Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985

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DIE PERSPEKTIVEN DER AKKUMULATION VON FIXEM KAPITAL

Ökonomische Tendenzen bis zum Jahr 2000 --------------------------------------- Jörg Goldberg 1. Die Akkumulation von fixem Kapital als materielle Grundlage der Zyklen - 2. Rekonstruktion und Akkumulationsprozeß in der Nachkriegszeit - 3. Die Rationalisierung als Träger einer neuen Wachstumsperiode? - 3.1. Kein Rationalisierungsrückstand in der Industrie - 3.2. Rationalisierung und Investitionen in der Indu- strie - 3.3. Neue Technologien und öffentliche Infrastrukturinve- stitionen - 3.4. Bauinvestitionen und Wohnungsbau - 4. Rationali- sierung, Beschäftigung und Konsum - 5. Schlußfolgerung Die Phase verstärkter Krisenhaftigkeit in der kapitalistischen Weltwirtschaft und in der Bundesrepublik, die in den siebziger Jahren eingesetzt hat, bestimmt auch das ökonomische Bild in der Mitte der achtziger Jahre. Hauptmerkmal ist eine Vertiefung und Verlängerung der Krisenphasen des Zyklus und eine Abschwächung der zyklischen Aufschwungperioden. Die beiden letzten Zyklen - 1974 bis 1980 und 1981 bis 1985/86 - brachten Zuwachsraten beim Bruttosozialprodukt von 2,4 bzw. 1,0 Prozent im Jahresdurch- schnitt; die Industrieproduktion erhöhte sich sogar nur um jah- resdurchschnittlich 1,4 bzw. 0,5 Prozent. Bei einem Blick auf die ökonomischen Tendenzen bis zum Jahr 2000 wird daher die Frage im Mittelpunkt stehen, ob diese Periode ver- schärfter Krisenhaftigkeit andauern wird, ob sich die Lage mögli- cherweise noch brisanter gestaltet oder ob eine Überwindung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten und eine Neubelebung der Dynamik des kapitalistischen Wachstums zu erwarten ist. Dabei geht es nicht darum, an die Situation der fünfziger und sechziger Jahre anzuknüpfen; diese war eine absolute Ausnahme in der Geschichte des Kapitalismus. 1) Der zu behandelnde Zeitraum von 15 Jahren erlaubt nicht das Aus- malen phantastischer Zukunftsgemälde; vor allem in technologi- scher Hinsicht dürften die wesentlichen wirtschaftlich relevanten Neuerungen der nächsten 15 Jahre weitgehend absehbar sein. 2) Trotzdem sind Tendenzaussagen selbst für einen so begrenzten Zeitraum mit großen Risiken behaftet. So kommt Dieter Mertens bei einem Rückblick auf Prognosen der Vergangenheit - der 60er und beginnenden 70er Jahre - zwar zu der Feststellung, daß viele Aus- sagen eingetroffen seien. Entscheidend ist jedoch, daß "die An- nahme über die Globalentwicklung (weitere ungestörte Expansion)" eben nicht gestimmt habe. 3) "Daß Arbeitslosigkeit das zentrale) Problem werden könnte, wurde von keiner der früheren Projektionen für die siebziger Jahre vorausgesagt" 4). Die grundlegenden Ver- änderungen der ökonomischen - und damit auch sozialen und politi- schen - Existenzbedingungen des Kapitalismus wurden im Jahre 1970 jedenfalls nicht erwartet. Gegenwärtig wird von den meisten bür- gerlichen, aber auch von einigen am Marxismus orientierten Auto- ren eine gewisse Neubelebung der ökonomischen Dynamik des Kapita- lismus erwartet, wobei die Rolle der neuen Technologien - z.T. eingebettet in die Theorie der "Langen Wellen" der Konjunktur - eine wichtige Rolle spielt. 6) 1. Die Akkumulation von fixem Kapital ------------------------------------- als materielle Grundlage der Zyklen ----------------------------------- Im folgenden soll versucht werden, die Perspektiven der Akkumula- tion von fixem Kapital als Bestimmungsgrund kapitalistischer Wachstumsdynamik abzuschätzen. Denn die Produktion auf erweiter- ter Stufenleiter - Wirtschaftswachstum - setzt voraus, daß die Verwandlung von Mehrwert in Kapital, die Akkumulation von Kapi- tal, im entwickelten Kapitalismus vorrangig von fixem Kapital, funktioniert. 7) Es geht also um die Frage, welche Konsequenzen die Durchsetzung eines Typs der intensiv erweiterten Reproduktion auf der Grundlage der neuen Technologien für den Gesamtreproduk- tionsprozeß hat, ob diese wachstumsstimulierend wirken oder kri- senverschärfend. Dies ist zu untersuchen vor dem Hintergrund ei- nes staatsmonopolistisch geprägten kapitalistischen Milieus, also bei Dominanz von Monopolen, struktureller Überakkumulation von Geldkapital und hoher, tendenziell weiter wachsender Weltmarkt- verflechtung. Der Zusammenhang zwischen der Durchsetzung des wis- senschaftlich-technischen Fortschritts und der Akkumulation von fixem Kapital bildet die Grundlage für die Entfaltung der Wider- sprüche auf allen Ebenen der Ökonomie. Trotz der hohen Weltmarktverflechtung konzentriert sich hier die Untersuchung auf Veränderungen in den nationalen Reproduktionsbe- dingungen, wobei der Internationalisierungsgrad Bezugspunkt na- tionaler Kapitalstrategien bleibt. Die Konzentration auf Verände- rungen in den nationalen Reproduktionsbedingungen erscheint trotzdem gerechtfertigt: - der Nationalstaat bleibt trotz der Internationalisierungsten- denzen der Rahmen des Reproduktionsprozesses; 8) - auch in den anderen kapitalistischen Ländern prägt die - durch die internationale Konkurrenz angetriebene - Durchsetzung der neuen Technologien die Entwicklungsbedingungen und führt zu ähn- lichen Prozessen wie in der BRD. Da davon auszugehen ist, daß in den nächsten 15 Jahren die entwickelten kapitalistischen Länder weiter die Weltmarktdynamik bestimmen, ist eine grundlegend an- dere Entwicklungsrichtung des Weltmarktes nicht wahrscheinlich; 9) - es wird vorausgesetzt, daß die Weltmarktposition der Bundesre- publik relativ stabil bleibt. Anzumerken bleibt schließlich, daß sich die folgenden Überlegun- gen nur auf einen - allerdings zentralen - Aspekt der ökonomi- schen Perspektiven konzentrieren. Es wird also nicht der Anspruch einer umfassenden Wirtschaftsprognose erhoben. Der hier zu untersuchende Prozeß der Akkumulation von Kapital ist an eine ganze Reihe von stofflichen und wertmäßigen Proportionen gebunden, die im Kapitalismus gesetzmäßig verletzt und ebenso ge- setzmäßig reproduziert werden müssen. Die entscheidende Instanz ist dabei die Krise, die immer wieder die notwendige Proportiona- lität rekonstruiert. Die gegenwärtige Situation ist nun vor allem dadurch gekennzeichnet, daß die zyklischen Krisen - obwohl sie länger und tiefer geworden sind - ihre Funktion der Sicherung notwendiger Proportionen nicht mehr in ausreichendem Umfang aus- füllen können. 10) Das Tempo der Akkumulation wird so dauerhaft beeinträchtigt, wobei entscheidend ist, daß es nicht mehr aus- reicht, die vorhandenen Ressourcen - vor allem Arbeitskräfte und Maschinerie - wenigstens zeitweise voll auszuschöpfen. Als bestimmend für den konkreten Verlauf zyklischer Krisen und ihre Fähigkeit zur Gewährleistung der stofflichen und wertmäßigen Gleichgewichtsbedingungen müssen die Reproduktionsbedingungen des fixen Kapitals gelten. Der Unterschied zwischen Wertumschlag und stofflichem Umschlag beim fixen Kapital ist "eine materielle Grundlage der periodischen Krisen". 11) Die Krise vernichtet das im Verhältnis zu den Verwertungsbedin- gungen überakkumulierte Kapital - wobei der Zusammenhang zwischen Produktions- und Realisationsbedingungen des Profits zu beachten ist - und schafft so die Voraussetzung für eine Neuanlage von Ka- pital vor allem in fixer Form. Sowohl die Tiefe der Krise als auch die Dynamik der Belebung werden also bestimmt von den kon- kreten Reproduktionsbedingungen des fixen Kapitals. "Der Umfang des Reproduktionsprozesses des fixen Kapitals dehnt sich daher bei erweiterter Reproduktion erheblich aus. Dies um so mehr, als der Aufschwung von Produktion und Kapitalakkumulation stets auch von einem Sprung in der Entwicklung der Produktivkräfte, also auch von der Steigerung der organischen Zusammensetzung des Kapi- tals, insbesondere seines fixen Bestandteils, begleitet wird. Durch alle diese Einzelprozesse erhält der Gesamtprozeß immer neue Anregungen, und die Grenze der Produktionsausdehnung, die beschränkte Entwicklung der Konsumtionskraft der Gesellschaft, tritt immer mehr in den Hintergrund." 