Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985
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REGIONALENTWICKLUNG - LEBEN IN STADT UND LAND
Alf Baumhöfer
Stärkung der regionalen Eigenständigkeit durch Aktivierung
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der eigenen Kräfte, orientiert am regionalen Bedarf
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Die "Stärkung einer eigenständigen Regionalentwicklung" oder, an-
ders ausgedrückt: eine Stärkung der regionalen Eigenständigkeit
könnte ein gangbarer Weg sein, um in Regionen, die "hinter der
allgemeinen Entwicklung zurückgeblieben sind", die Lebens- und
Arbeitsbedingungen langfristig zu verbessern. Dieser Vorschlag
ist - grob umrissen - eine Alternative zur zentralistischen, in-
dustrieorientierten Wirtschaftspolitik und -entwicklung. Über
eine stärkere Dezentralisierung und regionale Selbstbestimmung
wird der Aufbau einer vielfältigen Wirtschaftsstruktur ange-
strebt. Diese Strategie will eine Stärkung der regionalen Eigen-
ständigkeit mit möglichst voller - aber umweltbewußter - Mobili-
sierung der regionalen Ressourcen erreichen. 1)
1. Ökonomische Komponenten einer
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eigenständigen Regionalentwicklung
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Ausgangspunkt ist die Aktivierung und Förderung von
"regionseigenen Kräften". Die Produktion ist am eigenen und re-
gionalen Bedarf orientiert - es wird nicht mehr ausschließlich
auf die Entwicklung von regionalen Ressourcen abgestellt, die
überregional gefragt sind.
Diese Strategie bedeutet eine Umkehrung des derzeitigen Prinzips,
nach dem Randregionen insbesondere Rohstoffe und Halbfertigpro-
dukte exportieren und regionsfremde (teuere) Fertigprodukte im-
portieren. Bisher kommt die Wertschöpfung zum größten Teil den
Ballungsräumen bzw. Zentren zugute, da insbesondere dort Produkte
weiterverarbeitet und vermarktet werden. Eine eigenständige Re-
gionalentwicklung soll diesen Prozeß zum Stehen bringen und die
damit verbundenen ökonomischen Benachteiligungen und Abhängigkei-
ten durch z.B. eine regionsangepaßte Integration der Urproduk-
tion, Veredelung, Weiterverarbeitung und Vermarktung abbauen.
Neben diesem teilweisen Ersetzen von (teueren) Importen würde die
regionale Eigenständigkeit auch durch neue, qualitative Produkte
mit "Regionalcharakter" gestärkt werden, die sich an den speziel-
len, regionalen Standortgegebenheiten bzw. -vorteilen und regio-
nalen Wertschätzungen orientieren. Dieses beinhaltet eine
"Entdeckung" von "neuen, sinnvollen" Produkten und Märkten, die
dauerhaften Absatz versprechen - und damit dauerhafte Beschäfti-
gung bringen.
Die Suche nach diesen regionsbezogenen Produkten erfordert Krea-
tivität und Erfindungsreichtum - die überall vorhanden sind. Sie
müssen "nur" durch langwierige Aufklärungs- und Bildungsarbeit
sowie zielgerichtete Förderung, Betreuung und Beratung entwickelt
und genutzt werden. 2) Hierzu einige grob skizzierte Möglichkei-
ten:
a) Erzeugung und Vermarktung von qualitativ
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hochwertigen landwirtschaftlichen Produkten
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Der sogenannte ökologische bzw. biologische Landbau ist bei ge-
eigneter Produktions- und Vermarktungsorganisation eine Produkti-
onsalternative, da die wachsende Sensibilität für biologisches
und ökologisches Kreislaufdenken und -handeln keine vorüberge-
hende Mode sein dürfte, sondern ein erst anlaufender Prozeß.
Eine wichtige Rolle spielt hierbei nicht nur die wachsende Nach-
frage nach vollwertigen, schmackhaften Nahrungsmitteln, sondern
auch die Erhaltung und Schonung der Natur und ihrer Vielfältig-
keit. Beim bevorzugten Anbau von standortgemäßen Kulturpflanzen
in einem "biologischen Mischbetrieb" wird der Abbau von Monokul-
turen und schädlichen Spritz- und Düngemitteln sowie die Berück-
sichtigung der Fruchtfolgeverträglichkeit bzw. der interessante-
ren Fruchtfolgewirtschaft angestrebt. Durch die notwendige Viel-
fältigkeit - Viehwirtschaft (Mist, Gülle) und Ackerbau - ist die
Umstellung von "konventioneller" auf "biologische" Wirtschafts-
weise insbesondere für kleine und mittlere Betriebe sinnvoller
als für landwirtschaftliche Großbetriebe.
