Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985


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LOHNARBEIT - EIGENARBEIT - DUALKONZEPTE

Nikolaus Dimmel Einen Begriff von Lebenszeit und Produktivität ---------------------------------------------- außerhalb der Kapitalverwertungslogik entwickeln ------------------------------------------------ Setzt sich die Krise des Kapitalismus als Krise des Proletariats fort? Peter 1) beantwortet diese Gorz'sche Fragestellung damit, daß Arbeitslose generell zur Arbeiterklasse zu zählen seien, weil ein klassenmäßiger Zusammenhang zwischen ihnen bestünde, da der kapitalistische Produktionsprozeß ständig zwischen "Attraktion" und "Repulsion" zyklisch wechselt. Deshalb seien Arbeitslose im- mer Zuschußarbeiterbevölkerung und notwendige Erscheinungsform krisenhafter Störungen. Dies greift meines Erachtens entscheidend zu kurz: Die Feststel- lung, daß die Akkumulation beständig (?) und relativ (?) über- flüssige industrielle Reservearmeen produziere, erklärt nicht, welche Funktion der Produktivkraftfortschritt g e g e n den Einsatz lebendiger Arbeit ausübt. Peter sitzt einem statischen Krisenbegriff auf und verkennt die Dynamik der Akkumulation: Er verharrt in einem Horizont, welcher entweder die bürgerliche oder die sozialistische Ökonomie dichotomisch geschieden ausmachen läßt, nicht aber Optionen offenläßt, wie die immer gewaltigere Verdrängung der lebendigen Arbeit durch die tote im Produktions- prozeß sowohl politökonomisch erklärt als auch strategisch ein- gesetzt werden kann in Richtung einer Demokratisierung der Ge- sellschaft. Folgende Ausführungen versuchen kursorisch zu umreißen, wie die Überakkumulations-Unterkonsumtions-Krise die Krise der Arbeiter- klasse induziert und vorantreibt und warum dies dorthin führen kann, wo die Produktivkräfte die Produktionsverhältnisse in die Luft sprengen können (Tomberg). I. Eine Diskussion um die Krise der Arbeiterklasse und -bewegung muß die Überlegung des historischen Sinnes der Arbeit hereinnehmen. Geeignet scheint mir hierfür ein Modell der Entwicklung der Aufhebung von reproduktiv-notwendigem Arbeiten, welches aufzeigt, daß Arbeitslosigkeit als Lohnarbeitslosigkeit ein spezifisch kapitalistisches Produkt ist. Die Grundlinie der Produktivkraftentwicklung stellt die stete Übertragung der Arbeitsvermögen auf die Mechanik, die Maschine dar, welche damit nichts anderes als die Vergegenständlichung menschlicher Arbeitsfunktionen und -befähigungen ist. Es handelt sich um die Übertragung intellektueller Funktionen des Menschen auf die tote Arbeit, um eine quantitative Aggregation der Fähig- keiten und Erfahrungen. Diese naturgeschichtliche Eigendynamik technischer Innovationen erreicht einen qualitativen Springpunkt, wenn die tote Arbeit die für die menschliche Reproduktion notwendige Tätigkeit übernimmt. An der Zäsur zwischen einer stets zunehmenden Ersetzung menschli- cher produktiver Verausgabung von Arbeitsvermögen durch Werk- zeuge-Maschinen-Automaten-Roboter und der Durchsetzung der Ver- selbständigung der Produktion kommen die Arbeitskräfte wirklich n e b e n den Produktionsprozeß zu stehen. Nur durch die kapitalistisch-"eigentümliche" Form der Verteilung des Produktivkraftfortschritts wird die anthropo - l o g i- s c h e (!) Befreiung des Menschen von reproduktiver Verausga- bung der Arbeitskraft zur brachialen Entwertung der Arbeits- vermögen und zieht die Entgesellschaftlichung der Individuen nach sich. Die Arbeitsvermögen stehen der gewaltigen Anhäufung toter Arbeit nunmehr a u s g e g r e n z t gegenüber, sowohl ihrer Mehrarbeit enteignet als auch der Möglichkeit, die historisch verdichteten Arbeitsbefähigungen als reelles Eigentum zur Lohnarbeit zu nutzen. Der systemimmanente Kampf der Arbeiterbewegung gegen die Privat- eigentumsordnung und für die sozialpolitische Absicherung der Ar- beits- und Lebensbedingungen der Ware Arbeitskraft muß von dem anthropologischen Sinn der Vergegenständlichung lebendiger in to- ter Arbeit ausgehen. Denn der Entwicklungsstrang der Innovationen mündet durch die Krise der organisierten Arbeiterbewegung hin- durch in der Krise der Lohnarbeiterklasse. Die Frage stellt sich sohin nicht nur nach dem Kampf um Arbeits-, Lebens- und Verwertungsbedingungen, sondern nach der Organisati- onsform der Befreiung von Arbeit noch unter kapitalistischen An- eignungsverhältnissen. Im Folgenden möchte ich thesenhaft auf ein Szenario der Aufhebung der Reproduktionsnotwendigkeit qua Arbeit eingehen: a) Die Akkumulation entwickelt eine Selbstaufhebungstendenz über den Arbeitsmarkt hinaus. Die organische Zusammensetzung des Kapi- tals steht in umgekehrt proportionalem Verhältnis zum Einsatz le- bendiger Arbeit. b) Die Akkumulationslogik endet bei einer organischen Zusammen- setzung gegen 100%: Die Produktivkräfte stehen in irreparablem Widerspruch zu den Produktionsverhältnissen. c) Auf dem Weg zu diesem Explosionspunkt scheidet das Kapital re- lativ unproduktive Kapitalien und Produktivkräfte aus dem Produk- tionszusammenhang aus: hier befindet sich der Ort der Umvertei- lungskämpfe, des Kampfes um Arbeitsbedingungen usf. d) Die Mehrwertschöpfer befördern durch ihr bloßes Dasein in der Produktion die Akkumulationsapparatur ohne bewußten dysfunktiona- len Willensakt in die Funktionsunfähigkeit. e) Wenn die kapitale Logik der Verortung gewinnträchtiger Produk- tionsoptionen keine Anlagemöglichkeiten mehr findet, verweigert sie den Einsatz von Produktivvermögen: Die Annahme, trotz Dequa- lifizierung und Entwertung von Arbeitsvermögen würden diese wie in einem Nullsummenspiel immer an anderer Produktionsstelle zum Vorschein kommen, ist falsch. f) Aneignung von Mehrwert ist Aneignung von Lebensarbeitszeit: Kapitalismus ist im Kern Z e i t ö k o n o m i e. Die Verge- sellschaftung der "Kapitalumschlagszeit" verdrängt die menschlich adäquaten Zeitverhältnisse. Die Antizipation einer anderen Zeitorganisation als derjenigen der materiellen Produktion unter Rationalitätskriterien stellt sich der Arbeiterbewegung als eine zentrale utopische Frage: Weil die in der toten Arbeit vergegenständlichte Zeit die lebendige Zeit auf eine gesellschaftlich irrelevante Größe reduziert, muß ein Lebenszeit/Produktivitätsbegriff außerhalb der Kapitalverwer- tungslogik entwickelt werden. g) Die menschliche Arbeitskraft erscheint als etwas dem k a p i t a l i s t i s c h e n Verwertungszusammenhang a priori Gesetztes, menschliche Arbeit als ahistorische-zeitlose Katego- rie. h) Die der Masse der Arbeitenden verlustig gegangenen Qualifika- tionen sind substantiell in die Maschinen/Automaten eingegangen, werden gesellschaftlich und nicht betrieblich wegrationalisiert, historisch-zwangsläufig