12) Nun sind die Reproduktionsperioden, d. h. der Zeitraum, für den Arbeitsmittel im Arbeitsprozeß fungieren können, sehr unter- schiedlich. Bestimmte Infrastruktureinrichtungen wie Straßen, Brücken, usw. müssen überhaupt nicht ersetzt werden 13), in der Regel reichen laufende Reparaturaufwendungen. Für Gebäude wird eine Lebensdauer zwischen 40 und 100 Jahren angenommen, Maschinen und Anlagen fungieren oft nur wenige Jahre (zwischen vier und zwanzig), wobei hier sogar die Lebensdauer einzelner Anlagenteile unterschiedlich sein kann. 14) Für unseren Zusammenhang ist rele- vant, daß, je umfangreicher die Neuanlage fixen Kapitals ist, de- sto länger die Periode, in der die "Konsumtionsbeschränkung der Massen" als "letzter Grund aller wirklichen Krisen" überdeckt wird. 15) Je umfangreicher die Neuanlage von fixem Kapital, die notwendig ist, um die Produktion in einem bestimmten Umfang zu erweitern, desto dynamischer gestalten sich die Aufschwungphasen des Zyklus. 2. Rekonstruktion und Akkumulationsprozeß in der Nachkriegszeit --------------------------------------------------------------- Der Akkumulations- und damit auch Wachstumsprozeß der Güterpro- duktion verlief in den fünfziger und sechziger Jahren zwar kei- neswegs krisenfrei, er brachte aber hohe Zuwachsraten bei nur schwach ausgeprägten und relativ kurzen zyklischen Krisen. Aller- dings hatte sich der Prozeß der Akkumulation von fixem Kapital - hier gemessen an den Bruttoanlageinvestitionen - schon in den sechziger Jahren verlangsamt. Ganz entscheidend war dabei der Rückgang der Bauinvestitionen, Bestandteile des fixen Kapitals also, deren Reproduktionsperiode sehr lang ist. Dies betraf zunächst den Wohnungsbau, zunehmend den gewerblichen Bau und schließlich - in den siebziger Jahren - auch den öffentlichen Bau. 15a) Dagegen hat sich die Entwicklung der Ausrüstungsinvestitionen - also Maschinen und Anlagen - kaum verlangsamt. Die "Investitions- quote" der Ausrüstungen, gemessen am Anteil der Ausrüstungs- investitionen am Bruttosozialprodukt zu festen Preisen, lag auch in den siebziger und achtziger Jahren nicht unter dem Niveau der Vorperioden. 16) Diese Verschiebung in der Struktur der Investitionen und damit auch die Veränderung in den Reproduk- tionsbedingungen des fixen Kapitals ist nun Ausdruck des Auslau- fens einer Rekonstruktionsphase in der Entwicklung des Kapitalis- mus nach dem zweiten Weltkrieg. Dabei waren die Veränderungen in der Bundesrepublik besonders groß; hier waren die Erfordernisse der Rekonstruktion der ge- samten materiellen Infrastruktur besonders drängend. Die Belebung der Produktion nach dem zweiten Weltkrieg unter den veränderten nationalen und internationalen Bedingungen erforderte umfangrei- che Neuanlagen von Kapital, besonders im Bereich der baulichen Voraussetzungen der Produktion. In dem Maße, wie eine bestimmte Grundausstattung des Landes mit baulichen Einrichtungen erreicht war, wurden die für eine bestimmte Erweiterung der Stufenleiter der Produktion (also für ein bestimmtes Wachstum) erforderlichen Neuanlagen von Kapital (Ersatz eingeschlossen) tendenziell nied- riger. Grundlegende Einschnitte in einen gegebenen historischen Zustand - also kriegerische Zerstörungen; Produktivkraftumwälzungen, die ein völlig neues Infrastruktur- oder sektorales Produktionssystem mit sich bringen oder die gegebene Standortverteilung obsolet ma- chen (historische Beispiele: Eisenbahn, Chemisierung, Elektrifi- zierung, PKW, Umstellung auf Rüstungswirtschaft); Bevölkerungs- verschiebungen; die Erschließung neuer Länder; sprunghafte Verän- derungen des Lebensniveaus; rasche Bevölkerungsausdehnung usw. - würden die Ausgangssituation verändern und von daher die Repro- duktionsbedingungen des fixen Kapitals erneut verschieben. Der Rückgang der baulichen Bestandteile im Akkumulationsprozess des fixen Kapitals hat nun scheinbar widersprüchliche Auswirkun- gen auf die Triebkräfte der kapitalistischen Akkumulation, auf den gesamten Reproduktionprozeß. Die Wertzusammensetzung des Ka- pitals (nicht identisch mit der organischen Zusammensetzung) ver- bessert sich tendenziell in dem Maße, wie bislang in Bauten fi- xiertes Kapital freigesetzt wird, ohne daß es wieder in neuen Bauten langfristig gebunden werden muß. 17) Das freigesetzte Ka- pital kann erneut in den Verwertungsprozeß hineingeworfen werden, obwohl die Bauten im Arbeitsprozeß weiter fungieren. Der aus den Abschreibungen gebildete "Akkumulationsfonds" (Marx) wäre so ein Moment beschleunigter Akkumulation und höherer Zu- wachsraten der Produktion in mengenmäßiger Hinsicht. Denn die freiwerdenden Kapitalteile können erneut angelegt werden. Mit dem gleichen Kapital kann zusätzliche Maschinerie, können zusätzliche Arbeiter beschäftigt werden, was die Verwertung des Gesamtkapi- tals selbst dann tendenziell verbessern dürfte, wenn sich die Löhne erhöhen. Die Tatsache, daß sich in den sechziger und sieb- ziger Jahren das Tempo der Akkumulation verlangsamt hat, müßte also zunächst überraschen. Entscheidend dabei ist aber die Tatsa- che, daß nun die Disproportionen im Zirkulationsprozeß rascher spürbar wurden: der Zusammenhang zwischen dem Prozeß des Aufbaus von neuen Produktionskapazitäten im Zuge der Akkumulation von fixem Kapital und der beschränkten Konsumtionskraft ist enger ge- worden; die immanente Tendenz zur Überakkumulation von Kapital wird rascher manifest. 18) Ein Ansatz zur markanten Neubelebung des Akkumulationstempos ist m. E. deswegen nicht in Sicht, obwohl sich die Produktionsbedingungen von Profit erheblich verbessert haben. Dies läßt sich ansatzweise auch empirisch belegen, wenn auslastungsbedingte Verluste ausgeklammert werden. 19) 3. Die Rationalisierung als Träger einer neuen Wachstumsperiode? ---------------------------------------------------------------- Für den vorliegenden Argumentationszusammenhang ist die Frage also entscheidend, ob Veränderungen in den Reproduktionsbedingun- gen des fixen Kapitals absehbar sind, die eine umfangreiche Neu- anlage von fixem Kapital erfordern und so - ausgehend von der sprunghaften Steigerung der Nachfrage nach Arbeitsmitteln - eine dauerhaft beschleunigte Akkumulation von Kapital auslösen könn- ten. Dadurch würde die derzeit als Akkumulationsbremse wirkende, im Verhältnis zu den Produktionsmöglichkeiten zu geringe Konsum- tionskraft zeitweilig überdeckt, die Massenkaufkraft selbst er- weitert werden. Zentrale Aufmerksamkeit gebührt dabei der Wirkung der neuen Technologien auf die Reproduktionsbedingungen des fixen Kapitals. Können die neuen "Produkttechnologien" tatsächlich zum "Träger eines neuen 'Wachstums-Zyklus' werden", wie es vielfach erwartet wird? 20) Bevor auf diese Frage eingegangen wird, soll noch kurz ein Aspekt behandelt werden, der mit dem Stichwort der Vergreisung des Kapi- talbestandes in der kapitalkonformen Publizistik eine wichtige Rolle spielt. 21) Demnach sei der Produktionsapparat wegen der Investitionsschwäche der letzten Jahre veraltet, Ersatzinvesti- tionen auf neuer technologischer Grundlage seien überfällig. 3.1. Kein Rationalisierungsrückstand in der Industrie ----------------------------------------------------- Zu erwähnen ist als Ausgangspunkt zunächst die Tatsache, daß der Kapitalstock auch im letzten Jahrzehnt - also in der Periode ab- geschwächter Dynamik - rascher gewachsen ist als die reale Brut- towertschöpfung. Zwischen 1973 und 1981 ist der Kapitalstock um jahresdurchschnittlich 3,6 Prozent gewachsen, die Bruttowert- schöpfung um 2,1 Prozent. 22) Die Auslastung der Kapazitäten ist daher in den erfaßten Bereichen tendenziell bedeutend niedriger gewesen als in den sechziger Jahren. Ausgangspunkt ist 1985 also eine Situation, in der in fast allen Produktionsbereichen Überka- pazitäten existieren. Trotzdem ist die Frage berechtigt, ob etwa ein sich zusammen- ballender Ersatzbedarf als Reflex eines veralteten Produktionsap- parates in absehbarer Zukunft neue Investitionsimpulse ausstrah- len wird. Dabei kommt nur das Ausrüstungsvermögen in Frage, da für das Bauvermögen von einer durchschnittlichen Nutzungsdauer von 99 Jahren (ökonomisch) ausgegangen wird. Die ökonomische Nut- zungsdauer der Ausrüstungsgüter wird durchschnittlich mit 12 Jah- ren angegeben, je nach Güterart zwischen vier bis sieben Jahren bei Büromaschinen und Fahrzeugen und 14 bzw. knapp 20 Jahren für Maschinenbau-und Stahlbauerzeugnisse. 