Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985
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NEUE TECHNIK UND NEUE ARBEIT
Ulrich Briefs
Modernisierung unter kapitalistischen Bedingungen:
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Großoffensive gegen die Arbeitsplätze
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In den naturwissenschaftlich-technischen Aspekten z.T. faszinie-
rende neue technische Entwicklungen führen dazu, daß die Arbeits-
welt in den nächsten Jahrzehnten grundlegend verändert und umge-
wälzt wird. Zugleich besteht die Gefahr, daß die kapitalistische
Welt sich gerade auch über die Politik der "Modernisierung" in
eine ihrer säkularen Krisen hineintreibt. Dabei findet eine Groß-
offensive gegen die Arbeitsplätze statt.
Die Informationstechnologien als ein immer umfangreicher werden-
der Teil des gegenwärtigen und zukünftigen Spektrums technischer
Entwicklung geben auf breiter Front, in allen Bereichen menschli-
cher Arbeit, die Möglichkeit, Informationsverarbeitung von ma-
schinellen Systemen übernehmen zu lassen. Informationsverarbei-
tung ist ein untrennbarer Bestandteil jeden Arbeitsprozesses. Bis
zum Aufkommen der Informationstechnologien und ihres entscheiden-
den Kernbereichs, der Computertechnik, die heute wiederum vor al-
lem auf Entwicklungen der Mikroelektronik beruht, war die Infor-
mationsverarbeitung im Arbeitsprozeß eine fast ausschließliche
Aufgabe und geradezu ein Vorrecht menschlicher Arbeitskräfte.
Es ergeben sich zwei Grundlinien für diesen Umwälzungsprozeß in
der Arbeitswelt:
1. Immer mehr informationstechnologische Systeme werden planmäßig
und mit dem Ziel, grundlegende Veränderungen zu bewirken, in die
Feinstrukturen der menschlichen Arbeit hineingebracht: Wir stehen
am Anfang einer u n i v e r s e l l e n Entwicklung hin zur
allgegenwärtigen informationstechnologischen Infrastruktur mit
"verteilter Intelligenzverarbeitung" für alle Arbeitsprozesse, in
großen, kleinen, mittleren Betrieben, in der Industrie, in priva-
ten und öffentlichen Dienstleistungsbetrieben, ja sogar in Berei-
chen außerhalb der eigentlichen Erwerbsarbeitssphäre. D.h.: An
allen möglichen Punkten der Arbeitsprozesse werden Computer und
computergestützte Systeme eingesetzt, sie übernehmen in steigen-
dem Maße die Informationsverarbeitung und organisieren ebenso
mehr und mehr das Zusammenspiel der verschiedenen Arbeitsprozesse
und der zugehörigen Informationsverarbeitung. In der Fachsprache
bezeichnet man diesen letzteren Prozeß als "Vernetzung".
Ebenso wichtig wie die Vernetzung ist allerdings die
"Vertiefung", d.h. das immer tiefer greifende Hineinbringen von
Informationstechnologien in die Arbeitsprozesse. Beide Prozesse
charakterisieren gleichermaßen den weiteren Prozeß der informati-
onstechnologischen Entwicklung oder der "Informatisierung" der
Arbeitswelt.
2. Diese neuen Technologien - mit ihren umwälzenden Möglichkeiten
- geben den Betrieben unter kapitalistischen Bedingungen ebenso
universelle Möglichkeiten, die Strategien einer immer weniger
möglichen expansiven Wirtschaftsweise durch die einer intensive-
ren Wirtschaftsweise zu ersetzen. Anders gesagt: Angesichts all-
gemeiner Überakkumulation, die sich in riesigen Überkapazitäten
und vagabundierenden Kapitalien niederschlägt, und zugleich Mas-
senarbeitslosigkeit und neue Armut auf der einen, einen schier
unvorstellbaren Reichtum auf der anderen Seite in unserer Klas-
sengesellschaft mit sich bringt, angesichts des sich insbesondere
wegen der Überkapazitäten weiter verschärfenden nationalen und
internationalen Wettbewerbs geben die Informationstechnologien
den Betrieben auf längere Sicht sehr wirksame Möglichkeiten, Pro-
fite "drinnen", d.h. aus den Betrieben, aus den Belegschaften,
durch verschärfte Rationalisierung, Intensivierung, Kontrolle
u.a. herauszupressen, Profite, die eben "draußen" auf den Märkten
offenbar nicht mehr in ausreichendem Maße zu machen sind.
Die neuen Technologien bieten dabei den herrschenden Kräften die
Möglichkeit, auf breiter Front eine Großoffensive gegen die Ar-
beitsplätze und gegen die Arbeitenden voranzutreiben. Ziel dieser
Offensive ist vor allem die Lösung der riesigen ökonomischen
Schwierigkeiten, die bei der Bedienung der bestehenden und weiter
wachsenden Kapitalmassen mit entsprechenden Profiten auftreten
und die heute alle kapitalistischen Länder und in ihnen die
weitaus meisten Branchen kennzeichnen.
Immer mehr Druck auf die Arbeitsplätze,
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weil die Betriebe ständig reicher werden
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Diese ökonomischen Schwierigkeiten rühren insbesondere daher, daß
trotz ökonomischer Krisen und trotz einer sich noch weiter aus-
dehnenden Massenarbeitslosigkeit und natürlich in Verbindung mit
chronischer Leere in den Haushaltskassen des Staates - zumindest
für soziale Zwecke ", der Auszehrung der sozialen Sicherungssy-
steme und dem Abbau der betrieblichen Sozialleistungen die Be-
triebe, Unternehmen, Konzerne laufend reicher werden: Eben dieser
weiter zunehmende Reichtum schafft den ökonomischen Druck, auf
den die Betriebe mit immer mehr Technikeinsatz, der zwangsläufig
gegen die Arbeitsplätze und die Arbeitenden gerichtet werden muß,
antworten.
