Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985
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LEBENSWEISE, BEDÜRFNIS- UND PERSÖNLICHKEITSENTWICKLUNG
Joachim Bischoff/Helmuth Weiß
Acht Stunden sind kein Tag! -
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Gesamtlebenszusammenhang, Habitus, Alltagsbewußtsein
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1. Konservative Hegemonie
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Die Einschätzung der Bedürfnis- und Persönlichkeitsentwicklung im
Kapitalismus besitzt entscheidende Relevanz für den Vorschlag der
Sozialisten zur gesellschaftlichen Umgestaltung und damit zusam-
menhängend für die Möglichkeit einer linken Hegemonie. 1) Diese
ist heute auch in erhöhtem Maße gefordert, wie nicht zuletzt die
Tatsache zeigt, daß die Linke sich heute mit einem erstaunlichen
Phänomen konfrontiert sieht : Mit der schärfsten Weltwirtschafts-
krise, die es seit 1929 gab, ist es - entgegen allzu naiven lin-
ken Erwartungen - nicht zu einem Erstarken der sozialistischen
Position gekommen, sondern stattdessen zu einer Erneuerung der
konservativen Hegemonie. Die aktuelle politische Situation, ge-
kennzeichnet zum einen dadurch, daß die konservativen Kräfte die
Bevölkerungsmehrheit repräsentieren und sich somit auch zu einem
gewichtigen Teil auf eine Anhängerschaft bei den Lohnabhängigen
stützen können, und zum anderen dadurch, daß die grün-alternative
Bewegung 7-8% der Wählerschaft bundesweit hinter sich weiß, be-
legt anscheinend die unter dem Stichwort "Krise des Marxismus"
verhandelte Einschätzung, daß der Marxismus angeblich überhaupt
nicht mehr in der Lage sei, für die heutigen Lebensverhältnisse
adäquate Antworten geben zu können. Auch bei weiterer Zuspitzung
der ökonomischen Krisenprozesse wäre es fatal zu glauben, daß ein
eintretender Hegemonieverlust der bürgerlichen Konservativen not-
wendigerweise den Linken zugute käme.
Die sozialistischen Kräfte werden nur dann mehrheitsfähig in der
BRD, wenn sie deutlich machen können, daß ihr Vorschlag zur ge-
sellschaftlichen Weiterentwicklung die Qualität des Alltagslebens
der Menschen, d. h. die tagtägliche Realität verbessert. Voraus-
setzung hierfür ist eine Analyse des Alltagsbewußtseins der Sub-
jekte, das die Persönlichkeitsstruktur im Spätkapitalismus um-
greift. Im folgenden soll nun gezeigt werden, daß sich diese
Struktur auf Grundlage der allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der ka-
pitalistischen Produktionsweise einerseits durch soziale und an-
dererseits durch individuelle Komponenten in eine Pluralität von
Existenzweisen und somit auch Persönlichkeitsstrukturen auseinan-
derlegt und diese sich darüber hinaus in der historischen Dynamik
der bürgerlichen Gesellschaft stetig verändert.
2. "Vom Arbeitstier zur Individualität"
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Es ist grundlegendes Spezifikum der bürgerlichen Gesellschaft und
Basis ihrer Existenz, die antagonistischen Klassen immer wieder
als solche zu reproduzieren. Diese Reproduktion der Klassenver-
hältnisse erfolgt aber unter dem Fundamentalprinzip der kapitali-
stischen Produktionsweise, dem Äquivalententausch. Nicht das eine
Moment schließt dabei das andere aus, sondern die Klassenstruktu-
riertheit reproduziert sich notwendigerweise in der Form der
Freiheit und Gleichheit des Warentausches.
Zugleich ergibt sich hieraus als weitere Bestimmung, daß der ein-
zelne in seinen Konsumformen keinen vorausgesetzten Zwängen un-
terliegt, er somit in Höhe seines verfügbaren Geldes je nach ei-
genem Belieben auswählen kann, was er sich aneignen will. "In der
Form von Geld ... sieht man es allerdings dem Einkommen nicht
mehr an, daß es dem Individuum nur als einer bestimmten Klasse
zugehörig, als einem Klassenindividuum zukommt... Die Vergoldung
oder Versilberung verwischt den Klassencharakter und übertüncht
ihn ... Daher ... die wirkliche bürgerliche Gleichheit der Indi-
viduen, soweit sie Geld besitzen, welches auch die Einkom-
mensquelle sei." 2)
Auch für den Lohnabhängigen besteht somit in der bürgerlichen Ge-
sellschaft die individuelle Freiheit, über die Formen seiner ma-
teriellen und immateriellen Aneignung des gesellschaftlichen
Reichtums selbst zu disponieren. Hierin liegt ein entscheidender
Unterschied zu vorbürgerlichen Produktionsweisen. "Es ist nicht
mehr, wie in der antiken Gesellschaft, wo von Privilegierten dies
oder jenes eintauschbar, sondern alles ist zu haben von allen,
jeder Stoffwechsel vornehmbar von jedem, je nach der Masse Geld,
worin sein Einkommen sich umwandeln kann ... Beim Stand hängt der
Genuß des Individuums, sein Stoffwechsel, von der bestimmten Tei-
lung der Arbeit ab, der es subsumiert ist. Bei der Klasse nur vom
allgemeinen Tauschmittel, das es sich anzueignen weiß". 3) Weder
an der Qualität der Produkte läßt sich daher eine klassenmäßige
Bestimmung festmachen, noch ergibt sich umgekehrt für die ver-
schiedenen Klassen in der bürgerlichen Gesellschaft ein
q u a l i t a t i v e r Ausschluß von bestimmten Produkten und
Aneignungsformen. Aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten
Klasse kann daher auch nicht auf die Konsumformen und die sich
darin ausdrückenden Bedürfnisse geschlossen werden. Es gibt nicht
einen d i r e k t e n Zusammenhang von Klassenzugehörigkeit und
kultureller Lebensweise. Die Kulturformen sind daher auch nicht
auf Klassenfraktionen rückführbar. Die immanente Struktur der
bürgerlichen Gesellschaft setzt nicht einerseits Bedürfnis und
Kultur der Arbeiterklasse und demgegenüberstehend Bedürfnisse und
Kultur des Bürgertums.
Die Klassenstrukturiertheit drückt sich aus vermittelt über die
aus der Klassenbestimmtheit resultierende unterschiedliche Form
des Gelderwerbs. Die quantitative Ungleichheit von Zeit, Geld und
Belastung führt so zu neuen, qualitativen Unterschieden, die aber
nicht entlang der in der Ökonomie festgesetzten Klassengrenzen
laufen. "Das Geld, als der höchste Ausdruck der Klassengegen-
sätze, verwischt daher zugleich die religiösen, ständischen, in-
tellektuellen und individuellen Unterschiede ... Der qualitative
Klassenunterschied verschwindet so in dem Akt des Handels zwi-
schen consumers und dealers in dem quantitativen Unterschied, dem
Mehr oder Weniger von Geld, worüber der Käufer gebietet." 4)
So sehr es darum geht, diesen wichtigen Unterschied der bürgerli-
chen Gesellschaft zu vorbürgerlichen Epochen herauszuarbeiten, so
unwichtig war dieser praktisch im Alltagsleben der Lohnabhängigen
bis in die Anfangsjahre unseres Jahrhunderts hinein. Der Arbeiter
war reduziert auf ein Dasein als Arbeitstier. Die Länge des Ar-
beitstages, die geringe Entlohnung, die physische Erschöpfung
ließen faktisch kaum Raum zur Entwicklung von höheren Bedürfnis-
sen und zur Herausbildung einer eigenen Persönlichkeit. Schlaf-
burschenexistenz war an der Tagesordnung. Eine Familie gründen
und diese materiell versorgen zu können, war nicht immer zu er-
reichendes Traumziel der Lohnabhängigen. Soweit die Frau nicht
mitarbeiten mußte, war es für diese selbstverständlich, im Haus-
halt ihren Platz zu sehen, dort einerseits eine Vielzahl von
zeitaufwendigen und beschwerlichen Arbeiten, wie Waschen, Stop-
fen, Kochen etc. zu verrichten und darüber hinaus durch Heimar-
beit den Lebensstandard etwas zu heben, um so das Leben einiger-
maßen angenehm zu gestalten. Die erste Form von Emotionalität in
der Familie, in der die Frauen begannen, für den Mann und die
Kinder außerdem etwas Geborgenheit und emotionale Wärme vermit-
teln zu wollen, blieb andererseits zumeist Wunschvorstellung.
Die bürgerliche Gesellschaft ist aber zugleich gekennzeichnet
durch das Zwangsgesetz zur fortwährenden Steigerung der Produk-
tivkräfte. Resultat dieses Gesetzes ist die beständige Freiset-
zung von freier Zeit, die aber in der bürgerlichen Gesellschaft
zugleich unbezahlte Mehrarbeit darstellt. Erst durch gewerk-
schaftliche Kämpfe gelingt es den Lohnabhängigen, an den von ih-
nen produzierten freien Zeitquanten und materiellen Reichtümern
durch Arbeitszeitverkürzung und Lohnerhöhung zu partizipieren.
Zugleich bildet diese beständig wachsende freie Zeit die Möglich-
keit, eine neue Klasse zu unterhalten, die Staatsbeschäftigten.