in der sozialen Logik der Privateigen- tumsverkehrsform und nicht reaktiv-konjunkturell entwertet. II. Diese Eckpunkte hat eine Gewerkschaftsstrategie in ihrer Ausrich- tung auf eine humane und demokratische Gesellschaftsform einzube- ziehen, will sie nicht von der Gewalt der Akkumulationslawine er- drückt werden: Die Befreiung von notwendiger Reproduktionsarbeit endet in der Möglichkeit der Übertragung der physischen Reproduktion auf den Automaten und eröffnet die Möglichkeit für kulturelle, psychoso- ziale und politisch-gesellschaftliche Arbeit. Ein Ende der Lohnarbeiterklasse ist daher programmiert. Die Frage stellt sich bloß in Richtung der sozialen Konsequenzen der Aufhebung der Arbeitsnotwendigkeit: Die reelle Enteignung der Ar- beitsvermögen muß nicht destruktiv sein. Lohnarbeitslosigkeit stellt keine konjunkturelle Erscheinung, sondern Zweckbestimmung der Privateigentumsgesellschaft dar. Eine Politik der Sozialver- träglichkeit neuer Technologien, der Lohn- und Arbeitszeitkämpfe allein greift hier zu kurz: Der "Zielhorizont" der Arbeiterbewe- gung darf sich nicht mit demjenigen der Produktionsmitteleigner decken. Ein Insistieren auf das Recht auf Arbeit (Lohnarbeit!) muß in Konsequenz davon ausgehen, daß immer umzuverteilende Arbeit, ab- strahiert vom konkurrenzbedingten Produktionsniveau, vorhanden ist. Dies halte ich für eine nur begrenzt effektive Überlegung: Weil es den Menschen anthropologisch vorherbestimmt ist, von re- produktiver Mühsal durch die eigenen Arbeitsvermögen befreit zu werden, dieser Sinnzusammenhang jedoch nur deformiert an die ge- sellschaftliche Oberfläche kapitalistischer Ökonomien treten kann, muß es neben anderen Bemühungen ein Ziel der abhängig Ar- beitenden sein, der Reproduktions-Entfremdungs-Mühle auch unter kapitalistischen Verhältnissen zu entkommen. Selbstverständlich stellt dies unter den existierenden Rahmenbedingungen gesell- schaftlicher Arbeitsteilung nur e i n e Zieloption dar. Dieser Entwurf einer lohnarbeitsfreien Produktion und Gesell- schaft noch in der Hülle der überkommenen könnte sich neben den Strategemen: a) Koppelung von Arbeitszeit und Produktivität, Produktionsaus- stoß und Reallohn b) Aufhebung taylorisierter Arbeitsteiligkeit c) sozialverträgliche Einführung neuer Technologien d) Verbesserung der Reproduktionsbedingungen der Arbeitsvermögen e) Verrechtlichung der Lohnarbeits- und Sozialleistungssphäre f) Recht auf Arbeit und Recht auf Beschäftigung insbesondere auf zwei Momente konzentrieren: 1. Durchsetzung eines Mindesteinkommens in Form einer Sozialdivi- dende, eines Mindestlohnes, gesellschaftlicher Teilhaberrechte u.a.m.: Gerade eine Entkoppelung von Arbeit und Einkommen wäre entgegen allen "inhumanen depravierenden Degenerationserscheinun- gen akkumulatorischer Anarchie" eine Entschärfung des Diszipli- nierungszusammenhanges der Arbeitslosigkeit. Weil ein Soziallohn die sozialstrukturelle Homogenität stabilisiert, welche Voraus- setzung demokratischer Politik ist, muß die Arbeiterbewegung ihr vitales Interesse an gesellschaftlicher Integration artikulieren. Eine Einbeziehung der Nicht-Lohn-Arbeit in das politische Spek- trum der Gewerkschaften auf der Grundlage der Einsicht, daß Lohn- arbeit ein zeitlich beschränkter Zustand ist, bietet Optionen der Humanisierung kapitalistischer Verhältnisse. 2. Aufbau nicht - w e r t - orientierter Sektoren, welche von Produktivitätskriterien ausgehen, die über die materielle Produk- tions-Reproduktionssphäre hinausreichen. Dies betrifft im Kern all jene Bereiche, die aus der kapitalistischen Logik nicht fi- nanziert werden, die unter privatautonomen Prämissen gesell- schaftlich nicht organisiert werden können u.a.m. III. Die kapitalistische Krise stellt einen Disziplinierungszusammen- hang dar, welcher sich in einer Krise der organisierten Arbeiter- bewegung niederschlägt. Deren reduzierte gesellschaftliche Wirk- samkeit spiegelt sich im Verlust an Klassenbewußtsein, gewerk- schaftlichem Selbstverständnis als Konfrontationsorganisation und in einem Rückgang der Effektivität der Gegenwehr wider die de- struktiven sozialen Krisenlösungsfolgen marktwirtschaftlicher Um- verteilung. Je schärfer die Krisenbewegung, desto kompromißloser agieren auch die Verwalter der Kapitalinteressen, desto deutli- cher wird die Überakkumulations-Unterkonsumtions-Krise zu einer Krise der Arbeiterklasse in Form einer irreversiblen Freisetzung von Arbeitskräften, marginalisierten Sozialhilfeempfängern und dem Ausbreiten der Schattenwirtschaft. Wenn wir davon ausgehen, daß die Perspektive einer Systemtrans- formation aufgrund existierender Kräfteverhältnisse und gesell- schaftlicher Konfrontationslinien nicht realistisch ist und die Krisenlösungsmechanismen freigesetzte Arbeitskräfte aus dem Pro- duktionsprozeß überhaupt verdrängen und dadurch die sozialstruk- turelle Substanz der Arbeiterklasse verdünnen, stellt sich die Frage nach der Zielbestimmung der Arbeiterbewegung: Nicht perspektivisches Verharren im entfremdeten Lohnarbeitspro- zeß, sondern nur ein Übergreifen auf die Sphäre des Nicht-Repro- duktionsnotwendigen-Materiellen, auf alle Lebensbereiche, die dem privateigentümlichen Sinnzusammenhang nicht subsumierbar sind, auf all jene Bewegungen, die bereits aus dem Produktionsprozeß ausgegliedert sind oder sich der Markt-Logik entziehen wollen, kann langfristig Systemveränderungsperspektiven konkretisieren. Die Frage nach der Krise der Lohnarbeiterklasse ist eindeutig zu beantworten: Sie ist dem Kapitalverhältnis "genetisch" eigen. Aufgabe der Arbeiterbewegung kann es sein, die Grundlagen der Ar- beit, deren Erscheinungsformen und Bestandteile, für eine künf- tige, die wirklichen Bedürfnisse befriedigende, Gesellschaft zu präparieren. _____ 1) Ich beziehe mich hier kritisch auf Lothar Peter, Krise der Ar- beiterklasse? Krise der Arbeiterbewegung?, in: Marxistische Stu- dien. Jahrbuch des IMSF 6, 1983, S. 21 ff. Rudolf Hickel "Zukunft der Arbeit" - Thesen zur Auflösung eines Schlagworts ------------------------------------------------------------- 1. Zukunft der Arbeit - Zukunft des Produktionssystems ------------------------------------------------------ Unter dem neuentdeckten Formelkompromiß "Zukunft der Arbeit" wer- den diffus-unterschiedliche Konzepte einer alternativen Gestal- tung der Arbeitsgesellschaft in Abgrenzung gegenüber dem realen System, das durch die Krise und Massenarbeitslosigkeit gekenn- zeichnet ist, mittlerweile gehandelt. Die Konzepte umfassen un- terschiedlichste Zielsetzungen. Sie reichen von einer intensi- vierten keynesschen Wirtschaftspolitik, die innerhalb der exi- stenten Strukturen von Staat und Wirtschaft Problemlösungen