Hochwertige landwirtschaftliche Erzeugnisse aus "biologischem An-
bau" bzw. von Umstellungsbetrieben sowie veredelte Produkte (z.B.
Brot, Milchprodukte, Wurst- und Fleischwaren, Obstsäfte) könnten
über (gemeinschaftliche) Vermarktungswege (z.B. Erzeuger-Verbrau-
cher-Genossenschaften, Einkaufskooperativen, Abholgemeinschaften,
Wochenmärkte usw.) regional abgesetzt werden, um nicht nur die
Nachfrage zu befriedigen, sondern z.B. auch arbeitslosen Nebener-
werbslandwirten wieder einen Vollerwerb zu ermöglichen sowie die
Veredelung und Weiterverarbeitung in die Region "zurückzuholen".
Dieser "Wieder"-Aufbau einer regionalen bzw. lokalen Verarbeitung
und Veredelung (in Mühlen, Molkereien, Mostereien etc.) schafft
regionale Arbeitsplätze und regionales Einkommen und reduziert
die Kosten z.B. aufgrund kürzerer Transportwege.
Eine stärkere Ausweitung des biologischen Landbaues erfordert
aber nicht nur die Inititative von Erzeugern und Verbrauchern,
sondern es sind auch Rahmenbedingungen notwendig, die diese Ent-
wicklung unterstützen: Neben Umstellungs- und Investitionszu-
schüssen sind dieses vor allem regionale Beratung (regionale öko-
logische Beratungsringe) und Betreuung sowie z.B. die Einführung
des ökologischen Landbaues als Unterrichtsfach an Landwirt-
schaftsschulen bzw. die Einrichtung entsprechender Studiengänge
an Hochschulen.
b) Herstellung von gebrauchswertorientierten, langlebigen
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Gebrauchsgütern und Kunsthandwerksprodukten
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Ähnlich wie in der Nahrungsmittelproduktion können auch in Berei-
chen der Gebrauchsgütererzeugung mit großtechnologischen Produk-
tionsanlagen spezielle Qualitätsansprüche der Konsumenten nicht
erfüllt werden. Die Produktion langlebiger, reparaturfähiger, um-
weltschonender und umweltverträglicher Produkte, das Herstellen
von kunsthandwerklichen Produkten und die handwerkliche Fertigung
von Produkten, bei denen Handarbeit schwer ersetzbar ist oder zum
festen Qualitätsmerkmal des Produktes zählt, sind Bereiche, in
denen eine regionsbezogene Produktion chancenreich wäre.
Insbesondere Klein- und Mittelbetriebe könnten diese qualitativ
hochwertigen Produkte unter Nutzung der regionalen Rohstoffe her-
stellen. Wieweit hierbei bestehende (existentiell gefährdete)
Klein- und Mittelbetriebe für eine Produktionsumstellung zu ge-
winnen sind, ist weniger von der finanziellen Unterstützung, son-
dern mehr von der Innovations- und Kooperationsfähigkeit dieser
Betriebe und ihrer Beratung abhängig. Z.B. die Verarbeitung von
Schafswolle, die Herstellung von Web- und Strickwaren, der Woh-
nungsinnenausbau und die Herstellung von arbeitsintensiven Lang-
zeitwaren (statt Wegwerfgütern) sind Bereiche mit Zukunftsper-
spektive. Aber auch die Ausweitung des Kunsthandwerks, über ver-
stärkte Kooperation und gemeinsame Vermarktung, würde (im Zusam-
menhang mit dem Fremdenverkehr) regionale Einkommens- und Ar-
beitsmöglichkeiten schaffen. Kunsthandwerksinitiativen, in denen
aus Kooperations- und Vermarktungsgründen Kunsthandwerker zusam-
menarbeiten, könnten aber auch ausbilden und damit das Können und
die Fertigkeiten an nächste Generationen weitergeben.
c) Maßnahmen zum Energiesparen und der Auftau einer regionsspezi-
fischen, dezentralen Energiegewinnung und -versorgung
Ein wesentlicher Teil der Strategie zur Stärkung einer eigenstän-
digen Regionalentwicklung ist die Verminderung des Imports von
teurer Energie. Zwei sich ergänzende Vorgehensweisen bieten sich
hierbei an: Zum einen energiesparende Maßnahmen und zum anderen
der Aufbau einer regionsspezifischen, dezentralen Energiegewin-
nung über die Verwendung erneuerungsfähiger (regenerativer) Ener-
gieträger.
