Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985

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MASSENMEDIEN UND MASSENKOMMUNIKATION

Klaus Betz Die "neuen Medien" - Emanzipations- oder Herrschaftsmittel? ----------------------------------------------------------- oder: Gegen eine linke "Mach-mit-Bewegung"! ------------------------------------------- "Hören wir auf, uns zu entschuldigen, wenn wir unsoziale Folgen der Technik anprangern! Das fortwährende Bekenntnis zum techni- schen Fortschritt' schafft den ideologischen Rahmen, in dem seit langem blindlings kapitalistisch genutzte Technik und sozialer Fortschritt gleichgesetzt werden". 1) Detlef Hensches Appell mar- kiert eine deutliche Wende in der gewerkschaftlichen Technologie- politik. Ganze Einzelgewerkschaften wie die IG Druck und Papier, die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen, die Gewerk- schaft Erziehung und Wissenschaft, teilweise auch die Deutsche Postgewerkschaft, die ÖTV und zunehmend auch der DGB-Bundesvor- stand wenden sich heute gegen die tradierte Form gewerkschaftli- cher Technikbejahung im Kapitalismus und nehmen eine kritische Position zum "technischen Fortschritt" ein. Dieser Sinneswandel ist in der Hauptsache Resultat eigener Erfah- rung. Sowohl "vor Ort", in den Betrieben und Verwaltungen, sind Gewerkschafter in zunehmendem Maße mit der Einführung neuer Tech- niken konfrontiert und müssen sich dazu verhalten, als auch spielt der Einsatz der - in der Regel elektronischen und com- putergestützten - Technik eine immer größere Rolle in gesamtge- sellschaftlichen Konfliktfeldern zwischen Arbeit und Kapital. Ergonomische wie arbeitsorganisatorische Konzepte als Handlungs- anleitungen für Betriebs- und Personalräte reichen angesichts der Vielfalt einzelner Techniken und der Massivität ihrer Einfüh- rungsstrategien kaum mehr aus. Bremsen, Verzögern oder Verweigern drängen sich als - auf Dauer sicherlich untaugliche - spontane Reaktionen auf. Gewerkschaftliche Technologieberatungsstellen, vorwiegend auf der mittleren Ebene nach Branchen und Regionen in- stalliert, versuchen, diese Defizite wettzumachen und dabei nicht als "Feuerwehren" zur nachträglichen Bekämpfung eines bereits entstandenen Flurschadens zu fungieren. Auf der tarifpolitischen Ebene begegnen die Gewerkschaften einer geballten Flexibilisie- rungsstrategie des Kapitals, flankiert von einer entsprechenden Wirtschafts- und Sozialpolitik der "Wende-Regierung". Wie hierbei die "Flexibilität der Technik" auch als soziales Kampfmittel ge- gen die Gewerkschaften genutzt wird, mußte beispielsweise die IG Dru-Pa im Arbeitskampf um die 35-Std.-Woche 1984 schmerzlich er- leben: Durch Auslagerungen und hausinterne Tätigkeitsverlagerun- gen - z.B. auf leitende Angestellte - konnten die Unternehmer den Streikzielen der Gewerkschaft teilweise ausweichen und z.B. die Herausgabe von Tageszeitungen trotz Arbeitskampf ermöglichen. Diese Erfahrungen alarmierte nicht nur die IG Dru-Pa. Auch in anderen Bereichen, in welchen neue Technologie massenhaft zur An- wendung gelangt, könnten sich die Kampfpositionen zum Nachteil der Gewerkschaften verändern - die HBV kann davon in Kürze ebenso betroffen sein wie die DPG, die ÖTV und andere. Schließlich fürchten die DGB-Gewerkschaften mit Recht um ihre so- ziale Basis. Die Massenarbeitslosigkeit wirkt sich schon heute auf die Mitgliederzahlen negativ aus. Ein weiterer Rationalisie- rungsschub in den personalintensiven Dienstleistungsbereichen und im öffentlichen Dienst droht zu einem ernsten Problem zu werden. Das nunmehr eingeleitete Umdenken innerhalb der Gewerkschaften in bezug auf die neuen Techniken hat also durchaus reale Hinter- gründe. Technologiekritik versus Produktivkraftentfaltung? -------------------------------------------------- Die innergewerkschaftliche Entwicklung eines technologiekriti- schen Ansatzes korrespondiert mit einer Umorientierung eines (immer noch kleinen) Teils von Wissenschaftlern weg von den Fleischtöpfen des Kapitals und hin zu einer verantwortlichen - weil an den Interessen der Menschen ausgerichteten - Forschung. Dieser Annäherungsprozeß beruht zum einen auf der Erkenntnis der eigenen Verantwortung für die Resultate ihrer Arbeit - nicht um- sonst sind es Atomphysiker, Biochemiker oder Computerexperten, die sowohl der Technologiedebatte wie auch der Friedensbewegung entscheidende Impulse geben ", zum anderen bringt auch die zuneh- mende Polarisierung innerhalb der "wissenschaftlichen Intelli- genz" - bedingt durch