Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985
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DIE NEUEN ANFORDERUNGEN DES ENTWICKELTEN SOZIALISMUS AN
DIE POLITISCHE ÖKONOMIE DES SOZIALISMUS IN DER UDSSR *)
Leonid Abalkin
1. Der entwickelte Sozialismus als Etappe der gesellschaftlichen
Entwicklung und die Konsequenzen für die politische Ökonomie - 2.
Anforderungen des neuen intensiven Typs sozialistischen Wachstums
- 3. Die neuen Produktionsverhältnisse müssen durch die politi-
sche Ökonomie erfaßt werden
Im Prozeß der Vervollkommnung der in der UdSSR aufgebauten sozia-
listischen Gesellschaft steht die Lösung vieler komplizierter
Aufgaben bevor. Unter ihnen kommt der Entwicklung zeitgemäßen
ökonomischen Denkens eine zentrale Bedeutung zu. Die Aktualität
dieser Aufgabe ist dadurch bedingt, daß ihre Lösung eine wichtige
und unerläßliche Bedingung für die Überführung der Wirtschaft auf
einen intensiven Entwicklungsweg und für eine qualitative Verbes-
serung des Wirtschaftsmechanismus ist. Wie Genösse K. Tschernenko
auf der Jubiläumsplenartagung des Vorstandes des Schriftsteller-
verbandes der UdSSR unterstrich, "verbinden wir die Erhöhung der
Effektivität der Volkswirtschaft, die Intensivierung der Produk-
tion aufs engste mit der beschleunigten Einführung der wissen-
schaftlichen Entdeckungen, der Leistungen der Ingenieure, und na-
türlich auch mit der Umwandlung des ökonomischen Denkens als sol-
chem."
1. Der entwickelte Sozialismus als Etappe der gesellschaftlichen
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Entwicklung und die Konsequenzen für die politische Ökonomie
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Die Entwicklung des modernen ökonomischen Denkens ist kein iso-
lierter Prozeß, sondern ein Bestandteil des komplizierten und
vielschichtigen Prozesses einer gewissen Umorientierung des ge-
sellschaftlichen Bewußtseins. Sie ist notwendig bedingt durch
tiefgreifende qualitative Veränderungen im Leben der sozialisti-
schen Gesellschaft, durch neue, ungenügend erforschte Erscheinun-
gen sowohl im Leben des Landes als auch in der internationalen
Arena. Es ist erforderlich, viele früher entstandene theoretische
Formeln kritisch zu überdenken und einige Stereotypen im Denken
zu überwinden.
Die letzten Jahre sind durch eine intensive Tätigkeit der Partei
im Bereich der Theorie gekennzeichnet, die auf dem XXVI. Partei-
tag der KPdSU durch den dort gefaßten Beschluß, eine Neufassung
des Programms der KPdSU auszuarbeiten, ausgelöst wurde. Eine
wichtige Rolle für das Verständnis der gesammelten Erfahrungen
und der aktuellen Aufgaben, die der sozialökonomische Fortschritt
stellt, spielten die Plenartagungen des ZK der KPdSU im November
1982 und im Juni 1983 sowie die schöpferischen Diskussionen, die
das Marx-Jahr kennzeichneten. Die Etappe, die wir in dieser viel-
schichtigen Tätigkeit erreicht haben, ist unmittelbar mit der Ar-
beit der Partei an der Neufassung des Programms der KPdSU, mit
den Einschätzungen, Leitsätzen und Schlußfolgerungen, die sich in
den Reden des Genossen K. Tschernenko widerspiegeln, verbunden.
Charakteristisch für die Tätigkeit der Partei im Bereich der
Theorie sind heutzutage tiefe Wissenschaftlichkeit, realistische
und ausgewogene Einschätzungen, die Verbindung von Kontinuität
bei der Analyse der sozialökonomischen und politischen Prozesse
mit einem schöpferischen, neuen Herangehen an die Probleme, die
das Leben stellt. Auch eine solche Besonderheit wie Konstruktivi-
tät muß hervorgehoben werden, die sich offenbart, wenn neue theo-
retische Formeln in politische Entscheidungen übertragen werden,
wenn sie als Grundlage für die Ausarbeitung und Verabschiedung
wichtiger staatlicher Akte, langfristiger Programme und Pläne
dienen und wenn diese Formeln im praktischen Handeln der arbei-
tenden Massen verwirklicht werden. "Es liegt auf der Hand," sagte
Genosse K. Tschernenko, "daß dafür energische wirtschaftliche und
organisatorische Anstrengungen erforderlich sind. Zugleich ist
aber auch eine beharrliche Arbeit zur Erhöhung des Bewußtseins
der Massen, zu einer gewissen, wenn Sie wollen, Umorientierung
des gesellschaftlichen Bewußtseins notwendig, damit es sich
schneller die neuen, von der Partei aufgestellten Ideen zu eigen
macht, damit es sich entschiedener von veralteten, rückständigen
Ansichten befreit." 1) Nur dann können die Ideen in vollem Maße
ihre revolutionär veränderte Rolle einnehmen. Werden sie doch,
wie die Begründer des Marxismus-Leninismus betonten, zu einer ma-
teriellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreifen.
Dieser immer wahre Lehrsatz hat heutzutage eine besondere Bedeu-
tung. Der Sozialismus ist seiner Natur nach eine planmäßig orga-
nisierte und bewußt leitbare Gesellschaft. Hier können nur all-
seitige Erkenntnis der objektiven Notwendigkeiten, ein klarer po-
litischer Kurs, der auf wissenschaftlichen Schlußfolgerungen ba-
siert und frei von jeglichem Subjektivismus ist, und die bewußte
Teilnahme der Massen am historischen Schaffen die rationelle und
effektive Organisation des gesellschaftlichen Lebens, die Vor-
wärtsbewegung und den sozialökonomischen Fortschritt in der Ge-
sellschaft gewährleisten. Je weiter sich die sozialistische Ge-
sellschaft in diese Richtung entwickelt, desto reifer wird sie,
desto bedeutender wird die Rolle des bewußten Prinzips und desto
höher sind die Anforderungen an das wissenschaftliche Niveau und
die Qualität des gesellschaftlichen Bewußtseins, darunter auch
des ökonomischen Denkens, dessen Umwandlung ein wichtiges Glied
bei der Vervollkommnung des in der UdSSR aufgebauten Sozialismus
ist.
