Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985


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POLITIK BRAUCHT VISIONEN

Gedanken zu einem neuen Grundsatzprogramm der SPD *) ---------------------------------------------------- Erhard Eppler I Mein Thema heißt: Politik braucht Visionen, Es heißt nicht: Vi- sionen ersetzen Politik. Daß das Beschwören von Visionen noch keine Politik ist, das haben Sozialdemokraten zu Beginn dieses Jahrhunderts ausdiskutiert. Auf diesem Kaugummi herumzukauen, überlassen wir einer kleineren Par- tei. Wo Visionen an die Stelle von Politik treten sollen, bewegen wir uns nicht im Gelände sozialdemokratischen Denkens. Aber eben auch nicht da, wo ohne Vision Macht um der Macht willen gesucht und ausgeübt wird. Laßt mich hinzufügen: Auch die Unterscheidung zwischen Visionären und Pragmatikern ist nicht auf sozialdemokratischem Mist gewachsen. Sie wird uns von außen aufgedrängt. Was sozialdemokratische Politik auszeichnet, ist die Spannung zwischen der großen Vision und den kleinen Schritten des politischen Alltags. Wo diese Spannung erschlafft, haben wir unsere Herkunft und unsere Aufgabe vergessen. Niemand braucht uns darüber zu belehren, daß Politik sich in kleinen, manchmal winzigen, bestenfalls mittleren Schritten vollzieht. Wo- rauf ich allerdings bestehe, und worauf ich in einer schwierigen Zeit glaubte bestehen zu müssen, war dies: Es kommt nicht auf die Größe der Schritte an, sondern auf die Erkennbarkeit der Rich- tung. Deshalb sind Visionen so viel wert, wie sie in den Köpfen und Herzen derer lebendig sind, die praktische Politik machen. Wo sich die einen für die Visionen, die anderen für die Politik zu- ständig fühlen, sind wir wiederum nicht auf sozialdemokratischem Gelände. Das heißt aber auch: Ein Grundsatzprogramm der SPD ist so viel wert, wie es Genossinnen und Genossen in ihrem tagtägli- chen Handeln motiviert. Also ist ein Programm auch so gut und so schlecht wie der Diskussionsprozeß, der dahin führt. Eine Partei, in der elitäre Programmatiker Papiere produzieren und Pragmatiker diese Papiere lächelnd abheften und weiterwursteln, wäre nicht die sozialdemokratische. II Visionen schieben sich auch nicht zwischen uns und die Wirklich- keit. Sie leuchten auf hinter der Wirklichkeit, sie geben der Re- alität erst ihre scharfe Kontur. Erst wo die Vision einer fried- lichen, gerechten, freien und solidarischen Welt in der Ferne sichtbar wird, erkennen wir, wo wir heute sind. Wenn Frieden der Prozeß ist, in dem Gerechtigkeit zunimmt und Ge- walt abnimmt, dann müssen wir nüchtern konstatieren: Die Unge- rechtigkeit wird immer krasser, bei uns zu Hause und auch in un- serem Verhältnis zum südlichen Teil der Erde. Und die Gewalt nimmt zu, von den Fußballstadien, in denen verzweifelte junge Menschen zu Mördern werden, bis hin zu den Staaten im Süden, de- ren Regierungen bei uns Waffen kaufen, weil sie die Weisungen des Internationalen Währungsfonds gegen ihre eigene Bevölkerung exe- kutieren müssen. Nie zuvor waren die zwei Drittel der Menschheit im Süden hoff- nungsloser in der Sackgasse. Sie zahlen heute jährlich so viele Dollars an Schuldendienst, wie sie 1974 Schulden hatten. Nie zu- vor haben Regierungen im Norden so hoffnungslos an einer neuen Realität vorbeiregiert wie heute. Nie zuvor hat das Rüsten der Weltmächte solch paranoide Züge angenommen. Noch nie wurde, wie heute, die stärkste und reichste Weltmacht von einem solchen Ge- misch aus technokratischem Größenwahn, ideologischer Borniertheit und politischer Ignoranz regiert. Noch nie war in unserem Land die Kluft tiefer zwischen dramatischen Aufgaben und der Unfähig- keit der Regierenden, sie auch nur wahrzunehmen, geschweige denn anzupacken. Wenn wir von Visionen reden, dann dürfen wir nicht vergessen, wie viele Menschen, vor allem junge, heute von Schreckensvisionen heimgesucht, gelähmt, gekränkt werden, von den Visionen kahler Schwarzwaldberge bis zur Vision des atomaren Winters, der austilgt, was die atomaren Schläge übrigließen. Dagegen hilft auch