Akademikerarbeitslosigkeit einerseits und Elitebildung andererseits - die gemeinsame Interessenlage von In- telligenz und Arbeiterklasse deutlicher zum Ausdruck. Schließlich gewinnen marxistische Positionen zu Zeiten der ökono- mischen und sozialen Krise des Kapitalismus, zunehmender Umwelt- zerstörung und physisch-psychischer Belastungen des Menschen so- wie angesichts der Hochrüstung an Aktualität. Analysen und Erklä- rungen sind hierbei ebenso gefragt wie Strategien und Handlungs- anleitungen. Konfrontiert mit dem beschleunigten Diffusionsprozeß neuer Tech- nologien in allen Arbeits- und Lebensbereichen, geraten nun aber der Anspruch auf gesellschaftliche Analyse und die Notwendigkeit einer Strategiefindung auf seiten der Linken in einen (scheinbaren) Widerspruch. Die auch unter Marxisten unterschied- liche Herangehensweise an das "Phänomen" neue Technologie ist m. E. auf eben diesen Widerspruch zurückzuführen und weniger auf Differenzen in der Rezeption der "Klassiker". Nur so ist es wohl erklärbar, daß sich derzeit Positionen diametral gegenüberstehen, die in dieser Ausschließlichkeit sich nie und nimmer auf Karl Marx berufen können. Weder kann aus der Marxschen Kapitalismus- Analyse abgeleitet werden, daß der Produktivkraftentfaltung im Kapitalismus eine "Fortschrittlichkeit" schlechthin zukommt, noch bietet Marx einen geeigneten Kronzeugen dafür, daß die Produktiv- kräfte im Kapitalismus sich notwendigerweise und zur Gänze zu De- struktivkräften entwickeln. Ohne die gebotene Eile zu übersehen, sollte doch Zeit genug sein, sich grundsätzlichen Fragen zu stellen und aus ihrer Beantwortung auch Rückschlüsse für die gegenwärtige Strategiedebatte zu zie- hen. Womit kann beispielsweise legitimiert werden, daß eine Pro- duktivkraftentwicklung gutgeheißen wird, die Pershing-, Dioxin- und AKW-"Unfälle" hervorruft? Sind dies nur die "Spuren", welche der Kapitalismus an den Produktivkräften hinterläßt, oder muß dies nicht generelle Zweifel an der Sinnhaftigkeit mancher Tech- nologien hervorrufen? Oder wie kann behauptet werden, daß die derzeitige Entwicklung der Technologie im Kapitalismus bereits "Planungsqualitäten" beinhaltet, die in Richtung Sozialismus wei- sen, wenn diese "gesellschaftliche Planung" Massenarbeitslosig- keit, soziales Elend und damit die Deformierung der H a u p t- p r o d u k t i v k r a f t, n ä m l i c h d e s M e n- s c h e n, bewußt einkalkuliert? Wie kann schließlich übersehen werden, daß die Entwicklungen auf den Gebieten von Rüstungs-, Bio- und von Informations- und Kommunikationstechnologien in erster Linie der Macht- und Systemerhaltung des Kapitals dienen? Sollte nicht eine Verständigung hierüber erzielt werden, ehe man sich überlegt, welche einzelne Anwendungsform neuer Technologien auch unter kapitalistischen Bedingungen nützlich und sinnvoll sein könnte? Auch scheint mir der Verweis darauf, daß die eine oder andere Technologie unter geänderten gesellschaftlichen Verhältnissen fortschrittlich genutzt werden könnte, zumindest solange der Analyse wie der Strategiefindung eher hinderlich zu sein, als nicht daraus Forderungen und Kampfpositionen entwickelt werden. Daß der Weg zum Sozialismus nicht der Entfaltung des Widerspruchs von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen allein überlas- sen werden kann, dürfte unter Marxisten eigentlich unstrittig sein. Fragen wir doch nach dem "subjektiven Faktor", nach dem "revolutionären Subjekt"! Richten wir unsere Aufmerksamkeit dar- auf, wie der Mensch - und dabei insbesondere die Arbeiterklasse - von der neuen Technologie und den sie begleitenden ökonomischen, politischen und ideologischen Bedingungen in seinen "emanzipatorischen Fähigkeiten" beeinflußt wird. Und lassen wir uns dabei nicht vom Vorwurf der "Maschinenstürmerei" oder der "Technikfeindlichkeit" irre machen, wenn wir erkennen, daß eine bestimmte Technik unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedin- gungen schlichtweg abzulehnen ist, weil sie gegen unsere Interes- sen entwickelt und eingesetzt wird. Die "neuen Medien" im Konzept der Herrschenden ---------------------------------------------- Wenden wir uns unter diesen Prämissen nun den "neuen Medien" zu. Hierbei haben wir es im wesentlichen mit der Zusammenführung der Computertechnologie mit dem Medien- und dem Fernmeldebereich zu tun. Eine erste (Test-)Form dieser Verknüpfung ist der Bild- schirmtext (Btx), wobei Großrechner (der Post und einzelner Kapi- tale), das Fernmeldenetz (der Post) und die Telefonapparate und Fernsehgeräte (der einzelnen