Jede mit technischen und anderen Rationalisierungsmaßnahmen, mit
Maßnahmen des Sozialabbaus, mit sonstigen Maßnahmen im Rahmen un-
ternehmerischer Strategien erreichte Profitsteigerung führt dazu,
daß die Kapitalmasse des entsprechenden Betriebes steigt. Diese
steigende Kapitalmasse wiederum macht einen weiteren
"Kapitaldienst" erforderlich, d.h. sie macht die Bedienung des im
Betrieb vorhandenen Kapitals mit zusätzlichen Zinsen, Abschrei-
bungen, Wagnissen und anderen kalkulatorischen Größen in steigen-
den Beträgen erforderlich. Trotz der Klagen von Unternehmern und
Unternehmerverbandsfunktionären: Nicht die Armut der Betriebe
zwingt zur Rationalisierung und zum offensiven Einsatz aller mög-
lichen neuen Technologien, und gerade der Informationstechnolo-
gien auf Kosten der Beschäftigten, sondern die laufende weitere
Bildung von Reichtum in den Betrieben zwingt zum immer schärferen
Abbau von Arbeitsplätzen, zur Verschärfung der Arbeitsbedingun-
gen, zur Abgruppierung, zum Lohn- und Sozialleistungsabbau, zu
verschärfter Kontrolle und Überwachung - und gerade dazu eignen
sich die neuen Technologien hervorragend unter den Bedingungen
der herrschenden Kapital- und Profitlogik. Die Informationstech-
nologien erlauben die Abwälzung des ökonomischen Drucks auf die
abhängig Beschäftigten, scheinen also eine Lösung für die ökono-
mischen Probleme des kapitalistischen Systems zu bieten.
Die Informationstechnologien schaffen unter den herrschenden
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Bedingungen nicht Lösungen, sondern weitere Verschärfungen
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Die Informationstechnologien können jedoch die Lösung für die
ökonomischen Schwierigkeiten des Systems nicht herbeischaffen.
Ein immer größerer Teil der neuen Technologien - und insbesondere
die Informationstechnologien - sind R a t i o n a l i s i e-
r u n g s t e c h n o l o g i e n. D.h., es sind Technologien,
die weniger neue Gebrauchs- und Verbrauchsmöglichkeiten schaffen,
sondern die ganz überwiegend - von ihrem Gebrauchswertpotential
her - dazu dienen, die gegebenen Produktions- und Arbeitsprozesse
rationeller und effizienter zu gestalten. Sie verändern dabei
Produktion und Arbeit, gewiß; aber mit diesen neuen Technologien
ausgeführt, als Gebrauchswert zur Verfügung gestellt, werden im
wesentlichen die alten Funktionen - nur halt schneller und
präziser. Die gesellschaftliche Gebrauchswertmasse wird dagegen
nur wenig ausgedehnt.
Die Entwicklung der Informationstechnologien, d.h. in der Sprache
der bürgerlichen Ökonomie von Technologien, die immer weniger
Produkt-, dafür immer mehr Prozeßinnovationen verkörpern, 1) muß
quer stehen zu einem Wirtschaftssystem, das wegen weiter wachsen-
der Kapitalmassen auf Wachstum, und zwar auf hohes und kontinu-
ierliches Wachstum, angewiesen ist. Der ständige Wachstumsdruck
in den westlichen Volkswirtschaften wiederum kommt vor allem
durch das ständige Anwachsen der Kapitalmassen zustande.
Die Informationstechnologien sind wegen ihres Charakters als Ra-
tionalisierungstechnologien kontraproduktiv in bezug auf die Ex-
pansionsnotwendigkeiten innerhalb des kapitalistischen Wirt-
schaftssystems.
Wenn man mit diesen neuen Technologien etwas vernünftiges machen
kann und will, dann ist das "Rationalisierung". Das heißt insbe-
sondere: weniger Arbeitszeit, weniger Maschinenzeit, weniger Ma-
terial und auch weniger Energie - auf einem hohen Energiever-
brauchsniveau - zu verbrauchen. Dieser universelle Rationalisie-
rungsprozeß beschränkt jedoch, zusätzlich zu den durch Überkapa-
zitäten u.a. bedingten Stagnationsprozessen, die Absatz- und Pro-
duktionsmöglichkeiten anderer Betriebe. Die gesellschaftlich not-
wendige Arbeitszeit geht erheblich zurück, mit Rohstoffen wird
sparsamer umgegangen, Maschinen werden besser ausgelastet: Die
Folgen dieser an und für sich gesellschaftlich nützlichen Pro-
zesse unter kapitalistischen Bedingungen sind schrumpfende
Märkte, ausfallende Aufträge und Bestellungen. Trotzdem nimmt der
Reichtum der Betriebe weiter zu, denn die notwendigen Profite
werden eben mit diesen Technologien immer stärker durch Intensi-
vierung gemacht. Die Rationalisierungsprofite blähen z.T. die an
den internationalen Geld- und Kapitalmärkten vagabundierenden Ka-
pitalmassen weiter auf.
Die Voraussetzung für die Rationalisierung mit Informationstech-
nologien ist allerdings der Aufbau einer immer komplexeren Ma-
schinerie, der Aufbau der riesigen informationstechnologischen
Infrastruktur, die wiederum einerseits gewaltige Kapitalmassen
absorbiert, andererseits zusätzliche Profite erforderlich macht.
Der Gesamtprozeß ist durch eine stark zunehmende Kapitalintensi-
tät bei dennoch sinkenden Gesamtkosten gekennzeichnet: starke Er-
höhung der Fixkosten bei gleichzeitigem Rückgang der Gesamtkosten
bedeutet steigenden Druck auf die Arbeitskosten.
Das System treibt sich mit der Politik der "Innovationsför-
derung", der verschärften Entwicklung von Spitzen- und "Zu-
kunfts"technologien mehr und mehr selbst in eine säkulare Krise
hinein. Krise übrigens auch noch in einem anderen Sinne: Die
High-Tech- und gerade die Mikroelektronik- und Computerproduktion
löst nicht die Umweltprobleme - dem Anschein zuwider -, sondern
verschärft sie tendenziell. Die computerisierte Produktionsweise
ist auf der Herstellungsebene eine immer stärker chemisierte
Produktionsweise, in der z.T. hochgiftige Chemikalien eingesetzt
werden. Diese Chemikalien belasten die Produktionsarbeiter und,
wie Berichte aus dem Silicon-Valley zeigen, in steigendem Maße
die natürliche Umwelt.