nicht, wenn pfälzische Lebensfreude so tut, als wäre alles in Ordnung, könnte man nur ein paar Schwarzsehern und Kulturpes- simisten den Mund verbieten. Nein, zur positiven Vision gehört heute viel Kraft, verzeiht das altmodische Wort: Tapferkeit, Hoffnung, wohl auch ein Glaube, welcher auch immer, der sich nicht von selbst aus unserer Reali- tät ergibt. Aber gerade deshalb ist die positive Vision lebens- notwendig. Denn ohne positive Vision werden wir angesogen und weggespült von den Horrorvisionen. Nie werden wir das Land Utopia erreichen. Aber unser Überleben hängt davon ab, ob und wo wir es suchen. III Niemand von uns ist in der Lage, heute das demokratisch-soziali- stische Utopia des 21. Jahrhunderts im einzelnen auszumalen. Denn dazu müßten wir ja nicht nur unsere Ziele, unsere Wünsche und Hoffnungen präsentieren, sondern auch die Wirklichkeit von heute so analysieren, daß wir ihre Entwicklungstendenz genau nachzeich- nen und dann eben auch vor-zeichnen könnten. Ich will mich be- schränken auf ein paar Teil-Visionen. Laßt mich beginnen bei unseren natürlichen Lebensgrundlagen. Wir brauchen die Visionen einer Technik und Produktionsweise, die na- türliche Lebenskreisläufe und Gesetzmäßigkeiten des Lebens nicht zertrampelt, die Regenerationsfähigkeit der Natur nicht überfor- dert, sondern sich an die Natur herantastet, ihre Wünsche ab- lauscht und so imstande ist, sich einzupassen in die Natur, Leben nicht zu stören oder zu zerstören, sondern es zu fördern und zu pflegen und sich eben dadurch die Kräfte der Natur nutzbar zu ma- chen. Das gilt von der Agrartechnik über die Energietechnik bis hin zu dem, was wir heute chemische Industrie nennen. Wir brau- chen eine Technik, die nicht im erbarmungslosen Vernichtungskampf mit der Natur, sondern im Bunde mit der Natur menschliches Lebens erleichtert. Diese Technik wird nicht primitiver, sondern subti- ler sein als Atomtechnik oder die Technik der Gifte, sie wird nicht weniger, sondern mehr Erfindergeist verlangen, vielleicht einen bescheideneren, behutsameren, ehrfürchtigeren Erfinder- geist. Wir brauchen die Vision einer Rationalisierung, die sich zum Ziel setzt, immer mehr auch Energie, Rohstoffe, Wasser, Transportlei- stungen oder Betonierung von Landschaft einzusparen und nicht so sehr menschliche Arbeit. Wenn Visionen so viel wert sind, wie sie heute unser Tun motivieren, dann hätte eine solche Vision hier und heute schon ihre ganz praktischen Konsequenzen: Nämlich: Den Schnellen Brüter aufzugeben, den Ausstieg aus der Atomenergie vorzubereiten, ein schärferes Chemikaliengesetz auszuarbeiten, die Umweltauflagen für die Industrie und Energieversorgungsunter- nehmen zu verschärfen, der Müllverhinderung und der Müllverwer- tung Vorrang zu geben vor der Müllbeseitigung, überall den nach- hinkenden, reparierenden Umweltschutz durch vorbeugende und scho- nende Techniken zu ersetzen, den Betriebsräten mehr Mitsprache- recht bei der Einführung neuer Techniken zuzugestehen, die Lohn- Nebenkosten zu senken und den Preis für Energie- und Rohstoffe durch Steuern zu erhöhen, die Kriterien für Forschungsförderung neu zu fassen, der Biologie in unseren Schulen mehr Gewicht zu geben. Und so fort. Wenn wir uns auf den Weg hin zu dieser Vision machen, passiert etwas bis in die Gemeinderäte hinein. IV Meine zweite Vision hat mit Arbeit zu tun. Es ist die Vision ei- ner Gesellschaft, in der jede Frau und jeder Mann die Chance - nicht die Pflicht - hat, durch Erwerbsarbeit den eigenen Lebens- unterhalt zu verdienen, auch wenn dann die Arbeitszeit bald näher bei 30 als bei 40 Wochenstunden liegen wird, eine Gesellschaft, in der jeder Mann und jede Frau teilhat an der unbezahlten Ar- beit, der angenehmen oder unangenehmen Eigenarbeit im Haushalt, bei Kindererziehung und Krankenpflege, im Garten, bei der Repara- tur der Waschmaschine oder in der Nachbarschaftshilfe. Auch diese Vision einer Familie, in der, wenn sie es so wollen, beide Part- ner Erwerbsarbeit leisten können, vielleicht der eine von 7-13 Uhr, der andere von 13-19 Uhr, wobei