sowjet. Übrige
Front Fronten
- Juni 1941 70 1
- Januar 1942 70 1
- Januar 1943 71 2
- Januar 1944 63 6
- Juli 1944 52 29
- Januar 1945 61 35
Deutsche Kriegsverluste
- Truppen 80 20
- Material 75 25
Während an der Ostfront vom ersten bis zum letzten Kriegstag er-
bitterte Kämpfe stattfanden, standen die Westmächte lange Zeit
"Gewehr bei Fuß". Die USA und Großbritannien wollten ihre eigenen
Verluste möglichst gering halten. Es kam ihnen sehr gelegen, daß
ihre sowjetischen Verbündeten die deutsche Offensivkraft im we-
sentlichen allein brechen mußten. Ihnen ging es vor allem darum,
aus dem Krieg möglichst ungeschwächt hervorzugehen, um so den
entscheidenden Einfluß auf das Nachkriegsgeschehen ausüben zu
können. Deshalb verzögerten sie die Eröffnung der für 1942 fest
zugesagten zweiten Front bis 1944. Sie setzten das Gros ihrer
Landstreitkräfte erst dann auf dem europäischen Kontinent ein,
als sie erkannten, daß die UdSSR andernfalls den Krieg aus eige-
ner Kraft beenden würde.
Man mag heute geteilter Meinung darüber sein, ob Großbritannien
im Sommer 1941, also noch vor dem Kriegseintritt der USA, zu ei-
ner erfolgreichen Großlandung an der französischen Küste imstande
gewesen wäre. Aber beispielsweise in Nordnorwegen hätte eine bri-
tische Landungsoperation zu diesem Zeitpunkt ohne weiteres durch-
geführt werden und der Sowjetunion wenigstens etwas Entlastung
bringen können. Spätestens ab Sommer 1942, als rund drei Viertel
des deutschen Heeres an der Ostfront gebunden und angloamerikani-
sche Millionen-Armeen frei verfügbar waren, wäre die Invasion in
Westeuropa zweifellos möglich gewesen. Aus Tabelle 2 ist ersicht-
lich, daß die Kämpfe in Nordafrika und Italien die Verteilung von
Hitlers Divisionen nur wenig beeinflußten. Bis in das Jahr 1944
hinein band die - maßgeblich von Kommunisten getragene - antifa-
schistische Widerstands- und Partisanenbewegung stärkere deutsche
Kräfte als die Armeen der westlichen Alliierten.
Bei ihren Materiallieferungen achteten die Westmächte sorgfältig
darauf, daß die Sowjetunion dadurch nicht in die Lage versetzt
würde, den Aggressor schnell vernichtend zu schlagen. 13) Sie
gingen sogar so weit, bei ihren Bombenangriffen ganz bewußt sol-
che Ziele auszusparen, deren Zerstörung die Operationen der Wehr-
macht an der Ostfront ernsthaft behindert hätte. Beispielsweise
vermieden es die alliierten Luftflotten bis zum Mai 1944 pein-
lichst, die eigentliche Achillesferse der faschistischen Kriegs-
rüstung - die Anlagen zur synthetischen Treibstofferzeugung - an-
zugreifen. In einer Denkschrift des deutschen Luftwaffengeneral-
stabs wurde die "ungeklärte und undurchsichtige Frage, warum der
Anglo-Amerikaner diese Anlagen noch nicht zerschlagen hat", zu
Recht mit der Vermutung beantwortet, "daß er es vielleicht des-
halb nicht tut, um Deutschland nicht außerstande zu setzen, den
Krieg gegen Rußland weiterzuführen, da ein Abringen der deutschen
und russischen Kräfte gegeneinander in seinem Interesse liegt".
14)
Objektiv lag dieses Verhalten gar nicht so weit von der Linie des
damaligen Vizepräsidenten und späteren Präsidenten der USA, Tru-
man, entfernt, der unmittelbar nach dem 22.6.1941 seiner Hoffnung
Ausdruck gegeben hatte, daß sich die Russen und Deutschen "soviel
als möglich gegenseitig töten". 15) Auch unter den Bedingungen
der Antihitlerkoalition trat die klassenmäßig bedingte antisowje-
tische Grundhaltung des US-amerikanischen und britischen Imperia-
lismus immer wieder zutage. 16)
Das konstante Bemühen der bürgerlichen Propaganda, die ausschlag-
gebende Bedeutung der sowjetischen Kriegsanstrengungen zu leug-
nen, steht im Gegensatz zu eigenen Einschätzungen aus der Kriegs-
zeit. Im Februar 1942 etwa stellte der damalige Chef der Operati-
onsabteilung des Generalstabs des Heeres und spätere Präsident
der USA, Eisenhower, fest, daß ein "Zusammenbruch der Roten Armee
... Großbritannien und den Vereinigten Staaten wenig Aussicht auf
einen Sieg in Nordwesteuropa lassen" würde. 17)
Nicht nur das: Wenn die Sowjetunion in den entscheidenden Jahren
1941 und 1942 nicht standgehalten hätte, dann hätte niemand
standgehalten. Dann hätte das reaktionärste und gefährlichste
Terrorsystem, das der Imperialismus je hervorgebracht hat, zumin-
dest ganz Europa unterjocht. Die sozialistische Sowjetunion hat
durch ihren entscheidenden Beitrag zur Zerschlagung des Hitlerfa-
schismus die menschliche Zivilisation vor der Barbarei gerettet.
Sie hat dadurch einen Einfluß auf die ganze Richtung der Weltge-
schichte genommen, der größer und bedeutungsvoller war als der
irgendeines anderen Landes.
Angesichts ihres vergleichsweise zurückhaltenden militärischen
Engagements kamen die Westalliierten im 2. Weltkrieg mit Verlu-
sten davon, die nur einen Bruchteil der sowjetischen betrugen. In
materieller Hinsicht profitierten die Vereinigten Staaten sogar
vom Krieg. Tabelle 3 mag einen Eindruck der unterschiedlichen
Kriegsfolgen für die beiden Hauptmächte der Antihitlerkoalition
vermitteln.
Tabelle 3:
Kriegsfolgen für die UdSSR und die USA 18)
UdSSR USA
Kriegstote > 20 Mio 405 000
Kriegszerstörungen in Mrd. Rubel 679 0
Bevölkerung 1945 in % von 1940 85 *) 106
Reales Nationaleinkommen
1945 in % von 1940 83 174 *)
_____
*) Schätzung
20 Millionen Kriegstote - diese Zahl entspricht in etwa der heu-
tigen Bevölkerung Bayerns und Baden-Württembergs. Und wer sich
unter Kriegsschäden von 679 Mrd. Rubel nichts vorstellen kann:
Das bedeutete die Zerstörung von mehr als 1700 Städten, 70000
Dörfern, 32 000 Industriebetrieben und 127000 Bildungseinrichtun-
gen. 19)
Die herrschenden Kreise Washingtons waren sich über die kräftepo-
litische Bedeutung der unterschiedlichen Auswirkungen des Krieges
im klaren. Sie waren aber seinerzeit realistisch genug, ihre Mög-
lichkeiten nicht zu überschätzen. Bereits 1944 gelangte der Gene-
ralstab in Einschätzungen für das Außenministerium zu dem Schluß:
"Wir können unter den gegenwärtig bestehenden Bedingungen nicht
Rußland schlagen." "Als militärische Großmächte ersten Ranges
kommen nach der Niederlage Japans nur die USA und die UdSSR in
Frage.... die relative Stärke und die geographische Lage dieser
beiden Mächte geben keiner die Möglichkeit, der anderen, und sei
es im Bunde mit dem British Empire, eine Niederlage beizubrin-
gen." 20)
Jeder mag selbst seine Schlüsse daraus ziehen, daß sich die USA-
Regierung 1944 mit den Aussichten eines sowjetisch-amerikanischen
Krieges beschäftigte. Jedenfalls war die zitierte Einschätzung
zutreffend. Die UdSSR ging aus dem Kampf gegen den Faschismus als
eine Weltmacht hervor, die die Gestaltung der Nachkriegsordnung
sowohl in Europa als auch in Asien wesentlich mitbestimmte. Und
die Veränderungen der Zeit nach 1945 haben ihren eigentlichen
Ausgangspunkt allesamt in jener Verschiebung der internationalen
Kräfteverhältnisse, die die Sowjetunion mit ihrem ausschlaggeben-
den Beitrag zum Sieg über Hitler einleitete.
2. Die Hauptkraft des revolutionären Weltprozesses
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Die Sowjetarmee befreite einen großen Teil Europas von der fa-
schistischen Herrschaft. Sie verhinderte, daß die Westmächte dort
die gesellschaftlichen Verhältnisse der Vorkriegszeit wiederher-
stellten. Der "weiße Terror" eines Horthy, der 1919 die ungari-
sche Räterepublik zerschlagen hatte, blieb den Völkern Ost- und
Südosteuropas nach 1945 erspart. Nur in Griechenland, wo der bri-
tische Premierminister Churchill bereits zu Weihnachten 1944 den
bewaffneten Kampf gegen die antifaschistischen Kräfte in Gang
setzte, kam die Reaktion zum Zuge.
Im einzelnen waren Ausgangsbedingungen und Verlauf der gesell-
schaftlichen Umwälzungen in Polen, der Tschechoslowakei, Rumä-
nien, Bulgarien, Ungarn, Jugoslawien, Albanien und in der damali-
gen sowjetischen Besatzungszone Deutschlands sehr unterschied-
lich. Der komplizierte Weg zur volksdemokratischen und später zur
sozialistischen Ordnung mußte von den Völkern und ihren revolu-
tionären Kräften selbst gegangen werden. Aber dieser Weg war
durch die Macht der Sowjetunion doch gegen jede Intervention von
außen zuverlässig abgeschirmt. Insofern haben die Rotarmisten,
die Hitler schlugen, nicht nur die Sowjetmacht gerettet, sondern
auch den Weg für den Sieg der volksdemokratischen und sozialisti-
schen Revolutionen jenseits der sowjetischen Grenzen gebahnt.
