Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985
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BRD 2000 - BEVÖLKERUNGSENTWICKLUNG, WIRTSCHAFTSWACHSTUM,
ARBEITSLOSIGKEIT. AUS VORLIEGENDEN SZENARIEN UND PROGNOSEN
Klaus Dieckhoff
1. Die Bevölkerungszahl wird geringer - 2. Geringeres Wirt-
schaftswachstum - weniger Erwerbsmöglichkeiten
Bei der gesellschaftlichen Entwicklungsvorausschau gilt es zwi-
schen Perspektiven zu unterscheiden, die sich relativ gesichert
voraussagen lassen, weil die Faktoren der Entwicklung bekannt,
verhältnismäßig stabil und daher in ihrer weiteren Entwicklung
gut abschätzbar sind, und solchen, die mehr oder weniger gute
phantasievolle Entwürfe der gesellschaftlichen Zukunft sind, die
ohne allzu detaillierte Angaben von Entwicklungsfaktoren Zustände
skizzieren, die sich ergeben könnten, wenn in der Gegenwart zu
beobachtende politische, soziale, ökonomische und technische Ge-
gebenheiten (linear) in die Zukunft extrapoliert werden. 1)
Bevölkerungs-, Erwerbstätigen- und natürliche Ressourcenentwick-
lung lassen sich verhältnismäßig gut vorhersagen. Ihre Einfluß-
faktoren sind bekannt und können in ihrer Entwicklung abgeschätzt
werden. Diejenigen leben heute schon, die für Umfang und Gliede-
rung der Bevölkerung der BRD im Jahre 2000 und später von Bedeu-
tung sind. Ihre Absterbefolge und ihr generatives Verhalten kön-
nen mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhergesagt werden. "Harte Aus-
sagen" lassen sich ebenfalls zur voraussichtlichen Entwicklung
von natürlichen Ressourcen, wie z.B. Wasser, Kohle, Holz und
Erdöl treffen.
Aus dem Reiche der Phantasie stammen oft Prognosen der gesell-
schaftlichen Entwicklung, die auf der Verlängerung technischer
Trends in die Zukunft basieren. Sie sind Visionen von technisch
Möglichem, die für viele eine Faszination besitzen, aber gesell-
schaftliche Zusammenhänge der Durchsetzung technischer Entwick-
lungen sehr oft vernachlässigen. Ohne diese Zusammenhänge näher
zu bedenken, träumten die Futuristen etwa in den frühen 60er Jah-
ren, getragen von Technik- und ökonomischer Wachstumseuphorie,
von einer Gesellschaft mit atomgetriebenen Automobilen und Flug-
zeugen, einer total elektrifizierten Energieversorgung und ande-
ren aus heutiger Sicht als wirklichkeitsfremd und naiv zu be-
trachtenden Dingen (5/19).
Auch heute werden wieder, von technischen Trends ausgehend, die-
ses Mal von den Möglichkeiten der Mikroelektronik, zukünftige ge-
sellschaftliche Entwicklungszustände umrissen, ohne dabei so-
ziale, wirtschaftliche und politische Faktoren hinreichend zu be-
achten. Es werden z.B. menschenleere Fabrikhallen, automatisierte
Büros, elektronische Dörfer, durch und durch digitalisierte men-
schliche Kommunikationsformen u.a.m. prognostiziert, ohne zu be-
rücksichtigen, daß schon heute soziale, wirtschaftliche und poli-
tische Faktoren darauf hindeuten, daß die Entwicklung nicht so
eindimensional verläuft, wie sie vorhergesagt wird. Diese Art von
Prognosen suggeriert, daß die Technik- und damit in bestimmtem
Grade auch die Gesellschaftsentwicklung ein "Selbstläufer" ist.
Weder die allgemeine gesellschaftliche, noch die wirtschaftliche,
die technische oder eine andere für sich betrachtete Bereichsent-
wicklung geht gleichsam selbstlaufend vonstatten. Ihnen liegen
verschiedende Faktoren zugrunde, die in einem komplexen Geflecht
miteinander verbunden sind. Für den Entwurf von zukünftigen ge-
sellschaftlichen Entwicklungszuständen müssen die dafür hinrei-
chenden und notwendigen Faktoren bestimmt und nach ihrer Bedeu-
tung qualifiziert werden. Sind diese bekannt, so können wirklich-
keitsnahe Zukunftsvorstellungen entworfen werden.