Über den Sozialstaat ergeben sich darüber hinaus eigenständige
Existenzmöglichkeiten für Ältere und Jugendliche. 5) Die Klassen-
strukturiertheit der bürgerlichen Gesellschaft löst sich bei die-
sem Prozeß jedoch nicht auf, sondern erhält nur eine bestimmte
Entwicklungsdynamik. "Die freie Zeit auf Seiten der nichtarbei-
tenden Gesellschaftstheile basirt auf der Mehrarbeit oder Über-
arbeit, auf der Mehrarbeitszeit des arbeitenden Theils, die freie
Entwicklung auf der einen Seite darauf, daß die Arbeiter ihre
ganze Zeit, also den Raum ihrer Entwicklung, zur blosen Produc-
tion bestimmter Gebrauchswerthe verwenden müssen... Die ganze
menschliche Entwicklung, soweit sie über die zur natürlichen Exi-
stenz der Menschen unmittelbar nothwendige Entwicklung hinaus-
geht, besteht blos in der Anwendung dieser freien Zeit und setzt
sie als ihre nothwendige Basis voraus ... Reichtum ist daher dis-
posable time." 6) Der gesamte historische Prozeß der Klassen-
kämpfe löst sich unter kulturellem Blickwinkel wesentlich auf in
die erzwungene Verwandlung von Luxusbedürfnissen in lebensnotwen-
dige Bedürfnisse.
Diese in gegensätzlichen Formen stattfindende Reichtumsentwick-
lung hat so im Spätkapitalismus zu einem gegenüber dem Anfang des
Jahrhunderts deutlich veränderten Verhältnis von Arbeit und Frei-
zeit geführt, welches sich in einer Weiterentwicklung der Persön-
lichkeit auch des lohnabhängigen Individuums niedergeschlagen
hat. 7) Die Arbeit im Kapitalismus, gekennzeichnet durch ihren
doppelten Charakter - wesentlich als fremdbestimmte, aber
zugleich auch als schöpferische Anwendung eigener Lebenskraft -,
behält hierbei jedoch ihren zentralen Stellenwert im Alltagsleben
der Subjekte. Zugleich ist aber ein erweiterter Nichtarbeitsbe-
reich der Arbeitswelt an die Seite getreten, in dem nicht nur ma-
terielle Produkte konsumiert werden, sondern auch sinnliche An-
eignung stattfindet. 8) "Erst durch den gegenständlich entfalte-
ten Reichtum des menschlichen Wesens wird der Reichtum der sub-
jektiven m e n s c h l i c h e n Sinnlichkeit, wird ein musika-
lisches Ohr, ein Auge für die Schönheit der Form, kurz, werden
erst menschlicher Genüsse fähige S i n n e, Sinne, welche als
m e n s c h l i c h e Wesenskräfte sich bestätigen, teils erst
ausgebildet, teils erst erzeugt." 9)
Die Entwicklung von Emotionen und Gefühlen auch für die Produzen-
ten des gesellschaftlichen Reichtums wird so in der Spätphase des
Kapitalismus immer mehr möglich. Individuelle Neigungen und Vor-
lieben können verstärkt herausgebildet werden, der kulturelle Ho-
rizont erweitert sich, es entsteht so auch schon im Lohnarbeiter
des Kapitals tendenziell ein bedürfnis- und eigenschaftsreiches
Subjekt. Die frühere Eindimensionalität des Lebens, die Ausdruck
der reduzierten Existenz allein als Arbeitstier war, wird so
durch eine Pluralität von Aneignungsweisen abgelöst. "... das Ka-
pital... schafft so die materiellen Elemente für die Entwicklung
einer reichen Individualität, die ebenso allseitig in ihrer Pro-
duktion als Konsumtion ist und deren Arbeit daher auch nicht mehr
als Arbeit, sondern als volle Entwicklung der Tätigkeit er-
scheint, in der die Naturnotwendigkeit in ihrer unmittelbaren
Form verschwunden ist; weil an die Stelle des Naturbedürfnisses
ein geschichtlich erzeugtes getreten ist." 10) Die zentrale Auf-
gabe besteht heute darin, die Widersprüche im Bereich der ent-
fremdeten Arbeit und der frustrierten Individualität aufzulösen.
Durch ein Programm des Anders Arbeiten und Anders Leben kann der
Übergang zu einer neuen gesellschaftlichen Entwicklungslogik
vollzogen werden. Nicht mehr die Verwertung des Kapitals diktiert
die Entwicklung des gesellschaftlichen Reichtums und die Heraus-
bildung von entwickelten Individualitäten, sondern die Schaffung
von allseitig gesellschaftlich entwickelten Subjekten wird zum
Maßstab der Reichtumsentwicklung.
Mitglieder der gleichen Klassenfraktion leben heutzutage in viel-
fältigeren Verhältnissen als nur in der Arbeit. Ihre gesamte Per-
sönlichkeit wird also auch durch mehr Bezugspunkte strukturiert.
Welchen sozialen Habitus das einzelne Subjekt sich aneignet, er-
gibt sich durch die Gesamtheit seiner individuellen ökonomischen,
sozialen und kulturellen Lebensbedingungen. Subjekte verschiede-
ner Klassen können sich so ein und denselben sozialen Habitus in
ihrer Person aneignen und damit ihre Zugehörigkeit zu einem be-
stimmten Lebenstil, der selbst nicht einer Klasse zuordbar ist,
deutlich machen. Der Habitus ist insofern entscheidend weiter als
allein die Klassenlage; er umfaßt auch Geschlecht, Wohnort, Reli-
gionszugehörigkeit, sexuelle Orientierung etc. und ermöglicht
darüber hinaus selbst bei Aneignung eines bestimmten Lebensstils
die individuelle Variation desselben. Der angeeignete Habitus
wiederum strukturiert seinerseits Bewertung, Praxisformen und
Wahrnehmungen der Individuen bis hin zu politischen Positionen.
Bewußtsein heutzutage ist also nurmehr als eine Kategorie des Ge-
samtlebenszusammenhangs denkbar.
Der Arbeiterklasse aus ihrer Existenz im kapitalistischen Repro-
duktionsprozeß eine spezifische, von anderen Klassen der bürger-
lichen Gesellschaft unterschiedene Aneignungsweise im kulturellen
Raum zu unterstellen, nämlich eine, die geprägt ist durch das
Wissen um den Ausschluß von Kulturaneignung, kann weder theore-
tisch begründet werden, noch ist sie praktisch nachzuweisen. Die
Existenz zweier grundsätzlich klassenmäßig verschiedener Kulturen
zu behaupten, erweist sich u.E. als völlig ungeeignet, den diffe-
renzierten Bedürfnisstrukturen und Lebensvorstellungen der Indi-
viduen in der bürgerlichen Gesellschaft gerecht zu werden. Statt-
dessen ist festzuhalten, daß im Raum der Lebensstile, der nur in
vermittelter Form Klassenverhältnisse widerspiegelt, verschiedene
Werthaltungen und Normsysteme um die kulturelle Vorherrschaft
konkurrieren.
Mit der Weiterentwicklung der realen Lebensverhältnisse entwic-
keln sich auch die kulturellen Anschauungen schrittweise weiter.
"Mit der mobility of capital and labour und den beständigen revo-
lutions in der Produktionsweise, daher in den Produktionsverhält-
nissen, Verkehrsverhältnissen und Lebensweisen, die die kapitali-
stische Produktion charakterisiert, große mobility in the habits,
modes of thinking etc. des people." 11) Diese Veränderung der
Norm- und Werthaltungen vollzieht sich teilweise fast unbemerkt,
teilweise aber auch in harten Konflikten sowohl innerhalb des
gleichen Habitus als auch zwischen den verschiedenen Lebenssti-
len.
Darüber hinaus läuft dieser Prozeß nicht zeitlich gleichförmig
ab, sondern faßt sich in Kulminationspunkten zusammen. Zu einer
solchen Kulminationsphase des Wertewandels kommt es von den spä-
ten 60er bis Mitte der 70er Jahre. Zentral sind die Veränderungen
im Bereich des Geschlechter- und Partnerverhaltens, der Familie,
der Sexualität und der Erziehungswerte. 12) Ohne Anspruch auf
Vollständigkeit sind dazu als wesentlich zu nennen: Ehe und Fami-
lie werden in zunehmendem Maße individueller Lebensplanung unter-
worfen. Frauen lassen sich nicht mehr länger eingrenzen auf die
Bereiche Küche, Kinder und Kirche. Die bislang als selbstver-
ständlich, weil natürlich geglaubte emotionale Arbeitsteilung
zwischen den Geschlechtern wird stärker hinterfragt und kriti-
siert. Wer auf die Ehe verzichtet, gilt nicht ohne weiteres als
Außenseiter. Die Familie wird räumlich und im Selbstverständnis
von den Herkunftsfamilien so abgekoppelt, daß diese die Selbstän-
digkeit der Eheleute nicht mehr wie früher beeinträchtigen. Zwi-
schen Kindheit in der Herkunftsfamilie und eigene Heirat schiebt
sich eine meist außerfamiliäre Lebensphase in der Jugend, die
auch zunehmend weniger durch die Grundfarbe Arbeit bestimmt ist.
Das herkömmliche Ideal von Familie und Ehe wandelt sich rapide,
was seinen deutlichsten Ausdruck in der sich stark verändernden
Einstellung zur Ehescheidung findet. Dahinter steht die Umwertung
persönlicher Bindung in eine Unterstützung individueller Entfal-
tung und die Umwertung traditioneller Auffassung von Sexualität
in einen f ü r s i c h zu lebenden Erfahrungsbereich. Zugleich
verändern sich die Erziehungsziele der Eltern in Richtung auf An-
erkennung und Wertschätzung größerer Selbständigkeit und Entfal-
tung der Kinder. Berufs- und Ausbildungsansprüche wandeln sich
von Luxus- in mehr und mehr normale Bedürfnisse. Auch wenn dieser
Wandel für Mädchen nur in sehr viel engeren Grenzen wirksam wird,
ist es auch hier nicht mehr selbstverständlich, daß sie im hei-
ratsfähigen Alter ohne Ausbildung und Beruf in die Ehefrau- und
Mutterrolle übergehen.