an- strebt, bis zu der Forderung nach dem Ausstieg aus der Erwerbsar- beit. Um die Herausforderungen an eine Neugestaltung von Wirt- schaft und Staat jedoch richtig zu lokalisieren, ist es daher ge- boten, über die Zukunft des P r o d u k t i o n s s y s t e m s und der damit verbundenen Organisierung der Arbeitsgesellschaft unter dem Ziel humaner Lebens-, Arbeits- und Umweltverhältnisse zu streiten. Wenn man so will, die Frage an dieses Zukunftskon- zept lautet: Warum, wann, wie lange, für wen, für was und unter welchen Bedingungen wird gearbeitet? Nimmt man diese Fragen als Prüfkriterien gegenüber dem aktuellen Produktions- und Verteilungssystem bzw. Beschäftigungssystem, dann fällt auf, daß das Thema "Zukunft der Arbeitsgesellschaft" durch Unternehmerverbände und konservative Parteien überhaupt nicht konzeptionell diskutiert wird. Zentral ist hier die Frage nach den Wachstumschancen der kapitalistischen Wirtschaft, d.h. Ausbau der Gewinnmöglichkeiten. Menschliche Arbeit, in Form von Erwerbsarbeit und in zunehmendem Maße auch in Form von Massenar- beitslosigkeit "genutzt", steht nicht im Zentrum. Sie ist Mittel zum Zweck gewinnrentabler Produktion; diese definiert das Ausmaß der Arbeit, die Arbeitsbedingungen, aber auch die Nichtarbeit, d.h. die Arbeitslosigkeit. Ähnlich wie die Natur und Umwelt sowie die Art der Bedarfsbefriedigung steht die menschliche Arbeit als Mittel kapitalistischer Produktion unter der Regie gewinnwirt- schaftlicher Anforderungen. Wenn wir also über die Zukunft der Arbeit diskutieren, dann müs- sen wir über die Aussichten menschlicher Arbeit im heutigen Wirt- schafts- und dem darauf abgebildeten Politiksystem sprechen. Die Antwort muß im Kontext dieser konzentrierten Thesenpräsentation kurz ausfallen, wenn auch damit nicht die Aufgabe, diese immer wieder zu begründen, bagatellisiert werden soll: Die kapitalisti- sche, hochmonopolisierte Industriegesellschaft und der durch sie determinierte Umgang mit menschlicher Arbeit hat keine Zukunft, wenn man sich diesen Begriff für gesellschaftlichen Fortschritt reserviert und Zukunft nicht auf den Prozeß zeitlicher Vertiefung ökonomischer und damit auch politischer Krisen eingeschränkt wird. 2. Kapitalismus in der Dauerkrise --------------------------------- Mit Blick auf entscheidende Begriffe der Diskussion über Alterna- tiven lassen sich Lage und Entwicklungsaussichten des gegenwärti- gen Systems wie folgt beschreiben: 1. Der Streit um reformpolitisch bzw. ökologisch gewolltes Null- oder gar Minus Wachstum, als Resultat einer berechtigten Kritik am kapitalistischen Wachstumstyp, ist durch die Realität kampflos überrollt: Das Wirtschaftssystem befindet sich auf die mittlere Frist in einer hartnäckigen Phase der Stagnation. Darüber kann die konjunkturelle Besserung in den beiden letzten Jahren nicht hinwegtäuschen. Global offenbart sich ein "Schrumpfkapitalismus" als Ergebnis der gewinn wirtschaftlichen und politischen Steue- rung mit allen negativen Konsequenzen für die Beschäftigungs- und Sozialabhängigen. Strukturell läßt sich eine massive Verschiebung von der Zivil- zur Rüstungswirtschaft bei Austrocknung der für die Lebensver- hältnisse wichtigen individuellen und sozialen Konsumtions- möglichkeiten materieller und immaterieller Art feststellen. Die über Krisenprozesse durchgesetzte Entindustrialisierung schreitet voran; ökonomische Regionen werden zu Lasten der dort lebenden Menschen zerschlagen (vgl. Ruhrgebiet oder die Küste). 2. Die Ausweitung der Massenarbeitslosigkeit bildet das Resultat des systemendogenen Prozesses schrumpfenden Kapitalismus': Es findet gewinnwirtschaftliche Rationierung menschlicher Arbeit statt. Arbeit ist nicht knapp, sie wird überflüssig gemacht. Das ökonomische System vermag immer weniger Erwerbsarbeit zur Verfü- gung zu stellen. Dieser Ausschluß aus dem Erwerbsleben bildet den auf die Spitze getriebenen Ausdruck abhängiger Beschäftigung, denn sie drückt sich auch im Zustand, überhaupt keine Arbeit - mit allen ökonomischen, sozialen und psychologischen Konsequenzen - zu haben, aus. Während aber die Arbeitslosigkeit voranschrei- tet, verändern sich die Bedingungen der (noch) in Erwerbstätigkeit Verweilenden. Die Arbeitslosigkeit wird als Instrument der Disziplinierung in den Betrieben, den Tarifverhandlungen, aber auch der Politik ge- nutzt. So erklärt sich sicherlich auch die hartnäckig anhaltende Arbeitslosigkeit, deren Bekämpfung eben nicht von allen Parteien und Interessengruppen ernstgemeint ist. Ihr kommt die Funktion zu, die Definitionsmacht der Unternehmen bei der Festlegung der Arbeits- und Entlohnungsbedingungen im Sinne der Reintegration von Arbeitslosen einzig und allein - vor allem gegen gewerk- schaftliche Interessen - auszuüben. Die Lage der Beschäftigten und der Arbeitslosen bestimmt sich aus ein und demselben ökonomischen Steuerungsmechanismus; sie erleben in unterschiedlicher Intensität die Folgen ihres Abhängigkeits- status. 3. Die Wirtschafts-, Sozial- und Haushaltspolitik steht immer deutlicher im Dienst des "Schrumpfkapitalismus", und das heißt vor allem: Arbeitsplatzvernichtung bei massivem Sozialabbau. Ex- pansion nach außen, d.h. Stärkung weltweit agierender Unterneh- menskonzerne bei Austerität nach innen, bildet das Kernkonzept einer Politik, die vom Sparen und Opferbringen spricht, aber eben die Opfer der Krise, die Arbeitslosen, die Nochbeschäftigten, Rentner, Sozialabhängigen, Kranken usw. zur Finanzierung monopo- listischer Gewinnsteigerung heranzieht. Durch die Haushaltsoperationen '82-'84 fehlen in diesem Jahr ca. 70 Mrd. DM Einkommen bei den abhängig Beschäftigten, Rentnern, Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängern, Müttern, Kranken etc. Der Kern der politischen Wende besteht jetzt im Abbau sozialer und kollektiver Schutzrechte der Abhängigen. Nach dem Sozialabbau in Mark und Pfennigen vollzieht sich neuerdings die "haushalts- neutrale" Rechts-Wende. Durch monetären Sozialabbau hat sich die akute Not bei den Betroffenen erhöht: Die Bereitschaft zur Anpassung an unternehmerische Bedingungen ist zwangsläufig gestiegen. Das ist die Ausgangsbasis für eine Flexibilisierung, wie sie das sog. Beschäftigungsförderungsgesetz bewirken will. Durch Abbau der internen Personalreserven nimmt darüber der Rück- griff auf die externen Reserven - die Arbeitslosen - unter Ver- schlechterung ihrer Arbeits- und Tarifbedingungen zu. Die Stabi- lisierung der Massenarbeitslosigkeit bei Differenzierung der Be- legschaften gegenüber dem Normalarbeitsverhältnis in Leih- und Zeitarbeiter, Beschäftigte auf Abruf und auf geteilten Ar- beitsplätzen nimmt zu. Die Politik im Dienste der Wende nutzt die Massenarbeitslosigkeit und die Armut zum Ausbau der Unternehmer- macht durch Entrechtung der Arbeit. 