immer jemand für die Kinder da ist, sei es im Haus oder bei gemeinsamer Kinderbetreuung mit den Nachbarn, und wo man den Abend und das Wochenende doch ge- meinsam verlebt - eine solche Vision hätte hier und heute sehr praktische Folgen: Arbeitszeitverkürzung für alle, und zwar der Wochenarbeitszeit, hätte Vorrang vor aller Flexibilisierung und auch vor der weiteren Herabsetzung des Rentenalters. Ich weiß, daß nur die Gewerkschaften die Weichen hier richtig stellen können. Aber so wie die Gewerkschaften ihre Zielsetzung und Wünsche an die Partei herantragen, darf die Partei ihre Sicht von der Zukunft der Arbeit - möglichst gemeinsam mit Gewerkschaf- tern - formulieren. Alle Versuche, wie in den USA, Millionen unterbezahlter Jobs im Dienstleistungsbereich zu schaffen, widersprächen dieser Vision, ganz zu schweigen von den Schnapsideen der Hauss-, Bange- und an- derer FDP-Männer. Aber auch den schwedischen Versuch, frei wer- dende Arbeitskräfte in staatlich besoldeten Dienstleistungen zu beschäftigen, könnten wie nur sehr begrenzt nachahmen, auch wenn es da bei uns noch Nachholbedarf gibt. Alles Gerede von Doppel- verdienern müßten wir dann als das abtun, was es ist: schlicht verfassungswidrig. Und vor allem: Wir müßten dann hier und heute endgültig mit der abgestandenen Illusion aufräumen, mit Wirt- schaftswachstum lasse sich die Arbeitslosigkeit bekämpfen. Wir müßten uns dagegen wehren, daß Politik zur Konjunkturpolitik zu- sammenschnurrt und verkommt, wir müßten endgültig Abschied nehmen vom dem Glaubenssatz, daß die Gewinne von heute die Investitionen von morgen und Arbeitsplätze von übermorgen seien. Die Gewinne von heute sind eher die Finanzierungsmasse für hochverzinsliche amerikanische Staatspapiere. Unsere Strategie gegen die Arbeitslosigkeit hätte dann ihren Schwerpunkt in der Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit. Dazu kämen neue Arbeitsplätze in Umwelttechnologien, in einer weniger ener- gieaufwendigen Landwirtschaft und in unterbesetzten Humandienst- leistungen. Dort allerdings müßten Professionelle unterstützt werden von Männern und Frauen, die sich neben ihrer - verkürzten - Erwerbsarbeit sozial engagieren wollen. V Laßt mich schließlich noch eine Vision andeuten, die in der Pro- grammkommission noch kein Thema war: Ich meine das, was einmal Ernst Reuter, Waldemar von Knoeringen oder Adolf Arndt den Kul- turstaat nannten. Wir Sozialdemokraten haben von den Liberalen des letzten Jahrhunderts einen Kulturbegriff übernommen, der nicht zu uns paßt. Kultur, das war die hohe Sphäre einer Verherr- lichung des Wahren, Schönen und Guten. Kultur, dies ging von der Oper allenfalls bis zum Griechischunterricht, von Goethes Iphige- nie bis zur niederländischen Malerei. Und so konzentrierte sich sozialdemokratische Politik lange Zeit darauf, auch den Arbeitern den Zugang zu dieser Sphäre freizuschaufeln. Wir waren dann etwas enttäuscht, daß viele darauf nicht allzu scharf waren. Kultur meint ursprünglich Pflege. Agri-Kultur, das war und sollte sein die Pflege und das Bebauen des Ackers. Kultur ist da, wo wir pfleglich umgehen mit Dingen, Pflanzen, Tieren und vor allem mit- einander. Kultur, das ist das Bemühen, zur Entfaltung zu bringen, was in der Natur und im Menschen an Kräften angelegt ist. Und dies ist dann nicht nur eine Sache der Feier jenseits des All- tags, sondern etwas, was im Alltag geschieht - oder eben nicht geschieht. Alles, womit wir zu tun haben, wird dann ein Ausdruck von Kultur - oder eben Unkultur. Wir müßten dann sprechen von einer Kultur der Arbeit, also einer Arbeit, die, wo immer dies geht, dem einzelnen Menschen ent- spricht, seinen Kräften gemäß ist und diese Kräfte fordert und fördert und deshalb auch Freude macht. Dies gilt dann für die Er- werbsarbeit wie für die Eigenarbeit. Wir müßten sprechen über eine Kultur des Produzierens, also eine Produktion, die pfleglich umgeht mit den Ressourcen, der Ressource Arbeit ebenso wie den Ressourcen Wasser, Luft, Energie, Rohstoffe, Boden. Wir müßten die Agrikultur zum Thema machen, also