Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985

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WEGE UND MÖGLICHKEITEN DER GESELLSCHAFTLICHEN UND WIRTSCHAFTLICHEN ENTWICKLUNG UNGARNS

Erzsébet Gidai 1. Die neuen Anforderungen und die Antworten der 70er Jahre - 2. Plan und regulierter Markt: Weiterentwicklung des Systems der Wirtschaftsführung - 3. Beschäftigung, Bildung und Struktur der Arbeitskräfte - 4. Einkommensverteilung und Differenzierung der Einkommen - 5. Tendenzen und Möglichkeiten der Entwicklung 1. Die neuen Anforderungen und die Antworten der 70er Jahre ----------------------------------------------------------- In der sozialökonomischen Entwicklung Ungarns haben sich in den vergangenen 40 Jahren Veränderungen von historischer Bedeutung vollzogen, deren Ergebnisse auch im internationalen Vergleich als beachtlich bezeichnet werden können. Zwischen 1950 und 1980 sind das Nationaleinkommen auf das Fünffache, die Industrieproduktion auf das Neunfache, der Grundmittelfondsbestand der Volkswirt- schaft auf das 4,2fache und der Privatverbrauch der Bevölkerung auf das Vierfache angestiegen. Die Schaffung sozialistischer Pro- duktionsverhältnisse war die Grundlage zur Gewährleistung von Existenzsicherheit und Vollbeschäftigung. Wichtig war aber auch die Verwirklichung der kostenlosen Schulbildung und ärztlichen Versorgung. Die Ergebnisse in der Landwirtschaft sind besonders herausragend: In der landwirtschaftlichen Pro-Kopf-Produktion steht Ungarn heute international an 6. Stelle. Die positiven quantitativen Ergebnisse waren aber nicht mit der notwendigen qualitativen Veränderung gepaart. So ist die ungari- sche Wirtschaft in den 80er Jahren durch strukturelle Probleme, Spannungen, Rückständigkeit in der wissenschaftlich-technischen Entwicklung charakterisiert. Neben den strukturellen Problemen führte das niedrige Niveau der wirtschaftlichen Effektivität zur Verminderung der Effektivität der Investitionen, der Produktion und der Exportfähigkeit. Die Wurzeln der sich verstärkenden Wi- dersprüche der 80er Jahre liegen in der Vergangenheit. Die Ant- wort auf die Anforderungen der 70er Jahre war eine schwere Prü- fung. In diesem Jahrzehnt wurde die ungarische Wirtschaft, ähnlich wie die anderer Länder, mit Veränderungen der weltwirtschaftlichen Bedingungen konfrontiert, die ihre Rahmenbedingungen gründlich veränderten. Die Weltwirtschaftskrise von 1973/74 schuf für die ungarische Wirtschaft eine neue Lage, deren Erkenntnis und Aner- kennung eine geraume Zeit erforderte. Der Anpassungsprozeß wurde verzögert, weil die Rohstoff- und Energieversorgung gesichert war, das die Verluste finanzierende Budget noch funktionierte, die Wirtschaftsführung die Verschlechterung der terms of trade als Übergangszustand betrachtete und deshalb kein neues Programm ausgearbeitet wurde. Das Plansoll wurde nicht korrigiert. Seit Mitte der 70er Jahre war die ungarische Wirtschaft mit einem immer angespannteren Gleichgewicht konfrontiert. Es mußte erkannt werden, daß die Wirkungen der durch die Weltwirtschaftskrise aus- gelösten Prozesse dauerhafter Natur waren und die unvorteilhafte Weltmarktlage die Absatzbedingungen verschlechterte, was die in- neren Disproportionen verstärkte. Das Wirtschaftswachstum zur Mitte der 70er Jahre war durch die Einbeziehung äußerer Ressour- cen möglich gewesen. Diese Möglichkeiten verminderten sich jedoch mit der Verschlechterung der terms of trade. Es ist bekannt, daß die ungarische Wirtschaft eine äußerst offene Wirtschaft ist, deren Gleichgewichtsprobleme aus den 70er Jahren diesen Grundzug verstärkten. Damals machte der Export fast die Hälfte des Volkseinkommens aus. Die 'Mängel einer grundsätzlich auf Endprodukte konzentrierten Industrieproduktion wurden Mitte der 70er Jahre deutlich, weil dies zur stufenweisen Verschlechte- rung der Außenhandelsbilanz beitrug. Eine Erhöhung des Volksein- kommens um l % erhöhte den Import um 2%, wobei sich der Export nur um 1/2 % erhöhte. Daraus folgte, daß das schnelle Wachstum die Außenhandelsbilanz ständig verschlechterte, da deren Defizite eine wachsende Verschuldung der Volkswirtschaft nach sich zogen. Als die Bedeutung der fortlaufenden Verschlechterung der terms of trade erkannt wurde, wurden 1977 und 1978 Entscheidungen über einen neuen Weg des Wachstums und eine entsprechende Wirtschafts- politik getroffen. Im Zentrum der neuen Wirtschaftspolitik steht statt der Erhaltung des Wachstumstempos die Wiederherstellung des volkswirtschaftlichen Gleichgewichts, die Umformung der Produkti- ons- und Außenhandelsstruktur. Kernpunkte waren die Verminderung des Wachstumstempos sowie die Abstimmung von Export und Import im Interesse des Gleichgewichts der Außenhandelsbilanz, also die Un- terstützung des Exports und die Beschränkung des