3. Prinzipien einer Alternativökonomie -------------------------------------- Diese Kurzbeschreibung der katastrophalen Krisenwirkungen eines "Schrumpfkapitalismus" gibt die Ansatzpunkte für eine Alternativ- ökonomie ab. Dazu sollten drei Anfragen, die sicherlich nicht un- umstritten sind, aber die offene Diskussion provozieren, gestellt werden. 1. Massenarbeitslosigkeit, Sozialabbau und Umweltzerstörung - er- gänzt durch die wachsende Gefahr militärischer Menschheitsbedro- hung - können nicht auf separaten Wegen, die sich gar noch kreu- zen, bekämpft werden. Obwohl vermutlich massiv trivial: Es wäre verhängnisvoll, würde nur die ökologische Krise ohne Rücksicht auf die Massenarbeitslosigkeit oder gar unter der Inkaufnahme ihres Anstiegs bekämpft bzw. die Arbeitslosigkeit ohne Berück- sichtigung der Ökologie. Das gilt für die Ziele Verhinderung des Sozialabbaus und Realisierung der Abrüstung in gleicher Weise. Partialstrategien auf der Basis unterschiedlicher Konzepte sind deshalb fatal, weil die Krisenfolgen letztlich aus ein und dem- selben obwaltenden Prinzip der unternehmerischen Gewinnlogik, auf das sich konservative Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik be- zieht, resultieren. Positiv gewendet ist verlangt, die Bedingun- gen zu schaffen, die auf der Basis einer gebrauchswertorientier- ten Produktion humane Arbeitsplätze sichern, das Sozialsystem ga- rantieren, die Konversion der Arbeit aus der Rüstungsproduktion in alternative Produktion ermöglichen und die Wiederherstellung und Sicherung vernünftiger Umweltanforderungen zulassen. 2. Eine Alternativstrategie hat in der Sache und politisch nur dann eine ernsthafte Chance, wenn sie zwischen l a n g f r i- s t i g e n Z i e l v o r s t e l l u n g e n, die unbedingt in Konturen ausdiskutiert werden müssen, und den k u r z- f r i s t i g e n A n f o r d e r u n g e n über einen Brücken- schlag verfügt. Eine Alternativstrategie muß auch die Instrumente zur Bekämpfung der umfassenden Krisenwirkungen verfügbar haben, so daß Schneisen in Richtung des Alternativkonzepts geschlagen werden können. Was Intellektuelle sich am Schreibtisch erlauben können und auch seinen Sinn haben kann, nützt der politischen Bewegung kaum; sie kann sich auf Utopien, die nicht über den k o n k r e t e n A n s c h l u ß v e r f ü g e n, nicht einlassen. Dazu zwei zweifellos plakative Anfragen: Was nützt uns die so wichtige Diskussion über die Umwandlung der Rüstungs- in vernünftige Zivilproduktion, wenn nicht hie et nunc die Statio- nierung von Mittelstreckenraketen, die jegliche Alternative weg- bomben können, rückgängig gemacht wird? Oder aber was nützt uns die Diskussion über die Zukunft der Arbeitsgesellschaft, wenn es uns mit dieser nicht zugleich gelingt, die Massenarbeitslosig- keit, die zu politischen Verhältnissen führen kann, die jegliche Arbeit am Fortschritt unterdrücken, hie et nunc abzubauen? Damit geht es nicht um ein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-Als auch, wobei natürlich die kurzfristigen Maßnahmen innerhalb eines Gesamtkonzepts ausgewiesen sein müssen. Und das heißt, die Dis- kussion muß auf die Ausrichtung und Steuerung des Produktionssy- stems i.w.S. ausgerichtet werden. 3. Das Konzept einer Alternativökonomie, das lehrt uns die die Außen- und Innenwelt ergreifende Krise, muß g e s a m t- g e s e l l s c h a f t l i c h angelegt werden. Damit spreche ich einen zentralen Punkt der Kontroverse um die richtige Alternative an. Meine Argumentation zielt auf die Gefahren ab, die sich für die Alternativdiskussion unter dem Stichwort "Zukunft der Arbeit" ergeben, wenn es zu einer scharfen Dichoto- misierung der heutigen Ökonomie kommt und sich die Alternativ- strategie auf den sog. "informellen Sektor" bei Vernachlässigung des "formellen Sektors" konzentriert. Das Konzept einer D u a l w i r t s c h a f t steht im Zentrum verschiedener Vorschläge der grün-alternativen Diskussion. Im gängigen Sprachgebrauch ist der "formelle Sektor" der Bereich, wo gegen Verkauf der Ware Arbeitskraft Lohn-und Gehaltseinkommen er- zielt wird, die Regeln des Verkaufs durch Tarifverträge prinzipi- ell festgelegt sind. Der gesellschaftlich gewollte informelle Be- reich - damit ist nicht die jetzt existierende Hausfrauenarbeit und Schwarzarbeit gemeint - ist frei von solchen erwerbsspezifi- schen Vertragsverhältnissen: Eigenarbeit, Freundes- und Nachbar- schaftshilfe sowie Formen "neuer Selbständigkeit" (Vonderach) in Projekten der Alternativproduktion und -Distribution dominieren. Hier steht der Wunsch nach Selbstbestimmung der Fremdbestimmung unter hierarchischen Verhältnissen gegenüber. Zwei Linien, die begründen, warum sich die Zukunft der Arbeit vor allem in diesem informellen Sektor abspielen soll, will ich hier angeben und kritisieren. Zum einen geht die pessimistische Vari- ante davon aus, daß der harte formelle Sektor machtpolitisch nicht angegangen werden kann und deshalb sich die soziale Phanta- sie auf den Restbereich, den "informellen Sektor" zu konzentrie- ren habe. Zum anderen wird dieser Pessimismus nicht geteilt und deshalb behauptet, per Erosionsprozeß könne der Ausbau der selbstbestimmten Aktivitäten auf die Veränderung des streng hier- archisch-profitwirtschaftlichen Produktionssystems zurückwirken. Diese äußerst spekulativen Ansätze einer R e s i d u a l - A l t e r n a t i v s t r a t e g i e halte ich für nicht trag- fähig. Dies erklärt auch das dann berechtigte M i ß t r a u e n d e r G e w e r k s c h a f t e n gegenüber der Alternativ- diskussion. Zweifellos, die Aktivitäten außerhalb des Bereichs der Lohn- und Gehaltsarbeit sind - für die Gestaltung der Zeit außerhalb dieser Erwerbsarbeit - wichtig; sie gewinnen mit dem fortschreitenden Prozeß der Arbeitszeitverkürzung an Relevanz. Auch läßt sich hier schöpferische soziale Phantasie entwickeln. Solange diese Aktivitäten unter Vernachlässigung ihrer Beziehun- gen zum formellen Sektor bzw. bei dessen Tabuisierung zum Herzstück einer "Zukunft der Arbeit" erklärt werden, sind er- hebliche Zweifel anzumelden. Diese Kritik bezieht sich auf folgende Punkte: - Eine alternative Arbeitsgesellschaft muß gerade darauf ausge- richtet werden, die Entfremdung durch Demokratisierung im Bereich der traditionellen Erwerbswelt abzubauen, um dazu beizutragen, daß Industriearbeit existieren, aber diese selbst unter humanen Bedingungen vollzogen werden kann. Sie kann diese nicht sozusagen links alternativ liegen lassen, vor allem, wenn man sieht, daß industrielle Arbeit auch in einem Alternativentwurf einen ent- scheidenden Platz haben muß. Hier kommen die Forderungen jener