Die Bedeutung von energiesparenden Maßnahmen bzw. eine sparsame
Ressourcennutzung bei größtmöglicher Wiederverwendung und -ver-
wertung von erneuerbaren Ressourcen wird in Zukunft unter der
Prämisse knapper Ressourcen zunehmen. Neben einer langfristig an-
gelegten Informations- und Beratungsarbeit heißt dieses konkret
einen Verzicht auf energieverschwenderische Technologien (z.B.
Pestizide, Verpackung) sowie eine Verminderung der Energiever-
schwendung durch eine Erhöhung des Energieausnutzungsgrades (z.B.
Wärmedämmung, Abwärmenutzung). Dieses beinhaltet auch den umwelt-
angepaßten Bau von sogenannten Energiesparhäusern (z.B. Wärmedäm-
mung, Verwendung regenerativer Energiequellen, Wiederverwendung
von Brauchwasser) 3) und energiesparende Baumaßnahmen an öffent-
lichen Gebäuden.
Weiterhin trägt die Nutzung erneuerungsfähiger regionaler Ener-
gieträger zur Stärkung der regionalen Eigenständigkeit in hohem
Maße bei. Der Ersatz nicht regenerierbarer Energieträger (Öl,
Gas) durch regenerierbare Energieträger (Windenergie, Biogas, So-
larenergie) bzw. der Aufbau einer regionsspezifischen dezentralen
Energieversorgung könnte durch vom Bund bzw. vom Land finanzierte
"Pilotprojekte zur Entwicklung regional angepaßter Energienutzung
und örtlicher Energieversorgung" ausgehen und in Zusammenarbeit
mit Fachleuten und Initiativen aus der Region konkretisiert wer-
den.
d) Entwicklung und Aufbau eines kleinräumlichen,
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naturnahen Fremdenverkehrs
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Der Aufbau eines naturnahen, sanften Fremdenverkehrs, der die Na-
tur schont und einen hohen Urlaubs- und Erholungswert für die Gä-
ste bietet, ist eine weitere regionale Entwicklungsmöglichkeit.
Die Eigenart der Umgebung, die Möglichkeit einer gesunden Ernäh-
rung und freien Bewegung in der Natur, die Ruhe, das Erlernen von
künstlerischen und handwerklichen Fertigkeiten usw. usf. werden
von immer mehr Menschen höher bewertet als Komfort und Service,
Perfektionismus und Trubel. Gerade viele "periphere" Regionen mit
teilweise noch "unverfälschten Besonderheiten", mit "natürlichen
Reizen", mit vielfältigen Entdeckungsmöglichkeiten statt durchge-
planter Fremdenverkehrsinfrastruktur, mit individueller Gast-
freundschaft statt perfekter Animation erfüllen diese Ansprüche.
Dieser regionsspezifische, sozial und ökologisch verträgliche
Tourismus könnte dezentral von einheimischen Landwirten, Gastwir-
ten, (Kunst-)Handwerkern etc. ausgehen und über lose Organisati-
onszusammenschlüsse "vermarktet" werden. Die Einbindung von land-
wirtschaftlichen Betrieben und lokalem Gewerbe sowie breite Be-
teiligung der regionalen Bevölkerung über das Anbieten von voll-
wertigem Essen ("Biokost"), die Vermarktung von regionalen
"Spezialitäten" (bei denen der Ursprungsort zu einem wesentlichen
Produktmerkmal gemacht wird), Möglichkeiten zum Erlernen von
künstlerischen und handwerklichen Fertigkeiten sowie das Kennen-
lernen einheimischer Traditionen und Besonderheiten würde klein-
räumige Strukturen wiederbeleben und aktivieren.
So wäre an die Förderung einer neuen Qualität des Fremdenverkehrs
durch Wahrung und Pflege von Traditionen und den Erhalt typischer
Siedlungsstrukturen zu denken. Hierbei muß aber grundsätzlich be-
achtet werden, daß der Fremdenverkehr niemals ein Patentrezept
sein kann: Zum einen ist der Fremdenverkehr immer abhängig von
den Urlaubsgewohnheiten der Touristen - die fast immer von außer-
halb der Region kommen -, andererseits stößt gerade der natur-
nahe, sanfte Fremdenverkehr - aufgrund des Anspruchs der Natur-
schonung - sehr leicht an Belastungsgrenzen in der Natur.