Dieser Wertewandel findet aber nicht bei allen Bevölkerungsgrup-
pen gleichermaßen statt, seine Ausprägung ist ungleichzeitig, und
er mobilisiert Widerstand, der in einer gesellschaftlichen Gegen-
bewegung zur Verteidigung der traditionellen Werteordnung resul-
tiert.
Zugleich werden selbst die Protagonisten dieses Wandels mehr und
mehr frustriert. Die mit dem Wertewandel verbundenen Anforderun-
gen und Ansprüche, die zunächst als befreiende Momente erfahren
wurden, schlagen in vielen Fällen aufgrund der fehlenden sozial-
ökonomischen Absicherung des Prozesses in ein Gefühl der Unsi-
cherheit und einen Eindruck der subjektiven Überforderung um. Die
manifeste Überakkumulation des Kapitals seit Mitte der 70er Jahre
erledigt den Rest. Auf ihrer Basis wird die Denunziation des ab-
gelaufenen Prozesses als Anspruchsinflation möglich, die die Öko-
nomie zerrüttet hätte.
3. Individualität, Pluralität, Solidarität -
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Zielpunkte sozialistischer Werthaltungen
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Linke Hegemonie ist heutzutage nicht mehr möglich allein durch
die Thematisierung der Verhältnisse kapitalistischer Ökonomie,
sondern nur durch eine Perspektive für den Gesamtlebenszusammen-
hang von Arbeit und Nichtarbeit, bei dem die Umgestaltung der
Ökonomie gleichwohl das entscheidende M i t t e l darstellt.
Aus diesem Grunde muß auch eine sozialistische Orientierung, die
die Bündnispolitik verschiedener Klassen als adäquate politische
Strategie im Spätkapitalismus ausgibt, immer wieder scheitern.
Die historisch gewachsenen Interessen von Frauen, Alten, Jugend-
lichen, von Ausländern, Behinderten, Homosexuellen etc. lassen
sich in einer solchen Konzeption nur als Annex denken, die mit
den eigentlichen Aufgaben der Arbeiterbewegung nur am Rande zu
tun haben. Aber auch die Propagierung einer Politik der Radikali-
sierung der Bedürfnisse und des Gemüts, wie sie von der grün-al-
ternativen Bewegung vorgeschlagen wird, ist ein Weg in die Sack-
gasse, da sie die gesellschaftliche Grundlage des Gefühlsreich-
tums negiert. Bei der heutigen Differenziertheit von Lebensver-
hältnissen muß es unseres Erachtens stattdessen darum gehen, den
Kampf um das Alltagsbewußtsein zu führen, deutlich zu machen, daß
der Ausbau von individueller Selbstbestimmung, Pluralität und So-
lidarität Ziel sozialistischer Politik ist, was einzulösen und
umzusetzen ist durch eine Wirtschafts- und Sozialpolitik, welche
die Logik des Kapitalverhältnisses schrittweise überwindet.
Dabei gilt es den Hinweis von Block fruchtbar zu machen, daß die
Linken zwar wahr, aber über Sachen, die Rechten betrügerisch,
aber zu Menschen sprechen. Die entwickelten sinnlichen Dimensio-
nen des Menschen, der tendenzielle Reichtum an Emotionen und Ge-
fühlen darf von Sozialisten nicht einfach mit Schweigen übergan-
gen werden. Es sind Werthaltungen, die sich in den politischen
Kräfteverhältnissen ausdrücken. Sozialisten müssen deutlich ma-
chen, daß es ihnen um die Verbesserung der Lebensqualität, um den
Ausbau der Möglichkeiten des Subjekts zu eigenständiger Lebens-
führung geht; alternative Wirtschafts- und Sozialpolitik ist kein
Wert an sich, sondern wird nur dann mehrheits- und mobilisie-
rungsfähig, wenn sie orientiert ist am Ziel der Entwicklung von
bedürfnis-, eigenschafts- und beziehungsreicher Individualität.
Die Konservativen sprechen fortwährend von der Freiheit des Indi-
viduums, schnüren aber in Wahrheit durch die Entfesselung der ka-
pitalistischen Anarchie diese Freiheit immer mehr ein. Die sozia-
listischen Kräfte müssen darauf hinarbeiten, daß auch im Alltags-
bewußtsein der Mehrheit der Bevölkerung sie als Kraft erscheinen,
der es nicht um eine Entmündigung und Zurücknahme des Subjekts
durch staatliche Bevormundung und Gängelung geht, sondern um die
Verteidigung und Einlösung der gewachsenen Bedürfnisse an Arbeit
und Leben durch eine gesellschaftliche Einflußnahme auf den öko-
nomischen Reproduktionsprozeß. Die gewachsenen und heutzutage
frustrierten Bedürfnisse der Subjekte müssen unter Zurückweisung
der konservativen Denunziation als Anspruchsmentalität reformu-
liert und als Ansatzpunkt zur Überwindung der Krise wie zur ge-
sellschaftlichen Reform verdeutlicht werden. Mehr Lebensqualität
und reichere Individualität unterstellen eine gute Wohnung, ge-
sunde Umwelt und ein interessantes Wohnumfeld, wie auch einen at-
traktiven Arbeitsplatz und soziale Sicherheit, da diese es erst
möglich machen, sich als Subjekt nicht auf eine persönliche Gna-
denexistenz zurückgesetzt zu sehen und eine eigene Persönlichkeit
entwickeln zu können.
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1) Vgl. S. Herkommer/J. Bischoff/K. Maldaner: Alltag Bewußtsein
Klassen, Hamburg 1984.
2) Karl Marx, Reflection, in: Einheit 5/77, S. 525.
3) Ebd.
4) Ebd. S. 526.
5) Vgl. Sozialistische Studiengruppen (SOST): Einführung Staats-
theorie, Hamburg 1983.
6) Karl Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie Teil l, in:
MEGA, Abtl. II, Bd. 3.1, S 168/169.
7) Vgl. Sebastian Herkommer, Arbeit und Nichtarbeit, in: Herkom-
mer/Bischoff/Maldaner, Alltag Bewußtsein Klassen, Hamburg 1984.
8) Vgl. J. Bischoff/K. Maldaner: Alltagsbewußtsein und Lebens-
welt, in: Prokla 53, Dez. 1983.
9) Karl Marx, Ökonomisch-Philosophische Manuskripte aus dem Jahr
1844, in: MEW, Ergänzungsband l, S. 541.
10) Karl Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie,
Berlin 1953, S. 231.
11) Karl Marx, Theorien über den Mehrwert - Richard Jones, in:
MEW 26.3, S. 437.
12) Vgl. Sozialistische Studiengruppen (SOST): Lebenswelt und
Wertorientierung, Thesen zum Wertwandel, in: Sozialismus, Marxi-
stische Zeitschrift, 1/85, S. 41 ff.
Kaspar Maase
Kultur befreiter Arbeit und kämpferischen Lebens
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10 Thesen
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1. Kernstück jeder Veränderung von Lebensweise ist die Arbeitspo-
litik - genauer: die G e s t a l t u n g d e r g e s e l l-
s c h a f t l i c h o r g a n i s i e r t e n A r b e i t.
Eine qualifizierte, anregende, befriedigende und gesellschaftlich
sinnvolle Tätigkeit für jeden Arbeitsfähigen ist die Voraus-
setzung erfüllter Lebensführung. Die für die Arbeit erworbenen
und in ihr betätigten Fähigkeiten und Interessen, sozialen
Beziehungen und Problemhorizonte, Anerkennungen und Bedürfnisse
bilden den Grundstock jeder Persönlichkeit. Ihre Qualität ent-
scheidet über die Lebensweise. Weitere Orientierungen sind: Abbau
von Arbeitsteilung, Überschaubarkeit und Auflockerung, entfaltete
Mitbestimmung über Form und Inhalt der gemeinsamen Arbeit,
gleiche Arbeit für Männer und Frauen.
Sichere Arbeit für jeden mit einem Einkommen, das Zuverdienen in
jeder Form unnötig macht, und mit einem Charakter, der Flucht vor
Zwang und Entfremdung erübrigt, ist die radikalste Therapie für
viele Probleme. Armut, dem "Ausweg" in Kriminalität und Drogen
aller Art, Abhängigkeit und Diskriminierung von Frauen und Min-
derheiten, arbeitsbedingten psychosomatischen Leiden sind so we-
sentliche (nicht alle) Ursachen zu entziehen.
2. Befreite Arbeit wird nicht Spiel oder Vergnügen. Sie bleibt
Ort - produktiv zu bewältigender - Belastungen und Konflikte; sie
verlangt vom einzelnen Einordnung in kollektive und gesellschaft-
liche Pläne und Ziele, sie bleibt in gewissem Sinn außenbestimmt
durch die Anforderungen und Widersprüche, die aus dem Stoffwech-
sel mit der Natur entspringen. Entfaltung der kulturellen Poten-
zen sozial organisierter Arbeit verlangt daher gleichermaßen kon-
sequente B e f r e i u n g d e r M e n s c h e n v o n
A r b e i t. Vordringlich betrifft dies all jene geistlosen Tä-
tigkeiten, die den genannten Ansprüchen am wenigsten genügen. Es
geht insgesamt um Verringerung der gesellschaftlich organisierten
Pflichtarbeit schlechthin - nicht nur als Voraussetzung ihrer
gleichen Verteilung, sondern auch zur Verminderung von Arbeits-
last und zur Behebung von Zeitnot.