23) In einer Untersuchung des Durchschnittsalters des Anlagevermögens kommt das Ifo-Institut zu dem Schluß, daß von einer "Vergreisung" des Produktionsapparates, der eine Steigerung der Ersatztätigkeit erfordern würde, nicht gesprochen werden kann. Insbesondere im produzierenden Bereich, also vor allem in der Energiewirtschaft, im Bergbau, verarbeitenden Gewerbe und Baugewerbe, hat sich das Durchschnittsalter des Ausrüstungsvermögens (Benutzerkonzept) zwischen 1973 und 1983 nur geringfügig erhöht; im verarbeitenden Gewerbe von 7,0 auf 7,8 Jahre und im Baugewerbe von 5,1 auf 5,9 Jahre. In der Energiewirtschaft und beim Bergbau, die im Durch- schnitt längerlebige Ausrüstungsgüter haben, hat das Durch- schnittsalter sogar stagniert bzw. sich (Bergbau) von 10,2 auf 8,4 Jahre deutlich verringert. Zudem weist das Institut darauf hin, daß Anlagen durch den Ersatz relativ geringfügiger Teile auf neuer technologischer Basis in ihrer Lebensdauer beeinflußt werden können: Rationalisierungsin- vestitionen - und hier liegt der Schwerpunkt der Investitionstä- tigkeit der letzten Jahre - verändern die Effektivität des ge- samten Kapitalbestandes, auch wenn große Teile desselben nicht erneuert werden. "Insbesondere die Mikroelektronik hat wesentlich dazu beigetragen, den Produktionsapparat in diesem Sinne zu mo- dernisieren, sei es durch den Einbau von Steuerungen in konven- tionelle technische Aggregate oder durch die Verknüpfung einer Vielzahl solcher Aggregate zu einem Gesamtsystem, das sich opti- mierend steuern läßt. Das Schlagwort von der Flexibilisierung des Produktionsapparates bedeutet gleichzeitig, daß der Produktions- apparat durchaus 'veralten' kann, solange er die Anpassung an neue Anforderungen erlaubt." 24) Das hohe Niveau der Ausrüstungsinvestitionstätigkeit und seine Verlagerung auf das Rationalisierungsmotiv spricht also eher ge- gen die These von einem "Nachholbedarf bei den Investitionen. 3.2. Rationalisierung und Investitionen der Industrie ----------------------------------------------------- Die Frage konzentriert sich also auf die Wirkung der neuen Tech- nologien: Wird deren Einführung auf breiter Basis - ein Prozeß, der in der Tat zur Zeit erst in seinen Anfängen steckt ("Die Hauptsache kommt erst") 25) - mit einer umfangreichen Neustruktu- rierung der Betriebe bzw. der Infrastruktur verbunden sein und so den Akkumulationsprozeß stimulieren? Dabei sei hier auf vier Bereiche verwiesen: - Als "Schlüsseltechnologie" ist die Mikroelektronik an erster Stelle zu nennen, die die Produktionstechniken umfassend verän- dern dürfte; - die größere Bedeutung des Faktors "Umwelt" und relative Res- sourcenverknappungen können sowohl die Umstellung auf ressourcen- schonendere Produktionsverfahren als auch Investitionen zur Emis- sionsbegrenzung stimulieren; - die ebenfalls mit dem Einsatz der Mikroelektronik verbundenen neuen Kommunikationstechniken könnten mit einem Aufbau von neuen Infrastrukturen (Verkabelung) verbunden sein; - die Biotechnik dürfte zu einer weitreichenden Veränderung der Produktionsverfahren vor allem in der chemischen Industrie füh- ren. Für unser Thema ist die Tatsache von Gewicht, daß die so knapp skizzierten Technologien, von denen z. T. erwartet werden kann, daß sie in den nächsten 15 Jahren breite wirtschaftliche Bedeu- tung erlangen, ausgesprochene Rationalisierungstechnologien sind. 26) Sie verändern die Arbeitsverfahren in Produktion und Verwal- tung, schaffen aber nur in vergleichsweise geringem Umfang solche neuen Produkte, deren Herstellung nur vor dem Hintergrund einer neuen Produktionsstruktur möglich ist. Die z.T. irreführenden Be- griffe von "Reindustrialisierung" oder - von einem anderen Blick- winkel aus - "Neoindustrialisierung" eröffnen doch den Blick auf die Tatsache, daß es um die "Modernisierung der industriellen Kernsektoren" geht, nicht um die Schaffung einer völlig neuen Zweigstruktur der gesellschaftlichen Produktion. 27) Wenn im folgenden versucht wird, die wichtigsten Sektoren hin- sichtlich der Auswirkungen eines hohen, gegenüber dem Absatz zunächst "autonomen" Rationalisierungsbedarfs in Produktion und Verwaltung zu behandeln, so gilt das Hauptaugenmerk jenen Sekto- ren, die in erster Linie die Lieferanten der modernen Maschinen und Ausrüstungen sind. Dazu zählen vor allem die Branche "Büromaschinen/ADV (Automatische Datenverarbeitung)-Geräte", "Maschinenbau" und "Elektrotechnik". Kernsektor für den vor allem auf der Mikroelektronik beruhenden Typ der Rationalisierung ist der Sektor "Büromaschinen/ADV-Ge- räte" (BMD). Der Anteil seiner Produkte an den Ausrüstungsinve- stitionen der Gesamtwirtschaft stieg von vier Prozent im Jahr 1970 auf neun Prozent 1980 und knapp 12 Prozent 1983. 28) Nun ist aber gerade diese Branche - statistisch als eigener Sektor erst seit 1970 erfaßt - ein Bereich, in dem die Produktionsbedingungen sowohl arbeits- wie kapitalsparend sind, was durch den raschen Preisverfall für seine Produkte signalisiert wird. Das Verhältnis zwischen Bruttoanlagevermögen und Bruttowertschöpfungsvolumen (es kann hier ungenau als "Anlagenproduktivität" erfaßt werden) ist nicht nur sehr günstig, sondern zudem weiter ansteigend. Die Aus- weitung dieses Kernsektors der Rationalisierung erfordert also vergleichsweise wenig zusätzliche Investitionsaufwendungen; die Impulse seines raschen Wachstums auf den gesamten Reprodukti- onprozeß sind relativ gering. Dieser Zustand wird auch durch eine extrem niedrige Investitionsquote (hier berechnet als Anteil der Bruttoanlageinvestitionen an der Bruttowertschöpfung zu festen Preisen) beschrieben: Sie liegt in den letzten Jahren trotz des rapiden Branchenwachstums zwischen fünf und sechs Prozent, wäh- rend diese Kennziffer sich im industriellen Durchschnitt bei etwa 10 Prozent bewegt. 29) Dabei kommt es - dies ist zu betonen - hier nicht auf den im Produkt übertragenen Wertteil des fixen Ka- pitals an, sondern auf den gesamten notwendigen Kapitalvorschuß: je niedriger dieser im Verhältnis zur Produktionskapazität, desto geringer der Impuls auf den gesamten Reproduktionsprozeß. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, daß die ADV-Geräte selbst einen relativ geringen Kapitalbindungsgrad haben und einen relativ raschen Kapitalumschlag ermöglichen. Ihre "ökonomische Nutzungsdauer" wird derzeit auf ungefähr sechseinhalb Jahre ge- schätzt, wobei natürlich der rasche technische Fortschritt gerade in diesem Bereich die Triebkraft sein dürfte. 30) Wie der rasche Preisverfall der Geräte deutlich macht, sinkt der Umfang der mit ihrem Einsatz notwendigen Kapitalbindung rasch, die Miniaturisierung der Geräte erleichtert ihren breiten Ein- satz. Aus diesem Grunde ist zu bezweifeln, daß "Dienstleistungs- rationalisierung als Ersatz lebendiger Arbeit durch (mikro- elektronische) Maschinerie ... zu der entscheidenden Basis einer Hyperindustrialisierung werden" könnte 31); jedenfalls nicht in dem Sinne, daß die Ausstattung der Dienstleistungseinrichtungen mit Mikroelektronik zu einer umfangreichen Neuanlage von Kapital führen würde. Damit ist wegen der starken Verbilligung der Apparate nicht zu rechnen, zudem diese auch eine Einsparung von Raumbedarf (Bauten) mit sich bringen. Zu erwähnen ist schließlich auch die Tatsache, daß die Ar- beitsproduktivität in der Branche BMD ebenfalls nicht nur über- durchschnittlich hoch ist (verglichen mit der verarbeitenden In- dustrie insgesamt), sondern auch rapide ansteigt: Das Brutto wertschöpfungs volumen je Beschäftigten erreichte 1983 dort den Indexwert von 408 (Index 1970 = 100), während er im industriellen Durchschnitt auf 169 kletterte. 32) Anders ist die Entwicklung bislang im wichtigsten Lieferbereich von Ausrüstungsgütern, im Maschinenbau, verlaufen. Diese Branche hatte sich bis Anfang der achtziger Jahre außerordentlich schwach entwickelt; vor allem die inländische Nachfrage nach Produkten des Maschinenbaus blieb stark zurück. 