2. Sozio-kulturelle Komponenten einer
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eigenständigen Regionalentwicklung
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Zentrale Annahme dieses Konzeptes ist es, daß sich die Menschen
in der Region - genügend politische und wirtschaftliche Unter-
stützung vorausgesetzt - selbst helfen können. So verfügen oft
Teile der Bevölkerung noch über Produktionsmittel (wie z.B. Grund
und Boden, Maschinen), entsprechende Fertigkeiten und Begabungen,
teilweise auch über Kapital. Es fehlt aber an Marktübersicht und
Organisationserfahrung. Auch eine ausgeprägte Innovations- und
Kooperationsfähigkeit bzw. Umsetzungsbereitschaft ist kaum vor-
handen.
Aufgrund dieser Gründe ist neben einer Aktivierung der regionalen
Bevölkerung eine fachliche Beratung und Betreuung von lokalen und
regionalen Initiativgruppen, die wirtschaftlich tragfähige Pro-
duktionsalternativen entwickeln und konkretisieren, unumgänglich.
Im Vordergrund steht somit nicht die finanzielle Direktförderung,
sondern die indirekte, personalintensive Förderung durch eine ak-
tivierende Informations- und Bildungsarbeit sowie der Aufbau ei-
ner Beratungs- und Betreuungsstruktur. Konkrete Aufgabenbereiche
wären z.B.
- die Erarbeitung von regionalen Entfaltungsmöglichkeiten sowie
die Stimulierung und Aktivierung von entwicklungsfähigen regiona-
len Initiativen, um engagierte Aktivisten und Interessenten z.B.
für Pilot- und Entwicklungsprojekte zu gewinnen;
- das Einbringen von Erfahrungen aus anderen Regionen und Län-
dern;
- Hilfestellungen für alle auftauchenden Probleme bei der Reali-
sierung (z.B. betriebswirtschaftliche und rechtliche Beratung).
Haupt- und nebenberufliche Regionalbetreuer könnten diesen Inno-
vationsprozeß mit einleiten und koordinieren. Erfolgsbeispiele
für diese der wirtschaftlichen Beratung vorgelagerte Aktivierung
finden sich in der Schweiz, in Schottland und in österreichischen
Berggebieten. 4)
3. Merkmale der autonomen Regionalentwicklung
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in politischer Hinsicht
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Eine wirksame Korrektur regionaler Entwicklungsdefizite ein-
schließlich eines Abbaues der einseitigen Begünstigung der Zen-
tren muß auch über eine Stärkung des politischen Gewichts der Re-
gion erreicht werden. Eine Verbesserung der Wirtschafts- und
Strukturpolitik und eine Erweiterung des Instrumentariums im
Sinne der Förderung der regionalen Autonomie und Initiative ist
hierbei wichtige Voraussetzung. Diese beiden Schritte sind unum-
gänglich - sie sind aber nur wirkungsvoll, wenn die traditio-
nellen regionalpolitischen Instrumente die Autonomiebestrebungen
nicht behindern bzw. unmöglich machen. Aus diesem Grund ist es
notwendig, die Instrumente der Wirtschafts- und Infrastruktur-
förderung so zu verändern, daß sie mit den Zielen einer
eigenständigen Regionalentwicklung harmonisieren und diese
unterstützen.
Solche regionsspezifischen Entwicklungsvorstellungen stehen oft
im Widerspruch zu denen der Zentren. Ohne eine verstärkte und
wirksame Einflußnahme auf die zentralstaatliche Politik, deren
raumwirksame Effekte häufig nur "nebenbei" bedacht werden, muß
dieses Konzept ein wirkungsloses Alibi bleiben. Eine eigenstän-
dige Regionalentwicklung kann somit nicht alleine von unten er-
folgreich verwirklicht werden: Sie ist auf die Hilfestellung von
außen bzw. auf entsprechende raumwirksame Rahmenbedingungen ange-
wiesen.
4. Vorschläge für konkrete Schritte zur Stärkung
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einer eigenständigen Regionalentwicklung
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Es müssen wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeiten erkundet, ent-
wickelt und konkretisiert werden, die der Erhaltung und Erneue-
rung vorhandener Strukturen ebenso dienen wie dem schonenden Um-
gang mit den natürlichen Gegebenheiten und Ressourcen. Konkret
heißt das die Erarbeitung eines regionalen Entwicklungskonzeptes:
In Zusammenarbeit mit der Bevölkerung, mit Initiativen, Fachleu-
ten etc. müßten klein-regionale Entfaltungsmöglichkeiten bzw.
spezifische Entwicklungsmöglichkeiten sowie konkrete Handlungsbe-
reiche erkundet werden. Die Einbeziehung und Untersuchung von in
der Region bestehenden Wirtschaftsprojekten wäre hierbei sinnvoll
und förderlich.