Die Sowjetunion schuf wesentliche Voraussetzungen für tiefgrei-
fende gesellschaftliche Veränderungen auch außerhalb Europas. Be-
reits seit den 20er und 30er Jahren hatte sie dem mongolischen
Volk beim Kampf gegen seine inneren und äußeren Feinde wie bei
der Schaffung der materiellen Grundlagen für eine nichtkapitali-
stische Entwicklung geholfen. Gewaltige Bedeutung hatte die so-
wjetische Unterstützung für China: in den 20er Jahren beim Kampf
der antifeudalen und antiimperialistischen Kräfte gegen die Reak-
tion, in den 30er Jahren bei der Verteidigung gegen die japani-
schen Aggressoren, 1945 bei der endgültigen Zerschlagung des mi-
litaristischen Japan, danach beim Sieg der Revolution und beim
sozialistischen Aufbau. Die Sowjetunion schützte den Prozeß revo-
lutionärer Umgestaltungen im nördlichen Teil der koreanischen
Halbinsel. Sie half dem vietnamesischen Volk wie den anderen Völ-
kern Indochinas in den 50er, 60er und 70er Jahren entscheidend
beim Kampf gegen die französische und vor allem die US-amerikani-
sche Aggression. Ohne sie hätte die kubanische Revolution kaum
überleben können, hätten - um nur einige Beispiele zu nennen -
die Völker Äthiopiens, Angolas und Afghanistans heute kaum die
Möglichkeit, sich auf einen sozialistischen Weg zu orientieren.
So abstrakt und unhistorisch die Frage "Was wäre gewesen, wenn
...?" an sich auch sein mag - in diesem Zusammenhang lohnt es
sich, sie zu stellen. Wie würde die politische Weltkarte ohne die
inzwischen fast sieben Jahrzehnte existierende Sowjetmacht heute
aussehen? Die Antwort auf diese Frage ist eindeutig. Oft genug
haben sowjetische Waffen den Ausschlag gegeben, wenn es den Ex-
port der Konterrevolution zu verhindern galt. Und wo immer es
bisher darum ging, materielle Voraussetzungen für eine Beschleu-
nigung des gesellschaftlichen Fortschritts zu schaffen, hat die
Wirtschaftskraft des ersten sozialistischen Staates der Ge-
schichte bei der Inangriffnahme dieser Aufgabe eine unverzicht-
bare Rolle gespielt.
Die Herausbildung und das Erstarken der sozialistischen Staaten-
gemeinschaft ist der ausschlaggebende Faktor dafür, daß sich das
internationale Kräfteverhältnis nach dem 2. Weltkrieg zunehmend
zuungunsten des Imperialismus verändert hat. Dadurch haben sich
für alle Völker die Bedingungen des Kampfes sowohl um die Erhal-
tung des Friedens als auch um nationale und soziale Befreiung we-
sentlich verbessert. Die sozialistische Staatengemeinschaft mit
der UdSSR an der Spitze ist zur Hauptkraft des revolutionären
Weltprozesses, zum Hauptfaktor der Sicherung des Weltfriedens ge-
worden. Nicht, weil die Kommunisten das in ihren Dokumenten
"behaupten", sondern aufgrund seiner tatsächlichen Einwirkung auf
das Weltgeschehen stellt der reale Sozialismus die größte histo-
rische Errungenschaft aller fortschrittlichen Kräfte der Gegen-
wart dar. Das gilt völlig unabhängig davon, ob diesen das jeweils
bewußt ist oder nicht.
Nach dem 2. Weltkrieg sind von Seiten imperialistischer Kräfte
mehrere Dutzend "lokale Kriege" und konterrevolutionäre Putsche
entfacht worden, die Millionen Menschen das Leben gekostet haben.
21) Aber die meisten Kolonial- und Aggressionskriege endeten mit
Siegen der Volkskräfte. Noch wichtiger ist, daß so mancher lokale
Krieg und vor allem ein weltweiter Atomkrieg verhindert werden
konnte. All das ist untrennbar mit der wachsenden Macht des So-
zialismus verbunden.
Die militärische Führung der USA hat sich seit 1945 ständig mit
Plänen für die Entfachung eines Atomkrieges befaßt. Zu den Grün-
den, die Washington veranlaßt haben, von der Verwirklichung der-
artiger Pläne Abstand zu nehmen, stellt ein Memorandum des Natio-
nalen Sicherheitsrates der USA von 1950 z.B. lapidar fest, daß
man mit den verfügbaren militärischen Kräften "den Kreml nicht
zur Kapitulation zwingen oder bewegen" könne. Und ein US-amerika-
nischer Wissenschaftler, der die Kriegspläne jener Zeit und die
dazu angestellten Berechnungen der militärischen Führungsstäbe im
Detail einsehen konnte, faßt deren Inhalt so zusammen: "Abgesehen
von allem anderen, hätten die Vereinigten Staaten einen solchen
Krieg 1949/50 nicht gewinnen können." 22)
Bereits damals war es die militärische Stärke der UdSSR, die das
Pentagon vor dem Äußersten zurückschrecken ließ. Vor allem die
Brechung des USA-Atomwaffenmonopols im Jahre 1949 warf die ur-
sprünglichen strategischen Kalkulationen über den Haufen. "Mit
einem Schlag", so heißt es dazu in einer militärpolitischen Pu-
blikation aus den USA, "war die gesamte militärische und politi-
sche Situation verändert... Die Möglichkeit der totalen Vernich-
tung des Gegners, an die als Hauptinstrument der Militärmacht wir
uns immer mehr gewöhnt hatten, verlor jetzt die von uns ausgegan-
gene Einseitigkeit. Das ganze Gleichgewicht der Weltpolitik war
einschneidenden und schrecklichen Veränderungen unterworfen ...
Das war eine Krise - eine intellektuelle, moralische und techni-
sche Krise, welche gewöhnliche Krisen in den internationalen Be-
ziehungen bei weitem übertrifft." 23)
Seit Mitte der 50er Jahre mußten die Vereinigten Staaten dann da-
von ausgehen, daß jeder Angriff auf die Sowjetunion einen ver-
nichtenden Gegenschlag auf das eigene Territorium zur Folge haben
würde. Diese ernüchternde Erkenntnis hat realistisch denkende
bürgerliche Politiker in der Folgezeit dazu veranlaßt, die Prin-
zipien der friedlichen Koexistenz von Staaten unterschiedlicher
Gesellschaftsordnung de facto anzuerkennen.
Erstmalig wurde die Herausbildung einer solchen neuen weltpoliti-
schen Kräftekonstellation 1956 auf dem XX. Parteitag der KPdSU
festgestellt: "Bisher war es so, daß die am Krieg nicht Interes-
sierten und gegen den Krieg auftretenden Kräfte schwach organi-
siert waren und keine Mittel hatten, um ihren Willen den Plänen
der Kriegsbrandstifter entgegenzustellen ... Heute existieren
mächtige gesellschaftliche und politische Kräfte, die über bedeu-
tende Mittel verfügen, um die Entfesselung eines Krieges durch
die Imperialisten nicht zuzulassen." 24)
Die in der Tat bedeutenden Mittel, über die insbesondere die so-
zialistische Staatengemeinschaft verfügt, begannen bereits zu je-
ner Zeit auch zu einem Faktor zu werden, der die Möglichkeit des
Imperialismus, in Asien, Afrika und Lateinamerika seine Ziele mit
militärischen Mitteln durchzusetzen, zunehmend einschränkte. Be-
reits damals begann der Zwang wirksam zu werden, den Ländern der
"Dritten Welt" in politischer und ökonomischer Hinsicht zumindest
gewisse Konzessionen zu machen.
Das offenbarte sich erstmals schlaglichtartig Mitte der 50er
Jahre, als ein Land wie Ägypten es nicht mehr nötig hatte, die
drückenden Bedingungen der USA für den Bau des Assuan-Staudamms
anzunehmen. Die Sowjetunion erklärte sich bereit, dieses lebens-
wichtige Bauwerk zu errichten. Und als Großbritannien und
Frankreich die Verstaatlichung des Suez-Kanals und darüber hinaus
den gesamten Prozeß der ägyptischen Revolution mit Gewalt rück-
gängig zu machen versuchten, erwies sich ihre Überlegenheit ge-
genüber dem militärisch schwachen Ägypten letztendlich als nutz-
los. Die entschlossene Haltung der UdSSR ließ das Suez-Abenteuer
von 1956 innerhalb weniger Tage wie ein Kartenhaus zusammenbre-
chen.
Der Prozeß des Zerfalls des imperialistischen Kolonialsystems wie
auch das weitere Erstarken der Kräfte der nationalen Unabhängig-
keit und des gesellschaftlichen Fortschritts in den ehemaligen
Kolonien und Halbkolonien sind in mehrfacher Hinsicht durch den
realen Sozialismus wesentlich beeinflußt worden. Die britische
und die französische Bourgeoisie haben "ihre" Kolonien nicht aus
freien Stücken aufgegeben. Sie taten das, weil sie schließlich
begriffen, daß die Kolonialherrschaft gegen den Willen einer von
der sozialistischen Staatengemeinschaft unterstützten nationalen
Befreiungsbewegung nicht aufrechtzuerhalten war.
Der Handlungsspielraum der Kolonialmächte war in den 50er und
60er Jahren auch dadurch eingeengt, daß sie sich entscheiden muß-
ten, wo sie ihre - begrenzten - Kräfte einsetzen sollten. Anfang
der 60er Jahre unterhielt Frankreich beispielsweise bis zu
800.000 Soldaten in Algerien - 60% mehr als die heutige Gesamt-
stärke der französischen Streitkräfte. 25) Ein ganz wesentlicher
Grund für die Räumung Nordafrikas war die gesamt-imperialistische
Strategie, die verfügbaren Truppen nicht in Kolonialkriegen zu
verzetteln, sondern an der europäischen Hauptfront gegen die so-
zialistischen Länder zu konzentrieren.