Firmen und Haushalte) miteinander verbunden sind. Auch wenn Btx sich momentan zum Flop entwickelt, soll bei aller (berechtigten) Schadenfreude nicht übersehen wer- den, daß die "Schmetterlingsentfaltung" der "neuen Medien" noch bevorsteht. Die beim Benutzer befindlichen Endgeräte sollen durch entsprechende elektronische Zusatzgeräte und durch Mikrocomputer erweitert bzw. ersetzt werden, so daß ein computergesteuerter Austausch von Texten, Daten, Bildern und Sprache zwischen Teil- nehmern untereinander sowie zwischen Großrechnern und Mikrocompu- tern möglich wird. "Mensch - Maschine - Dialog" oder gar "Ma- schine - Maschine - Dialog" nennt man das dann... Die technischen Voraussetzungen werden gerade erst geschaffen: Digitalisierung des Fernmeldenetzes, massenhafte Produktion ge- eigneter Endgeräte, "Umrüstung" verschiedener Arbeitsabläufe in Büros und Dienstleistungseinrichtungen auf Formen der "elektronischen Selbstbedienung" bzw. der "elektronischen Fern- oder Heimarbeit", Öffnung interner Netze ("Local Area Networks") gegenüber den Postnetzen, die spätere Ersetzung des schmalbandi- gen Fernsprechkabels durch die Glasfasertechnik usw. usf. Alle diese bereits eingeleiteten oder in Planung befindlichen Entwicklungen im Bereich der "neuen Medien" dienen - so die These - der Herrschaftsabsicherung. Sie dienen der Stabilisierung eines Systems, das - nicht nur in der Krise - in hohem Maße instabil geworden ist. Ideologische Wertvorstellungen geraten ebenso ins Wanken wie wirtschaftliche Grundlagen der "freien Marktwirt- schaft", soziale Probleme bleiben ungelöst, politische Prozesse drohen den Herrschenden zu entgleiten. In einer derartigen Situa- tion kommen neue Mittel der Stabilisierung wie gerufen. Ökonomie, Ideologie und Politik als Stützpfeiler auch der kapitalistischen Gesellschaft sollen u.a. mit Hilfe neuer Medientechnologien ze- mentiert werden. - Im Bereich der Ö k o n o m i e spielen die Rationalisierungs- potentiale der "neuen Medien" (in ihrer Gesamtheit als Informati- ons- und Kommunikationstechniken) die entscheidende Rolle. Die damit verbundene Steigerung der Arbeitsproduktivität soll nicht nur zur Vermehrung der Profitmasse der Kapitale führen, sie ist gleichzeitig ein wichtiges Moment der Herrschaft des Kapitals über die Lohnarbeit und berührt zudem die Kampfkraft der Organi- sationen der Arbeiterklasse. - Für den Bereich der bürgerlichen I d e o l o g i e bekommen die eigentlichen "neuen Medien" ihren Sinn. Breitbandkabel und Satellit sind die technologischen "Argumente" für die derzeit be- triebene Unterordnung von Hörfunk und Fernsehen unter die Gesetze des Kapitals, indem der private und kommerzielle Rundfunk durch- gepowert und gleichzeitig dem öffentlich-rechtlich organisierten Rundfunk das Wasser abgegraben wird. - Im Bereich der P o l i t i k schließlich versprechen sich die Herrschenden von den "neuen Medien" vor allem ein effektiveres Kontroll- und Frühwarnsystem, um sozialen und politischen Kon- flikten wirksamer begegnen zu können. An dieser Stelle soll den verschiedenen Szenarien über die Aus- wirkungen der "verkabelten Gesellschaft" kein neues hinzugefügt werden. 2) Ich möchte es dabei belassen, auf die Gefahren einer unkontrollierten und widerstandslos hingenommenen Einführung der "neuen Medien" hinzuweisen: auf Vereinzelung, Entsolidarisierung und Beraubung sozialer Kompetenzen durch Arbeitslosigkeit, durch Dezentralisierung und Flexibilisierung der Arbeit. Auf das Zer- reißen gesellschaftlicher Zusammenhänge durch die Herrschaft der "Chaoten" über alle Massenmedien und die daraus resultierende Atomisierung von Bewußtsein. 3) Auf die Perfektionierung des staatlichen Kontroll- und Überwachungssystems, welches - die hi- storischen Erfahrungen zeigen es - im entscheidenden Moment immer gegen die organisierte Arbeiterklasse angewendet wird. Gegen eine linke "Mach-mit-Bewegung" ------------------------------------ Wenn ich nach den vorangegangenen Überlegungen erst jetzt zum ei- gentlichen Thema, zur Frage nach den "alternativen Nutzungsmög- lichkeiten" neuer Medientechniken, gelange, so möge mir der ge- duldige Leser dies verzeihen. Der gewählte Umweg über das Nach- zeichnen gewerkschaftlicher Technologiepolitik, über die gegen- wärtigen Schwierigkeiten der linken Strategiedebatte und über die Vergegenwärtigung der Funktionsbestimmung neuer Technologie im Kapitalismus schien mir erforderlich, um meine Position zur "Gretchenfrage" - Mitmachen oder Verweigern? - zu verdeutlichen, die in der Tat auf eine Ablehnung