eine Landwirtschaft, die natürliche Gesetze nutzt, für sich wirken läßt, sie nicht ver- biegt und vergewaltigt. Wir hätten zu fragen nach einer Kultur des Konsumierens, nicht des Verzichts, aber eben des Konsums, der sich löst von Bedürf- nissen des Prestiges und auch der Kompensation, eines Konsums, der eher individueller wäre als heute, mehr Ausdruck von Persön- lichem als Wirkung massiver Reklame. Dazu gehört auch die Eß-Kul- tur, in der andere uns weit übertreffen, und die Wohn-Kultur als der Versuch einer Übereinstimmung von Mensch, Wohnung, Einrich- tung und Umgebung. Es gibt auch eine Kultur der Nachbarschaft, der lockeren, offenen Begegnung oder auch des gemeinsamen Bespre- chens und des gegenseitigen Helfens, des gemeinsamen Spielens und Feierns. Dazu käme eine kommunale Kultur, eine Kultur der Stadt oder des Dorfes, gefördert durch eine Kommunalpolitik, die ihren Erfolg nicht mißt an den Kubikmetern umbauten Raumes, sondern an der Qualität menschlichen Zusammenlebens. Sie schlösse ein eine Kul- tur des Bauens und Städteplanens, bei der auch ein Mietshaus nicht jenseits der Kultur läge, sondern entweder ein Beispiel für Baukultur wäre - oder für den sichtbaren und ärgerlichen Mangel einer solchen Kultur. Darauf aufbauend müßten wir sprechen von politischer Kultur, in der Politik nicht vollends zum Schaugeschäft verkommt, eine Kul- tur, die auf saubere Alternativen ohne dämonische Feindbilder zielt, eine Kultur des streitbaren Dialogs, eine Kultur, in der die jeweiligen Minderheiten sich angenommen und nicht ausgegrenzt fühlen, eine Kultur des Verwaltens, in der die Bürgerinnen und Bürger sich ernst genommen fühlen und eben deshalb auch Mitver- antwortung übernehmen, eine Kultur, in der wir in der Tat mehr Demokratie wagen könnten und müßten. Vielleicht brauchen wir sogar so etwas wie eine Kultur der Wis- senschaft, genauer: des Gebrauches und der Anwendung wissen- schaftlicher Ergebnisse, des Diskurses innerhalb der Wissenschaf- ten über die verantwortliche Nutzung von Wissenschaft. Hier gäbe es dann hochsensible Nahtstellen zur politischen Kultur. Zu alledem und vielem mehr, was ich jetzt beiseite lassen kann, käme als Krönung dann eine Kultur der Sprache - die heute auf er- schreckende Weise verludert ", eine literarische Kultur, die Pflege der Musik, und zwar eben nicht nur im Konzertsaal, sondern des Singens und des Musizierens in jedem Dorf und jedem Stadtteil - die Pflege der bildenden Kunst von den Bauzäunen bis zu den Ga- lerien. Auch diese Sphäre von Kultur wäre nicht ein abgehobener Bereich der schönen Künste, sondern die ästhetische Dimension alltäglichen Lebens, an der jede und jeder aktiv und passiv, als Gestaltende und als Aufnehmende und Urteilende teilnehmen könn- ten. Eine solche Vision des Kulturstaates, eigentlich der Kulturge- sellschaft, hätte dann auch ihre Konsequenzen hier und heute, einfach weil sie ein Maßstab wäre von der Kommunalplanung bis zur Bildungspolitik. Und wir könnten uns den müßigen Streit sparen darüber, ob wir für die Industriegesellschaft oder für die post- industrielle Gesellschaft seien. Der Anteil der Menschen in der industriellen Produktion wird weiter zurückgehen, und doch wird die industrielle Produktion die beherrschende bleiben. Wir hätten zu fragen, wie eine Kultur industrieller Produktion aussähe als Teil einer Kultur der Arbeit. Das schlösse ein, was wir bisher über Humanisierung der Arbeit und Mitbestimmung sagten, aber es ginge wesentlich weiter. VI Wir brauchen weiter die Vision einer Welt, in der die Völker des Südens befreit von der Schuldknechtschaft, in die sie - nicht ohne ihre eigene und unsere Schuld - geraten sind, ihren eigenen, nicht von uns diktierten Weg in eine lebenswerte Zukunft finden. Ich gebe zu: Diese Vision ist noch wesentlich kühner als die von der naturfreundlichen Technik und die von der gerechten Vertei- lung der Arbeit. Aber sie hat mit diesen beiden Visionen zu tun. Denn nur, wenn wir unser eigenes technisch-ökonomisches Entwick- lungsmodell in Frage stellen, befreien wir