Gegen Ende der 50er Jahre waren die ökonomische und militärische
Macht sowie der internationale Einfluß der sozialistischen Staa-
tengemeinschaft so angewachsen, daß sich die weltpolitische Lage
wesentlich verändert hatte. Zunehmend erwies sich jetzt der So-
zialismus als bestimmende Kraft der weltgeschichtlichen Entwick-
lung. Damit trat die allgemeine Krise des Kapitalismus in ihre
dritte Etappe ein, zu deren herausragenden Merkmalen die Heraus-
bildung eines annähernden militärstrategischen Gleichgewichts in
der Welt und die Zerschlagung des imperialistischen Kolonialsy-
stems gehört. Die Auswirkungen dieser weltpolitischen Veränderun-
gen kamen dann vor allem in den 70er Jahren zum Tragen.
Heute ist der Manövrierraum des Imperialismus gegenüber den na-
tional befreiten Staaten wesentlich eingeschränkt. Nicht zuletzt
beweist das die Hinnahme der faktischen Nationalisierung der Öl-
quellen des Nahen Ostens und der Vervielfachung der Rohölpreise
in den 70er Jahren. Das war der bisher wohl schwerste Schlag ge-
gen die ökonomischen Überreste des Kolonialsystems - mit außeror-
dentlich tiefgreifenden Auswirkungen auf die ganze kapitalisti-
sche Weltwirtschaft. Derartige Prozesse der Emanzipation der Ent-
wicklungsländer konnten und können vor allem deshalb erfolgreich
sein, weil die Sowjetunion und die sozialistische Gemeinschaft
existieren, die über vielfältige Möglichkeiten verfügen, den Völ-
kern gegen Boykotte, Embargos und Aggressionen des Imperialismus
wirksam beizustehen.
Indem es gelungen ist, den Imperialismus zu einer Politik der
friedlichen Koexistenz zu zwingen, konnte zwar nicht jeder Krieg,
aber doch ein allgemeines atomares Inferno verhindert und damit
das Überleben der Menschheit gesichert werden. Darüber hinaus
wirkte und wirkt die Politik der friedlichen Koexistenz "den Ver-
suchen des Imperialismus entgegen, seine inneren Widersprüche
durch die Verschärfung der internationalen Spannungen und durch
das Schüren von Kriegsherden zu überwinden. Diese Politik bedeu-
tet weder die Aufrechterhaltung der bestehenden sozialen und po-
litischen Verhältnisse noch eine Abschwächung des ideologischen
Kampfes. Sie trägt zur Entwicklung des Klassenkampfes gegen den
Imperialismus im nationalen und internationalen Maßstab bei." 26)
Die Richtigkeit dieser Feststellung der Internationalen Beratung
der kommunistischen und Arbeiterparteien von 1969 wird durch die
Entwicklung der 70er Jahre vollauf bestätigt. In dieser Zeit
siegten die Völker von Vietnam, Laos, Kampuchea, Angola, Mozambi-
que, Äthiopien, Simbabwe, Afghanistan, wurden die faschistischen
Regimes in Griechenland, Portugal und Spanien beseitigt, wurden
in Nicaragua Somoza und im Iran der Schah gestürzt. In dieser
Zeit wanderten mit der CENTO und der SEATO immerhin zwei der im-
perialistischen Militärpakte auf den Müllhaufen der Geschichte.
In dieser Zeit wurde in entwickelten kapitalistischen Ländern wie
der Bundesrepublik der Einfluß reaktionären Gedankenguts wesent-
lich zurückgedrängt, gewannen demokratische und auch linke Kräfte
einen größeren Freiraum. Es ist deshalb nicht schwer zu verste-
hen, warum die herrschenden Kreise der imperialistischen Länder
von den Ergebnissen der internationalen Entspannung "enttäuscht"
sind.
Die positive Einwirkung des realen Sozialismus auf die Kampfbe-
dingungen - aber auch auf die allgemeinen Existenz- und Lebensbe-
dingungen - der Arbeiterklasse und der anderen demokratischen
Kräfte in den entwickelten kapitalistischen Ländern ist viel-
leicht weniger spektakulär, aber nicht weniger schwerwiegend als
die entsprechende Einwirkung auf die Kampfbedingungen der natio-
nalen Befreiungsbewegung bzw. der national befreiten Staaten. 40
Friedensjahre auf dem europäischen Kontinent sind zuallererst ein
Ergebnis der friedensgebietenden Macht der regierenden Arbeiter-
klasse. Und vor allem durch die Existenz einer sozialistischen
Staatengemeinschaft wird die europäische Bourgeoisie davon abge-
halten, heute jene brutalen Methoden zu praktizieren, die ihre
Wirtschafts- und Sozialpolitik etwa in den 20er und 30er Jahren
kennzeichneten.
Bei allen Klassenauseinandersetzungen in den entwickelten kapita-
listischen Ländern ist der reale Sozialismus mit von der Partie.
Immer mehr fällt ins Gewicht, daß die Länder, in denen das Pro-
fitprinzip nicht mehr gilt, imstande sind, Krisen, Arbeitslosig-
keit, soziale Unsicherheit zu überwinden. Die Bourgeoisie, die
über ein hochentwickeltes Klassen- und Geschichtsbewußtsein ver-
fügt, weiß sehr genau, daß ihre Herrschaft heute mehr denn je da-
von abhängt, ob sie die arbeitenden Menschen durch materielle Zu-
geständnisse gegen das Beispiel des Sozialismus "immunisieren"
kann. Die gegenwärtigen sozialen Errungenschaften der westeuropä-
ischen Arbeiterklasse sind ganz wesentlich mit darauf zurückzu-
führen, daß eine Zuspitzung der Klassengegensätze bis zum äußer-
sten für die Herrschenden heute politisch riskanter ist denn je
zuvor.
Am ausgeprägtesten ist diese Konstellation wohl in der kapitali-
stischen Bundesrepublik Deutschland gegeben, die unmittelbar an
die sozialistische Deutsche Demokratische Republik grenzt. Daß
ausgerechnet in der Bundesrepublik der Antikommunismus besonders
weit verbreitet und tief verwurzelt ist, wird immer wieder als
Beweis für die angeblich fehlende Beispielwirkung des realen So-
zialismus angeführt. In Wirklichkeit besagt der bisherige Verlauf
der Systemauseinandersetzung auf deutschem Boden etwas ganz an-
deres:
Der Sozialismus hat in einem Teil des ehemaligen Deutschen Rei-
ches gesiegt. Alle Versuche, das zu verhindern bzw. wieder rück-
gängig zu machen, sind gescheitert. Das ist der Hauptinhalt der
Entwicklung auf deutschem Boden in den vergangenen vier Jahrzehn-
ten. Das stellt die größte Niederlage des deutschen Monopolkapi-
tals nach dem verlorenen 2. Weltkrieg dar.
Allerdings ist die deutsche Bourgeoisie nach 1945 imstande gewe-
sen, ihre Herrschaft auf dem Gebiet der einstigen westlichen Be-
satzungszonen zu stabilisieren. Aber die mit diesem Restaurati-
onsprozeß verbundene sozialpartnerschaftliche und antikommunisti-
sche Indoktrinierung der Bevölkerung ist auf das Wirken konkreter
historischer Faktoren zurückzuführen, die ihren Ursprung in einem
internationalen Kräfteverhältnis haben, das sich in der unmittel-
baren Nachkriegszeit herausbildete, seither aber zunehmenden Ver-
änderungen unterliegt.
Die politischen Auswirkungen der faschistischen Ideologie und der
Beteiligung von Millionen Deutschen am Hitlerkrieg waren geradezu
katastrophal. Dazu wurde in Deutschland (anders als etwa in
Frankreich oder Italien) die Stellung der Kommunisten dadurch we-
sentlich erschwert, daß diese im Bewußtsein der meisten Menschen
"auf der anderen Seite" gestanden hatten - und zwar sowohl wäh-
rend des Krieges als auch bei der Festlegung der Nach-kriegs-
grenzen. Dazu kam schließlich, daß für die Restauration der
kapitalistischen Ordnung nicht nur politisch, sondern auch
ökonomisch wesentlich günstigere Ausgangsbedingungen gegeben
waren als für den Aufbau des Sozialismus. Infolgedessen konnte
der Westen einen deutlich höheren Standard des individuellen
Konsums bieten. 27)
Die ökonomischen, politischen und vor allem die bewußtseinsbil-
denden Wirkungen dieser historischen Faktoren sind sicher noch
nicht erschöpft. Aber ihre Wirksamkeit nimmt ab, weil sie Kräfte-
verhältnisse widerspiegeln, die mehr und mehr der Vergangenheit
angehören. Und die ganz offenkundigen Veränderungen im politi-
schen Klima der Bundesrepublik, die zunehmende Aktivität demokra-
tischer Kräfte und Bewegungen seit Ende der 60er Jahre sind nicht
zuletzt Ausdruck für die nachlassende Wirkung der Realitäten des
Faschismus und der ersten Nachkriegsjahre, für das wachsende Ge-
wicht der neuen Kräfte-Realitäten in Politik wie Ökonomie. Auch
für unser Land gilt, "daß die nichtsozialistische Welt bereits
nicht mehr ausschließlich ihren inneren Gesetzmäßigkeiten unter-
worfen ist", daß zunehmend "neue, mit dem Wachstum des Sozialis-
mus zusammenhängende Gesetzmäßigkeiten des revolutionären Welt-
prozesses" zur Geltung kommen. 28)
3. Entwicklungstendenzen im internationalen Kräfteverhältnis
------------------------------------------------------------
In dem Vorwort zu dem "Atlas für Politik, Wirtschaft, Arbeiterbe-
wegung" des marxistischen Geographen Alexander Radó wird Hegels
Satz von der "Geographie als Unterlage der Weltgeschichte" zi-
tiert. 29) Dieser Atlas von 1930 ist immer noch eine faszinie-
rende Lektüre - besonders, wenn man die in ihm enthaltenen Karten
mit denen der Gegenwart vergleicht. Gerade ein solcher Vergleich
macht das gewaltige Ausmaß deutlich, in dem sich die "Unterlage
der Weltgeschichte" seither verändert hat. Tabelle 4 versucht,
die globalen Veränderungen, die sich im Gefolge der Zerschlagung
des Faschismus vor 40 Jahren vollzogen haben, anhand einiger
Kennziffern zu verdeutlichen.