Imports. Nach der Wende von 1978 wurde die wirtschaftliche Restriktion konse- quent verwirklicht. Dies bedeutete die Begrenzung des Wachstums des Volkseinkommens und des Inlandsverbrauchs. Degressiver Inlandsverbrauch im Rahmen eines kaum wachsenden Volkseinkommens bedeutete, daß der Verbrauch der Bevölkerung und die Investitionen vermindert werden mußten. Um die weitere Ver- schlechterung der Außenhandelsbilanz zu vermeiden, wurde 1979 eine strenge Importregelung zum Stopp der Erhöhung des Rohstoff- imports eingeführt. Mit Hilfe von Finanzregelungen wurde der Er- satz der Importrohstoffe durch Inlandsrohstoffe angespornt. Die Möglichkeiten dazu waren aber begrenzt, da die Importbeschränkung infolge Rohstoffverknappung auch die Industrieproduktion beein- trächtigte. Die Drosselung des Inlandsverbrauchs hatte jedoch nicht nur auf die Akkumulation, sondern auch auf den Endverbrauch Auswirkungen. Konnte die Bremsung der Akkumulation im Rahmen des Jahresbudgets verwirklicht werden, so erforderte das Einfrieren des Bevölke- rungsverbrauchs eine Reihe miteinander abgestimmter Maßnahmen auf dem Sektor der Preis- und Lohnpolitik. Das Wachstum des Bevölke- rungsverbrauchs konnte mit der Senkung bzw. Beschränkung des zur Verfügung stehenden und für den Verbrauch verwendeten Einkommens bzw. einer entsprechenden Verbraucherpreispolitik realisiert wer- den. Das Netto-National-Produkt zu Marktpreisen erhöhte sich 1981 und 1984 durchschnittlich um 1,2%. Das Volkseinkommen Ende 1983 war aber nur um 6,4% größer als 1978. In fünf Jahren wuchs das Volkseinkommen nur um die jahresdurchschnittliche Rate der Peri- ode 1968 bis 1975. Die Entwicklung der wichtigsten volkswirt- schaftlichen Kennziffern von 1979 bis 1984 ist in der folgenden Tabelle zusammengefaßt. Kennziffer und Maßeinheit 1979 1980 1981 1982 1983 1984 Jährlicher Zuwachs des Nationaleinkommens in % 1,5 -0,8 2,0 2,3 1,0 1,9 Jährlicher Zuwachs der Industrie-Produktion in % 2,4 0,5 2,8 2,4 0,8 3,4 Jährlicher Zuwachs der Investitionen in % 3,0 -5,9 -5,6 -2,8 -0,6 -5,0 Jährlicher Zuwachs der landwirtschaftlichen Produktion in % -1,5 4,6 2,0 7,3 1,5 4,6 Jährlicher Zuwachs des Verbrauchs der Bevölkerung in % 2,1 1,7 1,5 1,4 1,2 1,0 Jährlicher Zuwachs des Reallohnes (pro Kopf) in % 1,8 1,2 0,8 -0,5 -2,1 -2,5 Jährlicher Zuwachs des Realeinkommens (pro Beschäftigten) in % 2,4 1,5 1,2 0,8 0,6 0,5 Exportzuwachs pro Jahr in % 10,5 1,5 2,6 7,2 9,5 6,8 Importzuwachs pro Jahr in % -3,0 -1,2 0,2 0,1 4,0 1,1 Bevölkerung 10710,1 10712,8 10700,2 in 1000 Pers. 10709,5 10710,9 10678,8 _____ Quelle: Statistische Jahrbücher Die Restriktionspolitik verwirklichte mit der Drosselung des Wachstumstempos zur Wiederherstellung des Gleichgewichts und zur Sicherung der Zahlungsfähigkeit erfolgreich den eingeschlagenen Kurs. 1982 schloß die Außenhandelsbilanz mit positivem Saldo, und der Schuldenstand des Landes wurde etwas niedriger. War hinsichtlich der Mengenkennziffern die Begrenzung des Wirtschaftsniveaus auch erfolgreich, so wurden die auch früher schon drückenden Quali- tätsprobleme noch stärker. Eine strukturelle Umgestaltung der Wirtschaft fand nicht statt, der Rückstand in der Technikentwick- lung vergrößerte sich, die Effektivität der Arbeit stagnierte, und infolge der negativen Auswirkungen vor allem der Preissteige- rungen auf das Lebensniveau entstanden soziale Spannungen. Diese drückten sich aus in der Differenzierung der Einkommen, in Mehreinkommen ohne entsprechende Qualitätsarbeit, die mit soge- nannten Tricks erlangt wurden. Die Anfang der 80er Jahre einge- führten Kleinunternehmen (wirtschaftliche Arbeitsgemeinschaften, wirtschaftliche Arbeitsgemeinschaften innerhalb der Großunterneh- men) verstärkten diese Tendenz. Nachteile hatten besonders Schichten wie Rentner, jugendliche Berufsanfänger und kinderrei- che Familien. In dieser komplizierten Entwicklungsphase der Wirtschaft entfal- tete sich die Diskussion über die Weiterentwicklung der Wirt- schaftsleitung. Mit dem Beschluß des ZK der USAP vom April 1984 wurde mit der Weiterführung der Wirtschaftsreformen von 1968 be- gonnen. Dies sowie die Notwendigkeit der Dynamisierung der Wirt- schaft wurde auf dem XIII. Parteitag der USAP im März 1985 disku- tiert und in einem Beschluß festgelegt. 1) 2. Plan und regulierter Markt: ------------------------------ Weiterentwicklung des Systems der Wirtschaftsführung ---------------------------------------------------- Das Jahr 1985 bedeutet einen Wendepunkt der Wirtschaftsentwick- lung in dem Sinne, daß die Maßnahmen zur Weiterentwicklung der Wirtschaftsleitung nunmehr kontinuierlich eingeführt werden. Dies spielt auch eine wichtige Rolle für die langfristige Wirtschafts- strategie. Grundlegende Ziele sind die Steigerung der Effektivi- tät der Wirtschaft, die Förderung des wirksameren Wirtschaftens mit dem gesellschaftlichen Eigentum und die Vorwärtsentwicklung des Landes. Die konkreten Aufgaben sind: 1. Die Entfaltung des Unternehmerverhaltens. Dies beinhaltet die wachsende Koordinierung und die konsequente Anwendung der zentra- len Wirtschaftslenkung, die wesentliche Verminderung der Vorgaben durch alte Verordnungen sowie die verstärkte Beteiligung der Lei- tungen und Betriebskollektive am Betriebserfolg. 