Nach einer Publizierung, öffentlichen Diskussion und Propagierung
der Untersuchungsergebnisse wäre ein nächster Schritt die Schaf-
fung von "Finanzierungsquellen" für Bildungsarbeit (zur Erarbei-
tung von Produktionsalternativen und Möglichkeiten der Importsub-
stitution), für Beratung und Betreuung, für Regionalbetreuer, für
Starthilfen, Zuschüsse etc.. Hier sollte z.B. über sog. Pilotpro-
jekte auf ein spezielles Innovationsprogramm bzw. auf die finan-
zielle Ausstattung eines Fonds hingearbeitet werden. Zugleich
sollten aus der Region mit den vorhandenen Mitteln und Möglich-
keiten konkrete Anfänge mit bestehenden regionalen Initiativen
gemacht werden, um u.a. die Forderung nach Landes- und Bundesmit-
teln zu unterstreichen.
Dieses sind, grob umrissen, konkrete Schritte zur Stärkung einer
eigenständigen Regionalentwicklung. Regionale Arbeitslosigkeit,
negative Wanderungssalden, Monostrukturen, starke Abhängigkeiten
von Zentren etc. können durch eine schrittweise Konkretisierung
langsam abgebaut werden. Es kann nicht erwartet werden, daß re-
gionale Fehlentwicklungen, die in einem langen Prozeß der Indu-
strialisierung entstanden sind, in kurzer Zeit behoben werden.
Die Stärkung einer eigenständigen Regionalentwicklung und damit
der Aufbau einer vielfältigen regionalen Wirtschaftsstruktur ist
ein langsamer, langwieriger Entwicklungsprozeß.
Eine längerfristig wirksame Bekämpfung regionaler Entwicklungs-
schwäche ist meiner Meinung nach nur über eine stärkere regionale
Selbsthilfe und Selbstorganisation bzw. über eine Stärkung der
regionalen Eigenständigkeit möglich. Aufgrund gesamtgesellschaft-
licher und gesamtwirtschaftlicher Strömungen ist es zur Zeit gün-
stig, dieses regionalpolitisch Sinnvolle zu tun!
_____
1) auch: Alf Baumhöfer, Die Stärkung einer eigenständigen Regio-
nalentwicklung - eine regionale Entwicklungschance, in: Neues Ar-
chiv für Niedersachsen, Band 32, Heft 4 (1983).
2) Ein Beispiel hierfür ist der Förderverein der (früheren) Mit-
arbeiter der Olympia AG in Leer - dem aber im entscheidenden Mo-
ment die staatliche Unterstützung versagt blieb.
3) S. z.B. das geplante "autonome Fehnhaus" in Ostfriesland oder
das "Energielabor" der Universität Oldenburg.
4) S.: Alf Baumhöfer, Wirtschaftsprojekte durch regionale Initia-
tiven/Ansätze alternativer Regionalpolitik anhand von Beispielen
aus Randregionen Österreichs, Oldenburg 1982.
Klaus Brake
In allen Regionen müssen ökonomische, technologische, soziale und
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kulturelle Erfahrungen zugänglich sein, die Handlungsfähigkeit
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mit Perspektive ermöglichen
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Menschenverachtende Disparitäten
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An den Lebensbedingungen in Stadt und Land der BRD ist eines
jetzt vor allem ärgerlich:
- Es gibt Gegenden, die noch weniger mit Arbeit versorgt sind,
als das ohnehin schon der Fall ist; in vielen alten Industrie-
Städten und ländlichen Gebieten kommt entschieden zu wenig von
dem über, was in der BRD an Entwicklungskräften und Ressourcen
zur Lebensgestaltung hervorgebracht wird;
- und es gibt Gegenden, in denen die Lust am Kapitalinvestieren -
in Cities, Spitzen-Konsum und -Kultur, in Produktionstechnologien
etc. - überbordet: Bauboom, hektische Umnutzungen, Umwelt-Bela-
stungen prägen das Bild - etwa in Frankfurt, München oder Stutt-
gart.
Parallel zu diesen Disparitäten ist eine Vereinheitlichung von
Konsum-Mustern, Bau-Moden, Meinungsbildung etc. zu beobachten,
die - angesichts regionaler Besonderheiten etwa in Italien oder
Frankreich - bereits an US-amerikanische Zustände erinnern mag.
Diese Erscheinungen verbindet das Bemühen darum, die BRD zwar als
einheitlichen Markt für Massenwaren zu vervollkommnen, jedoch zu
deren Entwicklung und Produktion besonders selektiv Standortvor-
teile zu nutzen und zu protegieren, die ganz klar gesellschaft-
lich zustande gekommen sind. Die BRD ist auf dem besten Wege, das
Niveau ihrer Reproduktion gebietlich ganz extrem ungleichwertig
herauszubilden. Ein Stichwort dafür ist das Süd-Nord-Gefälle, das
z.B. in der FAZ mit der Empfehlung in Frage gestellt wird, um so
mehr doch private und Marktkräfte zum Zuge kommen zu lassen 1).