Tabelle 4 läßt die herausragenden historischen Entwicklungspro-
zesse nach 1945 und die damit verbundene Verschärfung der allge-
meinen Krise des Kapitalismus deutlich erkennen: Die Herausbil-
dung des sozialistischen Weltsystems und die beginnende Entkolo-
nialisierung führten bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit
dazu, daß der Anteil der kapitalistischen Industriestaaten und
ihrer Kolonien an der Weltbevölkerung von über 60% auf unter 30%
absank. Die endgültige Zerschlagung des imperialistischen Koloni-
alsystems und die Erweiterung des sozialistischen Weltsystems um
vier weitere Länder in den 50er, 60er und 70er Jahren reduzierten
diesen Anteil weiter auf unter 20%. Zu Beginn der 80er Jahre le-
ben nur noch 0,3% der Weltbevölkerung unter den Bedingungen der
Kolonialherrschaft - gegenüber 33% vor dem 2. Weltkrieg. Die Zahl
der souveränen Staaten hat sich gegenüber der Vorkriegszeit mehr
als verdoppelt.
Tabelle 4:
Eine universelle Revolution mit universellem Terrain Veränderun-
gen der politischen Weltkarte 30)
Sozialistische Nichtsozialistische
Welt: Welt:
insgesamt davon : kapit. Indu- sonst nicht-
UdSSR bzw. striestaaten sozialist.
RGW einschl. Staaten
Kolonien
Zahl der Staaten
- 1937 2 1 *) 39 32
- 1950 12 8 30 43
- 1980 16 10 33 118
%-Anteil an der
Landfläche der Erde
- 1937 17 16 *) 57 26
- 1950 26 17 46 28
- 1980 26 19 26 48
%-Anteil an der
Weltbevölkerung
- 1937 8 8 *) 64 28
- 1950 35 11 29 36
- 1980 33 10 18 49
_____
*) UdSSR
Natürlich muß man bei Tabelle 4 berücksichtigen, daß das Machtpo-
tential der Volksrepublik China gegenwärtig nicht zugunsten der
sozialistischen Staatengemeinschaft zu Buche schlägt. Aber es
kommt auch nicht ohne weiteres dem Imperialismus zugute - wie das
der Fall wäre, wenn die Nachfolger Tschiang Kai-sheks noch auf
dem chinesischen Festland das Sagen hätten.
Tabelle 4 wird auch dadurch relativiert, daß die imperialisti-
schen Staaten die "Dritte Welt" mit den Methoden des Neokolonia-
lismus ausplündern. Aber zwischen den heutigen Entwicklungslän-
dern und den früheren Kolonien und Halbkolonien bestehen doch be-
trächtliche Unterschiede. Um nur ein einziges Beispiel herauszu-
greifen: Für den britischen Imperialismus macht es einen gewalti-
gen Unterschied aus, ob er heute in Indien einen begrenzten poli-
tischen und ökonomischen Einfluß ausübt oder (wie das bis zum 2.
Weltkrieg möglich war) die Ressourcen und Menschenmassen dieses
Subkontinents nach Belieben ausbeuten und als Kanonenfutter miß-
brauchen kann.
Alles in allem kann man mit Fug und Recht feststellen: Die Macht-
positionen, über die der Imperialismus vor der Großen Sozialisti-
schen Oktoberrevolution verfügte, sind heute auf gut drei Vier-
teln der Erde entweder zerschlagen oder doch beträchtlich einge-
schränkt.
Das ist vor allem das Ergebnis des Wirkens der sozialistischen
Staaten, der internationalen kommunistischen und Arbeiterbewe-
gung, die sich auf allen Kontinenten entfaltet, und der nationa-
len Befreiungsbewegung Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. Gerade
nach 1945 hat sich bestätigt, daß der weltrevolutionäre Prozeß
sowohl "ein Kampf der revolutionären Proletarier eines jeden Lan-
des gegen die eigene Bourgeoisie" als auch "ein Kampf aller vom
Imperialismus unterdrückten Kolonien und Länder, aller abhängigen
Länder gegen den internationalen Imperialismus" ist. 31)
Der bisher größte Erfolg der nationalen Befreiungsbewegung be-
steht in der Zerschlagung des imperialistischen Kolonialsystems.
Der Vormarsch der kommunistischen Weltbewegung ist insbesondere
aus der Erweiterung des sozialistischen Weltsystems, aber auch
daraus ersichtlich, daß die Zahl der kommunistischen und Arbei-
terparteien seit 1928 von 50 auf heute 95, ihre Mitgliedschaft
von 1,7 auf über 80 Millionen gestiegen ist. 32) Dazu kommt eine
wachsende Zahl von anderen fortschrittlichen bzw. revolutionären
Parteien und Bewegungen, die insbesondere in Afrika, im Nahen
Osten und in Lateinamerika einen unübersehbaren politischen Fak-
tor darstellen. Darunter befinden sich - was besonders wichtig
ist - regierende Avantgarde-Parteien sozialistischer Orientie-
rung.
Die herausragende Rolle, die die Kommunisten im revolutionären
Weltprozeß spielen, ergibt sich heute zuallererst aus der Macht
des realen Sozialismus. Dessen Fähigkeit, das Weltgeschehen aktiv
zu beeinflussen, hängt von vielen - materiellen wie politisch-mo-
ralischen - Faktoren ab. Aber gerade heute wird der Verlauf des
weltweiten Kampfes gegen den Imperialismus wesentlich vom weite-
ren Fortgang der ökonomischen Systemauseinandersetzung bestimmt.
Die Fähigkeit des Sozialismus, den noch verbliebenen ökonomischen
Vorsprung der entwickelten kapitalistischen Länder zu verringern,
ist daher ein außerordentlich wichtiger Gradmesser sowohl für
Richtung und Tempo künftiger weltpolitischer Kräfteverschiebungen
als auch für die künftige Attraktivität und Beispielwirkung der
sozialistischen Gesellschaftsordnung.
Als Meßziffer bietet sich dafür in erster Linie die Industriepro-
duktion an: zum einen, weil die materielle Produktion nach wie
vor das Kernstück der Wirtschaft ist; zum anderen, weil Verglei-
che etwa des Sozialprodukts bzw. Nationaleinkommens methodisch
sehr viel schwieriger sind und de facto nicht vorliegen. Tabelle
5 stellt die Entwicklung der Industrieproduktion der UdSSR bzw.
des 1948 gegründeten Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW)
der US-amerikanischen und der Weltindusirieproduktion gegenüber.
Tabelle 5:
Entwicklung der Industrieproduktion im Sozialismus 33)
UdSSR/RGW UdSSR
in % Welt in % USA
1920 < 2 ~ 4
1937 < 10 ~ 27
1950 ~ 17 *) < 30
1980 ~ 33 *) > 80
_____
*) RGW
Es ist durchaus denkbar, daß Tabelle 5 Ungenauigkeiten enthält.
Was aber das mögliche Ausmaß solcher Fehler angeht, so gilt nach
wie vor sinngemäß, was der marxistische Ökonom Eugen Varga zu
entsprechenden Vergleichen 1938 einmal angemerkt hat: "Wir sind
uns vollkommen im klaren darüber, daß die Genauigkeit der Index-
zahlen der industriellen Produktion der Welt gering ist; der Un-
terschied zwischen dem Tempo der Entwicklung der Produktion in
der Sowjetunion und in der kapitalistischen Welt ist aber so ge-
waltig, daß auch noch so große statistische Ungenauigkeiten ihre
Bedeutung verlieren." 34)
Auf das zaristische Rußland waren 1913 etwas mehr als 4% der
Weltindustrieproduktion entfallen. Das entsprach ungefähr einem
Viertel der deutschen und einem Zehntel der US-amerikanischen
Produktion. Zu Beginn der 20er Jahre war der entsprechende sowje-
tische Anteil auf eine Größenordnung von 1-2% abgesunken, während
z. B. bereits Italien nahezu 3% erreichte. Im Ergebnis der ersten
beiden Fünfjahrpläne produzierte die sowjetische Industrie am
Vorabend des 2. Weltkrieges immerhin soviel wie die britische und
näherte sich dem Stand der deutschen. 35)
1945 hatte die Sowjetunion unzweifelhaft den Rang einer Weltmacht
erreicht. Infolge der furchtbaren Kriegszerstörungen betrug ihre
Industrieproduktion aber nur noch 15-20% der US-amerikanischen
36) - gegenüber ca. 27% im Jahr 1937. Diese ungünstigen materiel-
len Ausgangsbedingungen für die Schaffung eines eigenständigen
sozialistischen Weltwirtschaftssystems muß man in Rechnung stel-
len, wenn man die historische Leistung ermessen will, die sich
dahinter verbirgt, daß gegenwärtig auf die im RGW zusammenge-
schlossenen sozialistischen Staaten rund ein Drittel der Weltin-
dustrieproduktion entfällt und die sowjetische Industrieproduk-
tion dem quantitativen Umfang nach bereits über 80% der US-ameri-
kanischen ausmacht. Wenn man den Anteil aller - also auch der
nicht dem RGW angehörenden - sozialistischen Länder (ca. 40%) in
Rechnung stellt, so entfällt auf die entwickelten kapitalisti-
schen Staaten gegenwärtig noch rund die Hälfte der Weltindustrie-
produktion. 37)
Besondere Bedeutung kommt natürlich dem Tempo zu, mit dem die
UdSSR den ökonomischen Vorsprung der USA aufholt. Dieser Prozeß
hat sich als langwieriger und komplizierter erwiesen, als man das
etwa noch zu Beginn der 60er Jahre annahm. Das gilt insbesondere
mit Blick auf die Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit,
obwohl auch hier beträchtliche Fortschritte zu verzeichnen sind:
1950 betrug z. B. die industrielle Arbeitsproduktivität weniger
als 30% der US-amerikanischen - gegenüber gut 55% heute; die In-
dustrie des zaristischen Rußlands brachte es sogar nur auf 11%
des USA-Niveaus. 38) Es ist aber ganz offenkundig, daß der Sozia-
lismus gerade bei der Arbeitsproduktivität (und der Materialöko-
nomie) über beträchtliche Reserven verfügt. Deren konsequente
Nutzung könnte den inzwischen auf knapp ein Fünftel bzw. ein
Drittel zusammengeschmolzenen Vorsprung, über den etwa die USA
heute noch bei der Industrieproduktion bzw. beim Nationaleinkom-
men gegenüber der Sowjetunion verfügen, innerhalb eines histo-
risch kurzen Zeitraums zum Verschwinden bringen.