2. Die Steigerung der Rolle und des Wirkungsfeldes des regulier- ten Marktes. Dies setzt eine größere Mobilität der Ressourcen, d.h. die Entwicklung solcher Formen auf dem Gebiet der Arbeits- kräfte- und Produktionsmittelverteilung voraus, die zur Steige- rung des Volkseinkommens beitragen. Diese Probleme werfen die Frage des Zusammenhangs zwischen Pla- nung und Regulierung, Plan und Markt auf. Mit der Reform des Wirtschaftsmechanismus von 1968 wurde die Beziehung zwischen Pla- nung und Regulierung theoretisch definiert. Dementsprechend ist das Hauptziel der Planung die Festlegung der Haupttendenzen der Volkswirtschaftsentwicklung, die Schaffung der dazu notwendigen Rahmenbedingungen. Die Regulierung bestimmt demgegenüber den Rah- men der unmittelbaren Aktivität der Betriebe. So werden nur die wichtigsten Fragen zentral entschieden, die Teilprobleme werden durch die lokalen Organe im Rahmen der Wirtschaftsregulierung ge- löst. In der Praxis haben diese theoretisch definierten Funktionen die Erwartungen nicht erfüllt, weil die Bedingungen der indirekten Regulierungen beschränkt waren. So wäre vor allem die Ausbildung des regulierten Marktes notwendig gewesen, was aber wegen der Zentralisierung der Wirtschaft, der kontinuierlichen Umverteilung und Mangelwirtschaft sowie der unvorteilhaften Auslandsbeziehun- gen nur in geringem Umfang verwirklicht werden konnte. Heute müß- ten vor allem Felder des regulierten Marktes geschaffen werden; hier muß die auf normativer Regulierung beruhende Leitung ver- wirklicht werden. Wo das aber nicht möglich ist, muß die Planung eine größere Rolle spielen. Der regulierte Markt muß sich vor al- lem auf die Warenproduktion ausdehnen. Die Steigerung seiner Rolle bedeutet, daß sein Wirkungskreis und seine Funktion auf dem Binnenmarkt und in den internationalen Beziehungen, vor allem in der Zusammenarbeit unter den sozialistischen Ländern, wächst. Das Geltendmachen des Weltmarktprinzips wird auch in der Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Mit der Steigerung der Selbständig- keit der Betriebe müssen die Marktautomatismen eine größere Rolle für die Befriedigung der Verbrauchernachfrage erhalten. So ver- breitet sich die Zone, in der die Marktkategorien und der Markt eine aktive Rolle spielen. Die zentrale Leitung bezieht sich grundsätzlich auf die Regulierung der grundlegenden Prozesse (z.B. Umgestaltung der Struktur, Sozialpolitik usw.). 3. Die Umgestaltung des Institutionensystems. Dies bedeutet die Bildung solcher Institutionen und die Ausarbeitung eines solchen Systems, das den Unternehmen effektiv Möglichkeiten verleiht, ihre Wirtschaftstätigkeit zu differenzieren und auszuwählen. Dies bedingt die Umgestaltung der Leitungsformen der Unternehmen in folgenden Richtungen: - Bildung von Unternehmensräten als Leitungsgremien. Der Unter- nehmensrat besteht aus dem Direktor als dem Vertreter der Unter- nehmensleitung, den von der Belegschaft gewählten Delegierten (sie stellen die Hälfte des Unternehmensrates), 1/6 der Mitglie- der werden vom Unternehmensdirektor ernannt, 2/6 bestehen aus den Leitungen der Betriebe, Abteilungen usw. - Die Einrichtung der Generalversammlung der Belegschaft als Lei- tungselement. Im allgemeinen wird diese Leitungsform bei Unter- nehmen mit weniger als 1000 Beschäftigten eingeführt. In diesem Falle sind alle Belegschaftsmitglieder Mitglieder der Generalver- sammlung, die den Direktor und die Leitung in geheimer Abstimmung wählt. Zu den Aufgaben der Generalversammlung gehört die Ent- scheidung über die Strategiefragen des Unternehmens (mittelfri- stige Pläne, Organisationsveränderungen usw.). - Die dritte Form der Unternehmensleitung entspricht dem bisher bestehenden Institutionensystem, nach dem das Unternehmen vom Di- rektor geführt wird. Dazu gehören vor allem Unternehmen, die un- ter Verwaltungsaufsicht stehen (Kommunalbetriebe und die dem Mi- nisterrat direkt unterstellten Unternehmen). Die Weiterentwicklung des Regulierungssystems macht es möglich, daß die Unternehmen in der Zukunft über die Verwendung und Erwei- terung der zur Verfügung stehenden Mittel selbständig entschei- den; ihre Entscheidungsrechte betreffen dann die Bestimmung der Unternehmensstrategie, der Zusammenarbeit mit anderen Unterneh- men, der Inanspruchnahme von Material- und Arbeitskräfte-Ressour- cen usw. Damit wird auch