hinausläuft. Ablehnen heißt nun allerdings nicht, den Kopf in den Sand zu stecken, um daran zu ersticken, wie es Norbert Blüm oder ein an- derer der Bonner Strategen unlängst den gewerkschaftlichen und alternativen Neinsagern wünschte. Gemeint ist vielmehr eine Be- sinnung auf die eigenen P o s i t i o n e n, auf gemeinsame K a m p f z i e l e, auf eine Konzentration der K r ä f t e. Alle drei Momente sehe ich aber durch die von Teilen der Linken propagierte "Mach-mit-Bewegung" tangiert: - Eigene P o s i t i o n e n wie die der marxistischen Gesell- schaftsanalyse, der Bestimmung des Gegners, der Auseinanderset- zung mit dessen ideologischen und politischen Argumenten drohen m. E. mit der unkritischen Hinwendung zur Computer- und Medien- technologie aufgegeben zu werden. Die Faszination der Technik, die realitätsferne Vorstellung von deren emanzipatorischen Mög- lichkeiten (in einer "Assoziation freier Menschen"?) bedeutet nichts anderes, als einer modernen Variante jener Mystifikationen aufzusitzen, die Karl Marx im "Kapital" als "falschen Schein der Wirklichkeit" enthüllt hat. Hier wie dort wird die Erscheinung mit dem Wesen der Sache, ihren gesellschaftlichen Bedingungen, verwechselt. - Gemeinsame K a m p f z i e l e wie der Sozialismus geraten demjenigen außerhalb des Blickwinkels, der gebannt auf einzelne Anwendungsmöglichkeiten von neuen Technologien starrt und dabei die macht- und systemstabilisierenden Momente jener Technologie ignoriert. Dies heißt nicht, auf das Ausnutzen von systemimmanen- ten Widersprüchen bei der Einführung neuer Technologien - etwa im Bereich der Kupferverkabelung - zu verzichten, sofern hieran ei- gene Positionen verdeutlicht werden können. - Die Konzentration der K r ä f t e ist spätestens da aufgege- ben, wo die Ebene der gesamten Gesellschaft, ihrer Institutionen und Machtzentralen, verlassen wird, um "in kleinen, überschauba- ren Einheiten" isoliert zu operieren. Die gegenwärtigen Versuche, einen "alternativen Gebrauch" der "neuen Medien" zu bewerkstelligen, weisen m.E. diese Tendenzen auf. Sei es das Konzept der "lokalen Radios", das sich - überfor- dert oder angewidert - von der "großen Politik" verabschiedet, um in der - politisch weitgehend bedeutungslosen - Kommune eine neue Art medial vermittelter Kommunikation zu etablieren; sei es die Bewegung der "freien Radios", die sich u.a. als "Gegenöffentlichkeit" zum "etablierten" Rundfunk verstehen; seien es die Versuche in Ludwigshafen und Westberlin, Sendezeiten im "offenen Kanal" eines kommerziell organisierten Kabelprojekts zu ergattern. Keiner dieser Ansätze scheint mir geeignet, mehr als eine be- grenzte Öffentlichkeit zu erreichen. Bewußt verzichtet man ja auch auf eine politische Einflußnahme auf überregionale Entwick- lungen im Bereich des Kabel- oder Satellitenfernsehens wie auch auf die notwendige Reform der öffentlich-rechtlichen Rundfunkan- stalten. Außerdem sind alle diese Versuche - im Unterschied zu den Kabelprojekten - jederzeit "rückholbar", da sie - im Falle der illegalen "freien Radios" - ständig der behördlichen Verfol- gung ausgesetzt sind bzw. da sie - im Falle von legalen "lokalen Radios" und "offenen Kanälen" - mit ökonomischen und rechtlichen Fesseln zu leben haben, die je nach politischer Bedeutung und in- haltlicher Brisanz der vermittelten Inhalte lockerer oder straf- fer gehandhabt werden können. Anstelle der optimistisch bis verzweifelten "Mach-mit-Bewegung" von Teilen der Linken wünschte ich mir eine medien- und technolo- giepolitische "Koalition der Vernunft", die mit einheitlichen Forderungen auftritt und ins Zentrum ihrer Ziele die Veränderung der politischen und sozialen Rahmenbedingungen stellt, unter denen "neue Medien" und neue Technologien schlechthin entwickelt und eingeführt werden. Gewerkschaftliche Forderungen nach Mitbe- stimmung, Kontrolle und Arbeitszeitverkürzung gehören in einen derartigen Forderungskatalog ebenso wie die demokratische Verän- derung der bereits existierenden Institutionen gesellschaftlicher Kommunikation, der Rundfunkanstalten. Auch will mir nicht in den Sinn, daß eine zentrale Parole der Studentenbewegung - nämlich "Enteignet Springer!" - gerade heute nicht mehr gültig sein soll, wo eben dieser Springer mit aller Macht auf die Bildschirme drängt... _____ 1) Hensche, Detlef, Es wird Zeit, auch einmal nein zu sagen, in: Hochschule der Künste, Berlin/ Deutscher Gewerkschaftsbund, Lan- desbezirk Berlin (Hrsg.), Technik -Kultur - Gesellschaft Westber- lin 1985, S. 37. 