33) Knapp 34 Prozent der Ausrüstungsinvestitionen bestanden 1980 aus Maschinenbauerzeug- nissen, 1970 waren es noch 42 Prozent. 34) Dies mag auch damit zusammenhängen, daß der Maschinenbau selbst - aufgrund seiner klein- und mittelbetrieblichen Struktur - in der Anwendung neuer Technologien ein relativ langsames Tempo angeschlagen hatte. Aber auch ein struktureller Wandel ist zu berücksichtigen: Bei den Ma- schinen selbst sinkt der Anteil der maschinenbaulichen Komponen- ten, immer mehr Maschinenteile bestehen aus Elektronik. Trotzdem bleibt die Tatsache, daß eine Erneuerung des Produktionsapparates in einem erheblichen, wenn auch relativ sinkenden Ausmaß, zu ei- ner Erweiterung des Maschinenabsatzes führen wird. Der Maschinen- bau ist nun ein deutlich stärker anlageintensiver Produktionbe- reich als die BMD; allerdings ist die "Anlagenproduktivität" (Potentielles Bruttowertschöpfungsvolumen zu Bruttoanlagevermö- gen) immer noch wesentlich höher als im Durchschnitt der gesamten Industrie. Die Investitionsquote ist daher auch niedriger als im industriellen Durchschnitt, was allerdings auch mit dem relativen Absatzrückstand in den vergangenen Jahren zusammenhängen dürfte. Die Arbeitsproduktivität ist nach wie vor etwas niedriger als im industriellen Durchschnitt, auch ist sie in der Vergangenheit et- was langsamer angestiegen als in der Gesamtindustrie. Die dritte große Gruppe von in unserem Zusammenhang wichtigen In- vestitionsgütern sind die elektrotechnischen und feinmechanisch- optischen Erzeugnisse. Ihr Anteil an den Ausrüstungen stieg von 20 Prozent im Jahre 1970 auf 25 Prozent 1980. 35) Nun gehört die elektrotechnische Industrie ebenfalls zu jenen Branchen des ver- arbeitenden Gewerbes, in denen die "Anlagenproduktivität" deut- lich überdurchschnittlich ist und sich zudem wesentlich günstiger entwickelt als im industriellen Durchschnitt. Auch hier ist die Investitionsquote nach DIW-Angaben in den letzten Jahren mit sie- ben bis acht Prozent unterdurchschnittlich gewesen. Auch hier er- fordert eine Kapazitätserweiterung, wie sie mit der Rationalisie- rung der Produktions- und Verwaltungsverfahren verbunden ist, re- lativ geringe zusätzliche Kapitalaufwendungen. 36) Die Ar- beitsproduktivität entspricht etwa dem industriellen Durch- schnitt, sie steigt allerdings deutlich rascher an. Die bisher genannten Kennziffern der "Anlagenproduktivität" be- ziehen die gesamten fixen Kapitalanlagen (Bruttoanlagevermögen zu festen Preisen) auf das Produktionspotential, unterscheiden also weder nach Alter noch nach Art des Produktivvermögens. Daher soll hier auch noch der vom DIW berechnete "marginale Kapi- talkoeffizient" angeführt werden: Er bezieht die jeweiligen Brut- toanlageinvestitionen auf das dadurch geschaffene Produktionspo- tential, zeigt also, wie hoch die Investitionsaufwendungen zur Zeit sein müssen, um die Produktionskapazitäten in einem bestimm- ten Umfang zu erweitern. Dies ist hier wesentlich interessanter als die Durchschnittsziffer der gesamten Anlagenproduktivität, da es die Neuanlage von fixem Kapital mit ihrem Kapazitätseffekt in Verbindung bringt. In allen drei bisher behandelten Bereichen ist dieser Wert deut- lich niedriger als im Durchschnitt der Gesamtindustrie, oder um- gekehrt: Die marginale Anlagenproduktivität ist höher. Vor allem aber weist der Indikator eine rückläufige Tendenz auf - sie ist bei Maschinenbau etwas, in der Elektroindustrie und bei BMD er- heblich stärker rückläufig als in der Gesamtindustrie. 37) Selbst die Beschränkung auf den bloßen wertmäßigen Ersatz der Maschine- rie würde also die Produktionskapazität weiter erhöhen, ein Tat- bestand, der vom Ifo-Institut aufgrund anderer Untersuchungsme- thoden für die gesamte verarbeitende Industrie so formuliert wird: Es liegt der Schluß nahe, "daß der Bedarf an Erweiterungs- investitionen im Bereich des verarbeitenden Gewerbes in den acht- ziger Jahren eher noch niedriger anzusetzen ist, als er ohnehin schon in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre war. Ein Kapazi- tätswachstum von rund 2% resultiert bereits aus den Produktivi- tätseffekten der durchgeführten Rationalisierungs- und Ersatzin- vestitionen". 38) Dieser Effekt konzentriert sich - dies zeigen die Ergebnisse des DIW - gerade in jenen Sektoren, die im Zuge der verstärkten Rationalisierung ihre Produktion ausdehnen. Die These ist also, daß der vorherrschende Typ der Prozeßrationa- lisierung in Produktion und Verwaltung gerade jene Branchen ab- satzmäßig begünstigt, die eine Erweiterung ihrer Produktionskapa- zitäten mit einem relativ geringen zusätzlichen Aufwand an fixem Kapital bewerkstelligen können, d.h., die Modernisierung der Pro- zesse in Produktion und Verwaltung bewirkt keine umfangreiche Neuanlage von fixem Kapital. Dies hängt u.a. auch damit zusammen, daß die Produzenten der modernen Ausrüstungen selbst bevorzugte Anwendungsfelder der neuen Technologien sind, z.B.: "Der Indu- strieroboter wird die Senkung der Preise für Industrieroboter herbeiführen." Ein in unserem Zusammenhang ebenfalls wichtiger Aspekt ist dabei die Tatsache, daß die Miniaturisierung den Raum- und damit den Baubedarf verringert. 39) Als weiterer bedeutender Sektor des verarbeitenden Gewerbes sei die chemische Industrie erwähnt, die allerdings gegenwärtig und absehbar in ihren Produktionsverfahren noch relativ wenig mit den technologischen Umwälzungen verknüpft ist. Es findet eine gewisse Umstrukturierung der Produktion statt, wobei die Hauptrichtung als "weg von Massenprodukten - hin zu Spezialitäten" gekennzeich- net werden kann. 40) Dies erfolgt aber ohne große zusätzliche In- vestitionsaufwendungen, wobei eine Rolle spielt, daß die Schwer- punktverlagerung in den Produktionsprofilen ohne eine grundle- gende Umstrukturierung der Werke möglich ist. Die Einführung elektronischer Prozeßsteuerung in die Produktionsprozesse erfolgt nur allmählich, im Zuge des Ersatzes alter Anlagen durch neue. 41) Grundlegende Veränderungen in den Produktionsprozessen der Che- mieindustrie sind allerdings von der Biotechnologie zu erwarten. Dabei handelt es sich ebenfalls weniger um neue Produkte, als vielmehr um eine - allerdings radikale - Veränderung von Produk- tionsverfahren. Eine rasche Umstellung würde - angesichts der ho- hen Anlagenintensität (= niedrige Anlagenproduktivität) - hohe Aufwendungen an fixem Kapital erfordern. Allerdings befindet sich diese Technologie noch weitgehend in der Phase der Forschung. So fordert das Institut der Deutschen Wirt- schaft (IW): "Notwendig ist insbesondere eine Intensivierung der anwendungsorientierten biologischen Forschungsarbeiten sowie kon- sequentere und schnellere Umsetzung der Forschungsergebnisse in biotechnische Verfahren." 42) Vor allem ist zur Zeit noch nicht absehbar, wie groß die notwendigen Investitionsaufwendungen im Zuge der größtenteils erst nach dem Jahr 2000 erwarteten indu- striellen Anwendung sein werden. Für die Perspektiven der chemischen Industrie ist schließlich auch relevant, daß die Modernisierung der Produktion und die An- wendung der Mikroelektronik in der Gesamtwirtschaft eine bessere Nutzung der Grundstoffe und damit eine Senkung des spezifischen Materialverbrauchs ermöglicht. Als wichtiger Lieferant von Grund- stoffen entstehen der Chemie von daher auch Tendenzen der Absatz- beschränkung im Zuge der Rationalisierung. Der bedeutendste Investor der letzten Jahre in der verarbeitenden Industrie war der Fahrzeugbau. Für die Aufschwungperiode der fünfziger und sechziger Jahre muß diese Branche - neben der Bau- wirtschaft - als Schlüsselsektor angesehen werden. Für die näch- sten 15 Jahre sind hier zwei Tendenzen absehbar 43): - Ein Mengenwachstum ist in den entwickelten kapitalistischen Ländern kaum noch zu erwarten; sowohl der hohe erreichte Ausstat- tungsgrad mit Fahrzeugen als auch die beschränkte Kaufkraft engen die Absatzmöglichkeiten relativ ein. - Im Zuge des verschärften Konkurrenzkampfes treiben die Konzerne die Modernisierung voran; die Verringerung der Zahl der Produkti- onsstandorte in den entwickelten kapitalistischen Ländern ist im Zusammenhang mit Konzernkooperationen wahrscheinlich. Infolgedessen haben die Investitionen der Automobilkonzerne in den letzten Jahren sprunghaft zugenommen. Die Investitionsquote liegt zwischen 18 und 19 Prozent; fast ein Fünftel der gesamten Anlageinvestitionen der verarbeitenden Industrie entfallen auf den Fahrzeugbau. Im Zuge der massiven Rationalisierung werden auch die Produktionskapazitäten erweitert, so daß zur Zeit trotz der relativ hohen Absatzziffern von Überkapazitäten gesprochen wird. Die Erneuerung des Anlagenapparates wird aber erst in den näch- sten Jahren Wirkung zeigen: - Der Rationalisierungseffekt besteht vor allem in der Integra- tion der Prozesse, in der Verknüpfung aller Abläufe auf der Grundlage neuer Maschinerie. Erst nach Abschluß der apparativen Neuausstattung der Werke werden sich die Effekte also in Form von Beschäftigungsrückgängen voll auswirken. 