Der springende Punkt in dieser Entwicklung aber ist, daß dabei
für sehr viele Menschen die Grundlagen für eine historisch ad-
äquate Persönlichkeitsentwicklung sehr stark beeinträchtigt wer-
den.
Neuorientierung des Umgangs mit Ressourcen ist erforderlich
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Was im Kern anders werden müßte, ist einfach zu sagen: Die terri-
toriale Ausbreitung der wirtschaftlichen Potenzen, die sozial
vorteilhaft zu nutzen sind, muß umgelenkt werden. Aber wie? Und
welche qualitativen Aspekte sind dabei zu beachten? Es geht nicht
nur darum, die zwischen einigen Agglomerationen und zurückgeblie-
benen Gebieten ungleichmäßigen Standortentscheidungen aufzutei-
len, um so Unterausstattungen und Überlastungen auszugleichen.
Die Arbeits- und Lebensverhältnisse in der BRD werden maßgeblich
nicht so stark beeinträchtigt durch die Infrastruktur-Versorgung
(die weitgehend angeglichen ist) oder durch ökologische Mißstände
(die als Folgeerscheinungen durchaus politisch noch eingeschränkt
werden können). Viel stärker werden sie beeinträchtigt durch un-
terschiedlich entwickelte Möglichkeiten dazu, mit der ökonomi-
schen, technologischen, sozialen und kulturellen Entwicklung in
der BRD Erfahrungen sammeln zu können, die dazu befähigen, darauf
politisch so Einfluß zu nehmen, daß solche Zustände vom Keim her
verhindert werden können. In diesem Merkmal einer kritischen Be-
wußtseinsentwicklung und einer Handlungsfähigkeit mit Perspektive
vermute ich die wirklich wesentlichen Unterschiede zwischen Ge-
bieten in Stadt und Land der BRD bzw. den Menschen, die dort le-
ben. Der Ursachenzusammenhang mag die Bedeutung unterstreichen:
Voraussetzung für solche Möglichkeiten der Persönlichkeitsent-
wicklung 2) ist nämlich, daß sich alle materiellen Prozesse der
Gesellschaft, insbesondere die des Produzierens von Gebrauchswer-
ten und Leistungen, überall, d.h. in allen Sektoren und in allen
Gebieten, auf einem Niveau bewegen, das in historisch wesentli-
chen Elementen - etwa dem Grad der Vergesellschaftung oder ange-
wandten Wissenschaft, der Qualifikation, der erforderlichen Menge
an Arbeit etc. - dem Niveau entspricht, welches die Entwicklung
in der BRD insgesamt bestimmt. Und dieses Niveau ist - und das
belegen historische Prozesse wie z.B. die Verwissenschaftlichung
der allgemeinen Qualifikation oder die Verkürzung der notwendigen
Arbeit - für uns nicht zu trennen von industrieller Produktion
(was nicht identisch ist mit dem industriellen Sektor), von Ar-
beitsteilung und Kooperation auf einem entwickelten Stand (was
nicht identisch sein muß mit uns gewohnten Formen z.B. von Ar-
beitsproduktivität).
Konkrete Utopie regionaler Lebensbedingungen
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Für die Menschen, die z.B. im nordwestlichen Niedersachsen, im
Eifel-/Hunsrück-/Saargebiet oder östlichen Bayern leben, dürfen
nicht bloß diejenigen sozialen, kulturellen, politischen und ge-
werkschaftlichen Erfahrungsmöglichkeiten bereitgehalten werden,
die mit einer Arbeitswelt zusammenhängen, die auf isolierter bäu-
erlicher Produktion, auf heimischem Handwerk oder Ressourcenum-
gang oder auf einer Industrie beruht, die zwar noch relativ ar-
beitsintensiv ist, jedoch auf nachgeordnete Fertigung beschränkt
ist und insgesamt einer überholten Generation in der Produktiv-
kraftentwicklung angehört. Vielmehr muß auch dort ein Segment
dessen vorhanden sein, was die wirtschaftlichen und sozialen Ak-
tivitäten in einem so prosperierenden Standort wie derzeit z. B.