die Kapitalwanderung zwischen den Unter- nehmen möglich. Die Zurückhaltung von Mitteln wird überflüssig, freiwerdende Mittel können an anderen Stellen des Reproduktions- prozesses, also in anderen Unternehmen, wirksam werden. Diese größere Selbständigkeit wird wahrscheinlich die Differenzierung der Unternehmen erhöhen; die erfolgreichen Unternehmen werden in eine bessere, die weniger erfolgreichen in eine schlechtere Lage kommen - das kann den notwendigen Strukturwandel beschleunigen. Zur Unterstützung der selbständigeren Unternehmen wurde mit der Weiterentwicklung der Staatsorgane und Institutionen begonnen. Neue Ministerien wurden zur Ausarbeitung der Strategien für Zweige bzw. gesellschaftliche Sphären gebildet (so für die Indu- strie, die Berufsausbildung usw.), organisatorische und funktio- nelle Veränderungen wurden im Bank- und Kreditwesen in Gang ge- setzt. Zu den Reformprozessen gehören auch die neuen Kleinunternehmen, die in den letzten Jahren entstanden. Nennenswert sind vor allem die wirtschaftlichen Arbeitsgemeinschaften und die wirtschaftli- chen Arbeitsgemeinschaften innerhalb der Großunternehmen, die nach Ablauf der Normalarbeitszeit tätig sind und in denen 1981 130 000 - 140 000 Werktätige arbeiteten. Man kann schon heute bei der Weiterentwicklung der Wirtschafts- leitung erkennen, daß es einer längeren Zeit bedarf, bis die richtigen Lösungen gefunden werden und sie sich im Prozeß der In- teressen- und Meinungsauseinandersetzungen verwirklichen können. 3. Beschäftigung, Bildung und Struktur der Arbeitskräfte -------------------------------------------------------- Die Bevölkerungszahl Ungarns zeigt eine anderen europäischen Län- dern vergleichbare abnehmende Tendenz. Diese wird nach den vor- liegenden Prognosen in den nächsten zwei Jahrzehnten noch stärker zur Geltung kommen. 2) Im Falle der unveränderten Geburts- und Sterberaten des Jahres 1980 wird die Bevölkerung Ungarns bis zum Jahre 2000 von 10,7 Millionen des Jahres 1984 um 210 000 - 280 000 abnehmen. Die Abnahme der Bevölkerung wird mit Überalterung verbunden sein, was bedeutet, daß der Anteil jenseits des arbeitsfähigen Alters (Frauen ab 55 Jahren, Männer ab 60 Jahren) ein Fünftel der Bevölkerung betragen wird. Gleichzeitig wird die Quote der noch nicht Arbeitsfähigen (bis 19 Jahre) von 22% im Jahre 1980 bis 1990 auf 19,7% und bis zum Jahre 2000 auf 18,4% sinken. Langfristig muß so mit einer Verminderung der arbeitsfähigen Bevölkerung gerechnet werden. Infolge der ungünstigen demographischen Lage und der nur langsamen techni- schen Entwicklung besteht für Berufe mit geringen Qualifikationen und geringem Sozialprestige (Hilfsarbeiter, Bauarbeiter u.a.) Arbeitskräftemangel. Mit dieser Tendenz muß man noch langfristig rechnen. Die Steigerung des Anteils der älteren Menschen bringt für die Sozialpolitik die Aufgabe der Sicherung des Realwerts der Renten und eines angemessenen Lebensniveaus sozial schwächerer Schichten. Bevölkerungspolitik muß somit als Gesellschaftspolitik praktiziert werden. Selbst eine langfristige Bevölkerungspolitik kann diese Aufgaben nur teilweise lösen. Für die aktive Erwerbsbevölkerung gilt in Auswirkung der Restriktionspolitik der 80er Jahre: ein Rückgang des Umfangs und Anteils der Arbeiter- klasse, das Ansteigen der Anzahl der LPG-Bauern, die Verminderung des Anteils der Angestellten- und Intellektuellen-Gruppen und das leichte Ansteigen der an die neuen Kleinunternehmensformen gebundenen Kleinproduzenten ab 1981. Die Umgestaltung der Struktur der Arbeitskräfte steht in direkter Wechselwirkung mit der Entwicklung der Bildung. Die wichtigste Strukturveränderung ist das weitere Anwachsen der nichtmanuellen Beschäftigten. Während ihr Anteil 1970 24% der Erwerbstätigen be- trug, wird für das Jahr 2000 ein Anteil von 37% erwartet. Dagegen ergibt sich die Verminderung der manuellen Arbeiter im wesentli- chen aus der Abnahme der Hilfsarbeiter. Ein Wachsen der Fachar- beiteranteile ist gleichfalls charakteristisch. Diese Veränderun- gen vollziehen sich in bescheidenem Tempo. Es ist bekannt, daß die Arbeitskräftestruktur der entwickelten Länder schon vor mehr als einem Jahrzehnt jenen Anteil der nichtmanuellen Beschäftigten erreicht hatte, den Ungarn im Jahre 2000 erreichen wird. Diese Umgestaltungen können nur sehr begrenzt durch das ungarische Schulsystem verwirklicht und vermittelt werden, da zum System der Mittelschulen neben den zum Reifezeugnis führenden Schulen auch die Facharbeiterausbildungsschulen gehören. Deshalb wird wahr- scheinlich die Anzahl der hier ausgebildeten Fachkräfte mittlerer und höherer Stufe bis zum Ende des Jahrtausends nicht zunehmen, obwohl 80 - 90% einer Altersklasse in Mittelschulen lernen. In unserem Schulsystem kann nur ein Drittel der jeweiligen Al- tersklasse das Abitur