Chance und Herausforderung eröffnen die neuen Möglichkeiten, men-
schliche Tätigkeit von Maschinenlaufzeiten und anderen starren
Arbeitsrhythmen abzulösen. Die Chance liegt darin, Raum zur be-
friedigten, entspannten und effektiven Gestaltung des persönli-
chen Zeit- und Tätigkeitsbudgets zu gewinnen. Die Herausforderung
ist zunächst, kapitalistische "Flexibilisierungs"-strategien ab-
zuwehren. Indem die Kapitaldynamik gewohnte Gliederungen von Ar-
beit und arbeitsfreier Zeit auflöst, zwingt sie die Menschen,
neue Strukturen und Rhythmen ihrer Lebensweise zu entwickeln.
Nach aller Erfahrung bedeutet dies keineswegs automatisch indivi-
duelle Befreiung zu ungeahnten Höhen der Selbsttätigkeit und
Selbstverwirklichung; vielmehr schlägt die Stunde von Kulturindu-
strie und kommerziellen Massenmedien, die entstehende "Lücken" im
Tagesablauf füllen.
Es geht also darum, dem Bedürfnis nach "Zeitsouveränität" produk-
tive Verwirklichungsformen zu bieten. Ein Problem wird z.B. die
Zersplitterung, die gemeinsame Aktivitäten erschwert - etwa für
Eltern und schulpflichtige Kinder, wenn starre Schulwoche und be-
wegliche Arbeitszeiten zusammentreffen. Die Schwierigkeiten sind
auch hier um so geringer, je drastischer die Arbeitszeit verkürzt
wird. Dann wächst die verfügbare Zeit dermaßen, daß Beisammensein
mit Kindern, Lebenspartnern, Freunden ohne Mühe möglich ist. Es
gibt keinen Grund, auf ewig am biblischen Rhythmus von Arbeit und
Ruhe festzuhalten.
3. Die Erschütterung bisheriger Strukturen der Lebensweise trifft
Menschen, die sich nach Abbau von Hetze und Termindruck sehnen
und durchaus Vorstellungen haben, was sie mit mehr freier Zeit
anfangen würden. Ein w a c h s e n d e s B e d ü r f n i s
n a c h E i g e n t ä t i g k e i t ist seit Jahren unverkenn-
bar. Die Frage ist jedoch, in welche Richtung es gelenkt wird.
Alle marktwirtschaftlichen Perspektiven deuten auf "Zwangs-Duali-
sierung": Steigender ökonomischer Druck bindet die scheinbar von
Lohnarbeit freigesetzte Zeit über Zusatzerwerb und Eigenproduk-
tion bruchlos in die Reproduktion der kapitalistischen Wirtschaft
ein. Um das materielle Lebensniveau zu halten und ausfallende
staatliche Sozialleistungen zu ersetzen, werden alle Formen des
Zuverdienens, der ungeschützten Beschäftigung, der häuslichen
Übernahme von Tätigkeiten, die auf dem Markt nicht mehr zu bezah-
len sind, sowie der Eigenleistung für Gesundheit, Bildung und so-
ziale Versorgung außerordentlich zunehmen. Man mag das "Ende der
Arbeitsgesellschaft" oder "Anfang der dualen Tätigkeitsgesell-
schaft" nennen - faktisch läuft es auf eine Senkung des Frei-
heitsgrades in der von Lohnarbeit freien Zeit durch reproduktive
Tätigkeiten mit Zwangscharakter hinaus.
Aus diesem Grund hat der Lohnausgleich bei Arbeitszeitverkürzung
Schlüsselfunktion in einer demokratischen Politik der Lebens-
weise. Nur so wird der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse
verringert und Raum für Alternativen geschaffen. Dies ist zentral
für jede Strategie der Frauenemanzipation, die auf Abbau unent-
geltlicher häuslich-privater Reproduktionsarbeit u n d Aufhe-
bung zwischengeschlechtlicher Arbeitsteilung angewiesen ist.
Es geht also darum, Freisetzung von Lohnarbeit für eine Erhöhung
der Wahlfreiheit von Eigenaktivität, für realen Zuwachs von
Selbstbestimmung zu nutzen. Der Ausbau materieller und sozialer
Sicherung bildet eine unverzichtbare Grundlage dafür. Ebenso not-
wendig sind die s u b j e k t i v e n A n s p r ü c h e u n d
K o m p e t e n z e n z u e n t w i c k e l n, d i e "E i-
g e n a r b e i t" z u r F o r m i e r u n g d e r K r ä f-
t e d e r V e r ä n d e r u n g b e i t r a g e n l a s-
s e n. Das Fehlen direkter kapitalistischer Disziplinierung und
Kontrolle über derartige Tätigkeiten ermöglicht das. Auch objek-
tiv erzwungene "Eigenarbeit" von Selbsthilfegruppen, Arbeitslo-
seninitiativen, Nachbarschaften etc. kann Element kämpferischen
Lebens werden: insoweit sie Öffentlichkeiten, Praxiszusammen-
hänge, "Gegenkultur" als Alltags-Hinterland oppositioneller so-
zialer Bewegungen und Klassenkämpfe schafft.
4. Vor der Ausführung dieses Gedankens (in These 8 und 9) noch
zwei andere Probleme. Viele "grüne" Alternativüberlegungen wollen
dem skizzierten ökonomischen Zwang entgehen, indem sie die Be-
dürfnisstruktur verändern - nach der Devise "Wirklich frei ist,
wer nichts braucht". Hier ist nicht über die theoretischen Ge-
burtsfehler dieses Ansatzes zu diskutieren. Die These muß genü-
gen, daß nicht das System der Bedürfnisse die menschlichen Tätig-
keiten bestimmt, sondern daß es umgekehrt in letzter Instanz die
materiell determinierte widersprüchliche Struktur der menschli-
chen Tätigkeiten widerspiegelt. 1) "Widersprüchlich", "in letzter
Instanz" - damit wird verwiesen auf die realen Grundlagen einer
g e z i e l t e n A r b e i t a n d e r V e r ä n d e r u n g
v o n B e d ü r f n i s s e n, die zur Konzeption kämpferischen
Lebens unverzichtbar gehört. Historisch haben wir zu lernen aus
dem Scheitern aller asketischen Lebensreform-Bewegungen, die min-
destens so alt wie das Christentum sind. Die einzige Ausnahme
bildet vielleicht die Funktionalisierung asketischer Ideologeme
für unternehmerische Kapital-Anhäufung im entstehenden Protestan-
tismus.
Vor diesem Hintergrund ist über ein "alternatives Bedürfnismo-
dell" für die Bundesrepublik zu sprechen. Umstritten sind nicht
allgemeine Ziele wie: Abbau von Fixierungen an materiellen und
kompensatorischen Konsum; Entfaltung sozialer, kreativer, gei-
stig-ästhetischer und emotionaler Bedürfnisse in Richtung auf
Selbstentwicklung in Tätigkeit, Kommunikation und Muße. Umstrit-
ten ist: Wie setzt man solche Veränderungen in Gang, und wie ver-
hält man sich zum gegenwärtigen Stand materiellen Konsums?
Angesichts wachsender sozial-kultureller Ungleichheit in der BRD
und in der Welt halte ich es für diskutabel, zu sagen: Wir wollen
das materielle Lebensniveau, das ein vollbeschäftigtes Paar mit
etwa der Qualifikation Facharbeiter/mittlere Angestellte ohne
Kinder gegenwärtig hat (also eine reale Gruppe von heute viel-
leicht 10-15% der Arbeiterklasse), halten und für alle Haushalte
aller werktätigen Klassen und Schichten erreichbar machen (also
mit entsprechenden Zuschlägen für Kinder, Altenpflege u.a.). Dies
erfordert eine gewaltige Umverteilung, die die Lebenslage der
großen Mehrheit der Bevölkerung z.T. erheblich verbessern würde.
Sinnvoll und möglich ist ein solcher Ansatz jedoch nur als Teil
eines demokratisch organisierten Prozesses zugunsten der Arbei-
terklasse und der Völker, die an den Folgen des Kolonialismus
leiden.
Kulturtheoretisch liegt diesem Gedanken die These zugrunde, daß
das in den genannten Obergruppen der Arbeiterklasse erreichte ma-
terielle Lebensniveau eine derartige Entfaltung und Befriedigung
nichtmaterieller Bedürfnisse ermöglicht, daß weitere Erhöhung ge-
genwärtig nicht Ziel zu sein hat. Ein Blick auf die jüngeren Ge-
nerationsgruppen der genannten Schicht entdeckt überdurchschnitt-
liche Offenheit für Entwicklung sozialer und kultureller Bedürf-
nisse und für bewußteren Umgang mit dem Lebensstandard
(Bereitschaft zu solidarisch und ökologisch orientiertem Verhal-
ten). Das ist nicht automatische Folge des materiellen Lebensni-
veaus, sondern bestimmter bildungsmäßiger und sozial-kultureller
Milieus innerhalb dieser Gruppen. Soziale und politische Aktivie-
rung und Bewußtseinsbildung, Reflexion des eigenen Werte-Horizon-
tes und vielfältige Aneignung kulturellen Reichtums finden sich
hier ebenso wie materielle Solidarität (man müßte einmal zusam-
menrechnen, was aus diesen Kreisen der angeblich so verspießerten
Lohnabhängigen in den letzten Jahren für Nicaragua, die briti-
schen Bergarbeiter, den südafrikanischen Widerstand etc. gespen-
det wurde!).