Die Blicke in die Zukunft der BRD-Gesellschaft werden auf das
Jahr 2000 und die Zeit danach gerichtet. Welche charakteristi-
schen Merkmale wird die Gesellschaft der Bundesrepublik zu diesem
Zeitpunkt haben? Wieviele Menschen werden in ihr leben, wie, wo
und unter welchen Bedingungen werden sie arbeiten? Wie gestalten
sich ihre übrigen Lebensbedingungen, berücksichtigt man gegenwär-
tige Entwicklungen wie z. B. niedrige Geburtenziffern, längere
Lebenswahrscheinlichkeiten, hohe Arbeitslosigkeit, rasanten tech-
nischorganisatorischen Wandel u.a.m. Es ist nicht das Jahr 2000,
das zu einer neuen Konjunktur von Zukunftsvisionen geführt hat,
vielmehr dürften es die Probleme der gegenwärtigen gesellschaft-
lichen Entwicklungslage sein, die Fragen nach dem zukünftigen Zu-
stand unserer Gesellschaft aufwerfen und von deren Beantwortung
Hinweise auf notwendige politische Maßnahmen zur Gestaltung der
Zukunft erhofft werden. Im folgenden sollen einige Haupttrends
der Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung aufgezeigt werden.
Die Ausführungen basieren auf vom Verfasser als besonders berück-
sichtigenswert betrachteten Vorausschätzungen, deren Grundlagen
relativ breit und gut nachvollziehbar vorgestellt werden.
1. Die Bevölkerungszahl wird geringer
-------------------------------------
Ein Blick auf die zu erwartende Bevölkerungszahl im Jahre 2000
und danach zeigt, daß der Umfang der Wohnbevölkerung der BRD ab-
nehmen wird. Das Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in West-
berlin errechnet für das Jahr 2000 eine BRD-Wohnbevölkerung im
Intervall von 59,1 bis 62,4 Millionen (2/269). Im Vergleich dazu:
Die Bevölkerung betrug im Jahre 1983 61,4 Millionen Personen
(6/52).
30 Jahre später wird die Bevölkerungszahl noch weiter abgesunken
sein. Sie soll dann eine Größe zwischen 48,6 bis 58,3 Millionen
haben.
Tabelle 1:
Intervalle für die Bevölkerungsentwicklung in der Bundesrepublik
Deutschland von 1980 bis 2000 bzw. 2030 (in Mill.)
Intervalle für die Bevölkerungsentwicklung
Anfangs- bis 2000 bis 2030
bestand Unter- Grund- Ober- Unter- Grund- Ober-
am grenze vari- grenze grenze vari- grenze
1.1.1980 ante 1) ante 1)
Deutsche 57,2 52,8 53,8 55,4 39,3 41,4 46,3
Ausländer 4,3 6,3 6,6 7,0 9,3 10,3 12,0
Insgesamt 61,4 59,1 60,5 62,4 48,6 51,6 58,3
_____
1) Als Grundvariante wird diejenige Vorausberechnung bezeichnet,
die sich bei Zugrundelegung der jeweils mittleren Annahmevariante
für die Geburtenziffern, die Sterbeziffern und die Wanderungen
ergibt. (Quelle: 2/269)
Wie aus den Berechnungen des DIW hervorgeht, ist der vorausseh-
bare Rückgang der Bevölkerungszahl der BRD allein auf die Ent-
wicklung des bundesdeutschen Bevölkerungskörpers zurückzuführen.
Nach der angegebenen Grundvariante wird die Zahl der Bundesdeut-
schen im Jahre 2000 um dreieinhalb Millionen niedriger liegen als
zum Beispiel Anfang des Jahres 1980.
Um seine Bevölkerungsvorhersage nicht auf e i n e r Annahme ba-
sieren zu lassen, hat das DIW unterschiedliche Hypothesen zu den
Einflußfaktoren der weiteren Bevölkerungsentwicklung erarbeitet.
Dadurch sind die o.g. Schätzintervalle entstanden, die die vor-
ausberechnete Bevölkerungszahl nicht strikt auf e i n e n Wert
festlegen.
Im Rahmen seines Berechnungsmodells geht das DIW hinsichtlich der
Geburtenentwicklung allgemein davon aus, daß die Geburtenziffern
für die bundesdeutsche Bevölkerung (ohne Ausländer) weiterhin auf
dem seit Anfang der 70er Jahre niedrigen Niveau verharren werden.
Es wird zwar altersspezifisch unterschiedliche Entwicklungen ge-
ben (z.B. Rückgang bei den 15-24jährigen, Anstieg bei den 24-29
und über 38jährigen sowie Konstanz bei den 29-38jährigen), die
sich aber gegenseitig kompensieren (2/265). Für die ausländische
Bevölkerung wird eine positive Entwicklung der Geburtenziffern
erwartet.