ablegen. Die Anzahl der Beschäftigten, die ohne entsprechende Schulausbildung Facharbeitertätigkeiten aus- üben, wird voraussichtlich von 291 000 auf 62 000 sinken. Unter den Fachkräften können sich Anzahl und Anteil derer mit höherer Qualifikation am dynamischsten entwickeln: Die Anzahl der Hoch- schulabsolventen wird im Jahre 2000 ungefähr 350 000 betragen. Die Anzahl und der Anteil der manuellen Arbeiter werden sich ver- mindern. Die Zahl der Arbeitsplätze, die Fachkräfte mit Fachar- beiterausbildung erfordern, wird bis zum Jahre 2000, im Vergleich zu 1970, um 40-50 % wachsen Ihr Anteil wird sich von 28% auf 45% erhöhen. Die Anzahl der angelernten Arbeiter wird sich kaum ver- ändern; die Anzahl der Hilfsarbeiter wird aber auf etwas weniger als die Hälfte absinken (1970 betrug ihre Anzahl 1 250 000, im Jahr 2000 sind kaum mehr als eine halbe Million zu erwarten). 3) Die Anzahl der Beschäftigten mit der heutigen Qualifikation wird in ihrer Gesamtheit den Anforderungen der von der Prognose des Arbeitskräftebedarfs ermittelten Arbeitsplätze entsprechen. In den nichtmanuellen Berufen sind etwas mehr, in den manuellen we- niger Bewerber zu erwarten. Bei nichtmanuellen Berufen wird bei Beschäftigten mit Mittelschulbildung ein Überschuß, bei Arbeit- nehmern mit Universitätsausbildung ein Mangel zu erwarten sein. Die Anzahl der Beschäftigten mit Facharbeiterausbildung wird ent- sprechend der Prognose die Anzahl der Fachschulbildung erfordern- den Arbeitsplätze übersteigen. Die Angebotsprognose nach Qualifikationsstufen zeigt an, daß Vo- lumen und Struktur der Arbeitskräfte auf die wirtschaftliche Ent- wicklung einen positiven Einfluß ausüben werden. Das größere An- gebot an Arbeitskräften mit Fachausbildung wird den Betrieben eine Auswahl ermöglichen; Fachkräfte, die den komplizierteren An- forderungen nicht gewachsen sind, werden also einfachere Arbeiten ausüben müssen. Die Abnahme wird von den Berechnungen auch da- durch unterstützt, daß in den voraussichtlichen Arbeitskräftebe- stand nicht nur die Absolventen von Vollzeitschulen, sondern auch jene von Abendkursen eingehen. Die Erhöhung der Erwachsenenquali- fizierung darf nicht vernachlässigt werden. Je höher der Bil- dungsstand, desto wichtiger die Erwachsenenqualifizierung. Auf- grund der Prognose werden sich 10% der Beschäftigten mit Fachaus- bildung, 40% der Beschäftigten mit nichtmanueller Mittelschulqua- lifikation, 30% der Beschäftigten mit höherer Qualifikation aus Absolventen von Abend- und Fernunterrichtslehrgängen rekrutieren. Bei der Deckung des Arbeitskräftebedarfs sollte man auch qualita- tive Aspekte (Arbeitskultur, Innovationsfähigkeit) beachten. Die hier wirksamen Faktoren sind: der Aufbau des Fachausbildungssy- stems, das Niveau und die Auswahl des Lehrstoffs, die Eigenart, Methode und Wirkung der Berufsvorbereitung. Aufgrund der Prognose wird sich die Umgestaltung des Arbeitskräf- tebedarfs auch in seiner Zweigstruktur fortsetzen: Der Anteil der in der Produktion Beschäftigten wird sich vermindern; auf den In- frastrukturgebieten müssen wir mit einem wachsenden Anteil rech- nen. Zwischen 1970 und 1980 hat sich der Anteil der Produktions- sphäre an den Gesamtbeschäftigten um 6%-Punkte vermindert, in den folgenden 20 Jahren ist eine weitere Verminderung um 8%-Punkte zu erwarten (im Jahre 2000 wird allerdings noch mehr als die Hälfte der Beschäftigten in Zweigen der Produktion arbeiten). Daraus er- gibt sich, daß der Anteil der im Tertiär-Sektor Beschäftigten zu- nehmen wird: in den folgenden 20 Jahren allerdings kaum schneller als während der vorhergehenden 10 Jahre. Die Berufsstruktur wird in hohem Maße von der Zweigstruktur der Arbeitskräfte bestimmt werden. Dies wird sich auch auf die Quali- fikationsentwicklung auswirken (z. B. werden sich in der verar- beitenden Industrie anspruchsvollere Arbeitsanforderungen auswei- ten; durch das Anwachsen der Infrastrukturzweige wird der Anteil höher qualifizierter Arbeitskräfte zunehmen). Der Bedarf an Hoch- schulabsolventen wird größer. Der Bedarf an Fachkräften kann sich in einigen Industrie-, Verkehrs- und landwirtschaftlichen Berei- chen wesentlich ausweiten. Die erforderlichen beruflichen und Qualifikationsstrukturen der Arbeitskräfte und der Output des Bildungswesens werden sich nur dann in Übereinstimmung befinden, wenn eine Anpassung des Bildungswesens an die zu erwartenden Be- dürfnisse erfolgt. Das am 19.4.1985 verabschiedete neue Bildungsgesetz dient diesem Ziel. Es betont die Einheit von Bildung und Erziehung, von Grund- schul-, Mittelschul- und Hochschulausbildung. Es hat die Aufgabe, die Vermittlung von Allgemeinbildung und Fachwissen zu fördern. Im Bildungswesen müssen alle Funktionen der Kultur zur Geltung gelangen: Allen Menschen muß die Aneignung der geistigen Werte ermöglicht werden. Gleichzeitig muß das Bildungswesen die Einord- nung der Individuen in die Gesellschaft befördern. 