2) Zu empfehlen ist in diesem Zusammenhang wegen seines bislang kaum vorliegenden Faktenreichtums: Kubicek, Herbert/Arno Rolf, Mikropolis, Hamburg 1985. 3) Vgl. hierzu: Hoffmann, Burkhard, Die Desorganisation von ge- sellschaftlichem Bewußtsein durch kapitalistisch verfaßte Massen- medien am Beispiel von BILD, in: Betz, Klaus/Andreas Kaiser (Hrsg.), Wissenschaft zwischen Krieg und Frieden, Westberlin 1983, S. 218-223. Karl Pawek Die elektronischen Medien sind das Zeitgemäßeste und ---------------------------------------------------- faszinierendste Instrumentarium, Menschen vom Kulturschutt ---------------------------------------------------------- und Ideologiemüll zu befreien ----------------------------- Wer über Alternativen nachdenkt, muß die Bedingungen kennen. Die elektronischen Medien erscheinen nicht in einem ordnungsfreien Raum, sind nicht nur Technologie. Ihr einziger Zweck in unserer kapitalistischen Gesellschaft ist die Profiterzielung durch Kon- sum und Rationalisierung. Jeder Linke weiß es, die entsprechenden Szenarien liegen zu Dutzenden vor. Doch sie erweisen sich als un- produktiv und ähnlich erhellend wie eine Kerze im Sturm. In der Diskussion um die elektronischen Medien haben Klischees die Phan- tasie erstickt. Angenommen, die westlichen Besatzungsmächte hätten sich nach der Befreiung unseres Landes vom Nationalsozialismus darauf geeinigt, auf dem Gebiet der späteren BRD nur eine beschränkte Anzahl aus- schließlich öffentlich-rechtlicher Zeitschriften zuzulassen. Oder sie hätten darauf bestanden, Buchverlage ausschließlich öffent- lich-rechtlich zu organisieren. Es gäbe also kein KONKRET, keine DVZ, keine UZ, nicht die hundert kleinen, aber höchst informati- ven und lesenswerten Blätter. Tausende Bücher, gewiß nicht die unwichtigsten, wären ungedruckt geblieben, wenn die formal der Öffentlichkeit, de facto den Parteien, in ihrer überwiegenden Mehrheit letztlich dem Kapital verpflichteten Zeitschriften- und Buchräte über die Veröffentlichung von Inhalten zu bestimmen ge- habt hätten. Müßten wir nicht eine Kommerzialisierung solch öffentlich-recht- licher Medien Zeitschrift und Buch als befreiend empfinden? Warum aber hat dann die Linke jahrelang die von englischen Besatzungs- soldaten dekretierte Rundfunkordnung vehement verteidigt? Hat sie sich von ein paar Nischen, die ihr überlassen waren auf Widerruf (nicht durch die Bevölkerung, sondern durch Gremienmitglieder), so sehr blenden lassen? Machte sie die Angst blind, sie könne auch noch die wenigen mitternächtlichen Programmreservate verlie- ren? Die Lächerlichkeit linker Medienpolitik und -analyse ("Rettet den NDR" = Kämpft für ein seichtes Werberahmenprogramm) ist nur kul- turpolitisch zu erklären. Wie schon die Väter das Kino als "Theater des kleines Mannes" verachtet haben, verachten unsere konservativen und fortschrittlichen Kultureliten die elektroni- schen Medien. Je massenhafter ein Medium verbreitet ist, je leichter es technisch reproduzierbar ist, desto minderwertiger erscheint es ihnen. Das Fernsehen wird auf dieser Negativ-Skala nurmehr vom Rummelplatzvergnügen übertroffen. Aus Untersuchungen wissen wir, daß Fernsehkritiker ihr Publikum für dümmer halten, als es ist. Eine schlechtere Meinung vom Pu- blikum haben nur noch linke Medientheoretiker. Ihren Zukunftsvi- sionen zufolge sind die Menschen unterhaltungsgeil, abgestumpft, blöde, süchtig nach der ununterbrochenen Berieselung. Auf die schlichte Idee, daß sich die Menschen nur nehmen, was sie zur Be- friedigung ihrer Bedürfnisse bekommen, und daß sie diese Befrie- digung eben nur bei den Angeboten der Springer, Mohn, Burda und Bauer (vorgegaukelt) finden, weil wir linke Erziehungsdiktatoren ihnen nie eine akzeptable Alternative angeboten haben, kommen sie nicht. Alternativen brauchen Phantasie, Verachtung aber tötet sie. Des- wegen ist es sinnlos, über einen alternativen Mediengebrauch nachzudenken, solange wir nicht bereit sind, uns die elektroni- schen Medien zu erobern - und dies nicht aus der reaktionären kulturkritischen Position, dadurch das Schlimmste zu verhindern, sondern in der lustvollen Gewißheit, daß mit den elektronischen Medien das zeitgemäßeste, vielfältigste, faszinierendste und ef- fektivste Instrumentarium vorhanden ist, viele Menschen vom Kul- turschutt und Ideologiemüll zu befreien. Eine Fortschrittsbewegung, die nicht willens ist, sich der am weitesten entwickelten Produktionsmethode zu bedienen, hat sich aufgegeben. Die Ängste vor einem Datenmißbrauch erinnern an das Verhalten kleiner Kinder, die sich der Kontrolle