die Dritte Welt von jenem Nachahmungszwang, der sie in ihre Ausweglosigkeit gedrängt hat. Nur wenn wir über technische Alternativen nachdenken, tun sie es auch. Nur wenn wir unsere Wälder retten, werden sie den Rest der tropischen Wälder des Südens bewahren können. Diese Vision einer Dritten Welt, die in der Lage ist, die Grund- bedürfnisse ihrer Menschen selbst zu decken, stellt hier und heute für uns die Frage: Wie werden wir dafür partnerschaftsfä- hig? Wir sind es nicht. Unsere kapital- und energieintensive Technik, unser Energieverbrauch, unser Zinsniveau, unsere Multis, unsere Macht, die Terms of Trade zu bestimmen, waren immer um ein Vielfaches wirksamer als alle Hilfe. Entwicklungshilfe - was im- mer man über ihren Nutzen oder Schaden denkt - war immer margi- nal, heute beträgt sie nicht einmal ein Drittel der Zinszahlungen des Südens an den Norden. Nicht in der Entwicklungshilfe ent- scheidet sich die Zukunft des Südens. Wir sind gefragt, was sich bei uns, in unserer Landwirtschaft, in unserem Verkehrswesen, in unserem Gesundheitswesen, in unserer Technologiepolitik, bei unseren Banken ändern muß, damit der Süden eine Lebenschance bekommt. Entwicklungspolitik beginnt wirklich zu Hause, nur ganz anders, als der Stammtisch sich dies vorstellt. VII Alle diese Visionen bleiben Illusionen, wenn nicht eine andere Vision Millionen Menschen in Bewegung setzt: die Vision einer friedlichen Welt, also einer Welt, in der Gerechtigkeit zunimmt und Gewalt abnimmt, in der die Dynamik der Rüstung verkehrt wer- den kann in eine Dynamik der Abrüstung, in der Feindbilder ver- blassen und Vertrauen wächst. Dies ist die kühnste aller Visio- nen. Wer unsere Welt sieht, wie sie ist, wer sieht, wie eine große Nation sich vom Traum errüstbarer Unverwundbarkeit faszi- nieren läßt, wie Frieden nicht mehr als politische Aufgabe frie- densbereiter Menschen verstanden, sondern als Ergebnis eines technischen Tricks erwartet wird, der mag der Resignation nahe sein. Aber wer erlebt, wie die rüstungsbeflissenen Propagandisten des Kriegs der Sterne inzwischen schon die Sprache der Friedens- bewegung benutzen müssen, um ihre Pläne durchzusetzen - "Abschreckung müsse überwunden werden", sie sei "unmoralisch" - der spürt: Hier ist etwas in Gang gekommen, was Hoffnung signali- siert und verkörpert und auch neue Hoffnung weckt. Natürlich muß eine große Partei darlegen, wie die Schritte hin zu einer friedlicheren Welt aussehen können. Und ich habe den Ein- druck, wir sind da auf gutem Wege. Noch wichtiger ist, daß wir - und das ist die praktische Seite unserer Vision - hier und heute klarmachen: Wir sind nicht mehr bereit, jeden Wahnsinn mitzuma- chen, wir widersetzen uns dem ebenso teuren wie vergeblichen Ver- such, Unverwundbarkeit durch Weltraumwaffen zu errüsten. Wir wer- den alles tun, damit die Raketen, die wir nicht wollen, aus Mut- langen und Neu-Ulm und Heilbronn wieder verschwinden. Wir wollen alles tun, um die Friedenssehnsucht einer Mehrheit in praktische Politik zu überführen. VIII Wir haben uns nach dem 12. Mai gelegentlich an einen Wahlsieg er- innert, der dem in Nordrhein-Westfalen ähnlich war: den Willy Brandts 1972. Die Stichworte damals waren Frieden und Reform. Wir waren die Partei des Friedens und der Reform. Wir waren es schon lange vorher und sind es geblieben. Das heißt aber auch: Wir sind so schwach und so stark, so attraktiv und so belanglos wie wir der Mehrheit der Menschen vermitteln können, wie unsere Reformpo- litik und unsere Friedenspolitik aussieht und warum sie im Inter- esse dieser Mehrheit nötig und richtig ist. Eine Reformpartei ohne Reformkonzept, die den Begriff der Reform zur Worthülse ver- kommen läßt und ihn schließlich ganz meidet, hat verdient, daß man sie abwählt. Und eine Partei des Friedens, die nicht mehr deutlich machen kann, inwiefern sich ihre Sicherheitspolitik von der Wörners oder Geißlers unterscheidet, macht sich überflüssig. Unsere Partei ist so stark, wie wir für alle Bürger verständlich die Begriffe Reform und Frieden mit Inhalt füllen und