4) Zur wich- tigsten Aufgabe der Beschäftigungspolitik werden die Abstimmung von Angebot und Nachfrage an Arbeitskräften und die Sicherung der Vollbeschäftigung gehören. In diesem Zusammenhang spielt die Vorstellung von Vollbeschäfti- gung eine Rolle. Dabei wird die Bedeutung gesellschaftlich nütz- licher Arbeit stärker betont werden müssen. Dazu gehört auch die Weiterentwicklung des grundsätzlich an Erwerbsarbeit gebundenen Systems der Existenzsicherung, wobei die soziale Sicherung in Form staatsbürgerlicher Rechte auszubauen und zu stabilisieren ist. Die Stärkung und Entwicklung einer die Existenz sichernden Sozialpolitik gibt die Möglichkeit, die Löhne und die Einkommen stärker zu differenzieren sowie die Rolle der materiellen Anreize zu erhöhen. 4. Einkommensverteilung und Differenzierung der Einkommen --------------------------------------------------------- Das Prinzip der Einkommensverteilung ist in einer sozialistischen Wirtschaft die Verteilung nach der Arbeitsleistung. Die Änderun- gen der letzten Jahre in den Eigentumsverhältnissen (Kleinunternehmen im Dienste der Bevölkerung, Umgestaltung der Organisationsstruktur der Unternehmen) haben die Einkommensver- teilung in Richtung auf Differenzierung der Einkommen beeinflußt. Es ist wichtig, daß im staatlichen und genossenschaftlichen Sek- tor die Einkommensverhältnisse grundsätzlich nicht modifiziert werden. Es ist aber zu erwarten, daß die Durchsetzung des Lei- stungsprinzips mit der Weiterentwicklung des Systems der Wirt- schaftsleitung die Lohndifferenzierung de: Betriebe vergrößern wird, d.h., die erfolgreich arbeitenden Unternehmen werden gegen- über weniger erfolgreichen höhere Löhne zahlen. In Verbindung mit der Einkommensverteilung stehen die Ausbreitung der Ware-Geld-Beziehungen und die wachsende Rolle des Kleineigen- tums im Mittelpunkt des Interesses. Es ist damit zu rechnen, daß die Differenzierung der Einkommen der verschiedenen gesellschaft- lichen Schichten und Gruppe: größer werden wird. Es kann ein großes Problem werden, wenn zur geleisteten nützlichen Arbeit nicht im Verhältnis stehende Einkommen, die aus der Ausnutzung von Mängeln und Preisaufschlägen oder anderen Spekulationsmomen- ten entstehen, auftreten. Das expandierende Kleineigentum hat eine nützliche ökonomische Funktion bei der Überwindung von Man- gelerscheinungen. Mit dem Bedeutungszuwachs der "zweiten Wirt- schaft" hängt es auch zusammen, daß der hier ausgeübten Tätigkeit nicht nur differenzierende, sondern auch eine gewisse einkommens- ausgleichende Rolle zukommt. Sie spielt: eine unerläßliche und notwendige Rolle bei der Ergänzung der Einkommensquellen für im- mer größere Schichten der Bevölkerung. 3/4 der Bevölkerung arbei- ten heute in irgendeiner Form in der sogenannten "zweiten Wirt- schaft" (90% der Dorfbevölkerung üben solche Tätigkeiten bereits aus). Die Arbeitstätigkeit in der Freizeit bedeutet in Wirklich- keit natürlich eine Verlängeruni der Arbeitszeit. Einige Untersu- chungen haben unter Zugrundelegung der 5-Tage-Woche ermittelt, daß sich die durchschnittliche Tagesarbeitszeit auf 16 Stunden erhöht hat. Langfristig muß das dem Gesundheitszustand der Bevöl- kerung abträglich sein. Eine negative Wirkung besteht heute schon darin daß sich die Intensität in der Hauptarbeitszeit verringert. Ferner werden eine ungleichmäßige Beteiligung der einzelnen Grup- pen an der "zweiten Wirtschaft" und dementsprechende Einkommens- unterschiede festgestellt. Diese Tendenzen können sich zu gesell- schaftlichen Problemen ausweiten. Daß die wachsende Differenzierung der Einkommen zu einem gesell- schaftlichen Problem geworden ist, ergibt sich auch aus dem schwächeren Wirtschaftswachstum. Darin ist eine sinkende Tendenz der Reallöhne und ein nur schwaches Steigen der Realeinkommen In- begriffen. Dazu kommen noch de: sinkende Anteil der direkten Loh- neinkommen aus dem sozialistischen Sekte: am Gesamteinkommen der Bevölkerung und die Überbewertung der Einkommensquellen anderen Charakters, z.B. der "zweiten Wirtschaft". Das Einkommensniveau jener gesellschaftlichen Schichten und Gruppen, die ihr Einkommen ausschließlich oder in erster Linie aus ihrer Arbeit in der so- zialistischen Wirtschaft erzielen, bleibt hinter den Gruppen mit höherem Einkommen weit zurück. Der Abstand zwischen den höchsten und den niedrigsten Einkommen wird weiter anwachsen. Die Diffe- renzierung nach den Einkommensquellen wird ebenfalls in den ein- zelnen Gruppen und zwischen ihnen zunehmen. Eine der Aufgaben der Weiterentwicklung der Wirtschaftsleitung ist es, wirksamere und vernünftigere Tätigkeitsformen für die kleinen Unternehmen zu entwickeln und gleichzeitig die in der