Alternativbewegung ins Spiel, die wir aus der Geschichte der Ar- beiterbewegung kennen und die sich in den Gewerkschaften wieder- finden: Schaffung tariflicher und arbeitsplatzspezifisch vernünf- tiger Arbeitsverhältnisse, Ausbau der Mitbestimmung, Demokrati- sierung der Wirtschaft zur Zurückdrängung der Unternehmensmacht, Vergesellschaftung, gesamtwirtschaftliche Veränderung der Ent- scheidungsverhältnisse (Strukturräte etwa) sind die Instrumente für diesen Bereich. - Weiterhin ist unübersehbar, daß sich der informelle Sektor in finanzieller Abhängigkeit vom Bereich traditioneller Wertschöp- fung befindet. Noch ist die Entfaltung im informellen Sektor großteils von den im formellen Sektor definierten Einkommensver- hältnissen abhängig. Der finanzstarke neue, alternativ-orien- tierte "Mittelstand" (Rechtsanwälte, Lehrer, Hochschullehrer, Journalisten usw.) tritt als Nachfrager auf. Dem Industriearbei- ter bleibt wegen der Arbeitszeit und den Lohnverhältnissen der Zugang noch versperrt. Novy hat in seinen reformarchäologischen Untersuchungen immer wieder die Frage betont, wie Alternativpro- jekte im Sinne des finanziellen Kreislaufs geschlossen werden können. Soweit aber die finanziellen Abhängigkeiten existieren, kann dieser Sektor immer nur insularen Charakter beanspruchen. Die Arbeit wird informell und formell segmentiert. In einem so dann politisch bagatellisierten formellen Bereich nimmt durch Ko- stensenkungspolitik über Rationalisierung für die Belegschaften der Grad der Entfremdung zu, um zugleich von hier aus die materi- ellen Bedingungen für die selbstbestimmte Arbeit im informellen Sektor zu verbessern. Das zeigt, daß es einer Neuorganisation der Arbeit in allen Be- reichen bedarf. Aber auch für Produktionsprojekte im informellen Bereich wird es, wenn sie eine bestimmte Größe haben, darauf an- kommen, tarifvertragliche und andere Schutzrechte zu sichern. Es darf kein Sektor entstehen, der Schutzrechte nicht kennt und da- mit vor-soziale Bedingungen der Arbeit reetabliert. Schließlich lassen sich hier auch die gelegentlich schon von Marktradikalen beäugten Chancen einer K o m m e r z i a l i s i e r u n g bzw. einer Überlebensfähigkeit des Marktes, wenn auch noch im Schatten der regulierten Wirtschaft, nennen. - Kleine Netze müssen mit großen Netzen vermascht werden. Wir se- hen doch, daß gerade die Aufknüpfung des sozialen Netzes dazu führt, daß kleine Netze ("Eigenverantwortung") gefordert werden und dies zu einer Aushöhlung gesamtwirtschaftlicher Finanzie- rungsverantwortung führt. Die Ziele des sozialen Wohlfahrtsstaa- tes der Zukunft müssen staatlich garantiert werden; ihre organi- satorische Einlösung läßt sich allerdings über unterschiedlich- ste, bürgernahe Modelle der Selbstbestimmung realisieren. Die soziale Auffangfunktion der "Eigenwirtschaft" gegenüber dem Marktsystem hat kein Geringerer als Walter Eucken etwa in seinen "Grundsätzen der Wirtschaftspolitik" (posthum 1952, geschrieben in den vierziger Jahren) festgehalten: "Neben ihr (der Marktform der vollständigen Konkurrenz; R.H.) soll und wird die Eigenwirt- schaft (einfache zentralgeleitete Wirtschaft) eine weitverbrei- tete Ordnungsform sein. Angesichts der außerordentlichen Schwie- rigkeit, die moderne arbeitsteilige Wirtschaft zureichend zu ord- nen, ist es wesentlich, daß die eigenwirtschaftlichen Elemente durch die Wirtschaftspolitik gepflegt werden. Dadurch werden die Menschen unabhängiger vom Markt und haben in Notzeiten eine ge- wisse Sicherung. Da aber die Eigenwirtschaft zur Lenkung des in- dustriell-arbeitsteiligen Wirtschaftsprozesses ungeeignet ist, kann sie insgesamt nur eine ergänzende Ordnungsform sein" (S. 155). "Es wurde schon gesagt, daß eigenwirtschaftliche Elemente eine Ergänzung der Wettbewerbswirtschaft bilden. Hier wie auch sonst sollte der Mensch in die Lage versetzt werden, sich not- falls aus eigener Kraft zu helfen" (S. 183). Ergänzungsfunktion zur Marktwirtschaft und die Aufgabe der Entlastung des Sozialsy- stems, das im Ordoliberalismus Akzeptanz findet, stehen im Vor- dergrund. 4. Stichworte zu den Forderungen einer alternativen Ökonomie ------------------------------------------------------------ 1. Entwickelt werden muß eine Vorstellung über eine produktive Basis, die insoweit qualitativen Anforderungen entspricht, als ökologische, soziale und arbeitsplatzspezifische Kriterien be- rücksichtigt werden. Die Grenzen des Wachstums, die sich jetzt angesichts der Stagnationsphase zu zeigen scheinen, bilden keinen Anhaltspunkt für einen qualitativen Wachstums- und Entwicklungs- typ, bei dem auch die Umverteilung der Produktion von der Rü- stungs-zur Zivilwirtschaft im Vordergrund steht. W a s w i e f ü r w e n w a c h s e n s o l l, das muß einem bedarfsori- entierten Entscheidungsprozeß überantwortet werden. Das ist der Kerngedanke, der sich mit der Forderung nach einem qualitativen Entwicklungstyp verbindet. Voraussetzung dafür ist jedoch der Ausbau demokratisierter Entscheidungsstrukturen, innerhalb derer sich der Gebrauchswert der Produktion Geltung verschaffen kann. Durch Veränderung der Produktionsformen über Mitbestimmung und Demokratisierung müssen gebrauchswertorientierte Produktionsmu- ster gesichert werden. Diese prinzipielle Orientierung macht es möglich, gegenüber der Massenarbeitslosigkeit, der Umweltzerstö- rung und dem Sozialabbau kurzfristig eine alternative Wirt- schaftspolitik umzusetzen. Die gewerkschaftliche Forderung nach gebrauchswertorientierten öffentlichen Investitionsprogrammen in gesellschaftlichen Mangelbereichen weist in die richtige Rich- tung. Wer Energie einsparen will, der braucht enorme, politisch kon- trollierte Produktionsanstrengungen in diesem Gebiet (Recycling, Fernwärme, regenerative Energie). Wer bessere Lebens- und Umwelt- verhältnisse will, der kann nicht zusehen, wie durch die Krise Produktionskapazitäten, die für diese Aktivitäten genutzt werden können, zerschlagen werden. Darauf zielt eine kurzfristige, öko- logisch verträgliche Beschäftigungspolitik, die auf die Versöh- nung von Ökologie und Ökonomie zielt und auch richtige Investiti- onsfelder schafft. Über die öffentlichen Haushalte müssen die Fi- nanzmittel auf diese Ziele bei entsprechender Umstrukturierung der Ausgaben umgeschichtet bzw. mobilisiert werden (Ergänzungs- abgabe; Ausbau der Gewinnbesteuerung etc.). 