durch den mäch- tigen Vater entziehen wollen, die sich Verstecke bewahren wollen, in denen sie ihre geheimen Wünsche leben können. Aber angesichts der unaufhaltsamen technologischen Entwicklung (deren Unaufhalt- samkeit zu leugnen, Marx bis zur Bedeutungslosigkeit revidiert) kann es doch nicht mehr um die vergebliche Bewahrung von Freiräu- men gehen, nur um die Emanzipation vom Vater/Staat, um die Über- windung seiner Macht. Nur wer glaubt, etwas Verbotenes zu tun, die Verbote also verinnerlicht hat, fürchtet sich davor, entdeckt zu werden. Warum sollen die Behörden nicht wissen, was ich tue, lese, mit anderen bespreche? Warum soll ich mich verbergen, wenn ich nur meine Rechte in Anspruch nehme? (Wo es allerdings um meine Pflichten als Sozialist geht, kann kein Computer mich an einem konspirativen Verhalten hindern.) Mit linken Hasenfüßen je- denfalls ist dem Fortschritt nirgendwo gedient. Plötzlich soll der älteste Traum der Menschheit, von der Arbeit befreit zu werden, falsch sein? Zweifellos ist es die Aufgabe der Gewerkschaften, ihre Mitglieder vor den Folgen der Rationalisie- rung zu schützen - und sei es bis zum eigenen Untergang. (Denn selbstverständlich wird eines Tages auch die heute existierende Gewerkschaftsbewegung historisch ähnlich überholt sein wie wei- land das Gildewesen.) Aufgabe der Linken aber ist es, die gesell- schaftsverändernde Potenz der elektronischen Rationalisierung zu analysieren, um auf der Grundlage der Analyse traditionelle Stra- tegien zu überwinden, neue zu entwickeln. Wirklich wichtig ist jedoch nicht, ob es hierzulande gelingt, diesen oder jenen Ar- beitsplatz zu erhalten, wichtig ist vielmehr die Tatsache, daß Rationalisierung im Kapitalismus eine heute noch unvorstellbare, das System gefährdende Arbeitslosigkeit bedeutet, während Ratio- nalisierung im planwirtschaftlichen Sozialismus eine ungeheure, das System stabilisierende Produktionssteigerung, eine gewaltige Vermehrung des gesellschaftlichen Reichtums zur Folge hat. Daraus ergeben sich einige (auch äußerst gefährliche ) Konsequenzen, über die nachzudenken, auf die vorbereitet zu sein überlebensnot- wendig ist. Die Ohnmacht der Linken in unserem Land und ihre traditionellen, auf vorelektronischen Verhältnissen fußenden Denkschemata (die zu überwinden eine neue, sehr intensive Beschäftigung mit Marx und dem von ihm entwickelten Instrumentarium notwendig macht) lassen es als unsinnig erscheinen, sich über "anzustrebende Alternati- ven" den Kopf zu zerbrechen. Wagen wir daher sehr viel bescheide- ner nur einige Prognosen. Im Bereich Rundfunk und Fernsehen wird sich zuerst die Großtech- nologie Satellitenempfang durchsetzen. Dies hat mehrere Gründe. Zum einen soll die Satellitennutzung den militärisch-industriel- len Bereich mitfinanzieren. Die Entscheidung für den Bau bzw. die Finanzierung von Kommunikationssatelliten war lange vor der Neu- gestaltung unserer Rundfunkverhältnisse gefällt worden. Satelli- tenrundfunk gibt es also, weil Satelliten genützt werden müssen aus ökonomischen, vor allem Wettbewerbsgründen. Die europäische Weltraumindustrie kann nur ihre Produkte verkaufen, wenn sie sich im Betrieb bewährt haben. Für die größten Verleger/Filmhändler in der BRD bedeutet Satellitenfernsehen die Ausschaltung bzw. Redu- zierung der lästigen und teuren Konkurrenzphase. Die immensen Ko- sten dieser Technologie erlauben es nur wenigen Veranstaltern, sich hier zu engagieren. Man bleibt auch in dieser schwierigen Umbruchphase unter sich. Außenseiter haben keine Chance, der Ver- teilungsschlüssel kann einfach übernommen werden. Der Staat schließlich als Agentur der Eigentümer an den Produktionsmitteln braucht bei der Satellitentechnologie keine systemkritischen Pro- gramminhalte zu fürchten. Satellitenrundfunk ist die zentrali- stischste und daher am besten kontrollierbare Form der Rundfunk- versorgung. Die finanzielle Beteiligungsschwelle garantiert Sy- stemkonformität. In dieser ersten Phase der Umgestaltung unserer Medienlandschaft wird sich grundsätzlich an den bisher entwickelten Programmstruk- turen nichts ändern. Es wird kaum Innovationen geben (die Höhe des Kapitaleinsatzes und die Abhängigkeit von Einschaltzahlen er- lauben keine Experimente), die Programme bleiben größtenteils austauschbar, Heino und Rosenthal hören sich bei Springer nicht anders an als bei der ARD. Der Anteil US-amerikanischer Serien und Spielfilme am kommerziellen Satellitenprogramm kann kaum hö- her sein als bei ARD und ZDF. Im Bereich der politischen Sendun- gen ist vor allem von