In der ganzen theoretischen Tätigkeit der Partei nimmt die Ein-
schätzung der historischen Etappe, in der sich das Land heute be-
findet, einen prinzipiell wichtigen Platz ein. Dabei ist es be-
sonders wichtig, die Besonderheiten der von uns heute erlebten
Periode ausgewogen und realistisch zu analysieren, ohne eine Ab-
wertung der großen und unbestreitbaren Errungenschaften, Schön-
färberei oder eine Dramatisierung der Mängel zuzulassen. Dies hat
uns W.I. Lenin gelehrt, so geht unsere Partei heute an diese
Frage heran. Durch die schöpferische Verarbeitung der gesammelten
Erfahrungen, die objektive Einschätzung der Situation und ein
kritisches Herangehen an früher erarbeitete Formeln kam die KPdSU
zu dem Schluß, daß unser Land in die Etappe des entwickelten So-
zialismus eingetreten ist und sich am Anfang dieser Etappe befin-
det, wobei der entwickelte Sozialismus eine gesetzmäßige, lang
andauernde Etappe mit ihr eigenen Reifestufen darstellt.
Die momentane Stufe kann als die Anfangsstufe eingeschätzt wer-
den. Ihre Eigenart besteht darin, daß hier einerseits sowohl in
der Entwicklung der Produktivkräfte als auch in den Produktions-
verhältnissen und im politischen Überbau deutlich Züge zutage
traten, die die heutige sowjetische Gesellschaft wesentlich von
dem in den Grundzügen aufgebauten Sozialismus unterscheidet. Die
Tiefe dieser Veränderungen zeugt davon, daß das Land in eine neue
Etappe getreten ist, in die Etappe des entwickelten Sozialismus.
Andererseits gibt es auf dieser Anfangsstufe Erscheinungen, die
auf keinen Fall als für den entwickelten Sozialismus charakteri-
stisch gewertet werden dürfen. Hierzu gehören insbesondere das
Vorhandensein ernster Disproportionen, der Entwicklungsrückstand
der Landwirtschaft und der Dienstleistungssphäre sowie der hohe
Anteil der niedrigqualifizierten und körperlich schweren manuel-
len Arbeit.
Diese Besonderheiten der Anfangsstufe des entwickelten Sozialis-
mus bestimmen auch die Hauptrichtungen seiner weiteren Entwick-
lung. Unter den heutigen Bedingungen richtet die Partei ihre Po-
litik, ihre langfristige Strategie darauf aus. alle Seiten des
Lebens der sowjetischen Gesellschaft, wie Genosse K. Tschernenko
sagte, mit den höchsten, anspruchsvollsten und natürlich wissen-
schaftlich begründeten Vorstellungen über den Sozialismus in
Übereinstimmung zu bringen. Die erfolgreiche Verwirklichung der
von der Partei ausgearbeiteten langfristigen Strategie führt die
sowjetische Gesellschaft auf eine neue, höhere Stufe ihrer Reife.
Das wird eine Gesellschaft sein, die den höchsten Kriterien des
entwickelten Sozialismus vollkommen entspricht und unmittelbar in
den Kommunismus überwächst.
Darum ist es notwendig, Kriterien zu unterscheiden, mit denen mit
wissenschaftlicher Präzision der Eintritt des Landes in die
Etappe des entwickelten Sozialismus fixiert wird, und Kriterien,
die die volle, allseitige Herausbildung der reifen sozialisti-
schen Gesellschaft charakterisieren. Es ist sowohl in der Theorie
als auch in der realen Politik unstatthaft, ein Gleichheitszei-
chen zwischen dem heutigen Zustand der sowjetischen Gesellschaft
in all ihrer konkret-historischen Eigentümlichkeit und den Krite-
rien für den entwickelten Sozialismus zu setzen. So vorzugehen
bedeutet, willentlich oder ungewollt die Anziehungskraft des so-
zialistischen Ideals zu schwächen und zu schmälern, die Einschät-
zung des Sozialismus mit vereinfachten Maßstäben vorzunehmen, die
objektiven Kriterien für die Reife des Sozialismus seinem realen
Zustand anzupassen.
Eine außerordentlich große Bedeutung hat die von der Partei aus-
gearbeitete Auffassung vom entwickelten Sozialismus als einer re-
lativ selbständigen, langen historischen Etappe. Eine solche Be-
trachtungsweise erlaubt es, die simplifizierten Vorstellungen vom
Sozialismus als einem kurzfristigen Zustand der Gesellschaft, als
einer Art Umsteigestation, nach deren Erreichung es im flotten
Tempo in Richtung der höchsten Phase des Kommunismus weitergeht,
zu überwinden. Die reale Dialektik des Lebens erwies sich als er-
heblich komplizierter. Selbst nachdem die sozialistische Gesell-
schaft bereits die Etappe des reifen Sozialismus erreicht hat,
funktioniert und entwickelt sie sich weiterhin über eine lange
Zeit im Rahmen der ersten Phase der kommunistischen Formation.
Erst nach der Lösung des ganzen Komplexes von Fragen, der seinem
Ursprung und Charakter nach zu dieser Phase gehört, und der Akku-
mulation der notwendigen Voraussetzungen kann mit der unmittelba-
ren Errichtung des Kommunismus begonnen werden. All das muß sich
das gesellschaftliche Bewußtsein präzise aneignen, um die offen-
sichtlich gewordene Diskrepanz zwischen einigen in der jüngsten
Vergangenheit entstandenen theoretischen Formeln und der realen
gesellschaftlichen Entwicklung zu überwinden, um endgültig die in
einer bestimmten Periode entstandenen vereinfachten Vorstellungen
von den Wegen und Fristen des Übergangs zur höchsten Phase des
Kommunismus zu überwinden.
Die Umorientierung des gesellschaftlichen Bewußtseins darf nicht
auf die lange Bank geschoben werden. Das Problem ist herange-
reift, der theoretische Standpunkt der Partei ist ausreichend de-
finiert und eine Verzögerung wäre in diesem Fall nicht zu recht-
fertigen. Von der Dringlichkeit dieser Frage zeugt auch die Tat-
sache, daß die Gesellschaftswissenschaften, ihre Behandlung in
den Hoch- und Mittelschulen sowie das System der Propaganda die
entsprechende Umwandlung bis vor kurzem äußerst langsam vollzo-
gen. Auf der Parteitagung des ZK der KPdSU im Juni 1983 wurde die
Arbeit einer Reihe von Forschungsinstituten, das Fehlen inhalts-
reicher konkreter Untersuchungen von sozialen Erscheinungen und
aktuellen ökonomischen Problemen durch diese Institute sowie sol-
che Mängel wie das Sichbeschränken auf die eigenen Karriere- und
Gruppeninteressen und ungenügend anspruchsvolle Themen in diesen
Instituten scharf kritisiert. In dem vor kurzem verabschiedeten
Beschluß des ZK der KPdSU über die Arbeit des Instituts für Öko-
nomie der Akademie der Wissenschaften der UdSSR wurde festge-
stellt, daß in den von diesem Institut durchgeführten Forschungs-
arbeiten die Kernprobleme der Vervollkommnung des Wirtschaftssy-
stems der entwickelten sozialistischen Gesellschaft nicht tief-
greifend genug analysiert werden, die Ausarbeitung methodischer
Fragen der politischen Ökonomie des entwickelten Sozialismus nach
wie vor ungenügend ist und ihre Losgelöstheit von der Praxis
nicht völlig überwunden ist.