Die computerisierte Produktion ist zudem auch energieintensiver
als die heutige. Erst nach Sprüngen von zusätzlichen Energiever-
bräuchen bringt sie Möglichkeiten zur nachträglichen Einsparung
von Energiemengen. Computerisierte Werkzeugmaschinen und -bear-
beitungszentren z. B. können in der Regel nur in klimatisierten
Werkshallen eingesetzt werden, die dann allerdings mit Hilfe von
mikroprozessorgestützten Kontrollsystemen optimal klimatisiert
und beheizt werden können - zunächst allerdings ist ein Sprung im
Energieverbrauch nach oben erfolgt (die Klimatisierung), die dann
erst im nachhinein optimiert wird.
Krise insbesondere aber auch in einem umfassenden politischen
Sinne: Der DGB befürchtet, daß in den 90er Jahren die Arbeitslo-
sigkeit im Zusammenhang mit der Entwicklung der Informationstech-
nologien in der BRD auf fünf Millionen Menschen und mehr steigen
kann, was in Wirklichkeit 7 bis 8 Millionen Arbeitslose bedeutet.
Das heißt, daß dann jeder Dritte ohne Arbeit sein wird: Mit einer
solchen Arbeitslosigkeit wird die BRD nicht mehr die BRD von
heute sein können. 2) Parallelen zu den 20er/30er Jahren drängen
sich auf - übrigens gerade auch, was bestimmte grundlegende öko-
nomische Entwicklungen betrifft, wie z.B. die Zusammenbruchsge-
fahren, die von den internationalen Geld- und Kapitalmärkten aus-
gehen.
Und die Alternativen?
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Damit ist sichtbar geworden, daß die Probleme der neuen Technolo-
gien vor allem von der intimen Verbindung von säkularer kapitali-
stischer "Strukturkrise" und den Eigenschaften immer größerer
Teile des technischen Fortschritts, Rationalisierungsmöglichkei-
ten zu verkörpern, ausgehen. Es besteht eine Wechselwirkung zwi-
schen der "Strukturkrise" des Systems und der ständigen weiteren
Deformation der Technik und insbesondere ihrer gezielten Nutzung
für die eingangs angesprochene Großoffensive des Kapitals gegen
die Arbeitsplätze und gegen die Arbeitenden.
Dennoch muß gerade in bezug auf die Rationalisierungsmöglichkei-
ten, die mit den neuen Technologien, insbesondere den Informati-
onstechnologien und ihrem entscheidenden Kern, der Computertech-
nik, entstanden sind, eine differenzierte Betrachtungsweise ent-
wickelt werden. Gerade in den Rationalisierungstechnologien sind
andererseits nämlich Möglichkeiten für wichtige alternative Nut-
zungen angelegt. Voraussetzung ist jedoch ein Ausstieg aus der
Wachstums- und Profitlogik des herrschenden Wirtschaftssystems
und die Entwicklung eines grundlegend anderen Umgangs mit der
Technik als Bestandteil einer anderen, eben alternativen Logik
des Wirtschaftens.
Die Informationstechnologien und die Computertechnik geben Mög-
lichkeiten zur universellen Rationalisierung und insbesondere zum
Abbau gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit, damit zum Freima-
chen von Arbeitszeit von den Zwängen der Produktion und der zuge-
hörigen Verwaltung. Der Preis, der allerdings dafür zu bezahlen
ist, besteht darin, daß immer größere Bestandteile auch qualifi-
zierter, bisher den Menschen vorbehaltener Tätigkeiten auf die
Maschinen übergehen, daß die Arbeit in den verbleibenden Arbeits-
stunden ganz anders transparent und kontrollierbar gemacht wird
als bisher, daß bestimmte intensitätsmäßige Belastungen z.B.
durch Abstraktifizierung usw. zunehmen.
Die Informationstechnologien sind ambivalente Technologien; sie
bringen - wie andere Technologien auch - Chancen und Risiken mit
sich. Was angesichts dieser Ambivalenz der Informationstechnolo-
gien notwendig ist, ist ein grundlegend anderer politischer Pro-
zeß insbesondere in den Betrieben als bisher: Mitbestimmung und
Selbstbestimmung der bislang abhängig Beschäftigten als gesell-
schaftliches Prinzip der Produktion sind unerläßlich. Nicht die
Technik schafft Mitbestimmung und Selbstbestimmung - sondern in
der Auseinandersetzung um eine menschenwürdige Arbeit unter den
Bedingungen einer mit Systemen der Informationstechnologien
durchrationalisierten und durchtechnisierten Arbeitswelt läßt
sich eine Perspektive für die Arbeit, eine Zukunft für die Arbeit
durch Mitbestimmung und durch Arbeitszeitverkürzungen, durch
Selbstbestimmung entwickeln. 3)
Die mit den Informationstechnologien freigemachte Zeit könnte
z.B. genutzt werden, um in der Arbeitszeit
1. Leistungsdruck abzubauen (zu entintensivieren);
2. Qualifikationen an die Arbeitenden zu vermitteln;
3. Prozesse der Mitbestimmung am Arbeitsplatz und im Betrieb zu
ermöglichen und damit den Übergang zu einem Prozeß der Selbstbe-
stimmung der Beschäftigten auch über das Was, das Wofür und das
Wie der Produktion zu schaffen (und in diesem Zusammenhang auch
über die Entwicklung und Nichtentwicklung, den Einsatz und den
Nichteinsatz von technischen Systemen demokratisch zu bestimmen).
Insbesondere in diesem letzten Punkt ist die vorwärtsweisende
Perspektive einer Strategie zur Sicherung von menschenwürdigen
Bedingungen in einer selektiv bewußt computerisierten Arbeitswelt
zu sehen. Notwendig ist es dafür jedoch, die Kapitallogik und die
mit ihr zwangsläufig verknüpfte Wachstumslogik zu durchbrechen.