sozialistischen Wirtschaft ausgeübten Tätigkeiten nach ihrer Effektivität zu honorieren. Große Vermögen können durch Besteuerung vermindert werden. Die Lage der Niedrigbezahlten, vor allem der benachteiligten Schich- ten wie der jugendlichen Berufsanfänger, der Rentner und Mehr- Kinder-Familien muß mit sozialpolitischen Mitteln verbessert wer- den. Die Mehrheit der in benachteiligter und schlechter finan- zieller Lage Lebenden kann keine Mehrarbeit in den Kleinunterneh- men leisten und damit auch keine Ergänzungseinkommen erzielen. Das erste Ziel der Sozialpolitik ist die Gewährung sozialer Si- cherheit und die Verminderung der von der Arbeitsleistung unab- hängigen gesellschaftlichen Ungleichheiten. Zuwendungen und Dienstleistungen müssen besser der Sozial- und Einkommenssitua- tion angepaßt sein. Zur Lösung dieser Aufgabe haben die 1985 ge- troffenen Maßnahmen positiv beigetragen, die vor allem die Fami- lien mit Kindern betreffen (z.B. die Einführung der neuen Form des Kinderpflegegeldes, die Erhöhung der Mutterschaftshilfe usw.). 5. Tendenzen und Möglichkeiten der Entwicklung ---------------------------------------------- In Verbindung mit den seit Mitte der siebziger Jahre auftretenden Gleichgewichtsproblemen und den Möglichkeiten der Anpassung an veränderte Außenbedingungen hat sich eine Annäherung unterschied- licher Diskussionspositionen zur weiteren Entwicklung Ungarns vollzogen. 1. Positionen zur nach außen offenen Wirtschaft des Landes. Dazu werden zwei Meinungen vertreten. Die eine betont die Zweckmäßig- keit des außenwirtschaftlichen Abschließens des Landes, da damit die nationalen Eigenarten vor negativen äußeren Wirkungen besser geschützt werden könnten. Der anderen Meinung nach würde ein sol- ches Abschließen auf alle Fälle zum Zurückbleiben des Landes im internationalen Wettbewerb und zur Konservierung seines techni- schen Niveaus führen, weshalb die Wichtigkeit der Offenheit des Landes betont wird und der Weg zur Milderung des gestörten Außen- handelsgleichgewichts in der Steigerung des Exports gesehen wird. 2. Positionen zur Entwicklung der Zweigstruktur bzw. der Zweig- präferenz. Es geht hier um die Bestimmung der Basiszweige für die volkswirtschaftliche Entwicklung unter den veränderten Bedingun- gen. Hierzu werden vier verschiedene Standpunkte vertreten. Eine Position geht von der Preissteigerung der Energieträger und dem hohen Importanteil Ungarns aus sowie von der Tatsache, daß die Rohstoffversorgung auf den traditionellen Märkten (aus den sozialistischen Ländern, vor allem aus der Sowjetunion) immer schwieriger wird. Deshalb solle die Entwicklung der einheimischen Bergbauindustrie und der verarbeitenden Industrie stärker betont werden. Die Entwicklung des Energiesektors solle eine Verminde- rung des Energieimports und sogar Energieexporte ermöglichen. Diese Position wird durch die Gestaltung der Energiepreise und der Einkaufsmöglichkeiten abgestützt. Dieser Sektor hat in den letzten Jahren wesentlich zu unserem konvertiblen Export beige- tragen (wir denken hier vor allem an den Export von Ausrüstungen zur Erdölverarbeitung und von Elektroenergie nach Westeuropa). Demgegenüber hat inzwischen jener Standpunkt viele Anhänger ge- wonnen, wonach der Kapitalbedarf des Bergbaus und der primär ver- arbeitenden Industrie die Entwicklungsmöglichkeiten der verarbei- tenden Industrie einschränkt, obwohl nur die verarbeitende Indu- strie in der Perspektive den Export dynamisch steigern kann. Dementsprechend müsse der eigene Bergbau durch Steigerung der En- ergieimporte und durch maximale Energieeinsparung kompensiert werden, um die dadurch freiwerdenden Mittel auf die Entwicklung der verarbeitenden Industrie zu konzentrieren. Ein Durchbruch soll mit der Erhöhung ihres technischen Niveaus und ihrer inter- nationalen Konkurrenzfähigkeit erreicht werden. Der dritte Standpunkt sieht die Möglichkeit der Problemlösung vor allem in der beschleunigten Entwicklung der Lebensmittelindu- strie. Seine Anhänge: fordern die kraftvollere Entwicklung dieses Sektors. Diese Meinung wird dadurch abgestützt, daß die Produkte der Landwirtschaft und der Lebensmittelindustrie auf den soziali- stischen Märkten harte Waren sind und auch auf der kapitalisti- schen Märkten verkauft werden können, sogar unter sich ver- schlechternden Bedingungen. Die vierte Position hebt die Entwicklung der Infrastruktur her- vor. Danach ist die Akkumulationsfähigkeit des Landes wesentlich größer als unter der Bedingungen der heutigen Restriktion. Ein Ziel der Restriktion ist die Beschränkung des konvertiblen Im- portbedarfs; gleichzeitg werden aber dadurch auch jene Zweige be- grenzt, deren Importbedarf nur einen Bruchteil des Importbedarfs der verarbeitenden Industrie ausmacht. Ihre Beschränkung trag: kaum zur Verminderung