daraus un- sere praktische Politik ableiten können. Daß sozialdemokratische Friedenspolitik wieder Kontur gewinnt, hat sich seit dem Kölner Parteitag herumgesprochen. Und ich freue mich, daß Andreas von Bülow hier wertvolle Arbeit leistet. Neue Einsichten und neue Impulse von der Basis her, auch von der Frie- densbewegung her, werden zu einem schlüssigen Konzept zusammen- fließen müssen. Vielleicht geht dies nur, wenn wir unsere Exper- ten nicht alleine lassen. In der Reformpolitik müssen wir zuerst mit dem Vorurteil aufräu- men, Reform sei das wohltätige und möglichst gerechte Ausgeben von viel Geld. Das war nie unser Reformbegriff, aber die Reformen der Regierung Brandt, vor allem in der Sozialpolitik, waren in der Tat nicht billig. Nur: das Geld war ja da. Und so entstand bei manchen ein Mißverständnis, Reform koste eben Geld. Kein Geld, keine Reform. Reform, das ist ein unentbehrliches Zwischenglied bei der Über- setzung von Vision in Politik. Reform, das ist die Umgestaltung eines gesellschaftlichen Teilbereiches in Richtung auf unsere Vi- sion. Reform soll uns ein kleines oder auch ein größeres Stück weit voranbringen auf unsere Vision hin. Dabei besteht Reform in sich wieder aus vielen kleinen und mittleren Schritten. Wer mit Reformen warten wollte, bis die Kassen wieder voll sind, könnte, sogar wenn er viel jünger wäre als ich, bis an sein Lebensende vergeblich warten. Kosteten früher Reformen viel Geld und wenig Konflikte, so wird es künftig umgekehrt sein. Reformen zugunsten der Kriegsopfer, der Rentner oder der Schüler haben kaum Wider- stände geweckt. Alle wichtigen Reformen der Zukunft müssen gegen mächtige Interessengruppen durchgesetzt werden. Die überfällige ökonomische und ökologische Reform der Agrarpoli- tik wird schon mittelfristig Geld einsparen, aber sie muß einem Bündnis aus Bauernverband, chemischer Industrie und Agrarbürokra- tie abgerungen werden. Die unumgängliche Reform dessen, was wir reichlich schmeichelhaft unser Gesundheitswesen nennen, wird die Beitragszahler entlasten, aber sie muß gegen den wenig zimperli- chen Widerstand der Pharmaindustrie und der Ärzteorganisationen durchgesetzt werden. Eine Reform des Verkehrswesens kann die Ko- sten für den Straßenbau ebenso vermindern wie das Defizit der Bundesbahn, das auch der Steuerzahler zu berappen hat, aber sie wird noch härtere Konflikte auslösen als seinerzeit der Leber- Plan der späten sechziger Jahre. Wer unsere Energieversorgung reformieren will weg von den Steige- rungsraten des Energieverbrauchs - die so oder so die Natur bela- sten - hin zu einem sorgsamen pfleglichen Umgang mit Energie, im- mer mehr auch erneuerbarer Energie, der wird es mit EVUs und KWU zu tun bekommen, auch mit sozialdemokratischen Stadtkämmerern in den Aufsichtsräten. Eine Steuerreform, die Energie und Rohstoffe verteuert und die Lohn-Nebenkosten senkt, die, wie im Leitantrag des Landesvorstands steht, umweltfreundliche Produkte entlastet, schädliche belastet, kann den öffentlichen Finanzen zugute kom- men, aber ohne harten Streit geht das nicht ab. Alle diese Reformen werden nicht zu den vergnügungssteuerpflich- tigen Tätigkeiten gehören. Aber wer sich um all diese Konflikte drücken möchte, sollte redlicherweise das Wort Reform künftig meiden. IX Vielleicht ist einigen von Euch aufgefallen, daß das Thema Ökolo- gie und vor allem Umweltschutz hier nicht unter den Reformaufga- ben vorkommt. Der Grund ist einfach: Umwelt-Schutz als defensive, reparierende, nachhinkende Aufgabe ist zwar für absehbare Zeit noch unerläßlich. Aber wer mit Natur pfleglich umgehen will, der darf nicht meinen, wir könnten auf Dauer mit mehr oder minder großen Heftpflastern die Wunden bekleben, die wir der Natur zufü- gen. Erstens sind die Wunden schon viel zu tief für Heftpflaster - wo ist das Heftpflaster für unsere Wälder? - und zweitens geht es darum, möglichst wenig neue Wunden zu reißen. Es geht nicht um ein paar ökologische Verzierungen für ein ökono- misches Konzept, sondern um ein ökologisch verantwortbares Wirt- schaften. Wenn