Während sich die Geburtenziffern in den nächsten 15 Jahren nicht
wesentlich verändern sollen, wird hingegen eine weitere Verringe-
rung des Sterberisikos unterstellt. Bis zum Jahre 2000 wird eine
Verringerung der Sterbeziffern um durchschnittlich 15 v.H. für
wahrscheinlich gehalten (2/267). Mit einer verringerten Sterbe-
wahrscheinlichkeit rechnen u. a. auch Mackensen und Jung; aller-
dings sehen sie lediglich einen Rückgang um acht Prozent voraus
(3/50). Die Sterbeziffern für die Ausländer sollen für die bis
10jährigen "beträchtlich über, von zehn Jahren an beträchtlich
unter den Ziffern für die Gesamtbevölkerung liegen" (2/267). Es
wird vermutet, daß die älteren lebensbedrohlich Erkrankten in
ihre Heimatländer zurückkehren, hingegen schwerkranke Kinder bei
ihren Eltern in der Bundesrepublik bleiben.
Als dritter, die zukünftige Bevölkerungsentwicklung beeinflussen-
der Faktor wurde der zukünftige Wanderungsstrom vorausgeschätzt.
Hier hat das DIW für Ausländer und Deutsche jeweils drei Varian-
ten des Nettozuzugs errechnet, wobei Asylantenströme, politische
Entscheidungen zum Zuzugsstopp ausländischer Erwerbspersonen, Fa-
milienzusammenführung von Ausländern sowie Einwanderungen von
Deutschstämmigen u. a. aus Osteuropa Berücksichtigung fanden. Die
Größenordnung der Vorausschätzungen kann aus der nachstehenden
Übersicht (Tab. 2) entnommen werden.
Die sinkenden Geburtenziffern werden nicht durch die Pille verur-
sacht; es sind die allgemeinen gesellschaftlichen Umstände, die
die jungen Menschen in ihrer individuellen Lebensplanung dazu
führen, daß sie sich lediglich für ein Kind, höchstens zwei ent-
scheiden. Das soll, so die Vorausschätzungen, auch in Zukunft so
bleiben.
Mackensen und Jung (3/47) sehen in der Entscheidung für weniger
Kinder eine "ökonomisch-wohlstandsorientierte" Notwendigkeit. Au-
ßerdem kann, je weniger Kinder in der Lebensgemeinschaft vorhan-
den sind, desto mehr in die Qualität ihrer Erziehung und Ausbil-
dung investiert werden. Die "Realität", folgern die genannten Au-
toren, "verdeutlicht uns doch jeden Tag aufs neue, wie problema-
tisch es ist, dennoch viele Kinder zu haben: steigende Arbeitslo-
sigkeit, Finanzprobleme, Wohnungsnot, Kriminalität, Alkoholismus,
Drogenabhängigkeit und die rapide Zunahme an Krankheiten mit psy-
chosozialen Ursachen als sichtbare Folgen, der zu unserem 'Wohle'
gefällten Entscheidungen lassen eher weniger als mehr Menschen
ratsam erscheinen" (3/47).
Die Bedeutung der gesellschaftlichen Umstände für die Entschei-
dung für mehr oder weniger Kinder zeigt sich auch im generativen
Verhalten der ausländischen Bevölkerung der BRD. Es nähert sich
nach deren längerem Aufenthalt in der BRD dem der bundesdeutschen
Bevölkerung an (vgl. Variante G-2 für Ausländer in der Übersicht
2 sowie 3/48).
Aus der vorausgeschätzten Bevölkerungsentwicklung lassen sich
Fragen und Annahmen nach bzw. über die Entwicklungstrends formu-
lieren, die in verschiedenen Szenarien und Prognosen mehr oder
weniger realistisch behandelt werden, die aber hier von ihren Er-
gebnissen nicht alle aufgeführt werden können. Einige der Fragen
und Annahmen sollen nachfolgend kurz angesprochen werden, um mit
ihnen zu demonstrieren, welche gesellschaftlichen Entwicklungs-
probleme für die BRD der Bevölkerungsrückgang aufwirft.
Eine sinkende Bevölkerungszahl bedeutet, vom Binnenmarkt betrach-
tet, eine sinkende Zahl von Nachfragern nach Gütern und Dienst-
leistungen. Davon werden zunächst die Wirtschaftsinstitutionen
betroffen werden, die direkt mit der privaten Konsumtionssphäre
verknüpft sind (Verbrauchsgüterhersteller, private und öffentli-
che Dienstleistungen). Von ihnen werden Wirkungen auf ihre Zulie-
ferer ausgehen, so daß schließlich der gesamte Wirtschaftssektor
betroffen ist. Zugleich werden sich auch die Konsumentengruppen
verschieben: Bei niedrigen Geburten- und sinkenden Sterbeziffern
verschiebt sich der altersstrukturelle Aufbau zugunsten höherer
Altersgruppen, die andere Bedarfsorientierungen aufweisen als
jüngere.