Immerhin haben bereits die unübersehbaren Veränderungen, die das
internationale ökonomische Kräfteverhältnis bisher erfahren ha-
ben, die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß die Sowjetunion
und andere europäische RGW-Staaten den weniger entwickelten so-
zialistischen Ländern und vielen nicht-sozialistischen Entwick-
lungsländern in wachsendem Maße durch Wirtschaftshilfe beistehen
können. Sie haben der Sowjetunion die Möglichkeit gegeben, in der
zweiten Hälfte der 40er Jahre das Atomwaffenmonopol der USA zu
brechen, in der zweiten Hälfte der 50er Jahre mit der Erschlie-
ßung des Kosmos zu beginnen und dann ein annäherndes militärstra-
tegisches Kräftegleichgewicht in der Welt durchzusetzen.
In den ersten drei Jahrzehnten nach 1945 vollzog sich die inter-
nationale ökonomische Systemauseinandersetzung noch in einer Si-
tuation, da die Wachstumsraten in den kapitalistischen Ländern
relativ hoch waren und die Krisenzyklen vergleichsweise undrama-
tisch verliefen. Mit der weltweiten Zuspitzung der kapitalisti-
schen Krise Mitte der 70er Jahre sind Zustände zurückgekehrt, die
viele seit Anfang der 30er Jahre überwunden glaubten. Elemente
der allgemeinen Krise des Kapitalismus, von zyklischen Überpro-
duktionskrisen, von äußerst komplizierten Strukturkrisen sowie
fast unlösbare Probleme in den internationalen kapitalistischen
Finanzbeziehungen sind eng miteinander verknüpft, haben die
Wachstumsraten drastisch verringert, die Arbeitslosenziffern und
Staatsschulden auf neue Rekordhöhen getrieben. Auswege aus dieser
Misere sind um so weniger in Sicht, als die forcierte Hochrüstung
die Möglichkeiten für eine krisendämpfende Wirtschaftspolitik im-
mer mehr einschränkt.
Sicherlich bleiben auch die sozialistischen Staaten von den Aus-
wirkungen der Zuspitzung der kapitalistischen Krise und der in-
ternationalen Lage (Außenhandel, Kreditzinsen, Rüstungsausgaben
etc.) keineswegs verschont. Insgesamt ist der Kontrast zwischen
der krisenhaften Entwicklung in der Welt des Kapitals und der
ökonomischen Stabilität im Sozialismus jedoch deutlich gewachsen.
In den 70er Jahren war das Wachstum der Industrieproduktion in
den RGW-Staaten mehr als doppelt so hoch wie in den entwickelten
kapitalistischen Ländern. 39) Bei derartigen Unterschieden im
Entwicklungstempo ergeben sich für die ökonomische Systemausein-
andersetzung völlig neue Perspektiven.
Der weitere Verlauf des wirtschaftlichen Wettbewerbs der beiden
Gesellschaftssysteme hat vor allem gewaltige Bedeutung für die
Lösung der Kardinalfrage der Zukunft - nämlich die aggressiven
Kräfte des Imperialismus daran zu hindern, in einer Art von
Panikreaktion auf eine für sie unter den Bedingungen der fried-
lichen Koexistenz ungünstig verlaufende internationale Ent-
wicklung einen atomaren Weltbrand zu entfachen. Daß gerade in den
USA derart extrem abenteuerliche Kräfte in der jüngsten Zeit
stark an Einfluß gewonnen haben, ist ein ernsthaftes Alarm-
zeichen. Die Hoffnungen dieser Abenteurer sind jedoch auf Sand
gebaut. Wenn die Vereinigten Staaten schon in den 50er Jahren
außerstande waren, die Voraussetzungen für einen "siegreichen"
Atomkrieg zu schaffen bzw. die Sowjetunion "totzurüsten", so sind
derartige Ziele in den 80er Jahren noch weniger erreichbar.
Die Fakten zeigen darüber hinaus, daß für den gegenwärtigen ex-
tremistischen Kurs Washingtons keine ausreichende ökonomische Ba-
sis existiert. Unter Reagan sind die Rüstungsausgaben dreimal so
hoch wie etwa unter Nixon, die Haushaltsdefizite aber zehnmal so
hoch. Innerhalb von acht Jahren wird Reagan die Staatsschulden um
ca. 1800 Mrd. Dollar erhöht haben. Das ist doppelt soviel wie die
Schuldenzunahme unter sämtlichen USA-Präsidenten vor ihm. Nach
einem Ansteigen des Handelsbilanzdefizits auf 125 Mrd. Dollar
1984 werden die Vereinigten Staaten bereits 1985 international
nicht mehr in der Position eines Gläubiger-, sondern eines
Schuldnerlandes sein. In der Situation einer tiefen Krise wird
der Hochrüstungs- und Konfrontationskurs mit geliehenem Geld
durchgepeitscht - unter Inkaufnahme einer geradezu astronomischen
Schuldenzunahme und vor allem zu Lasten der gesamten Produktiv-
kraftentwicklung. 40) Diese Politik überfordert die Kräfte der
USA bei weitem. Im Endergebnis wird sie die Machtstellung dieser
Hauptbastion des Weltimperialismus nicht stärken, sondern weiter
untergraben.
Die gegenwärtige Außen-, Militär- und Wirtschaftspolitik der USA
verschärft zudem die Widersprüche im gesamten imperialistischen
Lager. Tabelle 6 gibt einen Anhalt für die Ungleichmäßigkeit der
ökonomischen Entwicklung des Kapitalismus in der Zeit seit dem 2.
Weltkrieg und die daraus resultierenden kräftepolitischen Verän-
derungen.
Tabelle 6:
Ökonomische und militärische Kennziffern imperialistischer Zen-
tren 41)
In % der USA
EG a) Japan EG a) + Japan
Industrieproduktion
- 1960 55 11 66
- 1980 78 29 107
Warenexport
- 1960 152 b) 20 172 b)
- 1980 309 b) 60 369 b)
Truppenstärken
- 1960 81 c) 9 90 c)
- 1980 125 12 137
Militärausgaben
- 1960 18 1 19
- 1980 80 9 89
_____
a) 1960: EG der Sechs; 1980: EG der Zwölf (einschl. Griechenland,
Spanien u. Portugal)
b) Schätzung
c) Von den knapp 2 Mio. Soldaten der damaligen EG-Staaten waren
800.00 französische Soldaten in Algerien gebunden, also für NATO-
Zwecke nicht verfügbar.
Unmittelbar nach Ende des 2. Weltkrieges hatten die Vereinigten
Staaten in der kapitalistischen Welt überhaupt keine ernst zu
nehmenden Konkurrenten. Divergierende Rivalitätszentren existier-
ten faktisch nicht. Selbst anderthalb Jahrzehnte später - als die
Kriegszerstörungen längst beseitigt, die westeuropäische Integra-
tion sowie die offene Remilitarisierung der Bundesrepublik und
Japans schon in Gang gekommen waren - waren die USA ökonomisch
und vor allem militärisch weitaus stärker als die damalige EG und
Japan zusammen.
Zu Beginn dieses Jahrzehnts hat sich das bereits deutlich verän-
dert. Während die EG der Sechs um 1960 lediglich etwas mehr als
die Hälfte der US-amerikanischen Industrieproduktion erreichte,
produziert die EG-Industrie mit demnächst zwölf Mitgliedern jetzt
annähernd vier Fünftel soviel wie die USA-Industrie. Die EG und
Japan zusammen übertreffen ihre "Schutzmacht" bei der Industrie-
produktion heute sogar, ihr Warenexport ist fast viermal so groß.
Auch hinsichtlich der Truppenstärken und Militärausgaben hat sich
das Bild gewandelt. Sicherlich sind die USA aufgrund der Größe
ihres Kernwaffenarsenals immer noch mit Abstand die politische
und militärische Nr. 1 der imperialistischen Welt. Aber die Ent-
wicklung eigenständiger atomarer Kapazitäten in Frankreich und
Großbritannien hat das ursprünglich erdrückende Übergewicht doch
zumindest relativiert.
Mit den Veränderungen des ökonomischen und militärischen Kräfte-
verhältnisses zwischen den verschiedenen Rivalitätszentren gewin-
nen auch deren eigenständige Interessen zunehmend an Gewicht.