2. Schon auch deshalb, weil eine Strategie qualitativen Wachstums allein Vollbeschäftigung nicht sichern kann, bedarf es einer ak- tiven Politik der Arbeitszeitverkürzung. Dies ist der gesell- schaftliche Sinn des technischen Fortschritts: Teilhabe der ab- hängig Beschäftigten durch Umverteilung der Arbeit (Arbeitszeit- verkürzung) und Umverteilung der Einkommen, die die Konzentration der Rationalisierungsgewinne bei den Unternehmen auflöst. Öko- nomische Gründe sprechen für einen vollen Lohnausgleich bei der Arbeitszeitverkürzung. Wenn die Arbeitszeitverkürzung - so etwa fordert es zu Recht ein großer Teil der Gewerkschaftsbewegung - den Spielraum für alternative Eigenarbeit in der Freizeit erweitern soll und diese eben gerade nicht entlohnt wird, dann muß man einen vollen Lohnausgleich fordern. Ansonsten bleibt die alternative Entfaltung gegenüber der Erwerbsarbeitszeit von den Einkommensverhältnissen abhängig, und der Industriearbeiter etwa kann nicht teilnehmen bzw. wird - wegen Reallohnsenkung und Sozialabbau - in die Schwarzarbeit abgedrängt. 3. Gerade die Arbeitszeitverkürzung macht es erforderlich, die Förderung von Aktivitäten außerhalb der Erwerbsarbeit voranzu- treiben, denn nur so kann einer geisttötenden Kommerzialisierung der Freizeit entgegengewirkt werden. Bei gesamtgesellschaftlicher Garantierung von Wohlfahrtszielen lassen sich neue Organisations- formen zu deren Realisierung diskutieren. Die Zukunft der Arbeit wird dann nur Zukunft haben, wenn sich eine Strategie der Alternativökonomie auf alle Bereiche der Pro- duktion ausrichtet und damit humane Lebens-, Umwelt- und Arbeits- verhältnisse geschaffen werden. Unter dieser Zielsetzung ergänzen sich Gewerkschafts- und Umweltbewegung; sie stehen sich nicht un- vermittelbar gegenüber, sondern verbinden sich. Angelina Sörgel Liegt die Zukunft der Arbeit in der Eigenarbeit? ------------------------------------------------ Innerhalb der neuen sozialen Bewegungen werden Krise und Arbeits- losigkeit häufig auch als Chance für einen kulturellen Neubeginn betrachtet: Der "Industriearbeit" 1) wird der emanzipative Cha- rakter der Arbeit als schöpferische Potenz des Menschen, die ihn als Gattungswesen bildet und auch jede individuelle Persönlich- keit formt, abgestritten. 2) Ebermann/Trampert, die sich vieler sozialer Fragen der Gegenwart engagiert und überzeugend annehmen, entwerfen zu diesem Zweck ein völlig romantisches Bild der Ge- schichte der Industriearbeit: Dem vermeintlich komplexen Wissen und Arbeitsalltag eines bäuerlichen Webers 1783 in England wird der Industrialisierungsprozeß als ein Prozeß der Isolierung und Verkümmerung der Fähigkeiten des einzelnen Arbeiters im Gefolge der Arbeitsteilung gegenübergestellt. 3) In der englischen Woll- industrie Ausgang des 18. Jahrhunderts waren, wenn man so will, Arbeit und Leben vereint, aber unter der absoluten Herrschaft des Verlegers: Die Arbeit fand zu Hause statt, dauerte den ganzen Tag und erfaßte die gesamte Familie. Vergleichbar mit dieser Fehlinterpretation ist auch die Darstel- lung der Geschichte der Frauenarbeit durch Anke Wolf-Graaf, die über ihrer historischen Pionierarbeit - der Analyse der Vielfalt und gesellschaftlichen Anerkennung der bürgerlichen und aristo- kratischen Frauenarbeit im Mittelalter in Zünften und Klöstern - die Mehrheit der gesellschaftlichen Arbeitsverhältnisse im Feuda- lismus aus den Augen verliert - nämlich die Landwirtschaft, in der die Frauen des arbeitenden Volkes die schlechteste, härteste und am wenigsten anerkannte Arbeit verrichteten. 4) Dem gegenübergestellt wird in der Mehrzahl "Eigenarbeit" im "informellen Sektor", Selbsthilfe in alternativen Projekten oder auch, von einer öko-sozialistischen Minderheit, industrielle Ar- beitsformen, die, selbstbestimmt und schöpferisch verlaufend, die menschliche Persönlichkeit nicht verstümmeln, sondern entfalten, die Natur nicht zerstören, sondern schonen sollen. Das Spektrum der Vorschläge reicht dabei von der "balancierten Dualwirtschaft" (4-5 Stunden im formellen Sektor der industriellen Arbeit, 5-6 Stunden Haus- und Konsumarbeit, 6-7 Stunden Freizeit in einem pluralistischen Nebeneinander der Sektoren) 5) bis zur "grünen Gewerkschaftspolitik", die "den Kampf um eine gesicherte Versorgung mit der qualitativen Veränderung der Produktion, der Arbeitswelt und der Produkte selbst verknüpft". 6) Die Idee der historischen Vorwegnahme von Arbeitsformen vor einer Veränderung der Produktionsverhältnisse ist der Arbeiterbewegung nicht fremd. Die Selbsthilfe- und Genossenschaftsbewegung hat als dritte Säule der Arbeiterbewegung z.T. überzeugende Formen alter- nativer Produktion bzw. Verteilung hervorgebracht - allerdings nur dort, und solange, wie ein klares Bewußtsein ihrer Lage vor- herrschte. 7) Ihr Beitrag bestand, neben dem unmittelbaren mate- riellen Zweck, vor allem in der Entwicklung der Kultur der Arbei- terbewegung: "Vorbildliche" Arbeitsbedingungen gegenüber den pri- vatkapitalistischen Betrieben reklamierten die Produktivgenossen- schaften für sich; Sozialleistungen gratis für mittellose Mit- glieder stellten die Konsumgenossenschaften aus ihren Überschüs- sen bereit; Feste, Sport und andere Beiträge zur Entwicklung der Arbeiterkultur im engeren Sinn wurden von den Genossenschaften getragen. 8) Gesellschaftspolitische Impulse vergleichbarer Art sind vom alternativen Sektor nur zu erwarten, wenn es ihm ge- länge, Beispiele zu setzen, tatsächlich "Hierarchien und Ausbeu- tungsverhältnisse aufzuheben" und zu zeigen, "daß menschliche Be- dürfnisse sich in einer Verbindung von Arbeit als Notwendigkeit und einem ausbeutungsfreien Leben frei entfalten können, statt den Erfordernissen der jeweils zum Zweck der Kapitalvermehrung rentabelsten Produktionsmaschinerie unterworfen zu sein." 9) Wie ist es um vergleichbare Anstöße und Möglichkeiten von Arbeit au- ßerhalb abhängiger Beschäftigung heute bestellt? Zum Umfang der "Eigenarbeit" ---------------------------- Eine quantitative Schätzung des Sektors der Eigenarbeit gestaltet sich außerordentlich schwierig. Dabei kursieren z.T. Zahlen, die sein Ausmaß völlig überzeichnen. Ein beliebtes Verfahren ist es z.B., schlicht die gesamte Schattenwirtschaft unter dem Stichwort der Dualwirtschaft zu vereinnahmen. Dabei werden aber sozial und gesellschaftspolitisch völlig unterschiedliche Erscheinungen un- ter ein gemeinsames ideologisches Dach gezwungen. Mindestens un- terscheiden muß man statistisch zwischen Untergrundwirtschaft oder "Schwarzarbeit" (d.h. erwerbswirtschaftliche Arbeit mit Steuerhinterziehung, nicht verbuchte Umsätze, privater Verbrauch von Unternehmen, der als geschäftlich verbucht wird u.