Tabelle 2:
Mögliche Annahmen über die Entwicklung der Sterbeziffern, der Ge-
burtenziffern und der Wanderungen bei Deutschen und Ausländern
Varianten Deutsche Ausländer
Ster- S1 Sterbeziffern der Gesamtbevölkerung von 1977/79
be- konstant
zif- S2 Sterbeziffrn für die Sterbeziffrn für die auslän-
fern Gesamtbevölkerung von dische Bevölkerung im Jahr
1977/79 verringern sich 1979 (geschätzt) bleiben
in 20 Jahren bei allen konstant.
Altersjahren um 15 v.H.
(= 0,8 v.H. jährlich)
S3 Wie vorstehend, aber Wie vorstehend, aber Anpas-
Verringerung um 20 v.H. sung der Ziffern bei den 0-10
statt 15 v.H. (= 1 v.H. jährigen innerhalb von 20
jährlich Jahren an die Ziffern der Ge-
samtbevölkerung von 1977/79
Ge- G1 Konstanz der Geburten- Konstanz der Geburtenziffern
bur- ziffern der Deutschen der Ausländer im Jahr 1979
ten- im Jahr 1979 (Nettore- (Nettoreproduktionsrate =
zif- produktionsrate 0,941).
fern = 0,628).
G2 Konstanz der Nettopro- Rückgang der Nettoreproduk-
duktionsrate der Deut- tionsrate der Ausländer von
schen (0,628) bei gene- 0,941 im Jahr 1979 auf 0,862
rationsspezifischer Än- im Jahr 1990 bei generati-
derung der Geburtenzif- onsspezifischer Änderung der
fern bis 1990: Geburtenziffern bis 1990:
15-24jährige: Rückgang 15-19jährige: Konstanz
24-49jährige: Anstieg 19-45jährige: Rückgang
29-38jährige: Konstanz über 45jähr.: Konstanz
über 38jähr.: Anstieg
G3 Wie vorstehend, wobei Wie vorstehend, wobei die ge-
die generationsspezi- nerationsspezifischen Ände-
fischen Änderungen von rungen von einer allgemeinen
einer Zunahme der Ge- Zunahme der Geburtenziffern
burtenziffern in allen überlagert werden (bis 2000)
Altersjahren überlagert um 0,9 v.H. jährlich), so
werden (bis 2000 um 0,9 daß die Nettoreproduktions-
v.H. jährlich), so daß rate von 0,941 im Jahr 1979
die Nettoreproduktions- auf 1,031 im Jahr 2000
rate von 0,628 im Jahr steigt.
1979 auf 0,745 im Jahr
2000 steigt.
Wan- Jährliche Zu- und Fortzüge und Wanderungssalden
de- von 1990 bis 2029
run- Zu- Fort- Saldo Zu- Fort- Saldo
gen züge züge züge züge
WK Keine Wanderung Keine Wanderung
W20 70000 50000 20000 W40 459000 419000 40000
W30 80000 50000 30000 W50 463000 413000 50000
W40 90000 50000 40000 W60 468000 408000 50000
_____
(Quelle: 2/265)
Durch die erwartete Bevölkerungsentwicklung werden sich Umfang
und Struktur des Erwerbspersonenpotentials im Vergleich zur Ge-
genwart verändern. Jüngere Erwerbspersonen wachsen in deutlich
verringertem Umfange nach. Die Anteile der Erwerbstätigen mittle-
ren und höheren Alters werden zunehmen. Es stellt sich die Frage,
ob das Folgen für die betrieblichen Arbeitsbedingungen haben muß
bzw. wird, außerdem, ob von einem durchschnittlich höheren Alter
der Erwerbstätigen Konsequenzen für den Innovationsprozeß ausge-
hen werden. Die vorausgeschätzte Bevölkerungsentwicklung wirft
des weiteren Fragen auf nach der Zukunft des Gesundheits- und So-
zialversicherungssystems, der Infrastrukturbereitstellung, des
Wohnungsbaus und der Raumordnung. Wie wird das Alterssicherungs-
system aussehen müssen, wenn es weniger Erwerbstätige geben wird,
wenn der Anteil der Rentner und Pensionäre an der Bevölkerung
wächst? Welche Konsequenzen ergeben sich aus dem veränderten Be-
völkerungsaufbau für das Gesundheitswesen? Welchen Umfang und
welche Struktur muß das Gesundheitspersonal haben? Welche Vorsor-
geeinrichtungen werden benötigt? Bei der Beantwortung dieser und
anderer Fragen ist zu beachten, daß die zu erwartende durch-
schnittlich ältere Bevölkerung einen anderen Bedarf an medizini-
schen Versorgungsleistungen haben wird als die heutige BRD-Bevöl-
kerung (vgl. 7).