Aufgrund ihrer exponierten geographischen Lage und der geringen
Größe ihres Territoriums haben die kleineren imperialistischen
Länder im Falle einer militärischen Auseinandersetzung nicht die
geringste Überlebenschance. Angesichts unzureichender Rohstoff-
vorkommen und der Begrenztheit ihrer Binnenmärkte sind sie von
einem störungsfreien Handel sowohl mit den Entwicklungsländern
als auch mit der sozialistischen Staatengemeinschaft in wesent-
lich höherem Maße abhängig als die USA. Daraus resultieren unver-
meidlich wachsende Meinungsverschiedenheiten und Widersprüche,
die vor allem deshalb wichtig sind, weil sie dem Weltimperialis-
mus die Herstellung einer einheitlichen Front gegen den Sozialis-
mus und die anderen Fortschrittskräfte beträchtlich erschweren.
4. Richtung und Widersprüche des Geschichtsprozesses
----------------------------------------------------
der Gegenwart
-------------
Der Hauptinhalt der gegenwärtigen Epoche tritt "vor allem in Form
des Wettstreits der zwei entgegengesetzten Gesellschaftssysteme
in Erscheinung, die zwar nebeneinander bestehen, aber qualitativ
verschiedene Stadien des Fortschritts der Gesellschaft darstel-
len, deren Vergangenheit und deren Zukunft. Die Entwicklung jeder
der beiden Gesellschaftsformationen verläuft in direkt entgegen-
gesetzter Richtung. Der heutige Kapitalismus gleitet trotz Pro-
duktionswachstum in einzelnen Perioden und technischen Fort-
schritts in den Industrieländern auf einer schiefen Ebene. Das
sozialistische System entwickelt sich in Überwindung bestehender
und entstehender innerer Widersprüche in aufsteigender Linie, er-
starkt im Kampf gegen den Imperialismus."
Der Verfasser dieser Zeilen, der sowjetische Philosoph P. Fedos-
sejew, weist allerdings mit vollem Recht darauf hin, daß man "das
Bild der Entwicklung in der Welt" damit "nicht auf ein verein-
fachtes Schema reduzieren" darf: "Aufsteigende und absteigende
Linie bedeuten nicht irgendeinen gleichmäßigen Aufschwung bzw.
ununterbrochenen Niedergang. Bei der aufsteigenden Linie des ge-
sellschaftlichen Fortschritts gibt es spezifische Schwierigkei-
ten, Widersprüche, zeitweilige Stockungen, Windungen und Wendun-
gen. Demnach darf man sich die Entwicklung des Sozialismus nicht
als 'ununterbrochenen' Fortschritt, als ein ungehindertes Voran-
schreiten zu höheren Stufen vorstellen. Die absteigende Linie
kennt nicht nur Rückgang, Einbrüche, ein In-den-Abgrund-Gleiten,
sondern auch zeitweilige Aufschwünge." 42)
Nur wer die Dinge so betrachtet, bewahrt sich die Fähigkeit, die
tatsächliche Richtung der historischen Entwicklung zu erkennen,
und ist gleichzeitig davor gefeit, bei irgendeiner zeitweiligen
"Stockung", "Windung" oder "Wendung" gleich den Kopf (und den
Mut) zu verlieren. Eine solche Betrachtungsweise schützt auch da-
vor, politische Erwartungen losgelöst von den realen Bedingungen
des Klassenkampfes zu entwickeln und auf desorientierende bürger-
liche Propaganda hereinzufallen.
Das betrifft etwa die Frage, was der reale Sozialismus heute lei-
sten kann und was nicht. Die sozialistische Staatengemeinschaft
kann beispielsweise vielen Völkern der "Dritten Welt" dazu ver-
helfen, die Abhängigkeit vom Imperialismus zu verringern und den
Weg des gesellschaftlichen Fortschritts einzuschlagen. Aber der
Einfluß und die materiellen Mittel des realen Sozialismus sind
begrenzt, reichen heute noch nicht aus, um alle imperialistischen
Manöver an jedem Ort und zu jeder Zeit zu durchkreuzen.
Die sozialistische Gesellschaft ist dem Kapitalismus um eine
ganze historische Epoche voraus. Sie verkörpert die Zukunft der
ganzen Menschheit. Aber sie ist heute nicht nur durch die Vorzüge
der sozialistischen Ordnung - wie das gesellschaftliche Eigentum
an den Produktionsmitteln - und die sich daraus ergebenden neuen
Entwicklungsmöglichkeiten geprägt. Zum realen Sozialismus von
heute gehört beispielsweise auch, daß er sich gegen eine feindli-
che Umwelt behaupten muß, daß er hinsichtlich seiner Produktiv-
kräfte gegenüber den entwickelten kapitalistischen Ländern noch
im Rückstand ist, daß er nicht zuletzt hinsichtlich des Bewußts-
eins der Menschen noch viele "Muttermale" der alten Gesellschaft
aufweist - mit allen Konsequenzen, die das unvermeidlich in den
verschiedensten Lebensbereichen hat. In einer Welt ohne imperia-
listische Kriegsdrohungen, ohne konterrevolutionäre Komplotte,
ohne die äußeren Einwirkungen der bürgerlichen Ideologie und der
kapitalistischen Lebensweise, ohne Mangel an wichtigen materiel-
len Gütern ließen sich die sozialistischen Ideen und Ziele natür-
lich viel schneller verwirklichen, als das heute möglich ist.
Der Vorwurf, die Sowjetunion oder die DDR seien nicht das "Ideal"
des Sozialismus, wie es Marx und Engels in ihren Schriften ent-
wickelt haben, ist zutiefst abstrakt und unhistorisch. Auf jeden
Fall ist er an die falsche Adresse gerichtet. Die sowjetischen
und die deutschen Kommunisten haben selbst heute für die Verwirk-
lichung ihrer Ziele alles andere als ideale Umstände - von den
Anfängen des Aufbaus des Sozialismus ganz zu schweigen. Damals
hat W.I. Lenin zu diesem (keineswegs neuen) Thema folgende Worte
gefunden: "Wir wissen, daß nichts vom Himmel fällt, wir wissen,
daß der Kommunismus aus dem Kapitalismus hervorwächst, daß nur
aus seinen Überresten der Kommunismus aufgebaut werden kann;
gewiß, das sind schlechte Überreste, aber andere gibt es nun
einmal nicht." 43)
Glücklicherweise haben die russischen Bolschewik! 1917 und die
deutschen Kommunisten 1945 nicht auf "ideale" Zustände gewartet,
sondern den Sozialismus unter den komplizierten Bedingungen auf-
gebaut, die sie vorfanden. Das geschieht auch weiterhin. Dabei
wird Neuland betreten. Infolgedessen tauchen immer wieder Fragen
auf, für die es keine "Präzedenzfälle" gibt, die also möglicher-
weise nicht immer gleich auf Anhieb richtig beantwortet werden.
Aber letztendlich kommt der Sozialismus bei der Lösung seiner
Entwicklungsprobleme den Zielen schrittweise näher. Um es in den
Worten eines Liedes des Berliner "Oktoberclubs" zu sagen: Nachher
wird man's immer besser wissen - doch das Nachher kommt nicht von
allein.
Natürlich muß sich der Sozialismus nicht nur mit Überbleibseln
der alten Gesellschaft und mit den Attacken des Imperialismus
auseinandersetzen. Er hat es auch mit Widersprüchen zu tun, die
seiner eigenen Entwicklung entspringen. Gerade die enorme Dynamik
der gesellschaftlichen Entwicklung, insbesondere das hohe Tempo
des Wachstums der Produktivkräfte, kann Disproportionalitäten und
Widersprüche erzeugen: innerhalb der Wirtschaft, aber auch
zwischen den Sphären der Ökonomie, der Politik und der Ideologie.
44)
Gerade jetzt wird beispielsweise in der Sowjetunion mit großer
Offenheit darüber diskutiert, wie die Hemmnisse, die einer Erhö-
hung der wirtschaftlichen Effektivität entgegenstehen, überwunden
werden können. Dabei werden wenig Worte darüber verloren, daß man
natürlich wesentlich schneller vorankommen könnte, würde man
nicht - durch direkte Wirtschafts- oder Militärhilfe, durch auf-
wendige Investitionen im Roh- und Brennstoffbereich und vor allem
durch die Verteidigungsausgaben - gewaltige Lasten auch für die
ganze sozialistische Staatengemeinschaft und für alle antiimpe-
rialistischen Kräfte mittragen. Man trägt diese Lasten, und die
sowjetischen Menschen nehmen die damit verbundenen Einschränkun-
gen mit einem einzigartigen Verständnis für die Notwendigkeit der
weltweiten Solidarität im Interesse des Friedens auf sich.
Man konzentriert sich ganz bewußt auf das Problem einer Verbesse-
rung der Leitungstätigkeit. "Warum ist der Nutzeffekt der riesi-
gen investierten Mittel zur Zeit unzureichend, warum ist das
Tempo unbefriedigend, mit dem die Ergebnisse von Wissenschaft und
Technik in die Produktion übergeleitet werden?" Juri Andropow,
der verstorbene Generalsekretär des ZK der KPdSU, hat zu dieser
Frage mit aller Deutlichkeit gesagt: "Vor allem muß man sehen,
daß unsere Arbeit, deren Ziel die Vervollkommnung und Umgestal-
tung des Wirtschaftsmechanismus sowie der Formen und Methoden der
Leitung ist, hinter den Anforderungen des erreichten Niveaus der
materiell-technischen, sozialen und geistigen Entwicklung der so-
wjetischen Gesellschaft zurückgeblieben ist." 45)
Es hat sich also im Prozeß der Entwicklung des Sozialismus ein
fortschrittshemmender Widerspruch herausgebildet. Dabei handelt
es sich um einen nichtantagonistischen Widerspruch, der sich mit
politischen bzw. wirtschaftspolitischen Mitteln im Rahmen des so-
zialistischen Systems lösen läßt. Die zeitweilige Existenz sol-
cher Widersprüche ändert an den grundlegenden Tendenzen des in-
ternationalen Kräfteverhältnisses nichts. Aber die Geschichte
zeigt, daß die Lösung solcher Widersprüche im Sozialismus immer
wieder bedeutende sozialökonomische und politische Entwicklungs-
schübe auslöst.