wir von einem ökologischen Umbau oder einer ökolo- gischen Erneuerung unserer Wirtschaft reden, dann geht es nicht um eine klar umgrenzte Reformaufgabe, sondern darum, in allen Be- reichen die ökologische Dimension einzubringen, von der Agrarpo- litik bis zur Verkehrspolitik, von der Technologiepolitik bis zur Energieversorgung. Ökologisches Wirtschaften, eine ökologisch verantwortbare Technik, ein kultivierter Umgang mit der Natur, das ist eine der Visionen, auf die hin viele Reformen nötig sind. X Jede neue Programmatik wird heute mit dem Argument angefochten, schließlich sei es der Weltmarkt, der einem exportorientierten Land diktiere, was es zu tun habe, von der Arbeitszeit über die Technologie bis hin zu ökologischer Vorsorge. Ich habe nie zu denen gehört, denen man ausgesprochen provinzielles Denken vorge- worfen hat. Aber gerade wenn wir ernst nehmen, was in Brasilien, den USA, Japan oder Korea geschieht, wird deutlich, daß wir hier unseren Weg suchen müssen und nicht hinter anderen herkeuchen dürfen. Sicher, so manches von dem, was heute unter high tech läuft, wird sich auch bei uns durchsetzen, ob die jeweiligen Re- gierungen dies wollen oder nicht. Aber die politische Aufgabe ist nicht, einfach das Tempo dessen zu beschleunigen, was ohnehin ge- schieht - das etwa ist die Späthsche Vorstellung von Politik -, sondern auszuwählen, die Kriterien für eine Auswahl zwischen technischen Alternativen zu bestimmen, die technologische Ent- wicklung zu steuern, damit Menschen nicht zum Anhängsel von Robo- tern oder Bildschirmen werden und eine Kultur der Arbeit möglich bleibt. So wie vom Erhabenen zum Lächerlichen nur ein Schritt ist, so auch von high tech zu high tick. Wer hat uns gesagt, wir müßten viele Milliarden Steuergelder in die Atomtechnologie stecken, weil wir sonst einen gewaltigen Markt anderen überließen? Und was ist daraus geworden? Eine perfekte Pleite in Persien, eine schleichende Pleite in Brasilien und vielleicht einmal ein Atom- kraftwerk in Ägypten. Hätten wir einen winzigen Teil der Techno- logieförderung rechtzeitig auf Sonnenenergie konzentriert, dann hätte das unserem Export mehr genützt. Wir sind nicht der Nabel der Welt, aber wir sind auch nicht so unbedeutend, daß wir es uns nicht leisten könnten, gelegentlich auch auf Technologien zu setzen, die, weil sie uns ökonomisch und ökologisch weiterbringen, eines Tages auch anderen als nützlich erscheinen. In dem Punkt können wir von den Japanern lernen. Vielleicht kommt es gerade bei den unübersehbaren Möglichkeiten moderner Technologie heute mehr auf den Mut zur Auswahl und zur Originalität an als auf das Schritthalten in jeder Richtung und um jeden Preis. Jedenfalls: Wer uns SDI anpreist mit der Bemer- kung, das Militärische daran interessiere ihn nicht, wohl aber die - sehr unsicheren - industriellen Abfallprodukte dieses mili- tärtechnischen Gigantismus, den darf man doch wohl schüchtern daran erinnern, daß nach Max Weber das Augenmaß, der Sinn für Proportionen, den Wert eines Politikers ausmacht. Laßt Euch von niemandem die alberne Fragestellung aufdrängen, ob wir nun technikfreundlich oder technikfeindlich seien. Der Mensch ist ohne Technik gar nicht lebensfähig. Daher können wir gar nicht gegen Technik sein. Es geht nicht darum, ob wir für oder gegen Technik sind, sondern ob wir Herren oder Knechte der Tech- nik werden. Technikbesessenheit, das sagt schon das Wort, heißt, daß die Technik uns besitzt und nicht wir die Technik. Nicht um- sonst hat die IG Metall ihr sehr genau durchdachtes Aktionspro- gramm "Arbeit und Technik" überschrieben: "Der Mensch muß blei- ben!" XI Von dem Argument, wir hätten uns dem Weltmarkt anzupassen, ist so viel richtig: Eine Industrie wie die unsrige braucht einen großen Binnenmarkt, und sie braucht offene Märkte in der übrigen Welt. Die Hälfte dessen, was wir heute Export nennen, geht in die EG. Was wir brauchen, ist eine europäische Gemeinschaft, die zum Bin- nenmarkt mit einer gemeinsamen Währung wird, einer Währung, die sich abkoppeln kann von den Eskapaden