Welche Zielvorstellungen müssen für den Wohnungsbau entwickelt
werden, wenn abzusehen ist, daß sich die Zahl der Zusammenwohnen-
den (in traditionellen Familien oder anderen Lebensgemeinschaf-
ten) in einem Haushalt verringert und die Besetzung der mittleren
und älteren Altersklassen der Bevölkerung höher sein wird? (Schon
heute stellt sich bei dem zunehmenden Anteil älterer Bevölke-
rungsmitglieder die Frage, ob ihre Wohnungen auch altengerecht
sind.) Muß eine verstärkte Neubaupolitik betrieben werden oder
mehr eine Modernisierungs- und Umbaupolitik? Soll die Wohnbaupo-
litik eher die verstädterten Zonen oder die ländlichen Regionen
in den Vordergrund rücken?
Dem nach dem Jahre 2000 zu erwartenden Altersaufbau der Bevölke-
rung muß auch die haushaltsorientierte Infrastruktur angepaßt
werden. Es ist evident, daß das auf private Haushalte orientierte
Infrastrukturangebot stärker auf den Bedarf älterer Bevölkerungs-
mitglieder ausgerichtet werden muß. Was wird aus den Kindergär-
ten, was aus den Schulen? Wie werden sie und andere Infrastruktu-
rangebote bei sinkenden Bevölkerungszahlen ausgelastet?
Für den Blick in die Zukunft der BRD ist aber nicht nur die Be-
völkerungs-, sondern auch die Wirtschaftsentwicklung von Inter-
esse.
2. Geringeres Wirtschaftswachstum - weniger Erwerbsmöglichkeiten
----------------------------------------------------------------
Die Entwicklung der Wirtschaft und der Erwerbsmöglichkeiten läßt
sich nicht so relativ eindeutig umreißen wie die zukünftige Be-
völkerungsentwicklung. Die Einflußfaktoren, denen die Wirtschaft
unterliegt, sind weniger gut vorauszuschätzen als die der Bevöl-
kerungsentwicklung, für die eine relative Stabilität angenommen
werden kann.
Aus der von Eduard Pestel u.a. 1978 (5) erarbeiteten Vorhersage
der wirtschaftlichen Entwicklung im Rahmen des "Deutschland-Mo-
dells", das als eine der seriösesten und umfassendsten Prognosen
betrachtet werden kann, geht hervor, daß in der Bundesrepublik zu
Beginn des 21. Jahrhunderts und auf dem Wege dahin mit einem ge-
genüber den 60er und auch 70er Jahren deutlich verringerten Wirt-
schaftswachstum zu rechnen ist. Zugleich verschlechtern sich auch
die Erwerbsaussichten für die Bevölkerung.
Der gesamtwirtschaftliche Leistungsertrag, gemessen am Bruttoso-
zialprodukt, wird nach den Berechnungen von Pestel u.a. bis zum
Jahre 2000 durchschnittlich nur noch 2,4 Prozent betragen. Wäh-
rend also für die Zukunft mit einer geringeren Zuwachsrate der
gesamten Güter- und Dienstleistungserstellung gerechnet wird,
werden sich die Zuwachsraten des Sozialproduktes pro Kopf erhö-
hen. Das mag widersprüchlich klingen, ergibt sich aber aufgrund
der vorhergesagten Zuwachsrate und der sinkenden Bevölkerungs-
zahl. Nun könnte der voreilige Schluß gezogen werden, daß gerin-
geres Wirtschaftswachstum im Verein mit einem Rückgang der Bevöl-
kerungszahl für die Lebenssituation im Jahre 2000 und danach
nicht schlecht sei, da ein (wenn auch nur geringfügig) wachsendes
Sozialprodukt auf eine reduzierte Bevölkerung zu verteilen wäre
und sich daher auch weiterhin ein Wohlstandszuwachs ergeben
würde. Dieser Schluß ist insofern voreilig, weil die Sozialpro-
duktskennziffer nicht per se als Wohlstandsmaß herangezogen wer-
den kann. Die Zuwachsraten des Sozialprodukts können z.B. durch
eine weitere starke Steigerung der Rüstungsproduktion verursacht
werden, die wohl nur im Rahmen beschränkter Geisteshaltung als
Beitrag zur Wohlstandsmehrung zu werten wäre. Die von Pestel u.a.
vorausberechnete Erhöhung der Zuwachsrate des Sozialprodukts pro
Kopf kann also nicht einfach als Wohlstandszuwachs betrachtet
werden.