Die Hochschulprogramme und der praktische Unterricht in Philoso-
phie, politischer Ökonomie und wissenschaftlichem Kommunismus
enthalten eine Reihe von veralterten Lehransätzen, die völlig un-
zureichend die von der Partei ausgearbeiteten neuen Ideen berück-
sichtigen. Dies führt zu einer Senkung des ideologisch-theoreti-
schen Unterrichtsniveaus, zur Entstehung einer ernsten Kluft zwi-
schen den heutigen Anforderungen und dem wirklichen Inhalt der
Studienkurse. Hier machen sich die Trägheit und die Gewöhnung an
das Alte bemerkbar, von denen auf dem Plenum des ZK der KPdSU im
April 1984 die Rede war. Die Entwicklung eines zeitgemäßen ökono-
mischen Denkens ist eine komplizierte Aufgabe. Dabei sind ein
kampagnemäßiges Herangehen oder das Verfallen in Extreme nicht am
Platze. Das moderne theoretische Denken der Partei entwickelt
sich auf der festen, unerschütterlichen Grundlage der marxi-
stisch-leninistischen Theorie. Und nur auf dieser Grundlage, wenn
man sich die gesamte revolutionäre Theorie und Methodologie der
Arbeiterklasse gründlich angeeignet hat, kann man erfolgreich und
effektiv ein zeitgemäßes Verständnis von den Prozessen der ge-
sellschaftlichen Entwicklung herausbilden.
2. Anforderungen des neuen intensiven Typs
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sozialistischen Wachstums
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Im Laufe der Vervollkommnung des entwickelten Sozialismus - und
das ist die wichtigste strategische Aufgabe der Partei - wird man
nicht nur einzelne negative Erscheinungen beseitigen und zurück-
gebliebene Bereiche auf den neuesten Stand bringen müssen. Das
ist wichtig, notwendig, aber keinesfalls ausreichend. Alle Sphä-
ren unseres Lebens, vor allem natürlich die Wirtschaft, müssen
auf eine neue, qualitativ höhere Stufe gehoben werden. Die Ökono-
mie ist und bleibt die Grundlage des gesamten sozialen, politi-
schen und geistigen Fortschritts. Bevor wir mit der genaueren Un-
tersuchung dieser Fragen beginnen, muß folgendes angemerkt wer-
den. Das richtige Verständnis von der Bedeutung und den
Hauptrichtungen der Hebung der sowjetischen Wirtschaft auf ein
qualitativ neues Niveau ist der Ausgangspunkt für die Formierung
des neuen ökonomischen Denkens. Darum ist eine positive Analyse
der erwähnten Fragen kein Abweichen vom Thema, sondern eine un-
mittelbar mit ihm verbundene Sache.
Wenn man das Problem verallgemeinert formuliert, so bedeutet eine
Erhöhung der Reife der sozialistischen Wirtschaft vor allem die
Erlangung eines höheren Grades der Vergesellschaftung der Produk-
tion, wobei es hier nicht um eine formale, sondern um eine reale
Vergesellschaftung geht, um eine Vergesellschaftung der Produk-
tion "in der Tat", wie Lenin sagte. Sie schließt eine Vergesell-
schaftung im weitesten Sinne des Wortes ein, auf materiell-tech-
nischer, organisatorisch-ökonomischer und sozialer Ebene. Aus-
gangspunkt ist hier eine qualitative Umgestaltung der Produktiv-
kräfte. Das Wesen der Sache ist hier nicht ein Anwachsen ihres
Niveaus, sondern gerade eine qualitative Umgestaltung, eine
grundlegende Umrüstung des Produktionsapparates des Landes. Wenn
man vom Niveau der Produktivkräfte spricht und dabei die quanti-
tative Seite der Sache betrachtet, so ist es bei uns ausreichend
hoch. Das ist aus der Entwicklung der Wirtschaft in den letzten
Jahrzehnten und im Vergleich mit den höchsten Kennziffern in der
Welt ersichtlich. Die Grundproduktionsfonds der UdSSR liegen um
das 19,5fache über dem Stand von 1940 und um etwa das Sechsfache
über dem Stand von 1960. Die Energieausstattung der Arbeit stieg
im Vergleich zum Vorkriegsniveau in der Industrie nahezu auf das
Achtfache und in der Landwirtschaft auf mehr als das 17fache.
Große Erfolge wurden im Ausstoß der meisten wichtigen Produkti-
onsgüter erreicht.
All das ist ein Ergebnis der Überlegenheit der Planwirtschaft,
der zielstrebigen Wirtschaftspolitik der Partei und der selbstlo-
sen Arbeit des sowjetischen Volkes. Das sind unsere unbestreitba-
ren Errungenschaften. Aber heutzutage ist nicht einfach eine wei-
tere Erhöhung dieser Kennziffern notwendig. Es müssen prinzipiell
andere Grenzen überschritten werden. Es geht um die Einführung
einer neuen Generation von Maschinen, von flexiblen automatisier-
ten Systemen, um die Nutzbarmachung der ihrem Charakter nach re-
volutionären Veränderungen in der Produktionstechnologie und -Or-
ganisation. Mit anderen Worten, man muß die neuesten Errungen-
schaften der wissenschaftlich-technischen Revolution in den
Dienst des Sozialismus stellen. Auf dieser Basis muß im Verlauf
der nächsten drei bis vier Planjahrfünfte eine technische Umrü-
stung aller Sphären der Anwendung gesellschaftlicher Arbeit von-
statten gehen.
Notwendig ist auch eine den modernen Erfordernissen entsprechende
Arbeitskraft, gebraucht wird ein Arbeiter neuen Typs, denn er ist
und bleibt die wichtigste Produktivkraft der Gesellschaft. Ein
wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Lösung dieser (und nicht
nur dieser) Aufgabe ist die Reform der allgemeinbildenden und der
Berufsschule, die gegenwärtig verwirklicht wird.
Durch qualitative Umgestaltungen der Produktivkräfte muß letzt-
lich eine grundlegende Erhöhung der Effektivität der gesell-
schaftlichen Produktion, der Arbeitsproduktivität gewährleistet
werden. Und das hat entscheidende Bedeutung sowohl für die Hebung
der Reife unserer Gesellschaft als auch für die Erringung ihres
Sieges in dem historischen Wettstreit mit dem kapitalistischen
System. Die Erlangung des höchsten Niveaus der Arbeitsproduktivi-
tät in der Welt - das ist eine Aufgabe, die im historischen Rah-
men der entwickelten sozialistischen Gesellschaft gelöst werden
muß.