Erst das schafft die Bedingungen für einen vernünftigen Umgang
mit den Rationalisierungstechnologien. Insbesondere ist es uner-
läßlich, das chaotische kapitalistische Gerangel um Weltmarktan-
teile aufzuheben.
Die BRD befindet sich hier in einem grundlegenden Dilemma: Keine
"Modernisierung" der Produktion bedeutet Verlust von Arbeitsplät-
zen im internationalen Wettbewerb. "Modernisierung" der Produk-
tion bedeutet Verlust von Arbeitsplätzen durch die Auswirkungen
insbesondere der Informationstechnologien und anderer neuer Tech-
nologien, die zur Modernisierung eingesetzt werden. Das Dilemma
bedeutet also: Was getan wird, ist falsch.
Notwendig ist daher ein Ausstieg aus dieser kapitalistischen
Weltmarktkonkurrenz und der ihr zugrundeliegenden Profitlogik.
Die gewerkschaftliche Grundsatzprogrammatik ist auf Ansätze dafür
zu sichten und weiter zu entwickeln (z.B. die Politik der Verge-
sellschaftung; z.B. das Prinzip der gesellschaftlich-ökonomischen
Rahmenplanung; z. B. das Prinzip der Demokratisierung der Wirt-
schaft).
_____
1) Wie unzulänglich die Diskussion über die neuen Technologien in
der bürgerlichen Ökonomie z. B. ist, zeigt die Tatsache, daß Pro-
dukt- und Prozeßinnovationen sich nicht ausschließen. Bildschirm-
arbeitsgeräte z. B. verkörpern zugleich eine Prozeß- und Produk-
tinnovation.
2) Damit sollen nicht die heutigen politischen Verhältnisse in
der BRD verharmlost werden. Wir sind z.B. eindeutig Weltspitze -
bei den "Berufsverboten". Die BRD ist z.B. - nach einer Untersu-
chung des Instituts der Deutschen Wirtschaft - das Land in West-
europa, das die meisten rechtlichen Einschränkungen des Streik-
rechts kennt. Daß andererseits eine beträchtliche Ausdehnung der
Massenarbeitslosigkeit noch weitere Entwicklungen hin zu neoauto-
ritären politischen Verhältnissen bringen kann, ist unmittelbar
einsichtig.
3) Vgl. hierzu Briefs, U., Informationstechnologien und Zukunft
der Arbeit - Ein politisches Handbuch zur Mikroelektronik und
Computertechnik, Köln 1984.
André Leisewitz
Zur Zukunft von Technik und Arbeit
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1. Wie sieht die Arbeit der Zukunft aus? Technische Vorstellungen
und soziale Gestaltungskonzeptionen, die in diese Richtung wei-
sen, liegen auf dem Tisch. Ihre Stichworte heißen "Informatisie-
rung", "automatische Fabrik", "papierloses Büro", "Flexibili-
sierung der Arbeit". Die Gestaltung der Arbeit und der Arbeits-
beziehungen ist heute ein Feld sozialer Auseinandersetzungen und
Kämpfe. Es gibt Alternativen. Wird in den neunziger Jahren die
Anwendung der neuen, arbeitssparenden Technologien Arbeit für
alle bei drastisch reduzierten Arbeitszeiten bringen oder hohe
Arbeitslosenraten und zunehmende Belastungen "olympiareifer"
Belegschaften? Führt ihre Anwendung in Verbindung mit hochflexi-
bilisierten Arbeitszeiten zur Auflösung traditioneller Beleg-
schaftsstrukturen und zur Anonymisierung in der Arbeit - oder
können sie für intensivere Kontakte in Belegschaftsgruppen und
für die Schaffung ausgedehnter Zeitbudgets zur Weiterbildung ge-
nutzt werden? Werden sie zur Grundlage umfassender betrieblicher
und außerbetrieblicher Kontrollmechanismen, oder kann es gelin-
gen, Belegschaftskontrolle über Leistungsbedingungen durchzuset-
zen, statt Qualitätszirkel Mitbestimmung über betriebliche Pla-
nung, über Technikgestaltung und das Wie und Was der Produktion
zu realisieren? Ausbau oder Abbau des Taylorismus, wachsende Mo-
notonie, zunehmender Streß und Vereinzelung an hochtechnisierten
Arbeitsplätzen oder inhaltsreiche, qualifizierte, eingriffsinten-
sive und gestaltbare, im Kollektiv zu vollziehende Arbeitstätig-
keiten?
Wohl nirgendwo haben sich unter dem Eindruck der Massenarbeitslo-
sigkeit und der Rationalisierungswelle in der gewerkschaftlichen
Programmatik so gravierende Veränderungen vollzogen wie auf dem
Gebiet der Anwendung und Gestaltung neuer Technologien. Das läßt
ebenso wie die hier in Gang gekommenen Bewegungen erwarten, daß
in den vor uns liegenden Jahren vieles, was in der Vergangenheit
als "normal" akzeptiert wurde, umkämpft sein wird. Vor dem Hin-
tergrund der stagnativen, krisenhaften Wirtschaftsentwicklung
wird hierzu besonders der augenfällige Zusammenhang zwischen Ra-
tionalisierungstechnologien und wachsender Massenarbeitslosigkeit
beitragen, wenn bisherige Formen der "Abfederung" und
"Abpufferung" von Rationalisierungsfolgen in heute noch prospe-
rierenden Branchen nicht mehr greifen.