des Dollars. Wenn auch dies eine Vision ist, dann eine notwendige. Ich weiß, gemeinsame Währung in der EG ist auch nicht ohne Ri- siko, vor allem für die Geldwertstabilität. Aber das Risiko, daß wir in den Strudel eines Dollar-Sturzes geraten, ist ungleich größer. Alles spricht für Europa. Solange die Weltmächte, beson- ders die USA, ein westeuropäisches Land gegen das andere ausspie- len können, sind wir hilflos. Wenn wir uns zusammenschließen, kann niemand uns seinen Willen aufzwingen. Wir brauchen ein Westeuropa, das gemeinsam seine Politik defi- niert gegenüber den USA, gegenüber der Dritten Welt und gegenüber dem Warschauer Pakt. Das bedeutet nicht, das Bündnis aufzukündi- gen. Davon halte ich nichts. Aber es bedeutet, klarzumachen und durchzusetzen, daß Westeuropa eigene Interessen hat. In den letz- ten Wochen gibt es zum ersten Mal seit Jahren Signale aus Paris, die hoffen lassen. Denn zuerst müssen Franzosen und Deutsche eine gemeinsame Linie finden. Wer ausgerechnet jetzt, wo die Franzosen sich stärker denn je Eu- ropa Öffnen, wegen einer geringen Senkung des Getreidepreises die europäische Politik blockiert, der sollte sich nie mehr auf Kon- rad Adenauer berufen. Aber manche Interessen sind so mächtig, daß der selbsternannte Enkel Adenauers lieber die europäische Eini- gung blockiert als eine neue Agrarpolitik riskiert. Erst wenn Westeuropa lernt, sich selbst zu behaupten, können auch die Völker Zentral- und Osteuropas ihre eigenen Interessen gegen- über der Sowjetunion deutlicher artikulieren. Und erst das Be- wußtsein gemeinsamer europäischer Interessen kann die Kräfte freisetzen, die zu einem System gemeinsamer und dann auch kollek- tiver Sicherheit in Europa führen. In einem solchen System könnte dann die deutsche Frage ihre europäische Antwort finden. Auch das ist vorerst eine Vision. Aber eine, die uns die Richtung unseres Handelns hier und heute vorgibt. XII Die Programmkommission der Partei unter dem Vorsitz von Willy Brandt ist nun neun Monate an der Arbeit. Die Befürchtungen haben sich nicht bestätigt, daß die Programmdiskussion die Partei aus- einandertreibe oder gar spalte. Die Spaltung zwischen Ökonomen und Ökologen ist ausgerechnet in Dortmund überwunden worden. Und das hat sich am 12. 5. ausgewirkt. Ich habe auf dem Parteitag in Essen gesagt: "Nicht weiter rechts, nicht weiter links, aber wei- ter vorn" liegt das, was wir zu formulieren haben. Dabei dürfte es bleiben. Langsam begreifen viele außerhalb und innerhalb der Partei, daß unsere Programmarbeit, auch was den Bund angeht, nicht lange ein Kursus im Trockenschwimmen bleiben wird. Ich habe nie akzeptiert, daß uns die Wende für Jahrzehnte auf die Oppositionsbank verbannen wird. Ich habe die Zeit von 1974 bis 1982 erlebt als den tragischen Versuch, etwas nicht Wiederherstellbares, nämlich die Wachstumsgesellschaft der sechziger Jahre, wiederherzustel- len, unternommen von einem der begabtesten Politiker, die unsere Demokratie hervorgebracht hat. Daher habe ich die Regierung Kohl von Anfang an betrachtet als das Satyrspiel nach der Tragödie, wo das Thema der Tragödie noch einmal als Farce zur Entspannung des Publikums abgehandelt wird, mit weniger anspruchsvollen Mitteln und weniger anspruchsvollem Personal. Nun mag man darüber streiten, ob dieses Satyrspiel der Entspannung des Publikums dient. Aber allzu lang dauert ein Sa- tyrspiel nicht. Es ist meist kürzer als die Tragödie. Wenn dieses Spiel eines Tages zu Ende ist und die Menschen sich fragen werden, wie sie sich so etwas bieten lassen konnten, dann wird die zweite Phase sozialdemokratischer Friedenspolitik und die zweite Phase sozialdemokratischer Reformpolitik beginnen. Laßt uns dann, wenn die Widerstände sich verhärten, unsere Visio- nen nicht aus den Augen verlieren. Und wenn es dann ganz schwie- rig wird, laßt uns nie vergessen: Es kommt nicht an auf die Größe der Schritte, sondern auf die Er- kennbarkeit der Richtung. _____ *) Leicht gekürzte Fassung der Rede auf dem SPD-Landesparteitag Baden-Württemberg am 16.6.1985. zurück