Die grundlegende technische Umrüstung des Produktionsapparates
und die Überführung der Wirtschaft auf das Gleis der intensiven
Entwicklung hängt im entscheidenden Maße von der Qualität, Struk-
tur und Effektivität der Arbeitsmittel ab. Das Wesen des intensi-
ven Typs der erweiterten Reproduktion sah Marx gerade in der An-
wendung effektiverer Produktionsmittel. Hieraus folgt die Notwen-
digkeit der beschleunigten Entwicklung des Maschinenbaus, denn er
ist und bleibt die treibende Kraft, der Generator des wissen-
schaftlich-technischen Fortschritts, bei der Überwindung der
Rückständigkeit in einigen seiner Bereiche. Um diese Aufgabe zu
lösen, muß man unserer Ansicht nach ernsthafte strukturelle Ver-
änderungen vornehmen, die mit einer Veränderung der Prioritäten
bei der Verteilung der Ressourcen zugunsten des Maschinenbaus
verbunden sind. Zugleich ist die Erneuerung des Produktions-
apparates und die Ersetzung physisch und moralisch verschlissener
Grundfonds bedeutend zu beschleunigen. Nur auf dieser Grundlage
kann eine konsequente, etappenweise Hebung der Volkswirtschaft
auf ein neues technisches Niveau verwirklicht und eine materiell-
technische Basis, die dem entwickelten Sozialismus in vollem Maße
entspricht, geschaffen werden.
Neben der qualitativen Umgestaltung der Produktivkräfte stellt
die Partei die Aufgabe, die Produktionsverhältnisse entsprechend
zu vervollkommnen. Hieraus folgt die Notwendigkeit, ausreichend
tiefgreifende und ernsthafte Veränderungen an der ökonomischen
Basis der Gesellschaft herbeizuführen. Leider ist die politische
Ökonomie heute noch nicht in der Lage, die erforderlichen wissen-
schaftlich begründeten Lösungen und Empfehlungen zu geben.
An erster Stelle müssen unserer Meinung nach qualitative Verände-
rungen in der Organisation der gesellschaftlichen Produktion,
eine wesentliche Hebung des Niveaus ihrer Spezialisierung, die
Einrichtung eines zuverlässigen, störungslos funktionierenden Sy-
stems von ökonomischen Beziehungen stehen. Mit anderen Worten,
eine Veränderung im organisatorisch-ökonomischen Subsystem der
Produktionsverhältnisse. Das wird äußerst wichtige, prinzipielle
Veränderungen nach sich ziehen. Vor allem den Übergang zu einem
Wirtschaftswachstum auf ausgewogener Grundlage, was es erlauben
wird, dem Konsumenten eine entscheidende Bedeutung bei der Pla-
nung der Produktion zu geben und die soziale Ausrichtung der Ent-
wicklung der Volkswirtschaft zu verstärken.
Im Verlauf der gesamten vorangegangenen Geschichte entwickelte
sich die Volkswirtschaft unseres Landes auf einer anderen Grund-
lage. Einige Planer und Wirtschaftsfunktionäre sehen Unausgewo-
genheit und die Existenz von Defiziten, die seinerzeit gerecht-
fertigt waren, als etwas Notwendiges oder zumindest Unausweichli-
ches an. Diese Vorstellungen, die die Praxis einer bestimmten
Zeit widerspiegeln, wurden zum Dogma und sind heute ein ernsthaf-
tes Hemmnis für fortschrittliche Umgestaltungen in der Wirt-
schaft. Allseitige Ausgewogenheit, ein System von Planreserven
und die Zuverlässigkeit von ökonomischen Beziehungen sind kenn-
zeichnende Züge der Wirtschaft des entwickelten Sozialismus. Nur
auf dieser Grundlage ist eine fortlaufende Intensivierung der
Wirtschaft, eine flexible Umgestaltung der Produktion in Überein-
stimmung mit den sich schnell verändernden Bedürfnissen und den
neuen wissenschaftlich-technischen Errungenschaften möglich.
Insgesamt wird der Übergang zum intensiven Typ des Wirtschafts-
wachstums auf ausgewogener Grundlage zu einer wesentlichen Hebung
des Niveaus der Vergesellschaftung der sozialistischen Produk-
tion, zu einer höheren Stufe ihrer planmäßigen Organisation füh-
ren. Hierdurch entstehen Voraussetzungen für eine ernsthafte Ver-
vollkommnung der sozialen Formen der Vergesellschaftung der Pro-
duktion - die Entwicklung der Eigentumsverhältnisse, des gesamten
Mechanismus ihrer sozialökonomischen Realisierung.
Die wachsende Annäherung, die Verflechtung und perspektivische
Verschmelzung der staatlichen Eigentumsform und der genossen-
schaftlichen Eigentumsform der Kolchosen an Produktionsmitteln
ist die Hauptrichtung der Vervollkommnung der sozialistischen
Produktionsverhältnisse. Gestützt auf die gesammelten Erfahrun-
gen, auf den erreichten Reifegrad unserer Gesellschaft und die
progressiven Tendenzen ihrer Entwicklung, kam die Partei zu dem
Schluß, daß die existierenden Klassenunterschiede im großen und
ganzen in der Etappe des entwickelten Sozialismus beseitigt wer-
den. Dies wird nur dann möglich, wenn ein einheitliches Volksei-
gentum an Produktionsmitteln geschaffen wird.
Natürlich kann dies nicht einfach auf Grund eines juristischen
Aktes geschehen. Die Ansicht, daß Eigentum ein rein juristisches
Verhältnis ist, kann man als von unserer Gesellschaftswissen-
schaft überwunden ansehen. Die Entstehung eines einheitlichen so-
zialistischen Volkseigentums ist eine qualitative Veränderung im
System der Produktionsverhältnisse und das Ergebnis einer höheren
Stufe der Vergesellschaftung der Produktion. Zugleich ist es auch
ein wichtiger Schritt zur Stärkung der Homogenität der sowjeti-
schen Gesellschaft.
Allerdings sind mit diesen Veränderungen bei all ihrer Wichtig-
keit die Umgestaltungen der Eigentumsverhältnisse noch keines-
falls erschöpft. In der heutigen Zeit gewinnt die Vervollkommnung
derjenigen konkreten ökonomischen, organisatorischen und rechtli-
chen Formen immer mehr an Bedeutung, in deren Rahmen und durch
die das Funktionieren des gesellschaftlichen Eigentums, seine
ökonomische Realisierung gewährleistet werden. Die historischen
Erfahrungen zeigen, daß die Behauptung des das ganze Volk umfas-
senden Charakters der Aneignung nicht bedeutet, daß jeder Werktä-
tige automatisch zu einem realen, mit allen Machtbefugnissen aus-
gestatteten, weisen und fürsorglichen Besitzer wird. Dieser Pro-
zess ist kompliziert, erfordert Zeit und die Schaffung entspre-
chender Bedingungen.