Nicht ohne Grund ist eines der Dauerthemen der bürgerlichen
Presse und der demoskopischen Institute die "Akzeptanz" der neuen
Technologien. Dieses Thema ist deswegen so brisant, weil sich in
ihm verschiedene Interessenstränge kreuzen: das unbedingte Inter-
esse des Kapitals an Modernisierung unter dem Signum der Welt-
marktorientierung und der generelle Zwang zur Produktionsintensi-
vierung; auf der anderen Seite das Interesse der Lohnabhängigen
am Erhalt von Arbeitsplätzen, an verbesserten Arbeitsbedingungen,
an Zurückdrängung von Arbeitsintensivierung und an Arbeitszeit-
verkürzung. Betrieblich orientierte Interessen und solche, deren
Realisierung betriebsübergreifende, politische Auseinandersetzun-
gen und Konfrontationen erfordern und erzwingen (Arbeitszeit-
verkürzung, Reduzierung der Massenarbeitslosigkeit, Bewältigung
von Struktur- und Regionalkrisen usf.), treffen sich hier. "Neue
Technologien und Arbeit" umschreibt daher ein Problem- und Wider-
spruchsknäuel, das viele Ansätze zur Politisierung und
politischideologischen Polarisierung in sich trägt und über die
Ebene rein betrieblicher Auseinandersetzungen weit hinausweist.
2. Der konkrete Inhalt der Arbeit, die Funktionsteilung zwischen
Mensch und Technik, die Arbeitsorganisation - all das ergibt sich
keineswegs zwangsläufig aus technischen Sachverhalten. Hier be-
steht vielmehr im einzelnen in vieler Hinsicht Gestaltungsmög-
lichkeit. Mit einer technischen Entwicklung, die heute in ihren
zukunftsweisenden Linien wegführt von den dominierenden Struktur-
prinzipien mechanisierter, festverketteter Technik hin zu fle-
xibleren, auf der Anwendung von elektronischen Informationstech-
nologien beruhenden Produktions-, Anlagen- und Organisationskon-
zeptionen, wird die Bindung zwischen Technik und Arbeitsorganisa-
tion lockerer, variantenreicher, werden die Gestaltungsspielräume
größer. Den herrschenden Vorstellungen, die vom Interessenstand-
punkt der Kapitalverwertung immer schon eine bestimmte soziale
und technische Gestaltung der zukünftigen Arbeit und Arbeitstei-
lung einschließen, können daher Alternativen entgegengestellt
werden.
3. Der entscheidende Einwand liegt auf der Hand. Die Gestaltung
von Arbeit und Arbeitsverhältnissen im Betrieb betrifft einen
Kernbereich der Gesellschaft - im Kapitalismus den unmittelbaren
Ort und die Form der Ausbeutungsbeziehung von Lohnarbeit und Ka-
pital. In Inhalt, Charakter und Organisation der Arbeit müssen
daher die gesellschaftlichen Grundbeziehungen, die Aneignungs-,
Herrschafts- und Eigentumsbeziehungen auch besonders direkt ihren
Ausdruck finden. Für die Zukunft einer Arbeit, die sich im Rahmen
kapitalistischer Produktionsverhältnisse und Betriebe vollzieht,
sind damit eine Reihe von "Invarianten" gesetzt, die unmittelbar
aus ihrem Charakter als ausgebeutete und fremdbestimmte Lohnar-
beit folgen: Ausschluß von der Bestimmung über die Ziele der Ar-
beit und die Aneignung und Verwendung des Mehrprodukts, Unterord-
nung unter die betriebliche Kontrolle und Herrschaft des Kapi-
tals, Zwang zu intensiverer Ausbeutung der Arbeitskraft usf. Zu
den damit gesetzten "Invarianten" gehört auch, daß ebenso wie die
lebendige Arbeit auch alle anderen Produktivkräfte ihrer Form
nach als Kapital entwickelt werden; dies gilt auch für die Ar-
beitsorganisation, die nicht nur technischen, sondern ebenso so-
zialen Funktionen zu gehorchen hat.
Die aktuelle Diskussion um "neue Produktionskonzepte" und Zukunft
der Arbeit zeigt, wie wichtig es ist, vorab solche "Invarianten"
festzuhalten, um nicht die auf die Gestaltung der Arbeit einwir-
kenden Interessen und die Grenzen von Spielräumen aus den Augen
zu verlieren. Denn eine Zukunft der Arbeit, die wirkliche Selbst-
bestimmung der vergesellschafteten Produzenten beinhaltet, die
die Menschen nicht als Mittel zum Zweck der Produktion versteht,
sondern die Entwicklung ihrer Persönlichkeit und Subjektivität in
den Mittelpunkt rückt - Bedürfnisse, die in vielen aktuellen For-
derungen zur Gestaltung der Arbeit aufscheinen -, ist nur als be-
freite Arbeit denkbar. Sie setzt den Bruch mit den kapitalisti-
schen Produktionsverhältnissen voraus. Gerät dies aus dem Blick-
winkel, so muß die ganze Diskussion um Autonomie und Selbstbe-
stimmung in der Arbeit sich notgedrungenerweise auf das enge Feld
technischer Arbeitsgestaltung und ganzheitlicher Arbeitsvollzüge
beschränken und die Frage nach Sinn, Ziel und sozialem Charakter
der Arbeit ausblenden.
4. Es besteht generell Übereinstimmung darin, daß sich heute ein
tiefgreifender Umbruch in der Arbeit anbahnt und daß dabei eine
Schlüsselrolle den neuen Informationstechnologien zufällt. Damit
ist jedoch noch nichts über die geschichtliche Besonderheit die-
ses Prozesses im Rahmen der kapitalistischen Produktivkraftent-
wicklung gesagt. Konzeptionen wie die der "Informationsgesell-
schaft" oder der "Dritten technischen Revolution" (die weit bis
in die gewerkschaftliche Arbeiterbewegung verbreitet sind) heben
allein auf die Tatsache des neuen Technik-Schubs ab; die Spezifik
des Umbruchs und damit seine Perspektive können sie nicht
erklären.