RTL/Bertelsmann eine unabhängigere Haltung zu erwarten. Hier muß die regierungsamtlich-staatstragende Hofbe- richterstattung von TAGESSCHAU und "heute" die Konkurrenz fürch- ten. Qualitativ neue Sendeformen und -inhalte können erst vom Nahbereichsradio und -fernsehen etwa ab 1987 erwartet werden - vorausgesetzt, die kreative Linke (eigentlich ein Pleonasmus, in der BRD eher ein Widerspruch) vermag die medialen Möglichkeiten zu nutzen. In ihrer bisherigen Form versammeln Rundfunk und Fern- sehen ihre Abnehmer vor den Apparaten, um sie - in der Konsumhal- tung vereinzelt - mit einer beschränkten Anzahl von Programmen zu bedienen. Neu am Nahbereichsradio mit Hunderten Sendern überall in der BRD könnte weniger eine Regionalisierung oder gar Lokali- sierung der Programme sein, sondern sein neues, aus dem billigen Betrieb und seiner Gewöhnlichkeit resultierendes Selbstverständ- nis. Rundfunk wäre dann nicht mehr eine Veranstaltung, sondern ein Zustand ununterbrochener Kommunikation, an der sich jeder nach Lust und Laune beteiligen kann. Als äußerst flüchtige Medien eignen sich Rundfunk und Fernsehen kaum für gründliche Darstellungen, Analysen, vertiefende Informa- tionen. Dies leisten Zeitschriften, Bücher, Video, Speicherpro- gramme, die wiederholt verfügbar sind, sehr viel besser. Die Vor- stellung von Rundfunk und Fernsehen als Bildungsinstrumenten stammt aus der Schriftkultur, berücksichtigt nicht die spezifi- schen Eigenschaften der elektronischen Medien und mußte daher scheitern. Die tatsächliche Nutzung der Medien durch die Bevölkerung entwic- kelte sich in eine andere Richtung. Radio wird kaum noch bewußt gehört, sondern als Hintergrundgeräusch empfunden, wobei der Hö- rer ähnlich reagiert wie ein Mensch auf der Straße oder in einer Gesellschaft: Unbewußt kontrolliert er alle hörbaren Impulse; si- gnalisiert ihm seine Hirn-Kontrollinstanz Relevanz (z.B. über ein Signal im Straßenverkehr, einen Begriff im Gespräch), schaltet er auf bewußten Empfang um. Langsamer zwar, aber doch ganz ähnlich ändert sich der Gebrauch des Fernsehens. Die Fernbedienung er- laubt den bequemen Programmwechsel und fördert so die Erfahrung des Fernsehens als Zustand, später als Begleitumstand. Zweit- und Drittgeräte in anderen Räumen machen das Fernsehen ortsunabhän- gig. Auch bei uns wird sich das US-amerikanische Fernsehverhalten durchsetzen, wobei die hier herrschende Vorstellung, US-Amerika- ner würden tatsächlich jeden Tag sechs Stunden fernsehen, absurd ist. Nur die Apparate sind sechs Stunden lang eingeschaltet, aber sie fungieren die meiste Zeit wie Fenster. Passiert etwas, das einen interessiert, schaut man hin, wie man an das Fenster tritt, wenn es auf der Straße kracht. Ist allerdings ein Straßenumzug angekündigt (ein interessierendes Programm), rückt man sich einen Stuhl zurecht. Neue Technologien werden diese Entwicklung beschleunigen. Inter- essierende Einzelsendungen können schon heute unabhängig von ih- rer Ausstrahlungszeit über Videorecorder gesehen werden. In naher Zukunft wird der Zuschauer den gewünschten Film, die Dokumenta- tion einzeln abrufen bzw. sich bei Liveübertragungen hinzuschal- ten können. Jenes Programm aber, das heute unsere Vorstellung von Rundfunk und Fernsehen noch prägt, wird sehr viel beiläufiger werden. Im gleichen Maß, in dem es seinen Veranstaltungscharakter ver- liert, öffnet es sich der Teilnahme, wird es kommunikativ. Viele kleine, spontane statt perfekte Rundfunk- und Fernsehstationen könnten den Gebrauch von Rundfunk ebenso selbstverständlich ma- chen wie den Gebrauch des Telefons. Man hört zufällig, mischt sich ein, erfährt Wirklichkeit, teilt Erfahrung mit. Das Bedürf- nis der Menschen nach einer Teilnahme an der Kommunikation wird zumeist unterschätzt. Als im Frühjahr das Bremer Fernseh-Regio- nalmagazin "Buten & Binnen" seine Zuschauer aufforderte, ihre Liebesgedichte einzusenden, erhielt die Redaktion innerhalb weni- ger Tage über 500 Briefe. Seither liest in jeder 18-Uhr-Ausgabe dieses Magazins ein Einsender seine Gedichte vor - trotz der rie- sigen Schwellenangst vor dem Betreten einer öffentlich-rechtli- chen Anstalt, trotz der Einschüchterung durch technische Großap- paraturen und Perfektionszwänge. Wieviel kreativer, öffentlicher, demokratischer und damit auch relevanter könnten diese billigen Nahbereichsradios sein, würde es gelingen, sie der staatlichen Aufsicht, also der Kontrolle durch die Herrschenden zu entziehen. Aber wir lebten nicht in der BRD, würde sich nicht bereits jetzt eine gegenteilige