Eine andere, jüngere Vorausschätzung des Sozialprodukts geht von
einem noch geringeren Wirtschaftswachstum aus. Sie errechnet von
1980 bis zum Jahre 2000 ein durchschnittliches Sozialprodukts-
wachstum von 1,5 Prozent (8/114). Für die Zeiträume 2000 bis 2020
und 2020 bis 2040 erwartet sie durchschnittliche Zuwachsraten von
0,8 Prozent bzw. 0,5 Prozent (8/114). Mit einiger Vorsicht kann
man also von einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum zwi-
schen ein und zwei Prozent bis zum Jahre 2000 ausgehen.
Welche Annahmen liegen den Schätzungen zugrunde? Pestel u.a. ha-
ben sich bei ihren Modellrechnungen nicht für ein angebots-, son-
dern für ein nachfrageorientiertes Modell entschieden, da sie auf
dem Hintergrund des sozialökonomischen Entwicklungsniveaus der
BRD die weitere Entwicklung als eine Abhängige der Nachfrage und
nicht des Faktorangebots betrachten. Sie gehen nicht von einem
Modell aus, das besagt, daß "sich die Produktion aus der Verfüg-
barkeit der Produktionsfaktoren (Kapital, Arbeit, Material, Ener-
gie) ergibt und bei dem unterstellt wird, daß die Nachfrage die
Produktion absorbiert" (5/65). Sie unterstellen vielmehr, daß
sich die Produktions- und Dienstleistungserbringung aus einer von
sozio-ökonomischen Größen beeinflußten Nachfrage ergeben, "wie
Bevölkerungsentwicklung, Versorgungsgraden und Einkommensstruktu-
ren" (5/65).
Aufgrund ihrer Hypothesen und Berechnungen schätzen Pestel u.a.
ein verhaltenes Wachstum der Endnachfrage voraus, das sich in den
angegebenen Zuwachsraten für die gesamtwirtschaftliche Leistung
niederschlägt. Die Nachfragekomponenten, die in eigenen Szenarien
untersucht wurden, sind der private Konsum, der Staatsverbrauch
und der Außenhandel (5/72-88). Der Staatsverbrauch wird nach Auf-
fassung der Autoren am stärksten steigen. Für den privaten Konsum
wird vor allem wegen Bedürfnis- und Bedarfsverschiebungen auf
eine leichte Erhöhung geschlossen. Bei dem hohen Ausstattungsgrad
mit langlebigen Haushaltsgütern und der sinkenden Bevölkerungs-
zahl rechnen die Autoren in diesem Bereich nur noch "mit verhal-
tener Nachfrage", ebenso bei Nahrungsmitteln. Eine "deutliche"
Nachfrageverschiebung sehen die Autoren "hin zu den Gütern des
tertiären Sektors" (5/75). Sie ist vor allem für das weitere Kon-
sumwachstum verantwortlich. Die erwartete Nachfrageverschiebung
wird von mehreren Faktoren verursacht. Einer davon ist "die zu-
nehmende Kopflastigkeit der Alterspyramide". "Damit steigen die
Ausgaben (privater Haushalte - K.D.) im Bereich der medizinischen
Versorgung und in den Bereichen Kultur und Unterhaltung" (5/75).
Für die Entwicklung des Außenhandels bis zum Jahre 2000 wird eine
negative Tendenz angenommen. Direkt für das binnenländische Wirt-
schaftswachstum ist der Außenbeitrag im Außenhandel verantwort-
lich, der Überschuß aus Ex- und Importen. Dieser wird durch Ver-
knüpfung des "Deutschlandmodells" von Pestel u.a. mit dem Mesaro-
vic-Pestel-Weltmodell als eher sinkend angenommen. "Die vom Welt-
modell simulierten und für das Deutschland-Modell zur Verfügung
gestellten Außenhandelswerte machen deutlich, daß die in der Ver-
gangenheit beobachteten Steigerungsraten der Exporte in Zukunft
nicht mehr erwartet werden können... Jedoch kann sich der Außen-
beitrag künftig tendenziell eher verringern als ausweiten"
(5/86).