Der entscheidende Punkt, der sich heute zu verändern beginnt, be-
trifft die Funktionsteilung Mensch-Technik und die Stellung des
Menschen im Arbeits- und Produktionsprozeß. Mit den neuen Infor-
mationstechnologien werden steuernde, informationsverarbeitende,
technisch regulierende und lenkende Tätigkeiten in zunehmendem
Maße auf technische Mittel übertragen. Es vollziehen sich damit
erste Schritte dessen, was Marx schon aus der Analyse des kapita-
listischen Arbeitsprozesses der industriellen Revolution und der
Dynamik kapitalistischer Vergesellschaftung mit Blick auf die zu-
künftigen technologischen Grundlagen der sozialistisch/kommuni-
stischen Produktionsweise als allmähliches Heraustreten des
Menschen aus der unmittelbaren Produktion bezeichnet hatte, als
sein Hineinwachsen in die Rolle des "Wächters und Regulators" als
Haupttätigkeit im Produktionsprozeß. Der Produzent der Gegenwart
ist selbst noch technisch notwendiges Kettenglied des Produk-
tionsprozesses, und er wird dies auf absehbare Zukunft auch
bleiben. Er hat in der Organisation des Gesamtprozesses eine
Vielzahl von Arbeitsfunktionen wahrzunehmen, die auf der Grund-
lage mechanischer Technologien nicht technisierbar sind - z. B.
die Steuerung einer Arbeitsmaschine, die Ausübung einfachster
Montagetätigkeiten, innerbetrieblichen Transport, die für die Ko-
ordination der Arbeitsprozesse notwendigen Rechenoperationen usf.
Es handelt sich überall um die Verbindung von physischen (also im
Prinzip mechanisierbaren) mit informationsverarbeitenden Funktio-
nen (bei der Montage z. B. die "Verrechnung" von Lagedaten zu
montierender Einzelteile und deren richtige und paßgenaue Zuord-
nung und Handhabung). Auf der Grundlage moderner Rechen- und In-
formationstechnologien lassen sich Arbeitsmittel konstruieren,
die zumindest einen Teil dieser Arbeitsfunktionen übernehmen kön-
nen - elektronische Maschinensteuerungen, Montageroboter, mit ei-
nem Computer gekoppelte Betriebsdatenerfassungssysteme, Systeme
der Materialflußkontrolle und -steuerung usf. Diese Arbeitsmittel
können selbst wiederum entlang der Informationsflüsse verknüpft
oder "vernetzt" werden. Damit eröffnet sich die Perspektive, den
Produktionsprozeß auf betrieblicher Ebene in allen seinen Ab-
schnitten als einen geschlossenen technischen Prozeß zu gestalten
(wie dies in vieler Hinsicht für chemische Produktionsprozesse
gilt), der vom Menschen als ein einheitliches ("automatisiertes")
Produktionsmittel gehandhabt und gesteuert wird, ohne daß der
Mensch in ihm selbst noch technisch notwendiges Kettenglied wäre.
Damit hat sich an den technischen Rationalisierungsstrategien
plötzlich etwas wesentliches zu ändern begonnen: Sie beschränken
sich heute nicht mehr auf diese oder jene Betriebsabteilung, son-
dern setzen auf der Grundlage der universellen Informationstech-
nologien an allen Arbeitstätigkeiten, in allen betrieblichen Ab-
teilungen an. Überall entstehen "Inseln" neuer Technologien, und
wie in einem Nervennetz beginnen sich die Informationsstränge
zwischen ihnen auszubreiten und zu verknüpfen. Die technische In-
frastruktur solcher Informationsnetze liefern die neuen Kommuni-
kationstechniken: "In-house-Netze" oder "local area networks" im
Betrieb, überbetrieblich die Digitalisierung der klassischen Kom-
munikationsstränge des Fernmeldewesens und die ab Ende der acht-
ziger Jahre zu erwartende Glasfaserverkabelung. Ton, Schrift,
Bild, Daten können über sie ausgetauscht werden, und sie sind
nicht einfache Verteilernetze, sondern dialogfähig.
5. Das etwa sind die Grundlagen der "automatischen Fabrik". Was
wird aus den Menschen? Weder wird ihnen die Arbeit ausgehen, noch
kann ihre planende, steuernde, entwickelnde, forschende Tätigkeit
durch irgendeine "künstliche Intelligenz" (die stets nur Arbeits-
mittel ist) ersetzt werden. Ihre Arbeit macht einen Formwandel
durch, sie verändert sich inhaltlich. Der gesamte Prozeß der Pro-
duktionsvorbereitung, der wissenschaftlichen Forschung, Projek-
tierung und Entwicklung; die Programmerstellung und -gestaltung;
die Steuerung und Kontrolle von Produktions- und Verwaltungspro-
zessen; die Wartung und Reparatur zunehmend komplizierter Anla-
gen; die Planung und Zielbestimmung des betrieblichen wie gesell-
schaftlichen Produktionsprozesses - das dürften Haupttätigkeits-
felder zukünftiger Arbeit sein. Sie wird eine Menge körperlicher
Arbeit einschließen, die vielleicht in stärkerem Maße experimen-
tell-technischen Charakter bekommen wird. Ob es in ferner Zukunft
technisch sinnvoll und ökonomisch vernünftig sein mag, den großen
Bereich der Einzelfertigung (der nicht zuletzt für Reparatur-
zwecke wichtig ist) zu automatisieren, ist fraglich, selbst wenn
dies möglich sein wird. Auch Menschen, die eine automatisierte
Produktion beherrschen, brauchen Material- und Verfahrenskennt-
nisse, die sie in erster Linie im direkten Umgang mit den Verfah-
ren und Materialien gewinnen.
Die Vorstellung, die Arbeit der Zukunft werde darin bestehen, für
eine (wenn auch nur kurze) Zeit im Leben zur Produktion
"abkommandiert" zu werden, trifft sicher nicht die zukünftige
Entwicklung. Denn das Wesentliche wird ja in der Veränderung der
Arbeit, ihrer Verwissenschaftlichung bestehen, und das setzt ein
hohes Maß an Lernen und Experimentieren voraus, die "volle Ent-
wicklung des Individuums, das selbst wieder als die größte Pro-
duktivkraft zurückwirkt auf die Produktivkraft der Arbeit", wie
es Marx in den "Grundrissen" ausdrückt. Bei stark verkürzter Ar-
beitszeit also eher ein ständiges Hin und Her zwischen Lernen und
Arbeiten, zwischen Entwicklung und Anwendung von Kenntnissen,
denn zeitweilige "Abkommandierung" zur "Arbeitsfron".