Entwicklung abzeichnen. Noch kennt man nicht die Frequenzen, noch besitzen wir kaum Vorstellungen von den Inhalten, doch sicher ist schon jetzt daß wiederum berufene Vertreter der gesellschaftlich rele- vanten Gruppen - wie bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten - für die systemstabilisierende Ausgewogenheit sorgen werden. Diese Gremien als Garanten öffentlicher Kontrolle über kommerzielle In- teressen zu verstehen, ist ein gründliches Mißverständnis. Sie sollen nur Notbremsungen rechtfertigen. Denn verdächtig ist hierzulande nicht der Kapitalist. Was er tut, um durch größtmögliche Einschaltzahlen sein Vermögen zu mehren, ist gut getan im Sinne der Herrschenden. Verdächtig sind nur jene, die zwecks Aufklärung, zwecks Förderung der Emanzipation, zwecks Weckung des persönlichen wie politischen Bewußtseins In- halte medial verbreiten wollen. In ihren Händen könnte ein derart billiges und effektives Medium wie der Rundfunk gefährlich ge- sellschaftsverändernde Wirkung zeigen. Vor allem die Gleichzei- tigkeit von Senden und Empfangen, die Mobilität der Sendeanlagen und die Unkontrollierbarkeit der Empfänger zwingen die Herr- schenden seit der Erfindung dieses. Mediums, sich die Kontrollge- walt zu bewahren. Druckerzeugnisse müssen einen langen und zeit- aufwendigen Weg zurücklegen, bis sie den Empfänger erreichen. Während des Transportes haben die Behörden viele Möglichkeiten einzugreifen, notfalls den Vertrieb zu verhindern (z.B. durch Beschlagnahmeaktionen beim Buchhandel). Rundfunk und Fernsehen hingegen, soweit sie über Ätherwellen verbreitet werden, sind kontrollierbar erst, wenn sie ihren Empfänger bereits erreichen. Wir Linken in diesem Land sollten unser legalistisches Denken überprüfen. Die Berufung auf Gesetze eignet sich zur Agitation, aber die Gesetze - nicht nur die Berufsverbote beweisen es - bil- den für Herrschaftsfremde keinen Schutz. So müßte es im Interesse der Linken liegen, eine völlig staatsunabhängige, rein kommer- zielle Rundfunkyerfassung zu schaffen, in deren Rahmen fort- schrittliche Programme ebensowenig zu verhindern sind wie repres- sive, verdummende Kommerzprogramme. Im Unterschied zu den Volks- verächtern in allen politischen Lagern habe ich keine Zweifel, daß die Menschen ein sehr feines Gespür dafür haben, was ihnen nutzt und was sie nur ruhigstellt. Da ein solcher stäatsfreier Rundfunk in der BRD auf absehbare Zeit undenkbar ist, kann fortschrittliche Rundfunkarbeit neben der Nutzung aller Freiräume im öffentlich-rechtlichen wie kommer- ziellen Radio und Fernsehen nur bedeuten, die freie und daher il- legale Rundfunkbewegung zu unterstützen. Und hier gilt, was den Umgang mit allen Medien, Daten- und Informationssystemen bestim- men sollte: Die Linke muß alternative Gebrauchsmöglichkeiten auf- zeigen, muß deutlich machen, daß es sich um großartige, nützliche Erfindungen handelt, die unsere menschlichen Sinnesorgane ver- vollkommnen, unsere Körperfertigkeiten vervielfachen. Nur ihr Mißbrauch, nicht jedoch ihre technischen Eigenschaften machen sie gefährlich, reduzieren sie - keineswegs widerspruchsfrei - zu Herrschaftsmitteln. An diesem Gegensatz zwischen humanen Nut- zungsmöglichkeiten und kapitalistischem Gebrauch zeigt sich der gefährlich erbärmliche Zustand des Kapitalismus. Noch vermag er die meisten aus seinem Antrieb entstandenen Erfindungen zu be- herrschen, aber er kann sie nicht mehr in einem fortschrittlichen Sinne nutzen wie einst die Dampfmaschine oder die Elektrizität. Die Aufsplitterung von Rundfunk und Fernsehen kann die ideologi- sche Dressur erschweren, Informationssysteme können Herrschafts- und Elitewissen demokratisieren, der elektronische Rationalisie- rungsschub kann das Herrschaftssystem direkt gefährden (durch die Befreiung des Menschen von der Arbeit als Voraussetzung des Nach- denkens über sich selbst und die ihn umgebenden Verhältnisse; durch die Vernichtung von Arbeitsplätzen in einem jede sozial- partnerschaftliche Illusion zerstörenden Ausmaß). Voraussetzung dafür aber ist, daß uns Informationssysteme nicht unheimlich sind aus Unkenntnis. Es gibt in diesen Bereichen keine andere anzu- strebende Alternative, als sie kennen- und nutzenzulernen, denn sie willkürlich zu beherrschen, fehlt uns noch die Macht. Diese zu erobern aber wird nicht gegen die Elektronik oder im Verzicht auf sie möglich sein, sondern nur durch die Kenntnis ihrer physi- kalischen, informationstheoretischen, ökonomischen und gesell- schaftlichen Eigenschaften und die Anwendung ihrer Möglichkeiten. zurück