5. Jede auch nur halbwegs realistische Alternative wird von einer
S c h l ü s s e l s t e l l u n g d e r M a s s e n- u n d
I n f o r m a t i o n s m e d i e n in der Lebensweise ausgehen
müssen. Gesellschaftlich organisierte Arbeit und Eigentätigkeit
werden weiterhin die Notwendigkeit von Entspannung und Abschalten
hervorrufen. Für die massenhafte - und durch die neuen Informati-
onstechnologien zunehmend der individuellen Wahl geöffnete - Be-
friedigung von Bedürfnissen nach Bildung, Wissen, Unterhaltung,
Kunstgenuß und lokaler Kommunikation sind die elektronischen Me-
dien optimal. Sie sind unverzichtbar, weil nur über ihre bewußte
Nutzung der einzelne sich noch in der global vergesellschafteten
Welt orientieren und verantwortlich handeln kann.
Die Entwicklung individueller Fähigkeiten und Bedürfnisse zu kri-
tischer Interessenwahrnehmung, zu selbsttätiger Aneignung kul-
turellen Reichtums, zu entwickelter persönlicher Kommunikation
ist also nicht der Einbeziehung modernster Informationstechnolo-
gien in den Alltag entgegenzustellen, wie das etwa Vorschläge zur
Fernseh-Askese tun. Derartige Ansprüche sind vielmehr zu nutzen
für Kämpfe, die die Medien der "Verwendung im Interesse der weni-
gen" entziehen und in "Kommunikationsapparate des öffentlichen
Lebens" verwandeln, 2) in Werkzeuge progressiver gesellschaftli-
cher Selbstverständigung. Das beinhaltet die systematische Ent-
faltung der subjektiven Fähigkeiten zum souveränen Umgang mit
diesen Instrumenten.
6. Allgemeines Ziel einer Politik der Lebensweise hat
s o z i a l e G l e i c h h e i t zu sein. Auch hierzu bilden
den Schlüssel die U m v e r t e i l u n g der gesellschaftlich
organisierten A r b e i t a u f a l l e und die E n t-
f a l t u n g i h r e r p e r s ö n l i c h k e i t s p r o-
d u k t i v e n A n f o r d e r u n g e n a n B i l d u n g
u n d Q u a l i f i z i e r u n g a l l e r. Weil derartige
Veränderungen in der Kultur erst über mehrere Generationen
greifen, ist Klarheit der Zielstellung doppelt wichtig.
Langfristigkeit des Wandels und Notwendigkeit grundsätzlicher
Orientierung kennzeichnen ebenso die Aufgabe, gleiche Entfal-
tungsbedingungen für Männer und Frauen zu schaffen. Materiali-
stisch verstanden, muß Grundlage eine völlige Gleichverteilung
der gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten auf beide Geschlech-
ter sein: in allen Berufen, Arbeiten, Funktionen so viele Frauen
wie Männer; weitestgehende Vergesellschaftung reproduktiver und
häuslicher Aufgaben; Gleichverteilung des "Rests" auf beide Ge-
schlechter. Die neuen Technologien und ihre Möglichkeiten räumen
die letzten "Sachzwänge" weg, die dem entgegenstehen.
7. Alternative Orientierungen der Lebensweise sind letztlich vom
Menschen her, aus Vorstellungen entfalteter persönlicher Kultur
zu entwickeln - nicht aus demgegenüber untergeordneten Gesichts-
punkten wie: sparsamer Umgang mit Ressourcen, Stabilisierung der
Reproduktion der Biosphäre, Beseitigung der Unterentwicklung o.a.
Im Gegensatz zu allen "alternativen" Visionen von Bahro bis Gorz
geht es darum, die Strukturen des Lebens auszurichten auf die
geistige und alltagspraktische B e h e r r s c h u n g d e r
e i g e n e n V e r g e s e l l s c h a f t u n g durch die In-
dividuen. Vielleicht kann die Marxsche Auffassung von "all-
gemeiner Arbeit" das integrierende Zentrum angeben: Sie trägt in
der freien Assoziation der Produzenten wissenschaftlichen und
gesellschaftlichen Charakter; in ihre Bildung sind als
"Entwickeln von power" die Fähigkeit zur Produktion wie zum Genuß
einbezogen; sie ist in sich lebendig differenziert als Totalität
der "alle Naturkräfte regelnden Tätigkeit". 3)
Im Zentrum stehen also Bedürfnisse und Interessen, Fähigkeiten
und soziale Beziehungen, Kenntnisse und Motivationen, die zum be-
wußten Regeln der Widersprüche in Produktion und Gesellschafts-
entwicklung, Naturverhältnis und persönlichem Alltag gehören, Fä-
higkeiten zum "Regieren" im weitesten Sinn.
8. Von diesem Zielpunkt her lassen sich Linien ziehen, die histo-
rische Perspektiven der Lebensweise mit gegenwärtiger Praxis ver-
binden. Momente des Neuen sind überall dort zu finden, wo sich
Momente "kämpferischen Lebens" (L. Sève) herausbilden. Widerstän-
diges Handeln und gemeinsame Interessenvertretung geben Anstöße
für Lernen (im weitesten Sinn) und Entwicklung neuer sozialer Be-
ziehungen; ihre Anregungen und Herausforderungen erweitern den
Horizont der Probleme und Fragen; sie brechen Selbstverständlich-
keiten der eigenen Lebensform auf und lassen (nicht selten
schmerzhaft!) deren Widersprüche und Mängel bewußt werden. Solche
Entwicklungen der Persönlichkeit werden möglich über die Teil-
nahme an sozialen Auseinandersetzungen und Bewegungen.
"Kämpferisches Leben" ist Herausforderung, eigenes Verhalten zu
prüfen und zu ändern; es erhöht die subjektive Kompetenz, sich
als Person in allen anstehenden Umwälzungen der Lebensverhält-
nisse zu behaupten, indem man sich engagiert für ihre kollektive,
gesellschaftliche Regelung.
Wir müssen uns streiten, was für humane Entwicklung besser ist:
Leben in Kleinfamilien oder Kommunen, Arbeit im Großbetrieb oder
in Genossenschaften, Professionalisierung sozialer Dienste oder
weitestgehende Selbsthilfe, Einheitsschule oder Integration der
Bildung in die regionalen Arbeits- und Lebensbeziehungen etc.
Aber wenn es überhaupt einen Garanten oder ein "Rezept" für die
humane Qualität zukünftiger Lebensweise gibt, dann ist es die
Entfaltung der Lebenskompetenzen der Individuen in revolutionärer
Praxis - verstanden im Marxschen Sinn als "Zusammenfallen des Än-
derns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstver-
änderung". 4)
9. Dazu gehören unabdingbar der A b b a u v o n P r i v a-
t i s m u s und die V e r b i n d u n g z u B a s i s- u n d
B e w e g u n g s ö f f e n t l i c h k e i t e n, die sich von
bürgerlicher ideologischer Hegemonie (wenigstens teilweise) be-
freien (können). Frauengruppen und Wohngemeinschaften, selbstver-
waltete Jugendzentren und Arbeitslosen-, Kultur- und Bürgeri-
nitiativen, Belegschaften und Mietervereinigungen, Friedensgrup-
pen und Gewerkschaftsaktive, die Strukturen von sozialen Bewegun-
gen, Interessenverbänden und Parteien haben jeweils ihre Beson-
derheiten; all diese Öffentlichkeiten schließen einander nicht
aus, sondern greifen in- und umeinander. Selbstverständigung und
Erkennen der eigenen Probleme als gemeinsam und gesellschaftlich,
Ermutigung und Anerkennung bei interessenvertretendem Handeln,
Lernen und das Erfahren kollektiver Lernprozesse als unersetz-
lich, Bewußtwerden eigener Interessen (persönlicher wie gesell-
schaftlicher): dies wird verhindert durch privatistisch isolierte
Lebensformen. Das Abgeschnittensein von interessenbezogenen Ba-
sis-Öffentlichkeiten macht die Beherrschten zur amorphen Masse
einzelner, die dann durch die herrschenden Medien und Großorgani-
sationen angeordnet werden.
Selbstbestimmung ist Basis-Öffentlichkeiten nicht geschenkt; sie
verwirklicht sich im Kampf gegen herrschende Hegemonie. Es gibt
keinen ideologiefreien Raum, in dem Selbstverständigung bei Null
begönne. Aber ohne Öffnung der Lebensweise für Selbstverständi-
gung, Selbst-Infragestellen und Selbstveränderung in gemein-
schaftlichen Lernprozessen ist an Alternativen nicht zu denken.
Beharren auf praktischer Interessenvertretung, wissenschaftlich
orientiertes Verarbeiten der Erfahrungen, Beziehung auf opposi-
tionelle soziale Bewegungen sind Mittel, um inhaltliche Selbstbe-
stimmung von Basis-Öffentlichkeiten voranzubringen und ihre Im-
pulse für ein kämpferisches Leben zu stärken.
10. Kampf um Arbeitszeitverkürzung und Frauenemanzipation sind
offenbar gesellschaftliche Konfliktfelder mit breiter Mobilisie-
rungsfähigkeit in der Arbeiterklasse, die Alternativen der Le-
bensweise in die Diskussion bringen. Hier gibt es Chancen für
Marxisten, die Grenzen des Kapitalismus und die Notwendigkeit ih-
rer sozialistischen Überwindung zu thematisieren. Am schärfsten
in Frage gestellt wird die Selbstverständlichkeit unserer Lebens-
weise jedoch durch die Z u n a h m e v o n E l e n d u n d
U n t e r e n t w i c k l u n g i n d e r W e l t.