Besondere Bedeutung haben hierbei ökonomische und organisatori-
sche Formen, die es ermöglichen, die persönlichen Interessen des
Arbeitenden mit den Interessen des Arbeitskollektivs und der Ge-
sellschaft insgesamt zu verknüpfen. Ein hervorragendes Beispiel
für solche Formen sind die durch das Schöpfertum der Massen
selbst entstandenen Brigaden mit wirtschaftlicher Rechnungsfüh-
rung, die nach einem Kollektivauftrag arbeiten. Hier sind eine
wirtschaftliche Einstellung zur Sache, gegenseitige Hilfe und
fordernde gegenseitige Kontrolle zu einer Einheit geworden. Es
ist wichtig, daß auch auf höheren Ebenen der Wirtschaftsführung -
in den Betrieben, Branchen und Regionen - ebenso effektive Formen
der Realisierung des gesellschaftlichen Eigentums gefunden wer-
den. Die Suche und Nutzung solcher Formen ist untrennbar mit der
qualitativen Verbesserung der Organisiertheit und Disziplin ver-
bunden. Hier geht es nicht einfach um die Herstellung einer ele-
mentaren Ordnung (sie ist natürlich notwendig) oder nur um die
Beseitigung grober Verstöße gegen die Arbeitsordnung (damit muß
natürlich Schluß gemacht werden), sondern die Frage steht prinzi-
piell. Es geht um die Herstellung des dem Sozialismus eigenen
Typs von Arbeitsdisziplin.
Wie bekannt, schuf jede Produktionsweise eine ihr entsprechende
Arbeitsdisziplin. Im Feudalismus war das die Disziplin des
Stocks, des Zwangs durch außerökonomische Mittel. Sie war zu ih-
rer Zeit ausreichend effektiv. Der Kapitalismus schuf einen höhe-
ren und raffinierteren Typ der Disziplin, einer Disziplin, die
auf Hunger basiert, auf der Gefahr des Arbeitsplatzverlustes und
des sozialen Abstiegs. Und es ist nicht zu bestreiten, daß er,
indem er, wie man sagt, den Massen in den Fabriken das Blut aus-
saugt, eine ziemlich feste Disziplin herstellte. Selbstverständ-
lich dient sie den Bereicherungsinteressen der Magnaten des Fi-
nanzkapitals und ist ihrer Natur nach volksfeindlich. Aber
nichtsdestotrotz stellte sie im Arbeitsprozeß die notwendige Ord-
nung her und gewährleistet die präzise Erfüllung der Funktionen
eines Beschäftigten.
Der Sozialismus ist berufen, einen höheren, effektiveren Typ der
Arbeitsdisziplin hervorzubringen. Das kann aber nur eine Diszi-
plin sein, die auf einer wirtschaftlichen Einstellung zur Sache
basiert. Der vollständige und allgemeine Sieg eines solchen Typs
der Arbeitsdisziplin ist eines der wichtigsten Kriterien dafür,
daß der Sozialismus seine entwickelte, reife Form erlangt hat.
Die Lösung dieser Aufgabe ist zugleich eine der Richtungen bei
der Vervollkommnung der sozialistischen Produktionsverhältnisse,
der sozialökonomischen Formen der Realisierung des gesellschaft-
lichen Eigentums.
Um ein höheres Niveau des entwickelten Sozialismus zu erreichen,
ist ferner eine tiefgreifende Umgestaltung seines Wirtschaftsme-
chanismus erforderlich. Damit ist nicht nur die Liquidierung von
Engpässen, nicht nur das Ersetzen einzelner Kennziffern durch an-
dere oder die Verschiebungen in einzelnen Gliedern der Leitung
gemeint, sondern auf der Tagesordnung stehen qualitative Verände-
rungen, die es erlauben, den ganzen Wirtschaftsmechanismus auf
das Niveau, das der entwickelte Sozialismus erfordert, zu heben.
Heutzutage ist ausreichend klar, daß eine solche Umwandlung nicht
durch einen einmaligen Akt vollzogen werden kann. Um sie zu ver-
wirklichen, ist Zeit, eine Reihe aufeinanderfolgender Etappen so-
wie eine experimentelle Überprüfung verschiedener Varianten und
Vorschläge erforderlich. Hier sind sowohl übertriebene Eile und
schlecht koordinierte Maßnahmen als auch Zögern und Verschleppung
der herangereiften Umwandlungen nicht am Platze. Zugleich, wäh-
rend wir die Aufgaben des heutigen Tages lösen, müssen wir deut-
lich die Perspektiven sehen, uns klar das Modell vorstellen, das
letztendlich durch die unternommenen Anstrengungen verwirklicht
werden soll.
Zu einer koordinierten Lösung des Komplexes der entstandenen Fra-
gen wird das Programm zur Vervollkommnung des Wirtschaftsmecha-
nismus beitragen, das auf wissenschaftlichen Ausarbeitungen, auf
der Verallgemeinerung unserer Erfahrungen und der Erfahrungen der
sozialistischen Bruderländer basiert. Es muß unserer Meinung nach
den Status einer politischen Entscheidung bekommen und zu einem
Bestandteil der langfristigen Wirtschaftsstrategie der Partei
werden. Ein solches Programm könnte eine theoretische Konzeption
für den Wirtschaftsmechanismus des entwickelten Sozialismus, eine
Charakteristik der aufeinanderfolgenden Etappen seiner Formierung
und die Hauptrichtungen der komplexen, miteinander abgestimmten
Vervollkommnung seiner wichtigsten Elemente enthalten. Zugleich
müßten die Bedingungen definiert werden - bezüglich der Reproduk-
tion, der Organisation und der Kader -, die für seine konsequente
Umsetzung notwendig sind.
Auf der Grundlage der Umgestaltungen in den Produktivkräften und
im System der Produktionsverhältnisse muß eine wesentliche Ver-
besserung des Lebensstandards und der Lebensqualität der sowjeti-
schen Menschen vollzogen und ein spürbarer Fortschritt in der so-
zialen Entwicklung und der geistigen Sphäre erreicht werden.