Als exporthemmend werden u.a. freies Floaten der Wechselkurse,
Zahlungsbilanzprobleme der Entwicklungsländer sowie Zahlungsbi-
lanzprobleme vieler Industrieregionen durch notwendige Einfuhren
teurer Energierohstoffe betrachtet. Als importbeschleunigend gel-
ten u.a. die Auswirkungen des freien Floatens im umgekehrten
Sinne wie bei den Exporten sowie das Arbeitskostengefälle ar-
beitsintensiver Industrien (5/86 f.).
Aus dem aufgezeigten Trend der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung
folgt als plausible Konsequenz für den Arbeitsmarkt, daß sich die
Erwerbsaussichten für die abhängig Beschäftigten verschlechtern.
Unter gleichbleibenden Umständen muß für die BRD auch an der
Schwelle zum 21. Jahrhundert mit einer hohen Arbeitslosigkeit ge-
rechnet werden. Denn es ist nicht vorstellbar, daß bei durch-
schnittlichen Zuwachsraten des Wirtschaftswachstums von ein bis
zwei Prozent die jeweils aktuellen Arbeitslosen wieder- und die
nachwachsenden jungen abhängig Erwerbstätigen neubeschäftigt wer-
den. Allerdings gehen die für diese Arbeit zugrunde gelegten Ent-
wicklungsszenarien in ihren Aussagen über das Ausmaß der Ver-
schärfung der Arbeitslosigkeit auseinander. Während Pestel u.a.
den Höhepunkt der Arbeitslosenzahlen Mitte der 80er Jahre und da-
nach wieder ihren Rückgang erwarten (5/121), geht Umbach davon
aus, daß sie unter gleichbleibenden Umständen bis zum Jahre 2000
auf 4 Millionen ansteigen werden (8/118). Wie erklärt sich die
Divergenz, wenn doch die Vorausschätzungen der gesamtwirtschaft-
lichen Entwicklung ziemlich nahe beieinanderliegen? Pestel u.a.
haben in ihrem Vorhersagemodell die Wirkungen des technischen
Wandels oder des Produktivitätsfortschritts auf die Arbeitskräf-
tenachfrage unter- und die Folgen der Bevölkerungsentwicklung für
den Arbeitsmarkt überschätzt. In der Tat wird sich aufgrund des
Bevölkerungstrends die Erwerbstätigenzahl verringern, abgesehen
von vielleicht verlängerten Ausbildungszeiten und einer sinkenden
Frauenerwerbsquote. Auf der anderen Seite kann aber davon ausge-
gangen werden, daß das Rationalisierungspotential des auf der Mi-
kroelektronik beruhenden technischen Wandels noch beträchtlich
höher ist als gegenwärtig beobachtbar und daß auch ein sinkendes
Erwerbspersonenangebot nicht mehr in vollem Umfange in den Wirt-
schaftsprozeß integrierbar ist. Der Dienstleistungssektor, der ja
durch Verschiebungen im privaten Konsumbereich (nach dem
"Deutschland-Modell") expandieren soll, wird nicht per se in Zu-
kunft der Hauptbeschäftiger sein, wie Pestel u.a. (5/117) vermu-
ten. So erwarten zum Beispiel Mackintosh und Prognos in Untersu-
chungen über den "Technischen Fortschritt" und seine Folgen für
die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt Beschäftigungsminderungen in
den Dienstleistungszweigen Groß- und Einzelhandel, Handelsver-
mittlung, Verkehr und Versicherungen (1/132). Auch in anderen
Dienstleistungsbereichen dürfte ein verminderter Beschäftigungs-
bedarf aufgrund des beschleunigten Einsatzes von neuen Informati-
ons- und Kommunikationstechniken auftreten.
Beide Vorhersagemodelle der Entwicklung der Erwerbsmöglichkeiten
geben also keinen Anlaß für Hoffnungen, daß im Jahre 2000 das
Problem der Arbeitslosigkeit gelöst ist. Folgt man der Voraus-
schau von Umbach, so wird es sich sogar noch verschärfen.