Hier liegt die größte moralische Herausforderung für den Solida-
ritätsanspruch der Arbeiterbewegung - und hier sitzen die Ver-
drängungsmechanismen am tiefsten. Wer sich aber dieser Herausfor-
derung nicht stellt, darf keine Glaubwürdigkeit als Träger alter-
nativer Lebensorientierung erwarten. Dies gilt besonders, weil in
keiner Frage die Hilflosigkeit von Appellen zu individueller Le-
bensreform derart deutlich wird: Weder bürgerlich-karitative
Mildtätigkeit noch Umstellen des Konsums auf das Angebot von 3.-
Welt-Läden und schon gar kein Lohnverzicht können die Weichen der
Weltwirtschaft umstellen. Ebensowenig ist die "Zuständigkeit" auf
Nord-Süd-Kommissionen oder Welt-Handelskonferenzen abzuschieben.
Gefordert ist praktischer Internationalismus - vom politischen
Druck über die Solidaritätsaktion bis zur persönlichen Spende für
antiimperialistische Befreiungsbewegungen.
Die Herausforderung "Unterentwicklung" macht deutlich: Es gibt
keinen kurzen Weg zu Alternativen, die der einzelne für sich lebt
in der Beruhigung, damit sein Teil getan zu haben. Kämpferisches
Leben heißt auch: den Überschuß an alternativem Wollen festhal-
ten, der heute noch nicht in gesellschaftlich gesicherte Lebens-
weise umzusetzen ist, und ihn verwandeln in dauerhafte Motivation
für politischen Kampf, ohne im Morast technokratischen
"Realismus" zu versinken. Kämpferisches Leben bereitet (uns für)
eine Zukunft vor, in der freies und verantwortliches Dasein All-
gemeingut werden kann.
_____
1) Vgl. K. Maase, Neue Bewegungen: Gesellschaftliche Alternative
oder kultureller Bruch?, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des
IMSF 5, 1982, S. 13 f.; ders., Gedanken zur Zukunft der Lebens-
weise, in: Blätter für deutsche und internationale Politik
2/1985, v.a. S. 231 ff.; ders., Bedürfnisse verändern - aber
wie?, Deutsche Volkszeitung/die tat, 22.3.1985.
2) Bertolt Brecht, Der Rundfunk als Kommunikationsapparat, in:
ders., Gesammelte Werke, Bd. 18, Frankfurt/M. 1967, S. 133, 129.
3) Vgl. Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökono-
mie, Berlin/DDR 1953, S. 505, 599.
4) Karl Marx, (Thesen über Feuerbach), MEW 3, S. 6.
Rolf Schwendter
Bedürfnisse, Lebenszusammenhänge, Alternativen. Thesen
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1) Auch wenn es am Orte vorliegender Publikation nicht gerne ge-
hört werden dürfte, hängt das historisch authentische massenweise
Entstehen von Subkulturen und alternativen Bewegungen mit der im
Zuge der Weiterentwicklung kapitalistischer Produktionsweise er-
folgten Aufsplitterung der lohnabhängigen Klasse (Autoren des
IMSF sprechen lieber von "Ausdifferenzierung" und finden, ich
"überschätzte" diese - ich wollte, dies wäre so) zusammen.
2) Autor(inn)en des IMSF haben wiederholt (und dies zu Recht)
festgestellt, daß sich Marx' Prognose bestätigt hat: Zwischen-
zeitlich sind über 80% der bundesrepublikanischen Bevölkerung der
lohnabhängigen Klasse zuzurechnen. Doch ist daraus aus struktu-
rellen wie historischen Gründen nicht die Entfaltung einer hege-
monialen (im Sinne Antonio Gramscis) Arbeiterbewegung erfolgt.
Allein die schon aus der Marxschen Analyse hervorgehenden Tren-
nungen der Arbeiterklasse an sich, etwa in Mehrwertprodu-
zent(inn)en und Bezieher(innen) verschieden abgeleiteter Reve-
nuen, in aktiv Lohnarbeitende und Reservearmeen, in Handarbei-
ter(innen) und Kopfarbeiter(innen), in Lohnarbeiter(innen) im en-
geren Sinne und Hausarbeiter(innen), in Werktätige leitender und
ausführender, qualifizierter und einfacher Durchschnittsarbeit,
in sich qualifizierende, aktive und pensionierte Lohnarbei-
ter(innen) haben ausgereicht, dies zu verhindern. Hierzu gibt es
auch m.E. strukturelle Ähnlichkeiten zwischen kapitalistischen
und realsozialistischen Gesellschaften, die aus der Krise des
Weltmarktes herrühren; zu erinnern ist an das Auseinandertreten
der Interessen der Klassenströmungen des Gesamtarbeiters in der
jüngsten Geschichte Polens.
3) Um dieses Auseinandertreten der lohnabhängigen Klassenströ-
mungsinteressen bis hin zum feindlichen Gegensatz erklären zu
können, bedürfte es nun einer Untersuchung der Tendenzen der sich
im Verwertungszusammenhang herausentwickelnden neuen Maschinerien
(elektronische Maschinerie, demnächst - Oskar Lafontaines "ökolo-
gische Modernisierung" - ökologische Maschinerie), der weltweiten
Akkumulation des Kapitals, der Profitraten- und Revenuenent-
wicklung. Ich muß mich hier darauf beschränken, von einigen
vorläufigen Resultaten auszugehen, die denn (zu Unrecht) als vor-
ausgesetzt erscheinen müssen: von der Erweiterung, Verallgemeine-
rung und Immaterialisierung der Maschinerie; der tendenziellen
reellen Subsumtion der Kopfarbeit unter das Kapital; der Simul-
taneität unterschiedlichster Produktionsformen, die beiden Momen-
ten (und noch einigen weiteren) geschuldet sind.
4) Selbstredend gehe auch ich davon aus, daß es einen Restbestand
von gemeinsamen Interessen der Lohnabhängigenklasse, des gesell-
schaftlichen Gesamtarbeiters, gibt. Sicherlich will jede(r)
Lohnabhängige (selbstredend wiederum einschließlich der Reser-
vearmeen) einen möglichst hohen Lohn oder doch jedenfalls eine
Leistung umverteilter Revenuen jedenfalls in der Höhe des histo-
rischen Existenzminimums, eine abnehmende Dauer der Lohnarbeits-
zeit und die entsprechende Sicherung von Revenuen für die Zeitab-
schnitte der Qualifikation und des Ruhestands. Doch merke ich
schon bei meiner Vorsicht im Gebrauch obiger, das Allgemeine dar-
stellender Formulierungen, wie sehr es sich hier um eine Abstrak-
tion, um das allerabstrakteste gemeinsame Interesse handeln muß.
5) Sicher, daß die Produktion und ihre Formen im Zentrum der di-
versen Klassenströmungen steht - oder gerade (bei einem Teil der
Reservearmeen) ihre Abwesenheit. So gut wie jede Form der infla-
tionierten "Arbeit", und sei es Traumarbeit, Beziehungsarbeit,
Hausarbeit, Vermittlungsarbeit, kann bei Bedarf der Mehrwertpro-
duktion unterworfen oder zu Lasten umzuverteilender Revenuen an-
gewandt werden. Zum zweiten tritt mit der Herausbildung und
Durchsetzung elektronischer Maschinerie die "materielle" Produk-
tion von Gütern tendenziell von der "immateriellen" Produktion
von Zeichen, die gleichwohl "materielle" Wirkungen entfaltet,
auseinander. Zum dritten wälzt (und zwar nach wie vor im Dienst
der Mehrwertproduktion oder auch der Einsparung von umverteilten
Revenuen) die elektronische Maschinerie (und die ökologische Ma-
schinerie wird dies erst recht tun - das "Small is beautiful" ist
nur der antizipative Vorschein dessen) einen großen Teil der
zeitgenössischen Produktionsformen, Betriebsgrößen, Arbeitszusam-
menhänge, Qualifikationen um. Schließlich stehen gleichzeitig
alle bislang denkbaren Produktionsformen nebeneinander: elektro-
nische und mechanische, Software, Fließband und Handwerk, Ver-
mittlungsarbeit und formell wie reell unters Kapital subsumierte
Kopfarbeit, bezahlte und unbezahlte, unabhängige Privatarbeit und
elektronifizierte Heimarbeit.
6) Der solcherarts gewandelte Stellenwert von "immaterieller"
Zeichenproduktion, Subsumtionen unter das Kapital und Vermitt-
lungsarbeit verändert erneut die Bedingungen kopfarbeitender
Klassenströmungen - und, auf der alternativen Ebene, die derjeni-
gen der intellektuellen Reservearmee. Kaum eine empirisch-progno-
stische Arbeit, aus der nicht abzuleiten ist, daß um 2000 die
kopfarbeitenden Klassenströmungen gute zwanzig Prozent der bun-
desrepublikanischen Bevölkerung ausmachen werden - also etwa das
Sechs- bis Siebenfache der traditionellen Bündnisklasse, der Bau-
ern. Weit davon entfernt, eine "kleine radikale Minderheit" zu
sein, wie noch 1968 (zwischenzeitlich haben sich die Stu-
dent(inn)enzahlen in etwa vervierfacht), bilden die Klassenströ-
mungen der lohnabhängigen Kopfarbeit die Grundlage einer Reihe
von vielfältig ausdifferenzierten Subkulturen und alternativen
Bewegungen, wobei insbesondere (in dieser Hinsicht) ihre Reser-
vearmee eine zunehmende Rolle spielt. Allerdings ist keineswegs
zu vernachlässigen, daß aus ersteren, aus der leitend-qualifi-
ziert-mehrwertproduzierenden Klassenströmung lohnabhängiger Kopf-
arbeit (MEW 23/531), auch die Derrierègarde sozialen Fortschritts
kommt.