Die Geschichte zeigt allerdings auch, daß Widersprüche im Sozia-
lismus im Extremfall, wenn sie nicht rechtzeitig gelöst, sondern
durch eine fehlerhafte politische Linie verschleppt und weiter
verstärkt werden, antagonistischen Charakter annehmen können. Das
war beispielsweise Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre in Polen
der Fall. Die konterrevolutionären Kräfte, die unter Ausnutzung
einer solchen Situation zur Offensive übergingen, wurden letz-
tendlich jedoch immer wieder geschlagen.
Es gibt aber auch negative Entwicklungen in kommunistischen Par-
teien und sozialistischen Ländern, die bereits lange andauern und
bei denen noch offen ist, inwieweit und wann sie korrigiert wer-
den können. Würden alle kommunistischen Parteien an einem Strang
ziehen, würde das Machtpotential aller sozialistischen Länder
einheitlich gegen den Imperialismus zur Geltung gebracht, sähe
die Welt heute mit Sicherheit schon wesentlich anders aus. So ge-
winnt die weitere Entwicklung innerhalb der kommunistischen Welt-
bewegung für das künftige internationale Kräfteverhältnis er-
strangige Bedeutung.
Besonders tragisch und folgenreich ist die Entwicklung in China.
Was unter ultra-"linker" Flagge mit dem "Großen Sprung" und der
"Kulturrevolution" begann, hat außenpolitisch zu einer Entfrem-
dung von der Sowjetunion und der sozialistischen Staatengemein-
schaft - bis hin zur Anwendung von Waffengewalt gegen Bruderlän-
der - geführt. Das faktische Ausbrechen des volkreichsten Staates
der Erde aus der Gemeinschaft der sozialistischen Staaten ist der
mit Abstand schwerste Schlag, den der Sozialismus seit 1945 hin-
nehmen mußte. Und es ist die vielleicht größte Leistung der So-
wjetunion und ihrer Verbündeten, trotzdem die weltpolitische In-
itiative nicht aus der Hand gegeben zu haben.
Es ist müßig, jetzt darüber zu spekulieren, wie stark die marxi-
stisch-internationalistischen Kräfte innerhalb der Kommunisti-
schen Partei Chinas sind bzw. in Zukunft sein werden, ob und in
welchem Ausmaß sich in der überschaubar nächsten Zeit die Bezie-
hungen Chinas zu anderen sozialistischen Staaten normalisieren
können. Eine ganze Reihe von Gründen sprechen jedoch dagegen, die
negative Entwicklung Chinas als unumkehrbar anzusehen. Nicht nur
außerhalb, sondern vor allem innerhalb des Landes steht die Frage
nach den Folgen, die sich aus der Lösung der Beziehungen zu den
natürlichen Verbündeten, aus der Preisgabe der Prinzipien des so-
zialistischen Internationalismus, aus dem Abgehen vom Marxismus-
Leninismus ergeben haben. Die sozialökonomische Entwicklung wurde
gebremst, der politisch-ideologische Überbau der Gesellschaft de-
formiert. Die Taiwan-Frage ist einer Lösung kein Stück näherge-
kommen. In der internationalen Arena erhält China oft genug Bei-
fall von der falschen Seite und steht im übrigen faktisch ohne
verläßliche Verbündete da.
Schon heute hat also das Leben selbst das Urteil über die ver-
hängnisvolle Entwicklung gesprochen, die sich Ende der 50er Jahre
in Volkschina vollzogen hat. Die Erkenntnis dieser Wahrheit hat
dem Maoismus als politischer Strömung außerhalb Chinas den Todes-
stoß versetzt. Sie ist aber vor allem auch - und wird das bleiben
- ein wichtiges Moment der inneren Auseinandersetzungen über den
künftigen Kurs des Landes. Auch in diesem Zusammenhang gilt die
Erkenntnis von Marx und Engels: "Die 'Idee' blamierte sich immer,
soweit sie von dem 'Interesse' unterschieden war." 46)
Die "Idee" der Selbstisolation von anderen Fortschrittskräften
oder gar der Zusammenarbeit mit dem Klassengegner ist in einer
sozialistischen Gesellschaft nicht auf ein wirkliches objektives
"Interesse" gegründet. Sie steht vielmehr in einem krassen Gegen-
satz zu den realen Erfordernissen des Aufbaus und der Verteidi-
gung des Sozialismus. Fundamentale gesellschaftliche Erforder-
nisse und geschichtliche Gesetzmäßigkeiten werden daher immer
wieder ein Streben nach Annäherung an die Bruderländer hervor-
bringen. Viel spricht dafür, daß sich diese Triebkräfte letztend-
lich auch in sozialistischen Staaten wie China, Albanien und Ju-
goslawien gegen nationalistische Tendenzen historisch durchsetzen
werden. Die Wiederherstellung der Einheit des sozialistischen
Weltsystems und der kommunistischen Weltbewegung wird ebenso wie
das Ausbrechen weiterer Länder aus dem kapitalistischen System
integraler Bestandteil des revolutionären Weltprozesses der Zu-
kunft sein.
Dieser revolutionäre Weltprozeß wird weitergehen - und zwar auch
dann, wenn Schwierigkeiten, Mißerfolge und Niederlagen diese oder
jene Abteilung der kommunistischen Weltbewegung zeitweilig auf-
halten oder sogar zurückwerfen. Wie in der Vergangenheit, gibt es
auch in der Zukunft keine absolute Garantie dafür, daß Derartiges
nicht geschieht. Denn "die Vorhut heißt auch deshalb Vorhut, weil
sie an der Spitze des Fortschritts schreitet und damit alle
Schwierigkeiten eines Bahnbrechers und alle verbissenen Schläge
der Kräfte der dem Untergang geweihten alten Welt auf sich
nimmt". 47)
In den annähernd 70 Jahren, die seit der Großen Sozialistischen
Oktoberrevolution und in den 40 Jahren, die seit der Zerschlagung
des Faschismus vergangen sind, hat sich immer wieder die Richtig-
keit der Erkenntnis von Marx, Engels und Lenin bestätigt, daß die
alte Welt des Kapitalismus mit dem sich verschärfenden Wider-
spruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privatkapitali-
stischer Aneignung, mit den sich zuspitzenden Gegensätzen zwi-
schen Ausgebeuteten und Ausbeutern nicht fertig wird. Diese Wi-
dersprüche und Gegensätze machen den revolutionären Kampf der
Völker zu einer elementaren Notwendigkeit, geben ihm immer wieder
neue Schubkraft. Und noch mehr als zu Lebzeiten Lenins gilt
heute: "Nur die proletarische, sozialistische Revolution vermag
die Menschheit aus der Sackgasse herauszuführen, die der Imperia-
lismus und die imperialistischen Kriege geschaffen haben." 48)
Hierin liegt die historische Gesetzmäßigkeit der Veränderungen
der politischen Weltkarte seit 1917 und seit 1945 begründet. Vor
diesem Hintergrund vor allem muß man die Frage beantworten, wel-
che Kräfte in der Welt von heute die historische Initiative in
der Hand haben. Und wenn man Entwicklungen der Vergangenheit si-
cherlich auch nicht einfach in die Zukunft "fortschreiben" kann,
so lassen sie - wenn man die ihnen zugrundeliegenden Widersprüche
und Gesetzmäßigkeiten in die Analyse einbezieht - doch wichtige
Schlüsse über die allgemeine Richtung künftiger weltpolitischer
Entwicklungen zu.
Niemand kann heute wissen, in welchen zeitlichen Etappen und auf
welchem Wege sich in Zukunft der weitere Übergang der Völker zum
Sozialismus vollziehen wird: "Alle Nationen werden zum Sozialis-
mus gelangen, das ist unausbleiblich, aber keine auf genau die
gleiche Art und Weise", schrieb Lenin 1916 und fügte hinzu, daß
nichts "theoretisch jämmerlicher und in der Praxis lächerlicher"
wäre, "als sich 'im Namen des historischen Materialismus' in
d i e s e r Hinsicht die Zukunft grau in grau vorzustellen". 49)
Auch in einer anderen Hinsicht gibt es keinen Grund für Zukunfts-
vorstellungen "grau in grau". Bei aller Widersprüchlichkeit und
Kompliziertheit hat der Geschichtsprozeß unserer Epoche unver-
kennbar "Richtung". Der historische Optimismus der Kommunisten
ist solide begründet. Er befindet sich im Einklang mit Gesetzmä-
ßigkeiten, die vielleicht am treffendsten das Programm der Kommu-
nistischen Internationale von 1928 charakterisiert hat: "Während
die bürgerlichen Revolutionen Jahrhunderte brauchten, um der po-
litischen Herrschaft des Feudaladels ... in der ganzen Welt ein
Ende zu setzen, vermag die internationale Revolution des Proleta-
riats ... ihre Aufgabe in einer kürzeren Frist zu lösen, obwohl
auch sie keineswegs ein einmaliger Akt ist, sondern sich über
eine ganze Epoche erstreckt." 50)
_____
1) Marx/Engels, Werke, Bd. 4, S. 374 f.
2) Lenin, Werke, Bd. 23, S. 74.
3) Ebd., S. 261. . '
4) Ebd., Bd. 28, S. 62.
5) Ebd., Bd. 31, S. 261.
6) Ebd., Bd. 30, S. 138 f.