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bun-
desanstalt für Arbeit sieht im Rahmen seiner Vorausschau auf die
Arbeitsmarktsituation im Jahre 2000 die Arbeitslosigkeit eben-
falls nicht beseitigt (vgl. 4). Nach seinen Annahmen über die zu-
künftige Entwicklung der Wirtschaft und Erwerbsbevölkerung kann
neben anderen Modellrechnungen damit gerechnet werden, daß die
Zahl der Erwerbspersonen um 2,7 Millionen größer ist als das zu
erwartende Arbeitsplatzangebot (25,2 Millionen, 4/62). Von diesem
erwarteten "Erwerbspersonenüberschuß" werden 1,8 Millionen regi-
strierte Arbeitslose sein. Die vorausgeschätzte Arbeitslosenzahl
liegt geringfügig unter der des Jahres 1982 (1 833 000), dem Ba-
sisjahr der IAB-Modellrechnung, und deutlich unterhalb der er-
rechneten Zahlen für das Jahr 1990 (ca. 2,36 bis 2,37 Millionen).
Die hohe Zahl der registrierten Arbeitslosen dieses Jahres wird
vor allem wegen des demografisch bedingten Zuwachses an deutschen
Erwerbspersonen hervorgerufen, die wegen des voraussichtlich im
Durchschnitt geringen Wirtschaftswachstums und des Produktivi-
tätsfortschritts nicht in den Arbeitsprozeß integriert werden
können. Durch das Abebben der "demografischen Welle" und andere
Effekte (z. B. Arbeitszeitverkürzung) wird sich dieser Voraus-
schätzung zufolge nach 1990 die Zahl der registrierten Arbeitslo-
sen wieder verringern.
Nach einer anderen Modellrechnung des IAB kann sich die Arbeits-
losigkeit bis zum Jahre 2000 jedoch noch erheblich verschärfen.
Bei vorausgeschätztem höchstem Erwerbspersonenzuwachs, verursacht
durch eine stark steigende Frauenerwerbsquote, und bei einem an-
genommenen hohen Ausländerzustrom sowie einem "äußerst schwachen
Wirtschaftswachstum" könnte unter Berücksichtigung eines maxima-
len Vorruhestandseffekts die registrierte Arbeitslosenzahl bis
1990 auf 3,5 bis 3,7 Millionen anwachsen und in den 90er Jahren
nochmals um eine Million zunehmen. Das Eintreffen dieser Variante
sieht das IAB jedoch als wenig wahrscheinlich an, weil es nicht
plausibel erscheint, daß bei sehr schwachem Wirtschaftswachstum
die "Frauenerwerbsneigung" und die Zahl ausländischer Arbeits-
kräfte deutlich zunehmen werden (4/59). Diese vom IAB unter un-
günstigen Entwicklungsbedingungen berechnete hohe Zahl regi-
strierter Arbeitsloser im Jahre 2000 entspricht in der Größenord-
nung ungefähr der von Umbach geschätzten Arbeitslosenzahl. Im Ge-
gensatz zum IAB sieht dieser die hohe Arbeitslosenzahl jedoch als
Folge sehr niedrigen Wirtschaftswachstums bei gleichzeitig hohen
Produktivitätsfortschritten.
Die für das Jahr 2000 vorausberechneten Arbeitslosenzahlen stel-
len, auch wenn sie in ihren Größenordnungen aufgrund unterschied-
licher Annahmen voneinander abweichen, eine Herausforderung für
die gegenwärtige Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik dar, denn
über die zukünftigen Erwerbsmöglichkeiten insbesondere der nach-
wachsenden Generation wird heute entschieden.
_____
1) Die Studien, auf die Bezug genommen wird, werden im fortlau-
fenden Text mit Nummer und Seitenzahl zitiert. Es handelt sich im
einzelnen um:
1 BMFT, Hg., Technischer Fortschritt, Auswirkungen auf Wirtschaft
und Arbeitsmarkt, Schriftenreihe Technologie und Beschäftigung,
Bd. 2, Düsseldorf/Wien 1980;
2 Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Wochenbe-
richt 24/81;
3 Jung, R., R. Mackensen, Mit welcher Bevölkerungsentwicklung
müssen wir rechnen?, in: R. Mackensen u.a., Leben im Jahr 2000
und danach, Westberlin 1984;
4 Klauder, W., u.a., Arbeitsmarktperspektiven der 80er und 90er
Jahre, in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsfor-
schung, H. 1, Stuttgart und Mainz 1985;
5 Pestel, E., u.a., Das Deutschland-Modell, Stuttgart 1978;
6 Stat. Bundesamt, Hg., Statistisches Jahrbuch 1984, Stutt-
gart/Mainz 1984;
7 Thiele, W., Vom Umgang der Gesellschaft mit ihren Krankheiten:
Entwicklungen des Gesundheitswesens, in: R. Mackensen u.a.,
a.a.O. (3)
8 Umbach, E., Wirtschaft. Nach dem Wirtschaftswunder die reali-
stische Weiterentwicklung des Erreichten, in: R. Mackensen u.a.,
a.a.O. (3)
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