7) Weiters spielt bei der Konstitution alternativer Bewegungen
eine zunehmende Rolle, daß infolge der Freisetzungswirkung der
elektronischen Maschinerie, der langfristigen strukturellen Wirt-
schaftskrise und dem anhaltenden Ausbleiben der Verkürzung des
Normalarbeitstages - wie zum anderen infolge des Ansteigens der
Vermittlungsarbeiten, der Verkürzung der Lebensarbeitszeit und
der Notwendigkeit steigender Qualifikationsvermittlung - die An-
zahl und Bedeutung jener Klassenströmungen steigt, die, in sehr
verschiedenem Ausmaß, aus umverteilter Revenue bezahlt werden.
8) Dies betrifft zum einen jene Klassenströmungen, die, vermehrt,
aber ansonsten in durchaus herkömmlicher Weise, nicht zur mehr-
wertproduzierenden Arbeit angewandt werden. Aus diesen kann zwar
schwer eine alternative Bewegung entstehen, doch wirkt ein nen-
nenswerter Teil aus denselben als Drehpunktpersonen zu so gut wie
allen alternativen Bewegungen, die es derzeit gibt.
9) Zum zweiten betrifft es jene (primären) Reservearmeen, indu-
strielle wie intellektuelle, deren potentieller Bezug zur Lohnar-
beit staatlicherseits angenommen wird, und die deshalb umver-
teilte Revenuen erhalten; zum dritten ein Teil der in Qualifika-
tion Befindlichen sowie die aus dem Arbeitsprozeß Ausgeschie-
denen, für die dasselbe gilt. Beide Klassenströmungen haben ge-
meinsam, daß die ihnen zur Verfügung gestellte umverteilte Reve-
nue das physiologische Existenzminimum, wenn überhaupt, nur knapp
überschreitet. Aus ihnen ist eine Reihe von Subkulturen und auch
alternativen Bewegungen entstanden (Arbeitslosengruppen, Jugend-
zentrumsbewegung, Graue Panther, Irrenoffensive, Krüppelgruppen,
Junkie-Bund etc.).
10) Viertens wird, auch wenn dies durch die Form der Subsistenz-
sicherung verschleiert wird, auch die sekundäre Reservearmee aus
umverteilter Revenue erhalten, wenn auch nicht der Staat, sondern
der primäre Revenuebezieher die Umverteilung vornimmt. Hier han-
delt es sich vor allem um Hausfrauen (und, weit seltener, um
Hausmänner) und um jenen Teil der sich Qualifizierenden, für den
der Staat die Umverteilung marginaler Revenue nicht leistet. Ein
Teil dieser Hausfrauen bildet zusammen mit einem Teil der lohnab-
hängigen weiblichen Kopfarbeit und ihrer Reservearmee die Frauen-
bewegung.
11) Schließlich korrespondieren die vorgenannten Folgen zeitge-
nössischer kapitalistischer Ökonomie mit dem Abnehmen herkömmli-
cher (häufig in großen Betrieben) handarbeitender, zumeist mehr-
wertproduzierender Klassenströmungen. Diese haben den Kern histo-
rischer alternativer Bewegungen (Arbeiterbewegung) gebildet, sind
(im ersteren Falle wenigstens dem Anspruch nach) in zwei politi-
schen Parteien (SPD und DKP) hegemonial, fungieren als Drehpunkt-
personen wenigstens zu einzelnen alternativen Bewegungen
(Friedensbewegung), aus ihnen sind jedoch relativ wenige zeitge-
nössische alternative Bewegungen entstanden (zeitweise Lehrlings-
bewegung; manche Betriebsgruppen; Ausländergruppen).
12) Wie bereits erwähnt, hat es in den letzten Jahrzehnten wenige
alternative Bewegungen gegeben, die nicht zumindest am Rande von
der Klassenströmung der lohnabhängigen Intelligenz und ihrer Re-
servearmee durchzogen worden sind. Der Gebrauchswert der Produk-
tion lohnabhängiger Kopfarbeit besteht zuvörderst in Zeichen, in
Beziehungen, in Vermittlungen; ihre Produktionsform reicht von
der unabhängigen Privatarbeit über die formelle Subsumierbarkeit
und/oder die (relativ, aber auch nur relativ, autonome) Verge-
sellschaftung in überschaubaren Teams bis hin zur reellen Subsum-
tion unter das Kapital (EDV, großindustrielle audiovisuelle Me-
dien). Da die Produktion von Zeichen, Beziehungen und Vermittlun-
gen im allgemeinen nicht zu Ende ist, wenn der (ebenfalls äußerst
unterschiedlich strukturierte) Normalarbeitstag aufhört, wird sie
- und ihr Gebrauchswert - gleichsam zur zweiten Natur dieser
Klassenströmungen, gleichermaßen und oft im Zusammenhang mitein-
ander) zur Quelle unbezahlter Mehrarbeit und unterschiedlichster
Reflexion auf Alternativen. Dabei werden, naheliegenderweise, die
Zeichen etc. oft über- und die Güter oft unterschätzt. Hinsicht-
lich der Lohnhöhe ist - noch!
- ein Charakteristikum intellektueller Lohnarbeit die große Dif-
ferenz zwischen den umverteilten Revenuen der Reservearmee und
der Revenuequelle Lohn aktiv im Arbeitsprozeß befindlicher Intel-
lektueller. Dies erklärt (einigermaßen) den oft schockierenden
rasanten Wandel der Bedürfnisse und Lebenszusammenhänge vieler in
den Arbeitsprozeß Eingetretener.
13) Die Bedürfnisse lassen sich schlagwortartig und beispiels-
weise wie folgt darstellen, soweit sie alternative Züge annehmen:
überschaubare Kollektivität bei gleichzeitiger Möglichkeit von
Ausbruchsintervallen zwecks "Selbstentfaltung"; abwechslungsrei-
che Arbeit; Insistieren auf den Gebrauchswert von Gütern; indivi-
duelles Wohnen, das aber jedenfalls Vereinsamung vermeidet, mit
möglichst großer Varianzbreite (Wohngemeinschaften, Hausgemein-
schaften, Nachbarschaftskontakte, nahe alternative Infrastruktur)
in einigermaßen hübschen Altbauten; freizügige Sexualmoral (so
gut wie alle alternativen Bewegungen, die sich auf sexuelle Ab-
weichungen beziehen, entspringen diesen Klassenströmungen, auch
wenn die dort majoritäre Form die der konsekutiven Monogamie, am
besten ohne formellen Ehevertrag, ist); ökologische Grundhaltung,
wenn auch häufig widersprüchlich (Fahrrad, Jute statt Plastik,
Wolle, Naturheilmittel, Naturkosmetik; andererseits Auto, (zu-
meist legale) Drogen, elektronische Equipments); generelle Skep-
sis gegenüber Experten (schließlich sind sie häufig selber
welche); besonders ausgeprägte immaterielle Bedürfnisse (thera-
peutische, spirituelle...).
14) Diesem entsprechen die Lebenszusammenhänge: Sie sind gekenn-
zeichnet durch "Kollektivität auf Abruf - wie auch durch
"Individualität auf Abruf. Kaum ein(e) intellektuelle(r) Lohnab-
hängige(r) oder Arbeitslose(r), der/die nicht Gruppenarbeiten ge-
schrieben hat, wenn/wo dies möglich war - nur halt meistens jedes
Mal in einer anderen Gruppe. (Ähnliches gilt für Wohngemeinschaf-
ten.) Dem - vielleicht auch eine heimliche Einübung in die nahezu
schon unbegrenzte örtliche Flexibilisierung der lohnabhängigen
Kopfarbeitskraft - entspricht auch die bevorzugte Vergesellschaf-
tungsform in nahezu allen Lebensbereichen, ob es sich um Urlaub,
Kinderaufwachsen oder Politik handelt. Wahrscheinlich konnten nur
in solchen Klassenströmungen die Bürgerinitiativen als Massenbe-
wegung entstehen.
15) In Keimform entsteht eine Art des Lebenszusammenhangs, die
strukturell jenem der seinerzeit entfalteten Arbeiterbewegung
entspräche. Wobei die Gefahr der "Lagermentalität" (Negt/Kluge)
noch nicht ausgestanden ist. Zumeist, mit regionalen Differenzie-
rungen, beinhaltet er 1-4 lebenserträgliche Stadtteile, einen
Vollkornladen, einen Naturkostladen (oder, noch besser, eine
Food-Coop), einen Buchladen, mehrere Kneipen, 1-4 Kommunikati-
onszentren, ein Frauenzentrum, eine 14-Tages- oder Monatszeit-
schrift (Stattzeitung), einen Copy-Shop, eine Tischlerei, ein Ta-
gungshaus, eine Fahrradinitiative. Sowie, überregional, eine Ta-
geszeitung (taz), einen bis zwei Hilfsfonds für Projekte
(Netzwerk Selbsthilfe, Ökofonds), und eine Klassenströmungspartei
der lohnabhängigen Kopfarbeit, mit Vergesellschaftungs- und
Repräsentationsformen, die dieser gemäß sind - Rotationsprinzip,
Basisdemokratie, minimaler Hauptamtlichenapparat, (Partei: Die
Grünen). In, selbstredend kontroverser, Planung sind eine Stif-
tung (Dezentrale e.V.) und eine Bank (Ökobank) - und, sollte es
letztere geben, werden die nächsten Altbauten, mit Hausversamm-
lungen und Konkurrenzen, auf dem Fuße folgen. Normen sind reich-
haltig vorhanden, aber Sanktionen sind unbeliebt - von der aus
der Ethnologie, der Kibbuz-Forschung etc. hinlänglich bekannten
des subkulturellen Klatsches einmal abgesehen.