Somit wird immer klarer und offensichtlicher, daß sich die sowje-
tische Gesellschaft einer Situation genähert hat, die in gewissem
Sinne den Charakter einer Wende trägt. Tiefgreifende, qualita-
tive, revolutionäre Veränderungen in der materiell-technischen
Basis und in der ganzen Sphäre der gesellschaftlichen Beziehungen
sind herangereift. Die Notwendigkeit, diese Umgestaltungen zu
vollziehen, spiegelt auch die Idee von der Verschmelzung zweier
Revolutionen, der wissenschaftlich-technischen und der sozialen
Revolution, wider. Sie bedeutet außerdem, daß nur der Sozialis-
mus, der die soziale Erneuerung der Welt nach sich zieht, in der
Lage ist, von der modernen wissenschaftlich-technischen Revolu-
tion Besitz zu ergreifen.
3. Die neuen Produktionsverhältnisse müssen
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durch die politische Ökonomie erfaßt werden
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Die tiefgreifenden strukturellen Umwandlungen und neuen Bedingun-
gen der sozialökonomischen Entwicklung, die Größe und Kompli-
ziertheit der vor uns stehenden Aufgaben erfordern dringlich die
Herstellung eines zeitgemäßen ökonomischen Denkens. Es ist nicht
nur für einen kleinen Kreis von Wirtschaftswissenschaftlern und
Personen, die professionell mit der Leitung der Volkswirtschaft
befaßt sind, unabdingbar. Je aktiver sich der Prozeß der Demokra-
tisierung der Leitung entfaltet, desto aktueller wird die Auf-
gabe, ein zeitgemäßes ökonomisches Denken als Element des gesell-
schaftlichen Bewußtseins zu schaffen. Als zeitgemäßes ökonomi-
sches Denken kann nur ein solches anerkannt werden, das streng
wissenschaftlich ist und die Realitäten unserer Zeit sowie die
veränderten Bedingungen in der Wirtschaftsführung berücksichtigt.
Im Zusammenhang damit entsteht natürlich die Frage: Ist denn das
heutige ökonomische Denken etwa nicht wissenschaftlich? Bei der
Beantwortung dieser Frage muß berücksichtigt werden, daß es um
herrschende Stereotypen im ökonomischen Denken, um Vorstellungen,
die unter Praktikern weit verbreitet sind, geht. Beginnen wir da-
mit, daß bis heute (nicht so sehr in Büchern, als vielmehr im
ökonomischen Denken der Massen) die objektiven Gesetze unterbe-
wertet werden, daß versucht wird, sie zu umgehen, zu "über-
listen". Wieviel wurde über das Gesetz der planmäßigen, pro-
portionalen Entwicklung der Volkswirtschaft gesprochen und ge-
schrieben. Und trotzdem ist es massenhaft Praxis, unausgewogene
Pläne auszuarbeiten und zu bestätigen, in der Hoffnung, daß es
schon irgendwie gehen wird, daß die fehlenden Ressourcen auf ir-
gendeine Weise "im Laufe der Planerfüllung" gefunden werden. Als
Beispiel kann man auch die grobe Ignorierung der Notwendigkeit
des schnelleren Wachstums der Arbeitsproduktivität gegenüber dem
Arbeitslohn anführen. Die Resultate einer solchen Praxis sind äu-
ßerst negativ. Hier wirkt sich das Unvermögen aus, die allgemei-
nen Wahrheiten der Theorie mit der konkreten Analyse der Situa-
tion in der Wirtschaft zu verbinden.
Es gibt eine gewisse Unterschätzung des Primats der sozialökono-
mischen Bedingungen und Faktoren in der Entwicklung der Volks-
wirtschaft. Im ökonomischen Bewußtsein der Massen ist weiterhin
eine keinesfalls wissenschaftliche, ausgesprochen übertriebene
Vorstellung von der Rolle der natürlichen Bedingungen, all des-
sen, was man im Marxismus geographisches Milieu nennt, verbrei-
tet. Dieses ist eine der objektiven materiellen Bedingungen im
Leben der Gesellschaft. Jedoch hielt der Marxismus diesen Faktor
niemals für bestimmend. Demzuwider versuchen wir häufig, alle
Schwierigkeiten in der Landwirtschaft mit ungünstigen Wetterver-
hältnissen zu erklären und die gespannte Lage in der Volkswirt-
schaft mit den sich verschlechternden Bedingungen für die Förde-
rung von Bodenschätzen zu entschuldigen. Das sind keine neuen und
sind in der ökonomischen Theorie ausreichend behandelte Fragen.
Können zusätzliche Kapitalinvestitionen zu einer Senkung der Ef-
fektivität führen? Diese Frage wurde bereits zu Anfang des Jahr-
hunderts diskutiert. Und Lenin beantwortete diese Frage positiv.
Aber, fügte er hinzu, nur bei gleichbleibender Technik.
Aber das ökonomische Denken kann, wenn es wirklich wissenschaft-
lich ist, die Technik nicht als gleichbleibend ansehen und vom
wissenschaftlich-technischen Fortschritt abstrahieren. Lenin
schrieb, daß "der Ökonom stets vorwärts blicken muß in der Rich-
tung des technischen Fortschritts, sonst bleibt er sofort hinter
den anderen zurück, denn wer nicht vorwärts blicken will, der
wendet der Geschichte den Rücken zu: ein Mittelding gibt es hier
nicht und kann es nicht geben." 2) Das ökonomische Denken muß im-
mer, und heute um so mehr, auf den technischen oder wissenschaft-
lich-technischen Fortschritt gerichtet sein. Die Sache anders zu
betrachten bedeutet, den natürlichen Faktoren eine bestimmende,
selbstgenügsame Bedeutung zu verleihen.
Aber das ist noch nicht alles. Der entscheidende Faktor des wis-
senschaftlich-technischen Fortschritts sind immer die Produkti-
onsverhältnisse. Gerade sie sind der wichtigste, mächtigste Sti-
mulus für eine unentwegte und schnelle Entwicklung der Produktiv-
kräfte und für die Erhöhung der Effektivität der gesellschaftli-
chen Produktion. Und sie können auch zum wichtigsten Hemmnis für
das Wirtschaftswachstum werden. Das geschieht dann, wenn die ob-
jektiv notwendige Übereinstimmung zwischen dem erreichten Niveau
der Produktivkräfte, ihren Entwicklungstendenzen und den konkre-
ten Formen der Produktionsverhältnisse verletzt wird. Eine Ver-
letzung dieser Übereinstimmung trat deutlich Ende der 70er und
Anfang der 80er Jahre zutage. Es war, als würden die um ein Mehr-
faches angewachsenen Produktivkräfte außer Kontrolle geraten; sie
wurden durch aus der Vergangenheit beibehaltene Wirtschaftsmetho-
den schwer lenkbar. Die entstandenen Leitungs- und Organisations-
strukturen der Planung zeigten sich nicht in der Lage, das hohe
Tempo des wissenschaftlich-technischen Fortschritts zu gewährlei-
sten, die Wirtschaft auf einen intensiven Entwicklungsweg zu
überführen. Das Tempo des Wirtschaftswachstums nahm wesentlich
ab, und es entstanden ernsthafte Disproportionen.