44) - Ein wichtiger Effekt der Modernisierung ist die Flexibilisie- rung der Produktionsapparate, die Verbindung der Vorteile von Massenproduktion und Produktdifferenzierung. Die Produktionsanla- gen können Produktvariationen rascher und ohne große Zusatzanlage von fixem Kapital bewältigen - überhaupt ein wesentliches Merkmal des gegenwärtigen Typs der Rationalisierung. - Die Modernisierung vergrößert die Fertigungstiefe, d.h. in den vorgelagerten Bereichen engen sich die Absatzmöglichkeiten ein. Aus diesen Gründen ist zu erwarten, daß die Rolle der Automobil- industrie für den Akkumulationsprozeß in den nächsten 15 Jahren eher an Bedeutung verlieren wird. Im Kern geht es also darum, daß die Modernisierung der Verfahren in Produktion und Verwaltung zwar eine gewisse Verschiebung der Zweigstrukturen, nicht aber einen Impuls zum Neuaufbau oder zur Erweiterung wichtiger neuer Produktionsbereiche mit sich bringt. 45) Die Rationalisierung nach dem vorherrschenden, vor allem auf der Mikroelektronik basierenden Typ verändert im großen und gan- zen nicht die infrastrukturellen Grundlagen der Produktion, sie kann in der Regel im Zuge des - staatsmonopolistisch gestützten - Prozesses der Kapitalfreisetzung implementiert werden. Hinzu kommt ein Moment, das mit der monopolistischen Struktur der Wirtschaft zusammenhängt. Die Rationalisierung der Produktion er- laubt in vielen Fällen eine rasche Senkung der Stückkosten. Wie eine Befragung des Ifo-Instituts ergab, konzentrieren sich die Innovationsaufwendungen in der Investitionsgüterindustrie und bei den Großunternehmen: Knapp 70 Prozent der Ausgaben für "Innovationen" entfielen 1980 auf die Investitionsgüter, knapp 60 Prozent auf Unternehmen mit mehr als 1000 Beschäftigten. 46) Die Senkung der Stückkosten wird aber nur zum Teil weitergegeben: Die Kosten der Kapitalvernichtung, die mit der forcierten Rationali- sierung verbunden sind (Überkapazitäten, Ausscheiden veralteter Anlagen, Kapazitätsabbau in einzelnen Sektoren, Preisverfall be- stimmter Anlagen usw.) können von den marktstarken Konzernen, die im Rationalisierungsprozeß am weitesten voran sind, zu einem er- heblichen Teil über die Absatzpreise überwälzt werden. Damit wird aber das Tempo der Einführung neuer Techniken in den übrigen Be- reichen, aber auch die Durchsetzung neuer Produkte bei den End- verbrauchern, gebremst. Ähnlich akkumulationshemmend wirkt sich die staatliche Stützung von Umstrukturierungsprozessen aus. Die in Form von Subventionen oder Steuererleichterungen übernommenen Kosten von Modernisie- rungsprozessen vor allem in schrumpfenden Branchen - wie z.B. der Stahlindustrie - engen die Finanzierungsspielräume der öffentli- chen Hand ein. Die Dynamik der öffentlichen Investitionen wird eingeschränkt, der Druck des strukturell überakkumulierten Kapi- tals auf den Reproduktionsprozeß verstärkt. Auch die Ergebnisse der Unternehmensbefragungen durch das Ifo-In- stitut für Wirtschaftsforschung, das zuletzt die mittelfristigen Investitionspläne der Unternehmen der verarbeitenden Industrie bis 1989 untersucht hat, sprechen nicht für eine wesentliche Be- schleunigung des Akkumulationstempos. Die "Investitionsquote" (hier berechnet als Anteil der Bruttoanlageinvestitionen am Um- satz) wird für den Zeitraum 1985-1989 in der gesamten verarbei- tenden Industrie mit 4,2 Prozent vorausgeschätzt. Das ist eine Größe, wie sie zwischen 1975 und 1984 in etwa erreicht worden war (4,0 Prozent), während in den Jahren 1970-1974 eine Quote von 5,5 Prozent verzeichnet worden war. Mehr als eine leichte Belebung der Investitionstätigkeit ist also auch nach diesen - im Frühjahr 1985, also noch in einer relativ günstigen Konjunkturlage erfrag- ten - Planungen nicht zu erwarten. Die bisherigen Ergebnisse bestätigen, daß die Rolle der Moderni- sierung als Motiv der Investitionstätigkeit weiter an Bedeutung zunimmt. So geben derzeit etwa 60 Prozent der Firmen (Anteil ge- wogen mit dem Firmenumsatz) die Einführung neuer Produktions- und Verfahrenstechniken als Investitionsziel an, ein Wert, der in den siebziger Jahren ständig angestiegen ist (1970: 10 Prozent, 1975: 40 Prozent) Dagegen bleibt das Motiv "Einführung neuer Produkte" mit 15 Prozent niedrig, seit 1970 ist eher ein leichter Rückgang der Meldungen (1970: 20 Prozent, 1975: 10 Prozent) zu beobachten. 47) 3.3. Neue Technologien und öffentliche Infrastrukturinvestitionen ----------------------------------------------------------------- Große Bedeutung für den Akkumulationsprozeß von fixem Kapital hat die Frage, welche Auswirkungen die Einführung der Neuen Technolo- gien für die bestehenden Infrastrukturen hat. In diesem Zusammen- hang sind vor allem die Informations- und Kommunikationstechnolo- gien zu nennen, die einen erheblichen Ausbau von Kommunikations- netzen mit sich bringen: So werden die Investitionen für eine flächendeckende Breitbandverkabelung mit Kupfer-Koaxialkabeln von der Bundesregierung mit 25 Milliarden DM veranschlagt, andere Schätzungen gehen bis 46 Milliarden DM. Der Investitionsaufwand für eine Glasfaserverkabelung ist aller- dings weit höher: er wird nach unterschiedlichen Schätzungen mit Summen zwischen 100 und 300 Milliarden angegeben. 48) Dabei ist allerdings zu beachten, daß die Träger dieser Investitionen di- rekt oder indirekt die öffentlichen Hände sind. In diesem Zusammenhang seien einige Überlegungen zur Rolle öf- fentlicher Investitionen angestellt, die - entsprechend der Zu- nahme der Bedeutung gesellschaftlicher Infrastrukturen für die Produktion - tendenziell zunehmen müßten. Der Anteil der öffent- lichen Investitionen (Staat und öffentliche Unternehmen) an den gesamten Anlageinvestitionen (in Preisen von 1976) lag dagegen 1983 bei 25 Prozent, nach fast 30 Prozent 1970. 49) Darüber hin- aus beeinflußt die öffentliche Hand durch Subventionen unmittel- bar die Investitionstätigkeit im Wohnungsbau und beim Umwelt- schutz; die Rolle des Staates für die Akkumulation von fixem Ka- pital ist also sehr groß. Es stellt sich die Frage, ob die z.T. rasch wachsenden Anforde- rungen an den Infrastrukturausbau u.a. auf dem Gebiet der Kommu- nikationstechniken und im Umweltschutz einen staatlich stimulier- ten Investitionsaufschwung auslösen werden, der schließlich auch für eine Belebung des gesamten Akkumulationsprozesses sorgen würde. Für eine solche Möglichkeit sprechen einige Faktoren: Die öffentlichen Infrastrukturen gewinnen an Gewicht für die Produk- tionsbedingungen und damit auch für die internationale Konkur- renzfähigkeit der inländischen Produktion. Der Druck des struktu- rell überakkumulierten Geldkapitals erfordert die Eröffnung zu- sätzlicher Anlagefelder, durchaus auch in Form einer zunehmenden Staatsverschuldung. Schließlich gibt es Anzeichen, daß sich zu- mindest in Westeuropa das den sozialen Konsens gefährdende Modell der "antietatistisch-aggressiven" Orientierung 50) politisch nicht durchsetzen läßt, daß eher ein "etatistisch-reformistischer Weg" Realisierungschancen hat. Es stellt sich die Frage, ob im Rahmen einer als "rechts-keynesianisch" zu bezeichnenden wirt- schaftspolitischen Konzeption eine staatsmonopolistische Strate- gie durchführbar erscheint, die eine massive Erhöhung der öffent- lichen Verschuldung in Kauf nimmt, um notwendige Infrastrukturin- vestitionen zu tätigen. Dies würde sich immer noch im Rahmen ei- nes kapitalkonformen Grundkonsenses bewegen, also eine Loslösung von der Profitlogik im Sinne einer "antimonopolistischen" Orien- tierung nicht erfordern. Eine solche staatliche Stimulierung des Akkumulationstempos würde allerdings voraussetzen, daß das öffentliche Ausgabenvolumen ins- gesamt dauerhaft rascher expandiert als das Produktionspotential. Eine bloße Umstrukturierung der Ausgaben zu Lasten "konsumtiver" und zugunsten "investiver" Verwendungen würde nicht ausreichen. Der Autor geht aber hier davon aus, daß selbst bei einem Regie- rungswechsel in Richtung auf reformistische, am Sozialkonsens orientierte Kräfte der Spielraum für eine expansive Ausgabenge- staltung eng bleibt. Die Qualität der nationalen Infrastruktur- einrichtungen ist nur sehr (oft politisch) vermittelt ein Faktor, der die nationalen Produktionsgrundlagen selbst berührt. Im Zuge der Herausbildung international operierender Konzerne ist z. B. die Reduzierung der Umweltbelastung auch durch Produktionsverla- gerungen ins Ausland möglich, was den Zwang zu umfangreichen na- tionalen Umweltschutzinvestitionen vermindert. Eine an der inter- nationalen Konkurrenzfähigkeit der dominierenden, multinational dimensionierten Konzerne orientierte Politik kann durchaus be- stimmte Disproportionen auch der nationalen Infrastrukturen in Kauf nehmen. Weiterhin setzt die überproportionale Expansion der öffentlichen Ausgaben in der Tendenz voraus, daß Umverteilungsprozesse auch zu Lasten des Kapitals vorgenommen werden. Dies auch dann, wenn die Finanzierung über eine Ausweitung der öffentlichen Schulden er- folgt. Denn das in dieser Form akkumulierte Kapital muß verzinst werden. Einer Umverteilung zu Lasten der Löhne und Gehälter bzw. der Sozialausgaben stehen gerade in dieser politischen Orientie- rung große Hindernisse im Wege: Ist doch gerade die Erhaltung des sozialen Konsenses ihre politische Grundlage. Eine Finanzierung über die Inkaufnahme einer beschleunigten Inflation - also sozu- sagen die "Abfederung" der notwendigen Umverteilung - findet ihre Grenzen in der bereits oben erwähnten Weltmarktorientierung. Die Abkehr von "etatistischen" Politikvarianten in den kapitalisti- schen Ländern - ob unter konservativer oder sozialdemokratischer Ägide - erfolgte ja u.a. gerade deshalb, weil diese mit dem Pri- mat der Weltmarktorientierung unvereinbar erschienen. Bleibt die internationale Konkurrenzfähigkeit der wirtschaftspolitische Ori- entierungspunkt - und dafür spricht der hohe und weiter steigende Grad der Weltmarkteinbindung der Bundesrepublik -, dann findet die Expansion der öffentlichen Ausgaben und Investitionen an der Strategie der außenwirtschaftlichen Expansion ihre Grenzen. Das schließt Akzentverschiebungen nicht aus, macht aber ein durch öf- fentliche Investitionen und Ausgaben geprägtes beschleunigtes Ak- kumulationsmodell in den nächsten 15 Jahren wenig wahrscheinlich. 51) 3.4. Bauinvestitionen und Wohnungsbau ------------------------------------- Eine große Bedeutung für die Akkumulation von fixem Kapital hat die Bautätigkeit. Der Anteil der Bauinvestitionen an den gesamt- wirtschaftlichen Investitionen liegt bei etwa 58 Prozent, d.h., er beträgt immer noch deutlich mehr als die Hälfte aller Investi- tionen. Fast die Hälfte der Bauinvestitionen bzw. ein Viertel der gesamten Anlageinvestitionen entfällt auf den Bereich der Woh- nungsvermietung, wobei hier individuelles Wohneigentum mitgezählt ist. Der Staat (ohne öffentliche Unternehmungen) trägt ein knap- pes Viertel des Bauvolumens, ein knappes Drittel entfällt auf den Unternehmensbereich. Dabei dürfte der Trend der Bauinvestitionen im Unternehmensbe- reich weiter rückläufig sein, da die neuen Technologien in der Regel den spezifischen Raumbedarf senken. Neubauten größeren Um- fangs sind aus Rationalisierungsgründen jedenfalls nicht zu er- warten. In der verarbeitenden Industrie sank der Anteil der Bau- investitionen, der noch Anfang der siebziger Jahre zwischen 20 und 25 Prozent geschwankt hatte, auf in/wischen 15 Prozent. 52) Die Entwicklung der öffentlichen Bauinvestitionen war bisher we- niger von Sättigungserscheinungen bestimmt als von der Finanzie- rungssituation, also letzten Endes von der Dynamik der privaten Kapitalakkumulation als Motor des Gesamtreproduktionsprozesses. Sicherlich sind in wichtigen Bereichen - wie dem Straßenbau oder dem Schulbau - gewisse Sättigungsgrenzen erreicht, auf der ande- ren Seite aber öffnen sich wichtige neue Bedarfsfelder wie der Umweltschutz oder der Städtebau, die mit hohen Bauaufwendungen und umfangreichen und langfristigen Neuanlagen von fixem Kapital verbunden wären. Es wurde oben dargelegt, daß nach der Ansicht des Autors eine eigenständige, am gesellschaftlichen Bedarf ori- entierte öffentliche Investitionspolitik an der privat bestimmten Akkumulationsdynamik unter Bedingungen der Weltmarktorientierung ihre Grenzen findet. Schließlich ist ein Blick auf den Wohnungsbau als den wichtigsten Bauinvestor zu richten. Der erreichte relativ hohe allgemeine Versorgungsstand und die demographische Entwicklung sind Fakto- ren, die in der Regel für den Rückgang des Wohnungsneubaus ver- antwortlich gemacht werden, während die Erhaltungs- und Moderni- sierungsaufwendungen an Gewicht gewinnen. Ohne daß die genannten Faktoren als wichtige Momente der Baunachfrage vernachlässigt werden sollen, erscheint vor diesem Hintergrund die Entwicklung der privaten Masseneinkommen und der Wohnungskosten als entschei- dender Faktor. Das gesamte Bauvolumen - so schätzt das Ifo-Institut - dürfte bis 1994 nur noch sehr schwach expandieren, eine jahresdurchschnitt- liche Zuwachsrate von 0,5 Prozent wird erwartet. Dabei flacht sich der Trend ab; beim Wohnungsneubauvolumen wird sogar ein "Kippen" erwartet, "das nur noch eine gewisse Zeit lang von der Zunahme der Altbauerneuerung kompensiert werden kann". 53) Dafür spielt aber die jeweils sich realisierende Politikvariante eine entscheidende Rolle, wobei hier die Ansicht vertreten wird, daß nur im Rahmen einer "antimonopolistischen" Orientierung existie- rende Bedarfslücken geschlossen werden können. 4. Rationalisierung, Beschäftigung und Konsumtion ------------------------------------------------- Zum Schluß sei ein Aspekt behandelt, der in der Diskussion um Ra- tionalisierung oft im Mittelpunkt steht: der damit zusammenhän- gende Verlust von Arbeitsplätzen. Dabei soll hier nur die Frage- stellung interessieren, ob dadurch der gesamte Reproduktionspro- zeß angetrieben oder verlangsamt wird. Von konservativer Seite her wird in der Regel darauf verwiesen, daß die Einführung der neuen Technologien zunächst mehr Ar- beitsplätze schaffe als vernichtet werden. Tatsächlich hat die Akkumulation von Kapital, die immer verbunden ist mit einer Entwicklung der Produktivkräfte, beide Wirkungen: die Arbeitsmittel, die zum Ersatz von lebendiger Arbeit benötigt werden, erfordern bei ihrer Herstellung selbst lebendige Arbeit. 54) Bezogen auf unsere Problemstellung ist die Frage der Wirkungen der neuen Technologien auf die Beschäftigung aber weitgehend identisch mit der Frage nach dem Einfluß auf das Akkumulations- tempo selbst. Wenn die Modernisierung der bestehenden Produkti- onsapparate eine rasche Erweiterung der Produktionskapazität in den Bereichen erfordern würde, die die Arbeitsmittel liefern, dann würde es auch zunächst zu einer Steigerung der Beschäftigung dort kommen. Die damit verbundene Steigerung der Massenkaufkraft würde den Re- produktionsprozeß dann auch von der Seite der Konsumnachfrage her antreiben. Voraussetzung für eine Steigerung der Beschäftigung ist, daß die Güterproduktion rascher ansteigt als die Arbeitspro- duktivität je Beschäftigten. Eine völlig neue Situation würde sich nur dann ergeben, wenn der Zusammenhang zwischen dem Wachs- tum der Güterproduktion einerseits und der Zunahme der Ar- beitsproduktivität andererseits durch die neuen Technologien völ- lig verändert würde. Dies erscheint aber vom gegenwärtigen Stand- punkt aus wenig wahrscheinlich: Zwar dürfte sich der schwache Trend zum Rückgang des gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsfort- schritts vor dem Hintergrund einer beschleunigten Rationalisie- rung nicht fortsetzen, es ist eher mit einer leichten Beschleuni- gung zu rechnen. Allerdings ist eine sprunghafte Erhöhung nicht zu erwarten. 