München oder Stuttgart prägt. Hinzu hat eine Landwirtschaft zu
kommen, in der industriemäßige Produktion vorherrscht - und zwar
nicht, indem sie fabrikähnlich und Teil der chemischen Industrie
ist, sondern indem Landwirtschaft betrieben wird mit dem Resultat
einer konkreten Arbeit, die z.B. nach Qualifikation, Zeitaufwand
und Entgelt dem sonst erreichten Standard entspricht. Und
schließlich müssen auch alle anderen Tätigkeitsbereiche, die z.
B. mit regionalen Besonderheiten - wie etwa Fremdenverkehr, Kul-
tur, Handwerk - zusammenhängen, ihrer Art nach dazu beitragen,
die Möglichkeiten zu produktiver Arbeit in dem Sinne zu verwirk-
lichen, wie das zur Schaffung des gesellschaftlichen Reichtums
erforderlich ist, der erstmal vorhanden sein muß, um sozial und
kulturell befriedigende Arbeits- und Lebensverhältnisse herzu-
stellen: Dazu gehören ausgewogene Verhältnisse von Arbeits-Umfang
und -Entgelt und von Bedürfnisentwicklung und den Möglichkeiten,
diese auf dem Wege einer emanzipatorischen Persönlichkeitsent-
wicklung zu befriedigen.
Praktische Voraussetzungen der Siedlungsentwicklung
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Auf jeden Fall erforderlich ist es also, wirtschafts- und raum-
planungspolitisch insbesondere die privaten Investitionen sekto-
ral und regional lenken zu können. Im Rahmen einer solchen natio-
nalen Strategie können erst - und sollen dann auch - die
"endogenen Potentiale" einzelner Regionen den Ausgangspunkt von
Regionalpolitik bilden, und zwar im Sinne der Ausgestaltung ihrer
Besonderheiten zu Faktoren einer "sich selbst tragenden Entwick-
lung". 3) Wenn also wirtschaftliches Potential (von bevorteilten
in benachteiligte Regionen) umgelenkt wird, bedeutet das prak-
tisch eine Reduzierung der Agglomeration, soll jedoch im Ergebnis
zu keiner totalen und gleichmäßigen Dezentralisierung führen. Ge-
rade für die Existenzfähigkeit hochentwickelter Tätigkeitsberei-
che muß es gut ausgebaute Zentren geben; denn Kooperationsmög-
lichkeiten und qualifizierte Infrastrukturen können nicht in be-
liebig kleinem Maßstab leistungsfähig bestehen. Eine praktische
Konsequenz wird also sein, daß es überall (mittlere bis größere)
Städte gibt.
Zur Ausgestaltung der Städte
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Es läßt sich streiten darüber, wie "Orte" oder "Städte" zu defi-
nieren und zu erklären sind. Auf jeden Fall sind sie Mittelpunkte
des Alltagslebens von - sehr vielen - Menschen: Sie sind Gemein-
wesen. Und das sollen sie mit ihrer Anlage, Nutzung und Gestal-
tung klar zu erkennen geben. Alles, was mit dem Wohnen der Masse
der Bevölkerung zu tun hat, Arbeitsstätten und öffentliche Ge-
bäude müssen in der Stadt den Platz einnehmen, der für eine be-
friedigende "Organisation" des Alltagslebens bei minimalem Ver-
kehr am praktischsten ist. Und d.h. vor allem: Standortwünsche,
die Einzelnen Vorteile verschaffen, sind zu negieren, und die
Stadtzentren sind (wieder?) zu wirklichen Mittelpunkten des kom-
munalen Lebens zu machen. Damit kann erreicht werden, daß Wohnun-
gen nicht durch Kommerz verdrängt werden ("erzwungene Mobilität")
und das Stadtbild nicht mehr von privaten Profiten beherrscht
wird.
Wie wäre das zu bewerkstelligen? Wesentliche Voraussetzung dafür
ist, daß die Städte und ihre Bewohner den Bodenbesitz regulieren,
wofür öffentliches Bodeneigentum, striktere Flächennutzungsaufla-
gen und Enteignungsmaßnahmen wichtig sind, und daß sie den Druck
des standortsuchenden tertiären Sektors reduzieren. Hierzu ist
der Einfluß auf einzelne Städte seitens des - gewöhnlich (inter-)
national agierenden - Handels-Kapitals zu beschränken, das sich
insbesondere durch Monopolstellung oder das Geschäft mit modi-
schen Waren und superschnellen Gewinnen auszeichnet und dadurch
besonders cityorientiert ist und destabilisierend wirkt. Im Hin-
blick darauf ist dessen Absatz-Basis zu reduzieren, indem der
Konzentration regionaler Kaufkraft auf wenige Städte ein Riegel
vorgeschoben wird.