ä.m. sowie Wirtschaftskriminalität) und Selbstversorgungswirtschaft, d.h. Hausfrauenarbeit, Selbst- und Nachbarschaftshilfe, ehrenamtliche Tätigkeiten ohne Entgelt etc. 10) Eigenarbeit in den verschie- denen Definitionen der Autoren aus dem grün-alternativen Spektrum ist ein Teilausschnitt aus beiden - bezeichnet man Schattenökono- mie als "monetären Teil des informellen Sektors", 11) stellt man allerdings die Realität auf den Kopf! Während der Anteil der Un- tergrundwirtschaft insgesamt je nach Schätzverfahren zwischen 5 und 10% des BSP liegt, macht der der Selbstversorgung insgesamt, in Marktpreisen oder Arbeitseinkommen bewertet, zwischen einem Drittel und der Hälfte des offiziellen BSP aus. 12) Dabei nehmen offenbar beide seit den 70er Jahren zu; anders als in den dual- theoretischen Einschätzungen, die hier veränderte Wertvorstellun- gen am Werk sehen, deuten allerdings alle empirischen Ergebnisse darauf hin, daß die ökonomische und soziale Entwicklung in der Krise dafür ausschlaggebend ist: Bezahlte Freizeitarbeit leisten überwiegend Facharbeiter, angelernte Arbeiter und Landwirte, und zwar insbesondere die einkommensschwachen Gruppen; Selbstversor- gung weist einen eindeutig antizyklischen Verlauf auf, der auf ihren Einsatz zur Erhaltung des Lebensstandards trotz Einkommen- seinbußen hindeutet und auf neue Wertvorstellungen im Sinne einer Abkehr vom Konsumismus keinen Rückschluß erlaubt. Begrifflich sauberer für eine Beurteilung der Größenordnung des Alternativsektors sind Schätzungen der Alternativ-Projekte. Mar- lene Kuck hat eine solche vorgenommen, die von 14 000 Projekten mit rd. 104 000 Mitarbeitern ausgeht - davon 10 000 Projekte in sozialen Diensten mit 80 000 Beschäftigten und 4000 unmittelbar ökonomische Projekte mit 24 000 Beschäftigten. 13) Der Umfang der geschaffenen Arbeitsplätze liegt damit ungefähr auf der Höhe der durch ABM-Maßnahmen bereitgestellten (in 1984 71 000; mit Sicherheit treten hier aber Doppelzählungen auf). Be- schäftigungspolitisch ist das nicht irrelevant; gemessen an dem Anspruch, die Zukunft der Arbeit zu begründen bei rd. 29 Millio- nen Erwerbspersonen dagegen eine quantite négligeable. Der Wert der Alternativ-Ökonomie liegt daher bislang eher im kulturellen als im ökonomischen Bereich. Zum kulturellen Wert der Eigenarbeit ------------------------------------ Über die neuen Formen und Inhalte einer menschlicheren Arbeit ist viel gedacht, gesagt und geschrieben worden. Wesentliche Krite- rien waren vor allem: Selbstverwaltung und genossenschaftliches Eigentum; Aufhebung des Spezialistentums, der Trennung von Hand- und Kopfarbeit; Einheit von Arbeit und Leben; gleicher Lohn für alle nach dem - eingeschränkten - Bedürfnis; sinnvolle und ge- sellschaftlich nützliche Produkte. Inzwischen hat sich die Diskussion verschoben; sie kreist darum, an welchen Kriterien sich denn ein Alternativbetrieb festmachen läßt, nachdem auf allzu viele der erwünschten Wertmaßstäbe unter dem Druck der Verhältnisse verzichtet werden mußte. 14) Die un- sichtbare Hand des Marktes greift in Form wachsender Konkurrenz in den Sparten, wo Profite locken (Naturkost, Wolle u.v.a., auch Bücher), ein und zwingt häufig zu unternehmerischem Geschäftsge- baren innerhalb des Kollektivs und gegenüber den Klienten und Kunden. Die staatliche Subventionierung als Korrektiv des Marktes bleibt, gemessen an Betrieben vergleichbarer Größenordnung, aber anderer gesellschaftspolitischer Inhalte, unterdurchschnittlich: Alternativbetriebe sind nicht "förderungswürdig" 15) - vor allem, wenn keine Wahlen vor der Tür stehen. Die Selbstausbeutung in den Kollektiven ist in aller Munde; 63 Pfennig Stundenlohn oder wö- chentliche Arbeitszeiten von 50 bis 60 Stunden können selbst als extreme Varianten einer vom Idealismus getragenen Übergangsperi- ode nur schwer akzepiert werden. Sie führen in dem Moment zum ge- sellschaftspolitischen Rückschritt, wenn der völlige Verzicht auf gewerkschaftliche Schutzrechte und Einkommensansprüche am vorläu- figen Ende des Prozesses ein Kleinunternehmen zum Ergebnis hat, das sich auch nur am Markt orientiert. Nicht allein der quantita- tive Umfang des alternativen Sektors ist gering, auch sein kul- tureller Beitrag bleibt zweifelhaft, weil die Utopien sich allzu hart an der Realität reiben. Eine Sackgasse der Entwicklung also, die keine Perspektive für die Arbeiterbewegung bietet? Zum perspektivischen Stellenwert der Eigenarbeit ------------------------------------------------ Die Zukunft der Arbeit liegt sicher nicht in der Eigenarbeit. Aber der Kampf um Arbeit für alle wird sich langwierig gestalten und muß auf breite Grundlagen gestellt werden, die die Arbeitslo- sen miteinbeziehen und in denen auch neue Genossenschaften u.ä.m. ihren Platz haben könnten. Die Lösung des Problems liegt in der stärkeren Verbindung von neuen sozialen Bewegungen und Arbeiter- bewegung: Mit einem sozialen Umfeld, das die Nachfrage für alter- native Produkte und Dienstleistungen und so das ökonomische Fun- dament sicherstellt, könnte auch ein Alternativsektor Anstöße zur Politisierung der Bewegung und zur Entwicklung des gesellschaft- lichen Fortschritts liefern. Dazu müßten allerdings Entwicklungen in zwei Richtungen vorange- trieben werden: 1. Die rückschrittlichen und/oder reformistischen Tendenzen in- nerhalb der neuen sozialen Bewegungen müßten zurückgedrängt wer- den. Aus der Kritik am Wachstum hat sich inzwischen eine wirt- schafts- und sozialpolitische Variante entwickelt, die aus der ökologisch begründeten Ablehnung des Wachstums heraus auch die Ansprüche an die Sozialpolitik heruntersetzt - exemplarisch dafür etwa Huber 16) oder Guggenberger, der das Motto "Zeit statt Geld" aufstellt. 17) Auch das Argument der Finanzierbarkeit wird inzwi- schen viel häufiger ins Feld geführt 18) - Anklänge an sozialde- mokratische Positionen, die nicht wundern dürfen, wenn man sieht, daß auch die SPD bei der Analyse von "Arbeit und Umwelt" die Ei- genarbeit und die "solidarische Subsidiarität" entdeckt hat: "In kleinen, besser überschaubaren Einheiten all das zu leisten, was dort geleistet werden kann, und es nicht ohne Not der größeren, weniger oder nicht mehr überschaubaren Einheit zuzuschlagen. Sub- sidiarität heißt, den Hilfsbedürftigen zur Selbsthilfe zu befähi- gen, ihm Mitwirkung zu ermöglichen, der Spontaneität und der - auch unorganisierten - Menschlichkeit Raum zu lassen". 19) Der Sektor der Eigenarbeit und Selbsthilfe und die Ablehnung des Kon- sumismus sind hier nicht mehr Promotor neuer gesellschaftlicher Werte, sondern Trostpflaster für die Verdrängung aus dem Arbeits- leben, die Senkung des Lebensstandards und den Sozialabbau - Selbsthilfe im wahrsten Sinne des Wortes, weil Hilfe von anderer Seite nicht mehr erwartet werden soll. 2. Zum ändern müßte sich die Gewerkschaftspolitik stärker öffnen gegenüber ökologischen Problemen, gegenüber der Entwicklungsrich- tung des technischen Fortschritts, gegenüber Frieden und Abrü- stung, Hunger und antiimperialistischer Politik. Eine "grüne" Ge- werkschaftspolitik, wie sie Ebermann/Trampert in ihrem Buch skiz- zieren, ist eine richtige Forderung, wenn sie in einen klassenbe- wußten Zusammenhang gestellt wird. Entfremdung ist nicht völlig unabhängig von ihrer technologischen Basis. 