55) Das Prognos-Institut und das IAB kommen in ihrer Analyse des Zusammenhangs von Wirtschaftswachstum und Produktivi- tätsfortschritt zu dem Ergebnis, "daß die Beschäftigungsschwelle ... von der an das Wachstum den Produktivitätsfortschritt über- steigen würde ... längerfristig tendenziell eher wieder etwas hö- her liegen dürfte als bisher, zumindest jedoch nicht weiter sin- ken dürfte." 56) Das IAB hält für realistisch, daß die Ar- beitsproduktivität auf Stundenbasis in einem Tempo von etwa drei- einhalb Prozent und, eine jährliche Arbeitszeitverkürzung von ei- nem Prozent angenommen, die Erwerbstätigenproduktivität um etwa zweieinhalb Prozent jährlich ansteigen wird - bei einer erwarte- ten Wachstumsrate von zweieinhalb Prozent, was gegenüber dem Ent- wicklungstempo zwischen 1974 und 1985 in Höhe von jahresdurch- schnittlich 1,7 Prozent bereits eine markante Erhöhung bedeuten würde. In diesem Fall würde die Zahl der Arbeitsplätze gesamt- wirtschaftlich etwa stagnieren, die Zahl der Arbeitslosen aber bis zum Jahr 2000 nur leicht auf 2,7 Millionen zurückgehen. Für unseren Zusammenhang ist lediglich relevant, daß damit eine unterdurchschnittliche Zunahme der privaten Nachfrage verbunden wäre. Denn vor dem Hintergrund einer anhaltenden Massenarbeitslo- sigkeit und eines beschleunigten Rückgangs der durchschnittlichen Arbeitszeit (vor allem infolge von mehr Teilzeitarbeit) dürfte selbst eine Stabilisierung der Verteilungsquote kaum durchzuset- zen sein. Dies bedeutet aber, daß eine durchaus mögliche leichte Belebung der Akkumulation von fixem Kapital im Zuge der Einfüh- rung neuer Technologien immer wieder rasch eine Schranke in der nicht bzw. zu langsam nachfolgenden privaten Kaufkraft finden wird. Die Situation, wie sie seit Mitte der siebziger Jahre für die Wirtschaftslage charakteristisch ist, wird sich also auch in den kommenden Jahren nicht grundlegend verändern. Der Modernisierungsbedarf in Produktion und Verwaltung stellt einen stabilisierenden Faktor der Wirtschaftsentwicklung dar. Von ihm profitieren aber nur wenige investitionsgüterproduzierende Sektoren, die die steigende Nachfrage nach den technologisch hochentwickelten Arbeitsmitteln mit relativ geringen zusätzlichen Investitionsaufwendungen und ohne wesentliche Beschäftigungsaus- weitung befriedigen können. Eine umfangreiche Neuanlage von fixem Kapital, die schließlich zu einem Anstieg von Erweiterungsinve- stitionen führen und auch beschäftigungssteigernd wirken würde, ist nicht in Sicht. 5. Schlußfolgerung ------------------ Eine Analyse der gegenwärtigen und absehbaren Akkumulationsbedin- gungen ergibt ein Gesamtbild, das wenig Überraschungen bietet. Eine Fortsetzung des seit den siebziger Jahren beobachteten Trends in den ökonomischen Grundprozessen zur weiteren Ab- schwächung der Akkumulationsdynamik dürfte trotz der anhaltenden Schwäche der Konsumnachfrage nicht zu erwarten sein: In der Tat bewirkt das hohe Niveau der Rationalisierung hier eine Stabili- sierung des Akkumulationstempos. Auf der anderen Seite aber ist eine erneute Revitalisierung, wie sie inzwischen von vielen Lang- fristprognosen erhofft wird, ebenfalls nicht wahrscheinlich. Denn der historisch-spezifische Charakter der Modernisierung mit sei- nem Schwergewicht auf Prozeßrationalisierung und der Möglichkeit, die neuen Fertigungstechniken in bereits existierende Infrastruk- turen und Fertigungsstätten zu implementieren, macht umfangreiche Neuanlagen von fixem Kapital, insbesondere mit sehr langen Um- schlagzeiten, nicht erforderlich. Ein Andauern der schwachen Akkumulations- und Wachstumsdynamik im Kapitalismus impliziert aber durchaus krisenhafte Veränderungen und Brüche im sozialen und politischen Milieu. Der Druck des überakkumulierten Kapitals auf den gesamten Reproduktionsprozeß wird zunehmen, wobei die monopolistischen Einzelkapitale die größten Chancen für eine partielle Lösung besitzen. Eine größere Differenzierung auch innerhalb der Kapitalfraktionen wäre die Folge; wachsende Disproportionen in sektoraler und regionaler Hinsicht sind wahrscheinlich. Die Last der Geldkapitalakkumula- tion nimmt weiter zu und steigert die Anforderungen an die staat- lichen und supranationalen Regulierungsinstanzen in geld- und fi- nanzpolitischer Hinsicht. Die damit verbundenen internationalen Ungleichgewichte auf monetärem Gebiet wirken auf die nationalen Reproduktionsprozesse und auf den Weltmarkt zurück. Sie behindern insbesondere den Entwicklungsprozeß der "Dritten Welt". Dies wäre auch eine offene Flanke für krisenhafte Entwicklungen, die die Position der kapitalistischen Länder bedrohen. National würde der Druck sozialer Ungleichheit und insbesondere die Tendenz zur Pauperisierung rasch zunehmen. Es ist nicht aus- zuschließen, daß damit Erschütterungen der sozialen Beziehungen verbunden sind, die den gesamten politischen Rahmen in der Bun- desrepublik verändern. Ein Andauern der schwachen Akkumulations- dynamik würde also in sozialer und politischer Hinsicht eine neue Situation schaffen, auf die die progressiven Kräfte sich recht- zeitig einstellen müssen. _____ 1) Jan Priewe, Die drei großen Krisen des deutschen Kapitalismus, in: Große Krisen des Kapitalismus - lange Wellen der Konjunktur? IMSF-Informationsbericht 41, Frankfurt/M. 1985. 2) Die Erfahrung mit Technikprognosen lehrt, daß die Diffusion neuer Technologien meist wesentlich langsamer verläuft, als bei ihrem Auftauchen erwartet wird. Vgl. Erhard Ulrich, Technikpro- gnosen, in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsfor- schung, 3/1980, S. 409 ff. 3) Dieter Mertens, Von der Beharrlichkeit struktureller Trends, in: ebd., S. 319. 4) Gerhard Kühlewind, Rückblick auf Arbeitsmarktprojektionen für die siebziger Jahre in der Bundesrepublik Deutschland, in: ebd., S. 322. 5) Dies gilt nur eingeschränkt für marxistische Ansätze, die zu- mindest nach 1966 eine stärker krisenhafte Entwicklung erwartet hatten. Vgl. Machtstrukturen des heutigen Kapitalismus, Beiträge zu einer wissenschaftlichen Tagung. Marxistische Blätter, Sonder- heft 1/1976, Frankfurt/M., insbesondere den Beitrag von Gerd Mau- rischat, S. 73. 6) Eine Zusammenschau derartiger Prognosen bringt: Martin Jänicke (Hrsg.), Vor uns die goldenen neunziger Jahre?, München/Zürich 1985. Vgl. zum prognostischen Wert der Theorie der "Langen Wellen" Jörg Goldberg, Das Konzept der "Langen Wellen" der Konjunktur" - Eine Kritik theoretischer Aspekte, in: IMSF-Informationsbericht 41, a.a.O. 7) "Die kontinuierliche Rückverwandlung von Mehrwert in Kapital stellt sich dar als wachsende Größe des in den Produktionsprozeß eingehenden Kapitals. Diese wird ihrerseits Grundlage einer er- weiterten Stufenleiter der Produktion, der sie begleitenden Me- thoden zur Steigerung der Produktivkraft der Arbeit und beschleu- nigter Produktion von Mehrwert." Karl Marx, Das Kapital, MEW Bd. 23, Berlin/DDR 1968, S. 653. 8) Vgl. Bernhard Roth, Weltökonomie oder Nationalökonomie? Mar- burg 1984 9) Es wird vorausgesetzt, daß wohl Verschiebungen wie die zugun- sten der südostasiatischen Raums weitergehen, daß aber die inter- nationalen Kräftekonstellationen einen eigenständigen Aufschwung der Entwicklungsländer, der wesentlich binnenmarktorientiert ist, nicht zulassen. Andererseits wird nicht angenommen, daß ein Zer- fall des Weltmarktes und eine Durchsetzung protektionistischer Politik das Bild bestimmen. 