Eine solche Stadtplanungs-Politik kann in den Städten selbst z.B.
dadurch betrieben werden, daß große Überbauungen und deren ein-
heitliche Nutzung unterbunden und die stromlinienmäßige Verkehr-
serschließung der Innenstädte verhindert werden. Das kann dann
außerhalb und zwischen den Städten bedeuten,
- daß aus den kleineren Bereichen, Orten und Einrichtungen die
Kaufkraft nicht mehr in dem Maße abgesaugt wird;
- daß die kommunale Konkurrenz und Erpreßbarkeit eingedämmt wer-
den kann; und
- daß der überregionalen/bundesweiten Gleichschaltung von Konsum-
und Lebensgewohnheiten eine Basis entzogen wird.
Gleichzeitig kann damit auch von dieser Seite her dazu beigetra-
gen werden, regionale Besonderheiten und Ausprägungen wirklich
produktiv weiterzuentwickeln, indem sie nicht bloß auf das
Schattendasein in den Nischen angewiesen sind, die das große Ge-
schäft ja auch nur bestehen läßt, soweit das sein Vorteil ist.
Politische Rahmenbedingungen, Widerstände und Praxis
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Ein solcher Entwurf zukünftiger Lebensbedingungen in Stadt und
Land der BRD ist jedoch nichts ohne die erforderlichen Rahmenbe-
dingungen; die betreffen die Verfügung über Produktiv-Investitio-
nen und Grund und Boden, und damit sind sie politisch ebenso es-
sentiell wie brisant und angefeindet: "Auf der Seite der Gegen-
kräfte steht alles, was am privaten Besitz von Grund und Boden in
der Stadt oder auf dem Lande interessiert ist, stehen die großen
Geldmächte, die dem Grundbesitz auf Hypotheken Kapital geliehen
haben, steht der gesamte Handel, der den Austausch von Industrie
und Agrarproduktion zwischen Stadt und Land vermittelt, stehen
alle politischen und geistigen Gewalten, die von der Zurück-
gebliebenheit der Landbevölkerung profitieren und die ein Inter-
esse daran haben, die bäuerlichen Eigentumsinstinkte gegen den
Hunger der städtischen Bevölkerung mobil zu machen". 4)
Jedoch gibt es inzwischen Erfahrungen im Umgang mit den Rahmenbe-
dingungen und diesen Gegenkräften. Zum Teil sind entsprechende
Planungskonzepte schon weit ausgearbeitet, 5) und zum Teil gibt
es politisch-praktische Erfahrungen, die belegen, daß eine solche
Gestaltung von Lebensverhältnissen möglich ist. Auch wenn ein
sehr umfassendes Experiment nicht in der BRD läuft, sondern in
Bologna, 6) und hiesige Beispiele destruiert wurden - etwa in
Wiesbaden oder München - oder erst wieder im Aufbau sich befin-
den, wie in den vielen Kommunen mit DKP- bzw. Grünen-Abgeordneten
- auf jeden Fall können uns diese Erfahrungen ermuntern. Hinzu
kommt ja, daß - im Gegenzug zu den Flurbereinigungen der derzei-
tigen Krise - die Bereitschaft, dagegen aufzustehen, gerade in
sozial oder örtlich/regional bestimmten Teilen der Bevölkerung
der BRD zunimmt. Das ist eine vorteilhafte Ausgangsbasis.
______
1) S. den Kommentar FAZ 15.4.1985.
2) Zum Zusammenhang "Arbeits- und Lebensbedingungen/Persönlich-
keitsentwicklung" siehe: Klaus Brake/Christoph Wurms: Ver-
besserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung als Ziel der
arbeitnehmerorientierten Stadtentwicklungs- und Regionalpolitik,
in: Regionale Krisen und Arbeitnehmerinteressen (StadtPlan 6),
Köln 1981.
3) Zur Problematik einer undifferenziert propagierten "regionalen
Regionalpolitik" siehe: Karl Hermann Tjaden: Arbeitsorientierte
Regionalpolitik und regionale Entwicklungspolitik, in: ebenda.
4) Alexander Schwab: Das Buch vom Bauen, Düsseldorf 1973, S. 193.
5) Klaus Brake (Bearb.): Für eine arbeitnehmerorientierte Raum-
ordnungs- und Regionalpolitik, Köln 1979.
6) S. z.B. Max Jäggi u.a.: Das rote Bologna, Zürich 1970. Einer
derart sozialorientierten Stadtplanungspolitik würde das von Bun-
desbauminister Schneider propagierte "neue Städtebaurecht" erst
recht wesentliche Gestaltungsmittel entwenden.
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