Das ist die wichtigste, tiefliegendste Ursache für die Schwierig-
keiten, auf die unsere Landwirtschaft in den genannten Jahren
stieß. Die Ursachen woanders zu suchen, bedeutet, von den Prinzi-
pien der wissenschaftlichen Analyse abzugehen, sich der Möglich-
keit zu berauben, wirksame Methoden zur Überwindung der negativen
Erscheinungen zu entwickeln.
Und schließlich muß man noch den Umstand berücksichtigen, daß mit
der Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft, mit der Erhö-
hung ihrer Reife die Anforderungen an die Wissenschaftlichkeit
des ökonomischen Denkens (wie auch des gesellschaftlichen Bewußt-
seins insgesamt) bedeutend höher werden. Das hängt letztendlich
mit den komplizierter gewordenen Aufgaben des gesellschaftlichen
Fortschritts zusammen. Lenin forderte, unbedingt weiterzugehen,
unbedingt mehr zu erstreben, "unbedingt von leichteren zu den
schwierigeren Aufgaben überzugehen", denn sonst "ist überhaupt
kein Fortschritt, auch kein Fortschritt im sozialistischen Auf-
bau, möglich" 3). Dadurch, daß die zu lösenden Aufgaben kompli-
zierter werden, steigen die Anforderungen an die Wissenschaft-
lichkeit aller Seiten des gesellschaftlichen Bewußtseins.
Daß sich die heutigen Realitäten im ökonomischen Denken wider-
spiegeln müssen, ist vor allem durch die tiefgreifenden Verände-
rungen in den Bedingungen für das Funktionieren der Wirtschaft,
durch den Übergang zu einem intensiven Typ der Reproduktion be-
dingt. In wissenschaftlichen Arbeiten heißt es gewöhnlich, daß es
eine rein extensive oder rein intensive Art der Reproduktion
nicht gebe, daß man vom Überwiegen des einen oder anderen Faktors
sprechen müsse. Durch ein solches Herangehen entsteht jedoch der
Eindruck, als ginge es hier nur um einen quantitativen Unter-
schied: um den mehr oder minder großen Einfluß verschiedener Fak-
toren auf die Wirtschaftsdynamik. Dadurch wird jedoch die Tatsa-
che vertuscht, daß sich heute der Übergang zu einem prinzipiell
neuen Typ des Wirtschaftswachstums vollzieht. Und es geht hier
keinesfalls um eine Veränderung der Korrelation einzelner Fakto-
ren, sondern um eine tiefgreifende Umwandlung der gesamten Struk-
tur der gesellschaftlichen Reproduktion, um eine qualitativ neue
Rolle der Wissenschaft in diesem Prozeß und um grundlegende Ver-
änderungen im System der gesellschaftlichen Bedürfnisse.
Die politische Ökonomie steht vor der Notwendigkeit, eine neue,
zeitgemäße und selbstverständlich marxistische Konzeption des
wirtschaftlichen Wachstums auszuarbeiten, darunter auch eine neue
Betrachtungsweise des Problems des Tempos. In erster Linie ist es
erforderlich, entschieden und konsequent von der Einschätzung der
Wirtschaftsdynamik nach Bruttomengenkennziffern, ausgesprochen
quantitativen Gesichtspunkten, oder solchen Kennziffern, die den
Umfang angeben, abzurücken. Der Schwerpunkt muß hier auf die Auf-
deckung und Messung der volkswirtschaftlichen Endergebnisse ver-
lagert werden, auf den Grad (die Vollständigkeit) der Befriedi-
gung der gesellschaftlichen Bedürfnisse.
Davon, daß dies ein prinzipiell neues Herangehen erforderlich
macht, kann man sich anhand des folgenden Beispiels überzeugen.
Es ist klar, daß Bedürfnisse nicht durch Millionen von Rubel,
sondern durch den Gebrauchswert befriedigt werden. Die Orientie-
rung auf den Konsumenten macht die Erfüllung von Lieferverpflich-
tungen in Übereinstimmung mit dem im Vertrag vorgesehenen Produk-
tionsumfang, Sortiment und der Qualität zur vorrangigen Aufgabe.
Hier verändert sich das Herangehen an die Planung selbst - zur
Grundlage des Produktionsprogramms der Betriebe und Vereinigungen
wird, wie man bei uns sagt, die Auftragsmappe.
Es verändert sich auch das Herangehen an die Einschätzung der Er-
gebnisse. Die Auflage, in Übereinstimmung mit abgeschlossenen
Verträgen zu liefern, kann nicht übererfüllt werden. Sie kann
hundertprozentig oder weniger erfüllt werden, es ist jedoch un-
möglich, sie auch nur um ein Prozent überzuerfüllen, da die ge-
samte Produktion, die über den Vertrag hinausgeht oder eine Ver-
letzung der vertraglichen Anforderungen darstellt, nicht berech-
net wird. Unsere Industrie geht folglich zu einer solchen Ordnung
über. Jedoch ist bis heute die Einschätzung nach Bruttomengen-
oder Umfangskennziffern noch nicht überwunden. Das zeugt davon,
wie zählebig Trägheit ist, wie schwer sich im ökonomischen Denken
neue Anforderungen, die von der Partei ausgearbeiteten Direktiven
durchsetzen.
Der Kampf gegen die Einschätzung nach Bruttomengen- und Umfangs-
kennziffern erfordert nicht nur eine Veränderung des Meßverfah-
rens der Wirtschaftsdynamik, sondern hat noch einen anderen,
strukturellen Aspekt. Die Einschätzung der industriellen Entwick-
lung nach ihrem allgemeinen Wachstumstempo bleibt, unabhängig da-
von, ob ihr die Messung der Brutto-, Waren- oder Nettoproduktion
zugrunde liegt, ausgesprochen auf den Umfang und auf Durch-
schnittswerte beschränkt und hat mit beliebigen Durchschnittswer-
ten alle Vorteile und Mängel gemeinsam. Beispielsweise kann ein
Zuwachs der Industrieproduktion um, sagen wir, fünf bis sechs
Prozent im Jahr ganz unterschiedliche Prozesse verdecken, sowohl
hinsichtlich des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, als
auch im Hinblick auf die Vollständigkeit der Bedürfnisbefriedi-
gung.