10) Es kann hier dahingestellt bleiben, ob diese Art von Regulie- rungsdefiziten der ökonomischen Gesetze des Kapitalismus auf Ver- änderungen in jüngster Zeit - z.B. die Internationalisierung - zurückzuführen ist oder ob dies ein Merkmal der staatsmonopoli- stischen Entwicklungsetappe als solcher ist, das nur, durch Son- derfaktoren nach dem Zweiten Weltkrieg in den fünfziger und sech- ziger Jahren bedingt, nicht hervortreten konnte. Vgl. Dieter Klein, Wirkungsmechanismus der ökonomischen Gesetze und Tendenzen imperialistischer Anpassung in der Gegenwart, in: IMSF-Informati- onsbericht 41, a.a.O. 11) Karl Marx, Das Kapital, 2. Bd., MEW 24, a.a.O., S. 186. Zur Diskussion dazu vgl. Jörg Goldberg, Marx zum kapitalistischen Krisenzyklus, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF, Son- derband I, Frankfurt/M. 1983, S. 297 ff. 12) Robert Katzenstein, Technischer Fortschritt - Kapitalbewegung - Kapitalfixierung, Westberlin 1974, S. 23. Die aus den sechziger Jahren stammende Arbeit von Katzenstein muß als unabdingbares Standardwerk für die marxistische Krisentheorie gelten. Hier wird die Bedeutung der Bewegung des fixen Kapitals für den Zyklus in einer theoretischen Klarheit herausgearbeitet, die in neueren Ar- beiten meist nicht erreicht wird. 13) "In gewissen Fällen wird der Verschleiß, also auch sein Er- satz, eine praktisch verschwindende Größe, so daß allein die Re- paraturkosten in Rechnung kommen." Dies gilt für "Eisenbahnen ... Kanäle, Docks, eiserne und steinerne Brücken etc." Karl Marx, Das Kapital, 2. Bd., a.a.O., S. 181. 14) Wolfgang Gerstenberger u.a., Investitionen und Anlagevermögen nach Eigentümer- und Benutzerkonzept, Ifo-Institut für Wirt- schaftsforschung, München 1984, S. 63. Die "ökonomische Nutzungs- dauer" von Anlagen darf allerdings nicht als Ausgangspunkt zur Bestimmung der Zyklendauer genommen werden. Maßgeblich ist hier der Prozeß der Kapitalfreisetzung, für den das Tempo der Wert- übertragung entscheidend ist. Die "ökonomische Nutzungsdauer" ist denn auch um etwa 50 Prozent länger als die "Steuerliche Nut- zungsdauer", wobei allerdings entscheidend ist, daß die steuer- lich erlaubten Abschreibungssätze auch tatsächlich über den Preis erwirtschaftet werden können. 15) "Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bilde." Karl Marx, Das Kapital, 3. Bd., MEW 25, a.a.O., S. 501. 15a) Ähnliches stellt Entow für die USA fest: "Der Übergang zu Investitionsprojekten mit kürzeren Amortisationsfristen hat of- fenbar die Verkürzung der Dauer und die Verringerung der Intensi- tät des zyklischen Aufschwungs zur Folge." R.M. Entow, Besonder- heiten der zyklischen Entwicklung der US-Ökonomie in den siebzi- ger und beginnenden achtziger Jahren, in: USA -Ökonomie, Politik, Ideologie, Moskau, 1/1984, S. 11, Rohübersetzung W. Wolfgarten. 16) Im folgenden wird Bezug genommen auf die Darstellung dieses Zusammenhangs in: Umbruch im Produktionsbereich? Beiträge des IMSF, Band 7, Frankfurt/M. 1985. 17) Im Zuge der wertmäßigen Freisetzung von fixem Kapital, wäh- rend die Arbeitsmittel stofflich noch voll fungieren, sinkt die Wertzusammensetzung des Kapitals - ceteris paribus -, während die organische Zusammensetzung als Ausdruck der technischen Zusammen- setzung gleichbleibt. 18) Die Bautätigkeit ist auch deshalb von besonderer Bedeutung, weil die Bauwirtschaft mit ihrem hohen Wertschöpfungsanteil einen engen Zusammenhang zur Konsumnachfrage hat. Vgl. Peter Hermann, Die Bauwirtschaft, in: Umbruch im Produktionsbereich, a.a.O. 19) Vgl. Georg Dumler, Rentabilität und Ertragslage in der Krise, in: Memo-Forum, 3/1984, Bremen, S. 33. ff. 20) Dies meinen zahlreiche Autoren ganz verschiedener Provenienz, hier z.B. unter dem Stichwort der "Hyperindustrialisierung" Joachim Hirsch, Auf dem Wege zum Postfordismus?, in: Das Argu- ment, 151/1985, S. 329. Kaum einer der Autoren macht sich aber die Mühe, die Wirkungen der neuen Technologien im gesamten Repro- duktionsprozeß zu untersuchen, in der Regel wird umstandslos vor- ausgesetzt, daß neue Technologien neues Wachstum bedeuten. Zur Kritik vgl. Jörg Goldberg, Das Konzept der "Langen Wellen" der Konjunktur, a.a.O. 21) Insbesondere das Kieler Institut für Weltwirtschaft hängt dieser These an: Jürgen Donges, Trotz des Exportbooms besteht An- passungs- und Investitionsbedarf bei deutschen Unternehmen, in: Kieler Diskussionsbeiträge, 108/1985, Kiel. 22) Ifo-Schnelldienst 17-18/1984, S. 10. 23) Wolfgang Gerstenberger u.a., a.a.O., S. 63 24) Kurt Vogler-Ludwig, Kein Nachlassen der Modernisierungsakti- vitäten in der deutschen Wirtschaft, in: Ifo-Schnelldienst 17- 18/1984, S. 15/16. 25) Horst Kern/Michael Schumann, Das Ende der Arbeitsteilung?, München 1984, S. 15. 26) Alle Untersuchungen bestätigen den Charakter der neuen Tech- nologien als "Verfahrensinnovationen" in Abgrenzung von "Produktinnovationen". Vgl. Vorlauf der Akkumulation - Schwäche des Verbrauchs: Zu den Ursachen der Wirtschaftskrise, in: Ar- beitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, Memorandum '84, Köln 1984, S., 284 27) Kern/Schumann, a.a.O., S. 24/25. 28) Wolfgang Gerstenberger, a.a.O., S. 131-143; Ifo-Schnelldienst 34/1984, S. 6; DIW-Wochenbericht 50/84. 29) Egon Baumgart u.a., Produktionsvolumen und -potential, Pro- duktionsverfahren des Bergbaus und des verarbeitenden Gewerbes in der Bundesrepublik Deutschland, Statistische Kennziffern, 26. Folge, Berlin/West 1984, S. 84. 30) Wolfgang Gerstenberger u.a., a.a.O., S. 63. 31) Joachim Hirsch, a.a.O., S. 330. Als Beispiel kann der Sektor Einzelhandel herausgegriffen werden, in dem verstärkt rationalisiert wird. Die "Investitionsquote", hier definiert als Anteil der Investitionen am Umsatz, geht dort seit Anfang der siebziger Jahre (etwa 2,8 Prozent) ständig zurück und liegt zur Zeit bei etwa 1,7 Prozent. Vgl. Uwe Engfer, Ratio- nalisierungsstrategien im Einzelhandel, Frankfurt/ M. - New York, 1984; Ifo-Schnelldienst, 20/1982, S. 4, und 34/1984, S. 4. 32) Egon Baumgart u. a., a.a.O., S. 85. 33) Vgl. Fritz Fiehler, Der Maschinenbau, in: Umbruch im Produk- tionsbereich?, a.a.O. 34) Wolfgang Gerstenberger u.a., a.a.O., S. 131/134. 35) Ebenda. 36) Genauere Angaben auch in: Jörg Goldberg, Die Elektrotechni- sche Industrie, in: Umbruch im Produktionsbereich?, a.a.O. 37) Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, Strukturbericht- erstattung 1983, Berlin/West 1983, S. 146. 38) Ifo-Schnelldienst 19-20/1983, S. 27. 39) Ebd., S. 29. 40) Vgl. Niki Müller, Die chemische Industrie, in: Umbruch im Produktionsbereich?, a.a.O. 41) Kern/Schumann, a.a.O., S. 246. 42) Antje Pieper/Paul Präve, Die Biotechnik, Köln 1985, S. 33. 43) Vgl. Dietmar Düe, Die Automobilindustrie, in: Umbruch im Pro- duktionsbereich?, a.a.O. 44) Beschäftigungsrisiken in der Automobilindustrie, IG Metall, Frankfurt/M. 1985, S. 55. 45) Zu den Strukturveränderungen der letzten Jahre vgl. Jörg Goldberg, Strukturveränderungen, Wachstumsverlangsamung und Inve- stitionen, in: Umbruch im Produktionsbereich?, a.a.O. 46) Ifo-Schnelldienst, 30/1982, S. 20. 47) Ebd., 19-20/1983, S. 2. 48) Neue Informations- und Kommunikationstechniken, DGB, Düssel- dorf 1984, S. 27. 49) DIW-Wochenbericht, 11/1985, S. 139. 50) Auf die wichtige Frage der politischen Orientierung wird hier nicht eingegangen, es sei auf den Beitrag von Jörg Huffschmid im gleichen Band verwiesen. 51) Aus Platzgründen kann auf das Problem des Dienstleistungssek- tors hier nicht näher eingegangen werden. Dessen Expansion in der Vergangenheit war aber wesentlich Ausdruck einer differenzierte- ren Arbeitsteilung in der Produktion, nicht einer etwaigen Ten- denz zur "Dienstleistungsgesellschaft". Die Dienstleistungen sind eng an die Bewegung der materiellen Produktion und an den Konsum gekoppelt. Vgl. Eberhard Dähne, Untersuchungen zur Struktur und Entwicklung des tertiären Sektors in der BRD, Dissertation Mar- burg 1972. 52) Ifo-Schnelldienst, 16/1985, S. 16. 53) Ebd., 34/1984, S. 20. 54) Ausführlicher dazu: Rudolf Hickel, Technologische Arbeitslo- sigkeit - keine Frage der Technik, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Köln, 10/1984, S. 1201/02. 55) Kern/Schumann, a.a.O., S. 17. 56) Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 1/1985, S. 57. zurück