Wie bei wissenschaftlicher Tätigkeit mag dabei die Grenze zwi-
schen Arbeit und Nicht-Arbeit gelegentlich verschwimmen, und Lan-
geweile dürfte, so sollte man meinen (und hoffen), bei dieser Tä-
tigkeit der Zukunft nicht aufkommen. Die Zukunft der Arbeit hat
im übrigen Marx und Engels zeit ihres Lebens beschäftigt; es ge-
nügt, etwa an die 20. Frage der Engelsschen "Grundsätze des Kom-
munismus" zu erinnern oder an die langen Reflexionen, die Marx in
den "Grundrissen" darlegt. Das Grundprogramm ist überall zu fin-
den: Verwissenschaftlichung der Arbeit - radikale Auflösung der
alten Arbeitsteilung - Arbeit für alle.
6. Auch in der Zukunft werden also die unterschiedlichsten Pro-
duktionstechnologien nebeneinander bestehen, von der elementaren
Handhabung von Werkzeugen bis zur Arbeit an den kompliziertesten
programmgesteuerten Anlagen. Was sind die nächsten vor uns lie-
genden Schritte in dieser Richtung?
Die Überführung von Erkenntnissen der Grundlagenforschung zur
breiten technischen Anwendung beansprucht auch heute, unter den
Bedingungen der wissenschaftlich-technischen Revolution, noch
lange Zeiträume, die in (mehreren) Jahrzehnten zu messen sind, wo
es sich um wirkliche "Basistechnologien" handelt. Die wichtigsten
technischen Trends, die in den nächsten anderthalb Jahrzehnten in
breitem Maße praktische Bedeutung erlangen werden, müßten sich
heute also zumindest in der Phase wissenschaftlicher Erforschung
bzw. technischer Erprobung befinden. Neben den Biotechnologien,
die die Ablösung einer ganzen Reihe von "harten" chemischen Pro-
duktionsverfahren (unter hohen Temperaturen und Drücken) ermögli-
chen können, ist das Hauptentwicklungsfeld heute die Elektronik
und ihre technische Anwendung. Für die nächsten Jahre ist in der
Hauptsache die rasche Ausbreitung ihrer einzelnen Elemente zuerst
noch im Rahmen eher traditioneller Fabrik-und Betriebsstrukturen
zu erwarten. Dazu einige Beispiele.
Für die nächsten fünf Jahre wird bei uns mit der Verdoppelung der
Zahl von Datenendgeräten (auf 900 000) und Bürocomputern (auf
800 000) gerechnet. Die Zahl der Industrieroboter dürfte sich
etwa verfünffachen (auf 30 000). Systeme des computergestützten
Konstruierens stehen augenblicklich vor einer ersten sehr raschen
Expansionsphase. Dazu trägt (wie in anderen Bereichen, etwa der
Forschung über "künstliche Intelligenz", auch) die staatsmonopo-
listische Forschungs- und Entwicklungspolitik maßgeblich bei. Das
BMFT fördert zwischen 1985 und 1987 die Einführung von entspre-
chenden CAD/CAM-Systemen in der fertigungstechnischen Industrie
(ohne Autoindustrie, Anlagen- und Apparatebau, Bauwesen, Ingeni-
eurbüros usf.) mit rd. 450 Mio. DM. Zwei Drittel der in Frage
kommenden 3000 Unternehmen hatten bereits 1985 entsprechende An-
träge gestellt. Das Gesamtinvestitionsvolumen dieser einen Moder-
nisierungsmaßnahme wird auf über eine Mrd. DM geschätzt. Die Vor-
aussetzung für diesen Schub ist natürlich die rasche Verbilligung
und technische Vereinfachung der Systeme in den letzten Jahren.
Insbesondere in Konzernbetrieben hat die inselförmige Einführung
von Einzelelementen der neuen Technik inzwischen ein Niveau er-
reicht, das erste Schritte zu ihrer systematischen Vernetzung
nahelegt. Indiz ist hier der Aufbau innerbetrieblicher Kommunika-
tionsinfrastrukturen. Diebold schätzt, daß etwa ein Drittel der
3000 Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus und der Elektro-
technik mit mehr als 25 Mio. DM Jahresumsatz bis 1990 innerbe-
triebliche Netzwerke und Datenbänke aufbauen wird. Auf jeden Fall
steht die breitere Vernetzung an, und man kann damit rechnen, daß
in den frühen neunziger Jahren die ersten Prototypen automati-
scher Fabrikabteilungen zu bestaunen sein werden - freilich: Pro-
totypen.
Insgesamt gesehen wird auch in der nächsten Zukunft der Breite
nach die Einführung von Elementen der neuen Technik im Büro- und
Verwaltungssektor dominieren, wo es insbesondere um die Verarbei-
tung von Massendaten, Massenprozessen, Texten u.ä. geht. Die Au-
tomatisierung diskontinuierlicher Produktionsprozesse wirft nach
wie vor viele Probleme auf, und solche Abteilungen wie die der
Montage werden auch noch auf lange Sicht Bastionen der Handarbeit
bleiben (in der als "letzter Schrei" der Automatisierungstechnik
viel gerühmten Halle 54 von VW Wolfsburg sind in einer Schicht
von 2000 Beschäftigten 36 Anlagenführer, aber allein 400 Einlege-
Arbeiter tätig - das zeigt die gegenwärtigen Dimensionen der Ver-
änderungsprozesse im Montagebereich).
7. Die heute bekannten Probleme und sozialen Belastungen kapita-
listischer Technikanwendung werden noch zunehmen. Das gilt für
die Beschäftigten wie die Arbeiterklasse insgesamt. Zugleich ent-
stehen neue Widersprüche zwischen Technikentwicklung, Arbeitstei-
lung und Arbeitsorganisation.