Betrachten wir das Problem anhand konkreterer Beispiele. In der
Wirtschaftsanalyse wird sehr häufig mit dem Vergleich des Wachs-
tumstempos der Abteilung "A" und der Abteilung "B" operiert. Aber
auch das ist eine Gegenüberstellung nach Bruttomengen- und Um-
fangsgesichtspunkten. Die heutige Struktur der Abteilung "A" ist
so, daß in ihr die Produktion von Arbeitsgegenständen (Rohstoffe,
Brennstoffe, Baumaterialien) vier Fünftel einnimmt und die Pro-
duktion von Arbeitsmitteln (Maschinen, Ausrüstungen, Geräte) nur
ein Fünftel ausmacht. Bei Stabilisierung der Rohstoffgewinnung -
und das ist eine vollkommen realistische Annahme - führt eine Er-
höhung des Ausstoßes von Arbeitsmitteln um, sagen wir, zehn Pro-
zent zu einem Zuwachs in der Abteilung "A" um ganze zwei Prozent.
Aber kann man denn nur auf Grund dieser Zahl über die realen Pro-
zesse urteilen? Selbstverstänlich nicht. Im zeitgemäßen ökonomi-
schen Denken muß das analytische, differenzierte Herangehen domi-
nieren.
Weiter. Nach modernen Produktionsmaßstäben ist eine vollständige
Befriedigung (wenn man es von der quantitativen Seite aus be-
trachtet) vieler traditioneller Bedürfnisse erreicht. Betrachten
wir ein konkretes Beispiel, die Produktion von Schuhen. Die so-
wjetische Industrie produziert heute mehr Lederschuhe als die
USA, die BRD, Großbritannien und Japan zusammen. Der Ausstoß (in
Millionen Paar) blieb in den letzten Jahren konstant hoch. Das
Sortiment solcher Erzeugnisse wurde in den letzten Jahren ständig
erweitert. Hier muß man also auf eine andere, nicht traditionelle
Weise an die Einschätzung des Tempos herangehen. Es ist eine Sa-
che, Erzeugnisse zu produzieren, nach denen die Nachfrage befrie-
digt ist, und eine ganz andere Sache, Waren herzustellen, die den
veränderten Bedürfnissen entsprechen.
Zugleich entsteht eine völlig neue Frage, wie die qualitativen
Aspekte der ökonomischen Entwicklung gemessen werden können. Je-
der von uns kann sich doch sehr gut vorstellen, daß der Umfang
der Produktion von Schuhen in Millionen Paaren rein gar nichts
über die Qualität und darüber aussagt, ob die Produktion den ent-
standenen gesellschaftlichen Bedürfnissen entspricht. Noch dring-
licher erscheint dieses Problem bei der Messung der Qualität von
Produktionsmitteln, Maschinen, Ausrüstungen, Geräten und außerdem
Metallen und anderen Grundstoffen. Folglich sind die existieren-
den Kennziffern für das Wirtschaftswachstum nicht in der Lage,
die reale Dynamik bei der Produktion von Gebrauchswerten wieder-
zugeben. Und wenn man sich damit früher noch irgendwie abfinden
konnte, so ist heute eine neue, aufschlußreichere Betrachtungs-
weise erforderlich.
Und noch eines. Es existieren recht bedeutende Unterschiede in
der Dynamik der Produktion für den laufenden Verbrauch (Arbeits-
gegenstände, die meisten Konsumgüter) und der Produktion von
langlebigen Gütern (Wohnhäuser, Transportmittel, Werkzeugma-
schinen usw.). Wir verwirklichen ein gigantisches Wohnungsbaupro-
gramm. Das vierte Planjahrfünft hintereinander wurden ungefähr
520 bis 540 Millionen Quadratmeter Wohnraum ihrer Bestimmung
übergeben. Formell gibt es anscheinend keinen Zuwachs. Aber hier
muß auf andere Weise gemessen werden: der angesammelte reale Be-
sitz und die Qualität der übergebenen Objekte müssen berücksich-
tigt werden.
Man kann sich auch noch ein anderes Bild vorstellen: Eine Stabi-
lisierung des Bestandes der metallverarbeitenden Ausrüstungen
(nach der Anzahl von Einheiten) und, entsprechend, eine Stabili-
sierung des Ausstoßes von Werkzeugmaschinen, die vorgesehen sind,
um wegen physischen und moralischen Verschleißes ausscheidende
Werkzeugmaschinen zu ersetzen. Auch das ist völlig realistisch.
Wird doch schon heute der Zuwachs des Bestandes von Werkzeugma-
schinen von ihrem Veralten und ihrer schlechten Nutzung beglei-
tet, und der Ausstoß von Metallbearbeitungsmaschinen geht sogar
zurück. Es ist völlig offensichtlich, daß man zu einer Einschät-
zung der Qualität der Wirtschaftsdynamik übergehen muß.
Im System der gesellschaftlichen Reproduktion vollziehen sich
also tiefgreifende, qualitative Veränderungen. Sie führen zu ei-
ner prinzipiell neuen ökonomischen Situation, die sich wesentlich
von der unterscheidet, die für die vorangegangenen Etappen des
sozialistischen Aufbaus charakteristisch waren. Wobei hier nur
ein Teil der Veränderungen behandelt wurde. Viele Probleme, die
ausreichend umfassend in der Literatur abgehandelt werden, kamen
hier nur ganz allgemein zur Sprache.
All das in seiner Gesamtheit vergrößert die Notwendigkeit, das
zeitgemäße ökonomische Denken zu formieren. Und das Wesen der Sa-
che besteht nicht nur darin, daß sich das Massenbewußtsein die
bereits gewonnenen wissenschaftlichen Wahrheiten aneignet. Viele
der neuen Betrachtungsweisen müssen erst noch ausgearbeitet wer-
den, die neuen Erscheinungen und Prozesse im sozialökonomischen
Leben des Landes müssen noch tiefgreifender untersucht werden.
Eine besondere Verantwortung bei der Lösung dieser Aufgabe trägt
die Wirtschaftswissenschaft und ihr Herzstück - die politische
Ökonomie des Sozialismus. Sie selbst ist in ihrer Entwicklung be-
rufen, sich auf das Niveau der hohen Anforderungen zu erheben,
die von der Situation und der Verantwortung der Wissenschaft un-
ter den Bedingungen der entwickelten sozialistischen" Gesell-
schaft diktiert werden.
_____
*) Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift "Kommunist",
Moskau, Nr. 18 (1262), Dezember 1984. Er ist ein Beitrag im Kon-
text der Diskussion im Vorfeld des Entwurfs für ein neues Partei-
programm der KPdSU, der im Herbst 1985 veröffentlicht und dem 27.
Parteitag der KPdSU im Frühjahr 1986 zur Beschlußfassung vorge-
legt werden soll. Überschriften durch die Redaktion. Übersetzung
aus dem Russischen: Vera Böpple.
1) Rede Konstantin Tschernenkos auf der Jubiläumsplenartagung des
Vorstandes des Schriftstellerverbandes der UdSSR 1984.
2) W.I. Lenin, Werke, Bd. 5, S. 137.
3) W.I. Lenin, Werke, Bd. 37, S. 196 (Russische Ausgabe).
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