des Importbedarfs bei, kann aber zur Quelle gesellschaftlicher Spannungen werden. Ein solches Gebiet ist spe- ziell der Wohnungsbau und im allgemeinen die Infrastruktur. Es wird vorgeschlagen, de; Bedarf der Bevölkerung mit einem wachsen- den Dienstleistungsangebot zu kompensieren, denn in den nächsten Jahren kann der Verbrauch materielle: Güter infolge des darin in- volvierten Importbedarfs kaum erhöht werden. Die Grenze dieser Konzeption liegt in der Finanzierung der Infrastruktur, die hauptsächlich aus staatlichen Quellen erfolgen muß. Denn eine weitere Belastung des Budgets wird in den nächsten Jahren nicht möglich sein. Diese Position könnte nur dann verwirklicht werden, wenn die heutigen Preisverhältnisse und Finanzierungsformen durch eine allgemeine Preis- und Lohnreform grundsätzlich verändert würden. 3. Positionen zur Entwicklung des Wirtschaftsmechanismus. Danach liegt die Ursache der Wirtschaftsprobleme des Landes vor allem in der Inkonsequenz bei der Verwirklichung der Reform des Wirt- schaftsmechanismus vor 1968. Sie habe deshalb eine optimale Res- sourcenverteilung und eine entsprechende strukturelle Umgestal- tung nicht sichern können. In dieser Sicht ist die wichtigste Voraussetzung zur Anpassung an die veränderten weltwirtschaftli- chen Bedingungen die Weiterentwicklung des Wirtschaftsmechanismus und eine Ressourcenverteilung nach den Kriterien der Effektivi- tät. Die Vertreter der verschiedenen Standpunkte treten nicht mit Aus- schließlichkeitsanspruch auf, fordern jedoch die Beachtung der von ihnen hervorgehobenen Aspekte. Die Betonung unterschiedlicher Aspekte könnte langfristig zu unterschiedlichen Strukturverände- rungen führen, weshalb die verschiedenen Varianten als effektive Alternativen zu begreifen sind. 5) Die Herausarbeitung möglicher Entwicklungswege ist für die Ent- wicklung der strategischen Konzeption wichtig. Es ist aber gleichzeitig nötig, ein konsistentes System der langfristigen, mittelfristigen und operativen Planung zu schaffen. Dazu dient der VII. Fünfjahrplan (1986-1990), der recht niedrige Zuwachs- raten veranschlagt. Er sieht die Konsolidierung und langsame Be- lebung der sozialökonomischen Entwicklung vor. Es wird zweckmäßig sein, einen bedeutenden Teil unserer materiellen und geistigen Ressourcen auf einige ausgewählte Gebiete zu konzentrieren: auf die Entwicklung und Verbreitung der Elektronik, auf die Entwick- lung der Computerisierung, Automatisierung und Robotertechnik, auf die Anwendung der modernen Methoden der Produktionsorganisa- tion, auf die Produktion zweckmäßiger Maschineneinrichtungen und chemischer Produkte für Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie, auf die Entwicklung und Verwendung biotechnischer Methoden, auf die Ausnutzung unserer Naturschätze, auf die Einführung material- sparender Technologien. Die Durchführung der für Energieeinspa- rung sowie Nutzbarmachung der Abfälle und der sekundären Roh- stoffe ausgearbeiteten Zentralprogramme muß konsequent fortge- setzt werden. Die der technischen Entwicklung dienende Infrastruktur muß ver- bessert werden. Wir müssen die Unternehmen und die technischen Fachleute stärker zur Anwendung des wissenschaftlichen Fort- schritts, der technologischen Neuerungen und der neuen arbeitsor- ganisatorischen Methoden veranlassen. Die Produktion der am öko- nomischsten herstellbaren Produkte muß sich dynamisch erweitern. Durch grundlegende Änderungen müssen mit Verlust arbeitende Pro- duktionen ökonomisiert werden. 6) Neben der Schaffung entsprechender Fonds zur Steigerung der so- zialen Sicherheit der Bevölkerung und zur Erhöhung ihres Lebens- niveaus ist die Ausarbeitung und Begründung einer komplexen und langfristigen gesellschaftspolitischen Strategie erforderlich, die die umfassende Weiterentwicklung der sozialistischen Produk- tionsverhältnisse beinhaltet. _____ 1) Beschluß des XIII. Parteitages des USAP über die Arbeit und die weiteren Aufgaben der Parte: - Beilage der Tageszeitung "Nèpszabadság" vom 30. März 1985. 2) Die demographischen Prognosen schätzen die Bevölkerung Ungarns Ende des Jahrtausends auf 10 Millionen. 3) In Ungarn besteht die 8jährige Grundschulpflicht. Vgl. Dr. Gábor Koncz, Dr. Dóra Vámos. Prognose von Bildungs- und Kultur- verhältnissen und die Möglichkeit alternativer Strategien in den 80er und 90er Jahren (Manuskript). 4) Das Ausbildungsgesetz wurde am 18. April 1985 in der Früh- jahrs-Parlamentstagung angenommen. Vgl. "Népszabadság" vom 19. April 1985. 5) Diese Probleme sind aus verschiedener Sicht behandelt bei: Dr. Erzsébet Gidai, Zukunftsforschung und die Zukunft; Karoly Lorant, Schlüsselfragen der Wirtschaftspolitik in der zweiten Hälfte der achtziger und in den neunziger Jahren (vor dem Erscheinen). 6) Vgl. Beschluß des XIII. Parteitags der USAP. zurück