7) Hierzu vgl. etwa: L. Besymenski, Sonderakte "Barbarossa",
Stuttgart 1968; P. P. Sewostjanow, Sowjetdiplomatie gegen faschi-
stische Bedrohung 1939-1941, Frankfurt 1984.
8) Weisung des OKW Nr. 21 (Fall Barbarossa); zit. n.: G. Förster
u.O. Groehler, Der zweite Weltkrieg. Dokumente, Berlin 1972, S.
88.
9) Vgl. UdSSR in Zahlen für 1982, Moskau 1983, S. 57; Die Wirt-
schaft kapitalistischer Länder in Zahlen. IPW-Forschungshefte,
1/1982, S. 28.
10) Vgl. Der Große Vaterländische Krieg der Sowjetunion. Kurzer
historischer Abriß, 2. Halbbd., Berlin 1975, S. 339.
11) Quelle: H. Fiedler u. a., Ökonomie und Landesverteidigung,
Berlin 1974, S. 24.
12) Quellen: G. Förster u.a., Der zweite Weltkrieg. Militärhisto-
rischer Abriß, Berlin 1972, S. 411; Sowjetische Militärenzyklopä-
die. Auswahl, Heft 1, Berlin 1977, S. 83.
13) Die Materiallieferungen der Westmächte entsprachen nur 4% der
sowjetischen Industrieproduktion während des Kriegs. (Vgl. Ge-
schichte der sowjetischen Außenpolitik,!. Teil, Berlin 1969, S.
482 f.) Von den US-amerikanischen Kriegsausgaben entfielen 15%
auf Leih-Pacht-Lieferungen an die Verbündeten, davon 20% an die
Sowjetunion. Das waren etwa 8,4 Mrd. Dollar. Die sowjetischen Ge-
genlieferungen machten immerhin 2,1 Mrd. Dollar aus. (Vgl. E.R.
Stettinius, Welt in Abwehr. Lein-Pacht, Leipzig/München 1946, S.
411 ff.)
14) Zit. nach: O. Groehler, Geschichte des Luftkriegs 1910 bis
1970, Berlin 1975, S. 426f.
15) The New York Times, 24. 6. 1941; zit. n.: G. Hass, Von Mün-
chen bis Pearl Harbour, Berlin 1965, S. 235.
16) Die Auswahl von Bombenzielen wurde immer wieder durch antiso-
wjetische Motive mitbestimmt. Während man im Frühjahr 1945 bei-
spielsweise die faschistischen Flottenstützpunkte Swinemünde und
Stettin unbehelligt ließ, wurden reihenweise Angriffe gegen mili-
tärisch unbedeutende Ziele wie Dresden geflogen, die die Wirt-
schafts- und Wohnungsprobleme in der zukünftigen sowjetischen Be-
satzungszone wesentlich komplizierten. (Vgl. etwa: Groehler, Ge-
schichte des Luftkriegs ..., a.a.O., S. 453 ff.; Förster u.a.,
a.a.O., S. 364 f.; Lagevorträge des Oberbefehlshabers der Kriegs-
marine vor Hitler 1939-1945, München 1972, S. 646; H. Barthel,
Die wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen der DDR, Berlin 1979, S.
38 ff.) In einigen Fällen - so in Griechenland im Spätherbst 1944
und in Schleswig-Holstein unmittelbar nach Kriegsende - kam es
ansatzweise sogar zu einem antisowjetischen Zusammenspiel briti-
scher und deutscher Truppen (vgl. etwa: A. Speer, Erinnerungen,
Frankfurt/Berlin/Wien 1976, S. 409; A. Smith, Churchills deutsche
Armee, Bergisch Gladbach 1978).
17) Zit. n.: O. Groehler, Krieg im Westen, Berlin 1968, S. 28.
18) Quellen: Förster u.a., a.a.O., S. 407 f.; UdSSR in Zahlen für
1977, Moskau 1978, S. 8, 30; The U.S. Book of Facts, Statistics &
Information for 1968, New York 1967, S. 5, 319, 329.
19) Vgl. Förster u.a., a.a.O., S. 408.
20) Zit. n.: B. Greiner u. K. Steinhaus, Auf dem Weg zum 3. Welt-
krieg? Amerikanische Kriegspläne gegen die UdSSR, Köln 1980, S.
18 f.
21) Eine sowjetische Übersicht verzeichnet für den Zeitraum 1945-
75 mehr als 140 lokale Kriege und militärische Konflikte (vgl.
1.1. Dshordshadse u.a., Lokale Kriege, Berlin 1983, S. 282 ff.).
22) Zit. n.: Greiner u. Steinhaus, a.a.O., S. 43.
23) Zit. n.: S. G. Gorschkow, Die Seemacht des Staates, Berlin
1978, S. 247f.
24) XX. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion,
Düsseldorf 1956, S. 33 f.
25) Vgl. A. Charisius u.a., NATO. Strategie und Streitkräfte,
Berlin 1976, S. 131; Streitkräfte 1982/83, München 1983, S. 318
f.
26) Internationale Beratung der kommunistischen und Arbeiterpar-
teien. Moskau 1969, Berlin 1969, S. 37.
27) Auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone waren 45% der
industriellen Kapazität zerstört, in den Westzonen 20%. Die Pro-
duktionsbasis für Stahl und Steinkohle sowie für die meisten che-
mischen Grundstoffe und Produktionsmittel der Schwerindustrie lag
zu 90% und mehr im Westen. Hinzu kam, daß Westdeutschland kaum
Reparationen zu zahlen hatte und von den im Krieg noch reicher
gewordenen USA beträchtliche Marshall-Plan-Gelder kassierte (vgl.
Barthel, a.a.O.).
28) K.K. Schirinja, Der Einfluß des sozialistischen Systems auf
den revolutionären Prozeß in der Welt, in: Marxistische Blätter,
Sonderheft 11/1968, S. 54.
29) A. Radö, Atlas für Politik, Wirtschaft, Arbeiterbewegung. I.
Der Imperialismus, Wien/Berlin 1930, S. 5.
30) Quellen: Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1934,
S. 7 * ff.; Statistisches Jahrbuch der DDR 1958, S. 2 * ff.;
1968, S. 19 *; 1982, S. 31 *; Haack Atlas aktuell, Gotha 1982;
Länder der Erde. Politisch-ökonomisches Handbuch, 7. Aufl., Ber-
lin 1980.
31) Lenin, Werke, Bd. 30, S. 144.
32) Vgl. Atlas zur Geschichte, Bd. 2, Gotha 1982, S. 5; W. Sagla-
din, Kommunisten an der Spitze des gesellschaftlichen Fort-
schritts, in: Presse der Sowjetunion, 8/1984, S. 12.
33) Quellen: UdSSR in Zahlen für 1982, a.a.O., S. 57, 60; Die
Wirtschaft kapitalistischer Länder..., a.a.O., S. 28; H. Barth,
Wandel im internationalen Kräfteverhältnis, in: horizont,
19/1975, S. 14.
34) E. Varga, 20 Jahre Kapitalismus und Sozialismus, Straßburg-
Moskau 1938, S. 40.
35) Vgl. UdSSR in Zahlen für 1982, a.a.O., S. 57; Die Wirtschaft
kapitalistischer Länder..., a.a.O., S. 28.
36) Eine solche Relation ergibt sich aus Produktionsziffern für
das erste Halbjahr 1945 (vgl. Geschichte des 2. Weltkrieges 1939-
1945 in zwölf Bänden, Bd. 10, Berlin 1982, S. 485, 507).
37) Vgl. UdSSR in Zahlen für 1982, a.a.O., S. 57.
38) Vgl. ebd., S. 62; UdSSR in Zahlen für 1977, a.a.O., S. 62.
39) Vgl. UdSSR in Zahlen für 1982, a.a.O., S. 58.
40) Hierzu vgl. etwa: K. Steinhaus, Wie stark sind die USA wirk-
lich?, in: Blätter für deutsche und internationale Politik,
9/1984, S. 1089 ff.
41) Quellen: Die Wirtschaft kapitalistischer Länder..., a.a.O.,
S. 28; Ekonomitscheskoje polo-shenije kapitalistitscheskich i
raswiwajustschisja stran. Obsor sa 1978 g. i natschalo 1979 g.
(Beilage zu "Mirowaja ekonomika i meshdunarodnije otnoschenija",
8/1979), S. 21; Charisius u.a., a.a.O., S. 103 ff.; The Institute
for Strategie Studies, The Military Balance 1962-1963, London
1962, S. 13ff.; Streitkräfte 1982/83, a.a.O., S. 318 ff.
42) P. Fedossejew, Dialektik des gesellschaftlichen Lebens, in:
Probleme des Friedens und des Sozialismus, 9/1981, S. 1192 f.
43) Lenin, Werke, Bd. 30, S. 422.
44) Hierzu vgl. etwa: Fedossejew, a.a.O.; W. S. Semjonow, Das Wi-
derspruchsproblem im Sozialismus, in: Sowjetwissenschaft. Gesell-
schaftswissenschaftliche Beiträge, 1/1983, S. 16ff.; ders., Zur
theoretischen Vertiefung und Konkretisierung des Widerspruchspro-
blems im entwickelten Sozialismus, ebd., 4/1984, S. 368 ff.; A.
P. Butenko, Widersprüche der Entwicklung des Sozialismus als Ge-
sellschaftsordnung, ebd., 2/1983, S. 226 ff.; ders., Noch einmal
über die Widersprüche im Sozialismus, ebd., 4/1984, S. 361 ff.
45) J. Andropow, Ausgewählte Reden und Schriften, Berlin 1983, S.
267 f.
46) Marx/Engels, Werke, Bd. 2, S. 85.
47) Sagladin, a.a.O., S. 12.
48) Lenin, Werke, Bd. 24, S. 460.
49) Ebd., Bd. 23, S. 64.
50) Zit. n.: Varga, a.a.O., S. 11.
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