20) Für eine technologische Veränderung in allen Branchen bedürfte es gesellschaftspolitischer Veränderungen. Der technische Fort- schritt bringt in vielen Bereichen der modernen Produktion wei- tere Intensivierung und Desintellektualisierung der Arbeit mit sich, eröffnet aber auch, vor allem durch die Verbindung der au- tomatischen Anlagen mit der elektronischen Datenverarbeitung, die Möglichkeit, der Arbeit vieler Menschen ihren schöpferischen In- halt zurückzugeben und die nur ausführenden Tätigkeiten stark einzuschränken. 21) Gerade von der stofflichen Seite her betrach- tet, wäre es den Menschen möglich, sich aus der unmittelbaren Ab- hängigkeit im Produktionsprozeß zu befreien mit Hilfe der neuen Technologien und "nur" steuernd, regulierend und programmatisch gestaltend einzugreifen. Ein sowjetischer Futurologe prognosti- ziert dem Menschen: "Er wird sich in eine allseitig entwickelte Persönlichkeit verwandeln, die nicht mehr an einen bestimmten Be- reich der Produktion gefesselt ist, sondern einen uneingeschränk- ten Spielraum für begeistertes Schaffen erhält". 22) Solche Ent- wicklungsmöglichkeiten verliert man allerdings aus dem Blick, wenn man ihn nicht vorher auf die Eigentumsverhältnisse und deren Einfluß auf die Gestaltung der Arbeit gerichtet hatte: "Ist eine Gesellschaft darauf orientiert, um jeden Preis Profit zu erwirt- schaften, so kann ein Computer den zu erwartenden Gewinn besser berechnen, und der Mensch bleibt da auf der Strecke. Setzt sich eine Gesellschaft jedoch zum Ziel, die Bedürfnisse der Menschen weitestgehend zu befriedigen und systematisch zu fördern, so bleibt der Computer ein Werkzeug in den Händen der Menschen". 23) Eine "grüne" Gewerkschaftspolitik wird auch eine sozialistische Gewerkschaftspolitik sein müssen. Gerade gegenwärtig geht es darum, innerhalb der Arbeiter- und der Gewerkschaftsbewegung einen Kampf um die Köpfe zu führen, in den auch Überlegungen und praktische Anstöße aus den neuen sozialen Bewegungen eingehen. Um so wichtiger wäre es, daß auch in den neuen sozialen Bewegungen über aller Diskussion der Gebrauchswerte nicht länger vergessen wird, daß die Hauptproduktivkraft in unserer Gesellschaft zum Tauschwert herabgewürdigt und als Ware auf dem Markt gehandelt wird. Nur ein gemeinsamer Widerstand, der die Empörung dagegen zur Basis hat, wird den Freiraum schaffen, gestaltend auf die stoffliche Seite der Produktionsund Reproduktionsprozesse einzu- wirken und Licht in die Zukunft der Arbeit zu tragen. _____ 1) Unter diesem Begriff wird überwiegend Arbeit im produzierenden Gewerbe verstanden, i. d. R. auch solche, die unter anderen, so- zialistischen Eigentumsformen stattfindet. 2) Zur Kritik vgl. Goldberg, Jörg, Sörgel, Angelina, Grün-alter- native Wirtschaftskonzeptionen, Analyse und Kritik, Frank- furt/Main 1982 3) Ebermann, Thomas, Trampert, Rainer, Die Zukunft der Grünen, Hamburg 1984, S. 125 ff. 4) Wolf-Graaf, Anke, Die verborgene Geschichte der Frauenarbeit, Eine Bildchronik, Weinheim/Basel 1983. Zur Auseinandersetzung da- mit vgl, Marianne Friese, Frauenarbeit in der Feudalgesellschaft und im Übergang zum Kapitalismus, in: Arbeitskreis Frauenfrage des IMSF (Hg.), Patriarchat und Gesellschaft, Frankfurt/M. 1985. 5) Huber, Josef, Die zwei Gesichter der Arbeit, Frankfurt/Main 1984, S. 220 f. 6) Ebermann/Trampert 1984, S. 192. 7) Ihre positive Rolle verkümmerte später in dem Maße, wie die Gemeinwirtschaft sich der Logik des Wettbewerbs zum kapitalisti- schen Sektor verschrieben hat und der Nachweis, daß Arbeiter ebenso gut wirtschaften können wie Kapitalisten, nur allzu gut gelungen ist. Zur neueren Diskussion: Volkmar, Günter, Die Zu- kunft gemeinwirtschaftlicher Unternehmen, in: Harms, Jens, Kie- sel, Dron u.a. (Hrsg.), Aiternativökonomie und Gemeinwirtschaft, Frankfurt/Main 1984, S. 120 f. 8) Vgl. Bimberg, Ulrich, Hinein in den Konsumverein. Ein phanta- stischer Aufstieg ganz aus eigener Kraft, in: Novy, Klaus, Hom- bach, Bodo u.a., Anders leben, Geschichte und Zukunft der Genos- senschaftskultur, Berlin (West)/Bonn 1985, S. 48 ff. 9) Ebermann/Trampert 1984, S. 192. 10) Zu den statistischen Abgrenzungen vgl. Langfeldt, Enno, Die Schattenwirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland, Kieler Stu- dien Band 191, Tübingen 1984, S. 9ff.; Weck, Hannelore, Frey, Bruno S., Pommerehne, W.W., Schattenwirtschaft, München 1984, S. 7 ff. 11) Müller, Joachim, Dualwirtschaft und Automation, in: Brun, Rolf (Hrsg.), Erwerb und Eigenarbeit, Frankfurt/Main 1985, S. 50. 12) Langfeldt 1984, S. 46f. Auch die folgenden Strukturangaben aus dieser Quelle. 13) Kuck, Marlene, Entwicklung, Stand und Probleme der Alternati- vökonomie, in: Harms 1984, S. 35 ff. Auf die Gefahr einer stati- stischen Überschätzung aufgrund der Selbstdarstellungen weist die Autorin selber hin. Im Umkreis der geschätzten Sympathisanten von ca. 300 000 bis 400 000 läßt sich auch der Bereich der "bewußten" Eigenarbeit vermuten. Jens Harms kommt im selben Band zu sehr viel niedrigeren Zahlen: 6000 Projekte mit 30 000 Arbeitsplätzen (S. 87). 14) von Loesch, Achim, Die Unternehmen der Arbeiterselbsthilfe, referiert die Selbstdarstellung der ASH Krebsmühle von 1983: "Der Traum, jeder könne seine Arbeitsleistung selbst bestimmen, wurde in sein Gegenteil verkehrt ..." "der Traum von der Rotation mußte aufgegeben werden ..." "Die ASH mußte die Offenheit gegenüber neuen Mitgliedern aufgeben ... Es mußten Mitarbeiter gegen Lohn eingestellt werden." In: Harms 1984, S. 74 ff. 15) Vgl. Kuck, Marlene, in: Harms 1984, S. 54 ff., und dies., Zur Professionalisierung alternativer Projekte, in: Brun 1985, S. 180 ff. 16) Huber 1984, S. 220 f. 17) Guggenberger, Bernd, Leben um zu arbeiten?, in: Bruns, S. 19, Unterstreichung von mir. 18) Z.B. behaupten Joachim Müller und Barbara Wais, die Arbeits- kosten im formellen Sektor seien aufgrund der hohen Lohnnebenko- sten zu hoch - eine Position, die die Unternehmerverbände schon seit vielen Jahren vertreten (dies., Ressourcenbesteuerung und Entlastung der Arbeit, in: Bruns 1985, S. 115). 19) Hans Jochen Vogel, zitiert bei: Novy 1985, S. 208. 20) Vgl. Bömer, Hermann, Die drohende Katastrophe, Frankfurt/Main 1984, S. 83 ff. 21) Vgl. Peter, Lothar, Destruktive Tendenzen des technischen Fortschritts im Kapitalismus, in: Globale Probleme - Politische, ökonomische und soziale Aspekte, Forschungsheft des IPW 1/1984, S. 94 ff. 22) Bestushew-Lada, Igor, Die Welt im Jahre 2000, Freiburg 1984, S. 114. 23) Bestushew-Lada, S. 110. zurück