16) Die aus staatlich umverteilten Revenuen notdürftig subsidu-
ierten Klassenströmungen sind da weit weniger gut dran. Was immer
sie produzieren, erscheint als unverwertbar, ob es nun ein Schul-
aufsatz, die eingekochte Marmelade der Rentnerin oder die
Schreibmaschinentypenzeichnung des Behinderten ist - oder als
Output so gut wie unbezahlter Zwangsarbeit (Beschützende Werk-
stätten, Arbeitstherapie", laubfegende Sozialhilfeempfänger). An
Bedürfnissen entsteht zunächst, solche überhaupt mehr als nur
formell befriedigen zu können: nicht hungern, überhaupt Wohnraum,
ohne feuchte Wände und/oder Ratten, überhaupt eine(n) Sexualpart-
ner(in). Sodann, auf dem nächsten Schritt zur Alternative, die je
konkreten Bedürfnisse, um das Unerträgliche ihrer Lage auch nur
einigermaßen aushalten zu können: niedrige Aufzugsknöpfe, stufen-
lose Übergänge etc. für Behinderte, Methadon für Jun-kies, Medi-
kamentenabsetzung für Psychiatrisierte, Treffpunkte ohne Konsu-
mationszwang für Jugendliche. Schließlich die, den von Oscar Le-
wis in "Culture of poverty" dargestellten verdächtig ähnlichen,
immateriellen Bedürfnisse mit außerordentlich materiellen Wirkun-
gen: autonom leben können; keine Heime, Anstalten, Kliniken, in
die abgeschoben werden kann; gegenseitige Hilfe (hier könnten die
Kopfarbeiter(innen) einiges von diesen Klassenströmungen lernen).
17) Von Lebenszusammenhängen hier zu sprechen, käme zunächst oft
einem Euphemismus gleich: wörtlich genommen, müßte viel eher von
Lebensauseinanderhängen die Rede sein. Zumeist geht es zunächst
darum, die Vereinzelungen und Ausgrenzungen in gemeinsamer An-
strengung zu überwinden. Wo es Lebenszusammenhänge gibt, entspre-
chen sie der "Kultur der Armut" und/oder sind von den besonderen
Bedingungen der Ausgrenzung geprägt (Obdachlosensiedlungen, Ju-
stizvollzugsanstalten). Erwies sich das Netzwerk fluktuierender
Aktivitäten als die idealtypische Vergesellschaftungsform der
lohnabhängigen Kopfarbeit, so die informelle Gruppe (selbst wenn
es einen vereinsförmigen Überbau gibt) als diejenige der genann-
ten Klassenströmungen. Aus fünfzehnjähriger Wahrnehmung in der
Praxis eines sozialpolitischen Verbandes mit alternativem An-
spruch kann ich hingegen beitragen, daß so gut wie ausnahmslos
überregionale Vernetzungsarbeit von Personen geleistet wird, die
gleichzeitig den ausgegrenzten Klassenströmungen und jenen
lohnabhängiger Kopfarbeit angehören (oder angehört haben): Ju-
gendliche, die Intellektuelle sind (oder es bald werden), Irre,
die Intellektuelle sind, Krüppel, die Intellektuelle sind, Jun-
kies, die Intellektuelle sind, Arbeitslose, die Intellektuelle
sind. Und jene zehn Prozent, für die dies nicht gilt, werden, ge-
mäß dem Diktum Antonio Gramscis, jeder Mensch sei ein Intellektu-
eller, aber nicht jeder Mensch habe die Funktion eines Intellek-
tuellen, es mit der Zeit.
18) Die Frauen, die, wie oben angedeutet, feministische Alterna-
tiven aufbauen oder doch anstreben, leiden (und feiern), von der
Produktion her gesehen, daran (dies), daß ihre besondere Produk-
tionsform weder in der kapitalistischen Wirklichkeit noch in der
kritischen Analyse dieser zur Geltung kommt. Womöglich noch zwi-
schen mehreren, einander gegenseitig widersprüchlichen, Produkti-
onsformen eingespannt (die spontan-experimentell-"assistierende"
des Kinderaufwachsenlassens, die zweckbestimmt-isoliert-auf-wand-
minimierende der Haushaltsarbeit, womöglich noch die arbeitstei-
lig-verwertungsprozeßliche der Lohnarbeit), ist sie in den Zu-
sammenhang der "unterbrochenen Handlungsbögen" eingespannt, wie
dies Barbara Sichtermann treffend herausgearbeitet (und die DDR-
Autorin Irmtraud Morgner zur Grundlage ihrer literarischen Pro-
duktion gemacht) hat.
19) Also bezieht sich, naheliegenderweise, das Bedürfnis aus ab-
geleiteter Revenue sich erhaltender Frauen auf die Möglichkeit,
ihre Handlungsbögen zu schließen; auf entsprechende Hilfe
(insbesondere des Partners, aber auch solidarisch-informell-über-
schaubarer Frauengruppen); auf den Primat der Subsistenz; auf die
Produktion von zwischenmenschlicher Kommunikation; auf flexible
Sexualrollen (inkl. Bisexualität); auf technische Produkte, so-
weit sie sich auch ideell aneignen lassen (hier gibt es Übergänge
zur ökologischen Position); auf eine Ästhetisierung des Alltags
und des Fests.
20) Der alternative Lebenszusammenhang ähnelt strukturell dem
oben bei der lohnabhängigen Kopfarbeit Aufgelisteten; er ist noch
fragiler, noch brüchiger (Courage, soeben Frauenbuchvertrieb),
und die Diskussionen sind, falls dies noch möglich ist, noch kon-
troverser. Es bestehen Frauenzeitschriften, -verlage, -zentren,
-cafés, -buchläden, -selbsthilfegruppen, -tagungshäuser, -hand-
werkskollektive, -fonds, -archive, -forschungsgruppen, Still-
gruppen, Müttergruppen, Frauenausstellungen, -feste, -konzerte,
-seiten in der alternativen Presse; doch, von den Großstädten
abgesehen, selten so dicht, daß sich darin jeweils mehr als ein
Bruchteil der produktiven und reproduktiven Bedürfnisse unter-
bringen ließe. Typischerweise sind die (durchaus bestehenden")
Ansätze zu einer Frauenpartei ausgesprochen unbeliebt; von Bran-
chentreffen (z.B. Historikerinnen) und der jährlichen Frauen-
universität abgesehen, sind auch Vernetzungszusammenhänge kaum
vorhanden.
21) Die Bedürfnisse der Facharbeiterteilkulturen stehen, und dies
gibt schon seit 1967 nicht wenig Probleme, diametral zum bisher
Genannten. Sie sind gekennzeichnet u.a. durch strikte Trennung
von Arbeit und Freizeit; starke Familienorientierung; Freude an
Neubauwohnungen mit möglichst vollständigem Zubehör oder, noch
besser, am Eigenheim (wenn sich lohnabhängige Kopfarbeiter ein
Eigenheim zulegen, markiert dies häufig eine zunehmende Distanz
von alternativen Bewegungen); Behagen an Ordnung, (groß)tech-
nischer Entwicklung, Prestigekonsum; selbstbestimmtes Arbeiten in
der Freizeit; Entspannungsurlaub. Ex negative lassen sich daraus
die gesellschaftlich aufgeherrschten, fremdbestimmt-hierarchisch-
formell/reell subsumierten Produktionsbedingungen aufweisen. Die
Divergenz zwischen Lohnarbeit und Freizeitarbeit weist darauf
hin, daß es sich hierbei nicht um ein Naturgesetz handelt. Die
politische Form ist, nach wie vor, Partei und Gewerkschaft.
22) Nicht unerwähnt soll bleiben, daß sich als Alternative im Be-
reich manueller Produktionstätigkeit ein Remake der Produktions-
genossenschaft ankündigt, welche - hier - zumeist auf den Kon-
flikt um die Weiterführung von Konkursbetrieben aufbaut (AN Bre-
men; Marketube Lilie; mehrere österreichische Firmen). Als so-
ziale Innovation gegenüber herkömmlichen Genossenschaften er-
scheint hier die Festlegung der quantitativen Überschaubarkeit,
sowie ein über die Mitbestimmungsregelungen hinausgehendes Ausmaß
an Selbstverwaltung, das Marx' Rede von der "Assoziation der Pro-
duzenten" erst anschaulich werden läßt. Im Kontext des IMSF halte
ich es für erwähnenswert, daß, neben britischen Ansätzen, das
vorbildlichste Kleingenossenschaftsgesetz aus einem realsoziali-
stischen Land, aus Ungarn, stammt. Bemerkenswert ist, daß sich
die Lebenszusammenhänge der Arbeitenden in Kleingenossenschaften
nicht erheblich von jenen aus traditionell-kapitalistischen Be-
trieben unterscheiden.
23) Gegen Schluß soll wenigstens das Problem angesprochen werden,
welches naheliegenderweise daraus entsteht, daß aus der Genese
verschiedener Produktionsformen die politischen Vergesellschaf-
tungsweisen lohnabhängiger Klassenströmungen voneinander diffe-
rieren, und dies zum Teil erheblich. Allein meine Skizze weist
Netzwerk, informelle Gruppe, Verein, Gruppe, Partei/Gewerkschaft
auf, ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu können.
Sollte die Forderung nach der Einheit der Arbeiterklasse (und
dies, notwendigerweise, in ihrer Vielfalt und Verschiedenheit)
zwecks gesamtgesellschaftlicher Veränderung nicht in den Bereich
der Utopie verwiesen werden, so wäre es an der Zeit, sich darüber
Gedanken zu machen. W.F. Haugs (seinerseits abstrakte) Vorstel-
lung von der "Hegemonie ohne Hegemon" stellte diesbezüglich einen
ersten Schritt dar, dem bislang kein weiterer gefolgt ist.
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