Der zuerst ins Auge springende Widerspruch ist der zwischen der
produktivkraftsteigernden Funktion der neuen Technik und der mit
ihrer Anwendung verbundenen Brachlegung, Deformation und Zerstö-
rung von Produktivkraft, insbesondere des Potentials lebendiger
Arbeit. Verschiedene und jeweils für sich genommen lückenhafte
und begrenzte Abschätzungen gehen doch im wesentlichen überein-
stimmend davon aus, daß bis 1990 zwischen drei und dreieinhalb
Mio. Arbeitsplätze durch den Einsatz neuer Technik bedroht sind.
Selbst bei bedeutend vorsichtigeren Schätzungen liegt die Größen-
ordnung bei 10 bis 15 Prozent der heute abhängig Beschäftigten.
Das zeigt die unbedingte Notwendigkeit eines hartnäckigen Kampfes
um Arbeitszeitverkürzung.
Alle gewerkschaftlichen Studien und Erfahrungen heben neben den
Arbeitsplatzrisiken als Hauptprobleme für die Beschäftigten dro-
hende Einengung von Arbeitsinhalten, Tendenzen zur Entqualifizie-
rung bei Übertragung von Tätigkeiten und personengebundenen
Kenntnissen auf technische Mitteln, zunehmende Transparenz und
Kontrolle der Arbeit, Leistungsverdichtung, Druck in Richtung auf
technische Anbindung der Arbeitskraft und Durchsetzung ihrer Aus-
tauschbarkeit hervor. Wo das Qualifikationsniveau von Belegschaf-
ten steigt, dort in starkem Maße gerade durch ent- und dequalifi-
zierende Verdrängung von lebendiger Arbeit aus dem Produktions-
prozeß. Dieser Druck gilt auch für die unmittelbar mit der Ein-
führung der neuen Technik verbundenen Gruppen des Gesamtarbei-
ters, etwa Datenverarbeitungsspezialisten.
Das hängt zusammen mit den hohen Kosten der Software-Entwicklung.
Bei der Installation einer Großanlage (Beispiel: Prozeßleitwerk
für einen 700-MW Kohlekraftwerksblock) entfallen rd. 60 Prozent
der Kosten auf Hardware (Geräte, Schaltschränke, Verkabelung). 40
Prozent entfallen auf die Software-Entwicklung und -Anpassung.
Bei kleineren Anlagen, z.B. der Steuerung einer NC-Fräsmaschine,
ist das Verhältnis umgekehrt. Mit der rasanten Verbilligung der
Hardware wächst zugleich der Druck, durch Standardisierung von
Programmen, ihre Strukturierung in mehrfach verwendbare Module
etc. den Software-Aufwand zu reduzieren - also auch die Arbeit
der Spezialisten zu rationalisieren.
Neue Widersprüche, die zur Veränderung der Arbeitsteilung und
-organisation drängen, zeigen sich im Bereich schon weitgehend
automatisierter Arbeit. Bei Beibehaltung der traditionellen Ar-
beitsteilung bedeutet wachsende Prozeßsicherheit zugleich deutli-
che Reduzierung der aktiven Eingriffszeiten des Bedienungsperso-
nals. Im Bewußtsein der Verantwortung für hohe Anlagenwerte,
große Kosten im Störfall usf. bringt dies wachsende Belastungen
und Streß mit sich. Zugleich sinkt die Eingriffssicherheit. Das
ist einer der Gründe für Tendenzen zu Aufgabenintegration und
ganzheitlicherem Zuschnitt von Arbeitsvollzügen bei der Steuerung
von Anlagen - Tendenzen, die zugleich Vehikel eines umfassenderen
Zugriffs auf das Leistungspotential der Beschäftigten darstellen.
Auf die volle Erfassung und "Abpressung" dieses Leistungspotenti-
als zielen auch die neuen Motivationstechniken, die oft mit der
Einführung neuer Technologien gekoppelt werden, etwa die Quali-
tätszirkel.
8. Die moderne Technologieentwicklung ist janusgesichtig. Sie ist
geschichtlich progressiv, insofern sie zur Steigerung der Produk-
tivkraft der lebendigen Arbeit beiträgt und damit die Vorausset-
zung schafft für mehr freie Zeit für die Entfaltung der Menschen,
ihrer Kenntnisse und Bedürfnisse. Indem sie zugleich die techni-
sche Möglichkeit für mehr Transparenz schafft, gibt sie auch
technische Mittel, die für die rationale Planung einer Gesell-
schaft nützlich und notwendig sind. All diese Möglichkeiten wer-
den heute weitgehend in ihr Gegenteil verkehrt. Aber sie sind ge-
schichtlich anzueignen.
In den Gewerkschaften und der Arbeiterbewegung ist die Tendenz
zum Eingriff in die Produktivkraftentwicklung in den letzten Jah-
ren deutlich gewachsen. Programmatisch findet dies gegenwärtig
seinen Niederschlag in der Formel von der "sozialen Beherrschung
der Produktivkraftentwicklung und sozialer Technikgestaltung".
Eingriff in die Produktivkraftentwicklung bedeutet immer auch po-
tentiellen Eingriff in die Logik kapitalistischer Unternehmen-
sentscheidungen - immer dann, wenn es ihr um die Durchsetzung von
Arbeiterklasseninteressen an Entfaltung in der Arbeit, an Ar-
beitszeitverkürzung, an Ausweitung von Gestaltungsspielräumen
geht. Eine solche Orientierung bekommt damit zwangsläufig antika-
pitalistische Züge.
Die unverzichtbare Aufgabe und Rolle linker, klassenautonomer
Kräfte der Arbeiterbewegung, aber auch der sich auf sie orientie-
renden Intelligenz wird darin bestehen, diese Auseinandersetzun-
gen bewußt mit wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Alterna-
tiven zu verbinden und illusionslos die engen Schranken nur-tech-
nischer und nur-betrieblicher Alternativ- und Gestaltungskonzep-
tionen aufzuzeigen. Die Notwendigkeit gesamtgesellschaftlicher
Alternativen wird sich in der Technik-Frage in Zukunft mehr denn
je zeigen - und damit wird sie auch zu einem der Kristallisati-
onspunkte im Kampf um eine gesellschaftliche Wende.
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